Einsam Wie Franz Kafka — Marthe Robert


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Marthe Robert
Einsam
wie Franz Ka�a
S. Fischer
Marthe Robert
Einsam
wie Franz Ka�a
Aus dem Französischen
von
Eva Michel-Moldenhauer
S. Fischer
Die französische Originalausgabe erschien 979
unter dem Titel
Seul, comme Franz Ka�a
bei Calmann-Lévy, Paris
© 979 by Calmann-Lévy, Paris
Deutsche Ausgabe:
© 985 by S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Umschlaggestaltung: Peter W. Schmidt, Frankfurt
Umschlagfoto: © Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek,
Fonds Albertine
Satz und Druck: Wagner GmbH, Nördlingen
Einband: G. Lachenmaier, Reutlingen
Printed in Germany 985
ISBN 3-0-066040-4
»›So einsam sind Sie?‹ fragte ich.
Ka�a nickte.
›Wie Kaspar Hauser?‹ bemerkte ich.
Ka�a lachte: ›Viel ärger als Kaspar Hauser.
Ich bin einsam – wie Franz Ka�a.‹«
Gustav Janouch,
Gespräche mit Ka�a
, Frankfurt 96, S. 86
»Die Ursache dessen, daß das Urteil der Nachwelt über den Einzelnen richtiger
ist als das der Zeitgenossen, liegt im Toten. Man entfaltet sich in seiner Art erst
nach dem Tode, erst wenn man allein ist. Das Totsein ist für den Einzelnen wie
der Samstagabend für den Kaminfeger, sie waschen den Ruß vom Leibe. Es
wird sichtbar, ob die Zeitgenossen ihm oder er den Zeitgenossen mehr geschadet
hat, im letzteren Fall war er ein großer Mann.«
»›Er‹. Aufzeichnungen aus dem Jahre 920«,
in:
Beschreibung eines Kampfes
, Frankfurt 983, S. 22
Inhalt
Erster Teil
Kapitel I
Der zensierte Name 9
Kapitel II
Die Krankheit der Identität 28
Kapitel III
Der Weg zurück 44
Kapitel IV
Der Dornbusch 65
Kapitel V
Vor dem Gesetz 95
Zweiter Teil
Kapitel VI
Die Flucht 23
Kapitel VII
Fiktion und Wirklichkeit 6
Anmerkungen
97
Erster Teil
Kapitel I
Der zensierte Name
Eine der merkwürdigsten Eigentümlichkeiten von Ka�as Werk ist,
daß es um die großen �emen des jüdischen Denkens und der jü-
dischen Literatur zu kreisen scheint – Exil, Verfehlung, Sühne oder,
moderner gesagt, mit der Entwurzelung und der Verfolgung einher-
gehendes Schuldgefühl –, ohne daß je ein Jude darin vorkommt
oder auch nur das Wort »jüdisch« ausgesprochen wird. Zwar er-
kennt man hier und dort in den Romanen und Erzählungen einige
typisch jüdische Namen – Raban, Blumfeld, Block und, zur Not,
Samsa, obwohl die Samsa aus Böhmen auch Christen sein können
–,
aber von diesen wenigen Ausnahmen abgesehen tragen Ka�as
Personen keine Nachnamen, die über ihre ethnische Zugehörigkeit
Aufschluß gäben, zuweilen haben sie überhaupt keinen Namen,
was, ein wenig eilfertig als metaphysischer Wunsch nach Anonymi-
tät gedeutet, von Anbeginn den wildesten Spekulationen Vorschub
geleistet hat. Daß jedoch Ka�as Abneigung, Namen zu geben, kein
fester Entschluß zugrunde liegt, das beweisen einige Novellen aus
seiner Jugendzeit, in denen der Held, der einen sehr korrekten deut-
schen Namen trägt, dem durch seine Identität am deutlichsten
definierten Romanhelden in nichts nachsteht (bei Roßmann und
Bendemann zum Beispiel wird der germanische Charakter sogar
stark betont durch die Endung »mann«, die, nach der von Ka�a
selbst für die Personen des
Urteil
vorgeschlagenen Deutung, an eine
völlig allgemeine menschliche Rolle oder einfach an eine männliche
Rolle gemahnt). Später freilich treten die Familiennamen zugun-
sten allgemeiner Namen zurück, die nun entweder die der Haupt-
person zugedachte Funktion bezeichnen – das gilt vor allem für den
Offizier, den Boten, den Kaiser, den Trapezkünstler oder den Ver-
urteilten – oder die Kategorie der Lebewesen oder Dinge – Hund,
Maus, Spule oder Brücke –, in die sie einzuordnen ist. In den bei-
den großen Romanen der Reifezeit – beide stammen aus dem
Nachlaß und sind unvollendet – erscheint der Held nur noch als
symbolischer Anfangsbuchstabe: ein K steht für X, wobei unklar
bleibt, ob es der Anfang eines normalen, wenn auch klandestinen
Namens oder der letzte Rest eines erloschenen und nicht mehr re-
konstruierbaren Namens ist. (Durch einen Umstand, der viel über
den Sinn seines Tuns und dessen endlichen Mißlingens aussagt,
macht sich K. über den Mangel seines Namens und Seins ebenso-
wenig Gedanken wie seine Protagonisten – die Anomalie verweist
auf einen allen bekannten Zustand, der, da er sich ständig wieder-
holt, nicht einmal mehr Neugier weckt.) Zwischen den beiden K.,
die um das Recht gebracht sind, sich zu nennen, besteht immerhin
der bemerkenswerte Unterschied, daß der erste trotz allem noch
einen Vornamen oder, wie der Volksmund treffend sagt, einen »klei-
nen« Namen hat, das heißt etwas, das von den Eltern kommt und
ihn daher zumindest mit seiner Kindheit und der unverletzbarsten
Sphäre seines Privatlebens verbindet, während der Landvermesser
überhaupt nichts mehr besitzt, womit man ihn nennen könnte (es
fällt schon schwer genug, sich vorzustellen, daß Frieda ihn auf dem
Höhepunkt der Liebesekstase K. nennt, aber was wäre, wenn er
eine Mutter hätte? Doch die hat er ja gerade nicht). Denn vom
Prozeß
zum
Schloß
hat sich die Beschädigung der Individualität
erheblich verschär�; nachdem sie die realen Bindungen mit der
Umwelt zerfressen hat, die Josef K. noch besaß (er hat eine alte
Mutter, einen Onkel, der sich um seinen Prozeß kümmert, eine gute
Stellung), läßt sie am Ende lediglich den auf den einfachsten Aus-
druck beschränkten Menschen übrig, den Mann ohne Eigenschaf-
ten, in dem nur noch der letzte Funke des Menschlichen über-
lebt.
Daß der durch den Buchstaben K symbolisierten Anonymität bei
Ka�a keineswegs eine theoretische Entscheidung zugrunde liegt,
wird deutlich, sobald man ihre Varianten im Gesamtwerk betrach-
tet und vor allem die Funktion, die ihr in jeder einzelnen Erzählung
zukommt. Die Anonymität, schon in den ältesten Texten stark aus-
geprägt – in den Fragmenten
Beschreibung eines Kampfes
(909), in
denen, sichtlich von einem Rest Expressionismus beeinflußt, die
Personen gleichsam nur in Bewegung gesetzte Gedanken sind –,
tritt einige Jahre später mit
Das Urteil
Die Verwandlung
und
Der
Verschollene
zurück, drei Geschichten, in denen reichlich Eigenna-
men vorkommen – Familiennamen, Vornamen, Spitznamen, sehr
bürgerliche Namen oder Phantasienamen, die jedoch plausibel und
auf jeden Fall vollständig sind –, Namen, mit denen eine klassische
0
Erzählung durchaus zurechtkäme. Zwar entwickelt sich die Krank-
heit des Namens mit der Zeit in beängstigender Weise, bis sie in der
Erzählung nur noch undefinierbare Geschöpfe am Leben läßt, die
in einem unbestimmten Bereich zwischen Mensch und Ding, Leb-
losem und Tier angesiedelt sind. Aber selbst in der Zeit, da Ka�a
am
Prozeß
arbeitet und die Anonymität als Regel zu beherzigen
scheint, findet man in verschiedenen He�en eine Fülle von mehr
oder weniger ausgearbeiteten Entwürfen, in denen nicht das Fehlen
von Namen verwundert, sondern deren Anzahl und Verschiedenar-
tigkeit sowie das sichtliche Vergnügen des Autors, sie zu erfinden.
Angesichts dieser in Texte von wenigen Seiten oder Zeilen ver-
schwenderisch eingestreuten Eigennamen muß man zugeben, daß
der Autor des
Prozeß
weit davon entfernt ist, sich einer �eorie der
unpersönlichen Kunst zu verschreiben, sondern zweifellos ebenso
gern wie irgendein Romanschri�steller »dem Standesamt Konkur-
renz gemacht« hätte; daß er darauf verzichten mußte, liegt einzig
daran, daß der auf der Geburt seines Helden liegende Fluch ihn
daran hinderte, es ohne Betrug zu tun.
Sogar im
Prozeß
und im
Schloß
, den beiden Romanen, die in dieser
Hinsicht am häufigsten genannt werden, ist die Anonymität keine
gesetzliche Bestimmung, die für alle gilt, sondern streng selektiv,
und gerade insofern spielt sie eine entscheidende Rolle: Da sie die
einen tri� und die anderen verschont, ermöglicht sie es, sogleich
zwischen Benannten und Unbenannten zu unterscheiden. Denn
das Namensverbot (und sogar das Aufenthaltsverbot im besonde-
ren Fall des Landvermessers) gilt nur für den Helden; das Gesetz,
das ihn tri�, verschont den Rest der Bevölkerung (da seine Berüh-
rung offenbar ansteckend ist, büßen die Menschen, die in seine
Nähe kommen, das heißt die Frauen, die Gehilfen, die Wächter
usw. ihre Nachnamen ein, behalten jedoch ihre Vornamen). Im
Raum des Romans hat der Buchstabe K also vor allem einen funk-
tionalen Wert; er bezeichnet weder das Individuum, das sich als
vereinzelte Person zu überwinden strebt, wie es früher die metaphy-
sische Auslegung behauptete, noch – nach einer anderen Interpre-
tation, die sich lange Zeit der Gunst der Kritik erfreute – die
»Entfremdung« der Person in einer durch Technik und Bürokratie
nivellierten modernen Gesellscha�, und schließlich auch keine der
Tendenzen und Ideen von außen, die sich möglicherweise hinter
ihm verbergen könnten. Indem K. gerade in seiner Unbekanntheit
auf die ungleiche Situation hinweist, welche die von den Richtern

und den Herren dargestellte soziale Hierarchie begründet, ist er
nichts anderes als das sichtbare Zeichen einer Teilung der Welt in
zwei gegensätzliche Sphären: in eine bevölkerte, vielfältige Sphäre,
deren Bewohner als gute Österreicher Grubach, Huld, Titorelli,
Bürgel oder Klamm heißen, und in eine auf einen einzigen Bewoh-
ner reduzierte Sphäre, in der aufgrund irgendeiner Verordnung das
unverletzlichste Eigentum – eben der
Eigen
name – zum Teil oder
vollständig getilgt ist. So wird der diskriminierte Name das Diskri-
minierende, das heißt genau das, was, da es sowohl auf Werte wie
auf eine logische Ordnung, auf Reihen wie auf Inhalte wirkt, die
organische Einheit von Struktur und Bedeutung am besten garan-
tiert.
Im Unterschied zu allen bekannten Romanfiguren entbehrt Kaf-
kas typische Person – sagen wir der Einfachheit halber K. –
jeglicher Anziehungskra�, daher ist sie auch nicht dazu angetan,
Interesse zu wecken, sie zeichnet sich weder durch einen gewinnen-
den Charakter aus noch durch eine subtile Psychologie, noch durch
die Kunst, Leidenscha�en und Ideen auszuleben, im Gegenteil, das
alles ist ihr mit voller Absicht genommen. Der meisten Züge be-
raubt, mit denen der Roman seine fiktiven Geschöpfe gern ausstat-
tet, also ohne ausgeprägte körperliche Merkmale und moralisch
ohne Eigenscha�en, fasziniert sie einzig durch die unerklärlichen
Lücken ihrer Definition, die sie nicht zu einem Identifikationsob-
jekt, sondern zu einem quälenden Rätsel und damit freilich zu
einem ständigen Ansporn des Denkens machen. Wer ist dieser für
die Rolle des Helden so schlecht gerüstete Mensch? Warum fällt er
aus wer weiß welchem Himmel in eine Erzählung, die außerhalb
von Raum und Zeit verharrt? Was zwingt ihn, auf der untersten
Stufe des Lebens dahinzuvegetieren, bald in gerade noch mensch-
licher Gestalt, bald in Gestalt eines Hundes, einer Maus, eines
Affen, eines scheußlichen Insekts oder einer zerbrochenen Spule
namens Odradek? Hat er ein Vorbild in der Realität, oder wenn
nicht, aus welchem Fundus an Erfahrungen, Erinnerungen oder
Träumen ist er hervorgeholt worden? Und was sind schließlich
seine Beziehungen zu demjenigen, der ihn erfunden hat – sind sie so
eng, wie das ihn bezeichnende Kürzel vermuten läßt? Darüber ver-
rät der Text selbst natürlich nichts; zum Glück jedoch grei� Ka�a
in seinen persönlichen Schri�en das �ema offen auf, selten zwar,
aber dann so deutlich, daß sich zumindest die Entstehung seines
Werks dem Zugriff der Spekulation entzieht.
2
Den allgemeinsten Hinweis auf den Ursprung seiner Figuren gibt
eine Tagebucheintragung vom 6. August 94, ein Zeitpunkt, da
sich ihm eine Periode großer Schaffenskra� eröffnet: »Der Sinn für
die Darstellung meines traumha�en inneren Lebens hat alles an-
dere ins Nebensächliche gerückt, und es ist in einer schrecklichen
Weise verkümmert …«
Ihm zufolge sind seine Romane und Er-
zählungen Ausdruck und Ausfluß der Innerlichkeit, sie entstam-
men einem ausschließlich subjektiven Fundus – das »er«, das sie
au�reten lassen, ist immer nur das »ich« des Wachtraums, ein sche-
matisches »ich«, in einen experimentellen Raum projiziert, in dem
das Ich des Autors, seines gesellscha�lichen Scheins und seiner
nebensächlichen Eigenschaften entäußert, gänzlich entblößt er-
scheint, auf das Wesentliche seiner Situation reduziert. Wie sehr
dieser sozusagen objektive »er« mit seinen inneren Zuständen, ja
sogar mit den Daten und Ereignissen seines Lebens verbunden ist,
bestätigte Ka�a schon 93, als er die Eigennamen des
Urteils
ana-
lysierte:
»Georg hat so viele Buchstaben wie Franz. In Bendemann
ist ›mann‹ nur eine für alle noch unbekannten Möglichkeiten der
Geschichte vorgenommene Verstärkung von ›Bende‹. ›Bende‹ aber
hat ebenso viele Buchstaben wie Ka�a und der Vokal e wiederholt
sich an den gleichen Stellen wie der Vokal a in Ka�a. Frieda hat
ebensoviel Buchstaben wie F. [FeliceJ und den gleichen Anfangs-
buchstaben, Brandenfeld hat den gleichen Anfangsbuchstaben wie
B. [Bauer] und durch das Wort ›Feld‹ auch in der Bedeutung eine
gewisse Beziehung. Vielleicht ist sogar der Gedanke an Berlin nicht
ohne Einfluß gewesen und die Erinnerung an die Mark Branden-
burg hat vielleicht eingewirkt.«
Nachdem er die Novelle einem kleinen Kreis von Freunden vor-
gelesen hatte, notierte er am Tag darauf noch eine Bemerkung
seiner Schwester, die sich diesmal auf die Übereinstimmung der
Örtlichkeit bezieht: »Meine Schwester sagte: ›Das ist unsere Woh-
nung.‹ Ich staunte darüber, wie sie die Örtlichkeit mißverstand und
sagte: ›Da müßte ja der Vater im Klosett wohnen.‹«
Ein paar Mo-
nate später, in einem besonders kritischen Augenblick seiner Bezie-
hung zu Felice, kommt er auf diese unvermuteten Zusammenhänge
zwischen Fiktion und Wirklichkeit zurück, genauer: auf die Art Pro-
phezeiung, über welche die Fiktion ihn nachdenken läßt: »Folge-
rungen aus dem ›Urteil‹ für meinen Fall. Ich verdanke die
Geschichte auf Umwegen ihr. Georg geht aber an der Braut zu-
grunde.«
Und anläßlich der
Verwandlung
sagt er zu Janouch, der ihn
3
einigermaßen naiv mit seinem Rieseninsekt identifizieren zu kön-
nen meint, wobei auch er sich auf die offenkundige Homologie der
Namen stützt: »Samsa ist nicht restlos Ka�a. Die
Verwandlung
ist
kein Bekenntnis, obwohl es – im gewissen Sinne – eine Indiskretion
ist.« Und, angesichts der Verblüffung von Janouch: »Ist es vielleicht
fein und diskret, wenn man über die Wanzen der eigenen Familie
spricht?«
0
Natürlich ist auch Josef K. nicht restlos Ka�a, sondern
nur im wesentlichen, als indiskreter Zeuge der schmerzha�en Fami-
lienangelegenheit, die Ka�a unau�örlich zwingt, seinen eigenen
Prozeß anzustrengen. Aus diesem Grunde zieht er in dem berühm-
ten Brief, den er im Alter von sechsunddreißig Jahren an seinen
Vater schreibt, um, wie er sagt, »uns beiden […] Leben und Ster-
ben leichter [zu] machen«, Josef K. als weiteren Beweis heran
(»[…] schrieb ich von jemandem einmal richtig: ›Er fürchtet, die
Scham werde ihn überleben‹«), als sei der Held hier nicht nur eine
seiner Angst entsprungene Figur, sondern der vertrauenswürdige
Teil seiner selbst, gleichsam sein verläßlichster Bürge.

Indem Ka�a sein Werk auf eine rein subjektive Sicht seiner Si-
tuation gegenüber der Welt zurückführt und bei vielen Gelegenhei-
ten zeigt, daß seine Helden in ihm selbst wurzeln, liefert er den
Schlüssel zu dem verstümmelten Namen, dessen Verhängnis K. und
alle seine Verkörperungen zu tragen haben; denn wenn er in seinen
Romanen nur von sich und seiner Unmöglichkeit zu leben spricht
2
dann ist der fehlende Name vielleicht sein eigener, und da er Jude
ist, verurteilt er damit seinen eigenen Namen, seinen jüdischen Na-
men zur Klandestinität. Eine auf den ersten Blick so negative
Haltung gibt natürlich zu denken. Doch bevor wir nach ihren
Gründen suchen und sie korrekt bewerten – und das ist ja das Ziel
dieses Essays –, müssen wir darau�inweisen, daß Ka�a, wenn er
seinen Namen aus seinen Werken tilgt, zunächst eine einfache Er-
fahrungstatsache feststellt, die, obwohl traurig banal, in dem. Maße
ungewöhnlich wird, wie die Konventionen verhindern, daß man sie
ausspricht. Denn in der Welt, in die seine Geburt ihn gestellt hat,
ohne ihm das Recht zu geben, sich in ihr zu Hause zu fühlen, ist das
Ka�a genannte Individuum nur halb oder gar nicht
vorzeigbar
Diese Feststellung kann Ka�a überall und jederzeit treffen, so-
bald er seine unmittelbare Umgebung verläßt – im Hotel, in einer
Familienpension oder bei den Kranken des Sanatoriums, in dem er
vergeblich Heilung sucht. Überall ist er jenem Schimpf ausgesetzt,
den ihm im Sanatorium von Tatranské-Matliary seine Tischnachba-
4
rin antut, überall könnte er wie in einem Brief an seine Schwester
Ottla ausrufen: »Es ist ein Unglück, daß man sich niemals gleich
vollständig vorstellen kann.«
3
Genau das ist es: Man kann seine
Identität nicht restlos bekunden, weil es nicht möglich ist, alle An-
klänge, alle gesellscha�lichen und historischen Implikationen, alle
Hintergedanken auszudrücken, mit denen der jüdische Name bela-
stet ist, und zwar bei den anderen ebenso wie bei dem Betroffenen.
Andererseits läßt sie sich auch nicht ganz verbergen, man muß sich
wohl oder übel damit abfinden, daß sie sich
verrät
– wie K. in dem
einen Buchstaben seines Namens, den er preisgeben will oder kann.
Und so unausweichlich dieser Verrat sein mag, eher erlitten als
vorbedacht, er ist ein unauslöschliches Vergehen, vielleicht das erste
in der langen Reihe derer, an denen K. unschuldig ist und die ihn
dennoch verurteilen, noch bevor sein Prozeß entschieden ist.
Gerechtfertigt ist das Namenstabu jedoch nicht nur durch eine
bestimmte aktuelle Situation, deren angemessenster Ausdruck es
ist, sondern auch jenseits von Raum und Zeit, denn es wurzelt in
der allerältesten Tradition. Und wirklich erinnert es als solches ein-
dringlich an das jüdische Tabu, das auf dem Namen Gottes liegt,
auch wenn es nicht mehr den Gott der Juden, sondern den mensch-
lichen Juden betri�, was zweifellos seine geheimnisvolle Beständig-
keit beweist, aber auch die großen historischen Veränderungen, die
seine Bedeutung allmählich modifiziert, ja sogar umgekehrt haben.
Einst war der Name Gottes heilig und gerade deshalb verboten;
doch wußte jeder Jude, eben dank diesem geheimgehaltenen Na-
men, wer er war; jetzt aber stellt Ka�a fest, daß in der Diaspora
seiner Zeit, zumindest in derjenigen, die er in diesem Winkel Mit-
teleuropas, wo er geboren wurde, aus Erfahrung kennt, der gött-
liche Name und der menschliche Name unter dasselbe Verbot
fallen, so daß die jüdische Situation insgesamt – Religion, Denken,
Tradition, aber auch die täglichen Zufälle des öffentlichen und pri-
vaten Lebens – ins Zwielicht der Klandestinität gerückt ist. Durch
eine Konsequenz, die die Frömmigkeit selbst unwissentlich vorbe-
reitet hat, wir� das Gebot, das Irdisches und Göttliches streng
trennen sollte, beides jetzt in wirrern Durcheinander in die dunklen
Niederungen der Sprache, wo
das, was man nicht sagt
, in die Nach-
barscha� des Zweifelha�en oder Verdächtigen gerät. Seines Inhalts
entleert und von Grund auf pervertiert, geht es vom Göttlichen zum
Teuflischen über, denn statt ein Erkennungszeichen zu sein, bringt
es das ganze Volk dazu, sich im Unbenannten aufzulösen, anders
5
gesagt, sich zu verleugnen. Für Ka�a und die Menschen, die er um
sich herum in Prag leben sieht, geht es nicht mehr darum, den
Namen Gottes zu verschweigen, sondern vielmehr darum, den ei-
genen zu verbergen, ihn zu ändern, ihn dem sprachlichen Umfeld
anzupassen oder jedenfalls kein unnötiges Au�ebens von ihm zu
machen. Nunmehr wider den Strich befolgt von Gläubigen, bei
denen die Scham an die Stelle des religiösen Gewissens getreten ist,
sowie von anderen, Gleichgültigen oder Feinden, die es eifrig paro-
dieren, ist das Tabu des Namens, das einst die jüdische Existenz
garantierte, zu dem geworden, was sie zur Nichtigkeit verdammt.
Das System der negativen Benennung, mit dem Ka�a das uralte
Tabu nachahmt, wird indes nicht zu satirischen Zwecken errichtet,
oder wenn doch, dann in dem ungewohnten Sinne, daß es sich
zunächst gegen seinen Urheber wendet, der hier der erste ist, der
sich anzuklagen hat, als schwer kompromittierter Zeuge. Opfer
zwar, aber ebenso Komplize seiner falschen Position gegenüber
dem jüdischen Erbe wie gegenüber der Gesellscha� der anderen,
grei� Ka�a nicht einen Zustand an, dessen bloßer Zeuge und Rich-
ter er wäre; es kommt ihm vor allem darauf an, sich selbst ins Spiel
zu bringen, um alles Negative seines persönlichen Falles zu erfassen
oder, genauer, alles zu demaskieren, was an seinem scheinbar nor-
malen Fall nur jämmerliche Täuschung ist.
Negativ exemplarisch ist sein Fall insofern, als man hier, stark
verdichtet, alle Widersprüche, alle Unsicherheiten und Nöte seiner
Generation wiederfindet.
4
Als Sohn wohlhabender, durch die Ar-
beit des Vaters reich gewordener Geschä�sleute wächst er in einer
halb eingedeutschten, halb assimilierten, vage traditionalistischen
und eher konformistischen als gläubigen Familie auf, die für ihre
Kinder und vor allem natürlich für ihren ältesten Sohn die bürger-
liche Sicherheit und Achtung erstrebt, die sie selbst hat entbehren
müssen, so daß sie, obwohl noch immer stark ihrer Herkun� ver-
ha�et, in ihrer Erziehung lediglich ein blutleeres, substanzloses und
sinnloses Judentum übermittelt.
Wie die meisten um die Zukun� ihrer Söhne besorgten jüdischen
Väter legt Hermann Ka�a, der in seinem Heimatdorf tschechisch
sprach, Wert darauf, seinen Sohn deutsch zu erziehen, wohl wis-
send, daß man in Prag nichts werden kann, wenn man nicht die
Sprache der herrschenden Klassen spricht, die einzige, die Zugang
zu den freien und administrativen Berufen verscha�, die einzige,
die Stellung und Rang bestimmt. Infolge dieser in seinen Kreisen
6
üblichen Erziehung, deren Opportunismus allenthalben als Tugend
gilt, steht Ka�a von Anfang an zwischen zwei völlig gegensätzli-
chen Anforderungen eingeklemmt: die eine, die sich aus seiner
Sprache ergibt, verpflichtet ihn ganz und gar einem fremden Kul-
turkreis; die andere, von seinem Vater aufgezwungen, zieht ihn
fortwährend zurück zu einer Lebensform, von der er nur noch ei-
nige schlecht erhaltene Reste sieht, und daraus entsteht, wie er
selbst sagt, sein »grenzenloses« Schuldbewußtsein. Er schreibt an
seinen Vater: »Als Kind machte ich mir, in Übereinstimmung mit
Dir, Vorwürfe deshalb, weil ich nicht genügend in den Tempel ging,
nicht fastete und so weiter. Ich glaubte nicht mir, sondern Dir ein
Unrecht damit zu tun und Schuldbewußtsein, das ja immer bereit
war, durchlief mich.«
5
Der Heranwachsende bricht bald aus dem
Dilemma aus, indem er jenem »Nichts von Judentum« den Rücken
kehrt, das ihm barbarisch und nutzlos vorkommt: »Wie man mit
diesem Material etwas Besseres tun könnte, als es möglichst schnell
loszuwerden, verstand ich nicht; gerade dieses Loswerden schien
mir die pietätsvollste Handlung zu sein.«
6
Und tatsächlich scheint
ihn dieses Problem während seiner ganzen Studienzeit nicht mehr
zu beschä�igen, zumindest hat er es so weit vergessen oder, wenn
man lieber will, verdrängt, um es für erledigt zu halten.
Unter der Bedingung, daß er vor den antisemitischen Gewalttä-
tigkeiten, die um die Jahrhundertwende die Straßen Prags und die
böhmischen Dörfer immer wieder erschüttern, die Augen ver-
schließt
7
– und die uns vorliegenden Dokumente und Zeugnisse
über seine Jugend lassen vermuten, daß er sie in der Tat verschließt
–, kann er sich seinen Kameraden in der deutschen Universität in
Prag und der liberalen Studentenvereinigung, deren Mitglied er ist,
fast gleich fühlen.
8
Und da ihn der Dämon der Literatur bereits
gepackt hat – faktisch schreibt er seit jeher –, kann er sich auch
berufen fühlen, eines Tages ein deutscher Schri�steller wie andere
zu werden, im Besitze einer Sprache und bewunderter Meister,
wenn nicht eines »Bodens« und einer Geschichte, die wirklich ihm
gehören. Was kümmert ihn da Jerusalem? Sein gelobtes Land sucht
er in Weimar und im Werk Goethes, seiner Bibel. Auf diesem Gebiet
hat ihm das Judentum im übrigen nichts zu bieten: Er spricht nicht
jiddisch und kann nicht hebräisch, so daß er das Wenige, das er zu
Hause gelernt hat, ohne weiteres abtun kann, ohne etwas anderes
darin zu erblicken als barbarische und unverständliche Relikte.
Bis zur Wende von 9, einem Zeitpunkt, da er sich unter dem
7
Einfluß verschiedener äußerer und subjektiver Faktoren gewisser-
maßen seiner eigenen jüdischen Frage nähert, unterscheidet sich
Ka�a nicht wesentlich von den Juden seines Prager Milieus, eines
Milieus allerdings, das Abneigung und einen heftigen Flucht-
wunsch in ihm weckt (hier entsteht das Bild des Westjuden, für den
er später so harte Worte findet). Im täglichen Leben verhält er sich
im großen und ganzen wie jedermann, das heißt, daß er zwar weder
seine Herkun� noch den Namen, der sie öffentlich attestiert, offen
verleugnet, sie aber gern verschweigt und nur dann bekennt, wenn
er dazu gezwungen wird. Es ist unerheblich, ob dieses Nichtbeken-
nen nun der Scham, der Angst vor dem Skandal, der Schüchtern-
heit oder einfach dem Wunsch zuzuschreiben ist, Ruhe zu haben,
innerlich kann es nur als geheime Verleugnung empfunden werden,
die wiederum ebenso geheime Scham-, Angst- und Schuldgefühle
hervorru�. Aufgrund des »als ob«, damals seine stillschweigende
Lebensregel, ist Ka�a in der Tat nach allen Seiten schandbar und
schuldig: gegenüber den Christen, weil er Jude ist, und gegenüber
dem eigenen Gewissen, weil er keiner ist oder, was auf dasselbe
hinausläu�, weil er im Grunde nur ein halber Jude ist. Schuldig
gegenüber den anderen, den Nichtjuden, die er durch scheinheilige
Zurückhaltung verwirrt und betrügt, versündigt er sich auch gegen
das Judentum, das er in jedem Augenblick allein dadurch verrät,
daß er es zu bekennen versäumt, ohne den Mut zu haben, es ganz
aufzugeben. Dieses doppelte Vergehen ist die unmittelbare Wurzel
der Schuld
ohne Delikt
, die Joseph K. zu einer Zerstörung
ohne Urteil
führt: innerlich ebenso unabweisbar wie äußerlich unbeweisbar,
funktioniert sie von selbst und zieht automatisch die Strafe nach
sich, nach einem Mechanismus, auf den die Argumente des Rechts
ebensowenig Einfluß haben wie die der Vernun�.
K.s Prozeß wäre natürlich sehr viel einfacher, wenn Ka�a die
Wahl hätte zwischen zwei eindeutigen Haltungen – sagen wir zwi-
schen einer vollständigen Assimilation und einer vorbehaltlosen
Rückkehr zum vorväterlichen Judentum –, aber diese Wahl hat er
nicht, was er gerade dadurch beweist, daß er seine Bücher mit nicht
zu identifizierenden Zwitterwesen bevölkert. Weit davon entfernt,
auf eine rein negative Entscheidung hinzuweisen, bezeichnet der
zensierte jüdische Name vielmehr die Mischung einer Menge von
Gefühlen in ihm, und er weiß nicht, was darin überwiegt, Scham
oder Respekt, Liebe oder Haß, Rassenhochmut oder verletzter
Stolz. Aber wenn er auch nichts empfindet, was unvermischt ist,
8
lernt er doch mit der Zeit, daß er, so getrennt von der Gemeinscha�
er sein mag, noch in der Art und Weise Jude ist, wie er es nicht ist,
sogar in seiner Exzentrik und der ständigen Irritation seines
Denkens.
Aufgrund eines Paradoxes seiner sowohl banalen wie beispiello-
sen Situation – banal hinsichtlich der Fakten, beispiellos durch die
Art, wie er sie erlebt – ist das, was er mit den Juden gemeinsam hat,
außerstande, sie deren Existenzformen anzunähern; doch das, was
ihn zwingt, sich abseits zu halten, ist gleichzeitig die authentischste
und stärkste aller Bindungen. Hier ist das gemeinsame Gut – Her-
kun�, Geschichte, Religion – Ursache für Entfernung
und
Zersplit-
terung, während die Zersplitterung und die unendliche Vielfalt der
Interessen, die das Los des ganzen Volkes sind, auf geheimnisvolle
Weise die vereinzelten Individuen wieder miteinander verbinden.
Als Ka�a den absolut unüberwindbaren Charakter dieses Wider-
spruchs erkennt – wir werden weiter unten sehen, daß das erst
ziemlich spät geschieht –, kann er sich der Notwendigkeit, ihn zu
leben und gründlich zu durchdenken, nicht mehr entziehen, selbst
auf die Gefahr hin, ihn zu verschärfen. Daher die »Forschungen«,
die er gegen Ende seines Lebens noch unternimmt, vermittels des
gelehrten Hundes, eines Amateurphilosophen und unverbesser-
lichen Fragers, der in dieser ungemein komplizierten Angelegenheit
sicher sein autorisierter Wortführer ist.
Daß der Held der
Forschungen eines Hundes
9
tatsächlich im Namen
seines Autors spricht, das bezeugen das Datum der Novelle sowie
die Umstände ihrer Entstehung. In ein Quarthe� – das sogenannte
»braune He�« – geschrieben, das Texte aus dem Jahre 922 enthält,
entstand die Geschichte, die keinen Titel hat und unvollendet blieb
oder vielleicht nur liegen gelassen wurde, weil es unmöglich war, sie
zu beenden, aller Wahrscheinlichkeit nach im Sommer dieses Jah-
res, das heißt zu einer Zeit, da Ka�a sich außerstande fühlt, das
Schloß
weiterzuführen, und mit Schrecken ein endgültiges Versiegen
seiner Inspiration voraussieht.
20
Denn ganz zu Anfang des »brau-
nen He�s« schreibt er: »Das Schreiben versagt sich mir. Daher der
Plan der selbstbiographischen Untersuchungen. Nicht Biographie,
sondern Untersuchung und Auffindung möglichst kleiner Bestand-
teile.«
2
Kurz darauf folgt das Fragment einer Hundegeschichte,
die als eine erste Version der eigentlichen
Forschungen
gelten kann,
sodann diese selbst, deren Inhalt eng an die vorher erwähnte selbst-
biographische Untersuchung anknüp�, als Mittel zur Linderung
9
einer unheilbaren Hemmung. Der enttäuschte alte Hund, den
Ka�a hier über sein eigenes Leben Nachforschungen anstellen
läßt, trägt im übrigen die Narbe dieses schmerzlichen Augenblicks
– gleich zu Anfang gesteht er, daß seine Forschungen zu nichts
anderem geführt haben, als ihn von allen zu isolieren und zur Ver-
zweiflung zu bringen, und er sie deshalb habe aufgeben müssen.
Auch wenn der autobiographische Charakter der Erzählung
nicht durch Dokumente belegt wäre, ließe er sich mühelos aus dem
besonderen Verfahren ableiten, dem Ka�a regelmäßig die einfa-
chen Wörter und Redewendungen der Alltagssprache unterzieht,
um sie all das sagen zu lassen, was sie unter dem äußeren Schein
des gesunden Menschenverstands und der Naivität enthalten. Be-
kanntlich ist »Hund« das immer und überall übliche Schimpfwort
des Antisemiten. Ka�a nimmt es beim Wort, und allein dadurch
setzt er es in Bewegung innerhalb einer logischen Situation, die
sowohl die ungeheuerliche Dummheit des Wortes als auch seine
schlimmen Folgen für den Beschimp�en aufdeckt. Zudem kommt
das Schimpfwort nicht lediglich vom Feind, es ist sogar im engen
Familienkreis geläufig, was es womöglich noch unerträglicher
macht. Zur Zeit seiner Freundscha� mit Isaak Löwy, dem Direktor
der kleinen jüdischen �eatergruppe, die in seiner Entwicklung eine
große Rolle spielt, hört Ka�a von seinem Vater, dem die Ostjuden
offensichtlich nur Verachtung und Abscheu einflößen: »Wer sich mit
Hunden zu Bett legt, steht mit Wanzen auf«, und er gerät bei die-
sem brutalen Angriff außer sich.
22
Aber er rächt sich auf der Stelle
und bestra� sich – in einer Kunst des Augenblicklichen sind die
beiden Regungen stets verbunden –, indem er das Verb »aufstehen«
durch das Verb »sein« ersetzt, was zwei falsche Sprichwörter, zwei
Varianten der Volksweisheit ergibt, etwa: »Wer mit Wanzen auf-
steht, ist selbst eine Wanze«, und »Wer sich mit Hunden zu Bett
legt, ist selbst ein Hund.«
23
Die erste ist der Ausgangspunkt der
Verwandlung
, wo der Held eines Morgens zu einem ungeheuren und
ohne Zweifel schmarotzenden Ungeziefer verwandelt erwacht
24
; die
andere inspiriert zuerst den Schluß des
Prozeß
, wo Josef K. sich
selbst »Wie ein Hund!« sterben sieht, und dann Jahre später jene
Geschichte von dem gelehrten Hund, in der das Tier diesmal allein
bleibt, durch seinen Starrsinn und die Aufdringlichkeit seiner end-
losen Fragen von jeder lebendigen Gesellscha� abgeschnitten. Da
die Metamorphose bei Ka�a immer nur eine
beseelte Metapher
ist,
bedarf sie keiner komplizierten Operationen; er braucht lediglich
20
alle Mittel der Pseudoschlüsse auszuschöpfen, die Rhetorik und
Grammatik ihm reichlich liefern. Wenn zum Beispiel der Jude ein
Hund ist, dann ist der Hund ein Jude; grammatisch ist gegen den
zweiten Satz nichts einzuwenden, doch da seine Absurdität in die
Augen springt, während der erste als sinnvoll gilt, zwingt er das
Schimpfwort brutal dazu, seine Unsinnigkeit zu bekennen.
Der Hund ist also ein Jude; als Forscher, Wissenscha�ler, Intel-
lektueller ist er auch der Vertreter seines Autors, der von Natur aus
und notgedrungen ebenfalls Spezialist für nicht zu stellende Fragen
ist. Er ist der deformierte, aber an seiner Organisation erkennbare
Doppelgänger, den Ka�a für seine »selbstbiographischen Untersu-
chungen« braucht, Untersuchungen, die sein ganzes Werk leiten
und ihm im Jahre 922 notwendiger erscheinen denn je, einem
Jahr, in dem er, um seine literarische Ohnmacht zu verstehen und
wenn möglich zu überwinden, auf seine Vergangenheit zurückge-
worfen ist. Die Betrachtungen des Hundes über sein Hundeleben
gehören also keineswegs ins Reich der Fabel, sondern beziehen sich
auf eine konkrete Realität, peinlich genau beobachtet von einem
verzweifelten, doch hellsichtigen Geist, bei dem der Wissensdrang
bei weitem den Wunsch überwiegt, sich zu schonen oder öffentlich
einer Sache zu dienen, und sei es der Sache, von der er sich am
wenigsten zu lösen vermag.
Von Anfang an sorgt der Hund im übrigen dafür, daß man genau
weiß, was von seinen Meditationen zu halten ist: »Wenn ich jetzt
zurückdenke und die Zeiten mir zurückrufe, da ich noch inmitten
der Hundescha� lebte, teilnahm an allem, was sie bekümmert, ein
Hund unter Hunden, finde ich bei näherem Zusehen doch, daß hier
seit jeher etwas nicht stimmte, eine kleine Bruchstelle vorhanden
war, ein leichtes Unbehagen inmitten der ehrwürdigsten volklichen
Veranstaltungen mich befiel, ja manchmal selbst im vertrauten
Kreise, nein, nicht manchmal, sondern sehr o�, der bloße Anblick
eines mir lieben Mithundes, der bloße Anblick, irgendwie neu ge-
sehen, mich verlegen, erschrocken, hilflos, ja mich verzweifelt
machte.«
25
Hier drängt sich das Wort »Jude« so unwiderstehlich in
den Text, daß es Mühe macht, es herauszuhalten,
doch es darf auf
keinen Fall hinein
, da es dazu verleiten würde, die Situation wieder
auf die Ebene der Allgemeinheit zu stellen, wo die möglichen Lö-
sungen bereits vorliegen und die Forschungen des Hundes infolge-
dessen völlig überflüssig sind.
26
Das Wort »Jude« hat nur deshalb
eine so starke Dynamik, weil es ständig verdrängt wird – es ist das
2
Unausgesprochene, auf das sich die vielen Bedeutungen der Ge-
schichte beziehen, sowohl jene, die man zu kennen glaubt, wie jene,
noch zahlreicheren, von denen nichts Bekanntes eine Vorstellung
geben darf. Es kann nicht in den Bereich der gesagten Dinge ein-
gehen, ohne sofort in die Raster moralischer, philosophischer,
politischer oder religiöser Erklärungen zu geraten, die allesamt ein
Vorurteil voraussetzen (eines dieser Raster wäre zum Beispiel der
Zionismus wie in dem erwähnten Aufsatz von Hugo Bergmann; ein
weiteres der
jüdische Selbsthaß
oder jüdische Antisemitismus, zwei
Schlüssel, die in mancher Hinsicht zwar plausibel sein mögen, aber
unbrauchbar sind, wenn es darum geht, die Fülle an Ideen, Gefüh-
len und bangen Fragen zu erklären, denen die Erzählung ihre
Stringenz verdankt).
Suggestiv, ohne dem ungesagten Wort je die Möglichkeit zu ge-
ben, ausgesprochen zu werden, gewinnen die
Forschungen eines Hun-
des
die Zeichenkraft, die die direkte Rede ihnen zwangsläufig
vorenthielte, verlieren dabei jedoch nichts von ihrer Klarheit. Als
Beweis dafür eine Stelle, wo der Erzähler von seinen Beobachtun-
gen über die Beziehungen seiner Mitbrüder zu den anderen Völkern
der Erde spricht: »Man darf eben nicht außer acht lassen, daß ich
trotz meinen Sonderbarkeiten, die offen zutage liegen, doch bei wei-
tem nicht völlig aus der Art schlage. Es ist ja, wenn ichs bedenke
[…], mit der Hundescha� überhaupt wunderbar bestellt. Es gibt
außer uns Hunden vielerlei Arten von Geschöpfen ringsumher,
arme, geringe, stumme, nur auf gewisse Schreie eingeschränkte We-
sen, viele unter uns Hunden studieren sie, haben ihnen Namen
gegeben, suchen ihnen zu helfen, sie zu erziehen, zu veredeln und
dergleichen. Mir sind sie, wenn sie mich nicht etwa zu stören ver-
suchen, gleichgültig, ich verwechsle sie, ich sehe über sie hinweg.«
27
Auch hier könnten die Worte des Hundes gar nicht klarer sein,
wenn er seine geborgte Persönlichkeit abstrei�e; sie sind sogar so
klar, daß sie geradezu »hündisch« – zynisch – werden (im übrigen
spielt die ganze Geschichte sowohl mit dem gängigen Sinn des
Wortes wie mit seiner etymologischen Bedeutung).
Denn ihm zufolge ist die Hundescha� all denen überlegen, die
den Rest der Welt bevölkern; einzig sie hat eine Zivilisation, die
anderen sind ungehobelte arme Wesen ohne Namen und Ge-
schichte, die, sich selbst überlassen, diesseits jeder Kultur und jeder
Nachdenklichkeit dahinvegetieren. Doch über diese stumpfen We-
sen hat der Hund, der sonst so viel Au�ebens von seiner Besonder-
22
heit macht, die gleichen selbstgefälligen Ansichten wie seine
Artgenossen; er übertri� sie sogar noch an Egoismus und Hoch-
mut, denn viele von ihnen versuchen, in dem Bewußtsein, daß ihre
Überlegenheit sie verpflichtet, den niederen Rassen zu helfen, sich
zu zivilisieren; während er selbst, »zurückgezogen, einsam, nur mit
meinen hoffnungslosen […] kleinen Untersuchungen beschä�igt«,
ihnen gegenüber nichts als Gleichgültigkeit empfindet und sich
hündisch vor der Verpflichtung drückt, zum gemeinsamen Werk des
Fortschritts beizutragen. Er, der doch seinen Namen und seine
Lage einem schändlichen Schimpfwort verdankt, wendet den
Schimpf in Überlegenheit, ohne daß dieses Auserwähltsein ihm das
Gefühl einer Pflicht gegenüber dem Rest der Welt gibt; er ignoriert
die anderen ganz einfach, und wenn es vorkommt, daß er von ihrer
trüben Existenz gestört wird, steht er so hoch über ihnen, daß er
sich nicht einmal vorzustellen vermag, sie könnten ihn
verfolgen
Denn in dieser vom Erzähler gewählten Perspektive geht es nicht
darum, die alte Frage des unter allen Nationen auserwählten Volks
aufzuwerfen, der Hund interessiert sich ausschließlich für die
Hunde und die große Familienangelegenheit, die sich, wie er meint,
einzig unter Hunden verstehen und regeln läßt, die hier einmal die
alleinigen Herren ihres Schicksals sind.
28
Da der Hund die anderen Nationen aus seinem Gedankenkreis
verbannt, ist er in der Lage, sich ganz auf das Funktionieren seiner
Gesellscha� zu konzentrieren, der er sich noch immer verbunden
fühlt, obwohl er sie in seiner kontemplativen Zurückgezogenheit
mit dem kalten Blick des Fremden betrachtet. Dank diesem Inter-
esse und dieser Neutralität entdeckt er einen Aspekt der Dinge,
über den nachzudenken seine geschä�igen, von Arbeit und Sorgen
geplagten Artgenossen weder Zeit noch Lust, noch Mittel haben.
Seine erste Entdeckung bezieht sich auf die beiden sehr ausgepräg-
ten Tendenzen, die sie ohne ihr Wissen unau�örlich auf entgegen-
gesetzte Wege drängen: »Man darf doch wohl sagen, daß wir alle
förmlich in einem einzigen Haufen leben, alle, so unterschieden wir
sonst durch die unzähligen und tiefgehenden Unterscheidungen,
die sich im Laufe der Zeiten ergeben haben. Alle in einem Haufen!
Es drängt uns zueinander und nichts kann uns hindern, diesem
Drängen genugzutun, alle unsere Gesetze und Einrichtungen, die
wenigen, die ich noch kenne und die zahllosen, die ich vergessen
habe, gehen zurück auf die Sehnsucht nach dem größten Glück,
dessen wir fähig sind, dem warmen Beisammensein. Nun aber das
23
Gegenspiel hierzu. Kein Geschöpf lebt meines Wissens so weithin
zerstreut wie wir Hunde, keines hat so viele, gar nicht übersehbare
Unterschiede der Klassen, der Arten, der Beschäftigungen.«
29
Doch der Hund stellt fest, daß seine Artgenossen stillschweigend
übereinkommen, von diesem Grundwiderspruch des Hundelebens
– dem unwiderstehlichen Bedürfnis, beisammen zu sein, und der
nicht minder unwiderstehlichen Neigung, sich zu zerstreuen: Sehn-
sucht nach Gemeinscha� und schrankenlosem Individualismus –
nicht zu sprechen, es ist ein geheimnisvolles Tabu, das, von allen
beachtet, dazu beiträgt, ihre Bande zu festigen. Doch wie kommt es
dann, daß er, ein trotz allem normaler Hund, der einzige ist, der das
Tabu verletzt, indem er alle Welt ausgerechnet mit Fragen zu die-
sem verbotenen Punkt belästigt? »Warum tue ich es nicht wie die
anderen, lebe einträchtig mit meinem Volke und nehme das, was die
Eintracht stört, stillschweigend hin, vernachlässige es als kleinen
Fehler in der großen Rechnung, und bleibe immer zugekehrt dem,
was glücklich bindet, nicht dem, was, freilich immer wieder unwi-
derstehlich, uns aus dem Volkskreis zerrt.«
30
Der Hund weiß nicht,
aus welchen Gründen die Seinen über diese »schwierigen Dinge«
schweigen; er weiß auch nicht, warum ihm selbst so sehr daran
liegt, sie zum Sprechen zu bringen; ein langes, der Forschung ge-
widmetes Leben hat ihn gelehrt, daß er von Anbeginn nicht anders
konnte und also nichts zu bereuen hat, nicht einmal im tiefsten Exil,
in das er jetzt, weil er sein Volk aus zu großer Nähe beobachtet hat,
endgültig verbannt ist.
Durch seine besondere Anlage und die Zudringlichkeit seiner
»hoffnungslosen kleinen Untersuchungen« aus dem Volkskreis aus-
gestoßen, freiwillig und notgedrungen einsam, aber verzweifelt
darüber, nicht an der Wärme des spontanen jüdischen Lebens teil-
zuhaben, errichtet Ka�a, so wie der Hund, sein Werk um die
»schwierigen Dinge«, denen er »ganz und gar verfallen« ist, auf die
Gefahr hin, seine Artgenossen zu bekümmern oder zu schockieren;
wie der Hund lebt er am Rande des Judentums, ohne doch seine
Rasse ganz zu verraten, ohne sich zu verleugnen; und wie der Hund
kann er sich über diesen halb freiwilligen, halb erzwungenen Aus-
schluß mit den Worten hinwegtrösten, daß er trotz allem nie den
Überblick über sein Volk verloren hat – auch wenn er sich von ihm
entfernt hat, vergißt er es nicht und läßt hin und wieder von sich
hören.
3
Die Gedanken des Hundes über seine Rassenbrüder und seine
24
exzentrische Stellung ihnen gegenüber sind so offenkundig Ka�as
Gedanken, daß sie ebensogut in seinen
Tagebüchern
stehen könnten,
neben dem, was er im Laufe der Jahre direkt über sich sagt. Warum
aber bürdet er sie dann einem Fabeltier auf, warum diese unnötige
Komplikation einer Pseudophantastik, die den Augenblick, da ihre
Quelle identifiziert wird, nur um weniges hinauszögert? Weil der
Hund in Wirklichkeit nichts mit der Figur eines Märchens oder
einer Fabel zu tun hat; Ka�a verwendet sie nicht, um den Leser zu
entfremden und dieser Entfremdung Dinge anzukreiden, die sonst
allzu sehr schockieren würden. Er braucht den Hund unbedingt,
weil er es ihm dank den vielen Bildern, die sich um seinen Namen
ranken, erlaubt, die möglichen Auswege, alle Interpretationen sei-
ner Situation zu erkunden, die er noch nicht entdeckt hat oder aus
Scham oder Kleinmut lieber nicht in Erwägung ziehen möchte.
Aber so groß die durch eine einzige Metapher erschlossene Gedan-
kenwelt auch sein mag, sie ist nie groß genug, als daß ein Problem
sich darin zu erschöpfen vermöchte; daher bleibt die Fabel stets
unvollendet und muß immer von neuem begonnen werden.
Die Betrachtungen des Hundes lassen sich folglich durchaus mit
denen vergleichen, die Ka�a in seinen
Tagebüchern
und persönlichen
Papieren niedergeschrieben hat. Um die autobiographische Bedeu-
tung der Erzählung richtig beurteilen zu können, müßte man den
Text zunächst einer ebenso vollständigen wie detaillierten inneren
Analyse unterziehen und ihn dann mit den zahlreichen Geschichten
vergleichen, die offenkundig um das nämliche �ema kreisen – zum
Beispiel
Beim Bau der Chinesischen Mauer
, wo die Juden als Chinesen
au�reten, wahrscheinlich wegen ihrer alten Kultur, ihrer Listigkeit,
ihrer intellektuellen »Chinoiserie«, die man ihnen o� zum Vorwurf
macht; oder auch
Josefine, die Sängerin
, eine andere Fabel, in der sie
in Mäuse verwandelt sind, zweifellos in Analogie zur großen
Fruchtbarkeit dieser verabscheuten, gehetzten, gnadenlos zur Aus-
rottung verdammten Tiere.
Der Vergleich drängt sich auf, weil Ka�as Gestalten, die meist
durch eine rhetorische Figur erzeugt sind, einander fortsetzen, er-
gänzen und widersprechen, als würden sie unter verschiedenen
Gewändern und an den unterschiedlichsten fiktiven Orten alle das-
selbe Ziel verfolgen und ihren letzten Sinn erst im Spiel ihrer
Wechselbeziehung enthüllen. Hund, Chinese oder Maus – kein iso-
liertes Bild steht für sich selbst, keines lost das Rätsel der Ge-
schichte, jedes läßt sich durch das ihm vorausgehende oder
25
folgende berichtigen, und alle sind schließlich notwendig, um wenn
nicht die Wahrheit, so doch die fetischistische Macht der Wahrhei-
ten und Gegenwahrheiten aufscheinen zu lassen, welche die All-
tagssprache befördert.
Der Hund, sich seiner Überlegenheit bewußt, verweist die »ge-
ringen Geschöpfe«, die am Rande der gesitteten Gesellscha� ein
düsteres Leben führen, ins Nichts; der Chinese fühlt sich offensicht-
lich den Barbaren aus dem Norden weit überlegen, die die Zivili-
sation seines Landes bedrohen und vor denen die Große Mauer es
schützen soll. Doch über das persönliche Gefühl des Autors läßt
sich daraus nichts mit Sicherheit schließen, denn die hier zur Schau
getragene Arroganz wird anderswo hart bestra�, zum Beispiel in
der Geschichte von Josefine, in der Hund und Chinese, in Mäuse
verwandelt, nun ihrerseits zu armen gejagten Geschöpfen werden,
deren einzige Größe in der Kontinuität ihrer historischen Existenz
besteht und die keine andere Wahrheit kennen als ihren kollektiven
Mut. So wird jede Figur Ka�as nicht nur am Ort ihres Handelns
durch die verschiedenen Blickwinkel, in die sie gestellt ist, korri-
giert, sondern ebenso durch die Gesamtheit des Werkes, das, ob-
wohl fragmentarisch und unvollendet, dank dieser ständigen
Korrektur seine unvergleichliche Einheit erhält.
Da die Erzählung so konstruiert ist, daß keine Formel ihren In-
halt zusammenzufassen vermag, wird die ›jüdische Frage‹ nirgendwo
literarisch
entschieden; und da diese immer nur teilweise und jedes-
mal von einem parteiischen Helden behandelt wird, ist ihr allein
durch ein genaues Inventar aller Ka�aschen Bilder
und
aller ihrer
Berichtigungen beizukommen; denn in diesem von einem stets wa-
chen Denken ersonnenen Organismus, einem Denken, das sowohl
gegen die kollektiven Meinungen wie gegen die eigene Trägheit
kämp�, ist kein Bild an sich selbst wahr, alle sind falsch und alle
tragen insofern zur Wahrheit bei, als sie gegenseitig ihren Teil an
Irrtum und Illusion aufdecken. Aber so entscheidend ein solches
Inventar in bezug auf das Wesentliche auch sein mag, es teilt nichts
darüber mit, wie die Frage
menschlich
von einem Menschen erlebt
wurde, der wie jeder andere seine Leidenscha�en und Neigungen,
seine mehr oder weniger festen Ansichten, seine Vorlieben und seine
Vorurteile hat. So daß man alles, was Ka�a von seinem Leben in
sein Romanwerk hat einfließen lassen, nicht um es in kenntlichem
Gewand wiederzugeben, sondern um es dem verzehrenden Feuer
einer erbarmungslosen Intelligenz auszusetzen, letztlich in seinem
26
Leben suchen muß oder, genauer, in den schri�lichen Spuren, die
uns davon erhalten geblieben sind.
Diese autobiographischen Dokumente, die in seinen
Tagebüchern
in seinen Briefen und in den verschiedenen He�en verstreut sind
und, vergessen wir es nicht, ausnahmslos verbrannt werden sollten,
sind die einzig zuverlässigen Quellen zu unserem �ema, an denen
sich mit guten Gründen nicht zweifeln läßt, die einzigen, die ich in
diesem Essay verwende (abgesehen natürlich von dem Material,
das ich Zeugnissen und Arbeiten anderer entnommen habe, die sie
zu präzisieren und vor allem zu datieren ermöglichen). Da sie das
einzige sind, was den Kritiker vor mehr oder weniger tendenziösen
Hypothesen und Auslegungen zu bewahren vermag, die immer eilig
zu Schlüssen kommen wollen, können Ka�as authentische Äuße-
rungen gar nicht genau genug überprü� werden; man muß sie also
exzerpieren, sie miteinander und eventuell mit der literarischen Va-
riante vergleichen, die an anderer Stelle über das gleiche �ema
geschrieben wurde, und sie schließlich wieder in den großen Kom-
plex von Ideen, Gefühlen und Erfahrungen stellen, die den Autor
im Laufe der Zeit und je nach den historischen Umständen veran-
laßt oder manchmal gezwungen haben, sie aufzuschreiben. Erst
dann wird man vielleicht verstehen können, warum sich Ka�a ge-
nötigt fühlte, den jüdischen Namen in seinem Werk zu zensieren,
und warum dieser so geheimnisvoll ausgelöschte Name gerade in
ihm das zu seiner Veranschaulichung würdigste Genie unserer Zeit
gefunden hat.
27
Kapitel II
Die Krankheit der Identität
Hätte Ka�a seine kün�igen Kritiker vor dem schweren Irrtum
warnen wollen, den sie begehen würden, wenn sie seinen Fall nach
Allgemeinheiten beurteilten – doch in Anbetracht seiner Entschei-
dung, sein Werk zu vernichten, versteht es sich von selbst, daß ihm
das nicht in den Sinn gekommen ist –, dann hätte er nichts Besseres
tun können, als eine kurze Bemerkung aus dem Briefwechsel mit
Felice Bauer für sie zu kopieren, die, wenngleich hastig auf eine
Postkarte geschrieben, offenkundig reiflich überlegt ist. Am 7. Ok-
tober 96 schreibt er in bezug auf zwei über ihn erschienene
Kritiken: »Willst du mir übrigens nicht auch sagen, was ich eigent-
lich bin. In der letzten
Neuen Rundschau
wird die ›Verwandlung‹
erwähnt, mit vernün�iger Begründung abgelehnt und dann heißt es
etwa: ›K’s Erzählungskunst besitzt etwas Urdeutsches.‹ In Maxens
Aufsatz dagegen: ›K’s Erzählungen gehören zu den jüdischsten Do-
kumenten unserer Zeit.‹ Ein schwerer Fall. Bin ich ein Cirkusreiter
auf 2 Pferden? Leider bin ich kein Reiter, sondern liege am Boden.«
Obwohl indirekt, ist die Warnung deutlich zu hören, vor allem
wenn man sie auf den genauen Wortlaut der beiden genannten Auf-
sätze bezieht. In einem Essay mit dem Titel »Phantasie« schreibt
Robert Müller, der Kritiker der
Neuen Rundschau
, ohne mit der Wim-
per zu zucken: »Die […] Erzählkunst Ka�as, die etwas Urdeut-
sches, rühmlich Artiges, im Erzählenden Meistersingerliches be-
sitzt, wird durch die hypothetischen Flicke auf ihrem schönen
Sachgewande deformiert.«
Max Brod dagegen behauptete ebenso
kategorisch in »Unsere Literaten und die Gemeinscha�«
: »Ob-
wohl in seinen Werken niemals das Wort ›Jude‹ vorkommt, gehören
sie zu den jüdischsten Dokumenten unserer Zeit.« Angesichts
zweier so grundverschiedener Meinungen, von denen die eine aus
seinem engsten Freundeskreis stammt, die andere aus einem in je-
der Hinsicht fremden Milieu, erklärt sich Ka�a außerstande, seine
eigene mitzuteilen – ob man ihn nun wie Müller mit einer urdeut-
28
schen und überdies archaisierenden Literatur (die Meistersinger!)
verbindet oder wie Max Brod zur Avantgarde des militanten Ju-
dentums zählt, er selbst jedenfalls weiß nicht, wer er ist, er weiß
nur, daß er, da er sich für keines der beiden Reittiere, für die er
geschaffen sein soll, entscheiden und auch das jüdische und das
deutsche Pferd nicht gleichzeitig besteigen kann, gezwungen ist,
entweder auf dem Boden zu bleiben oder immer wieder abgeworfen
zu werden.
Selbst wenn man die Strategie berücksichtigt, die er in seiner
Beziehung zu Felice anzuwenden pflegt – wie immer will er der
jungen Frau beweisen, daß sie seine Besonderheit unterschätzt, was
ihn, falls sie heiraten sollten, großen Gefahren aussetzen würde –,
ist eine solche Neutralität doch höchst verwirrend; man würde zu-
mindest erwarten, daß Ka�a einen Unterschied macht zwischen
Brod, dem langjährigen Freund, Vertrauten und glühenden Bewun-
derer, der hier das Offenkundige auszudrücken scheint, und dem
deutschen Kritiker, dessen Urteil dem heutigen Leser gewiß als
Ausbund der Absurdität vorkommt.
Aus Brod, der im Gegensatz
zu den zeitgenössischen Kritikern die meisten unveröffentlichten
Texte seines Freundes gelesen hat, scheint der gesunde Menschen-
verstand zu sprechen, während die Idee, die
Verwandlung
mit der
»gothischen« Kunst der alten deutschen Erzähler zu vergleichen, in
unseren Augen der schieren Extravaganz entspringt (zwar haben
wir mittlerweile noch manch anderes erlebt, aber später läu� die
Extravaganz nicht mehr der Geschichte zuwider, sondern steht
eher auf Seiten der Avantgarde, wobei sie die deutsche literarische
Tradition völlig ignoriert – zum Beispiel die von Kleist –, deren
authentischer Vertreter Ka�a auf seine Weise ist). Doch Ka�a be-
stätigt oder widerlegt die �ese seines Freundes mit keinem Wort,
und abgesehen vom Vorwurf der »Flicke«, den er mit dem üblichen
Wohlgefallen an jeder negativen Kritik sofort erwähnt, sagt er auch
nichts über jene sonderbare mittelalterliche
Verwandlung
, die der
deutsche Kritiker ihm andichtet. Das rührt daher, daß trotz des fast
schon grotesken Widerspruchs zwischen den beiden Autoren ihre
Urteile einander insofern ähneln, als sie den schwierigen Fall lösen,
noch bevor sie ihn kennengelernt und erwogen haben, was darauf
hinausläu�, ihn zu eskamotieren. Und diesem unumstößlichen Ur-
teil der anderen, das den Fall dank dem »als ob« einer konventio-
nellen Formel für ihn löst – »urdeutsch«, die »jüdischsten Doku-
mente unserer Zeit« –, hat Kafka nichts entgegenzusetzen, er
antwortet nur mit der Geste der Verleugnung, die seine Wahrheit
gegen voreilige Schlußfolgerungen verteidigt.
Das »Wer bin ich?«, an sich schon bemerkenswert, mit dem
Ka�a die unerschütterliche Gewißheit seiner beiden Interpreten
ins Wanken bringt – im übrigen beginnt und endet sein ganzes Werk
mit dieser unausgesprochenen Frage –, erhält noch größere Bedeu-
tung, wenn man es innerhalb seiner Chronologie und in seinem
affektiven Kontext betrachtet. Im September 96 fordert Ka�a,
der seit einigen Monaten die Beziehung zu Felice wieder aufgenom-
men hat und ihr fast täglich schreibt, die junge Frau eindringlich
auf, als Helferin und Erzieherin im Berliner Judenheim zu arbeiten,
einer von reichen Berliner Juden gegründeten Einrichtung für
Flüchtlingskinder aus dem Osten. Nachdem Felice sich eine Weile
taub gestellt hat, stimmt sie schließlich zu, und von diesem Mo-
ment an widmet Ka�a einen großen Teil seiner Briefe dieser Arbeit
und den schwierigen Problemen, die sie alsbald aufwir�. Er berät
Felice bei der Vorbereitung ihrer Kurse und Lesestunden, treibt
selbst Pädagogik (er analysiert und kritisiert ausführlich ein Werk
des Pädagogen Foerster), sucht nach geeigneten Kinderbüchern
und bezahlt sie sogar aus eigener Tasche – kurz, er begeistert sich so
sehr für diese typisch jüdische Sache, daß Felice schon sehr miß-
trauisch sein müßte, wollte sie darin irgend etwas Zweideutiges
vermuten: Sie kann ihm nur Gefühle unterstellen, die ihren eigenen
ähneln, ja noch tiefere Gründe, sich zu engagieren.
Dieser Punkt ist keineswegs belanglos, denn nach der dramati-
schen Lösung ihrer Verlobung im Jahre 94 und den vielen
Mißverständnissen und Konflikten haben die jungen Leute endlich
beschlossen, nach Kriegsende zu heiraten. Ihre Übereinstimmung
in bezug auf das Judentum ist also sehr wichtig, aber Felice, der es
sonst gewiß nicht an Gründen zur Besorgnis fehlt, kann sich in
diesem Punkt guten Glaubens beruhigt fühlen.
Sie weiß, wie sehr
ihre Tätigkeit bei den Kindern sie ihrem Verlobten näherbringt (er
sagt es ihr: »Es ist das Heim, das uns so nahebringt«), und sie neigt
natürlich dazu, seine »Besonderheit« zu vergessen, so daß Ka�a es
sich wieder einmal verbietet, dieses für ihre gemeinsame Zukun�
folgenträchtige Vergessen durchgehen zu lassen. Daher seine Post-
karte vom 7. Oktober 96 und die Lehre, die sie ausdrücken soll,
nicht zwischen den Zeilen, sondern in ihrem Gedankengang selbst:
Nachdem er ungeduldig um Berichte über das Heim gebeten hat
(»das Beste«, schreibt er, was er im Augenblick aus Berlin erhalten
30
kann), setzt er übergangslos das unpassende »Wer bin ich?« hin,
das die zuvor aufgehobene Distanz zwischen ihm und Felice von
neuem herstellen soll.
Wir wissen nicht, wie Felice die Frage aufgefaßt hat, ob sie
glaubte, sie ernst nehmen zu müssen, oder ob sie darin nur eine
weitere Sonderbarkeit unter den vielen anderen, an die sie sich
hatte gewöhnen müssen, gesehen hat. Im übrigen kommt es darauf
gar nicht an, denn die Frage wird ihr nicht wirklich gestellt, Ka�a
richtet sie nur deshalb an sie, um sie vor dem Interpretationsirrtum
zu warnen, den er selbst provoziert zu haben fürchtet: Auch wenn
es stimmt, daß er die Berliner Flüchtlingskinder liebt und sich von
ihrem Einfluß auf Felice viel verspricht; auch wenn es stimmt, daß
er in dieser Sache wie in vielen anderen den grei�arsten Beweis
seiner Solidarität liefert, so folgt daraus doch in keiner Weise, daß er
in dem Sinne Jude ist, wie sie es instinktiv versteht, oder gar in dem
Superlativen Sinne, wie Brod es öffentlich erklären zu dürfen meint.
Alle ihre Rückschlüsse in diesem Punkt wären irrig (so wie sie sich
gründlich täuscht, wenn sie aus seinen Briefen auf seinen »Hang
zum Schreiben« schließt
); aber, vielleicht noch befremdlicher für
die Berlinerin, die sie in gewissem Maße ist, er kann sich auch nicht
für einen Deutschen ausgeben, sie würde völlig fehlgehen, vergliche
sie ihn darin mit den jüdischen Schri�stellern in Berlin oder an-
derswo, deren Gedichte und Romane sie liest. Er ist in der Tat
nichts von dem, was sie sich vorstellen könnte, deshalb muß seine
Frage unentschieden bleiben, wie es sich in den trüben Regionen
der inneren Diaspora ziemt, in denen er einsam umherirrt.
Strenggenommen richtet sich das »Wer bin ich?«, in das Ka�a sein
ganzes Unbehagen faßt, nicht nur an Max Brod und an Felice,
sondern an alle Leser und Kritiker, die, seit sein Werk gedeutet
wird, dazu neigen, seinen unmöglichen Fall nach den Normen ir-
gendeines Gedankensystems zu beurteilen. Ob man sich nun als
�eologe, als Philosoph oder auch als Literaturwissenscha�ler mit
ihm befaßt, feststeht, daß Ka�a niemals dort zu finden ist, wo die
Begriffe ihn festnageln wollen; niemals stimmt er völlig mit dem
Bild überein, das man sich von seinen Interessen und seinen Zielen
macht, und vor allem nicht in jenem so unscharfen Bereich seiner
Beziehung zum Judentum und zu den Juden, wo jeder dazu neigt,
ihn wenn nicht zu vereinnahmen, so doch ihm das zuzuschreiben,
was er selbst für wahr halten muß. Assimilierter Jude, antijüdischer
3
Jude, Antizionist, Zionist, Gläubiger, Atheist – das alles ist Ka�a
tatsächlich in den verschiedenen Momenten seiner Entwicklung
und manchmal sogar gleichzeitig (er schreibt die
Forschungen eines
Hundes
im Jahre 922, einer Zeit, da er
fast
ein militanter Zionist
geworden ist); doch nichts davon erhellt auch nur im geringsten die
Gründe und die Form seines Kampfes, und nichts davon erklärt,
auf welche Weise aus einer krankha�en Unentschlossenheit und
Zerrissenheit die allerstrengste moderne Kunst entsteht, vielleicht
die einzige, in der Moderne und Strenge wirklich eine Verbindung
eingegangen sind.
Infolge einer unheilbaren Wunde zur »Verschleppung« ver-
dammt, wie er es im
Prozeß
nennt, aber bis zur Grenze des
Erträglichen hellsichtig, macht es sich Ka�a zur Aufgabe, seine
Konflikte nicht dank einem unmittelbar verwendbaren Notbehelf
zu lösen, wie so viele andere um ihn herum es tun, sondern seinen
Widersprüchen ins Gesicht zu sehen und sie von Grund auf zu
durchdenken, um nicht Gefahr zu laufen, sie zu verkennen, sie zu
fliehen, sie durch eine erzwungene ideologische Wahl zu verkleinern
oder, noch schlimmer, sich mit ihnen abzufinden. Und um in sei-
nem Werk wie in seinem Leben diese hohe Strategie des um jeden
Preis aufrechterhaltenen Widerspruchs zu verstehen, bleibt uns
keine andere Möglichkeit, als seinen Weg nachzuvollziehen und
ihm auf den kleinsten Umwegen zu folgen, ohne der Versuchung zu
erliegen, ihn zu »retten«, indem wir ihn gegen seinen Willen im
Hort eines Glaubens oder irgendeiner Doktrin unterbringen.
In dem langen Brief, den Ka�a im Alter von sechsunddreißig Jah-
ren an seinen Vater schreibt, um ihm die verheerenden Folgen
seiner Erziehung vor Augen zu fuhren, befaßt er sich besonders mit
dem Judentum als dem drastischen Beispiel für die Mißverständ-
nisse, die ihre Beziehung frühzeitig vergi�et, sie in einen ständigen
Kriegszustand versetzt und am Ende völlig getrennt haben. Doch
gerade auf diesem Gebiet ihrer gemeinsamen Herkun� hätten sich
Vater und Sohn vielleicht näherkommen können: »[…] es wäre
denkbar gewesen, daß wir uns beide im Judentum gefunden hätten
oder daß wir gar von dort einig ausgegangen wären«
; freilich,
durch die Schuld einer unsinnigen, sowohl tyrannischen wie
schlampigen Erziehung ist das Judentum, statt sie zu vereinen, zu
einer zusätzlichen Ursache von Konflikten zwischen ihnen gewor-
den.
32
»Als Kind machte ich mir, in Übereinstimmung mit Dir, Vor-
würfe deshalb, weil ich nicht genügend in den Tempel ging, nicht
fastete und so weiter. […] Später, als junger Mensch, verstand ich
nicht, wie Du mit dem Nichts von Judentum, über das Du verfüg-
test, mir Vorwürfe deshalb machen konntest, daß ich (schon aus
Pietät, wie Du Dich ausdrücktest) nicht ein ähnliches Nichts aus-
zuführen mich anstrenge. […] Du gingst an vier Tagen im Jahr in
den Tempel, warst dort den Gleichgültigen zumindest näher als
jenen, die es ernst nahmen, erledigtest geduldig die Gebete als For-
malität, setztest mich manchmal dadurch in Erstaunen, daß Du
mir im Gebetbuch die Stelle zeigen konntest, die gerade rezitiert
wurde, im übrigen dur�e ich, wenn ich nur (das war die Hauptsa-
che) im Tempel war, mich herumdrücken, wo ich wollte. Ich
durchgähnte und durchduselte also dort die vielen Stunden (so ge-
langweilt habe ich mich später, glaube ich, nur noch in der
Tanzstunde
) und suchte mich möglichst an den paar kleinen Ab-
wechslungen zu freuen, die es dort gab, etwa wenn die Bundeslade
aufgemacht wurde, was mich immer an die Schießbuden erinnerte,
wo auch, wenn man in ein Schwarzes traf, eine Kastentür sich
aufmachte, nur daß dort aber immer etwas Interessantes heraus-
kam und hier nur immer wieder die alten Puppen ohne Köpfe.«
Sind dem sich selbst und seiner Unwissenheit überlassenen Knaben
die im Tempel verbrachten Stunden nur »Vorstudien der Hölle«, so
versäumt er es doch nicht, sich zu Hause schadlos zu halten, sobald
er begrei�, daß das, was dort vorgeht, womöglich noch ärmlicher
ist: es »beschränkte sich auf den ersten Sederabend, der immer
mehr zu einer Komödie mit Lachkrämpfen wurde, allerdings unter
dem Einfluß der größer werdenden Kinder. (Warum mußtest Du
Dich diesem Einfluß fügen? Weil Du ihn hervorgerufen hast.) Das
war also das Glaubensmaterial, das mir überliefert wurde, dazu
kam höchstens noch die ausgestreckte Hand, die auf ›die Söhne des
Millionärs Fuchs‹ hinwies, die an hohen Feiertagen mit ihrem Vater
im Tempel waren. Wie man mit diesem Material etwas Besseres tun
könnte, als es möglichst schnell loszuwerden, verstand ich nicht
[…]«

Tatsache ist, daß Ka�a, sobald er das Gymnasium besucht,
mit diesem »Nichts an Judentum«, das er geerbt haben soll, voll-
ständig bricht und sich nicht nur zum Atheisten erklärt, sondern –
erstaunlich, wenn man an die äußerste Zurückhaltung denkt, die er
später in Belangen des Glaubens an den Tag legt – sogar seine
Freunde zum Freidenkertum zu bekehren sucht.
2
33
In seiner Verteidigungsrede vor dem väterlichen Tribunal gibt
Ka�a sodann deutlich zu verstehen, daß er sich, als er mit der
Religion brach, auch von den »jüdischen Dingen« im allgemeinen
entfernt hat
3
, was seine frühesten Jugendbriefe bestätigen. Der
Student, der an Oskar Pollak schreibt, den Freund, dem er damals
am engsten verbunden ist, scheint die »jüdischen Dinge« zur glei-
chen Zeit aus seinen Gedanken entfernt zu haben, da er das Nichts
des religiösen Judentums verabschiedete, ein lästiges, nutzloses,
langweiliges Nichts, bei dem schon das Kind sich fragt, was man
Besseres tun könnte, als es loszuwerden. Was immer es mit dieser
Identifizierung des Judentums mit seinem streng religiösen Aspekt
auf sich haben mag, die »jüdischen Dinge«, seien sie religiös
oder nicht, spielen in Ka�as Briefen an seinen ersten Freund
und Vertrauten keine Rolle und tauchen erst sehr viel später
in seinen Briefen an Brod oder in seinen Tagebuch-Eintragungen
wieder auf.
Seinen Jugendfreunden erzählt Ka�a von seiner Lektüre, seinen
Ausflügen, seinen Zukun�splänen und seinen Hoffnungen auf eine
Flucht (aus Prag und seiner Familie), manchmal von Mädchen und
bereits schüchtern von seinem »Gekritzel«; doch nichts deutet dar-
auf hin, daß er zwischen seinem inneren Unbehagen und den
Zweideutigkeiten seiner jüdischen Stellung gegenüber der Familie
und der Gesellscha� irgendeinen Zusammenhang sieht. Auch wenn
er das »Wer bin ich?« sicherlich seit jeher empfindet, so bleibt es
doch noch weit hinter den Worten zurück und gelangt nur auf Um-
wegen zum Ausdruck: bald in sonderbaren Verhaltensweisen, wie
sie während der Adoleszenz in der sogenannten »jugendlichen Ori-
ginalität« häufig au�reten; bald, schwererwiegend, in Zuständen
psychischer Verwirrtheit, die der Entpersönlichung sehr nahekom-
men. Von diesen »Sonderbarkeiten« seiner Jugend behält Ka�a
sein Leben lang die Angst zurück, sich wie ein Eigenbrötler oder
wie ein Verrückter zu benehmen; aber seine Unsicherheit in bezug
auf die Grenzen seines eigenen Ichs und die Wirklichkeit der Welt
überträgt er bereits in seine Schri�en, zum Beispiel in eine seiner
ersten großen Novellen,
Beschreibung eines Kampfes
, eine Geschichte
ohne Geschichte, in der der Held, allein einer Menge von Doppel-
gängern ausgesetzt, in jedem Augenblick gegen die allzugroße
Durchlässigkeit der Lebewesen und der Dinge kämp�, um wenig-
stens einen Teil seiner Integrität wiederzuerlangen.
4
Beim Vergleich der Zeugnisse derer, die ihn zur damaligen Zeit
34
kannten, mit dem, was er im
Brief an den Vater
selbst darüber sagt,
nimmt man im allgemeinen an, daß Ka�a eine lange Periode der
»Assimilation« durchgemacht hat – sie endet erst um sein dreißig-
stes Lebensjahr –, bevor er unter dem Einfluß einiger Freunde und
vor allem durch die Begegnung mit Isaak Löwy und den Schauspie-
lern des jiddischen �eaters zu den Seinen stößt. Sicherlich ist der
landläufige Ausdruck »Assimilation« leicht zur Hand. Was aber
bedeutet er im Prag des ehemaligen Österreich-Ungarn, einer
Stadt, in der die ethnischen, gesellscha�lichen, sprachlichen Wider-
sprüche sich gleichsam nach Belieben häufen – einer Stadt, die auf
dem Papier österreichisch, durch die Sprache der herrschenden Ge-
sellschaft deutsch, durch die Mehrheit der Bevölkerung tsche-
chisch, durch eine Minderheit aktiver und wohlhabender Ge-
schä�sleutejüdisch ist, hin und her gerissen zwischen gegensätzli-
chen Anziehungspunkten, einer Stadt, die im erbitterten Kampf der
Nationalitäten ständig als Unterpfand dient? Als deutschsprachiger
Jude, österreichischer Staatsangehöriger und Einwohner einer
tschechischen Stadt, in der die Tschechen ihn allein deswegen als
Feind betrachten, weil er ihre Sprache nicht spricht – woran hätte
sich Ka�a hier wohl »assimilieren« können? Zwar gibt es eine
tschechische Nation, aber nicht sie hat die politische Macht, sie
kämp� ja gerade um ihre Freiheiten, und dort haben die Juden nur
dann ein wenig Hoffnung, sich zu assimilieren, wenn sie sich den
extremistischen Nationalisten anschließen (eine sehr geringe Hoff-
nung übrigens, die nach der Euphorie der Revolution von 848
immer schwächer wird).
Natürlich gibt es auch Österreich, und die im großen und ganzen
sehr loyalistischen Juden sind der Person ihres Kaisers treu erge-
ben
5
, in Prag jedoch zeigt es sich fast nur im riesigen Apparat
seiner Bürokratie und, symbolisch, im kaiserlichen Palast des
Hradschin, wo sich der von den Juden verehrte Kaiser niemals
au�ält (zu Ka�as Zeiten war er nur ein einziges Mal dort gewesen,
und der Autor von
Das Schloß
hat sich offenbar daran erinnert, als er
seinen mythischen Grafen West-West erfand). Was die Deutschböh-
men betri�, so bilden sie eine abgekapselte sprachliche Minder-
heit, ohne politischen Einfluß und ohne Hauptstadt, die ihre
Bindungen zu einer Geschichte und einem Territorium hätte auf-
rechterhalten können. Inmitten dieser äußerst heterogenen Grup-
pen, von denen keine einzige ein lebendiges Volk hinter sich hat,
können Assimilationsbemühungen nie sehr weit führen. Und da es
35
den deutschsprachigen Prager Juden an einer normal koonstituier-
ten Gesellscha� fehlt, in der sie vielleicht Wurzeln schlagen könn-
ten, und sie zur Nachahmung hauptsächlich auf sich selbst
angewiesen sind, nehmen sie schließlich ihr eigenes Deutschtum
zum Vorbild.
Ka�a ist also nicht in dem Sinne assimiliert, wie man es in Berlin
oder in Wien versteht, sondern vielmehr eingedeutscht, das heißt,
seine Sprache ersetzt ihm alles, was das Schicksal ihm vorenthalten
hat: Heimat, Vaterland, Gegenwart und Vergangenheit. Später frei-
lich sieht er darin nur noch die Illusion des unbewußt Entwurzel-
ten, dann hält er sein einziges Gut für das Ergebnis einer
betrügerischen Aneignung, was ihm einen weiteren Grund für sein
altes Schuldgefühl liefert. Doch im Augenblick gehört ihm seine
Sprache noch, und wenn er in seinen Briefen und Tagebüchern noch
nicht über den Mangel »des Bodens, der Lu�, des Gebotes« klagt,
so offenbar deshalb, weil das Deutsche stark genug ist, sie ihm zu
ersetzen, so stark und vielleicht so real wie ein wirkliches Bluts-
band.
Dieses als Ersatz für ein gesellscha�liches Vaterland und als au-
thentisches geistiges Vaterland begriffene Deutschtum erbt Ka�a
von einer langen Tradition, die seine Eltern gewissenha� gepflegt
haben. »Die Literatur der deutschen Klassik war bis in das kleinste
Dorfghetto Böhmens verbreitet; mochten die jüdischen Hausierer
auch unter der Woche mit ihrer Kundscha� tschechisch sprechen,
so blieb doch das Deutsche die Feiertagssprache, das Medium, ver-
mittels welchem die höheren Gegenstände des Menschlichen aus-
gedrückt wurden.«
6
Anders als die benachbarten Völker, deren
Redeweise die Juden für gewöhnliche »Mundarten« halten, besit-
zen die Juden eine Sprache, die ihren Geist erhebt, und dank
diesem Vermittler einer unvergleichlichen Literatur fühlen sie sich
wahrha� geadelt. Neben dem Gefühl, insgeheim zu einer Elitege-
sellscha� zu gehören, dem engen Kreis der alltäglichen Plackerei
entronnen, gibt das Deutsche den Juden auch noch die nicht uner-
hebliche Chance, gesellscha�lich aufzusteigen (als offizielle Spra-
che des Reichs ist sie für alle unabdingbar, die es zu etwas bringen
wollen, handle es sich nun um sie selbst oder um ihre Kinder
7
). Auf
diese Sprache bauen die jüdischen Väter also am häufigsten, auch
wenn sie bei ihren Geschä�en oder im privaten Kreis weiterhin
tschechisch und jiddisch sprechen (selbstverständlich ist das Jiddi-
sche völlig aus der Erziehung verbannt, es gibt keine anständige
36
jüdische Familie, in der es nicht üblich ist, es zu verachten, in
diesem wie in vielen anderen Punkten bildet die Familie Ka�a
keine Ausnahme).
Ihre Verbundenheit mit dem Deutschtum als Träger hoher Kul-
tur und Mittel sozialen Aufstiegs hätten die Juden zum Beispiel mit
dem großen Philosophen Mendelssohn rechtfertigen können, der
einerseits einen Teil seiner Bücher in deutscher Sprache geschrieben
und andererseits die Liturgie reformiert hatte, indem er eben diese
Sprache einführte (man wird bemerkt haben, daß Ka�a in seinem
Brief an den Vater häufiger vom »Tempel« als von der Synagoge
spricht, ein Beweis dafür, daß man in Prag diesem von der jüdi-
schen Reform eingeführten Brauch folgte). Aber für welche Sprache
sich die Familien letztlich entschieden, hing vor allem von den
Frauen ab, deren Kult der deutschen Literatur so weit zurück-
reichte, daß er Traditionskra� besaß. Seit dem Ende des 8. Jahr-
hunderts, einer Zeit, da die jüdischen Damen die Berliner Salons
beherrschten und im Deutschland der Romantik den Ton angaben,
verschlangen diese Juden alles, was in deutscher Sprache geschrie-
ben war, das Gute und das Schlechte, Goethe und Schiller natür-
lich, aber auch die Feuilletons, die Trivialliteratur sowie die gesamte
Volksliteratur, die man nicht ohne Bosha�igkeit
Weiberliteratur
nannte, eben weil die Frauen sie zu ihrer Lieblingsspeise erkoren
hatten. Ende des letzten Jahrhunderts war die Liebe der Juden für
das Deutsche so tief verankert und wurde so andächtig weitergege-
ben, daß sie, wie ein zeitgenössischer Autor meint, ausreichte, den
Sieg des Deutschtums über die »Mundarten« zu sichern, welche die
benachbarten Völker in den Rang von Volkssprachen zu erheben
suchten: »Das aber ist gewiß, daß derjenige, dem es bekannt ist,
durch wie viele feine Fäden das jüdische Religions- und Gemütsle-
ben, das jüdische Familienleben mittels dieser Weiberliteratur mit
dem deutschen Sprachgeiste zusammenhängt, sich keinen Illusio-
nen über die Verdrängung des Deutschtums aus den Herzen der
mitteleuropäischen Juden hingeben kann. […] aller Nationalitäten-
schwindel wird es nicht vermögen, diesen Einfluß je zu brechen.
Die Geschichte des Weibes ist die Geschichte des menschlichen
Herzens, und das Judenweib hängt seit Jahrhunderten mit der
deutschen Sprache so innig zusammen, daß alle die neu au�au-
chenden Literaturen ihm nicht den Schatz ersetzen werden, den es
im Deutschtum allein besitzt. […] Die Deutschen hatten ihren
Schiller und Goethe, ehe sich noch die Natiönchen unseres Jahr-
37
hunderts darauf erinnerten, daß ihrem Idiom nichts Geringeres als
Grammatik, Wortscha� und Weltbedeutung fehle.«
8
Trotz seiner offenkundigen Voreingenommenheit, einer sehr weit
verbreiteten, wenn nicht gar allgemeinen Voreingenommenheit, von
der sich Ka�a entschlossen löst
9
, sieht der Autor dieser Zeilen
richtig, wenn er den jüdischen Müttern eine wesentliche Rolle im
Prozeß der Eindeutschung zuschreibt, durch den die benachbarten
Sprachen verdrängt werden: Auch wenn sie ihren Kindern keine
eigentliche Muttersprache zu übermitteln haben, so wissen sie doch
immerhin die Flamme zu schüren, die schon ihre Vorfahren an der
Fackel der großen deutschen Klassiker entzündet hatten. Insofern
verdankt ihnen die so formen- und ideenreiche deutsch-jüdische
Literatur sicherlich sehr viel mehr, als sie vermuten ließ.
In einer o� zitierten Stelle eines seiner Briefe an Brod
20
schreibt
Ka�a anläßlich von
Literatur oder Man wird doch da sehen
von Karl
Kraus: »Weg vom Judentum, meist mit unklarer Zustimmung der
Väter (diese Unklarheit war das Empörende), wollten die meisten,
die deutsch zu schreiben anfingen, sie wollten es, aber mit den
Hinterbeinchen klebten sie noch am Judentum des Vaters und mit
den Vorderbeinchen fanden sie keinen neuen Boden. Die Verzweif-
lung darüber war ihre Inspiration.« In diese Analyse, in der
nebenbei schon das Bild des Hundes aufscheint, hat Ka�a natür-
lich
im Grunde
recht, zudem weiß er aus Erfahrung, daß er mit seiner
Auflehnung gegen den Vater auch seine Herkun� und die tausend
hartnäckigen Fäden loszuwerden sucht, die das Judentum in ihm
geknüp� hat. Aber
praktisch
läßt er die unleugbare historische Tat-
sache außer acht, daß weder die Väter noch die Mütter Deutschtum
und Judentum als unvereinbare oder gar feindliche Krä�e betrach-
teten. Die Väter forderten das eine und wollten das andere ernstha�
erhalten, ohne zu ahnen, daß das Judentum früher oder später die
Kosten dafür würde tragen müssen. Und auch die Mütter sahen
wahrscheinlich keine Schwierigkeit, die großen deutschen Dichter
zu bewundern und gleichzeitig jüdische Mütter zu bleiben, die der
Tradition treu waren. Auf Ka�as Frage: »aber warum lockt es die
Juden so unwiderstehlich dorthin?« hätten sie antworten können,
diese Verlockung sei in der Tat unwiderstehlich, denn sie hatten ja
dafür gesorgt, daß sie den kün�igen Schri�stellern von Kindesbei-
nen an vor Augen stand, noch bevor sie sprechen konnten. Es ist
begreiflich, daß unter diesen Umständen die Väter ihren Söhnen
nicht vorwerfen konnten, daß sie deutsch schrieben, denn das hat-
38
ten sie ja gewollt, ihnen freilich auch nicht offen zustimmen konn-
ten, denn das hätte für sie bedeutet, sich selbst zu verleugnen. Sie
konnten ihnen daher nur »unklar« zustimmen. Sobald Ka�a auf-
hört, an die Sprache als an eine Ersatzheimat zu glauben, empört er
sich gegen diese Lässigkeit der geblendeten Väter, durch die die
Söhne irregeleitet wurden. Seine Unversöhnlichkeit in diesem
Punkt mindert in keiner Weise, wie Brod meint, seine Bedeutung,
sie ist weder eine Laune noch eine Gelegenheitssache, sie ist in
seinen Augen die einzig mögliche Antwort auf die »von allen Seiten
unmögliche« allgemeine Situation des Westjuden.
2
Einerseits vom Realismus opportunistischer und ehrgeiziger Vä-
ter, andererseits vom Eifer inbrünstig Goethe und Schiller zugeta-
ner Mütter gefordert, ist das Deutschtum letzten Endes die
sicherste Basis der in ihren Vierteln eingeschlossenen kleinen jüdi-
schen Gesellscha�. Doch wenngleich es im Innern tatsächlich die
Verbindung mit einer erheblich erweiterten Interessensphäre her-
stellt, so führt es doch draußen zu keinerlei Wirklichkeit, es ist nur
ein abstraktes, fiktives Gebilde, eine Illusion, die der geringste Kon-
takt mit der Außenwelt entlarvt. Ka�as Ironie in seiner Rede über
die jiddische Sprache – »Wir leben in einer geradezu fröhlichen
Eintracht, verstehen einander, wenn es notwendig ist, kommen
ohne einander aus, wenn es uns paßt […]«
22
– bezieht sich auf diese
schreiende Diskrepanz zwischen außen und innen: bei sich zu
Hause leben, denken, fühlen und schreiben die jungen Leute aus
Prag wie Deutsche, äußerlich den anderen gleich, doch außerhalb
ihrer Viertel täuscht sich niemand, die anderen erkennen sie sofort
an ihrem Gesicht, ihrem Benehmen, ihrem Akzent.
23
Gewiß sind sie
assimiliert, doch nur in dem geschlossenen Raum ihres geborgten
Deutschtums, oder anders gesagt, sie sind an ihre eigene Entwur-
zelung »assimiliert«. Daher die Merkwürdigkeit der Heranwach-
senden
24
, die vielen Selbstmorde unter den Gymnasiasten, der halb
krankha�e, halb mystische Sensualismus, den die lokale Literatur
mit dem Kult des Phantastischen und der Subjektivität verquickt.
Daher auch die Fluchtträume der meisten von ihnen, der Wunsch,
»sich zu retten« im doppelten Sinn des Wortes, der sie dazu treibt,
zu anderen geistigen Ufern oder in andere, der Aktion günstige
Länder auszuwandern. Aber ob ihr Refugium nun ein Land oder
eine Idee ist, Amerika oder Italien mit seiner Musik und Religiosi-
tät, Berlin mit seiner ständigen intellektuellen Gärung, der Wiener
Sozialismus oder der recht idealistische Zionismus, der seit kurzem
39
bei ihnen Fuß gefaßt hat
25
– die jungen Prager Juden sind, so wie
der in einen Menschen verwandelte Affe im
Bericht für eine Akademie
von der Suche nach einem »Ausweg« besessen: Sie fliehen in erster
Linie, um für ihr persönliches Heil zu sorgen, und wenn es manchen
tatsächlich gelingt, so rüttelt das doch keineswegs an den unsicht-
baren Gittern des Prager Gefängnisses.
Diesen allgemeinen Fluchttraum macht Ka�a geradezu zur Sa-
che seines Lebens, doch der Fluch der Stadt hindert ihn, sich von
der Stelle zu rühren, und seine Versuche, »sich zu retten«, sind zum
Scheitern verurteilt (außer am Ende, wo das doch so traurige Berlin
der Nachkriegszeit ihm zum ersten Mal ein Gefühl von Freiheit
gibt). Schon 902 fragt er einen seiner Onkel – den Onkel Alfred,
der in Madrid Generaldirektor der spanischen Eisenbahnen ist –,
»ob er mich nicht irgendwohin führen könnte, wo ich schon endlich
frisch Hand anlegen könnte«
26
, aber der Onkel scheint ihn nicht zu
verstehen; und der junge Mann, der in seiner Unentschlossenheit
angefangen hat, Germanistik zu studieren, gewiß aus Neigung, je-
doch mehr noch aus Haß auf die Juristerei, glaubt ausbrechen zu
können, indem er sich in der Universität von München einschreibt,
freilich, nach wenigen Wochen kehrt er in den Schoß der Familie
zurück und läßt seinen Plan fallen. Ein paar Jahre später denkt er
erneut an seinen Onkel in Madrid, der ihm zur Flucht verhelfen
könnte: »Mein Onkel müßte uns einen Posten in Spanien verschaf-
fen oder wir würden nach Südamerika fahren oder auf die Azoren,
nach Madeira« (
sic
).
27
Als er eine Stellung bei den
Assicurazioni
Generali
annimmt, die ihren Sitz in Triest hat, tut er es in der Hoff-
nung, in ein Büro des Mutterhauses geschickt zu werden oder, wie
er sagt, »selbst auf den Sesseln sehr entfernter Länder einmal zu
sitzen, aus den Bureaufenstern Zuckerrohrfelder oder mohamme-
danische Friedhöfe zu sehn«.
28
Nichts von alledem tri� ein, aber
schon lange hatte Ka�a es vorausgesagt: »Prag läßt nicht los. […]
Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder – . An
zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vysehrad und am Hrad-
schin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen«.
29
Obwohl er
sich vielleicht erinnert, daß man ihn früher einmal einen kleinen
»Ravachol« genannt hat, setzt er seine Brandreden nicht in die Tat
um, doch seine Rachepläne gegenüber dem »Mütterchen«, wie die
Tschechen die Stadt liebevoll nennen, wird der Autor des
Prozeß
für
ihn ausführen: Indem er sie ihres monumentalen Glanzes, ihrer
legendären Vergangenheit und selbstverständlich ihres Namens be-
40
raubt, läßt er von ihr nur die Erinnerung an einen finsteren
anonymen Ort übrig, den nichts anderes charakterisiert als die
Häßlichkeit seiner Vororte und die Armut seiner verdreckten Ge-
bäude.
30
Unter den Hilfsmitteln, zu denen die jungen Prager greifen, um der
Hauptstadt und ihrem verbauten Horizont zu entrinnen, nimmt die
Literatur einen besonders bevorzugten Platz ein. Ka�as Flucht ins
Schreiben ist also nicht gerade originell, bemerkenswert indes ist
ihre Frühzeitigkeit und ihr totaler Anspruch, der sie nach und
nach aus der Suche nach einem Ausweg in eine Suche nach dem
Absoluten verwandelt. Ka�a schreibt von Kindheit an, und ob-
wohl uns seine »Kindersachen« nicht erhalten sind, dürfen wir
vermuten, daß sie bereits dem Bedürfnis entsprechen, »sich zu ret-
ten«, oder, wie der Titel besagt, den er seinem Gesamtwerk einmal
geben möchte, einem »Fluchtversuch vor dem Vater«
3
. Obwohl
frühzeitig auf diese Rettung durch das Schreiben eingeschworen,
die er sein Leben lang zu erreichen ho�, beschert ihm das Ausüben
seiner Begabung weit weniger Freude als Leid (»Du siehst, das
Unglück sitzt mir von früh an auf dem Buckel […]«
32
), denn das
Schreiben, das sich im wesentlichen gegen die Tyrannei des Vaters
und die Enge seiner Umgebung richtet, ist alles andere als ein un-
schuldiges Spiel, es ist eine gefährliche Angriffswaffe, deren Verwen-
dung ein tiefes Schuldgefühl hervorru�. Daher der Konflikt, in dem
er schon im Alter von zwanzig Jahren steckt und den er bereits zu
formulieren vermag: »Gott will nicht, daß ich schreibe, ich aber, ich
muß. So ist es ein ewiges Auf und Ab, schließlich ist doch Gott der
Stärkere und es ist mehr Unglück dabei, als Du Dir denken
kannst.«
33
Das geheimnisvolle innere Gebot, das er hier »Gott«
nennt – zweifellos im Spott, denn zur Zeit dieses Briefes an Oskar
Pollak gibt er sich als Atheist aus, oder wahrscheinlicher deshalb,
weil er intuitiv die wahre Natur des Gebotes erkennt –, wird mit der
Zeit immer strenger, und schließlich muß ihm jede Seite seines
Werks abgerungen werden.
Im Augenblick freilich läßt der durch die Literatur aufgedeckte
Konflikt die sprachlichen Probleme beiseite: Ka�a schreibt, wie er
spricht, deutsch, in der Sprache, die er seine »Muttersprache« nen-
nen darf, denn er verwechselt sie, da sie von seiner Mutter kommt,
mit dem Gebrauch des gesprochenen Worts. Das Deutsche gehört
ihm, wo nicht von Geburt, so doch durch die allerersten Wörter, die
4
er sprechen konnte, und bis zu dem Augenblick, da er, anscheinend
beeinflußt von seinem fleißigen Besuch des jiddischen �eaters, ent-
deckt, wie schlecht das Wort
Mutter
zu einer jüdischen Mutter
paßt
34
, versteht sich dieser Besitz für ihn so sehr von selbst, daß es
ihm nicht einfällt, sein Recht, ihn nutzbar zu machen, in Frage zu
stellen.
Von der tiefen Aggression gequält, die er in der Literatur im
allgemeinen und seiner eigenen im besonderen spürt, deren verbor-
gene Gewalt er besser kennt als jeder andere
35
, und da er zudem
furchtet, von seinen Meistern so stark beeinflußt zu sein, daß er
nicht immer unterscheiden kann zwischen dem, was er ihnen ver-
dankt, und dem, was wirklich ihm gehört {ironisch bezeichnet er
seine Texte als ein Bündel von Dingen, die »aus mir oder anderen«
kommen), ahnt der junge Mann ganz sicherlich all das Unglück,
das seine Schreibwut tatsächlich für ihn bereithält; doch ist das
Unbehagen nicht so stark, daß es die Beziehung zu seiner Arbeit
ernstha� stören könnte. Er, dem es später so sehr widerstrebt, seine
literarische Tätigkeit zu erwähnen, sogar gegenüber seiner unmit-
telbaren Umgebung, besitzt noch genug Spontaneität, um sich von
dieser Art Geheimnis nicht verlocken zu lassen. Er spricht nicht nur
gern von seinen augenblicklichen und vergangenen Versuchen, son-
dern schickt seinem ersten Freund sogar ein dickes Bündel Manu-
skripte und fragt ihn nach seiner Meinung, in der Hoffnung, »daß
zwei fremde Augen alles wärmer und regsamer machen werden«.
36
Er ist sogar so gespannt auf das Urteil seines Briefpartners, daß er
sich vornimmt, in jeden seiner Briefe ein paar Bogen einer Ge-
schichte zu packen, von der er selbst ein Stück hat und die er nach
und nach für ihn schreiben wird. Und wie jeder junge Mann, der
davon träumt, gedruckt zu werden, ohne es sich eingestehen zu
wollen, beteiligt er sich an einem literarischen Wettbewerb einer
Wiener Zeitung, bei dem er das erstaunliche, für seinen damaligen
Stil charakteristische Deckwort
Himmel in engen Gassen
verwen-
det.
37
Kurz, in dieser ganzen Zeit verhält er sich wie jeder schri�-
stellernde Anfänger, der sich seines Talents zwar deutlich bewußt
ist, aber dunkel fürchtet, seinem Ehrgeiz nicht gewachsen zu sein.
Es stimmt, daß die Literatur sehr schnell zur Quelle wird, die seine
Angst nährt (sie erschreckt ihn zweifach: als gefährliche Waffe ge-
gen die Welt, die er nicht ohne Grund allzu gut zu manipulieren
fürchtet; und als von anderen geschaffenes und anderen gehörendes
Gebiet, das er dauernd zu plündern riskiert).
42
Doch wenn er seine ganze Unsicherheit, sein ganzes Mißtrauen,
das er von Anbeginn sich selbst gegenüber hegt, auf das Sprechen
verlagert, so bleibt zumindest seine Sprache vom Verdacht ver-
schont
38
, und ihr, seiner krä�igsten Rechtfertigung, verdankt er es,
daß er hoffen kann, in der deutschen Literatur Platz zu nehmen,
ohne allzusehr als Fremdling zu wirken. Und eben diese Illusion
muß er noch entlarven, um sein Schicksal zu erfüllen; denn die
endgültige Form seiner Kunst erreicht er erst an dem Tag, da er sich
bewußt wird, daß er in der Literatur nichts anderes ist als in seiner
realen Heimat – nämlich ein »Gast«, bestenfalls ein geduldeter –,
und den Entschluß faßt, den fälschlich festen Boden seines ange-
lernten Deutsch zu verlassen, um sich im Ungewissen einzurichten.
Fortan ist sein Werk das genaue Abbild seiner Situation als radikal
enteigneter Schri�steller – es sagt in aller Ironie und bosha� hinter
seiner Miene der Unparteilichkeit, daß er nur über eine vorüberge-
hend geborgte Sprache verfüge, auf die er folglich weder besondere
Rechte noch legitime Eigentumsansprüche geltend machen kann.
43
Kapitel III
Der Weg zurück
Da unsere Dokumente mit keinem Wort die antisemitischen Ge-
walttätigkeiten erwähnen, die um die Jahrhundertwende in Prag
und in Böhmen stattgefunden haben
, wissen wir nicht, ob Ka�a
sie wirklich vergessen hat oder, wenn nicht, aus welchen Gründen
er es vermied, darüber zu sprechen. Er, der sich o� beklagt, ein
»lebendig gewordenes Gedächtnis« zu sein und später in seinen
Tagebüchern
und seinem Briefwechsel, besonders in den Briefen an
Milena, nach dem Ersten Weltkrieg, das �ema offen benennt,
schweigt über diese Ausbrüche von Raserei, die ihn in seiner Kind-
heit und Jugend tief verletzt haben müssen – ein wohlgehütetes und
um so überraschenderes Schweigen, als Ka�a, so sehr er im allge-
meinen zur Zurückhaltung und Verschleppung neigt, wenn es
darum geht, seine Ideen auszudrücken, den direkten Fragen, die
die Wirklichkeit ihm stellt, niemals aus dem Weg geht.
893 (er ist zehn Jahre alt) brechen schwere Unruhen in Colin
aus – einer Stadt in Mittelböhmen, wo Verwandte väterlicherseits
wohnen –, infolge von Gerüchten über die Ermordung eines jungen
tschechischen Dienstmädchens, einen Todesfall, den ein nationali-
stisches Blatt sofort als »Ritualmord« anprangert. Obwohl die
Zeitung beschlagnahmt wird, grei� die Erregung auf die böhmi-
schen Städte über und verschont schließlich auch die Hauptstadt
nicht. Zwischen 897 und 900 – Ka�a ist Gymnasiast, 90 macht
er Abitur – verbreiten die von der ultranationalistischen Partei der
»Jungtschechen« geschürten Krawalle Angst und Schrecken in den
Straßen, die jüdischen Geschä�sleute werden belästigt, ihre Läden
geplündert, die Synagogen geschändet und angezündet.
Als die
Prozesse gegen Leopold Hilsner beginnen, der erste 899, der
zweite 900, steigern sich die Unruhen immer mehr, und die Hils-
ner-Affäre nimmt eine so beängstigende Wende, daß ganz Europa
sich erregt (man konnte damals sagen, daß sie sogar die Drey-
fus-Affäre in den Schatten stellte und die Mächtigen zwang, den
44
politischen Antisemitismus zur Kenntnis zu nehmen, ein damals
wenig bekanntes Phänomen, dessen Gefährlichkeit sie gern unter-
schätzten). Es läßt sich kaum vorstellen, daß einem siebzehnjähri-
gen jungen Mann, und wäre er dem Judentum gänzlich entfremdet,
so aufsehenerregende und für die Seinen überaus bedrohliche Er-
eignisse entgangen sein sollten (tatsächlich war die Familie Ka�a
unmittelbar bedroht, denn trotz ihrer Umzugsmanie zog sie doch
immer nur einige Häuser oder Straßen weiter, so daß sie vom Jagd-
revier der Aufrührer nie sehr weit entfernt war). Da Ka�a sie gewiß
nicht aus Schamgefühl verschweigt – diese Art Scham kennt er
nicht – und schlichtes Vergessen in diesem Fall kaum denkbar ist,
muß man wohl annehmen, daß sie gleichsam außerhalb seines Ge-
dächtnisses in ihm blieben, im Stande verdrängter Erinnerungen.
Da es keine direkten Quellen gibt, die es uns ermöglichen könn-
ten, dieses verwirrende Schweigen zu analysieren, bleibt es zum
größten Teil rätselha�; immerhin wird es verständlicher, wenn man
die politischen und sozialen Verhältnisse bedenkt, unter denen der
tschechische Antisemitismus einen besonders bösartigen Zug ange-
nommen hat. Wie wir sahen, bilden die Juden den größten Teil der
in Prag und in Böhmen lebenden deutschen Bevölkerung; für die
Tschechen und hauptsächlich für die extremistischen Nationalisten
gehören sie daher zum feindlichen Lager und sind sogar dessen
unerträglichste Elemente; dort, wo die angestammten Deutschen
immer mehr dem Reiz der Tschechisierung erliegen, sind die Juden
die einzigen, die das Deutschtum gegen das Vordringen der umge-
benden Kultur verteidigen und sich den Gegnern der »unterdrück-
ten« tschechischen Nation anschließen.
Zu diesen politischen
Ursachen des Grolls gesellt sich die Verbitterung über die wirt-
scha�lichen Rivalitäten, welche die Mittelklasse und die Masse der
kleinen Leute gegen die jüdischen Geschä�sleute und Industriellen
au�ringen – das Ganze natürlich vor dem Hintergrund der alten
Judenphobie, die in diesen Landstrichen immer wieder aufzuflak-
kern droht. Als junger Sozialist und Atheist, bewußt zumindest
entjudaisiert, kann Ka�a nicht umhin, diese Verbitterung als zum
Teil gerechtfertigte Reaktion zu empfinden, besonders wenn er sich
an das erinnert – und wie könnte er es in unruhigen Zeiten verges-
sen? –, was er als Kind von dem Kleinkrieg mitbekommen hat, den
sein Vater gegen seine eigenen Angestellten führte.
Denn zur damaligen Zeit besteht Hermann Ka�as Personal
nicht ausschließlich aus Juden, es befinden sich Tschechen darun-
45
ter, für die dieser grobe, brutale, bis zur Tyrannei intolerante Chef
zwangsläufig das Doppelgesicht des Ausbeuters und des Feindes
annimmt. So jedenfalls empfindet es der Knabe, wenn der gegen
seine Angestellten tobende Vater ihm das schändliche Schauspiel
der Willkür und Ungerechtigkeit vor Augen führt. In seiner Liebe
und seinem Stolz enttäuscht, weil er auf seinem vollkommenen Idol
einen untilgbaren Flecken entdeckt, wendet er sich schmerzlich ge-
gen den ungerechten Vater und ergrei� instinktiv Partei für seine
Opfer, zum einen, um seine Solidarität mit Leuten zu bekunden,
die wie er schikaniert werden, und zum anderen, um sich, so gut es
geht, vor den Repressalien zu schützen, die er in unumstößlicher
kindlicher Logik für unvermeidbar und zugleich für entsetzlich
hält. Hin- und hergerissen zwischen dem Kummer, statt eines gü-
tigen Gottes einen ungerechten Vater zu haben, der Komplizen-
scha�, die ihn mit den mißhandelten Angestellten verbindet, und
der Gewißheit, daß so schwer beleidigte Geschöpfe sich früher oder
später werden rächen wollen, hinterläßt das Kind dem Heranwach-
senden eine bereits schwer belastete »jüdische Frage« voller Kom-
plikationen und unüberwindlicher Konflikte. Selbstverständlich
laßt sich Hermann Ka�as Verhalten nicht ohne weiteres auf die
Gesamtheit oder auch nur auf die Mehrheit der jüdischen Kauf-
leute der Stadt übertragen; Herrschsucht und Rücksichtslosigkeit
gegenüber anderen waren bei diesem einflußreichen Geschäfts-
mann eher Sache des Temperaments als der Voreingenommenheit,
und jedermann, natürlich auch seine eigenen Kinder, hatten dar-
unter zu leiden. Doch abgesehen von diesen hervorstechenden
Zügen seiner Persönlichkeit unterschied er sich wahrscheinlich in
seiner Arbeitsauffassung und seiner allgemeinen Weltsicht nicht we-
sentlich vom Durchschnitt der Juden seiner Umgebung, sein Sohn
sagt es ihm übrigens: »Im Grunde bestand der Dein Leben füh-
rende Glaube darin, daß Du an die unbedingte Richtigkeit deiner
Meinungen einer bestimmten jüdischen Gesellscha�sklasse glaub-
test […]«
; man darf also vermuten, daß die Art, wie er sein
Personal behandelte, den üblichen Praktiken der Arbeitgeber seines
Milieus entsprach. Für Ka�a jedoch kam es im Grunde nicht dar-
auf an, ob die Ungerechtigkeit von allen geteilt wurde und für
selbstverständlich galt, ausschlaggebend war, daß dieser als Träger
einer geheimnisvollen Autorität geliebte, gehaßte, angebetete und
gefürchtete Vater sich als fehlbar erweisen und es an Menschlichkeit
fehlen lassen konnte. Der mythischen Gestalt nach zu schließen, die
46
in seinem Werk die phantastischen Dimensionen eines Gottes oder
Demiurgen annimmt, bewahrte Ka�a hierin die aus seiner kindli-
chen Liebe und Furcht entstandenen Gefühle: Maßlos vergrößert
durch alles, was seinem Sohn an ihm unerreichbar schien, besaß
Hermann Ka�a das Format, das Judentum insgesamt zu verkör-
pern, so daß sein Machtmißbrauch notwendig auf die ganze Ge-
meinscha� zurückfiel.
Wie sehr Ka�a darunter litt, läßt sich an der Erregung ermessen,
die noch in der langen Passage seines Briefes von 99 über dieses
heikle �ema nachklingt. In diesem Dokument, das nicht nur ein
Beleg für den ewigen Prozeß zwischen Vater und Sohn, sondern
auch ein Stück soziologischer Analyse ist, spricht Ka�a zunächst
von dem Geschä� seiner Eltern und der Art, wie der Kaufmann
hier seine Talente entfaltete: »[…] es war so lebendig, abends be-
leuchtet, man […] konnte hie und da helfen, sich auszeichnen, vor
allem aber Dich bewundern in Deinen großartigen kaufmännischen
Talenten, wie Du verkau�est, Leute behandeltest, Spaße machtest,
unermüdlich warst, in Zweifelsfällen sofort die Entscheidung wuß-
test und so weiter; noch wie Du einpacktest oder eine Kiste
aufmachtest, war ein sehenswertes Schauspiel und das Ganze alles
in allem gewiß nicht die schlechteste Kinderschule.«
Doch bald wird ihm das Geschä� verhaßt, gerade wegen der
empörenden Behandlung des Personals: »Ich weiß nicht, vielleicht
ist sie in den meisten Geschä�en so gewesen […], aber die anderen
Geschä�e kümmerten mich in der Kinderzeit nicht. Dich aber
hörte und sah ich im Geschä� schreien, schimpfen und wüten, wie
es meiner damaligen Meinung nach in der ganzen Welt nicht wieder
vorkam. […] Wie Du zum Beispiel Waren, die Du mit anderen nicht
verwechselt haben wolltest, mit einem Ruck vom Pult hinunter-
warfst […] und der Kommis sie au�eben mußte. Oder Deine
ständige Redensart hinsichtlich eines lungenkranken Kommis: ›Er
soll krepieren, der kranke Hund.‹ Du nanntest die Angestellten be-
zahlte Feinde‹, das waren sie auch, aber noch ehe sie es geworden
waren, schienst du mir ihr zahlender Feind‹ zu sein.« Nach dieser,
noch immer vor Entrüstung bebenden Erinnerung machte ihm der
erbitterte Klassenkampf, den Ka�a frühzeitig kennenlernte, das
Geschä� verhaßt, was den vielen Anlässen zu Reibereien, die oh-
nehin zwischen Vater und Sohn bestanden, noch einen weiteren
hinzufügte. Er war es auch, der ihn ein für allemal ins Lager der
»bezahlten« Feinde überwechseln ließ. »Mir aber macht es das Ge-
47
schä� unleidlich, es erinnerte mich allzusehr an mein Verhältnis zu
Dir: Du warst, ganz abgesehen vom Unternehmerinteresse und ab-
gesehen von Deiner Herrschsucht schon als Geschä�smann allen,
die jemals bei Dir gelernt haben, so sehr überlegen, daß Dich keine
ihrer Leistungen befriedigen konnte, ähnlich ewig unbefriedigt
mußtest Du auch von mir sein. Deshalb gehörte ich notwendig zur
Partei des Personals, übrigens auch deshalb, weil ich schon aus
Ängstlichkeit nicht begriff, wie man einen Fremden so beschimpfen
konnte, und darum aus Ängstlichkeit das meiner Meinung nach
fürchterlich aufgebrachte Personal irgendwie mit Dir, mit unserer
Familie schon um meiner Sicherheit willen aussöhnen wollte.«
Man sieht, wie die Fäden des inneren Dramas sich knüpfen, in das
Ka�a verstrickt ist: Das empörte Kind ergrei� Partei für den ge-
plünderten Feind – obwohl es weiß, daß der Feind ein Feind bleibt
und nur auf die Gelegenheit wartet, sich zu rächen (wenn der Er-
wachsene schreibt: »Im Kampf zwischen Dir und der Welt sekun-
diere der Welt«, gibt er die Absurdität dieses Kampfes, den zu
führen er gezwungen ist, in einer verallgemeinerten Formel wieder).
Man versteht nun, warum er, als das stets erwartete und gefürch-
tete Schlimmste wirklich eintri� – zum Beispiel als die antisemiti-
schen Aufrührer die jüdischen Geschä�e seines Viertels verwüsten
–, es stumm erdulden muß, ohne sich darüber beklagen oder em-
pören zu können, da seinem Gefühl nach der Vater dazu beigetra-
gen hat, es herbeizuführen.
Der
Brief an den Vater
, der auf die Zensur, der Ka�a die äußeren
Ereignisse seiner Jugendzeit unterzieht, ein bestimmtes, obschon
indirektes Licht wir�, erklärt auch die sozialistischen Ideen, die er
schon im Gymnasium verkündet und die, als der Sozialismus dort
verblaßt ist, die allgemeine Form einer unbedingten Solidarität mit
den Erniedrigten annimmt. Daß der Chef des Galanteriewarenge-
schä�s mit dem Emblem der Dohle in Wirklichkeit nicht ganz so
abscheulich war, wie Ka�a ihn schildert, als er die Revolte seiner
Kinderzeit noch einmal durchlebt, darauf deutet in den Dokumen-
ten manches hin; Ka�a schreibt seinen Brief im Augenblick einer
akuten Krise und läßt seinem Unmut freien Lauf, ohne zu beden-
ken, daß für ihn alles, was mit seinem Vater zu tun hat, sofort in die
ungeheure Welt des Epos eingeht; doch gleichgültig, ob das Porträt
getreu oder geschwärzt ist, wesentlich ist die He�igkeit des affekti-
ven Schocks, den das Kind erlitten hat und unter dem der Erwach-
sene immer zittern wird.
48
Es mag verwundern, daß sich Ka�as Sozialismus trotz alter und
tiefer Impulse in keinem Moment im Beitritt zu einer Partei oder
einer Bewegung äußert; das liegt daran, daß er, abgesehen von
seinem ausgeprägten Hang zum Individualismus und seinen
schwierigen Beziehungen zu anderen, sich auch hier gegen typisch
Prager Tendenzen verhält, die ihm jedes Bekenntnis zu einer Dok-
trin oder einer etikettierten Meinung verdächtig machen.
Tatsache
ist, daß die Prager Juden der alten Monarchie, ständig zwischen
den beiden streitenden Nationalitäten hin- und hergerissen, die um
ihre Wahlstimmen werben und am Ende den Kampf geradezu auf
ihrem Rücken austragen, gar nicht imstande sind, »Ideen« zu ver-
treten, wenn sie überhaupt das Recht haben, solche auszudrücken;
sie können sich allenfalls für diese oder jene Partei
erklären
, ihre
Stimmen im Tausch gegen gewisse Vorteile oder ein wenig Frieden
versprechen und das Lager wechseln, wenn sie sich hintergangen
oder, noch schlimmer, in ihrer Person und ihrer Habe von denen,
die zu unterstützen sie für richtig hielten, bedroht fühlen. Schon
Herzl kennzeichnete sie bitter, diese »kleinen Juden von Prag, die
braven Kaufleute des Mittelstandes, die friedlichsten aller friedli-
chen Bürger. […] In Prag warf man ihnen vor, daß sie keine
Tschechen, in Saaz und Eger, daß sie keine Deutschen seien. […]
woran sollten sie sich denn halten? […] Die beiden streitenden
Volksstämme in Böhmen haben merkwürdigerweise eine neue Va-
riante zur alten Postillonsgeschichte gefunden. In dieser Anekdote
begegnen einander zwei Postkutschen auf einem schmalen Wege.
Keiner der Postillons will ausweichen, und im Wagen sitzt hüben
wie drüben ein Jude. Da schnalzt jeder Kutscher mit der Peitsche
nach dem jenseitigen Fahrgast: ›Haust du meinen Juden, hau’ ich
deinen Juden!‹ Aber in Böhmen wird noch hinzugefügt: ›Und mei-
nen auch!‹, so daß die böhmischen Juden für eine Fahrt doppelte
Prügel erhalten. Freilich hatten sie versucht, als blinde Passagiere
in dem Nationalitätenhader durchzukommen.«
Inmitten dieser
schamlosen Streiter, deren Haß immer auf sie selber zurückfällt,
können die »friedlichen Kaufleute« von Prag es sich nicht leisten,
Meinungen zu haben; sie sind buchstäblich ohne Glauben und
ohne Gesetz, genauer gesagt, sie haben kein anderes Gesetz als ihr
Geschä�sinteresse und keinen anderen Glauben als den, den sie
zum Überleben brauchen, indem sie ihren hart erworbenen Wohl-
stand oder Reichtum schützen und womöglich mehren. Auch in
dieser Hinsicht unterscheidet sich Hermann Ka�a sicher nicht von
49
den meisten Juden in seiner gesellscha�lichen Stellung, und wenn
sein Sohn in bezug auf die lächerlichen Ansichten des Empor-
kömmlings sagt: »Wie Du zum Beispiel leicht Dich von meist nur
scheinbar höherstehenden Personen blenden ließest und davon im-
merfort erzählen konntest, etwa von irgendeinem kaiserlichen Rat
oder dergleichen […]«
0
, oder wenn er ihm sein grenzenloses
Selbstvertrauen vorwir�: »Deine Meinung war richtig, jede andere
war verrückt, überspannt, meschugge, nicht normal. […] Du konn-
test zum Beispiel auf die Tschechen schimpfen, dann auf die Deut-
schen, dann auf die Juden, und zwar nicht nur in Auswahl, sondern
in jeder Hinsicht, und schließlich blieb niemand mehr übrig außer
Dir. Du bekamst für mich das Rätselha�e, das alle Tyrannen haben,
deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet
ist«

– dann zeichnet er ein Porträt, das zwar unverkennbar per-
sönliche Züge trägt, in dem sich aber, unabhängig von Unterschie-
den des Temperaments, viele andere Väter, viele andere jüdische
Geschä�sleute bestimmt hätten wiedererkennen können. So maß-
los, so jähzornig und tyrannisch Hermann Ka�a im öffentlichen
und privaten Leben auch sein mag, er ist wahrscheinlich ein typi-
scher Vertreter des Prager Judentums um die Jahrhundertwende, so
wie die Geschichte dieses kleinen Landstriches es geformt hatte; der
politische Opportunismus, der völlige Mangel an Überzeugungen
sowie der naive Snobismus, worin sich seine ganze Philosophie er-
schöp�, mögen bei anderen eine anders dosierte Mischung einge-
hen, doch sind sie allemal das Ergebnis einer unhaltbaren gesell-
scha�lichen Stellung zwischen mächtigen antagonistischen Kräf-
ten, die sie weder besiegen noch dauerhaft für sich gewinnen
können.
So wie Ka�a bereits im Gymnasium Sozialist wird, aus Haß auf
die Unterdrückung, die sich ihm sehr früh zu erkennen gegeben
hat, so reagiert er auf das zynische Strebertum, die opportunisti-
schen Tendenzen und den Skeptizismus seines Milieus in der Weise,
daß er sich selbst in bezug auf Meinungen äußerste Zurückhaltung
auferlegt, die an sich schon einer Verurteilung gleichkommt. Dort,
wo ihre fatale Lage die Prager Juden dazu zwingt, ständig ihre
Meinung nach Maßgabe dessen zu ändern, was sie als ihr augen-
blickliches Interesse erachten, da enthält sich Ka�a der Stellung-
nahme, so wie es dem »blinden Passagier« ansteht, der er seiner
Meinung nach ist. In allem, was den »amtlichen« Teil seines Lebens
betri�, nach dem Terminus, den er im
Schloß
verwendet, wenn er
50
die kollektive Sphäre beschreibt, fällt er Urteile einzig in bildlicher
Form, die, weil die freieste, am besten geeignet ist, die Rechte der
verhandelten Sache wahrzunehmen. Nicht, daß er keine Meinun-
gen hätte – »privat« hat er sogar sehr entschiedene Meinungen, die
er fanatisch vertritt –, doch in den langen, von ständigen Einwän-
den unterbrochenen Sätzen, in die er sein Denken kleidet, erörtert
er die einfachsten Belange, indem er das Für und Wider geradezu
ins Unendliche gegeneinander abwägt, und sein Urteil erschöp�
sich im gründlichen Studium der Akten, so als würde das Schicksal
der Welt von ihrer Wohlbegründetheit abhängen. Als Werk eines
strengen Juristen, der sich zudem bewußt ist, selber in einen
schrecklichen Prozeß verwickelt zu sein, ist Ka�as Urteil im dop-
pelten Sinn des Wortes
zurückhaltend
. Und diese prinzipielle Zurück-
haltung, mit der er sich von der väterlichen Inkonsequenz distan-
ziert, ist nicht nur der wirkungsvollste Protest, den er gegen den
ideologischen Wankelmut der Prager erheben kann, sie wird auch
zum wesentlichen Bestandteil seiner Kunst, zum
Stilprinzip
, das sein
Werk vor der Trivialität des Ideenromans bewahrt.
Wäre da nicht die Verweigerung, die Ka�a seinem Milieu still-
schweigend entgegensetzt, indem er allem widerspricht, was dieses
in gewohnter Weise geschehen läßt oder hochhält, so würde man
den Umschwung kaum verstehen, der sich in ihm, sozusagen von
einem Tag auf den anderen, unter dem Einfluß der jiddischen
Schauspieler oder jedenfalls mit ihrem Eintritt in sein Leben voll-
zieht. Denn nach weitverbreiteter Ansicht stehen Löwy und seine
Wandertruppe am Ursprung der Wandlung, die Ka�a plötzlich
veranlaßt, den »assimilierten« Juden bloßzustellen, und obwohl
sich diese Erklärung auf eine Fülle von Tagebuchnotizen aus dem-
selben Jahr stützt, mag man kaum glauben, daß ein solch zufälliger
äußerer Anlaß für sich allein so entscheidende Wirkung gehabt ha-
ben soll.
Als die Truppe in Prag eintri�, ist Ka�a immerhin schon acht-
undzwanzig Jahre alt und seine Lebensperspektive bereits weitge-
hend bestimmt; er weiß, was er vor allem anderen will – die
Literatur, der er nicht nur dienen, sondern die er
sein
will, und zwar
absolut. Und mag seine Weltauffassung auch noch nicht endgültig
festliegen, so ist sie doch nicht so labil, daß der erstbeste Eindruck
sie erschüttern könnte. Seit Jahren steht er den zionistischen Über-
zeugungen seiner engsten Freunde teilnahmslos gegenüber, selbst
der streitbaren Begeisterung Max Brods gelingt es nicht, ihn zu
5
bekehren. Im Vergleich dazu haben Löwy und seine Schauspieler
außerhalb ihres Berufs nichts sonderlich Bemerkenswertes zu bie-
ten, sie besitzen Leidenscha�, Talent, vielleicht sogar ein wenig
Genie, doch im übrigen sind es eher ratlose arme Leute, vom
shtetl
Abtrünnige, selber schon weit entfernt von dem, was man in ihrer
Heimat Orthodoxie nennt, also ziemlich schlecht gerüstet, einen
verirrten Juden wieder auf den rechten Weg zu bringen. Ständig in
Geldnot und überdies ohne Sinn fürs Praktische, sind sie gezwun-
gen, an jedem Ort zu spielen (in Prag finden sie Unterschlupf im
Café Savoy, einem verrufenen Kaffeehaus, wo ein ignorantes Pu-
blikum ihnen allen möglichen Schimpf antut, der von Beleidigun-
gen bis zu Schlägen reicht), unter materiellen und moralischen
Bedingungen, die ihnen jede Hoffnung nehmen, eines Tages auf
einer Bühne aufzutreten, die ihres Talents würdig ist. So bewun-
dernswert der Eifer und die Selbstverleugnung auch sein mögen,
mit denen sie ihren großen Dichtern dienen, so sind sie doch gewiß
keine Wunderwesen, die das Schicksal dazu ausersehen hat, Kon-
versionen zu bewirken; im übrigen haben sie Ka�a keineswegs zu
ihrer Lebens- und Denkweise bekehrt, sie haben ihn lediglich auf-
gewühlt, indem sie ihm die Wärme eines freien und spontanen
jüdischen Lebens vor Augen führten, das heißt genau das, was Prag
ihm seit jeher versagt hatte.
Daß Ka�a bewegt, man könnte fast sagen erleuchtet ist, als er
über die Schauspieler eine unabhängige jüdische Kunst entdeckt,
eine vorbildlich auf das Leben abgestimmte Kunst, die, von Juden
und für Juden, auf natürliche Weise ihre Bedeutung und Wahrheit
in sich selbst findet, das geht aus den etwa hundert Seiten hervor,
die er der Truppe während der ganzen Dauer ihrer Tournee in sei-
nen
Tagebüchern
widmet. Am 5. Oktober 9 beschreibt er ausführ-
lich das Stück, das er am Vorabend gesehen hat – den
Meschumed
von
Lateiner, ein Drama, in dem es um Schuld und Sühne eines jüdi-
schen Renegaten geht – , sowie die Erregung, in die ihn das Schau-
spiel nicht nur aufgrund seiner Qualitäten, sondern mehr noch
durch die Art der Kommunion versetzt hat, die es zu erzeugen
wußte: »Bei manchen Liedern, der Ansprache ›jüdische Kinder-
lach‹
2
[
sic
], manchem Anblick dieser Frau, die auf dem Podium,
weil sie Jüdin ist, uns Zuhörer, weil wir Juden sind, an sich zieht,
ohne Verlangen oder Neugier nach Christen, ging mir ein Zittern
über die Wangen.«
3
Ka�a, der selten »wir« sagt und selten un-
zweideutig, nicht einmal in jenen Erzählungen, in denen der Held
52
der Chronist eines souveränen Volkes ist – eines Volkes von Hunden,
Chinesen oder Mäusen –, antwortet hier aus vollem Herzen auf den
mütterlichen Ruf der Schauspielerin und nimmt seinen Platz unter
den jüdischen »Kinderlach« der großen Familie wieder ein, von der
er fortgelaufen war. Einen Augenblick lang ist der Kreislauf der
Einsamkeit durchbrochen, zwar nur einen Augenblick; aber ihm,
der sich so häufig anklagt, kalt und verschlossen zu sein, gibt die
bloße Tatsache, sich in der gemeinsamen Wärme schmelzen zu füh-
len, Hoffnung auf Befreiung.
Zwei Tage lang notiert er mit einer Freude, die sich am Rhythmus
seiner Prosa ablesen läßt, alles, womit das Schauspiel ihn beein-
druckt hat: die Handlung mit ihren zahlreichen Verwicklungen; die
Virtuosität der Schauspieler, deren Mienenspiel, Posen und Gesten,
die der Handlung den richtigen Sinn verleihen; die Inszenierung,
die der dramatischen Bewegung entgegenzuwirken scheint, inso-
fern sie die Nebenpersonen in den Vordergrund stellt, während die
wichtigen Dinge im Hintergrund vor sich gehen; schließlich und
vor allem das Au�reten zweier Gestalten im Ka�an – zwei Män-
nerrollen, von denen die eine von einer verkleideten Frau gespielt
wird –, die ihm ungebührlich vorkommen und ihn um so mehr
faszinieren, als er, da er die Tradition nicht kennt, aus der sie stam-
men, nicht genau weiß, was sich in ihnen verkörpert.
»Wollte ich sie jemandem erklären, dem ich meine Unwissenheit
nicht eingestehn will, würde ich sehn, daß ich sie für Gemeindedie-
ner halte, für Angestellte des Tempels, bekannte Faulenzer, mit
denen sich die Gemeinde abgefunden hat, irgendwie aus religiösen
Gründen bevorzugte Schnorrer. […] Sie scheinen sich aus jedem
einen Narren zu machen, lachen gleich nach der Ermordung eines
edlen Juden, verkaufen sich einem Abtrünnigen, tanzen, die Hände
vor Entzücken am Wangenhaar, als der entlarvte Mörder sich ver-
gi�et und Gott anru�, und doch alles nur, weil sie so federleicht
sind, unter jedem Druck auf dem Boden liegen, empfindlich sind,
gleich mit trockenem Gesicht weinen (sie weinen sich in Grimassen
aus), sobald der Druck aber vorüber ist, nicht das geringste Eigen-
gewicht au�ringen, sondern gleich in die Höhe springen müs-
sen.«
4
Diese von einer geheimnisvollen Gnade beschützten zwei
Taugenichtse, einer Gnade, die er aufs Geratewohl für religiösen
Ursprungs hält, fesseln Ka�a offensichtlich wegen ihrer zweideuti-
gen Funktion und ihrer außerordentlichen Freiheit; doch die Be-
deutung, die sie plötzlich für ihn gewinnen, erschöp� sich nicht im
53
Verlauf eines einzigen Abends, sie werden nicht mehr au�ören, ihn
zu beschä�igen, und in seinem Werk immer wieder au�reten, mit
der gleichsam unschuldigen Unmoral sowie der ganzen Nutzlosig-
keit, der ganzen übernatürlichen oder menschenfernen Leichtig-
keit, die die Tradition ihnen verliehen hat.
Denn aus den beiden Gestalten des
Meschumed
von Lateiner ent-
steht allmählich das Paar der schmarotzenden, bosha�en, verloge-
nen, lüsternen Possenreißer, das Ka�a in der Regel seinem Helden
zur Seite stellt, damit sie ihn leben lehren und von seinem tödlichen
Ernst heilen (in seinem Fall hat das Wort wirklich seine wörtliche
Bedeutung; genauso verstehen es übrigens die Herren im
Schloß
wenn sie es auf K. münzen und damit den Mangel an Leichtigkeit
betonen, der ihn geradewegs ins Verderben zieht). Ebenso die bei-
den Vagabunden, die in
Amerika
vergeblich versuchen, Karl Roß-
mann vom Weg abzubringen; die beiden korrupten Wächter, die
Josef K. verha�en, sowie das irgendeinem �eater entsprungene
Schergenpaar (»An welchem �eater spielen Sie?«), die es zum
Schluß auf sich nehmen, ihn »wie einen Hund« hinzurichten; die
beiden nichtsnutzigen Praktikanten und die beiden Zelluloidbälle,
die in der Geschichte von Blumfeld mit einemmal ihre absurde
Existenz zu erkennen geben, nur um den eingefleischten Junggesel-
len zu drangsalieren und ihm seine Kleinlichkeit bewußt zu ma-
chen; und vor allem die beiden Gehilfen im
Schloß
, Geschöpfe
jenseits von Gut und Böse, die K. den segensreichen Weg der Ver-
antwortungslosigkeit zeigen sollen – alle diese teuflischen und
unschuldigen Zwillinge haben die gleiche wunderbare Geschmei-
digkeit des Körpers und des Geistes, mit der die beiden Clowns des
jiddischen Volkstheaters gesegnet sind. Alle sind in einem tieferen
Sinn die
Geister
einer Wahrheit, die Ka�a eines Abends kurz er-
blickt hat und die er sich immer wieder vor Augen führt, eben weil
sie ihm unerreichbar blieb.
Die beiden Possenreißer des
Meschumed
sind sicherlich nicht die
einzigen Elemente, die Ka�a inspiriert haben, und obwohl wir für
seine anderen Quellen keinen direkten Beleg besitzen, dürfen wir
doch vermuten, daß bestimmte Szenen in seinen Romanen, be-
stimmte Mienenspiele und Gebärden seiner Personen oder sogar
bestimmte Themen seiner Erzählungen aus demselben Fundus
stammen, nur daß sie bei ihm aus der Sicht des
späten
Juden um-
gestaltet sind, den die Tradition bestenfalls noch staunen macht
und dem sie schlimmstenfalls zur Parodie Anlaß gibt. Einem Autor
54
zufolge, der die 9 und 92 von Löwy in Prag aufgeführten
Stücke gründlich untersucht hat, verdankt Ka�a ihnen unendlich
viel mehr, als seine
Tagebücher
vermuten lassen; er soll ihnen ganze
Szenen oder Motive entlehnt haben, und zwar in Texten, die so
offenkundig inspiriert sind, daß man gar nicht auf die Idee kommt,
nach äußeren Quellen zu forschen.
5
Die berühmte Szene des
Urteil
in der der Sohn den Vater auf die Arme nimmt, um ihn ins Bett zu
tragen, habe ihre direkte Parallele in dem Stück
Gott, Mensch und
Teufel
von Gordin, wo der ruchlose Sohn – er hat seine Seele dem
Teufel verkau� und treibt sich, wie Georg, selbst in den Tod – eben-
falls den alten senilen Vater in die Arme nimmt und zu Bett bringt,
um seinen Anschuldigungen und seinem Geflenne ein Ende zu set-
zen. Auch die Schlußszene des Dramas
Kol Nidre
von Scharkansky
hat, diesem Autor zufolge, frappierende Ähnlichkeiten mit dem
Ur-
teil
– hier wie dort wir� sich ein Vater zum Richter über sein Kind
auf und verurteilt es unwiderruflich zum Tode.
Eine erstaunliche thematische Übereinstimmung soll auch zwi-
schen der
Verwandlung
– bekanntlich hängt die Idee dazu mit
Hermann Ka�as Worten über Löwy zusammen – und
Der wilde
Mensch
von Gordin bestehen, worin ein (von Löwy gespielter) Idiot
vorkommt, der nach und nach zum Tier wird und auf allen vieren
durch das Zimmer kriecht, in dem seine Familie ihn eingesperrt
hält. Hervorzuheben ist schließlich Ka�as Vorliebe für theatrali-
sche Haltungen, übertriebenes und groteskes Mienenspiel, beiseite
gesprochene Erwiderungen, die die Isolierung des Helden hervor-
heben, sowie seine ständige Verwendung des Gesangs und der
Musik als Indizien für eine schlecht definierte, ebenso zweideutige
wie wesentliche geistige Einstellung. Aus allen diesen Merkmalen,
die seiner erzählenden Prosa in der Tat eine außergewöhnliche
�eatralik verleihen, darf man schließen, daß Löwys Einfluß so-
wohl an Tiefe wie an Dauer weit größer war, als die Kritik ihm
einhellig zubilligt – unter dem Vorbehalt allerdings, daß die ent-
liehenen Elemente, aus dem religiösen Rahmen herausgelöst, in
dem sie ihre erste Ordnung fanden, bei ihm umgekehrt wie ihre
Vorbilder funktionieren und nicht ihre Unvergänglichkeit, sondern
die komische Absurdität ihres Überlebens sowie die Umwendung
ihres Sinns ins Ungehörige zu erkennen geben.
Obwohl die oben vorgetragene �ese, die die Entstehung dieser
oder jener Erzählung auf einen äußeren Einfluß zurückführt, die
Hauptsache verkennt – das heißt die psychische »Überdeterminie-
55
rung«, die in Ka�as Innenleben wie im Traum, dem es verwandt
ist, die Organisation der Bilder beherrscht –, unterstreicht sie doch
verdienstvollerweise, wie empfänglich der Schri�steller, trotz seines
Reinheitsfanatismus, noch für die bescheidenste Volkskunst ist,
auch wenn sie sich in unreiner, ziemlich degenerierter Form zeigt.
Denn das jiddische �eater, das so tiefe Klänge in ihm weckt, be-
findet sich keineswegs auf seinem Höhepunkt, sondern ist im
Niedergang begriffen, die Tradition ist zur Konvention erstarrt, und
was es dem Publikum bietet, hat nicht viel mit Kunst zu tun, es will
einzig zerstreuen und erbauen. Sein im ganzen eher mittelmäßiges
und sehr gemischtes Repertoire enthält neben ernsten Dramen bi-
blischer oder weltlicher Inspiration zahlreiche triviale Rührstücke,
Familienstücke, die ein Amalgam aus Melodram, Operette und
Varieté bilden.
6
Das Repertoire, das Löwy 9 und 92 in Prag
vorstellt, ist sicherlich frei von dieser Trivialität; man findet hier
Werke von Goldfaden und Gordin, zwei begabten Schri�stellern,
deren Gespür für Dramatik stark genug ist, um der Tradition neues
Leben einzuhauchen; Stücke von Lateiner, Scharkansky, Feimann,
achtbaren Autoren, die der Volkskunst näherstehen und literarisch
plumper sind
7
; doch nichts von alledem geht über die Grenzen
eines rein lokalen �eaters hinaus, und im Café Savoy leiden die
Stücke überdies unter der Beengtheit der Bühne, der fehlenden
Ausstattung, den unzureichenden Proben und der mangelha�en
Berufsauffassung mancher Schauspieler, die ihren Text nicht kön-
nen oder schamlos irgendwelche Possen treiben. Unter so ungün-
stigen und auch so wenig begeisternden Bedingungen fällt es
schwer, Ka�as Überschwang und die Veränderung zu begreifen –
die zwar weniger endgültig ist, als zuweilen behauptet wird, aber in
einem für ihn wichtigen Sinn durchaus real ist –, welche der Um-
gang mit der Truppe in seinem Leben hervorru�. Man kann kaum
glauben, daß das Schauspiel ihn so sehr aus sich selbst herauszu-
reißen vermag, daß er, nachdem er die
Sejdernacht
von Feimann
gesehen hat, schreibt: »Zuzeiten griffen wir […] nur deshalb in die
Handlung nicht ein, weil wir zu erregt, nicht deshalb, weil wir bloß
Zuschauer waren.«
8
Dennoch muß man es glauben, denn alles
liegt in diesem »wir« und diesem »zu erregt«, mit dem Ka�a sich
leidenscha�lich der hingerissenen Menge anschließt, bis er so
naiv
wird wie sie und nicht mehr den geringsten Unterschied zwischen
Fiktion und Wirklichkeit spürt.
Das jiddische �eater mag zwar zu einer niederen und unreinen
56
Gattung gehören, dennoch erreicht es, was zu leisten auch die er-
habenste Kunst sich nicht immer rühmen kann: eine totale Öffnung
von Körper und Seele, eine fast fleischliche Einheit zwischen Saal
und Bühne, einen Augenblick der Selbstvergessenheit, in dem jeder
sich in allen verliert. Die Verachtung der Ästheten oder der He-
braisten vermag nichts gegen die intensive Zirkulation von Gefüh-
len und Vorstellungen, die die kleine Truppe zu erzeugen weiß und
die, indem sie mit einem Schlag die Unterschiede des Alters, des
Geschlechts und des Rangs au�ebt, den engen Kreis der Individua-
lität sprengt. Ka�a jedenfalls schließt sich ihren Kritikern nicht
an, auch wenn er die schlechten Bedingungen beklagt, unter denen
die Schauspieler arbeiten müssen; und er fühlt sich von dem, was
vielen für abstoßend gilt, nicht nur angeregt, sondern er verneigt
sich vielleicht als einziger unter den Juden der intellektuellen Elite
tief vor Löwy, den er »im Staub bewundern möchte«, weil er an ihm
wahrnimmt, was in seinen Augen das Wesen des Genies ausmacht:
die seltene Verbindung von Kreativität und Bescheidenheit.
Monatelang widmet Ka�a einen großen Teil seiner Abende den
Aufführungen im Café Savoy und trägt peinlich genau in sein Ta-
gebuch ein, was zu den Schauspielern Bezug hat, mit denen er sich
sofort angefreundet hat. Nach der Vorstellung setzt er sich o� zu
ihnen an den Tisch, hört ihnen zu, wenn sie über ihre Geschä�e
sprechen, über ihre Pläne diskutieren und sich gelegentlich zanken,
denn die Truppe ist nicht so einträchtig, daß das Zusammenleben
immer bequem wäre. Wie um besser am privaten Leben des kleinen
Familienclans teilzunehmen – Löwy ist Junggeselle, die meisten
anderen jedoch sind verheiratet –, verliebt er sich sogar in die »Pri-
madonna«, Frau Tschissik, die Schauspielerin, die dem gemeinsa-
men Werk offensichtlich am ergebensten ist und von den Aufmerk-
samkeiten dieses vornehmen Herrn – eines »Doktor ihrer
Einbildung«, sagt Ka�a, ohne sich allzusehr zu täuschen – im üb-
rigen eher verwirrt zu sein scheint.
9
Doch vor allem fesselt ihn an
diese sowohl nahen wie fremden Leute offensichtlich die liebens-
würdige Persönlichkeit Löwys, der ihm als Person wie als Schau-
spieler durch seine Art, Dinge und Ideen in Brand zu stecken,
ebensoviel Respekt wie Verwunderung einflößt. Von allen mög-
lichen tatsächlichen oder eingebildeten Krankheiten geplagt und
für die praktischen Aufgaben des Lebens denkbar schlecht gewapp-
net, ist Löwy in Ka�as Sicht insofern vorbildlich, als der Künstler
in ihm den Juden stärkt, statt ihn zu schwächen: Zur Kunst gekom-
57
men, wie man zur Religion kommt, und aus diesem Grunde
gezwungen, mit dem strengen Chassidismus seines Milieus zu bre-
chen, das ihn für »mißraten« hält, ist er einer jener unverbesser-
lichen Juden geblieben, die »ohne Verlangen oder Neugier nach
Christen« überall ihr Volk und ihre Kultur vertreten.
Auf den langen Spaziergängen, die die beiden Männer durch die
Straßen von Prag unternehmen, erzählt Löwy Ka�a seine eigene
Geschichte sowie Geschichten vom Leben im Warschauer Juden-
viertel, vom harten Dasein der Studenten einer Jeschiwa um die
Jahrhundertwende und vom Kampf der jungen Leute um ihre
Emanzipation, von den Riten, Festen, Erzählungen und Legenden
der Wunderrabbi – kurz, alles über die »Juden aus Rußland«, was
Ka�a nicht kennt und dem er nun brennend gern näherkommen
möchte. Dann hält er in seinem Tagebuch diese Geschichts- und
Traditionsbrocken fest, die ihm aus der Tiefe der Zeit hervorzutre-
ten scheinen, und er tut es mit einer Genauigkeit, die zwar ernst-
ha�es Interesse verrät, aber auch das Erstaunen, die Fremdheit des
Neophyten angesichts der neuen Gedankenwelt, in die er einge-
weiht werden möchte. Denn von dem Judentum, das Löwys Be-
richte ihm zu übermitteln versuchen, hat Ka�a notgedrungen nur
indirekt Kenntnis, so daß er, je he�iger sein Wissensdrang ist, desto
lauter über die Entfernung klagt, die ihn von seinem Ziel noch
trennt. Insofern befindet er sich etwa in der Lage des Forschers oder
des Ethnologen, der sich, wenn er »im Feld« die Bräuche eines
primitiven Volksstammes erforscht, über alles wundert, solange er
den Schlüssel zum Verhalten der Menschen nicht gefunden hat und
die Banalität hinter dem verwirrenden Faktum nicht zu erkennen
vermag. Ka�a hat den Schlüssel nicht, soviel steht fest, und die
geradezu wissenscha�liche Aufmerksamkeit, die er seinen Beob-
achtungen schenkt, reicht nicht aus, ihn ihm zu verschaffen, zumal
in seinem Fall der Ethnologe nicht vergessen kann, daß der betref-
fende Volksstamm, so exotisch er ihm erscheinen mag, eben derje-
nige ist, in dem er geboren wurde.
Dennoch führt Kafka seine Untersuchung mit großem Eifer
durch, und wenngleich sein Interesse letztlich mehr den Menschen
als den Ideen gilt, bestärkt ihn, was er dank dem jiddischen �eater
und Löwy lernt, erst recht in seinem Wunsch, seine Wissenslücken
zu füllen, indem er wenigstens die jüdischen Schri�en liest, die ihm
unmittelbar zugänglich sind. Daß zwischen seiner Begegnung mit
der Truppe und dem Beginn dieser Lektüre eine unmittelbare Be-
58
ziehung besteht, das beweist ziemlich eindeutig ein Vergleich der
Daten: Der ersten Vorstellung wohnt er am 5. Oktober 9 bei,
und am . November schreibt er in sein Tagebuch: »Heute be-
schichte des Judentums‹ von Graetz
20
gierig und glücklich zu lesen
angefangen. Weil mein Verlangen danach das Lesen weit überholt
hatte, war es mir zuerst fremder, als ich dachte, und ich mußte hie
und da einhalten, um durch Ruhe mein Judentum sich sammeln zu
lassen. Gegen Schluß ergriff mich aber schon die Unvollkommen-
heit der ersten Ansiedlungen im neu eroberten Kanaan und die
treue Überlieferung der Unvollkommenheit der Volksmänner (Jo-
suas, der Richter, Elis).«
2
Im Januar 92 zählt er seine Lektüre
und die Anstrengungen, die er für die Schauspieler unternimmt, zu
den Gründen für die Unterbrechung seines Tagebuchs: »[…] las
Fines ›L’histoire de la Littérature Judéo-Allemande‹, fün�undert
Seiten, und zwar gierig, wie ich es mit solcher Gründlichkeit, Eile
und Freude bei ähnlichen Büchern noch niemals getan habe; jetzt
lese ich Fromer ›Organismus des Judentums‹; endlich hatte ich mit
den jüdischen Schauspielern viel zu tun, schrieb Briefe, habe beim
zionistischen Verein durchgesetzt, daß die zionistischen Vereine
Böhmens befragt werden, ob sie Gastspiele der Truppe haben wol-
len, das nötige Rundschreiben habe ich geschrieben und vervielfäl-
tigen lassen; habe noch einmal ›Sulamith‹ [von Goldfaden] gesehn
und einmal ›Herzele Mejiches‹ von Richter, war beim Volksliedera-
bend des Vereins Bar-Kochba.«
22
Zwei Tage nach dieser Bilanz
seiner jüdischen Tätigkeiten, zu denen er sich sichtlich beglück-
wünscht, überträgt er diejenigen Passagen aus dem Buch von Pines
in sein Tagebuch, die ihn besonders interessieren, entweder weil er
nützliche Hinweise darin findet – über die Haskala zum Beispiel,
über die er offensichtlich nicht viel weiß –, oder weil sie mit seinen
eigenen Gedanken übereinstimmen.
23
In dieser ganzen Zeit halten
ihn die jüdischen Schri�en in Atem, und obwohl er von den Bü-
chern kaum ein klares Bewußtsein seiner Identität erwarten kann,
die das Leben ihm vorenthalten hat, entdeckt er durch sie doch
ungenutzte Quellen in sich, die ihm die Hoffnung geben, ein ande-
rer Mensch zu werden, ein fast selbstsicherer, fast zufriedener, vom
ständigen Bedürfnis, sich selbst anzuschwärzen, beinahe befreiter
Mensch. Schreibt er einen Brief in der Absicht, Löwy zu helfen, so
hält er ihn sofort für »gut«: »Jedes Leben des Briefes beruhigte und
stärkte mich, so sehr war darin unausgesprochener Bezug auf alles
Gute in mir genommen.«
24
»Gut« – das ist, auf sein Denken und
59
Handeln bezogen, gewiß kein Wort, das er zu benutzen pflegt, daher
markiert es in dem harten Kampf, den er sich selbst liefert, einen
bemerkenswerten Augenblick der Rast.
Nicht, daß er von seiner Angst und seinem Schuldgefühl befreit
wäre – er ist es nicht, und die wenigen Illusionen, die er sich in
dieser Hinsicht macht, werden ihm gleich zu Beginn seiner Bezie-
hung mit Felice genommen – , aber unter dem Einfluß des jüdischen
Lebens, das die Menschen und die Bücher in ihm zum Schwingen
bringen, fühlt er sich stärker, entschlossener, williger, sich so zu
akzeptieren, wie er ist, und damit auch fähiger, sich einer gemein-
samen Sache zu verschreiben, und müßte er dafür den ungeheuren
Teil an Zeit und Energie verringern, den die Literatur bereits zu
verschlingen beginnt (während dieser ganzen Zeit schreibt er
nichts, doch entgegen seiner Gewohnheit notiert er es, ohne sich
allzusehr deswegen zu beklagen oder anzuklagen). Nie wieder sieht
man ihn in seinen
Tagebüchern
sich seines Talents so bewußt, so stolz
auf seine Geschicklichkeit und seine Handlungsmöglichkeiten wie
an dem Tag, da es ihm, nachdem er einen Vortragsabend für Löwy
organisiert hatte, gelingt, seine Hemmungen zu überwinden und
sein Publikum in Bann zu ziehen. Zwar peinigt ihn zwei Wochen
lang Tag und Nacht die Angst zu scheitern, er ist nervös, »unbe-
herrschbaren Zuckungen überlassen«, fiebrig, so daß er das Blut in
seinen Adern »wie kleine Feuerchen« springen fühlt; doch kaum hat
er sich an die Arbeit gemacht, siegt die Begeisterung über die
Angst. »Kälte und Hitze wechselt in mir mit dem wechselnden Wort
innerhalb des Satzes, ich träume melodischen Aufschwung und
Fall, ich lese Sätze Goethes, als liefe ich mit ganzem Körper die
Betonungen ab.«25 Und wenige Tage später, als er die Prüfung glän-
zend bestanden hat, zieht er die Bilanz des Nutzens, den er trotz
aller Schrecken und quälenden Zweifel daraus gezogen hat:
»Freude an Löwy und Vertrauen zu ihm, stolzes, überirdisches Be-
wußtsein während meines Vertrags (Kälte gegen das Publikum, nur
der Mangel an Übung hindert mich an der Freiheit der begeisterten
Bewegung), starke Stimme, müheloses Gedächtnis, Anerkennung,
vor allem aber die Macht, mit der ich laut, bestimmt, entschlossen,
fehlerfrei, unaufhaltsam, mit klaren Augen, fast nebenbei, die
Frechheit der drei Rathausdiener unterdrücke und ihnen statt der
verlangten zwölf Kronen nur sechs Kronen gebe und diese noch wie
ein großer Herr. Da zeigen sich Krä�e, denen ich mich gern anver-
trauen möchte, wenn sie bleiben wollten. (Meine Eltern waren
60
nicht dort.)«
26
Überirdisches Bewußtsein, Stärke, Vertrauen,
Macht und klare Augen – das alles ist freilich beschattet von dem
Klammersatz, über den sein Traum stolpert: Seine Eltern waren
nicht anwesend, und ihretwegen oder, genauer, wegen des Kon-
flikts, auf den diese vielsagende Abwesenheit verweist, werden die
Krä�e, die sich ihm gezeigt haben, nicht bleiben wollen. Doch wie
immer es um ihr Schicksal bestellt sein mag, nie wieder wird er
ähnlich einfache und positive Worte finden, sie zu beschwören, nie
mehr wird er so frei sein gegenüber dem schrecklichen inneren
Richter – oder dem Überich, um ihn bei seinem Freudschen Namen
zu nennen –, der im voraus alle seine Initiativen verurteilt und ihn
vorab daran hindert zu leben (auch wird er nie wieder so deutlich
sagen, wie überaus hoch er die rein gesellscha�lichen Tugenden –
Tatkra�, Selbstvertrauen, Lebensmut – einschätzt, die mit seiner
privaten Hierarchie am allerwenigsten vereinbar sind). Und selbst
wenn die
Rede über die jiddische Sprache
27
nicht der wunderbare Text
wäre, den wir kennen, so läge ihr unschätzbarer Wert schon allein
darin, daß sie es vermochte, Übereinstimmung herzustellen nicht
nur zwischen Ka�a und sich selbst, zwischen ihm und den Juden,
zwischen dem Westjuden und dem Jiddischen, sondern ebenso zwi-
schen ihm und der deutschen Sprache, die zu brauchen ihm Goethe
persönlich, sein Gott Goethe, das Recht gegeben hat.
Für diese Rede, die in erster Linie Löwys Erfolg sichern soll, läßt
sich Ka�a sichtlich von Fines’ Werk und besonders von Charles
Andlers Vorwort inspirieren, das ihm genau zur rechten Zeit Gele-
genheit gibt, seine philologischen Kenntnisse aufzufrischen. Frei-
lich interessiert ihn das Wissen des Spezialisten nicht als solches, er
benutzt es lediglich, um den Zuhörern zu beweisen – im großen und
ganzen wohlhabenden Geschä�sleuten, die auf ihre deutsche Kul-
tur sehr stolz sind –, daß sie sich an diesem Abend weniger
entfremdet fühlen werden, als sie es sichtlich befürchten: Das Jid-
dische ist ihnen nicht so fremd, daß sie es nicht verstehen könnten,
unter der Voraussetzung allerdings, daß sie sich nicht hartnäckig
dagegen sträuben. Aber das Jiddische ist auch vom Neuhochdeut-
schen, vor dem sie Respekt haben, nicht gar so weit entfernt, es
besteht aus derselben Substanz, in gewissem Sinne ist es sogar noch
edler und reiner, weil sich in ihm die authentischen Formen des
Mittelhochdeutschen am besten bewahrt haben.
Woher kommt dann die Angst vor dem Jiddischen, dem »Jar-
gon«, die Ka�a auf den Gesichtern seiner Zuhörer zu sehen meint?
6
Diese Angst, die »mit einem gewissen Widerwillen auf dem Grunde
schließlich verständlich [ist] wenn man will«, kann er persönlich
mühelos erklären, er weiß aus Erfahrung, daß sie die Kehrseite
einer falschen Sicherheit ist, und er sagt es schonungslos, in einem
Ton, dessen Ironie seine Härte kaum mildert: »Unsere westeuropäi-
schen Verhältnisse sind, wenn wir sie mit vorsichtig flüchtigem
Blick ansehn, so geordnet; alles nimmt seinen ruhigen Lauf. Wir
leben in einer geradezu fröhlichen Eintracht, verstehen einander,
wenn es notwendig ist, kommen ohne einander aus, wenn es uns
paßt, und verstehen einander selbst dann; wer könnte aus einer
solchen Ordnung der Dinge heraus den verwirrenden Jargon ver-
stehen, oder wer hätte Lust dazu?« Als furchterregend und Verwir-
rung sti�end wird das Jiddische deshalb empfunden, weil es die
sprachliche Illusion zerstört, auf der die Prager Juden alle ihre Be-
ziehungen gründen; es erschreckt nur deshalb, weil es »die gera-
dezu fröhliche Eintracht« brutal entlarvt, die der Gebrauch der
deutschen Sprache geschaffen hat, ein unangemessener und über-
dies wirkungsloser Gebrauch, der allenfalls eine Parodie der Kom-
munikation ermöglicht {»wir kommen ohne einander aus, wenn es
uns paßt, und verstehen einander selbst dann«
28
). Aber, sagt
Ka�a, um sein Publikum zu beruhigen oder, genauer gesagt, um
die unter der Ruhe verscharrte wahre Unruhe zu wecken, trotz
allem kann man dem Jiddischen nahe kommen, »wenn Sie beden-
ken, daß in Ihnen außer Kenntnissen auch noch Krä�e tätig sind
und Anknüpfungen von Krä�en, welche Sie befähigen, Jargon füh-
lend zu verstehen. […] Wenn Sie aber einmal Jargon ergriffen hat –
und Jargon ist alles, Wort, chassidische Melodie und das Wesen
dieses ostjüdischen Schauspielers selbst –, dann werden Sie Ihre
frühere Ruhe nicht mehr wiedererkennen. Dann werden Sie die
wahre Einheit des Jargon zu spüren bekommen, so stark, daß Sie
sich fürchten werden, aber nicht mehr vor dem Jargon, sondern vor
sich.«
29
So muß die Furcht vor dem Jargon und allem, was in ihm an-
klingt, den Westjuden zu einer durchaus begründeten Furcht brin-
gen, nämlich der Furcht, die er bei seinem eigenen Anblick
empfinden würde, falls er vor lauter Selbstverleugnung nicht blind
wäre. Und diese Furcht wäre nicht zu ertragen, fügt Ka�a mit der
Autorität des Sachverständigen hinzu, »wenn nicht gleich aus dem
Jargon das Selbstvertrauen über Sie käme, das dieser Furcht stand-
hält und noch stärker ist. Genießen Sie es, so gut Sie können! Wenn
62
es sich dann verliert, morgen oder später – wie könnte es sich auch
an der Erinnerung an einen einzigen Vortragsabend halten! –, dann
wünsche ich Ihnen aber, daß Sie auch die Furcht vergessen haben
möchten. Denn strafen wollte ich Sie nicht«.
30
Ungeachtet aller
Konventionen, die derartige Veranstaltungen prägen, entschließt
sich Ka�a, Anstoß zu erregen, indem er die Leute vor das Gericht
ihres Gewissens stellt. Und obschon er in diesem Prozeß die Rolle
des Staatsanwalts spielt, vergißt er doch gewiß nicht, daß er seit
jeher einen auserwählten Platz unter den Angeklagten innehat. Die
Furcht, die er im Saal hervorrufen will, ist auch die Furcht, die er
seit kurzem als die seine erkennt; über die Kra� und das Selbstver-
trauen, die er dem Westjuden verspricht, der sich mit dem Jargon
ausgesöhnt hat, weiß er Bescheid, denn ihnen verdankt er die In-
spiration für seine Rede sowie seine Freiheit gegenüber dem Publi-
kum. Was seine Skepsis bezüglich der Dauer dieser wohltuenden
Krä�e betri�, so bringt er sie augenscheinlich sowohl für sich wie
für seine Zuhörer zum Ausdruck, und nicht ohne Grund, denn er
ahnt sie bereits und wird nur allzu bald Gelegenheit haben, sie zu
verifizieren.
Denn kurz nach diesem denkwürdigen Abend, an dem Ka�a
eine fast wunderbare Verwandlung voraussah, begegnet er Felice
und beschließt zu heiraten, was ihn mehr denn je in die Hölle seiner
inneren Konflikte stürzt und ihn gleichzeitig ins Elend des verwest-
lichten Juden zurückstößt, dem er einen Augenblick lang, trotz
allem, entkommen zu können meinte. Bei der Prüfung, der er sich
nun stellen muß – denn es ist eine Prüfung, von der er den Rest
seines Lebens abhängig macht –, sind ihm die Ostjuden keinerlei
Hilfe, sie haben ihm nichts anderes mitzuteilen als das, was sie sind,
und eben das läßt sich nicht vermitteln. Soviel Bewunderung und
Respekt sie ihm einflößen, in Wahrheit hat er nicht teil an ihrem
Dasein, und auch sie können ihn, trotz aller Freundscha�, nur für
einen Herrn halten, einen Fremden, was er aufgrund seiner Spra-
che, seiner Erziehung, seines Titels, seiner Literatur und vor allem
seiner gesellscha�lichen Stellung ja wirklich ist. Doch die unüber-
windbare Klu�, die er zwischen diesen Menschen und sich feststel-
len muß, verleitet ihn keineswegs dazu, sein Urteil zu ändern, im
Gegenteil, die Gewißheit, die er durch die Berührung mit ihnen
gewonnen hat, wird dauerha� gestärkt, und sein Leben lang sind
die Ostjuden für ihn Repräsentanten der einzigen Form jüdischen
Lebens, die zu verteidigen und zu lieben sich noch lohnt.
63
Aus der Entdeckung der jüdischen Kultur ergibt sich für Ka�a
der scharfe Gegensatz zwischen dem Ostjuden und dem Westjuden,
dessen vollendeter Typus er selber ist. Bescheiden und stolz, mit
einer Lebenslust begabt, die dem Reinheitsbegehren keinen Ab-
bruch tut, ist der Ostjude in seinen Augen all das, was der Westjude
verloren hat, als er sich zivilisieren wollte. Jener ist edel und wahr-
ha�ig, ohne Adel und Wahrha�igkeit anzustreben; dieser ist ein
verstümmeltes Geschöpf, seelisch krank, lebensuntüchtig und nicht
einmal wert, sich fortzupflanzen.
3
Natürlich hat dieser Gegensatz
nichts von einer theoretisch untermauerten �ese, er gründet viel-
mehr in einer äußerst komplexen Mischung aus Gefühlen und
Ideen, in der die Sehnsucht nach einem Wesen überwiegt, das mit
den Krä�en des Lebens in Einklang steht und gerade dadurch mit
seinem »Boden«, seiner Sprache, seinem Gebot eine unzerstörbare
Einheit bildet.
32
Wenn man so will, ist das ein Glaubensartikel, der,
da er die jüdische Welt in zwei Teile spaltet, seiner eigenen Suche
nach einer Identität ein weiteres unüberwindbares Hindernis in
den Weg stellt. Aber niemals hat er ihn ganz aufgegeben, niemals –
was immer Max Brod darüber sagen mag, um ihre Bedeutung ab-
zuschwächen
33
– hat er aufgehört, die Antinomie zwischen Ost und
West als Grundlage seines jüdischen Denkens aufrechtzuerhalten,
und zwar ausnahmsweise einmal ohne sie zu differenzieren. Den-
noch war sie ihm verhängnisvoll, denn da er selbst zur Kategorie
der verdammten Juden gehörte, ließ sie ihm keine Hoffnung, sei-
nem Schicksal als nutzlosem, unvollständigem, gesellscha�lich und
geistig unfruchtbarem Geschöpf zu entgehen.
34
So haben die Le-
benskrä�e, deren er teilha�ig zu werden meinte, als er sich aus
vollem Herzen einem authentischen Judentum öffnete, ihn nicht
beflügelt, sondern sich letztlich gegen ihn gewendet und ihm kaum
etwas anderes bewiesen als die Notwendigkeit seines Exils.
64
Kapitel IV
Der Dornbusch
Trotz seiner anfänglichen Begeisterung und der Verwandlung, de-
ren positive Zeichen er in sich entdeckt (die negativen werden in
seiner geschriebenen
Verwandlung
nur um so schrecklicher sein),
kann sich Ka�a dem Ostjudentum ebensowenig assimilieren –
wenn es hier erlaubt ist, den Sinn des üblichen Ausdrucks umzu-
kehren –, wie sein Landvermesser den Gerstäcker und Lasemann
am entgegengesetzten Ende ähnlich wird, am äußersten westlichen
Horizont, dessen Zivilisation der Graf West-West verkörpert. Selbst
wenn ihm diese Art umgekehrter Assimilation anfangs vielleicht
nicht undenkbar erscheint, so beginnt er doch rasch daran zu zwei-
feln, daß das jiddische �eater ihm dabei eine taugliche Hilfe sein
kann, und im Januar 92 – also einen Monat vor dem Abend, an
dem er seine Rede hält – schreibt er in sein Tagebuch: »Die Ein-
drucksfähigkeit für das Jüdische in diesen Stücken verläßt mich.
[…] Bei den ersten Stücken konnte ich denken, an ein Judentum
geraten zu sein, in dem die Anfänge des meinigen ruhen und die
sich zu mir hin entwickeln und dadurch in meinem schwerfälligen
Judentum mich au�lären und weiterbringen werden, statt dessen
entfernen sie sich, je mehr ich höre, von mir weg. Die Menschen
bleiben natürlich und an die halte ich mich.«
Als er ho�e, in Löwys Darbietungen einen Anstoß zu finden, der
stark genug wäre, sein »schwerfälliges« Judentum aufzuwecken
und zu leiten, nahm Kafka die Gefahr einer schweren Enttäu-
schung in Kauf. Und enttäuscht wird er in der Tat. Aber sosehr ihm
das jüdische Element – das heißt das religiöse Element – letztlich
unfaßbar wird, so sehr bleibt er den Menschen verbunden, die ihm
doch einzig deshalb so bewundernswert erscheinen, weil in ihnen
genau dieses Element unverändert bleibt. Es stimmt, daß ihn im
allgemeinen – und hier taucht das Paradox auf, über das die mei-
sten religiösen Exegesen seines Werks stolpern – die Menschen
unendlich mehr bedeuten als Glaubenssätze und Ideen, oder besser
gesagt, Glaubenssätze und Ideen bedeuten ihm unendlich viel bei
65
lebendigen Wesen, sehr wenig dagegen als Abstraktionen oder spe-
zialisierte Systeme. Er liebt die Menschen, die gläubig sind, ohne
die Gründe für ihren Glauben und ihr Bedürfnis nach dem Gebet zu
teilen; mehr noch, er liebt sie alle gleichermaßen, ohne zwischen
den verschiedenen Lehren, die ihrer Frömmigkeit zugrunde liegen,
einen Unterschied zu machen.
Unabhängig von den Umschwüngen oder Verfinsterungen seines
jüdischen Gefühls behalten die Ostjuden also einen bevorzugten
Platz in seiner persönlichen Hierarchie. Jene Männer und Frauen,
vor allem jene Kinder, die er niemals in ihrer Heimat sehen wird,
sondern nur als Flüchtlinge, hält er stets für von vornherein ge-
rechtfertigt, gerettet und sogar für Retter, allein deshalb, weil ihr
Leben in jedem Augenblick im Stoff ihrer Wahrheit selbst eingebet-
tet ist. Deshalb täuscht sich Felice über den Sinn ihrer Arbeit im
Berliner Heim, wo sie ihren ganzen Eifer darein setzt, die galizi-
schen Flüchtlingskinder zu erziehen, weder sie noch die Erzieher
können ihnen irgend etwas Vernün�iges beibringen, die Kinder ih-
nen dagegen alles: »Vor dem Hochmut der gegenseitigen Meinung
hüte Dich, das ist sehr wichtig. Worin wird denn dort im Heim
geholfen werden? Man wird, da man doch für dieses Leben schon
einmal in seine Haut eingenäht ist und zumindest mit eigenen Hän-
den und unmittelbar an diesen Nähten nichts ändern kann, versu-
chen, die Pfleglinge, bestenfalls unter möglichster Schonung ihres
Wesens, der Geisteshaltung der Helfer anzunähern, d. h. also dem
Zustand des gebildeten Westjuden unserer Zeit, Berlinerischer Fär-
bung und, auch das sei zugegeben, dem vielleicht besten Typus
dieser Art. Damit wäre sehr wenig erreicht. Hätte ich z. B. die Wahl
zwischen dem Berliner Heim und einem andern, in welchem die
Pfleglinge die Berliner Helfer (Liebste, selbst Du unter ihnen und
ich allerdings obenan) und die Helfer einfach Ostjuden aus Kolo-
mea oder Stanislau wären, ich würde mit riesigem Aufatmen, ohne
mit den Augen zu zwinkern, dem letzteren Heim den unbedingten
Vorzug geben.«
Als Felice zu Anfang ihrer erzieherischen Tätigkeit
im Heim sich über das Hindernis Sorgen macht, das für sie, die
ungläubige Jüdin, das Problem des Glaubens und der religiösen
Regeln darstellt, sagt er ihr bereits, um ihre Skrupel zu zerstreuen:
»Die Hauptsache sind die Menschen, nur sie, die Menschen«
, was,
nebenbei bemerkt, alle theologischen und politischen Dispute bei-
seite wischt, die die Ostjuden damals allenthalben hervorrufen.
Diese Menschen, die er hier unterschiedslos und vorbehaltlos für
66
die »Hauptsache« hält, hat Ka�a niemals in ihrer Heimat leben
sehen, er kennt sie nur aus Prag oder Berlin, wo sie, in allen Be-
deutungen des Wortes, »deplaziert« sind. Doch wo er Gelegenheit
hat, ihnen zu begegnen – auf den Versammlungen der Prager Zio-
nisten während des Krieges, bei den literarischen Kursen, die Max
Brod und Felix Weltsch für die galizischen Mädchen veranstalten,
oder in den Aufnahmeheimen –, ist er den Menschen immer ver-
bunden, unabhängig von jeder Ideologie, und erwartet nichts von
ihnen als das, was sie sind, in der Heiterkeit ihrer unverletzten
Traditionen. So verbringt er 923 während eines Aufenthalts im
Ostseebad Müritz, wo er ein wenig Ruhe und Gesundheit sucht,
einen großen Teil seiner Zeit in der Ferienkolonie jenes Berliner
Heims und empfindet hier unter den Kindern einfacher Juden aus
»Kolomea und Stanislau« Augenblicke intensiven Glücks, die ihn
seine Traurigkeit fast vergessen lassen. Zwar erscheint ihm dieses
Glück vor allem in Gestalt von Dora Dymant, deren Liebe ihn bald
mit den Frauen und dem Leben aussöhnen wird; doch wenn die
frisch emanzipierte junge Polin, die sich gerade aus der strengen
Bevormundung ihrer chassidischen Familie gelöst hat
, die Gabe
besitzt, die Aufgabe zu meistern, die weder Felice, die Berliner
Kleinbürgerin, noch Milena, die leidenscha�liche Intellektuelle,
bewältigen konnten, dann liegt das zweifellos auch daran, daß sie,
ganz vom authentischen Geist des
schtetel
durchdrungen, von eben
jenem glühenden und rein jüdischen Leben überschäumt, von dem
er selbst nur träumen konnte.
Wenn Ka�a sagt: »Die Menschen bleiben […] und an die halte
ich mich«, oder: »Die Hauptsache sind die Menschen, nur sie, die
Menschen«, dann trennt er unerwartet zwei Phänomene, die man
gewöhnlich für organisch miteinander verbunden hält: die Ostju-
den und die religiöse Sphäre, in der sich von Generation zu
Generation ihre Lebens- und Denkgewohnheiten herausgebildet
haben. Die Menschen ziehen ihn an und rühren ihn durch alles,
was sie ihrem Glauben verdanken, einschließlich durch ihre spezi-
fischen Merkmale, die weitgehend die religiöse Tradition bestimmt
hat; ihre Religion selbst dagegen berührt ihn kaum, sofern sie ihn
nicht geradezu gleichgültig läßt; trotz seinen Bemühungen, in sie
einzudringen, bleibt sie ihm zum großen Teil fremd, und meist
nimmt er sie aus großer Distanz wahr, als ein sonderbares Über-
bleibsel, das allenfalls noch für die Historiographie oder gar nur für
die Archäologie Bedeutung hat.
67
Gewiß sieht er nicht, wie sie im Osten praktiziert wird, wo sie
sich gleichsam von selbst versteht, und in den Prager Synagogen
kann er sich ganz sicher nicht von ihrer Aktualität überzeugen; die
wenigen Zeremonien, an denen er gelegentlich teilnimmt, kommen
ihm nicht weniger absurd vor als in den Stunden der Langeweile
seiner Kindheit, sie bestärken ihn lediglich in der Ansicht, daß die
jüdische Religion nur noch ein unverständlicher Archaismus und
eben deshalb interessant zu beobachten ist. Und er beobachtet sie
in der Tat, da er nicht an ihr teilhaben kann, und was er dabei
wahrnimmt, zum Beispiel bei der Beschneidung seines Neffen, ver-
anlaßt ihn zu einigermaßen enttäuschten Bemerkungen: »Als ich
heute den Begleiter des Moule [Mohel
] zum Nachtisch beten
hörte, und die Anwesenden, abgesehen von den beiden Großvätern,
die Zeit in vollständigem Unverständnis des Vorgebeteten mit Träu-
men oder Langeweile verbrachten, sah ich das in einem deutlichen
unabsehbaren Übergang begriffene westeuropäische Judentum vor
mir, über das sich die zunächst Betroffenen keine Sorgen machen,
sondern als richtige Übergangsmenschen das tragen, was ihnen
auferlegt ist. Diese an ihrem letzten Ende angelangten religiösen
Formen hatten schon in ihrer gegenwärtigen Übung einen so unbe-
strittenen bloß historischen Charakter, daß nur das Verstreichen
einer ganz kleinen Zeit innerhalb dieses Vormittags nötig schien,
um die Anwesenden durch Mitteilungen über den veralteten frü-
hern Gebrauch der Beschneidung und ihrer halbgesungenen Ge-
bete historisch zu interessieren.«
Indem er das westeuropäische Judentum so streng beurteilt, läßt
Ka�a durchblicken, daß im Osten die religiösen Angelegenheiten
weniger irreal sind, aber diese kennt er nur vom Hörensagen, und
wenn er sie zufällig näher kennenlernt – zum Beispiel 95, als viele
polnische Juden, von den Russen aus ihrer Heimat vertrieben, nach
Prag geflüchtet sind – , beobachtet er sie mit der Neugier des Eth-
nologen für den fernen Stamm, der seinen Untersuchungsgegen-
stand bildet. An dem Wunderrabbi von Žižkov, den er eines Tages
mit Max Brod und Freunden aufsucht, fällt ihm vor allem auf, daß
der heilige Mann mit dem »stärksten väterlichen Wesen« die Gabe
hat, trotz seiner Schmutzigkeit rein zu bleiben, was ihn sofort an die
»Vorstellungen der Kindheit« erinnert, als die Eltern auf ebenso
wunderbare Weise vor den schmutzigen Dingen des Lebens be-
wahrt blieben.
Dieser Vater, dem alles erlaubt ist, sogar die Sünde
– für den Sauberkeitsfanatiker, der Ka�a bei jeder alltäglichen Ver-
68
richtung ist, zählt Unreinlichkeit zweifellos zu den unverzeihlichen
Sünden –, dieser Vater, der über dem Gesetz steht, hat zwar Mittel,
ihn zu unterjochen, aber wenn er ihn fasziniert, dann weniger auf-
grund seiner Lehre als vielmehr durch das außergewöhnliche Weiß
seiner Hände, mit denen er sich gerade geschneuzt hat.
0
An jenem Tag indes wird er von jemandem begleitet, der selbst
eingeweiht ist und sich erbietet, ihm den Sinn dessen zu erklären,
was in dem stickigen Raum vor sich geht, in dem die auf ein Wunder
wartenden Gläubigen sich drängen. Georg Mordechai (Jiri) Lan-
ger, der Prager ist wie er, ebenfalls aus einer reichen Kaufmanns-
familie stammt und sich deshalb in einer ähnlichen Lage befindet
wie er, hat, um dem Prager Fluch zu entrinnen, einen ebenso ori-
ginellen wie skandalösen Weg eingeschlagen – er ist im Alter von 9
Jahren zum Chassidismus übergetreten und beim Belzer Rabbi,
dem berühmtesten und wohl verehrtesten der lebenden Zaddikim,
in die Lehre gegangen. Für seine völlig europäisierte, obwohl noch
praktizierende Familie war das ein furchtbarer Schock gewesen.
Einen Begriff davon kann man sich nur machen, wenn man sich
etwa die Aufregung einer reichen vornehmen Familie unserer Tage
vorstellt, die mitansehen muß, wie einer ihrer Söhne alles aufgibt,
um der Moon-Sekte oder irgendeinem anderen obskuren Apostel zu
folgen.

Im Jahre 93 kommt eine derartige Konversion in den
Augen der Prager nicht nur einem Anschlag auf den gesunden
Menschenverstand und den Sinn der Geschichte gleich, es ist
schlechterdings etwas Unanständiges. Natürlich teilt Ka�a ihre
Ansicht nicht, er lehnt eine solche Entscheidung aus ganz anderen
Gründen ab; aufgrund seiner Auffassung von der unauflöslichen
Einheit des Individuums und seiner gesellscha�lichen Verwurze-
lung – Boden, Sprache, Familie, Erziehung – kann er die vorsätz-
liche Wahl einer Zugehörigkeit nur als Illusion betrachten – im Fall
Langers eine gewiß sehr achtenswerte, wiewohl vergebliche Illu-
sion, die letztlich nicht weniger gefährlich ist als die der Assimila-
tion. Dennoch – und hier sind die Hauptsache wieder die Menschen
– hindert ihn seine Skepsis in diesem Punkt nicht, von jemandem
angezogen zu sein, der den Mut oder die Verrücktheit besaß, der
öffentlichen Meinung zu trotzen, um nach seinen Überzeugungen
zu handeln.
Tatsächlich wird Langer eine Zeitlang wo nicht sein Freund, so
doch einer seiner Vertrauten, dem er offenbar mit Vergnügen zu-
hört. Er sieht ihn häufig, läßt sich von ihm die Legenden des
69
Baalschem und der hochgestellten Zaddikim erzählen, notiert alles
in sein Tagebuch und versucht sogar, sich davon inspirieren zu las-
sen, indem er das legendäre �ema des Golem auf seine Weise
umschreibt. Diese aus zwei kurzen Stücken bestehende Skizze wird
rasch fallengelassen; man sieht hier den Rabbi »mit aufgestülpten
Ärmeln wie eine Wäscherin«
2
vor einem Waschtrog Ton kneten, um
ihm menschliche Gestalt zu geben, das ist alles, auch der Rabbi
kommt nicht über rohe Umrisse hinaus, und man darf bezweifeln,
daß Langer, hätte er von dieser Version der Legende Kenntnis er-
halten, sie seiner Bemühungen für würdig erachtet hätte, den Autor
auf den Weg der Initiation zu führen.
Er scheitert sogar an seiner Aufgabe als Informant hinsichtlich
des Belzer Rabbi, seines eigenen Meisters, den Ka�a zufällig in
Marienbad tri�, umringt von seinem Gefolge, dessen erstaunliche
Wanderungen er mit skeptischem, wenngleich entzücktem Blick
verfolgt. Nach dem Bericht zu schließen, den er Max Brod von
dieser denkwürdigen Episode gibt
3
, verfehlen Langers Erklärun-
gen das, was er selbst begierig beobachtet: die genau geregelte
Zeremonie, mit der der Au�ruch des Rabbi zu seiner gewohnten
Heilquelle vor sich geht; den Regen, der Langers Behauptung, es
regne nie, wenn der Rabbi ausfährt, grausam Lügen stra�; die
Schar der Anhänger, die ihm nach einer komplizierten Etikette in
ehrfurchtsvollem Abstand folgen; den verdächtigen Eifer der Ga-
bim
4
, die sich um die Ehre streiten, ihm zu dienen; die außeror-
dentliche Konzentration, mit der der alte Mann alles, was ihn
umgibt, bis in die winzigsten Kleinigkeiten besichtigt; sein uner-
klärliches Interesse für die scheußliche Architektur der Kurge-
bäude und die Träumerei, in die er beim Anblick ganz ordinärer
Röhren versinkt – das alles berichtet er Brod im Ton halb gespielter,
halb echter Bewunderung, voller Eifer, trotz einem guten Schuß
Ironie, mit dem er stets die ein wenig debilen, ein wenig senilen,
jedoch mit unantastbarer Autorität bekleideten Vaterfiguren be-
schreibt. Denn der Belzer Rabbi ist, noch mehr als der Rabbi von
Zizkov, ein zu unerhörter Macht gelangter Vater: »Er sieht aus wie
der Sultan, den ich als Kind in einem Dore-Münchhausen o� ge-
sehn habe. Aber keine Maskerade, wirklich der Sultan. Und nicht
nur der Sultan, sondern auch Vater, Volksschullehrer, Gymnasial-
professer u. s. f.«
5
Freilich gründet diese unabweisbare Souveräni-
tät – und hier würde für den Adepten wohl die Blasphemie
beginnen – einzig in sich selbst, sie rührt weder von den Worten
70
noch von den Taten des Rabbi her, die ja einzig durch ihre Banalität
auffallen: »Er besichtigt alles, besonders aber Bauten, ganz verlo-
rene Kleinigkeiten interessieren ihn, er stellt Fragen, macht selbst
auf manches aufmerksam, das Kennzeichnende seines Verhaltens
ist Bewunderung und Neugierde. Im Ganzen sind es die belanglo-
sen Reden und Fragen umziehender Majestäten, vielleicht etwas
kindlicher und freudiger, jedenfalls drücken sie alles Denken der
Begleitung widerspruchslos auf das gleiche Niveau nieder. Langer
sucht oder ahnt in allem tiefern Sinn, ich glaube, der tiefere Sinn ist
der, daß ein solcher fehlt, und das ist meiner Meinung nach wohl
genügend.«
6
Bei einem Schri�steller, dessen Werk allzu o� als
romanha�e Umsetzung metaphysischer oder religiöser Probleme
gilt, mag diese kategorische Verneinung des »tiefern Sinns« zu-
gunsten des unmittelbar sichtbaren menschlichen Sinns verwirren;
doch obwohl sie Ka�as Geisteswelt bei weitem nicht erschöp�,
spielt sie in seinem Verhältnis zum Judentum und zu den Juden
eine wesentliche Rolle, so daß es nicht möglich ist, sie mit
einem positiven Vorzeichen zu versehen oder ihre Tragweite abzu-
schwächen.
Wie man sieht, zählen auch hier die Menschen sehr viel mehr als
der Boden der Glaubensvorstellungen und Traditionen, in dem ihre
Wahrheit immerhin wurzelt – die Menschen, besonders die einfach-
sten, unansehnlichsten, buchstäblich
unbedeutendsten
. Der Belzer
Rabbi mag der Vater und der Sultan sein, Ka�a empfindet ange-
sichts dieser ganzen Majestät nur die Neugier des Zuschauers,
jedenfalls nichts, was sich an der Trauer messen ließe, die ihn bei-
spielsweise beim Anblick eines beliebigen polnischen Juden er-
grei�, der am Festtag in Begleitung seines Kindes in den Tempel
geht. Wenn er in sein Tagebuch schreibt: »Anblick der polnischen
Juden, die zum Kol Nidre gehn. Der kleine Junge, der, unter beiden
Armen Gebetmäntel, neben seinem Vater herläu�. Selbstmörde-
risch, nicht in den Tempel zu gehn«
7
, dann denkt er voll Schmerz
an sich selbst zurück, was nicht an der Trauer über die verlorene
Frömmigkeit liegt, sondern, wie die enge Verbindung seines Ausrufs
am Schluß mit dem unmittelbar vorhergehenden Bild nahelegt, an
der Sehnsucht nach jener Frömmigkeit, die in der authentischen
jüdischen Familie das stärkste aller Bande ist, ja das Pfand der
Liebe und der Einheit. Daß er in der Tat dieses wahrscheinlich
verlauste Kind neben diesem wahrscheinlich erbärmlichen Vater
sein will, das bekennt er noch einige Jahre später in einem Brief an
7
Milena, der ausführlich zitiert zu werden verdient, und sei es allein
wegen seiner Schönheit.
Der nichtjüdischen jungen Frau, die gewohnt ist, mit den Juden
der Wiener literarischen Cafés zu verkehren und außerdem mit ei-
nem Juden verheiratet ist, hält Ka�a immer wieder vor, wie sehr
sie sich täuscht, wenn sie leugnet, daß sein Judentum ihre ohnehin
recht schwierige Beziehung ernstha� belasten könne. Schon zu Be-
ginn ihres Verhältnisses hat er ihr sein Schicksal als Westjude
beschrieben, wie er es in jeder Sekunde lebt, und offenbar hat sie
ihn nicht verstanden.
8
Daher versucht er, sie aufzuklären, indem er
ihr das östliche Milieu schildert, in dem er gern geboren wäre; er
bedenkt, welchen Schrecken er ihr damit zweifellos einjagen wird:
»Wenn man mir gestern abend (als ich um 8 Uhr von der Gasse aus
in den Festsaal des Jüdischen Rathauses hineinsah, wo weit über 00
russisch-jüdische Auswanderer – sie warten hier auf das amerika-
nische Visum – untergebracht sind, der Saal ist gedrängt voll wie
bei einer Volksversammlung und dann um ½  in der Nacht sah ich
sie alle dort schlafen, einen neben dem andern, auch auf Sesseln
schliefen sie ausgestreckt, hie und da hustete jemand oder drehte
sich auf die andere Seite um oder ging vorsichtig zwischen den
Reihen durch, das elektrische Licht brennt die ganze Nacht) wenn
man mir freigestellt hätte, ich könnte sein was ich will, dann hätte
ich ein kleiner ostjüdischer Junge sein wollen, im Winkel des Saales,
ohne eine Spur von Sorgen, der Vater diskutiert in der Mitte mit den
Männern, die Mutter dick eingepackt wühlt in den Reise-fetzen, die
Schwester schwätzt mit den Mädchen und kratzt sich in ihrem
schönen Haar – und in ein paar Wochen wird man in Amerika sein.
So einfach ist es allerdings nicht, Ruhrfälle sind dort schon vorge-
kommen, auf der Gasse stehn Leute und schimpfen durch die
Fenster herein, selbst unter den Juden ist Streit, zwei sind schon mit
Messern auf einander losgegangen. Aber wenn man klein ist,
schnell alles überblickt und beurteilt, was kann einem dann schon
geschehen? Und solche Jungen liefen dort genug herum, kletterten
über die Matratzen, krochen unter Stühlen durch und lauerten auf
das Brot, das ihnen irgendjemand – es ist
ein
Volk – mit irgendetwas
– alles ist eßbar – bestrich.«
9
Dreckig, streitsüchtig, schnell mit
dem Messer bei der Hand und in allem pietätlos – für diese ewig
Hungrigen ist alles eßbar, es gibt keine Nahrungsverbote –, haben
die Ostjuden, unter denen nicht geboren zu sein Ka�a hier bedau-
ert, nichts mit dem idealisierten Bild zu tun, das die westlichen
72
Intellektuellen in den seltenen Fällen auf sie projizieren, da sie es
nicht vorziehen, sie aus ihrem Gedächtnis und ihrem Leben zu
verbannen. Sie sind nicht jene reinen Wesen, bei denen die großen
Philosophen mystische Belehrung suchen; sie sind keine von legen-
dären Meistern mit Weisheit umkränzten Chassidim, nicht einmal
vorbildliche Orthodoxe, sondern wirklich der Abschaum der jüdi-
schen Gesellscha�, diejenigen, die man überall Polacken nennt und
über die jeder zivilisierte Jude, so sehr er sich öffentlich dagegen
verwahrt, im Grunde seines Herzens vor Scham errötet. Verfolgte
Menschen, vom Elend so sehr erniedrigt, daß sie keinen Glauben
und kein Gesetz mehr haben, aber
ein
Volk – alle in einem einzigen
Haufen, wie der Hund treffend sagt, als er sich vielleicht an dieses
Flüchtlingslager erinnert –, ein Volk, das Ka�a liebt und akzeptiert
samt seiner Gewalt, seinen fragwürdigen Sitten, seinen unförmigen
Müttern und seinen verlausten Kindern. Das starke Volk von un-
zerstörbarer Einheit, dessen auf immer verlorener Sohn zu sein er,
der westlichste und sich seiner Entwurzelung bewußteste aller
Westjuden, nicht verwinden kann.
Diese wunderbare, unter dem Eindruck einer tiefen Erregung,
zwar nicht ohne strategische Hintergedanken in bezug auf die
Adressatin (sie fehlen selten, wenn er sich an eine Frau wendet),
aber ohne polemische Absicht geschriebene Textstelle sollte genü-
gen, den sophistischen Ka�a aus der Welt zu schaffen, den die
theologischen oder metaphysischen Exegeten gern in den Himmel
heben. Sie sollte auch dazu beitragen, das Bild des an Selbsthaß
krankenden, da vom tödlichen Virus des ihn umgebenden Antise-
mitismus befallenen Juden merklich zu differenzieren, ein Bild, das
Kritiker, die es besser wissen müßten, uns ohne Zögern vor Augen
fuhren. Nicht ohne Grund schreibt Heinz Politzer, gestützt auf
seine genaue Kenntnis der Texte und vor allem auf das ihm zugäng-
lich gewordene historische Material: »Franz Ka�a zog die Summe
der Leiden, die sein Leben ausmachten, aus dem Selbsthaß. […]
Daß Ka�a den Mangel an psychologischem Gleichgewicht seiner
jüdischen Abstammung und Umgebung zur Last legte, beweist
nur, daß er in hervorragender Weise der antisemitischen Stimmung
des alten Österreich und der jungen Tschechoslowakei erlag. […]
Der ›Brief an den Vater‹ hatte den psychologischen Mechanismus
bloßgelegt, der es bewirkte, daß Franz Ka�a die vergi�eten Pfeile,
die eine in voller Auflösung begriffene Toleranz gerade noch in ihm
abschirmte, nun seinerseits mit beiden Händen ergriff und sich ins
73
Herz preßte.«
20
Von diesem jüdischen Selbsthaß, den Ka�a tat-
sächlich in geradezu selbstmörderischem Grade in sich trägt, wird
fast jeder assimilierte Jude insgeheim zerfressen, er beherrscht so-
gar ihre Beziehungen untereinander so stark, daß die
Selbstwehr
, das
zionistische Organ Böhmens, 90 schreiben kann: »Und wenn
man gar hört, wie sie untereinander sich über ihre Glaubensgenos-
sen unterhalten, könnte man meinen, in bester antisemitischer
Gesellschaft zu sein.«
2
Arthur Schnitzler hebt einen weiteren
Aspekt des zeitgenössischen Judentums hervor, wie er ihn an sich
selbst entdeckt, als er das Ghetto verläßt und sich zwangsläufig
nicht mehr mit eigenen Augen, sondern mit den Augen seiner
Feinde sieht: »[…] daß ein Jude vor dem anderen nie wirklichen
Respekt hat. Nie. Sowenig als Gefangene im Feindesland vor ein-
ander wirklichen Respekt haben, besonders hoffnungslose. Neid,
Haß, ja manchmal Bewunderung, am Ende sogar Liebe kann zwi-
schen ihnen existieren, Respekt niemals. Denn alle Gefühlsbezie-
hungen spielen sich in einer Atmosphäre ab, sozusagen, in der
Respekt ersticken muß.«
22
Für diesen fehlenden Respekt des Juden
vor dem Juden liefert Hermann Ka�a selbst das prägnante Beispiel
– er schimp� nicht nur bei jeder Gelegenheit auf die Juden im
allgemeinen, sondern er zieht auch über seine eigenen Familienan-
gehörigen her: »Der eine ist ein Defraudant, vor dem anderen muß
man ausspucken […] usw.«
23
Max Brod nennt er einen »meschug-
genen Ritoch« und Löwy einen »Hund«, was zwar eine gewisse
Abstufung in der Verachtung zeigt, aber auch, daß sein Urteil völlig
von dem der Nichtjuden abhängt, das unbewußt sogar die Wahl
seiner Schimpfwörter beeinflußt.
Wenn Ka�a den Wunsch äußert, sein Los gegen das Schicksal
eines verlausten, hungrigen kleinen Polacken zu tauschen – ein für
seine Umgebung und, zweifeln wir nicht daran, selbst für die Wie-
ner Intellektuelle, an die der Brief gerichtet ist, unschicklicher, ja
geradezu unverständlicher Wunsch –, dann will er sich natürlich
nicht von seiner jüdischen Herkun� befreien, sondern von jener
verhängnisvollen Assimilation, die den Juden dazu verdammt, Sei-
nesgleichen nur noch mit dem Auge des Christen wahrzunehmen –
einem feindseligen, verachtungsvollen, drohenden, jedenfalls frem-
den Auge, das ihn bereits zu einem Objekt erniedrigt, indem es ihn
abschätzt und über ihn urteilt. Ka�a, in einer kleinen Stadt in
Polen oder Galizien geboren, stellt sich vor, daß es ihn und die
Seinen mit einem direkten, unabhängigen und insofern reinen Blick
74
hätte ansehen können, als er noch nichts von dem bösen Funkeln
des antisemitischen Blicks aufgefangen hätte, das ihn sonst ständig
trübt. Unwichtig dann das Elend, die Promiskuität und sogar die
Unkultur, in der er hätte leben müssen. Um von diesem jüdischen
Blick, in dem der Haß der anderen sich brechen muß, befreit zu
werden, erscheint ihm das Opfer all dessen, was er hat, und all
dessen, was er nicht ist, nicht zu teuer.
Im Unterschied zu vielen seiner Zeitgenossen, die der jüdische
Selbsthaß zur Selbstverleugnung treibt, beklagt sich Ka�a nicht
vor allem darüber, daß er als Jude auf die Welt gekommen ist,
sondern daß er durch den Zufall seiner Geburt zu einer Art Affe
wurde, der in sein äffisches Wesen verliebt ist – ein nicht zu klassi-
fizierendes Zwitterwesen, lebensuntauglich und unfruchtbar, das
Ergebnis einer Kreuzung zweier Arten, von denen keine sich in ihm
wiedererkennt, was ihn dazu verurteilt, nicht zu sterben, sondern
ewig in der Zone zwischen Tod und Leben umherzuirren.
24
Da er
sich insbesondere gegen den Teil des zeitgenössischen Judentums
wendet, der im allgemeinen als der entwickeltste gilt, widersetzt er
sich radikal denen, die sich die Seh- und Denkweisen ihrer Gastge-
ber samt ihrer antijüdischen Vorurteile zu eigen gemacht haben und
nun glauben, sie hätten lediglich veraltete, von der Entwicklung
verworfene Werte abgelegt. Der durch Identifizierung mit seinen
insgeheim böswilligen oder offen gegen ihn tobenden Nachbarn
zum Antisemiten gewordenen Assimilant grei� notgedrungen das
Jüdische insgesamt an; für ihn gibt es hier nichts zu retten, es ist das
Ganze, das ihn erdrückt und das er wegzuschieben versucht. Ka�a
dagegen unterscheidet wirklich zwischen dem durch den Übertritt
zum Westen deformierten Judentum und dem anderen, dem wah-
ren, das zumindest insofern vorbildlich ist, als es nicht ins Ausland
schielt, sich also einzig an seinem eigenen Gesetz mißt. Auf diesem
Gebiet, wo Für und Wider sorgfältig abgewogen werden müssen,
zumal für Ka�a das ganze Leben von ihrem relativen Gleichge-
wicht abhängt, kann der Unterschied nicht belanglos sein; man
muß ihn im Gegenteil herausstreichen, denn schließlich ist ein Karl
Kraus unvorstellbar (um nur einen der bekanntesten jüdischen An-
tisemiten zu nennen), der daran verzweifelt, das zu sein, was er ist,
statt ein kauderwelschender kleiner Jude in irgendeiner abgelege-
nen Stadt Galiziens; noch weniger kann man sich vorstellen, daß er
sich das Recht abspricht, deutsch zu schreiben, demütig vor einem
Löwy niederkniet oder in aller Öffentlichkeit das Jiddische verherr-
75
licht. Jüdischer Selbsthaß auf beiden Seiten, zweifellos, allerdings
mit der Einschränkung, daß Ka�as verinnerlichter antisemitischer
Haß ihn nicht dazu führt, die Juden
in ihren Schri�en
zu verneinen, er
steckt in ihm wie ein Fremdkörper, der den eigenen Körper zerstört
und schließlich tötet. Und im Gegensatz zur nackten Gewalt, von
der beispielsweise das Werk eines Weininger zeugt, der dem Juden-
tum den Garaus zu machen glaubt, indem er sich selbst tötet, ist
Ka�as Haß so sehr mit unglücklicher Liebe, Mitleid und mensch-
lichem Gefühl für das gesamte jüdische Volk vermischt, daß er
dieses Volk keineswegs erniedrigt, sondern seltsamerweise erhöht
und größer macht.
Obwohl Ka�a den Juden haßt, der er durch den Zufall seiner
Geburt ist – »infolge meiner Herkun�, Erziehung, Anlage, Umge-
bung«
25
– , empfindet er für sein Volk Regungen der Zärtlichkeit,
aktive Solidarität, Sympathie im starken Sinne des Wortes, die mit
den Gefühlen des offenen oder wohlweislich getarnten antisemiti-
schen Juden keinesfalls zusammenstimmen. Obwohl ihn die jüdi-
schen Vorbilder, in denen ihm das Schwanken seiner eigenen
Existenz nur allzu sichtbar erscheint, irritieren, ratlos machen und
o� geradezu empören, ist er erschüttert über die Art und Weise, wie
jedes von ihnen das Schicksal der Gemeinscha� trägt. So schluchzt
er »über dem Prozeßbericht einer dreiundzwanzigjährigen Marie
Abraham, die ihr fast dreiviertel Jahre altes Kind Barbara wegen
Not und Hunger erwürgte, mit einer Männerkrawatte, die ihr als
Strump�and diente«
26
, und die Tatsache, daß er über die von ir-
gendeinem Vorstadt-Faust verführte jüdische Margarete weinen
kann, versöhnt ihn weit mehr mit sich selbst als die ungeheure Serie
von kulturellen Erfolgen, deren die damalige jüdische Elite sich
rühmen darf. Aber sein jüdischer Haß streckt nicht nur vor dem
jüdischen Unglück die Waffen, er schmilzt auch vor Kindern und
Heranwachsenden, die, wo immer sie herkommen und wo immer
man ihnen begegnet, ihn mit unklaren Hoffnungen auf Erlösung
erfüllen und über sein persönliches Scheitern fast hinwegtrösten.
Die junge Generation ist ihm ebenso teuer, wie seine eigene ihm
verdächtig ist, er liebt ihre Mädchen und Knaben über jede Zwei-
deutigkeit und jede Art von Diskriminierung hinaus, er liebt an
ihnen sogar ihre Unwissenheit, ihre Geschmacklosigkeit und ihre
Trivialität.
Daß diese Fehler der jüdischen Jugend, die er überall sonst ver-
abscheuen würde, ihn nicht abstoßen, sondern geradezu einen
76
gewissen Reiz auf ihn ausüben, läßt er durchblicken, als er das
Porträt eines jungen Mädchens zeichnet, das er zufällig während
einer seiner Kuren kennengelernt hat und bald darauf zu heiraten
gedenkt: »Das Jüdische [in der Pension von Olga Stüdl in Schele-
sen, wo er sich 99 au�ält] ist ein junges Mädchen, hoffentlich nur
wenig krank. Eine gewöhnliche und eine erstaunliche Erscheinung.
Nicht Jüdin und nicht Nicht-Jüdin, nicht Deutsche, nicht
Nicht-Deutsche, verliebt in das Kino, in Operetten und Lustspiele,
in Puder und Schleier, Besitzerin einer unerschöpflichen und un-
au�altsamen Menge der frechsten Jargonausdrücke, im ganzen
sehr unwissend, mehr lustig als traurig – so etwa ist sie.«
27
Man
erkennt an dieser Beschreibung, daß »das Jüdische«, an dem Ka�a
hängt, nicht unbedingt das raffinierte ist; es mag vulgär, grob, frech
sein, sofern es nur den äußeren Einflüssen standhält und jedenfalls
einen unverletzten Kern bewahrt. »Nicht Jüdin, nicht Nicht-Jüdin,
nicht Deutsche, nicht Nicht-Deutsche« – Julie Wohryzek scheint
wirklich die letzte Person zu sein, die zu einem derartig anspruchs-
vollen Menschen, wie Ka�a es in den geringsten Kleinigkeiten
seines Lebens ist, passen kann. Nach den Verneinungen zu urteilen,
die er in seinem Porträt versammelt, ist sie kein Musterbeispiel für
bewußtes Judentum, nicht einmal das gesunde, starke Geschöpf,
auf das er sich stützen könnte. Trotzdem wählt er gerade sie, um ein
Heim zu gründen, zum großen Ärgernis von Hermann Ka�a, der,
zugegebenermaßen nicht ganz ohne Grund, diesen letzten Heirats-
plan für die ärgste Provokation erachtet.
28
Im übrigen betrachtet Ka�a die Ehe – das ist die größte Prüfung
seines Lebens, die seine Flucht in die Krankheit beschleunigt –
nicht als ein Mittel, dem Familienclan zu entkommen – nach der
Wahl seiner Verlobten zu schließen, zahlt die Exogamie nicht zu den
Auswegen, nach denen er sein Leben lang sucht, oder wenn ihm der
Gedanke daran zuweilen kommt, so macht es ihm offenbar keine
große Mühe, ihn beiseite zu schieben. Nicht, daß er die Mischehe
grundsätzlich ablehnte; anders als seine Eltern und sogar Max
Brod, der in diesem Punkt rigoristischer zu sein scheint als er, be-
kundet er für die Heirat seiner Schwester Ottla mit einem christli-
chen Tschechen eher Sympathie als Tadel. Man spürt es schon
daran, wie er dem jungen Mädchen die indirekten Vorbehalte seines
Freundes erklärt (übrigens verbindet ihn später mit Joseph David
eine herzliche, fast fröhliche, jedenfalls freiere Beziehung als mit
seiner jüdischen Schwägerin) »Er [Brod] meint doch (abgesehen
77
davon, daß er darin auch noch einen Verlust des Judentums und
Dein Verlieren des Judentums für Dich und die Zukun� beklagt,
aber darin sehe ich nicht genug klar) daß Du etwas außerordent-
liches, etwas außerordentlich schweres tust, das Dir aber natürlich
auf der einen Seite, der Herzensseite, sehr leicht fällt, so daß du das
Außerordentliche auf der andern Seite übersiehst. Das nun glaube
ich aber nicht und habe deshalb keinen solchen Grund zu kla-
gen.«
29
Schon ein paar Tage zuvor trug er dasselbe Argument vor:
»Daß Du Maxens Bemerkung lange nicht aus dem Kopf bekamst,
wundert mich eigentlich. […] Daß Du etwas Außerordentliches
tust und das Außerordentliche gut zu tun eben auch außerordent-
lich schwer ist, weißt Du. Vergißt Du nun aber niemals die Verant-
wortung so schweren Tuns, bleibst Dir bewußt, daß Du so
selbstvertrauend aus der Reihe trittst, wie etwa David aus dem
Heer und behältst Du trotz dieses Bewußtseins den Glauben an
Deine Kra�, die Sache zu irgendeinem guten Ende zu führen dann
hast Du – um mit einem schlechten Witz zu enden – mehr getan, als
wenn Du 0 Juden geheiratet hättest.«
30
Also keine prinzipiellen
Einwände gegen die Mischehe der anderen, und seien es seine ei-
genen Verwandten. Was dagegen ihn selbst betri�, so scheint es
sehr starke Einwände gegeben zu haben, obschon sie nicht zu den
schweren Skrupeln zählen, die seine Qual schüren.
Die beiden Frauen, die er heiraten will, sind Jüdinnen; Milena ist
keine, und die Beharrlichkeit, mit der er diesen Unterschied unab-
lässig hervorhebt – wenn er ihr zum Beispiel sagt, sie benötige
nichts geringeres als den Heldenmut einer Jungfrau von Orléans,
um sich ihm zu nähern –, beweist zur Genüge, daß er hier starke
Schuldgefühle hat. Was das einzige christliche junge Mädchen be-
tri�, das er näher kennengelernt und geliebt hat
3
, so wissen wir
nicht, warum er ihr Verbot, sie wiederzusehen, ihr zu schreiben, ja
ihren Namen auszusprechen, einspruchslos befolgt hat. Allerdings
darf man vermuten, daß bei diesem rätselha�en Verbot die Frage
der Herkun� und der Religion im Spiele war, jedenfalls was Ka�a
angeht, da wir über seine Partnerin nichts wissen, außer daß sie
jung und unerfahren war.
32
Das Geheimnis klärt sich jedoch ein wenig auf, wenn man die
Umstände, unter denen das Riva-Abenteuer beginnt, mit der Zeit
vergleicht, als er sich in Milena verliebt: G. W. die junge Schwei-
zerin, taucht in seinem Leben in dem Augenblick auf, da die
Aussicht einer Heirat mit Felice ihn in eine akute Angstkrise stürzt;
78
Milena erscheint sieben Jahre später und erlaubt es ihm, Julie zu
verlassen – genaugenommen zwingt sie ihn dazu –, mit der er offi-
ziell verlobt ist. Es sieht also so aus, als ob Ka�as Liebe zu einer
Christin in beiden Fällen dazu diente, ihn von einer jüdischen Ver-
lobten zu befreien, und in beiden Fällen erreicht sie am Ende ihr
Ziel – freilich auf seine Kosten, denn indem die verbotene Leiden-
scha� die mit diesem Doppelspiel verbundene zusätzliche Schuld
auf sich nimmt, verurteilt sie sich selbst zur Fruchtlosigkeit.
Da er keine Frau heiraten kann, die bei ihm die Rolle der jüdi-
schen Mutter spielen würde, dem Schrecken dieses Äquivalents des
Inzests jedoch auch nicht entfliehen kann, indem er die Exogamie
praktiziert, gelingt es Ka�a ebensowenig zu heiraten, wie Prag und
den engen jüdischen Kreis zu verlassen, in dem er eingeschlossen
ist. Andere Leute reisen, emigrieren, suchen anderswo einen festen
Boden und eine atembare Lu�, glauben, sie in Berlin zu finden wie
Brod oder im herrlichen Italien der Musik und der Kirche wie
Werfel, oder in Tel Aviv wie einige Prager Zionisten, die ihre Ideen
in die Praxis umsetzen. Infolge der Besonderheiten seiner neuroti-
schen Organisation, aber auch aufgrund der Ziele, die er sich
bewußt gesteckt hat, kann Ka�a zu keinem dieser Fluchtmittel
greifen, da er überzeugt ist, daß sie in seinem Fall immer nur kläg-
liche Notbehelfe wären. 92 nimmt sein Berliner Traum gerade
Gestalt genug an, um seine Qual zu verschärfen, und einer seiner
schwersten Vorwürfe gegen Felice ist, daß sie darauf bestanden hat,
sich mit ihm in Prag niederzulassen, statt ihm zu helfen oder ihn gar
zu zwingen, auszuwandern. Erst elf Jahre später findet er Zuflucht
in Berlin, als seine fortgeschrittene Krankheit ihm kaum noch Hoff-
nung läßt, ein neues Leben beginnen zu können. Doch zweifellos
war es nötig, daß er sich zu spät entschloß, damit das »Mütterchen«
Prag, heimlich mit seiner eigenen Mutter im Bunde, endlich einwil-
ligte, ihn loszulassen.
Gezwungenermaßen und sozusagen durch die überlegte Wahl der
Unentschlossenheit unentschlossen, kann sich Ka�a auch nicht
durch die Konversion retten, obwohl er selbst hier sehr tolerant ist,
sofern es um andere geht. So wie die Mischehe seiner Schwester bei
ihm eher auf Wohlwollen stößt, so empfindet er Zuneigung und
Respekt für seinen Onkel Rudolf Löwy, einen Bruder seiner Mut-
ter, der in seiner Jugend konvertiert ist und den die ganze Familie,
außer ihm natürlich, für einen Sonderling, ja einen Verrückten hält.
Daß er diesem getau�en Onkel merkwürdig ähnelt – einem blassen
79
Mann ohne Ehrgeiz, unbedeutend und zugleich eigensinnig in sei-
ner Exzentrizität –, das hat ihm sein Vater häufig vorgehalten, und
er selbst ist nahe daran, es zu glauben, so daß er sich zu beruhigen
oder, wer weiß, zu erschrecken sucht, indem er aufzählt, was aus
ihm einen zweiten Rudolf in dem wenig schmeichelha�en Sinn der
Familientradition machen würde: »[…] beide still (ich weniger),
beide von den Eltern abhängig (ich mehr), mit dem Vater verfein-
det, von der Mutter geliebt […], beide schüchtern, überbescheiden
(er mehr), beide als edle gute Menschen angesehn, wovon bei mir
nichts und meines Wissens auch bei ihm nicht viel zu finden war
(Schüchternheit, Bescheidenheit, Ängstlichkeit gilt als edel und
gut, weil sie den eigenen expansiven Trieben wenig Widerstand ent-
gegensetzt), beide zuerst hypochondrisch, dann wirklich krank,
beide als Nichtstuer von der Welt ziemlich gut erhalten (er, weil er
ein kleinerer Nichtstuer war, viel schlechter erhalten, soweit man
bis jetzt vergleichen kann), beide Beamte (er ein besserer), beide
allereinförmigst lebend, ohne Entwicklung jung bis zum Ende, rich-
tiger als jung ist der Ausdruck konserviert, beide nahe am Irrsinn,
er, fern von Juden, mit ungeheurem Mut, mit ungeheurer Sprung-
kra� (an der man die Größe der Irrsinnsgefahr ermessen kann), in
der Kirche gerettet, bis zum Ende noch, soweit man sehen konnte,
lose gehalten, er selbst hielt sich wohl schon Jahre lang nicht. Ein
Unterschied zu seinen Gunsten oder Ungunsten war, daß er eine
kleinere künstlerische Begabung hatte als ich, also in der Jugend
einen besseren Weg hätte wählen können, nicht so zerrissen war,
auch durch Ehrgeiz nicht. […] Übrigens schrieb ich bis hierher
leichtsinnig über ihn wie über einen Lebenden. Es ist auch unwahr,
daß er nicht gut war. […] Er war unendlich viel unschuldiger als
ich, hier gibt es keinen Vergleich. Er war in Einzelheiten eine Ka-
rikatur von mir, im wesentlichen aber bin ich seine Karikatur.«
33
Wenn man sich ausschließlich an diese bezeichnende Stelle hält, ist
Ka�a, nach seinen eigenen Worten, nicht »fern von Juden«, doch
die Tatsache, daß sein Onkel es war, entlockt ihm kein einziges Wort
der Mißbilligung oder des Bedauerns, er verbindet sie im Gegenteil
mit »ungeheurem Mut«, mit »ungeheurer Sprungkra�«, was die
Abtrünnigkeit in gleichsam heroischer Färbung erscheinen läßt.
Für Ka�a, der jahrelang verzweifelt darum kämp�, dem Jung-
gesellendasein zu entgehen, bedarf es keiner großen Anstrengung,
um sich die Konversion zu versagen, obwohl ihn mindestens einmal
der Gedanke daran mehr als nur angerührt hat. Im Sommer 92,
80
während seines Aufenthalts in einer Kuranstalt in Jungborn im
Harz, schließt er Freundscha� mit einem gewissen H., Mitglied der
»Christlichen Gemeinscha�« und Landvermesser, der ihm »vier
Schri�chen als Sonntagslektüre« zu lesen gibt, weil er, wahrschein-
lich getäuscht von Ka�as sonderbarem Interesse für Sekten und
alle Arten von gläubigen Menschen, meint, dieser sei nahe daran,
von der Gnade berührt zu werden. Ka�a schildert diesen Vorfall in
allen Einzelheiten in seinen Reisetagebüchern, in der halb belustig-
ten, halb gerührten Art, mit der er derlei Erleuchtete zu charakte-
risieren pflegt. Die Titel der Schri�chen –
Der verlorene Sohn, Erkau�,
Nicht mehr mein (für ungläubige Gläubige), Warum kann der Gebildete nicht
der Bibel glauben?
usw. – zeigen zur Genüge, auf welchem Niveau der
Apostel seine Unterweisung angesiedelt hat. Wie dem auch sei,
Ka�a liest sie und versucht, »unsicher durch den Respekt, den ich
vor ihm habe, ihm klarzumachen, warum gegenwärtig keine Aus-
sicht auf Gnade für mich besteht«
34
, woran der Apostel der
»Christlichen Gemeinscha�« natürlich zu zweifeln sich erkühnt.
Einige Monate später jedoch, als sein »amerikanischer Roman«
stillsteht und Felices Schreiben ihn bestürzt, gesteht er ihr, daß er
an diesem Abend fest entschlossen war, »zu meiner einzigen Ret-
tung an einen Mann nach Schlesien zu schreiben, mit dem ich mich
heuer im Sommer recht gut befreundet hatte und der mich in gan-
zen, langen Nachmittagen zu Jesus hatte bekehren wollen«.
35
So
fest entschlossen Ka�a im Augenblick auch ist, er bleibt es nicht
lange, ein Telegramm von Felice genügt, ihn aufzurichten, und jener
Brief, der »noch ein Weilchen« warten kann, wie er sagt, wird of-
fenbar nie abgeschickt. Denn da er weiß, »was für abscheuliche
Krä�e […] bis ans Bersten in einem getau�en Juden leben« kön-
nen
36
und daß er »für dieses Leben in seiner Haut eingenäht ist«,
tritt zu seinem instinktiven Abscheu vor der Konversion die Gewiß-
heit ihrer Sinnlosigkeit hinzu.
Die Hoffnung, seine Existenz dadurch zu festigen, daß er sich in
andere Lu� und auf einen anderen Boden begibt, sich in fremde
Frauen verliebt oder sich von seiner ethnischen und religiösen Zu-
gehörigkeit löst, hegt Ka�a zweifellos weiterhin, doch aufgrund
seines zerrissenen Wesens versucht er sie immer nur in Gedanken zu
verwirklichen, das heißt in der Literatur, denn bei ihm sind Denken
und Literatur nahezu dasselbe. Er muß sich damit begnügen, alle
Situationen, die er erleben könnte, wenn er sich zum Handeln ent-
schlösse – freilich im Chaos seiner unversöhnlichen Wünsche hält er
8
jede Entscheidung für verfrüht –, in seinen Büchern auszuprobie-
ren, um alle ihre Eventualitäten klar zu erkennen und im voraus
abzuschätzen, welche Chancen und Gefahren jede einzelne für ihn
birgt. Von diesem systematischen Experimentieren mit dem Mögli-
chen in Anspruch genommen, das den größten Teil seiner Zeit und
seiner Energie verzehrt, kann er bleiben, was er ist, wo er ist, ein
Ka�a unter den Ka�a, ein Jude unter den Juden, mitten unter
ihnen und dennoch im Exil, in einer Entfernung, die niemand über-
winden kann, um bis zu ihm zu gelangen, die aber in dem kompli-
zierten Geflecht seiner menschlichen Beziehungen gleichwohl eine
Form von Nähe ist. In Gedanken vielleicht fern den Juden, ihnen
praktisch jedoch insofern nahe, als er sie mindestens seit 9 im-
mer und überall aufsucht, wo sie sich versammeln – in ihren
Synagogen, ihren Auffanglagern und an ihren Treffpunkten.
Manchmal nimmt er an ihren religiösen Zeremonien teil, ö�er an
ihren Zusammenkün�en, ihren Konferenzen, ihren Kursen für
Flüchtlingskinder – alles in der Stille, verschanzt in dem Bereich
zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, in dem er leben muß.
Bald zu Tränen gerührt, bald erzürnt, fast immer von dem Unbe-
hagen umgetrieben, das dem Hund in seiner Geschichte »der bloße
Anblick eines mir lieben Mithundes« bereitet, notiert er, was er von
seinem isolierten Posten aus beobachtet, freilich nicht, um dabei
einen hinreichenden Grund zum Bleiben oder Fortgehen zu finden
– er bleibt in jedem Fall –, sondern um sich angesichts des Volkes,
das jenseits allen Rechts und Unrechts seinen menschlichen Status
bestimmt, selbst auf die Probe zu stellen. Und bei dieser ständigen
Aktualisierung seines Urteils kommt es ihm weniger darauf an, ein
konsistentes Verdikt zu formulieren, als vielmehr die Schwankun-
gen seines jüdischen Gefühls genau festzuhalten, um herauszufin-
den, ob er noch tiefer in die Wüste hineingerät oder nicht trotz allem
– »trotz allem« ist immer sein letztes Wort –, Kanaan näher-
kommt.
Man darf sich also nicht wundern, daß Ka�a, der den Ostjuden
fraglos stark verpflichtet ist, nach einem von den Pragern für sie
organisierten Treffen, an dem er teilgenommen hat, schreiben kann:
»Ich wie aus Holz, ein in die Mitte des Saales geschobener Klei-
derhalter« (freilich fügt er hinzu: »Und doch Hoffnung«
37
); daß er
Bewunderung empfindet für »die schönen krä�igen Sonderungen
im Judentum. Man bekommt Platz. Man sieht sich besser, man
beurteilt sich besser«
38
, während er kurz vorher anläßlich eines Vor-
82
trags seines Freundes Bergmann über »Moses und die Gegenwart«
noch behauptete: »Ich habe jedenfalls damit nichts zu tun«
39
; daß
er 94 ausru�: »Was habe ich mit Juden gemeinsam? Ich habe
kaum etwas mit mir gemeinsam und sollte mich ganz still, zufrieden
damit, daß ich atmen kann, in einen Winkel stellen«
40
, und daß
dieses leicht als Beweis seines jüdischen Antisemitismus nutzbare
Bekenntnis nicht nur durch andere Äußerungen, sondern durch die
Richtung seines ganzen Lebens ständig Lügen gestra� wird; daß er
Felice drängt, in die geistige Schule ihrer kleinen polnischen Zög-
linge zu gehen, während er sie gleichzeitig ermahnt, dem Beispiel
der deutschen Pietistin Erdmuthe von Zinzendorf zu folgen, deren
Leben in der von ihrem Gatten gegründeten Sekte der mährischen
Brüdergemeinde ihm besonders lehrreich erscheint. Schließlich
darf man sich nicht wundern, daß er Milena schreibt: »[…] manch-
mal möchte ich sie eben als Juden {mich eingeschlossen) alle in die
Schublade des Wäschekastens dort stopfen, dann warten, dann die
Schublade ein wenig herausziehn, um nachzusehen, ob sie schon
alle erstickt, wenn nicht, die Lade wieder hineinschieben und es so
fortsetzen bis zum Ende.«
4
Dieser furchtbare Wunsch nach Zerstö-
rung der jüdischen Familie (wohlgemerkt im Schrank eines Schlaf-
zimmers, das heißt des Ortes, an dem sie sich fortpflanzt), hindert
ihn nicht, den Wunsch nach Wiedergeburt zu äußern, den Milena
wenig später in der Vision der wahren Familie lesen kann, nach der
die Emigranten aus dem Osten ihn sich sehnen lassen. Das alles
kann er abwechselnd und zuweilen fast gleichzeitig sagen, sein und
tun, weil er gemäß dem Übergangsjudentum, dessen Verhängnis er
erleidet, nur im Widerspruch leben kann und daher für sich keine
andere Wahrheit als die seiner inneren Kohärenz und keine dring-
lichere Aufgabe, kein gebieterisches Mandat kennt, als sie in Er-
mangelung eines Besseren in ihrer ganzen Negativität kundzu-
tun.
Weil es ihm nicht gelingt, in sich selbst Ordnung zu schaffen,
aber auch aufgrund einer absoluten Forderung nach Redlichkeit ist
Ka�a noch in seiner Haltung gegenüber dem Zionismus ein unab-
weisbarer Zeuge des Chaos, das heißt ein Zeuge dessen, was damals
für viele das einzige Heilmittel gegen die zahllosen Leiden des zer-
streuten Judentums ist. Seine beiden engsten Freunde sind über-
zeugte Zionisten, Max Brod macht Propaganda in Aufsätzen und
Vorträgen, Felix Weltsch leitet die
Selbstwehr
seit 98 und arbeitet
aktiv in der Bewegung, doch Ka�a, außerstande, ihre Ideen gut-
83
zuheißen, beobachtet sie lange Zeit mit Mißtrauen und Feindselig-
keit, Die Leute, die nach Palästina fahren, scheinen ihm wenig
Vertrauen in ihre eigene Entscheidung zu setzen, »sie haben ge-
senkte Blicke, fühlen sich von den Zuhörern geblendet, fahren mit
den gestreckten Fingern auf dem Tisch herum, kippen mit der
Stimme um, lächeln schwach und halten dieses Lächeln mit etwas
Ironie aufrecht. – Dr. K. erzählte, daß seine Schüler Chauvinisten
sind, immerfort die Makkabäer im Munde haben und ihnen nach-
geraten wollen«.
42
Anscheinend sind die Prager Zionisten ihm zu
ähnlich, um ihm imponieren zu können, wie er suchen sie nach
einem Ausweg und verwandeln die Ideologie der Heimkehr in ein
Mittel der persönlichen Heilsgewinnung, und das reicht aus, ihm
ihren Plan verdächtig zu machen. So achtenswert, so mutig ihr
Entschluß sein mag, es fehlt ihm jene unmittelbare Wahrheit, wel-
che die Ostjuden mühelos besitzen; für die Prager ist Palästina
vorerst nur ein »als ob«, Ausdruck ihres Wunsches, anderswo zu
sein, der schon zu Hause ihr Unglück ist, ein Notbehelf, dessen
Lächerlichkeit und Traurigkeit sie überdies selbst erkennen – daher
ihr mangelndes Selbstvertrauen, ihr unsteter Blick und die Ironie,
mit der sie sich aufrechtzuhalten suchen. Sie sind ebensowenig au-
thentische Pioniere, wie die assimilierten Prager Juden Tschechen
oder Deutsche sind; wie jedermann tragen sie den Fluch der Stadt,
der sogar noch ihre Bemühungen verdunkelt, sich von ihm zu be-
freien.
Über die allgemeineren Gründe für diesen Widerwillen gegen den
Zionismus geben uns die Dokumente aus jener Zeit natürlich keine
theoretische Auskun�; Ka�a hat nichts von einem �eoretiker, und
jedenfalls drängt ihn sein Antizionismus nicht zu einer öffentlichen
Aktion, also setzt er sich einzig für sich selbst damit auseinander, in
dem geschlossenen Raum des inneren Konflikts, in dem zu verhar-
ren sein Mangel an Bindungen zur Welt ihn immer zwingt. Doch
wenn man sich den Begriff »Volk« ansieht, der in seinen privaten
Schri�en und einigen Erzählungen au�aucht –
Beim Bau der Chine-
sischen Mauer
zum Beispiel, wo das Volk als Quelle und Garantie
jeder Wahrheit vorgestellt wird –, dann läßt sich vielleicht besser
verstehen, warum ihm der jüdische Nationalismus lange Zeit nega-
tive Gefühle einflößt, während der Nationalismus der anderen
ihn als natürliches Phänomen beeindruckt, so unabhängig von
Beweisen und Widerlegungen wie ein fest im Boden wurzelnder
Baum.
84
Denn eine seiner beständigen Ideen ist, daß es ein Volk nur dann
gibt, wenn es in einer Gemeinscha� wurzelt, die ebenso auf Sprache
und Geschichte wie auf den Bindungen des Territoriums und des
Bluts gründet, und daß dort, wo diese sowohl biologische, sprach-
liche, territoriale als auch geschichtliche Einheit bewahrt geblieben
ist, das Individuum keine besondere Anstrengung machen muß,
um seine Existenz zu rechtfertigen, es ist gleichsam im voraus ge-
rettet, das Volk behält es in seinem Schoß, und es braucht nicht zu
fürchten, daß es fällt. Josef David, der stolze Vorturner des
Sokol
den seine Schwester heiraten wird, ist fröhlich, gesund, mit Recht
mit sich zufrieden und auch mit Recht mit den anderen unzufrieden
– einzig und allein, weil er »unter seinem Volk«
43
lebt und die Kra�
des Volkes auf natürliche Weise auf ihn übergeht. Er hat den »un-
geheure[n] Vorteil der Christen, die im allgemeinen Verkehr die
gleichen Gefühle der Nähe immerfort haben und genießen, zum
Beispiel christlicher Tscheche unter christlichen Tschechen«.
44
Der
Vorteil ist sicherlich geringer für die Ostjuden, die ja im Exil leben,
eingeschlossen in einer Welt der Mißgunst und der Vorurteile; aber
es gibt ihn unbestreitbar dank dem konkreten Boden des
schtetel
auf dem die Ostjuden im Laufe der Zeit ihre Einheit neu zu schaffen
verstanden. Trotz des engen Bereichs, in den sich ihre Wurzeln
hineingesenkt haben, bedarf ihre Existenz keiner Legitimation, in-
nerhalb ihrer Grenzen ist sie souverän, und dessen am gründlich-
sten bewußt sind sich »Menschen, die ihren Kreis so vollständig
ausfüllen, daß man meint, ihnen müßte alles im ganzen Kreis der
Welt gelingen, aber es gehört eben auch zu ihrer Vollkommenheit,
daß sie über ihren Kreis nicht hinausgreifen«.
Unwichtig also, ob
das Volk eine regelrechte Nation bildet oder nicht, unwichtig auch,
ob es legaler Eigentümer seines Bodens ist – es ist Quelle von Glück
und Vollkommenheit, sobald es an ein und demselben Ort alle bin-
denden Krä�e sowie all das zusammenzieht, was dank einer ge-
meinsamen Geschichte und Sprache zu überdauern vermochte.
Die seit Jahrhunderten zerstreuten Juden auf ein und demselben
Boden zu versammeln – genau aus diesem Wunsch ist der Zionis-
mus hervorgegangen, und zumindest in diesem Sinne ist er Ka�a,
wie er einräumen müßte, nicht fremd. Doch im Jahre 92 – fünf
Jahre vor der Balfour-Deklaration, das Datum fällt hier immerhin
ins Gewicht – ist der jüdische Nationalismus in Ka�as Sicht ledig-
lich eine groteske Imitation der europäischen Nationalismen – er
begeistert sich
gegenwärtig
für einen nationalen Boden, der vorerst
85
reine Möglichkeit ist, ein gelobtes Land, ein erträumtes Land, so
daß er alle Fehler seiner Nachbarn übernimmt, ohne jedoch, und
gerade das verurteilt Ka�a, auf Realität hoffen zu können. Die
Schüler des Dr. K. die immerfort die Makkabäer im Munde füh-
ren, sind lächerlich und ein Ärgernis; sie ziehen gegen einen
imaginären Feind in den Krieg und verteidigen ein Land, das sie
nicht haben, so daß sie lediglich das nachäffen, was an ihren wirk-
lichen Feinden, die wenigstens einen Boden unter den Füßen
haben, am anrüchigsten ist. Welche Gründe Ka�a im Jahre 92
vom zeitgenössischen Zionismus entfernen mögen, man darf ver-
muten, daß diese naive und zugleich aggressive Nachahmung der
anderen, worin sich der damalige Zionist paradoxerweise mit dem
assimilierten Juden tri�, ausreicht, ihm die Bewegung zweifelha�
zu machen (ein vielleicht nicht ganz unwichtiges Zusammentreffen:
97 tritt Ka�a dem Zionismus näher, das heißt genau zu dem
Zeitpunkt, da die Balfour-Deklaration der Idee einer Heimkehr
zum erstenmal die Chance der Verwirklichung eröffnet).
So hypothetisch die hier gegebene Erklärung auch ist und bleiben
muß, so ist sie doch insofern wahrscheinlich, als sie mit dem Vor-
rang der Personen vor den Ideen durchaus übereinstimmt – ein
Grundsatz, von dem Ka�a sich in der Urteilsbildung stets hat lei-
ten lassen.
46
Ideen an sich haben keine spezielle Kra�, sie taugen
einzig in dem Maße, wie die Menschen in ihnen Krä�e finden, die
ihnen helfen können, nicht das Unmögliche, sondern das Mögliche
zu tun, das das Leben ihnen eröffnet. Ka�a weiß nicht, welchen
Glauben oder welche Philosophie Chaim Nagel hat, ob er Zionist,
Antizionist oder Anhänger der Jiddischkeit ist; ganz offensichtlich
interessiert ihn das nicht, es genügt ihm zu wissen, daß Chaim
Nagel vollkommen ist, weil er seinen persönlichen Kreis vollständig
ausfüllt und nicht über ihn hinausgrei�. Was hat der Zionismus mit
der Aufgabe zu tun, die Felice im Berliner Judenheim übernehmen
will? Nichts, was die Lehre angeht; die einzige Verbindung besteht
darin, daß »die Arbeit im Heim von ihm eine junge krä�ige Me-
thode, überhaupt junge Kra� erhält, daß nationales Streben anfeu-
ert, wo anderes vielleicht versagen würde […]«
47
Der Zionismus
erscheint hier als ein Träger von Krä�en, die den Kindern unmit-
telbar zugute kommen; deshalb akzeptiert ihn Ka�a als aktives
pädagogisches Mittel, ungeachtet seiner eigenen Meinung, die sich
zur damaligen Zeit noch nicht wesentlich geändert hat. Denn für
ihn ist die Meinung nie die Hauptsache, sondern eine dynamische
86
Ergänzung, die manchen hil�, ihr wahres Ziel zu erkennen und es
unbeirrbar zu verfolgen.
Wäre da nicht diese allgemeine Richtung seines Denkens, so
könnte man Ka�as scheinbar eklektische Haltung bei der Wahl
seiner geistigen Vorbilder leicht mißverstehen. Denn welche Ge-
meinsamkeit besteht zwischen den beiden Frauen, die er Felice
immerfort als Beispiel vor Augen stellt: einerseits der jüdischen
Sozialistin Lili Braun, einer Revolutionärin, die sich gegen ihre
Gesellscha�sklasse auflehnt und dennoch ihrem Volk treu bleibt
und deren Memoiren er so sehr bewundert, daß er sie überall ver-
teilt, und andererseits der Pietistin Erdmuthe von Zinzendorf, die
aus leidenscha�licher Demut auf die Privilegien ihrer Kaste ver-
zichtet hat? Zwischen den Prager Anarchisten, deren Versammlun-
gen er besucht, und dem Anhänger der »Christlichen Gemein-
scha�«, der ihn einmal zu Jesus hatte bekehren wollen?
48
Zwischen
dem obskuren Naturheilapostel von Warnsdorf, dessen Ratschläge
er befolgen will, als seine Krankheit sich verschlimmert, und Kro-
potkin, dem revolutionären Fürsten, der für ihn zu einer bestimm-
ten Zeit eine solch große Rolle spielt, daß er schwört, ihn nicht zu
vergessen (der Satz ist in seinen
Tagebüchern
dick unterstrichen)? All
diese in seinen Augen bewundernswerten Gestalten bilden unver-
kennbar ein höchst heteroklites Ganzes, doch wenn man sie aus
größerer Entfernung betrachtet, außerhalb unseres üblichen intel-
lektuellen Bezugsrahmens, sieht man deutlich, inwiefern Ka�a sie
alle mit derselben schwärmerischen Bewunderung umfassen konnte
(und demselben Neid, denn das Kostbarste, das er an ihnen erblick-
te, fehlte ihm, wie er schmerzha� erkannte) – sie verkörperten in
außergewöhnlichem Grade die vollkommene Übereinstimmung des
Individuums mit seiner geistigen Entscheidung, und sie schöp�en
aus dieser Übereinstimmung die Kra�, in der Welt zu handeln, um
die bestehende Ordnung zu überschreiten, ohne sich durch Zweifel
und Konflikte schwächen zu lassen.
Ka�as Haltung gegenüber Ideen fuhrt unter anderem zu einem
Widerspruch, der ihn schon zu Lebzeiten dauernd der Gefahr aus-
setzt, sogar von denen, seien es Frauen oder Freunde, mißverstan-
den zu werden, die zu seinem Innenleben am längsten Zugang
haben. Da die Ideen unendlich weniger wiegen als die individuellen
Wandlungen, die sie möglicherweise verursachen, sind sie nicht
durch sich selbst begründet oder unbegründet; sie sind alle gleich
viel wert, insofern ihre förmliche Substanz nichts darüber aussagt,
87
was das Individuum mit ihnen anfangen kann, um ganz es selbst zu
sein, in Einklang mit sich und dem Lebensziel, das es sich gesteckt
hat. Ka�a akzeptiert sie also vorläufig mit unermüdlicher Toleranz,
wie es dem neutralen Beobachter ansteht, der abwartet, bevor er
urteilt. Doch selbst wenn die Ideen nur in dem Maße zählen, wie sie
sich auf die konkrete Lebensordnung auswirken, kann und darf
diese nicht dem Zufall überlassen bleiben; sie muß unau�örlich auf
eine mögliche Veränderung vorbereitet und gerade deshalb bis ins
kleinste geregelt werden. Die Art der Arbeit, der man sich widmen
will, der Grad der Befriedigung, den man seinen Bedürfnissen zu-
gesteht, die Art, wie man trinkt, ißt, sich kleidet und pflegt, wie man
sein Geld und seine Güter zu verwenden gedenkt – in allen diesen
Fragen der Hygiene und Disziplin zeigt sich Ka�a geradezu uner-
bittlich; er ist hierbei ebenso unduldsam, auf peinliche Einhaltung
ebenso bedacht, wie er den Auseinandersetzungen um Ideen, die
weder Seele noch Körper unmittelbar berühren, neutral, wenn-
gleich aufmerksam gegenübersteht. Felice mag zum Beispiel vom
Zionismus halten, was sie will (»das ist Deine Sache«
49
, sagt er ihr
unumwunden); aber Fleisch essen, eine behagliche Wohnung ha-
ben, sich im Winter wärmen oder Erster Klasse reisen – das wird sie
nicht können, wenn sie sich entschließt, ihn zu heiraten, in diesen
Punkten wird er nie nachgeben, das muß sie wissen, ehe sie sich
bindet (und er gibt tatsächlich nicht nach, was schließlich die Hei-
rat scheitern läßt). Ebenso läßt er seinen Schwestern jede Freiheit
der Meinung, doch sobald es um die Kindererziehung geht, mischt
er sich energisch in ihr Familienleben ein, ohne sich darum zu
kümmern, ob er dessen Frieden stört. So verlangt er von seiner
ältesten Schwester, sich von ihrem zehnjährigen Jungen zu trennen,
um ihm die »Art geistiger Blutschande« zu ersparen, zu der jedes
von seinen Eltern erzogene Kind verurteilt ist, besonders wenn es
das Unglück hat, im Milieu der »Prager wohlhabenden Juden«
geboren zu sein.
50
Dieses autoritäre Verhalten in Privatangelegen-
heiten – nach bürgerlicher Moral sind sie einzig Sache des persön-
lichen Geschmacks, so daß sich darüber nicht streiten laßt – steht in
krassem Gegensatz zu Ka�as äußerster Zurückhaltung in öffent-
lichen Auseinandersetzungen, und man kann sich vorstellen, daß
seine unmittelbare Umgebung fassungslos, ja schockiert ist (sogar
Max Brod gibt zu, daß ihn der Starrsinn seines Freundes zuweilen
au�rachte, wenn er längere Zeit mit ihm zusammen war). Würde
er seine Unnachgiebigkeit doch wenigstens mit ordentlichen meta-
88
physischen oder religiösen Vorstellungen rechtfertigen … Aber
nein, er ist Vegetarier, ohne den doktrinären Vegetarismus für son-
derlich achtenswert zu halten; er ist Asket, ohne den Glauben zu
teilen, aus dem die Asketik ihre Argumente schöp�, und ohne daß
ihn eine besondere Verwandtscha� mit den Mystikern der Entsa-
gung verbände, die er in seinen Erzählungen und vielen Aphoris-
men häufig zur Zielscheibe nimmt, so daß an seinem Schar�lick in
dieser Sache kein Zweifel bestehen kann; voller Eifer propagiert er
die von den verschiedenartigsten Sekten gepriesenen Praktiken,
ohne blind zu sein für den sektiererischen Geist und die mehr oder
weniger erleuchteten Adepten, auf deren Seite er sich zu schlagen
scheint – Ka�a läßt sich nicht festlegen, und insofern hat er nicht
unrecht, wenn er sagt, daß es in seiner Umgebung niemanden gibt,
der ihn »im Ganzen« versteht. Im Ganzen ist dieser Geist extrem
liberal, was Ideen betri�, und nicht weniger extrem fanatisch,
wenn es um die Praxis geht, in der Tat sogar für seine verständnis-
vollen Freunde ebenso rätselha� und verwirrend, wie er es später
als Schri�steller für die Nachwelt sein wird.
Die Idee als Mittler einer inneren Reinigung hat selbstverständ-
lich keinen Platz in der Politik, und in diesem Sinne interessiert
Ka�a die Politik nicht, außer dort, wo der Parteigänger sie zum
bevorzugten Werkzeug einer asketischen Berufung macht – ein Weg,
den die politischen Bewegungen im allgemeinen und der Zionismus
im besonderen gewiß nicht nachprüfen werden. Daher nimmt der
politische Zionismus mit seiner Lehre, der Geschichte seiner Ten-
denzen und inneren Kämpfe in Ka�as privaten Schri�en so wenig
Raum ein, daß man, wäre nicht hier und dort aus seinen Diskus-
sionen mit Freunden etwas zu erraten, versucht sein könnte, ihn
vollständig aus seinen Gedanken zu streichen. Was wußte er über-
haupt über ihn und von wem hatte er es erfahren? Seine Bibliothek
gibt darüber keinen sicheren Aufschluß, die Liste der Bücher wurde
erst zehn Jahre nach seinem Tod aufgestellt und ist zweifellos un-
vollständig; Herzl jedenfalls ist nur mit seinen
Tagebüchern
darin
vertreten
5
, ein weiterer Beweis dafür, daß Ka�a die Lehre des
Gründers weniger interessiert als das außergewöhnliche Abenteuer
seines Lebens und vor allem dessen individuelles Drama. Die Bi-
bliothek ist also unvollständig. Ka�a konnte den
Judenstaat
gelesen
haben, ohne selbst ein Exemplar zu besitzen. Doch wie dem auch
sei, Werke über zionistische Politik und Geschichte sind darin sehr
spärlich vertreten, offenbar waren sie nicht Ka�as Lieblingslek-
89
türe, sein Interesse galt eher der Religionsgeschichte, der jüdischen
Folklore sowie Schri�en, die sich mit den »alten Ungeheuern Zei-
ten« des historischen Judentums befassen (übrigens las er ausgiebig
Periodika und Zeitschri�en).
Die zionistische Bewegung erwähnt Ka�a in seinen
Tagebüchern
und Briefen fast nie, wir wissen lediglich, daß er 93 am Zionisti-
schen Kongreß in Wien teilnimmt, übrigens mehr aus Zufall als aus
eigenem Entschluß (er befindet sich gerade zusammen mit seinem
Vorgesetzten in Wien anläßlich eines Kongresses über Unfallverhü-
tung), Dieser kurze Aufenthalt in der österreichischen Hauptstadt
bleibt ihm in übler Erinnerung, so daß er ihn, wie er sagt, am
liebsten aus seinem Leben streichen würde, und der Kongreß selbst
verursacht ihm nur Langeweile, wie es aus einigen hastigen Notizen
hervorgeht, die er für Felice aufschreibt: »Der Arbeiterdelegierte
aus Palästina, ewiges Geschrei, Tochter Herzls. Der frühere Gym-
nasialdirektor von Jaffa. Aufrecht auf einer Treppenstufe, verwisch-
ter Bart, bewegter Rock. Ergebnislose deutsche Reden, viel hebrä-
isch, Hauptarbeit in den kleinen Sitzungen. Lise W. [Weltsch] läßt
sich vom Ganzen nur mitschleppen, ohne dabeizusein, wir� Papier-
kügelchen in den Saal, trostlos.«
52
Und Max Brod gesteht er, er sei
so niedergeschlagen gewesen, daß er um ein Haar die Delegierten
ebenfalls beworfen hätte.
53
Ka�as Antizionismus weicht wirklich erst unter dem Einfluß des
Ersten Weltkriegs, dessen Auswirkungen auf die Lage der Juden in
Mitteleuropa, insbesondere in der Tschechoslowakei, unschwer vor-
hersehbar sind. Ka�a ist nicht der einzige, den das beunruhigt,
und seine Besorgnis über eine Verschärfung des Antisemitismus
während des Krieges und danach ist an der Änderung seiner Hal-
tung gewiß nicht unbeteiligt, einer Veränderung, die sich im übri-
gen ganz allmählich und nicht ohne Verschleppung und Rück-
schläge vollzieht. Jedenfalls beginnt seine »zionistische Phase«, wie
die meisten Biographen sie nennen, nicht bereits im Jahre 94,
was der schon ausführlich zitierte Brief von 96 beweist, in dem er
Felice ihre Verantwortung vorhält: »Wie Du mit dem Zionismus
zurechtkommst, das ist Deine Sache, jede Auseinandersetzung
[Gleichgültigkeit wird also ausgeschlossen] zwischen Dir und ihm,
wird mich freuen. Jetzt läßt sich darüber noch nicht sprechen, soll-
test Du aber Zionistin einmal Dich fühlen (einmal hat es Dich ja
schon angeflogen, es war aber nur ein Anflug, keine Auseinander-
setzung) und dann erkennen, daß ich kein Zionist bin – so würde es
90
sich bei einer Prüfung wohl ergeben – dann fürchte ich mich nicht
und auch du mußt Dich nicht fürchten, Zionismus ist nicht etwas,
was Menschen trennt, die es gut meinen.«
54
Ka�a will also in Fe-
lices Auseinandersetzung mit dem Zionismus nicht eingreifen, sie
soll damit zurechtkommen, ohne seine Meinung zu kennen, allen-
falls kann sie sie an dem »wohl« und dem häufigen Konditionalis
erraten, mit dem er die Wahrheit verschleiert – er ist kein Zionist
und wird es »wohl« auch dann nicht sein, wenn sie selbst sich dazu
entschieden haben wird.
Ende 96 ist Ka�a noch immer nicht für den Zionismus gewon-
nen; doch ein paar Monate später beginnt er, Hebräisch zu lernen,
was immerhin auf einen ernsten Willen zur Annäherung hindeutet.
Erwägt er bereits 97, nach Palästina zu reisen, wie er es sechs
Jahre später tun möchte, als die sich verschlimmernde Krankheit
ihm jede Hoffnung nimmt, seinen Plan auszuführen? Davon spricht
er nicht, aber das Jahr 97 zeigt ohne Zweifel eine Wende an,
zuerst in seinem Leben, das nun ganz und gar, seelisch wie körper-
lich, von der Krankheit beherrscht ist; sodann in der Entwicklung
des Zionismus selbst, den die Balfour-Deklaration in einen konkre-
ten Rahmen stellt, in dem er agieren kann. Als Kranker, der nun
gezwungen ist, Prag zu verlassen, um sich behandeln zu lassen,
macht Ka�a seine ersten Schritte auf dem Weg der »Heimkehr«
gerade in dem Augenblick, da die »Heimkehr« keine windige Idee
mehr ist, sondern eine berechtigte Hoffnung, was ihm den Grund
für seine Antipathie gegen den unklaren Zionismus von Prag und
anderswo zu bestätigen scheint, der ihn bisher überaus mißtrauisch
machte. Und diese sowohl heimlichen wie behutsamen ersten
Schritte sind für ihn von hoher Bedeutung, wenngleich niemand
sagen kann, ob er unter anderen Umständen und bei Krä�en die-
sen Weg weit genug hätte gehen können, um ans Ziel zu gelangen
oder es auch nur zu erahnen.
Natürlich wird Ka�a kein streitbarer Zionist, sein Gesundheits-
zustand gibt ihm kaum die Möglichkeit dazu, und Streitbarkeit
liegt ohnehin nicht in seiner Natur. Den Hauptteil seiner Zeit wid-
met er dem Studium des Hebräischen, das er mehrere Jahre lang
fleißig betreibt, bald allein, bald in Privatstunden. Er füllt ganze
He�e mit Briefen und Grammatikübungen (seine He�e aus dem
Jahre 98 enthalten mehr Hebräischübungen als literarische Skiz-
zen) und lernt so eifrig, daß er sich schließlich mit einer jungen
Palästinenserin, die ihm geholfen hat, sich fortzubilden, auf hebrä-
9
isch unterhalten kann.
55
Er ist sogar in der Lage, kabbalistische
Werke auf hebräisch zu lesen, zumindest darf man es vermuten, da
er Brod bittet, ihm eines mitzubringen – irgendeines, von dem er
annimmt, »daß es hebräisch ist«
56
, was im übrigen zeigt, wie gering
seine Sachkenntnis war und wie wenig Vertrauen man den kabba-
listischen Deutungen seines Werks schenken darf.
57
Jedenfalls er-
schöp� sich .sein Interesse am Zionismus nicht im Studium des
Hebräischen; in Zürau abonniert er die
Selbstwehr
, deren Leitung
sein Freund Felix Weltsch 98 übernimmt; er liest jüdische Zeit-
schri�en und die Bibel, vor allem die Genesis und die Bücher Mose;
wenn er sich in Prag au�ält, besucht er häufig die Vorträge Brods
oder anderer – wohlgemerkt beteiligt er sich nie an den anschlie-
ßenden Diskussionen –, und in Berlin nimmt er an Kursen der
Hochschule für jüdische Wissenscha� teil, sie ist für ihn »Friedens-
ort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern
[…]«, wo er gern studiert, weil ihm »das Liberalreformerische, das
Wissenscha�liche des Ganzen«
58
zusagt. In dieser Phase erwägt er
offen, nach Palästina überzusiedeln; er spricht häufig mit Dora Dy-
mant darüber, sie wollen zusammenarbeiten, sie als Köchin, er als
Kellner im selben Lokal. Seinem Jugendfreund Hugo Bergmann,
der ihn aufgefordert hatte, ihm nach Jerusalem zu folgen, schreibt
er, er habe seine »Transportabilität« prüfen wollen und sei zuerst
ins Ostseebad Müritz gefahren, doch er läßt erkennen, daß der
Versuch nicht so überzeugend war, als daß er riskieren könne, wei-
terzufahren. An Milena schreibt er: »Ich wollte ja im Oktober nach
Palästina, wir sprachen ja davon, es wäre natürlich nie dazu ge-
kommen, es war eine Phantasie, wie sie jemand hat, der überzeugt
ist daß er sein Bett nie verlassen wird. Wenn ich mein Bett nie
verlassen werde, warum soll ich dann nicht zumindest bis nach
Palästina fahren.«
59
Freilich, seine körperliche Schwäche ist nicht
der einzige und vielleicht nicht einmal der wahre Grund für dieses
letzte Mißlingen; er erläutert es Eise Bergmann, die sich tatsächlich
anschickt, ihn abzuholen und nach Jerusalem mitzunehmen: »Ich
weiß, daß ich jetzt ganz gewiß nicht fahren werde – wie könnte ich
denn fahren […]. Es wäre, vorausgesetzt, daß etwas derartiges
überhaupt für mich durchführbar wäre, keine eigentliche Paiästina-
fahrt jetzt geworden, ganz und gar nicht […], sondern im geistigen
Sinne etwas wie eine Amerikafahrt eines Kassierers, der viel Geld
veruntreut hat, und daß die Fahrt mit Ihnen gemacht worden wäre,
hätte die geistige Kriminalität des Falles noch sehr erhöht. Nein, so
92
hätte ich nicht fahren dürfen, selbst wenn ich es hätte können
[…]«
60
Wieder einmal fragt Ka�a sich nicht, ob das, was die Juden
veranlaßt, nach Palästina zu gehen, wirklich seinem Ideal ent-
spricht; letztlich ist es unwichtig, ob sie recht oder unrecht haben,
es geht lediglich darum, ob seine Kra�, Redlichkeit und Reinheit
ausreichen, sich das Recht zu nehmen, sie zu begleiten.
Die Antwort läßt nicht auf sich warten: Als Zweifler, der zum
Zionismus und zu sich selbst noch immer ein gespaltenes Verhältnis
hat, kann er nicht nach Palästina fahren, ohne sich eines erbärm-
lichen Betrugs schuldig zu machen. Selbst wenn ihm die Reise
physisch möglich wäre, würde seine chronische Seelenqual sie ihm
untersagen, obwohl gerade dieser Zustand ihn seit jeher zur Flucht
gedrängt hat. In dieser Hinsicht steht es um den Zionismus nicht
besser als um alle Initiativen, die er in seinem Leben zu ergreifen
versuchte und die jedesmal gescheitert sind. Es bedarf nur eines
Beispiels unter den vielen, deren Liste er 922 einmal aufstellt:
»[…] Klavier, Violine, Sprachen, Germanistik, Antizionismus, Zio-
nismus, Hebräisch, Gärtnerei, Tischlerei, Literatur, Heiratsversu-
che, eigene Wohnung«
6
, um sich das ganze Ausmaß seiner
Krankheit der Unvollkommenheit vor Augen zu führen, die sein
Leben in ein »stehendes Marschieren« verwandelt hat, einer wirk-
lichen Veränderung unfähig. In diesem Verzeichnis der Niederla-
gen, deren Chronologie zugleich die Reihenfolge ihrer Wichtigkeit
widerspiegelt – die letzten sind offensichtlich die gravierendsten –,
haben Antizionismus und Zionismus einander wirklich nichts vor-
aus, sie zählen zwar mehr als Violine und Klavier und etwa
genausoviel wie Gärtnerei und Tischlerei (freilich erscheint hier
selbst die Literatur, sogar dieser Wahnsinn, dem Ka�a alles geop-
fert hat, nur als ein Element unter anderen in der negativen
Bilanz).
Ka�a wird also nicht nach Jerusalem reisen, und er weiß es,
lange bevor er die Reise in seinen unruhigen Träumen geplant hat.
Er weiß, daß er sich letztlich begnügen muß, »mit dem Finger auf
der Landkarte« hinzufahren, und daß er sich damit abfinden muß,
bis ans Ende der einsame Dichter zu sein, der gesetzlose Prophet
ohne Volk und ohne Boden, der Retter, der sich selbst nicht zu
retten vermag und den er in seinen Erzählungen mit ebensoviel
Humor wie Trauer beschreibt. Für immer und ewig in der Wüste
seiner inneren Bilderwelt eingeschlossen, dem einzigen Ort, der
ihm – zu seinem eigenen Unglück und zum Glück für sein Werk –
jemals wirklich zugänglich war, will er nichts anderes mehr sein als
»eine kleine Episode in der ewigen Geschichte unseres Volkes« und
verurteilt sich selbst zum Verschwinden, ohne zu ahnen, daß andere
Generationen eines Tages gerade in diesem Willen zur Auslöschung
das wahre Siegel der Prophetie erkennen würden.
94
Kapitel V
Vor dem Gesetz
Wie immer es im Laufe der Zeit um die Heimsuchungen seines
jüdischen Gefühls bestellt sein mag, Ka�a erwägt in keinem Au-
genblick, in die Gemeinscha� zurückzukehren; das ist für ihn
schlechthin unmöglich, weil er, da nicht im strengen Sinne des Ju-
dentums gläubig, sich dem Tempel nicht einmal »verstohlen« nä-
hern darf. Doch selbst wenn er in dieser Mischung aus Unglauben
und Skrupeln gezwungen ist, abseits zu bleiben, sogar in Zeiten, da
ihm seine Zurückgezogenheit als Form des Selbstmords erscheint,
so heißt das nicht, daß er die Freiheit nutzt, die für viele Juden, die
sich von der Religion gelöst haben, unmittelbar aus ihrem wohlbe-
dachten Bruch folgt. So unfähig er ist, den kleinen Flüchtlingen aus
dem Osten im Hinblick auf den Glauben und die Frömmigkeit auch
nur eine »traurige Antwort« zu geben, so ist er doch nicht frei, sein
Leben zu organisieren – im materiellen Bereich, der bei ihm nur der
sichtbare Aspekt des Geistigen ist –, so als hätte ihn der uralte
Kodex nie betroffen. Da er das Gesetz verloren hat, nicht jedoch
den brennenden Wunsch, es zu besitzen – er hat sich im Gegenteil
gefährlich verstärkt, je weiter es sich von ihm entfernte –, leidet er
an diesem Mangel unendlich mehr als jemand, der auf die strengen
Regeln der Orthodoxie setzt.
Dort, wo die assimilierten Juden nichts Eiligeres zu tun haben,
als sich von den rituellen Zwängen zu befreien, die mit ihrem
Wunsch, in ihrem Milieu aufzugehen, nicht vereinbar sind, bedau-
ert Ka�a, daß er in seiner Jugend diese Zwänge nicht erfahren hat,
und falls er versucht sein sollte, sie zu erproben, wüßte er nicht
einmal, wie, warum und wie weit er sich ihnen beugen müßte. Denn
für ihn ist das Gebot durch das Verschwinden des Gebieters, der es
einst erlassen hatte, nicht abgescha�, es überlebt gleichsam seine
eigene Notwendigkeit; und es bleibt nicht nur das einzige, das
spricht, es wird auch, da es sich völlig losgelöst hat von der gött-
lichen Ordnung, deren Vermittler es in den »alten ungeheueren
95
Zeiten« war, zwingender denn je und derart tyrannisch, daß seine
Anforderungen weder Maß noch Grenzen mehr kennen. Es ver-
wundert nicht, daß in der
Stra�olonie
, in die Ka�a seinen Dämon
der Rechtfertigung einsperrt, das Gebot ohne Gebieter bloß noch
eine defekte Maschine in Gang hält, die es am Ende selbst zerstük-
keln wird – aufgrund seiner monströsen Autonomie der Fähigkeit
beraubt, das Leben zu regulieren, reduziert es das Gesetz auf eine
maßlose Zwangsgewalt, deren einzige Funktion die automatische
Vollstreckung der Strafe ist.
Gottlos also und dennoch von jenem wesentlichen Rest jüdischen
Glaubens gehalten, das heißt dem gebieterischen Bedürfnis nach
legalisiertem Leben, das von innen gegen die entfesselten Instinkte
und von außen gegen den Widersinn der von Tag zu Tag erlittenen
Zeit in der Leere des reinen Verrinnens geschützt ist, bemüht sich
Ka�a, dieser unhaltbaren Situation abzuhelfen, indem er sich ei-
nen Kodex zum eigenen Gebrauch erfindet, also etwas, das aus dem
tiefsten Grunde der Subjektivität, wo seine Angst entstand, hervor-
gegangen und daher gänzlich ungeeignet ist, ihm Erleichterung zu
schaffen. Denn der Sinn der »schönen krä�igen Sonderungen«, die
das Judentum zu praktizieren wußte und die er nun neu erfinden
muß, ist ihm nicht zuteil geworden, und da die Unterscheidung
zwischen Gerechtem und Ungerechtem, Reinem und Unreinem,
Erlaubtem und Unerlaubtem gerade das ist, was ihm am meisten
fehlt, kann sein persönlicher Kodex diesen Hauptfehler nur lindern,
indem er die Sphäre der unreinen Dinge und verbotenen Handlun-
gen geradezu ins Unendliche ausdehnt.
Aufgrund dieser paradoxen Position gegenüber dem Gesetz, die,
wie wir sehen werden, einen tiefen Konflikt verdeckt, kann Ka�a
nicht den geringsten Vorteil aus seinem jüdischen Erbe ziehen: Er
erleidet, was er ohne sein Wissen als unveräußerliches Gut davon
bewahrt, und erfährt im übrigen nur seine absolut negativen Aus-
wirkungen. In einem Schritt, dessen Logik Freud mühelos erfaßte,
bemüht sich Ka�a ausgerechnet in seinem Verhältnis zur Nahrung
verbissen um einen Ersatz der Legalität, und in diesem Punkt auch
fällt er, am Gesetz ohne Gesetz krankend, auf gefährliche Weise ins
Pathologische.
Ka�a steht in einer Tradition, die es verbietet, alles Beliebige zu
essen
; doch da er den Kodex der Vorschri�en und Verbote, der
immerhin das Essen erlaubt, nicht kennt – und ablehnt –, lehnt er
die Eßgewohnheiten ab, die sein eigenes Milieu angenommen hat
96
(niemand in seiner Umgebung scheint in diesem Punkt ein gewis-
senha�er Jude geblieben zu sein). Er nimmt andere an, die unter
dem Vorwand einer dem schwachen, nervösen Magen bekömmli-
cheren Diät in Wirklichkeit ein neues System strenger Verbote
bilden. Er ist Vegetarier geworden – im Jahre 92, das heißt zu der
Zeit, da Löwy und die Schauspieler die Sehnsucht nach einem sich
seiner selbst und seiner Legitimität bewußten jüdischen Lebens in
ihm wecken – und verschmäht nicht nur Fleisch, Fisch, Eier und
alkoholische Getränke, sondern auch Tee, Kaffee, Kakao und, so-
weit irgend möglich, jede halbwegs nahrha�e Speise (»das beste
Nahrungsmittel ist eine Zitrone«, sagt er einmal nur halb im
Scherz). Denn da er gezwungen ist, sich nach einem ausschließlich
restriktiven Prinzip zu richten, das nichts, weder in ihm noch au-
ßerhalb seiner, zu mäßigen erlaubt, hält er sogar die allerstrengste
Abstinenz für einen Notbehelf und wartet gleichsam auf den Au-
genblick, da er sich der Notwendigkeit des Essens überhaupt wird
entwinden können.
Natürlich erwähnt Ka�a diesen Hintergedanken niemals in sei-
nen Briefen oder
Tagebüchern
; aber daß er tief in ihm steckt, das läßt
die außergewöhnliche Rolle vermuten, die er dem Fasten in seinen
Erzählungen einräumt, zumal er sie mit einer Präzision und einem
Detailreichtum entwickelt, zu denen nur eine lange Praxis verhelfen
kann. Zwei seiner wichtigsten Figuren verhungern: Gregor Samsa,
weil seine Verwandlung ihm die menschlichen Speisen verleidet hat,
die seine Familie ihm hartnäckig vorsetzt; und der Hungerkünstler,
weil das Hungern zur Substanz seines Werkes und zum einzigen
Mittel seines Schaffens geworden ist. Was den Hund betri�, der
ebenfalls in seiner Jugend einen denkwürdigen Hungerstreik durch-
gemacht hat, so sieht er im Fasten eine besonders günstige Voraus-
setzung für seine Forschungen, ohne sich jedoch zu verhehlen, daß
seine ersten Erfahrungen, von denen er sich nie erholt hat, ihn
einzig dazu führten, dem Tod ins Auge zu sehen. Weniger abgeson-
dert als Samsa und weniger verrückt als der Hungerkünstler, hat er
vor diesen beiden selbstmörderischen Helden den großen Vor-
sprung, daß er seine gefährlichen Versuche mit knapper Not über-
lebt hat, so daß er nun, in seinem hohen Alter, über die Gründe
seines Scheiterns nachdenken und sie bei weiteren Plänen berück-
sichtigen kann (denn er ist von der Verlockung nicht geheilt und
träumt von einem erneuten Versuch). Diese Gründe kennt er im
übrigen sehr gut, es sind zunächst die Unbefangenheit und der
97
Übermut seiner Jugend, sodann das unvorhergesehene Hindernis,
welches das Gesetz der Hunde plötzlich vor ihm aufgerichtet hat,
als Antwort auf seine gefährliche Herausforderung.
In dieser komplizierten Frage der Beziehung des Hungerns zum
Gesetz ist der Hund, aufgrund seiner überwiegend autobiographi-
schen Funktion über Ka�as Absichten unterrichtet, gewiß dieje-
nige Figur, die besonders dazu berufen ist, die Debatte zu eröffnen
und zu leiten. Mit seinem stark organisierten Intellekt und einem
Bewußtsein, das auf derselben Stufe steht wie das seines Schöpfers,
ist er in der Lage, uns die Motive, die ihn zu seinem rein experi-
mentellen Fasten veranlaßt haben, sowie die stummen Einwände
zu erläutern, mit denen das vergessene, wenngleich ohne sein
Wissen noch immer wirksame Hundegesetz einst seine Absichten
zu durchkreuzen vermochte. Er ist dazu um so leichter imstande,
als er neben seinen intellektuellen Fähigkeiten und der Gabe der
Selbstanalyse auch eine Wissenscha� der Deutung besitzt, um die
ihn der in seiner Kunst bewanderte Talmudist wahrlich beneiden
könnte.
Der Hund, der sich das Ziel gesetzt hat, nach dem Ursprung der
Nahrung zu forschen, kommt zu dem Schluß, daß seine Ergebnisse
fruchtlos sind, weil er nicht sein Futter essen und gleichzeitig die
Nahrung wissenscha�lich beobachten kann. Die Wissenscha� ist
für ihn dasselbe wie für den Fastenden die Kunst – sie geht auf die
Substanz selbst, die das Leben erhält und nun nicht mehr verzehrt
werden kann, da sie sich andernfalls nicht mehr
beobachten
ließe.
(Genau dies ist die geradezu tödliche Argumentation Ka�as, der
nicht mehr versteht, wie man schreiben und gleichzeitig essen
kann.) Um dem Dilemma zu entgehen, beschließt der Hund, voll-
ständig zu fasten, »solange ichs aushielt […], allerdings dabei auch
jeden Anblick der Nahrung, jede Verlockung vermeidend«. Freilich
ist sein Entschluß nicht ohne Berechnung; er ho�, daß, wenn er
seinen Fraß so lange wie irgend möglich verschmäht, »die Nahrung
von oben selbst herabkäme und […] an mein Gebiß klopfen würde,
um eingelassen zu werden«. So würde er ihr endlich ihr Geheimnis
entreißen und dank dieser unerhörten Entdeckung sowohl allen
Volksaberglauben wie alles unbrauchbare Wissen der Gelehrten
auslöschen.
In der ersten Zeit verläu� das Experiment ohne Zwischenfälle,
und der Hund ist stolz darauf, sich sehr ruhig zu fühlen. »Obwohl
ich hier eigentlich an der Au�ebung der Wissenscha� arbeitete,
98
erfüllte mich Behagen und fast die sprichwörtliche Ruhe des wis-
senscha�lichen Arbeiters.« In dieser euphorischen Zeit träumt er
von großem Ruhm, er sieht sich mit den Seinen versöhnt, »in gro-
ßen Ehren aufgenommen werden, die ersehnte Wärme versammel-
ter Hundeleiber werde mich umströmen, hochgezwungen würde
ich auf den Schultern meines Volkes schwanken. Merkwürdige Wir-
kung des ersten Hungers«.
Merkwürdig in der Tat, und leider auch
vergänglich, denn allmählich verflüchtigen sich die schönen Bilder,
und der Hund, wieder allein mit dem Hunger, der ihm in den
Eingeweiden brennt, lernt Qualen kennen, die so furchtbar sind,
daß er sich kaum an sie zu erinnern wagt: »Eine böse, böse Zeit!
Mich schauert, wenn ich an sie denke, freilich nicht nur wegen des
Leides, das ich damals durchlebt habe, sondern vor allem deshalb,
weil ich damals nicht fertig geworden bin, weil ich dieses Leiden
noch einmal werde durchkosten müssen, wenn ich etwas erreichen
will, denn das Hungern halte ich noch heute für das letzte und
stärkste Mittel meiner Forschung.«
Hier schiebt Ka�a die fiktive
Person, die ihm als Vermittler dient, san� beiseite und ergrei� selbst
das Wort, um zu enthüllen, was sein Schicksal tatsächlich besiegeln
wird: Niemals wird er darauf verzichten, das Hungern für das letzte
Mittel seiner Forschung und deren Erfüllung zu halten, auch dann
nicht, als die Tuberkulose ihn vor der Gefahr warnt. In einer jener
grausamen Ironien des Schicksals, die er in seinem Werk vorzüglich
zu nutzen wußte, wird er übrigens wirklich verhungern, doch ohne
es gewollt zu haben und ohne sich sagen zu können, er habe sein
Ziel erreicht.
Der Hund stellt fest, daß er gescheitert ist, zunächst natürlich
wegen seiner Schwäche, aber auch deshalb, weil ihn plötzlich der
Gedanke an seine Urväter befiel, so daß ihn fast augenblicklich die
»unbefangene Angriffslust der Jugend« verließ. Sein Entschluß zu
fasten war an sich schon eine Herausforderung, die es ihm, falls er
hätte durchhalten können, vielleicht ermöglicht hätte, sein Experi-
ment zum Abschluß zu bringen. Doch es kam anders, seine unbe-
fangene Angriffslust erlag allzu schnell dem Ansturm des Gesetzes
und seiner schrecklichen Wächter: »Sie schwand schon damals in-
mitten des Hungerns. Mancherlei Überlegungen quälten mich.
Drohend erschienen mir unsere Urväter. Ich halte sie zwar, wenn
ich es auch öffentlich nicht zu sagen wage, für schuld an allem, sie
haben das
Hundeleben
verschuldet, und ich konnte also ihren Dro-
hungen leicht mit Gegendrohungen antworten, aber vor ihrem
99
Wissen beuge ich mich, es kam aus Quellen, die wir nicht mehr
kennen, deshalb würde ich auch, so sehr es mich gegen sie anzu-
kämpfen drangt, niemals ihre Gesetze geradezu überschreiten, nur
durch die Gesetzeslücken, für die ich eine besondere Witterung
habe, schwärme ich aus.«
Ein weiteres Mal spricht der Hund laut
aus – und mit welchem Scharfsinn, mit welcher Kunst der Dialek-
tik –, was Ka�a öffentlich nicht zu sagen, ja nicht einmal sich selbst
einzugestehen wagt (seine
Tagebücher
und He�e enthalten nichts zu
diesem �ema, was nur annähernd so entscheidend wäre). Er will
gegen die Urväter ankämpfen, weil sie das »Hundeleben«, zu dem
die Juden verdammt sind, verschuldet haben. Andererseits jedoch
achtet er sie als Träger eines Wissens, das Ehrfurcht gebietet, zumal
ihre ferne Herkun� in Vergessenheit geraten ist, so daß seine krie-
gerischen Absichten keine Aussicht auf Erfolg haben und er sich,
vor Respekt wie versteinert, nicht einmal dazu durchringen kann,
die Feindseligkeiten zu eröffnen. Denn Ka�as Krieg gegen die ehr-
würdigen und schuldigen Urväter findet nicht auf den Schlachtfel-
dern des Lebens statt; er spielt sich in ihm selbst ab, wo er, in
Ermangelung wahrer Kämpfer, zu einem ständigen Konflikt und,
am Schluß, zur Krankheit verkommt.
Der Kandidat, der sich um das totale Hungern bewirbt und das
Gesetz nicht überschreiten will, obwohl er es für verderblich hält –
denn was ist es schließlich anderes als das Gesetz, welches noch
immer das »Hundeleben« bestimmt, Jahrhunderte nachdem die
Urväter es verkündet haben? –, stürzt sich nicht ins Abenteuer,
ohne vorher Sicherheitsmaßnahmen zu ergriffen zu haben, was an-
gesichts der Zweideutigkeit der Texte in diesem Punkt neue Hinder-
nisse auf seinem Weg au�aut. Denn über das Hungern äußert sich
das Gesetz nicht so klar, als daß es einer Deutung entraten könnte,
und so wie jeder weise Hund seinen Standpunkt zur Geltung bringt,
so macht sich der Hund, der in der Legalität bleiben will, ohne
deshalb auf das Hungern zu verzichten, ganz natürlich den Stand-
punkt zu eigen, der seinem Plan am meisten entgegenkommt. Um
sich auf dieser Seite abzusichern, beru� er sich auf »das berühmte
Gespräch« über das Hungern, im Laufe dessen »einer unserer Wei-
sen die Absicht aussprach, das Hungern zu verbieten, worauf ein
Zweiter davon abriet mit der Frage: ›Wer wird denn jemals hun-
gern?‹ und der Erste sich überzeugen ließ und das Verbot zurück-
hielt. Nun entsteht aber wieder die Frage: ›Ist nun das Hungern
nicht eigentlich doch verboten?‹ Die große Mehrzahl der Kommen-
00
tatoren verneint sie, sieht das Hungern für freigegeben an, hält es
mit dem zweiten Weisen und befürchtet deshalb auch von einer
irrtümlichen Kommentierung keine schlimmen Folgen. Dessen
hatte ich mich wohl vergewissert, ehe ich mit dem Hungern be-
gann«.
Ein letzter Skrupel also veranlaßt den Hund, sich dem
Gesetz gegenüber korrekt zu verhalten, obschon er das Risiko auf
sich nimmt, es zu verletzen. Denn das Risiko besteht, und er weiß
es, gerade deshalb beteuert er so laut seine Aufrichtigkeit: Was im-
mer geschieht, er wird nicht willentlich sündigen, und er sorgt
dafür, daß die geheimnisvollen Mächte, deren Rache er fürchtet,
ordnungsgemäß darüber unterrichtet sind.
Zu seinem Unglück lassen sich die Mächte nicht leicht hinterge-
hen, das erkennt er genau in dem Augenblick, da der Hunger ihn
wirklich zu peinigen beginnt. Denn alles sieht so aus, als steckten
Gesetz und Hunger unter einer Decke oder, genauer gesagt, als
gäbe das Gesetz seinen Willen nur dadurch kund, daß es den Fa-
stenden zwingt, den Hunger, den er ersehnte, in seinem ganzen
unsäglichen Grauen zu erfahren. Solange sein Bauch gefüllt war,
konnte der Hund mit dem Sinn des Gesetzes spielen und es in
schöner Heiterkeit deuten: »Nun aber, als ich mich im Hunger
krümmte, schon in einiger Geistesverwirrung immerfort bei meinen
Hinterbeinen Rettung suchte und sie verzweifelt leckte, kaute, aus-
saugte, bis zum A�er hinauf, erschien mir die allgemeine Deutung
jenes Gespräches ganz und gar falsch, ich verfluchte die kommen-
tatorische Wissenscha�, ich verfluchte mich, der ich mich von ihr
hatte irreführen lassen, das Gespräch enthielt ja, wie ein Kind er-
kennen mußte, freilich mehr als nur ein einziges Verbot des Hun-
gerns, der erste Weise wollte das Hungern verbieten, was ein Weiser
will, ist schon geschehen, das Hungern war also verboten, der
zweite Weise stimmte ihm nicht nur zu, sondern hielt das Hungern
sogar für unmöglich, wälzte also auf das erste Verbot noch ein zwei-
tes, das Verbot der Hundenatur selbst, der Erste erkannte dies an
und hielt das ausdrückliche Verbot zurück, das heißt, er gebot den
Hunden nach Darlegung alles dessen, Einsicht zu üben und sich
selbst das Hungern zu verbieten. Also ein dreifaches Verbot statt
des üblichen einen, und ich hatte es verletzt.«
Der Hund mag in
der Wissenscha� der Deutung noch so bewandert sein, die Fort-
schritte seines Studiums sind nicht seiner Klugheit zu danken,
sondern einzig dem Hunger, der letzten Prüfung der Wirklichkeit.
Wie alle Personen Ka�as und wie Ka�a selbst lernt er das Gesetz
0
allein durch das Urteil kennen, das es in seinem Fleisch über ihn
fällt, lange bevor er es im Geiste begrei�.
Wenn es erlaubt ist, den Autor beim Wort seines gelehrten Tiers
zu nehmen – und die offensichtlichen Übereinstimmungen zwi-
schen seinen Erzählungen und vielen Passagen der
Tagebücher
lassen
hier kaum einen Zweifel zu
–, dann weiß Ka�a ganz genau, daß
ihn sein Wunsch nach Askese einerseits dem urväterlichen Gesetz
entgegenstellt, wenngleich die Deutung seine Strenge mildern oder
seine Zweideutigkeit nutzen kann, andererseits dem Naturgesetz,
das, der unmittelbaren Gerechtigkeit unterstehend, für Deuteleien
und Auslegungen absolut unzugänglich ist, und seien sie noch so
spitzfindig. Obwohl also doppelt schuldig und sich dessen bewußt,
entschließt er sich dennoch nicht, »verspätet zu gehorchen« und
mit dem Hungern aufzuhören, sondern erliegt im Gegenteil der
Verlockung, weiter zu hungern, was ihn erst recht schuldig macht.
Im Unterschied zum Asketen, den ein festes theologisches Gebäude
stützt und der, wenn er leidet, wenigstens überzeugt ist, in der
Wahrheit zu sein, muß Ka�a zu seinem Unglück die einzige Exi-
stenzform, die ihm wert erscheint, gelebt zu werden, für illegal
erachten; er rechnet sich als Verbrechen an, was in anderen ideolo-
gischen Sphären eindeutig das Streben nach Heiligkeit signalisiert;
und da es andererseits nicht in seiner Macht steht, sich zu ändern,
trägt dieses Verbrechen, das er weder lassen noch bereuen kann,
mindestens ebensosehr wie seine übertriebene Askese dazu bei,
seine Gesundheit zu zerrütten.
Da dem Gebot ohne Gebieter, dem er gehorchen muß, niemals
Genüge getan wird, beschränkt sich Ka�a nicht darauf, sich so
wenig wie möglich zu ernähren, er umgibt zudem die Tatsache des
Essens mit allerlei Sonderbarkeiten, wie um die Substanzlosigkeit
seiner Mahlzeiten durch ein kompliziertes Zeremoniell auszuglei-
chen. Eines dieser rituellen Verfahren geht auf einen gewissen
Fletscher zurück, einen amerikanischen Wunderheiler, der seinen
Anhängern empfiehlt, jeden Bissen hundertmal zu kauen, was öf-
fentlich zu tun allerdings die Schicklichkeit verbietet. Dank einer
für seine Umgebung peinlich mitanzusehenden Hungerdiät
und
dank diesem »fletschern«, das zur Schau zu stellen seine Kinder-
stube ihn hindert, gelingt es ihm, die Voraussetzung für eine
alimentäre Segregation neu zu schaffen, ähnlich derjenigen, zu der
das jüdische Gesetz zwingt, freilich mit dem Unterschied, daß seine
persönlichen Regeln, die aus dem Grund seiner Angst und nicht aus
02
einer mit anderen geteilten Weltauffassung entstanden, das Gegen-
teil dessen bewirken, was die �ora garantieren soll: Statt ihn von
den Nichtjuden zu trennen, um ihn besser mit seinen Glaubensbrü-
dern zu vereinen, trennen sie ihn von den Juden nicht weniger als
von den Christen und schließen ihn letztlich von jeder gemeinsa-
men Mahlzeit aus, und sei es am Tisch seiner nächsten Freunde.
Aufgrund des Gesetzes, dessen Joch er immerfort trägt, das jedoch,
durch Unwissenheit und halbes Vergessen entstellt, nur noch mit-
tels der Imperative seiner eigenen Grausamkeit zu ihm spricht,
kann Ka�a nie in der Stadt essen oder bei anderen zu Gast sein; in
seiner eigenen Familie ebenso wie in öffentlichen Lokalen muß er
abseits essen (die Geschichte von dem Oberst und dem General
empfangt daher einen besonders schmerzlichen Klang: Um diesen
Leuten zu gefallen, die ihm auf den ersten Blick sympathisch sind,
überwindet er seine Besonderheit nur mit großer Mühe und wird
hart dafür bestra�). Da die Beziehungen der Gastlichkeit unter den
Menschen eine wesentliche Rolle spielen, setzt ihn die Einsamkeit,
zu der er beim Essen genötigt ist, täglich dem Zwang aus, sich
abzukapseln.
Bei allen wichtigen Angelegenheiten seines Lebens stützt sich
Ka�a auf eine authentische jüdische Idee, die sich, da sie für ihn
jedes sozialen und religiösen Inhalts entbehrt, gleichsam durch
Übertreibung in ihr Gegenteil verkehrt und ihn schließlich meilen-
weit von dem gerechten Gesetz entfernt, das er hartnäckig sucht. So
wie er, indem er sich sein eigenes System von Nahrungsgeboten
scha�, Verrat übt an seiner Sehnsucht nach dem urväterlichen
Werk wie an seinem Wunsch, es zu annullieren, so übertreibt er,
wenn es um die Ehe geht, das traditionelle jüdische Denken so sehr,
daß er es ins Gegenteil verkehrt und bei diesem Handel einzig die
Unmöglichkeit zu heiraten herausschlägt. Auch hier laufen seine
widersprüchlichen Anstrengungen, sich um jeden Preis ein Ersatz-
gesetz zu schaffen, darauf hinaus, ihn in die Irre zu führen: Seine
Auffassung der Ehe wird zum Haupthindernis, sie einzugehen, und
verurteilt ihn zum Zölibat, das heißt zu dem, was für jeden from-
men Juden und gerade für ihn der traurige Stand des unvollendeten
Menschen ist.
Zu einer Zeit und in einem Milieu, wo die Ehe für die meisten
entweder Sache des Herzens oder gesellscha�liche Konvenienz ist,
vertritt Ka�a Ansichten, mit denen er den alten Rabbis näher steht
als den jungen Juden seiner Generation {und sogar seinen älteren
03
Angehörigen, zum Beispiel ist sein Vater davon geradezu ange-
ekelt). Denn für ihn ist die Ehe nicht nur das natürliche Recht, über
das jeder Erwachsene verfugt, um seine sexuellen Bedürfnisse zu
befriedigen und ein Heim zu gründen; sie ist vielmehr im strengen
Sinn eine Pflicht und so erhaben, daß jeder, der sich ihr entzieht,
aus der Menschheit herausfällt. Den Satz aus dem
Talmud
, den er in
seinen
Tagebüchern
zitiert, nachdem er ihn in einem Stück von Gor-
din gehört hatte: »ein Mann ohne Weib ist kein Mensch«
0
, trägt er,
so könnte man sagen, seit jeher in sich, übrigens zu seinem Un-
glück, denn als er feststellen muß, daß ihm jede Art gemeinsamen
Lebens aufgrund seiner Religion der Literatur, aber auch seiner
anderen »Besonderheiten« entschieden versagt ist, spricht eben die-
ser Satz aus dem
Talmud
das Urteil über ihn.
Durch ein Zusammentreffen, das zu denken gibt, beginnt Ka�a
genau in dem Augenblick unter dem Junggesellendasein zu leiden
und sich über seine Zukun� Gedanken zu machen, als sein Um-
gang mit den Ostjuden ihn ein Judentum entdecken läßt, das dem
seinen in jeder Hinsicht entgegensteht und, was das Wesentliche
betri�, so rein ist, wie das der Prager ihm verfälscht erscheint.
Bisher – er ist achtundzwanzig Jahre alt – schien ihn das Jungge-
sellenleben nicht allzusehr zu belasten, zumindest sagt er in seinen
Tagebüchern
und den Briefen an seine Freunde nichts darüber; doch
kaum hat er sich mit den Schauspielern angefreundet, verfolgt ihn
das Gespenst des Zölibats und bemüht er sich, es zu bannen, wie
immer mit Hilfe der Literatur, da er einzig in ihr seinen wahren
Handlungsspielraum findet. Was immer es mit dieser zeitlichen
Übereinstimmung auf sich haben mag, im November und dann im
Dezember 9 tritt der Junggeselle in seinem Werk auf

, in kla-
gendem und sogar leicht wehleidigem Tonfall, der in nichts auf die
außergewöhnliche Rolle hindeutet, die er später darin spielen wird.
Im ersten Text ist dieses unselige Geschöpf noch ein armer Mensch
– »Es scheint so arg, Junggeselle zu sein, als alter Mann unter
schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten […]«
2
–, im
zweiten
3
ist er bereits das halb tote, halb lebendige, kalte und ab-
stoßende Phantom, das, vom
Urteil
bis zum
Schloß
, die Krä�e des
Helden von innen her verzehrt und zu seiner Verwirrung beiträgt
(zuweilen sind das Gespenst und der Held miteinander verwachsen
wie im Fall des Jägers Gracchus, der in alle Ewigkeit zwischen Tod
und Leben umherirrt). Schon wird Ka�a von ihm heimgesucht,
und vielleicht entschließt er sich deshalb so plötzlich, Felice zu
04
heiraten, unmittelbar nach einem Abend, an dem er kaum ein Wort
mit ihr gewechselt hat.
4
Der Gegensatz zwischen dieser ungewöhnlichen Eile und der
»Verschleppung« seiner Verlobung, die sich fünf Jahre hinzieht, läßt
vermuten, daß Ka�a, wenngleich er sich wirklich in Felice verliebt,
es in diesem Moment nur deshalb so eilig hat – später dagegen wird
er sich viel Zeit lassen –, weil er das junge Mädchen braucht, um
den Dämon des Zölibats zu besiegen, dem schon endgültig verfallen
zu sein er fürchtet (es ist noch nicht lange her, daß die Erinnerung
an seinen Onkel Rudolf es ihm eingeflüstert hat). Und Felice, die
zwar um ihrer selbst willen, aber auch der Hilfe wegen geliebt wird,
die sie ihm gegen seinen Willen nach Isolierung leisten kann, wird
auf der Stelle – noch ehe sie weiß, daß man sie umwirbt, oder kurz
davor, und das versteht sich ohne ihr Wissen von selbst – zum
unschuldigen Objekt eines gut vorbereiteten Handels: Sie dient als
Tauschmittel gegen Ka�as Scham, kein verheirateter Mann zu
sein. Und zum Teil wegen dieser eigensüchtigen Spekulation wird er
sie nicht besitzen können. Denn hier ist die Berechnung halb be-
wußt, Ka�a deutet sie nicht nur an, wenn er genau die gleiche
Berechnung zweien seiner Helden unterstellt, die ebenfalls »durch
die Frauen ankommen« wollen – Josef K. bei seinen Richtern, der
Landvermesser K. bei den Herren – und gleich ihm hart dafür
büßen müssen.
Doch selbst wenn die Ehe vor allem als Schutz vor der Schmach
der Ehelosigkeit angestrebt wird, beschränkt sie sich doch nicht auf
eine rein negative Funktion, genauer gesagt, gerade diese negative
Seite erhöht ihren Wert und befähigt sie, das gewöhnliche Niveau
des Lebens merklich zu heben. Die Ehe rettet den Menschen allein
dadurch, daß sie ihn aus dem engen Kreis herausreißt, in dem seine
kleinlichen Berechnungen und seine Kälte ihn bisher gefangenhiel-
ten. Sie erhebt die Kreatur und erfüllt damit eine geradezu religiöse
Aufgabe, die sie weit höher stellt als das, was sie für das einzelne
Ehepaar zu sein vermag. Die einzelne Ehe kann glücklich oder un-
glücklich, gelungen oder verfehlt sein, die Ehe im allgemeinen ist
darum nicht weniger der Zustand, durch den das Individuum die
Möglichkeit hat, sich loszukaufen. Alle Abenteuer des Landvermes-
sers K. drehen sich um diese erlösende Kra�, die er seiner Verbin-
dung mit Frieda beimißt, einer Verbindung, die er, das ist sein
schwerster Irrtum, legalisieren will (merken wir an, daß Frieda eine
kleine Kellnerin ist und daß ihr Name in etwa die deutsche Über-
05
setzung von Felice ist). Denn wenn Kafka in sein Tagebuch
schreibt: »Die Erweiterung und Erhöhung der Existenz durch eine
Heirat. Predigtspruch. Aber ich ahne es fast«5, dann weiß er, daß
er theologisch denkt – zwar nur »fast«, und diese Einschränkung
hat Gewicht, da sie die Falschheit seiner Position genau umreißt –,
und obwohl seine Doktrin bloß auf einer Ahnung gründet, verbin-
det sie ihn doch unmittelbar mit dem Geschlecht jenes Meisters des
Talmud
, der auf die Frage: »Was muß man tun, um die Tora wahr-
ha�ig zu studieren?« unumwunden antwortet: »Zuerst muß man
heiraten.«
6
Zuerst heiraten – diese Vorschri� der jüdischen Weisheit wieder-
holt sich Ka�a sozusagen immerfort. Er prägt sie sich ein und käut
sie wieder, er ist geradezu besessen von ihr, aber – und damit
schlägt die von den Vätern ererbte Weisheit in »Irrsinn« um – es
gelingt ihm nie, sie in die Tat umzusetzen: weil ihm auch hier das
Gesetz verborgen bleibt und er, da ihm der Sinn seiner Norm ent-
geht, als Ersatz für sie nur eine absolute Idee der Reinheit findet.
Und so verbaut ihm das auf das ungeeignete lebende Objekt ver-
schobene und dem Gesetz zuwiderlaufende Absolute die menschli-
che Ehe, die, sofern an ihr allein ihre Unmöglichkeit absolut ist, ihn
dem Zustand ausliefert, den er am meisten fürchtet, und ihn einzig
das Gefühl seiner Ohnmacht und Unwürdigkeit spüren läßt.
Daß die Verbindung, die Ka�a sich wünscht, bloß dem Namen
nach etwas mit der Ehe zu tun hat, darüber wird Felice von Anfang
an unterrichtet, freilich in so verhüllten Worten, daß sie nicht recht
weiß, was sie davon halten soll (und falls sie es dunkel ahnen sollte,
zieht sie es vor, sich nicht lange Gedanken darüber zu machen).
Ka�a beginnt damit, sie von seinen Eßgewohnheiten in Kenntnis
zu setzen, wohlgemerkt ohne zu betonen, welch entscheidende Be-
deutung er ihnen in seinem persönlichen Haushalt beimißt, und
geht über alles hinweg, was sie im Alltag für andere störend macht.
Was Heizung und Kleidung betri�, wird er schon beharrlicher,
wobei er ehrlicherweise einräumt, daß seine Abhärtung gegen
Kälte noch kein Grund sei, bis in den November hinein (in Prag!)
»keinen Überrock, weder einen leichten oder einen schweren« zu
tragen und »unter eingepackten Passanten einen Narren im Som-
meranzug mit Sommerhütchen abzugeben«.
7
Nach diesem ab-
sichtlich karikierten Selbstporträt – es soll Felice abschrecken und
gleichzeitig den alarmierenden Ernst der Botscha� durch Komik
mildern – kommt Ka�a allmählich zur Hauptsache bzw. deutet sie
06
vorsichtig an, denn gegenüber der jungen Frau, die er heiraten will,
ist die Hauptsache nicht nur schwer auszusprechen, sie ist ganz
einfach unaussprechlich. Deshalb nähert er sich dem prekären
�ema auf einem Umweg: »Ich bin noch knapp gesund für mich,
aber nicht mehr zur Ehe und schon gar nicht zur Vaterscha�.«
8
Und als Felice darin einen Trennungswunsch zu sehen meint – sie
kennt ihren Briefpartner noch nicht –, belehrt Ka�a sie eilig eines
Besseren und packt das heikle Problem von einer anderen Seite an,
die er, wie gerufen, bei einem seiner chinesischen Lieblingsdichter
findet. Er stellt den Autor, Yan-Tse-Tsai, vor und macht sich die
Mühe, das ganze Gedicht mit dem Titel
In tiefer Nacht
abzuschrei-
ben. Der Held ist ein sogenannter »Gelehrter« oder »Stubenhok-
ker« im Gegensatz zum »Kriegshelden«. Der Gelehrte also hat die
Nacht beim Schein seiner Lampe gearbeitet, während seine Freun-
din ihn geduldig im Bett erwartete. In sein Studium vertie�, hat er
das Kaminfeuer ausgehen lassen, das Zimmer ist kalt, die Parfüms
seines Lagers sind schon verflogen, als bei anbrechendem Tag seine
Freundin ihm zornig die Lampe wegreißt und fragt: »Weißt du, wie
spät es ist?«
9
Das ist alles, Ka�a empfiehlt Felice lediglich, das
Gedicht auszukosten; er kommentiert es mit keinem Wort. Ein paar
Wochen später jedoch, als er nachts an sie schreibt und merkt, daß
es spät geworden ist, fällt ihm der chinesische Gelehrte wieder ein:
»Leider, leider weckt mich nicht die Freundin, nur der Brief, den
ich ihr schreiben will. Einmal schriebst Du, Du wolltest bei mir
sitzen, während ich schreibe; denke nur, da könnte ich nicht schrei-
ben (ich kann auch sonst nicht viel) aber da könnte ich gar nicht
schreiben.«
20
Was nun folgt, geht bei weitem über die Situation des
Gedichts hinaus, denn der chinesische Gelehrte kann die Gegen-
wart einer Frau neben sich noch ertragen, nicht aber Ka�a, er
braucht vollständige Einsamkeit, die schwärzeste Nacht, ja die
Stille der Krypta, in die er sich gern vergraben möchte: »O� dachte
ich schon daran, daß es die beste Lebensweise für mich wäre, mit
Schreibzeug und einer Lampe im innersten Räume eines ausge-
dehnten, abgesperrten Kellers zu sein. Das Essen brächte man mir,
stellte es immer weit von meinem Raum entfernt hinter der äußer-
sten Tür des Kellers nieder. Der Weg um das Essen, im Schlafrock,
durch alle Kellergewölbe hindurch wäre mein einziger Spazier-
gang. Dann kehrte ich zu meinem Tisch zurück, würde langsam und
mit Bedacht essen und wieder gleich zu schreiben anfangen. Was
ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreißen
07
würde! Ohne Anstrengung! Denn äußerste Koncentration kennt
keine Anstrengung. Nur, daß ich es vielleicht nicht lange treiben
würde und beim ersten, vielleicht selbst in solchem Zustand nicht
zu vermeidendem Mißlingen in einen großartigen Wahnsinn aus-
brechen müßte.
Was meinst Du, Liebste? Halte Dich vor dem Kellerbe-
wohner nicht zurück!
2
Im Augenblick hält Ka�a mit der Hauptsa-
che noch hinterm Berg, er begnügt sich damit, Felice zu warnen –
allerdings sehr deutlich –, daß, falls sie sich entschließt, ihn zu
heiraten, jeder von ihnen im Grunde für sich heiraten wird, sie
einen abwesenden Ehemann, er eine Literatur, die alle Ansprüche
auf sein Leben geltend macht.
Man kann sich Felices Empörung über ein solches Bild ihrer
ehelichen Zukun� leicht vorstellen, daher beru� sich Ka�a, um sie
zu besän�igen, noch einmal auf den Chinesen, der immerhin, so
gefeit er gegen die Verführung sein mag, die Frau über seinen Willen
siegen läßt. »Schließlich aber konnte sie sich nicht halten und nahm
ihm doch die Lampe weg, was ja schließlich ganz richtig, seiner
Gesundheit zuträglich, dem Studium hoffentlich nicht schädlich,
der Liebe nützlich war, was ein schönes Gedicht hervorrief und
doch alles in allem nur eine Selbsttäuschung der Frau gewesen
ist.«
22
Bestürzt über die Reaktion Felices, die die Kellergeschichte
offenbar verstört hat, bemüht sich Ka�a, ihr die Dinge in einem
weniger erschreckenden Licht zu zeigen, wer weiß, vielleicht ist er
ja nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit der Kellerbewohner, viel-
leicht kommt er ja hin und wieder nach oben, läßt sich die Lampe
entreißen wie der chinesische Gelehrte und legt sich trotz allem zu
seiner Frau ins Bett. Vielleicht – doch zwei Tage später wird diese
zage Hoffnung schon wieder zunichte, abermals durch das Gedicht
von Yan-Tse-Tsai, mit dem Ka�a wahrha� meisterlich zu spielen
versteht, um ganz nach Belieben kalte und warme Winde wehen zu
lassen: »Ist es Dir nicht aufgefallen, daß gerade von einer Freundin
des Gelehrten die Rede ist und nicht von seiner Ehefrau, trotzdem
doch dieser Gelehrte sicher ein älterer Mann ist und beides, die
Gelehrsamkeit und das Alter, dem Beisammensein mit einer Freun-
din zu widersprechen scheinen.« Hat etwa der Dichter »die Un-
wahrscheinlichkeit einer Unmöglichkeit vorgezogen«? Oder »fürch-
tet er vielleicht, daß eine ähnliche Gegenüberstellung des Gelehrten
zu seiner Frau dem Gedicht jede Fröhlichkeit nehmen […] könnte?
[…] Die Freundin in dem Gedicht ist nicht schlimm daran, diesmal
verlöscht die Lampe wirklich, die Plage war nicht so groß, es steckt
08
auch noch genug Lustigkeit in ihr. Wie aber, wenn es nun die Ehe-
frau gewesen wäre, und jene Nacht nicht eine zufällige Nacht,
sondern ein Beispiel aller Nächte und dann natürlich nicht nur der
Nächte, sondern des ganzen gemeinscha�lichen Lebens, dieses Le-
bens, das ein Kampf um die Lampe wäre.«
23
Nun ist Felice also
gewarnt: Ihm entreißen, was eine Geliebte ohne große Mühe von
ihm erhalten würde, das würde seine Ehefrau einen täglichen
Kampf kosten, und er würde es ihr nicht geben können, »wenn er
auch vielleicht nur zum Schein in seine Bücher schaut und tage-
und nächtelang an nichts anderes denkt, als an die Frau, die er über
alles liebt, aber eben mit seiner ihm angeborenen Unfähigkeit
liebt«.
24
Hier verzichtet Ka�a beinahe auf Winkelzüge: Selbst wenn er
nicht mit Leib und Seele seiner Arbeit verschrieben wäre, sondern
sich bloß zum Schein in sie vertie�e, wäre er dennoch unfähig, sich
mit seiner Ehefrau anders denn in
Gedanken
zu vereinen. Also nicht
wegen der Literatur, oder nicht ausschließlich, nicht in erster Linie
ihretwegen, bereitet er Felice auf ein Eheleben vor, das eher an ein
Leben im Kloster als an das einer wirklichen Ehe gemahnt; in
Wahrheit benutzt er den Gelehrten nur, um dessen anderes Gesicht
zu verbergen, den »Stubenhocker«, der in jeder Hinsicht das Ge-
genteil des »Kriegshelden« ist: »Den erwartet seine Frau, zwar
unruhig, aber von seinem Anblick ganz beglückt, da sieht man
einander in die Augen, wie treue Menschen, die einander lieben
und einander lieben dürfen, da gibt es nicht den schiefen Blick, mit
dem die Freundin in der Güte und dem Zwange ihres Herzens den
Gelehrten beobachtet, da warten schließlich die Kinder […], wäh-
rend die Wohnung des ›Stubenhockers‹ leer ist, dort gibt es keine
Kinder.«
25
Nach dieser durchsichtigen Anspielung auf das, was er
beiläufig seine »angeborene Unfähigkeit« nennt, fügt Ka�a iro-
nisch und nicht ohne Doppelzüngigkeit hinzu: »Liebste, was ist das
doch für ein schreckliches Gedicht, ich hätte es nie gedacht«,
schrecklich ist es in der Tat, aber das Schreckliche kommt vor allem
von ihm selbst, der in das Gedicht hineinlegt, was er braucht, um
die Hauptsache anzudeuten, ohne sie offen zu gestehen.
Die Kellergeschichte und das »schreckliche« Gedicht des Gelehr-
ten würde Felice wohl besser verstehen, wenn ihr die
Tagebücher
ihres Verlobten zugänglich wären (nur Milena wird dieses Privileg
haben, Ka�a gibt ihr alle seine He�e und damit die Möglichkeit,
nicht allzu lange irrezugehen), denn dort könnte sie beispielsweise
09
im selben Jahr 93 lesen: »Der Coitus als Bestrafung des Glücks
des Beisammenseins. Möglichst asketisch leben, asketischer als ein
Junggeselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich, die Ehe zu
ertragen. Aber sie?«
26
Dann würde sie endlich erfahren, was Ka�a
von ihr erwartet, aber nicht offen von ihr zu verlangen wagt: eine
Liebesehe, gewiß, die jedoch so gut wie nicht vollzogen wird, also
im Grunde ungültig ist, fast eine Scheinehe. Eine Ehe, die wirksam
geschützt ist vor dem, was Ka�a Milena einmal als die schwarze
Magie der Sexualität schildert: »Hier ist die Welt, die ich besitze
und ich soll hinüber, einer unheimlichen Zauberei zuliebe, einem
Hokuspokus, einem Stein der Weisen, einer Alchymie, einem
Wunschring zuliebe. Weg damit, ich fürchte mich schrecklich da-
vor.«
27
Felice freilich weiß noch nicht, was es mit dieser Furcht auf
sich hat und warum Ka�a es ablehnt, »in einer Nacht das durch
Zauberei erwischen [zu] wollen, eilig, schweratmend, hilflos beses-
sen […], was jeder Tag den offenen Augen gibt!«
28
, sonst wäre
kaum verständlich, daß sie jahrelang durchhält und nach dem dra-
matischen Bruch von 94 so schnell einwilligt, die Beziehung
wieder aufzunehmen. Zwar ist für Ka�a schon damals der Ge-
schlechtsakt »ein trennendes Band«, aber immerhin ein Band,
während er zu Milenas Zeit etwas geworden ist, was die Vereini-
gung verhindert: »[…] eine Mauer oder ein Gebirge oder richtiger:
ein Grab.«
29
(Mit der Scheinehe, die Ka�a Felice nicht vorzuschla-
gen wagt, scheint sich seine zweite Verlobte, Julie Wohryzek, mehr
oder weniger abgefunden zu haben; nach Ka�as Worten war zwi-
schen ihnen »festgestellt worden, daß ich Ehe und Kinder für das
höchste Erstrebenswerte auf Erden in gewissem Sinne hielt, daß ich
aber unmöglich heiraten konnte […]«
30
Unter den Gründen, mit denen Ka�a die Unmöglichkeit, Frau
und Kinder zu haben, öffentlich erklärt, steht selbstverständlich die
Literatur an erster Stelle, privat jedoch betont er sein unabwend-
bares Reinheitsbedürfnis. 93 notiert er in einer Zusammenstel-
lung »alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht«,
obenan, er sei unfähig, »den Ansturm meines eigenen Lebens, die
Anforderungen meiner eigenen Person, den Angriff der Zeit und des
Alters, den vagen Andrang der Schreiblust, die Schlaflosigkeit, die
Nahe des Irreseins« zu ertragen, und daß ihn trotzdem alles, was
mit der Sexualität zu tun hat, gleich zu denken gibt: »Jeder Witz im
Witzblatt, die Erinnerung an Flaubert und Grillparzer, der Anblick
der Nachthemden auf den für die Nacht vorbereiteten Betten mei-
0
ner Eltern, Maxens Ehe«
3
– das wir� ihn auf seine alte Angst
zurück, worin die Furcht, sich zu binden und zu verlieren, sich mit
der Furcht vermischt, sich zu beschmutzen. In einer anderen »Bi-
lanz« (27. August 96) zählt die Ehe zwar zu den Unreinheiten,
doch da sie gleichwohl für ihn das höchste Ziel auf Erden bleibt,
nimmt ihr das ewig im Gleichgewicht sich haltende Für und Wider
jede Chance, vollzogen zu werden. Derart zwischen zwei unver-
söhnlichen Gegensätzen hin- und hergerissen – dem jüdischen
Gesetz, das ihm zu heiraten gebietet, um im wahren Sinn des
Wortes Mensch zu sein, und dem anderen, dem fremden Gesetz,
das ihn zwingt, die Ehe von der Sexualität zu trennen und damit
sogar zu sterilisieren –, bleiben Ka�a in jedem Falle nur die Qual,
nicht voll und ganz zu genügen, sowie das unerträgliche Gefühl,
was immer er tut, in der Illegalität zu leben.
Daß diese Zerrissenheit zwischen zwei widersprüchlichen Geset-
zen nur das sichtbare Zeichen einer tiefen seelischen Verwirrung ist
– um das leugnen zu können, kennt Ka�a die Wurzel seines Leidens
viel zu gut; er weiß, daß dessen wirkliche Ursache in einer stark
gestörten Sexualität liegt, die ihn dazu verdammt, fast jede Frau zu
begehren und der geliebten Frau gegenüber zu Eis zu erstarren.
Nachdem er die Wahrheit lange im Halbdunkel der Metapher und
Anspielung belassen hatte, kommt der Tag, an dem er sie Felice
endlich eingestehen muß: »Meine eigentliche Furcht – es kann wohl
nichts Schlimmeres gesagt und angehört werden – ist die, daß ich
Dich niemals werde besitzen können. Daß ich im günstigsten Falle
darauf beschränkt bleiben werde, wie ein besinnungslos treuer
Hund Deine zerstreut mir überlassene Hand zu küssen. […] Daß
ich neben Dir sitzen werde und, wie es schon geschehen ist, das
Atmen und Leben Deines Leibes an meiner Seite fühlen werde und
im Grunde entfernter von Dir sein werde als jetzt in meinem Zim-
mer. […J Daß ich mit Dir Hand in Hand scheinbar verbunden an
der ganzen Welt vorüberfahre und daß nichts davon wahr ist. Kurz,
daß ich für immer von Dir ausgeschlossen bleibe, ob Du Dich auch
so tief zu mir herunterbeugst, daß es Dich in Gefahr bringt.«
32
Ein paar Jahre nach seinem »großen Geständnis« versucht er
Brod, der ebenfalls den Grund für seine Verzweiflung nicht recht
versteht, zu erklären, worin genau diese Form der Impotenz be-
steht, deretwegen er nun auch Milena verloren hat: »[…] später
aber war es so, daß der Körper jedes zweiten Mädchens mich
lockte, der Körper jenes Mädchens, in das ich (deshalb?) meine

Hoffnung setzte, gar nicht. Solange sie sich mir entzog (F) oder
solange wir eines waren (M), war es nur eine Drohung von ferne
und nicht einmal gar so ferne, sobald aber irgendeine Kleinigkeit
geschah, brach alles zusammen. Ich kann offenbar, meiner Würde
wegen, meines Hochmuts wegen (auch wenn er noch so demütig
aussieht, der krumme Westjude!) nur das lieben, was ich so hoch
über mich stellen kann, daß es mir unerreichbar wird.«
33
Diese
klinische Beschreibung läßt nichts zu wünschen übrig, außer, daß
der Hochmut des Westjuden lediglich der Schutzschild ist, hinter
dem Ka�a sich die wahre Ursache seines Gebrechens verbirgt.
Die Impotenz, an der er leidet und die man zuweilen psychisch
nennt, um ihren durchaus relativen Charakter hervorzuheben, ist
eines der Geheimnisse, die Freud zu entschlüsseln ermöglichte, als
er ihren Ursprung in der Kindheit und ihre enge Beziehung zum
»ödipalen« Drama erkannte. Die geliebte Frau, die mit der Mutter,
auf die der Wunsch des Kindes sich richtete, identifiziert und in der
inneren Hierarchie des neurotischen Erwachsenen so hoch gestellt
wird wie sie, gerät eben dadurch zum heiligen Idol: Das Inzestver-
bot gilt ihr in den Augen des Knaben ebenso wie der wirklichen
Mutter, was sie zu einer ständigen Quelle der Furcht und einer
steten Verlockung macht. Der von seinem wahren Objekt abge-
lenkte Wunsch fixiert sich auf die aus diesem Kreis glühender Bilder
ausgeschlossenen Frauen, das heißt auf jene, die aufgrund ihrer
niederen gesellscha�lichen Stellung oder ihres schlechten Rufs ab-
gewertet sind. Für die jungen Bürger des letzten Jahrhunderts
besteht das große Kontingent verfügbarer Frauen vornehmlich aus
Domestiken, Gouvernanten und vor allem Prostituierten, die, von
der Mutter durch einen unermeßlichen Abstand getrennt, den Vor-
teil haben, die Angst und Schuld erzeugenden Phantasien vom
Neurotiker fernzuhalten. Freilich ein anrüchiger Vorteil, denn da
die Mutter der Kindheit alle Möglichkeiten der Begierde und Liebe
auf sich gezogen hat, ist sie es auch wieder, die man in der Dirne
besitzt, so daß das an den Inzest geknüp�e Schuldgefühl keines-
wegs erloschen ist und die alle Frauen überragende Mutter den
allerniedrigsten gleich wird.
Aus der Sicht der analytischen �eorie ist Ka�as Fall so klas-
sisch, daß man ihn als Lehrbeispiel anführen könnte. Man findet
hier, wo nicht direkt, so doch durch Rückschluß aus dem Haß auf
den allmächtigen Vater, die leidenscha�liche Zuneigung zur Mutter
– einer Mutter, die in der Kindheit um so mehr begehrt wird, als sie
2
o� außer Hause ist; die Initiation des Heranwachsenden durch eine
Gouvernante und später einen Geschlechtsverkehr, der sich fast
ausschließlich auf Prostituierte
34
und auf die Jossies oder Effies be-
schränkt, die in Wirtshäusern und Cafés bedienen; schließlich das
Versagen der Begierde angesichts jeder Frau, in der sich die Mut-
ter-Gattin wiederverkörpert.
Ka�a, der Milena »Mutter« und seine junge Schwester Ottla
»große Mutter« nennt, scheint den inzestuösen Charakter seiner
Zuneigung und folglich die wahre Natur seiner Unfähigkeit fast zu
ahnen (erinnern wir an den Anblick der Nachthemden auf dem Bett
seiner Eltern sowie an die inzestuösen Gedanken, die eheliche
Schlafzimmer und Kinderzimmer ständig in ihm wecken). Er ahnt
zudem, daß er gerade deshalb dazu neigt, die geliebte Frau in den
Himmel zu heben, damit ihm nicht mehr erlaubt ist, sie zu berüh-
ren. Im übrigen kennt er die Freudsche �eorie, die sein Problem
erklären könnte, sehr gut, er gibt ihr in einem bestimmten Punkt
sogar recht, wenn er behauptet, »alle diese angeblichen Krankhei-
ten« seien »Verankerungen […] in irgendwelchem mütterlichen
Boden«
35
; doch die �erapie, in der die Psychoanalyse schließlich
ihre Hauptrechtfertigung findet, lehnt er kategorisch ab, wahr-
scheinlich weil ihm angesichts seiner Not ein Heilungsversuch so
unsinnig vorkommt, als wolle man die Organe eines Lebewesens
auswechseln. Da er sein Leiden mit gutem Recht für eine »Erkran-
kung des Instinkts«
36
hält und, was ihn selbst betri�, vielleicht
nicht ohne Grund davon überzeugt ist, daß es für eine solche Be-
einträchtigung keine �erapie gibt, beschließt er,
gegen
seinen ent-
krä�eten Instinkt zu leben, indem er sich in eine Welt der Reinheit
einschließt, in der alles, was mit Sexualität zu tun hat, gewaltsam
unterdrückt wird.
Eine Erkrankung des Instinkts, die auch eine Erkrankung der
Zeit ist – in diesem Punkt gibt sich Ka�a keiner Täuschung hin, er
stellt lediglich fest, daß es für andere, die gleich ihm von ihr befallen
sind, je nach »Lebenskra�« immer irgendwelche Möglichkeiten,
sich abzufinden, Hilfsmittel und Notbehelfe gibt, während er der-
gleichen nicht hat, sondern bestenfalls »die Möglichkeit, mich zu
flüchten, allerdings in einem Zustand, der es dem Außenstehenden
(übrigens noch mehr mir selbst) unverständlich macht, was hier
noch gerettet werden soll […]«
37
Die Ehelosigkeit akzeptieren; die
Frauen, die er innerlich als verfügbar empfindet, nehmen und sich
von denjenigen, welche die psychische Störung verbietet, zurück-
3
ziehen; sich auf dieser erzwungenen Einschränkung eine Existenz
au�auen und alles nutzen, was sie an Freude und Freiheit übrig-
läßt, ohne sie sich durch den ständigen Vergleich mit der angebli-
chen Normalität verleiden zu lassen – die meisten der von dieser
Krankheit betroffenen Männer leiden nicht übermäßig darunter,
sich mit ihr abfinden zu müssen, und selbst wenn sie sich eines
Mangels bewußt sind, denken sie doch nicht daran, sich für ver-
flucht zu halten. Ka�a dagegen kann sich nicht so leicht trösten
(sein Onkel in Madrid, den er einmal deswegen befragt, setzt ihn
zweifellos mit der Antwort in Erstaunen, daß er, obschon er es
zuweilen bedauere, nicht geheiratet zu haben, im ganzen mit sei-
nem Schicksal wohl zufrieden sein könne
38
); die Notbehelfe, zu
denen jeder andere in solchem Fall ganz natürlich grei�, stehen ihm
nicht zur Verfügung, und was ihn hindert, sich ihrer zu bedienen, ist
nicht nur eine geschwächte »Lebenskra�«, es sind vor allem die
beiden Gesetze, die mit aller Schärfe in ihm widerstreiten und, in-
dem jedes einzelne ihm seine zwingenden Befehle diktiert, gemein-
same Sache einzig zu dem Zweck machen, ihn zu vernichten.
Indem Ka�a den Koitus mit einer »Bestrafung des Glücks des
Beisammenseins« oder mit einer »schmerzvollen Grenzdurchbre-
chung« vergleicht, entzieht er sich dem jüdischen Gesetz in doppel-
ter Weise, zum einen weil er verurteilt, was es als heilige Pflicht
ansieht, und zum anderen weil er es in Übereinstimmung mit einer
ganz anderen Tradition tut – der christlichen oder, wenn man lieber
will, der paulinischen –, für die das Fleisch selbst ein Fluch ist.
Wenn der eine Ka�a, dem alles daran liegt, zu heiraten, um seine
Existenz zu erweitern, hierin der Nachkomme Moses ist, dann wäre
der andere Ka�a, der den Geschlechtsakt ablehnt, eher der Schüler
des Paulus, des großen Abtrünnigen, wie man weiß, der als später
Jude und typischer Vertreter einer Übergangszeit es ebenfalls auf
sich genommen hat, das Gesetz der Urväter zu korrigieren und es
schließlich für abgescha� erklärte (ein Erfolg, bei dem der Ver-
gleich allerdings au�ört). Doch nichts läßt die Behauptung zu,
Ka�a habe sich bewußt dieser �eologie des sündigen und verach-
teten Fleisches angeschlossen; niemals erwähnt er Paulus in seinen
Briefen und He�en (während die Gestalt Christi häufig darin vor-
kommt), der Apostel scheint ihm nicht vertraut zu sein.
39
Und
wenn die Kirche ihn in bestimmten Phasen seines Lebens anzieht –
wir wissen ja, daß dem so ist –, so kann das nur über diejenige
Denkströmung geschehen, die sein Bedürfnis nach Askese und
4
Reinheit zu bestärken vermag.
0 Dabei ist unwichtig, ob Ka�a be-
wußt von einigen Punkten der paulinischen Lehre beeindruckt ist
oder ob er sie unwissentlich allein aufgrund seines Bedürfnisses
nach Verzicht gutheißt, die Hauptsache bleibt der unerbittliche An-
tagonismus der beiden Gesetze, denen er sich fatalerweise fügen
will und die ihm, indem sie ihn sowohl von der Ehe wie vom Zölibat
fernhalten, lediglich den schrecklichen Ausweg der Krankheit of-
fenlassen.
4
Unabhängig von dem diätetischen oder ideologischen Wert, den
die Zwangsmaßnahmen, für die Ka�a sich entschließt, um in eine
legalisierte
Welt zurückzukehren, nachträglich in seinem inneren
Haushalt gewinnen, sie weisen dieselbe Besonderheit auf: Ob sie
nun die Nahrung, die sexuellen Beziehungen oder die Gestaltung
der sozialen Beziehungen betreffen, alle haben sie ihren Ursprung
in einem wesentlichen Prinzip des jüdischen Legalismus, und alle
führen zu seiner Umkehrung, denn in diesem Bereich heißt zuviel
tun dasselbe wie nicht das tun, was man soll, und folglich die Le-
galität verlassen, eben dort, wo man den größten Wert darauflegte,
in ihr zu bleiben.
Mit der Praxis eines unnachgiebigen Vegetarismus verscha� sich
Ka�a offenkundig die Gewißheit, das Tabu des Blutes nicht zu
verletzen, doch indem er das Verbot auf den Verzehr jeglichen
Fleisches ausdehnt, hebt er den Unterschied zwischen Erlaubtem
und Nichterlaubtem auf, den das Gesetz aufrechterhalten will –
anders gesagt, er tötet das lebendige Gesetz im Namen einer tödli-
chen Forderung nach Absolutem (zumal sein Vegetarismus nur die
gesellscha�lich akzeptable Form ist, die er seiner Weigerung zu
essen verleiht). Ebenso schützt ihn sein Wunsch nach einer Ehe
ohne Sexualität wirksam vor den Übertretungen, denen seine Un-
kenntnis des Gesetzes ihn immer wieder auszusetzen droht – freilich
schießt die präventive Maßnahme so sehr über ihr Ziel hinaus, daß
sie mit einem Schlag sowohl den Daseinsgrund der Vereinigung als
auch das zerstört, worin ihre eigene Notwendigkeit bestand. Aus
der Sicht des jüdischen Legalismus ist dieses ständige Überbieten,
das sowohl die Befürchtung, nicht genug zu tun, als auch das
nicht minder gebieterische Bedürfnis verrät, zuviel zu tun, nicht
allein wegen der Anleihen bei einer fremden Ideologie verdächtig;
es ist tatsächlich Sakrileg, insofern es, da es einzig die zerstöreri-
schen Lebenskrä�e begünstigt, zur unsühnbaren Sünde in Gestalt
eines stets neu erwogenen Selbstmords führt.
5
Abgesehen von dem Masochismus, der insgeheim an seiner Aus-
arbeitung mitwirkt, ist Ka�as Disziplinarsystem insofern bemer-
kenswert, als es, so negativ es auf den ersten Blick erscheint, aus der
dauernden Anstrengung erwächst, das Unversöhnliche zu versöh-
nen oder, wie Freud anläßlich des Traums und des neurotischen
Symptoms sagt, zwischen zwei stark antagonistischen Tendenzen
einen relativ erträglichen Kompromiß zu schließen. Für Freud
nämlich sind Traumbild und neurotisches Symptom der verkleidete
Ausdruck eines verdrängten Wunsches, funktionieren jedoch so,
daß sie hinter der Verkleidung sowohl den verbotenen Wunsch als
auch die Zensur durchscheinen lassen, die ihn hindern, sich zu
äußern. Die Operation endet also auf beiden Seiten mit einem hal-
ben Mißerfolg oder mit einem halben Erfolg: Dem latenten
Wunsch, der sich mit der Verdrängung abfinden muß, gelingt es
trotzdem, sich einen Weg zu bahnen, freilich zum Preis einer Ver-
schiebung und Entstellung, die ihn ziemlich unkenntlich machen;
auf der anderen Seite erledigt die so überlistete Zensur dennoch den
größten Teil ihrer Arbeit, da sie den Wunsch zwingt, nicht in seiner
Sprache zu sprechen, sondern mit dem Vokabular einer unpassen-
den Botschaft, deren unerlaubter oder anstößiger Inhalt sich
schließlich in der Absurdität verliert. Nun haben allerdings Ka�as
symptomatische Handlungen, die er sich auferlegt, um seine Liebe
zu dem verlorenen Gesetz sowie seinen Haß auf es auszudrücken,
ebenfalls den Wert einer expressiven Sprache verloren, die im Hin-
blick auf einen Kompromiß geschaffen wurde: Indem er die beiden
absolut widersprüchlichen Wünsche, die sein System bestimmen, in
einer Repressivmaßregel verdichtet – Abstinenz und sexuelle Ent-
haltsamkeit –, sorgt er dafür, daß sie sich beide verraten und sich
miteinander, gegeneinander, im ganzen Ausmaß ihrer Unerbitt-
lichkeit behaupten.
Dieser Notwendigkeit, einen Kompromiß zu schließen zwischen
der Unmöglichkeit, nicht Jude zu sein, und der Unmöglichkeit, es
noch immer zu sein oder es in einem authentischen Sinne wieder zu
werden, beugt sich Ka�a, vielleicht unbewußt, auch dann, wenn er
seiner Neigung für die kleinen Gemeinscha�en nachgibt, sobald sie
sich am Rande der offiziellen Religionen und Doktrinen festgesetzt
haben. Aus einem Volk hervorgegangen, das zu seiner Zeit ebenfalls
eine randständige Sekte unter den Nationen bildete, bringt er durch
sein Interesse für das Sektierertum im allgemeinen einerseits eine
wehmütige Huldigung seines fernen Ursprungs zum Ausdruck, an-
6
dererseits die Suche nach einem von den ererbten Zwängen befrei-
ten, durch eine kleine Gruppe oder eine individuelle Inspiration
regenerierten Glauben, das heißt nach etwas, das deutlich von sei-
nem Bedürfnis zeugt, den engen Kreis zu durchbrechen, in dem die
Bande des Blutes und der Geschichte ihn eingeschlossen halten. Er
benutzt die Sekte nach der gleichen Logik des Irrationalen, die sein
Verhältnis zur Nahrung und zur Sexualität regelt: um sich seinem
Volk in den »alten Ungeheuern Zeiten« zu nähern und in der Ge-
genwart vor ihm zu fliehen, indem er es durch andere, diesmal
aktuelle und gegen die Welt auf ihrer eigenen Legalität beharrenden
Minoritäten ersetzt.
In Anbetracht der halb leidenscha�lichen, halb ironischen Neu-
gierde, die Ka�a in jeder Periode seines Lebens für die verschie-
densten Denkströmungen bekundet – für die Prager anarchisti-
schen Zirkel, den libertären Puritanismus, die Häresie der
Hussiten, die Anthroposophie Rudolf Steiners, die mährischen Brü-
der oder einen gewissen Moritz Schnitzer
42
, den Erfinder einer
neuen Naturheilmethode –, steht zu vermuten, daß ihn an diesen
ziemlich heterokliten Lehren weniger ihr ideologischer Gehalt fas-
ziniert als vielmehr der sektiererische Geist selbst, der für einige
seiner eigenen Probleme eine originelle Lösung anbietet, insbeson-
dere für sein paradoxes Verhältnis zum Glauben und zur Tradi-
tion.
Denn ob es sich nun um eine politische oder eine religiöse Sekte
handelt, sie ist immer der Versuch eines Kompromisses zwischen
den beiden Bewegungen, die nur schwer gleichzeitig zu verwirk-
lichen sind: sich absondern und sich vereinen, sich von der Mehr-
heit trennen und sich mit anderen Abgesonderten in einer neuen
Bruderscha� zusammenschließen, die gerade durch das zementiert
wird, was sie dazu ausersieht, eine Minderheit am Rande der be-
stehenden Strukturen zu bleiben. In Anbetracht seiner fortwähren-
den Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma, sich von den
kollektiven Zwängen befreien und gleichzeitig in der Wärme einer
Gemeinscha� aufgehen zu wollen, ist Ka�a von der originellen Art
und Weise beeindruckt, mit der die Sekte das Problem für ihre
Anhänger löst. Aber sosehr ihn in einem Augenblick der Not ein
Schnitzer oder ein Apostel der »Christlichen Gemeinscha�« verlok-
ken mag, so ist er, wie wir sahen, doch nicht blind gegenüber der
Schwäche und Lächerlichkeit dieser improvisierten Erretter; nie-
mals geht seine Neugierde oder Bewunderung so weit, sich ihnen
7
anzuvertrauen, was bis zu einem gewissen Grade seine affektiven
Bedürfnisse befriedigen würde. Den Sekten wie dem Ostjudentum,
in dem er so gern zu Hause wäre, muß er fern bleiben, »einsam wie
Franz Ka�a«, auf dem Beobachtungsposten, den die Einmaligkeit
seines Falles ihm aufnötigt.
Daß das Beispiel dieser fanatischen Asketen, dieser puritani-
schen Anarchisten, dieser Erleuchteten, an denen er den Radikalis-
mus ihres Glaubens gewiß ebenso bewundert wie den lebendigen
Sinn ihrer Gemeinscha�, ihn nicht weit bringen kann, weiß nie-
mand besser als er. Denn daß sie sich absondern und gegen den
Konformismus ihrer Umwelt auflehnen konnten, lag daran, daß sie
von Geburt alles besaßen, was ihm fehlt – einen Boden, ein Gesetz,
einen unangefochtenen Platz in der Welt, die für sie geschaffen war.
Sie konnten und dur�en zurückweisen, was sie hatten, eben weil sie
es hatten, und als ihr reformatorischer Eifer sie gegen die herr-
schenden Zustände au�egehren ließ, konnten sie um so besser
handeln, als sie trotz allem einem großen lebendigen Gesellscha�s-
körper angehörten. In ihre Fußstapfen treten zu wollen, liefe aber-
mals darauf hinaus, so zu tun »als ob«, sich selbst zu belügen und
andere zu täuschen; es hieße, in die kra�lose Nachahmung des
assimilierten Juden und in den alten Morast der Schuld zurückfal-
len, in dem Ka�a bereits versinkt. In dieser Hinsicht bleibt die
Klu� zwischen ihm und diesen Leuten unüberwindbar, und er
zieht aus dem Umgang mit ihnen nur einen weiteren Beweis gegen
seine Existenz als Zwitterwesen, das allemal deplaziert ist, immer-
fort gezwungen, sich zu rechtfertigen.
Die Apostel und Adepten, die er aus der Distanz wegen des Muts
bewundert, mit dem sie ihren Weg gegangen sind, können ihm also
nichts beibringen, sie helfen ihm nur negativ, indem sie ihm
a con-
trario
die Absurdität seiner Fluchtversuche vergegenwärtigen und
ihn mehr denn je auf den ursprünglichen Ort zurückverweisen, an
dem sein Unglück zu leben sich entwickelt hatte. Er weiß es wahr-
scheinlich, noch bevor er den ersten Schritt in ihre Richtung tut, bei
den wenigen Malen, da er sich zu ihnen verirrt (bei Rudolf Steiner
zum Beispiel, den er einmal aufsucht, obwohl er im voraus weiß,
daß sein Schritt vergeblich sein wird – wie übrigens stets in solchen
Fällen nimmt der Bericht seines Besuches sofort eine Wendung ins
Komische
43
). Und trotzdem faszinieren sie ihn weiterhin, genauer
gesagt, er benutzt sie weiterhin als Ausdruck seines eigenen
Zwiespalts, wozu sie sich vorzüglich eignen, da sie in gewisser Hin-
8
sicht – alle sind gläubig und gleichzeitig Rebellen – immerhin
Ähnlichkeit mit ihm haben. So kann Ka�a dank diesen romanhaf-
ten Gestalten am Rande der organisierten Gesellscha�en endlich
die gegensätzlichen �emen seines »Familienromans« gemeinsam
behandeln, das heißt sich seiner Geburt innerhalb eines ewigen
Volkes rühmen und die Erniedrigungen verschmerzen, ja sich für
sie rächen, die mit diesem Schicksal von Anfang an verbunden
sind.
Das Gesetz läßt Ka�a nicht ruhen, eben weil es sich ihm entzieht
und weil er es, da er ohne es nicht leben noch es neuerfinden kann,
dauernd in die Enge treibt, damit es sich endlich zu erkennen gebe.
Unverständlich, unentzifferbar, absurd, einzig durch zu vollstrek-
kende und stets unwiderrufliche Urteile sich offenbarend – so tut es
sich, grandios und senil zugleich, durch die schreckliche Stimme
des Richter-Vaters kund; so läu� Josef K. ihm hinterher (und nicht
umgekehrt, denn es wird deutlich gesagt, daß die Justiz, mit der er
es zu tun hat, den Angeklagten empfängt, wenn er zu ihr findet,
jedoch nichts unternimmt, ihn zu finden) durch die Gänge und
Dachböden in den Elendsquartieren einer Arbeitervorstadt; so
steht es in den Zeichnungen des ehemaligen Kommandanten der
Stra�olonie
, unter Übermalungen und Verzierungen unlesbar ge-
worden, so daß es den Urteilsspruch bekanntmacht, indem es sich
direkt ins lebende Fleisch des Verurteilten eingräbt. Und an diesem
immanenten Gesetz, das sich im Automatismus der Strafe kundtut
und in dem alle Rechtsbegriffe gleichermaßen verhöhnt werden,
stirbt Ka�a am Ende, wenn es stimmt – wovon er überzeugt ist –,
daß die Wunde seiner Lunge bloß das Symbol der anderen, unsicht-
baren Wunde ist, die seit jeher seine Rechtfertigungswut in ihm
aufreißt. Im übrigen hatten seine Helden es ihm vorausgesagt: In
einer Innenwelt, in der das Gebot ohne Gebieter die Kra� verloren
hat, Leben zu spenden, besitzt das blutrünstig gewordene Gesetz
nur noch die totale Macht zu töten.
Da er nicht weiß, wofür, weshalb und vor wem er sich rechtfer-
tigen muß und ohne Rechtfertigungsgründe nicht auskommen
kann, sucht Ka�a unablässig nach einem Heilmittel gegen seine
Vernarrtheit in das Gesetz, und zuweilen scheint er nahe daran, es
zu finden, wie die berühmte Legende aus dem
Prozeß
zeigt, aus der
Josef K. wenn er sie verstehen könnte, eine entscheidende Lehre
ziehen müßte. Ein Mann vom Lande, also ein Unwissender, ein
am
9
ha harez
44
, kommt vor das Tor zum Gesetz und begehrt Einlaß. Das
Tor steht offen, doch der schreckliche Türhüter verbietet ihm,
»jetzt« einzutreten, und der Mann entschließt sich, auf die Erlaub-
nis zu warten, die man ihm früher oder später wohl erteilen wird. Er
verbringt sein ganzes Leben mit diesem hoffnungslosen Warten,
denn der Türhüter hat ihm ja nichts versprochen, und stirbt schließ-
lich vor Erschöpfung, kurz nachdem er erfahren hatte, daß dieses
Tor nur für ihn bestimmt war. Er hätte sich also über die Drohun-
gen dieses prahlerischen und zugleich kindlichen Türhüters ledig-
lich hinwegzusetzen brauchen, um den einzig richtigen Weg zu
beschreiten, der ihm vorbehalten war: seinen Weg, der, allein für
ihn bestimmt und daher geeignet, ihn zum Ziel zu bringen, ihm von
keiner Autorität hätte verboten, empfohlen oder aufgezwungen
werden können.
Der Mann vom Lande ist verloren, weil er nicht wagt, sein per-
sönliches Gesetz über die kollektiven Tabus zu stellen, deren Tyran-
nei der Türhüter verkörpert. Und Ka�a ist verloren wie er – nur
daß ihm die Entscheidungsfreiheit, die ihm in der Realität fehlt, im
Anderswo der Literatur reichlich ersetzt wird, wo er, endlich frei,
einsam zu denken und seine Wahrheit zu zeigen, keinem anderen
Gericht Rechenscha� schuldet als dem seiner Schri�en.
20
Zweiter Teil
22
Kapitel VI
Die Flucht
Wie Max Brod berichtet
, wollte Ka�a seiner schri�stellerischen
Arbeit den Gesamttitel »Fluchtversuch vor dem Vater« geben –
einen freilich sehr bezeichnenden Titel, nicht nur, weil er ein weite-
res Mal an die alte, noch immer offene Abrechnung zwischen Vater
und Sohn gemahnt, sondern vor allem, weil er deutlich macht, was
Ka�a von der Literatur im allgemeinen erwartet und was für ihn
sowohl hinsichtlich seines eigenen Schaffens wie hinsichtlich seiner
Lebensführung unmittelbar daraus folgt. Um von seinen Geschich-
ten das Mittel verlangen zu können, die Bande zu zerreißen, die
allem zum Trotz dafür sorgen, daß er vom Vater abhängig bleibt,
muß er an die befreiende Kra� der Literatur, wo nicht an die seiner
eigenen Schri�en glauben; er muß an eine transzendente Literatur
glauben, die über den Wirren der Zeit steht und gleichwohl fähig
ist, der Welt ihre verlorene Fülle und Reinheit zurückzugeben. Er
muß auch an die Rettung durch das Schreiben glauben, selbst falls
er ahnen sollte, mit welch ungeheuren Opfern diese Art Rettung
wird bezahlt werden müssen (er ahnt es so gut, daß er nicht von
einer erfolgten Flucht spricht, sondern nur von einem wenig aus-
sichtsreichen Versuch).
Auch wenn dieser Glaube noch so sehr die Hoffnung nähren
mag, ein Glaube, in dessen Namen Ka�a sein Leben und seine
tägliche Arbeit organisiert – ohne ihn ließe sich weder seine Biogra-
phie noch sein Werk wirklich verstehen –, führt er dennoch zu
unvorhergesehenen Komplikationen, vor allem insofern die erlö-
sende Literatur ihres Amtes nicht im Himmel waltet, sondern
zwangsläufig in den Kammern einer Seele, die vom Zweifel, von der
Auflehnung, der Anarchie dunkler und mörderischer Wünsche be-
herrscht wird. Schreiben, um der väterlichen Sphäre zu entkom-
men, heißt, die Literatur wissentlich zu einem frevelha�en Ziel
ausnutzen und ihr infolgedessen die ganze Last der Schuld au�ür-
den, von der sich der nach Rettung strebende Schri�steller ja
23
gerade zu befreien sucht. Da die väterliche Sphäre, um die es hier
geht, offensichtlich auch die jüdische Sphäre ist, setzt die Absicht,
ihr zu entfliehen, überdies einen Willen zur Verleugnung ähnlich
dem der deutschjüdischen Schriftsteller voraus, Leute, für die
Ka�a nur strenge Worte findet, weil sie ihre Inspiration hauptsäch-
lich aus dem Wunsch, »das Judentum des Vaters« aufzuheben,
beziehen und somit in seinen Augen Renegaten und Falschmünzer
sind.
Schließlich wird die Flucht mit Hilfe der Literatur dadurch
erheblich kompliziert, daß sie sich nur verwirklichen läßt, indem
man den Erzfeind – den Vater samt der unklaren Gewalt, den
dunklen Gefühlen und halb eingestandenen Rachegelüsten, die der
Sohn mit ihm verknüp� hat – in die Struktur des Textes selbst
einführt, der dach ausdrücklich ersonnen wurde, ihn zu beseitigen,
so daß zur Strafe für den doppelten Frevel das Schreiben bei den
unlauteren Geschä�en der Wirklichkeit die Hand im Spiel hat und
daß es keinen retten kann, bevor er sich nicht selbst aus dem Sumpf
gezogen hat.
Das Werk zu einer Rettungsaktion benutzen zu wollen, während
die ruinöse Wirklichkeit, die zu überwinden ihm obliegt, mitten in
seinem Gegenstand steckt, ist freilich ein aberwitziges Unterneh-
men, über dessen Schwierigkeit Ka�a sich anfangs nicht ganz klar
zu sein scheint. Ton und Inhalt seiner frühen Novellen lassen ver-
muten, daß er schreibt wie jeder junge Mann, der sich der Kra�
seiner Imagination bewußt ist, aus Neigung, aus Spielerei, um sei-
nen Emanzipationsträumen Gestalt zu geben, und wohl auch um
sich einen Namen zu machen (daß er das Gegenteil behauptet, als
er zum erstenmal seinen Namen gedruckt sieht
, ist kein Zeichen
von Bescheidenheit, es zeugt wohl eher von dem zügellosen Ehr-
geiz, der eben wegen seiner Übertriebenheit unterdrückt werden
muß). Zwar nimmt die Literatur in seinem Leben bereits einen
großen Raum ein, aber er ist noch nicht von ihr besessen; das ist er
erst nach der aufwühlenden Erfahrung des
Urteil
, einer Geschichte
aus seinem Fleisch und Blut, die »wie eine regelrechte Geburt mit
Schmutz und Schleim bedeckt«
aus ihm herausgekommen, ihm
endlich klarmacht, unter welchen Bedingungen das Schreiben zur
Befreiung wird. Und nun, da er überzeugt ist, daß er sich bisher in
den »schändlichen Niederungen des Schreibens« befunden hatte,
sogar und gerade dann, als er an seinem ersten Roman arbeitete,
schreibt er nicht mehr, um sich auf dem Papier einen Augenblick
erträumter Freiheit zu verschaffen, sondern als wahrer Gläubiger,
24
um sich selbst zu regenerieren, indem er sich mit Leib und Seele der
wahren Literatur unterwir�, die sich ihm offenbart hat.
Diese Wandlung, durch die das Schreiben tatsächlich die Kra�
gewinnt, zu retten, beschreibt Ka�a mit der in ihm noch nachklin-
genden Begeisterung am Tag nach der denkwürdigen Nacht, in der
Das Urteil
entstand: »Diese Geschichte ›Das Urteil‹ habe ich in der
Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in
einem Zug geschrieben. […] Die fürchterliche Anstrengung und
Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in
einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich
mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie
für alle, für die fremdesten Einfalle ein großes Feuer bereitet ist, in
dem sie vergehn und auferstehn.« Der Erdenschwere enthoben,
sieht der verzückte Autor, daß er seinen Körper auf dem Rücken
trägt, wie der Heilige Christophorus Christus trägt; und so wie
Christus wandelt auch er auf den Wassern, die Geschichte hat die-
ses Wunder für ihn bewirkt, die übernatürliche Gnade hat ihn
berührt, und was immer er in Zukun� ohne sie tut, wird ihn nicht
mehr zufriedenstellen können: »Die bestätigte Überzeugung, daß
ich mich mit meinem Romanschreiben [
Der Verschollene
] in schänd-
lichen Niederungen des Schreibens befinde.
Nur so
kann geschrie-
ben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher
vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.«
Ka�a möchte
einzig noch in diesem Zustand der Erleuchtung schreiben, in dem
das Ich seine Grenzen sprengt und in dem die Wörter die Dinge in
Brand stecken, um sie zu zerstören und wiederzuerwecken. Denn
jetzt weiß er, daß die Erlösung möglich ist, allerdings unter der
Bedingung, daß man sie aktiv vorbereitet, indem man dem Gott
Literatur einen steten und ausschließlichen Kult weiht – einen in
Wahrheit barbarischen Kult, denn er verlangt, nicht nur alle ande-
ren Interessen, sondern auch das eigene Leben sowie das der
Menschen zu opfern, die mit einem verbunden sind. Jetzt heißt es
schreiben oder leben, schreiben als sich selbst Abgestorbener wie
der Mystiker, oder als Halbtoter leben wie der gewöhnliche Sterb-
liche im eintönigen Lauf der Zeit. Schreiben, ohne zu leben, um die
Ewigkeit zu erringen, oder leben, ohne zu schreiben, und sich damit
abfinden, bloß vorüberzugehen – das ist der Schraubstock, der ihn
einklemmt und in dem er bis zum Ende gefangen bleibt, selbst
dann, als er sieht, daß sein Schaffen aufgrund der tödlichen Alter-
native, in die er sich verrannt hat, frühzeitig unterbrochen wird,
25
und er daran verzweifelt, sein Werk und sein Leben zugleich ver-
loren zu haben.
Nachdem ihm
Das Urteil
den Sinn seiner Berufung enthüllt hatte,
tritt Ka�a in die Literatur ein, so wie man ins Kloster geht, ge-
nauer gesagt, wie man es in den Zeiten des Glaubens getan hat, von
dem die seine ihm nichts übermittelt hat, es sei denn ein lächer-
liches, vor Bigotterie schal gewordenes Bild. Er dient seiner Kunst
mit der eifersüchtigen Leidenscha�, aber auch mit der Demut,
Selbstverleugnung und Unerbittlichkeit des Gläubigen, und so wie
der um sein Heil bangende Gläubige eine Verheißung der Gnade
gegen ein Leben der Askese und Reinigung tauscht, so flieht er die
Zerstreuungen und Verlockungen der Welt, um seine Krä�e in der
nächtlichen Stille zu sammeln. Diesem Dienst, den der »Kellerbe-
wohner« in der Tiefe der dunkelsten Nacht zelebrieren will – wie ein
Heiliger Johannes vom Kreuz, der in der blendenden Helligkeit
seiner Finsternis betet
–, kommt sicherlich die psychische Veranla-
gung zugute, die Ka�a jedenfalls veranlaßt, Einsamkeit, Enthalt-
samkeit, Entsagung zu suchen; doch die Veranlagung besteht
wohlgemerkt vor ihrer Anwendung, zweifellos hätte sie auch in ir-
gendeine andere Form der Frömmigkeit Eingang gefunden, wenn
jene ihm gefehlt hätte. Bald begeistert ihn die Arbeit, bald verzwei-
felt er an ihr, bald bringt ihm ein vollkommener Satz die Rettung,
bald verweigert sich ihm die Literatur, dann lernt er die Schrecken
der von Gott verlassenen Mystiker kennen und fällt wie sie über-
gangslos von der Ekstase in die Verzweiflung, von der himmlischen
Hoffnung in den letzten Kreis der Hölle – abgesehen davon aller-
dings (und der Unterschied ist so groß, daß der Vergleich zunichte
würde, gäbe es da nicht die Sprache und die Bilder, die sich ihm
unau�örlich aufdrängen), daß der Mystiker in ihm niemals den
scharfen Blick des Kritikers trübt, daß er seinen Wahn nicht rühmt,
sondern im Gegenteil dessen Verheerungen mit eiskalter Ironie auf-
zeigt, und zwar noch in den scheinbar phantastischen Geschichten,
zu denen er ihn inspiriert.
So grausam hellsichtig er in bezug auf seine Leidenscha� auch ist
und welche Qualen sie ihn erdulden läßt, die Literatur bleibt in
Ka�a als sein einziges Verlangen und sein einziges Streben, das
letzte Ziel, in dessen Namen er nahezu auf jedes normale Leben
unter Menschen verzichtet und für das er schließlich stirbt, ohne
besser als sein Hungerkünstler zu wissen, ob die seltsame Vollkom-
menheit seines unvollendeten Werks diesen Preis wert war oder ob
26
er die Wette verloren hat. Aufgrund der Unerbittlichkeit, die er in
allem an den Tag legt, erst recht hier, wo für ihn das Wesentliche auf
dem Spiel steht, kann Ka�a keinen Kompromiß zwischen dem
Heiligen der Literatur und dem Profanen der Wirklichkeit dulden;
es kommt für ihn also nicht in Betracht, seine schöpferische Arbeit
auf jenen vernün�igen Teil zu beschränken, der sie mit einer gere-
gelten Existenz voll verschiedenartiger Tätigkeiten und Interessen
vereinbar machen würde. Das Heilige hat Anspruch auf seine ge-
samte Zeit und Energie. Doch da es auch nicht entweiht werden
darf, indem man es beispielsweise zu einer Erwerbsquelle macht
befindet sich Ka�a abermals auf einem versperrten Weg. Der ba-
nale Konflikt zwischen Kunst und Broterwerb, den andere halb-
wegs lösen, sofern ihre Werke einigermaßen verkäuflich sind, gerät
bei ihm zur Tragödie, aufgrund der verhängnisvollen Alternative,
die alle seine Handlungen lahmt: Er sieht keinen möglichen Aus-
gleich zwischen dem Schri�steller, der er mit jeder Faser seines
Herzens ist, und dem Beamten, der er aus Not geworden ist, der
eine muß den anderen vertreiben und das Feld behaupten, und falls
keiner von beiden es scha�, wird er sich eher zwischen ihnen zer-
reiben lassen, als sie durch irgendeine Übereinkun� dazu zu bewe-
gen, sich seine Krä�e und schöpferischen Fähigkeiten zu teilen.
Das erklärt er Felices Vater offen in einem Brief, der in Anbe-
tracht der Umstände, mit denen er zusammenhängt, als das provo-
zierendste Glaubensbekenntnis erscheint, zu dem der Fanatismus
der Literatur je geführt hat: »Mein Posten ist mir unerträglich, weil
er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf, das ist
der Literatur, widerspricht. Da ich nichts anderes bin als Literatur,
und nichts anderes sein kann und will, so kann mich mein Posten
niemals zu sich reißen, wohl aber kann er mich gänzlich zerrütten.
Davon bin ich nicht weit entfernt.« So ist Felice noch nicht verlobt
und muß schon daraufgefaßt sein, entweder allein zu arbeiten, um
den Haushalt zu bestreiten, oder unfreiwillig ihren Mann unglück-
lich zu machen; jedenfalls wird Einsamkeit ihr Los sein, durch die
Schuld einer ungrei�aren Rivalin, die um so gefährlicher ist, als sie
Ka�a keineswegs hil�, menschlich zu werden, sondern im Gegen-
teil all das gründlich verschlimmert und ausnutzt, was ihn uner-
träglich macht. »Ich bin nicht nur durch meine äußerlichen
Verhältnisse, sondern noch viel mehr durch mein eigentliches We-
sen ein verschlossener, schweigsamer, ungeselliger, unzufriedener
Mensch, ohne dies aber für mich als ein Unglück bezeichnen zu
27
können, denn es ist nur der Widerschein meines Zieles. Aus meiner
Lebensweise, die ich zu Hause führe, lassen sich doch wenigstens
Schlüsse ziehn. Nun, ich lebe in meiner Familie, unter den besten
und liebevollsten Menschen, fremder als ein Fremder. […] Der
Grund dessen ist einfach der, daß ich mit ihnen nicht das Allerge-
ringste zu sprechen habe. Alles, was nicht Literatur ist, langweilt
mich und ich hasse es, denn es stört mich oder hält mich auf, wenn
auch nur vermeintlich.«
0
Dieser letzte Satz steht nicht in dem
Brief, der abgeschickt wurde, ebensowenig übrigens das »Da ich
nichts anderes bin als Literatur« vom Anfang

, doch Ka�a läßt
ihn in seinen
Tagebüchern
stehen als den genauesten Ausdruck des
Postulats, in das seine Leidenscha� mündet: Für ihn nämlich hat
das Schreiben Vorrang vor dem Leben, und was immer von außen
oder innen diesen Vorrang antastet oder leugnet, wird sofort zum
Feind.
Das Schreiben hat Vorrang vor dem Leben – das liest man zwi-
schen den Zeilen, wenn nicht ganz deutlich auf zahlreichen Seiten
seiner Briefe und
Tagebücher
, in denen er seine Klagen und seine
Aufschwünge, seine Anwandlungen von Begeisterung und seine
Krisen der Verzweiflung, ja sein Elend angesichts der Unvorherseh-
barkeit seiner Inspiration festhält. Ist er inspiriert, so fühlt er sich
zu allem fähig: »[…] nicht nur auf eine bestimmte Arbeit hin. Wenn
ich wahllos einen Satz hinschreibe, zum Beispiel: ›Er schaute aus
dem Fenster‹, so ist er schon vollkommen.«
2
Ob er gerettet wird
oder verloren ist, einzig die Literatur entscheidet darüber, nach
Gesetzen, die anderswo nicht gelten; sie verwandelt in Gutes, was
schlecht an ihm ist (»der Widerschein meines Zieles«), und in
Schlechtes, was die Welt für gute Eigenscha�en hält; er kauert in ihr
wie ein Kind, und das, was ihm sie wegnimmt, zerstört ihn; im Büro
zum Beispiel behält er »den großen Schrecken, daß zu einer dich-
terischen Arbeit alles in mir bereit ist und eine solche Arbeit eine
himmlische Auflösung […] für mich wäre, während ich hier im
Bureau um eines so elenden Aktenstückes willen einen solchen
Glückes fähigen Körper um ein Stück seines Fleisches berauben
muß«.
3
Die Literatur »als Form des Gebets«
4
bereitet ihm nicht nur
geistige Freuden, sie ist auch eine unvergleichliche Quelle körper-
licher Lust, und wer immer ihn um dieses Glück bringt, zerstückelt
ihn bei lebendigem Leibe: »Die Lust, für das Schreiben auf das
größte menschliche Glück zu verzichten, durchschneidet mir un-
28
au�altsam alle Muskeln«
5
, sie ist bei weitem intensiver als die
Lust, welche die Liebe ihm verspricht, darum wird er Felice nicht
heiraten, oder es erwartet sie
»ein klösterliches Leben an der Seite eines
verdrossenen, traurigen. schweigsamen, unzufriedenen, kränklichen Menschen
der, was Dir wie ein Irrsein erscheinen wird, mit unsichtbaren Ket-
ten an eine unsichtbare Literatur gekettet ist, und der schreit, wenn
man in die Nähe kommt, weil man, wie er behauptet, diese Kette
betastet«.
6
Für dieses »Irrsein« hat er keine vernün�ige Erklärung, allenfalls
kann er sich, wie der Gläubige, auf das Beispiel seiner verehrten
Heiligen berufen – Grillparzer, Dostojewski, Kleist und Flaubert –,
denn von diesen vier Menschen, seinen »eigentlichen Blutsver-
wandten«, »hat nur Dostojewski geheiratet, und vielleicht nur
Kleist, als er sich im Gedränge äußerer und innerer Not am Wann-
see erschoß, den richtigen Ausweg gefunden«.
7
Unsichtbar und
allmächtig aus der Höhe des Himmels, wo sie verborgen ist, von
Toten getragen wie jede Religion und in ihrem Kern selber todbrin-
gend, ist die Literatur von allen Seiten tödlich, und Ka�a weiß es,
er ist sogar einer der ersten in der Geschichte, der sie unter diesem
meist verkannten Aspekt wahrnimmt, der im übrigens nichts Er-
schreckendes für ihn hat, sondern eher ein mächtiges Motiv ist, an
der Verabsolutierung festzuhalten. Und er hält daran fest, noch in
der grausamen Satire, zu der er sein eigenes »Irrsein« macht, was
tatsächlich der Gipfel der Donquijoterie ist, denn er schildert sich
als den Irren, der er in seinen Augen ist, ohne einen Augenblick
aufzuhören, seinen Irrsinn zu wollen. Fraglos hat seit dem Au�ritt
des Don Quijote in unserem Kulturkreis die Sakralisierung des
Geschriebenen keinen derart logischen und gleichzeitig wahnwitzi-
gen Vorkämpfer mehr gehabt (nicht einmal Flaubert ist so weit
gegangen), aber auch nie wieder ist es ihm beschieden gewesen,
sich in einem solch reinen und zu seinem Lobpreis ähnlich geeig-
neten Werk widerzuspiegeln.
Genau besehen ist Ka�a freilich nicht der einzige, der die Eigen-
scha�en der Religion auf die Literatur überträgt; darin folgt er
nämlich einer allgemeinen Tendenz seiner Zeit, einer Zeit, die wie
er, obwohl aus minder unabweisbaren Gründen und weniger klar,
nach einem Ausweg, einer geistigen Öffnung, irgendeiner Form der
Rettung sucht. Nicht nur in Prag, wo jeder einigermaßen begabte
junge Mann, vor allem wenn er deutscher Jude ist, instinktiv zum
29
Schreiben Zuflucht nimmt, um aus der Enge seines Milieus auszu-
brechen – in Ka�as Milieu schreibt selbstverständlich jeder –, im
gesamten Europa des 9, Jahrhunderts kommt in der Literatur eine
beachtliche Wertverschiebung zutage, an der nahezu alle Bewegun-
gen mitwirken. Dieses Unternehmen, das die Romantiker in voller
Übereinstimmung mit ihrer Ideologie begonnen hatten, wird mehr
oder weniger zielstrebig von all denen fortgesetzt, die, selbst wenn
sie ihrer Lehre nicht zustimmen, ja sogar bekämpfen, ihr Unbeha-
gen an der Welt und dementsprechend ihren grenzenlosen Glauben
an die Macht des Traums und das Werk der Imagination teilen. Die
verschiedenen Schulen, die um die Jahrhundertwende einander ab-
lösen – die Romantiker, Realisten, Symbolisten, Naturalisten und,
Ka�a näher, die Expressionisten –, mögen einander noch so sehr
widerlegen und zuweilen gar als Feinde betrachten, gemeinsam ist
ihnen jedenfalls, daß sie die Literatur in einem in früheren Epochen
unvorstellbaren Maße überschätzen und sie, indem sie dunkel da-
nach trachten, das von der Modernität bedrohte Experiment des
Geistes zu erneuern, in den Rang der Heiligen Schri� erheben.
So verschiedenartig das Phänomen durch die Orte und die Zeit-
punkte seines Au�retens auch ist und so komplex seine Auswirkun-
gen sein mögen, es läßt sich als eine Reaktion auf das Unbehagen
der westlichen Welt angesichts ihrer Fortschritte verstehen, die die
traditionellen Werte von allen Seiten angreifen, ohne in der Lage zu
sein, sie zu ersetzen, radikal zu zerstören oder in Vergessenheit ge-
raten zu lassen. Das Schwinden der religiösen Idee und des Bezugs-
systems, das ihre konkrete Stütze war; die immer offensichtlichere
Klu� zwischen der Unterweisung der geoffenbarten Religionen und
der unwiderruflichen Säkularisierung des Alltags; die sowohl intel-
lektuellen wie moralischen Folgen der großen wirtscha�lichen und
gesellscha�lichen Umwälzungen, die mit dem raschen Fortschrei-
ten von Wissenscha� und Technik zusammenhängen; die brutale
Entwicklung der Großindustrie und infolgedessen das ungeheure
Anwachsen der Ballungszentren, die, wie es damals zu Recht hieß,
»polypenartig« geworden waren – das alles (was Nietzsche in dem
berühmten Wort vom »Tod Gottes« zusammenfaßte) stellt die west-
liche Zivilisation vor eine schwindelerregende Leere, die ihre be-
wußten Wortführer auf unterschiedliche Weise auszufüllen sich
bemühen. Die Wissenscha�, die Philosophie, die soziale und politi-
sche Utopie, anfangs sogar die Soziologie – jede dieser Disziplinen
versucht, dem Zusammenbruch des Idealen so gut es geht abzuhel-
30
fen; jede hofft, wo nicht eine Offenbarung, so doch eine dem
Zeitgeist gemäße Wahrheit mitzuteilen und auf diese Weise einen
Teil der diffusen Religiosität der Eliten aufzufangen, die, da sie
keine Verwendung mehr findet, zum Weltschmerz oder zur »Krank-
heit des Jahrhunderts« gerät. Doch aus Gründen, die weit in die
Geschichte unserer Mythen zurückreichen, eignet sich keine gei-
stige Tätigkeit besser zum Ersatz für das Ideal als die Literatur,
besonders in der edlen Gestalt der Poesie, die ihr seit jeher die
höchste Würde verleiht.
Die Begriffsverwirrung stammt aus dem Altertum, wo die Poesie
in dem Ruf steht, die menschliche Welt mit dem Göttlichen zu
verbinden, und folglich besondere Rechte im Bereich des Heiligen
genießt. Homer ist kein Mensch, sondern ein Gott, der Vater jeder
Wissenscha�, der unfehlbare Führer, der seine Leser reinigt und
auf die Spur der heiligen Wahrheit bringt. Gewiß ist nicht jeder
Dichter ein Homer, und nur wenige nach ihm sind von der Nach-
welt vergöttert worden; doch der Dichtkunst wird unbeirrt die
Gabe zugeschrieben, die irdischen Dinge mit dem Himmel zu ver-
söhnen oder mit dem Mysterium, das ihn vertritt, wenn die Götter
ihn verlassen haben. Und diese Gabe, die man ihr anscheinend seit
Ewigkeit zuerkennt, jedenfalls weit über die Epoche hinaus, die sie
rechtfertigen könnte, überträgt sie bald auf die Prosa, die für ihre
historische Ablösung sorgt, so daß nicht mehr nur die Dichtkunst,
sondern die Kunst des Schreibens schlechthin den Weg zu den Wun-
dern, Geheimnissen oder Schrecken irgendeines dem gewöhnlichen
Sterblichen unerreichbaren Jenseits öffnet.
Kaum ist die Literatur als Begriff geboren, da macht sie sich
schon den Aberglauben zunutze, dem einst die Poesie ihr aus-
schließliches Privileg entnahm, und nichts hil� ihr dabei besser als
das Vokabular, mit dem sie ihre Techniken und ihre Ziele definiert.
Und da sie das Privileg einer Gleichstellung mit der Religion, die
keine Weltanschauung mehr zu legitimieren vermag, für sich bean-
sprucht, spricht nun auch sie von Inspiration, Auserwählung,
Mission, Berufung, ja sogar, um die Analogie vollständig zu ma-
chen, von Fluch. Sie hat ihre Kirchen, ihre Propheten, ihre Heili-
gen, ihre Märtyrer (noch in unseren Tagen hat sie ihren Papst
gehabt) und, im Bereich des Teufels, den die �eologie dem Göttli-
chen gegenüberstellt, ihre Alchimie, ihre schwarze Magie, ihre
Hermetik, ihre Häretiker. Schließlich hat sie ihre Kanons und ihre
Dogmen, ganz zu schweigen von den Scholastikern, die sie endlos
3
interpretieren und in letzter Instanz über ihre Authentizität befin-
den. Das ganze 9. Jahrhundert hat diese durch unsere Redeweise
so sehr begünstigte Begriffs- und Gefühlsverwirrung gebraucht und
mißbraucht, es hat sie sogar, wie keine andere Epoche vor ihr,
verstärkt, da sie geeignet war, ihre Megalomanie ebensosehr zu
befriedigen wie ihre Sehnsucht nach Frömmigkeit. Denn es ist eine
Tatsache, daß die Literatur, als das Jahrhundert sich seinem Ende
zuneigt, dahin gelangt, die Rolle eines Glaubenssurrogats, die es ihr
bereitet hat, völlig ernst zu nehmen: Aus eigener Kra� befreit, be-
traut sie sich selbst mit dem heiligen Amt und wird, nach Flauberts
scharfsinnigem Wort, zur Mystik desjenigen, der an nichts
glaubt.
Angesichts der lokalen Bedingungen, unter denen Ka�a sein Le-
ben verbringen und zuallererst sich entwickeln muß, fällt diese
Ersatzmystik bei ihm auf fruchtbaren Boden, in dem sie sich mü-
helos festsetzen kann. In seiner Jugend ist er Positivist, Darwinist,
Sozialist, Atheist, was zwar die Bedürfnisse seines Geistes befrie-
digt, jedoch den Eifer nicht erschöp�, der seine geistigen Bestre-
bungen bereits anfeuert. Er schreibt sozusagen seit jeher, und
während er sich dem Leben gegenüber unentschlossen fühlt, unfä-
hig, zu menschlichen Beziehungen untauglich und fast stumm vor
Schüchternheit, ist er sich vor seinem Schreibtisch und seinem Pa-
pier in höchstem Grade seiner Begabung bewußt. Innerlich drängt
es ihn, der einzigen Gnade, deren er sich teilha�ig wähnt, den größ-
ten Wert beizumessen, und äußerlich hil� ihm Prag, zunächst
insofern, als es ihm einen versperrten Horizont zeigt, sodann, weil
in dieser Stadt – in der hinter der Fassade von Konvenienzen und
Konventionen überall die religiöse Gleichgültigkeit aufscheint und
sogar das Judentum nur noch ein Schatten seiner ruhmreichen Ver-
gangenheit ist – der Glaubenswert, der sich an die Literatur he�et,
einer der wenigen ist, die gesichert zu sein scheinen, vielleicht der
einzige, der würdig bleibt, anerkannt und geliebt zu werden. Kein
Wunder, daß Ka�a, der die gläubigen Menschen bewundert, ohne
selbst im Glauben Rückhalt zu finden, radikal skeptisch, mit einem
Rest an Religiosität, der sich, nicht nur vom traditionellen Juden-
tum, sondern von jeder bestehenden Religion losgelöst, fast aus-
schließlich in vagem Bedauern äußert, kein Wunder also, daß er
bereits früh von der Literatur verlangt, die beiden Tendenzen zu
verschmelzen, die sich in ihm um das Recht streiten, sich auszu-
drücken: der Geist der »Au�lärung«, der sein intellektuelles Ver-
32
halten leitet, und das Bedürfnis, an etwas Höheres zu glauben,
Tendenzen, die weder der in seinem Milieu verfügbare Glaubens-
stoff noch die Beschaffenheit seines seelischen Apparats zu versöh-
nen vermögen. Kein Wunder, daß er, frühreif, der Magie des
Geschriebenen erliegt, lange bevor er weiß, was er mit seinem Werk
und seinem Leben anfangen wird.
In Einklang mit dieser Religion ohne Kirche, deren Anhänger er
bereits ist, schöp� der Ka�a der Zeit vor dem
Urteil
seine wesent-
liche Inspiration aus dem herkömmlichen Gegensatz zwischen
Kunst und Wirklichkeit – Pendant zum theologischen Gegensatz
zwischen dem Diesseits und dem Reich des Geistes –, mit dem die
Romantiker stets ihre Auflehnung oder ihre Langeweile rechtferti-
gen. Die Welt ist bedrückend, undurchsichtig, unrein, eisig, die
unerbittliche Eisenzeit, gegen die der ewige Don Quijote seine
Wahnarmeen mobilisiert und die mit jeder Dichtergeneration aufs
neue ersteht. Die Kunst dagegen gibt den Dingen und Wesen die
Durchsichtigkeit und Lesbarkeit zurück, die sie verloren hatten;
außerhalb von Raum und Zeit, unabänderlich, obwohl von gött-
licher Leichtigkeit, ist sie nicht lediglich für ihre Anhänger, sondern
für die ganze Gemeinscha� der Menschen und Tiere eine uner-
schöpfliche Quelle der Wärme und Klarheit. Dieses Bild von der
Kunst macht sich schon der Knabe, an den sich Ka�a in seinen
Tagebüchern
erinnert, wenn er wie so o� über die guten und schlech-
ten Beweggründe seines Schaffensdrangs nachdenkt: »Einmal hatte
ich einen Roman vor, in dem zwei Brüder gegeneinander kämp�en,
von denen einer nach Amerika fuhr, während der andere in einem
europäischen Gefängnis blieb. […] So schrieb ich einmal auch an
einem Sonntagnachmittag, als wir bei den Großeltern zu Besuch
waren und ein dort immer übliches, besonders weiches Brot, mit
Butter bestrichen, aufgegessen hatten, etwas über mein Gefängnis
auf. Es ist schon möglich, daß ich es zum größten Teil aus Eitelkeit
machte und durch Verschieben des Papiers auf dem Tischtuch,
Klopfen mit dem Bleisti�, Herumschauen in der Runde unter der
Lampe durch, jemanden verlocken wollte, das Geschriebene mir
wegzunehmen, es anzuschauen und mich zu bewundern. […] Ein
Onkel, der gern auslachte, nahm mir endlich das Blatt, das ich nur
schwach hielt, sah es kurz an, reichte es mir wieder, sogar ohne zu
lachen, und sagte nur zu den anderen, die ihn mit den Augen ver-
folgten, ›das gewöhnliche Zeug‹, zu mir sagte er nichts. Ich blieb
zwar sitzen, und beugte mich wie früher über mein so unbrauchba-
33
res Blatt, aber aus der Gesellscha� war ich tatsächlich mit einem
Stoß vertrieben, das Urteil des Onkels wiederholte sich in mir mit
schon fast wirklicher Bedeutung, und ich bekam selbst innerhalb
des Familiengefühls einen Einblick in den kalten Raum unserer
Welt, den ich mit einem Feuer erwärmen mußte, das ich erst suchen
wollte.«
8
Der junge Romantiker erlebt hier, ohne sie zu begreifen – sie
begreifen wird erst der erwachsene Schri�steller – die widersprüch-
lichen Implikationen seiner vorgefaßten Überzeugungen; er beklagt
sich bitter, aus der Gesellscha� vertrieben zu sein, während er
doch, als er inmitten der friedlichen Familienversammlung urplötz-
lich zu schreiben begann, selbst alles darangesetzt hat, sich von ihr
zu unterscheiden. Er stört die Traulichkeit dieses Sonntagnachmit-
tags, obwohl er dessen San�heit genießt, ohne auf das gute Butter-
brot seiner Großeltern zu achten, einzig um des Vergnügens willen,
aus dem gemeinscha�lichen Kreis auszubrechen und sich bewun-
dern zu lassen; doch da dieses Vergnügen ihm versagt wird, verwan-
delt sich die warme Zärtlichkeit der Angehörigen für ihn in eine
unmenschliche Welt, die er mit dem Charisma seiner Kunst erwär-
men muß – dann, wenn diese Kunst endlich gefunden sein wird.
So sieht sich das Dichterkind frühzeitig mit dem unhaltbaren
Paradox konfrontiert – der Idee einer unirdischen Kunst, die
gleichwohl und gerade deshalb berufen ist, die Erde von ihren
Krankheiten zu heilen –, das Ka�as schöpferische Krä�e schwer
belasten wird, bis zu dem Augenblick, da er sich entschließt, es in
den Prozeß seines Werkes selbst einzuführen, um es zu zwingen, alle
kindlichen Lügen, allen tendenziösen Aberglauben und maßlosen
Ehrgeiz zu bekennen, die sich hinter seiner Erhabenheit tatsächlich
verbergen. Das Paradox, nicht zu rechtfertigen und unausrottbar,
ist ein tödliches Gi� für den, der sein Gefangener ist; es wird erst
dann schöpferisch, wenn es in seiner ganzen Größe
dargestellt
wer-
den kann, mitsamt seiner unwiderstehlichen Verlockung und dem
Elend seiner Illusionen. Das Kind erlebt es voll Kummer, und
Ka�a wird nie mit ihm fertig werden, doch gerade ihm verdankt er
seine unvergleichlichen Geschichten, die Geschichten seiner Boten
ohne Botscha� und seiner am Absoluten scheiternden Künstler
oder auch die Geschichte seines verfluchten Landarztes, der, weil er
seinem Heilberuf, symbolisiert durch die »Nachtglocke«, zu Un-
recht folgte, dazu verdammt ist, sich in Ewigkeit in einem »irdi-
schen Wagen« hinter »unirdischen Pferden« umherzutreiben,
34
»nackt, dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt«
9
sogar von den Patienten verlassen, die er hatte retten wollen.
Wir wissen nicht, wie viele mehr oder weniger ernstha�en Flucht-
versuche auf die Geschichte der beiden feindlichen Brüder folg-
ten
20
, doch in der frühesten Novelle, die uns erhalten ist –
Beschreibung eines Kampfes
, ein unvollendeter Text aus dem Nachlaß,
von dem Ka�a nur einige Fragmente zu Lebzeiten veröffentlicht
hat –, finden wir das gleiche romantische Au�egehren gegen die
Wirklichkeit, allerdings verstärkt durch die vielen Beschwerden, die
der Heranwachsende angehäu� hat, und den expressiven Radika-
lismus, der zu seiner Zeit (904–905) literarische Mode war. Der
Erzähler, der sein bisheriges Leben als »einförmig« bezeichnet und
in seiner Existenz ebenso unsicher ist wie innerhalb der Geschichte
allmächtig, erscha� sich eine Welt nach seinem Geschmack, indem
er nach und nach die Teile einer nach Belieben formbaren Land-
scha� erstehen läßt. So wird er zum Regisseur phantastischer und
sichtbarer Veränderungen – die er »Belustigungen oder Beweis des-
sen, daß es unmöglich ist zu leben« nennt –, und kra� des Wortes,
dessen unumschränkter Herr er nun ist, belustigt er sich in der Tat,
indem er die Dinge des Himmels und der Erde in einem vorher aus
den Fugen gebrachten Raum verteilt, einzig nach dem Gesetz sei-
nes augenblicklichen Wunsches.
Auf diese Weise kann er in einer Winternacht in den Straßen von
Prag Spazierengehen (es ist Ka�as einzige Erzählung, in der die
Prager Straßen und Denkmäler namentlich genannt werden, im
Augenblick freilich rächt sich der Autor an ihnen, indem er sie
durcheinanderwirbelt) und gleichzeitig einen ganz anderen Spa-
ziergang in einer Landschaft unternehmen, deren Elemente er
jeweils erfindet. Hier läßt er die Steine durch seinen Willen ver-
schwinden, »den Weg immer flacher werden«, auf dem er gerade
geht, hier läßt er einen »massig hohen Berg aufstehn, dessen Pla-
teau mit Buschwerk bewachsen an den Himmel grenzt«; da er
»Fichtenwälder« liebt, fabriziert er sich auf der Stelle einen solchen
Wald, und da er gern »stumm zu den Sternen« schaut, bevölkert er
den Himmel mit so vielen Sternen, wie er aufgehen sehen
möchte.
Es ist die Welt der Allmacht des Gedankens, in welcher der
Wunsch noch magischer in Erfüllung geht als in der Magie, näm-
lich noch bevor er ausgesprochen ist; aber es ist auch eine rein
35
sprachliche Welt, in der ein gutgebauter Satz sofort seinen Inhalt
verwirklicht und, dem Wunsch vorauseilend, der ihn diktiert hat,
das Ereignis
hervorru�
, statt es darzustellen. Hier besitzt selbst die
schwache und wehrlose Person gerade wegen ihrer Schwäche eine
unerhörte Kra�, die sie zwingt, nichts als Geist zu sein. Ganz und
gar eins mit ihrem Autor kann sie gleich ihm nicht nur Flüsse und
Berge versetzen, sondern aufgrund ihres verbalen Charismas bisher
noch nicht gedachte Ereignisse nacheinander eintreten lassen.
Ausgerüstet mit dem gebieterischen Wort, dessen Privileg Ka�a
ihm überläßt, nutzt der Ich-Erzähler seine Macht weidlich aus,
sobald seine eigenen Phantasmagorien an Anziehungskra� zu ver-
lieren beginnen; nun will er »diese Gegend verlassen«, die ihn
zunächst belustigt hat, und dazu bedarf es keiner sonderlichen Zau-
berei, ein einziger Satz genügt: »Wie merkwürdig ist es, daß noch in
unserer Zeit vornehme Personen in dieser schwierigen Weise über
einen Fluß befördert werden. Es gibt keine andere Erklärung dafür,
als daß es ein alter Brauch ist.«
2
In dem Augenblick, da der Satz
gesagt wird, entspricht er in nichts der Außenwelt, es gibt weder
vornehme Personen noch ein unerklärliches Phänomen, auf die er
sich stützen kann; doch sobald er gesagt ist, hat sich sein Inhalt
materialisiert, und der Erzähler, der ihn ohne Veranlassung ausge-
sprochen hat, sieht nun, daß er Tatsache geworden ist: »Aus den
Gebüschen des anderen Ufers traten gewaltig vier nackte Männer,
die auf ihren Schultern eine hölzerne Tragbahre hielten. Auf dieser
Tragbahre saß in orientalischer Haltung ein ungeheuerlich dicker
Mann. Obwohl er durch Gebüsche auf ungebahntem Weg getragen
wurde, schob er die dornigen Zweige doch nicht auseinander, son-
dern durchstieß sie ruhig mit seinem unbeweglichen Körper.«
22
Aus
einem Satz entstanden, kann sich die neue Geschichte um ein neues
Symbol entfalten, ein Symbol für die Unmöglichkeit zu leben: der
Dicke, ein Wesen, dessen durch Fettmassen zerdehnte Konturen
sich geradezu ins Unermeßliche ausbreiten, das jedoch gerade dank
dieser sein Ich kennzeichnenden Schwäche die ebenfalls rein
sprachliche Gabe besitzt, die festen Dinge in den flüssigen Zustand
des Unbestimmten zu verwandeln. Sprechen, Sätze und Wörter an-
ordnen, um die Dinge dieser Welt von ihrer vollständigen Zusam-
menhanglosigkeit und mithin dem Betrug zu überzeugen, den sie
begehen, wenn sie sich für die Wirklichkeit ausgeben – etwas ande-
res kann er, so gesteht er, nicht tun, mehr noch, er rühmt sich
dessen und liefert sich damit unwiderruflich der immanenten Justiz
36
aus, deren Urteil die meisten Figuren Ka�as ereilt: Seine Macht,
den Dingen »ihre feste Begrenzung« zu rauben, kehrt sich sogleich
gegen ihn selbst, und kaum hat er seine Rede beendet, verliert er
seine eigenen Grenzen, indem er in dem Fluß ertrinkt, der darauf
gewartet hat, ihn zu verschlingen.
Der Erzähler, der Dicke, der Beter, der Betrunkene und alle diese
kaum voneinander unterschiedenen »Ichs«, die eher beseelte Wort-
gebilde sind als Personen aus Fleisch und Blut – ihnen ist eine Art
Mangel an Sein gemeinsam, der es erlaubt, von allen Seiten in sie
einzudringen, als hätten sie dem keinen körperlichen Widerstand,
keinerlei Eigenwicht entgegenzusetzen. Was ein junges Mädchen zu
einem von ihnen sagt: »Sie sind Ihrer ganzen Länge nach aus Sei-
denpapier ausgeschnitten, aus gelbem Seidenpapier, so silhouetten-
artig, und wenn Sie gehen, so muß man Sie knittern hören«
23
, das
könnten sie alle auf sich münzen und hinzufügen, daß das Material,
aus dem sie gemacht sind, nicht eigentlich gelbes Seidenpapier ist,
sondern einfach bedrucktes Papier. Doch so lückenha� und unvoll-
ständig diese dünnen Geschöpfe auch sind, sie beugen sich mit-
nichten der angeblichen Überlegenheit der Außenwelt, denn diese
mag sie noch so sehr von hoch oben beherrschen, in Wirklichkeit ist
sie selbst durch und durch rissig und hinter ihrem massiven Äuße-
ren nichts anderes als eine schiefe Fassade, ein
trompe-l’oeil
, das
augenblicklich einzustürzen droht.
Eben dieses beängstigende Gefühl drängt den Beter, seinen Ho-
kuspokus zu treiben, denn ihm zufolge stellt er sich nicht zum
Vergnügen in der Kirche zur Schau, sondern zuerst, um einen Kör-
per zu erhalten, und sodann, um »zu erfahren, wie es sich mit den
Dingen eigentlich verhält, die um mich wie ein Schneefall versin-
ken, während vor anderen schon ein kleines Schnapsglas auf dem
Tisch fest wie ein Denkmal steht«.
24
Ist das so, weil ihm ständig
schwindlig ist, weil er in jedem Augenblick die Welt schwinden
sieht? Und ist er der einzige, der an den Folgen einer dauernden
Seekrankheit auf festem Lande zu leiden hat, oder ist die Unsicher-
heit der Welt ein Faktum, dessen schreckliche Erfahrung noch
andere außer ihm machen? Über diesen Punkt will er Klarheit ha-
ben, wenn er dem Dicken die denkwürdige Gartenszene erzählt
(»›Was machen Sie, meine Liebe?‹ […] ›Ich jause so im Grünen‹«),
eine direkte Erinnerung an diejenige, die Ka�a soeben Brod be-
richtet hat
25
, um seine Bestürzung angesichts der Evidenz des
Alltäglichen zu veranschaulichen. Obwohl sich die in dem Brief
37
erwähnte Szene auf einen Vorfall vom Vortag bezieht und nicht wie
in der Erzählung auf eine ferne Kindheitserinnerung, sind auch hier
der Autor und der Beter eins, beide sind sie schmerzlich verstört
von dem Selbstverständlichen, dem Natürlichen, dem Vertrauten,
kurz von allem, was die anderen unwissentlich akzeptieren, von
allem, was sie mit geschlossenen Augen erleben, ohne daran denken
zu können oder auch nur zu wollen. Sie kämpfen gemeinsam oder
vielmehr sie sprechen gemeinsam über die Notwendigkeit, gegen
die entsetzliche Ähnlichkeit zu kämpfen, die zwischen dem
nicht-existenten Individuum und dem Betrug der Wirklichkeit eine
verhängnisvolle Komplizenscha� herstellt.
Eine wesentlich theatralische Person übernimmt es der Beter, in
eine sichtbare Erdumwälzung zu verwandeln, was bei Ka�a wohl-
gemerkt nur ein starkes Schwindelgefühl ist, das Gefühl einer
grundlegenden Unbeständigkeit, an der die Dinge, die ihn umge-
ben, teilzuhaben scheinen. Er tilgt das »als ob« der Affektivität, so
daß die Welt, in die er gestellt ist, ihm augenblicks als ein Gefüge
zufälliger Elemente vorkommt, die zudem so schlecht eingepaßt
sind, daß ein Nichts, ein Windhauch genügt, sie zum Einsturz zu
bringen. Für ihn ist es so, daß »bisweilen hohe Häuser einstürzen,
ohne daß man einen äußeren Grund finden könnte«, doch wenn er
die Passanten fragt: »Wie konnte das nur geschehen! In unserer
Stadt – ein neues Haus – das wievielte ist es heute schon! – Beden-
ken Sie doch […]«
26
, dann will ihm keiner antworten. Vor seinen
Augen fallen die Menschen auf der Straße tot um, und »Da öffnen
alle Geschä�sleute ihre mit Waren verhangenen Türen, kommen
gelenkig herbei […], kehren zurück, Lächeln um Mund und Augen,
und das Gerede fangt an: ›Guten Tag – der Himmel ist blaß – ich
verkaufe viele Kop�ücher – ja, der Krieg.‹«
27
So wie in dieser
schwankenden, scheinbar festen Welt der unerklärliche Einsturz der
Häuser unbemerkt bleibt, so wird auch der Tod geschickt vertuscht,
er ist ein Skandal, von dem keiner reden will. Nur den Beter beun-
ruhigt er, und wenn er um Aufschluß bittet (»›Guten Morgem, sage
ich, ›mir ist, als wäre vor kurzem ein toter Mensch zu Ihnen ge-
bracht worden. Wären Sie nicht so freundlich, mir ihn zu zei-
gen?‹«
28
), macht er sich sofort verdächtig. Die Anwesenden –
Ladenbesitzer – läßt die Katastrophe, welche die Menschen tri�,
ebenso gleichgültig wie diejenige, welche die Stadt immerfort er-
beben läßt: »Die Spitze des Rathausturmes macht kleine Kreise.
Alle Fensterscheiben lärmen und die Laternenpfähle biegen sich
38
wie Bambus. Der Mantel der heiligen Maria auf der Säule windet
sich und die Lu� reißt an ihm. Sieht es denn niemand?«
29
Nein,
niemand sieht es, in den Geschä�en redet man vom Krieg, wie man
vom schlechten Wetter redet, und niemand bemerkt, daß die Stadt
bereits über dem Abgrund schwebt.
Zwischen dieser einstürzenden, obwohl in den Augen der Allge-
meinheit unzweifelha�en Welt und den zu menschlicher Form
ausgeschnittenen Figuren, die sich ohne Ziel und Sinn in ihr bewe-
gen, kann der im Titel angekündigte Kampf natürlich nicht statt-
finden. Die Gegner ähneln einander zu sehr in ihrer Unsicherheit,
um jemals handgemein zu werden; daher zeigt die Novelle kein
wirkliches Gefecht, sie beschränkt sich darauf, zu beschreiben, was
es unmöglich macht und aufweiche Weise es immerfort vermieden
wird. Sie zeigt Gegner, die außerstande sind, einander entgegenzu-
treten, sowohl aufgrund ihrer gemeinsamen Schwäche wie der
Ungleichartigkeit ihrer jeweiligen Krä�e, die es jedem von ihnen
erlaubt, im eigenen Bereich ständig zu siegen und auf dem Feld des
Feindes ständig geschlagen zu werden.
Die Welt hat nämlich für sich, daß sie da ist, und selbst wenn
dieses Da-Sein nur die Folge einer geteilten Illusion sein sollte,
würde ihr doch eine ungeheure Überlegenheit daraus erwachsen.
Freilich ist auch das Individuum nicht so wehrlos, daß es sich von
vornherein für besiegt halten müßte, denn als Herr über die Spra-
che übt es auf die stummen Dinge eine nicht minder untrügliche
Macht aus, die sie wohl oder übel hinnehmen müssen. Die Welt, wie
sie ist, bewahrt ihre Überlegenheit nur in dem Maße, wie das spre-
chende Individuum einwilligt, sie in Ruhe zu lassen; sonst ist sie
unwiederbringlich verloren, allein die Kra� des schöpferischen
Wortes verdirbt mit einem Schlag ihre schöne Ordnung und läßt sie
in Stücke fallen. Sogar das Individuum, das allen Grund hat, an
seiner Existenz zu zweifeln – der Beter, der sich seine Materialität
durch den Blick der anderen bestätigen lassen muß –, sogar diese
flüchtige Erscheinung des Unvollendeten siegt über den Himmel
und die Erde, sobald sie zu sprechen beginnt.
Der Beter kann nicht aus dem Haustor treten, ohne »von dem
Himmel mit Mond und Sternen und großer Wölbung und von dem
Ringplatz mit Rathaus, Mariensäule und Kirche überfallen« zu
werden30, doch statt diesem vereinten Ansturm menschlicher und
kosmischer Krä�e zu erliegen, grei� er seinerseits mit der Zauber-
waffe der Poesie an, die die sichtbaren Dinge nach Belieben zerstö-
39
ren, wiederau�auen, umverteilen kann, allein dadurch, daß sie
ihnen neue Namen aufzwingt, wie sie zu erschaffen dem inspirierten
Dichter vergönnt ist. Der Mond mag sich noch so drohend gebär-
den in seiner unerreichbaren Höhe, er wird niedergeworfen von
dem Sprachvirtuosen, dessen Kunst ja darin besteht, zu benennen
und umzubenennen: »Gott sei Dank, Mond, du bist nicht mehr
Mond, aber vielleicht ist es nachlässig von mir, daß ich dich Mond-
benannten noch immer Mond nenne. Warum bist du nicht mehr so
übermütig, wenn ich dich nenne ›vergessene Papierlaterne in merk-
würdiger Farbe.‹ Und warum ziehst du dich fast zurück, wenn ich
dich ›Mariensäule‹ nenne, und ich erkenne deine drohende Haltung
nicht mehr, Mariensäule, wenn ich dich nenne ›Mond, der gelbes
Licht wir�.‹ Es scheint mir wirklich, daß es euch nicht gut tut, wenn
man über euch nachdenkt; ihr nehmt ab an Mut und Gesund-
heit.«
3
Und so findet die Literatur, ohne selbst am allgemeinen
Kampf ums Leben teilzunehmen – die verschiedenen »Ichs« der
Erzählung haben keinerlei Konflikte miteinander, sie streifen ein-
ander nur und summieren einfach ihre Herausforderungen –, in
ihrer Kunst der Benennung die sicherste Garantie ihrer Herrscha�:
Sie braucht bloß den Sinnbezug, der die Dinge mit den Wörtern
verbindet, zu verwirren oder gar zu zerstören, um sich ihrer Über-
legenheit über alles zu versichern, was, ob lebendig oder unbeseelt,
nicht zum inspirierten Wort gehört.
Obwohl mit unübersehbaren Mängeln beha�et, die sich der Hast
und Naivität der Jugend verdanken und zudem von den literari-
schen Moden der Zeit gefordert sind
32
, ist die
Beschreibung eines
Kampfes
insofern bemerkenswert, als sie, wenngleich sie den Haupt-
themen der Erzählungen und Romane vorgrei�, genau das dar-
stellt, was Ka�a loswerden muß, bevor er der Autor des
Urteil
oder
des
Prozeß
wird, der die
Dichtung
im weitesten Sinn des Wortes
zwingt, auf Exaltation zu verzichten und Erfahrungsbericht, Chro-
nik, Protokoll zu werden. Unmittelbar aus dem Romantiker hervor-
gegangen, den er in sich trägt und den er bald vor sein eigenes
Gericht laden wird, ist die Novelle die Warnung, die er im Sinn
behalten muß, sobald er sich in seiner realen Situation in der realen
Welt, mit der seine Existenz verbunden ist, bewußt wird und ent-
deckt, daß auf dem Grund seines Glaubens an die Zauberkra� der
Sprache Täuschung und kindliche Illusionen liegen. Zu der Zeit, da
sein persönlicher Kampf in eine akute Phase eintritt – infolge der
doppelten Prüfung, die damals, wie wir uns erinnern, seine Entdek-
40
kung des Judentums und die Krise seiner Verlobung bilden –, kann
er die Probleme seiner menschlichen Beziehungen nicht mehr so
schamlos lösen wie eine Figur seiner Novelle, die sich triumphie-
rend für »verlobt« ausgibt, obwohl sich keine Frau in der Nähe
befindet. Auch kann er sich nicht damit begnügen, die Welt für
zuschanden, das heißt sowohl beschämt wie des Betrugs überführt
zu erklären, einzig aufgrund eines wohlgeratenen Satzes oder einer
neuen, ebenso poetischen wie ungehörigen Taufe. Das hieße, dem
Betrug, den er entlarven will, eine weitere Täuschung hinzuzufügen
und damit seinem persönlichen Unglück wie dem gemeinsamen
Leid jede Würde zu nehmen.
Denn trotz seiner Ungewissen und zerstückelten Existenz, sogar
trotz seines Gefühls, nicht wirklich geboren zu sein, ist Ka�a keine
kunstvoll ausgeschnittene Silhouette, sondern ein Mann, der kämp-
fen muß, um Lu� zu finden, einen Winkel, wo er unterkommen,
einen konkreten Boden, auf dem er Fuß fassen kann. Und dieser
Kampf ist zu dringlich, als daß er ihn vermeiden könnte, indem er
Sätze arrangiert oder sich im Gefühl seiner Irrealität verschanzt. Es
ist ihm dies um so weniger möglich, als auch die Prager Welt nicht
die einstürzende Fassade ist, die der junge Aufrührer kra� seiner
Inspiration zerschlagen zu können meint; so hinfällig sie dem miß-
trauischen Beobachter erscheinen mag, sie ist keineswegs im Be-
griffe, in Stücke zu fallen, im Gegenteil, sie bleibt auf bemerkens-
werte Weise stehen, und gerade diese allem Anschein zum Trotz
aufrechterhaltene Stabilität trägt dazu bei, sie phantastisch zu ma-
chen.
33
Um den wahren Kampf zu beschreiben, den er nun zu führen
beabsichtigt, muß sich Ka�a zunächst die Bequemlichkeiten ver-
bieten, denen er in seinen ersten Schri�en nachgab, und in jedem
Gegner der Mischung aus Stärke und Schwäche Rechnung tragen,
aus der er, wie jedermann, notwendig besteht. Vor allem muß er
sich von jenem fordernden Helden lossagen, der schnell bereit ist,
die Wunden und Risse seiner Existenz zur Schau zu stellen, und sich
dennoch in seiner Überlegenheit sonnt, jenem Helden, der mit sei-
ner geschwätzigen Romantik und seinem schlecht verhohlenen
Hochmut der Literatur nicht weniger Unrecht zufügt als der Wirk-
lichkeit. Da der Held hier das unmittelbare Ergebnis einer be-
stimmten ideologischen Haltung ist – des Glaubens in das »Gesagt,
getan« des infantilen Narzißmus, dem der zeitgenössische Expres-
sionismus im übrigen den Reiz der Modernität verleiht –, kann
4
Ka�a sich von ihm nur trennen, indem er zunächst die mehr oder
weniger unbewußten vorgefaßten Ideen ausreißt, die sein literari-
sches Denken behindern. Und um diesen Bruch in einem unnach-
sichtig gesäuberten Werk zu vollziehen, bei dem der Romantiker,
der er im Grunde bleibt, und der unbestechliche Realist, der er
ebenso gewiß ist, zusammenarbeiten müssen, ist er gezwungen,
seine ganze Arbeitsauffassung oder, genauer, das Schreiben selbst
aufs neue zu erfinden.
Als Ka�a den Entschluß faßt, neutral zu bleiben gegenüber seinem
chronischen Hang, sich seiner Herkun� wegen zu beklagen, zu trö-
sten, zu rächen und folglich »zu retten«, grei� er zu einem extremen
Mittel – auf dem Gebiet des zeitgenössischen Romans ist es ein
bislang unbekanntes Mittel –, die seinem in hohem Maße selbst-
süchtigen Werk ein Maximum an Objektivität einpflanzt: Damit er
nicht Gefahr läu�, seine Beschreibung mit Irritationen anzustek-
ken, die seiner inneren Unsicherheit und Verstörung entspringen,
trennt er den Menschen radikal vom Schri�steller, das Geschrie-
bene vom Erlebten (dieser vorsätzlich herbeigeführte Hiatus erklärt
teilweise die Einstellung seiner ersten Exegeten, die wenig von sei-
ner Biographie wußten oder das Wenige nicht zu benutzen verstan-
den und daher seine Texte meist in ontologische Begriffe übersetz-
ten
34
). Jetzt steht das Geschriebene auch insofern über dem Leben,
als es ihm für die Zeit, die ihm zuteil ist, sein Gesetz aufzwingt, was
nicht heißt, daß Ka�a fortan von etwas anderem als von sich selbst
spricht, im Gegenteil, er ist mehr denn je sein einziges �ema, frei-
lich stets nur in dem Maße, wie er sich zuvor auf ein Demonstra-
tionsschema reduziert hat, inmitten einer abstrakten Geographie,
in der alle körperlichen und seelischen Besonderheiten, seine soziale
Situation sowie die Sachverhalte seiner Geschichte sorgsam getilgt
sind (von wenigen Ausnahmen abgesehen, die, wie wir noch sehen
werden, entlegene Details sind). Darin widerspricht er der her-
kömmlichen Meinung, die das Leben für das vorzügliche Kennzei-
chen des fiktiven Helden hält: Statt den lebendigen Menschen zu
ergreifen, um ihn entweder treu wiederzugeben oder ihm in einer
stilisierten Welt zu einem Mehr an Existenz zu verhelfen, bemäch-
tigt er sich seiner allein zu dem Zweck, ihn als Individuum auszu-
löschen und in der Allgemeinheit zu ertränken, mit einem Wort, ihn
zu töten.
35
42
Diese Trennung von Geschriebenem und Erlebtem, die tatsächlich
darauf hinausläu�, die Erfahrung zugunsten der Sätze zum Ver-
schwinden zu bringen, gründet in der Notwendigkeit, den Schri�-
steller vor den Verlockungen, den Schwächen, der unendlichen
Fehlbarkeit des Menschen zu bewahren. Als Person nämlich hat
Ka�a keinerlei Vorzug vor seinesgleichen, soweit es die Reinheit
der Absichten, die Schlüssigkeit des Verhaltens oder die Genauig-
keit der Urteile betri�. Wie bei jedermann sind seine Anschauun-
gen von Wünschen und Affekten durchsetzt, die ihn gelegentlich,
meist unbewußt, zu sonderbaren Ideen, tendenziösen Reaktionen,
unverständlichen Verstocktheiten und voreiligen Schlußfolgerun-
gen veranlassen. Wie jedermann widerfährt es ihm, daß er durch
ein Ja oder ein kategorisches Nein Stellung bezieht, ohne seine Be-
weggründe rational darlegen zu können; wie jedermann schließlich
hat er seinen Aberglauben, seine vorgefaßten Meinungen, seine
Vorurteile und über die von den Ereignissen seiner Zeit aufgewor-
fenen Probleme Ansichten, die, trotz seiner in vieler Hinsicht fast
prophetischen Hellsicht, schlicht borniert sind (wir sahen es in den
vorherigen Kapiteln, als wir seine hartnäckige Weigerung erwähn-
ten, sich behandeln zu lassen, nur weil er die offizielle Medizin
haßte; oder als wir die Wandlungen seines jüdischen Gefühls nach-
zeichneten, die ihn veranlassen, bald radikal seine Überzeugung zu
ändern, bald sich unwiderruflich an ein maßloses Urteil zu halten,
wie er es insbesondere bei seiner Geringschätzung der Westjuden
tut). Wenn nun aber sein Werk der sakralisierten Literatur, nach
der er strebt, würdig sein soll, wenn es, wie er es will, ein phanta-
stischer Hebel werden soll, der »die Welt ins Reine, Wahre, Unver-
änderliche heben kann«
36
, dann darf er nicht zulassen, daß es mit
dem infiziert wird, was er als eine endliche, aufgrund ihrer Bedin-
gung zu Unreinheit, Flüchtigkeit und Falschheit verdammte Krea-
tur ist, hat, denkt und will. Er muß zwischen diesem und jenem eine
unüberwindliche Schranke errichten, um seine irdischen Fesseln zu
sprengen und in der Zeitspanne seiner Erzählung im Niemandsland
der Schöpfung zu wohnen, wo es dem Denken vergönnt ist, sich
außerhalb jeder Botscha�, ja geradezu gegen die Ideen auszudrük-
ken.
Unter diesen Voraussetzungen darf man nicht erwarten, im Autor
des
Prozeß
den gequälten, unentschlossenen, von Angst und Wider-
sprüchen gelähmten Menschen wiederzufinden, dem wir im ersten
43
Teil dieses Essays begegnet sind; er kommt darin nicht vor, und das
Werk selbst erzählt weder, was ihm zustößt, noch was er von den
Ereignissen seines Lebens hat und hält. Verlobung, Trennung, Ju-
dentum, Konflikte, Krankheit – das alles fehlt augenscheinlich in
der Erzählung und spielt dennoch eine entscheidende Rolle darin,
freilich im Schutz einer doppelten Transponierung. Die eine fuhrt
das Erlebte auf seinen Kern zurück, läßt es in Bilder, �emen,
Situationen einfließen, allesamt eigens zu dem Zweck hervorgeho-
ben, seine Bedeutung aufzuzeigen; die andere besteht darin, aus
dem Erlebten nicht moralische, sondern technische Schlüsse zu zie-
hen und sie ausschließlich auf den formalen Apparat der Kompo-
sition anzuwenden. Ka�a kann die Nebenumstände seiner Un-
möglichkeit zu leben deshalb nicht erzählen, weil er sie nicht genau
kennt und weil diejenigen, die er kennt, sich nicht ohne Mogelei
beschreiben lassen. Dagegen kann er von dieser Unmöglichkeit zu
leben und zu benennen Zeugnis ablegen, indem er in seinen Aus-
drucksmitteln selbst sichtbar macht, welchen Einschränkungen er
sich unterwerfen muß, um seiner wahren Bedingung gerecht zu
werden. Mit anderen Worten, er setzt den Inhalt unmittelbar in
Form um, was noch dem kleinsten seiner unvollendeten Texte die
stärkste Einheit sichert, welche die Prosa sich erträumen kann.
Erinnert man sich an die Prager Lebensverhältnisse, die wir in
den vorherigen Kapiteln ausführlich erläutert haben, so versteht
man ohne weiteres, wie Ka�a zu der für einen Romanschri�steller
befremdlichen Weigerung gelangt ist (aber ist er wirklich ein Ro-
manschri�steller? Gerade wegen dieser Weigerung darf man es
bezweifeln), seine Person in sein Werk einzuflechten und sie dort
von sich erzählen zu lassen. Seit er denken kann, leidet er ja an dem
mangelnden Ernst, den die meisten Juden seiner Umgebung bei
ihren Parteinahmen und Urteilen an den Tag legen. Doch so ärger-
lich, so unerträglich der gesellscha�liche und politische Opportu-
nismus der Prager für jeden einigermaßen anspruchsvollen Geist
sein mag, er ist kein bloßer Charakterfehler, sie werden dazu ge-
bracht in Reaktion auf die Absurdität ihrer abgeschotteten Gesell-
scha�, und man kann ihn nicht anprangern, ohne die komplexen
historischen Ursachen zu beachten, die ihn gefördert haben. Für
Ka�a ist also die Unverantwortlichkeit des Urteils, welche die Ge-
samtsituation seiner Glaubensgenossen mit sich bringt, keine jener
Verschrobenheiten, über die man spotten oder sich entrüsten kann,
zumal er, wohlwissend, welch geringen Spielraum Erziehung und
44
Umwelt dem Individuum lassen, sich nicht rühmen kann, selbst
davon frei zu sein. Andererseits kann er diese Besonderheit der
Sprache seiner Umgebung nicht verschweigen, denn trotz allem ist
sie ihm unerträglich, nicht zuletzt aufgrund der dunklen Bedro-
hung, die sie für sein eigenes Denken bedeutet.
Natürlich würde etwas so Banales – Unverantwortlichkeit des
Urteils ist gewiß nicht das Privileg der Prager Juden – den meisten
Romanschri�stellern kaum Probleme stellen; viele würden sogar
ein wahres Glück für ihre Kunst darin sehen und sie kurzerhand
reproduzieren, indem sie ihre Geschichten mit haltlosen Geschöp-
fen, zynischen oder langweiligen Schwätzern bevölkern, die geeig-
net sind, die Vorzüge des intelligenten Autors herauszustreichen
und insbesondere ihn für alles zu rächen, was ihre lebendigen Vor-
bilder ihm angetan haben. Einige haben das übrigens erfolgreich
getan, in Situationen, die in mancher Hinsicht an die von Ka�a
gegenüber dem »Mütterchen« Prag erinnerten (zum Beispiel Musil
in bezug auf Wien, oder Gogol in bezug auf Rußland). Doch diesen
Weg, den der Romanschri�steller sozusagen fix und fertig vorfindet,
muß Ka�a sich versagen (was nicht heißt, daß er ihn bei anderen
verurteilt), weil der in seinem persönlichen Kampf hartnäckigste
Feind auch in ihm selbst nistet, in einer Tiefe, aus der ihn nur
erbarmungsloses Licht zu vertreiben vermag.
In Anbetracht der ganz allgemeinen Aufgabe, die er seiner Lite-
ratur zuweist – ihm zu enthüllen, was er jenseits aller Äußerlich-
keiten ist,
und
die Welt ihres falschen Scheins zu entkleiden –, steht
es Ka�a nicht frei, den Prager Fluch zum �ema zu nehmen, er
kann von ihm nicht sprechen, weder um ihn anzuprangern noch um
ihn lächerlich zu machen, nicht einmal um die Erinnerung an ihn
festzuhalten. Er zieht lediglich eine Lehre aus ihm und hört nicht
mehr auf, ihn sich zunutze zu machen: Statt eine imaginäre Gesell-
scha� von inkonsequenten Menschen zu schildern, die aufs Gera-
tewohl urteilen,
enthält er sich jeden Urteils
. Aus diesem Grunde löscht
er aus seinen Geschichten zunächst den mit Ideen vollgestop�en
Erzähler aus, der das Verhalten der Personen interpretiert und die
Ereignisse kommentiert; sodann tilgt er aus den Reden seiner Hel-
den jede Behauptung, jede allgemeine Idee, jede Spekulation, die
sich nicht aus den konkreten Gegebenheiten der Handlung ergibt
(zwar grübelt K. unentwegt über das Wesen des Schlosses, aber
weder er noch sonst jemand erwähnt je ein äußeres Ereignis, kei-
nem kommt auch nur die geringste Idee über die Lippen, die auf die
45
Weltgeschichte oder das Schicksal der Menschheit Bezug
nähme).
An das Prinzip der Nichteinmischung gebunden, gestattet es sich
Ka�a auch nicht, den Charakter seines Helden mit irgend etwas
einzufärben, das unmittelbar an seine eigenen Neigungen, Phobien
oder merkwürdigen Verhaltensweisen gemahnte, zu denen seine
Sehnsucht nach dem verlorenen Gesetz ihn verleitet. Keiner ist
Vegetarier, keiner handelt nach seinen Überzeugungen oder Vorur-
teilen, was beispielsweise die Medizin, die Hygiene, die Erziehung,
die Wohltaten des Landlebens und die Gefahren der Stadt angeht;
und obwohl manche von ihnen mit dem Problem ihrer Berufung zu
tun haben, kennt keiner das Glück und die Qual des Schreibens,
und Leidenscha� für die Literatur, durch die der Autor sich am
ehesten verraten würde, ist sicherlich das Allerletzte, was ihnen
nachgesagt werden kann.
Die seltenen Verstöße, die Ka�a sich in dieser Hinsicht erlaubt,
bestätigen nur seinen unbedingten Gehorsam gegenüber der Regel;
sie bestehen in episodischen Anmerkungen und Details, die auf den
ersten Blick ganz belanglos erscheinen, sich aber derart logisch in
das Raster der Erzählung einfügen, daß man mit dem Leben des
Schri�stellers schon vertraut sein muß, um darin irgendeine An-
spielung zu erkennen. Hier hat ausnahmsweise der unfehlbare
Mechanismus doch ein wenig Spiel, Ka�a gestattet es sich, in einen
abgelegenen Winkel seiner Geschichte zu schlüpfen, wo der unkun-
dige Leser um so weniger Grund hat, ihn zu suchen, als dort wohl
nichts Wichtiges geschieht. So hängt er an die Wand von Gregor
Samsas Zimmer ein Bild, das eine in Pelz gehüllte Dame darstellt,
was offensichtlich auf die besondere Beziehung hinweist, die er
selbst zu dieser Art Schmuck hat
37
; er läßt den Landvermesser
Klamms Kognak stehlen und trinken, ein Getränk, das ihm zu-
nächst wie göttlicher Likör vorkommt und sich dann als ein ordi-
näres »kutschermäßiges Getränk« herausstellt, womit er an seine
eigene Abstinenz erinnert, samt dem Ekel und der schändlichen
Begehrlichkeit, die dabei mitspielen; er legt Josef K. als von Frau
Grubach und dem außergewöhnlichen Geschick von »Frauenhän-
den« die Rede ist, eine Bemerkung in den Mund, die durchaus in
seinen
Tagebüchern
stehen könnte, neben der Stelle, wo er von der
Energie und dem Mut seiner Mutter schwärmt, weil sie, wenn sie
am Abend müde heimkommt, noch so stark ist, daß sie »den schon
späten Tag noch einmal anfangen läßt«; er läßt Josef K. beschlie-
46
ßen, sein Italienisch zu verbessern, ein Entschluß, den er selbst seit
seinen Reisen mit Max Brod nach Italien immer wieder faßt und,
wie er sagt, nie sehr weit vorantreibt (das Detail ist nicht unwichtig,
da K. der einem italienischen Geschä�sfreund den Dom zeigen
will, seine Anwesenheit in der heiligen Stätte dazu nutzt, seinen
Wortschatz aufzufrischen, was ihn wehrlos dem Anruf des Geist-
lichen aussetzt). Das sind die wenigen empirischen Elemente, die
Ka�a gleichsam heimlich einfügt, abgesehen natürlich von denen,
die in seine beständigste, zudem kompromittierendste �ematik
einfließen und viel zu kunstvoll entstellt sind, als daß man sie noch
identifizieren könnte. Doch ob er sich nun phantastischen Verwand-
lungen unterzieht, um sicher zu sein, nicht in die Angelegenheiten
seines Helden einzugreifen, oder ob er sich allenfalls gestattet, in
seiner Geschichte ein ebenso flüchtiges wie ironisches Gastspiel zu
geben, feststeht, daß nichts, was ihn betri�, jemals bewertet wird,
niemals versieht er es mit einem positiven oder negativen Zeichen,
das den Leser veranlassen würde, seine Ansichten zu teilen und
seine persönliche Hierarchie zu akzeptieren. Was immer er über
sich selbst sagt, wenn er sich in irgendeinem Winkel seiner fiktiven
Welt versteckt, man kann nicht wissen, wie er darüber denkt, ob er
es für erfreulich oder ärgerlich, hausbacken oder verschroben, ver-
nün�ig oder verrückt hält, so daß man auch nicht wissen kann, wie
er verstanden und beurteilt werden möchte (dieser Weigerung zu
orientieren
entspringt ganz offenbar die Deutungssucht, der seine
Kritiker und in ihrem Gefolge sein Publikum o� verfallen). Es ist
unmöglich zu wissen, weil der Erzähler, der wirklich ein anderer ist
als er, nicht den kleinsten Vorsprung, nicht den geringsten Vorteil
vor dem nicht informierten Leser hat: Er schreibt nicht, um eine
festgelegte Weltanschauung zu vermitteln, sondern um von seinen
Helden – die ebenso unwissend sind wie er und dennoch Aufschluß
geben durch die Art und Weise, wie sie auf die experimentelle Si-
tuation reagieren, die sie auf die Probe stellen soll – zu lernen, wo
sich in der Welt das Oben und das Unten befindet, das Wahre und
das Falsche, das Gerechte und das Ungerechte, Gesundheit und
Krankheit.
38
Der Erzähler sieht nur das, was sich nach Maßgabe der Ereig-
nisse vor seinen Augen abspielt, und er beurteilt es nach seinen
eigenen Kriterien,
ohne zu berücksichtigen, was Ka�a möglicherweise an-
derswo zu demselben �ema gesagt hat
. So weiß er zum Beispiel nichts
von den Ideen, die wir in den
Tagebüchern
über das Landleben und
47
die Bauern finden, zur Zeit, als sich Ka�a bei seiner Schwester in
Zürau au�ält: »Allgemeiner Eindruck der Bauern: Edelmänner,
die sich in die Landwirtscha� gerettet haben, wo sie ihre Arbeit so
weise und demütig eingerichtet haben, daß sie sich lückenlos ins
Ganze einfügt und sie vor jeder Schwankung und Seekrankheit be-
wahrt werden, bis zu ihrem seligen Sterben. Wirkliche Erdenbür-
ger.«
39
Der Erzähler, der von K.s Abenteuern berichtet, erwähnt
diesen »allgemeinen Eindruck« nicht nur nicht, sondern stellt sich,
ohne ihn zu kennen, sogar gegen den Idealismus, von dem er ge-
prägt ist: Für ihn sind die »Edelmänner, die sich in die Landwirt-
schaft gerettet haben«, Rohlinge, die K. blöde anschauen »mit
ihren wulstigen Lippen« und ihren »förmlich gequälten Gesichtern
– der Schädel sah aus, als sei er oben platt geschlagen worden, und
die Gesichtszüge hatten sich im Schmerz des Geschlagenwerdens
gebildet«
40
; natürlich erwähnt er im Laufe der Geschichte immer
wieder ihre Borniertheit, die Unterwürfigkeit, mit der sie das Joch
des Schlosses tragen, ihren würdelosen Gehorsam gegenüber den
Launen und der Willkür der Herren, schließlich die Brutalität und
den Mangel an Gastfreundscha�, mit denen sie K. begegnen, aus
dem einzigen Grunde, weil dieser ein Fremder ist. Im übrigen fällt
er darüber kein Urteil, er beschränkt sich darauf, die Dinge so zu
schildern, wie sie in den Peripetien des Romans ineinandergreifen,
was ihm erlaubt, durch
Beobachtung
die idyllische
Vorstellung
zu wi-
derlegen, die Ka�a sich privat aufgrund seiner Vorurteile gegen
Prag und die großen Städte macht.
Zu diesem Prinzip der Nichteinmischung, in das Ka�a sozusa-
gen stillschweigend seine Reaktion auf ein typisch pragerisches
Phänomen einfließen läßt, zunächst um es kundzutun, sodann um
sich von ihm zu distanzieren, ist er wohlgemerkt vor allem durch
den sprachlichen Zwiespalt gezwungen – eine zwar ebenfalls ty-
pisch jüdische und pragerische Situation, die jedoch um so
schmerzha�er ist, als sie seine Arbeit schwer belastet und er sie
lange ignorieren zu können glaubte. Zu der Zeit, da er seinen Hel-
den losschickt, die Welt zu erstürmen, ohne ihm andere Waffen zu
geben als eine allmächtige poetische Sichel, ist es das
Sprechen
im
allgemeinen und nicht nur die
Sprache
, was ihm fragwürdig er-
scheint; er schreibt das Deutsche, wie er es spricht, weil man es ihm
beigebracht und er keine andere Möglichkeit hat, sich auszudrük-
ken, ohne sich darum zu kümmern, ob er im Recht ist, es zu
benutzen, oder, nicht. Das Unbehagen, die Zweifel, jene Art von
48
Lähmung, die er auf den allerersten Seiten seiner
Tagebücher
bitter
beklagt, scheinen ihm eher einer unglücklichen Veranlagung zu ent-
springen als dem Instrument, mit dem er arbeiten muß. Abgesehen
von einigen Erzählungsfragmenten, in denen man noch den unmit-
telbaren Einfluß, der
Beschreibung eines Kampfes
erkennt, erschöpfen
sich seine Aufzeichnungen aus dem Jahre 90 in Klagen über das,
was er damals für eine entsetzliche Unfähigkeit ansieht: »Kein Wort
fast, das ich schreibe, paßt zum anderen, ich höre, wie sich die
Konsonanten blechern aneinanderreihen, und die Vokale singen
dazu wie Ausstellungsneger. Meine Zweifel stehn um jedes Wort im
Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort, aber was denn! ich
sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich. […] Wenn ich mich
zum Schreibtisch setze, ist mir nicht wohler als einem, der mitten
im Verkehr der Place de l’Opéra fällt und beide Beine bricht.«
4
Und um die Ursachen dieses Unvermögens herauszufinden, be-
ginnt er im übrigen sein Tagebuch, hier soll jeden Tag »zumindest
eine Zeile gegen mich gerichtet werden, wie man Fernrohre jetzt
gegen den Kometen richtet«
42
; er will jeden Satz zu einem Tribunal
machen – jetzt schon –, vor das er zitiert werden wird, und jeder
Satz urteilt in der Tat über ihn, was ihn veranlaßt, die Aufzeich-
nungen dieses Jahres mit einem Eingeständnis der Niederlage zu
beschließen: »Meine Kra� reicht zu keinem Satz mehr aus. Ja,
wenn es sich um Worte handeln würde, wenn es genügte, ein Wort
hinzusetzen und man sich wegwenden könnte im ruhigen Bewußt-
sein, dieses Wort ganz mit sich erfüllt zu haben.«
43
Doch inmitten
dieser unvorhersehbaren Höhen und Tiefen – denn es gibt durch-
aus auch Höhen, das Leiden setzt manchmal aus – kommt es Ka�a
nicht in den Sinn, seinen Besitz der deutschen Sprache in Zweifel zu
ziehen, sie ist sogar eine Zeitlang der einzige Besitz, den zu recht-
fertigen er kein Bedürfnis verspürt.
Das Problem der Sprache beginnt ihn erst 9 zu beschä�igen,
ganz offensichtlich – wir sagten es schon – im Zusammenhang mit
seiner kürzlichen Entdeckung des Jiddischen, einer bloßen Rede-
weise, eines Jargons, der den Namen Sprache nicht verdient, dessen
Spontaneität und Emotionskra� ihn jedoch plötzlich spüren lassen,
wie kalt, trocken und künstlich sein Deutsch, das eines gebildeten
Juden, ist. Als er notierte: »Ich bin ja wie aus Stein, wie mein
eigenes Grabdenkmal […]«
44
, schien ihm diese tödliche Kälte aus
ihm selbst zu kommen; jetzt aber schreibt er sie dem zu, was das
Wort
Mutter
, auf seine jüdische Mutter angewandt, die es ihm doch
49
beigebracht hat, an wahren Gefühlen und affektiven Impulsen in
ihm erstickt hat.
An dem Tag, da Ka�a begrei�, daß er nur des-
halb seine Mutter nicht immer so geliebt hat, wie er es könnte und
wie sie es verdiente, weil ihn die deutsche Sprache daran gehindert
hat, verliert er endgültig das ruhige Bewußtsein von der Stichhal-
tigkeit des Hauptwerkzeugs seiner schri�stellerischen Tätigkeit:
Das Deutsche ist nicht mehr die Heimat, in der er sich ohne wei-
teres zu Hause fühlte, sondern ein Aufnahmeland, in dem er nur
noch ein geduldeter Gast sein will – und sowohl in der Form wie im
Inhalt, freilich läßt sich auch hier das eine nicht vom anderen tren-
nen, wird davon die Richtung seines Werks radikal verändert.
Der bedeutungsvolle und anspielungsreiche Abstand, den Ka�a
jetzt gegenüber seiner Sprache einnimmt, ist nicht eigentlich durch
die Furcht motiviert, gegen die Regeln des Lexikons und der Gram-
matik zu verstoßen; er hat vielfache Ursachen – historische, ethni-
sche, psychologische –, die tiefer reichen als die Unsicherheit in der
Wortwahl und der Syntax, selbst in den Augen des unbestechlichen
Puristen. Für einen Juden heißt deutsch schreiben, ob gut oder
schlecht, »Anmaßung eines fremden Besitzes, den man nicht erwor-
ben, sondern durch einen (verhältnismäßig) flüchtigen Griff ge-
stohlen hat und der fremder Besitz bleibt, auch wenn nicht der
einzigste Sprachfehler nachgewiesen werden könnte, denn hier
kann ja alles nachgewiesen werden durch den leisesten Anruf des
Gewissens in einer reuigen Stunde«.
46
Natürlich macht eine fehler-
ha�e Sprache die Sache nicht besser, sie verstärkt vielmehr die an
sich schon unvermeidlichen Gewissensbisse; in dieser Hinsicht ist
Ka�a nicht ganz unschuldig, und obwohl seine Sprache nahezu frei
ist von den Dialektwendungen und Unreinheiten, die das Prager
Deutsch unter dem Einfluß des Tschechischen und Jiddischen leicht
aufnimmt, ist er häufig unsicher in einem Wort oder einem Satzbau
(einer dieser Fehler ist Anlaß zu einem Streit zwischen ihm und
Felice, in dem sie entschieden recht hat); er zweifelt sogar aus Prin-
zip, denn er liegt unentwegt auf der Lauer und ist ständig bereit,
das »Deutsch, das wir von unsern undeutschen Müttern noch im
Ohre haben«
47
, für verdächtig zu halten. Wie dem auch sei, das
Wesentliche ist hier keine Angelegenheit der Grammatik, »der lei-
seste Anruf des Gewissens« kann sogar nicht vorhandene Fehler
ankreiden, weil zwischen dem deutschen Juden und seiner Sprache
keine wirkliche Vertrautheit besteht, sondern einzig die fragwürdige
Beziehung, die den Dieb mit dem Diebesgut verbindet.
50
Diebe sind sie also, sollten sie im übrigen noch so ehrlich und
begabt sein, die deutsch-jüdischen Schri�steller, zu denen Ka�a
sich zwangsläufig zählt, aber sie profitieren nicht von dem Raub, zu
dem ihr Verleugnungswunsch sie angestachelt hat. Da sie nur zu
dem Zweck deutsch zu schreiben anfingen, um mit ihrer Herkun�
zu brechen, blieb ihre Befreiung auf halbem Wege stecken, denn
»mit den Hinterbeinchen klebten sie noch am Judentum des Vaters
und mit den Vorderbeinchen fanden sie keinen neuen Boden«. So
führten alle Bemühungen, ihrem »Hunde«dasein zu entrinnen, nur
dazu, sie dahin zurückzuwerfen; sie sind zerrissene, zur Ohnmacht
und Verzweiflung verdammte Geschöpfe, und ihre einzige Inspira-
tion ist das Unglück, in das sie sich selbst gestürzt haben.
»Eine Inspiration, ehrenwert wie irgendeine andere«, fährt
Ka�a in seiner Anklagerede fort, »aber bei näherem Zusehn doch
mit einigen traurigen Besonderheiten. Zunächst konnte das, worin
sich ihre Verzweiflung entlud, nicht deutsche Literatur sein, die es
äußerlich zu sein schien. Sie lebten zwischen drei Unmöglichkeiten,
(die ich nur zufällig sprachliche Unmöglichkeiten nenne, es ist das
Einfachste, sie so zu nennen, sie könnten aber auch ganz anders
genannt werden): der Unmöglichkeit, nicht zu schreiben, der Un-
möglichkeit, deutsch zu schreiben, der Unmöglichkeit, anders zu
schreiben, fast könnte man eine vierte Unmöglichkeit hinzufügen,
die Unmöglichkeit zu schreiben (denn die Verzweiflung war ja nicht
etwas durch Schreiben zu Beruhigendes, war ein Feind des Lebens
und
des Schreibens, das Schreiben war hier nur ein Provisorium, wie
für einen, der sein Testament schreibt, knapp bevor er sich erhängt –,
ein Provisorium, das ja recht gut ein Leben lang dauern kann), also
war es eine von allen Seiten unmögliche Literatur, eine Zigeunerli-
teratur, die das deutsche Kind aus der Wiege gestohlen und in
großer Eile irgendwie zugerichtet hatte, weil doch irgendjemand
auf dem Seil tanzen muß. (Aber es war ja nicht einmal das deutsche
Kind, es war nichts, man sagte bloß, es tanze jemand).«
48
Nach
dem bei ihm ungewöhnlich harten Tonfall zu schließen, ist die Ver-
zweiflung, von der Ka�a hier ein ganz und gar düsteres Bild malt,
viel mehr seine .eigene als die der jüdischen Schri�steller seiner
Generation, die sich, da sie von der Katastrophe, die über sie her-
einbrechen sollte, nichts wußten – wer hätte sie mitsamt ihrem
Grauen im Jahre 92 vorhersehen oder auch nur ahnen können? –,
alles in allem recht gut damit abfanden, eine »von allen Seiten
unmögliche Literatur« zu machen, zumal sie viele von ihnen be-
5
rühmt werden ließ. Über seine jüdischen Glaubensgenossen, die
sich ihres Unglücks nicht bewußt sind, verwickelt sich Ka�a selbst
in diese dunkle Familiengeschichte, deren Hintergründe er nur
allzu genau kennt. Und selbst wenn sein offenbar unwiderrufliches
Urteil in den Augen der Geschichte ungerecht erscheint – im Ab-
soluten, in dem der Prozeß stattfindet, ist es das nicht –, so darf er es
doch mit Gründen aufrechterhalten, zum einen, weil er der erste ist,
den es in ganzer Härte tri�, zum anderen, weil die deutsch-jüdi-
sche Literatur, als Ausfluß des »als ob«, das er verabscheut, in
seinen Augen geradezu die Verkörperung der falschen Sicherheit
und Lüge ist, gegen die sein Werk aufgerichtet werden muß.
Diese kategorische Verurteilung eines so vielseitigen und so be-
deutsamen Phänomens mag für uns eine durchaus prekäre Seite
haben, vor allem wenn man bedenkt, welcher Ideologie sie Nah-
rung gab und bei welchen intellektuellen und politischen Gruppie-
rungen sie hätte Beifall finden können. Dazu ist jedoch zu sagen,
daß Ka�a sie nie veröffentlicht hat (übrigens hat er nie irgend
etwas Polemisches veröffentlicht); was er über ein für ihn absolut
entscheidendes �ema denkt, sagt er privat zu einem seiner engsten
Freunde, der seine Beweggründe nicht falsch verstehen kann. Doch
wie seine Haltung auch bewertet werden mag, Tatsache bleibt, daß
sie mit dem, was er ist, was er tut, mit jedem Wort und Bild, das er
zu Papier bringt, unverkennbar verbunden ist. Für den Schri�stel-
ler, der sich des elementaren Guts beraubt weiß, das jedem Men-
schen zuteil wird, ist sie der Widerschein der Not, aus der er keine
Tugend machen will; gerade das soll sein Werk wiedergeben oder,
genauer, mit äußerster Ehrlichkeit
sein
Das einzige Mittel, das Ka�a ins Auge fassen kann, um seine von
allen Seiten unmögliche Literatur möglich zu machen, ist, die Stelle
der Behinderung klar zu bezeichnen, indem er sich eine Sprache
ohne besondere Klangfarben, ohne Lokalkolorit, gewissermaßen
ohne Eigenscha�en erfindet. In der Anklagerede gegen seine jüdi-
schen Brüder räumt er durchaus ein, daß das
Mauscheln
, dessen
unangefochtener Meister Karl Kraus ist – nach seiner eigenen De-
finition »eine organische Verbindung von Papierdeutsch und Ge-
bärdensprache«
49
–, insofern eine gewisse Berechtigung hat, als »im
Deutschen nur die Dialekte und außer ihnen nur das allerpersön-
lichste Hochdeutsch wirklich lebt, während das übrige, der sprach-
liche Mittelstand, nichts als Asche ist, die zu einem Scheinleben nur
dadurch gebracht werden kann, daß überlebendige Judenhände sie
52
durchwühlen«.
50
Von diesen drei Schichten, aus denen das zeitge-
nössische Deutsch tatsächlich besteht, wäre ihm allein die dritte
erreichbar, da die Dialekte und das persönlichste Hochdeutsch ja
gerade das sind, was er sich am wenigsten aneignen kann; diese
dritte ist nun freilich tot – sie ist es in der Tat, hier sieht Ka�a mit
seinem furchtbar geschär�en Sprachgefühl sehr viel klarer als die
Schri�steller seiner Zeit –, und er weigert sich, ihre Asche aufzu-
wühlen, um sie wiederzuerwecken. Da er sowohl auf das auto-
chthone Deutsch wie auf das der literarischen Aristokratie verzich-
ten muß und zugleich außerstande ist, sich mit jenem »sprachlichen
Mittelstand« zu begnügen, dessen Agonie die jüdischen Schri�stel-
ler ausbeuten, kann er sein Werkzeug nur im Diesseits der geschrie-
benen und gesprochenen Sprache suchen, in einer Zone am Rande
von Raum und Zeit, wo das Deutsche, als reines System, seinen
Wurzeln und seiner Wahrheit noch nahe ist. Um eine Schreibweise
zu gewinnen, die seinem Vorhaben entspricht und gleichzeitig die
Enteignung korrekt konnotiert, als deren Urheber
und
Opfer er sich
fühlt, umgeht Ka�a das Gesprochene und knüp� unmittelbar an
die Sprache an. Er arbeitet am Nullpunkt der Synchronie, auf einer
Ebene, auf der die Sprache, unbehelligt von allem, was das Gespro-
chene seinen Idiomen sowie der großen historischen Literatur
verdankt, nichts anderes zu bieten hat als ihre Unmittelbarkeit und
den Reichtum ihrer Kombinationen.
Infolge des Abstands, den er zu der entliehenen Sprache wahren
will, verzichtet Ka�a darauf, sie mit Neologismen, Archaismen,
spitzfindigen Redewendungen und syntaktischen Umwälzungen
anzureichern, womit der moderne Schriftsteller, besonders der
deutsche, sich ganz natürlich das Recht auf Innovation gibt. Er
verschanzt sich in einem sprachlichen Bereich, in dem die Voka-
beln, bar jeden Hinweises auf ihr Alter, ihren gesellscha�lichen und
literarischen Gebrauch oder ihre Heimat, unbeschwert mit ihrer
Zweideutigkeit spielen. Daher der sowohl kristallklare als auch un-
ergründliche Charakter seiner Prosa: Von der Schlacke befreit, in
die ein jahrhundertealter Gebrauch sie eingeschlossen hat, enthül-
len die bis auf den Kern entblößten Wörter den verworrenen und
doppelten Sinn, der ihre ursprüngliche Bedeutung durchzieht.
So funktionieren tatsächlich die Schlüsselwörter – Prozeß,
Schloß, Herren, Hund, Bau usw. –, die Ka�as Erzählung die Dy-
namik verleihen, die ihre Bewegung in Schwung zu bringen und zu
erhalten vermag. Stets im absoluten grammatischen Sinn verwen-
53
det, das heißt: ohne nähere Bestimmung oder Attribut, drängen
diese meist doppeldeutigen Wörter die Handlung in zwei Richtun-
gen gleichzeitig, eine sichtbare und eine mehr oder weniger ver-
steckte, zwischen denen sie unau�örlich spielen müssen (auf dieser
Ebene ist das
Wortspiel
tatsächlich die Triebfeder der Geschichte,
und zwar eine um so mächtigere, als man sie nie arbeiten sieht).
Der
Prozeß
-Roman hat seine Quelle in dem Wort »Prozeß«, das im
Deutschen sowohl ein gerichtliches Verfahren wie einen Krank-
heitsverlauf beschreibt, zwei Bedeutungen, die normalerweise nicht
zu Verwirrung Anlaß geben, sich hier jedoch mit einer solch stren-
gen Logik gemeinsam entwickeln, daß es niemandem in den Sinn
kommt, sie zu trennen. Josef K.s Sache untersteht also sowohl der
Justiz wie der Pathologie (»Sie haben einen Prozeß, nicht wahr?«,
fragt jemand K. und klop� dabei »mit dem Fingerknöchel leicht an
seine Brust«, das heißt, er macht die typische Geste des einen Pa-
tienten abhorchenden Arztes); und da überdies keine der beiden
Bedeutungen eine bestimmte Sache betri�, kann man nicht wissen,
ob K. schuldig oder krank ist – im ersten Fall, welches Verbrechens
oder Delikts, im zweiten, welche körperliche oder seelische Krank-
heit er hat. Schuldig, weil er an irgendeinem Punkt seines Körpers
oder seines Geistes leidet, oder krank als Buße für irgendein un-
sühnbares Vergehen – schuldig vor Krankheit oder krank vor
Schuld, das ist in den Abenteuern von Josef K. die schwere Frage,
die sich dem Wort »Prozeß« selbst stellt, einem doppeldeutigen und
dennoch absoluten Wort, in dem der alte Glaube an eine imma-
nente, jeder Prüfung und jeder Wissenscha� entzogene Gerechtig-
keit eines unserer furchtbarsten Vorurteile zum Gesetz macht.
Die grundlegende Zweideutigkeit von Kafkas Erzählung ent-
springt der Verdichtungsfähigkeit, welche die Urworte besitzen,
sowie der Doppelzüngigkeit, die sich hinter ihrer äußeren Gestalt
einfacher Ideen verbirgt.
5
Was zum Beispiel ist unschuldiger als
das Wort »Schloß«? Und in Wahrheit tendenziöser, wenn man an
das ausgedehnte Netz von Bildern denkt – Reichtum, Alter, Macht,
Adel, Privilegien –, das sich seit den frühesten Zeiten um es herum-
spinnt? Diesem blendenden Gebäude, in dem sich Luxus und
Schönheit mit der Erinnerung an absolute Macht und zerfallene
Bräuche paaren, fügt das deutsche »Schloß« noch ein wichtiges
Merkmal hinzu, das im französischen »château« nicht mehr zu er-
kennen ist; es evoziert nicht nur das Bauwerk, sondern auch seine
Lage in einem abgeschlossenen Raum (woraus sich mehrere Verben
54
herleiten, die die Idee des Verschließens ausdrücken), so daß sämt-
liche moralischen, gesellscha�lichen, geistigen und ästhetischen
Eigenscha�en, die in dem Bild anklingen, sogleich als von innen her
verteidigte, buchstäblich eingemauerte Güter erscheinen.
52
Ange-
sichts dieser vielfältigen Bedeutungen, die von der Macht überhol-
ter Dinge in unseren Träumen und Hoffnungen zeugen, braucht
Ka�a dem Wort keinerlei Gewalt anzutun, um einen ganzen Ro-
man aus ihm zu machen; der Roman ist potentiell im Wort enthal-
ten, und das Wort bestimmt den Verlauf seiner Peripetien bis hinein
in ihre scheinbare Absurdität, Unwahrscheinlichkeit oder Unstim-
migkeit. Er stellt fest, daß der »Schloß« genannte Wohnsitz für alle
– und natürlich insbesondere für ihn – in ein System impliziter
Werte eingebunden bleibt, denen in der heutigen Welt nichts mehr
entspricht und die um so tyrannischer sind, als ihre Unzeitgemäß-
heit sie der Notwendigkeit enthebt, sich zu beweisen. Daher die
Aufgabe, mit der er seinen Landvermesser betraut – dessen Beruf
gewiß gut gewählt ist, obwohl er ihn ja gerade nicht ausüben kann –
und die ganz einfach darin besteht, zu lernen, was das »Schloß«
sagen will, wenn die kindlichen Träume, die Bucherinnerungen und
die an das Wort geknüp�en Verlockungen plötzlich ins Leben pro-
jiziert werden (er lernt auch zu seinem Schaden, was »Herren«
bedeutet, denn die
Herren
, mit denen er es zu tun hat, sind nicht nur,
was wir heute darunter verstehen, wichtige Leute, hohe Persönlich-
keiten, Potentate der Verwaltung; es sind auch im archaischen Sinn
des Wortes »Herren« für die Dor�ewohner und für die Frauen do-
minierende Männer, die sie sexuell versklaven). Bei dieser Prüfung,
die ihn dazu führt, es über das Schloß und seine Bürokratie mit
allen gesellscha�lichen, intellektuellen und affektiven Institutionen
aufzunehmen, die unsere Kultur errichtet hat, ist nicht zu erken-
nen, wie K. je die Oberhand gewinnen können sollte, so groß sein
Mut und seine Hartnäckigkeit immer sein mögen. Doch solange
seine unglückliche Irrfahrt dauert, hört er nicht auf, den sprachli-
chen Apparat auseinanderzunehmen, der dem Schloß die Möglich-
keit gibt, seine Herrscha� zu stützen und zu verewigen; er zwingt
die Wörter und die Dinge, ihre Komplizenscha� bei der Knechtung
des Denkens zu bekennen, und darin könnte er sich, trotz aller
vorübergehenden Verblendung und der schrecklichen Müdigkeit,
die ihn am Ende überwältigt, mit Recht rühmen – er tut es bei-
nahe –, den Hauptteil seiner Aufgabe erfüllt zu haben.
55
Auch wenn die Zurückhaltung, die Ka�a in seinen Beziehungen
zur eigenen Sprache übt, ihm durch einen schweren Gewissenkon-
flikt aufgezwungen wurde, so entspringt sie doch nicht allein der
Weigerung, sich einen fremden Besitz anzueignen; sie ist ebensosehr
die Antwort eines besonders wachen Bewußtseins, das fest ent-
schlossen ist, sich nicht mehr zu besän�igen, auf den Betrug der
Welt und der Sprache, die sich insgeheim verbündet haben. Der
Zurückhaltung dieses Komplotts nachgezeichnet, dessen Raster nie
sichtbar wird, verdeckt sie in Wirklichkeit einen he�igen Angriff auf
die Grenzen dessen, was ist, den Krieg eines Einzelnen, unerbitt-
lich, obwohl ohne Getöse, gegen alle, die sich der Wörter bedienen,
um zu herrschen. Denn zwar stimmt es, daß Ka�a sich selbst das
Recht abspricht, sich des Deutschen zu bemächtigen und dessen
Reichtum voll zu nutzen. Aber wie ist er dazu gekommen, sein Werk
auf einer solch radikalen Beschränkung aufzubauen, auf die Gefahr
hin, es zu lahmen und der Austrocknung preiszugeben? Wie kann er
sich wirklich eines so schweren sprachlichen Vergehens für schuldig
halten – das deutsche Kind aus der Wiege zu stehlen – auf einem
Gebiet, das immerhin das seine ist und auf dem der Delinquent
überdies, sofern er überhaupt gefaßt wird, nie eine Strafe verwirken
kann? Welche neurotischen Impulse Ka�a auch immer nötigen,
sich zu verstümmeln – sicherlich zum großen Glück seines Werkes,
aber auch zum Preis welcher Qualen und welch furchtbaren Ge-
fühls des Mißlingens, wenn alles gesagt ist –, sie könnten keine
solche Macht über ihn haben, würden sie nicht fortwährend von
außen bestätigt und damit ein unleugbares Realitätsgewicht erhal-
ten.
Selbstverständlich verbietet ihm kein mündliches oder geschrie-
benes Gesetz, seine Adoptivsprache zu sprechen; man läßt ihn
jedoch spüren, daß sein Anspruch, sie mit der Natürlichkeit und
Freiheit zu sprechen, die der angestammte Deutsche von Geburt an
besitzt, anstößig, aufreizend, unangebracht ist; daß es eben bloß ein
Anspruch ist, das heißt der schlagende Beweis für den Unterschied,
den zu verwischen er sich bemüht. Das Deutsche klingt im Mund
all derer richtig, die im großen und ganzen die gleiche Geschichte
und die gleichen Interessen haben und daher keine besondere An-
ordnung ihrer Worte und ihres Schweigens brauchen, um miteinan-
der zu kommunizieren. In seinem Munde mag es vollkommen sein,
es ist dennoch falsch, weil, was immer er tut, seine wahren Inter-
essen anderswo liegen und es seiner Kunst, die er darauf verwendet,
56
das Gegenteil zu heucheln, lediglich gelingt, ihn erst recht verdäch-
tig zu machen. Die anderen billigen ihm nicht nur kein wahres Wort
in den Angelegenheiten des gesellscha�lichen und nationalen Le-
bens zu, er hat auch keinen Zugang zu den Tiefenschichten der
Sprache, wo, wie er selber gesteht, die ersten Wörter, die das Kind
stammelt, sogar die Wörter »Vater« und »Mutter« für sein jüdisches
Empfinden bloß lächerliche Annäherungen sind. Es ist also für alle
besser, wenn er sich stillschweigend an die Regel hält und vom
Deutschen nur das aufnimmt, was ihm einzig im Bereich des öffent-
lichen Gebrauchs gnädig gewährt wird (der Landvermesser, der
dieselbe Sprache spricht wie die Dor�ewohner und diese gleich-
wohl ebensowenig versteht, wie er sich ihnen verständlich macht,
bringt die Forderung, die seine unermüdlichen Schritte motiviert,
gut zum Ausdruck: Er will vom Schloß kein Gnadengeschenk, son-
dern sein Recht, das heißt das Allerletzte, was die »Behörde« ihm
gewähren will und kann
53
).
Ka�a kann sich um so weniger gegen die Regel auflehnen – er
empört sich allein gegen das heuchlerische Schweigen, das ihn um-
gibt, gegen das »Unklare« – , als er genau weiß, worin sein Deutsch
von Grund auf verdächtig ist, selbst dort, wo ihm kein Fehler nach-
gewiesen werden kann. Von einer Mutter übermittelt, die keine
Mutter
ist und selber weit davon entfernt, es zu beherrschen
54
, bleibt
es trotz aller Vertrautheit ein Instrument, dem es an Treffsicherheit
fehlt und dessen Mängel zudem schwer zu lokalisieren sind (Ka�a
erkennt intuitiv die Fehler, die Brod in seiner Übersetzung des Li-
brettos von Janáčeks Oper
Jenufa
gemacht hat, aber er sagt nur: »Ist
das nicht das Deutsch, das wir von unsern undeutschen Müttern
noch im Ohre haben?«, weil das im Grunde sein einziges Argument
ist). In Prag fällt diese Unsicherheit wohl kaum auf, da jeder sie
teilt; doch für den dem lebendigen Wort verha�eten und nach Au-
thentizität strebenden Schri�steller ist Prag das verkörperte Böse,
denn auf seinem Boden gibt es kein volkstümliches Deutsch, mit
dem die Buchsprache der Eliten ihre kargen Bestände erneuern und
anreichern könnte, das Volk spricht tschechisch oder jiddisch, und
wenn es die Prager Sprechweise beeinflußt, dann verdirbt es sie
mehr, als daß es ihr zu neuer Kra� verhülfe. Kein volkstümliches
Deutsch, kein deutsches Volk, weder Bauern noch Arbeiter – dem
damaligen Proletariat in den großen Industriestädten des Reichs ist
Ka�a gewiß nie begegnet, er macht sich notgedrungen ein abstrak-
tes Bild von ihm, aus Büchern und Zeitungen (übrigens weiß er
57
auch über die Arbeiter der Asbestfabrik nicht sehr viel mehr, die
ihm zusammen mit seinem Schwager zur Häl�e gehört
55
); und die
Bauern in Zürau, unter denen er eine Weile lebt und die im übrigen
Deutschböhmen, keine Deutschen sind, betrachtet er mit einer Art
fassungsloser Bewunderung, aus der unüberwindlichen Entfer-
nung, zu der das Fehlen einer gemeinsamen Sprache ihn zwingt
(aus dieser in den
Tagebüchern
reichlich bezeugten Fassungslosigkeit
entstehen die Bauern im
Schloß
, des menschlichen Wortes kaum
mächtige und völlig undifferenzierte Wesen: Für K. sehen sie alle
gleich aus, so wie die Schwarzen oder die Chinesen in den Augen
des seßha�en Europäers alle gleich aussahen). Das Leid, das ihm
die Sprache zufügt, hat also konkretere Ursachen als nur das Raf-
finement eines Intellektuellen oder ein hochempfindliches Gewis-
sen, denn es stimmt, daß sein Deutsch, das aus den Klassen, aus
dem Gesellscha�sspiel herausfällt, ihn in ein abstraktes Ghetto ver-
bannt, in dem die menschlichen Beziehungen zwangsläufig eintönig
und verkümmert sind. Es stimmt, daß er mit einem Arbeiter oder
einem Bauern keinerlei Kontakt haben kann, es gelingt ihm mit
knapper Not, sich Kindern verständlich zu machen
56
, und für ihn,
der in seiner Auffassung der menschlichen Einheit das Volk so hoch
stellt, gibt es gewiß keinen schlimmeren Fluch.
Seine Sprache, der es an Weite und Wärme fehlt, durch ihre Ent-
wurzelung auf einen förmlichen Gebrauch beschränkt, läßt der
Kommunikation nur geringen Spielraum, auch ihr mangelt es an
»Boden, Lu�, Gebot«, es mangelt ihr an Blut, und es gibt kein
Mittel gegen ihre Anämie, da sie zur Volkssprache, der einzigen
Quelle, in der sie sich verjüngen könnte, erst recht keinen Zugang
hat. Daher gestattet sich Ka�a, der die Regel der Zurückhaltung,
die die anderen aufgestellt haben, stillschweigend akzeptiert, nur
dort eine gewisse Freiheit, wo sie ihm wirklich eingeräumt ist: im
streng privaten Bereich des Traumes und auf dem neutralen Gebiet
der offiziellen Sprache, wo seine rechtliche Stellung ihn unange-
fochten zu sprechen befugt (zwar sind die Dinge nicht ganz so
einfach, der Landvermesser muß diese Erfahrung zu seinem Scha-
den machen, als er entdeckt, daß dieser strenge Gegensatz zwischen
Privatem
und
Offiziellem
wiederum eine Täuschung ist, dazu be-
stimmt, ihn noch mehr zu desorientieren, denn in Wirklichkeit grei�
das Offizielle unablässig ins Private ein und umgekehrt, so daß es
keinen noch so stillen Winkel seines Lebens gibt, in dem das Schloß
nicht gegenwärtig wäre und seine Tyrannei ausübte).
58
Rechtlich ist Ka�a seinen österreichischen Mitbürgern völlig
gleichgestellt, ob sie nun zur deutschen Mehrheit oder zu den ver-
schiedenen ethnischen Minderheiten gehören, die der Doppeladler
vereint. Wie sie verfügt er über die offizielle Sprache – das soge-
nannte Kanzleideutsch –, die jahrhundertelang den Zusammenhalt
der Doppelmonarchie gewährleistet hat. Während ihn im Alltag
sein durch die stumme Mißbilligung der anderen verstärktes
Schuldgefühl daran hindert, das Deutsche als sein Eigentum zu
betrachten, kann ihm im öffentlichen Leben niemand die Amts-
sprache des Kaiserreichs streitig machen, zum einen, weil sie
universell ist, zum anderen, weil seine sonst so zweifelha�e Identi-
tät hier förmlich bezeugt ist. Auf dem Papier ein österreichischer
Staatsbürger, besitzt Ka�a das Deutsch seines Zivilstandes nicht
mehr und nicht weniger als jeder andere Staatsangehörige des Lan-
des, und da dieses unpersönliche Werkzeug der Bürokratie das
einzige ist, über das er voll und ganz verfügt, darf er sich seiner mit
Recht bemächtigen, um aus ihm eine ebenso unpersönliche und
anonyme Literatur zu machen, nach dem Bild der Enteignung, mit
der er zurechtkommen muß.
Das Kanzleideutsch wird damit zur größten Chance seines Ge-
nies, insofern diese Sprache es ihm erlaubt, die dreifache Unmög-
lichkeit, die ihn so schwer belastet, zwar nicht zu beseitigen, aber
immerhin zu umgehen: Statt in den Spuren Goethes und Schillers
zu wandeln und sich davon zu überzeugen, daß sein Talent ihm das
Recht dazu gibt, schreibt Ka�a einfach – ein »einfach«, in dem
freilich viel Groll und knirschende Ironie liegt – wie der unbedeu-
tende Beamte, dessen Papiere er besitzt (und der er übrigens gegen
seinen Willen zum Teil auch ist). Von nun an weit, sehr weit vom
poetischen Grund der Sprache entfernt, aus dem er in seiner Jugend
mit vollen Händen glaubte schöpfen zu können, verfaßt er Gerichts-
chroniken, Rechenscha�sberichte, Protokolle, in der gleichen eisi-
gen Gleichgültigkeit, der gleichen Unbeteiligtheit, wenn auch mit
unendlich mehr Humor, das versteht sich von selbst, mit denen die
universelle Bürokratie ihren Untergebenen begegnet.
So betraut Ka�a also von nun an den mit seiner Neutralität und
seiner Logik gewappneten Beamten damit, die Wort-Bilder zu or-
ganisieren, die unmittelbar seinem eigenen Traumleben entsprin-
gen. Aber der Träumer verzichtet deswegen nicht auf seine
Privilegien, im Gegenteil, das Bild, das sich in die offizielle Rede
einfügen muß, eine Rede, die keinesfalls dazu geschaffen ist, es zu
59
erhöhen, erfahrt bei seiner scheinbaren Unterordnung einen Zu-
wachs an Dynamik und Wahrheit. Ja, es erlangt dabei eine solche
Intensität, daß die Beweisführung davon geradezu verhext wird,
während es zugleich dank seiner rationalen Organisation noch in
seiner zügellosesten Phantastik das ganze Gewicht annimmt, das
sonst der Realität zukommt. In der Erzählung, die Ka�a der Un-
möglichkeit zu schreiben abringt, indem er zwei heterogene Ele-
mente miteinander verschmilzt, die die kühnste Imagination nicht
versöhnen zu können glaubt, verbündet sich die Beweisführung des
Amtlichen überall mit den Bezauberungen der Subjektivität.
57
Man
sieht hier, wie der mit mathematischer Präzision verschlüsselte
Traum in die Welt eingeht, um sie aus den Angeln zu heben, und
das Medusenhaupt erbarmungslos widerlegt wird, zur selben Zeit,
da die spröde Wirklichkeit sich in einen Ort der Metamorphosen
und Verzauberungen verwandelt. Daher die seltsame Schönheit die-
ser paradoxen Kunst, die, indem sie die Logik zum Beweis des
Phantastischen und das Phantastische zu einem bloßen Vorfall der
Normalität macht, alle Kategorien so harmonisch durcheinander-
bringt, daß man nicht sagen kann, was in ihr den Sieg davonträgt:
die Grausamkeit des realistischen Beobachters oder die Reize der
Magie.
60
Kapitel VII
Fiktion und Wirklichkeit
Indem Ka�a die strengen technischen Maßnahmen ergrei�, die es
ihm ermöglichen, die Anomalien seiner Situation in die Textur sei-
nes Werks selbst einzuflechten – Trennung der realen Person und
des Schri�stellers, Verwendung des Wort-Bildes außerhalb jeder
historischen und gesellscha�lichen Bedeutung, auf die Höhe einer
universellen Sprache erhobene Amtssprache –, hat er den unschätz-
baren Vorteil, dem traditionellen Erzähler zu ähneln, für den die
Regel gilt, niemals in die Abenteuer seines Helden einzugreifen,
und der somit, im Gegensatz zum modernen Romanschri�steller,
gänzlich uninteressant ist und der deshalb keinen Anspruch auf
Originalität erhebt. Mag der traditionelle Erzähler nun epische Ge-
dichte, Fabeln, Memoiren, Parabeln oder Chroniken verfassen, als
Wortführer der Allgemeinheit bleibt er in seiner Geschichte not-
wendig abwesend; schon die Tatsache, daß er für alle spricht,
verbietet es ihm, von sich zu sprechen, und er versucht nicht nur,
sich nicht in Szene zu setzen, er bemüht sich überdies, sich verges-
sen zu machen, indem er den Stil und manchmal sogar den Namen
der von der Tradition verehrten Meister übernimmt. Aus seiner
eigenen Sicht wie aus der seines Publikums könnten die leiseste
Anspielung auf sein persönliches Leben, die kleinste eigene Idee,
das beiläufigste mit seiner Zeit verbundene Geschehen die Reich-
weite seiner universellen Botscha� nur verringern; daher lehnt er
die Originalität ab, um in der Gemeinscha� der jahrhundertealten
Genies aufzugehen, die für seine Zeitgenossen die einzigen Autori-
täten sind.
Dank seiner »universellen« Sprache und der technischen Anony-
mität, die seine Situation ihm auferlegt, ist Ka�a in der Lage, sich
dieser Hauptregel der alten Erzählung zu beugen, die verlangt, daß
der Autor hinter die Tradition zurücktritt, nicht unbedingt aus Be-
scheidenheit, sondern damit nichts Persönliches, nichts Zeitliches
die Ewigkeit der fiktiven Ereignisse Lügen strafe. Ganz rechtmäßig
6
also, obwohl auf seine Art und Weise und aus Gründen, die seine
Vorbilder sich nicht hätten ausmalen können, schreibt er Fabeln –
alle seine Geschichten von sprechenden Tieren sind Fabeln; Mär-
chen – auch
Die Verwandlung
, wiewohl der Fabel zugehörig, hat in
gewisser Hinsicht etwas vom Märchen, oder die Episode aus
Der
Verschollene
, in welcher der Held dem Mitternachtsverbot unterliegt
wie Aschenputtel; Legenden –
Vor dem Gesetz
, eine Legende, die im
Prozeß
erzählt und gedeutet wird und die die Form eines Midrasch
hat; Gleichnisse, die fast überall im Werk verstreut sind, besonders
in dem Text
Von den Gleichnissen
, der ausdrücklich die Gattung als
solche zum Gegenstand hat; Chroniken –
Beim Bau der Chinesischen
Mauer
Josefine, die Sängerin
und andere Fragmente, die von kollekti-
ven Begebenheiten berichten; Mythen –
Prometheus
Poseidon
Das
Schweigen der Sirenen
, die Geschichte des Naturtheaters von Okla-
homa in
Der Verschollene
; und schließlich einen epischen Roman,
Das
Schloß
, der nach der uralten, an dieses Gebäude geknüp�en Tradi-
tion von einer arbeitsreichen Suchbewegung und von Arbeiten
erzählt. Meistens freilich entsteht die Geschichte aus der Verbin-
dung mehrerer Gattungen, die nach klassischer Auffassung nicht
vermischt werden dür�en (obwohl die Grenzen zwischen Mythos,
Legende, Fabel und Märchen nie so unüberwindlich sind, als daß
sie nicht überschritten werden könnten). Denn Ka�a, der sich sei-
nes historischen Platzes und Zeitpunkts bewußt ist, will mit der
Vermischung der Traditionen an die Verwirrung erinnern, die so-
wohl in der Literatur wie in jeder anderen instituierten Struktur
inzwischen eingetreten ist.
So gehört die Geschichte von Gregor Samsa, wenn man sie unter
dem Blickwinkel des sprechenden Tiers liest, offenkundig in den
Bereich der Fabel; doch eines ihrer Hauptthemen – Die Schöne und
das Tier – verweist sie zugleich in die Kategorie des Märchens. Das
Volk der sprechenden Mäuse verbindet Josefine mit dem Reich der
Fabel, während die Erzählung als Bericht denkwürdiger Begeben-
heiten der Chronik verwandt ist.
Der Verschollene
ist ein Abenteuer-
roman, der ein Stück Märchen enthält – die Bestrafung des Helden
beim zwöl�en Schlag der Mitternacht – , einen Mythos – Das ver-
lorene Paradies und das Naturtheater von Oklahoma, das das
wiedergefundene Paradies darstellt – und obendrein eine Robinso-
nade, in der die einsame Insel durch ein übervölkertes Amerika
ersetzt ist. Was
Das Schloß
betri�, so steckt darin auf verschiedenen
Ebenen nicht nur die Gralsdichtung und eine neue Odyssee, son-
62
dern auch ein Fortsetzungsroman sowie ein »Bildungsroman« im
Goetheschen Sinn des Wortes, Zeugnisse der degenerierten epi-
schen Formen, mit denen die moderne Literatur sich wohl oder
übel begnügen muß. Denn als Spätling, der er ist, schöp� Ka�a
nicht nur aus den erhabenen Formen der Vergangenheit, er nimmt
auch die mehr oder weniger vergänglichen Produktionen von ge-
stern und heute in Anspruch. Da er jedoch auch hier nicht
a priori
weiß, wo sich das Oben und das Unten, das Erhabene und das
Triviale, das Wahre und das Falsche befinden, gesteht er vorläufig
dem bereits in seinen Konventionen erstarrten Neuen dieselbe
Würde zu wie dem von der Tradition kanonisierten Alten. So daß er
den Kriminalroman (
Der Prozeß
,
Ein Brudermord
, die Ermordung des
Advokaten Monderry
), den Fortsetzungsroman (die Geschichte
von Amalia, die einen großen Teil des
Schloß
bildet), die Gerichts-
chronik (noch einmal
Der Prozeß
Der Unterstaatsanwalt
In der
Stra�olonie
), das Kindermärchen (die Geschichten von Indianern
und Pionieren, für die man viele Beispiele in den Entwürfen der
Tagebücher
und
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande
findet) mit der-
selben Ernstha�igkeit aufgrei� wie die antiken Gattungen, die
höchstes Ansehen genießen. Doch während er von der universellen
Mythologie fordert, daß sie seinen Schri�en zumindest einen Wi-
derschein der Ewigkeit sichere, um die die Moderne betrogen ist,
gebraucht er jene Form der degradierten Mythologie, aus der letz-
ten Endes jede Imaginationsliteratur besteht, um herauszufinden,
wie es um die Wahrheit der Mythen und vor allem der Ideen bestellt
ist, welche die Literatur selbst über das Verhältnis der Bücher zur
Wirklichkeit ausstreut.
Wenngleich Ka�a die Alten nachahmt, prahlt er doch nicht da-
mit, ihrer Ordnung und seligen Gewißheit teilha�ig zu sein; er
begründet sein Recht, es zu tun, im Gegenteil mit seiner eigenen
gesellscha�lichen und geistigen Unordnung, indem er unablässig
auf das Nirgendwo verweist, in das seine haltlose Existenz ihn ver-
bannt. Er imitiert aus dem paradoxen Grund, weil er nichts, aber
auch gar nichts besitzt, was ihn dazu zu berechtigen scheinen
könnte. Die traditionellen Gattungen waren es sich schuldig, das
»Ich« in eben dem Maße zu ächten, wie sie entsprechend den Be-
dürfnissen einer Gemeinscha� von Individuen, die sich ihres Plat-
zes in einem festen Universum bewußt waren, sich nicht an den
Einzelnen und seine Irritationen, sondern direkt an die Allgemein-
heit wandten. Ka�a dagegen, weit davon entfernt, im Namen von
63
irgend jemandem zu sprechen, stellt nicht einmal die ganze Fülle
der Individualität dar. Was er zu sagen hat, betri� nur ihn und das
»Wer bin ich?« seiner unauffindbaren Identität. Während die Alten
sich fest in einen unwandelbaren und begrei�aren Kosmos einfü-
gen, schwebt er ungebunden und von Skrupeln geplagt an der
Peripherie einer stürmischen, undurchsichtigen, aus dem Gleichge-
wicht geratenen Welt. Ihrer absoluten Gewißheit hinsichtlich der
Beziehungen des Menschen zum Universum und dessen, was unter
allen Umständen getan werden muß, um mit der Natur und den
Göttern in Einklang zu kommen, hat er nichts als seine absoluten
Zweifel und die endlosen Fragen entgegenzusetzen, die in der
Schwebe zu lassen seine Unkenntnis des Gesetzes ihn ständig
zwingt. In Wahrheit ist er, am anderen Ende der Zeit, dasjenige
Geschöpf, das am wenigsten befugt ist, sich auf solche Vorbilder zu
stützen; doch in einer logischen Umkehr seines auf die Spitze ge-
triebenen Falles findet seine Nachahmung gerade darin ihre beste
Rechtfertigung; denn aufgrund seiner Dezentriertheit in einer an
sich schon desorientierten menschlichen Lebenswelt steht er
diesseits
jeder Individualität, so wie seine Vorbilder auf ganz natürliche
Weise
jenseits
davon stehen, so daß er, als separate Person in seinem
Werk abwesend und anonym, wie es die Tradition will, zu einer Art
Allgemeinheit gelangt, die, wenngleich negativ, ihn den Alten sehr
viel näherbringt als dem Subjektivismus seiner Zeitgenossen.
Wohlgemerkt, Ka�a läßt sich nicht von der Antike inspirieren,
um sich mit geringen Kosten das Positive nutzbar zu machen, das
ihren ewigen Ruf begründet (unnötig hinzuzufügen, daß er auch
nicht zu denen gehört, die in den antiken �emen Stoff zur Parodie
suchen oder sie dadurch verjüngen wollen, daß sie sie mit neuen
Ideen und modernen Gewändern herausputzen); er bedient sich
der Vorbilder, um das Vergängliche, das Vorübergehende, das
Nichts seiner unvollendeten Existenz auszudrücken – all das, was
ihm fehlt, um ihnen ähnlich zu sein. Als Nachfahre, wie es dem in
einer schon erschaffenen, schon gesagten und geschriebenen Welt
zu spät Gekommenen ansteht, eignet er sich die antike Harmonie
an, um den Mißklang seiner inneren Verfassung sowie den Betrug
dessen aufzuzeigen, was ihm im Namen der bestehenden Ordnung
vorgeschlagen wird. Indem er sein krankes und unentschlossenes
Ich in die ewige Jugend des Epos hüllt, verwurzelt er das Neben-
sächliche und Vergängliche in den Jahrhunderten, das Aktuelle in
der zeitlosen Literatur der Vergangenheit und sein eigenes Schwan-
64
ken in der unwandelbaren, sakrosankten Tradition. Doch wenn er
auf diese Weise den mit einem unerschütterlichen Glauben an seine
Helden und Götter gewappneten Griechen spielt
, so gewiß nicht,
um seine Liebe zu einem Humanismus zu verkünden, den seine
mitteleuropäische Bildung sich stets zum Vorbild nimmt
, sondern
vielmehr um
a contrario
den ewigen Juden sichtbar zu machen, der er
im endlosen Elend seiner Illegalität selber ist.
Als gebildeter Mitteleuropäer oder, was in seinem Fall auf das-
selbe hinausläu�, als assimilierter Jude kennt Ka�a die Griechen
natürlich sehr gut, er hat sie im Gymnasium eingehend studiert,
und ihre Welt ist ihm vertraut – vertraut und gleichzeitig gänzlich
fremd, wie alles, was von der anderen Seite kommt.
Er kennt ihre
Mythen und Sagen genausogut, ja sogar besser als irgendeiner sei-
ner intellektuellen Klasse; nur sind das für ihn lediglich Verzierun-
gen des Geistes, die ihm wieder einmal nur geliehen sind und deren
Weisheit, falls er sie erkennt, ihm im Leben überhaupt nichts nützt.
Daher der Doppelcharakter, von dem seine Übertragung antiker
�emen gründlich geprägt ist: Von der Achtung diktiert, die man
solch ehrwürdigen Geschichten allemal schuldet, hat sie zuerst den
Ton der Evidenz, die mit einem unangefochtenen Glauben einher-
geht; sodann belädt sie sich nach und nach mit verfänglichen,
logischen und im Hinblick auf das Originalthema völlig ungehöri-
gen Fragen, unter denen das legendäre Gebäude schließlich zusam-
menbrechen muß. So erzählt uns Ka�a zum Beispiel die Sage von
Prometheus oder zerstört sie vielmehr, indem er plötzlich Argwohn
in den Respekt und lästerliche Fragen in den Tonfall der Leichtgläu-
bigkeit einfließen läßt.
Wie der Verfasser des Mythos und viele Generationen nach ihm
hält es Ka�a für eine Tatsache, daß Prometheus von Zeus wegen
eines schweren Frevels bestra� wurde (der so bekannt ist, daß er es
nicht einmal für nötig erachtet, ihn in Erinnerung zu rufen). Seit-
dem ist der Held für immer am Kaukasus festgeschmiedet, wo ein
Geier von seiner immer wieder nachwachsenden Leber frißt. So
weit ist die Sage klar und ihre Lehre liegt auf der Hand: Die Ewig-
keit der Strafe entspricht der Unsühnbarkeit des ursprünglichen
Verbrechens, und dem uralten Gesetz zufolge, das Vergehen und
körperliche Strafe miteinander verbindet, signalisiert der endlose
Prozeß des Prometheus eine organische Wunde, die für alle Zukun�
offen bleiben soll. Doch von da an – dem Augenblick, da die Er-
zählung wirklich beginnt, das Vorausgegangene wird durch die
65
Tonalität und die Wahl des �emas selbst bloß angedeutet – neh-
men die Dinge sofort eine unvorhergesehene Wendung, denn, so
sagt Ka�a: »Von Prometheus berichten vier Sagen«
– vier statt
einer, vier Varianten statt einer maßgeblichen Version
, vier Deu-
tungen unterschiedlichen Alters, die die Zufälle der Zeit in die
Ewigkeit des Ereignisses einführen. Allein dadurch, daß er die Sage
in ihrer ersten und authentischen Form nicht kennt, gesteht der
Verfasser, daß er nicht zur Zeit ihrer Geschichte lebt, ja nicht ein-
mal in der späten Epoche, in der man noch wie an eine einzige
Wahrheit an sie glaubt, sondern in einem Zeitalter, in dem, da jede
Wahrheit vier Gesichter hat, der bloße Glaube nicht mehr zählt und
einem wohlbegründeten Kommentar weichen muß. So braucht
Ka�a lediglich einen Satz, um an die Jahrtausende zu erinnern, die
ihn von seinem Heiden trennen, und von einer allgemeingültigen
Wahrheit abzurücken – der Erbsünde, Obsession seines ganzen Le-
bens und Mittelpunkt seines Werkes –, die gerade weil sie ihm
nahegeht, dringend überprü� werden muß.
Ka�a, der also weiterhin an dem Mythos festhält, äußert Zweifel
nicht an der Realität der Fakten – die Erbsünde ist seine Angele-
genheit, und ihre Realität läßt sich nicht durch bloße Verneinung
beiseite schieben –, sondern einzig an den verschiedenen Deutun-
gen, die er zuläßt. Welche der Versionen der Prometheustragödie
muß man für authentisch oder für am wenigsten verfälscht halten?
Die erste, wo nicht die älteste, entspricht nicht dem Urtext, sie ist
bereits eine Variante, die weder das Feuer des Himmels noch Zeus,
noch den Geier erwähnt, sondern einen
Verrat
, mehrere
Adler
und
Götter
. Der Frevel, an den sie erinnert, bleibt ganz allgemein, an-
scheinend weiß sie nichts Genaues darüber, zudem ersetzt sie das,
was die Einheit des Dramas ausmacht – ein einziger schuldiger
Held, ein einziger Richtergott, ein einziger Geier, der als Henker
fungiert – durch eine Vielfältigkeit, deren Teilnehmer im Unbe-
stimmten dämmern. Und so hat sie mit ihren vielen, zum Teil
anonymen Protagonisten – einer Menge, statt dreien, die ursprüng-
lich in die Handlung verwickelt sind – den folgenden Versionen nur
eine verworrene Situation vorzulegen, in der das Subjekt des Dra-
mas endgültig versunken zu sein scheint.
Nach der zweiten Variante, die sicherlich eine lange Etappe der
Geschichte kennzeichnet, »drückte sich Prometheus im Schmerz
vor den zuhackenden Schnäbeln immer tiefer in den Felsen, bis er
mit ihm eins wurde«.
Hier taucht ein Element auf, das in bezug auf
66
die Tradition zwar nebensächlich ist, in Ka�as Sage jedoch zum
Kern des Rätsels wird: der Felsen, dieser Block lebloser Materie,
der, so fremd er dem Verbrechen und seiner Sühne auch ist, sich
plötzlich öffnet, um den Körper des geschundenen Verbrechers auf-
zunehmen. Barmherziger als die Götter, die die Strafe beschlossen
haben, und als die Menschen, die ihre Vollstreckung zuließen, voll-
zieht der Felsen die ungeheuerliche Verschmelzung von Leblosem
und Lebendigem und zeigt damit das Ende des Leidens an, in einer
Zeit, in der niemand mehr sagen kann, aus welch übernatürlichem
oder natürlichem Gesetz es seine Notwendigkeit herleitet.
Versteinert identifiziert sich Prometheus mit der äußeren Welt,
deren kältester und abgestorbener Teil der Felsen ist, während der
Stein selbst zum Leben erwacht – zu einem von Schuld vergi�eten
Leben, darauf beschränkt, das Behältnis des Schmerzes zu sein, der
es erzeugt hat (wollte man wagen, diesen einzigartigen Text mit
einer datierbaren philosophischen Quelle in Beziehung zu bringen
– aber es ist klar, daß man es nicht wagen darf –, so könnte man in
der Vertauschung der Eigenscha�en, die hier zwischen dem leiden-
den Menschen und dem Stein stattfindet, gleichsam ein Gegenstück
oder eine Veranschaulichung der �ese des jungen Marx über die
Entfremdung sehen
0
). Abgesehen davon, daß die Versteinerung die
einzige Strafmilderung darstellt, die Prometheus dem Verhängnis
abzuringen vermag, hat sie den Vorteil, die grundlegende Einheit
wiederherzustellen oder, genauer gesagt, nachzuäffen, deren Zu-
sammenbruch die erste Version bereits verkündete. Denn obwohl
Prometheus, indem er sich in das »unerklärliche Felsgebirge« ein-
drückt, zwischen sich und den Dingen der Welt wieder einen Schein
von Einheit herstellt, so geht er doch nicht in der universellen Har-
monie auf, sondern verliert den letzten Rest seiner Menschlichkeit,
ohne dem von seinem Leiden betroffenen Stein anderes mitteilen zu
können als sein eigenes absurdes Pendeln zwischen Tod und Le-
ben.
Die beiden Versionen geben dem Prometheus-Drama nicht einen
Abschluß – es hat keinen, da es ja gerade das Drama des ewigen
Neubeginns ist –, sondern jene Art von Ende, durch das es den
nicht vollendeten Dingen trotz allem gelingt, zu verwittern. Zwar
sind die Qualen des Prometheus nicht durch Beschluß gemildert
worden, doch »in den Jahrtausenden [wurde] sein Verrat vergessen,
die Götter vergaßen, der Adler, er selbst«. Schließlich »[…] wurde
man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde, die
67
Adler wurden müde, die Wunde schloß sich müde«. Die Wahrheit,
welche die Strafe rechtfertigte, ist, weil vergessen, schon seit langer
Zeit unwirksam geworden, ihre Schwäche und ihre Ferne machen
sowohl den Beschluß der Richter, die Auflehnung des Opfers wie
den furchtbaren Eifer der Henker zunichte. Die Wunde schließt
sich, verheilt jedoch nicht, alles geht weiter oder, besser gesagt,
alles, vegetiert dahin im Namen einer alten Gewohnheit, die inmit-
ten der allgemeinen Amnesie vergeblich um die Bruchstücke ihrer
Vergangenheit kreist. Doch in dieser fortwährenden Wiederholung,
die nur ein Nachäffen der verlorenen Ewigkeit ist, verschiebt sich
der Akzent des Dramas endgültig – er liegt nun auf dem Felsen,
dem »unerklärlichen Felsengebirge«, halb Mensch, halb Stein, der
zum großen Rätsel dieser der Anarchie preisgegebenen Welt wird,
weil in dieser Anhäufung von Leid, Müdigkeit und Vergessen nicht
einmal mehr das Sterben möglich ist.
In wenigen Zeilen, in wenigen kargen und dennoch unerschöpf-
lichen Worten projiziert Ka�a die unpassenden Fragen des Neuen
in die Welt der Alten, so daß der eng mit dem Text verwobene
Kommentar sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit ins
Spiel bringt – die Vergangenheit, deren unerschrockenen Herois-
mus Prometheus im höchsten Grade verkörpert, und die Gegen-
wart, in die der Autor selbst schmerzha� verstrickt ist. Auf eine
Idee von Eroberung und Macht gegründet, enthält die promethei-
sche Zivilisation im Keim die Übertretung, den Verrat, den Frevel;
sie bringt den Unruhesti�er hervor und bestra� ihn um so härter,
als er ihre eigenen Prinzipien bis zur äußersten logischen Grenze
treibt. Für Ka�a, der aus einem ganz anderen Ideenkreis kommt,
setzt sie zwischen dem Übertreter und seinen Richtern eine Gleich-
heit voraus, die sie unverständlich macht, denn schließlich gehört
der Titan zum Geschlecht der Götter (deshalb spricht Ka�a nicht
vom Raub des Feuers, sondern nur von
Verrat
); letztlich wird er von
einer Art Familienrat verurteilt und bestra�, nicht von einem un-
erreichbaren und transzendenten Gott. Nach ihrem Verhalten in
dieser Geschichte zu urteilen, sind die Götter nichts anderes als der
vergöttlichte Ausdruck des menschlichen Willens zur Macht, und
Prometheus, der genau dieselben Absichten hegt, hat nur insofern
unrecht, als er zu ungeduldig ist und in einem Interessenkonflikt,
der in jedem Punkt dem menschlichen gleicht, den kürzeren zieht;
daher gibt es kein gemeinsames Maß zwischen der Ewigkeit seiner
Strafe und der Zeitlichkeit, in der die ganze Sache steckenbleibt.
68
Hinsichtlich des jüdischen Glaubens, der, obwohl in ihm verblaßt
und getrübt, weiterhin sein Denken ausrichtet, kann sich Ka�a von
der Sage nicht persönlich betroffen fühlen: Prometheus bedeutet
ihm nichts, er ist nur eine bekannte und gleichzeitig fremde Kul-
turerscheinung, vor der er vollständige Freiheit bewahrt.
Gerade diese Fremdheit des griechischen Glaubens in bezug auf
den jüdischen drückt Ka�a in den Mißklängen seiner imitierten
Sagen aus

; doch im Unterschied zu vielen Juden seiner Genera-
tion, die ihre Assimilation abgelehnt oder verfehlt haben, erblickt er
darin weniger einen Gegensatz, der zu einer Wahl führt – Griechen-
tum gegen Judentum oder umgekehrt –, als vielmehr ein �ema des
Nachdenkens über zwei gleich starke und gleich veraltete »natio-
nale Erziehungsmittel«. Dazu äußert er sich in einem Brief an Max
Brod, als Antwort auf den polemischen Essay seines Freundes über
die jeweiligen Verdienste des Heidentums und der beiden ihm fol-
genden Monotheismen
2
: »Die Griechen z. B. kannten doch einen
gewissen Dualismus sehr gut, was hätte sonst die Moira und vieles
andere für einen Sinn gehabt? Nur waren es eben ganz besonders
demütige Menschen – in religiöser Hinsicht –, eine Art lutherani-
scher Sekte. Sie konnten das entscheidend Göttliche gar nicht weit
genug von sich entfernt denken, die ganze Götterwelt war nur ein
Mittel, das Entscheidende sich vom irdischen Leib zu halten, Lu�
zum menschlichen Atem zu haben. Ein großes nationales Erzie-
hungsmittel, das die Blicke der Menschen festhielt, weniger tief war
als das jüdische Gesetz, aber vielleicht demokratischer (hier waren
kaum Führer und Religionsbegründer), vielleicht freier (es hielt
fest, aber ich weiß nicht, womit es hielt), vielleicht demütiger (denn
der Anblick der Götterwelt brachte nur zum Bewußtsein: also nicht
einmal, nicht einmal Götter sind wir und wären wir Götter, was
wären wir?).«
3
Somit unterscheiden sich diese Olympier, absicht-
lich erfunden, um die Drohung des Transzendenten von den Grie-
chen abzuwenden, von den Menschen lediglich durch ihre Über-
größe, und die ewige Verdammnis, zu der sie Prometheus
verurteilen, ist bloß das Verdikt eines deutlich erweiterten mensch-
lichen Gerichts, das heißt aus der Sicht jenes anderen »großen
Erziehungsmittels«, des Judentums, der unfaßbarste Hohn.
4
Doch sobald er das »entscheidend Göttliche« beiseite geschoben
hat, vor dem sich die Griechen, wie er sagt, nach Möglichkeit da-
durch zu schützen suchten, daß sie die Götter erfanden, versteht er
Prometheus nur allzu gut, aus vielerlei Gründen, die alle mehr oder
69
weniger mit seinem unzerstörbaren Schuldgefühl zusammenhän-
gen. Der Held, ursprünglich ein Titan, ein Halbgott, hat die Seinen
verraten, um zum Wohltäter der Menschheit zu werden. Dafür wird
eine lebenslängliche Strafe über ihn verhängt, die das Organ ihrer
Vollstreckung selber erzeugt (die nachwachsende Leber). Wie
Ka�a also trägt er die Wunde dieses Verrats an seinem Leib, und
zwar bis zum Ende der Zeiten, trotz der Ermüdung aller Beteiligten
und trotz des Vergessens, dem das Vergehen selbst anheimgefallen
ist (über diese Wunde, die er unbestreitbar vorausgesehen hat – er
verleiht sie einer Person in seinem
Landarzt
, mehrere Monate bevor
seine Tuberkulose ausbricht –, schreibt er in sein Tagebuch: »Es ist
das Alter der Wunde, mehr als ihre Tiefe und Wucherung, was ihre
Schmerzha�igkeit ausmacht. Immer wieder im gleichen Wundka-
nal aufgerissen werden, die zahllos operierte Wunde wieder in
Behandlung genommen sehn, das ist das Arge.«
5
). Mit einer un-
heilbaren, immer wieder im gleichen Wundkanal aufgerissenen
Wunde beha�et, hat Prometheus noch dies mit Ka�a oder genauer
mit Josef K. gemeinsam, daß seine Angelegenheit auf einem gänz-
lich in Vergessenheit geratenen Anklagegrund beruht, so daß, für
ein fortan unkenntliches Vergehen bestra�, niemand in der Lage ist,
seinen Fall zu vertreten oder auch nur vorzutragen. Sogar die Er-
müdung, ein modernes Phänomen
par excellence
und eine der leid-
vollsten Nachwirkungen der »Wunde«, unterstreicht den wahren
Gegenstand des Nachdenkens über die Helden und die Götter:
Nachdem Ka�a Jahrtausende der Kultur und des Denkens durch-
messen hat, nimmt er allmählich den Platz des Griechen ein, und
am Ende dient ihm der gefesselte Prometheus einzig dazu, seinen
eigenen Prozeß wiederaufzurollen.
Wenngleich der
Prometheus
durch seine bewundernswerte Schlüssig-
keit und die innere Logik seiner Entwicklung besonders beweiskräf-
tig ist, so ist er doch gewiß nicht das einzige Beispiel für das, was
Ka�a erreicht, indem er die äußerste Subjektivität des Inhalts mit
der neutralen Gattung verquickt, die von der Tradition überliefert
ist (oder von der Konvention, wenn er weitgehend abgewertete epi-
sche Formen aufgrei�). Hier fällt die Wahl schwer, denn ein und
dieselbe Technik hat überall, ob nun in der fragmentarischsten oder
der kürzesten Erzählung, die gleichen Auswirkungen, und wollte
man ihre außergewöhnliche Effizienz nachweisen, so müßte man
sein gesamtes Werk anführen. In diesem Sinne kann man sagen,
70
daß Ka�as Kunst ab dem
Urteil
keine weitere Entwicklung mehr
zuläßt; unwandelbar in der Form, läßt sie sich nur noch in den
�emen
beeinflussen, durch die Schwankungen der Innenwelt, die
festzuhalten ihre Aufgabe ist.
Die �emen dieser unpersönlichen Literatur, im Gegensatz zum
formalen Apparat variabel und empfänglich für die Ereignisse des
Lebens, folgen genauestens der biographischen Wirklichkeit;
manchmal greifen sie ihr sogar vor. So beschreibt Ka�a zum Bei-
spiel 96, ein Jahr vor seinem ersten Blutspeien, die Wunde in der
Hü�gegend, die sein Landarzt zu heilen gerufen wird, und verleiht
der Spule Odradek das »Lachen ohne Lunge«, das erst dann das
seine wird, wenn seine Tuberkulose sich endgültig festgesetzt hat. In
der Gestalt einer wunderbaren und zugleich lächerlichen Utopie
macht der
Verschollene
dagegen die Vergangenheit rückgängig. Ka�a
materialisiert hier den alten Auswanderungstraum, der ihn in sei-
ner Jugend beschä�igt hat und ihn im Grunde nie loslassen wird.
Das Urteil
entsteht gleich nach seiner Begegnung mit Felice und
zieht die Konsequenzen aus einer Verlobung, die in Wirklichkeit
noch gar nicht stattgefunden hat.
Die Verwandlung
ist die Antwort auf
die he�igen Auseinandersetzungen Ka�as mit seinem Vater, der in
bösartiger Weise über Löwy hergefallen ist.
Der Prozeß
folgt unmit-
telbar auf die Lösung seiner ersten Verlobung und beschreibt die
Folgen der Schuld, in der er mit Recht den geheimen Faktor sieht,
der zu dem Drama entscheidend beigetragen hat. Schließlich folgt
Das Schloß
auf den Bruch mit Milena und erzählt, in einem dem
Gegenstand durchaus angemessenen parodistischen Stil, die
»ewige« Geschichte der Assimilation, die seine Liebe zu einer Chri-
stin plötzlich wieder aktualisiert. Im Grunde gibt es keinen wichti-
gen Text Ka�as, der sich nicht an Wirklichkeitsbeständen entzün-
dete; doch da das gesamte Werk, von der Unpersönlichkeit der
Gattung gewissermaßen überdeckt, das Anekdotische und Zufällige
kategorisch ausschließt, gibt es auch keinen Text, der nicht eine
»universelle« Botscha� zu übermitteln scheint.
Man versteht nun, warum so viele Interpreten dazu neigen, Kaf-
kas
�emen
– Einsamkeit, Verdoppelung, Gnade, Gerechtigkeit, Exil
– mit Großbuchstaben zu schreiben, was sie geradewegs in die
Sphäre der Metaphysik hebt: Ka�a selbst scheint sie dazu aufzu-
fordern, sowohl durch das, was er zu erkennen gibt und was nie er
selbst ist, als auch durch das, was er sorgfältig verbirgt. Feststeht,
daß man, wenn man diesem Universellen den Wert eines Inhalts
7
gibt, ohne zu ahnen, daß es nur der Behälter eines biographischen
Romans ist, berechtigt ist, Ka�as Bildern eine rein symbolische
Funktion zuzuschreiben und sie infolgedessen mit Hilfe eines geeig-
neten Schlüssels zu entziffern. Die symbolische Entschlüsselung
scheint sich in diesem Fall um so mehr aufzudrängen, als der Text
sich ihr in keiner Weise widersetzt; im Gegenteil, er läßt alle Deu-
tungen zu, die man ihm zu geben beabsichtigt, was nicht wunder-
nimmt, da Ka�a sie tatsächlich einpflanzt, um sie nacheinander zu
erproben und schließlich allesamt als trügerische Bequemlichkei-
ten, als ebenso viele Filter zwischen ihm und seiner Wahrheit zu
verwerfen. Kurz, er bietet seinen Exegeten die gleichen falschen
Schlüssel an, die sein Held ausprobiert, um sich zu retten, und
wenn sie so naiv sind, sie zu ergreifen, läßt er sie in die Irre gehen
auf ihren allzu genau vorgezeichneten Wegen, wo sie keinerlei
Chance haben, ihm zu begegnen (genau in diesem Sinne mystifi-
ziert er seine Kritiker und seine Leser, so wie K. durch die
Komplizenscha� seines Unbewußten mit der betrügerischen Welt
mystifiziert wird).
Die metaphysische oder religiöse Kritik, unangebracht und eher
dazu angetan, die Lektüre auf Abwege zu bringen als zu leiten, ist
auch insofern ärgerlich, als sie, fasziniert von der Ewigkeit der Mo-
delle, deren Apparat Ka�a kopiert, an der inneren Entwicklung
vorbeigeht, von der die allgemeine �ematik eindeutig beeinflußt
ist. Von
Beschreibung eines Kampfes
und
Der Verschollene
bis zum
Prozeß
und zum
Schloß
sind die �emen zwar eng miteinander verflochten,
so daß man glauben konnte, sie stünden außerhalb der Zeit; den-
noch spiegeln sie bedeutsame Veränderungen im Verhalten des
Helden gegenüber den anderen und sich selbst wider; sie zeigen,
wie er trotz seines unvermeidlichen Mißerfolgs im Leben unter er-
heblicher Anstrengung zu immer größerer Hellsicht fortschreitet,
bis er sowohl von den Illusionen seiner Träume als auch von den
Meinungen fast ganz abkommt, deren das Kollektiv sich bedient,
um zu herrschen. Da die Helden der Romane ungefähr so alt sind
wie Ka�a zu der Zeit, da er sie erfindet – abgesehen von Karl
Roßmann, der erst sechzehn Jahre alt ist –, sind die Fortschritte der
Selbsterkenntnis, die sich von einem zum andern bemerkbar ma-
chen, auch Fortschritte des Alters und der Erfahrung, zwei Vorzüge,
die freilich von den Folgen des Alterns weitgehend aufgewogen wer-
den (Josef K. ist noch so vital wie ein Dreißigjähriger, doch der
Landvermesser, der auf die Vierzig zugeht, ist schon ziemlich müde,
72
als er sich aufmacht, das Schloß zu erstürmen). So fällt Karl Roß-
mann, ein naiver und unerfahrener Junge, auf die Elternautoritä-
ten, Onkel, Direktoren usw. herein, die ihn hartnäckig verfolgen.
Georg Bendemann stürzt sich ins Wasser, sobald das väterliche
Urteil gesprochen ist, und als gehorsamer Sohn, der unfähig ist,
sich aufzulehnen, ru� er noch im letzten Moment: »Liebe Eltern,
ich habe euch doch immer geliebt.« Gregor Samsa nimmt seine
Verwandlung passiv hin, er bleibt bis zuletzt abhängig von den
Autoritäten – die, wie stets, in den Eltern und den hierarchischen
Vorgesetzten verkörpert sind –, und genau das ist einer der Gründe
seiner Verhexung. In dieser Hinsicht ist Josef K. schon sehr viel
weiter; obwohl das Gericht und seine korrupten Richter ihn weiter-
hin unterjochen, nimmt er den Kampf mutig auf und erkennt
allmählich den riesigen Abstand, der die
Symbole
der Justiz von den
Dingen trennt, die in der Wirklichkeit geschehen. Er macht einen
weiteren großen Schritt vorwärts – leider zu spät –, als er begrei�,
daß der Mechanismus der Justiz ihm so lange unverständlich blei-
ben wird, wie er sich selbst nicht kennt, und daher beschließt, den
Verlauf seines Prozesses zu verändern, indem er seine Selbstbiogra-
phie schreibt (so wie Ka�a sie zeit seines Leben zu schreiben
träumt und es letzten Endes unter dem Schleier seiner Romane
tut).
In diesem doppelten Bereich der Selbsterkenntnis und der kriti-
schen Prüfung der Welt macht der Landvermesser abermals Fort-
schritte, denn so schwach er gegenüber der Zaubermacht der
»Herren« sein mag, er ist ihnen doch nicht so sehr ergeben, daß er
den Legenden und abergläubischen Reden, die über sie umlaufen,
blindlings Glauben schenkte; er beweist hier sogar eine bemerkens-
werte Hellsicht, und wäre da nicht die ungeheure Müdigkeit, die
ihn am Ende niederstreckt, so wäre er von ihrer Herrscha� viel-
leicht genügend befreit, um sich der letzten Vorurteile entledigen zu
können. Was die innere Befreiung betri�, die den anderen Aspekt
seiner Aufgabe bildet, so arbeitet er aktiv daran und lernt, verfüh-
rerischen Personen zu mißtrauen – Barnabas, seinem Boten, und
der Frau mit dem Säugling, die man ihm als »das Mädchen aus
dem Schloß« vorstellt –, in denen er aufgrund seiner kulturellen
Reminiszenzen und seiner unzerstörbaren Heilserwartungen seine
persönlichen Retter erblickt. Es ist sicherlich kein Zufall, daß einer
dieser vermeintlichen Retter durch seinen Namen auf den Mitar-
beiter des Paulus und der andere, die Frau mit ihrem Säugling auf
73
den Knien und dem ihre Stirn verhüllenden Schleier, auf die tradi-
tionelle Ikonographie der Heiligen Jungfrau verweist.
Zweifellos ist dieses Mißtrauen weder stark noch beständig ge-
nug, um die Dämonen auszutreiben; doch im großen und ganzen
hält er sich daran, und am Ende seines dornenvollen Weges sieht er
alle Dinge seiner Umgebung mit einem so klaren und durchdrin-
genden Blick, daß sogar die Herren genötigt sind, sich ihm zu
entziehen. Völlig erschöp�, doch wenigstens von seinen ärgsten
Hirngespinsten befreit, genießt er immerhin die Befriedigung,
Stück für Stück, Symbol für Symbol, Zeichen für Zeichen das all-
mächtige Gebäude demontiert zu haben, das nur dank der Willkür
seiner Herren stehen bleibt, wozu die Denkfaulheit und Leichtgläu-
bigkeit verblendeter Menschen das ihre beitragen. Im Hinblick auf
diesen beschwerlichen Weg des Helden zur Rückeroberung seines
Ich von der Tyrannei des »Amtlichen« ist Ka�as Werk also nicht
nur der Fluchtversuch, auf den er es zu einem bestimmten Zeit-
punkt beschränkt, es spielt in seinem Leben auch die Rolle einer
wahren therapeutischen Kur, die, wenngleich unvollendet, ihn
ziemlich weit auf den Weg der Heilung bringt.
Da Ka�as Darstellung seines »traumha�en innern Lebens«, das
hauptsächlich auf die Flucht, die Heilung, die Rettung ausgerichtet
ist – alle drei sind für ihn ein und dasselbe –, hat sie natürlich nicht
das Ziel, den Autor und seine Leser in die wunderbaren Gefilde des
Traums und der Verantwortungslosigkeit zu entführen; es soll im
Gegenteil dem Träumenden erwachen helfen und ihn veranlassen,
aus den ständig in ihm pulsierenden dunklen Krä�en die gründ-
liche Selbsterkenntnis und aktive Energie zu schöpfen, ohne die er
auf Erden nur ein Halbtoter, ein Halblebendiger, ein Gespenst ist.
Denn anders als die Surrealisten, mit denen man ihn häufig vergli-
chen hat und die ihn gern zitierten, arbeitet Ka�a nicht daran, sich
der Wirklichkeit zu entreißen, um im Traum zur unbändigen Frei-
heit des Irrationalen zu gelangen. Er macht den Traum nicht zum
Ziel seiner Mühen – er ist und lebt in ihm, der Traum ist sogar der
einzige Ort, wo er wirklich zu Hause ist –, im Gegenteil, er ist
unablässig auf der Suche nach dem Wirklichen, das für ihn gerade
der Bereich des Unmöglichen und Verbotenen ist. Er träumt von
der Wirklichkeit als von etwas, das ein magisches Objekt von ihm
fernhält, und er verlangt vom Traum – in dem er nicht das Land
ohne Gesetze und Grenzen sieht, in dem die romantische Seele sich
verlieren möchte, sondern die
bestimmte Phantasie
, die Freud zu ana-
74
lysieren verstand –, er möge ihm das Geheimnis dieses ungeheuer-
lichen Aufenthaltsverbots und, wenn möglich, das Mittel enthüllen,
es aufzuheben.
Daher rührt ein krasser Widerspruch, der die Kritik seit jeher ver-
wundert hat: Obwohl Ka�as Personen regelmäßig in der verkehrten
Welt der Traumphantasie leben, kommen in seinen Erzählungen
keine Träume vor (in seinen
Tagebüchern
und He�en dagegen finden
wir sie in Hülle und Fülle), ein Prinzip, gegen das er nie verstößt, von
ein paar Ausnahmen abgesehen, die die Regel bestätigen, denn sie
erscheinen in unveröffentlichten Texten oder in Romanstellen, die er
sorgfaltig gestrichen hat.
Die Verwandlung
beginnt mit einem Erwa-
chen »aus unruhigen Träumen«, der Traum, der die Verwandlung
möglicherweise verursacht hat, ist also schon vorbei, und nichts wird
mehr an ihn erinnern. Josef K. wird eines Morgens verha�et, als er
gerade aufgewacht ist, und was ihm dann zustößt, ist vielleicht die
Fortsetzung eines nächtlichen Alptraums, er erlebt ihn schlicht und
einfach im Wachzustand und am hellichten Tag. Den einzigen Traum,
den Josef K. während seines Prozesses einmal träumte – er sah, wie
jemand die Buchstaben seines Namens langsam auf einen Grabstein
schrieb –, hat Ka�a aus dem Roman herausgenommen und in einem
gesonderten Band veröffentlicht
6
, so wie er auch die Stelle gestri-
chen hat, wo Josef K. in einem Wachtraum sah, wie der Maler
Titorelli, der sein Retter geworden war, blendendes Licht auf ihn
strömen ließ.
7
Was das Verhältnis zwischen Traum und Wirklichkeit
angeht, so gibt noch eine andere gestrichene Stelle des
Prozeß
bemer-
kenswerte Aufschlüsse – sie gibt zweifellos zu viele, was durchaus zu
ihrer Tilgung beigetragen haben könnte: »Jemand sagte mir – ich
kann mich nicht mehr erinnern, wer es gewesen ist –, daß es doch
wunderbar sei, daß man, wenn man früh aufwacht, wenigstens im
allgemeinen alles unverrückt an der gleichen Stelle findet, wie es am
Abend gewesen ist. Man ist doch im Schlaf und im Traum wenigstens
scheinbar in einem vom Wachen wesentlich verschiedenen Zustand
gewesen, und es gehört, wie jener Mann ganz richtig sagte, eine un-
endliche Geistesgegenwart oder besser Schlagfertigkeit dazu, um mit
dem Augenöffnen alles, was da ist, gewissermaßen an der gleichen
Stelle zu fassen, an der man es am Abend losgelassen hat. Darum sei
auch der Augenblick des Erwachens der riskanteste Augenblick am
Tag; sei er einmal überstanden, ohne daß man irgendwohin von sei-
nem Platze fortgezogen wurde, so könne man den ganzen Tag über
getrost sein.«
8
75
Der geheimnisvolle Jemand, der Josef K. so deutlich über die
wahren Umstände seiner Verha�ung unterrichtet – offensichtlich
Kafka selbst, der sich, unerlaubterweise einmal in seiner Ge-
schichte au�retend, zensieren muß –, dieser Eindringling hat jeden-
falls das Verdienst, den besonderen Raum und den besonderen
Augenblick zu umreißen, welche die Einleitung des Prozesses auf
ärgerliche Weise erleichtern: zwischen Traum und Wachen, dem hei-
kelsten Augenblick des Tages, von dem sich der aus seinem Traum
schlecht erwachte und an seine beiden Zustände letztlich schlecht
angepaßte Held vergeblich zu befreien sucht (auch der von der
Nachtglocke aufgeschreckte Landarzt ist Gefangener dieser verzau-
berten Zwischenwelt: Sein mit unirdischen Pferden bespannter
irdischer Wagen erlaubt ihm weder eine wirkliche Flucht aus der
Welt noch eine Rückkehr zur Wirklichkeit).
Der Traum, der als solcher in der Erzählung fehlt und trotzdem
durch die Art, wie er die Tatsachen insgeheim durcheinanderbringt,
sehr aktiv ist, hat bei Ka�a also nichts mit den faszinierenden
Phantasmagorien zu tun, die man unter diesem Namen mehr oder
weniger immer erwartet; er macht sich nur seine besondere Funk-
tionsweise nutzbar, die, der wachen Welt übergestülpt, in jedem
Augenblick Mißtöne, schwer lokalisierbare Störungen, unschick-
liche Verschiebungen verursacht. Mit einer Kenntnis des Phäno-
mens, wie sie allein ein Gewohnheitsträumer haben kann, und
zwangsläufig mit seiner eigenen Finsternis vertraut, grei� Ka�a
ganz bewußt nur solche psychischen Mechanismen des Traums auf,
die zu seiner Verarbeitung beitragen, und läßt sie auf die Organi-
sation seiner Erzählungen dergestalt wirken, daß die Grenze zwi-
schen Traum und Wirklichkeit, und sei es im wildesten literarischen
Traum, verwischt erscheint. Aufgrund dieser Mechanismen der
Identifizierung, Projektion, Verschiebung und Verdichtung, die er
nicht nur kennt, als habe er Freud gelesen – und wir wissen, daß er
es getan hat –, sondern als habe er sie selbst neuerfunden
9
, bevöl-
kert er seine Bücher mit Leuten, die niemals das sind, was sie dort
zu sein scheinen, wo man sie zu sehen glaubt, und die nie sagen
oder tun, was man in ihrer Situation von ihnen erwartet. Man weiß
nicht, woran man ist mit den handelnden Personen der Geschichte,
denn einmal verteilt Ka�a auf mehrere Gestalten Elemente, die zu
einer einzigen Person gehören, ihr jedoch fremd bleiben, weil sie sie,
als Teile von ihr, die mit ihren bewußten oder unbewußten Wün-
schen unvereinbar sind, seit langem buchstäblich ausgetrieben hat;
76
ein andernmal verdichtet er in ein und derselben Figur heterogene
Elemente, die, da nicht erkannt, den Helden in dem trügerischen
Gefühl seiner Einheit bestärken. Indem er die Traumtechnik in ih-
rer produktivsten Seite nachahmt, trennt er, was zusammengehö-
ren sollte, vermengt, was getrennt bleiben müßte, veräußerlicht das
Unsichtbare und verinnerlicht das Äußere – und zwar deshalb, um
die Unordnung seines Seelenlebens klarer zu durchschauen und zu
versuchen, es neu einzurichten, indem er die ungeheure Energie
zurückgewinnt, die seine Neurose zu verschwenden ihn zwingt.
Aber obwohl er vom Traum vor allem verlangt, er möge ihm zeigen,
was ihm fehlt, um seine Krä�e besser nutzen zu können, zieht er
daraus für seine Kunst einen unschätzbaren ästhetischen Vorteil;
denn indem er das Grundprinzip der Traumgrammatik befolgt, das
die Beziehungen der
Kausalität
und der
Zugehörigkeit
durch einfache
Beziehung den der
Kontiguität
ersetzt, ist er in der Lage, die psycho-
logischen Erklärungen und inneren Monologe wegzulassen, die der
»tiefe« Roman nicht entbehren zu können meint. Statt über den
Charakter und das Verhalten seines Helden subtile Bemerkungen
zu machen, läßt er ihn entweder in einer unüberbrückbaren Ent-
fernung oder aber in einer beunruhigenden Nähe der Wünsche
leben und handeln, die sich, in unbekannter Tiefe in ihm vorhan-
den, für ihn in Form fremder Wesen materialisieren. Und dank
dieser Ersetzung der Rede durch das Bild, was ja eine der auffal-
lendsten Eigenscha�en des Traums ist, bewahrt er seine Geschich-
ten vor der Pedanterie und der Trivialität, die mit dem banalen
Gebrauch der Psychologie stets verbunden sind.
Nicht aus Vergnügen, sondern aus Notwendigkeit hält sich Ka�a
anhand parzellierter und verdoppelter Gestalten unau�örlich seine
eigene Zerstückelung vor Augen. Zerstückelt, gespalten, mit der
beschwerlichen Fähigkeit begabt, sich mit jedem beliebigen äuße-
ren Gegenstand zu identifizieren
20
und umgekehrt, der Fähigkeit,
die dunklen Krä�e, die sich in ihm regen, auf die Außenwelt zu
projizieren – das ist er in der Wirklichkeit in viel höherem Grade als
in der Imagination; die intensive Traumtätigkeit, die sein Innenle-
ben affiziert, würde ausreichen zu beweisen, daß sie für ihn unmit-
telbare Realität ist, eben jene, die ihn zwar unwiderstehlich zur
Literatur drängt, ihn jedoch von Beginn an den schwersten Gefah-
ren aussetzt. In einem der Aphorismen, die man gewöhnlich unter
dem Titel
Er
zusammenfaßt, weil er hier in der dritten Person von
sich spricht, gerade aufgrund seiner starken Neigung, sich zu ent-
77
persönlichen, schreibt er zu diesem �ema: »Er lebt in der Dia-
spora. Seine Elemente, eine frei lebende Horde, Umschweifen die
Welt. Und nur, weil auch sein Zimmer zur Welt gehört, sieht er sie
manchmal in der Ferne. Wie soll er für sie die Verantwortung tra-
gen? Heißt das noch Verantwortung?«
2
Man sieht, daß Ka�a sich
hier nicht nur mit dem zerstreuten jüdischen Individuum identifi-
ziert, sondern mit der Diaspora insgesamt, er ist sowohl das
jüdische Volk, das aufgrund seiner historischen Zerstreuung vogel-
frei geworden ist, als auch der innerlich zerrissene Jude, der ›er‹, der
seine verwilderten Elemente nicht zusammenzufassen, nicht zu be-
herrschen, ja nicht einmal zu erkennen vermag. Denn für ihn hat
das verlorene Gesetz im psychischen Bereich die gleichen Auswir-
kungen wie im Felde der Geschichte und der Gesellscha�: Es
verwandelt das Volk in eine Horde und den vereinzelten Juden in
eine kleine Diaspora von verstümmelten, unregierbaren Ichs.
Die berühmten Doppelgestalten, die Ka�a seinen Helden zur
Seite stellt, sind also keine phantastischen Personen, sie entspre-
chen in allen Punkten der schweren Störung, die K. daran hindern,
mit sich selbst in Frieden zu leben und sich einen gerechten Platz in
der Gemeinscha� zu erobern. Die beiden Wächter – Wächter, nicht
Polizisten –, die Josef K. in seinem Schlafzimmer verha�en, sehen
zwar so aus, als existierten sie für sich selbst und kämen von drau-
ßen; doch bei näherem Zusehen geben sie einige Besonderheiten zu
erkennen, die zu bemerken der Held des
Prozeß
großes Interesse
haben sollte (aber er ist ja gerade so beschaffen, daß er sie überse-
hen muß). Zunächst einmal heißt einer von ihnen Franz, aus einem
Grund, den Ka�a natürlich genau kennt, auch wenn er Josef un-
bekannt ist (ironischerweise tragen beide zusammen den Vornamen
des Kaisers Franz-Joseph, in dem die Juden der Doppelmonarchie
ihren traditionellen Beschützer verehren und den man zu Ka�as
Zeiten für unvergänglich zu halten pflegte). Die beiden Wächter –
der andere trägt den sehr germanischen Namen Willem – erzeugen
zwischen sich und dem Verha�eten sofort eine körperliche Promis-
kuität, was ein weiterer Beweis für ihren Herkun�sort ist: Sie
dringen in Josefs Zimmer ein, verzehren sein Frühstück und neh-
men ihm seine Wäsche weg, wofür er sie übrigens hart bestrafen
lassen wird. Franz und Willem geben sich für niedere Angestellte
aus, die, obwohl in die Sache nicht eingeweiht, zu großem Wohl-
wollen für den Verdächtigen neigen. Sie sind, wie Willem sagt,
Leute, »die Ihnen jetzt von allen Ihren Mitmenschen am nächsten
78
stehen«. Und Franz fügt hinzu: »›Es ist so, glauben Sie es doch‹
[…], [er] führte die Kaffeetasse, die er in der Hand hielt, nicht zum
Mund, sondern sah K. mit einem langen, wahrscheinlich bedeu-
tungsvollen, aber unverständlichen Blick an.«
22
Wie könnte er,
entrüstet über die Art, wie die beiden Schergen bei ihm eingedrun-
gen sind, denn glauben, daß sie ihm tatsächlich wohlgesonnen sind?
Wie könnte er verstehen, daß Franz’ langer Blick dem Kernpunkt
seines Prozesses gilt? Wie könnte er zugeben, daß diese groben,
gierigen, bornierten Burschen, für die er nur Ekel und Verachtung
übrig hat, Repräsentanten der niederen Schichten seiner eigenen
Psyche sind, Elemente der entfesselten Horde, die er selber ist und
von der er um keinen Preis etwas hören will? Die beiden Wächter
sind ausgestoßen, buchstäblich verdrängt aus der Persönlichkeit,
die er sich nach dem Bild seiner geistigen Hierarchie geschaffen hat
und in der Gelüste jeglicher Art, an erster Stelle die geschlechtliche
Begierde, unwiderruflich verdammt sind. Ausgestoßen, jedoch
nicht vernichtet – im Unbewußten, aus dem sie kommen, stirbt
niemals etwas, alles wiederholt sich nur – , kehren sie am Tag seines
dreißigsten Geburtstages zurück und suchen ihn heim (es sind
wirklich Gespenster, die verschwinden, wie sie gekommen sind, in
einem Augenblick), um zu versuchen, ihren Platz in ihm wiederein-
zunehmen und ihm damit zu helfen, seine Einheit wiederzufinden.
Sie haben also recht, wenn sie K. sagen, sie handelten zu seinem
Besten, so wie Frau Grubach in ihrer mütterlichen Weisheit recht
hat, wenn sie seinen Prozeß nicht für einen Fluch, sondern für eine
Sache hält, die über sein Glück entscheidet.
23
Freilich bleibt K.
Gefangener einer psychischen Organisation, in der das Oben und
das Unten, Herzensliebe und Sexualität für immer auseinander-
klaffen, notgedrungen taub für diese Sprache des gesunden Men-
schenverstandes; die Sache, die seine Zimmervermieterin mit
seinem Glück verbindet, hält er »überhaupt Für nichts«, und was
die Wächter sein Bestes nennen, ist für ihn das Böse, das Unreine,
der übelste Verrat an seinem Ideal. Deshalb stößt er sie brutal zu-
rück und nimmt damit seiner Verha�ung die tatsächliche Hilfe, die
sie ihm doch gewähren soll. Kaum hat sein Prozeß begonnen, ist er
schon verloren: Da er ihn vom ersten Augenblick an schief aufge-
faßt hat, verwandelt er ihn in jenen irreversiblen Krankheitsprozeß,
der ihn allmählich von allen isolieren und schließlich aus dem Le-
ben entfernen wird.
Für die Verachtung, mit der er seinen Wächtern begegnet – und
79
für seine Brutalität, vergessen wir nicht, daß er ihren Diebstahl den
Behörden meldet, was ihn für ihre furchtbare Bestrafung verant-
wortlich macht –, wird er von zwei anderen »Herren« bestra�, die
stumm sind, »alte, untergeordnete Schauspieler«, »bleich und fett«,
mit ekelha� sauberen Gesichtern, die er natürlich ebenfalls nicht
als die seinen erkennt. Allerdings belästigen ihn diese Schmieren-
komödianten auf ganz andere Weise als die Wächter; sie kommen
nicht, um ihm die Notwendigkeit, den Trieb wieder in sein Gefühls-
leben einzubeziehen, vor Augen zu führen, sondern etwas viel
Schrecklicheres, das ihr Au�reten ihn sofort ahnen läßt: nämlich
die jämmerliche Schmierenkomödie, die in seinem Wesen liegt und,
für Ka�a selbst, die Verurteilung seiner zweifelha�en und ungenü-
genden Kunst ist, unterhöhlt von der doppelten Wirkung einer
krankhaften Neigung zum Schweigen und einer übertriebenen
Theatralik. Josef K. der sich, seit er seine Selbstbiographie zu
schreiben gedenkt, mehr und mehr seinem Autor annähert, ist nicht
bereit, die triviale �eatralik, die jener vor allem anderen aus sei-
nem Werk verbannen will, wieder einzugliedern; doch diesmal wird
er dazu gezwungen, die beiden Herren in Schwarz bedeuten es ihm,
als sie ihn so eng zwischen sich nehmen, daß sie mit ihm zusam-
menwachsen: »Gleich aber vor dem Tor hängten sie sich in ihn in
einer Weise, wie K. noch niemals mit einem Menschen gegangen
war. Sie hielten die Schultern eng hinter den seinen, knickten die
Arme nicht ein, sondern benützten sie, um K.s Arme in ihrer gan-
zen Länge zu umschlingen, unten erfaßten sie K.s Hände mit einem
schulmäßigen, eingeübten, unwiderstehlichen Griff. K. ging straff
gestreckt zwischen ihnen, sie bildeten jetzt alle drei eine solche Ein-
heit, daß, wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle
zerschlagen gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur
Lebloses bilden kann.«
24
Weil er nicht verstanden hat, seine Wäch-
ter und seine Komödianten frei in sich leben zu lassen, findet er im
letzten Augenblick nur die ganz materielle Einheit seines kün�igen
Leichnams wieder; und als einer der Herren »ein langes dünnes
[…] Fleischermesser« zückt, das für seine Hinrichtung bestimmt
ist, weiß K. zwar, daß er selbst es fassen und sich ins Herz bohren
müßte; aber er tut es nicht, so wie Ka�a den langsamen Tod erlei-
det, den sein inneres Verhängnis ihm bringt, ohne daß er etwas
unternähme, um ihn zu beschleunigen.
80
Wenn die spezifisch sexuelle Bestimmung der Wächter im
Prozeß
nur in Anspielungen erwähnt wird – ihr Eindringen in Fräulein
Bürstners Zimmer, wo K.s erstes Verhör stattfindet –, so zeigen sie
die anderen Geschichten von verdoppelten Dingen oder Wesen mit
solch komischer Grausamkeit, daß es hier kaum noch etwas zu
deuten gibt (doch ist hier wie in vielen anderen Punkten das Offen-
sichtliche bei Ka�a gerade das, was man am wenigsten sieht).
Nehmen wir zum Beispiel Blumfeld – seinem Namen nach Jude
und seinem Stand nach Junggeselle –, der mühsam sechs Stock-
werke hinaufsteigt und dabei über die Nachteile seines einsamen
Lebens stöhnt. Niemand erwartet ihn, keine Frau, kein Kind, nicht
einmal ein Hund. Ein Hund! Er erwägt o�, sich einen anzuschaffen,
welche Freude wäre es, ein kleines Tier zu haben, das ihn bei seiner
Heimkehr aus dem Büro mit freudigem Bellen empfangen würde.
Ja, aber ein Hund verunreinigt alles, es ist gar nicht zu vermeiden,
und das kann Blumfeld bei seiner Ordnungsliebe und Reinlichkeit
natürlich nicht ertragen. Und während er weiter hinaufsteigt, faßt
der alte Knabe alle Störungen ins Auge, die die Anwesenheit eines
Hundes in sein geregeltes Leben bringen würde, und bevor er im
sechsten Stock ankommt, hat das Tier seiner Phantasie bereits alle
möglichen Krankheiten gehabt, »[…] man umwickelt es mit einer
Decke, pfei� ihm etwas vor, schiebt ihm Milch hin, kurz, pflegt es in
der Hoffnung, daß es sich, wie es ja auch möglich ist, um ein vor-
übergehendes Leiden handelt, indessen aber kann es eine ernst-
ha�e, widerliche und ansteckende Krankheit sein«; schließlich ist
der Hund alt geworden, »und es kommt dann die Zeit, wo einen das
eigene Alter aus den tränenden Hundeaugen anschaut. Dann muß
man sich aber mit dem halbblinden, lungenschwachen, vor Fett fast
unbeweglichen Tier quälen und damit die Freuden, die der Hund
früher gemacht hat, teuer bezahlen. So gern Blumfeld einen Hund
jetzt hätte, so will er doch lieber noch dreißig Jahre allein die Treppe
hinaufsteigen, statt später von einem solchen alten Hund belästigt
zu werden, der, noch lauter seufzend als er selbst, sich neben ihm
von Stufe zu Stufe hinaufschleppt«.
25
Blumfeld hat seine Haustür
noch nicht erreicht, als die Sache erledigt ist; er wird allein bleiben,
und nichts Lebendiges droht ihn mehr zu belästigen.
Egoistisch, kleinlich, knauserig, berechnend, furchtsam und un-
fähig zu lieben, hat Blumfeld auf das Lebendige verzichtet, um sein
Inneres vor Krankheit, Unordnung und Unreinlichkeit zu bewah-
ren. Er hat sich der Freuden der Liebe und des Geschlechts
8
entschlagen, um sich die Verwirrung und Sorgen zu ersparen, die
eine Frau, noch weit mehr als der Hund, von dem er weiterhin
träumt, notgedrungen in sein Leben gebracht hätte. Wie alle Hel-
den Ka�as wird er dafür bestra�, daß
neben ihm
au�aucht, was
in
ihm
eine Quelle des Glücks und der Harmonie sein müßte. In sei-
nem Zimmer erwartet ihn nämlich ein überraschender Anblick.
»Das ist ja Zauberei, zwei kleine, weiße blaugestrei�e Zelluloid-
bälle springen auf dem Parkett nebeneinander auf und ab; schlägt
der eine auf den Boden, ist der andere in der Hohe, und unermüd-
lich führen sie ihr Spiel aus.«
26
Blumfeld versteht nichts, zuerst
vermutet er, daß die Bälle an unsichtbaren Fäden hängen, doch
bald muß er feststellen, daß sie sich selbständig bewegen, ihre leb-
lose Materie hat sich für ihn beseelt, und sie hören nun nicht mehr
auf, ihn zu plagen. Sie he�en sich an seine Fersen, begleiten ihn
rhythmisch hüpfend, drehen sich um, wenn er kehrtmacht, und
damit man genau weiß, welchen Platz sie einnehmen müßten, aber
nicht können, bleiben sie stets hinter ihm, sie haben nur gewagt,
sich vor ihm zu zeigen, um sich vorzustellen, nun aber ist ihnen das
offenbar untersagt. Nachdem er ihretwegen eine schlaflose Nacht
verbracht hat, beschließt Blumfeld endlich, da er immerhin gute
Gründe hat, sie nicht zu zerstören, sie in seinen Kleiderschrank
einzusperren. Und um ihr lästiges Hüpfen nicht mehr hören zu
müssen, stop� er sich Watte in die Ohren, in der Tat das beste
Mittel, nicht zu erfahren, worauf sie hinauswollen und aus welchem
Grunde sie ihn plagen müssen.
Aus Abscheu vor Unordnung, Schmutz und Ansteckung
27
hat
Blumfeld die Frauen, Kinder und Hunde, die er hätte lieben kön-
nen, aus seinem Leben verbannt. Doch wenn er glaubte, insoweit
seine Ruhe zu bewahren, hat er sich arg getäuscht; er hat sich damit
nicht des Geschlechts entledigt, das er in sich abtöten wollte, es
wird im Gegenteil, aus seinem Körper herausgedrängt und wie eine
Karikatur des Lebens sich regend, ihn mehr denn je behelligen.
Indem er es in einen Schrank sperrt und seine Ohren verstop�,
damit er seinen Ruf nicht mehr höre, wird er den Schikanen be-
stimmt kein Ende setzen, und was er dabei gewinnt, ist lediglich,
daß sein Unglück zur Komödie gerät.
Nachdem Blumfeld die ärgerlichen zwei Bälle unter Verschluß
gebracht hat und von dem, woran sie ihn erinnern, scheinbar be-
freit ist, begibt er sich in sein Büro, als ob nichts geschehen wäre.
Und dieses »Als ob« des halb unbewußten, halb gewollten Verges-
82
sens setzt ihn auf der Stelle neuen Widrigkeiten aus. Denn im Büro
haben die zwei Bälle, ihre Vertreter in Gestalt zweier kleiner Prak-
tikanten – faule, ängstliche, ungeschickte, naschha�e Kinder, zu
nichts nütze, die ihm der Direktor als Gehilfen zugeteilt hat, damit
sie ihm einen Teil seiner harten Arbeit abnehmen. Da die Ge-
schichte plötzlich abbricht, wissen wir nicht, welchen Verdruß die
beiden Strolche ihrem Vorgesetzten noch bereiten sollten; die Per-
sonen selbst jedoch sind uns wohlvertraut; an ihrer Faulheit, ihrer
Sorglosigkeit, ihrer Ängstlichkeit und Kindlichkeit – Zeichen für
den Infantilismus, in dem Blumfeld und seinesgleichen verharren –
erkennen wir sie sofort als die Zwillingsbrüder der beiden Gehilfen
vom
Schloß
, das zudringlichste und demonstrativste aller Paare von
Quälgeistern, die Ka�a seinem Helden schickt, um ihn zur Erde
zurückzuholen und von seiner Ernstha�igkeit zu kurieren.
Schon zu Beginn des Romans kündigt K. der behauptet, er sei
als Landvermesser ins Dorf gerufen worden, die unmittelbar bevor-
stehende Ankun� seiner Gehilfen mit den Apparaten an. Kurz
darauf begegnet er zwei jungen Männern »von mittlerer Größe,
beide sehr schlank, in engen Kleidern«, die ihn durch ihre Ähnlich-
keit und die außergewöhnliche Schnelligkeit in Erstaunen setzen,
mit der sie sich im Schnee vorwärtsbewegen. Da er selbst verzwei-
felt mit der dicken Schneeschicht kämp�, in der er versinkt, hat er
großes Verlangen, von ihnen mitgenommen zu werden, anders ge-
sagt, sie zu Gehilfen zu nehmen; doch kaum hat er sie gerufen,
verliert er sie aus den Augen. Als er wieder im Gasthaus ist, be-
merkt er dieselben beiden Knaben, jeden an eine Seite der Tür
gelehnt, die ihn offensichtlich erwarten. »›Wer seid ihr?‹ fragte er
und sah von einem zum anderen. ›Eure Gehilfen‹, antworteten sie.
›Es sind die Gehilfen‹, bestätigte leise der Wirt. ›Wie?‹ fragte K. ›Ihr
seid meine alten Gehilfen, die ich nachkommen ließ, die ich er-
warte?‹«
28
K. kennt also seine eigenen Angestellten nicht oder,
genauer gesagt, er erkennt sie nicht wieder, obwohl er in irgendei-
nem dunklen Winkel seines Bewußtseins weiß, daß diese Leute ihm
gehören und seit langem in seinen Diensten stehen (»meine alten
Gehilfen«). Natürlich ist es absurd; bei Tageslicht und sogar in dem
Halbdunkel, in dem die Geschichte sich abspielen wird, kann eine
derartige Vermengung von Wissen und Nichtwissen keine vernünf-
tige Erklärung haben, es sei denn, K. ist verrückt oder lügt vorsätz-
lich; doch je weiter man in seine Beziehungen zu den beiden
sonderbaren Helfern eindringt, läßt sich nicht mehr daran zweifeln,
83
daß allein diese scheinbar unauflösliche Absurdität die Logik des
Romans ausmacht.
K. behandelt die Gehilfen, die gekommen sind, ihn bei seiner
hypothetischen Landvermessung zu unterstützen – ohne ihre Ap-
parate mitgebracht zu haben und, das versteht sich von selbst, ohne
von dieser Arbeit das geringste zu verstehen – mit einer Rücksichts-
losigkeit, die um so unerklärlicher ist, als er gleichzeitig zuläßt, daß
sie seine Privatsphäre völlig dominieren. Freilich taugen die beiden
Knaben nicht mehr als Blumfelds Praktikanten; obwohl sie eine
dunkle Gesichtsfarbe haben und einen durchaus männlichen Bart
tragen, sind sie ungemein kindlich, folgsam und übertrieben ängst-
lich, faul, verlogen, unzüchtig, entwaffnend in ihrer Unschuld und
Ungeschicklichkeit (wie die beiden Personen im Ka�an aus dem
Meschumed
von Lateiner, die Ka�a früher nachhaltig beeindruckt
haben). Aber wenngleich K. sich ihnen gegenüber als unbarmher-
ziger Dienstherr aufführt, der sich seiner Rechte und seiner Über-
legenheit bewußt ist, so ist er doch außerstande, sich ihrer
ständigen Einmischung in seine privatesten Angelegenheiten zu er-
wehren. Ihre wahre Aufgabe hat nämlich nichts mit der Landver-
messerei zu tun, von der K. so viel Au�ebens macht; für sie besteht
sie einfach darin, Tag und Nacht an seiner Seite zu sein, und sie von
dieser Aufgabe abzubringen, hat ihr zu ihrem Sklaven gewordener
Herr nicht die Macht.
Am Morgen nach der ersten Liebesnacht, die K. mit Frieda im
Herrenhof verbracht hat, in dem Unrat und den Bierpfützen des
Ausschanks rollend, ist er kaum erwacht, als er seine beiden Gehil-
fen schon auf der �eke sitzen sieht, »ein wenig übernächtigt, aber
fröhlich; es war die Fröhlichkeit, welche treue Pflichterfüllung
gibt«.
29
In Anbetracht dessen, was in der Nacht geschehen ist, kann
sich die »Pflicht«, welche die Gehilfen zu ihrer Zufriedenheit erfüllt
haben, nur auf die Umarmung der beiden Liebenden und auf den
aktiven Anteil beziehen, den sie selber am Erfolg ihres Herrn hat-
ten. Von diesem Moment an jedenfalls sind K. und Frieda keinen
Augenblick mehr allein, jede Sekunde der Intimität teilt das unzer-
trennliche Paar mit ihnen, mehr noch, es sieht so aus, als könne K.
die Frau nur in Gegenwart der beiden Gehilfen besitzen, denn an
dem Tag, an dem von ihnen, der schlechten Behandlung, die er von
ihm erdulden muß, überdrüssig, sich im Schloß beschwert, um sei-
ner Aufgabe enthoben zu werden, verläßt ihn Frieda auf der Stelle,
ohne Hoffnung auf Rückkehr.
84
Noch einmal erweckt Ka�a in diesem letzten Roman
neben
sei-
nem Helden, jedoch in sehr bezeichnender Nähe und Promiskuität,
die Triebkrä�e, die normalerweise
in ihm
tätig sein müßten, in voller
Übereinstimmung mit den höheren Instanzen seines Geistes. So
wie Josef K. für diese elementaren Gestalten des Triebs, die seine
beiden Wächter darstellen, nur Abscheu und Verachtung übrig hat,
so verweist der Landvermesser seine Gehilfen, die es, so wie er sie
sieht, gewiß zu verdienen scheinen, auf die unterste Stufe der
Menschheit. Obwohl er ihre Namen genau kennt – jeder im Dorf
nennt sie Artur und Jeremias, und niemand verwechselt sie –, be-
ruft er sich auf ihre große Ähnlichkeit, die es ihm angeblich
unmöglich macht, sie zu unterscheiden, was sie mit Recht als eine
grausame Verleugnung empfinden.
30
Er versteht nicht – oder ver-
steht vielmehr nur allzu gut, und daß er die Gehilfen mit
Schlangen
vergleicht, beweist es zur Genüge –, daß die beiden Nichtsnutze
wirklich geschickt wurden, ihm zu helfen, und daß er, wenn er aus
dem Zustand der Unfähigkeit herauskommen will, in den er sich
selbst verrannt hat, sich nicht nur mit ihnen aussöhnen, sondern sie
wieder in sein Leben einbeziehen muß. Dieses halb gewollte, halb
erzwungene Unverständnis hat um so schlimmere Folgen, als er
sich darauf verstei�, die Gestalt des Barnabas zu idealisieren, nur
weil er meint, sein junger Bote stehe mit den mächtigsten Herren in
Verbindung, die er trotz seiner Hellsicht, die er nach und nach in
bezug auf sie erwirbt, fast bis zuletzt an der Spitze seiner persönli-
chen Hierarchie beläßt. So täuscht er sich auf beiden Seiten: indem
er seine wahren Gehilfen ablehnt, und indem er sein Heil an dem
hohen Ort sucht, wo die »Schri�en« der Bürokratie hergestellt wer-
den, was nicht nur seine Heiratspläne, sondern auch die Assimila-
tion an die Welt des Grafen West-West vereitelt, für die er alles
aufgegeben hatte.
Neben ihrer Rolle als Abgesandte des herabgewürdigten, ver-
dammten, verdrängten Triebs haben die Doppelgänger nämlich
noch eine ganz bestimmte soziale Funktion, die ihrer Beziehung zu
K. eine zusätzliche Note von Unverständnis und Verachtung hin-
zufügt. Schon Subalterne auf der erotischen Ebene, die die ihre ist,
stehen sie auch in K.s realer Umgebung auf der untersten Sprosse
der gesellscha�lichen Leiter – in
Der Verschollene
sind es schmarot-
zende Landstreicher, im
Prozeß
hungerleidende Wächter und ver-
krachte Schauspieler, im
Schloß
Arme im Geiste –, und obwohl er
selbst von den hohen Behörden verfolgt wird, hat er für sie bloß den
85
verächtlichen Blick des allmächtigen Herrn (einzig Karl Roßmann
ist frei von dieser Arroganz, allerdings ist er erst sechzehn Jahre alt,
und seine Doppelgänger beuten seine Jugend schamlos aus). Josef
K. immer im Bewußtsein seines guten Rechts, zeigt den Wäsche-
diebstahl an, den Franz und Willem bei seiner Verha�ung begangen
haben, und obwohl er über die schrecklichen Prügel, mit der sie
dafür bestra� werden, entsetzt ist, unternimmt er wenig, sie zu
verhindern (er wir� hastig die Tür der Rumpelkammer zu, in der
die Szene sich abspielt, so wie Blumfeld die Tür des Kleiderschranks
über den hüpfenden kleinen Bällen verschließt). Von der Wichtig-
keit durchdrungen, die seine privilegierte Lage ihm verleiht, sieht er
um sich herum fast nur Untergebene, nichtswürdige Leute, die,
abgesehen von den Auskün�en, die er ihnen über seine Angelegen-
heit entlockt, von ihm persönlich nie ein Zeichen der Wertschätzung
empfangen. Er genießt die Frauen, liebt sie jedoch nicht, in Wahr-
heit kümmert er sich nur um sich selbst, was seinen Unschuldsbe-
teuerungen viel von ihrer Bedeutung nimmt.
Wenngleich der Landvermesser die bürgerlichen Vorurteile seines
Vorgängers nicht teilt – er hat sie mit dem Rest seines menschlichen
Gepäcks über Bord geworfen, so daß er, der nun keine Anstellung,
keinen Platz und keine Habe mehr hat, gleichsam am Rande der
Kasten und Klassen steht – , behandelt er die arglosen jungen Bau-
ern, die auch seine Gehilfen sind, dennoch mit unnötiger Brutalität,
ohne für ihr persönliches Leben je das geringste Interesse zu bekun-
den, ohne auf ihre Würde Rücksicht zu nehmen. Er behauptet,
Frieda zu lieben, aber kein einziges Mal fragt er sie nach ihrer
Kindheit, nach ihren Wünschen oder Gedanken, sie sagt es ihm
übrigens traurig; »Du hast keine Zärtlichkeit, ja nicht einmal Zeit
mehr für mich, du überläßt mich den Gehilfen, Eifersucht kennst
du nicht, mein einziger Wert für dich ist, daß ich Klamms Geliebte
war […]«
3
Das stimmt, Frieda ist für ihn nur ein Tauschmittel, ein
Unterpfand, das er gegen Klamm in Händen hat und umzumünzen
ho�. Und so wie er an Frieda nie um ihrer selbst willen denkt, so
empfindet er für alles, was um ihn herum geschieht, nichts als
Gleichgültigkeit, in seinen Augen sind die Bauern eine gesichtslose
Masse, in der die Individuen völlig verschmelzen; er versteht nichts
von ihren Bräuchen, ihren Bedürfnissen, von der Art, wie sie mit
der Welt zurechtkommen, in die ihre Geburt sie gestellt hat. Doch
obwohl sie ihm alle unterschiedslos fremd – und unsympathisch –
bleiben, möchte er sie trotzdem bessern, ihre Irrtümer korrigieren,
86
ihr Urteil berichtigen, kurz, er will sie zivilisieren. Und er treibt
seine Unbedachtheit sogar so weit, diesen Leuten, die er anschaut,
als kämen sie von einem anderen Planeten, seine eigenen Argumen-
tationsweisen eintrichtern und sie ihm ähnlich machen zu wollen,
während er sich weiterhin einredet, es komme ihm vor allem darauf
an, ihnen ähnlich zu werden (wie Gerstäcker und Lastmann zu
werden, das erscheint ihm allemal das Dringlichste). Erstaunlich
unter diesen Umständen ist wirklich nicht das Mißlingen, das ihn
nach acht Tagen aufreibender Irrfahrt erwartet, sondern die Tatsa-
che, daß er sich in das Abenteuer stürzte und auch nur einen
Augenblick ho�e, es bestehen zu können.
Auf diese Weise überlagert Ka�a die Krankheit des Triebes, de-
ren Zeugen die »Doppelgänger« sind, mit der sozialen Krankheit,
die den ganzen jüdischen Organismus in der historischen Diaspora
befällt; in Gestalt seiner Gehilfen, seiner Wächter und jener unge-
legenen Paare, mit denen er seine Erzählungen bevölkert, evoziert
er auf dem Schirm einer scheinbaren Phantastik sowohl die psychi-
sche Unfähigkeit des Neurotikers als auch das schlechte soziale
Gewissen des zerstreuten Juden – zwei Sachverhalte, die er nie
voneinander scheidet und die in seinen Büchern quälend präsent
sind, eben weil das Leben ihm nicht erlaubt, sich entweder mit
ihnen abzufinden oder sie abzustreifen, oder die volle Verantwor-
tung für sie zu übernehmen.
Neben dieser Zersplitterung des Helden in zwei oder mehrere nicht
wiederzuvereinende Ichs bedient sich Ka�a ausgiebig noch eines
anderen Mechanismus des Traums, der umgekehrt funktioniert und
ihm die Möglichkeit gibt, verschiedene Aspekte seiner selbst zu
einer einzigen Gestalt zu verdichten. Die Doppelgänger sind nun
nicht mehr von dem »Ich« abgelöst, das sie ignorieren will, sondern
das »Ich« trägt sie, ohne es zu wissen, in sich, in Form zweier
heterokliter, meist radikal entgegengesetzter Naturen. Im ersten
Fall wird der Verlust der Einheit durch die Veräußerlichung der
verlorenen Elemente dargestellt; im zweiten durch ihre Verdichtung
zu einem monströsen Zwitterwesen, Zeichen und Ergebnis des letz-
ten Grades der Auflösung, der das Individuum anheimfallen kann.
Mensch und Insekt in
Die Verwandlung
; Mensch und Hund in
For-
schungen eines Hundes
; Mensch und Maus in
Josefine
; Mensch und Affe
in
Bericht für eine Akademie
; Mensch und Stein in
Prometheus
und
Die
Brücke
; schließlich Toter und Lebender in
Bei den Toten zu Gast
und
87
Der Jäger Gracchus
– aufweiche Weise der Held dieser Kategorie von
Geschichten auch verwandelt wird, er hat eine doppelte Natur, eine
tierische oder unbelebte und eine menschliche, insofern sie noch die
Fähigkeit hat, zu denken und zu sprechen. Da sich keine dieser
beiden Naturen nach ihrem eigenen Gesetz entwickelt und sich
nicht um die anderen und deren Belange kümmert, kommt es zu
einem logischen Konflikt, dem das Zwitterwesen nur durch Ver-
kümmerung und manchmal den Tod entrinnen kann (Gregor
Samsa verhungert, weil er selbst zwar weiterhin als Mensch denkt,
sein verwandelter Körper aber vor der menschlichen Nahrung nur
noch Widerwillen empfindet, der einzigen, die ihm anzubieten sei-
ner Umgebung in den Sinn kommt).
Auch hier ist Ka�as vermeintliche Phantastik lediglich das In-
strument, mit dem er ein Höchstmaß an realistischer Genauigkeit
erzielt – die Verwandlungen geben die extremen Folgen eines be-
stimmten psychischen Prozesses nur
visuell
wieder, übrigens mit
erstaunlichem klinischen Gespür.
32
Doch selbst wenn der Zwitter
einen Zustand inneren Zerfalls materialisiert, so ist er lediglich das
verdoppelte Geschöpf, der bloße Dolmetscher der Klagen und
Phantasien seines Autors; er lebt in einer Geschichte, die ihr solider
formaler Apparat sowohl von der persönlichen Anekdote wie von
jeder Art Psychologie fernhält. An dieser Stelle sei darau�ingewie-
sen, daß Ka�a die beiden Techniken, die er dem Traum entlehnt,
nicht überall auf die gleiche Weise verwendet: Die
Verdoppelung
er-
scheint vor allem in den Romanen, die
Zwitter
tauchen ausschließ-
lich in den Erzählungen auf, was sich durch die Besonderheiten der
jeweiligen Gattung erklärt – die kurze Erzählung wird leicht mit der
Fabel und der Legende in Zusammenhang gebracht, wo sich Ver-
wandlungen von selbst verstehen, während der Roman, eine ratio-
nalere Gattung, das Schauspiel anhaltender Verwandlungen
schwerlich verkra�en würde. Hier wie überall berichtet der Erzäh-
ler das Unwahrscheinliche im Ton eines banalen Protokolls; was er
sagt, erscheint in der kalten Gleichgültigkeit des unbeteiligten Be-
obachters (was im Kontrast zu dem Entsetzlichen, das dem Inhalt
anha�et, im übrigen nicht nur humoristisch, sondern wirklich ko-
misch wirkt); allenfalls läßt er zuweilen hinter seiner Neutralität
den Schatten der Schwermut erkennen, wie in der Geschichte von
Prometheus oder, ausgeprägter, in der von dem namenlosen Tier,
das aufgrund einer monströsen Kreuzung von sämtlichen Tieren
der Schöpfung isoliert worden ist.
88
Diese Kreuzung aus Katze und Lamm gehört dem Erzähler, der
sofort sagt, daß es sich um ein Erbstück seines Vaters handelt. Von
der Katze hat es Kopf und Krallen, anders gesagt: die aggressiven
Organe; vom Lamm Größe und Gestalt, mit allem, was das Tier
seiner Natur nach an sprichwörtlicher Folgsamkeit und San�mut
evoziert. »Vor Katzen flieht es, Lämmer will es anfallen. In der
Mondnacht ist die Dachtraufe sein liebster Weg. Miauen kann es
nicht und vor Ratten hat es Abscheu. Neben dem Hühnerstall kann
es stundenlang auf der Lauer liegen, doch hat es noch niemals eine
Mordgelegenheit ausgenutzt.«
33
So wird die Aggressivität der
Katze durch die San�mut des Lamms gehemmt, und das zwischen
seinen beiden Naturen hin- und hergerissene Tier ist zu wirren Re-
aktionen verurteilt, die es bald zu Kampfgelüsten, bald zu schreck-
ha�er Passivität treiben. Absurderweise fällt es seine artgemäßen
Halbbrüder an und flieht nutzlos vor den anderen, die seiner zwei-
ten Häl�e zuzurechnen sind. Da es weder miauen noch blöken,
kann, hat es keine eigene Sprache; aber es hat auch keine ihm
angemessene Nahrung, denn trotz seinen Raubtierzähnen nährt es
sich ausschließlich .von süßer Milch. Es vereint in sich die jeder
seiner beiden Rassen eigentümliche Angst, und sein Los ist die
beispiellose Einsamkeit desjenigen, der »auf der Erde zwar unzäh-
lige Verschwägerte, aber vielleicht keinen einzigen Blutsverwandten
hat«. Selbstverständlich hat es keinen Namen, und da ihm ein
Weibchen fehlt, mit dem es sich paaren könnte, bleibt es zwangs-
läufig ohne Nachkommen. Daher spielt sein Herrchen, wenn er sich
das Los dieses lebensuntüchtigen Geschöpfs vor Augen führt, das
elendiglich zwischen zwei Rassen und zwei unvereinbaren Instink-
ten dahinvegetiert, zuweilen mit dem Gedanken, ihm mit dem
Messer des Fleischers Erlösung zu bringen. Aber er kann es nicht
opfern, obwohl es ihn darum zu bitten scheint, wenn es ihn »aus
verständigen Menschenaugen ansieht, die zu verständigem Tun
auffordern«. Er kann es nicht, aus dem einfachen Grunde, weil es
ein väterliches Erbstück ist, so daß es weder erlaubt noch möglich
ist, es zu töten.
Der Erzähler betont die Erbscha� so nachdrücklich, daß man sie
nicht als ein nebensächliches Detail abtun kann, sondern für das
Wesentliche der Fabel halten muß. Er erwähnt sie gleich zu Beginn
und fügt der größeren Klarheit wegen hinzu, daß sich das zu seinem
Erbe gehörende Tier erst in seiner Zeit zu seiner ungeheuren Gestalt
entwickelt habe, in der Zeit des Vaters »war es viel mehr Lamm als
89
Kätzchen«, also einer normalen und in etwa klassifizierbaren Gat-
tung weit näher. Eigentum des Sohnes geworden, unterhält es mit
seinem Besitzer enge körperliche Kontakte (»an mich geschmiegt,
fühlt es sich am wohlsten«), ja, sie sind so stark miteinander ver-
bunden, daß der Mensch, als er von den »riesenha�en Barthaaren«
des Tiers Tränen tropfen sieht, nicht weiß, ob nun das Tier oder er
selbst weint. Am Schluß erscheint der Bastard, der, nicht genug
damit, daß er Lamm und Katze ist, auch noch
Hund
sein will, als
ein Wesen, das nicht nur ein Herz, sondern auch Intelligenz und
Verstand besitzt – es fordert sein Herrchen zu »verständigem Tun«
auf, das heißt, es zu töten. Schließlich wird es fast menschlich – so
menschlich, daß in ihm das Erbstück und der Erbe ein einziges
geballtes Unglück bilden, ebenso geheimnisvoll und unzerstörbar
wie die Erblichkeit selbst in ihrer unerbittlichen Fatalität.
Um hinter der Fabel das reale Drama wiederzufinden, das sie
inspiriert hat, bedarf es bestimmt keiner gelehrten Exegese, man
braucht nur die präzisen Punkte zusammenzunehmen – das bei der
Übertragung vom Vater auf den Sohn schlimmer gewordene Erb-
stück, die Zwitterha�igkeit und Unfruchtbarkeit, die mit einer
doppelt verhängnisvollen Zugehörigkeit verbundene Angst und
Einsamkeit und, aus allen diesen Gründen, die Unmöglichkeit zu
leben –, um die herum der Text sich gliedert, ohne zu verbergen,
was an ihnen entscheidend ist, ja es sogar unterstreicht. Drama der
jüdischen Herkun�, die Ka�a seinem Vater verdankt, die er weder
verändern noch zerstören kann und die ihn sogar daran hindert,
sich selbst zu töten (das »verständige Tun«, welches das Tier als
seine Erlösung ansieht, verlockt ihn unablässig, doch er wird es
immer nur beschreiben); Drama einer schiefen Situation zwischen
zwei Welten, zwei Kulturen, zwei unterschiedlich orientierten Sit-
tenlehren, besonders in bezug auf das Geschlecht und die Aggres-
sion; schließlich Drama des Geschöpfs, das zwar »unzählige
Verschwägerte« hat, aber in der Welt seiner Rasse einsam ist »wie
Franz Ka�a«, so lautet ganz zweifellos wo nicht die Botscha� der
Fabel – der Bastard hat wirklich nichts anderes mitzuteilen als sich
selbst, nichts über ihm und nichts jenseits von ihm –, so doch das
lebendige Material, das sie zwingend hervorbringt, weil es außer-
halb der Literatur keinerlei Möglichkeit hat, sich auszudrücken.
Halb Kätzchen, halb Lamm; halb Mensch, halb Stein; halb
Mensch, halb Tier; halb Toter, halb Lebendiger – Ka�a wird nicht
müde, Formen zu erfinden, in die er sein ererbtes Leiden kleidet,
90
um es zu beobachten und seine Grundlagen zusammenzufassen,
geschützt vor dem Episodischen, das seine Wahrheit verfälschen
oder verwässern würde. Ob erhabene oder entwertete Formen, ob
Fabel, Legende, Folklore oder Epos – alles scheint ihm tauglich,
seinen eigenen Fall zu durchschauen und, wenn möglich, zu versu-
chen, die Karten seines Schicksals neu zu verteilen. Und wenn er
sich in dieser fortwährenden Rückeroberung seines Lebens mit
Hilfe einer entpersönlichten Literatur immer nur zur Häl�e ent-
hüllt, dann nicht vor allem aus Scham, sondern weil in diesem
unsäglichen Fall auch die aufrichtigste Erläuterung die Hauptsache
außer acht ließe: Sie verwiese nur auf das Geheimnis der Geburt
und ihre Unwiderruflichkeit, das heißt auf das Unerklärliche, an
dem jede Rede zerschellt.
Es gibt keine letzte Erklärung, kein letztes Wort über dieses einzig-
artige Werk, das gerade aufgrund seiner Vollkommenheit unvollen-
det und folglich in bezug auf den Platz, den es in unseren
Bibliotheken einnimmt, ebenso begrenzt ist wie im Hinblick auf
seine Wirkung.
34
Es gibt kein letztes Wort, aber vielleicht doch ein
letztes Beispiel, das zu nennen wäre, einen insofern besonders be-
weiskrä�igen Text, als er seine Wahrha�igkeit gerade aus dem
extrem Unwahrscheinlichen und Unerhörten bezieht. Provozieren-
der als alle anderen infolge der Figur, der er Leben gibt (noch kein
Schri�steller ist je auf die Idee verfallen, eine alte zerbrochene
Zwirnspule zum Helden zu wählen), ist er gleichzeitig einer jener
Texte, in dem Ka�as in ihrer Komplexität überaus einfache Kunst
die vollkommene Entsprechung ihrer Mittel und ihrer Zwecke
eklatant zeigt.
Die Geschichte beginnt mit sprachlichen Überlegungen zu einem
Namen, »Odradek«, von dem man zunächst nicht weiß, was er
bedeuten soll. »Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus
dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des
Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem
Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit
beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß
keine zutri�, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des
Wortes finden kann.«
35
So stehen wir ein weiteres Mal vor einem
zusammengesetzten Gebilde, einem Element, das von zwei
Sprachen gleichzeitig abstammt, so daß sich weder sein Ursprung
noch sein Sinn mit Gewißheit feststellen läßt. Ein weiteres Mal ist
9
die Dualität ein Faktor der Ungewißheit und Verwirrung; denn in
dem Maße, wie das verdoppelte Ding nicht mehr unmittelbar
kenntlich ist, zwingt es dazu, das
Wissen
durch die
Deutung
zu erset-
zen, das heißt durch eine ungeordnete Tätigkeit, deren Nutzen
allein in ihr selbst liegt (auch wenn Ka�as Bemerkung über die
Unsicherheit der Deutungen offenbar nicht seinen zahllosen Glos-
satoren gilt, hätten diese doch allen Grund, sich betroffen zu fühlen;
auch sie drehen sich unermüdlich um Odradek, um ihm sein Ge-
heimnis zu entreißen, auch sie geben eine Fülle mehr oder weniger
plausibler Deutungen, von denen sich freilich keine rühmen kann,
die wahre zu sein).
Mit dem Humor, der auch hier wieder aus einer ungeheuren
Unstimmigkeit zwischen dem Ernst, ja der Pedanterie der Darstel-
lung und der völligen Unkenntnis im Hinblick auf die Natur des
Gegenstandes entsteht, räumt Ka�a ein: »Natürlich würde sich
niemand mit solchen Studien beschä�igen, wenn es nicht wirklich
ein Wesen gäbe, das Odradek heißt.« Es gibt also einen Odradek,
aber wer ist er? Ein buchstäblich undefinierbares Etwas, das man
sich kaum anders als im Konditionalis vorzustellen vermag: »Es
sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tat-
sächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dür�en es
nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinander-
verfitzte Zwirnstücke von verschiedener Art und Farbe sein.«
Nichts ist gewiß am Aussehen des ungewöhnlichen Gebildes, doch
nach und nach wird immerhin einiges klarer; namentlich der Stern,
der wirklich Odradeks Grundform bildet, er ist sogar das Lebens-
zentrum seiner Organisation, denn er ermöglicht es ihm, sich
fortzubewegen – er kann gehen, indem er sich einerseits auf eine
seiner Spitzen und andererseits auf ein System in seiner Mitte be-
festigter Stäbchen stützt –, so daß er wie ein Lebewesen aussieht.
Ein Gegenstand, der einen vielleicht deutschen, vielleicht tschechi-
schen Namen trägt und die geometrische Form aufweist, in der
jeder Jude das Symbol seines Volkes wiedererkennt – wie sollte man
einen solchen Gegenstand nicht mit der Person identifizieren, die
ihn sich ausgedacht hat? Wie sollte man Odradek
36
nicht mit Ka�a
oder Kavka übersetzen, einem Namen, dessen Herkun� ebenso un-
sicher ist und über den sich ebenfalls endlos spekulieren läßt? Alles
ermutigt dazu, zumal Odradek, der im übrigen über eine elemen-
tare Sprache verfügt – er kann seinen Namen sagen, und wenn man
ihn fragt, wo er wohnt, antwortet er: »Unbestimmter Wohnsitz« –,
92
mit seinem Autor nicht nur gemeinsam hat, daß er sowohl Deut-
scher, Tscheche wie Jude ist, was sein auf ewig unstetes Leben
erklärt; er hat auch das »Lachen ohne Lungen«, von dem sich be-
droht zu fühlen Ka�a bald nur allzu berechtigt sein wird.
37
Das
Band zwischen dem Autor und seiner Spule scheint, obwohl es nur
angedeutet ist, freilich durch Züge, die alle demselben Ideenkreis
zustreben, so eng zu sein, daß man versucht ist, es in vollkommene
Identität zu verwandeln.
Doch wenn man andere Details ins Auge faßt, insbesondere das
Sprachproblem, das der Erzähler schon mit den ersten Worten an-
zeigt, noch bevor er den Gegenstand selbst vorstellt, wird klar, daß
Odradek nicht ohne weiteres mit Ka�a gleichgestellt werden kann,
sondern daß dieser, wenn er die Anomalien des Namens derart
stark betont, offensichtlich an seinen eigenen Namen denkt und an
all das Negative, das seine eigene anormale Sprachsituation für
seine schri�stellerische Tätigkeit bedeutet. Mit dem problemati-
schen Namen, der ihn sowohl von der Grammatik als auch von
einem bestimmten geographischen Ort abschneidet, verweist
Odradek unmittelbar auf die »von allen Seiten unmögliche« Lite-
ratur, deren Fluch der deutsch-jüdische Schri�steller tragt.
38
Doch
als Gegenstand ohne Nutzen und Zweck ist er in noch präziserem
Sinne das Ergebnis der Unmöglichkeit zu schreiben, der jede Seite,
die Ka�a mit Wörtern füllt, mühsam abgetrotzt werden muß.
Denn indem Ka�a diese Spule aus alten, abgerissenen, »anein-
andergeknoteten und ineinander verfilzten Zwirnstücken von ver-
schiedener Art und Farbe« herstellt, erinnert er ohne Umschweife
an zwei auffallende Besonderheiten seiner Art zu schreiben: Er ver-
flicht seine �emen von einer Erzählung zur anderen und zerreißt
meistens ihren Faden, noch bevor sie sich voll entwickelt haben. Im
April 97 hat er erst wenige Texte veröffentlicht, die zusammenge-
nommen einen sehr schmalen Band ergeben würden
39
; seine beiden
großen Romane –
Der Verschollene
und
Der Prozeß
– hat er aufgeben
müssen, und wie viele Erzählungen, wie viele Geschichten, die
kaum begonnen oder weit vor oder manchmal kurz vor ihrem Ende
plötzlich unterbrochen wurden … Er ist sechsunddreißig Jahre
alt, und obwohl er noch nicht das »Lachen ohne Lungen« hat, ein
Lachen, das Odradek hervorbringt und das »wie das Rascheln in
gefallenen Blättern« klingt, so weiß er doch, daß seine Krankheit
schon weit fortgeschritten ist, so daß er befürchten muß, sie werde
seiner üblichen Hemmung noch ein zusätzliches Hindernis hinzu-
93
fügen, das diesmal schwerer wiegt und vielleicht endgültig ist.
Daher seine »Sorge«, wenn er über das angrei�are kleine Wesen,
das sich bei ihm niedergelassen hat, nachdenkt, ohne daß es in
seiner Macht stünde, es bei sich zu behalten.
Die Geschichte erzählt nämlich von der »Sorge des Hausvaters«
um das unbegreifliche Ding, das sich flüchtig in seinem Haus ein-
genistet hat und das er wegen seiner Winzigkeit »wie ein Kind«
behandelt. Schon der Titel gibt einen wertvollen Hinweis auf die
Natur dieses sorgenvollen Hausvaters, zumal Ka�a selbst sie in
einer anderen Erzählung bestätigt, in der die »Elf Söhne« des Er-
zählers
40
, wie er selbst sagt, einfach elf Geschichten sind, an denen
er gleichzeitig arbeitet (es ist eine seiner gewohnten Mystifikatio-
nen: Er gibt vor, ein �ema zu gestalten, während er doch nur von
seiner Literatur und den drängenden Problemen berichtet, mit de-
nen sie ihn unau�örlich überhäu�
4
). Der besorgte Vater ist dem-
nach Kafka als Vater seines Werkes – eines Werkes, dessen
sonderbare und überdies unvorhersehbare Inspiration ihn beunru-
higt, enttäuscht, verwirrt, in Traurigkeit stürzt, die besonders die
unvollendeten Dinge hervorrufen.
Mit seiner grotesken Gestalt, seiner Winzigkeit und der Flüchtig-
keit seines Au�auchens ähnelt Odradek – mit Vorliebe hält er sich
in den Gängen, auf dem Dachboden, im Treppenhaus auf – ganz
offenkundig den Gnomen, Kobolden, guten oder bösen Zwergen,
welche die Folklore überall zu Hausgeistern macht. Man kann ihn
nicht fangen, er kommt und geht unangemeldet, läßt sich wochen-
lang nicht blicken, und obwohl er bisher immer wiedergekommen
ist, kann man niemals fest mit seiner Rückkehr rechnen. Übrigens
denkt niemand daran, ihn zurückzuhalten, denn die Unbeständig-
keit ist sein Gesetz, sie verbindet ihn nicht nur mit dem bösen Geist
der Folklore, sondern auch mit dem flüchtigen, ungleichmäßigen
und ungleichmäßig verfügbaren Genie, das Ka�a, seinen unvor-
hersehbaren Sprüngen wehrlos ausgesetzt, meist weniger als eine
Gunst des Schicksals denn als Beweis der Bösartigkeit auffaßt.
Aus Bruchstücken zusammengesetzt – »das Ganze erscheint
zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen« –, dient Odradek
schlechthin zu nichts, und gerade diese Nutzlosigkeit wir� die
Frage nach seiner Zukun� auf: »Kann er denn sterben? Alles was
stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran
hat es sich zerrieben; das tri� bei Odradek nicht zu. Sollte er also
einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskin-
94
der mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern?
Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er
mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.«
42
So ist Odradek dank seiner völligen Sinnlosigkeit und Ziellosigkeit
imstande, unendlich lange zu leben oder, genauer gesagt, nicht zu
sterben. Es erwartet ihn eine Unsterblichkeit ohne Hoffnung,
ebenso leer, ebenso düster wie die Existenz, die er am Rande der
Menschlichkeit nutzlos geführt hat. Daher die »Sorge« desjenigen,
der ihn erschaffen hat und der, statt sich über sein mögliches Über-
leben zu freuen, jetzt feststellt, daß die Aussicht auf eine so lach-
ha�e Ewigkeit ihm fast Schmerzen bereitet. Fast – nicht ganz, nicht
ernstlich, jedenfalls nicht genug, um schon jetzt sein eigenes post-
humes Leben brutal zu unterbrechen, indem er sein Werk der
Vernichtung preisgibt. Im Augenblick scheint sich Ka�a leidlich
damit abzufinden, die Menge unvollkommener und unvollendeter
Seiten hinter sich zu lassen, deren Absurdität Odradek darstellt.
Doch bald wird ihm die Vorstellung, der Nachwelt ein Werk zu
hinterlassen, das er in vieler Hinsicht für mißlungen hält, zur wirk-
lichen Qual. Dann bittet er Max Brod, das heißt den einzigen
Menschen, von dem er im Grunde genau weiß, daß er seinen Willen
nie wird erfüllen können, alle literarischen Texte und persönlichen
Notizen zu verbrennen, die er in seinen Papieren finden sollte, und
sie außerdem weder zu lesen noch irgend jemandem zur Kenntnis
zu bringen, und sei es zu rein privaten Zwecken. Doch was immer
es mit diesem Testament und den Hintergedanken, die die Wahl des
Vollstreckers zumindest erahnen läßt, auf sich haben mag, bis zum
Ende fährt Ka�a fort, den Faden seiner unvergleichlichen Ge-
schichten auf den Stern Odradek aufzuspulen, er schreibt trotz
allem weiter, und am Tag vor seinem Tod, am 2. Juni 924, korri-
giert er noch eigenhändig die Druckfahnen seiner letzten Erzählun-
gen.
95
Anmerkungen
Kapitel I: Der zensierte Name
 Das ist ein erster gemeinsamer Punkt zwischen den Samsa und den Ka�a,
deren Name, ebenfalls jüdisch oder christlich, an sich schon ein zweideutiges
Zeichen ist.
Der Prozeß
wurde 94 begonnen,
Das Schloß
920; zwischen den beiden Wer-
ken löst Ka�a seine Verlobung mit Felice Bauer, geht zwei Jahre später
erneut eine enge Beziehung zu ihr ein und bricht 97 endgültig mit ihr,
verbringt einen Krankheitsurlaub auf dem Land, verlobt sich mit Julie Woh-
ryzek, geht eine Beziehung mit Milena Jesenska ein, löst seine letzte Verlo-
bung und verzichtet endgültig auf die Ehe. In der Zwischenzeit erlebt er den
Ersten Weltkrieg, den Zusammenbruch von Österreich-Ungarn, die Entste-
hung der tschechoslowakischen Republik, das Wiederaufleben der antisemi-
tischen Unruhen in Prag – Ereignisse, die, auch wenn sie in den Romanen
kaum au�auchen, dennoch zu dem emotionalen und gesellscha�lichen Hin-
tergrund gehören, aus dem sie ihre Substanz schöpfen.
3 Von Max Brod unter dem Titel
Amerika
herausgegeben.
4 In den etwa zwölf Zeilen, aus denen die Geschichte eines gewissen Herrn von
Grusenhof besteht (
, 27. März 94, 27), bringt Ka�a es fertig, die fünf
Pferde im Stall dieses Herrn zu benennen: Famos, Grasaffe, Tournemento,
Rosina und Brabant. Sechs Namen in zwölf Zeilen, und zwar sechs »volltö-
nende und sinnreiche« Namen, wie Don Quijote gesagt hätte – das ist
allerdings viel, zuviel sogar, da uns die Geschichte dieser fünf Pferde nicht
erzählt wird. Tatsächlich verzichtet Ka�a nur dann auf eine Benennung,
wenn er ein festgefügtes System menschlicher und sozialer Beziehungen be-
schreibt; überall sonst, wo die Situation es nicht erfordert, nimmt er sich das
Recht, sein Privileg als Künstler zu nutzen, ein Recht, auf das er gewiß nicht
verzichtet hätte, hätte er nicht besondere Ziele verfolgt.
, 6. August 94, 306. Vgl. auch die Eintragung vom 2. Juni 93, 224:
»Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe.«
6 Die Erzählung wurde in einer einzigen Nacht in einer Art Ekstase geschrie-
ben, was erklärt, daß Ka�a erst nachträglich die wahren Ursachen dafür
begrei�. Der besondere Zustand, in dem er sich damals befand, erlaubte ihm
nicht, sich ihrer bewußt zu werden.
97
, . Februar 93, 27 f. Ka�a lernt Felice Bauer bei Max Brods Eltern
am 2. August 92 kennen. Am 20. September schreibt er ihr seinen ersten
Brief, und in der Nacht vom 22. zum 23. schreibt er
Das Urteil
. Zu dieser Zeit
ist er erst potentiell verlobt. Die Geschichte erzählt nicht sein Leben, sie
grei� den Ereignissen vor, bringt sie zum Abschluß und bezeichnet sie, bevor
sie eingetreten sind.
, 2. Februar 93, 28. Offenbar erkannte die Familie Ka�a ganz klar den
autobiographischen Inhalt der Erzählung. Nun versteht man, daß Ka�as
Vater von den Schri�en seines Sohnes nicht entzückt war, und auch der
berühmte Satz wird begreiflich, mit dem er das Geschenk eines seiner Bücher
in Empfang zu nehmen pflegte: »Legs auf den Nachttisch!«
, 4. August 93, 23.
0
Janouch
, 46. Bei diesem Dokument, das dreißig Jahre nach den darin wieder-
gegebenen Gesprächen abgefaßt und veröffentlicht wurde, ist eine gewisse
Vorsicht geboten. Einige der Ka�a zugeschriebenen Sätze sind sicherlich
authentisch, andere wurden wahrscheinlich nicht in der wiedergegebenen
Form gesagt, und wieder andere erscheinen zweifelha�, weil sie fast wörtlich
mit bestimmten Passagen aus Ka�as
Tagebüchern
übereinstimmen, die, da
posthum erschienen, Janouch erst sehr viel später zur Kenntnis gelangt sein
können.

Brief an den Vater
, in
, 0–62, 43.
2 Daß »ich«, »er« und »K.« für Ka�a austauschbare Personen sind, dafür
liefert das
Schloß
-Manuskript einen materiellen Beweis: Hier findet man eine
erste Version in der »Ich« Form, die ungefähr bis zur Häl�e des dritten
Kapitels reicht; erst dann taucht K. auf, das heißt zu einem Zeitpunkt, da die
Handlung schon in Gang ist. Da aber die beiden Personen in Wirklichkeit
eins sind, kann Ka�a die beiden Versionen mühelos vereinheitlichen – er
braucht in der ersten nur das »ich« durch K. zu ersetzen und die Verben
entsprechend zu ändern.
3
, 0. Februar 92, 07, und Brief an Max Brod, Ende Januar 92,
Br
298. Um sich an dem tschechischen älteren Fräulein zu rächen, das die
Tischrunde mit antisemitischen Äußerungen füttert, wäre »die hinterlistigste
Methode […] vielleicht, mit der Erklärung [daß er Jude ist] so lange zu
warten, bis sie etwas sagt, was unmöglich zurückgenommen werden kann«.
Erst einen Monat später erzählt er seiner Schwester den Vorfall, so als wolle
er sich Zeit lassen, sich zu beruhigen. Ein Jahr zuvor, in Meran, hatte er in
einem Brief an Max Brod und Felix Weltsch von einem ähnlichen Vorfall
berichtet: »Ich hatte gebeten, mir im gemeinsamen Speisezimmer auf einem
separierten Tischchen zu servieren. […] Nun nötigte mich aber heute der
Oberst […] so herzlich zum gemeinsamen Tisch, daß ich nachgeben mußte.
Nun ging die Sache ihren Gang. Nach den ersten Worten kam hervor, daß ich
aus Prag bin; beide, der General (dem ich gegenüber saß) und der Oberst
kannten Prag. Ein Tscheche? Nein. Erkläre nun in diesen treuen deutschen
militärischen Augen, was du eigentlich bist. Irgendwer sagt: ›Deutsch-
böhme‹, ein anderer ›Kleinseite‹. Dann legt sich das Ganze und man ißt
weiter, aber der General […] ist nicht zufrieden, nach dem Essen fängt er
98
wieder den Klang meines Deutsch zu bezweifeln an, vielleicht zweifelt übri-
gens mehr das Auge als das Ohr. Nun kann ich das mit meinem Judentum zu
erklären versuchen. Wissenscha�lich ist er jetzt zwar zufriedengestellt, aber
menschlich nicht. […] Menschlich befriedigt mich ja das auch nicht sehr,
warum muß ich sie quälen?«
Br
, 0. April 920, 270 f.
4 »[…] habe ich das Negative meiner Zeit, die mir ja sehr nahe ist, die ich nie
zu bekämpfen, sondern gewissermaßen zu vertreten das Recht habe, krä�ig
aufgenommen.« Ka�a schreibt diesen Satz, nachdem er erklärt hat, warum
ihm »alles« mißlingt: »es ist der Mangel des Bodens, der Lu�, des Gebotes«.
, Das vierte Oktavhe�, 25. Februar [98], 89.
5
Brief an den Vater
, 44.
6 Ebd. 45.
7 Es ist wirklich sehr überraschend, daß man in seinen Jugendbriefen keinerlei
Anspielung auf diese schlimmen Ereignisse findet, die nicht nur in Österreich,
sondern in allen europäischen Hauptstädten großes Aufsehen erregt haben.
90 zum Beispiel – in diesem Jahr beginnt Ka�a sein Universitätsstu-
dium – kommt es nach der berüchtigten Hilsner-Affäre, einer Ritualmord-
Affäre, im ganzen Land zu einer Welle antisemitischer Raserei von unglaub-
licher, wahrhaft psychotischer Gewalttätigkeit. Vgl. zu diesem Thema
Michael A. Riff, »Czech Antisemitism and the Jewish Response Before 94«
in:
Wiener Library Bulletin
, Bd. XXIX, Neue Reihe, Nr. 39–40, und Christoph
Stölzl,
Ka�as böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden
, edition text
+ kritik, München 975. Doch weder zu jener Zeit noch später erwähnt
Ka�a diesen denkwürdigen Ausbruch, dessen Zeuge er gewesen sein muß,
da die von den tschechischen Nationalisten im wesentlichen gegen die deut-
schen Juden geschürten Unruhen immer in der Altstadt stattfanden, sozusa-
gen vor seiner Haustür. Stölzls Erklärung für dieses Schweigen – Ka�a
habe keinen Grund gehabt, diese Vorkommnisse in den Briefen an seine
Freunde zu erwähnen, weil diese allesamt Juden waren – überzeugt mich
nicht: Seine Freunde waren auch später noch Juden, und trotzdem nehmen
ab einem bestimmten Zeitpunkt jüdische �emen einen wichtigen Platz in
seinem Briefwechsel ein. (Ich komme im nächsten Kapitel auf dieses Vergessen
und auf die Rolle zurück, die es in Ka�as seelischem Haushalt möglicher-
weise gespielt hat, bevor es zu einem zentralen �ema seiner Prosa wurde.)
8 Als einem Sozialisten, Darwinisten und Atheisten kommt es ihm natürlich
nicht in den Sinn, der Bar-Kochba beizutreten, einer jüdischen Studenten-
vereinigung von Zionisten und strengen Orthodoxen, die in den Augen der
fortschrittlichen jungen Leute eine groteske und rückschrittliche Institution
ist. – Die
Lese- und Redehalle der deutschen Studenten
, deren Mitglied Ka�a war
und wo er Max Brod kennenlernte, stand Juden weit offen, sogar so weit, daß
die Führer des Vereins alle möglichen Intrigen spannen, um zu verhindern,
daß sie die Mehrheit bildeten. Zu Bar-Kochba schreibt Max Brod: »Daß es
solche Studentenvereine in Prag gab, die ihr Judentum nicht verleugneten,
war mir während meiner Studentenzeit unbekannt – oder richtiger gesagt, es
erreichte mich nur in bosha�er Spiegelung und Verzerrung, durch gelegent-
liche Spottreden der Assimilanten und der verkappten Antisemiten.«
Streit-
99
bares Leben
, Insel, Frankfurt 979, 53. Für Ka�as Überzeugungen in jener
Zeit vgl.
, 3. Dezember 9, 62 f. und Hugo Bergmann, »Erinnerungen
an Franz Ka�a«, in:
Universitas
, 27. Juli 972, He� 7.
9 In:
, 80 ff. Ganz allgemein spielt das �ema des Hundes eine große Rolle in
Ka�as Werk, man begegnet ihm fast überall, besonders in einer Notiz der
Tagebücher
(9. Februar 95, 337) über eine Geschichte, die die von Blumfeld
sein könnte oder eine andere, die uns nicht überliefert ist. Gewiß mochte
Ka�a Hunde, jedenfalls kommen entsprechende Metaphern sowie das Ad-
jektiv »hündisch« in seinen Schri�en häufig vor, übrigens stets auf sein
eigenes Leben bezogen.
20 Am . September 922 schreibt Ka�a an Max Brod: »[…] ich habe die
Schloßgeschichte offenbar für immer liegen lassen müssen, konnte sie seit
dem ›Zusammenbruch‹, der eine Woche vor der Reise nach Prag begann,
nicht wieder anknüpfen, obwohl das in Planá Geschriebene nicht ganz so
schlecht ist wie das, was Du kennst.«
Br
, 43.
2
, 28. Für die Chronologie von Ka�as Werken vgl
Symp
. und Chris Bezzel,
Ka�a-Chronik
, Carl Hanser, München und Wien 975.
22
, 3. November 9, 03: »Löwy. Mein Vater über ihn: ›Wer sich mit Hun-
den zu Bett legt, steht mit Wanzen auf.‹ Ich konnte mich nicht halten und
sagte etwas Ungeordnetes.«
23 In einer Variante der
Stra�olonie
sagt der Reisende: »›Ich will ein Hundsfott
sein, wenn ich das zulasse.‹ Aber dann nahm er das wörtlich und begann, auf
allen Vieren umherzulaufen.«
, 6. August 97, 383.
24 Über Samsas Schmarotzertum vgl.
Brief an den Vater
: »Ich gebe zu, daß wir
miteinander kämpfen, aber es gibt zweierlei Kampf. Den ritterlichen Kampf.
[…] Und den Kampf des Ungeziefers, welches nicht nur sticht, sondern
gleich auch zu seiner Lebenserhaltung das Blut saugt. […] Wenn ich nicht
sehr irre, schmarotzest Du an mir auch noch mit diesem Brief als solchem.«
, 6 f.
25
Forschungen
…,
BK
, 80,
26 Ein Beispiel für die absurden Schlußfolgerungen, zu denen diese Verallge-
meinerung führt (zitiert in Hartmut Binder,
Ka�a-Kommentar zu sämtlichen
Erzählungen
, Winkler, München 975, 263): Hugo Bergmann, der Ka�as
Klassenkamerad war und sein Freund geblieben ist, hatte anläßlich einer
hebräischen Übersetzung dieses Textes die Eigenarten der Erzählung im
Sinne des Zionismus gedeutet und erhielt darauf von drei israelischen
Schri�stellern Briefe, in denen sie ihr Befremden über das von Ka�a ge-
wählte herabsetzende Bild des Hundes als Demonstrationsobjekt zum Aus-
druck brachten. Man fragt sich natürlich, wie ein ernstha�er Autor allein in
der oben zitierten Stelle eine direkte oder indirekte Beziehung zum Zionis-
mus sehen konnte, während sich doch alles, was hier überall dick unterstri-
chen ist, im großen wie im Detail, um die »unglückliche Anlage« dreht, die
den Hund, ein Geschöpf, das »zurückgezogen, einsam, nur mit meinen hoff-
nungslosen, aber mir unentbehrlichen kleinen Untersuchungen beschä�igt«
lebt, daran hindert, sich seinen Artgenossen anzuschließen und in ihrer Ge-
meinscha� aufzugehen. Denn Bergmann ist ohne Zweifel ein ernstha�er
200
Autor, er macht allerdings den Fehler, Hund mit Jude zu
übersetzen
, statt das
Wort unausgesprochen und ihm damit die Freiheit zu lassen, seine Nuancen
und Möglichkeiten auszuspielen. Da er aufgrund seiner persönlichen Bezie-
hungen weiß, daß Ka�a gegen Ende seines Lebens tatsächlich als überzeug-
ter Zionist sprach und handelte, folgert er, daß auf die in der Fabel
aufgeworfene Judenfrage notwendigerweise der Zionismus die richtige Ant-
wort sei. Aber gerade das ist der Punkt: Ka�as zionistische Überzeugungen
am Ende seines Lebens sind so eindeutig, daß sich nicht daran zweifeln läßt,
doch zur gleichen Zeit schreibt er die
Forschungen eines Hundes
, und diese
Figur, die unablässig ihre Isolierung betont, korrigiert seine öffentlich be-
kundete Meinung ganz entscheidend. Inwiefern und auf welche Weise, das
werden wir im folgenden sehen.
Forschungen
…, 8.
28 Schon seit langem hat man bemerkt, daß diesem Hundevolk die Existenz
menschlicher Herren völlig unbekannt ist, was einige Kommentatoren als
Anspielung auf den Tod Gottes in einer säkularisierten modernen Gesell-
scha� verstehen zu müssen glaubten. Vgl. zu diesem �ema Marthe Robert,
Livre de lectures
, Grasset, Paris 977, 23–30. Wie dem auch sei, die Hunde
haben tatsächlich weder menschliche Herren über sich noch fremde Völker
neben sich; sie haben viele Riten und abergläubische Vorstellungen, vor al-
lem den Ursprung der Nahrung betreffend, aber bemerkenswerterweise
keine wirkliche Religion.
29
Forschungen
…, 8.
30 Ebd. 8 f.
3 Der Hund sagt: »[…] aber [ich habe] dabei von der Ferne den Überblick
über mein Volk nicht verloren, o� dringen Nachrichten zu mir und auch ich
lasse hie und da von mir hören.« (Ebd. 80). Diese Nachrichten sind offen-
sichtlich Ka�as Erzählungen, die in der Tat »hie und da« zum jüdischen Volk
dringen, als ferne Nachrichten eines seiner Söhne. Man erkennt hier Ka�as
übliches Verfahren wieder, nämlich das �ema der Kunst mit all seinen
anderen Motiven zu vermischen, indem er entweder die Literatur im allge-
meinen erörtert oder seine augenblickliche Arbeit in eine bestimmte Ge-
schichte eingehen läßt. So sind seine
Elf Söhne
, wie er selbst sagt, nichts
anderes als elf Erzählungen, an denen er gleichzeitig arbeitet. Vgl. Marthe
Robert,
Livre de lectures
, a. a. O., 6–54, und unten, Kap. VII, »Fiktion und
Wirklichkeit«.
Kapitel II: Die Krankheit der Identität
, 7. Oktober 96, 79.
Die Neue Rundschau
, 96, Bd. 2, 42–426. Wiedergegeben in
Symp
. 48.
Der Jude
, I, Nr. 7, Oktober 96, 457–464. Zitiert in
Symp
. 48.
20
4 Die Stelle ist durchaus wie ein kleiner Ka�ascher Text konstruiert: Sie be-
ginnt mit einer Darstellung der Situation und der von beiden Seiten vorge-
brachten Argumente; dann wird die Diskussion plötzlich auf die Ebene des
Gleichnisses verlagert, wo sich herausstellt, daß sie gar nicht stattfinden
kann, weil das Problem keine Lösung oder unendlich viele Lösungen hat.
Man beachte auch das Zirkusthema, das Ka�a gern als höhnischen und
pathetischen Dekor für die Kunst im allgemeinen und im besonderen als Ort
seiner eigenen Produktion verwendet.
5 Daß man Ka�a gerade im Zusammenhang mit der
Verwandlung
als »ur-
deutsch« bezeichnet, ist tatsächlich bestürzend; anders wäre es, wenn Müller
von Ka�as ersten Texten spräche, die er sicherlich kannte. In der ganzen
Periode vor dem
Urteil
(92) war Ka�a stark von der ästhetischen Zeit-
schri�
Der Kunstwart
beeinflußt, die eine manierierte, archaisierende Litera-
tur pries und praktizierte. Dieser Manierismus, der in den Fragmenten von
Beschreibung eines Kampfes
und vor allem in seinen Jugendbriefen zu spüren ist,
verschwindet erst mit dem
Urteil
, zu einem Zeitpunkt, den die deutschen
Germanisten deshalb den
Durchbruch
nennen.
6 Soweit man sich einzig nach Ka�as Briefen ein Bild von Felice machen kann
– offenbar hat er die ihren nicht au�ewahrt –, darf man sie sich als eine
weitgehend emanzipierte Frau vorstellen (seit 92 arbeitet sie in einem
großen Unternehmen, was vor dem Ersten Weltkrieg nicht gerade alltäglich
war): An das freie Leben in Berlin gewöhnt, teilt sie offenbar die Neigungen,
Vergnügungen und Vorurteile der deutschen Kleinbürger, die den Menschen
ihrer Umgebung als Vorbild dienen (einer der ernstesten Streitpunkte zwi-
schen ihr und Ka�a ist die Wahl einer Wohnung und der Möblierung, der sie
eine »persönliche Note« geben möchte). Wahrscheinlich auch um ihr den
schlechten Geschmack auszutreiben, bemüht sich Ka�a, sie mit den Ostju-
den zusammenzubringen, die in seinen Augen die einzigen Wahrer eines
authentischen und lebendigen Judentums sind.
7 »Nicht ein Hang […], Felice, kein Hang, sondern durchaus ich selbst.«
24. August 93, 45.
Brief an den Vater
, 44.
9 Schon in einem Brief an Felice sagte er: »[…] es waren Vorstudien, welche
die Hölle für die Gestaltung des spätem Bureaulebens machte.«
, 6. Sep-
tember 96, 700.
0
Brief an den Vater
, 44.
 Ebd. 45. An dieser ganzen Stelle sieht man, wie früh schon Ka�a Halb-
heiten und Kompromißlösungen ablehnt. Er schwankt auch nicht, was die
Verantwortung seiner Erziehung für den Bruch mit der Religion betri�. In
einem Brief, in dem er Felice empfiehlt, welche Antwort sie den Kindern im
Heim geben könnte, wenn sie ihr Fragen zu diesem �ema stellen sollten,
schreibt er unter anderem: »Während ich den Kindern sagen müßte […],
daß ich infolge meiner Herkun�, Erziehung, Anlage, Umgebung nichts, was
man aufzeigen könnte, mit ihrem Glauben gemeinsam habe (das Halten der
Gebote ist nichts Äußeres, im Gegenteil der Kern des jüdischen Glaubens),
während ich also das ihnen irgendwie eingestehen müßte (und ich würde das
202
offen tun, ohne Offenheit ist hier alles sinnlos), bist Du vielleicht nicht ganz
ohne aufzuzeigende Verbindung mit dem Glauben.«
, 6. September 96,
700. Ich werde auf diesen wichtigen Brief zurückkommen.
2 Vgl.
, 3. Dezember 9, 62 f. Das gleiche berichtet Hugo Bergmann:
»Franz lebte damals in einer atheistischen oder pantheistischen Atmosphäre.
Es war im Frühjahr; Ka�a versuchte mit allen Mitteln, mir meinen Glauben
zu nehmen und bedrängte mich mit vielen Diskussionen. Ich hatte richtige
Angst, meinen Glauben zu verlieren – und dadurch die Schönheit des
Oster-Vorabends, den ich sehr liebte. Ich dachte: hoffentlich halte ich we-
nigstens bis Pessach durch. Und es gelang mir. Diesmal siegte Franz nicht
über mich.« Wenig später wurden die beiden jungen Leute wirklich durch
ihre Ideen getrennt: »In den letzten Jahren nach dem Gymnasialstudium
brach die neue Welt auch in unserer Lateinschule ein. Franz wurde Sozialist,
ich wurde 898 Zionist. Die Synthese Zionismus-Sozialismus war damals
noch nicht gefunden. Im Jahre 899, als die Prager Zionisten zu ihrer ersten
öffentlichen Versammlung riefen, wurden sie von den Sozialisten (die alle
Juden waren) zusammen mit den tschechischen Assimilanten gesprengt.«
A. a. O., 742, 743 f.
3 »Eine gewisse nachträgliche Bestätigung dieser Auffassung von Deinem Ju-
dentum bekam ich auch durch Dein Verhalten in den letzten Jahren, als es
Dir schien, daß ich mich mit jüdischen Dingen mehr beschä�igte.«
Brief an
den Vater
, 47.
4 Einer dieser psychischen Unfälle ist zweimal bezeugt, in einem Brief an Max
Brod, in dem er als solcher erzählt wird und einige Tage zurückliegt, sowie in
Beschreibung eines Kampfes
, wo der Erzähler ihn in seine Kindheit verlegt. In
dem Brief heißt es: »Als ich an einem anderen Tage nach einem kurzen
Nachmittagsschlaf die Augen öffnete, meines Lebens noch nicht ganz sicher,
hörte ich meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: ›Was
machen Sie?‹ Eine Frau antwortete aus dem Garten; ›Ich jause im Grünen.‹
Da staunte ich über die Festigkeit, mit der die Menschen das Leben zu
tragen wissen.«
Br
, 28. August 904, 29. Die Stelle ist fast wörtlich in die
Erzählung aufgenommen,
, 33, 34. Vgl. unten, Kap. VI, »Die Flucht«.
5 Über die Beziehungen der Juden zu Franz-Joseph, ihrem gesetzlichen Be-
schützer im ganzen Gebiet der Doppelmonarchie, vgl. Joachim Remak, »�e
Healthy Invalid: How Doomend was the Habsburg Empire?«, in:
Journal of
Modern History
, Juni 969. Hermann Ka�a bekundet seine Loyalität da-
durch, daß er seinen Sohn Franz nennt, der sich wiederum nicht ohne Ironie
in Helden verkörpert, die Josef (»Josefine«) heißen, was es ihm erlaubt, sich
den Doppelnamen des Kaisers zuzulegen.
6 Stölzl, a. a. O., 23. Derselbe Autor gibt folgende Passage wieder: »So ein Jude,
der das ganze Jahr mit seinen Kunden nur tschechisch spricht, glaubt, er sei
mehr, wenn er den Schiller deutsch kann. Deutsch zu können, bedeutet so
viel, wie zu irgendeinem Adelsstand zu gehören«, zitiert in E. Rychnovsky
(Hrsg.),
Masaryk und das Judentum
, Prag 93, 7. Diese Zweisprachigkeit
verfälscht im übrigen die damaligen Statistiken – auf den Fragebögen gaben
die Juden häufig das Tschechische als Umgangssprache an, während sie zu
203
Hause deutsch sprachen und ihre Kinder auf die deutsche Schule schickten.
Vgl. Michael A. Riff, a. a. O., 7.
7 Hier ist auch ein gewisser Aberglaube im Spiel: Unter den »Mundarten« war
zum Beispiel das Tschechische dem Erfolg keineswegs hinderlich. Das tsche-
chische Bürgertum verdiente seinen Namen im übrigen weit eher als das
jüdische, das, obzwar materiell wohlhabend und zuweilen sehr reich, den-
noch nicht das gesellscha�liche Niveau eines echten Bürgertums erreichte.
Vgl. Hannah Arendt,
Die verborgene Tradition, Acht Essays
, Frankfurt 976, wo
die jüdische Lage aus der Sicht dieser Diskrepanz zwischen dem Wohlstand
der Juden und der Irrealität ihres gesellscha�lichen Lebens oder, wie die
Autorin sagt, zwischen ihrem Pariadasein und ihrer Parvenuexistenz analy-
siert wird.
8
Wiener Jahrbuch für Israeliten
, 863–864, 99, zitiert bei Stölzl, a. a. O., 24,
9 Sobald Ka�a mit den Ostjuden zu verkehren beginnt, interessiert er sich
auch mehr für die niederen Sprachen, das Tschechische und das Jiddische,
die seine auf Ehrbarkeit bedachten Glaubensgenossen gleichermaßen mit
Verachtung strafen. In seiner
Rede über die jiddische Sprache
, die er am 8. Fe-
bruar 92 im jüdischen Gemeindehaus hält (
, 306 f.), verteidigt er das
Jiddische in provozierendem Ton, der, von einem gebildeten Juden ange-
schlagen, seine Zuhörer in nicht geringen Schrecken versetzt, ja empört
haben muß. Obwohl Ka�a hätte ahnen müssen, daß eine solche öffentliche
Äußerung seinen Vater tief irritieren würde, schreibt er traurig in sein Tage-
buch: »Meine Eltern waren nicht dort.«
, 25. Februar 92, 84. Vgl. zu
dieser Rede unten, S. 59 ff. Ka�as Haltung gegenüber dem »Jargon« läßt
sich mit seiner Rehabilitierung der »kleinen Literaturen« in einer Stelle sei-
ner
Tagebücher
vergleichen,
, 25. Dezember 9, 54. Anzumerken ist auch,
daß Max Brod, ebenfalls eingedeutscht, dieser Solidaritätsbewegung für die
verschrienen Sprachen den Weg geebnet hatte – sein Leben lang war er ein
leidenscha�licher Entdecker tschechischer Talente, sowohl in der Literatur
wie in der plastischen Kunst und der Musik.
20
Br
, Juni 92, 337.
2 Vgl. zu diesem Brief an Max Brod unten, S. 5 ff.
22 Vgl. unten, S. 6.
23 Vgl. dazu den Brief über den »Oberst und den General«. Da er aus Erfah-
rung weiß, daß eine wirkliche Assimilierung
von oben
unmöglich ist, macht
der Landvermesser aus dem
Schloß
(der Roman entstand zur gleichen Zeit
wie der obige Brief) einen letzten Versuch, sich
von unten
zu assimilieren,
indem er völlig in der einheimischen Dor�evölkerung aufgehen will: »[…]
diese Leute im Dorfe, die noch so mißtrauisch gegen ihn waren, würden zu
sprechen anfangen, wenn er, wo nicht ihr Freund, so doch ihr Mitbürger
geworden war, und war er einmal ununterscheidbar von Gerstäcker oder
Lasemann – und sehr schnell mußte das geschehen, davon hing alles ab –,
dann erschlossen sich ihm gewiß mit einem Schlag alle Wege, die ihm, wenn
es nur auf die Herren oben und ihre Gnade angekommen wäre, für immer
nicht nur versperrt, sondern unsichtbar geblieben wären.« (
, 28). Man
weiß, wie die Versuche des Landvermessers enden, obwohl er dieselbe Spra-
204
che spricht wie die Leute, deren Mitbürger er werden möchte. Zu der
mit dieser Sprachgemeinscha� verbundenen Illusion vgl. unten S. 20,
Anm. 28.
24 »[…] in meiner Klasse waren wohl nur zwei Juden, die Mut hatten, und
beide haben sich noch während des Gymnasiums oder kurz darauf erschos-
sen …«,
, 8. Januar 922, 406. Und: »Jüdische Gymnasiasten bei uns sind
leicht merkwürdig, man findet da das Unwahrscheinlichste, aber meine […]
Gleichgültigkeit […] habe ich sonst nirgends wieder gefunden.«
Brief an den
Vater
, 49.
25 Der zionistische Studentenverein Bar-Kochba wurde 899 gegründet.
26 Brief an Oskar Pollak,
Br
, 24. August 902, 3.
27 Brief an Max Brod,
Br
, Mitte August 907, 37.
28 Brief an Hedwig W.
Br
, 8. Oktober 907, 49.
29 Brief an Oskar Pollak,
Br
, 20. Dezember 902, 4.
30 Daß die anonyme Stadt im
Prozeß
Prag ist, daran besteht kein Zweifel, so
genau wird ihre Topographie beschrieben. Viele eifrige Leser haben übrigens
Gefallen daran gefunden, den Weg nachzugehen, den Josef K, auf seinen
Wanderungen zurückgelegt hat. Noch heute findet man vor der Stadt das
von vielen Leuten bewohnte Mietshaus, in dem der Held aus eigenem An-
trieb sein Gericht sucht; sogar sein »Kreuzweg« kann zurückverfolgt werden,
und auch der kleine Steinbruch läßt sich lokalisieren, wo er »wie ein Hund«
erstochen wird. Einige Jahre vor dem
Prozeß
– in den Fragmenten
Beschrei-
bung eines Kampfes
, 908 – wird Prag, obwohl bereits anonym, noch durch
seine Stätten und Denkmäler dargestellt, doch der Autor bringt schon sein
Ressentiment zum Ausdruck, indem er alle Gebäude der Altstadt durchein-
anderwürfelt. Im
Prozeß
wird seine Vergeltung noch grausamer – außer dem
Dom, der nicht beim Namen genannt wird, findet kein Platz der Stadt,
keines ihrer Denkmäler und Paläste Erwähnung; kurz, da Ka�a sie in seiner
Jugend nicht angezündet hat, »verbrennt« er sie jetzt literarisch.
3 Vgl. unten, Kap. VI, »Die Flucht«.
32 Brief an Oskar Pollak,
Br
, 6. September [903?], 8.
33 Ebd. 9. November 903, 2.
34 »Gestern fiel mir ein, daß ich die Mutter nur deshalb nicht immer so geliebt
habe, wie sie es verdiente und wie ich es könnte, weil mich die deutsche
Sprache daran gehindert hat. Die jüdische Mutter ist keine ›Mutter‹, die
Mutterbezeichnung macht sie ein wenig komisch (nicht sich selbst, weil wir
in Deutschland sind), wir geben einer jüdischen Frau den Namen deutsche
Mutter, vergessen aber den Widerspruch, der desto schwerer sich ins Gefühl
einsenkt. ›Mutter‹ ist für den Juden besonders deutsch, es enthält unbewußt
neben dem christlichen Glanz auch christliche Kälte, die mit Mutter be-
nannte jüdische Frau wird daher nicht nur komisch, sondern fremd. Mama
wäre ein besserer Name, wenn man nur hinter ihm nicht ›Mutter‹ sich vor-
stellte. Ich glaube, daß nur noch Erinnerungen an das Getto die jüdische
Familie erhalten, denn auch das Wort Vater meint bei weitem den jüdischen
Vater nicht.«
, 24. Oktober 9, 86, Diese für das Verständnis von Ka�as
Entwicklung gegenüber dem Deutschen entscheidende Stelle steht in einem
205
signifikanten Kontext, inmitten von Aufzeichnungen, die fast alle den �ea-
teraufführungen von Löwy, seinen Geschichten und Erinnerungen gewidmet
sind. Unter den Ausdrücken, die die Schauspieler verwenden, erwähnt
Ka�a besonders solche, die sich auf das Familienleben beziehen:
Tateleben,
jüdische Kinderlach
, bei letzterem ging ihm, so schreibt er, »ein Zittern über die
Wangen«. Vgl. unten, S. 50 f. Man darf also mit gutem Grund vermuten, daß
seine Zweifel in bezug auf das Deutsche bei diesem ersten aufwühlenden
Kontakt mit dem Jiddischen entstehen, einer Sprache, die so wahr ist, wie
das Deutsche ihm falsch vorkommt, weil hier das Wort gänzlich mit seinem
affektiven Inhalt übereinstimmt.
35 Ka�a wußte, was die meisten seiner Interpreten nicht zur Kenntnis nehmen
wollen, entweder weil sie in seiner Prosa vor allem die Gewalt des Masochis-
mus am Werke sehen oder weil sie sein Denken systematisch versüßen. Er
selbst täuscht sich nicht, er schreibt einmal, als er über den grundlegend
zerstörerischen Charakter seiner Kunst nachdenkt: »Manchmal hat er in
seinem Hochmut mehr Angst um die Welt als um sich.«
, ›Er‹, 26.
36 Brief an Oskar Pollak,
Br
, 6. September [903?], 9.
37 Es handelt sich um die Zeitung
Zeit
; vgl. Chris Bezzel, a. a. O., 26.
38 Durch eine sehr bemerkenswerte Entwicklung werden alle Probleme, die
Ka�a in seiner Reifezeit mit der
Sprache
in Zusammenhang bringt, in seiner
Jugend dem
Sprechen
zugeordnet. In
Beschreibung eines Kampfes
bleibt die Spra-
che völlig aus dem Spiel, während das gesprochene Wort anrüchig ist – der
Held beschuldigt es, den Dingen eine trügerische Festigkeit zu verleihen und
so Komplize der Welt zu sein, da es der Lüge Vorschub leistet. Vgl.
, 39.
Sobald ihm das Sprechen nicht mehr die Sprache verschleiert, ändert sich
Ka�as Technik vollständig; statt Sätze zu machen, um die Wörter als Hand-
langer des weltweiten Betrugs zu entlarven (»Gott sei Dank, Mond, du bist
nicht mehr Mond, aber vielleicht ist es nachlässig von mir, daß ich dich
Mondbenannten noch immer Mond nenne […]«), entlarvt er die Wörter von
innen her, indem er sie beim Wort nimmt, Vgl. unten, Kap. VI, »Die
Flucht«.
Kapitel III: Der Weg zurück
 Vgl. oben, S. 7.
2 Vgl. Michael A. Riff, a. a. O.; für alles, was den tschechischen Antisemitismus
betri�, habe ich diese hervorragende Studie herangezogen sowie, in gerin-
gerem Umfang, den schon zitierten Essay von Christoph Stölzl. Die in diesen
beiden Werken erwähnten Fakten sind um so interessanter, als auch die
meisten Historiker sie vergessen zu haben scheinen – aus Gründen, die sich
vielleicht aus der Geschichte zwischen den Weltkriegen erklären lassen.
206
3 Leo Herrmann, ein hoher Funktionär der zionistischen Organisation,
schreibt am 4. November 908 an Martin Buber, um ihn zu bewegen, vor
den Studenten des jüdischen Vereins Bar-Kochba zu sprechen: »Leben wir
doch in Prag unter ganz einzigartigen Verhältnissen. Eine große, alte Juden-
gemeinde – die längste Zeit aufgehend in deutscher Kultur und vermeintlich
deutscher Art. Unterdessen ist aber das ganze arische Deutschtum der Ce-
chisierung unterlegen, die auch viele Juden anzugreifen beginnt. Nur die
Juden glauben noch, das Deutschtum verteidigen zu müssen. Da sie aber
ohne Berührung mit dem nationalen Deutschtum leben, ist ihr Charakter
natürlich zum größten Teil jüdisch. Aber kein Prager merkt es. Und jeder fast
wehrt sich gegen das bewußte Judentum.« Martin Buber,
Briefwechsel
, I,
897–98, Lambert Schneider, Heidelberg 972, 269. Dieses bemerkens-
werte Dokument tri� genau das Richtige, soweit es den jungen Ka�a und
die mißliche Lage angeht, der er sich stellen muß, als seine persönliche
»jüdische Frage« geregelt zu werden verlangt. Außerdem ist darau�inzu-
weisen, daß die Zionisten und die tschechischen Nationalisten nicht die
einzigen waren, die die deutschen Juden aufgrund ihres verbohrten Deutsch-
tums verurteilten – die tschechischen Juden standen ihnen nicht nach. Noch
960 lieferte mir ein namha�er tschechischsprachiger Kommunist den Be-
weis dafür, daß sich jedenfalls in diesem Punkt nichts geändert hat. Als
Rechtfertigung der Verbannung, deren Opfer Ka�a in Prag immer gewesen
war, erklärte er mir, daß das, was man dem Schri�steller vorwarf, nichts mit
der marxistischen Kritik zu tun habe, wie man naiverweise hätte meinen
können; es liege einfach daran, daß er beschlossen hatte, sprachlich und
kulturell Deutscher zu bleiben, und daher nichts geschrieben hatte, wofür die
tschechische Nation sich interessierte. So blieb die Sprache ein �ema der
Polemik: Jeder, der vor oder, noch schlimmer, nach 99 deutsch schrieb,
bewies gerade dadurch seine Gleichgültigkeit oder seine Feindseligkeit ge-
genüber der Tschechoslowakei. Als wäre für einen Künstler wie Ka�a die
Sprache etwas Äußerliches gewesen, deren er sich nach Belieben hätte ent-
ledigen können. Natürlich konnte er es nicht, ebensowenig wie er die
Veranlagung seiner Nerven und Organe hätte ändern können. Doch aus
seiner Auffassung einer organisch mit der Person verwachsenen Sprache
ergab sich ein unendlicher Respekt vor der Sprache der anderen, besonders
vor dem Tschechischen, und es betrübte ihn, daß er es nicht hinreichend
beherrschte. Vgl. zu diesem �ema die
Briefe an Ottla
, in denen er häufig seine
Furcht zum Ausdruck bringt, diese bewunderte Sprache zu beleidigen, sowie
seinen bereits erwähnten Essay über die »kleinen Literaturen«, d. h. in sei-
nem Fall: die tschechische und die jiddische Literatur.
Brief an den Vater
, 45 f.
5 Ebd.
6 Es sei darau�ingewiesen, daß Hermann Ka�as Geschä� während der an-
tisemitischen Unruhen verschont blieb. So wird berichtet, daß, als pogromi-
stische Plünderer in das Geschä� eindringen wollten, Passanten sie mit der
Bemerkung vertrieben: »Den Ka�a laßt, das ist ein Tscheche« (
Wagenbach
9). Dennoch war Hermann Ka�as »Tschechentum« wenig überzeugend;
207
obwohl ursprünglich tschechischsprachig, hat er nie seinen Namen geändert,
der auf tschechisch »Kavka« (Dohle) hätte geschrieben werden müssen. Er
hat allen seinen Kindern deutsche Namen gegeben und seinen Sohn, offen-
bar guten Gewissens, deutsch erzogen. Allerdings legte er großen Wert
darauf, sich bei offiziellen Zählungen als Tscheche auszugeben, ganz zweifel-
los, um sich einen politischen Vorteil zu sichern. Bei der Volkszählung von
90 wollte er Franz sogar zwingen, sich ebenfalls als Tscheche auszugeben,
was zu einem erneuten Konflikt zwischen ihnen führte.
7 Dieses erste Trauma läßt sich mit anderen charakteristischen Zügen seiner
Persönlichkeit in Zusammenhang bringen: seiner Vorliebe für die kleinen
Leute und seiner Idealisierung der Handarbeit; seiner Verurteilung des Lu-
xus sowie der Askese, die sein Leben beherrscht; schließlich seiner Ableh-
nung jeder Form von Macht für sich selbst, einschließlich jener Macht, die er
gegen seinen Willen aufgrund seiner Liebenswürdigkeit, seiner Begabung
und seiner geistigen Überlegenheit ausübte.
8 In Kap. VI werden wir sehen, welchen entscheidenden Einfluß diese Zu-
stände später auf seinen Stil haben.
9 �. Herzl,
Die entschwundenen Zeiten
, Wien 897, zitiert in
Wagenback
, 69.
0
Brief an den Vater
, 32.
 Ebd. 24.
2 Kleine jüdische Kinder.
3
, 5. Oktober 9, 6.
4 Ebd. 60 f.
5 Evelyn Torton Beck, »Ka�as Durchbruch. Der Einfluß des jiddischen �ea-
ters aufsein Schaffen«, in:
Basis, I. Jahrbuch för deutsche Gegenwartsliteratur
Athenäum, Frankfurt 970.
6 Löwy selbst war sich dieses Niedergangs durchaus bewußt. Einmal liest er
Ka�a den Brief eines jungen Warschauer Juden vor, der über den Nieder-
gang des jüdischen �eaters klagt und schreibt, »daß er lieber in die
›Nowosti‹, das polnische Operettentheater, gehe, als in das jüdische, denn
diese elende Ausstattung, die Unanständigkeit, die ›verschimmelten‹ Cou-
plets usw. seien unerträglich. Man denke nur an den Haupteffekt einer
jüdischen Operette, der darin besteht, daß die Primadonna mit einem Zug
kleiner jüdischer Kinder hinter sich durch das Publikum marschiert. Alle
tragen kleine �orarollen und singen:
toire is die beste schoire
– die �ora ist die
beste Ware« (
, 8. Dezember 9, 34). Zu den Gründen dieses Nieder-
gangs gehört auch die Verachtung, die die dem Zionismus und dem Hebräi-
schen huldigenden großen Dichter im allgemeinen gegenüber dem Jiddi-
schen an den Tag legen; und vor allem das Tabu, das in den streng
chassidischen Kreisen auf jedem �eater liegt, und sei es ein jüdisches. Löwy
erzählt Ka�a, welchen Skandal er in seiner Jugend zu Hause hervorgerufen
habe, als er dieses Verbot übertrat: »Der Vater sitzt nicht mehr, immer nur
geht er im Zimmer auf und ab; die Hand am kleinen schwarzen Bart spricht
er, nicht zu mir, sondern nur zu Mutter: ›Du sollst wissen: er wird von Tag zu
Tag schlimmer, gestern hat man ihn im jüdischen �eater gesehen.‹«
Vom
jüdischen �eater
, von Ka�a aufgeschriebene Erinnerungen Löwys,
, 7.
208
7 In seiner
Histoire de la littérature judéo-allemande
, Vorwort von Ch. Andler,
Jouve et C
ie
, Paris 9 [deutsch:
Geschichte der jüdischdeutschen Literatur
, nach
dem französischen Original bearbeitet von Georg Hecht, Leipzig 93], wid-
met M. Pinès dem jüdischen �eater und seinen hervorragenden Schauspie-
lern ein ganzes Kapitel. Anläßlich der Mittelmäßigkeit der Stücke und ihrer
Anbiederung beim Publikum zitiert er eine Bemerkung von Jakob Gordin,
dem berühmtesten und offenbar seinem eigenen Schaffen gegenüber kriti-
schen jüdischen Schri�steller gegen Ende des Jahrhunderts: »Ich will öffent-
lich erklären, daß das jüdischdeutsche �eater sich niemals natürlich wird
entwickeln können, solange die intellektuellen Juden ein Problem verkennen,
das für die Masse des Volkes ebenso wichtig ist wie für die Entwicklung des
literarischen und ernstha�en �eaters. Trotz der Hunderttausenden, die das
Publikum bilden, kann die Zukun� des jüdischdeutschen �eaters einen
machtvollen Dichter nicht erhoffen, solange die meisten Autoren Leute sein
werden wie ich, die also nur durch Zufall Dramatiker geworden sind, die
Stücke nur schrieben, weil die Bedingungen ihres Lebens sie dazu zwangen,
die ferner wie ich abseits bleiben und um sich herum nur Unbildung, Neid,
Feindscha� und Mißgunst sehen.« Vorwort zu einer Sammlung von Stücken
mit dem Titel
Die jüdische Bühne
, New York 897, M. Pinès, a. a. O., 506 [247 f.].
8
, 20. Oktober 9, 70.
9 An Frau Tschissik erinnert eine Novelle von Isaac Bashevis Singer, »Un ami
de Ka�a«, in
Le Blasphémateur
, Stock, Paris 973, 253–272.
20 Der genaue Titel lautet
Volkstümliche Geschichte der Juden
, O. Leiner, Leipzig
888–889, 3 Bde.
2
, . November 9, 98.
22
, 24. Januar 92. 77. Ka�a liest Pinès’ Buch in der damals allein zu-
gänglichen französischen Ausgabe. Unter deutsch-jüdischer Literatur ist die
jiddische Literatur zu verstehen und nicht, wie sich inzwischen eingebürgert
hat, diejenige, welche die deutschen Juden in ihrer Sprache schreiben.
23 Diese Auszüge finden sich nicht in der deutschen Ausgabe der
Tagebücher
sondern nur in der englischen Übersetzung, die im übrigen noch weitere
Auszüge aus Büchern sowie eine Notiz (über Werfel) enthält, die Brod aus
dem Original entfernt hat. Aus Pinès’ Buch hat Ka�a verschiedene Stellen
exzerpiert, manche davon übersetzt er, andere läßt er in Jiddisch, wieder
andere zitiert er französisch. So findet man in diesen Passagen vier Verse aus
zwei Soldatenliedern auf deutsch; zwei Verse auf jiddisch, eine Anmerkung
über die Haskala (»ihre Anhänger nennen sich die Maskilim, sie sind dem
volkstümlichen Jiddisch feind, wenden sich dem Hebräischen und den euro-
päischen Wissenscha�en zu. Vor den Pogromen von 88 war die Bewegung
nicht nationalistisch, dann wird sie streng zionistisch. Von Gordin formulier-
ter Leitsatz: ›Sei ein Jude daheim und ein Mensch draußen.‹ Zur Verbreitung
ihrer Ideen muß die Haskala das Jiddische benutzen und, so sehr sie es haßt,
zur Grundlage ihrer Literatur machen«); eine Anmerkung über die Badchan
(Bänkelsänger) und eine weitere über den Volksroman: »Wer sein Studium
unterbricht und sagt: ›Wie schön ist dieser Baum‹, verdient den Tod«; die
Zusammenfassung eines Gedichts »La Fille du Shammes«; einige Notizen
209
über die großen jiddischen Schri�steller, eine Erwähnung des Baalschem
und schließlich eine Passage über das jiddische �eater, die mit dem oben
genannten Zitat von Jakob Gordin endet.
�e Diaries of Franz Ka�a
90–923, herausgegeben von Max Brod, Penguin Books, Harmondsworth
972, 74 f.
24
, 4. Februar 92, 79.
25
, 3. Februar 92, 82.
26
, 25. Februar 92, 83 f.
, 306–309.
28
Rede über die jiddische Sprache
,
, 306. – Acht Jahre später grei� Ka�a dieses
�ema der sprachlichen Illusion fast wörtlich wieder auf, in einem unvoll-
endeten Text ohne Titel, der wahrscheinlich aus dem Jahre 920 stammt. Ein
großer Schwimmer kehrt, nachdem er den olympischen Rekord errungen
hat, in seine Heimat zurück. Seine Landsleute bereiten ihm einen triumpha-
len Empfang, und während des ihm zu Ehren gegebenen Banketts hält ein
dicker Mann eine Rede, die den Helden der Festlichkeit ratlos macht. Und
so sagt er, als er selbst das Wort ergrei�: »Zunächst muß ich feststellen, daß
ich hier nicht in meinem Vaterland bin und trotz großer Anstrengung kein
Wort von dem verstehe, was hier gesprochen wird. Das Naheliegendste wäre
nun, an eine Verwechslung zu glauben, es liegt aber keine Verwechslung vor,
ich habe den Rekord, bin in meine Heimat gefahren, heiße so wie Sie mich
nennen, bis dahin stimmt alles, von da ab aber stimmt nichts mehr, ich bin
nicht in meiner Heimat, ich kenne und verstehe Sie nicht. Nun aber noch
etwas, was nicht genau, aber doch irgendwie der Möglichkeit einer Ver-
wechslung widerspricht: es stört mich nicht sehr, daß ich Sie nicht verstehe.«
, Fragmente aus He�en und losen Blättern, 233.
29
, 308 f.
30 Ebd.
3 Max Brod zufolge sprach er dem Westjuden sogar das Recht ab zu heiraten,
vgl.
Brod
, 47.
32 Auf Rasse, Nationalität, Religion kommt es ihm hier nicht an, alle sind gleich
viel wert, vorausgesetzt, der Mensch lebt sie mit allem, was er ist, mit seinem
Blut, Fleisch und Denken. So schreibt er an seine Schwester Ottla über den
christlichen Tschechen, mit dem sie verlobt ist: »[…] ihn freut sein Beruf, er
lebt unter seinem Volk, ist fröhlich und gesund, im Wesentlichen (auf das
Nebenbei kommt es nicht an) mit Recht mit sich zufrieden, mit seinem
großen Kreis zufrieden, mit Recht (es ist nicht anders auszudrücken, so wie
eben ein Baum auch mit Recht in seinem Boden steht) und in ganz bestimm-
ten Richtungen mit den andern unzufrieden […]« (
, . Mai 920, 82).
Davids Unzufriedenheit in »ganz bestimmten Richtungen« spielt zweifellos
auf den Antisemitismus an, von dem er als fanatischer Nationalist sicher
nicht frei war,
33 Vgl. oben, S. 38. Brod meint, Ka�as Brief über die deutsch-jüdische Litera-
tur dürfe nicht wörtlich genommen werden. Ich dagegen glaube, daß er sehr
wohl wörtlich zu nehmen ist, und zwar unabhängig von Ka�as Beurteilung
dieses oder jenes Autors. Aus seiner Sicht kann der deutsch-jüdische Schri�-
20
steller Meisterwerke schreiben und dennoch ein Betrüger sein – er sagt sogar:
ein Zigeuner, der das deutsche Kind aus der Wiege gestohlen hat –, einfach
weil bei ihm die Einheit von Sprache und Sein zerbrochen ist. Ich werde auf
diese Unnachgiebigkeit, die die Besonderheiten seines eigenen Stils be-
stimmt, sowie auf seine Haltung gegenüber den eigenen Büchern zurück-
kommen.
34 Zu diesem �ema schreibt er an Milena: »Wir kennen doch beide ausgiebig
charakteristische Exemplare von Westjuden, ich bin, soviel ich weiß, der
westjüdischste von ihnen, das bedeutet, übertrieben ausgedrückt, daß mir
keine ruhige Sekunde geschenkt ist, nichts ist mir geschenkt, alles muß er-
worben werden, das ist vielleicht die schwerste Arbeit […]«
, 294.
Kapitel IV: Der Dornbusch
, 6. Januar 92, 7. – Ka�a notiert seine Enttäuschung über den
Vicekönig
von Feimann, aber nach dem Kontext zu schließen, hatten ihn schon die
vorangegangenen Stücke enttäuscht.
2 Diese Wertschätzung des Glaubens, über den Inhalt der Lehre hinaus, rührt
nicht von einem intellektuellen Synkretismus her; Ka�a macht kein System
daraus, bei ihm ist er eine Gefühlskonstante, die zum Teil erklärt, warum ihn
die verschiedenartigsten Sekten so stark anziehen (vgl. unten Kap. V, »Vor
dem Gesetz«).
, 2. September 96, 697.
, . September 97, 694.
5 Da Felice ihn wohl gefragt hat, was das Heim mit dem Zionismus zu tun
habe, antwortet Ka�a: »Mit dem Zionismus hängt es (dies gilt aber nur für
mich, muß natürlich gar nicht für Dich gelten) nur in der Weise zusammen,
daß die Arbeit im Heim von ihm eine junge krä�ige Methode, überhaupt
junge Kra� erhält, daß nationales Streben anfeuert, wo anderes vielleicht
versagen würde, und daß die Berufung auf die alten Ungeheuern Zeiten
erhoben wird, allerdings mit den Einschränkungen, ohne die der Zionismus
nicht leben könnte.«
, 2. September 96, 697.
6 In dieser Hinsicht befand sich Dora etwa in der gleichen Lage wie Löwy: Da
sie sehr früh – sie ist noch keine achtzehn Jahre alt, als Ka�a ihr in Müritz
begegnet – aus dem erstickenden Rigorismus ihrer Familie und ihres Milieus
ausgebrochen war, war auch sie »mißraten«, und ihre Angehörigen hielten
sie für verloren. Doch in London, wo ich sie nach dem Zweiten Weltkrieg
kennenlernte, war sie so wenig »assimiliert« wie zu irgendeiner Zeit ihres
bewegten Lebens. Obwohl sie ihren Glauben seit langem nicht mehr aus-
übte, war sie doch nur bei den polnischen Juden von Whitechapel wirklich zu
Hause, und sie blieb die Tochter des
schtetel
, bescheiden, stolz und voller
Humor, deren Liedern und Geschichten Ka�a mit Entzücken lauschte. Im
2
übrigen ist zu erwähnen, daß die Ostjuden, mit denen Ka�a sich anfreun-
det, im allgemeinen keine frommen Juden sind, sondern im Gegenteil
Menschen, die den Mut haben, mit dem zu brechen, was sie in aller Wahr-
ha�igkeit nicht mehr sein und tun können, und dennoch nicht der Versu-
chung erliegen, sich der anderen Seite anzuschließen. Ob gläubig oder
ungläubig, sie sind wahrha�ig, ohne Verlangen noch Neugier nach etwas,
das sie verderben könnte, und genau darin hält Ka�a sie für vorbildlich.
7 Beschneider.
, 24. Dezember 9, 50.
, 4. Dezember 95, 348 f.
0 Unabhängig von den religiösen Implikationen dieser Verbindung von kör-
perlichem Schmutz und geistiger Reinheit kann Ka�a ein sehr reales Bild
davon bei seinem Vater finden, der ebenfalls eine »nicht unappetitliche« Art
hat, sich bei Tisch in die Nase zu greifen. Im übrigen hat er – sicherlich in
Verbindung mit den schlechten Manieren des Vaters – eine ausgesprochene
Vorliebe für die kleinen unsauberen Gewohnheiten außergewöhnlicher Men-
schen, die nach allgemeinem Urteil, oder nur nach dem eigenen, starke
Autorität besitzen. Vgl.
, 28. März 9, 45, Bericht seines Besuchs bei
Rudolf Steiner, der ebenfalls mit der Geschichte eines Fingers in der Nase
endet.
 Dieser treffende Vergleich wird in einer Rezension gezogen, die in der ame-
rikanischen Zeitschri�
Present Tense
, Sommer 977, veröffentlicht wurde und
sich auf die Neuausgabe eines Werks von Jiri Langer bezieht. Die Sammlung
mit dem Titel
Nine Gates to the Chassidic Mysteries
, Behrman House, New York
976 [deutsch;
Neun Tore. Das Geheimnis der Chassidim
, aus dem Tschechischen
übersetzt von Friedrich �ieberger, München 959], besteht aus chassidi-
schen Erzählungen, die Langer zusammengestellt hat. Das Vorwort dazu
stammt von seinem älteren Bruder, Frantisek Langer, der Dichter ist und
ebenfalls in Prag mit Ka�a verkehrt hat. Jiri Langer blieb nicht lange in
Galizien, 94 folgte er dem Belzer Rabbi ins Exil. Nachdem er 939 vor den
Nazis geflohen war, lebte er bis zu seinem Tod (943) in Palästina,
2
, April 96, 363. Anknüpfend an das Wort »bitter« – diesen Geschmack
hat für die Anhänger des Rabbi dessen Tonfigur –, tritt Ka�a plötzlich aus
seiner Geschichte heraus und schreibt: »Bitter, bitter, das ist das hauptsäch-
liche Wort. Wie will ich eine schwingende Geschichte aus Bruchstücken
zusammenlöten?«
3
Br
, Brief an Max Brod, Mitte Juli, 96, 4–46. Bevor Ka�a mit seiner
Geschichte beginnt, schiebt er Langers Erklärung geflissentlich beiseite:
»Was er erzählt hat, will ich jetzt nicht schreiben, nur das, was ich gesehen
habe.«
4 Genauer die Gabaim, die Vertrauten und Angestellten des Rabbi.
15 Ebd. 43 f.
6 Ebd. 45. Freunden zufolge, die sich im Chassidismus gut auskennen, bringt
dieser Brief, der wohlgemerkt im Jahre 96 geschrieben wurde, besser als
irgendein anderes Dokument zum Ausdruck, wie fremd Ka�a der symboli-
schen Welt gegenübersteht, die der Rabbi damals vor seinen Augen durch-
22
wandert. Das stimmt in der Tat, und es scheint ihn nicht allzu sehr zu
bekümmern. Jedenfalls überläßt er »den tiefern Sinn« den Spezialisten, um
sich des »menschlichen« Sinns zu bemächtigen, der ihm, wie er hier sagt,
genügt. In einem Brief an Felice (
, 8. Juli 96, 666) stellt erden Rabbi vor
als »den höchsten Kurgast von Marienbad, d. h. denjenigen, auf den das
größte menschliche Vertrauen gerichtet ist«; von Gott oder der religiösen
Mission des Rabbi ist überhaupt nicht die Rede, es interessiert ihn allein der
Mensch als hehrer Vater, der seinem Volk ein »ruhiges glückliches Vertrauen«
zu geben vermag (Brief an Max Brod), ein Vertrauen, das er »ahnen«, wenn
auch leider nicht selbst empfinden kann. Weisen wir noch darauf hin, daß
sich die Person des Rabbi und die seines Vaters in seinem Geist so sehr
vermengen, daß er für sie ein und dasselbe Bild verwendet – in seinen glück-
lichen Momenten, zum Beispiel wenn er in Franzensbad zur Kur ist, sieht
auch Hermann Ka�a aus wie ein »König auf Reisen«.
Brief an den Vater
42.
7
, 6. September 95, 349.
8 Vgl. oben, S. 2, Anm. 34.
9
, 257 f. Da die Briefe an Milena meist kein Datum tragen, ist es nicht
immer leicht, sie zu datieren; dieser hier wurde wahrscheinlich am 6. Sep-
tember 920 geschrieben. Vgl. Chris Bezzel, a. a. O., 6. Das
»ein«
ist von
Ka�a unterstrichen.
20 Heinz Politzer,
Franz Ka�a. Eine innere Biographie in Selbstzeugnissen
, Fischer
Taschenbuch Verlag, Frankfurt 983, 53.
2
Die Selbstwehr
, 9. September 90, zitiert von Stolz, a. a. O.,  f. Über Ka�as
Verhältnis zu dem zionistischen Organ Böhmens, das sein Freund Felix
Weltsch herausgab, vgl. Hartmut Binder, »Franz Ka�a und die Wochen-
schri� ›Selbstwehr‹«, in:
Deutsche Vierteljahresschri� für Literaturwissenscha�
und Geistesgeschichte
, 4, 967, 2, 283–304.
22 Arthur Schnitzler,
Der Weg ins Freie
, S. Fischer, Berlin 908, zitiert von Stölzl,
a. a. O., 09, nach
Gesammelte Werke
Die erzählenden Schri�en 
, S. Fischer,
Frankfurt 96, 755.
23
, 9. April 97, 33.
24 Ka�a kennt keine Grenzen bei der Erfindung solcher Gestalten, die zwi-
schen zwei Reichen, zwei Zuständen, zwei Welten schweben und schon für
sich allein seinen Ruf als phantastischer Autor begründen – sehr zu Unrecht
übrigens, denn sie stellen nichts anderes dar als das Schema seiner eigenen
Realität. In zwei Reichen lebend wie Gregor Samsa und der Affenmensch im
Bericht für eine Akademie
; im Diesseits und im Jenseits wie der Jäger Gracchus,
den eine geheimnisvolle Schuld weder leben noch sterben läßt; in zwei Tier-
arten wie die Kreuzung zwischen Katze und Lamm, die nirgendwo ihres-
gleichen hat und der das Fleischermesser versagt ist, weil sie ein Erbstück ist;
schließlich in zwei Kulturen und zwei Sprachen wie die Odradek genannte
Spule, der gerade die Absurdität ihrer Existenz eine Art Ewigkeit verleiht, ist
Ka�as Held immer in gewisser Weise ein Doppelwesen, ein Irrtum der Na-
tur, eine Chimäre im Sinn der Biologie. In Kap. VII, »Fiktion und Wirk-
lichkeit«, werden wir sehen, daß sein ganzes Werk um dieses �ema der
23
Heterogenität kreist, das für ihn die unmittelbare Ursache seines Fluchs
ist.
25
, 6. September 96, 700.
26
, 2. Juli 93, 225. Er weint auch, als er
Ritualmord in Ungarn
von Stefan
Zweig liest: »Bei einer Stelle mußte ich zu lesen au�ören und mich auf das
Kanapee setzen und laut weinen. Ich habe schon seit Jahren nicht geweint.«
, 28. Oktober 96, 736.
Br
, Brief an Max Brod, 6. Februar 99, 252.
28 Julie Wohryzek war die Tochter eines Schusters, der als Gemeindediener
(»Schammes«) an der Synagoge im Prager Viertel Weinberge arbeitet, d. h.
er stand in der damaligen Prager Hierarchie auf der untersten Stufe. Als
Hermann Ka�a von der Verlobung seines Sohnes mit einem Mädchen so
niederen Standes erfahrt, bekommt er einen Wutanfall (»Sie hat wahrschein-
lich irgendeine ausgesuchte Bluse angezogen, wie das die Prager Jüdinnen
verstehn, und darau�in hast Du Dich natürlich entschlossen, sie zu heira-
ten«), was den Anstoß zu dem
Brief an den Vater
gab. Ganz allgemein
verabscheute Hermann Ka�a die übertriebene Bescheidenheit, die seinen
Sohn veranlaßte, mit den niederen Klassen zu verkehren – Dienstmädchen,
Ostjuden usw. –, er sah darin das Zeichen einer verachtenswerten Feigheit
und wohl noch mehr eine Verurteilung der eigenen Ambitionen.
29
, 24. Februar 99, 70 f. Der wahre Grund seiner Klage ist ein anderer, und
Ottla errät ihn sehr gut: Wenn sie heiratet, wird sie ihn verlassen.
30
, 20. Februar 99, 68 f.
3
, 5. Oktober 93, 235: »Der Aufenthalt in Riva hatte für mich eine große
Wichtigkeit. Ich verstand zum ersten Male ein christliches Mädchen und
lebte fast ganz in seinem Wirkungskreis.« Und
, 22. Oktober 93, 238: »Zu
spät. Die Süßigkeit der Trauer und der Liebe. Von ihr angelächelt werden im
Boot. Das war das Allerschönste. Immer nur Verlangen, zu sterben und das
Sich-noch-Halten, das allein ist Liebe.«
32
, 6. Juli 96, 368: »Ich war noch niemals, außer in Zuckmantel, mit einer
Frau vertraut. Dann noch mit der Schweizerin in Riva. Die erste war eine
Frau, ich unwissend, die zweite ein Kind, ich ganz und gar verwirrt.«
33
, 22. Januar 922, 492. Sein Bruch mit Milena ist unvermeidlich geworden
und nimmt ihm jede Hoffnung, »doch vielleicht in Kanaan« zu bleiben. Und
so sind alle seine Aufzeichnungen aus dem Jahre 922 – erinnern wir daran,
daß er 924 starb – eine Meditation über seine lange »Wüstenwanderung«
und die Ursachen seines geistigen Niedergangs, wie er es nennt. In diesem
Zusammenhang fallen ihm sein
Unglück des Junggesellen
und der Onkel Rudolf
wieder ein. Am Tag vorher hatte er übrigens geschrieben: »Ohne Vorfahren,
ohne Ehe, ohne Nachkommen, mit wilder Verfahrens-, Ehe- und Nachkom-
menslust. Alle reichen mir die Hand: Vorfahren, Ehe und Nachkommen,
aber zu fern für mich.«
, 2. Januar 922, 409.
34
, 4. Juli 92, 492.
35
, 8. November 92, 05.
36
Br
, Brief an Max Brod und Felix Weltsch, Meran, 0. April 920, 269. Es ist
der Brief, in dem Ka�a seinen Freunden den Vorfall mit dem Oberst und
24
dem General am Gästetisch erzählt. Zuvor beschreibt er die Gesellscha� der
ersten Pension, in der er gewohnt hat: »Die Gäste waren einige vornehme
Italiener, dann noch ein paar andere Eindringlinge, der große Rest Juden,
zum Teil getau� (aber was für abscheuliche jüdische Krä�e können bis ans
Bersten in einem getau�en Juden leben, erst in den christlichen Kindern der
christlichen Mutter glättet es sich).«
37
, . März 95, 339.
38
, 7. Dezember 93, 252.
39 Ebd.
40
, 8. Januar 94, 255.
4
, 6. Ka�a schreibt diesen schrecklichen Satz im Jahre 920, und natür-
lich kann er nicht wissen, daß zwanzig Jahre später andere sich daranma-
chen werden, seinen Wunsch zu erfüllen. Einen halb provozierenden, halb
spöttischen Wunsch, der nur in seinem unmittelbaren Zusammenhang ver-
ständlich ist: Milena protestiert unentwegt gegen die Bedeutung, die Ka�a
in ihrer Beziehung dem Judentum beimißt. Für sie zählen die Unterschiede
der Rasse und Religion nicht, im übrigen hat sie einen Juden geheiratet, sie
bewundert die Juden im allgemeinen sogar sehr, usw. Worauf Ka�a ant-
wortet, daß sie unrecht habe und daß er persönlich ihnen lieber den Tod
wünsche, und sei es nur, damit sie sich nicht dauernd zwischen ihn und die
geliebte Frau stellen.
42
, 2. September 92, 2.
43 Vgl. oben, S. 62.
44
, . Juli 93, 224.
45
, 24. November 94, 322 f. Diese Bemerkung ist von einem gewissen
Chaim Nagel inspiriert, der eine Kleidersammlung für die galizischen
Flüchtlinge organisiert und dessen Vollkommenheit sich daran zeigt, wie
verständig und gerecht er diese begrenzte Aufgabe bewältigt.
46 Dadurch, daß Ka�a den Menschen höher bewertet als die Ideen, und den
Zustand
, in dem sie handeln, höher als die
Meinungen
, auf die sie sich angeb-
lich berufen, stellt er sich unzweifelha� auf die Seite der großen jüdischen
Denker; er steht unbedingt in ihrer geistigen Tradition, auch wenn er ihnen in
der Praxis kaum gefolgt ist.
47
, 2. September 96, 697.
48 Über Ka�as Verbindungen zu den Prager Anarchisten und besonders zu
Michal Mare
vgl.
Wagenbach
, 62–64 und 230. Nach dem Bericht von Mi-
chal Mare
soll Ka�a eine Kundgebung gegen die Hinrichtung des Begrün-
ders der »Freien Schule«, Francesco Ferrer, besucht haben (Oktober 909),
ebenso Vorträge über Malthus, die Freie Liebe usw. 92 soll er an einer
Protestversammlung gegen die Hinrichtung des Pariser Anarchisten Liabeuf
teilgenommen haben. Vgl. auch
Janouch
, 697.
50
Br
, Briefe an Elli Hermann, Herbst 92, 339–347. Ka�a maß der Pädago-
gik große Bedeutung bei und interessierte sich leidenscha�lich für alles, was
ihm in diesem Bereich neu erschien. 92 will er seinen Neffen in die Schule
von Dalcroze in Hellerau schicken, die er persönlich kennt, und jedes Mittel
25
ist ihm recht, seine Schwester von seinen Ansichten zu überzeugen. Zuerst
beru� er sich auf Swi�, dann führt er ein Schullesebuch-Gedicht an, das von
einem Wanderer handelt, der nach vielen Jahren in das Heimatdorf zurück-
kommt und den niemand mehr kennt außer der Mutter. Aber daß, sagt
Ka�a, »wenn der Sohn zu Hause geblieben wäre, sie ihn niemals erkannt
hätte, daß das tägliche Zusammensitzen mit dem Sohn ihr ihn völlig un-
kenntlich gemacht hätte […]« Es war gewiß keine Mutter, »die habsüchtig
die Verantwortung tragen wollte, habsüchtig die Freuden und, was vielleicht
noch schlimmer ist, die Schmerzen teilen wollte (nichts soll er ganz haben!
[…]« Bei ihr hätte der Sohn nicht allzuviel riskiert, denn, so fügt Ka�a
hinzu, »es war keine Prager Judenfrau, sondern irgendeine fromme Katho-
likin aus der Steiermark«. (347) Diese vier Briefe an seine älteste Schwester
sind indirekt eine schreckliche Anklage gegen seine eigene jüdische Mutter
und den »kleinen, schmutzigen, lauwarmen, blinzelnden Geist«, der ihn
selbst unwiderruflich verstümmelt hat. Das ist um so bemerkenswerter, als
die Figur der Mutter in seinem Werk eine scheinbar ganz untergeordnete
Rolle spielt, jedenfalls im Vergleich zu der des allmächtigen Vaters.
5
�eodor Herzls Tagebücher 895–904
, 3 Bde. Jüdischer Verlag, Berlin
922–923. Vgl.
Wagenbach
, 257. Für das Verzeichnis der Handbibliothek
Ka�as siehe
Wagenbach
, 25-263.
52
, 0. September 93, 465. Ka�a war in sehr schlechtem Gesundheitszu-
stand nach Wien gereist, und der zionistische Kongreß war gewiß nicht die
einzige Ursache seines Unbehagens, gleichwohl sind seine Notizen sehr be-
zeichnend.
Br
, Brief an Max Brod, 6. September 93, 20: »Die Tage in Wien möchte
ich aus meinem Leben am liebsten ausreißen und zwar von der Wurzel aus,
es war ein nutzloses Jagen und etwas Nutzloseres als ein solcher Kongreß
läßt sich schwer ausdenken.«
54
, 2. September 96, 697 f.
55 Es handelt sich um Puah Ben-Torim, seine dritte Hebräisch-Lehrerin, der er
eine Zeitlang eng verbunden war. Joram Bar-David hat mir freundlicher-
weise einen hebräisch geschriebenen Brief zur Kenntnis gebracht, den Ka�a
ihr geschrieben hat und der nicht in den Band seiner
Briefe
aufgenommen
wurde: »Ich verstehe sehr gut die Angst, die einen packt, wenn man einen
Brief erwartet, der immerfort herumirrt. Wie o� in meinem Leben wurde ich
von einer solchen Angst verzehrt. Ein Wunder, daß der Schrecken, bevor er
Wirklichkeit wird, den Wartenden nicht in Staub fallen läßt.«
56
Br
, Brief an Max Brod, Anfang Februar 92, 303.
57 Solche Interpretationen berufen sich vor allem auf eine Stelle der
Tagebücher
wo Ka�a schreibt: »Diese ganze Literatur ist Ansturm gegen die Grenze,
und sie hätte sich, wenn nicht der Zionismus dazwischengekommen wäre,
leicht zu einer neuen Geheimlehre, einer Kabbala, entwickeln können. An-
sätze dazu bestehen.« (
, 6. Januar 922, 405 f.) Es ist jedoch klar, daß
Ka�a das Wort »Kabbala« hier als Gattungsbegriff gebraucht, nicht als
ausschließlich an die Tradition gebundenen Eigennamen. Er setzt »Kab-
bala« für ›Geheimsprache, die beim Leser eine gewisse Eingeweihtheit
26
voraussetzt‹, was in keiner Weise bedeutet, daß er an die historische Kabbala
anknüpfen will. Allein die Tatsache, daß er eine neue, nur für ihn selbst
gültige Kabbala ohne Lehrer und Einweihung entwickeln will, könnte viel-
mehr darau�inweisen, wie fremd ihm die Tradition blieb. Interessanter ist
die Anspielung auf den Zionismus, der ihn seiner Meinung nach daran ge-
hindert hat, die Schranken der Welt zu durchbrechen und in jenem unbe-
stimmten Anderswo zu verharren, in dem der Held des
Schloß
zu Hause zu
sein behauptet. Gleichwohl ist dieser Einfluß des Zionismus in seinem Werk
nicht so deutlich, wie er zu glauben scheint; ab 97 tauchen zwar mehr
spezifisch jüdische �emen auf –
In unserer Synagoge, Chakale und Araber
–, doch
ansonsten hat sich die Erzähltechnik nicht geändert.
58
Br
, Brief an Robert Klopstock, 9. Dezember 923, 470.
59
, 39.
60
Br
, Brief an Eise Bergmann, Juli 923, 437 f.
6
, 23. Januar 922, 4.
Kapitel V: Vor dem Gesetz
 Beliebiges zu essen scheint er jedoch für weit besser zu halten für jemanden,
der es gedankenlos und somit schuldlos tun kann, wenn er Not leidet wie die
Flüchtlingskinder im jüdischen Rathaus von Prag oder, auf höherer Ebene,
»diejenigen, welche in ihrem Gefühl gute Vegetarianer, aber auch Gesund-
heit, Gleichgültigkeit und Unterschätzung des Essens überhaupt, Fleisch
und was es gerade gibt wie nebenbei mit der linken Hand aufessen […]« (
24. November 92, 9) Ka�a rechnet es sich als Verdienst an, dort rech-
nen zu müssen, wo wirkliche Gesundheit ohne jede Berechnung auskommt;
aus seiner Sicht ist es sogar eine Schwäche, die ihn auf einer von seinem Ideal
weit entfernten Stufe festhält.
Forschungen eines Hundes
, 206 ff.
3 Ebd. 208.
4 Das Erschütternde dieses an sich schon grausamen Endes wird noch da-
durch verstärkt, daß Ka�a im letzten Augenblick wirklich leben will und
sich seines früheren »Irrseins« bewußt zu werden scheint. An Kehlkop�u-
berkulose erkrankt und außerstande zu trinken, zu essen und zu sprechen,
deliriert er zuweilen fast vor Hunger und Durst. So schreibt er an Robert
Klopstock auf einen jener Zettel, durch die er sich mit der Umwelt verstän-
digt: »Wie leicht ging es damals im Bett, wenn Sie kamen, und dabei hatte ich
nicht einmal Bier, allerdings Kompott, Obst, Fruchtsa�, Obst, Wasser,
Fruchtsa�, Obst, Kompott, Wasser, Fruchtsa�, Obst, Kompott, Wasser,
Limonaden, Apfelwein, Obst, Wasser.« (
Br
, Aus den Gesprächsblättern,
490 f.) In jener Zeit erhält er – eine wahrha� überflüssige Scheußlichkeit –
die Druckfahnen des
Hungerkünstler
, einer der drei Erzählungen seines letzten
27
Buches. Er kann nur noch das erste Blatt korrigieren, und der Text erscheint
erst nach seinem Tod.
, 209.
6 Ebd.
7 Ebd. 209 f.
8 So sagt der Hund, als er im Sterben zu liegen glaubt: »Es war mir, als sei ich
hier nicht durch einen kurzen Lauf von den Brüdern getrennt, sondern un-
endlich weit fort von allen, und als stürbe ich eigentlich gar nicht durch
Hunger, sondern infolge meiner Verlassenheit. Es war doch ersichtlich, daß
sich niemand um mich kümmerte. […] Vielleicht war die Wahrheit nicht
allzuweit, und ich also nicht so verlassen, wie ich dachte, nicht von den
anderen verlassen, nur von mir, der ich versagte und starb.« (Ebd. 2) Und
Ka�a in seinen
Tagebüchern
am 29. Januar 922: »[…] überdies nicht nur hier
verlassen, sondern überhaupt, auch in Prag, meiner ›Heimat‹, und zwar
nicht von den Menschen verlassen […], sondern von mir in Beziehung auf
die Menschen […]« (
, 45) Kurz daraufspricht er von seiner »Hauptnah-
rung«, die »von andern Wurzeln in anderer Lu� kommt« (ebd.).
9 »Monatelang mußte mein Vater während meines Nachtessens die Zeitung
vors Gesicht halten, ehe er sich daran gewöhnte.«
, 7. November 92,
79.
0
, 24. November 9, 28.
 Eigentlich wird das �ema schon in den beiden frühesten Novellen erwähnt,
die uns bewahrt geblieben sind,
Beschreibung eines Kampfes
und
Hochzeitsvorbe-
reitungen auf dem Lande
, aber die Ehelosigkeit ist noch kein Fluch, der Held
fürchtet sie dunkel und wischt sie einfach beiseite, indem er sich für
verlobt
erklärt
2
, 4. November 9, 8, von Ka�a in seinem ersten Buch
Betrachtung
veröffentlicht.
3
, 3. Dezember 9, 32 f.
4 »Als ich am 3. August zu Brod kam, saß sie bei Tische und kam mir doch
wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie
war, sondern fand mich sofort mit ihr ab.« Und: »Während ich mich setzte,
sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein uner-
schütterliches Urteil.« (
, 20. August 92, 208) Diese Beschreibung erlaubt
wahrha�ig nicht, von Liebe auf den ersten Blick zu sprechen, und doch ist
Ka�a bereits entschlossen, seine ersten Briefe lassen daran keinen Zwei-
fel.
5
, 3. Juli 93, 225.
6 Dieser Midrasch aus einer Vorlesung von Emmanuel Lévinas wurde mir von
Rachel Goitein-Galpérine übermittelt, der ich hier meinen Dank ausspre-
che.
7
, 7. November 92, 79.
8
, . November 92, 88.
9
, 24. November 92, 9. Ka�a entnahm dieses Gedicht dem Band von
Hans Heilmann
Chinesische Lyrik vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zur Gegenwart
München 905. Er liebte nicht nur dieses Buch, sondern alles, was er in
28
Übersetzungen von der chinesischen Literatur kannte. In seinen He�en aus
dem Jahre 920 findet man ohne Angabe der Quelle und des Autors ein
weiteres Gedicht sowie zwei Auszüge aus einem Band mit chinesischen Le-
genden: »Gespensterbuch«. Das Gedicht endet mit dem Satz: »Mein Leben
habe ich damit verbracht, mich gegen die Lust zu wehren, es zu beenden.«
Vgl.
, 245 und
, 282. Ka�as innere Verwandtscha� mit der chinesischen
Weisheit kommt natürlich auch in den Fragmenten zum Ausdruck, aus de-
nen die Erzählung
Beim Bau der Chinesischen Mauer
besteht.
20
, vom 4. zum 5. Januar 93, 250.
2 Ebd. Der letzte Satz ist von Ka�a unterstrichen.
22
, 9. Januar 93, 257.
23
, vom 2. zum 22. Januar 93, 262.
24 Ebd.
25 Ebd. 263.
26
, 4. August 93, 23.
, 202 f.
28 Ebd. Vgl. die Liebesszene zwischen Frieda und dem Landvermesser im Drit-
ten Kapitel des
Schloß
. Während der Umarmung hat K. »immerfort das
Gefühl […], er verirre sich oder er sei so weit in der Fremde, wie vor ihm
noch kein Mensch, ein Fremder, in der selbst die Lu� keinen Bestandteil der
Heimatlu� habe, in der man vor Fremdheit ersticken müsse und in deren
unsinnigen Verlockungen man doch nichts tun könne als weiter gehen, weiter
sich verirren.« (
, 43 f.) K. ist in einem so schmerzha�en Zustand, daß er fast
aufatmet, als Klamm aus dem Nebenzimmer nach Frieda ru�, so daß an der
»Urszene« wirklich nichts mehr fehlt.
29
, 29. Januar 922, 46.
30 Brief an eine Schwester von Julie Wohryzek (Wagenbach, in
Symp
. 45–53),
der kurz nach ihrer Trennung geschrieben wurde. Es sei darau�ingewiesen,
daß Julie damals 30 und Ka�a 36 Jahre alt war und daß die junge Frau, wie
er sagt, »die ursprüngliche Sehnsucht nach Kindern kaum mehr [hatte]«,
was seinen Plänen wohl entgegenkam.
3
, 2. Juli 92, 228. Flaubert und Grillparzer waren neben Kierkegaard die
großen Beispiele eheloser Schri�steller, auf die Ka�a sich häufig berief, um
sein Zurückweichen vor der Ehe zu rechtfertigen. Doch in seinen Augen war
Kleist der einzige, der die richtige Lösung gefunden hatte (der Selbstmord zu
zweit hat ihn immerhin verlockt, zweimal schlägt er ihn Felice vor),
32
, . April 93, 35 f.
33
Br
, Brief an Max Brod, Mitte April 92, 37.
34 Hierin unterscheidet sich Ka�a nicht von den jungen Leuten in Prag, die
nach ihren langen Sitzungen in den literarischen Cafés gern einen Abstecher
ins Bordell machten. Die
Tagebücher
der ersten Jahre tragen die Spur seiner
Besuche in solchen Häusern, von denen er übrigens häufig träumt. Später
allerdings stellt er seine Besuche ein, aus Gründen, die ohne Zweifel mit der
Krise, in die seine Heiratspläne ihn stürzen, sowie mit der asketischen Dis-
ziplin zusammenhängen, der er sein Leben mehr und mehr unterwir�. Doch
der Platz, den er der Prostitution in seinen Romanen einräumt, ist um so
29
bezeichnender: Die immens dicke Brunelda, die im
Verschollenen [Amerika]
als
Sängerin vorgestellt wird, beschließt ihre Karriere in einem geheimnisvollen
Amt, das mit seinen geschlossenen Türen und seiner hohen Hausnummer
nur ein Freudenhaus sein kann; und hält man sich an die offenkundigste
Funktion sowie an die Rolle, die es bei der heimlichen Annäherung der
Geschlechter spielt, so ist das Wirtshaus der Herren im
Schloß
nichts anderes
als ein gewöhnliches Bordell. Neben der Prostituierten, und manchmal mit
ihr verschmolzen, wird die Frau in Ka�as Romanen fast nur in Gestalt der
kleinen Dienstmagd gezeigt – Elsa und Leni im
Prozeß
, Frieda und Pepi im
Schloß
–, deren Gunst dem Helden wie im Traum zufällt, sogar ohne daß er sie
erbitten muß.
35
, wahrscheinlich Ende November 920, 292 f.: »Du sagst Milena daß Du es
nicht verstehst. Such es zu verstehen, indem Du es Krankheit nennst. Es ist
eine der vielen Krankheitserscheinungen, welche die Psychoanalyse aufge-
deckt zu haben glaubt. Ich nenne es nicht Krankheit und sehe in dem
therapeutischen Teil der Psychoanalyse einen hilflosen Irrtum. Alle diese
angeblichen Krankheiten, so traurig sie auch aussehen, sind Glaubenstatsa-
chen, Verankerungen des in Not befindlichen Menschen in irgendwelchem
mütterlichen Boden. […] Hier will man heilen?« Vgl. auch
, Fragmente aus
He�en und losen Blättern, 243, wo diese Passage aus dem Brief an Milena
fast wörtlich wiedergegeben ist.
36
Br
, Brief an Max Brod, Mitte April 92, 37: »Es ist auch an sich nichts
Besonderes, eine Deiner frühesten Geschichten beschä�igt sich damit, aller-
dings freundlich, es ist eine Erkrankung des Instinkts, eine Blüte der Zeit
[…]«
37 Ebd.
38 Zu der Zeit, da er sich um seine Zukun� zu sorgen beginnt, sagt es ihm seine
Mutter mit dem in allen Familien hochgehaltenen gesunden Menschenver-
stand: »Lösungsmöglichkeiten gibt es tausende. Die wahrscheinlichste ist,
daß ich mich plötzlich in ein Mädchen verliebe und von ihr nicht mehr werde
ablassen wollen. […] Wenn ich aber Junggeselle werde wie der Onkel in
Madrid, wird es auch kein Unglück sein, weil ich in meiner Gescheitheit
mich schon einzurichten wissen werde.«
, 9. Dezember 9, 46. Aber
Ka�a merkt bei dieser Gelegenheit an, wie »unwahr und kindlich« die Vor-
stellung ist, die seine Mutter sich von ihm macht.
39 Allerdings tritt er in seinem Romanwerk in seltsamer Gestalt in Erschei-
nung, freilich durch eine Mittelsperson und unter der Maske einer lautma-
lerischen Anspielung, bei der Ernst und Ironie nicht leicht zu unterscheiden
sind. Eine der wichtigen Personen aus dem
Schloß
heißt nämlich Barnabas, so
wie der rastlose Sendbote, der in den paulinischen Briefen als Freund und
nächster Mitarbeiter des Paulus erscheint. Und ein Sendbote ist auch dieser
Barnabas, denn als angeblicher Abgesandter des Schlosses soll er K. die
Botscha�en der Herren überbringen; und rastlos ist er nur allzusehr, wie es
sich im weiteren, traurigen Ablauf der Ereignisse herausstellt. Zunächst setzt
K, die größten Hoffnungen in diesen Verbindungsmann, der, wie er glaubt,
endlich einen Kontakt mit den hohen Sphären des Schlosses herstellen wird,
220
doch bald muß er sich ernüchtern, denn aus der Nähe besehen und ohne sein
schimmerndes Seidenkleid entpuppt sich Barnabas als gemeiner Knecht, er
hat weder eine Stellung noch ein »offizielles« Gewand, und noch niemals
hatte er eine Botscha� zu überbringen. K. ist insbesondere durch sein
übertriebenes Vertrauen in dieses trügerische und unbeständige Geschöpf
verloren, dieses »Irrlicht«, das in Wirklichkeit ebenso ohnmächtig ist wie er
selbst.
40 Es ist immerhin bemerkenswert, daß einer der Höhepunkte des
Prozeß
im
Dom spielt und daß Josef K. der sich dort au�ält, um ihn einem italieni-
schen Geschä�sfreund zu zeigen, vom Gefängniskaplan angesprochen wird,
offenbar einem katholischen Geistlichen, der ihn ernstha�er und mit
realerem Interesse über seinen Prozeß unterrichtet, als es bisher irgend je-
mand getan hat; freilich gehört die berühmte
Legende
, die der Geistliche ihm
vorträgt, zu keiner bekannten �eologie, außerdem versteht er sie nicht, und
sie kann nicht verhindern, daß ihn sein Schicksal ereilt. In einem der un-
vollendeten Kapitel des
Prozeß
, »Fahrt zur Mutter«, sagt er, daß die Mutter
des Helden, die dieser seit drei Jahren nicht gesehen hat und die inzwischen
fast blind und unmäßig fromm geworden ist, sich, obwohl sie kaum noch
gehen kann, jeden Sonntag zur Kirche schleppt, was Josef K. »fast mit Wi-
derwillen« erfüllt. Nach dieser Bemerkung zu schließen, stammt K. aus einer
katholischen Familie, ohne selber fromm zu sein, da die Bigotterie seiner
Mutter ihn abstößt. Da jedoch von K.s Religion nur in dieser einen Stelle
eines unvollendeten Kapitels die Rede ist, wäre es unbedacht, daraus vor-
schnell Schlüsse zu ziehen. Was seinen Besuch im Dom und die Hilfe betri�,
die er von dem Geistlichen zu erwarten scheint, kann man allenfalls daran
erinnern, daß Ka�a knapp zwei Jahre, bevor er den
Prozeß
beginnt, zu seiner
»einzigen Rettung« an den Apostel der »Christlichen Gemeinscha�« schrei-
ben wollte. Vgl. oben, S. 79 f.
4 Sobald er weiß, daß er krank ist, deutet Ka�a seine Tuberkulose als Folge
des psychischen Konflikts, der mit der langen Krise seiner Verlobung zusam-
menhängt: »Manchmal scheint es mir, Gehirn und Lunge hätten sich ohne
mein Wissen verständigt. ›So geht es nicht weiter‹ hat das Gehirn gesagt und
nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt, zu helfen.«
Br
, Brief an
Max Brod, Mitte September 97, 6.
42 Zu diesem Naturheilapostel sind ein paar Worte zu sagen, einem Fabrikan-
ten aus Warnsdorf in Nordböhmen, den Ka�a 9 kennenlernt und der in
seinem Leben eher eine unselige Rolle spielt. Da Schnitzer herausgefunden
haben will, daß alle seine Leiden von Gi�en im Rückenmark herrühren,
empfiehlt er eine äußerst strenge Lebensweise, die Ka�a sofort übernimmt.
Ohne allen Zweifel wird er unter seinem Einfluß Vegetarier und beginnt, sein
»System« zu erarbeiten. Als er 97 erkrankt, schreibt er Schnitzer und fragt,
ob er sich nicht einer totalen Hungerkur unterziehen sollte (er hat Tuberku-
lose!); doch der Fabrikant, der wahrscheinlich erkennt, daß die Dinge
schlecht stehen, hütet sich, ihm zu antworten. Zu dieser Person, die er selbst
für töricht hält, obschon er ihre Ratschläge widerspruchslos befolgt, schreibt
Ka�a als Antwort auf die Skepsis seines Freundes Felix Weltsch: »Was Du
22
über Schnitzer sagts, ist sehr richtig, aber man unterschätzt doch solche
Leute leicht. Er ist ganz kunstlos, daher großartig aufrichtig, daher dort, wo
er nichts hat, als Redner, Schri�steller, selbst als Denker nicht nur unkom-
pliziert, wie Du sagst, sondern geradezu blödsinnig. Setze Dich ihm aber
gegenüber, sieh ihn an, suche ihn zu überschauen, auch seine Wirksamkeit,
versuche für ein Weilchen Dich seiner Blickrichtung zu nähern – er ist nicht
so einfach abzutun.«
Br
, Mitte/Ende Oktober 97, 87.
43
, 26. und 28. März 9, 40, 42 f.
44
Am ha harez
, »Mann der Erde«, ist etwa synonym mit ungebildet, da es
jemanden bezeichnet, der den
Talmud
nicht studiert hat.
Kapitel VI: Die Flucht
Brod
, 30.
2 Vgl. oben, S. 38, den Brief an Max Brod über Karl Kraus, und unten,
S. 5 ff.
Br
, 2. Februar 907, 35: »Diesen Namen wird man vergessen müssen«,
schreibt er anläßlich eines Artikels, in dem Brod ihn einen bedeutenden
Schri�steller genannt hatte, ein übertriebener Eifer, denn sein Freund hatte
damals noch nichts veröffentlicht.
, . Februar 93, 27.
, 23. September 92, 24. »Nur so« ist imText unterstrichen. Auffallend ist
auch, daß Ka�a entgegen seiner Gewohnheit das genaue Datum der Erzäh-
lung sowie alle äußeren Umstände festhält, die ihre Entstehung begleiten, so
als wolle er die Erinnerung an das Ereignis für sich selbst verewigen.
6 Auch wenn der Brief des »Kellerbewohners« stark an ein Gedicht des Jo-
hannes erinnert, so dürfen wir daraus doch nicht auf ein Interesse Ka�as für
die spanischen Mystiker schließen. Unsere Dokumente weisen keine Spur
davon auf. Wahrscheinlich kannte er die deutschen Mystiker besser, zumin-
dest Meister Eckart, den er kurz in einem Brief an Oskar Pollak erwähnt.
Vgl.
Br
, 9. November 903, 20.
7 Weiter unten werden wir sehen, warum und wie Ka�a aus seinen Geschich-
ten alles ausklammert, was auf den Zustand hindeuten könnte, in dem sie
verfaßt wurden. Man findet bei ihm weder Träumer noch Erleuchtete, noch
hellseherisch begabte Menschen, nichts, was sich auf übernatürliche Bege-
benheiten oder auf jene unaussprechlichen Erfahrungen bezieht, für welche
die Romantiker und phantastischen Erzähler eine ausgeprägte Vorliebe ha-
ben. Der Grund dafür ist einfach: weil in ihm Mensch und Schri�steller
streng getrennt sind. Ersterer erleidet, was ihm in einer gegebenen Situation
widerfährt; letzterer beobachtet es aus der Ferne und verzeichnet seine Re-
aktionen; jeder hat in seinem Bereich eine bestimmte Funktion, so daß der
Beobachter niemals die Stelle des Beobachteten einnimmt und der Beobach-
222
tete – die Person in der Erzählung – keine Möglichkeit hat, an der Erleuch-
tung teilzunehmen, die der Schri�steller vielleicht hatte, als er ihn schuf. So
kommt es, in einer Art Humor, dessen Schwärze nicht betont zu werden
braucht, daß der Autor des
Urteil
»in einem Gewässer vorwärtskommt«,
während sein Held sich in den Fluß stürzt und ertrinkt.
8 Mit dieser Weigerung, seine Werke praktisch zu verwerten, was noch einmal
unterstreicht, wie eng Literatur und Heiliges in seinem Geist verbunden
sind, stellt sich Ka�a eindeutig in den Kontext des traditionellen jüdischen
Denkens: Der talmudische Weise muß einen handwerklichen Beruf ausüben,
damit er aus seiner Unterweisung in der �ora keinen Nutzen schlagen kann.
Ein wirklicher Beruf wie der der Rabbiner oder Spinozas hätte Ka�a im
übrigen überglücklich gemacht; er träumte davon, zumal er seinen Juristen-
beruf verabscheute, eine in seinen Augen künstliche und schmarotzerha�e
Tätigkeit, in der die Lebenskrä�e des Körpers und des Geistes sich nicht
wirklich entfalten, sondern lediglich geschwächt werden konnten. Daher
seine zeitweiligen Versuche in Gärtnerei und Tischlerei und später sein Plan,
sich als Buchbinder in Palästina niederzulassen.
9 Anders als man glauben könnte, war Ka�a keineswegs ein müßiger Büro-
mensch, dafür bezahlt, seinen Träumen nachzuhängen und sich zu langwei-
len. Sein Posten bei der
Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königtum
Böhmen und Mähren
war mit hoher Verantwortung verbunden. Seine Vorge-
setzten schätzten ihn als hervorragenden Mitarbeiter, und nach seinen
technischen Aufsätzen zu schließen (veröffentlicht in
Wagenbach
, 279–337),
besaß er neben juristischen Qualifikationen erstaunliche Kenntnisse in Me-
chanik (unabdingbar zur Beurteilung des Sicherheitsgrades bestimmter
Maschinentypen). Er verabscheute seinen Posten also nicht aus schierer
Langeweile, sondern weil er ihn zwang, der Literatur einen wesentlichen Teil
seiner Zeit und seiner geistigen Energie vorzuenthalten.
0
, 2. August 93, 283 f.

, 28. August 93, 456 f. Die Version, die Ka�a schließlich abgeschickt hat,
ist stark geschönt: »Da ich nichts anderes bin als Literatur und nichts an-
deres sein kann und will«, ist ersetzt durch: »Mein ganzes Wesen ist auf
Literatur gerichtet, die Richtung habe ich bis zu meinem 30[s]ten Jahr ge-
nau festgehalten; wenn ich sie einmal verlasse, lebe ich eben nicht mehr.«
2
, 9. Februar 9, 33.
3
, 3. Oktober 9, 58.
4
, Fragmente aus He�en und losen Blättern, 252.
5
, 2. September 93, 460.
6
, 22. August 93, 450. Von Ka�a unterstrichen.
7
,2. September 93, 460.
8
, 9. Januar 9, 3 f.
9
Ein Landarzt
, Er, 7. Im französischen Text (
Un medecin de campagne
, übers,
von Alexandre Vialatte,
Oeuvres complètes
Récits
, I. 57), heißt es: »chevaux
surnaturels« (übernatürliche Pferde), im Original sind sie
unirdisch
, d. h.
»non terrestres«. Die Nuance ist wichtig, zum einen weil Wagen und Pferde
einander genau entsprechen, zum anderen weil »surnaturels« die ganze Er-
223
zählung in die religiöse Sphäre rückt, während sie um eine
entgleiste
religiöse
Idee kreist. Man beachte die vollkommene Übereinstimmung der Bilder
untereinander, ob sie nun in einer Tagebucheintragung oder in einem Werk
der Imagination erscheinen. Der kleine Junge, an den Ka�a sich erinnert,
kennt »den kalten Raum unserer Welt«, so wie der Landarzt sich »dem
Froste dieses unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt« fühlt. Er macht es sich
zur Aufgabe, ein Feuer zu finden, das die Wirklichkeit zu wärmen vermag,
und dieses »große Feuer« hat der Autor des
Urteil
gefunden. Übrigens ver-
wendet Ka�a das Feuer leider nicht nur als Metapher – er verbrennt
wirklich diejenigen seiner Manuskripte, die er für nicht wert hält zu überle-
ben, wie um sie mit dem Feuer dafür zu bestrafen, daß sie sich in den
verzehrenden Flammen der wahren Inspiration nicht geläutert haben.
20 Die Geschichte der beiden Brüder ist offensichtlich ein erster Entwurf des
Verschollenen
, des Amerika-Romans, von dem Ka�a sagt, er halte ihn »in
schändlichen Niederungen des Schreibens« fest, und der aus diesem Grunde
ebenfalls unvollendet blieb. Karl Roßmann hat keinen Bruder, aber er wurde
von seinen Eltern nach Amerika geschickt wegen eines »Vergehens«, das an
dasjenige erinnert, für das der »gute Bruder« im ersten Entwurf bestra�
wird.
2
, 23.
22
, 24.
23
, 36.
24
, 33. Ka�a transponiert in diese �eatralik des Beters den Hokuspokus,
den er selbst in seiner Jugend trieb und in dem er sehr viel später den Beginn
seines »geistigen Niedergangs« sieht: »Ich ließ zum Beispiel Gesichtsmus*
kein künstlich zusammenzucken, ich ging mit hinter dem Kopf gekreuzten
Armen über den Graben. Kindlich-widerliches, aber erfolgreiches Spiel.
(Ähnlich war es mit der Entwicklung des Schreibens, nur daß diese Entwick-
lung leider später stockte).«
, 24. Januar 922, 4 f.
25 Vgl.
Br
, Brief an Max Brod, 28. August 904, 29, und oben, S. 34. Der Brief
beschließt die Szene mit den Worten: »Da staunte ich über die Festigkeit, mit
der die Menschen das Leben zu tragen wissen«, die in der Erzählung nicht
vorkommen.
26
, 33 f.
, 34.
28 Ebd.
29 Ebd.
30
, 39.
3 Ebd.
32 Der Einfluß von Hofmannsthal
(Brief des Lord Chandos)
auf Ka�as Novelle ist
schon o� festgestellt worden. Nicht weniger spürbar ist der Einfluß des deut-
schen Expressionismus, er erscheint vor allem in dem eigenartigen Besee-
lungsverfahren, das, indem es das »Als ob« der Metapher unausgesprochen
läßt, den Gegenständen die Fähigkeit verleiht, zu leben und sich zu bewegen.
Lange nach der Abfassung von
Beschreibung eines Kampfes
(Januar 9) be-
schrieb Jakob van Hoddis das
Weltende
noch wie folgt:
224
»Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lü�en hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
[…]
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.«
(Zitiert in »La difficulté d’être allemand«, Claude Roy,
Le Nouvel Observateur
Nr. 73, 0. Juli 978.)
33 Vgl. das von Janouch wiedergegebene Gespräch über ein expressionistisches
Gemälde von Kokoschka mit dem bezeichnenden Titel
Prag
: »›Das große –
mit der grünen Kuppel der Niklaskirche im Mittelpunkt?‹ – ›Ja, das meine
ich.‹ Ka�a beugte den Kopf und sagte: ›Auf dem Bilde fliegen die Dächer
weg. Die Kuppeln sind Regenschirme im Wind. Die ganze Stadt ist am Auf-
und Davonfliegen. Prag steht aber – trotz aller inneren Zwiespälte. Das ist
gerade das Wunderbare an ihm.‹«
Janouch
, 00.
34 So ist auch zu erklären, daß Bernhard Groethuysen den französischen Le-
sern den
Prozeß
vorstellen konnte, ohne das geringste biographische Element
zu erwähnen. In einer langen Umschreibung der auffallendsten �emen der
drei Romane und der großen Erzählungen, die damals übrigens zu großen
Teilen noch nicht übersetzt waren, läßt der Verfasser des Vorworts den Ro-
man buchstäblich vom Himmel fallen und drängt dem Leser eine metaphy-
sische Deutung auf, die natürlich unmöglich zu kontrollieren ist. Von seiten
des gebildeten und gewissenha�en Kritikers, denn um einen solchen handelt
es sich in diesem Fall, zeugt dieses Verfahren weder von Nachlässigkeit noch
von Unkenntnis der entscheidenden biographischen Fakten, es ist darin eher
ein Zeichen des Respekts vor der Trennung zwischen Erzähltem und Erleb-
tem zu sehen, das Ka�a in der Tat zur Regel erhoben hat.
35 Er tötet ihn auf alle Arten, das haben wir gesehen, als wir die so umstrittene
Frage der Anonymität erörterten. Ka�as Held, der nur über eine rudimen-
täre Existenz verfügt, in ein Tier, einen Gegenstand, ein in der Unendlichkeit
von Raum und Zeit umherirrendes Phantom verwandelt, bewahrt fast nichts
mehr von seinem irdischen Leben, er ist allem abgestorben, was seine Indi-
vidualität ausmacht, an Lebendigem bleibt ihm nur so viel, wie nötig ist, den
Schrecken und das Lächerliche seiner Unmöglichkeit zu sein darzustellen.
Das scheint ihn in die ausschließliche Abhängigkeit der Metaphysik zu brin-
gen, während er in Wirklichkeit vor allem deshalb tot ist, weil er
geschrieben
ist, weil in der sehr besonderen Perspektive, in der Ka�a seit der Revolution
des
Urteil
steht, die Literatur ihre wahre Aufgabe nur dann erfüllt, wenn sie
ihren Gegenstand buchstäblich tötet. Diese schlechthin donquijotesche
Lehre könnte Ka�a mit gutem Recht aus seinem eigenen Fall ziehen, was er
übrigens tut, wie es aus einer Art Aphorismus hervorgeht, in dem er sich
offen mit dem Ritter von der traurigen Gestalt identifiziert: »Eine der wich-
tigsten donquixotschen Taten, aufdringlicher als der Kampf der Windmühle,
ist: der Selbstmord. Der tote Don Quixote will den toten Don Quixote töten;
um zu töten, braucht er aber eine lebendige Stelle, diese sucht er nun mit
225
seinem Schwerte ebenso unau�örlich wie vergeblich. Unter dieser Beschäf-
tigung rollen die zwei Toten als unau�örlicher und förmlich springlebendi-
ger Purzelbaum durch die Zeiten.«
, Die acht Oktavhe�e, 57.
36 »Zeitweilige Befriedigung kann ich von Arbeiten wie ›Landarzt‹ noch haben,
vorausgesetzt, daß mir etwas Derartiges noch gelingt (sehr unwahrschein-
lich). Glück aber nur, falls ich die Welt ins Reine, Wahre, Unveränderliche
heben kann.«
, 25. September 97, 389.
37 Vgl, zu seiner Abneigung gegen Pelze:
, ca. 2. Dezember 920, 98, und
Brief an Grete Bloch, 24. Mai 94, 587. Der erotische Charakter des Bildes,
den die Beschreibung bloß andeutet, wird deutlich hervorgehoben durch den
Platz, den es in Gregors Zimmer einnimmt – es hängt genau gegenüber
seinem Bett, und kaum ist er sich seiner Verwandlung innegeworden, fällt
sein Blick darauf. Eine Kritikerin glaubte daraus schließen zu dürfen, daß
Die Verwandlung
eine Art Variation über
Die Venus im Pelz
, von Sacher-Masoch
sei (M. Jutrin in einer persönlichen Mitteilung). Damit holt man wirklich
allzuviel aus einem Detail heraus, das nur ein einziges Mal erwähnt wird,
ohne eigentlich in die Erzählung einzugehen. Außerdem hat der Masochis-
mus von Samsa – sowie derjenige, den Ka�a vermittels seiner auf Selbstzer-
störung erpichten Helden ausdrückt – nichts mit der sexuellen Perversion zu
tun, der Masoch seinen Namen gab. Er äußert sich nicht in bestimmten
sexuellen Praktiken, sondern einzig auf moralischem Gebiet, wo seine Folgen
sehr viel gravierender sind.
38 Die Hauptschwierigkeit bei Ka�a besteht nicht in seiner angeblichen Sym-
bolik, wie häufig behauptet wird, sondern darin, daß der Erzähler wirklich
wissen will, wo sich in einer gegebenen fiktiven Gesellscha� das Oben und
das Unten befindet, weil er sich nicht mit den vorgefaßten Ideen zufrieden-
geben kann, welche die Hierarchie des kollektiven Denkens bilden. Daher ist
die innere Topographie von Ka�as Erzählung notwendigerweise absolut un-
bestimmt; genau darin liegt das Hindernis, das man im allgemeinen beiseite
schiebt, indem man die Unbestimmtheit durch eine Verteilung der Orte ent-
sprechend derjenigen ersetzt, welche die traditionellen Symbole festlegen –
das Oben ist der Sitz der edlen und erhabenen Dinge, das Unten ist trivial
und irdisch, was aus Ka�as Sicht gerade der gröbste Irrtum ist. Wir werden
später sehen, daß
Das Schloß
keinen anderen Sinn, keine andere Botscha� zu
vermitteln hat als die ständige Berichtigung der Konventionen, die über den
Platz entscheiden, den das Oben und das Unten auf unserer Werteskala
einnehmen. K. – wie jeder Leser und gebildete Mensch – identifiziert das
Schloß natürlich mit einer höheren Instanz, während er das Dorf mit der
prosaischen und trostlosen Seite der irdischen Dinge verbindet. Dafür wird
er hart bestra�, denn das Oben und das Unten sind hier nur Illusionen
infolge von Denkgewohnheiten, Gerüchten, denen niemand nachgeht und
die der Erzähler ja gerade abzulehnen beau�ragt ist. Allmählich begrei� K.
im übrigen, wie sehr er sich getäuscht hat und welch übermenschliche An-
strengung es ihn noch kosten wird, das Oben und das Unten in der
Gesamtheit des Lebens an den richtigen Platz zu stellen. In diesem Sinne,
der – das sei nochmals gesagt – nichts anderes ist als die »Botscha�« des
226
Romans, macht er trotz seines Mißerfolgs einen ungeheuren Schritt in Rich-
tung auf die Wahrheit.
39
, 8. Oktober 97, 390.
40
, 26.
4
, 5. Dezember 90, 22. Es handelt sich hier um die Oper in Paris, wo
Ka�a sich im Sommer kurz mit Max Brod aufgehalten hat.
42
, Mai 90, . Die Eintragung ist nicht genau datiert, aber die folgende
trägt das Datum vom 7./8. Mai, das heißt, wie er sagt, der Kometen-
nacht.
43
, 27. Dezember 90, 27.
44
, 5. Dezember 90, 22.
45
, 24. Oktober 9, 86.
46
Br
, Brief an Max Brod, Juni 92, 336.
47
Br
, Brief an Max Brod, Anfang Oktober 97, 78.
48
Br
, Brief an Max Brod, Juni 92, 337f.
49 Ebd. 336.
50 Ebd. 337.
5 Vgl. S. Freud, »Über den Gegensinn der Urworte«,
G W
VIII, 24–22.
Hätte Ka�a dieses wunderbare kleine Beispiel Freudscher Analyse zur
Hand gehabt – wir wissen nicht, ob es so war –, dann hätte er seinen Schluß-
folgerungen wahrscheinlich zugestimmt. Aber er brauchte es gar nicht, um
die grundlegende Zweideutigkeit der elementaren Worte zu erkennen; als
einer, der sich an der Sprache wundgerieben hat, wußte er besser als jeder
andere, wie tückisch die alltäglichen Wörter sind, freilich auch, welchen Nut-
zen die Literatur aus ihrer starken Verdichtung ziehen kann. Er selbst
bedient sich lediglich dieser bemerkenswerten Eigenscha�, wenn er in seinen
eigenen Bildern das Höchstmaß an Bedeutungen verdichtet, die durch ein
Band nicht der Logik, sondern der reinen Kontiguität verknüp� sind. Dem
von Janouch wiedergegebenen Satz »Dichtung ist Verdichtung« nach zu
schließen (
Janouch
, 62), ist er zumindest darin mit Freud einer Meinung, der
in der Verdichtung einen Mechanismus der Traumarbeit und all dessen sieht,
was sich im Bereich der schöpferischen Tätigkeit damit verbindet.
52 »Schloß« meint dasselbe wie das lateinische
castellanum
, aber »château« hat
für uns Franzosen nicht mehr die ursprüngliche Bedeutung von abgeschlos-
senem Gebiet. Übrigens liegt darin paradoxerweise eine der Schwierigkeiten,
Ka�a ins Französische zu übersetzen – die einfachsten Wörter verraten sich
hier besonders klar, weil ihre Äquivalente, die weder dasselbe Alter noch
denselben Verdichtungsgrad aufweisen, auch nicht dieselbe Zweideutigkeit
besitzen. Obwohl wir kein anderes Wort haben, um das Original wiederzu-
geben, kann unser auf die juristische Sphäre begrenztes Wort »procès« seine
Rolle nicht voll ausfüllen. Auch unser »messieurs«, auf seine bürgerliche und
moderne Bedeutung beschränkt, ist zu eng, um die Tyrannei des
Unzeitgemä-
ßen
in der
Gegenwart
zu bezeichnen, die im Wort »Herren« noch deutlich zu
spüren ist.
53 Vgl. S. 74. »[…] ich will keine Gnadengeschenke vom Schloß, sondern mein
Recht«, sagt K. zum Dorfvorsteher; worauf dieser, von solcher Ungebühr-
227
lichkeit peinlich berührt, antwortet, indem er sich an seine Frau wendet:
»Mizzi, das Bein fängt mich wieder sehr zu schmerzen an, wir werden den
Umschlag erneuern müssen.«
54 Nach ihren Briefen zu urteilen, die mit den Briefen an Felice veröffentlicht
wurden, schrieb Ka�as Mutter ein Deutsch, das einerseits stark vom Ge-
schä�sjargon und andererseits vom Jiddischen beeinflußt war (Beispiel: das
den Vornamen stets beigefugte Wort »lieb«). Was den Vater betri�, der ur-
sprünglich tschechisch sprach, so wissen wir, daß sein Deutsch sehr bunt-
scheckig war. Ka�a erwähnt es in einem Brief an Ottla, wobei er freilich,
anläßlich eines Tschechismus, der ihm aufgefallen war, hinzufügt: »[…] al-
lerdings soweit ich, ein Halbdeutscher, es beurteilen kann.« (
, 20. Februar
99, 67) »Ein Halbdeutscher« – so definiert sich der Schöpfer des dichtesten
und reinsten, für uns bereits klassischsten Deutsch sogar gegenüber seiner
eigenen Schwester, sogar vor sich selbst.
55 Diese Fabrik, deren Mitbesitzer er ist, ist eine der Hauptursachen für Strei-
tigkeiten zuerst zwischen Ka�a und seinem Vater, dann zwischen ihm und
seiner Verlobten, denn Felice verlangt, daß er am Gang des Unternehmens
aktiv Anteil nehme, während ihm die Fabrik eine Qual ist und er nichts von
ihr hören will, denn natürlich sieht er in der ganzen Sache nur eine weitere
Bedrohung seiner literarischen Arbeit. Jedesmal, wenn er in die Fabrik geht,
kommt er verzweifelt zurück, und zu der Zeit, da er seinen einberufenen
Schwager vertreten muß, ist er so niedergeschlagen, daß er Brod seinen
Selbstmord ankündigt. Vgl.
Br
, Brief an Max Brod, 8. Oktober 92,
07–09.
56 Vgl.
, Reisetagebücher, 494. Als er in einer Naturheilanstalt in �üringen –
also in Deutschland – Ferien macht, schließt er Freundscha� mit einigen
Mädchen, die er auf dem Dorffest kennenlernt: »Ich frage, ob sie schon
genachtmahlt haben, vollständiges Unverständnis. Dr. Sch. fragt, ob sie
schon Abendbrot gegessen haben, beginnende Ahnung […], erst als der
Friseur fragt, ob sie gefuttert haben, können sie antworten.« Das von ihm
benutzte Wort »nachtmahlen« kannten die jungen Bäuerinnen nicht.
57 »Neben seiner Beweisführung geht eine Bezauberung mit«, schreibt Ka�a in
einem seiner Aphorismen, in dem er sich mit Abraham identifiziert.
, Die
acht Oktavhe�e, 92.
Kapitel VII: Fiktion und Wirklichkeit
 Ohne Titel. Das etwa zwei Seiten lange Fragment ist auf ein loses Blatt
geschrieben:
, 300 ff.
, 266. Das Fragment selbst trägt keinen Titel, aber Ka�a gibt ihm in einer
Tagebucheintragung seinen Namen, 3. Dezember 94, 330.
3 Vgl. Marthe Robert,
L’Ancien et le Nouveau
, Grasset, Paris 963 [dtsch:
Das
228
Alte im Neuen
, München [968]. In diesem Buch, das sich mit dem
Don Quijote
von Cervantes und mit dem
Schloß
befaßt, geht es genau um diese
donquijotesche Nachahmung, die darauf abzielt, die konventionellen Be-
ziehungen der Bücher zum Leben zu durchbrechen, indem sie sowohl ihre
gemeinsamen Interessen wie die Lüge aufzeigt, der sie aufgrund ihrer Kom-
plizenscha� Nahrung geben. In diesem Zusammenhang wird die persönliche
Geschichte des Autors nur in groben Zügen erwähnt und nur in dem Maße,
wie sie die Analyse unwiderlegbar bestätigen. Aus diesem Grunde kann Kaf-
kas Judentum, obwohl es ständig auf die Gesamtheit der Fakten bezogen
wird, die die Beschreibung erhärten, nicht die entscheidende Rolle spielen
wie in dem vorliegenden Essay.
4 Vgl.
L’Ancien et le Nouveau
, a. a. O., 75 ff.
5 Ka�a erwähnt sehr häufig diesen »gebildeten Mitteleuropäer«, für den er im
Prinzip ein Beispiel ist. Um im Naturtheater von Oklahoma engagiert zu
werden, erklärt Karl Roßmann, der weder Beruf noch Papiere hat, er habe
eine »europäische Mittelschule« besucht. Der in einen Menschen verwan-
delte Affe aus
Ein Bericht für eine Akademie
erklärt seine Wandlung mit seinem
Wunsch, sich die Durchschnittsbildung eines Mitteleuropäers anzueignen.
Schließlich ist auch das Schloß europäisch, denn sein Besitzer, der Graf
West-West, befindet sich schon aufgrund seines Namens am äußersten Punkt
der westlichen Zivilisation, ein Detail, das im übrigen ausreicht, dem Roman
die Bedeutung eines letzten Assimilationsversuchs zu geben.
6 Wagenbach hat den Lehrplan rekonstruiert, der im Prager Gymnasium üb-
lich war, als Ka�a es besuchte. Die Zeit, die den klassischen Sprachen
vorbehalten war, und zwar über Jahre hinweg, steht in so krassem Mißver-
hältnis zu der der anderen Fächer, daß es nicht wundernimmt, wenn der
Geist stark davon geprägt bleibt. Im übrigen las Ka�a die Griechen im
Original. Vgl.
Wagenbach
, 40 ff. und Marthe Robert,
D’Oedipe à Moise. Freud et
la conscience juive
, Calmann-Lévy, Paris 975, 95.
Prometheus
, in
, 74.
8 Ka�a macht sich hier offensichtlich die Tatsache zunutze, daß es für die
meisten wichtigen mythischen Begebenheiten verschiedene Versionen gibt,
welche die besonderen Tendenzen der heiligen Stätten oder Städte widerspie-
geln, die sie verbreitet haben. Doch solange der Mythos lebendig ist, will jede
lokale Version die einzig authentische sein, und es ist undenkbar, ihr die
anderen einzuverleiben. Die Aufgabe, sie zusammenzufassen, fällt erst dem
späten Scholiasten zu, der Ka�a natürlich ist, freilich mit dem Nachteil, daß
er die Sage nicht mehr kennt, sondern nur noch ihre Varianten.
, 74.
0 Der Vergleich ist o� nahegelegt worden, insbesondere mit der Stelle aus dem
ersten Buch des
Kapital
, wo der Holztisch, der aus der Mühsal und dem
Körper des Arbeiters selbst besteht, plötzlich lebendig wird und sich auf
seine Füße stellt. Bei Ka�a allerdings ist es nicht der Skandal der in Ware
verwandelten menschlichen Arbeit, der diese Hexerei bewirkt, sondern der
unerklärliche Skandal des Leidens.
 Besonders in
Poseidon
und
Das Schweigen der Sirenen
. Ka�as Poseidon ist zwar
229
immer noch der Gott der Meere, doch hat er diese Meere kaum gesehen, er
verbringt seine ganze Zeit in den Büros, um seine unendliche Buchführung
zu erledigen. Was seinen Odysseus betri�, so schützt er sich vor den verlok-
kenden Sirenen mit den Mitteln, die ihm die Tradition an die Hand gibt, aber
an dem Tag, da er vorbeikommt, schweigen die Sirenen.
2
Heidentum, Christentum, Judentum
, 920.
3
Br
, 7. August 920, 279.
4 Im
Schloß
(920 begonnen) wird dieser Olymp, an dem die Menschheit so
wenig Beneidenswertes Findet, durch zwei eindeutig satirische Personen dar-
gestellt: Momus, der griechische Gott des Spottes, der ständig seine Gestalt
und seine Eigenscha�en wechselt; nach einem volkstümlichen Glauben soll
dieser Momus-Proteus eins sein mit Klamm, dem allmächtigen »Herrn«,
von dem K. sowohl in seinen Herzensangelegenheiten wie in seinen Bemü-
hungen, eine »offizielle« Stellung zu erhalten, abhängig ist; und Bürge! –
vom Verb »bürgen« –, dessen immerhin entscheidende Worte K. so langwei-
len, daß er dabei einschlä� und ihn im Traum in Gestalt eines nackten
griechischen Gottes sieht. (»Hier hast du ja deinen griechischen Gott! Reiß
ihn doch aus den Federn.«) Bei dem verzweifelten Assimilationsversuch, den
der Landvermesser im letzten Augenblick unternimmt, ru� er die griechi-
sche Kultur zu Hilfe, natürlich vergebens, denn Momus und Bürgel sind nur
dazu da, ihn noch ein wenig mehr von seinem Ziel abzulenken.
5
, 9. September 97, 386.
6
Ein Traum
, in
Er
, 37.
7
, die unvollendeten Kapitel, 20.
8
, die vom Autor gestrichenen Stellen, 27.
9 Wir wissen nicht genau, was Ka�a vom Freudschen Werk gelesen hat, aber
er spricht häufig genug davon, um vermuten zu lassen, daß es ihm wohlbe-
kannt war. Wenigstens einmal – er notiert es anläßlich des
Urteil
am Tag nach
der berühmten Nacht – zählen zu den Gefühlen während des Schreibens
»Gedanken an Freud natürlich«, ein Beleg dafür, daß er sich hier der Über-
einstimmung seiner Traumtechnik und der von Freud beschriebenen deutlich
bewußt ist. Vgl.
, 23. September 92, 25.
20 Ein schönes Beispiel für diese Fähigkeit zur Identifizierung findet sich in
einem Brief an Max Brod, in dem Ka�a seine Belustigung beim Anblick
seines jungen Hundes beschreibt, der einen Maulwurf verfolgt: »Plötzlich
aber als der Hund ihn wieder mit seiner gestreckten Pfote schlug, schrie er
auf. Ks, kss so schrie er. Und da kam es mir vor – Nein es kam mir nichts vor.
Es täuschte mich bloß so, weil mir an jenem Tag der Kopf so schwer herun-
terhing, daß ich am Abend mit Verwunderung bemerkte, daß mir das Kinn
in meine Brust hineingewachsen war.«
Br
, 28. August 904, 29. Der Maul-
wurf taucht in Ka�as Bildern mehrfach auf, besonders in einem Brief an
Milena sowie in jener Art Mystifikation, die das Fragment mit dem Titel
»Der Dorfschullehrer« darstellt. Das Subjekt der Erzählung – eines wissen-
scha�lichen Berichts – ist ein Riesenmaulwurf, den man nie zu Gesicht
bekommt und von dem es zweifelha� ist, ob ihn überhaupt jemand jemals
gesehen hat.
230
2 Ka�a wir� hier eine Frage auf, die durch die Entdeckung des Unbewußten
entstanden ist und die ersten Psychoanalytiker einigermaßen verwirrt hat.
Inwieweit ist der Träumer für seine unbewußten Wünsche verantwortlich,
zum Beispiel für Mordgelüste, welche die Analyse in ihm aufdeckt? Ist man
verantwortlich für gefährliche, aber unbekannte Wünsche, von denen man
sich nur mit Hilfe einer speziellen Technik überzeugen kann? Heißt das, wie
Ka�a sagt, noch Verantwortung? Freud meint ja, Ka�a versucht, sich vom
Gegenteil zu überzeugen, doch das bewußte Schuldgefühl, ganz zu schwei-
gen von dem anderen, an dem er sein Leben lang leidet, beweist zur Genüge,
daß es ihm nicht gelungen ist.
Paralipomena
[Zu der Reihe ›Er‹], 303.
22
, 0 f. Max Brod erzählt, daß Ka�a bei seinen Freunden unbändiges Ge-
lächter hervorrief, als er ihnen das erste Kapitel des Romans vorlas, eine
Reaktion, die uns unverständlich erscheint. Doch dort, wo der heutige Leser
vor allem das Entsetzliche dieser willkürlichen Verha�ung empfindet, erfaß-
ten Ka�as Freunde, denen der Wächter
Franz
, nicht entgehen konnte, zuerst
die komische Seite der Situation.
23 »Es handelt sich ja um Ihr Glück und das liegt mir wirklich am Herzen
[…]«, und die Zimmervermieterin fügt, K.s Verha�ung betreffend, hinzu:
»Es kommt mir wie etwas Gelehrtes vor, das ich zwar nicht verstehe, das
man aber auch nicht verstehen muß.«
, 22.
24
, 90 f.
25
Blumfeld, ein älterer Junggeselle
, in
, 0.
26 Ebd. .
27 Daß der Hund hier ein Ersatz für die Frau ist, mit der Blumfeld sich nicht
belasten wollte, daran besteht kaum ein Zweifel. In diesem Fall wäre die
»ernstha�e, widerliche und ansteckende« Krankheit, die er fürchtet, eine
Anspielung auf die Geschlechtskrankheiten, vor denen Ka�a, wie viele
junge Leute seiner Generation, eine zum Teil berechtigte, zum Teil unbe-
dachte Angst hatte.
28
, 22.
29
, 48. Es ist Frieda, die K. auf die beiden Gehilfen aufmerksam macht und zu
ihm sagt: »Sieh aber, wie die zwei lachen.«
30 Für den Roman bedeutet das unbestreitbar eine Schwierigkeit, denn wenn
die Gehilfen, die er ohne weiteres mit
Schlangen
vergleicht, für ihn die nied-
rigsten Versuchungen des Triebs verkörpern, so haben sie in den Augen des
Dorfs nichts besonders Schlechtes an sich, es sind Kinder des Landes, brave
Jungen, mit denen Frieda in ihrer Kindheit gespielt hat und zu denen jeder-
mann freundlich ist. Einerseits also gehören sie zur psychischen Sphäre, in
der K. seine Rechnungen zu begleichen sucht, andererseits zur gesellscha�-
lichen Sphäre, zu der Zugang zu erhalten er sich bemüht. Doch abgesehen
von dieser Doppelrolle, die sie ihm doppelt fremd macht – als Elemente
seiner inneren Diaspora und als Mitglieder einer Gemeinscha�, die sich als
Ganzes gegen ihn stellt –, verweisen sie auch auf den Konflikt der beiden
Kulturen, auf die ihre Namen anspielen: Artur, der an den legendären König
der westlichen Zivilisation erinnert, und Jeremias, der jüdische Prophet, den
der nach Assimilation strebende Landvermesser auszulöschen sich beeilt. Es
23
gelingt dem Roman nicht immer, diese drei Ebenen in vollständig kohären-
ten Bildern zur Deckung zu bringen, und man darf vermuten, daß Ka�a ihn
zum Teil deshalb nicht vollendete, weil er die Hoffnung aufgegeben hatte,
diesen relativen Mangel an Zusammenhalt beheben zu können.
3
, 49.
32 Es wurde schon o� darau�ingewiesen, mit welcher Genauigkeit Ka�a zum
Beispiel Gregor Samsas
Zustände
beschreibt: Wenn man von der Verwandlung
als solcher absieht, was durchaus möglich ist, ohne die Logik der Ereignisse
zu zerstören, bemerkt man in der Tat, daß die Geschichte die für einen
schizophrenen Zustand charakteristische Entwicklung mit bemerkenswerter
klinischer Präzision nachzeichnet. Gregor, der anfangs geistig noch sehr rege
ist, zeigt nach und nach alle Symptome des Autismus, das heißt des inneren
Todes, an dessen Ende sein wirklicher Tod steht.
33
Eine Kreuzung
, in
, 82.
34 Von den zwölf Bänden der deutschen Gesamtausgabe von Ka�as Werken
(Schocken Books, New York, und S. Fischer, Frankfurt) entfallen nur fünf auf
die Werke der Phantasie – drei auf die Romane und zwei auf die Erzählun-
gen –, in einem weiteren sind die persönlichen He�e und literarischen Frag-
mente vereint. Der Rest enthält die
Tagebücher
und die verschiedenen
Brief-Bände,
35
Die Sorge des Hausvaters
, in
Er
, 29 f.
36 Wie man sich denken kann, hat dieses Wort immer wieder den Eifer der
Forscher angestachelt, ohne daß ihre Ergebnisse besser begründet wären als
diejenigen, die Ka�a in seiner Erzählung erwähnt. Für Max Brod klingt
beim Wort Odradek eine ganze Skala slawischer Wörter an, die »Abtrünni-
ger« bedeuten, abtrünnig vom Geschlecht,
rod
, vom Rat, vom göttlichen
Schöpfungsbeschluß,
rada
. Wilhelm Emrich sieht als Anknüpfungspunkt das
tschechische Verb
odraditi
, wonach durch Anhängen des Diminutivsuffixes -
ek
ein »Abrätchen« entstünde oder, nach Heinz Politzer, »Bleib mir vom Leibe!
Rühr mich nicht an! Folg mir nicht! Forsch mir nicht nach!« Nach G. Bak-
kenköhler zerfällt das Wort in
rad
(Ordnung, Reglement), ein Präfix
od
- (von
… weg, ab) und ein Diminitivum -
ek
, so daß es sich mit »kleines Wesen
außerhalb der Ordnung« übersetzen ließe. Die Etymologie erlaubt also
nicht, die Frage zu entscheiden, Odradek wahrt sein Geheimnis, wie Ka�a
vorausgesehen hatte. Siehe Hartmut Binder,
Kommentare zu sämtlichen Erzäh-
lungen
, a. a. O., 232.
37
Die Sorge des Hausvaters
entstand Ende April 97, und Ka�a hatte seinen
ersten Blutsturz im August desselben Jahres.
38 Der Brief über Karl Kraus stammt aus dem Jahre 92, doch die Ideen, die
darin ausgedrückt werden, sind offensichtlich nicht improvisiert, Ka�a hegt
sie schon seit langem; das beweist unter anderen Texten dieser Odradek, der
in zwei Sprachen zu Hause ist, von denen ihm jedoch keine zu einer voll-
ständigen Rede und einer wahren Existenz verhil�.
39
Betrachtung
(93);
Der Heizer
, das erste Kapitel aus
Der Verschollene
( 9 3);
Die
Verwandlung
(96) und
Das Urteil
(96), Im ganzen etwa 249 Seiten in der
deutschen Ausgabe.
232
40
Elf Söhne
, in
Er
, 30 ff.
4 Vgl. hierzu Malcolm Pasley,
Drei literarische Mystifikationen
, in
Symp
. 26 f. und
Die Sorge des Hausvaters
, in
Akzente
, 3 (966), 303 f. Auch Pasley sieht deut-
lich, daß die Geschichte von Odradek einen literarischen Inhalt hat, doch für
ihn spielt er nicht auf die Besonderheiten von Ka�as Werk im allgemeinen
an, sondern lediglich auf eine andere Erzählung –
Der Jäger Gracchus
–, an der
er zur gleichen Zeit arbeitet und die wie so viele andere unvollendet bleiben
wird. In der Tat bestehen zwischen der Spule und dem Jäger auffallende
Ähnlichkeiten: in einer Variante hält sich der Jäger hauptsächlich auf einer
Treppe auf; er ist unbeständig – er fliegt »wie ein Schmetterling«; er kommt
und geht ohne Grund; schließlich hat er wie Odradek jene Art Unsterblich-
keit, wie sie Dingen eignet, die niemals verwendet wurden und sich daher
nicht abnutzen konnten. Mir scheint jedoch, daß
Gracchus
zwar Ka�as
»Sorge« erklärt, ihn nicht beenden zu können, aber nicht alle von der Spule
nahegelegten Implikationen erschöp�; er ist unvollendet, doch seine Varian-
ten sind weder so zahlreich noch so kompliziert, daß sie an ein unentwirr-
bares Fadenknäuel erinnern. Die Tatsache, daß Gracchus im Schwarzwald
geboren wurde und einen lateinischen Namen trägt, reicht ebenfalls nicht
aus, das in Odradek aufgeworfene große Sprachproblem wiederzugeben;
und er evoziert nicht den Stern, der meines Erachtens entscheidend ist.
42
Die Sorge des Hausvaters
, a. a. O., 30.
Bibliographie und Siglen
. Werke von Ka�a
Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlaß
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 983.
Br
Briefe 902–924
, Fischer Taschenbuch Verlag, 575, Frankfurt 983.
Er
Erzählungen
, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 983.
Briefe an Felice
, Fischer Taschenbuch Verlag, 697, Frankfurt 976.
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß
, Fischer
Taschenbuch Verlag, Frankfurt 983.
Briefe an Milena
, erweiterte Neuausgabe. S. Fischer Verlag, Frankfurt
983.
Briefe an Ottla und die Familie
, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt
98.
Der Prozeß
, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 983.
Das Schloß
, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 983.
Tagebücher 90–923
, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 983.
2. Werke über Ka�a
Brod
Max Brod,
Über Franz Ka�a
, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt
974.
Janouch
Gustav Janouch,
Gespräche mit Ka�a, Aufzeichnungen und Erinnerungen
Fischer Taschenbuch Verlag, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 98.
Symp.
J. Born, L. Dietz, M. Pasley, P. Raabe, K. Wagenbach,
Ka�a Symposion
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 965.
Wagenbach
Klaus Wagenbach,
Franz Ka�a. Eine Biographie seiner Jugend
, Francke
Verlag, Bern 958.
»Meine Zweifel stehn um jedes Wort im Kreis herum,
ich sehe sie früher als das Wort, aber was denn! ich
sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich.«

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