Der Soldat James Ryan — Max Allan Collins


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Inmitten eines grausamen Krieges gibt es fr acht tapfere
Mnner nur eine Aufgabe:
einen einzigen
zu retten!
1944, kurz nach der Invasion der Alliierten in der Normandie:
Tag fr Tag, Stunde fr Stunde, Minute fr Minute fallen
unzhlige amerikanische Soldaten im Kampf um die Befreiung
Europas. Doch inmitten der schier endlosen Verlustlisten sticht
ein Schicksal besonders hervor - die Familie Ryan aus Iowa hat
bereits drei ihrer vier Shne verloren.
Die Regierung beauftragt daher Captain John Miller, den
Soldaten James Ryan, der in Frankreich kmpft, zu finden und
sicher nach Hause zu bringen.
Doch dieser Auftrag wird fr Miller
und sein zusammen-
gewrfeltes Team nicht nur ein mrderischer Wettlauf mit der
Zeit, sondern auch eine Zerreiprobe, fr ihre Seele und ihren
Geist.
Der Roman zum Film von Steven Spielberg mit Tom Hanks
und Matt Damon in den Hauptrollen.
Max Allan Collins
Der Soldat James Ryan
Der Roman zum Film von Steven Spielberg
nach dem Drehbuch von Robert Rodat
Aus dem Amerikanischen von
Sven Drper und Thomas Wollermann
Deutsche Erstausgabe Oktober 1998
Paramount Pictures Corporation
1998 Paramount Pictures, DreamWorks LLC
and Amblin Entertainment.
All Rights Reserved.
Fr Master Sgt. Mahlon Collins, U.S. Army,
und Lt. (j. g.) Max A. Collins sr., U.S. Navy,
... zwei Brder aus lowa, die nach Hause
zurckgekehrt sind
Redaktion: Boris Heczko,
Kollektiv Druck-Reif
First published in the USA by Signet, 1998.
Published by the Penguin Group.
Copyright 1998 der deutschsprachigen Ausgabe bei
Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., Mnchen
Umschlaggestaltung: Agentur Zero, Mnchen
Scan, Korrekturlesen, Satz & Layout: waldschrat
Druck und Bindung: Ebner Ulm
Printed in Germany
ISBN 3-426-61263-1
Mit militrischem Gru
Ich danke Robert Rodat fr sein schnes Drehbuch, das die
Landung der Alliierten in der Normandie beschreibt und mit
der wahren Geschichte der Niland-Brder verknpft. Einer von
ihnen, Fritz Niland, wurde durch die 101. Luftlandedivision
nach einer Suchaktion der Army von der Front zurckgeholt.
Folgende Quellen habe ich zu Rate gezogen: Richard
Goldstein,
America at D-Day
(1994); Peter Chamberlain und
Chris Ellis,
Axis Combat Tanks(l977);
Anthony Kemp,
D-Day
and the Invasion of Normandy
(1994); Theodore A. Wilson,
Day 1944
(1971, 1994); Stephan E. Ambrose,
D-Day June 6,
1944: The Climatic Battle of World War II
(1994); R. W.
Thompson,
D-Day: Spearhead of Invasion
(1968); Forrest C.
Pogue,
George C. Marshall: Organizer of Victory
(1973);
Edwin P. Hoyt,
The GIs War(l988);
Gerald Astor,
The Voices
of D-Day
(1994); Cornelius Ryan,
The Longest Day
(1959)
[Der lngste Tag;
deutsche bersetzung: Adolf Himmel;
Fischer Taschenbuch Verlag]; Leonard Mosley,
Marshall,
Hero of Our Times
(1982); .Blythe Foote Finke,
No Mission
Too Difficult!
(1995); Robert Hunt und David Mason,
The
Normandy Campaign
(1976); Ronald J. Drez,
Voices of D-Day
(1994); Mordecai Richler,
Writerson World War II (1991).
Die beste Vorstellung vom Alltagsleben der kmpfenden
Truppen wurde mir jedoch von Audie Murphys Klassiker
To
Hell and Back
(1949) vermittelt, auch wenn dieser Roman
nicht vom D-Day handelt.
Mein Dank gilt auerdem DreamWorks und der Verlegerin
Danielle Perez; meinem Agenten Dominick Abel; Joe Collins
fr technische Informationen; und schlielich meiner Frau
Barbara, die bei der Recherche half und mir den Rcken
strkte.
PROLOG
St.-Laurent Soldatenfriedhof
6. Juni 1998
Der Pfad war von tadellos geschnittenen Hecken gesumt, so
hoch, da man nicht ber sie hinwegsehen konnte. Allen voran
ging Grandpa, der in kariertem Hemd, grauen Hosen, Socken
und Sandalen rasch den grnen Tunnel entlanglief, so da der
kleine Jimmy - mit seinen sieben Jahren der Jngste unter den
zwei Brdern und vier Schwestern (Sue, die lteste, war
zwanzig) - kaum Schritt halten konnte.
Jimmy war ganz verblfft, da ein alter Mann wie sein
Grovater sich so schnell bewegen konnte; er ging tief gebeugt,
und in seinem weien Haar schimmerte das Sonnenlicht. Mam
und Dad und der Rest der Fa
milie rannten beinahe und
versuchten ihn einzuholen (nur Grandma schien sich Zeit zu
lassen), als wre der alte Mann ausgerissen und sie bemhten
sich, ihn wieder einzufangen. Pltzlich blieb Grovater stehen.
Es war, als wre er gegen eine unsichtbare Mauer gerannt,
und J
immy
konnte hren, wie der Atem seines Grovaters
heftiger wurde, so als wrde er immer noch laufen, immer
schneller, noch schneller - allerdings stand er still,
und dann
fiel Grandpa auf die Knie und sog keuchend die Luft ein, so
da Jimmy einen Schreck bekam und dachte, er wurde
zusammenbrechen.
Dad!
Mams Stimme, die hinter Jimmy ertnte, klang besorgt, aber
Jimmy hatte sc
hon verstanden, da Grandpa nicht hingefallen
war; es sah eher so aus, als ob er ... kniete. Und betete.
Bald wute Jimmy auch, warum.
Als er neben seinem Grovater ankam, dessen Augen auf der
Landschaft ruhten, die sich hinter der Wegbiegung ffnete,
erblickte Jimmy ein phantastisches abstraktes Bild, ein
Gemeinschaftswerk von Gott und Mensch. Das Grn des
Grases auf dem sanft gewellten Hgel hatte Gott geschaffen,
das Meer weier Kreuze, in dem hier und da auch ein
Davidsstern aufblinkte, war eine Zutat des Menschen.
Auf Jimmy, der in seinem siebenjhrigen Leben bisher nur
ein einziges Mal einen Friedhof gesehen hatte (einen ganz
gewhnlichen, verglichen mit diesem hier), machte es den
Eindruck, als ob alle Menschen auf der Welt gestorben und
hier begraben seien; wohin er schaute, erstreckte sich eine
endlose Weite von Grn und Wei, weder darber noch links
oder recht davon konnte man den Himmel erkennen, nur Grn,
Wei, Grn, Wei, Grn, Wei, bis es dem Jungen schlielich
vor den Augen flimmerte. Endlich waren Mam
und Dad
herbeigelaufen und schlossen Grandpa in ihre Arme; J
immys
Bruder und seine Schwestern kamen auch heran, und ganz zum
Schlu Gromutter - sie als einzige schien keine Eile zu haben.
Grandma, deren Haar nicht so wei war wie das von Grandpa,
hatte einen seltsamen Ausdruck im Gesicht; Jimmy htte nicht
sagen knnen, ob sie frhlich oder traurig war. Grandpas
Gesicht dagegen wirkte vllig ausdruckslos.
Seine Augen waren weit geffnet, als wollte er die grnweie
Landschaft ganz in sich aufnehmen. Jimmy hatte diesen
besonderen Blick bei Grandpa schon frher bemerkt - sein
Gesicht war ansonsten ganz normal, freundlich und runzelig
wie das von allen Grovtern.
In solchen Momenten erinnerten Grandpas Augen an das
Lcheln von Grandma - sie wirkten dann traurig und froh
zugleich. Und noch nie war dieser Ausdruck deutlicher sichtbar
gewesen als gerade jetzt, da Grandpas Augen auf den
geometrisch angeordneten Reihen der Kreuze ruhten. Diese
Augen muten in all den Jahren viel gesehen haben, dachte
Jimmy.
Der Junge fragte sich, ob Grandpa an die Menschen dachte,
die hier beerdigt lagen und die vielleicht seine Freunde
gewesen waren. Dad erklrte ihm, Grandpa habe in diesem
Krieg gekmpft, doch Jimmy verstand nicht so recht, was er
damit meinte. Er hatte vom Vietnamkrieg gehrt. Aber hier
ging es um Frankreich.
Vielleicht hatte es dort ja auch einmal einen Krieg gegeben,
vor langer, langer Zeit.
TEIL EINS
Omaha Beach, Normandie
6. Juni 1944
Die eisengraue See zerrte an dem grauen Himmel, aber die
fnftausend Schiffe der Alliierten Armada, die von noch
dunklerem Grau waren, bewegten sich unaufhaltsam vorwrts,
durchpflgten mit ihren Bugwellen die eisigen Wasser des
rmelkanals. Unbeirrt von dem erdrckenden Himmel
und der
tosenden Gischt bahnten sich ber eine Breite von dreiig
Kilometern zehn Reihen von Schiffen ihren Weg, schlanke,
neue Landungsschiffe, rostberste, betagte Frachter, umge-
baute Ozeanriesen und Dampfer, Tanker und Schlepper,
Kstenwachboote, Minensucher, Transporter, Bojenleger und
endlose Verbnde von Kreuzern, Zerstrern und Schlacht-
schiffen.
Den eigentlichen Angriff auf die Strnde der Normandie
jedoch sollten fnfzehnhundert Landungsboote bernehmen,
die die zwanzig Kilometer zwischen der Armada und dem
Land in dreieinhalb endlosen Stunden zurcklegen wrden.
Zweihundert Boote sollten vorneweg fahren und die erste
Angriffswelle bilden, teils LCI
(Landing Craft, Infantry),
jedes
mit ungefhr zweihundert Soldaten besetzt, teils die kleineren
LCVP
(Landing Craft Vehicle, Personnel),
von denen jedes
einen Zug mit dreiig Soldaten bzw. zwlf Soldaten und einen
Jeep transportierte. In einem der letzteren - einem Higgins-
Boot, benannt nach seinem Erfinder Andrew Jackson Higgins
jr., der mit dem Verkauf kleiner, schneller Boote an Schmugg-
ler (und noch schnellerer an die Kstenwache) ein Vermgen
verdient hatte - sa Captain John H. M
iller aus Addley,
Pennsylvania, mit seinen Mnnern -
Frischfleisch
, direkt von
der Grundausbildung.
Miller, Charlie-Kompanie, 2. Ranger-Bataill
on, war kein
Karrieresoldat; er hatte seinen Dienstgrad auf dem Schlachtfeld
erworben, indem er Arzew in Nordafrika, Gela auf Sizilien und
Salerno in Italien berlebt hatte. Mit seinen achtunddreiig
Jahren war er bei weitem der lteste unter den Mnnern auf
dem flachen Landungsboot, einem Kleintransporter fr Kampf-
einstze mit einem einzigen Steuermann. Im Grunde handelte
es sich um einen riesigen Trog voller Menschen - mit einer
Bugklappe, die sie auf einen Strand spucken wrde, der noch
nicht in Sichtweite war.
Miller besa ein ebenso glattrasiertes, weiches Kindergesicht
wie seine Mnner, seine Augen wirkten nicht mehr jung. Wie
alle, die mehrere Schlachten berlebt hatten, wute er nur zu
gut, da er bislang den Gesetzen der Statistik ein Schnippchen
geschlagen hatte. Wie oft hintereinander konnte man in einem
Spiel die Sechs werfen?
Man htte denken knnen, da er in seiner Hand Wrfel
schttelte; aber sie zitterte nur. Und dies hier war auch kein
Spiel. Hoffentlich hatten seine Jungs das Zittern seiner Hand
nicht bemerkt. Er fixierte sie, versuchte sie zur Ruhe zu
bringen, seine Angst zu unterdrcken, und schlielich gehorch-
te ihm sein Krper.
Doch keiner hatte die zitternde Hand des Captain bemerkt.
Alle waren zu beschftigt, eingesponnen in diesen ganzen
Wahnsinn. Whrenddessen durchpflgte der flache Bug des
Bootes weiter Welle um Welle, wobei kaltes Wasser
hereinsprhte, das ihre Uniformen bis auf die olivgrne
wollene Unterwsche durchnte. Jedesmal, wenn das Boot auf
eine Welle traf, wurden die Soldaten wie Lumpenpuppen
umhergeworfen und fielen taumelnd bereinander. Mit all ihrer
schweren Ausrstung, den aufblasbaren Rettungswesten (die
von den Soldaten Mae West genannt wurden), Waffen aller
Art (Gewehre, Mrser, Panzerfuste, Flammenwerfer),
Leinenruckscken, Gasmasken, Verbandszeug, Kochgeschirr,
dem Schanzzeug, Messern, Drahtscheren, Essensrationen,
Granaten, Sprengstoff und Munition, wirkten die schlanken
jungen Mnner plump und unbeweglich. Ihre Helme, ber die
Netze gespannt waren, tanzten auf und ab wie die Kpfe von
Karnevalspuppen; der Geruch von Diesel und salzigem Metall
erfllte die klare Seeluft. In regelmigen Abstnden wurde die
Besatzung des kleinen Bootes von belkeit heimgesucht. Die
Mnner suchten nach Behltern, da sie ihre Kotztten (jeder
hatte zu seiner Ausrstung von der Army seine
Tte, bei
Erbrechen, 1 Stck.
bekommen) schon vor einiger Zeit gefllt
ins Meer geworfen hatten. In ihrer Not nahmen sie ihre Helme
ab, die schnell randvoll mit den berresten der
Henkersmahlzeit waren, die man ihnen am Abend zuvor
serviert hatte - herrliche Steaks, ein Abschiedsgeschenk der
Army. Sie hatten es das letzte Abendmahl genannt.
Mit dem Wasser, das ins Boot schwappte, konnten sie
wenigstens anschlieend ihre Helme reinigen. Viele der Jungs
schpften es sowieso mit ihren Helmen, um die Pumpe des
Bootes zu untersttzen.
Alle hatten auch Pillen gegen Seekrankheit erhalten, aber
einige Mchtegernhelden hatten darber die Nase germpft, so
da Private Anthony Caparzo, zweiundzwanzig, Chicago,
Illinois, sie ihnen whrend ihrer mehrtgigen Wartezeit auf
dem Truppentransporter fr fnf Cent das Stck abgekauft
hatte.
Er hatte davon getrumt, sie spter fr einen Vierteldollar das
Stck zu verkaufen und so ein kleines Vermgen zu machen,
aber jetzt - da seine Kumpels um ihn herum sthnten und
kotzten - zeigte sich, da er dazu ein zu weiches Herz hatte,
oder vielleicht selbst nur einen zu schwachen Magen.
Caparzo hatte volle Lippen und eine stumpfe Nase, seine
Augen saen wie kleine, schwarze Perlen in seinem bleichen
ovalen Gesicht. Feierlich wie ein Priester, der das Abendmahl
reicht, begann er die Pillen umsonst zu verteilen.
Das Boot schlingerte, und mit ihm Stanley Me
llish,
zweiundzwanzig, Yonkers, New York, der gegen Caparzo stie
und sich dabei die Handvoll P
illen schnappte. Gib mir noch
ein paar! sagte Mellish nach diesem Diebstahl. Er hatte das
teigige, launische Gesicht und den dunklen, gierigen Blick
eines verzogenen Rindes. Das ist mein Vorrat fr den Rest
des Krieges, du Scheier!
Schreib's als Kriegsverlust ab. Das Boot schwankte erneut.
Und berhaupt, wozu brauchst du die denn noch?
Glaubst du vielleicht, wir machen noch mehr solche
Bootsausflge?
Caparzo wute darauf nichts zu erwidern, doch statt dessen
machte das Boot einen Satz aus dem Wasser, genau in dem
Moment, als eine Granate aus einem Schiffsgeschtz ber sie
hinwegstrich. Kurz darauf verebbte ihr Pfeifen, und eine
Detonation auf dem noch unsichtbaren Strand zeigte ihnen an,
da es nicht mehr weit war. Die Stunde X war gekommen.
Wer nicht kotzen mute, betete; Mellish wechselte pltzlich
von der letzteren Gruppe in die erste, sein Gesicht wurde grn,
als sei es mit Tarnfarbe bemalt, sein Hals richtete sich wie ein
Geschtzlaufauf, und die P
illen gegen die Seekra
nkheit
schossen aus seinem Mund und landeten auf dem Deck.
Volltreffer.
Whrend Mellish sich ber die Bordwand beugte, schaute
sich Caparzo vorsichtig um, und als er sich unbeobachtet
glaubte, fischte er die schleimigen, aber kaum aufgelsten
Tabletten aus der Brhe, suchte nach einer Tasche, stopfte sie
hinein und wischte sich anschlieend die Hand an seinem
durchnten Kampfanzug ab.
Sein Captain hatte dies wohl gesehen, aber Miller versta
da Mnner im Kampf ihre geheimen Probleme hatten - wie er
selbst seine unruhige Hand. Wieder fixierte er sie, als wrde sie
einem anderen gehren. Und wieder hrte sie auf zu zittern.
Neben ihm stand Sergeant Michael Horvath, Minneapolis,
Minnesota, ein vierschrtiger Haudegen voller Kriegsnarben,
der auf die Dreiig zuging; wie sein Captain war auch der
Sergeant verschwiegen, und wenn er M
illers zitternde Hand
gesehen hatte, so lie er sich jedenfalls nichts anmerken. Der
Sarge deutete auf die betenden, kotzenden Mnner.
Schtze, die fahren sonst nicht so oft Boot, meinte er,
daheim in ihren Kffern.
Und das hier ist auch nicht der gute alte Fischteich,
erwiderte Miller.
Miller liebte diese Jungs. Auf dem Truppentransporter hatten
sie ein letztes Mal Gelegenheit gehabt, ihre Jugend zu
genieen. berall hatten sie gelegen und geschlafen, auf den
Decks, in, auf und unter den Fahrzeugen, hatten geraucht,
Karten gespielt, waren umherspaziert, hatten von ihren
Mdchen zu Hause erzhlt. Alle hatten einen persnlichen
Brief vom Oberkommandierenden General Eisenhower
erhalten, den sie sich gegenseitig signierten wie ein High-
School-Jahrbuch. Ihre Unschuld hatte ihn gerhrt und ihm fast
das Herz gebrochen. Einer der Jungs war Danny Delancey -
woher kam er noch gleich, aus Cleveland? Ein netter Kerl, er
konnte zie
mlich gut Sinatra imitieren, vor allem wenn ihn
jemand auf der Gitarre begleitete. Gerade lugte er ber die
Bordwand nach einem Higgins-Boot steuerbord.
Kpfe runter! bellte Miller. Da gibt's nichts zu sehen!
Aber bevor Delancey dem Befehl noch Folge leisten konnte
und wie um den Captain Lgen zu strafen, lief das Higgins-
Boot neben ihnen auf eine Mine. Delancey prallte zurck, als
auf ihn und alle anderen Insassen des tanzenden Bootes bren-
nender Diesel, versengtes Menschenfleisch und Metallsplitter
herabfielen und glhende Trmmer wie h
llischer Hagel auf
Deck aufschlugen. Die Helme, mit denen man gerade noch
Wasser geschpft hatte, wurden nun zu Lscheimern, mit
denen man die Flammen bekmpfte, untersttzt von dem
hereinschwappenden eisigen Kanalwasser, das die Explosion
aufgewhlt hatte.
Die hektische, aber entschlossene Suberung des Bootes
wurde von Flchen und Schreien begleitet. M
iller schleuderte
einen Fu hinaus, der noch in seinem Stiefel steckte; der Sarge
tat das gleiche mit einem verkohlten Arm, dessen Hand sich
wie zu einer ungehrten Klage ausstreckte. Als das Boot
weiterscho, wechselten die beiden erfahrenen Veteranen, die
immer noch Leichenteile ber Bord warfen, einen Blick - in
diesem Krieg starb es sich verdammt wrdelos -, und die
jugendlichen Gesichter um sie herum wandten sich fragend
ihren Vorgesetzten zu.
Verwundete? rief M
iller.
Alle schttelten die Kpfe; ein kleines Wunder bei all den
wirr herumfliegenden glhenden Splittern. Die Gesichter
wandten sich dem Wasser zu, in dem Leichen und Leichenteile
herumschwammen.
Kpfe runter, hab' ich gesagt!
Captain ... Delanceys Augen sahen aus wie die eines
kleinen Hndchens. ... werden wir alle sterben?
Miller suchte nach den richtigen Worten - er wollte den Jungs
nichts vormachen, aber sie brauchten etwas, an dem sie sich
festhalten, was sie in den Kampf mitnehmen konnten.
Doch Lieutenant Frank Briggs kam ihm zuvor.
Zum Teufel, nein, Delancey! sagte er mit einem heraus-
fordernden Grinsen. Hchstens zwei Drittel!
Das war nicht die Antwort, nach der Miller gesucht hatte.
Jesus Maria rief Delancey aus. Im Krieg gehen Fluch und
Gebet ineinander ber.
Briggs - dreiig Jahre, Dallas, Texas, ein stmmiger Bursche
mit engstehenden blitzenden Augen - legte die Hnde wie
einen Trichter vor den Mund und brllte so laut, da man seine
Stimme ber das Wasser hinweg auf den nchsten Higgins-
Booten hren konnte.
Schaut euch den Mann links neben euch an! Ihr alle, ihr
verdammten Kerle. Jetzt schaut euch den Mann rechts neben
euch an!
Alle Jungs im Boot gehorchten wie erstarrt. Briggs grinste.
Sprecht ein Gebet fr die beiden Hurenshne, denn sie
werden nicht zurckkommen. Ihr dagegen werdet nicht den
kleinsten Kratzer abkriegen!
Delanceys unsicheres Lcheln zeigte, da die Worte des
Lieutenants nur seine Neigung zum Kotzen verstrkt hatten.
Diese Aufmunterung hatte die Stimmung des Zuges nicht
gerade gehoben.
Lieutenant, sagte Miller leise zu Briggs
Briggs Augen strahlten.
Ja, Sir?
Miller f
unkelte ihn an.
Beantworten Sie in Zukunft bitte nicht mehr Fragen, die an
mich gerichtet sind. Haben Sie verstanden?
Das Leuchten in den Augen des Lieutenants erlosch.
Jawohl, Sir.
Orangeweies Licht zuckte ber dem Boot, und aller Augen
blickten himmelwrts, als suchten sie dort nach einem
Schutzengel, doch sie sahen nur Tausende von Granaten, die
zischend ber ihre Kpfe hinwegzogen, zur Kste hin, wo sie
detonierten. Der Donner wirkte nicht allzu entfernt.
Seht ihr das? rief Miller. Hrt ihr das? Da fahren die
deutschen Befestigungen zur Hlle, eine nach der anderen!
Die Schwimmpanzer vor! rief Lieutenant Briggs, als wrde
er von der Tribne aus die Mannschaft in einem wichtigen
Spiel anfeuern.
Leuchtet ihnen nach Hause!
Haltet endlich eure Kpfe unten, rief M
iller, der selbst ber
die Bordwand zu der geschwungenen, nebelverhangenen
Kstenlinie hinbersphte, wo undeutlich eine Steilwand hinter
dem Sandstrand und einem hohen Deich aufragte und
gelblicher Pulverdampf sich mit dem aufgewirbelten Staub zu
einer gespenstischen Szenerie verband.
Aber aus dem Sand heraus, der bei der jetzigen Ebbe etwa
eine Meile breit freilag, ragten wie bizarre Pilze ungleich-
mige Reihen von torartigen Eisenkonstruktionen, hlzerne
Pfosten, die Tellerminen als Aufsatz trugen, und gekreuzte
Eisenbahnschienen, alle seewrts gerichtet. Die Deutschen
hatten sie hier aufgestellt, um den Booten eine Landung bei
Flut unmglich zu machen. Bei Ebbe wrden sie der ber den
Strand vorrckenden Infanterie Deckung geben. Wer allerdings
hinter einer minenbewehrten Sperre Schutz suchte, tat im
Grunde nichts anderes, als sich bei einem Feuergefecht hinter
einem Pulverfa zu verstecken. Erneut gefror Miller das Blut in
den Adern: Diese Unterwasserhindernisse sollten eigentlich gar
nicht mehr da sein; nach seinen Informationen htten sie
bereits vor dem Morgengrauen alle von Pionieren beseitigt sein
sollen. Aber da waren sie, X-frmige Stahlkonstruktionen, wie
groteske Kreuze eines Friedhofs, der darauf wartete, da sich
seine Grber fllten.
Das Sperrfeuer der Schiffe fiel zu kurz aus, schien es Miller.
Die grokalibrigen Granaten aus den Schiffsgeschtzen lieen
lschwarze Wasserfontnen aufspritzen. Er hoffte instndig,
da der Strand bei ihrer Ankunft von Trichtern berst sein
wrde, wie man es ihm versprochen hatte. Das hatte er seinen
Mnnern beigebracht: sich in Bombenkrater fallen zu lassen
und aus ihnen heraus- und um sie herumzukriechen ...
Das wird ein groes Fest! rief einer der Jungs.
Ein Kinderspiel! meinte ein anderer. Caparzo lehnte sich an
die Bordwand, bemht, das Gleichgewicht auf dem tanzenden
Boot zu halten, dessen Fahrt durch die von Granaten
aufgewhlte See noch unruhiger geworden war.
Klingt wie der Mitternachtsexpre!
Eher wie eine Klosplung, meinte Mellish mit einem
nervsen Lcheln.
Neben ihm streichelte der schlacksige Daniel Boone Jackson,
dreiundzwanzig, Hickory Valley, Tennessee, sein Scharf-
schtzengewehr und senkte den Kopf.
Am besten macht ihr euren Frieden mit dem Herrn, riet
Jackson seinen Kumpels in einem beruhigenden Tonfall, der so
gar nicht zu dem Aufruhr unter ihnen und um sie herum passen
wollte.
Als ob der Sdstaatenjunge es befohlen htte, breitete sich
urpltzlich Stille ber der aufgewhlten See aus. Das
Sperrfeuer der Schlachtschiffe hatte aufgehrt, so da nur noch
das Brummen der Motoren der Higgins-Boote zu hren war;
ein Gerusch, das ihren Passagieren bereits so vertraut
geworden war, da sie es schon seit einiger Zeit gar nicht mehr
wahrnahmen. Die schweren Geschtze richteten sich neu aus,
um ihr Feuer ins Hinterland zu richten. Aber fr einen Moment
entstand der Eindruck, als htte der Krieg kurz angehalten, um
den Jungs eine kurze Atempause zu verschaffen, die sie
dringend bentigten.
Miller wute, da dieser Moment zufllig gewhrter Gnade
wahrscheinlich der einzige ruhige Moment sein wrde, den
dieser kalte, graue Morgen seinen Jungs an dieser dunstigen
Kste gnnen wrde. Er schaute zu dem Steuermann rber, der
drei Finger hochhielt. Seine Mnner sahen ihn an. Sie wuten,
da es soweit war; sie warteten nur noch auf das Stichwort.
Reden halten war nicht Millers Strke, also trat er in ihre Mitte,
nachdem er dem Sarge zugelchelt hatte, was, wie beide
wuten, ein endgltiger Abschied sein konnte. Er schritt durch
die Reihen der Jungs und sprach mit ruhiger Stimme zu ihnen.
Alles ganz einfach, sagte er leise, geht seitlich ber die
Rampe, trdelt nicht, bildet keine Gruppen ... Viel Glck, Gott
mit euch,
laden und entsichern.
Den einen oder anderen bedachte er mit einem Lcheln,
manchem zwinkerte er sogar zu, wieder anderen klopfte er auf
die Schulter. Einigen rckte er ihre aufblasbare Schwimmweste
zurecht, denn er wute, da diese Mae West, wenn sie zu
hoch sa und sich pltzlich mit Gas fllte, einen Soldaten, der
neben ihnen aufspritzen. Von links und rechts war jetzt auch
das unangenehme Tackern von Maschinengewehren zu hren.
Miller sah Leuchtspurmunition ber dem Wasser tanzen
von der Rampe und der Bordwand des benachbarten
Landungsbootes abprallen, das ein wenig versetzt vor ihnen
fuhr. Er wute nur zu gut, da auf jedes Leuchtspurgescho
vier Kugeln kamen, die man nicht sehen konnte. Als die
Explosionen der feindlichen Granaten Wasser ins Boot
spritzten, machte es einen Satz und lief auf eine Sandbank. Mit
einem Ruck wurden alle nach vorne geschleudert.
Von wegen Kinderspiel, knurrte Caparzo Mellish zu.
Sieht so aus, als wollten sie Widerstand leisten, sagte
Mellish dster.
Und als die Mnner wie gebannt auf die sthlerne Frontplatte
starrten, jenes Tor, das sich nun gleich als Rampe herabsenken
und sie in die Schlacht schicken wrde, hmmerte pltzlich ein
metallischer Hagelschauer auf sie ein.
Scheie,
dachte Miller. Ihm blieben nur zwei Mglichkeiten:
Er konnte seine Mnner entweder direkt in das MG-Feuer
schicken, das so heftig gegen die Rampe schlug, oder
abwarten, bis ein Mrser oder eine Granate sie alle in einem
Feuerball hinausschleuderte.
Aber das Maschinengewehrfeuer setzte immer wieder aus.
Er wrde eine Pause abwarten und dann vorwrtsstrmen ...
Whrend diese Gedanken durch seinen Kopf wirbelten, wichen
die Mnner, seine Jungs, vor den Kugeln zurck, die gegen das
Tor trommelten, und versuchten sich auf dem berfllten Boot
in die bestmgliche Position zu bringen. Bei einigen von ihnen
entleerte sich die Blase, und ihr warm-feuchter Inhalt
vermischte sich mit dem eiskalten Kanalwasser, das sie bereits
vllig durchnt hatte.
Mir ist so speibel, sagte Private Brad Lewis, zwanzig,
Bayonne, New Jersey, zu jedem, der es hren wollte, da wird
der Scheistrand geradezu eine Erleichterung werden.
Pudgy Brad Lewis, Sohn eines Ladenbesitzers, hatte bis vor
drei Monaten noch nie in seinem Leben das Wort Scheie
benutzt; nun mischte sich das Wort in alles, was er sagte oder
dachte. Auer wenn er betete.
Noch nicht! rief Miller dem Steuermann zu, der gerade die
Klappe ffnen wollte, gegen die eine weitere Maschinenge-
wehrsalve prasselte. Seinen Jungs schrie er zu: Wenn das Tor
runterkommt, will ich, da ihr ber beide Seiten der Rampe
lauft! Habt ihr verstanden? ... Wir sehen uns am Strand! Viel
Glck!
Jeder der Jungs auf dem Boot hatte denselben bangen
Gedanken ...
Mich wird es nicht erwischen ... oder doch?
Dann lie das Maschinengewehrfeuer nach, Miller schrie:
Jetzt!, und das Tor senkte sich herab.
Und das Maschinengewehr ratterte von neuem los.
Miller, der hinten im Boot sta
nd, hrte es mehr, als da er es
sah - das Feuer von genau ausgerichteten 30er-Kaliber-
Maschinengewehren, das sich durch Menschen und Metall
fra, und die Todesschreie seiner Jungs. Alles, was er zunchst
sah, waren Metallpartikel, fleischfarbene und graue Materie,
Leichen, Qualm und Funken, die an ihm vorbei sprhten.
Scheie - Scheie!
schrie Private Brad Lewis auf. Es waren
seine letzten Worte.
Miller sah nur die Rcken seiner Jungs, sah, wie die gr
oka-
librigen Geschosse sie durchschlugen und Blutfontnen nach
hinten spritzten, mehr aber noch Splitter von Schaufeln und
Kochgeschirr, auch Uniformstcke und Gu
von den
zerfetzten Mae West-Rettungswesten. Obwohl Miller sc
viele Schlachten mitgemacht hatte, war er nicht darauf
vorbereitet, da in weniger als zwanzig Sekunden zwei Drittel
der Mnner seines Zuges wie menschliches Klafterholz
aufgestapelt daliegen wrden, nur nicht so ordentlich. Die
Toten und Sterbenden waren jetzt nur noch Hindernisse, den
sthlernen Drachenzhnen am Strand gleich, ber die hinweg
und um die herum ein Dutzend berlebende sich einen Weg
bahnen muten, um zur Rampe zu gelangen und sich ins
Wasser zu strzen. Mit weitaufgerissenen Augen plumpsten sie
hinein wie Steine, da das Wasser um sie herum aufspritzte.
Hinter ihnen brllte Miller Komma
ndos: Vorwrts! Vor-
wrts!, mit seiner Stimme das Rattern der Maschinengewehre
bertnend.
Private Delancey schrie auf. Er schrie weder aus Angst noch
vor Schmerz, sondern vor Entsetzen, denn er lag eingeklemmt
unter einem Stapel toter Soldaten, die eben noch seine
Kameraden gewesen waren. Das Sthnen und Wimmern der
Verwundeten war durch das Geknatter des Maschinengewehrs
und das Brummen des Schiffsmotors nicht zu hren. M
iller,
der sich geduckt hielt, damit der Stahlhelm seinen Kopf vor
dem Maschinengewehrfeuer schtzte, zog den Jungen aus dem
Stapel heraus, indem er ihn beim Rucksack packte und seine
eingeklemmten Beine unter den toten Krpern hervorzog -
gerade rechtzeitig, bevor das Maschinengewehrfeuer ber die
Stelle hinwegstrich, an der Delancey eben noch gelegen hatte.
Dann schleppte Miller den Jungen bis zur Rampe, hielt ihn
umklammert und sprang mit ihm ins Wasser, das tiefe Wasser
links von der Sandbank, auf die das LCVP aufgelaufen war.
Beim Sprung ins Wasser lie Miller, der die Lungen mit der
frischen Morgenluft gefllt hatte, den Jungen los und lste die
-Patronen aus, um seine Mae West aufzublasen, die ihm
zusammen mit dem Behlter fr die Gasmaske Auftrieb
verlieh; sein Abtauchen wurde dadurch jedoch nicht merklich
verlangsamt. Die sechzig Pfund schwere Ausrstung zog ihn
wie ein Stein nach unten, wo ihn eine starke Strmung nach
links ri und ihn durch einen Unterwasseralptraum
versinkender, ertrinkender Soldaten schlingern lie, darunter
Verwundete, die die grnblaue Szenerie mit rtlichen Schlieren
trbten. Die Mnner um ihn herum ruderten wie wild, lieen
im Kampf um ihr Leben ihre Ausrstung fahren, aber Miller
hielt sein Gewehr fest umklammert, sogar noch, als sein
Rucksack ihn auf den sandigen Boden zog. Um ihn herum
tanzten in einem Unterwasserballett wie in Zeitlupe Helme,
M1-Gewehre, Flammenwerfer, Sprechfunkgerte, ein Mrser,
eine Panzerfaust, sogar eine Sturmleiter.
Und whrend er sich von dem schweren Rucksack zu befreien
suchte, wobei seine Lungen zu zerplatzen drohten und ihm
Luftblasen aus der Nase aufstiegen, blickte Miller empor zur
Wasseroberflche. Obwohl das Wasser eiskalt war, sah es von
hier unten fr ihn so aus, als wrde er am Boden eines riesigen
Topfes gekocht, so aufgewhlt war der Wasserspiegel von den
Explosionen der Granaten, dem Aufspritzen der Schrapnells
und dem besonders bedrohlichen, regengleichen Plitsch-Platsch
des Maschinengewehrfeuers.
Die Kugeln, die die Wasseroberflche durchschlugen, zogen
eine wirbelnde Spur hinter sich her, bevor sie langsamer
wurden und als harmlose, metallene Kieselsteine sachte um ihn
herum auf den trben, sandigen Grund sanken.
Nachdem er seinen Rucksack losgeworden war, erkannte
Miller in dem Soldaten, der neben ihm umherruderte, Private
Delancey, der gegen den Widerstand des Wassers eine
verzweifelte Tarantella zu tanzen schien und sich dabei
vergebens abmhte, die Gurte seines schweren Gepcks zu
ffnen. Miller zog ein Messer aus seinem Stiefel
und kam dem
Jungen zu Hilfe, er zerschnitt die Riemen des Tornisters,
worauf dieser sich in die Parade der verstreuten Ausrstung
einreihte, die dem sandigen Grund zustrebte.
Aber der Junge war nun in Panik, Luftblasen strmten aus
seinem Mund, der unhrbare Schreie ausstie, seine Augen
waren vor Angst weit aufgerissen. Der Captain schlang einen
Arm fest um den Private und schwamm mit ihm unter Wasser,
bemht, sich weiter unterhalb des Kugelhagels zu halten.
Je nher Miller mit Delancey im Schlepptau
berstenden Lungen der Kste kam, desto mehr stieg der
sandige Boden an, so da sie sich bald dicht unter der von
Kugeln aufgewhlten Wasseroberflche befanden. Miller
schlug auf die CO
-Patronen des Jungen, um seine Mae
West aufzublasen, worauf der Captain und der Private an die
Oberflche getragen wurden.
Sie schnappten nach Luft, und sofort erfllte ihre Ohren die
Kakophonie des Gemetzels von Omaha Beach - das Aufheulen
von Granaten und Mnnern, das Prasseln des brennenden
Treibstoffs auf der Wasseroberflche, das Gewehrfeuer, das
wie ein Feuerwerk aus Knallfrschen klang, das Zipp-zipp-
zipp, mit dem die Geschosse der Maschinengewehre den Sand
kten. Um sie herum schwammen Landungsboote, Jeeps,
DUKW-Amphibienfahrzeuge
und mit Gu
mmischwimmgrteln
ausgerstete Panzer, allesamt tote Fahrzeuge, nur noch von
Flammen und Rauch belebt. Keines von ihnen hatte die Kste
erreicht, als Maschinenleichen trieben sie zwischen denen aus
Fleisch und Blut. M
iller wurde
von einer Welle erfat, und die
schreckliche Geruschkulisse verstummte gndig unter
Wasser; aber dann sprte er wieder Grund unter den Fen,
und Delancey hing an ihm wie ein verngstigtes Kind an seiner
Mutter und japste einen Fluch oder vielleicht auch ein Gebet:
Jesus ... Maria ... Joseph ...
Der Captain watete mit seiner menschlichen Fracht durch das
seichte Wasser, whrend um sie herum Kugeln aufklatschten
und spritzten, zwischen herumtreibenden Leichen hindurch,
inmitten anderer Soldaten, die sich denselben harten Weg
vorankmpften, viele ohne Helm und ohne Waffen, gut
ausgebildete, erstklassige Infanteristen, die den Strand als
erschpfte, durchnte berlebende eines Schiffbruchs
erreichten. Miller zog den halb bewutlosen Delancey an
einem Riemen seines Rucksacks hinter sich her und steuerte
um die sthlernen Drachenzhne herum; manchmal hielt er
hinter ihnen an oder hngte sich an sie, um Halt zu finden.
In einem solchen Moment schrieb ein Maschinengewehr
seinen Namen auf Delanceys Rcken ein; der Private bumte
sich in den Armen des Captain auf. Das Gesicht des Jungen
entspannte sich, berraschung malte sich in seine Zge. Sogar
in dieser hllischen Umgebung konnte der Tod noch Erstaunen
auslsen.
Der leblose Krper fiel auf Miller
und stie ihn einen halben
Meter tief ins Wasser zurck. Da er jetzt dem Jungen nicht
mehr helfen konnte, fate der frsorgliche Captain einen
brutalen Entschlu -: er wrde den toten Delancey als Schild
benutzen. Whrend er sich paddelnd zum Strand vorkmpfte,
sprte Miller, wie noch mehr Kugeln in Delanceys Krper
einschlugen, sieben oder acht, so da er in seinen Armen heftig
zuckte und kleine Blutfontnen sich dunstig in die Luft
mischten. Miller fragte sich, ob das nicht der passende Moment
war, um einfach wahnsinnig zu werden.
Vor Erschpfung keuchend, machte er nun eine Pause, in
Deckung hinter dem blutigen Leichnam des Jungen, den er
hatte retten wollen. Als er sich umschaute, stellte er fest, da er
sich nicht allein abmhte: Viele andere Mnner, aus anderen
Booten, arbeiteten sich ebenfalls verbissen zu der rauch- und
dunstverhangenen Kste vor. Einige benutzten wie er Leichen
als Deckung oder bewegten sich hinter den ineinander
verkeilten, brennenden Wracks, den Trmmern ihres gutge-
planten Angriffs, vorwrts, wobei sie sich mitten durch die von
der Brandung umhergetriebenen Toten hindurchschlngeln
muten.
Einen absurden Anblick boten unzhlige tote Fische, deren
friedliche Welt vom Zwist der Menschen aufgestrt worden
war und die nun zur Kste trieben. Nicht weit von M
iller
entfernt hob ein Soldat den Kopf und w
immerte, dann rollte er
auf den Rcken in das seichte Wasser, das den Sand leckte.
Miller verzog das Gesicht, stie den menschlichen Schild von
sich, lie seine Rettungsweste fallen und lief platschend durch
das Wasser, um dem Verwundeten zu helfen. Jedenfalls dachte
er, da es ein Verwundeter sei. Hau ab, knurrte der Soldat,
als Miller sich ihm nherte, um ihn an Land zu ziehen.
Nein, nein - verschwinde!
Miller versta
nd, und er fragte sich, wie viele andere Mnner
sich ebenfalls totstellten, in der Hoffnung, die Schtzen
den Maschinengewehren und Karabinern wrden statt nach
ihnen nach lebenden Zielen suchen. Der Captain, der kein
solches Ziel abgeben wollte, warf sich hinter eines der
sthlernen Sperrkreuze und prete sich schutzsuchend dagegen,
whrend Maschinengewehrsalven gegen das Metall klatschten,
pfiffen und hmmerten, als poche der Tod an die Tr.
Viele Soldaten, die sich zum Strand vorgekmpft hatten,
trugen noch ihre Mae West, die dort nur hinderlich waren;
Miller schrie ihnen zu, sie sollten die Rettungswesten
wegwerfen, als eine Artilleriegranate, eine groe 88er, direkt
hinter ihm explodierte und ihn ins Wasser schleuderte.
Als er Sekunden spter wieder zu sich kam, richtete er sich
triefend und benommen im seichten Wasser auf und lehnte sich
an das Stahlkreuzhindernis wie ein Betrunkener, der sich an der
Theke einer Bar festhlt. Er schaute ins Wasser, wo ein Helm
umhertrieb: es war seiner. Er setzte ihn auf, und sein Blick fiel
auf die blaugrne Wasserflche, wo ihn ein entfernt bekanntes
Gesicht mit leeren Augen ansah: das Gesicht eines Mannes am
Ende seines Weges, nicht das Gesicht eines Captain, nicht das
eines Soldaten, nur das Gesicht eines Mannes, der entschlossen
war, sich in seinem Bett zu verkriechen und nie mehr
aufzustehen. Seine Uniform war berst mit kleinen Lchern
und versengten Stellen, und berall, wo seine Haut
herausschaute, zeigten sich kleine, blutende Wunden, so als
htte er sich am ganzen Krper beim Rasieren geschnitten. Er
fragte sich, warum das Schieen aufgehrt hatte; war die
Schlacht etwa vorber?
Vor sich sah er eine grotesken Stummfilm. H
underte tote
Soldaten lagen am Strand herum, ihr rotes Blut frbte den
goldenen Sand, gelber Rauch lag wie Nebel ber dem
Szenario; unzhlige Verwundete schlugen vor Schmerz und
Angst um sich, wanden sich wie Wrmer, ihre Mnder
bewegten sich, einige riefen stumm um Hilfe oder nach ihren
Mttern, wimmerten, schrien, aber es war nichts zu hren, kein
Ton.
Miller beobachtete die Schlacht, die als Pantomime
weiterging: Vier Soldaten in durchnten Uniformen stapften
zum Strand - es sah aus, als wrden sie gegen schweren Wind
ankmpfen -, und pltzlich kippten zwei von ihnen vornber,
wo bereits andere Leichen lagen, offensichtlich von
Maschinengewehrfeuer dahingemht, aber Miller
konnte es
nicht hren. Er hrte berhaupt nichts. Sehen konnte er dafr
nur zu gut: berall im Sand verstreut lagen Gewehre, Helme,
Gasmasken und Decken; ein Sherman-Panzer hatte es bis zum
Strand geschafft, nur um jetzt seine Kanone ins Leere zu
richten, ein unfrmiges, brennendes Ungetm, von dem dicke
schwarze Wolken zum Himmel aufstiegen. Einige Mnner
hatten sich bis auf den Kstenstreifen vorgearbeitet und
erwiderten von dort das Feuer des verborgenen Feindes, das
vom Steilufer und den Klippen darber kam. Ein GI, der sich
in den Sand geworfen hatte, versuchte, auf die unsichtbaren
Jerrys zu schieen, erwischte aber statt dessen einen seiner
Kameraden, der vor ihm lief. Der Mann war auf der Stelle tot.
Der berlebende blickte sich entsetzt um; ganz offensichtlich
fragte er sich, ob ihn jemand beobachtet hatte. Miller hatte ihn
gesehen, und ihre Blicke kreuzten sich, aber der Captain
schaute weg. Er wute, da Schuldgefhle und die schreckliche
Erinnerung an diesen fatalen Fehler den Jungen bis zu seinem
Tod verfolgen wrden, ob er nun heute oder erst sechzig Jahre
spter sterben wrde.
Als er sich umdrehte, sah Miller pltzlich das Gesicht eines
Soldaten vor sich, eines blauugigen Jungen, dessen
erwartungsvolle Miene den Captain verdutzte. Ein paar Meter
weiter drckten sich drei weitere blutjunge Privates hinter ein
Stahlkreuz, bibbernd in dem eisigen Wasser, und schauten ihn
mit demselben Blick an.
Heh? brachte Miller heraus.
Der Mund des blauugigen Privates bewegte sich, und der
Ton schien zurckzukehren; schlielich lste sich das wattige
Gespinst in seinen Ohren auf, und Miller wurde klar, da seine
Orientierungslosigkeit und sein gestrtes Gehr davon
herrhrten, da hinter ihm eine 88er-Granate hochgegangen
war.
Haben Sie etwas gesagt, Soldat? fragte Miller.
Was nun, Sir? sagte der Private, aber M
iller sah nur die
Bewegung seiner Lippen, whrend der Lrm der Schlacht um
ihn herum langsam wieder zunahm.
Wie?
schrie Miller,
ohne es zu bemerken.
Was haben Sie
gesagt?
Ich sagte,
schrie der Private zurck,
was, zum Teufel,
sollen wir jetzt machen, Sir?
Miller schaute sich um, nahm die anderen wahr
und zwang
sich, an die Zeit nach dem Gemetzel, nach der Katastrophe
ihrer Landung zu denken. Diese Soldaten und mit ihnen viele
hatten berlebt, suchten hinter den eisernen Drachenzhnen
Deckung, klammerten sich mit letzter Kraft fest, aber sie waren
am Leben.
Captam! Captain!
Die vertraute Stimme erreichte ihn in
dem Moment, als sein Gehr mehr oder weniger vollstndig
wiederkehrte. Etwas entfernt erblickte Miller Sergeant Michael
Horvath, der sich hinter einer der sthlernen Barrikaden
duckte; aus dem Gesichtsausdruck des Sarge schlo Miller, da
er schon eine Weile nach ihm gerufen hatte. Ein Lcheln
huschte ber Millers Zge, als er sah, da sein Fre
und noch am
Leben war. Dann sagte er zu ihm im Befehlston: Bringen Sie
die Mnner vom Strand.
Einer aus der Gruppe der jungen Privates qukte: Sir, wo ist
der Sammelpunkt?
Miller zeigte zu den Klippen, die in etwa zwei
hundert Metern
Entfernung auf einer Seite der Steilkste aufragten.
Dort, wo ihr nicht im Schufeld seid!
Jenseits des Rauchs und Nebels und hinter den
Drachenzhnen, die aus dem durch die Ebbe freigelegten Sand
aufragten, stieg das leichenberste Gelnde leicht an und ging
dann in einen Kiesstrand ber, der stufenartig weiter zu einem
aus Steinen und Mauerwerk errichteten Deich fhrte. An
manchen Stellen des Strandes war dieser Deich vier bis fnf
Meter hoch; hier jedoch betrug die Hhe nicht mehr als einen
oder anderthalb Meter. ber die ganze Lnge bedeckte ihn ein
unheilvolles Gewirr aus Stacheldrahtrollen. Versprengte
Grppchen von GIs kauerten dicht an der Deichmauer, um den
Kugeln der Maschinengewehre und kleinkalibrigen Waffen zu
entgehen, die von der Steilwand und den Klippen herunter-
prasselten. Einige schaufelten hastig Lcher, andere versorgten
Verwundete.
Der Deich! rief Miller den zwanzig oder dreiig Privates
zu, die sich hinter den Sperren in dem seichten Wasser
drngten. Seht ihr den?
Ein Soldat rief: Ich bleibe hier!
Es war die Stimme eines verschreckten, schmollenden
Kindes, das von seinen Eltern schon zu oft belogen worden ist.
Bewegt eure rsche von diesem Strand! brllte M
iller ber
das von Kugeln aufgewhlte Wasser hinweg. Macht Platz fr
die nchste Angriffswelle!
Ein anderer Private rief mit klglicher Stimme: Das ist doch
alles, was noch zwischen uns und dem Allmchtigen liegt!
Der Junge meinte damit das Dreiecksgebilde aus Stahl-
schienen, hinter dem er Deckung suchte.
Millers Stimme schnitt durch das Konzert der explodierenden
Granaten und die Salven der Maschinengewehre. Jeder Meter
dieses Strandes ist im Visier irgendeines Kraut! Wenn die
Maschinengewehre euch nicht erwischen, wird es eine 88er
tun! Und die Flut steigt in jeder Minute zwei Zentimeter!
Dieser Deich bedeutet Leben ... hier werdet ihr alle krepieren!
Mehr gab es nicht zu sagen. Sie wrden ihm entweder folgen
oder nicht.
Und Miller strmte hinter der sthlernen Barriere hervor, das
Gewehr schubereit, platschte durch das seichte Wasser,
bahnte sich einen Weg zwischen den Drachenzhnen und
umhertreibenden Leichen. Dutzende von Mnnern verlieen
ihre Deckung und folgten ihm, eben noch verzagte berleben-
de, aus denen pltzlich wieder Soldaten wurden.
Aus Kindern wurden Mnner, als sie die Todeszone von
Omaha Beach berquerten, viele von ihnen tote Mnner,
gewi, aber Mnner; nicht wenige ihrer Vter hatten im
vorigen Krieg ein hnliches Niemandsland unter erbittertem
feindlichem Feuer durchquert. Rennend, schreiend, rufend, auf
allen vieren, springend und im Zickzack, wobei High-School-
Champions ihre Erfahrungen im Gelndelauf nutzen konnten,
arbeiteten sie sich zum Deich vor.
Mnner, deren Gewehre mit Sand verstopft waren oder die
ihre Waffen im Wasser verloren hatten, sammelten Ersatz bei
den Toten ein. Granattrichter boten vorbergehend Schutz, ein
zerschossener Panzer - einer der wenigen, die berhaupt so
weit gekommen waren - wurde zur Deckung. Etliche Soldaten
wurden gnadenlos niedergemht und strzten, nachdem die
Verbindung zwischen ihrem Gehirn und ihren Beinen jh
durchschnitten worden war, in den Sand oder den Kies,
whrend die Verwundeten sich in den Armen anderer GIs
wiederfanden, die sie mit sich fortzogen. Anderen konnte nicht
mehr geholfen werden; die Klagen verwundeter und sterbender
Mnner, die wieder zu kleinen Jungen wurden, tnten ber den
rauchverhangenen Strand wie ein unheimliches Wiegenlied:
Mama! Mama! Mutter! Mami!
Miller kauerte keuchend hinter einer Sperre; diesmal war es
kein sthlerner Igel, sondern einer jener schrgstehenden,
minenbewehrten, baumdicken Holzstmme, die sich gut als
Deckung eigneten. Direkt neben ihm duckten sich drei Privates
mit verstrtem Blick und umklammerten Schreibmaschinen
und Kartons.
Was, zum Teufel, macht ihr denn da? schrie Miller, um das
prasselnde Gewehrfeuer zu bertnen. Ein Junge mit einem
sommersprossigen Gesicht antwortete: 104. Sanittsbata
illon,
Sir! Wir sollen hier ein Feldlazarett aufbauen!
Seht ihr jemanden, der eure verdammten Schreibmaschinen
ntig htte?
Nein, Sir.
Schmeit die Scheidinger weg, und sucht euch eine Waffe.
Mir nach!
Nun bewegten sie sich jenseits der Brandung auf dem
Sandstrand, kamen aber weiterhin nur langsam vorwrts.
Miller wagte nicht zu schieen, denn zu viele GIs waren vor
ihm. Viele der Mnner waren so schwer mit ihrer durchnten
Ausrstung beladen, da sie kaum gehen, geschweige denn
rennen konnten; einige warfen unterwegs einen Teil ihres
Gepcks weg.
Zwei junge Kerle, die ohne Waffen daherkamen und den
rettenden Deich ansteuerten, halfen sich gegenseitig aus ihren
nassen Uniformen und standen in Hosen und T-Shirts da, als
neben ihnen der Kanister eines GI mit einem Flammenwerfer
eine Kugel abbekam. Der Feuerball erfate ihn und die beiden
Jungs, drei lebende Fackeln, die schreiend ber den Strand
liefen. Die anderen Soldaten, an denen sie sich als orange-
blaues Gebilde vorbeiwlzten, versuchten ihnen auszuweichen,
bis Maschinengewehrfeuer ihrem Leiden ein Ende machte und
sie niederstreckte. Nun waren es nur noch drei weitere
brennende Hindernisse, die man umrunden mute. Neben
Miller murmelte ein Soldat: Das nenne ich eine schnelle
Hllenfahrt.
Miller, dem sich vor Entsetzen der Magen zusammenzog,
duckte sich hinter ein Stahlschienenhindernis. Er brauchte
einen Augenblick Ruhe. Nur einen Augenblick ...
Hilf mir hier raus, sagte eine Stimme. Hinter der nchsten
sthlernen Barriere lag Lieutenant Frank Briggs, der in den
Sand gestrzt war. Ich hab' unten was abgekriegt, knirschte
Briggs. Irgendwas Heies ... in mir. Ich habe das Gefhl, als
htte ich eine schweren Stein im Krper ...
Aber Briggs war nicht allein. Zwei Pioniere verkabelten flink
und behende den Drachenzahn, hinter dem Briggs Schutz
gefunden hatte.
Miller kroch herbei
und stupste einen der beiden, der gerade
Sprengstoff an der Basis des Hindernisses befestigte.
Was, zum Teufel, soll das denn werden? fragte Miller.
Marine-Pionierbataillon, Sir!
Der Soldat war Mitte Zwanzig und hatte ein bleiches,
lngliches Gesicht mit glanzlosen, braunen Augen; er wies mit
dem Kinn auf den Drachenzahn. Ich soll das Scheiding in
die Luft jagen.
Wozu denn das?
Damit die Panzer freie Bahn haben.
Welche Panzer denn, verdammt noch mal?
Der Pionier machte sich wieder an die Arbeit.
Befehl, Sir.
Alle Panzer sind im Kanal abgesoffen! Schauen Sie sich mal
um!
Aus dem Weg, Sir!
Pltzlich hatte der Pionier einen Znder in der Hand.
Das Ding geht gleich hoch.
Es blieb keine Zeit mehr fr Diskussionen; Miller wandte sich
von dem absurden Schauspiel ab, packte Briggs an den Riemen
seines Rucksacks und zog den Lieutenant vorwrts in Richtung
der Rauchwolken und der sintflutartig aus ihnen herabpras-
selnden Gewehrkugeln. Ein Soldat lief neben Miller heran, und
als er ihn schlielich berholte, bemerkte der Captain, da der
GI, der ununterbrochen Sanitter, Sanitter, Sanitter! schrie,
etwas wie ein Gewehr trug, das aber in Wirklichkeit sein Arm
war; trotz des frischen Gliedverlustes schaffte er es bis zum
Deich und schleuderte den abgetrennten Arm wie eine Granate
hinber und warf sich vor dem Deich zu Boden, wo er frs
erste in Sicherheit war.
Whrend einer Schlacht kann man solche unwirklichen
Geschehnisse nur registrieren, aber nicht verarbeiten, und Mil-
lers Hirn war noch dabei, sich die grliche Szene einzuprgen,
um spter ber sie nachdenken zu knnen, als eine
Mrsergranate neben ihm einschlug, ihn in die Luft schleuderte
und wieder zu Boden warf. M
iller schluckte, in seinem Kopf
wirbelte alles durcheinander, seine Ohren klingelten - aber
zumindest hatte er diesmal nicht das Gehr verloren -, und er
untersuchte seine Beine, denn er wute, da man es manchmal
zuerst gar nicht sprte, wenn man verwundet war, weil der
Schock den Schmerz betubte.
Kugeln umschwirrten ihn wie aufgestrte Hornissen; in seiner
Nase brannte der Geruch des Pulverdampfs, und auch in
seinem Mund sprte er diesen scharfen, talgigen Geschmack.
Aber er war nicht verwundet, die Granatsp
litter hatten ihm nur
ein paar neue Kratzer zugefgt, und so schnappte er Lieutenant
Briggs wieder an den Riemen seines Rucksacks, rappelte sich
auf und begann ihn weiter in Richtung Deich zu ziehen.
Allerdings fhlte sich Miller pltzlich strker, so als htte die
Mrsergranate ihn gekrftigt anstatt geschwcht; nein - er war
nicht strker geworden, aber Briggs war leichter ...
Der Lieutenant hatte keinen Unterkrper mehr.
Benommen setzte Miller den halbierten Mensche
nkrper wie
einen Koffer ab, als pltzlich etwas gegen ihn prallte,
jemand
gegen ihn prallte, der Sarge.
Der Sarge packte ihn und schleppte ihn vorwrts, und M
iller
fate Tritt, humpelte mit ihm die letzten Meter durch den
zischenden, knatternden Kugelhagel. Sie warfen sich hart am
Deich in den Kiesgrund. M
iller hatte sich noch nie in seinem
Leben so erschpft gefhlt, so ausgepumpt, weder im zivilen
Leben - was kein Wunder war - noch jemals whrend einer
Schlacht. Seine Augen brannten, er sprte jeden Knochen im
Leib, seine Muskeln waren nur noch eine einzige zuckende,
schmerzende, widerspenstige Masse.
Auf der ganzen Breite des Strandes warfen sich andere
tapfere, erschpfte Soldaten vor dem Deich nieder, der ihnen
weitgehend Schutz bot. Aus Maschinengewehren und Mrsern
regnete unvermindert Blei auf den nur wenige Zentimeter
entfernten Kies und Sand nieder; der Lrm dieses Kugel- und
Granatenhagels nahm kein Ende, und auch nahe am Deich
waren die Verluste hoch. Dort begannen sich regelrecht die
Leichen aufzutrmen. Ich kann die Toten nicht von den
Verwundeten unterscheiden, sagte M
iller.
Jedenfalls sieht der Spielstand nicht gut fr uns aus, sagte
der Sarge.
Sie muten laut sprechen, um die ununterbrochenen Schreie
Sanitter!, Leichentrger!, Hilfe!
zu bertnen.
Entlang des Deichs waren die Gesichter Miller zugewandt,
Gesichter von Soldaten, die den grten Teil ihrer Ausrstung,
ganz zu schweigen von ihrer Kampfmoral, eingebt hatten
und sich, so gut es ging, in dieser sprlichen Deckung zusam-
mendrngten. Die berquerung des blutigen Strandes hatte
Mnner aus ihnen gemacht. Doch jetzt, nachdem sie diesen
Abschnitt kriechend berwunden hatten und ihnen fast so
etwas wie eine Atempause vergnnt war, stieg in ihnen erneut
die Angst auf, und sie wurden wieder zu kleinen Jungs.
Miller schaute auf die verstrten Kinder,
von denen einige
hemmungslos schluchzten, und stellte jedem, der ansprechbar
war, die bange Frage: Wer hat hier das Kommando?
Zwei Antworten kamen zugleich: Feuer aus Maschinenge-
wehren und anderen Waffen, das aus den Bunkern und Grben
ber ihnen kam und anzeigte, da hier eindeutig die Deutschen
das Kommando fhrten. Aber etliche der jungen Soldaten
riefen ihm die andere schreckliche Antwort auf diese Frage zu:
Sie, Sir!, Sie haben das Kommando, Sir!
Miller blickte auf den Sarge
und flsterte: Das habe ich
befrchtet.
Dann lassen Sie sich mal nicht Ihren Arsch wegpusten,
flsterte der Sarge zurck, sonst mu ich das hier berneh-
men.
Teufel, so weit kommt es hoffentlich nicht, sagte Miller
und rang sich sogar ein Grinsen dabei ab. Dann wrdet ihr ja
schn in der Tinte sitzen ... Knnen Sie ausmachen, wo wir
hier sind?
Der Sarge zuckte mit den Schultern.
Schtze, ungefhr anderthalb Kilometer von der Stelle
entfernt, wo wir landen sollten.
Ein Soldat weiter unten am Deich, der das gehrt hatte, rief
aus: Niemand ist da, wo er hingehrt! Der Private neben
dem Sarge, ein rundgesichtiger Bursche, sagte: Er hat recht,
Sir, es ist ein vlliges Durcheinander. Wir sind die berreste
der Fox-, Able- und George-Kompanie, auerdem ein paar
Jungs von einem Rumkommando und Strandpioniere.
Miller musterte seine zerlumpten, aus verschiedensten Regi-
mentern und Kompanien zusammengewrfelten Mnner, und
da ihm klar war, da sie sich nur kurz hier im Schutz des
Deichs aufhalten konnten, wiederholte er noch einmal zu sich
selbst:
Das ist es, was ich befurchtet habe.
Miller r
obbte den Deich entlang und inspizierte seine Mnner,
der Sarge hinter ihm. Inmitten des Durcheinanders von
Lebenden, Sterbenden und Verwundeten hatte ein junger
Funker klaren Kopf behalten und bellte in sein Funkgert, das
aussah wie ein antennengespickter Schuhkarton. M
iller kroch
zu ihm heran und griff nach seiner Schulter. Der Funker, ein
blonder Junge, fuhr herum und sah sich einem Captain
gegenber.
Fordern Sie Luftuntersttzung an! berschrie Miller den
Feuerlrm. Sagen Sie ihnen, da wir hier kein bichen Luft-
untersttzung kriegen!
Der Junge nickte, wandte sich wieder um und gab den
Funkspruch durch, wahrend im Hintergrund die Mrser
Granaten ausspuckten, die laut krachend explodierten und
Splitter durch die Luft pfeifen lieen. Miller fate den F
unker
wieder an der Schulter, worauf der ihn erwartungsvoll ansah.
Und geben Sie durch, fuhr M
iller fort, da
von den
schweren Waffen nichts bis ans Ufer kommt! Die C-3-
Angriffsschneise ist nicht frei! Fragen Sie, wo die verdammten
Amphibienpanzer bleiben! In der Nhe der Ausfallwege ist
kein einziger zu sehen!
Der Funker nickte wieder, drehte sich um und schrie in sein
Gert. Von oberhalb knatterte Maschinengewehrfeuer. Als der
Junge seinen Funkspruch abgesetzt hatte, packte M
iller ihn
erneut an der Schulter. Und sagen Sie auch ...
Doch die Worte blieben dem Captain im Hals stecken: der
junge Funker hrte nicht mehr zu, denn er hatte den Kopf
verloren - jedenfalls die eine Hlfte, das Gesicht war
weggeschossen. Der Junge sackte leblos in den Sand, und
Miller griff nach dem Funkgert. Aber das war ebenfalls
durchsiebt und nur noch ein Stck wertloser Schrott.
Erschttert wich Miller vom Stra
nd, wo die einschlagenden
Geschosse unaufhrlich Sand aufwirbelten, in Richtung Deich
zurck. Begrt von Maschinengewehrfeuer, strmte Private
Robert Reiben, vierundzwanzig, Brooklyn, New York, ber
den Strand und warf sich zwischen seinem Captain und seinem
Sergeant gegen den Deich.
Na warte, dafr werd' ich mich persnlich bei Eisenhower
beschweren, sagte er. Reiben war ein schlaksiger blonder
Klugscheier mit jdischem Vater und irischer Mutter, was den
roten Schimmer in seinen Haaren und die Blsse seines
Gesichts erklrte.
Der Sarge fragte ihn: Sonst noch jemanden vom Zug
gesehen?
Jackson, sagte Reiben und wies mit dem Kopf den Deich
entlang. Der Scharfschtze aus dem Sden hatte mit seiner
geliebten Springfield in der Hand vorbergehend Deckung
gefunden.
Aber sonst niemanden.
Mellish, hier, Sir! rief eine andere Stimme aus der anderen
Richtung des Deiches.
Caparzo ebenfalls, Sir! rief eine weitere Stimme aus
derselben Richtung.
Miller reckte sich weit genug, um zu sehen, wo die beiden
gemeinsam in Deckung lagen; dann duckte er sich wieder, als
Caparzos Stimme fortfuhr: Wade ist weiter hinten mit
DeForest, aber den armen Dee hat's schwer erwischt, der blutet
aus hundert Lchern.
Wo ist
Wade? rief Miller zurck.
Unten am Strand, schrie Caparzo. Er versucht ihm die
Lcher zu stopfen!
Schlielich erkannte Miller zwischen Rauchschwaden
krauchenden Mnnern den Sanitter der Kompanie, Corporal
Edward Wade, San Diego, Kalifornien, mit seinen achtund-
zwanzig Jahren einer der ltesten unter den Jungs des Captain.
Der kleine, dunkelhaarige Wade kniete ber Private Brian
DeForest, einundzwanzig, DeKalb, I
llinois,
und versuchte ihn
zu verarzten, obwohl er eine so stark blutende Brustwunde
hatte, da jede Mhe sinnlos erschien. Wades Arme waren
blutverschmiert bis zu den Ellbogen hinauf, und seine weie
Binde war vllig bespritzt.
Als ein ranghherer Sanittsoffizier ihm befahl, sich lieber
um den nchsten Verwundeten zu kmmern, gehorchte Wade
nicht, sondern erklrte: Er lebt noch, Sir. Whrend in der
Todeszone um ihn herum die Mnner nacheinander umfielen,
trmte Wade in aller Ruhe Leichen auf, die ihm als
menschliche Sandscke Schutz fr die Versorgung seines
Kumpels gaben.
Wade! brllte Miller vom Deich aus. Wade! Sanitter!
Wade!
Doch entweder hrte Wade seinen Captain nicht, oder er
verweigerte auch ihm den Gehorsam.
Miller rief: Mellish - Caparzo
... holen Sie mir Wade vom
Strand runter! Wir brauchen unseren verdammten Sanitter
noch!
Nach und nach nagte sich das Maschinengewehrfeuer durch
die Leichen, wie eine Sge durch Holz, aber Wade lie sich
nicht beirren und verabreichte dem Verwundeten eine
Plasmakonserve. Da durchschlug eine Kugel einen der leblosen
Krper und bohrte sich seitlich in DeForests Kopf - der Arzt
hatte seinen Patienten verloren.
Mist!
schrie Wade und schttelte seine blutigen Fuste.
Verfluchte Scheie!
In diesem Moment kamen Caparzo und Mellish bei ihm an
und zerrten ihn vom Strand weg zum Deich. M
iller wandte sich
zum Sarge. Das ist alles, was von uns briggeblieben ist?
Nicht unbedingt, Sir. Unsere Mnner hat es ber den ganzen
Strand verstreut. Irgendwo sind sicher noch welche von uns.
Aber nicht genug. Nicht genug.
Miller dachte noch einmal an das La
ndungsboot und daran,
wie er seine Mnner in das mrderische Maschinengewehr-
feuer hinausgeschickt hatte. Doch rings um ihn tobte das
trockene Bam-bam der Mrser, und die Sp
litter pfiffen ihnen
um die Ohren - da blieb keine Zeit fr solche berlegungen.
Wo ist DOG-1 ? fragte er den Sarge. Wo, zum Teufel, ist
unsere Angriffsschneise?
Mu der Einschnitt da drben rechts sein.
So?
Oder der linke dort?
Nein.
Miller dachte nach.
Vierville ist westlich von uns. Es mu der rechte sein.
Eine Granate schlug so dicht am Deich im Sand ein, da sie
drei der dort kauernden Soldaten in Stcke ri. Eine Stimme in
der Nhe dieser furchtbaren Szene schrie hysterisch:
Die
schlachten uns ab! Scheie, die schlachten uns ab! Wir haben
keine Chance! Das ist nicht fair!
Miller schaute in die Richtung, aus der die Stimme kam, sie
gehrte einem Corporal, einem erfahrenen Soldaten wie ihm
selbst, etwa Ende Zwanzig. Wenn ein Mann wie er die Nerven
verlor, dann muten all die jngeren, unerfahrenen Mnner
kurz vor dem Durchdrehen sein. Hchste Zeit, von hier
wegzukommen.
Sammelt Waffen und Munition ein! befahl M
iller. Alles,
was ihr habt und was ihr finden knnt! Wenn ntig, zieht sie
euch vom Strand herber! Da drauen ntzen die Waffen
niemandem!
Der Befehl wurde nach beiden Seiten des Deiches weiter-
gegeben. Die Kommandos riefen ein Raunen unter den Mn-
nern hervor, denen die Aussicht, endlich aktiv zu werden,
sichtlich Auftrieb verlieh. Niemand versprte Lust, weiter vor
diesem Deich zu hocken und darauf zu warten, da ihn eine
explodierende 88er oder ein Querschlger erwischte.
Der Sarge wandte sich an Reiben.
Wo ist denn Ihr Browning-Automatikgewehr, Reiben?
Auf dem Meeresboden, Sarge.
Reiben grinste.
Das Mistding hat vesucht, mich zu ersufen.
Suchen Sie sich ein anderes.
Schon so gut wie geschehen, Sarge.
Und schon huschte der Aufschneider hinaus auf den Strand,
um Ersatz fr seine Browning zu finden. berall entlang des
Deiches war das gleiche Bild zu sehen. GIs, beflgelt von der
Aussicht auf einen Ausfall, sammelten Waffen und Munition,
angelten sich Ausrstungsgegenstnde und setzten sich dem
Kugelhagel aus, um so wertvolle Beute wie Maschinenpistolen,
Bazookas, M1er und 45er-Automatikgewehre zu ergattern.
Miller blickte zu dem Dickicht aus Stacheldraht empor, der
auf dem Deich wie eine riesige Ziehharmonika ausgebreitet
war.
Wir brauchen Ofenrohre, sagte er. Damit reien wir ein
Loch in den Stacheldraht und lassen die Minen ringsumher
hochgehen.
Ofenrohre! rief der Sarge, und der Befehl wurde entlang
des Deiches weitergegeben.
Etliche Stimmen riefen: Ofenrohre!,
Wir brauchen Bangalore-Torpedos!
Bangalore-Torpedos!
Dann kam ein Ruf zurck: Wir suchen, wir suchen! ... Wo
sind denn die Feuerwerker? ... Prima, wir haben welche!
Bangalore-Torpedos!
Ein Stck weiter den Deich hinunter bete
iligten sich auch die
Privates Caparzo und Me
llish an der Jagd nach Waffen und
beugten mit Geierblicken ein 30er-Kaliber-Maschinengewehr,
das wie ein vergessenes Kinderspielzeug im Sand lag.
Los, du rennst schneller als ich, sagte Me
llish.
Dafr gibst du ein kleineres Ziel ab, erwiderte Caparzo.
Du bist doch Italiener. Vielleicht halten sie dich fr einen
Verbndeten.
So, meinst du?
Sicher. Auerdem siehst du auch irgendwie deutsch aus.
Leck mich doch! Wer als erster da ist, der kriegt das Ding.
Und beide verlieen die Deckung, strmten los, um sich die
Waffe zu schnappen. Sie stolperten im Sand, aber schon ein
paar Augenblicke spter kehrten sie bereits mit dem MG
zurck. Sie trugen es gemeinsam und strahlten einander an wie
stolze Eltern mit ihrem Neugeborenen im Arm.
Ein Stck weiter hatte Sergeant Horvath seinem Captain
gerade eine Thompson-MP samt Ersatzmagazinen berreicht.
Hier, nehmen Sie, damit Sie ihnen zeigen knnen, da wir
hier waren, sagte der Sarge und deutete auf die Thompson.
Weitere Waffen - und Mnner, die entschlossen waren, sie zu
benutzen - sammelten sich zu beiden Seiten des Captain und
des Sergeant.
Ein Private, der immer noch einen Flammenwerfer auf dem
Rcken trug, machte Meldung bei M
iller. Dabei bckte er sich
aus gutem Grund.
Bin beeindruckt, gab Miller mit einem kaum sichtbaren
Lcheln zu.
Den haben Sie durch die Hlle bis hierher gebracht?
Auch jetzt noch trafen Landungsboote ein, und die Granaten
der deutschen 88er lieen das Wasser in Fontnen hochsprit-
zen.
Hatte keine Wahl, Sir, grinste der Junge. Mit seinen
vorstehenden Zhnen sah er ein bichen dmmlich aus.
Die Schnalle hat sich verklemmt, und ich hab' das Mistding
nicht runtergekriegt!
Zum Beweis zerrte er an dem Gurt.
Das wrde ich an Ihrer Stelle aber nicht erwhnen, wenn Sie
eine Auszeichnung bekommen sollten, riet M
iller dem
Private.
Nein, Sir.
Zwei Sergeants vom 149. Pionierbataillon kamen so tief
gebckt wie mglich am Deich entlanggekrochen, jeder mit
zwei meterlangen, TNT-gefllten Bangalore-Torpedos. Als sie
bei Miller ankamen, befahl der Captain, mit der Aktion zu
beginnen. Die Minen waren fr den Zusammenbau unter
Beschu konstruiert: Die einzelnen Stcke wurden miteinander
verbunden, bis ein langes Rohr entstand, das bis zur Hhe des
Deiches geschoben und durch das Stacheldrahtgewirr gefdelt
werden konnte.
Bei der Detonation wrde der Bangalore-Torpedo seitlich
aufplatzen und eine Schneise in den Drahtverhau sprengen.
Soweit die Theorie.
Viele Mnner wurden bentigt, um sie in die Praxis
umzusetzen, und M
iller wute eins: Wenn nach all den Fehl-
planungen und Irrtmern der hohen Tiere dieser Tag und diese
Invasion doch noch erfolgreich sein wrden, dann hatte man
das solchen bunt zusammengewrfelten Trupps einfacher
Soldaten zu verdanken, die mit dem Mut der Verzweiflung
improvisierten. Diese Jungs in Khaki komplettierten ihre
Ausrstung, sie entsandeten ihre Waffen so gut es ging,
machten die Schlsser gngig, berprften die Mechanik,
luden, kten Rosenkrnze. Aus dem Augenwinkel sah er
Mellish
und Caparzo grinsen, whrend sie mit Feuereifer ihr
soeben requiriertes Maschinengewehr lten. Obwohl Miller die
meisten dieser Mnner nicht kannte, liebte er sie wie die beiden
Kinder, die zu Hause auf ihn warteten.
Das TNT-Rohr schob sich beim Zusammenbau Stck fr
Stck seinem Ziel an der Oberkante des Deiches nher, die
Spitze ragte schon in das Gewirr des Stacheldrahtes hinein.
Gespannt beobachtete Miller die Fortschritte, als Wade mit
einsatzbereiter Sanitterausrstung neben ihm eintraf.
Er hatte sich das Blut von den Hnden abgewischt, aber die
rmel seines Hemdes waren schwrzlich-feucht, und seine
Handflchen hatten sich in einem schrecklichen, dunkelroten
Ton verfrbt.
Freut mich, Sie zu sehen, Sir, sagte Wade leise. Ihn konnte
so leicht nichts aus der Ruhe bringen.
Freut mich, gesehen zu werden, gab M
iller zurck.
Pappi ist ganz verliebt in sein neues Baby, sagte etwas
weiter hinten Reiben. Er war mit dem Laden seiner Browning-
Automatic beschftigt.
Einer der beiden Sergeants vom 149. Pionierbata
illon blickte
Miller an
und hob den Daumen: Das Rohr war jetzt in Position.
Legen Sie los, Sergeant, antwortete Miller ihm.
Der Sergeant zog den Splint aus der Zndkapsel des letzten
Rohrstcks und rief: Volle Deckung!
Volle Deckung! rief Reiben, und berall entlang des
Deichs wurde der Ruf weitergegeben, whrend alle so gut wie
mglich Schutz suchten.
Die Detonation, nur eine von vielen an diesem verhangenen
Morgen, wurde von den hochgejagten Minen verstrkt, die
durch die Explosion ausgelst wurden. Als Rauch und Staub
sich verzogen hatten, ghnte eine breite Lcke in der
Stacheldrahtsperre. Nun konnten sie endlich von diesem
blutigen Strand wegkommen.
Jetzt geht's los! rief der Sarge.
Kommt, alle Mann da durch!
Miller zog sich den Deich hoch, ein Dutzend Mnner dicht
hinter ihm, darunter Reiben, Mellish, Caparzo, Wade und
natrlich der Sarge. Sie rannten hinaus auf die Strandebene
hinter dem Deich, wo es Flecken mit hohem Gras und
Sumpfland gab - und auch die verkohlten Stellen, an denen die
Explosion Landminen ausgelst hatte. Das durchnte,
sumpfige Gelnde verlangsamte nur wenig den Sprint der
Soldaten zu der steilen, ausgewaschenen Bschung, die mit
ihren tiefen Bodenwellen Deckung versprach.
Doch der Kugelhagel aus den deutschen Maschinengewehren
nderte seine Richtung und verfolgte nun die dahinstrmenden
Soldaten und die Mnner, die gerade durch die ffnung im
Stacheldraht drngten. Zwei strzten im Sumpfland zu Boden,
ein weiterer starb im Gewirr des Stacheldrahts. Den Soldaten
auf der Strandseite des Deiches, die im Begriff waren, durch
das Loch in der Ziehharmonika zu spurten, sank der Mut.
Dann rief ein Private: Schei drauf, wenn ich schon
abkratzen mu, dann wenigstens auf dem Weg nach oben! -
und strmte los. Das ri die brigen Kmpfer mit. Zwei weitere
Wellen mit einem Dutzend oder mehr Soldaten brachen aus der
Deckung hervor und folgten M
iller
und seinen Mnnern.
Inzwischen waren Miller und der Rest seines Zuges sowie
einige andere beherzte Soldaten dabei, die Bschung zu
erklimmen. Dabei blieben sie immer in den tiefsten Furchen,
die ihnen eine natrliche Deckung boten. Es war klar, da in
den Erosionsfurchen genausogut Deutsche hocken konnten,
was sie sicher auch taten, aber noch hatten sich keine gezeigt ...
Als die anderen zu ihnen stieen, verstummte das
Maschinengewehrfeuer, so da sie pltzlich eine unhe
imliche
Stille umgab. Die GIs berquerten mehrere der gew
undenen
Erdfurchen. Sie hatten sich in kleine Gruppen aufgeteilt, die
sich, von einer Position zur anderen hpfend, aber
immer
geduckt, durch das Labyrinth natrlicher Grben den Abhang
nach oben schlichen. Ab und zu hielten sie inne, um eine
unbersichtliche Biegung zu inspizieren.
Vor Reiben war gerade eine Gruppe von fnf Soldaten an
einer solchen Stelle im Erosionsgraben angelangt. Sie schauten
einander an, zuckten mit den Schultern und bogen um die
Ecke. Direkt hinter ihnen folgte eine weitere Gruppe, whrend
Reiben, der Miller
und die brigen Jungs aus seinem Zug
verloren hatte, das Schlulicht bildete. Aber noch bevor die
zweite Gruppe um die Kurve bog, wurde die Stille von
heftigem Feuer aus kleinkalibrigen Waffen zerrissen.
Zwei Soldaten aus der ersten Gruppe, die gerade eingebogen
waren, kamen wie von Sinnen kreischend zurckgerannt, die
Uniformen waren rot bespritzt, die Augen traten hervor, die
Beine ruderten wild, so da sie mit Mnnern der nchsten
Gruppe zusammenprallten und sie wie Kegel umwarfen.
Pltzlich lagen alle an der schmalen Stelle bereinander und
versperrten sie, es entstand ein Stau aus taumelnden und
stolpernden Mnnern.
Sie waren gefangen zwischen strampelnden Armen und
Beinen, und es sah fast aus, als wrden sie zu der Kakophonie
aus den Gewehrlufen einen Tanz auffuhren.
Dieser schreckliche Stau aus Menschen lie Reiben anhalten,
und sonderbar abwesend sah er zu, wie deutsche Stiel-
Handgranaten im Bogen um die Ecke flogen - vier, acht, zwlf
der verfluchten Dinger, die wie kleine Bomben aus kleinen
Flugzeugen auf sie hinabfielen. Reiben hechtete in die
entgegengesetzte Richtung und landete in demselben
Augenblick auf dem Boden, als die zwlf kleinen Explosionen
sich zu etwas Ohrenbetubendem, Entsetzlichem verbanden.
Als er sich dann auf seinen Ellbogen aufsttzte und feststellte,
da er unverwundet geblieben war, ging eine gelbgraue Wolke
aus Erde und Pulver nieder, und ein grausiger roter Regen
besprhte den Graben - und Reiben.
Angeekelt, verngstigt und mit Blut und Erde beschmiert,
kam er taumelnd wieder auf die Beine und ging zurck, woher
er gekommen war. Da vernahm er eine Stimme,
und er folgte
ihr, es war die Stimme des Captain, der rief:
Hier
entlang!
Hier
entlang!
Miller, vom Lrm des Gewehrfeuers
und der Granaten
doppelt angespornt, rannte mit einem halben Dutzend Mnnern
einen tiefen Einschnitt hinauf: der Sarge, Mellish
und Caparzo
waren dabei, und an einer Gabelung des zerfurchten Gelndes
stie auch der erleichterte Reiben wieder zu ihnen. Ein Stck
weiter oben vor Miller liefen drei Privates. Sie bogen um eine
Ecke und waren gerade auer Sicht, als M
iller den D
onner
zweier detonierender Landminen vernahm und so abrupt im
Lauf innehielt, da er strauchelte.
Er sttzte sich mit dem Handgelenk ab, wobei er eine Kerbe
in der trockenen Seitenwand hinterlie. Dann lugte er um die
Biegung des Grabens und erblickte die versengten traurigen
berreste von zwei Soldaten. Wie berfahrene Tiere am
Straenrand lagen die Toten zu beiden Seiten eines Pfades.
Bei einem ebenso erschtternden Anblick zogen sich Millers
Augen zu Schlitzen zusammen: Mitten im blau-gelbbraunen
Rauch, der ihn und seine toten Kumpel umgab, stand stocksteif
der dritte GI mit weit aufgerissenen Augen und verzerrtem
Gesicht, wie angewurzelt, ein menschlicher Baum inmitten
eines Minenfeldes. Dann kam ein vllig unerwartetes
Gerusch: ein Pfiff. Nicht das Pfeifen von Art
illeriegeschossen
oder Granatsplittern, s
ondern der Laut, mit dem ein Mensch
seinen Rassehund heranpfeift. Das alltgliche, aber an diesem
Ort geradezu gespenstisch anmutende Gerusch hallte die
Furche entlang, und dann rief eine St
imme:
Fritz! Fritz!
Die
Stimme eines Deutschen.
Und richtig, ein Hund kam von hinten durch den Graben
angetrabt. Er wirkte auf den berraschten Miller
und seine
Leute wie eine Erscheinung aus harmloseren, freundlicheren
Zeiten. Unwillkrlich lchelten sie ihm zu und dachten noch
nicht einmal daran, ihn einzufangen, als er wie Rin Tin Tin, der
berhmte Filmhund, mit hellen, wachen Augen und
heraushngender Zunge an ihnen vorbeijagte. Die Leine zog er
hinter sich her. An einer Gabelung schlug das Tier einen Weg
ein, der von der Furche wegfhrte, wo das Minenfeld den
verngstigten GI gefangenhielt, und fr einen kurzen Moment
sah Miller eine Gestalt mit grauem Mantel
und Topfhelm
hinter einer Biegung hervortreten, die den freudig bellenden
und hochspringenden Schferhund in Empfang nahm.
Der Deutsche zog den Hund um eine Biegung, und schon
waren sie auer Sicht und in Sicherheit. Fr einen Augenblick
war Miller gerhrt
von diesem Anblick der Menschlichkeit: ein
Soldat, der seinen Hund liebte - so wie jeder Junge seinen
Hund lieben wrde. Dieser flchtige Augenblick brderlicher
Besinnlichkeit kam zu einem jhen Ende, als der deutsche
Soldat wieder auftauchte, sein Gewehr anlegte und dem im
Minenfeld gefangenen GI von der Seite in den Kopf scho. Die
Kugel traf den Jungen ins linke Ohr und durchschlug sein
Gehirn. Ohne eine Mine auszulsen, fiel er taumelnd zu Boden.
Dann war der Deutsche verschwunden. Nur das schwcher
werdende Bellen des Kters verriet ihnen, da Herr und Hund
sich in eine unbekannte Stellung zurckzogen.
Trge zog Rauch vorbei, der suerlichen Pulverdampf und
den entsetzlichen Gestank von verbrannten Haaren und
versengtem Fleisch herantrug. Miller blieb an der Gabelung
des Grabenlabyrinths stehen. Nach dem Tod, besser gesagt, der
Hinrichtung des von Minen eingeschlossenen Private,
schwiegen der Captain und die Jungs, die sich hinter ihm
drngten - eine bunt zusammengewrfelte Truppe aus dreck-
und blutverschmierten GIs, darunter die berreste seiner
eigenen Einheit. Es gibt Dinge, die einfach zu schrecklich sind,
um darber zu reden. Das Schrecklichste daran war vielleicht
die Gewiheit, da alle von ihnen genauso gehandelt htten
wie der Deutsche.
Jetzt haben sie uns am Arsch! sagte ein Junge hinter Miller.
Er versuchte wtend zu klingen, aber die Angst schwang
deutlich mit. Die Krauts haben alle Ausgnge vermint!
Whrend der leicht gedmpfte Gefechtslrm anhielt, hrten
sie irgendwo ber sich Maschinengewehre den Strand
beharken, und von Zeit zu Zeit bebte der Boden vom Einschlag
einer 88er-Granate.
Der Sarge flsterte Miller zu: War schon kein Spaziergang
bis hierher, Sir, aber beim Weg hier raus wird's ganz schn
rger geben.
rger ist gar kein Ausdruck, gab M
iller zurck
und wandte
sich mit einem Lcheln zu seinen Jungs um. Er hoffte nur, da
es nicht so gezwungen wirkte, wie er es empfand.
Der Hund, dieser Fritz, der kannte den Ausgang.
Mellish, der nervs seinen Kaugummi bearbeitete, fragte:
Meinen Sie, da der Kter wei, wo die Minen liegen?
Dieser Hund gehrt zur deutschen Truppe, sagte M
iller
nchtern, und die Deutschen mssen schlielich auch jeden
Tag hier rauf- und runtergehen, oder? Und damit trabte Miller
mit schubereiter Thompson den Pfad entlang, den Fritz
eingeschlagen hatte. Nach kurzem Zgern folgten ihm seine
Mnner, und sie waren schon ein gutes Stck in dem Graben
vorangekommen, als Miller ein Handzeichen zum Anhalten
gab.
Der Pfad stieg hier bis zu einer Lcke in der Bschung an und
fhrte dort auf freies Gelnde. Obwohl sie sich an einer
ziemlich niedrigen Stelle
und eigentlich in einer Sackgasse
befanden, konnten die GIs auf der anderen Seite der zehn
Meter breiten, lehmigen Anhhe eine Erhebung aus Gestein
und Sand ausmachen - eine einladende Zielgerade, die
allerdings einen Nachteil hatte: Das Hmmern der
Maschinengewehre und das Knattern der Handfeuerwaffen, die
den Strand bestrichen, war bestndig lauter geworden, und
auch das Bam-Bam-Bam der Granatwerfer kam nun aus
nchster Nhe. Wenn Miller
und seine Leute ber dieses offene
Gelnde laufen wrden, konnten sie in Sicht- und Schuweite
der Deutschen geraten, die dort oben in Stellung lagen.
Wir haben keine Einsicht von hier, sagte der Sarge, als die
ganze Gruppe sich zwischen den Wnden des Grabens drngte.
Erst wenn wir die Kpfe rausstecken, wissen wir, was wir da
vor uns haben.
Hat jemand ein Bajonett? fragte Miller, und man reichte
ihm eines. Wer hat einen Spiegel? Gleich darauf hielt der
Captain einen kleinen Rasierspiegel in der Hand und wandte
sich an Mellish: Sagen Sie ma�l Ah.
Hh?
Reicht schon, meinte M
iller, whrend er den Kaugummi
aus Mellishs offenem M
und nahm. Unter den erstaunten
Blicken der Mnner befestigte Miller zuerst die klebrige Masse
am Ende der Bajonettklinge und dann den Spiegel am
Kaugummi. Der Spiegel sa ziemlich wackelig, doch er wrde
wohl seinen Zweck erfllen, glaubte Miller. Die Mnner um
ihn grinsten und nickten, als er vorsichtig das Bajonett gerade
so weit hob, da er es ausrichten und etwas durch den Spiegel
sehen konnte.
Was er in dem windschiefen kleinen Spiegel sah, war
erschreckend: Ungefhr zwanzig Meter vor ihnen und weitere
dreiig Meter nach links ragte ein steiles Felsenufer empor, das
den Strand beherrschte. Aber dieses Felsenufer flankierte auch
das freie Gelnde zwischen ihrem Graben und der schtzenden
Erhebung. Dort oben, etwa acht Meter ber ihnen, befanden
sich zwei Maschinengewehre. Es handelte sich um MG 42 auf
Dreibein-Stativen, von je zwei Mann bedient, die von ihren
sandsackbewehrten Stellungen aus den Strand bestrichen.
Auerdem feuerten zwei Mrserbesatzungen von dort oben
ihre todbringenden Granaten, und eine Handvoll Infanterie-
soldaten sicherte die Stellung. Ab und an sandten sie aus ihren
Maschinenpistolen Salven auf den Strand unter ihnen, so als
wrden sie Tauben schieen.
Miller schluckte. In der Hoff
nung, schon alles gesehen zu
haben, fuhr er sein improvisiertes Periskop vorsichtig noch
etwas weiter aus. Doch das war keineswegs alles gewesen.
Zehn Meter hinter dem Maschinengewehrnest erhob sich ein
in die Felswand gebauter, getarnter und mit Stacheldraht
behngter flacher Betonbunker. Aus der nicht besonders hohen,
dafr aber breiten Schiescharte, die an einen grinsenden
Mund erinnerte, ragte die lange, dicke, sich vorn verjngende
Mndung einer 88-mm-Kanone hervor. Das schwere Geschtz
spuckte nicht nur Feuer und Donner, sondern lie die Erde so
erzittern, da der kleine Spiegel fast von der Bajonettspitze
fiel. Miller fuhr den Spiegel wieder ein
und schilderte die
Lage: Also, da oben auf der Felskante haben wir ein Nest mit
zwei von Hitlers Reiverschlssen.
Miller meinte die beiden MG
42, die 1.200 Schu pro Minute
abfeuern konnten.
Auerdem zwei Granatwerfer und dahinter ein Bunker fr
'ne 88er mit eigener Schiescharte.
Genaue Lage? fragte der Sarge.
Zwanzig Meter nach vorne und dreiig nach links.
Der Sarge wies mit dem Kopf in Richtung der Erhebung.
Von da drben haben wir perfekte Schuposition, wir
knnten sie von der Seite erwischen. Ist blo kein Sonntagsaus-
flug, da hinzukommen.
Miller verzog den M
und zu einem Lcheln, das eher wie eine
Grimasse wirkte. Lat uns unsere mden rsche bewegen
und dafr sorgen, da die Angriffsschneisen endlich passierbar
werden. Er wandte sich zu den vier GIs, die ihm am nchsten
standen, und nickte ihnen der Reihe nach zu.
Zu den anderen Mnnern im Graben sagte er: Wenn sie
losrennen, geben wir ihnen Feuerschutz. Aus diesem Winkel
werden wir zwar wahrscheinlich nichts treffen, aber es wird die
Krauts ablenken und sie beschftigen.
Kopfnicken in der ganzen Runde. Reiben streichelte seine
neue Browning-Automatic, wie um sie zu trsten.
Diese MG 42 sind verdammt schwere Biester, sagte Miller,
zu den vier Jungs gewandt. Kaum anzunehmen, da die Jerrys
die rechtzeitig in Schuposition kriegen. Oben sind aber noch
Wachen, das heit, es wird auch aus Handfeuerwaffen
geschossen werden. Laufen Sie im Zickzack wie Besoffene ...
bleiben Sie nicht zusammen. Verstanden?
Vier junge Gesichter schauten ihn an und nickten. Zwei der
Jungs schluckten.
Dann los!
Mit ihren Gewehren in den Hnden krabbelten die vier
Soldaten den Graben hoch, verschwanden ber die Kante und
sprinteten ber das offene Gelnde. Vom Graben aus hielt
Miller seine Thompson voll auf die Felskante. Die anderen
folgten seinem Beispiel und schickten einen Feuersturm in die
ungefhre Richtung der deutschen Stellung. Von drben
antwortete heftiges Kleinkaliberfeuer, aber keine der Kugeln
schien auf den Graben gerichtet zu sein, von dem aus M
iller
und die anderen schossen.
Das konnte nur bedeuten, da die Deutschen ihr Blei auf das
offene Gelnde regnen lieen, wo die Jungs rannten. Als
niemand mehr scho und die Luft voller Pulverdampf war, rief
Miller hinaus: Mel
dung!
Schweigen.
Der Captain kroch die Anhhe hinauf und hob den Kopf fr
einen kurzen Blick ber die Bschung. Die vier dampfenden,
blutberstrmten Leichen der Jungs lagen hingestreckt im
Gelnde verteilt, und es sah aus, als wrden sie Schneeadler
machen.
Miller ging in Deckung, nur knapp verfehlt
von Gewehr-
kugeln. Wo sie einschlugen, verwandelten sie die Erde zu
Staub.
Der Sarge raunte ihm zu: Das ist ja ein Exekutionskom-
mando da oben. Wollen Sie nicht Augenbinden verteilen?
Miller zischte zurck: Haben Sie irgendeine andere Idee,
wie wir hier rauskommen?
Der Captain drehte sich um und whlte die nchsten vier
Mnner aus.
Sie sind die nchsten.
Captain, sagte der Sarge leise, die werden jetzt ihre
Reiverschlsse in Position haben ...
Miller berhrte die Bemerkung.
Zu den anderen Mnnern sagte er: Wir wollen mal
versuchen, einen besseren Schuwinkel zu kriegen ...
Whrend Miller
und seine Leute im Graben wieder in
Stellung gingen, bewegte sich die zweite Gruppe mit ernsten
Gesichtern zur Bschung vor.
Lauft! rief Miller. Und die vier Jungs holten tief Atem und
rannten die Bschung hoch ins Freie, whrend gleichzeitig
Millers Thompson
und Reibens Browning-Automatic feuerten.
Auch aus allen anderen Gewehren wurde, wenn auch blind,
geschossen.
Was aber nicht ausreichte, um den Kugelhagel, den die
Deutschen auf das offene Gelnde hinabschickten, zu stoppen.
Als diesmal das Feuer abebbte und M
illers Ruf
Meldung!
wieder unbeantwortet verhallte, machte der Captain sich nicht
mehr die Mhe nachzusehen, was geschehen war. Er wute es.
Nur zu gut.
Miller betrachtete die verbliebenen acht Mnner,
und sein
Blick fiel auf Reibens blutbespritztes Gesicht. Der grinste
pltzlich und fragte: Captain, kommt es ungelegen, wenn ich
Sie jetzt um Versetzung bitte?
Kein Problem, gab Miller mit dem Anflug eines Schmun-
zelns zurck. Warten Sie drben auf mich, dann knnen wir
gleich den Papierkram erledigen.
Er suchte drei weitere Jungs aus. Der Sarge schaute ihn dabei
mit einer Miene an, die beinahe anklagend war und dem
Captain zu verstehen gab, da das, was sie da taten, reiner
Wahnsinn war.
Das brachte den Captain aus der Fassung. Er hielt inne und
ging im Geiste kurz die Mglichkeiten durch, die ihm blieben.
Dann sagte er zu Reiben und den anderen Jungs: Wartet mal
einen Moment... Jackson!
Der schlacksige Scharfschtze trat gemchlich vor.
Sir? Sind Sie bereit?
So bereit wie immer, Sir.
Gehen Sie genau auf mein Zeichen los, sagte Miller, kroch
die Anhhe hinauf und stellte sich frech oben hin, ein perfektes
Ziel. Oben auf dem Felsen reagierte die nhergelegene der
beiden Maschinengewehrbesatzungen genau so, wie Miller es
erwartet hatte: Sie begannen ihre unhandliche Waffe auf dem
Stativ neu in Stellung zu bringen.
Jetzt! brllte Miller.
Und Jackson begann seinen Lauf ber das offene Gelnde
genau in dem Augenblick, als das Maschinengewehr auf Miller
ausgerichtet war. Die Kugeln rissen den Boden auf und lieen
Staub auffliegen.
Der Captain machte einen Hechtsprung zurck in den Graben,
aber vorher ri ihm noch eine Maschinengewehrsalve den
Hacken eines Stiefels weg. In der Zwischenzeit gelang es
Jackson, im Zickzackkurs dem Feuer der kleineren Waffen zu
entgehen, und er nherte sich der Erhebung aus Fels und Erde.
Der Sarge und Reiben hatten den Captain aufgefangen und
zogen ihn hinunter in den Graben, in Sicherheit.
Da wrde Ihre Mutter ganz schn schimpfen, meinte der
Sarge, wenn sie Sie bei so was erwischen wrde.
Ich dachte,
Sie
wren meine Mutter, brachte Miller
keuchend heraus. Dann rief er: Meldung!
Jacksons Stimme antwortete: Hier!
Miller
und der Sarge grinsten einander an, und auch andere
im Graben lchelten jetzt.
Pltzlich hmmerte Maschinengewehrfeuer auf sie nieder,
und sie duckten sich so tief sie konnten in den Gelnde-
einschnitt, whrend ihnen Staub und Steine, vom Sperrfeuer
hochgeschleudert, um die Ohren flogen. Reiben stie wste
Schimpfwrter aus, und die brigen schrien ebenfalls - es war,
als htte die Welt sich in ein Tollhaus verwandelt. Doch Miller
vermutete, da die genervten Maschinengewehrschtzen auf
diese Weise ihren rger abreagierten, weil sie ihre Feuerkraft
von der Gelndeffnung am Ende des Grabens abgezogen
hatten. Und er wute, da Jackson keine Gefahr lief, diesem
Wahnsinn zum Opfer zu fallen. Genau jetzt, in diesem
Augenblick, dachte Miller, war Jackson dabei zu beten
Und Jackson, der nun hinter dem Hgel aus Steinen und Erde
stand, zielte mit aufgesttztem Gewehr in Richtung Felswand.
Whrend er sich groe Mhe gab, den Lrm und das Toben um
ihn herum auszublenden, sprach er tatschlich gerade mit leiser
Stimme:
Steh mir bei, O Herr.
Gleichzeitig zielte er genau
auf einen der beiden Maschinengewehrschtzen, der neben
seinem dreibeingesttzten MG 42 hockte.
Die Bewegungen und der Pulverdampf verschwammen im
Fadenkreuz von Jacksons Przisionswaffe.
Von der anderen Seite des Weges ertnte die Stimme des
Captains: Jackson - sind Sie soweit?
Mit seinem Ziel im Fadenkreuz rief Jackson zurck:
Schicken Sie 'n paar rber!
Und der Scharfschtze aus den Sdstaaten zog sachte, ganz
sachte am Abzug.
Das Krachen des Schusses ging im Maschinengewehrfeuer
unter, welches aber pltzlich verstummte. Der deutsche
Schtze hatte aufgehrt zu schieen, eine Gewehrkugel hatte
seinen Kopf nach hinten geschleudert. Das Gescho war in die
Stirn eingedrungen und hatte beim Austritt den Stahlhelm
hinten durchschlagen. Der perplexe Partner des Schtzen
rumte die Leiche beiseite und hantierte ungeschickt mit der
Waffe herum ... Unten im Graben sagte der Sarge: Jetzt geht's
los!
Drei GIs, unter ihnen Reiben, kletterten aus dem Graben und
rannten, was sie konnten. Weitere folgten, darunter der Sarge,
Mellish
und Caparzo, die ihr schweres 30er MG trugen.
Hinter der Erhebung hatte Jackson sein nchstes Ziel im
Visier und betete:
Du meine Strke, steh mir bei.
Und mit
einem weiteren Schu schickte er den zweiten Deutschen, der
das Maschinengewehr gerade von seinem toten Partner
bernommen hatte, zur Hlle oder ins Himmelreich. Der Jerry
kippte vornber und stie dabei das MG 42 von seinem
Dreibein. Es hrte auf zu bellen und fiel die Felskante hinunter,
wobei sein Lauf einen der unten rennenden GIs am Hinterkopf
traf und ihn bewutlos in den Staub sinken lie. Reiben packte
den Mann und schleppte ihn hinter die schtzende Erhhung.
Von der Felskante oben war eine Stimme zu hren, die auf
deutsch rief:
Die Flanke! Die Flanke!
Das waren seine
letzten Worte, denn nach einem klassischen Schu zwischen
die Augen wies Jacksons Erfolgsbilanz nun drei Treffer auf.
Amen
, sagte er.
Durch den Verlust des Maschinengewehrs stand die Flanke
der Deutschen weit offen. Alle stimmten in Millers Kampf-
schrei ein, und mit seiner feuerspeienden Thompson fhrte er
seine Mnner aus der Deckung der Erhebung, die zu erreichen
sie so viel gekostet hatte. Sie strmten die steile, aber
begehbare Steigung hinauf.
Die zweite deutsche Maschinengewehrbesatzung, die wh-
rend der ganzen Episode den Strand beschossen hatte,
versuchte nun verzweifelt - in Panik -, die klobige Waffe auf
ihrem Gestell in eine neue Schuposition zu bringen.
Sie brachten sie an ihrer Flanke in Stellung, wo sich inzwi-
schen auch die Handvoll Infanteristen eingefunden hatten. Die
Besatzungen der Granatwerfer liefen auf der Suche nach
Waffen umher.
Miller schrie: Haltet drauf, Leute, mit allem, was ihr habt!
Nachdem sie zwei Drittel der Steigung berwunden hatten,
konnten Caparzo und Me
llish ihr Maschinengewehr abstellen
und damit feuern; mehrere Deutsche starben laut aufschreiend
im Kugelhagel.
Reiben war inzwischen schon oben angekommen und ging
auf die Maschinengewehrstellung zu, wo die schwere Waffe
sich immer noch nicht in der richtigen Stellung befand. Er
richtete die tdliche Wucht seiner Browning-Automatic auf die
Besatzung, wobei er riesige Lcher in die Sandscke scho und
nur unwesentlich kleinere in die beiden Deutschen. Beide
fielen tot um, der eine auf das MG 42 und der andere auf die
zerschossenen Sandscke, so da Blut und Sand hinab-
sickerten.
Der Kampf war heftig und kurz. M
iller
und seine Leute
besetzten die deutsche Stellung. Wenige GIs gingen dabei zu
Boden, whrend auf deutscher Seite kein einziger mit dem
Leben davonkam.
Der Bursche, der den Strand mit seinem Flammenwerfer
erreicht hatte, gab der deutschen Stellung den Rest: Er legte
berall Feuer, die Feinde wurden eingeschert, und die
Munition in den Patronengurten der brennenden Leichen
explodierte wie Knallfrsche. Orangefarbene und blaue
Flammen stiegen zum Himmel auf, begleitet
von dichten
schwarzen Rauchwolken.
Zum Bunker! rief M
iller.
Die GIs strmten weiter zum Bunker, aus dessen
Schiescharte in Abstnden Gewehr- und Maschinengewehr-
feuer kam. Zwei Jungs wurden getroffen, aber die brigen
waren zu schnell. Tief gebckt erreichten sie den Bunker und
warfen sich unterhalb der ffnung und der Mndung der 88er-
Kanone gegen die Mauer.
Granaten! sagte Miller, worauf Sicherungssplinte gezogen
wurden und die Eier im Bogen ber ihre Kpfe genau in die
waagerechte ffnung geschleudert wurden. Die Jungs gingen
in Deckung, es knallte mehrmals heftig, und schwarzer Rauch
strmte aus, so als ob bse Geister den Ort verlieen.
Gebt ihnen den Rest! rief Miller im Aufstehen, dann
entleerten er und seine Leute ihre Magazine in das Betonmaul,
das jetzt gar nicht mehr zu grinsen schien.
Die GIs schickten einen Hagel aus Gewehr- und sogar
Pistolenkugeln durch das Betonmaul in den verhaten Bunker,
um absolut sicher zu sein ...
Was dann folgte, glich einem verschwommenen Fiebertraum.
Die Lebenden liefen zwischen den Toten umher, Entsetzen,
Angst und Adrenalin verwandelten sich beim Nachlassen des
Schocks in Benommenheit. Der einzige, der nicht wie ein
Schlafwandler wirkte, war Wade, der jetzt seine Pflichten als
Sanitter wahrnahm. Von Sthnen und Schreien herbeigerufen,
eilte er den Verletzten zu Hilfe, wobei ihm einige der Mnner
behilflich waren. Miller humpelte, doch nicht aufgr
und einer
Verletzung, sondern wegen seines weggeschossenen
Stiefelabsatzes. Whrend er ber das versengte Felsplateau
stolperte, konnte ihn der Gestank von verbranntem Haar,
versengtem Fleisch und Schiepulver nicht mehr erschttern -
er lebte. Er fhlte kein Glck, eher Erstaunen. Er htte nie
geglaubt, da er diesen verfluchten Strand lebend verlassen
wrde. Da sie jetzt bis hierhin gelangt waren, war mehr, als er
oder irgendeiner seiner Mnner erwartet hatten.
Obwohl alle das gleiche dachten, redete niemand darber.
Was so offensichtlich war, brauchte nicht ausgesprochen zu
werden. Dafr gab es ohnehin nicht die richtigen Worte. Sie
waren hier, und sie waren am Leben. Und das gengte.
Der Sarge kniete am Boden, um eine Handvoll Erde
zusammenzukratzen und in eine kleine Dose einzufllen.
Darauf war ein weier Papierschnipsel geklebt, auf dem mit
verwischter Tinte Frankreich stand. M
iller lchelte still vor
sich hin, als er beobachtete, wie Horvath den Blechdeckel
zuschraubte und die Dose wieder in seinen Rucksack stopfte.
Miller wute, da dort zwei andere, bereits mit Erde gefllte
Bchsen aufbewahrt wurden, eine trug die Aufschrift Afrika,
die andere Italien. Noch unter dem Schock der Schlacht, lief
Reiben mit baumelnder Browning-Automatic im Kreis und
murmelte immer wieder dieselben Worte wie ein Mantra vor
sich hin: Ich bin nicht tot. Ich bin nicht tot. Mellish hatte auf
dem Boden ein Messer gefunden und stand nun mit seinem
Andenken wieder auf. Die Klinge war von einfacher Qualitt,
am Griff befand sich ein Hakenkreuz.
Ein Dolch von der Hitlerjugend, belehrte M
iller i
Mellish schmunzelte.
Jetzt ist es ein Messer fr die Challah am Sabbat.
Wie bitte? fragte Caparzo, du w
illst mit dem Ding
Deutsche beschneiden?
Brotmesser hab' ich gesagt, du Bldmann, erwiderte
Mellish
und steckte es in seinen Grtel.
Obwohl das keine schlechte Idee wre ...
O Gott, sagte der Sarge leise, es klang fast wie ein Gebet.
Miller ging zu Sergeant Horvath hi
nber, der vom Rand des
Felsens auf den Strand hinunterblickte.
Wahnsinnsanblick, sagte der Sarge.
Am Horizont stand eine endlose Kette alliierter Schiffe, die
stumm darber wachten, wie unzhlige Landungsboote sich
durch Verwstung und Hindernisse hindurchschlngelten und
unaufhaltsam den Strand ansteuerten.
Higgins-Boote lieen ihre Rampen herab, seekranke Besat-
zungen kmpften sich durch die Brandung, strmten auf den
Sandstrand, suchten Deckung hinter Drachenzhnen und
strmten in einem Hindernislauf zwischen Flammen, Rauch
und den verstreuten Ausrstungsgegenstnden der Gefallenen
zu dem schtzenden Deich. Entlang des Ufers trieben tote
Amerikaner und stieen gegeneinander, daneben brannten die
Trmmer zerschossener Landungsboote. Panzer und Bulldozer
schienen all das zu verschlafen, sie lagen auf der Seite und
pufften Rauch und Flammen in die Luft.
Immer noch explodierten Granaten, Wasser spritzte in
Fontnen hoch, und weiter an Land regnete es Sand- und
Steinschauer.
Und trotzdem kamen immer noch amerikanische Soldaten an.
Nichts konnte sie aufhalten. Stetig rckten sie vor. Es war eine
grauenvolle Landschaft der Zerstrung und des Todes. Und
zugleich ein wunderbares Zeugnis von der Entschlossenheit
jener, die hier kmpften und starben.
Wahnsinnsanblick, pflichtete M
iller bei.
Die Flut war weiter angestiegen, und der Wellengang hatte
nachgelassen.
Den ganzen verbrannten und zerschossenen Strand entlang
brachen sich jetzt sanft die Wellen ber den Trmmern.
Helme, zerstrte Funkgerte, Gasmasken, Minensuchgerte,
Drahtrollen, Waffen aller Art - Karabiner, Maschinengewehre,
Panzerfuste - und Gefallene, so viele Gefallene lagen dort,
Treibholz der Schlacht, das in den Wellen dmpelte.
Auf dem Rucksack eines der vielen toten Soldaten, die sich
an diesem Strand sonnten, war ein Name aufgedruckt: RYAN.
Aber natrlich konnte M
iller das
von dort, wo er stand, nicht
sehen.
TEIL ZWEI
Pentagon, Washington, D. C.
8. Juni 1944
Hinter den Kalksteinmauern des langgestreckten, festungs-
hnlichen Gebudes des Verteidigungsministeriums - das vor
eineinhalb Jahren fertiggestellte Bauwerk mit seinen fnf
Flgeln war das grte Brohaus der Welt - kmpfte eine
andere Art von Streitmacht.
Das Rat-ta-ta-tat kam hier nicht aus Maschinengewehren,
sondern von Schreibmaschinen, und statt der Schtzenlcher
gab es Schreibtische, an denen reihenweise Broangestellte mit
ernsten Gesichtern ihrem Vaterland dienten, indem sie tippten:
Zu unserem tiefsten Bedauern mssen wir Ihnen mitteilen ...
im Feld gefallen ... heldenhafter Einsatz ...
Auf seine Weise war dieser Dienst genauso aufreibend wie
der Kampfeinsatz: Diese Mnner und Frauen - die meisten
mittleren Alters oder lter, viele hatten Shne in der Armee
und Tchter, deren Mnner drauen GIs waren - schrieben
Telegramme, die berall in den achtundvierzig Bundesstaaten
Mttern, Vtern, Brdern und Schwestern, Shnen und
Tchtern das Herz brechen wrden.
Immer das gleiche zu tippen kann auf die Dauer abstumpfend
wirken. Dennoch nahm niemand in diesem riesigen Broraum
die Arbeit leicht oder wurde gleichgltig gegenber der mit
dem Tod verbundenen Verwaltungsarbeit. Hier hrte man
weder Plaudereien noch Gelchter, nicht einmal nervses.
Und als die zweiundvierzigjhrige Lucy Freemont, die in
Washington lebte und deren Mann als Lieutenant zur See im
Krieg stand, ein Blatt Papier auf den
immer
hher anwach-
senden Stapel des Korbs mit ausgehender Post legte, um die
nchste Akte zu bearbeiten, da war ihr der Name RYAN in
der Eintnigkeit ihrer Ttigkeit zunchst nicht aufgefallen.
Sie hatte schon das nchste Blatt in die Schreibmaschine ein-
gespannt, als ein zweites Wort, IOWA, schlielich bei ihr
einrastete. Sie runzelte die Stirn, wodurch ihr ohnehin trauriger
Gesichtsausdruck nun sorgenvoll wurde.
Die furchtbare Langeweile war mit einemmal durchbrochen,
als Lucy unter Knistern und Rascheln den Postausgangskorb
nach einem Telegramm durchsuchte, das sie vor etwas mehr als
einer halben Stunde getippt hatte. Dann bltterte sie in den
braunen Papp-Aktenordnern zurck, um ganz sicher zu gehen.
Die Arbeitskolleginnen sahen, wie sie hastig von ihrem Platz
aufstand und das Bro verlie.
Die erschtternde Nachricht ging von Lucy Freemont an den
vorgesetzten Lieutenant, der sie an seinen vorgesetzten Captain
Colonel Wilson, siebenundvierzig, Atlanta, Georgia, hatte
schon viele Schlachten geschlagen und war bereits leicht
ergraut, doch seine Uniform mit dem hochgesteckten linken
rmel sah berraschend frisch aus, besonders wenn man
bercksichtigte, da ihr Trger anderthalb Tage nicht geschla-
fen hatte. Er schenkte sich gerade wieder eine Tasse Kaffee
ein, die nchste in einer endlosen Reihe, als Captain McRae auf
ihn zutrat.
Colonel, sagte der Captain, hier ist gerade etwas reinge-
kommen, das Sie sich ansehen sollten.
Wilson stand neben einer Karte an der Wand, auf der
Truppenpositionen mit Stecknadeln markiert waren, nippte an
seinem Kaffee und sah auf die drei Bltter, die der Captain wie
ein Redemanuskript in beiden Hnden hielt.
Was ist es denn, Captain?
Lesen Sie lieber selbst, Sir.
Der Captain berreichte ihm zwei der drei Bltter. Wilson
warf einen flchtigen Blick darauf und sah, da auf beiden die
Wrter RYAN und IOWA standen. Er setzte sich an
einem Tisch in der Nhe nieder, der Captain aber blieb stehen
und hielt mit dsterem Blick das dritte Blatt in der Hand.
Diese beiden Mnner sind in der Normandie gefallen, sagte
McRae etwas vorgebeugt. Der eine Omaha Beach, der andere
Utah Beach.
Das sehe ich, sagte Wilson, der die Todesnachrichten
studierte.
Thomas Ryan, Peter Ryan. Brder?
Ja, Sir. Und dieser Mann hier ...
Er reichte Wilson das dritte Blatt.
... Dieser Mann ist vorige Woche in Neuguinea gefallen.
Daniel Ryan, sagte der Colonel.
Das Wort IOWA stand wieder dabei.
Um Himmels willen
... Brder? Drei Brder, und alle drei
im Einsatz gefallen?
Ja, Sir. Und ich habe gerade erfahren, da ihre Mutter heute
nachmittag alle drei Telegramme erhalten wird.
Die Farbe wich aus dem Gesicht des Colonels.
Mein Gott! sagte er.
Es war beinahe ein Schrei. Das geschftige Treiben in dem
Raum kam zum Stillstand; die Helfer, die Sekretrinnen, alle
erstarrten bei diesem untypischen Ausbruch des Colonel.
Mein Gott, sagte Wilson noch einmal, diesmal leiser.
Da ist noch ein vierter Bruder in der Normandie, Sir.
Wilson runzelte die Stirn.
Ich sehe aber keine vierte Todesmitteilung ...
Nein. Zumindest noch nicht, Sir. Der vierte Bruder - James,
er ist der jngste, Sir - ist in der Nacht vor der Invasion mit der
101. Luftlandedivision abgesprungen.
Und wo steckt er jetzt?
Wir wissen es nicht, Sir. Vermutlich irgendwo in der Nor-
mandie.
Lebt er?
Nicht einmal das wissen wir, Sir.
Wilson sa mit aufgesttztem Ellbogen da und bedeckte die
Augen mit der Hand. Ob er nachdachte oder betete, konnten
die Mitarbeiter um ihn herum nicht beurteilen, aber sie schwie-
gen respektvoll.
Als er es schlielich bemerkte, schien es ihm unangenehm,
und er bellte: Zurck an die Arbeit!
Dann stand er vom Tisch auf, nickte McRae kurz zu und
sagte: Kommen Sie mit mir.
In dem Moment, als der Colonel und der Captain eiligen
Schrittes die Kommandozentrale in Washington verlieen, fuhr
in der fruchtbaren Farmgegend bei Peyton im Kreis Mansfield,
Iowa, eine schwarze Regierungslimousine eine ungepflasterte
Strae entlang. Staub wirbelte auf, als der Wagen durch eine
Gasse mit reifendem Mais fuhr, die sich im Sonnenlicht endlos
grn hinzog. Die Limousine, die in dieser uramerikanischen
Landschaft so deplaziert wirkte wie ein Leichenwagen auf
einem Rummelplatz, bog an einem groen Metallbriefkasten
mit der Aufschrift RYAN in einen Weg ein, welcher zu einem
weien Farmgebude mit roter Scheune fhrte, vor der eine
grne Hecke als Windschutz gepflanzt war. In der Mitte lag -
wie eine Insel in einem Meer aus Mais - ein sehr gepflegter
Hof. Hier waren Kinder - Jungen - aufgewachsen. Manches
deutete immer noch darauf hin: eine Reifenschaukel auf dem
Hof und vor der Scheune ein Basketballplatz aus festgetretener
Erde, ber dem ein Getreidemakorb angenagelt war. Sicher
hatten die Jungen ab und zu in der Schaukel auf der Veranda
gesessen.
Jetzt war sie leer, doch der Wind bewegte sie sacht, so als ob
ein Liebespaar dort se und Zrtlichkeiten austauschte.
Im Fenster des Farmgebudes prangte die Fahne mit den
blauen Sternen; hier waren es vier, einer fr jedes Familien-
mitglied bei der Army. Die Mutter der vier Jungen, Margaret,
trat auf die Veranda hinaus. Der leise Wind bewegte ein wenig
ihr blauweies Baumwollkleid. Die sechzigjhrige Frau war
allein auf der Farm, ihr Mann William machte Einkufe in der
Stadt.
Wie
allein sie wirklich war, sollte sie bald erfahren. Als
junges Mdchen war sie zart und hbsch gewesen, doch ein
hartes Arbeitsleben auf dieser Farm und das Aufziehen von
vier Shnen hatten ihrem Gesicht Falten beschert, die ihre
Schnheit jetzt eher mnnlich-herb wirken lieen. Sie hatte das
Gerusch des herannahenden Autos gehrt und ihren Maisbrot-
Teig stehenlassen, und nun wischte sie sich die Hnde an ihrer
Schrze ab, whrend sie auf die Staubfahne hinter der
schwarzen Limousine schaute.
Der Anblick der Limousine beunruhigte sie, aber an diesem
Weg lagen ja vier Farmen. Vielleicht wrde der Wagen nicht
bei ihr anhalten.
Doch er hielt bei ihr. Als die drei Mnner - einer von ihnen
hatte einen Kragen, wie ihn Geistliche tragen - mit ernsten
Gesichtern ausstiegen, brach sie an einem Verandapfeiler
zusammen und umklammerte ihn, als wre sie ein kleines
Kind. Sie fing an zu weinen, denn sie wute, da sie einen
ihrer Shne verloren hatte.
Sie dachte daran, wie ihr Mann die Nachricht aufnehmen
wrde, aber keinen Augenblick kam ihr in den Sinn, da es
noch schlimmer kommen konnte.
Viel schlimmer.
Im Pentagon, am anderen Ende des Landes, traf inzwischen
Colonel Wilson mit dem Stabschef der Army, General
Marshall, und seinem Adjutanten Colonel Louis Dye zusam-
men.
Wilson stand etwas abseits in dem holzgetfelten, spartanisch
eingerichteten Bro des Generals, dessen perfekt aufgerumter
Schreibtisch von der amerikanischen Flagge und der des
District of Columbia - Sitz der Hauptstadt Washington -
eingerahmt war. Der General und sein Adjutant standen am
Konferenztisch und lasen die Akten der Ryan-Brder.
General Marshall, vierundsechzig, ein hochgewachsener,
durchtrainierter Mann mit wettergegerbter Haut, engstehenden
dunklen Augen und dnnen Lippen, die dem rtlichen,
unsymmetrischen und nicht gerade schnen Gesicht einen
besonderen Ausdruck verliehen, sagte leise: Verdammt.
Er lie die Akte auf den Konferenztisch fallen.
Schon wieder Iowa, murmelte er.
Dann fragte er: Wie konnte uns denn nach der Geschichte
mit den Sullivans so etwas passieren?
Die Frage schien an McRae gerichtet zu sein, also antwortete
der Captain: Ursprnglich waren alle vier in derselben
Kompanie der 29. Division, aber nach dem Fall Sullivan haben
wir sie getrennt.
Die Sullivan-Brder aus Waterloo, Iowa, hatten alle fnf auf
demselben Schiff gedient, der
Juneau,
die im November 1942
vor Guadalcanal torpediert worden war. Die Tragdie hatte
damals in der ffentlichkeit fr Unruhe und sogar Emprung
gesorgt.
Sir, erklrte Colonel Dye, es gibt keine offizielle Richt-
linie der Army, nach der Brder zu trennen oder sonst in
irgendeiner Weise besonders zu schtzen sind. Nur die Navy
hat diese Regel eingefhrt, und auerdem waren diese Ryans,
wie gesagt, nicht in derselben Einheit ...
So? Wollen
Sie
den Vorfall Surles melden? entfuhr es
Marshall.
Ja, Sir.
Das wissen wir nicht mit Bestimmtheit, Sir.
Dye trat einen Schritt vor.
In ersten Meldungen von Eisenhowers Stab aus dem Alliier-
ten Oberkommando der Invasionstruppen heit es, die 101.
Luftlandedivision sei in alle Winde verstreut und existiere
praktisch nicht mehr.
Der Colonel zog die Schultern hoch und machte eine hilflose
Bewegung.
berall ber der Normandie gab es Fehlabsprnge. Alles in
allem hatten wir schwere Verluste. Kann sein, da er nicht mal
den Sprung berlebt hat. Und selbst dann ist er wahrscheinlich
inzwischen gefallen.
Marshall erwiderte nichts.
In seinem wenig attraktiven Gesicht lag ein grimmiger
Ausdruck. Er ging hinber zu seinem Schreibtisch und
und entnahm dem Ordner ein Blatt Papier, das zie
mlich
abgegriffen aussah.
Ich habe hier einen Brief, der schon vor lngerer Zeit an eine
Mrs. Bixby in Boston geschrieben wurde ... Wenn Sie die
Geduld htten, mir einen Augenblick zuzuhren ...
Der Colonel und der Captain wechselten einen Blick - ein
Soldat mu schlielich mit seinem General
Geduld haben
-,
whrend Marshall seine Lesebrille aufsetzte.
Sehr geehrte Mrs. Bixby, las er vor, in den Akten des
Verteidigungsministeriums wurde ich auf einen Bericht des
Generaladjutanten fr Massachusetts aufmerksam, dem zufolge
Sie die Mutter von fnf ruhmreich auf dem Schlachtfeld
gefallenen Shnen sind. Sehr wohl fhle ich, da alle Worte,
mit denen ich versuchen knnte, Ihnen die Trauer ber einen
derart schrecklichen Verlust zu erleichtern, nur schwach und
fruchtlos sein knnen. Dennoch ist es mir ein tiefempfundenes
Bedrfnis, Ihnen den Trost zu spenden, der im Dank der
Republik gefunden werden kann, zu deren Rettung Ihre Shne
durch ihren Tod beigetragen haben.
Marshall legte das abgegriffene Schriftstck oben auf den
Aktenordner. Aber er war noch nicht fertig.
Ich bete zu unserem Vater im Himmel, da er Ihnen die Pein
des Verlustes lindern mge, fuhr er aus dem Gedchtnis fort.
Mge er Ihnen die teure Erinnerung an die geliebten und
verlorenen Shne erhalten sowie den feierlichen Stolz, den Sie
darber empfinden mssen, solch kostbares Opfer auf dem
Altar der Freiheit dargebracht zu haben.
Unterzeichnet: Mit zutiefst empfundenem Mitgefhl und
vorzglicher Hochachtung, Ihr Abraham Lincoln
Der Captain und der Colonel wechselten wieder einen Blick.
Beide waren bewegt, tief sogar, doch Marshalls Gefhle zu
diesem Thema berraschten sie nicht. Dieser General hatte
schon wiederholt Auszeichnungen fr seine Dienste an der
Heimatfront abgelehnt, solange in bersee immer noch junge
Mnner ihr Blut vergossen.
Marshalls unansehnliche Gesichtszge hatten sich wieder
verhrtet, und die Augen blitzten entschlossen auf.
Wenn dieser Junge noch am Leben ist, sagte der General,
dann werden wir jemanden schicken, um ihn zu suchen ... und
um ihn da rauszuholen.
Das war genau das, worauf Captain McRae gehofft hatte; und
das leise Lcheln auf Colonel Dyes Lippen sagte ihm, da der
Adjutant trotz all seiner Versuche, Marshall von diesem
Vorhaben abzubringen, genauso empfand.
TEIL DREI
Normandie
9. Juni 1944
Ein Konvoi aus Jeeps, Panzern und verschiedenen anderen
Fahrzeugen ratterte an Captain John M
iller
und den berresten
seines Zuges vorbei - Private Reiben, Caparzo, Mellish und
dem Sanitter der Kompanie, Wade. Nach dem Verzehr einer
C-Ration genossen sie im Schtze eines 88er-Granattrichters
inmitten eines Kraterfeldes ein paar Minuten Ruhe. In ihren
khakifarbenen und grnen Uniformen, die sich kaum vom
erdigen Braun des Trichters abhoben, erschienen M
iller seine
Leute nun nicht mehr so jung; ihre zerrissenen Uniformen, ihre
mehrere Tage alten Brte und ihre halbgeschlossenen Augen
zeigten an, da diese Reife teuer erkauft war. Nur Sergeant
Horvath hatte schon vor der Schlacht so ausgesehen; aber
selbst er wirkte nun um einiges lter. Oder zumindest mder.
Glaubt ihr, es stimmt, fragte der schlaksige Reiben, der
sich der Lnge nach ausgestreckt hatte und seine Browning-
Automatic wie eine Fahnenstange senkrecht hielt, da die
Japse den Gefangenen mit Zangen die Zehenngel ausreien,
um sie zum Reden zu bringen?
Bldsinn, erwiderte der Sarge.
Manchmal denke ich, fuhr Reiben fort, vielleicht haben
wir ja noch Glck, da wir nicht im Pazifik gelandet sind. Ich
hab' da Geschichten ber Bambussprlinge und den Schwanz
von einem Typen gehrt, die will ich hier in dieser zartbesai-
teten Runde lieber nicht wiederholen.
Mellish, der Jngste, empfand das als Beleidigung und
brauste auf: Hey, die haben keinen Sprling, der lang genug
wre, da ich ihn berhaupt spren knnte.
Alle fingen an zu lachen, aber gedmpfte Detonationen in
einiger Entfernung setzten ihrer guten Laune rasch ein Ende
und erinnerten sie daran, da der Krieg ihnen nur eine kurze
Atempause gnnte.
Trotzdem, grbelte Reiben, es ist wirklich eine Strafe,
hier herumzusitzen, acht armselige Kilometer von Caen
entfernt.
Was gibt's denn in Caen so Besonderes? fragte der Sarge
und zndete sich eine Lucky an.
Mann, Sarge, grinste Reiben, sag blo, du weit nicht,
wofr Caen berhmt ist?
Froscheier la carte?
Reiben blickte seinen Sergeant mitleidig an.
Gar nicht so einfach fr einen kultivierten Menschen wie
mich, es mit solchen Barbaren auszuhalten, meinte er
kopfschttelnd.
Gerade eben waren wir doch noch� zartbesaitet, entgeg-
nete Caparzo und zndete sich ebenfalls eine Zigarette an, eine
Chesterfield.
Reiben whlte seine Worte sorgfltig und holte weit aus.
Caen, im Herzen der Normandie, ist berhmt fr seine
Manufakturen, die ... Herstellung ... von ...
Der Private hob und senkte die Augenbrauen.
... Unterwsche.
Ah so? antwortete der Sarge und machte ein furzendes
Gerusch mit den Lippen. Und weiter?
Stellt euch eine kleine Franzsin vor, so ein hbsches nettes
Ding aus Caen ... Reiben zeichnete mit einer Hand ihre
Kurven in die Luft. ... Rabenschwarzes Haar, blaue Augen,
ein kleiner Schnheitsfleck neben den roten Lippen ... Den
ganzen Tag hat sie, wie jeden Tag, cremefarbene, durchsichtige
Nachthemden mit Schnrtaille und leicht sttzenden
Seidenkrbchen genht ... Er deutete es mit hohler Hand an.
Was, zum Teufel, glaubt ihr wohl, hat die nachts an?
Doppelripp? fragte der Sarge.
Reiben runzelte die Stirn.
Sarge, dir fehlt jeder Sinn fr Romantik.
Hey, verteidigte sich der Sarge, sie arbeitet schlielich
den ganzen Tag mit dem Zeug, vielleicht kann sie es ja nicht
mehr sehen.
Andererseits, sagte Mellish, ganz im Bann
von Reibens
blumigen Ausfhrungen, vielleicht kriegt sie ja Prozente
drauf.
Reiben, begann M
iller, seine Thompson-Maschinenpistole
im Scho, woher zum Kuckuck kennen Sie sich so gut mit
Damenwsche aus? Er schien wirklich neugierig auf die
Antwort zu sein.
Der Private reckte sich voller Stolz; unter seinen Bartstoppeln
und der ramponierten Uniform war er ein typischer amerika-
nischer Junge geblieben.
Liegt in der Familie, Sir. Damenwsche ist mein Leben.
Meine Mutter hat einen Laden in Brooklyn; ich bin da
aufgewachsen. Von klein auf wute ich, was Damenwsche
aus Caen ist. Das Beste, was es gibt, wird hufig verlangt -
Mnner kaufen sie fr ihre Frauen oder ihre Freundinnen oder
fr beide und Frauen fr ihre Kerle ...
Falls Sie's noch nicht mitbekommen haben, es ist Krieg,
sagte Miller. Ich hab' so meine Zweifel, ob die dort immer
noch Damenwsche produzieren.
Oh, Captain, widersprach Reiben mit heftigem Kopfscht-
teln, in Caen wird immer Damenwsche produziert werden.
Es gibt nun mal drei Grundbedrfnisse des Menschen - Essen,
ein Dach ber dem Kopf und das, worber man nicht spricht.
Der Rest des Zuges dachte noch ber diese Stze nach und
fand nichts dagegen einzuwenden, als Miller einen Melder
bemerkte, der anscheinend zu ihnen wollte.
Der Captain bedeutete Caparzo, ihm entgegenzugehen und
die Nachricht in Empfang zu nehmen; Caparzo nickte und
kletterte aus dem Krater.
Wenn es am Strand nicht so beschissen gelaufen wre,
sagte Reiben, dann wren wir jetzt wahrscheinlich schon in
Caen und knnten uns kaum retten vor lauter hbschen
Mdchen in Seidenkleidern.
Er schnitt eine Grimasse und schttelte den Kopf.
Welche Intelligenzbestie hat sich das blo ausgedacht?
Tausend Jungs direkt von der Grundausbildung in so einen
verfluchten Hexenkessel zu schicken?
Ihr seid Rangers, sagte Miller bestimmt. Elitetruppe
Jaja, schon richtig, sagte Me
llish. Nichts fr ungut, Sir,
aber wrde man denn die Dorfmannschaft gleich zur Weltmeis-
terschaft schicken?
Das kann schon vorkommen, antwortete der Sarge, wenn
das Musterungsbro die besseren Teams bereits eingezogen
hat.
Zu Hause und auf der anderen Seite des Kanals, fuhr
Mellish fort, da haben sie uns erzhlt, wie es werden wrde,
und wir haben darber geredet und alles, und wir haben
trainiert, Simulation und all dieser Mist. Aber in dem Moment,
als ich von dem Higgins-Boot gesprungen bin, da dachte ich:
Verdammte Scheie! Nichts in der Welt htte mich darauf
vorbereiten knnen!
Eine entfernte Detonation setzte ein zweites Ausrufezeichen
hinter Mellishs Feststellung; dies
und seine Worte gaben den
Mnnern in ihrem Granattrichter reichlich Stoff zum
Nachdenken.
Schlielich sagte Wade, der Sanitter: Auf so ein groes
Ding knnen sie einen nicht vorbereiten. Er zuckte mit den
Schultern. Vielleicht denken sie auch, wenn man nur
berrascht genug ist, dann hat man gar nicht erst Zeit, um
berhaupt gro Angst zu bekommen.
Kann sein, erwiderte Me
llish. Aber wenn das der Plan
war, dann ist er ziemlich in die Hose gegange
Miller fragte: Hey, Reiben, sagen Sie doch mal - wenn man
Sie noch einmal in das Gemetzel von Omaha Beach schicken
wrde, was wrden Sie beim zweitenmal anders machen?
Reiben zgerte keine Sekunde.
Ich wrde mir selbst eine Kugel verpassen, bevor ich mich
auch nur einen Schritt von dem verdammten Boot wegbewegen
wrde.
Sag mir Bescheid, falls du dabei Hilfe brauchst, sagte der
Sarge gutmtig, und alle muten ein wenig lachen.
Aber auf das Lachen folgte ein ernstes, gedankenvolles
Nicken, denn die Mnner begriffen, was Reiben sagen wollte.
Caparzo sprang in den Trichter.
Captain, sagte er. Der Bata
illonskommandant will Sie
drben sprechen, sofort.
Vielleicht ist der Krieg vorbei, meinte Miller
und kletterte
aus dem Loch.
Vergessen Sie nicht, uns Bescheid zu sagen, wer gewonnen
hat, rief der Sarge mit einem schiefen Grinsen in seinem
stoppligen Gesicht.
ber dem Feldhauptquartier oberhalb des Strands lag der
aufgewirbelte Staub von zahllosen umherschwirrenden Fahr-
zeugen und Soldaten, und man hrte das Grollen von
Detonationen, zwar nicht in unmittelbarer Nhe, aber auch
nicht allzuweit entfernt. Miller bahnte sich einen Weg
zwischen den Mnnern und Jeeps. Der Boden war mit den
berresten von Granaten jeden Kalibers berst. Er steuerte
eine weitlufige, schwer beschdigte Bunkeranlage an, die die
Amerikaner zu ihrem Hauptquartier gemacht hatten.
Drinnen hatte man die Hinterlassenschaft der frheren
Besitzer einfach zusammengefegt und auf einer Seite zu einem
Haufen aufgetrmt: Schutt und zurckgelassene Ausrstung,
verbogene Moniereisen, Betontrmmer von Kieselsteingre
bis zu ganzen Platten, ein paar verbeulte deutsche Helme, sogar
eine zerfetzte Naziflagge. Ansonsten war der Bunkerkomplex
bereits aufgerumt und bildete mit seiner Ordnung einen
starken Kontrast zu dem Chaos drauen.
Miller wurde
von einem erstaunlich frisch aussehenden Major
um die Vierzig empfangen. Der Captain salutierte. Miller, C-
Kompanie, Zweites Ranger-Bataillon, meldet sich wie befohlen
zur Stelle, Sir.
Dort hinten, Captain, sagte der Major und wies ihm die
Richtung.
Etwa ein Dutzend Offiziere schwirrten im Bunker umher, und
etwa genauso viele Adjutanten, Melder und Funker, deren
Uniformen zwar auch nicht mehr taufrisch waren, aber
immerhin noch Bgelfalten hatten. In dieser wohlgeordneten
militrischen Szenerie fiel der schmutzige, unrasierte
blutbespritzte Captain vllig aus dem Rahmen; aber sein
Erscheinen wurde mit respektvollem Kopfnicken und hier und
da mit einem formlosen Gru quittiert, wie er im Kampf blich
ist.
An einem kleinen, abgeschabten Holztisch sa Lieutenant
Colonel Walter Anderson, zweiundvierzig, Denver, Colorado,
der Commanding Officer des Zweiten Ranger-Bataillons. Der
schlanke Offizier mit dem schmalen, markanten Gesicht nickte
Miller kurz zu
und bedeutete ihm, einen Moment zu warten.
Wir haben mit zweiunddreiig Panzern am Strand
gerechnet, sagte Anderson in sein Telefon. Siebenund-
zwanzig sind abgesoffen ... Ich verstehe Ihr Problem, aber
wenn die Amphibien-Shermans nicht um sechs Uhr morgens
am Strand sind, dann steckt bei Carentan eine ganze Division
fest - ein gefundenes Fressen fr die Deutschen.
Eine dampfende Tasse Kaffee stand neben einem
angebissenen Sandwich auf dem kleinen Tisch, doch Anderson
beachtete sie nicht.
Also gut, schlo Anderson barsch, sagen Sie Bescheid,
wenn es soweit ist. Er knallte den Hrer des Feldtelefons auf
die Gabel und rief einem vorbeikommenden Adjutanten zu:
Halten Sie die Baker-Kompanie bei Vierville auf, bis wir
ihnen ein paar Panzer schicken knnen.
Jawohl, Sir, sagte der Adjutant und eilte davon.
Anderson erhob sich, nickte M
iller zu
und schlenderte zu
einer groen Landkarte hinber, die an die Betonwand geheftet
war.
Die Luftlandetruppen sollten uns eine Bresche schlagen,
sagte der Lieutenant Colonel, whrend seine Augen ber die
Karte wanderten. Aber sie verfehlen ihre Absprungzonen und
verstreuen ihre Fallschirmjger im Wind ... Wie ist die Lage
bei Ihnen, John?
Abschnitt vier ist gesichert, antwortete Miller. Knapp und
sachlich fuhr er fort: Wir haben einige 88er ausgeschaltet,
hier, hier und hier ...
Er deutete auf bestimmte P
unkte der Karte.
... leider erst, nachdem sie vier Shermans und einige Last-
wagen erledigt hatten.
Er zeigte auf eine andere Stelle.
Ihre Karte verzeichnet hier zwei Minenfelder, aber in Wirk-
lichkeit ist es nur eines.
Wie haben Sie das festgestellt?
Indem ich versucht habe, zwischen ihnen durchzukommen.
Dies war Millers Art, seinem C.O. mitzuteilen, da er Verlus-
te erlitten hatte, die zum Teil auf Fehlinformationen der milit-
rischen Aufklrung beruhten.
Es ist ein gemischtes, sehr dicht belegtes Minenfeld,
rapportierte Miller
khl, beinahe eisig, 44er-Sprengminen,
42er-Schtzenminen, Topfminen, A-200er und dazu noch ein
paar von diesen ekelhaften kleinen runden Holzdingern, die die
Detektoren nicht aufspren knnen.
Miller wies auf eine andere Stelle der Karte.
Auf der Strae haben sie noch ein paar grere Dinger fr
Panzer vergraben, 43er-Tellerminen, schtze ich, von hier bis
zum Rand des Dorfes.
Haben Sie sie markiert?
Ja, und die Pioniere verstndigt.
Widerstand?
Nur vereinzelt. Ich hatte mehr Luftuntersttzung erwartet.
Allerdings kein Gegenfeuer.
Er deutete auf einen weiteren Punkt der Karte.
Wir sind auf eine deutsche Kompanie unter Sollstrke mit
Artillerie gestoen
... Wehrmacht, 346. Infanterieregiment,
Kampfgruppe� von Luck.
Gefangene?
Dreiundzwanzig. Ich habe sie der M
ilitrpolizei
von der 29.
bergeben.
Gut gemacht. Unsere Verluste?
Fnfunddreiig Tote. Doppelt so viele Verwundete, Sir.
Alle hatten es gehrt, aber keiner schaute in Millers Richtung.
Nur die Stille, die sich pltzlich im Bunker verbreitete, zeigte,
da alle innerhalb dieser Betonwnde von Schrecken und
Respekt erfllt waren.
Mein Gott, brachte der C.O. schlielich heraus.
Die Jerrys wollten ihre 88er nicht freiwillig aufgeben, Sir,
sagte Miller trocken.
Andersen verzog den Mund.
Es war eine harte, undankbare Aufgabe. Deshalb habe ich
Sie dafr ausgewhlt.
Ja, Sir.
Und ich habe noch eine fr Sie.
Sir?
Wieder was Schnes, John.
Anderson schttelte den Kopf und lachte ein wenig; aber es
klang nicht sonderlich frhlich.
Und zwar von ganz oben.
Miller war es, als wrde ihm ein Sto in die Magengrube
versetzt.
Eisenhower, Sir?
Marshall.
Anderson wies mit dem Kinn zu dem kleinen Tisch hinber.
Nehmen Sie sich einen Stuhl und holen sie sich einen
Kaffee. Dann erzhle ich Ihnen alles weitere ...
Als Miller eine halbe St
unde spter zu dem Trichterfeld zu-
rckkehrte, rief ihm Sergeant Horvath nur ein Wort entgegen:
Caen?
Leider nicht. Wir fuhren einen Stotrupp mit Spezialauftrag
nach Neuville.
Der Sarge schob seinen Helm in den Nacken und runzelte die
Stirn.
Ein Captain soll einen Stotrupp anfhren? Was ist das fr
ein Auftrag?
Miller lachte trocken.
ffentlichkeitsarbeit, Sergeant.
Was, zum Teufel ...?
Es geht um einen Private von der 101. ... Drei seiner Brder
haben ins Gras gebissen, und er bekommt jetzt den
Freifahrschein fr die Heimreise.
Nicht zu fassen. Und warum Neuville?
Weil sie im Hauptquartier glauben, da er da runtergegan-
gen ist.
Er mu dort irgendwo sein, einer von den armen Teufeln, die
in dieser Gegend verstreut worden sind.
Der Sarge sthnte.
Wird nicht gerade ein Kinderspiel sein, einen einzelnen
Soldaten mitten in diesem gottverdammten Krieg zu finden.
Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Es ist eher ein Heuhaufen voller Nadeln, meinte M
iller
dster.
Der Sarge nickte zu dem Trichter hinber, wo sich die ber-
lebenden des Zuges immer noch rkelten.
Was ist mit der Charlie-Kompanie?
Ich nehme die Besten von denen, die noch da sind. Den Rest
bernimmt die Baker-Kompanie.
Der Sarge machte groe Augen, und sein Kinn klappte
herunter.
Mein Gott, sie haben Ihnen dafr Ihre Kompanie wegge-
nommen?
Zunchst einmal ist es nicht meine Kompanie, sondern die
der Army ... Der C.O. hat mich fr alle Flle daran erinnert.
Zweitens, so viele sind von uns ja nicht briggeblieben. Wie
dem auch sei, ich will Reiben mit der Browning-Automatic,
Jackson, Wade natrlich, Caparzo, Beasley ...
Beasley hat's erwischt.
Scheie. Okay, dann den kleinen Mellish. Haben wir jeman-
den, der Franzsisch spricht?
Reiben kennt sich in Damenunterwsche aus. Sonst wte
ich keinen.
Na gut, dann Talbot. Er hat einen furchtbaren Akzent, aber
er versteht seine Sache.
Der Sarge schttelte den Kopf.
Er auch. Heute morgen.
Verdammt.
Miller seufzte.
Ich werde mal sehen, ob ich ein anderes Opfer finde.
Jemanden, der Franzsisch spricht ... Bringen Sie den Rest
zusammen, wir treffen uns beim Fuhrpark des Bataillons, am
Strand.
Jawohl, Sir.
Nicht weit hinter dem Strand, in der Mitte eines Bereitstel-
lungsraums, erhob sich ein schmuck aussehendes Zelt, ein
Sinnbild fr Ordnung inmitten dieses Durcheinanders von
lrmenden Fahrzeugen und schwatzenden GIs. M
iller bewegte
sich langsam, aber zielstrebig und vllig unbeachtet durch das
Gewirr der Mnner und Maschinen, vorbei an aufgestapelten
Vorrten und Ausrstungsgegenstnden. Er betrat das Zelt, das
die Military Intelligence, die militrische Aufklrung - ein
Widerspruch in sich - beherbergte. An drei Tischen saen drei
Corporals, ber ihre Karten gebeugt wie Bcherwrmer, die fr
eine groe Prfung bffeln. In eintniger, akkurater Arbeit
versahen sie Karten mit Markierungen und steckten sie in
Plastikhllen. Nicht gerade ein sonderlich gefhrlicher Job, es
sei denn, eine verirrte Granate wrde ihren Weg hierher finden.
Ich suche Corporal Upham, rief Miller. Einer der Jungs
schaute von seiner Karte auf; er war schlank, hatte ein rundes,
kindliches Gesicht mit freundlichen, nachdenklichen, grauen
Augen hinter dicken Brillenglsern. Blinzelnd blickte er zu
Miller hi
nber. Das gedmpfte Gerusch einer fernen
Detonation gengte, um ihn aufspringen zu lassen.
Sir, sagte er, ich bin Upham.
Ich habe gehrt, Sie sprechen Franzsisch und Deutsch.
Ja, Sir, antwortete Corporal Tim Upham, vierundzwanzig,
Boston, Massachusetts.
Miller trat nher.
Wie steht es mit Ihrem Akzent?
Upham drckte den Steg seiner Brille, die auf seiner zu
kleinen Nase heruntergerutscht war, nach oben.
Nur wenig in Franzsisch. Mein Deutsch ist gut, mit
leichtem bayerischem Akzent.
Fein. Ich bin Captain Miller; Sie sind mir zugeteilt worden.
Holen Sie Ihre Sachen.
Sir?
Wir gehen nach Neuville.
Upham lchelte nervs und zeigte auf die Karte, die er wie
ein Tischtuch vor sich ausgebreitet hatte.
Aber Sir, in Neuville sind doch die Deutschen.
Davon habe ich gehrt.
Ziemlich viele sogar, soviel ich wei
Miller schaute den Jungen finster an.
Wrde es Sie wundern, hinter der Frontlinie auf Deutsche zu
stoen, Corporal?
Upham wirkte entgeistert.
Sir, ich habe noch nie an einem Gefecht teilgenommen. Ich
frchte, ich wrde Ihnen zur Last fallen, Sir. Ich bin Karto-
graph. Ich bersetze.
Ich brauche einen bersetzer.
Ach so?
Meine bersetzer sind beide gefallen.
Upham, der ohnehin schon bleich war, wurde nun aschfahl.
Sir, ich habe seit meiner Grundausbildung keinen Schu
mehr abgegeben ...
Das ist wie Fahrradfahren; man verlernt es nicht.
Fahrradfahren habe ich auch nie gelernt. Sir ...
Wo haben Sie Ihre Sachen?
Ich meine ... h ... ich hole sie, Sir.
Gut.
Sir?
Was denn noch?
Kann ich meine Schreibmaschine mitnehmen?
Ihre Schreibmaschine?
Ich schreibe gerade ein Buch, und ich ...
Miller starrte ihn nur an. Wollte der J
unge sich ber ihn lustig
machen?
Upham lchelte nervs.
Gut, dann vielleicht ... einen Bleistift?
Miller formte mit Daumen
und Zeigefinger ein kleines C.
Nicht grer als so, sagte er.
Upham nickte bekmmert und verschwand, um seine Sachen
zu holen.
Nehmen Sie es von der positiven Seite, Junge, ermunterte
ihn Miller, als er zurckkam. Stehen Sie es durch, das ist
prima Recherchearbeit. Spter werden Sie ein paar gute Stories
zu erzhlen haben.
Upham schaute ihn nur an. Machte er Witze?
Los, gehen wir, sagte Miller
und stie ihn an.
Die beiden anderen Corporals, die sich ber ihre Karten kau-
erten, verzogen den Mund zu einem dnnen Lcheln, das ihre
Erleichterung verriet. Miller seufzte und ging nach drauen,
zurck in den Krieg.
Die Toten und Verwundeten waren schon lange fortgeschafft,
die Wracks beseitigt, Omaha Beach lag da wie ein weites
Tableau, auf dem Militrgeschichte geschrieben wurde.
Sperrballons schwebten ber dem schrg abfallenden
Sandstrand, auf dem berall Soldaten umherschwrmten und
stapelweise aufgehuftes Material lag.
Direkt an der Kste war ein Trupp von geschftigen Pionieren
damit beschftigt, die vorgefertigten Teile eines der groen,
knstlichen Mulberry-Hfen zusammenzubauen, die man bei
dem trgerischen Wetter ber den Kanal geschleppt hatte;
Schiffskrne lieen ihre randvoll gefllten Netze in wartende
DUKW-Amphibienfahrzeuge herab, Panzer
und Bulldozer
krochen schwerfllig ber den Sandstrand. Am Horizont, wo
die See nun blau und nicht mehr grau aussah, wachten
Tausende von Schiffen aller Art, aus denen sich die A
lliierte
Armada zusammensetzte, whrend landeinwrts das Beben der
Detonationen beharrlich daran erinnerte, da trotz des gewal-
tigen Materialeinsatzes die Schlacht noch nicht gewonnen war.
Endlose Reihen von Fahrzeugen schlngelten sich durch die
Sanddnen, vom Strand weg. Unter ihnen war ein Jeep voller
GIs - Captain Miller
und seine siebenkpfige Einheit. M
iller
stand aufrecht im Wagen und wies den Weg, Sergeant Horvath
hatte das Steuer bernommen, Corporal Upham sa zwischen
dem Sergeant und dem Captain, und hinten, eingeklemmt wie
die lsardinen, drngten sich Wade, der Sanitter, sowie die
Privates Reiben, Caparzo, Jackson und Mellish. Der Jeep
preschte voran, berholte verschiedene andere Fahrzeuge und
vorrckende Infanteristen und schien das Gros der amerikani-
schen Armee langsam hinter sich zu lassen.
Bald jagten sie in einer groen Staubwolke eine unbefestigte
Strae entlang, durch eine sonnenbeschienene, fruchtbare
Landschaft, wo in regelmigen Abstnden das schmucke
Steingebude eines Bauernhofes auftauchte. Links und rechts
von dieser malerischen Strecke bot die Hinterlassenschaft des
Krieges einen grotesken Anblick: zerschmetterte, ausgebrannte
Fahrzeuge, Autos, Lastwagen, Anhnger, sowohl deutsche als
auch amerikanische, zurckgelassene Ausrstung und Gefal-
lene, die man sorgsam hingelegt und mit Bettlaken zugedeckt
hatte. Hier und da lag ein totes Tier, ein Pferd oder eine Kuh
mit heraushngenden Eingeweiden, und der sanfte, im
Laubwerk der Straenbume raschelnde Wind trug den
Gestank von versengtem Haar, verbranntem Fleisch, entleertem
Gedrm zu ihnen herber.
Upham sog diese Eindrcke frmlich in sich auf, mit
geweiteten Nasenlchern und Augen, die hinter seiner Brille
weit aus den Hhlen seines blassen Gesichts heraustraten. Mit
einer tadellos geputzten M1 im Scho sa er eingequetscht
zwischen dem Sarge und dem Captain, dem sowohl die
heroischen als auch die furchtbaren Aspekte der Landschaft
entgingen, da er in eine aufgefaltete Karte vertieft war.
Von der berfllten Rckbank, wo die Soldaten, abgehrtet
durch de�n Bloody Omaha Beach, ohne besondere Regung
die Landschaft betrachteten, ertnte Reibens Stimme:
Captain, gestatten Sie mir eine Frage?
Hngt von der Frage ab.
Wo wollen Sie denn Private Ryan unterbringen, Sir? Die
Kiste hier hat doch keinen Notsitz.
Miller, der immer noch die Karte studierte, gab keine
Antwort.
Ich meine ja nur, Sir. Hier hinten ist es verdammt eng.
Miller schlug die Karte weiter auf, seine Augen verengten
sich.
Reiben lie nicht locker.
Ich habe mich nur gefragt, ob Sie vielleicht damit rechnen,
da wir auf dem Rckweg mehr Platz haben.
Miller deutete auf eine Abzweigung links vor ihnen. Der
Sarge, der der Anweisung des Captain folgte, fragte: Haben
wir zu irgend jemandem hier in der Gegend Funkkontakt?
Die meisten Funkgerte sind verloren oder ausgefallen,
sagte Miller. Jemand hat Mist gebaut
und denen, die noch
brig sind, die falschen Kristalle beigelegt. Die paar, die noch
funktionieren, werden von den deutschen Strsendern auer
Gefecht gesetzt. Wir mssen blind rein.
Schner Auftrag. Mal wieder ein richtiger Sonntagsspa-
ziergang.
So sieht's aus. Ein wirklich schner Auftrag.
Upham rusperte sich.
Ihr seid, h, also alle Rangers?
Reiben, Jackson und Caparzo schauten zum Vordersitz, als
htte sich dort ein Insekt niedergelassen, als mten sie jetzt
die Frage klren, ob es sich lohnte, es zu erschlagen. Wade
blickte auf die vorberziehende Landschaft. Je weiter sie ins
Landesinnere vordrangen, desto seltener wurden die Spuren
des Krieges.
Mein Name ist Upham, sagte Upham leutselig, schaute
nach hinten und streckte die Hand aus, doch niemand reagierte.
Das heit, Corporal Upham ... aber ihr braucht mich nicht so
anzureden. Ich wei, da im Kampf auf Formalitten kein Wert
gelegt wird.
Niemand antwortete ihm.
Ich will sage
n, fuhr Upham fort und schob
mit nervsem
Lcheln seine Brille auf die Nase, ich wei, da die, h, ganze
militrische Etikette im Kampf lockerer geha
ndhabt wird ...
Mellish warf dem Neua
nkmmling einen durchdringenden
Blick zu. Es gibt nur einen Grund, warum du mit von der
Partie bist, Upham.
Ich wei. Als bersetzer.
Nein. Als Proviant. Fr den Fall, da wir uns verirren oder
da wir die K-Rationen satt haben.
Amen, sagte Jackson, der sein Scharfschtzengewehr wie
ein Baby im Arm hielt.
Niemand wird den Corporal aufessen, warf M
iller beilufig
ein, whrend er noch immer die Karte studierte. Das wre ein
Versto gegen die Genfer Konvention.
Nicht einmal die Deutschen wrden das tun, Corporal,
beruhigte der Sarge Upham, wobei er trotz des hllischen
Tempos den Blick von der Strae abwandte. Wie der Captain
eben gesagt hat, sie knnen dich zwar tten, aber sie knnen
dich nicht aufessen. Das ist gegen das Gesetz.
brigens, fuhr Miller fort,
unser Upham hier spricht Fran-
zsisch, und sein Deutsch hat einen bayerischen Einschlag.
Die Mnner auf den Rcksitzen zuckten mit den Schultern
und schauten weg. Upham zog sich wieder in sich selbst
zurck wie eine Schildkrte in ihren Panzer. Sie brausten
weiter die Strae entlang. Da der Wagen ab und zu in ein
Schlagloch geriet, wurden sie ordentlich durchgeschttelt.
Nach einer Weile beugte sich Caparzo nach vorne.
Captain, wo kommt denn dieser Ryan eigentlich her?
Aus Iowa, Private Caparzo. Aus der Weite des Mittleren
Westens.
Iowa? echote Reiben mit beiender Ironie. Na, wenn das
so ist! Wer wrde denn nicht gerne seinen Arsch riskieren, um
einen blden Farmer zu retten? Die Welt knnte den Verlust
von so einem Stoppelhopser nicht verschmerzen, von diesen
Landeiern knnen wir ja gar nicht genug haben. Das wre ein
Schlag fr die gesamte westliche Kultur.
Kennst du Gleason von der Baker-Kompanie? fragte
Caparzo Reiben.
Ja, das Arschloch kenne ich.
Arschloch ist der richtige Ausdruck. berall, wo es Stunk
gibt, hat er seine Finger drin, wenn er nicht gerade in der Nase
rumpopelt.
Gleason, der auf den Boden der Kantine gespuckt hat?
fragte Mellish.
Der
Gleason?
Der Gleason, fragte Jackson, der nicht zur Kirche geht?
Genau diesen Vogel meine ich, besttigte Caparzo. Ich
bin mir ganz sicher, da
der
aus Iowa kommt.
Wir sollen aber nicht Private Gleason rausholen, sagte
Miller. Er zgerte, so als wrde er einen Moment nachdenken.
Ich erzhle Ihnen jetzt was, das Sie eigentlich gar nicht
wissen drften.
Alle wandten sich Miller zu - sogar der Sarge, was nicht
unbedenklich war angesichts der Geschwindigkeit, mit der sie
die lchrige Strae entlangfegten, auf der sie nun ganz allein
waren. Der Donner der Detonationen war immer noch zu hren
- nicht allzuweit entfernt.
Ich konnte einen Blick in Ryans Dienstakte werfen, sagte
Miller. Musterhaft.
Das ndert natrlich alles, meinte Reiben.
Aber, fuhr Miller fort, es waren auch seine High-Sc
hool-
Zeugnisse beigelegt - er war der Beste in Staatsbrgerkunde
und hat den Staatsbrgerpreis seiner Schule gewonnen ... zwei
Jahre in Folge. Nun - ist es das nicht wert, da Sie Ihren Arsch
riskieren?
Upham wute nicht, was er mit diesem trockenen Sarkasmus
anfangen sollte, aber Reiben ging sofort darauf ein.
War er auch Pfadfinderfhrer, Sir? fragte der Private.
Der jngste in der Geschichte des Staates Iowa.
Achtundvierzig Verdienstabzeichen.
Jack Armstrong, der amerikanische Durchschnittsjunge,
sagte Reiben. Den sollen wir raushauen.
Sieht so aus.
Allerdings soll dafr ein Beethoven geopfert werden.
Mellish
konnte dem nicht ganz folgen, ebensowenig wie die
anderen Insassen des Jeeps, auer Reiben selbst natrlich, der
nun erluternd hinzufugte: Beethoven, das bin in diesem Falle
ich.
Unter deinem Helm ist doch kein Platz fr zwei Takte
Musik, widersprach Caparzo.
Reiben gestikulierte unbeholfen mit einer Hand, als wolle er
ein Orchester dirigieren.
Beethoven war der grte Komponist, der je gelebt hat, und
dann wurde er taub. Kapiert ihr die Ironie, die darin liegt, he?
Was, zum Teufel, ist denn �Ironie? fragte Caparzo. Das
nchste Dorf?
Nein, du Schafskopf. Ironie, das ist, da ich, der Beethoven
des Sttzkorsetts, nur ein paar Schritte entfernt von Caen bin,
dem Mekka der Damenwsche, und statt dessen nach Neuv
ille
fahren mu, um einen bescheuerten Farmersohn aufzuspren,
der wahrscheinlich schon lngst die Radieschen von unten
anguckt. Das ist Ironie.
Nehmen Sie's von der positiven Seite, Reiben, sagte M
iller.
Was fr eine positive Seite sollte das denn sein? Sir, wissen
Sie, wofr Neuville berhmt ist?
Nein.
Kse.
Ach nee!
Ausnahmslos alle fahren nach Caen, wo nur die heute nacht
keinen geblasen kriegen, denen er schon heute morgen
weggeblasen worden ist, und wir, die tapferen berlebenden
der Charlie-Kompanie, wir fahren in die Ksemetropole
Frankreichs, verflucht noch mal. Da gibt es einfach keine
positive Seite, Sir.
Alles hat eine gute Seite, Reiben.
Ich hre, Sir.
Also, erstens, ich mag Kse. Wann haben Sie denn das
letztemal ein anstndiges Stck gehabt? Kse, meine ich.
Reiben blickte finster drein und drckte seine Browning-
Automatic an sich.
Upham fragte Miller: Sollten wir nicht besser einen Panzer
haben fr diesen Auftrag, Sir?
Miller erhielt keine Gelegenheit, darauf eine Antwort zu
geben - was er ohnehin nicht getan htte -, denn als der Jeep
um die nchste Kurve bog, hatte er pltzlich einen Stau
amerikanischer Fahrzeuge, Panzer, Bulldozer und Jeeps vor
sich. Der Sarge bremste, so da der Wagen schleudernd zum
Stehen kam. Durch die Staubwolke, die ihr Wagen
aufgewirbelt hatte, kam ein First Lieutenant von der M.P.
drei Soldaten auf sie zu, die hier am Straenrand
Verkehrspolizisten spielten.
Lieutenant! rief Miller.
Der M.P. sah die Doppelstreifen des Captain an Millers
Helm, kam eilig herbei und beugte sich in den Jeep hinein wie
eine Drive-in-Serviererin, die eine Bestellung aufnimmt.
Sie knnen hier nicht weiterfahren, Sir. Die 88er feuern, was
das Zeug hlt.
Wie sieht's auf der Strae nach Neuville aus?
Reiner Selbstmord, Sir.
Miller wechselte einen Blick mit dem Sarge. Um ihre Augen
und Mundwinkel zuckte es, sie wuten, da sie keine Wahl
hatten. Befehle von General Marshall muten befolgt werden.
Lassen Sie uns durch, Lieutenant, sagte Miller.
Sir ...
Lassen Sie uns durch.
Ja, Sir.
Der M.P. winkte sie durch, der Sarge fuhr am Rand der
Strae, halb auf dem Seitenstreifen, an der Schlange vorbei.
Bald hatten sie die staubige Piste fr sich allein. Oder doch
beinahe. berall auf der trichterbersten Fahrbahn lagen
brennende Trmmer, ber denen ein Schleier aus Staub, Qualm
und Rauch hing. Sie brausten weiter, und der Sarge steuerte,
ohne abzubremsen, erst um einen Jeep, dann einen zweiten
herum, die beide einen Volltreffer abbekommen hatten und nun
als verbrannte, schwelende abstrakte Skulpturen die Strae
blockierten.
Dann rhrte der Jeep mit den GIs um einen umgestrzten,
flammenspeienden amerikanischen Truppentransporter, der
wie eine aufgerissene Papiertte dalag; er hatte die verkohlten
Leichen und glimmenden berreste von mindestens einem
Dutzend Soldaten auf die Fahrbahn gespuckt.
Bosch stellt diese Dinger her, bemerkte Upham, wie
gebannt auf die alptraumartige Szenerie starrend. Niemand in
dem Jeep verstand, was er damit meinte, auer M
iller, dessen
Gesicht jedoch keine Regung zeigte.
Pst, sagte Miller.
Ich habe ja gesagt, wir htten einen Panzer mitnehmen
sollen ..., fuhr Upham fort.
Halten Sie den Mund, bitte.
Sanfte, grne Hgel stiegen an beiden Seiten der Strae auf,
ber die Miller langsam seinen Blick schweifen lie, um
herauszubekommen, von wo die 88er-Granate, die den
Truppentransporter zerstrt hatte, gekommen war.
Der Sarge schaute zum Captain rber.
Sehen Sie was?
Nein. Drcken Sie bitte etwas auf die Tube.
Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?
Und der Sarge gab Gas, raste ber die Schlaglcher hinweg,
knapp an Trichtern vorbei, so da die Jungs auf der Rckbank
wie Gummiblle hochsprangen; sie hielten sich an der
Bordwand und aneinander fest und hatten Mhe zu verhindern,
da sie oder ihre Waffen und ihre Ausrstung aus dem Wagen
geschleudert wurden.
Himmel, schrie Caparzo auf, dagegen sind die Achter-
bahnen von Coney Island doch ein Dreck!
Dann fuhren sie in einen Trichter, bei dem heftigen Schlag
brach das Fahrzeug beinahe entzwei, jede Schraube und jeder
Bolzen chzte, whrend Reiben wie auf einer Wippschaukel in
die Luft gehoben wurde und wieder in den Wagen zurck-
knallte.
Scheie, verdammt noch mal! heulte Reiben auf. Ich bin
auf dem verfluchten Schanzzeug gelandet!
Wir versuchen nur, Platz fr Private Ryan zu machen,
bemerkte Miller, der unverwandt zu den Hgeln hi
nber-
blickte.
Reiben, der etwas fr schwarzen Humor brig hatte, grinste
und zog die Schaufel unter seinem bse gequetschten Hintern
hervor.
Als sie um die nchste Kurve bogen, sahen sie ein langes,
gerades Stck Strae vor sich, auf dem ein halbes Dutzend aus-
gebrannter, zertrmmerter Fahrzeuge lag. Dieser Anblick lie
keinen Zweifel daran, welche Art von Spierutenlaufen ihnen
nun bevorstand.
Der Sarge gab Vollgas, whrend alle - auer Corporal Upham
- nervs die umliegenden Hgel absuchten.
Captain, sagte Me
llish heiser
und mit angestrengter
Munterkeit, mir ist da gerade was eingefallen ...
Was denn, Private?
Wir sind doch jetzt die Front. Die Speerspitze sozusagen.
Die Vorhut. Wenn wir einen Schritt vorgehen, rckt die Front
weiter. Kann man doch so sagen, Sir?
Das ist richtig. Alle anderen sind hinter uns.
Der Sarge drosselte etwas die Geschwindigkeit und
versuchte, den Einschlaglchern auszuweichen.
Und mit� alle anderen, fuhr Mellish fort, da meinen Sie
natrlich die anderen hundertfnfzigtausend GIs mit ihren
viertausend gepanzerten Fahrzeugen, der gesamten Munition,
den Vorrten. Stimmt's, Sir?
So ist es.
Wollt' ich nur wissen, Sir.
Das unverkennbare Kreischen einer heransausenden 88er-
Granate schien genau auf sie zuzukommen. Das Gescho
schlug rechts hinter ihnen ein und ri, eine Fontne aus Erde
und Steinsplittern aufwirbelnd, einen neuen Trichter auf, aus
dem heraus schmutzig-schwarze Rauchfinger nach dem Jeep
griffen.
Sarge? stie Miller zwischen zusammengebissenen Zhnen
hervor.
Der Sarge beschleunigte das Tempo wieder und kmmerte
sich nun nicht weiter um die Einschlaglcher; alle versuchten,
sich so gut es ging festzuhalten, whrend das kleine Fahrzeug
schleudernd, bockend, beinahe fliegend weiterscho. Dann
pfiff eine weitere Granate heran, die knapp vor ihnen
detonierte. Die Erde schien zu beben, als sie direkt auf den
schwarzen Rauchpilz zufuhren, der mit Staub, Dreck und
Steinen vermischt war. Irgendwie schaffte es der Sarge, um
dieses neue Hllenloch herumzusteuern, und sie stieen aus
dem Rauch und dem Staub hervor wie ein Flugzeug aus einer
Wolke.
Haben Sie sie gesehen? fragte der Sarge den Captain.
Miller hatte das M
ndungsfeuer bei den Hgeln ausmachen
knnen. Jetzt aber wandten seine Augen sich einer anderen
bewaldeten Anhhe zu, die vielleicht einen Kilometer abseits
der Strae lag - eine mgliche Deckung, die zudem auerhalb
der Reichweite des Geschtzes lag ...
Verflucht, sagte Miller. Die haben sich auf die Strae
eingeschossen ... wir sind hier wie auf dem Prsentierteller!
Miller wies mit dem Kinn nach links, auf ein brachliegendes
Feld. Suchen wir uns einen anderen Weg!
Der Sarge ri das Steuer herum, und der Jeep scho ber die
Bschung am Straenrand hinweg, wobei beinahe alle
herausgeschleudert wurden; aber irgendwie gelang es ihnen
doch, sich auf dem Rcken ihres bockenden Bronco zu halten,
sie klammerten sich fest und machten sich auf den wirklich
harten Teil ihres Ritts gefat. Das Getriebe des Jeeps knirschte,
als der Sarge auf das brachliegende Feld steuerte, wo das
Fahrzeug bald ber das holprige Gelnde dahinfegte.
Schon ri die nchste kreischende Granate in einer Fontne
aus Erdbrocken und Steinen das Ackerland auf und lie die
Erde wie unter dem Stiefel eines Riesen erbeben. Eine
Rauchfahne jagte hinter ihnen her, und ohne im geringsten die
Geschwindigkeit zu drosseln, versuchte der Sarge sein Bestes,
um die grten Lcher und die unangenehmsten Erdbuckel zu
umkurven; manchmal gelang es ihm sogar.
Links von ihnen schlug eine weitere Granate ein. Ein Regen
aus Erdklumpen hmmerte wie Hagelsturm auf den Jeep herab
und berzog sie mit Schmutz. Sie bedeckten ihre Gesichter,
aber nicht ihre Augen, um sich vor dem Dreck und dem Rauch
zu schtzen; Upham hustete. Verflucht, die schieen sich
ein! schrie der Sarge. Die knnen was, die Scheikerle!
Schon erschtterte die nchste Detonation den Boden, kippte
den Jeep rechts hoch, so da er eine Weile nur auf den linken
Rdern fuhr, und lie ihn hart zu Boden fallen. Wieder ergo
sich ein Regen von Erdbrocken und Splittern ber das
Fahrzeug und seine Insassen. Versuchen Sie es im Zickzack,
befahl Miller dem Sarge. Horvath tat, was
von ihm verlangt
wurde, und fuhr, ohne die Geschwindigkeit zu vermindern,
weite Kurven. Das Manver schien zu glcken, bis sie sich in
einer Schlangenlinie einem Bewsserungsgraben genhert
hatten. Der Sarge versuchte ein Ausweichmanver, ri das
Steuer herum, bremste, aber es reichte nicht mehr: der Jeep
kippte vornber und seine Schnauze versank zur Hlfte im
Schlamm, wodurch sie so abrupt zum St
illstand kamen, da
Reiben, Upham und Wade und Me
llish wie Spielzeugsoldaten
in verschiedene Richtungen aus dem Wagen flogen und unsanft
auf der Erde landeten.
Keiner von ihnen war ernstlich verletzt. Jackson, Caparzo,
Miller
und Sarge, die es geschafft hatten, sich im Wagen zu
halten, waren mehr durchgeschttelt worden als ihre
Kameraden, die es hinausgeschleudert hatte. Noch betubt von
dem pltzlichen Ende ihrer Fahrt, saen sie wie erstarrt um den
Jeep herum, der mit der Motorhaube im Graben steckte.
Miller, der sich als erster wieder fate, sprang aus dem
Wagen und begutachtete ihn flchtig. Er ist in Ordnung,
sagte er. Der Boden ist weich ... Das heulende Kreischen
einer 88er lie alle in Deckung gehen; die Explosion erfolgte
ganz nahe, ri die Erde vielleicht dreiig Meter entfernt von
ihnen auf und lie einen milden Schauer aus Erdpartikeln auf
sie herabregnen. Sarge, rief Miller, der in den flachen
Graben hinabgestiegen war und seine Schulter gegen den Jeep
warf. Rckwrts!
Der Sarge schttelte sich, um einen klaren Kopf zu
bekommen, und legte den Rckwrtsgang ein. Die Rder
begannen durchzudrehen, whrend Miller seine Fersen gegen
den Boden stemmte und auf der Seite, von der die Granaten
kamen, das Fahrzeug zu schieben versuchte.
Los, ihr faulen Hunde! schrie M
iller die Mnner im Jeep
und die anderen an, die herausgepurzelt waren und sich gerade
mhsam erhoben und den Staub von ihren Uniformen abklopf-
ten. Wollt ihr fahren oder laufen? . Noch betubt, gruppierte
sich Millers Einheit - auer dem Sarge natrlich, der am Steuer
sa - zu beiden Seiten des Jeeps, und alle warfen sich mit der
Schulter gegen den Wagen und gaben ihr Bestes, um das
verdammte Ding freizubekommen; aber wie zum Hohn drehten
die Rder weiter durch.
Alle duckten sich schutzsuchend, als die nchste 88er
heranheulte und einen weiteren Krater in das zerfurchte Feld
ri.
Dieses Mal jedoch war die groe Granate rechts von ihnen
detoniert, wieder nur ungefhr dreiig Meter entfernt. Miller
beachtete sie gar nicht, stemmte die Beine erneut in den Boden
und drckte mit der Schulter gegen den Jeep.
Captain, sagte der Sarge, die Hnde fest um das Steuer
geklammert, mit ngstlichem Blick. Die haben uns in der
Zange ...
Ich wei, was das bedeutet, sagte Upham, trat vom Jeep
zurck und lief hektisch im Kreis herum, ich habe schon viel
darber gelesen ...
Die anderen kmmerten sich nicht um den Corporal, sondern
halfen ihrem Captain, der nun den Sergeant anwies, erst vor-
und dann wieder zurckzufahren, um eine schaukelnde
Bewegung zu erzeugen.
Glaubt mir, sagte Upham, die nchste Granate wird uns
treffen!
Miller lie sich nicht beirren,
und alle legten sich ins Zeug,
schlielich sogar Upham. Aber die Nervositt des Corporal
wirkte ansteckend, und alle auer M
iller suchten in Erwart
der nchsten heranheulenden Granate den Himmel ab.
Captain ..., begann der Sarge.
Schiebt! befahl Miller, und seine Mnner gehorchten ihm.
Sie machten Fortschritte; der Jeep war schon beinahe aus dem
Graben heraus.
h, Captain, rief der Sarge, als das Kreischen der Reifen
das Gerusch der nchsten Granate vorwegzunehmen schien.
Wade, der an der Seite des Jeeps schob, langte in den Wagen
und griff nach seiner Sanittertasche unter dem Sitz, die er sich
fest unter einen Arm klemmte.
Jesus Maria
, jammerte Upham, den Trnen nahe,
sie wird
jede Sekunde einschlagen ...
Als der Jeep diesmal hochschaukelte, verlor er den Boden-
kontakt und sank dann tiefer als zuvor in den Dreck.
Scheie! schrie Miller,
und in diesem Moment heulte auch
schon die Granate heran, direkt auf sie zu. Es blieb keine Zeit
mehr. Der Captain schnappte sich seine Thompson vom Boden
und rief:
Weg! Weg! Nichts wie weg!
Sie griffen sich vom Jeep, was sie gerade erwischen konnten,
Waffen, Ausrstung, egal was, und stoben auseinander, rannten
davon, versuchten verzweifelt, kostbare Meter Abstand zu
gewinnen.
Runter! rief Miller,
und sie gehorchten, warfen sich flach
auf den zerfurchten Boden, aus dem kleine Staubwolken
aufstiegen, als die Granate heranheulte und einschlug.
Volltreffer.
Es sah so aus, als wrde eine Bestie den Jeep in ihr Maul
nehmen und ihn schtteln; der Wagen wurde von einer
gewaltigen Explosion zehn Meter hoch in die Luft geschleudert
und strzte als brennendes, plattgedrcktes Wrack wieder zur
Erde.
Nur knapp auerhalb des Detonationskreises liegend, sprten
die Mnner, wie die Erde erzitterte, und hielten ihre Helme
fest, whrend eine Sturzflut von Metallteilen, Erde, Steinen
und Trmmern sie zu begraben drohte. Langsam hoben sie die
Kpfe und richteten sich auf, ihr Blick wanderte zu dem
glhenden, flachen Metallhaufen, der ihr Wagen gewesen war.
Wenigstens ist das Scheiding jetzt aus dem Graben raus,
bemerkte Caparzo.
Ein vertrautes, unheilvolles Hsteln - das verglichen mit dem
Bellen der 88er geradezu harmlos klang - brachte Miller
seine Leute so schnell auf die Beine, da der Dreck ganz von
selbst von ihnen abfiel. Jetzt kommen die Granatwerfer!
schrie Miller, ein berflssiger Kommentar, denn alle, auer
Upham vielleicht, hatten das trockene Poff-poff-poff-poff
erkannt und rannten so schnell sie konnten in Richtung der
schtzenden Bume.
Mama hat mich ja gewarnt, da mir mal so was blhen
wrde! rief Reiben im Laufen.
Die acht Mnner sausten ber das offene Feld, whrend um
sie herum schwache Detonationen einsetzten. Alle wuten, da
aus den explodierenden Granaten pfeifende Splitter seitlich
nach oben flogen, ein trichterfrmiger Regen, der im
schlimmsten Fall den Tod
und im gnstigsten schmerzhafte
Verwundungen bedeutete. Upham strauchelte und strzte, aber
Miller pflckte ihn wie eine Blume vom Boden
und zog ihn
halb bis zum Rand des Feldes, wo die Bume standen.
Nacheinander brachen sie in das Unterholz, rissen ste und
Zweige mit sich, und erst nachdem sie etwa zwanzig Meter in
den Wald hineingelaufen waren, hielten sie an. Das Husten der
Granatwerfer verstummte bald darauf.
Millers Mnner hatten sich kreuz
und quer in eine Senke
geworfen oder lehnten schwer atmend an Baumstmmen.
Jemand getroffen? fragte der Sarge.
Keine Antwort.
Niemand?
Der Sarge schaute sich unglubig um.
Nicht mal eine Schrapnell-Wunde?
Upham hielt die Hand vors Gesicht. Meine Nase blutet ein
wenig ... Aber ich bin stolz darauf ...
Alle rappelten sich auf und blickten einander reihum an wie
Gespenster, die sich gegenseitig erschrecken. Mit der Angst
und der Erregung fiel langsam auch die Verwirrung von ihnen
ab.
Keiner getroffen, stellte M
iller fest. Gut.
Immer noch keuchend begutachteten die Mnner ihre Krper
und stellten fest, da nichts fehlte und alles an seinem Platz
war. Alle hatten auch noch ihre Waffen; ein Teil der
Ausrstung jedoch war auf dem Jeep zurckgelassen worden
oder auf der Flucht verlorengegangen.
Ein Wunder ist das, sagte Wade leise, immer noch seine
Sanittertasche umklammernd.
Wenn das ein anderer als Wade gesagt htte, wre es sicher
mit Gelchter quittiert worden. Sie wuten alle, da er recht
hatte, wenn man bedachte, wie viele Schrapnells ihnen um die
Ohren geflogen waren.
Auch wenn ich wandern mu in finsterer Schlucht, rezi-
tierte Jackson gedehnt, ich frchte doch kein Unheil. Danke,
O Herr. Von jetzt an bis in Ewigkeit, Amen.
Vielleicht hatten wir ja einen Schutzengel, fuhr Wade fort.
Vielleicht bringt uns Private Ryan Glck.
Reiben schaute hinaus aufs Feld, wo das qualmende,
zerschmetterte Wrack ihres Jeeps lag. Er schttelte den Kopf.
Lat uns diesem Farmersohn nicht so voreilig danken,
meinte er grinsend. Immerhin mssen wir wegen ihm den
Rest des Weges zu Fu zurcklegen.
Der Captain fhrte seinen Trupp durch das bewaldete
Hgelgelnde, bis sich schlielich ein lndliches Panorama vor
ihnen ffnete, das noch vllig unberhrt vom Krieg schien.
Nirgends war hier die Erde von 88er-Granaten zerwhlt,
nirgends sah man jene aufgerissenen Stellen, die auf Land-
minen hindeuten. Was aber nicht bedeutete, da unter dem
friedlich wirkenden Weideland mit den grasenden Khen keine
Minen verborgen waren; die kleinen, tdlichen Willkommens-
geschenke der Deutschen lauerten fast berall in dieser
Gegend.
Bildet eine Kolonne und folgt mir, wies M
iller die Mnner
an. Achtet auf unsere Flanken.
Jawohl, Sir! rief Upham und salutierte.
Miller verdrehte die Augen,
und die anderen schttelten die
Kpfe. Wie hatte dieser Idiot nur bis zu diesem Nachmittag
berleben knnen?
Miller bewegte sich langsam
und vorsichtig ber die Weide,
wobei er von einem Kuhfladen in den nchsten trat, als wrde
er ber Trittsteine gehen.
Igitt, wie eklig, sagte Upham, dessen Stiefel im Dung
versanken.
Hinter dem Corporal machte Reiben, der ebenfalls von einem
Haufen in den nchsten trat, obszne Bemerkungen und rief
dann dem Captain zu: h, Sir - vielleicht haben Sie es ja noch
nicht bemerkt, aber wir stecken hier bis zu den Knien im
gestrigen Mittagsmahl der Khe. Da am Rand der Weide sind
Bume - sollten wir vielleicht nicht besser dort langgehen?
Nein, sagte M
iller. Haltet euch an den Dung.
Captain, ich habe das Gefhl, er hlt sich eher an mich!
Macht es so wie ich. Ihr alle.
Die Mnner wechselten Blicke, es dmmerte ihnen, da ihr
Captain absichtlich in die Kuhfladen trat. Caparzo kniff die
Augen zusammen und versuchte diese Taktik zu begreifen.
Schlielich rief er aus: Ich hab's - die Khe wissen, wo die
Minen sind. Sie haben eine Art sechsten Sinn oder so etwas.
Klar! sagte Mellish hinter ihm, beeindruckt
von dieser
bestechenden Logik.
Die Natur stattet alle wehrlosen Geschpfe mit einem
Verteidigungssystem aus.
Die Mnner traten vorsichtig von einem Dunghaufen in den
nchsten. Einige waren so frisch, da sie Blasen warfen. Vorne
sagte Reiben: Das verstehe ich nicht ... wenn sie den sechsten
Sinn haben und Landminen orten knnen, warum lassen sich
die blden Viecher dann widerstandslos ins Schlachthaus
treiben?
Blde Viecher ist richtig, rief der Sarge von hinten.
Ihr lauft in der Kuhscheie, also lauft ihr genauso wie die
Khe. Keine dieser Khe ist bislang zu Hackfleisch geworden,
also werdet ihr� wehrlosen Geschpfe es wohl auch nicht ...
100
das ist der ganze� sechste Sinn.
Miller, der dies gehrt hatte, sagte: Khe haben vielleicht
nicht den sechsten Sinn, aber sie sind von Natur aus sehr
neugierig ... schaut sie euch nur an.
Die statuenhaft dastehenden braun-weien Khe hatten
langsam die Kpfe nach den GIs gedreht, die ihre Weide
berquerten, und schauten sie mit groen Augen an. M
iller trat
in den nchsten saftigen Fladen und blickte sich grinsend zu
seinen Mnnern um.
Sie warten darauf, gemolken zu werden. Jemand von euch
durstig?
Nachdem sie die Weide berquert hatten, kamen sie zu einer
jener typischen hohen Hecken, wie man sie berall in der
Normandie findet. Hinter jeder von ihnen konnte der Tod
lauern. Das saftiggrne Gewirr aus Ranken, Zweigen, Wurzeln
und Stmmen auf dem knapp zwei Meter hohen Erdwall war
praktisch undurchdringlich. Sie erreichten die einzige Lcke im
Gebsch, durch die der Bauer, dem die Weide gehrte, sein
Vieh und seine Ackergerte hinein- und hinausbrachte; jenseits
dieses Durchlasses erblickten sie einen schmalen Feldweg, der
zwischen dieser und einer parallelen Hecke verlief. So wie der
Weg zwischen den Hecken eingebettet war, stellte er praktisch
einen Graben dar, den man sicher passieren konnte - sofern die
Deutschen den Ausgang nicht im Visier eines Maschinen-
gewehrs hatten.
Als Miller vom C.O. seine Instruktionen erhalten hatte, war er
auch ber diese besondere Gefahrenquelle informiert worden
und hatte entschieden, ihr auf seine Weise zu begegnen.
Runter mit euch, rief der Captain seinen Mnnern zu, als
sie sich dem Durchgang in der Hecke nherten.
Ist es okay, wenn wir uns ausnahmsweise nicht in einen
Kuhfladen legen? fragte Reiben.
Bleibt unten, falls es Gegenfeuer aus den Bschen gibt,
101
sagte Miller.
Wieso �Gegenfeuer? fragte Mellish Reiben, als sie und
die anderen flach im Gras lagen.
Ihr Captain trat einen Schritt in die ffnung hinein und lie
seine Thompson sprechen. Hlsen flogen durch die Luft, als er
die tdliche Waffe, deren Mndung Feuer und Projektile
ausspuckte, herumschwenkte, so da sie in einem weiten
Bogen wie mit einem Hackmesser groe Lcher in die
gegenberliegende Hecke ri. Eilig und in geduckter Haltung
kam Miller zurck
und warf sich zu Boden. Und wartete.
Zehn oder fnfzehn Sekunden vergingen, bevor M
iller wieder
aufstand: Kein Gegenfeuer - scheint sauber zu sein - alles
aufstehen.
Und die Mnner, die einander mit wildem Blick anstarrten,
whrend ihnen der Pulverdampf in die Nase stieg, erhoben sich
und folgten ihrem Captain auf den schattigen, heckengesum-
ten Weg.
Manchmal habe ich den Eindruck, der Captain will sich
unbedingt das Hlzerne Kreuz verdienen, bemerkte Reiben.
Der Kerl ist verhext, sage ich euch, meinte Caparzo.
Der Herr ist mit ihm, psalmodierte Jackson feierlich und
gedehnt.
Miller ging mit seiner Thompson im Anschlag die Strae
hinunter, wobei ihm sein Trupp vorsichtig folgte. Die Soldaten
hatten sich in zwei Gruppen von je drei Mann aufgeteilt; der
Sarge bildete das Schlulicht. Trotz des khlenden Schattens
rann den erschpften Mnnern in den dicken Uniformen, die
ihre schwere Ausrstung durch die Junihitze schleppten, der
Schwei herunter.
Der bedauernswerte Upham, der die Aufgabe erhalten hatte,
die Munition fr Reibens Browning-Automatic zu tragen, war
wie ein Packpferd beladen; da schien es nur allzu passend, da
er sich der Pferdebremsen erwehren mute. Nur selten ffneten
102
sich die Hecken zu den Feldern, aber immer, wenn sie sich
einer solchen Stelle nherten, verlangsamten sie das Tempo
und schauten sich vorsichtig um. Zwischen den Durchlssen
unterhielten sich die Mnner leise. Sie versuchten sich die Zeit
zu verkrzen und ihre gefhrliche Lage ertrglich zu gestalten,
indem sie sich dem menschlichen Bedrfnis nach Konversation
hingaben.
Also, h, wandte sich Upham an Me
llish, wo kommst du
denn her?
La mich in Frieden.
Upham schluckte. Fehlanzeige bei Mellish. Er verscheuchte
eine Pferdebremse und versuchte es bei Caparzo.
Und du? Woher kommst du?
Halt die Klappe, Bldmann, sagte Caparzo und spuckte zur
Seite. Und noch etwas: Jedesmal, wenn du vor dem Captain
salutierst, klebst du ihm eine dicke fette Zielscheibe auf den
Rcken. Also la das geflligst bleiben ... vor allem, wenn
ich
neben ihm stehe.
O - okay, stotterte Upham und setzte ein scheues Lcheln
auf. Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen, sage ich
immer.
Halt's Maul.
Von hinten kam eine freundlichere Stimme, die
von Wade:
Ich habe gehrt, du schreibst. ber was denn, Corporal?
Trotz seines schweren Gepcks schaffte es Upham, mit den
Schultern zu zucken. Wei ich inzwischen gar nicht mehr.
Aha?
Ich
wollte
ber die Bande der Kameradschaft schreiben, die
sich zwischen Soldaten im Kampf entwickeln.
Caparzo raunte Upham zu: He Upham, du Scheier, frag
doch mal den Captain, woher er kommt.
Warum denn?
Die Mnner, die mit Upham den von grnen Mauern
103
gesumten, schattigen Pfad entlangwanderten, fingen an zu
prusten.
Warum denn nicht?
Kleiner Scherz unter Privates, sagte Mellish.
Upham bemhte sich, Entrstung zu zeigen.
Hey, ich gehre auch zu dieser Einheit.
Ja, schon, sagte Caparzo, aber du bist kein Private.
Upham entschied sich, frs erste nichts mehr zu sagen und
weiterzutrotten.
Reiben schlo zu Miller auf.
Hren Sie mal, Captain, diese hbsche kleine Expedition
verstt gegen alle Regeln, die ich bei der Army gelernt habe.
Wieso denn?
Ich meine, das alles macht doch keinen Sinn.
Was macht keinen Sinn, Reiben?
Rechnerisch, Sir, rein rechnerisch gesehen. Vielleicht kn-
nen Sie es mir erklren.
Klar, sagte Miller beilufig, was vllig im Kontrast zu der
Art stand, in der er sein Maschinengewehr hielt. Dafr bin ich
ja da. Damit ihr Jungs immer begreift, da alles seinen Sinn
hat.
Geben Sie mir eine Chance, Cap.
Was wollen Sie denn wissen?
Tja, nun, Sir, wenn man das streng mathematisch betrachtet,
welchen Sinn hat das, was steckt da fr eine Strategie dahinter,
acht Menschenleben zu riskieren, um eines zu retten? Wir sind
doch hier nicht unterwegs, um Eisenhower oder Patton rauszu-
hauen. Der Kerl ist doch schlielich nur ein ganz gewhnlicher
Private, Sir, noch dazu ein Landei.
Und wir scheinen ja alle zu wissen, da Privates und Land-
eier nichts wert sind.
Reiben grinste.
Meine eigenen Eier sind mir jedenfalls wichtiger. Aber wie
104
steht's mit der Sache, Cap? Krieg ich 'ne Antwort?
Miller warf einen kurzen Blick nach hinten
und sagte: Will
vielleicht jemand von euch darauf eine Antwort geben?
Herrgott, Reiben, rief Wade wie aus der Pistole geschos-
sen, denk doch mal an die Mutter von dem armen Kerl.
Sehr gut, Wade, sagte Miller erfreut, so als wrde er seinen
Klassenprimus loben. Ausgezeichnet.
Hey, gab Reiben zurck, und was ist mit
meiner
Mutter,
Wade? Oder mit deiner? Wir haben alle Mtter, du, ich, der
Sarge, sogar unser Scheier hier, Corporal Upham.
Reiben fiel es gar nicht so leicht, mit Miller Schritt zu halten.
Captain, ich wette, sogar Sie haben eine Mutter.
Miller schmunzelte,
ohne jedoch den Blick von der Strae
und den Hecken auf beiden Seiten abzuwenden.
Na schn, sagte Reiben nachdenklich, wir anderen jeden-
falls haben Mtter.
�Nicht zu denken ist ihr Los, rezitierte Upham leise und
bedrckt�, sie mssen tun und sterben blo.
Miller, der als einziger wute, woraus das Zitat stammte, warf
Upham einen Blick zu.
Was soll das denn heien? fragte Mellish gereizt. Da wir
alle draufgehen?
Gar nichts, sagte Upham. Hat nichts zu bedeuten.
Er redet von Pflicht.
Miller er
hob ein wenig die Stimme. Er sagt, da wir Befehle
haben. Und diese Befehle wichtiger sind als alles andere ...
einschlielich eurer Mtter.
Auch wenn man findet, da der Auftrag� fubar ist? fragte
Reiben.
Gerade dann, wenn du denkst, da der Auftrag� fubar ist,
antwortete Miller. Das ist die Definition
von Pflicht.
Upham riskierte eine Frage an Mellish. Was heit denn
�fubar?
105
Mellish blinzelte Caparzo zu und erwiderte da
nn, ohne eine
Miene zu verziehen: Das ist ein deutsches Wort. Es wundert
mich, da so ein bersetzer-As wie du es nicht kennt.
Ein deutsches Wort? Habe ich noch nie gehrt.
Da mischte sich auch Jackson in die Unterhaltung ein.
Sir, ich habe meine eigene Ansicht zu der Sache.
Schieen Sie los, sagte Miller,
nur zu.
Ich glaube, Captain, sprach Jackson in seinem besnftigen-
den getragenen Ton, da dieser ganze Auftrag eine grobe
Verschwendung wertvollen militrischen Materials ist.
Weiter, Private.
Nun, Sir, so wie ich das sehe, hat mich Gott mit einer
besonderen Gabe ausgestattet, ich kann nmlich eine Fliege auf
hundert Meter Entfernung treffen. Der Herr hat mich sozusa-
gen zum Feinmechaniker im Kriegshandwerk gemacht.
Reiben, sagte M
iller zu dem Private, der neben ihm ging,
passen Sie mal auf... So macht man das, wenn man sich
beschweren will. Jackson! Weiter.
Was ich sagen will, Sir, wenn man mich mit meiner Spring-
field irgendwo bis auf anderthalb Kilometer an Hitler ranlassen
wrde und ich freies Schufeld htte ... na dann, Feuer frei. Der
Krieg wre gelaufen. Das ist so sicher wie das Amen in der
Kirche.
Reiben schaute den Captain neugierig an; schlielich fragte
er: Und Ihre Meinung, Captain? Sie haben mir immer noch
nicht meine Frage beantwortet. Ich habe fast den Eindruck, Sie
wollen mir keine Antwort geben.
Millers Gesichtsausdruck zeigte gutmtigen Widerwillen.
Reiben, was ist nur mit Ihnen los? Ich werde mich doch
nicht bei Ihnen beklagen. Ich bin Captain. Es gibt da bekannt-
lich so was wie die Befehlskette. Beschwerden gehen nur in
eine Richtung - nach oben. Nur nach oben, nie nach unten.
Ich wollte ja nur Ihre Meinung hren, Sir ...
106
Die Sache funktioniert so - ihr beschwert euch bei mir, und
ich beschwere mich bei meinen vorgesetzten Offizieren.
Scheie schwimmt gegen den Strom, habt ihr verstanden? Aber
ich meckere nicht an euch rum, und ich beklage mich nicht bei
euch. Wie lange sind Sie schon bei der Army?
Sie haben recht, Sir, gab Reiben zu.
Es tut mir leid.
Verschmitzt fugte er hinzu: Captain, wenn Sie aber gar kein
Captain
wren,
oder wenn ich, sagen wir mal,
ein Major wre
was wrden Sie dann sagen?
Miller dachte nach, wobei er die grnen Hecken keinen
Moment aus den Augen lie. In diesem Fall wrde ich sagen,
das ist ein ausgezeichneter Einsatz, Sir, der ein auerordentlich
107
Nrdlich von Sainte-Mere-Eglise - in den umliegenden
Hgeln grollte der Donner mittelschwerer Art
illerie,
gelegentlich wurde die Sptnachmittagsstimmung von
Kleinkaliber-Feuer und Granatenexplosionen unterbrochen -
lag das Drfchen Neuville-au-Plain. Vor kurzem noch eine
malerische Touristenattraktion, war es jetzt in einen Schutthau-
fen verwandelt.
Ein- und zweigeschossige steinerne Wohnhuser und sonstige
Gebude, die jahrhundertelang der Witterung und der
Benutzung durch Menschen standgehalten hatten, lagen in
Trmmern. Andere Bauwerke standen nur noch zur Hlfte; hier
war eine Mauer weggesprengt, dort ein Dach eingestrzt.
Holz, Steine und Trmmer bedeckten die Kopfsteinpflaster-
strae, ber die Captain Miller seinen Trupp dirigierte. Vor
ihnen lag eine halb weggeschossene Mauer, hinter der sich ein
sporadisch aufflackerndes Feuergefecht abspielte. Miller
winkte seinen Mnnern, ihm zu folgen und sich so dicht wie
mglich an der Mauer entlangzubewegen. Als Miller um die
Ecke sphte, sah er, wie gerade eine Handvoll Dorfbewohner
ber die von Verwstung gezeichnete Strae eilte. Allem
Anschein nach war es eine Familie: Vater, Mutter, vielleicht
eine Tante und mehrere Kinder, alle mit dem benommenen
Gesichtsausdruck von Menschen, die gerade ein Erdbeben
berlebt hatten. Unwillkrlich rhrte Miller diese ergreifende
Szene aus dem normalen Leben. Diese alltglich gekleideten
Zivilisten hatten nichts gemein mit seiner
von Olivgrn
geprgten Welt - der Mann im dunklen Anzug, die beiden
Frauen in farbenfrohen Kleidern, das Mdchen mit kurzem
Rock und der Junge in weiem Hemd und kurzen Hosen -, und
Miller war erleichtert, als die kleine Familie wohlbehalten in
108
ein halbzerstrtes Gebude auf der anderen Straenseite
gelangt war. War das ihr Haus, oder besser, was davon
briggeblieben war? War dieses Dorf durch feindliches Feuer
zerstrt worden, oder hatte ihre eigene Artillerie es in Schutt
und Asche gelegt?
Er zog den Kopf genau in dem Moment zurck, als eine
Kugel ein Stck aus dem Mauerstein neben seinem Kopf
heraussprengte. Zuvor aber hatte sich M
iller im Geiste
eingeprgt, wo die mgliche Schulinie des Heckenschtzen
verlief, in der amerikanische Fallschirmjger - sicher von der
101. - hinter Hauseingngen und Trmmern in Deckung lagen
und sich dann und wann mit dem unsichtbaren Feind ein
Feuergefecht lieferten.
Donner, brllte M
iller.
Einen Augenblick spter folgte die Antwort: Blitz! Kommt
riiber!
Miller schaute sich zu seinen Mnnern um.
Wenn ich euch rufe, rennt ihr los, immer nur einer. Macht's
wie beim Gelndelauf, Jungs, immer im Zickzack.
Die Mnner nickten, Miller atmete tief durch
und lief los, so
schnell und mit so unberechenbarem Kurs, da die Kugeln der
Deutschen immer ein Stck hinter ihm einschlugen. Se
kunden
spter schon hatte er in einem Hauseingang Deckung bezogen.
Upham, den praktisch nur noch die Bewunderung fr seinen
Captain aufrecht hielt, war bei Millers Ma
nver leichenbla
geworden.
Jackson, der das bemerkte, meinte: Keine Sorge, Junge. Die
knnen den Captain gar nicht kriegen.
Von wegen! erwiderte der Sarge.
Doch, da hat Jackson wirklich recht, Sarge, mischte sich
Reiben ein. Das ist irgendwas bernatrliches, oder vielleicht
hat es auch was mit Wissenschaft zu tun. Ich kann's mir
jedenfalls nicht erklren, aber ich hab's selbst gesehen. Als ob
109
er ein Magnetfeld um sich htte und die Kugeln einfach
abprallen wrden.
Ja, haben wir alle schon gesehen, sagte Caparzo. Er grinste
und schttelte den Kopf. Der hat neun Leben oder so.
Jedenfalls braucht er keine kugelsichere Weste - der
ist
kugelsicher. Wie lt sich das sonst erklren ...
Niemand ist kugelsicher, widersprach der Sarge. Diese
Mischung aus Bewunderung und Flapsigkeit behagte ihm gar
nicht. Redet euch doch nicht so einen Schei ein
. Niemand ist
kugelsicher!
Auf der anderen Straenseite kam Miller geduckt aus dem
Hauseingang hervor und lief in gebckter Haltung den
Huserblock entlang, so da es den Anschein hatte, er liee
sich von der Thompson, die er in den Hnden hielt, fortziehen.
Schlielich verschwand er in einer Hofeinfahrt, wo ein Trupp
Fallschirmjger ihn bereits erwartete. Nur knapp auerhalb der
Schulinie - oder besser: darunter, denn die obere Hlfte der
Toreinfahrt war weggesprengt, und was blieb, war eine
beschdigte Ziegelmauer - hockten zehn verdreckte, arg
mitgenommene und erschpfte Fallschirmjger mit schube-
reiten Waffen. Unter ihnen befanden sich vier Verwundete mit
blutbefleckter Kleidung und verschmierten Gesichtern, die
vom Schock gezeichnet waren. Allerdings schien keiner von
ihnen lebensgefhrlich verletzt zu sein. Miller kniete sich vor
sie hin und rief in die Richtung, aus der er gekommen war:
Wade! Verwundete!
Private Goldman, Sir, stellte sich ein junger Mann mit
rundem Gesicht vor.
Miller.
Kleinkalibrige Automatikwaffen begannen zu feuern:
Wade war unterwegs.
Ihr Anblick ist vielleicht 'ne Erlsung fr unsere entzndeten
Augen! rief Goldman, dreiundzwanzig, Chicago, I
llinois. Zu
110
seinem Sergeant gewandt meinte er: Sarge, unsere Verstr-
kung ist eingetroffen!
Sergeant William Hill, neunundzwanzig, Pensicola, Florida,
lief geduckt an seinen Leuten vorbei bis zu der Stelle, wo
Miller, auf seine Thompson gesttzt, kniete.
Wieviel Mann haben Sie bei sich? fragte Sergeant Hill.
In seiner Stimme schwang Verzweiflung mit. Inzwischen
erreichte Wade in gebckter Haltung die Toreinfahrt, und
Miller schickte ihn zu den Verletzten, die der Sanitter sogleich
zu versorgen begann.
Ich mu Sie leider enttuschen, sagte M
iller, aber wir sind
nicht Ihre Verstrkung. Wir sind nur zu acht.
Das Knattern weiterer Schsse verriet ihnen, da wieder ein
Mann zu ihnen unterwegs war.
Ich hre wohl nicht recht? Verdammte Scheie, was ...?
Der Sergeant bemerkte, da er sich im Ton vergriffen hatte,
und korrigierte sich: Was meinen Sie damit, Sir?
Wir haben einen Spezialauftrag. Wir suchen einen gewissen
Private James Ryan.
Wen? fragte Goldman eher verwirrt als enttuscht.
Private James Ryan, wiederholte M
iller geduldig.
Und wieso? wollte der verblffte und leicht genervte
Sergeant wissen.
Reiben erreichte mit seiner Browning-Automatic die scht-
zende Toreinfahrt.
Miller nickte ihm zu
und wandte sich dann wieder an
Sergeant Hill: Kennen Sie ihn? Ist er hier bei Ihnen?
Hill verdrehte die Augen und schttelte verbittert den Kopf.
Dann hatte er sich wieder soweit in der Gewalt, um eine
hfliche Antwort zu geben: Vielleicht in einer gemischten
Einheit auf der anderen Seite der Stadt. Ist aber zur Zeit etwas
schwierig, dorthin zu kommen ... Durch einen deutschen
Angriff ist vor ein paar Stunden jede Verbindung zwischen uns
111
abgerissen. Wie war der Name noch mal?
Neuerliches Geknatter erscholl aus Handfeuerwaffen: Wieder
hatte einer seiner Mnner den lebensgefhrlichen Spurt gewagt.
Ryan, sagte M
iller. James. Private. Auch einer von der
Hundertersten, mu zusammen mit Ihnen abgesprungen sein.
Sie warteten, bis der Rest von M
illers Mnnern einer nach
dem anderen angekommen war: Alle, sogar der leichenblasse
Upham, waren erfolgreich den Kugeln ausgewichen, die ihren
Sprint begleitet hatten.
Dann erst rief Hill ber seine Schulter nach hinten: Melder!
Melder sofort zu mir!
Private Harold Nelson, Omaha, Nebraska, ein drahtiger
junger Mann
mit Sommerprossen im Gesicht, eilte nach vorne.
Als Melder brauchte er keine lstige Ausrstung zu tragen,
doch dafr stand ihm ein Spierutenlauf bevor.
Finde heraus, wo Captain Hamill steckt, befahl ihm der
Sergeant. Hier ist ein Suchtrupp, der nach einem Private
Ryan, James Ryan, sucht. Einer von der Hundertersten, ist aber
wahrscheinlich falsch abgesprungen. Der junge Mann nickte,
sphte kurz ber die Mauer, um seine Laufstrecke vorzuplanen,
und schon war er um die Ecke gebogen und legte einen Sprint
hin, mit dem er sich auf der Stelle fr jede College-Mannschaft
qualifiziert htte. Miller
und die anderen beugten sich gerade
weit genug vor, um beobachten zu knnen, wie der Melder
hinter Mauern verschwand, fr kurze Zeit in Hauseingnge
eintauchte und dann wieder fr Sekundenbruchteile in Sicht
kam, wenn er in vollem Lauf Straen berquerte. Millers
Mnner hatten sich bereits unter die Fallschirmspringer
gemischt, als Sergeant Hill einige Erluter
ungen zur Lage
seiner Truppe gab.
Wir wurden hier von starkem Feuer aufgehalten, das aus
stlicher Richtung kam, berichtete er. Die Jerrys sind schon
den ganzen Tag dabei, zwei ihrer Regimenter zu verstrken.
112
Die Straen sind aber ruhig gewesen in der letzten - er
schaute auf seine Armbanduhr - Dreiviertelstunde, sagen wir
mal. Die Jerrys konzentrieren ihre Feuerkraft jetzt auf den
westlichen Teil des Ortes.
Als ich eben da drauen um die Kugeln herumtanzen mute,
fand ich's aber gar nicht so ruhig, wandte Reiben ein.
Wie zur Bekrftigung dieser Aussage lieen Handfeuer-
waffen wieder ihr Knattern hren. Es klang erstaunlich
harmlos, wie die Popcornmaschine in einem Kino, doch die
Soldaten wurden schlagartig an die Gefahr erinnert, in der der
Melder schwebte.
Miller lugte hervor
und sah, wie die harte Erde der Dorfstrae
beim Aufschlag der Kugeln hochspritzte. Eine erwischte den
Melder im Bein, und der Junge strzte zu Boden, auf sein
unverletztes Knie.
Sperrfeuer! brllte Hill, worauf seine
und M
illers Leute
sich an der halben Wand in Position brachten und wahllos
drauflos schossen, nur nicht auf den am Boden liegenden
Melder.
Scheie, wohin schieen wir eigentlich? fragte Reiben
zwischen zwei Salven aus seiner Browning-Automatic.
Und von wo kommen diese Schsse?
Die stehen hinter der Ecke dort, wo wir keine Einsicht
haben, antwortete M
iller. Wir verschwenden Muniti
on, aber
es macht wenigstens Krach.
Nach einer Weile sagte Hill mit finsterer Miene: Feuer
einstellen ... Er braucht Platz, um sich zu bewegen.
Was die anderen dort sahen, war nicht mehr der leichtfige
Melder von vorhin, sondern ein Verwundeter, der mhsam
ber den Boden kroch. Rings um ihn her ertnte das Gerusch
von knackendem Popcorn, und kleine Staubwolken stiegen auf.
Die Bewegungen, mit denen er Deckung zu erreichen suchte,
erinnerten an einen Schwimmer, der dem rettenden Ufer
113
entgegenstrebte.
Schlielich lag er vllig regungslos da. Das Gerusch von
aufplatzendem Mais hatte ebenfalls aufgehrt.
Armer Hund, sagte Reiben.
Vater unser im Himmel, fing Jackson an und behielt den
Rest fr sich.
Pltzlich war zum Entsetzen der GIs wieder das Gerusch der
Popcornmaschine zu hren. Der zweifellos bereits tote Melder
wurde von Kugeln durchsiebt und dabei durchgeschttelt wie
ein unartiges Kind. Die Geschosse lieen Staub und Blut
aufspritzen.
Verfluchte Schweine!
brllte Caparzo mit geweiteten
Augen. Die Adern und Sehnen an seinem Hals traten deutlich
hervor.
Ihr verfluchten sadistischen Wichser!
Die unntze Schndung der Leiche wollte kein Ende nehmen;
Dutzende von Salven schienen dem Gefallenen zuckendes
Leben einzuhauchen.
Die wissen genau, da wir vom Rest unserer Einheit abge-
schnitten sind, sagte Sergeant H
ill leise.
Sie werden jetzt jeden Melder aufs Korn nehmen. Wollen
uns davon abhalten, weitere zu schicken.
Himmelherrgott!
schrie Caparzo.
Warum hren die nicht
auf, ihn zu durchlchern?
Solange auch nur die geringste Chance besteht, da er noch
lebt, erklrte Miller, so lange kann er auch noch seine Bot-
schaft berbringen.
Eine Mischung aus Wut und Angst malte sich in den
Gesichtern der Mnner vor ihm, die im Schutz der halben
Mauer ihre Waffen umklammert hielten. Miller kommentierte
trocken: Wir wrden das gleiche tun.
Diese Bemerkung ernchterte die Mnner und ihre Wut ver-
rauchte. Dann marschierten sie weiter.
114
Upham und Reiben begegneten sich in einem Hauseingang.
Nun sag mal, woher kommt eigentlich der Captain? flsterte
Upham.
Reiben antwortete: Wenn du das rauskriegst, geht der
Hauptgewinn an dich.
Jackson hatte in einem benachbarten Hauseingang Deckung
gefunden und das leise Gesprch mit angehrt. Die kostbare
Przisionswaffe im Arm, mischte er sich ein: Der letzte Stand
war dreihundert Piepen.
Dann kam Mellish vorbeigesaust, um sich ein Stck weiter
hinter einem Trmmerhaufen zu verschanzen. Dabei schaffte er
es noch, Upham mitzuteilen: Wir haben nmlich eine
Kompaniekasse. Mit fnf Musen bist du dabei.
Kurze Zeit spter bewegte sich die ganze Gruppe an einer
Mauer entlang. Da Miller ganz vorne war, bekam er nicht mit,
da die Unterhaltung sich um ihn drehte.
Wei denn niemand, woher er kommt oder was sein
Zivilberuf ist? fragte Upham.
Der Sarge packte ihn und zog ihn mit einem Ruck weiter, den
Rcken an der Mauer. Bin schon seit dem Kasserine-Pa mit
ihm zusammen, sagte Horvath, und ich habe nicht die
leiseste Ahnung.
Reiben, der sich ebenfalls mit dem Rcken an der Mauer ent-
langdrckte, schlo zu ihnen auf.
Ist doch ganz einfach. Den haben sie auf der Offiziersschule
aus lauter Einzelteilen toter GIs zusamengebaut.
Von weiter vorn meldete sich Caparzo zu Wort: Leute, ich
wei alles ber den Captain. Ich hab' nmlich mal in seinen
Rucksack geguckt.
Erzhl doch keinen Schei, Caparzo! sagte Jackson in
einem vulgren Ausbruch, wie er bei ihm selten vorkam;
bezeichnenderweise entweihte er dabei aber nicht den Namen
115
des Herrn. Du hast ja keinen blassen Schimmer, Mann.
Nenn's ruhig Schei, du blder Hinterwldler, gab Caparzo
hochnsig zurck.
Ich warte einfach in aller Ruhe ab, bis so viel in der
Spielkasse ist, da es sich fr mich lohnt. Dann zeige ich euch,
was ich habe, und ihr knnt es lesen und weinen.
Seht! machte der Sarge vor ihnen.
Nun, da die Anspannung immer grer wurde, blieb es auch
still, denn der Trupp nherte sich seinem gefahrvollen Ziel, wo
die Heckenschtzen auf der Lauer lagen. Ihre Stiefel scheuer-
ten am Kopfsteinpflaster, als Millers Leute hin- und herflitzten
wie Darsteller in einem franzsischen Lustspiel, die von einem
Schlafzimmer zum anderen hasten - nur da hier trotz der
franzsischen Requisiten alles andere als ein Lustspiel gegeben
wurde. Von Stellung zu Stellung schoben sie sich vor, wobei
sie sich durch Blicke und Zeichen verstndigten.
Miller winkte ihnen mit einem Gesichtsausdruck, der soviel
bedeutete wie
Los, weiter, du als nchster ...
Sie kamen zu einem zweistckigen Gebude, dessen Fassade
halb weggebrochen war, so da man freien Blick auf das
Erdgescho und zwei Etagen hatte. Die Mbel standen noch an
ihrem Platz, nur die Auenwand fehlte, so da man glauben
konnte, man sei in einer Ausstellung ber das brgerliche
Privatleben in einer franzsischen Kleinstadt gelandet.
Da pltzlich knarrte es ber ihnen. Der Trupp ging in die
Hocke, die Waffen richteten sich schubereit nach oben.
Sergeant Hill rief das Codewort: D
onner! Lange Sekunden
vergingen, ohne da eine Antwort kam. Donner, verdammt
noch mal. Donner! Sonst erffnen wir das Feuer ...
Von oben wurde eine Mnnerstimme hrbar
:Ne tirezpas! On
est Frangais!
Halt, stopp! rief Upham. Das sind Zivilisten!
So? sagte Horvath. Dann wrde ich gerne mal die Farbe
116
ihrer Klamotten sehen! Upham rief:
Montrez-vous!
Oben im ersten Stock zeigte sich ein Mann, ohne Zweifel ein
Dorfbewohner: Er war schlank, um die dreiig Jahre alt, trug
einen braunen Anzug mit gelber Krawatte und sah sehr erregt
aus. Er kam mit erhobenen Hnden.
Ne tirez pas!
sagte er
mit einer eigenartigen Mischung aus Hoffnung und Verzweif-
lung in der Stimme.
Nun tauchte eine hbsche, etwa fnfundzwanzigjhrige Frau
im Blmchenkleid auf, die ein Baby im Arm trug.
Ein flehender Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
On n'est pas
des soldats et on n'est pas arme,
sagte sie. Gleichzeitig stie
ihr Mann hervor:
Baissez vosfusils, nous sommes vos amis!
In den Ohren der Amerikaner htte sich dieser Wortschwall
auch dann wie Kauderwelsch angehrt, wenn die beiden
Franzosen nicht aufgeregt durcheinandergeredet htten.
Nicht alle gleichzeitig! rief Miller
und machte dazu die
berall verstndliche Handbewegung fr
Stopp.
Immer nur einer!
Der Captain winkte Upham zu sich und befahl ihm: Fragen
Sie sie, wo die Deutschen liegen. Upham nickte, schaute zu
dem Paar mit Kind hoch und fragte:
Ou sont les Allemands?
Der Mann nickte heftig, und seine Worte berschlugen sich:
Qa va pas! Ils sont partout, vous devez emmener les enfants!
Was erzhlt er von Kindern? fragte M
iller mit Falten auf
der Stirn. Mensch, was sagt er denn?
Wei ich auch nicht so genau, mute Upham frustriert
zugeben. Er redet so schnell ... irgendwas, da die Kinder
weggebracht werden sollen ...
Das Paar verschwand einen Moment lang. Als sie wieder
auftauchten, hatte der Vater ein Mdchen von hchstens vier
Jahren an der Hand, und am Kleid der Mutter hielt sich ein
ngstlicher, vielleicht fnfjhriger Junge fest. Der Vater fhrte
seine Tochter an den Rand dessen, was ihr Wohnzimmer
117
gewesen sein mute, umfate ihre Handgelenke und hievte sie
pltzlich nach unten zu den Soldaten. Das Mdchen fing an zu
weinen und ruderte unter ihrem blauen Rschenrckchen mit
den in der Luft baumelnden Beinen.
Je vous la passe!
sagte
der Vater und hielt sein Tchterchen ber sie, als seien sie
Feuerwehrleute, die ein brennendes Gebude evakuierten.
Scheie! fluchte Miller.
Ich glaube, hier in der Gegend sagt man eher
merde
dazu,
meinte Reiben. Diese Wort entsprach ziemlich genau einem
Drittel seiner Kenntnisse der Landessprache.
Sie wollen, da wir ihre Kinder nehmen, bersetzte Upham
brav.
Soviel habe ich auch mitbekommen! erwiderte Miller,
whrend das Mdchen noch immer ber ihnen pendelte.
Erklren Sie ihnen, da wir Kinder hier nicht gebrauchen
knnen ...
Mut nicht weinen, meine Se, sagte Caparzo zu dem
kleinen Mdchen und lchelte sie an. Er schnitt Grimassen,
worauf sie zu lachen begann. Jetzt hatte es den Anschein, als
ob sie spielten: Vati schaukelte oben das Kind, und unten
standen die lustigen Onkel. Inzwischen dolmetschte Upham:
Nous ne pouvons pas les prendre avec nous!
Doch Caparzo streckte sich, und als ihr Vater sie loslie und
118
Miller atmete tief ein
und versuchte, irgendwie die Fassung
zu bewahren angesichts des Eindringens zweier franzsischer
Kinder in seine Welt.
Je ne veuxpasy aller!
sagte das Mdchen hochrot.
119
Der Vorschlag lie Miller keineswegs kalt, doch sein barscher
Tonfall verriet nichts davon. Er herrschte Caparzo an: Unser
Auftrag lautet nicht, gute Taten zu vollbringen. Wir haben Be-
fehlen zu gehorchen. Auch
Sie
haben Befehlen zu gehorchen.
Aber Captain ...
So, und jetzt reichen Sie dieses verdammte Kind wieder zu
seinen verdammten Eltern hoch.
Die Mnner aus Millers Trupp machten berraschte Gesich-
ter. Sie hatten den Captain immer fr einen anstndigen Kerl
gehalten, auch wenn er manchmal militrische Strenge an den
Tag legte, aber diese Hrte schien ihnen vllig berzogen.
Auch Sergeant Hills kampferprobte Fallschirmspringer waren
verblfft. Caparzo schaute das Mdchen auf seinem Arm an,
die Kleine kicherte und schmiegte sich an ihn. Er schluckte.
Seine Augen waren feucht.
Reichen Sie sie wieder hoch, Caparzo, sagte M
iller. Seine
Stimme war leise, aber nicht sanft.
Tun Sie es. Und zwar auf der Stelle.
Aber Sir, wandte Caparzo ein, ich glaube nicht
Niemand sollte je erfahren, was Caparzo nicht glaubte, denn
ein Projektil pfiff heran, die Kugel eines Scharfschtzen aus
einem Przisionsgewehr drang in Caparzos Krper ein und
durchschlug seine Brust. Blut spritzte auf das Familienmobiliar
im Erdgescho des Hauses. Die Wucht des Geschosses warf
Caparzo um und schleuderte ihn auf das Kopfsteinpflaster. Erst
in diesem Moment hallte der Knall des Schusses durch die
Strae. Jetzt hatte der Private aus Chicago auch das kleine
Mdchen aus Neuville losgelassen.
Sie fiel, landete aber auf den Fen - unversehrt, doch vllig
entgeistert und verstrt.
Wie alle anderen ringsum.
120
Entsetzte Rufe und wste Flche vermischten sich mit dem
angstvollen Plappern der Eltern, die am Rande ihres nach
auen offenen Wohnzimmers standen. All das wurde von
Caparzos Schmerzensschreien bertnt. Der Private lag wie ein
Kfer auf dem Rcken und brllte: Mich hat's erwischt! Mich
hat's erwischt! Er blutete frchterlich. Nur wenige Schritte
neben ihnen trmte sich in der Mitte der Strae ein Schuttberg
auf, hinter dem Miller
und die meisten seiner Leute Deckung
nahmen - Bretter, Steine, Zementbrocken, Trmmer von
Backsteinmauern, gekrnt von einem schmiedeeisernen
Gewirr, das einmal eine Balkonbrstung gewesen war. Auch
Sergeant Hill
und seine Fallschirmjger suchten hier Schutz,
einige hatten sich auch in Hauseingnge geflchtet.
Doch zwei Mnner aus Millers Trupp blieben in der
Todeszone: Wade, der Sanitter, eilte seinem am Boden
liegenden Kameraden zu Hilfe, und Upham kmmerte sich um
die beiden Kinder. Das Mdchen und der Junge standen mit
weit aufgerissenen Augen wie gelhmt da.
Caparzo! schrie Mellish hinter dem Trmmerhaufen her-
vor.
Mich hat's erwischt! brllte der wild um sich schlagende,
blutende Caparzo.
Oh, lieber Gott, hab Mitleid! Mich hat's erwischt!
Das wird schon wieder, Kumpel, konnte Wade gerade noch
sagen, bevor ihn der Sarge eigenhndig hinter den
Schutthaufen zog. Auch Miller war noch einmal aus der
Deckung gesprungen, um Upham am Kragen zu packen.
Er zerrte ihn mit solcher Gewalt von den reglos dastehenden
Kindern weg, da dem Corporal die Luft wegblieb. Ein zweites
Gescho, in dessen Flugbahn sich gerade eben Upham noch
121
befunden hatte, schwirrte vorbei und grub sich in eine Mauer,
und eine Sekunde spter folgte der Schall des Schusses. Den
Kindern, die immer noch wie angewurzelt dastanden, aber
inzwischen weinten, war nichts geschehen. Sie waren nicht das
Ziel des Scharfschtzen. Doch Miller wute, da jeder, der
ihnen zu helfen versuchte, sein nchstes Opfer werden wrde.
Millers Mnner schauten immer wieder ber den Rand des
Schuttberges zu Caparzo hinber, der auf dem Rcken lag, sich
vor Schmerzen wand und schreiend seine Freunde und Gott um
Hilfe anflehte, whrend die Blutlache sich bestndig
vergrerte. Caparzos Qualen waren ihre Qualen.
Kpfe runter! fuhr der Sarge sie an, und sie gehorchten
widerwillig.
Teufel noch eins! Sergeant Hill hatte den Schutthaufen im
Rcken und kauerte, das Gewehr in der Hand, neben M
iller.
Woher ist dieser verfluchte Schu gekommen?
Miller schwieg
und blickte auf den Soldaten neben sich -
seinen Scharfschtzen Jackson, den Fachmann fr solche
Fragen.
Ziemliche Entfer
nung, meinte Jackson. Er lag ja schon
getroffen da, bevor wir berhaupt den Schu gehrt haben.
Caparzos Schmerzensschreie peinigten alle Mnner des
Trupps, und das angsterfllte Kreischen der Eltern, deren
Kinder weinend und ohne sich zu rhren unten in der
Schulinie standen, vereinfachte die Lage auch nicht. Wade
kam zu seinem Captain geflitzt; auf dem Gesicht des Sanitters
malten sich Verzweiflung und Sorge.
Himmelherrgott noch mal! Wie stellen Sie sich das vor - wir
mssen Caparzo da wegholen!
Sie bleiben hier, Wade, sagte Miller. Das ist ein Befehl.
Von einem Moment zum anderen hrte Caparzo auf zu
schreien, als wre es ihm auf die Dauer zu anstrengend. Er
betastete mit der linken Hand seinen Oberkrper, besonders die
122
Wunde auf der rechten Brustseite. Die Einschustelle blutete
gar nicht schlimm, doch aus dem Austrittsloch sprudelte das
Blut: Es sah aus, als sei er in rotes Scheinwerferlicht getaucht.
Er versuchte seinen rechten Arm zu bewegen, aber es gelang
ihm nicht; reglos lag der Arm da, nicht mehr zu gebrauchen.
Dann fand Caparzos linke Hand den Weg unter die Jacke und
in die Hemdtasche, von wo sie einen roten, durchnten
Feldpostbrief hervorzog. Offenbar versuchte er sich aufzu-
setzen, womit er nicht sehr weit kam. Doch dabei erblickte er
die riesige Blutlache.
O Gott ... O ... O Gott
, murmelte er und sah zu, wie das
Leben aus ihm herausrann.
Gott ... Mein Gott ...
War es ein
Gebet? Ein Fluch? Gab es da berhaupt einen Unterschied in
diesem Krieg? In Miller zerbrach etwas, als er diese Szene mit
ansah, aber das durfte er nicht zeigen.
Zu Jackson gewandt, sagte er: Geben Sie mir eine
Schtzung.
Reiben lugte ber den Rand des Trmmerhaufens.
Er war schon drauf und dran, Caparzo ungeachtet der Befehle
Millers in die schtzende Dec
kung zu ziehen, als pltzlich ein
Putzbrocken links oben auf dem Haufen wie eine explodie-
rende Granate auseinanderbarst. Mrtelsplitter flogen durch die
Luft.
Das war der Moment, auf den Miller gewartet hatte, um
hervorzuspringen und sich mit jedem Arm ein Kind zu
schnappen. Er schleifte sie schon zurck in die Deckung, als
der Knall des Schusses bei ihnen ankam und widerhallte. Er
setzte die Kinder in einem Hauseingang hinter sich ab und
bedeutete ihnen, unten zu bleiben.
Scheie! sagte Reiben berrascht; er hatte sich wieder
hinter den Trmmern verschanzt. Blut lief ihm ber die linke
Wange: Ein scharfkantiges Stck Putz hatte ihn getroffen.
Miller stand neben Jacks
123
Nun, Private?
Gut vierhundert Meter, Captain. Plus minus.
Upham, der mit dem Rcken zu den Trmmern am Boden
sa, schaute verwirrt, fast im Schockzustand, zu ihnen hoch.
Ist das weit fr einen Schu?
Auf der anderen Straenseite, in dem Haus mit der fehlenden
Auenwand, drckten sich die Eltern aneinander, die Mutter
hielt ihr Baby im Arm. Sie schluchzten vor Erleichterung
darber, da ihre Kinder in Sicherheit waren.
Ich wrde sagen,
dort
hat
der Adler sein Nest, sagte Miller
und deutete die Strae entlang auf den grnen Hgel hinter
dem Dorf. Siebenhundert Meter von ihnen entfernt erhob sich
dort ein Schlo; man sah den Glockenturm der Schlokapelle -
ein alter, malerischer Bau, strategisch uerst gnstig gelegen.
Genau da wrde ich auch Posten beziehen, st
immte
Jackson zu.
Fr den einen ist es der Punkt mit dem besten berblick,
sagte Miller,
und fr den anderen ist es die Zielscheibe.
Jackson nickte. Denke, da ich dafr meine sechzig Dollar
im Monat bekomme, Sir.
Mit diesen Worten zog Jackson ein lngliches ledernes Etui
aus seinem Rucksack hervor, wie es Billard-Spieler fr ihr
Lieblings-Queue benutzen. Er ffnete es, und ein glnzendes,
langgestrecktes Zielfernrohr kam zum Vorschein.
Caparzo schwanden die Sinne. Immer noch hielt er den
blutgetrnkten Brief in der linken Hand, so als bte er ihn
jedem an, der ihn nehmen wollte. Man htte meinen knnen, er
treibe auf einem See aus Blut dahin - seinem eigenen Blut.
Helft mir doch ... irgendwer ... bitte ich verliere Blut ...
mein Blut ... Hilfe...
Mellish kmpfte gegen die Trnen an
und rief ihm mit
geballten Fusten zu: Halt durch, Kumpel! Junge, halt durch!
Jackson hatte sich hingehockt und befestigte nun das Ziel-
124
fernrohr an seiner Springfield. Upham kauerte neben ihm und
fragte: Wozu dient das?
Ach, das ist ein Spezial-Teleskop fr meine Dreiig-Null-
Sechser, erwiderte Jackson. Die Sockel hab' ich selber
angebracht. Nicht bel fr ein Landei, was?
Jackson zog den Schlagbolzen zurck und legte eine einzelne,
bergroe Patrone ein, die einem Lippenstift nicht unhnlich
war (allerdings eher fr Damen mit sehr groem Mund
geeignet).
Upham schluckte.
Du mut ja ein Wahnsinnsschtze sein.
So Durchschnitt, da wo ich herkomme, meinte Jackson.
Caparzo zerknllte den kostbaren Brief in seiner Faust; der
Schmerz mute strker geworden sein. Miller verzog auch jetzt
keine Miene, doch in seinem Inneren fhlte er die gleichen
Qualen wie der Verwundete und wie seine Mnner, die mit
ansehen muten, wie ihr Bruder verblutete.
Helft mir doch, wimmerte Caparzo.
Nicht reden! rief Wade aus der Deckung des Trmmerhau-
fens. Spar deine Krfte.
Mellish, der neben Wade kauerte
und wie dieser nichts lieber
getan htte, als seinem Kameraden zu Hilfe zu eilen, rief ihm
zu: Einen Augenblick noch, Kumpel, dann sind wir bei dir!
Halte durch!
Nein ... Caparzo versuchte noch einmal sich aufzusetzen.
Seine glanzlosen Augen richteten sich mit flehendem Ausdruck
auf die Gefhrten.
... Dieser Brief ... wichtig ... fr meinen Vater ... aber er ist
ganz blutig ...
Du bist jetzt sofort still, sagte Wade fast barsch. Dann
wandte sich der Sanitter an Miller
und bat: Sie
mssen
mich
zu ihm gehen lassen.
Bleiben Sie, wo Sie sind, Wade.
125
Captain, bitte ...
Der Befehl gilt. Jackson! Wird das heute noch was?
Gleich soweit, Sir.
Jacksons Scharfschtzengewehr war nun fertig zusammen-
gebaut, er stand hinter dem Schutthaufen, visierte ein Ziel am
Hang des Hgels an - es war klar zu erkennen, da es nicht das
Schlo oder sein Glockenturm waren - und bettigte den
Abzug. Oben am Hgel, schtzungsweise vierhundertfnfzig
Meter entfernt, lste sich ein trockener Ast vom Baum und
brach in kleine Zweige auseinander.
berprfe nur, ob der Schu abdriftet, bemerkte Jackson
beilufig.
Der schlaksige Private lud erneut seine Waffe und setzte sie
an. Er hielt sie fast zrtlich, locker und stab
ilisierte sie mit der
Schulter, so da sein Krper mit ihr eins wurde. Jacksons
Namensvetter Daniel Boone hatte ebenso sorgfltig gezielt,
auch Davy Crockett. Bren, Indianer und Mexikaner waren
niedergestreckt worden, wenn amerikanische Hinterwldler
wie Jackson ihr Ziel aufs Korn genommen hatten. Und jetzt
waren die Deutschen an der Reihe.
Caparzo hatte keine Ahnung, da Jackson im Begriff stand,
ihn zu rchen. Ihn beschftigte etwas ganz anderes. Mit aller
Kraft, die er nach dem groen Blutverlust noch aufbringen
konnte - und das war wenig -, warf er den zusammenge-
knllten, blutigen Brief seinen Freunden Wade und Me
llish zu.
Is' ganz blutig ... abschreiben ... will nicht, da Papa und
Mama ... das Blut sehen ... Schreibt ihn noch mal ab ...
Jetzt hr auf! rief Wade. Es wird alles gut werden, ich
kmmere mich gleich um dich ... Zu M
iller gewandt, flsterte
er verzweifelt: Captain ... er knnte noch durchkommen ...
Sie bleiben hier, wiederholte Miller.
Jackson?
O Herr, mein Gott, auf Dich nur will ich baue
n, sagte
126
Jackson leise, feierlich. Sein Auge befand sich vor dem Ziel-
fernrohr. Er wartete. Wartete auf seinen Schu.
La mich nicht verzagen ...
Im Schatten des Glockenturmes lag der Obergefreite
Wolfgang Gottberg, ein dreiundzwanzigjhriger Klner, auf
dem Bauch in der Fensterffnung, von wo aus er das Dorf
berblicken konnte. Er hatte eine perfekte Position; etwas
bedenklich war lediglich das ghnende Loch im Boden, durch
das er hinaufgeklettert war. Er versuchte ein neues Ziel ins
Fadenkreuz zu bekommen. Sein erstes Opfer lebte noch, doch
der Mann, der dort drben in seinem Blut lag und wild um sich
schlug, war keine zweite Kugel wert. Gottberg richtete sein
Zielfernrohr auf den Trmmerhaufen, hinter dem die anderen
Amerikaner Deckung gesucht hatten, und nahm einen helmtra-
genden Kopf ins Visier, der hinter dem Schutt hervorlugte. Da
blitzte etwas im Sonnenschein des Sptnachmittags auf. Etwas
Metallenes.
Dem Deutschen strubten sich die Nackenhaare. Es war der
Lauf eines Gewehres, unverkennbar, der berlange Lauf des
Przisionsgewehrs eines Scharfschtzen ... Es war Private
Daniel Boone Jackson, der da mit der Waffe auf ihn zielte.
O Herr, mein Gott, auf Dich nur will ich bauen. La mich
nicht wanken ...
Pltzlich erkannte Wolfgang Gottberg, da der Scharfschtze
ihn selbst im Visier hatte. Eilig nahm er den Mann ins Faden-
kreuz, wute aber, da sein Gegner ihn schon lngst fixiert
hatte. Sein Finger suchte hastig den Abzug, doch er kam nicht
mehr dazu, sich zu krmmen. Das Projektil des Amerikaners
war bereits in das Zielfernrohr des Deutschen eingedrungen,
durchschlug Gottbergs rechtes Auge wie eine Weintraube,
setzte seinen Weg durch den Schdel fort und zerri in einer
Eruption aus Glasscherben, Blut und Gehirnmasse seinen
127
behelmten Hinterkopf. Gottbergs Waffe glitt aus seinen
Fingern, die vom Gehirn keine Signale mehr erhielten, fiel
durch das Loch im Boden und schlug mit einem trockenen
Krachen unten auf, gefolgt von Gottberg selbst, der schon tot
war, als der Knall des Schusses durch die Landschaft hallte und
den Schlohof erreichte. Sein Tod war weitaus humaner als das
langsame Sterben, das Gottberg seinem letzten Opfer bereitet
hatte.
Jackson senkte das Gewehr, nickte Miller und den brigen zu
und sagte: Amen. Mge die Seele des Soldaten vor dem Herrn
Gnade finden.
Es blieb unklar, ob er damit sich selbst oder den Deutschen
meinte.
Jetzt knnen Sie gehen, sagte M
iller zu Wade.
Der Sanitter hastete mit Mellish im Gefolge zu Caparzo. Am
Rande des Blutsees aber machten sie halt, als wre es ein
Zeichen mangelnder Piett gegenber ihrem nun offensichtlich
toten Gefhrten, wenn sie weitergingen. Caparzos Kopf war in
Richtung der glnzendroten Flche geneigt, die Augen waren
weit geffnet und starr, und sein glasiger Blick ruhte auf der
Blutlache, mit der das Leben aus seinem Krper gewichen war.
Ooh, Scheie, sagte Me
llish mit zitternder Stimme.
Reiben kam hinter dem Hgel aus Trmmern hervor, er
murmelte: O verdammt... o verdammt...
Miller trat hinzu,
und Wade funkelte ihn an.
Doch der Captain hielt dem vorwurfsvollen Blick des
Sanitters stand.
Und das hier, sagte Miller barsch mit einer Kopfbeweg
zu den Dorfkindern hinter ihm, ist der Grund, weshalb wir
nicht auf kleine Kinder aufpassen knnen.
Diese Bemerkung war zuviel fr den Trupp, sogar fr den
Sarge. Sie schttelten den Kopf, rangen nach Luft, lachten
nervs und schauten dabei fassungslos auf ihren Captain.
128
Reiben blickte Miller mit einem schiefen Lcheln an.
Na, und nun? Was erwartet ihr denn? fragte M
iller.
Soll ich etwa einen Choral anstimmen? Sollen wir weiter
hier rumstehen und schmollen und warten, bis der nchste
Scharfschtze uns abknallt?
Der Captain watete durch das Blut des toten Soldaten und
bckte sich. Er ri eine von Caparzos Hundemarken ab und
steckte sie in die Tasche. Dann stand er auf und wies
mit dem
Kopf in die Richtung, in der sie ursprnglich unterwegs
gewesen waren.
Jackson, sagte er, nehmen Sie Me
llish mit,
und schauen
Sie sich im Schlo um. Vergewissern Sie sich, da die Gefahr
beseitigt ist.
Ja, Sir, sagte Jackson, und Me
llish schlo sich ihm an. Sie
gingen an Reiben vorbei, dessen Stirnwunde gerade von Wade
gereinigt wurde. Reiben meinte mit einem grimmigen Lachen:
Mit anderen Worten: Der Engel auf unserer Schulter war ein
Scharfschtze.
Nein, nein,
unseren
Engel haben wir noch, erwiderte
Mellish im Vorbeimarschieren. Merkt ihr nicht, wie er uns
aufs Hemd scheit?
Ich wrde sagen, Private James Ryan kann mich mal am
Arsch lecken, sagte Reiben. Kreuzweise und so oft er w
ill -
Mensch, lat mich blo in Frieden mit diesem Wichser!
Herrgott im Himmel - Reiben! sagte Jackson, bevor er
auer Hrweite kam, nun mach mal halblang. Dein Gequat-
sche geht mir auf den Geist!
Von wegen Gequatsche, du kleiner Heiliger. Du wirst schon
sehen: Caparzo ist nur der erste von uns, der fr Private Ryans
Rckfahrschein ins Gras beit.
Wade, der gerade Reiben verband, bemerkte ruhig: Private
Ryan hat Caparzo nicht gettet. Das war ein deutscher Scharf-
schtze.
129
In der Zwischenzeit stapften Jackson und Me
llish zu dem
Hgel, wo das Schlo lag. Miller befahl Horvath, die Fhr
des Trupps zu bernehmen, und whrend seine Soldaten in
Richtung Dorfplatz loszogen, betrachtete Miller Caparzos
blutdurchtrnkten, zerknllten Brief. Er wollte ihn gerade
aufheben, als er Wade neben sich bemerkte; der Blick des
Sanitters wanderte zwischen dem Brief und dem Captain hin
und her. Beide zgerten - wie Duellanten in einem Western, die
darauflauerten, da der andere zuerst zog. Schlielich bckte
sich Wade, hob den Brief von der ungepflasterten Strae auf
und stopfte ihn in eine Tasche. Dann folgte der Sanitter den
anderen, die sich an Mauern drckten, in Hauseingngen
niederkauerten und von Deckung zu Deckung flitzten.
Miller schaute noch einmal nach oben zu dem Mann
und der
Frau mit dem Baby im Arm; das Entsetzen auf ihren
Gesichtern zeigte ihm, da sie nun endlich begriffen hatten,
da ihre Kinder bei den Amerikanern nicht in Sicherheit waren.
Er lchelte den beiden Kindern im Hauseingang hinter sich zu,
und sie winkten zum Abschied.
Dann folgte er seinen Mnnern. Er tat sein Bestes, um seinen
Trupp zu schtzen, indem er die Strae und die u
mliegenden
Huser mit den Augen absuchte. Er wollte nicht noch einen
Mann verlieren ...
In der schlichten, verlassenen Schlokapelle drang das letzte
Sonnenlicht durch die Reste der Buntglasfenster, die die
Zerstrung berstanden hatten. Der Boden des Gotteshauses
war berst mit Trmmern
und Dielenbrettern. Auf den
Bankreihen lagen Gipsbrocken, abgebrckelte Farbe und
anderer Schutt.
Die Waffe mit dem langen Lauf in der knochigen Hand, trat
Jackson auf Zehenspitzen ein - nicht so sehr aus Ehrfurcht vor
seinem Gott, sondern aus Angst vor eventuell dort lauernden
130
Deutschen. Mellish folgte ihm in die Kapelle, blieb aber unten,
als Jackson die Turmtreppe bis zu einer kleinen Plattform
erklomm, die ihn zu einer verschlossenen Tr fhrte.
Mit schubereitem Gewehr trat Jackson sie einfach ein - doch
die Glockenstube war leer. Das Seil der Glocke hing hinab, und
durch die geffneten Bogenfenster blickte man auf die grne
Landschaft und Neuville-au-Plain ... weit und breit kein
Scharfschtze, weder ein lebender noch ein toter.
Jackson! rief Mellish
von unten. Ich hab' was gefunden,
was du liegengelassen hast!
Der hagere Scharfschtze achtete nicht auf seine Bemerkung,
sondern trat geduckt in die enge Glockenstube. Er wute zwar,
da ein Feind hier nicht genug Platz finden wrde, um sich zu
verbergen, aber er schaute sich trotzdem vorsichtig um. Dann
entdeckte er unter dem Fenster, das dem Dorf zugewandt war,
das Loch im Holzfuboden.
Er schob sich so weit an die weggebrochene Stelle heran, bis
er ein Stockwerk tiefer den verkrmmt daliegenden Leichnam
seines deutschen Widersachers erblickte. Daneben stand
Mellish
und blickte zu ihm empor.
Los, Jackson, sagte er gereizt.
La uns von hier verschwinden, Mann. Die Bude hier ist
leer, und dieser Kerl hat seine letzte Kugel verschossen.
Jackson lie sich durch das Bodenloch hinab und landete
neben dem toten Deutschen. Splitter knirschten unter seinen
Stiefeln.
Warte noch ganz kurz, bat Jackson seinen Kameraden. Der
hochgewachsene Mann aus Tennessee beugte sich zu seinem
Gegner hinunter.
Lieber Gott, begann Jackson leise.
Jesses, sagte Mellish,
du wirst doch wohl nicht fr den da
beten, oder? Wie kann es dir denn leid tun um so einen?
Schau dir doch mal diesen Schieprgel an.
131
Jackson fing an, das Gewehr des Deutschen zu untersuchen,
dessen zerschossenes Zielfernrohr lose herunterhing, hielt die
Waffe hoch, spannte den Bolzen und stie einen leisen Pfiff
aus. Herr, erbarme Dich ...
Willst du dir jetzt noch lange die Ausrstung der K
onkur-
renz angucken? Jackson, wir sind im Krieg! Schei auf diesen
Kerl! La uns verschwinden!
Ich komme ja schon, Mami, sagte Jackson, blieb aber noch
stehen. Als Mellish die Kapelle verlassen hatte,
hob Jackson
das Revers des Toten an und entdeckte das dort angesteckte
Scharfschtzenabzeichen des Deutschen.
Bingo, sagte Jackson, und nachdem er es herausgezogen
und eingesteckt hatte, eilte er seinem Gefhrten hinterher.
Bald hatten Jackson und Mellish ihren Trupp, Sergeant Hill
und seine Mnner am Dorfplatz eingeholt, wo diese in
Hauseingngen in Deckung gegangen waren. Ringsumher war
das Knattern von Handfeuerwaffen zu hren - nahe genug, da
die Mnner mit dem Finger am Abzug in angespannter
Aufmerksamkeit verharrten. Auf der gegenberliegenden Seite
des von Trmmern bersten Platzes erhob sich trotzig ein arg
mitgenommenes zweistckiges Backsteinhaus mit Weinranken
an den Mauern, wahrscheinlich das grte Gebude des Dor-
fes. Wie Hill ihnen erluterte, war es das Rathaus.
Miller
und H
ill standen zusammen in einem Hauseingang.
Der Captain stie den Sergeant mit dem Ellbogen an und wies
auf ein Fenster im zweiten Stock, zwischen dessen Lden ein
Maschinengewehrlauf hervorlugte. Es war Zeit, von hier
wegzukommen, und zwar schnell ... Da aber rief eine Stimme
aus dem Fenster: Donner! Eine Stimme, die sich sehr
amerikanisch anhrte.
Eine Woge der Erleichterung ging durch die Mnner, und
Sergeant Hill antwortete: Blitz!
132
Der Maschinengewehrlauf wurde eingezogen, worauf Hill
und M
iller einander zugrinsten
und erleichtert aufatmeten.
Mit seiner Thompson im Anschlag trat Miller hervor und
winkte
Los!
Alle seine Mnner brachen aus der Deckung
hervor und eilten ber den weitlufigen Platz, ohne da ein
Schu auf sie abgegeben wurde. Durch zwei riesige Einschu-
lcher in der Rathausmauer drangen sie in das Gebude ein.
Millers Gruppe kam durch ein Hinterzimmer herein und
bahnte sich ihren Weg durch eine Flucht von Rumen, deren
Decken eingestrzt waren, bis zur Eingangshalle, die von einer
zweistckigen Galerie umgeben war. An der Decke hing ein
recht pompser Kronleuchter, der den Krieg bislang unbescha-
det berstanden hatte. Ansonsten bot sich ein Bild des Chaos,
das Platzangst auslsen konnte: umgestrztes, demoliertes
Mobiliar, herabgefallene Balken, verstreute Backsteine und
ganze Mauerstcke - ein trostloser Anblick, der alles andere als
einladend auf die GIs wirkte.
In einem Teil der Eingangshalle, in den kaum Licht drang,
stand eine Handvoll Mnner flsternd beisammen, aber M
iller
dachte sich nichts dabei. Schlielich war ihnen gemeldet
worden, das Rathaus sei in der Hand von Amerikanern.
Herabgefallener Putz knirschte unter den Stiefeln von M
illers
Trupp, und sie stiegen gerade ber einen Haufen aufgetrmter
Deckenbalken, als diese Mnner - es waren fnf - sich zu den
Neuankmmlingen umwandten.
Die fnf Soldaten trugen graue Uniformen, keine olivgrnen -
was nur normal war, denn sie waren Deutsche.
Fr Sekundenbruchteile standen die Mnner auf beiden Seiten
wie erstarrt da. Doch dann wich die Lhmung von ihnen, und
jeder forderte in seiner Muttersprache die Hurenshne der
Gegenseite schreiend auf, sich zu ergeben. Waffen wurden in
Anschlag gebracht, Zeigefinger spannten sich um die Abzge.
Dann brach das Geschrei ab - genauso pltzlich, wie es
133
begonnen hatte. Die Amerikaner und die Deutschen befanden
sich in einer Patt-Situation, und beide Seiten waren sich dessen
bewut. Whrend einer kleinen Ewigkeit - es waren genau
fnfzehn Sekunden - sprach niemand, niemand rhrte sich.
Dann verlor ein junger Deutscher, der seine Luger auf die GIs
gerichtet hatte, die Nerven und drckte ab. Nichts tat sich,
auer da ein Nadelbolzen mit einem Klicken auf eine leere
Kammer schlug. Aber in der angespannten Stille kam das
Klicken einem Donnerschlag gleich, und M
iller
und seine
Leute begriffen, da der Deutsche sie erschieen wollte ...
Noch ehe Miller Gelegenheit hatte, eine Entscheidung zu
treffen - ihm war allerdings klar, da ein Feuerbefehl zu
gegenseitigem Gemetzel fhren wrde -, hagelten Maschinen-
gewehrsalven von oben herunter. Mndungsfeuer erhellte das
Halbdunkel wie aufflammende Streichhlzer, die vom Wind
gleich wieder ausgeblasen werden. Sthlerne Gewehrlufe
spien zwischen Gelnderstreben Feuer, Blei und Rauch. M
iller
und seine Leute warfen sich flach auf den Boden, whrend das
Quintett deutscher Soldaten, vom Kugelhagel durchsiebt, einen
grotesken Marionettentanz auffhrte. Blutdunst mischte sich
mit suerlichem Pulverdampf und dem aufgewirbelten Staub
der Trmmer, und auf den grauen Uniformen erschien ein
leuchtendrotes Punktmuster. Im Fallen erwiderte ein sterbender
Deutscher das Feuer, doch das einzige, was er mit der Salve
aus seiner Schmeisser traf, war der Kronleuchter. Mit einem
Hagel umherfliegender Glassplitter - Miller
und seine Leute
rissen schtzend die Arme vors Gesicht - krachte der Leuchter
zu Boden und begrub den Deutschen unter sich.
Die Stille kam ebenso pltzlich wie das vorausgegangene
Sperrfeuer. Teile des Gelnders segelten noch hinab, Pulver-
dampf hing in der Luft wie Nebelschwaden. Sergeant Hill
seine Mnner betrachteten mit schubereiten Waffen den Ort
des Gemetzels. ber ihnen sagte eine Stimme: Oben alles
134
klar!
Unten alles klar! erwiderte Sergeant Hill. Am Boden sahen
sich Horvath und M
iller in sprachloser Bestrzung an.
Mensch, da kriegt man ja graue Haare vor Schreck, fand
der Sarge schlielich die Sprache wieder.
Wenn's nur das ist, meinte Miller.
Der Captain stand auf, und seine Mnner folgten seinem Bei-
spiel. Trmmerstaub und Schmauch klebten an ihnen wie
Schuppen. Sie traten in die Mitte der Halle, um zu ihren Ret-
tern emporschauen zu knnen. Entlang des ganzen Gelnders -
besser gesagt, den berresten, die das Maschinengewehrfeuer
berstanden hatten - hockten Fallschirmjger, zwlf an der
Zahl. Sie betrachteten ihr grausiges Werk und nickten den
Mnnern zu, denen sie gerade das Leben gerettet hatten. Ihr
Anfhrer, Captain DeWayne Hamill, ei
nunddreiig, San
Diego, Kalifornien, ein blonder Mann mit ausladendem Kinn,
blickte vllig verwirrt durch die Wolke aus Staub und
Schiepulver auf Miller
und seinen Rangertrupp hinab.
Wir suchen Private Ryan, erklrte M
iller.
Mit Hilfe von aufgehuften Trmmern und frisch ausgeho-
benen Schtzenlchern hatten die Fallschirmjger der 101.
Luftlandedivision einen Verteidigungsring um den nrdlichen
Teil des Ortes gelegt. Trotz gelegentlich aufflackerndem Feuer
aus Handfeuerwaffen war dieser Teil von Neuville relativ
sicher. Der Anblick von amerikanischen Panzern im Halbkreis
eines von Maschinengewehren gesicherten Verteidigungs-
grtels wirkte sehr beruhigend auf Miller. Er und seine Leute
135
berquerten gerade zusammen mit Sergeant Hills Trupp und
Captain Hamills Fallschirmjgern die Bahngleise.
Wie war der Weg hierher? wollte Hamill wissen.
Malerisch, antwortete M
iller. Einen Jeep verloren, Teile
der Ausrstung und Munition.
Und einen Mann, ergnzte der Sarge neben M
iller trocken.
Miller tat so, als htte er das nicht gehrt, doch in Wahrheit
strte es ihn gewaltig, da sich Horvath berufen fhlte, den
Gewissensapostel zu spielen. Bei jungen Rekruten war er es
gewohnt, da sie sich an seiner scheinbaren Herzlosigkeit
stieen; aber von seinem kampferfahrenen Sarge durfte er
etwas anderes erwarten. Hamill steuerte auf einen hageren,
jungen Offizier zu, einem von denen, die es in einer dreiig-
tgigen Blitzkarriere zum Lieutenant gebracht hatten. Er stand
schrg gegenber auf der anderen Seite der Schienen und war
dabei, Panzer in ihre Position einzuweisen. Miller
und sein
Trupp hielten an, als Hamill auf den Soldaten zuging.
Schicken Sie mir Private Ryan her, befahl Hamill.
Ryan! brllte der Lieutenant in Richtung der Fallschirm-
jger innerhalb des Verteidigungsrings. Vorne, Mitte!
Ein behelmter Kopf tauchte aus einem Schtzenloch auf, und
der Soldat, der sich unter dem Helm befand, kam angerannt.
Dabei lie er beinahe sein Gewehr fallen und stolperte schlie-
lich noch ber eine Schiene.
Als er nahe genug herangekommen war, erkannten sie, da er
genauso dmmlich aussah, wie er gelaufen war: engstehende
Augen, Pickel wie ein pubertierender Jngling, Schneidezhne,
die einem Biber Ehre gemacht htten, und ein Kinn wie Andy
Gump - besser gesagt: berhaupt kein Kinn.
Sir, qukte Ryan und salutierte mit absurd wirkender,
136
Augen und raunte Me
llish zu: Na, was hab' ich dir gesagt? - 'n
Arschloch.
Stehen Sie bequem, erwiderte Hamill derweil. Captain
Miller hier mchte mit Ihnen spreche
Ryan zog die Stirn in Falten, so als ob dieses Ansinnen ihn
berforderte oder als htte Hamill ihm gerade befohlen, eine
Extremwertaufgabe zu lsen.
Sir?
Private, sagte Miller in militrischem, aber sanftem T
ich habe leider eine sehr schlechte Nachricht fr Sie.
Der Junge kniff die Augen zusammen, und er runzelte die
pickelige Stirn.
Sir?
Miller fhlte sich, als wrde er einem entlaufenen Welpen
einen Futritt verpassen.
Ich kann es Ihnen leider nicht schonend mitteilen, mein
Junge, also raus damit: Ihre Brder sind tot.
Waas?
Die Farbe wich aus dem Gesicht des jungen Mannes; er
machte ein Gesicht, als htte man ihm in den Magen geboxt -
einen sehr schlaffen Magen.
Ihre Brder sind nicht mehr am Leben ... mein Junge.
Ryan sank auf einen sthlernen Schaltkasten, den sein Hintern
wie zufllig gefunden hatte.
Tot ... tot, Sir? Alle tot?
Miller nickte dster.
Wir sind hier, um Sie nach Hause zu bringen, mein Sohn.
Sie fahren nach Hause.
O Gott, sagte der Junge. Klappernd fiel sein Gewehr auf
die Gleise, als er die Hnde hochri und sein Gesicht bedeckte.
Aus seinen Augen schossen die Trnen - als htte er diese
Trauer schon lange Zeit unterdrckt. Natrlich hatte jeder in
diesem Krieg solche Gefhle, die er zurckhielt ...
137
Meine Brder ... o Gott, meine kleinen Brder ...
Reiben flsterte Mellish zu: Der trgt's echt wie ein Ma
nicht?
Hamill drckte die Schulter des Jungen.
Es tut uns allen entsetzlich leid, James. Mein aufrichtiges
Beileid.
Meine Hmorrhoiden bluten fr ihn, wisperte Me
llish
Reiben zu. Doch in Wahrheit empfand Mellish Mitleid mit dem
schrgen Vogel; auch er hatte Brder.
Mit trnenberstrmtem Gesicht stie Ryan hervor: Wie
... wie sind sie denn ... gestorben?
Sie sind im Kampf gefallen, antwortete M
iller.
Der junge Mann runzelte verwirrt die Stirn.
Gefallen? ... In was fr einem Kampf denn?
Also ... Einzelheiten wei ich auch nicht. Es tut mir wirklich
leid.
Das kann nicht sein ...
Es fllt immer schwer, so etwas zu glauben.
Der Junge hatte aufgehrt zu weinen.
Nein, ich meine, das
kann
gar nicht sein. Ned und Richie
gehen doch beide noch zur Schule.
Jetzt hatte Miller das Gefhl, einen Schlag versetzt zu bekom-
men.
Ist es so was gewesen? Ein Unfall auf dem Schulhof? Viel-
leicht ein Unglck auf der Rutsche oder eine zusammengebro-
chene Wippe?
Miller musterte sein Gege
nber, als wre er ein Bakterium
unter dem Mikroskop.
Sie sind doch James Ryan?
Ja, sicher.
James F.?
Ja, genau. Das heit also, sie sind tot?
Der Junge begann von neuem zu schluchzen.
138
Reiben, den das Ganze belustigte, zischte Mellish zu: Viel-
leicht ist ja unter der Provinz-Turnhalle 'ne Landmine hochge-
gangen. Oder die Japse haben 'ne Schaukel angesgt.
Miller machte noch einen Versuch.
Sie sind wirklich James Francis Ryan?
Der Angesprochene schttelte so heftig den Kopf, da die
Trnen Miller wie Regentropfen bespritzten.
James
Frederick
Ryan.
Es htte immer noch sein
knnen, da sich jemand beim
Mittelnamen vertan hatte, ein Druckfehler. Also fragte Miller
nach: Iowa?
Minnesota. Brainerd.
Der Junge fragte weinend: Hei ... heit das, meinen Brdern
ist nichts passiert?
Ja, da knnen Sie sicher sein, sagte M
iller. Wir suchen
einen anderen Ryan.
Dieser Ryan jedoch, James Frederick, schluchzte weiter.
Sind Sie ganz sicher, da es meinen Brdern gutgeht?
Woher knnen Sie das denn jetzt
wissen?
Es liegt eine Verwechslung vor, mein Junge. Ich mu Sie
um Entschuldigung bitten.
Vielleicht ist ja
seinen
Brdern nichts passiert, und meine
sind ... o Gott ...
Nein, das glaube ich nicht.
Der Junge blinzelte, dabei blieben Trnen wie Perlen in
seinen Wimpern hngen.
Das heit also, Sie bringen mich nicht nach Hause?
Nein.
Jetzt flossen die Trnen erst richtig, und Hamill winkte einige
seiner Leute heran, die den immer noch auf dem Schaltkasten
sitzenden Ryan trsten und beruhigen sollten.
Die Fallschirmjger innerhalb des kleinen Verteidigungsrings
hatten genug mitbekommen, um die Komik der Situation zu
139
erfassen, und nur das Hohngelchter der gesamten Einheit hielt
Reiben davon ab, selbst herauszuplatzen. M
iller kam sich wie
ein Trottel vor und redete auf Captain Ha
mill ein: Himmel, tut
mir wirklich leid, diese Verwechslung.
Die militrische Aufklrung hat mal wieder zugeschlagen,
bemerkte Hamill nur.
In Begleitung von Ham
ill entfernten sie sich
von der
Gleisanlage. Der Sarge schlo zu Miller auf
und fragte: Wo,
zum Teufel, ist dann
unser
Ryan?
Fragen Sie mich was Leichteres, sagte Miller. Er wandte
sich zu Hamill. K
nnen Sie Kontakt zu Ihrem Vorgesetzten
herstellen?
Nein, es sei denn, Sie verstehen was von spiritistischen
Sitzungen.
Hab' ich befrchtet, brummte Miller. Hamill berlegte.
In welcher Einheit ist Ihr Ryan?
Baker-Kompanie, Fnfhundertsechste.
Hamill wurde hellhrig. Er rief zu Sergeant Hill hi
nber, der
mit seinen Leuten eine Zigarette rauchte.
Der Junge, der sich den Fu gebrochen hat, der war doch in
der Fnfhundertsechsten, oder?
Ja - Charlie-Kompanie, glaub' ich.
Hamill schaute zu Miller.
Zwar nicht Baker-Kompanie, aber zumindest ein Anfang.
Besser als alles, was
ich
zu bieten habe. Wo geht's lang?
Kommen Sie mit ...
Kurz darauf kamen Hamill und M
iller zu einem ausgebomb-
ten Lebensmittelgeschft, wo die Verwundeten der
Hundertersten sich drngten. Einer von ihnen war Lou Oliver,
vierundzwanzig, Phoenix, Arizona. Er sa da mit seinem
gebrochenen Fu, der durch den Verband das Ausma eines
Brotlaibs bekommen hatte, schaute zu den beiden Captains auf
und sagte: Ryan? Tut mir leid, den kenne ich nicht.
140
Wo sind Sie runtergekommen? fragte Miller.
Bei Vierville.
Millers Augen zuckten.
Mensch, wie hat es Sie denn dorthin verschlagen?
Oliver machte ein Gerusch, das halb wie ein Lachen und
halb wie ein Seufzer klang. Denke, es war Glck. Sir, unsere
C-47 geriet unter heftigen Beschu, und unser Pilot hat sein
Bestes versucht, damit wir die Scheie, die die Deutschen uns
da hochschickten, nicht abkriegten. Er flog im Zickzack, aber
beim Absprang haben sie wieder auf uns gefeuert ... war 'n
ziemliches Chaos.
Miller nickte.
Was soll's, nun bin ich hier. Bin froh, da ich's bis jetzt
berlebt habe. Aber von meiner ursprnglichen Einheit habe
ich keinen einzigen mehr gesehen. Wer wei, wo die alle
abgeblieben sind.
Ist irgendeinem Plappermaul von der Baker-Kompanie
vielleicht rausgerutscht, wo deren geplante Absprungzone war?
Irgendeiner, der nicht dichtgehalten hat?
Nein, Sir ... Aber ich wei, da die Baker-Kompanie densel-
ben Sammelpunkt hatte wie wir.
Miller gab ein zufriedenes St
hnen von sich; endlich eine
wirklich heie Spur. Er zog eine Karte hervor und entfaltete
sie.
Gut, sagte er. Zeigen Sie es mir.
Einige Minuten spter trafen Miller
und Hamill wieder bei
ihren Leuten ein, die es sich vor dem ehemaligen Lebensmittel-
laden bequem gemacht hatten.
Und? fragte der Sarge Miller. Haben wir ein Ziel?
Und ob, antwortete M
iller. Wir warten die D
unkelheit ab,
dann brechen wir auf.
Wie lange ist es bis dahin ... drei Stunden?
Ja, kommt hin. Drei Stunden.
141
Miller drehte sich zu Hamill.
Knnen Sie uns ein gutes Hotel empfehlen? Saubere Laken,
weiche Betten, Zimmerservice?
Gelchter in der ganzen Runde.
Ich denke, da htten wir was fr euch, sagte Hamill.
Sergeant Hill, bringen Sie die Mnner in die Kirche.
Ja, Sir, sagte Hill
und zog mit den Mnnern im Schlepptau
los. Die beiden Offiziere blieben allein auf der zerstrten
Strae zurck.
Also, meinte Hamill, zndete sich eine Lucky Strike aus
seiner K-Ration an und setzte sich auf einen Zementblock,
was erzhlt man denn so? Wie stehen unsere Chancen?
Der Strand ist in unserer Hand, aber wir kommen insgesamt
nur langsam voran. M
iller lie sich auf einem Bet
onklotz
nieder. Montgomery braucht verdammt lange, bis er Caen
erreicht hat, und bis dahin sind uns die Hnde gebunden.
Monty, schnaubte Hamill
und blies den Zigarettenrauch
durch die Nase aus. Diese britische Flasche wird einfach
berschtzt.
Da haben Sie verdammt recht, grunzte Miller.
Eigentlich waren sie Fremde, diese beiden Captains, und doch
redeten sie miteinander wie alte Freunde, so als ob sie eine
Unterhaltung von gestern fortsetzten. Sie war zwar nur ein
kleiner Club, diese Bruderschaft der Captains im Fronteinsatz,
doch wenn ihre Mitglieder einander zufllig begegneten, dann
nahmen sie die Gelegenheit zu einem Plausch unter Gleichge-
sinnten gerne wahr.
Wir brauchen Caen, um St.-Lo einnehmen zu knnen,
bemerkte Hamill.
Und St.-Lo brauchen wir, ergnzte Miller, um Valognes
zu kriegen.
Hamill nickte. Und
ohne Valognes kriegen wir Cherbourg
nicht.
142
Cherbourg ist unser Tor nach Paris.
Und Paris das nach Berlin.
Und wenn wir Berlin haben, schlo M
iller, dann haben
wir uns endlich die Dampferfahrt nach Hause verdient.
Einen Moment lang schwiegen beide und dachten an zu
Hause. Dann schttelte Hamill den Kopf
und sagte: Mann,
dabei knnten wir Ihre Hilfe verdammt gut gebrauchen ...
Ich wrde mich auch verdammt gern hier bei Ihnen ins Zeug
legen. Aber Befehl ist Befehl.
Wei ich ja. Aber mir ist jedenfalls klar, warum man Sie
geschickt hat.
Ach, wirklich? Dann erklren Sie es mir doch bitte, damit es
mir auch klar wird.
Hamill zog an seiner Zigarette, sprte die Wirkung des
Rauchs in der Lunge.
Die Sache mit diesen Sullivans krzlich - das war sc
hon echt
hart fr die Mamis und Papis in den Staaten. Das gab 'ne
schlechte Presse ... auerdem hab' ich auch 'n paar Brder.
Miller nickte.
Habe verstanden, laut und deutlich.
Viel Glck bei deinem Auftrag, Kumpel.
Vielen Dank, Captain.
Spr den Glckspilz auf und setz ihn aufs nchste Schiff.
Sie unterhielten sich noch etwa eine Stunde, whrend die
Abendsonne das zerstrte Dorf in warmes, orangefarbenes
Licht tauchte. Dann lie sich Miller den Weg zur Kirche
beschreiben, und als er in der Dmmerung durch den Ort lief,
konnte er sich beinahe vorstellen, wie es dort ausgesehen hatte,
bevor die Deutschen und die Amerikaner gekommen waren.
An der Kirche erblickte er Jackson, der Wache stand, doch
nicht am Hauptportal - das war unter Schutt begraben -, son-
dern an einem Loch in der Mauer, das von einer Mrsergranate
143
stammte.
Donner! sagte M
iller.
Blitz, erwiderte Jackson gedehnt, die Springfield liebevoll
im Arm.
Willkommen im Ritz, Cap'n.
Jackson, fragte M
iller
und zgerte einen Moment, sagen
Sie, warum sind Sie eigentlich der einzige aus dem ganzen
Trupp, der mich nicht fr einen herzlosen Schuft hlt?
Sir, das stimmt nicht. Ich halte Sie auch fr einen herzlosen
Schuft, entgegnete Jackson. Aber das ist eben zur Zeit Ihre
Pflicht, und Gott sei Dank erfllen Sie sie. Und zwar hervor-
ragend, Sir.
Miller lchelte Jackson zu, nickte und bahnte sich zwischen
Steinhaufen, Bauschutt und Trmmern einen Weg ins Innere
der Kirche. Viel gab es nicht mehr, was vom ursprnglichen
Zweck des Bauwerks zeugte: hier ein einzelnes Buntglas-
fenster, das den jungen Jesus mit den Schriftgelehrten zeigte,
dort ein Engel mit abgebrochenen Flgeln, dem das Mondlicht
einen Heiligenschein verlieh, sowie vereinzelte Bankreihen. In
einer sa Wade und schrieb. M
iller war sofort klar, was Wade
da tat: Er schrieb Caparzos Brief ab, bertrug die Wrter von
dem zerknllten, blutdurchtrnkten Blatt auf einen frischen,
sauberen Bogen Feldpostpapier.
In zwei Stunden rcken wir ab. Versuchen Sie noch etwas
zu schlafen.
Wade schaute auf, wobei er Miller fast mit seinem Blick
durchbohrte, und fuhr
mit der Abschrift fort. Miller ging den
Gang entlang und erkannte Upham, der in einer Bankreihe auf
seinem Rucksack lag. Er starrte ohne seine Brille an die
brckelige Decke und zitterte, als wre er in Trance.
Der Captain blieb neben ihm stehen. Ganz leise fragte er:
Wie kommen Sie zurecht, Corporal?
Upham lchelte; es war ein ziemlich gespenstisches Lcheln,
144
aber doch ein Lcheln.
Das hier tut mir gut, Sir. Das Ganze.
Wie meinen Sie das, mein Junge?
Upham richtete sich auf und zitierte einen Satz, an dessen
Worten er sich festzuhalten schien wie an einer Rettungsinsel:
�Der Krieg erzieht die Sinne, ruft den Willen auf den Plan,
vervollkommnet die krperliche Verfassung und bringt Mnner
in gefhrlichen Augenblicken so pltzlich und eng zusammen,
da Mann an Mann sich messen mu.
Miller lachte leise in sich hinein.
Jaja, das ist die positive Seite, die Emerson da betont.
Upham zwinkerte und starrte dann seinen Captain an.
Sie, h ... Sie kennen Emerson, Sir?
Ralph Waldo und ich, wir sind gute Bekannte.
Jetzt war Uphams Interesse geweckt. Auch sein Zittern hatte
aufgehrt, ohne da er es bemerkt hatte.
Captain ... wo kommen Sie eigentlich her?
Wieso?
Ach wissen Sie, hab' mich gerade gefragt... was Sie wohl so
beruflich gemacht haben im Zivilleben ... einfach so.
Wieviel ist jetzt im Topf?
Upham fhlte sich ertappt und grinste.
h, irgendwas ber dreihundert.
Miller dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: Nicht
bel ... Wissen Sie was, wenn fnfhundert drin sind, verrate ich
Ihnen die Antwort, und wir machen halbehalbe.
Upham kniff die Augen zusammen und flsterte verschw-
rerisch: Na, wenn das so ist, dann lassen Sie uns doch warten,
bis wir einen Riesen zusammenhaben. Was meinen Sie?
Miller schttelte den Kopf. Das erlebe ich vielleicht nicht
mehr.
Das Grinsen auf Uphams Gesicht erstarb, als er begriff, da
sein Captain keinen Scherz machte.
145
Okay, sagte Upham. Also bleiben wir bei fnfhundert.
Abgemacht, mein Junge.
Miller zwinkerte ihm noch einmal zu
und suchte sich dann
ein freies Pltzchen auf dem Boden, wo er sich setzte und seine
146
Miller schttelte den Kopf.
So ein verrckter Knabe ... Vecchio. Caparzo. Jesses ...
Jesses? fragte der Sarge spitz nach. Wollen Sie sagen, da
Sie fr
seinen
Tod auch verantwortlich sind? Wute ich noch
gar nicht. Aber hier sind Sie ja am richtigen Ort, um Bue zu
tun.
Miller lchelte ber die Bemerkung des Sarge
und schttelte
den Kopf; er kmpfte mit den Trnen - und er verstand den
Trnenausbruch des falschen Private Ryan.
Jedesmal wenn du einen von deinen Jungen verlierst, sagte
Miller mit sanfter Stimme, als sprche er ein Gebet, dann
sagst du dir, du hast gerade zwei, drei, zehn, vielleicht sogar
hundert anderen Jungs und Mnnern das Leben gerettet.
Keine schlechte Art, die Sache zu sehen.
Wissen Sie, wie viele Leute gefallen sind, die unter meinem
Befehl standen?
Nicht aus dem Stegreif.
Caparzo war Nummer vierundneunzig.
Mann, das heit, ich habe wahrscheinlich zehn- oder
zwanzigmal so vielen das Leben gerettet. Ist doch ganz
einfach, 'ne einfache Rechenaufgabe - und jedesmal stellst du
den Auftrag ber die Menschen.
Nur da diesmal der Auftrag ein Mensch ist, bemerkte der
Sarge.
Miller lachte bitter.
Jetzt stellen Sie sich vor, dieser komische Junge von vorhin -
stellen Sie sich vor, der wre unser Private Ryan gewesen.
Wre der so viel wert gewesen wie Caparzo?
Fr seine Mutter wahrscheinlich schon.
Ich hab' 'ne Mutter, Sie haben 'ne Mutter, Caparzo hatte 'ne
Mutter. Gottverdammte Scheie ...
Er starrte auf das Kirchenfenster, als fordere er Gott heraus,
ihn fr seine Lsterworte zu bestrafen.
147
... Wehe, wenn dieser Private James Francis Ryan nicht ein
As ist! Wenn der nach Hause kommt, dann soll er geflligst
Krebs heilen oder eine Glhbirne erfinden, die nie kaputtgeht,
oder ein Auto, das mit Wasser fhrt. Und wenn Sie meine
ehrliche Meinung hren wollen: Ich wrde zehn Ryans gegen
einen Vecchio oder einen Caparzo eintauschen.
Horvath lie das auf sich wirken, dann sagte er: Wissen Sie,
Ryan hat ja nicht nur 'ne Mutter ... er hat auch einen Captain,
der wahrscheinlich genauso fr ihn empfindet wie Sie fr diese
Jungs hier.
Millers M
und zuckte, doch da war kein Lcheln.
Also gut, dann soll er seinen geliebten Ryan-Arsch nach
Hause schicken. Scheie ... es fngt wieder an.
Seine Hand zitterte, so wie zuvor Upham gezittert hatte. Er
konzentrierte seine ganze Willenskraft darauf, die Hand zur
Ruhe zu bringen. Endlich hrte das Zittern auf.
Er stand auf, schaute auf seine Uhr, dann bellte er im
Befehlston: Los, in die Klamotten, Mnner! Aufgestanden!
Euer Schnheitsschlaf ist vorbei. Los! Auf geht's!
Grummelnd und mit knackenden Gelenken verscheuchten sie
ihre Trume von zu Hause, von Mttern und von nackten
Freundinnen, erhoben sich vom Boden und aus den Bankreihen
und schulterten ihre Ausrstung. Unter der Fhrung ihres
herzlosen Captain verlieen sie den Schutz der Kirche und
machten sich auf - in die wartende Nacht.
Und in den wartenden Krieg.
Der Mond stand ber der Landschaft und tauchte M
iller
148
seine Leute in elfenbeinfarbenes Licht. Die Stille der Nacht
wurde nur vom Zirpen der Grillen, dem gelegentlichen Ruf
eines Kuzchens und von den Schritten der sieben Soldaten
gestrt, die sich vorsichtig am Rand eines Feldes bewegten, das
parallel zu den Spurrillen einer Fahrbahn verlief.
Miller war stolz auf seine Jungs, seine Mnner; es war nur ein
kleiner Trupp, und sie konnten nicht auf lange Kampferfahrung
zurckblicken, doch sie hatten die harte Prfung am Omaha
Beach bestanden.
Dort waren sie zu erprobten Kmpfern geworden, und
ihren schweren Waffen und in ihrer Kampfausrstung sahen sie
einfach prachtvoll aus.
Er bemerkte, da Jackson und Wade zu wenig Abstand
hielten und schnippte mit den Fingern. Alle Blicke ruhten auf
ihm, als er unvermittelt auf die beiden zuging und sie anwies,
nicht zu eng zusammen zu gehen. Pltzlich zuckte ein Licht
ber den Himmel, das ein Blitz htte sein knnen, aber keiner
war, und ein Grollen lie Himmel und Erde erzittern.
Orangeweies Licht fegte ber den Horizont, und die Erde
bebte unter ihren Stiefeln, als die Granaten in der Ferne
explodierten. Dann entzndete sich auch der H
immel hinter
ihnen, und bald stand auf beiden Seiten die Nacht in Flammen;
wie eine Flutwelle rollte der Lrm ber und unter ihnen
hinweg, und sie sahen die groen Granaten pfeifend ber ihren
Kpfen vorbeiziehen.
Fr einige Augenblicke standen die Mnner wie gebannt in
der neutralen Zone dieses schweren Artillerieduells, im Auge
eines von Menschen geschaffenen Orkans.
Miller wute, da ihnen keine Gefahr drohte, falls nicht durch
einen unwahrscheinlichen Zufall direkt ber ihnen eine ameri-
kanische 88er mit einer deutschen Granate zusammenprallte.
Er versuchte seine Mnner von dem Schauspiel abzulenken,
aber ihre Gesichter blickten unverwandt auf die beiden Stellen,
149
wo der Horizont zu brennen schien.
Die berirdische Schnheit, mit der sich der Krieg aus der
Ferne zeigte, zog sie vllig in ihren Bann. In dem orangewei-
en Flammenschein, der auf ihren Gesichtern spielte, sahen sie
aus wie Kinder, die am Unabhngigkeitstag ein Feuerwerk
verfolgen.
Miller schnippte wieder mit den Fingern,
und diesmal
behauptete sich das leise Gerusch gegen den Donner der
Schlacht und brach den Zauber, so da sie schlielich weiter-
stapften.
Sie wanderten durch die Nacht, und der Art
illerielrm klang
immer gedmpfter, bis es am Horizont wieder hell wurde,
wo nicht der Widerschein einer Schlacht, sondern die Morgen-
dmmerung mit ihren Gefahren heraufzog.
An einer Straenkreuzung hielt Miller an, um seine Karte zu
Rate zu ziehen, whrend der Sarge mit dem rot abgeblendeten
Schein seiner Taschenlampe einen Wald von Straenschildern
anleuchtete, die ihnen viele Wege zu franzsischen Orten mit
unaussprechlichen Namen wiesen.
Der Captain faltete seine Karte zusammen und steckte sie
weg.
Es wird bald hell. Lat uns einen Zahn
zulegen.
Sie vermieden nun die heckengesumten Wege und wander-
ten ber flaches Ackerland, Weiden und Felder. Bald liefen sie
durch taunasses Gras, der Sarge voran, Miller am Schlu; um
sie herum begannen die Vgel zu zwitschern, und ein
freundlicher graublauer Himmel spannte sich ber ihnen - ohne
die Waffen in ihren Hnden wre es ein geradezu beschau-
licher Morgenspaziergang gewesen. Reiben, beladen mit seiner
Browning-Automatic und der Munition, war schon eine ganze
Weile ungewhnlich st
ill gewesen. Pltzlich stellte er eine
Frage: Wit ihr, was das Beste wre, das uns passieren
knnte?
150
Wie war's damit, meinte Jackson, Private Reiben tritt in
einen rostigen Nagel, kriegt Wundstarrkrampf und kann nie
mehr sprechen, solang er lebt?
Miller lachte, laut genug, da seine Mnner es hren
konnten,
nicht weil er die Bemerkung besonders lustig fand, sondern um
seinen Trupp bei Laune zu halten.
Sagen Sie schon, Reiben, ermunterte ihn M
iller, whrend
sie ein ziemliches Tempo vorlegten. Was ist denn das Beste,
das uns passieren knnte?
Im Idealfall, sagte Reiben, ist Ryan schon tot, wenn wir
ihn finden.
Und warum das?
Sir, bedenken Sie mal die verschiedenen Mglichkeiten. A:
Ryan ist am Leben, und wir mssen diesen Burschen zum
Strand zurckschleifen. Wie wir Sie kennen, Cap, kriegt er
nicht ein Stck unserer Ausrstung auf den Buckel, auch wenn
er wie jeder andere Penner seinen Beitrag leisten mte,
sondern wir setzen ihn auf ein Kissen und tragen ihn, damit er
und seine Mami wieder zusammenfinden, wie es die Herren
Generale befohlen haben. Und wir? Wir gehen alle bei dem
Versuch drauf, den Hurensohn am Leben zu erhalten.
In der Ferne schlug kurz ein Hund an.
Okay, sagte Miller, als ob er mit allem einverstanden wre.
Seine Mnner muten grinsen.
Reiben fuhr fort: Oder, Mglichkeit 2: Ryan ist tot und
Moment mal, unterbrach Mellish. Du hast gesagt� A.
Jetzt sagst� du 2 ...
Jaa, gut, sagte Reiben, meinetwegen. Also B: Ryan ist tot,
zerfetzt, es hat ihn in tausend Stcke gerissen, die jetzt irgend-
wo in einem Bach treiben. Und Sie, Sir, Sie lassen uns ihn
Stck fr Stck herausfischen, und wir versuchen ihn dann
wieder zusammenzusetzen, damit wir sicher sind, diesmal auch
den richtigen Private Ryan gefunden zu haben, whrend die
151
Krauts uns abknallen, einen nach dem anderen.
Diese Variante gefllt mir nicht so gut, sagte Miller. Sie
kamen zu einer Hecke, aber zu einer der niedrigeren, die nicht
vllig undurchdringlich waren; sie konnten sich durch sie
hindurch auf die andere Seite quetschen, wo Reiben fortfuhr.
Mir auch nicht, Sir. Also werfen wir einen Blick auf
Mglichkeit C: Wir finden Ryan, und er ist verwundet.
Ganz schlecht, sagte Miller.
Das Schlimmste berhaupt, stimmte Reiben zu. Nicht nur
trgt er nichts von
unserer
Ausrstung, wir mssen dann
seine
Ausrstung tragen. Ganz zu schweigen von Private Ryan selbst
und seinem, Pardon, verwundeten Arsch.
Wre mglich, sagte M
iller.
Sag ich doch, Sir. Also wre doch das Beste: Er ist tot, mau-
setot, aber mehr oder weniger intakt. Wir greifen uns seine
Hundemarke und machen uns so schnell wie mglich auf den
Weg zurck zum Strand.
Und seinen Leichnam nehmen wir nicht mit? fragte
Mellish.
Natrlich nicht! ber den freut sich bestimmt ein Leichen-
bergungstrupp.
Ich hab' eine bessere Idee.
Reiben grinste. Da bin ich sicher, Mellis
Mellish blickte seine Marschgefhrten der Reihe nach an
fragte: Ist schon mal jemand von euch aufgefallen, wie sehr
sich die Name�n Reibe&#x und;&#x 000;n und Ryan hneln?
Reiben, Ryan ...
Der ganze Trupp nickte, grinste - alle auer Reiben.
Mellish fuhr fort: Ich bin dafr, wir knallen Reiben ab, las-
sen ihn fr den Leichenbergungstrupp liegen, kratzen ein
bichen an seiner Hundemarke rum und behaupten dann, es sei
Ryan.
Verfhrerische Idee, sagte Jackson. Aber was ist, wenn
152
der Schwindel auffliegt?
berall knnen Fehler passieren, wehrte Me
llish ab.
Schlielich ist Krieg ... das Schl
immste, was dann gesche-
hen kann, ist, da wir weitersuchen mssen ... vielleicht sogar
noch Tage, nachdem sich die Lage hier schon wieder beruhigt
hat.
Interessant, sagte Miller mit ernstem Gesicht, das wre
tatschlich eine Mglichkeit.
Seien Sie mir nicht bse, Sir, bemerkte Reiben, der in
seinem eigenen Spiel bertrumpft worden war, aber ich finde
meine Idee besser.
Wade, der sich an dem sarkastischen Gesprch nicht beteiligt
hatte, meinte: Ich glaube nicht, da Ryans Mutter damit ein-
verstanden wre.
�Ryans Mutter!
Reiben schttelte den Kopf. Himmelherrgott, lat uns nicht
wieder mit Ryans Mutter anfangen. Was hat den Ryans Mutter
je fr euch getan? Hat sie euch jemals ins Bett gebracht oder
euch den Hintern abgewischt oder sonst etwas? Ist euch jemals
auch nur der Gedanke gekommen, da sie den verdammten
Kerl vielleicht gar nicht
liebt'?
Vielleicht war er ja nur eine
Nervensge daheim auf der Farm. Das schwarze Schaf der
Familie!
Sie liebt ihn, sagte Upham.
Woher willst du das denn wissen?
Sie ist seine Mutter.
So? Vielleicht hat sie ihn gar nicht gewollt. Vielleicht ist ja
nur das Gummi geplatzt. Vielleicht hat sie ja ihre anderen drei
Kinder geliebt, und vielleicht htte sie den kleinen J
immy auch
wieder zurckgeschickt, wenn sie fr ihn einen Nickel bekom-
men htte.
Oder wie war's damit? fragte Jackson, der langsam Ge-
schmack an der Unterhaltung fand. Vielleicht hat er ja aus
153
Versehen die gute alte Bessy umgebracht, die prmierte
Hereford-Kuh?
Wie soll er denn das angestellt haben? wollte Mellish
neugierig wissen.
Darauf hatte Jackson nur gewartet: Er hat mit Streichhlzern
rumgespielt und dabei die Scheune abgefackelt.
Mellishs Augen begannen zu glnzen. Vielleicht war's ja gar
kein Versehen!
Jaa, sagte Reiben, der in Fahrt kam, jetzt, da das Spiel wie-
der in seinem Sinne lief, vielleicht ist er ja einer von diesen
sadistischen Bauerntlpeln, von denen man berall hrt, die
Hhner qulen und sich dann das Blut auf ihren Overall
schmieren ...
Nein, sagte Upham, ihr liegt vllig falsch - er ist kein
Sadist.
Alle schauten den Corporal an.
Er ist unmoralisch, sagte Upham, prinzipienlos, sittlich
verkommen, unehrlich und verschlagen. Er ist ein hinterhl-
tiger, verlogener, unzuverlssiger, vllig nutzloser, bovino-
sodomistisch veranlagter Farmersjunge ... das ist einer, der's
mit Khen treibt, falls es euch interessiert ... aber sadistisch?
Sadistisch ist er nicht.
Die anderen Mnner muten grinsen, nickten und betrachte-
ten den Neuzugang pltzlich mit Respekt. Mellish lie einen
anerkennenden Pfiff hren, und auch Reiben sah den Corporal
auf einmal mit ganz anderen Augen und fragte sich besorgt, ob
er in der Schlammschlacht-Arena demnchst mit einem neuen
Rivalen zu rechnen hatte. Miller freute sich, er war geradezu
erleichtert, als er sah, da Upham sich durchzusetzen begann
und die Gruppe den Corporal schlielich doch in ihre Reihen
aufnahm.
Aber die Art, wie sie sich ber Ryan das Maul zerrissen, hatte
schlielich eine merkwrdige Wendung genommen ...
154
Auf ihrer nchtlichen Wanderung hatten sie sich fast wie bei
einer Expedition auf einem unbewohnten Planeten gefhlt. Das
hatte sich am Morgen nicht gendert, und so waren sie eine
Stunde durch die Sonne und ber Felder und Weiden gelaufen,
wo sie nur hier und da Khen, aber nirgends einem Menschen
begegnet waren. Als aber jetzt geschftige Stimmen durch eine
Hecke zu ihnen herberdrangen, warfen sich Miller
und seine
Mnner besorgte Blicke zu.
Sie stieen durch das Buschwerk, das hier durchlssiger war
als anderswo, und standen pltzlich vor einem Hauptbahnhof
mitten im Bohnenfeld, wie Reiben gleich bemerken mute.
Amerikanische Soldaten, hauptschlich Fallschirmjger,
hatten mit frisch ausge
hobenen Schtzenlchern und
Maschinengewehrstellungen als Flankenschutz einen Verteidi-
gungsring angelegt, in dessen Mitte Gruppen von GIs ziellos
umherliefen und franzsische Flchtlinge plaudernd auf- und
abspazierten, wie Darsteller in einer Zirkusarena. An drei
Seiten war das Areal von Hecken begrenzt, auf der vierten von
einer unbefestigten Strae. Die Soldaten, die sich Geschichten
erzhlten und dabei rauchten, waren, wie leicht zu erkennen
war, ein bunt zusammengewrfelter Haufen von Mnnern, die
von ihren Kompanien abgeschnitten worden waren. Die
Zivilisten waren teils lter, teils jnger, wobei die Zahl der
Frauen und Kinder die der Mnner und alten Leute berstieg.
Sie umklammerten ihre geretteten Habseligkeiten, die vom
absolut Notwendigen bis zu den allerpersnlichsten Dingen
reichten. Eine der kampierenden Familien veranstaltete eine
Art Picknick, das sie mit einem Handwagen in einem eleganten
Korb herbeigeschafft hatte. Eine ltere Dame drckte gerahmte
Familienphotos an ihre Brust,
und ein kleines Mdchen schob
seine Puppe in einem Wgelchen umher. Andere Kinder
bestaunten mit groen Augen die Soldaten, die das Areal
bewachten. Das Gelnde, auf dem sich die Soldaten und
155
Zivilisten bewegten, war ein Frie
dhof von Lastenseglern.
Ein halbes Dutzend flachgebaute, langgeflgelte Gleiter mit
amerikanischen Hoheitsabzeichen lagen verstreut herum wie
weggeworfenes Spielzeug. Hinten stand ihr Sperrholz-
rumpfweit offen, hier war die Besatzung hinausgeklettert und
ihre Fracht entladen worden.
Fnf waren intakt, doch ein sechster Gleiter war in die Hecke
am anderen Ende des Feldes gekracht. Zwanzig oder mehr
verwundete amerikanische Soldaten lagen dort beisammen,
einige im Schatten einer zerbrochenen Tragflche. Weitere
Verwundete kamen beim Sttzpunkt in requirierten Zivil-
fahrzeugen an, unter denen sich auch ein betagter Lastwagen
von einem Bauernhof und ein pferdebespannter Milchwagen
befanden. Andere hatten zu Fu ihr Ziel erreicht.
Als Millers Mnner auf das Feld einschwenkten, erblickten
sie Soldaten von der 506. in abgerissenen Uniformen, die das
blaurote Doppel-A der 101. Luftlandedivision trugen. Sie
eskortierten gerade eine Handvoll deutscher Gefangener zur
Sammelstelle.
Miller war klar, da dies fr die meisten seiner Leute der
erste direkte Kontakt mit feindlichen Soldaten war - jedenfalls
mit lebenden Exemplaren. Aus eigener Erfahrung wute er,
da es sie sicherlich erschrecken wrde, wie normal diese
Mnner aussahen und wie jung viele von ihnen waren.
Sie verstrmten den unverkennbaren Geruch von Schwei,
Leder und ungewaschenen Uniformen, der so typisch fr deut-
sche Kampftruppen war, und wirkten benommen, noch vllig
verblfft ber die Tatsache, in Gefangenschaft geraten zu sein.
Sieht mir nicht sehr nach Herrenrasse aus, murmelte
Reiben.
Als sie vorbeikamen, offenbarte sich ihnen Mellish als Jude.
Jude, sagte er wieder und wieder auf deutsch, Jude,
wobei er auf sich und sein Gewehr deutete. Nur damit sie
156
klarsahen ...
Drben bei dem verunglckten Lastensegler, wo die Verwun-
deten beisammenlagen, winkte ein junger Luftwaffenpilot und
rief Miller zu: Captain! Captain!
Whrend sie zu ihm hinbergingen, wollte M
iller Wade
sagen, er solle sich um die Verwundeten kmmern, aber Wade
hatte sich schon auf den Weg gemacht. Miller blieb vor dem
Piloten stehen.
Wrden Sie mich ber die Lage hier informieren, Lieu-
tenant?
Dewindt, Sir, stellte sich der blonde Pilot vor.
William Dewindt war fnfundzwanzig und stammte aus
Scottsdale, Arizona.
99. Truppentransport-Geschwader, mit dem 325. Infanterie-
regiment an Bord. Das verunglckte Baby hier war meins ...
zweiundzwanzigTote.
Miller verzog mitfhlend das Gesicht.
Mich hat es herausgeschleudert, sagte Dewindt und zeigte
aufs Feld, als wir hier runtergegangen sind. Habe keinen
Kratzer abbekommen. Mein Copilot hat seinen Kopf verloren.
Was hat er denn gemacht? fragte Miller. Ist er in Panik
geraten?
Nein, nein! Ich habe mich unklar ausgedrckt. Er wurde
enthauptet.
Dazu konnte man nicht viel sagen. Also blieb M
iller sachlich
und fragte: Wo ist ihre Einheit? Wer, zum Teufel, sind all
diese Leute?
Die Jungs, die wir hergebracht haben, Sir, sind in der ersten
Nacht davonmarschiert, und wir haben sie seitdem nicht mehr
gesehen. Inzwischen tauchen andere auf, einer, zwei, oder ein
halbes Dutzend auf einmal. Frher oder spter wird ein Offizier
vorbeikommen, eine gemischte Einheit zusammenstellen und
losziehen, um vorne mitzumischen. Sie mssen auch groe
157
Verluste gehabt haben, Sir.
Dies war eine naheliegende Vermutung - angesichts einer so
kleinen Gruppe von Soldaten unter Fhrung eines Captain.
Nein, sagte M
iller, wir sind eine Spezialeinheit, Lieuten-
ant. Wir suchen einen Private James Ryan von der Baker-
Kompanie der 506. Ist er Ihnen begegnet?
Dewindt zuckte mit den Schultern.
Wre mir nicht aufgefallen, selbst wenn ich ihn getroffen
htte. Hier sind eine Menge Leute durchgekommen.
Verstehe.
Miller schaute zu seinem Sanitter hi
nber.
Haben Sie was erfahren?
Wade sah von dem Mann auf, dem er gerade einen Verband
anlegte, und sagte: Hier ist er nicht.
Herr im Himmel, rief jemand. Es war der Sarge.
Schaut euch das an, sagte Horvath, und M
iller eilte zu ihm.
Die Leiche eines Offiziers war zwischen den berresten der
vorderen Zwischenwand des Gleiters und einem Jeep einge-
klemmt, der dagegengeprallt war. Wir konnten ihn da nicht
rauskriegen, sagte Dewindt und fugte leicht sarkastisch hinzu:
Ihr habt nicht zufllig eine Winde dabei?
Bedaure, sagte Miller.
Sind das da Sterne an seinem Helm?
Sicher, sagte der Sarge.
Das ist General Amend; stellvertretender Kommandeur der
101. Division, erklrte Dewindt.
Donnerwetter, stie der Sarge hervor.
Wie hat er es geschafft, so zu sterben?
Dewindt verzog das Gesicht.
Irgendein Volltrottel hatte die glorreiche Idee, Stahlplatten
auf unsere Unterseite zu schweien, um den General vor der
Flak zu schtzen. Dummerweise hat sich aber niemand die
Mhe gemacht, mir von dieser kleinen Vorsichtsmanahme zu
158
erzhlen, bevor wir gestartet sind.
Klingt nach einem schlechten Witz, sagte Miller.
Ungefhr so witzig wie einen Gterzug zu fliegen. Total
berladen, vllig falsche Trimmung. Ich habe mir fast den Arm
gebrochen bei dem Versuch, die Kiste auf Kurs zu halten.
Millers Trupp versammelte sich um den Piloten; alle wollten
die Geschichte hren.
Als wir ausgeklinkt haben, fuhr
Dewindt fort, habe ich
versucht, den Vogel hochzuziehen, ein wenig Hhe zu gewin-
nen, ihn am Durchsacken zu hindern. Wir sind runtergegangen
wie ein Safe, der aus einem Hochhaus geworfen wurde.
Er wies auf die anderen Gleiter.
Alle anderen sind zum Stehen gekommen ... wir waren viel
zu schwer. Nasses Gras, abschssiges Gelnde ... zweiund-
zwanzig Tote ... So wichtig war das Leben von General
Amend.
Er stie ein freudloses Lachen aus.
Das alles fr einen einzigen Mann.
Hier drauen passieren viele solche Dinge, nickte Reiben.
Miller warf Reiben einen grimmigen Blick zu, aber Reiben
sah ihm ungerhrt in die Augen. Dann zuckte der Captain mit
den Schultern und schttelte den Kopf; was sollte er dazu auch
sagen?
Reiben seufzte und sagte: Noch ein so typischer� fubar.
Das kannst du laut sagen, meinte Me
llish.
Hey, sagte Upham, wie buchstabierst du das eigentlich?
F-U, grinste Reiben und klopfte dann auf sein Browning-
Automatic-Rifle, sein B.A.R.
Das habe ich mir gedacht, meinte Upham.
Ich habe in meinem deutschen Wrterbuch nachgeschaut.
So ein Wort gibt es gar nicht.
Upham, sagte Miller.
Sir?
159
Gehen Sie zu allen Fallschirmjgern hier innerhalb der Stel-
lung. Suchen Sie nach Ryan, fragen Sie, ob jemand ihn kennt.
Zu Befehl, Sir.
Upham eilte davon.
Dewindt schttelte einen kleinen Beutel, den er an seinen
Grtel geknotet hatte.
Vielleicht sollten Sie die auch durchsehen.
So? fragte Miller, der nicht gleich versta
Der Pilot knotete den Beutel auf und bergab ihn dem
Captain. Das ist meine Hundemarken-Sammlung, sagte er
mde. Mehr, als mir zu zhlen lieb ist. Jede Menge Gefallene,
Sir. Ihr Mann knnte auch dabei sein.
Miller nahm den Beutel von dem Piloten in Empfang und gab
ihn an Jackson weiter: Schauen Sie nach, ob die Marke von
Private Ryan dabei ist.
Ja, Sir.
Ich helfe dir, tnte Reiben.
Sie lieen sich im Gras nieder, auch Mellish gesellte sich zu
ihnen, und es sah aus, als wrden Kinder mit Steinchen oder
Murmeln spielen. Sie lieen den Sack reihum gehen, jeder griff
sich eine Handvoll Marken, schaute sie nacheinander an und
stapelte sie auf dem leeren Beutel auf, den sie in ihre Mitte
gelegt hatten.
Glaubst du, da er dabei ist? fragte Reiben.
Ich wette, ja, sagte Jackson.
Ich wette, dieser Scheunenabfackler und Kuhficker wartet
nur auf uns ...
Ich wette, ich finde ihn, rief Me
llish.
Fnf Dollar, da ich ihn habe, sagte Reiben.
Ich bin dabei, meinte Mellish.
Ich auch, erklrte Jackson.
Jetzt war es mehr wie ein Wrfelspiel hinter den Kasernen-
baracken; sie wurden von einem kindlichen Spieltrieb ergriffen
160
und untersuchten mit fieberhafter Eile die blechernen Erken-
nungsmarken.
Komm schon, Junge, komm, ich wei doch, da du dabei
bist, sagte Mellish.
Vergi es, Kumpel, entgegnete Reiben, er gehrt mir!
Hat doch keinen Sinn, dich zu verstecken, meinte Jackson.
Einem alten Sprhund wie mir entgehst du nicht...
Ene mene muh, raus kommst du, meinte Me
llish.
Lat es uns richtig spannend machen, sagte Reiben
lachend. Sagen wir zehn Dollar ...
Einverstanden, meinte Me
llish
und rief dann: Ich hab'
ihn! Er hielt eine Marke hoch, als htte er in einer Lotterie die
Gewinnummer gezogen.
Hier ist er - Ryan! Ich hab' ihn!
Miller fragte
von der Seite: James Francis?
Oh ... nein ... Scheie. Es ist nicht Ryan, es ist Reyes ... R-E-
Y-E-S. Verdammt, das war knapp.
Knapp? Wir sind doch hier nicht beim Hufeisenwerfen,
bemerkte Jackson.
Schei drauf, schimpfte Mellish, warf die Marke auf den
Haufen und suchte weiter.
Das nennst du knapp, lachte Reiben.
Auch Miller mute grinsen, aber pltzlich fing er einen Blick
vom Sarge auf und sah dessen Mifallen. Auch Dewindt wirkte
emprt.
Da kam Wade mit blutverschmierten Hnden von den
Verwundeten zu dem kleinen Spielerzirkel herber. Zorn malte
sich auf seinem Gesicht, aber er beherrschte sich und sagte mit
gedmpfter Stimme: Seid ihr noch ganz bei Trost? Die Jungs
da drben knnen euch hren. Wade wies mit dem Kopf zu
den zusammengekauerten, bleichen Verwundeten hinber, die
unter der kaputten Tragflche lagerten.
Jede dieser Erkennungsmarken steht fr einen
Toten,
ihr
161
hirnverbrannten Deppen, zischte er.
Die drei Spieler verstummten und wurden bla wie ausge-
schimpfte Kinder - Kinder, die wissen, da sie etwas Bses
getan haben. Mit ernsten Gesichtern fuhren sie langsam fort,
die Namen auf den Erkennungsmarken durchzusehen.
Millers Hand begann zu zittern. Er ergriff sie mit der anderen,
whrend ihn Selbstzweifel und Schuldgefhle plagten:
Wie
hatte er das dulden knnen?
Bisher hatte er sich immer gesagt,
da die Hrte, die er seinen Mnnern gegenber an den Tag
legte, nur oberflchlich und letztlich zu ihrem Besten war;
sollte er jetzt vielleicht unter dieser Fassade tatschlich
gefhllos geworden sein? Hatte der verdammte Krieg die
Menschlichkeit in ihm gettet, so wie er Vecchio, Caparzo und
all die anderen gettet hatte?
Reiben, Mellish
und Jackson hatten ihre Suche beendet und
erhoben sich.
Er ist nicht dabei, Sir, sagte Jackson und gab Dewindt den
gefllten Beutel respektvoll zurck.
Verzeihung, Sir. Schtze, die letzten Tage haben uns alle ein
bichen mitgenommen.
Der Pilot entgegnete nichts. Miller nickte Dewindt zu,
und als
er Upham vorberkommen sah, ging er zu ihm in die Mitte des
Feldes. Seine Leute folgten ihm.
Kein Ryan. Upham zuckte mit den Schultern und wies auf
die Gruppe von Soldaten, mit denen er gerade gesprochen
hatte.
Miller ging mit seinen Mnnern weiter, dorthin, wo Zivilisten
und GIs standen. Was jetzt, Sir? fragte ihn der Sarge. M
iller
warf ihm einen bsen Blick zu - danke der Nachfrage, halt die
Klappe - und stapfte zur Strae, wo weitere Flchtlinge und
Verwundete der Zirkusarena zustrebten.
Die verdammten Sprechfunkgerte funktionieren nicht,
murmelte Miller. Die Befehlskette ist unterbrochen
162
Seine Mnner warfen einander besorgte Blicke zu.
Ist er sauer, flsterte Reiben zu Mellish,
oder dreht er jetzt
etwa durch?
Der Captain blieb unvermittelt stehen und mit ihm alle
anderen. Sie prallten aufeinander wie Kegel, die ins Torkeln
geraten sind.
Mir kommt da eine Idee, sagte er. Wir teilen uns in zwei
Gruppen auf und suchen die Gegend ab. Wie Ausrufer, versteht
ihr? Wir rufen seinen Namen. Frher oder spter mu er uns ja
hren.
Gute Idee, Sir, sagte der Sarge, der nicht recht wute, ob
Miller einen Witz machte oder es ernst meinte, aber das
knnte ein Weilchen dauern.
Ich
hoffe,
er ist nur sauer, wisperte Mellish Reiben zu.
Okay, lat uns die Einheimischen fragen, sagte M
iller,
vielleicht haben sie ihn gesehen.
Ein altes Ehepaar, das von der Strae in das Feld einbog,
wich erschreckt zurck, als der Captain mit schnellen Schritten
auf sie zuging und rief:
Parlez vous Ryan? Oui? Non?
Sie wechselten rasch ein paar Worte auf franzsisch und
entfernten sich rasch von M
iller, so als htte er sie ttlich
angegriffen.
Upham flsterte zu Reiben und Me
llish:
Die
zumindest
glauben, da er am Durchdrehen ist.
Eine weitere Gruppe deutscher Gefangener wurde von der
Strae auf das Feld gefhrt, wieder eskortiert von Fallschirm-
jgern mit den blauroten Abzeichen der 101. Luftlandedivision.
Die Gefangenen sahen frischer aus als ihre Bewacher, die
offensichtlich schwere Gefechte hinter sich hatten; viele von
ihnen waren verwundet.
Hey! rief Miller ihnen zu. Ihr da
von der Hundertersten!
Kennt jemand von euch einen Private Ryan?
Die Mnner, die an ihm vorbeiliefen, schttelten die Kpfe.
163
Aber Miller, der offensichtlich immer verzweifelter wurde,
hrte nicht auf zu fragen, whrend die abgerissene Kolonne an
ihm vorbeimarschierte, und seine Mnner hinter ihm sahen sich
zweifelnd an. Auch die Fallschirmspringer schttelten nur die
Kpfe - nein.
Kennt jemand James Ryan? fuhr der Captain unbeirrt fort.
Da rief jemand am Ende der Kolonne einem Kameraden
hinter ihm zu: Hey, Joe - ist Ryan nicht der Kumpel von
Michaelson? Dem aus der C-Kompanie?
Ich glaube, ja! erwiderte der andere.
Bring ihn her, rief der Fallschirmjger, bitte. Bald darauf
hatten sich zwei Fallschirmjger von der Gefangeneneskorte
gelst und standen vor M
iller
und seiner Einheit.
Kennt einer von euch einen Private Ryan? fragte Mil-ler.
Michaelson hier kennt einen Ryan, Captain, antwortete
einer der beiden Fallschirmspringer, Private Joe D'Amato,
zweiundzwanzig, Elizabeth, New Jersey. Aber Sie mssen
lauter sprechen, Sir, er hrt nicht so gut.
Mein Gehr ist im Eimer, Sir!
schrie Private Roger Micha-
elson, dreiundzwanzig, Rock Island, Illinois.
Sie mssen lauter sprechen!
Eine deutsche Granate ist neben ihm hochgegangen, sagte
D'Amato. Mal hrt er was, dann wieder nichts.
Eine Granate ist neben mir explodiert!
erklrte Michael-
son.
Jaja, hab' schon kapiert!
sagte Miller, dem das Spielchen
schon auf die Nerven ging.
Kennen Sie Ryan?
Wen?
Ryan! Kennen Sie einen Ryan?
Jimmy Ryan?
Millers Mnner horchten auf.
Er dreht nicht durch, er hat den sechsten Sinn, flsterte
Reiben Mellish zu.
164
Miller nickte grinse
James Francis Ryan?
Michaelson zuckte zusammen.
Jimmy Ryan? Wie?
Miller wandte sich seinem Trupp zu.
Hat einer einen Bleistift dabei?
Die Mnner klopften ihre Taschen ab.
Irgend jemand wird doch einen Bleistift haben! Macht
schon!
Sir ...
Es war Upham, der ihm einen Bleistiftstummel reichte.
... nur diesen kleinen hier, Sir.
Der Captain und der Corporal sahen sich mit unbewegter
Miene an, doch in ihren Augen lag ein lchelndes Einver-
stndnis. Dann fragte M
iller: Auch Papier, Upham?
Jawohl, Sir, antwortete der Corporal und hielt ein kleines
Notizbuch hoch.
Prima. Schreiben sie:� Kennen Sie James Francis Ryan?
Upham nickte, kritzelte es hin und hielt dann Michaelson das
Notizbuch unter die Nase.
Klar kenne ich den!
antwortete Michaelson prompt.
Das
ist mein bester Kumpel!
Fragen Sie ihn, ob er wei, wo Ryan jetzt ist, sagte M
iller
zu Upham, der es notierte und die Seite Michaelson zeigte.
Michaelson nickte und sagte:
Ja. Wir haben unsere Lande-
zone um ungefhr dreiig Kilometer verfehlt und sind irgend-
wo hinter Bummville oder so
hnlich runtergekommen! Jimmy,
ich und ein paar andere Jungs haben uns hierher auf den Weg
gemacht, zu unserem Sammelpunkt! Unterwegs haben wir
einen Colonel getroffen, der Leute gesucht hat, um nach
Ramelle zu marschieren ... Das ist das letzte, was ich von ihm
wei!
Millers Mnner waren wie elektrisiert
von diesen Neuigkei-
165
ten, sie lachten und schttelten triumphierend die Fuste. Die
Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen schien erfolgreich
gewesen zu sein!
Miller klopfte Michaelson auf die Schulter und rief:
Ich
danke Ihnen!
Wie bitte?
Der Captain seufzte resigniert und sagte zu dem anderen
Fallschirmspringer: Bedanken Sie sich fr mich bei ihm, bitte.
Wenn er mal wieder hren kann.
Eine Minute spter hatte Miller seine Karte im Gras
ausgebreitet und seine Mnner scharten sich um ihn, als er
ihnen erklrte: Wir sind hier - da ist Ramelle an der Mer-
deret, ungefhr dreiundzwanzig Kilometer West-Nordwest.
Der Sarge runzelte die Stirn. Und wieso Ramelle?
Miller faltete die Karte weiter auf
und fuhr
mit dem
Zeigefinger darber, whrend er sprach; er selbst bemerkte die
Unruhe seiner Hand nicht, aber seine Mnner sahen es wohl -
sie schauten gar nicht auf die Ortschaften, auf die er zeigte,
sondern nur auf seine zitternden Finger.
Das Hauptziel war immer Cherbourg, sagte M
iller. Wir
knnen nicht nach Paris vorstoen, ehe wir nicht einen gre-
ren Hafen eingenommen haben. Rommel wei das natrlich,
und er wird die Merderet berqueren und unsere Flanke
angreifen, wenn wir nach Cherbourg schwenken ... Daher ist
jedes Dorf an diesem Flu, das ber eine Brcke verfgt, ein
wertvoller Trumpf.
Und der Captain stie mit der Fingerspitze auf die Karte.
Direkt bei Ramelle war eine Brcke eingezeichnet.
Hier werden wir Private Ryan finden, sagte er. Und er
schaute in die Gesichter ber ihm, um sich zu vergewissern, ob
sie seine berlegungen verstanden hatten.
Bis er schlielich merkte, da alle Augen auf seine Hand
gerichtet waren. Auf seine zitternde Hand. Er tat, als ob nichts
166
wre, und faltete die Karte wieder zusammen.
Lat uns aufbrechen, sagte er.
Er stand auf, und sie folgten ihm.
Inzwischen war es Nachmittag geworden,
und die Schatten,
die der Trupp in der franzsischen Landschaft warf, hatten ihre
Richtung gendert. Reiben, der unter der Last seiner Browning-
Automatic schwitzte, stnkerte wie immer.
Ich sage euch, meinte er, whrend sie wieder ber ein
heckengesumtes Feld stapften, die Jungs im Pazifik haben es
besser.
Ich wei nicht, sagte Mellish, die mssen erst mal Malaria
kriegen, bevor sie durchdrehen - wenn man mit dir zusammen
ist, ergibt sich das von allein.
Glaubt mir, es ist leichter, Japse abzuknallen als Krauts. Die
sehen nicht so aus wie normale Leute.
Miller, der an der Spitze lief, lchelte in sich hinein. Es hatte
seine Jungs also nicht kaltgelassen, da sie einmal Deutsche
aus der Nhe gesehen hatten.
Ich habe kein Problem damit, Krauts abzuknallen, sagte
Mellish.
Tten ist tten, sagte Wade, egal, wie jemand aussieht.
Es gibt keinen Deutschen, der auch nur einen Furz wert
wre, bemerkte Reiben. Alles Schwanzlutscher und Wichser.
War'n sie schon immer. Von Natur aus.
Miller drehte sich zu ihnen um. Wie steht's mit Beet
hoven?
Den haben Sie wohl vergessen.
Alle erinnerten sich an Reibens theatralischen Monolog ber
167
die tragische Ironie der Taubheit des groen Komponisten.
Ein Wichser, sagte Reiben.
Miller hakte noch einmal nach. Und Martin Luther?
Ein Schwanzlutscher.
Hey, knurrte der Sarge von hinten, ich bin Lutheraner!
Und Immanuel Kant? fragte Upham.
Wer?
Das war ein groer Philosoph.
Ein Wichser.
Ach ja? sagte Mellish.
Und was ist mit Marlene Dietrich?
Auch nur eine Schwanzlutscherin, sagte Reiben und fing an
zu grinsen. Allerdings knnte ich mir das ganz angenehm
vorstellen ...
Alle muten lachen, sogar Wade. Ihre Fe schleppten sich
ber das Gras, ihre Ausrstung klirrte und rasselte. In der Ferne
war das Knattern leichter Waffen zu hren, das ihnen bei ihrem
Marsch durch diese friedliche Landschaft schon so vertraut war
wie das Vogelgezwitscher oder das gelegentliche Wiehern
eines Pferdes.
Aber, meinte Upham, sie knnen doch nicht
alle
Wichser
und Schwanzlutscher sein.
'trlich knnen sie, entgegnete Reiben.
Wade, der wieder ernst geworden war, schnauzte ihn an:
Hrst du deinem eigenen Schwachsinn berhaupt noch zu?
Wrdest du das denn, warf Me
llish ein, wenn du er
wrest?
Wade, der das alles gar nicht komisch fand, fuhr fort: Nur
damit ich dich richtig verstanden habe, Reiben ... es gibt also,
sagst du, nicht einen anstndigen Mann, eine anstndige Frau,
ein anstndiges Kind in diesem ganzen Land.
Hey, du bist zu nachsichtig, sagte Reiben und versuchte
eine Haltung zu finden, in der er sich unter der Last seiner
168
Ausrstung nicht wie ein Packesel vorkam, ich wrde auch
noch alle Hunde, Katzen, Eichhrnchen, Pferde, Khe ... jede
sauerkrautfressende, schnitzelkauende, Heil-Hitler-brllende
Kreatur, die dorten atmet, mit einschlieen. Alles Wichser.
Und Schwanzlutscher, ergnzte Mellish.
Sowieso, nickte Reiben.
Reiben, sagte Wade ohne jeden Anflug von Humor, du
bist das rckstndigste, bornierteste und dmmste Exemplar
der Gattung Mensch, das mir je ber den Weg gelaufen ist.
Kann schon sein, antwortete Reiben. Aber ich bin weder
ein Wichser noch ein Schwanzlutscher.
Lat uns darber abstimme
n, rief Me
llish.
Ja, ja, okay - nennt mir einen anstndigen Deutschen. Also
bitteschn ... nur einen ...
Alle schwiegen.
Reiben grinste. Gar nicht so einfach, oder?
Wenn auch Martin Luther ein Wichser sein soll, meinte
Mellish, dann nicht.
Ein Schwanzlutscher, berichtigte Reiben.
Albert Schweitzer, sagte Wade.
Wer?
Albert Schweitzer. Ein Deutscher.
Reiben machte ein Gesicht wie jemand, dem der Geruch von
saurer Milch in die Nase steigt.
Wer, zum Teufel, ist das? Nicht da es mich interessieren
wrde. Hrt sich schon an wie ein Wichser.
Wade schttelte fassungslos den Kopf.
Albert Schweitzer ist der berhmteste Arzt, der je gelebt hat!
Er war die letzten dreiig Jahre in Afrika und hat sich um die
Eingeborenen gekmmert ...
Warum denn das? fragte Reiben.
Wade explodierte:
Weil er etwas fr seine Mitmenschen tun
wollte! Weil er nicht so ein selbstschtiges Arschloch ist wie
169
du, Reiben!
Hey, glaubst du vielleicht, ich bin wegen des Kses nach
Frankreich gekommen?
Der sonst so besonnene Wade redete sich in Rage.
Hr mal zu, Bldmann ... Wegen Albert Schweitzer bin ich
berhaupt Arzt geworden. Wenn du also demnchst auf eine
Mine trittst, dann bete drum, da mir danach ist, fr so ein
Arschloch wie dich einen Verband zu verschwenden!
Reiben grinste nur und schttelte den Kopf.
Wie bitte? fragte Wade.
Nichts.
Wie bitte?
Reiben zuckte mit den Schultern.
Hast du nicht mal gesagt, deine Eltern wren beide rzte
gewesen?
Das stimmt, Reiben. Und weiter?
Reiben prallte mit gespieltem Entsetzen zurck.
Und da brauchst du so einen Arsch von Kraut, um in die
Fustapfen deiner Eltern zu treten?
Gibt mir mal jemand 'ne Knarre, war die Antwort von
Wade.
Miller, dem der Streit zu weit ging, rief nach hinten: Reiben,
geben Sie ausnahmsweise mal nach, okay? Albert Schweitzer
ist weder ein Wichser noch ein Schwanzlutscher. Sie dagegen
sind ein Arschloch.
Der ganze Trupp wurde von Gelchter geschttelt, auer
Reiben natrlich, der nur okay, okay murmelte, mit den
Achseln zuckte und dann den Mund hielt.
Gehen Sie mal an die Spitze, Sarge, sagte Miller, und als
Horvath seinen Platz eingenommen hatte, lie sich der Captain
bis zu Wade zurckfallen. Nachdem er sich vergewissert hatte,
da Reiben sie nicht hren konnte, flsterte er: Albert
Schweitzer wurde im Elsa geboren.
170
Wade schaute Miller vllig berrascht an.
Er ist deutscher Abstammung, stimmt sc
hon, flsterte
Miller weiter, aber er ist franzsischer Staatsbrger.
Wade nahm das schweigend zur Kenntnis.
Bleibt aber unter uns, versicherte ihm Miller.
Ein Lcheln huschte ber Wades Gesicht, und dieses Lcheln
tat dem Captain, der seinen Sanitter mochte, sehr gut. Es
erleichterte ihn, da er offenbar nicht mehr auf Wades
schwarzer Liste stand.
Sie kamen zu einem Wald, und nachdem die sieben Soldaten
sich vorsichtig einen Weg zwischen den Bumen gebahnt
hatten, lie Miller sie in dem dichten, hft
hohen Buschwerk,
das das nchste Feld sumte, anhalten. Bevor sie sich zeigten,
wollte er die ganze Landschaft sorgfltig unter die Lupe
nehmen. Auf einer Anhhe, die die ausgedehnten Weiden ber-
ragte, waren die berreste einer zerstrten deutschen Radar-
station und ihrer zerbombten Schutzbunker zu sehen.
Wahrscheinlich waren sie dem schweren Artillerieangriff
zum Opfer gefallen, der in der vergangenen Nacht ber die
Kpfe des Trupps hinweggefegt war. Die Weideflchen
ringsumher waren von Granattrichtern berst und sahen aus
wie eine grasbewachsene Mondlandschaft. berall schienen
schlafende Khe zu liegen; doch sie waren alle tot, streckten
die Beine steif von sich. M
iller machte seinen Leuten ein
Zeichen, sich nicht von der Stelle zu rhren und unten zu
bleiben. Er selbst schlich geduckt durch das Unterholz und
sphte zu dem Hgel und den Betonruinen hinber, die an die
berreste eines antiken griechischen Tempels erinnerten.
Deutlich zeichnete sich die zerstrte Radaranlage gegen den
Himmel ab.
Er winkte Horvath und Jackson, ihm ins hohe Gras zu folgen.
Pltzlich stutzte der Sarge.
Mein Gott, flsterte er. Schauen Sie sich das an, Cap ...
171
Miller drehte sich um
und sah, da einige Strucher am Wald-
rand von Kugeln zerfetzt worden waren.
Wann war das? fragte Miller.
Der Sarge sah es sich genau an. Noch nicht lange her.
Sie meinen, nachdem die Radaranlage und die Bunker
zerstrt worden sind?
Denke schon.
Hinter den Bumen ertnte Wades leiser, aber eindringlicher
Ruf: Captain! Das mssen Sie sich ansehen ...
In geduckter Haltung hasteten Miller, der Sergeant
und der
Scharfschtze durch das raschelnde Buschwerk. Wade kauerte
mit bleichem Gesicht am Boden und deutete auf eine frische
Blutspur. Sie fhrte zu einer Stelle im Gras, wo gefallene
Soldaten lagen: amerikanische Fallschirmjger, die vor kurzem
erst von Kugeln durchsiebt worden waren. Eine Patrouille,
etwas grer als ihre, und alle tot.
Miller sphte ber das Unterholz hinweg
und lie den Blick
ber den Hgel und die zweifelsfrei nicht mehr betriebsfhigen
Anlagen wandern.
Unterhalb des Bunkers, Sarge - sehen Sie das Loch? Auf
halb zwei?
Ja, nickte der Sarge. Wrde ich auch sagen.
Schauen Sie genau hin - man kann die Sandscke erken-
nen.
Der Rest des Trupps hatte sich nun versammelt. Upham, mit
weit aufgerissenen Augen hinter den Brillenglsern, schaute
auf die zerfetzten Leichen und fragte: Was glaubt ihr, was das
war? Ein Maschinengewehr?
Jackson spuckte zu Boden, nickte. Ja ... Ein 42er, wrde ich
sagen.
Jesus,
ein
Maschinengewehr hat das angerichtet?
Mellish betrachtete die toten Mnner
und sagte: Fallschirm-
jger ... einer von denen ist vielleicht Private Ryan.
172
Sehen Sie nicht die Abzeichen von der 82., Sie Dumm-
kopf? sagte Miller gereizt.
So leicht kommt ihr mir nicht davon.
Sir, sagte Reiben und zeigte nach links. Warum schlagen
wir uns nicht einfach in dieser Richtung durch, im Schutz des
Waldes, und verschwinden schnell und unauffllig. Sie werden
nicht mal merken, da wir hier waren.
Miller lie ein volles Magazin in seine Thompson einrasten.
Was ich sagen will, Sir, fuhr Reiben fort, warum sollen
wir uns Schwierigkeiten auf den Hals laden, wenn wir ihnen
ausweichen knnen?
Wir weichen ihnen nicht aus, sagte Miller, wir schnappen
sie uns.
Vielleicht hat Reiben recht, Sir, schaltete sich Jackson ein.
Ich meine, wir haben doch auch die 88er umgangen ...
Nur, damit sie von unserer Luftwaffe erledigt werden, sag-
te Miller. Aber die Jungs
von der fliegenden Truppe knnen
sich nicht um jedes kleine MG-Nest kmmern, oder? Dafr
gibt es schlielich die Infanterie.
Ich wrde gerne noch erleben, da mein letzter Scheck
eingelst wird, Sir, sagte Reiben.
Sir, verstehen Sie mich bitte nicht falsch, sagte Me
llish,
aber wir knnten ihnen ausweichen und trotzdem unseren
Auftrag erfllen ... und wenn man es genau berlegt, gehrt
das hier
nicht zu unserem Auftrag.
Sollen wir vielleicht einfach die nchste Patrouille in dieses
MG-Nest hineinstolpern lassen? fragte Miller.
Eine Patrouille, die die Verw
undeten hier im hohen Gras
nicht sieht?
Das habe ich nicht gemeint, Sir. Ich finde nur... wir gehen
ein unntiges Risiko ein, wenn man an unser Ziel denkt.
Unser Ziel ist es, den Krieg zu gewinnen, Private.
Ich denke, wir sind hier, um Ryan zu suchen.
173
Reibens Gesicht erhellte sich. Ehrlich, meinte er, wr
schon 'ne prima Sache, die Jerrys da fertigzumachen, aber
denkt doch mal an Private Ryan. Denkt an seine arme Mutter.
Reiben ..., sagte M
iller drohe
Ich habe nur ein ungutes Gefhl bei der Sache, Sir.
So?
Miller warf seinen Rucksack ab
und nahm zwei Hand-
granaten heraus. Und bei welcher Sache haben Sie jemals ein
gutes Gefhl gehabt?
Darauf wute Reiben nichts mehr zu erwidern.
Okay, sagte Miller, drei Lufer mit Sperrfeuer, die nach-
einander losrennen. Mellish, Sie gehen rechts. Ich nehme die
Mitte. Einer mu links laufen ... Wer bernimmt die linke
Seite?
Er hngte sich die Granaten an seine Uniform, ohne zu be-
merken, da seine Hand zitterte wie die eines Trinkers, der ein
174
Miller fort. Sie geben den Startsc
hu ... wenn Ihre Browning-
Automatic losfeuert, laufen wir los.
Reiben nickte wieder.
Miller wandte sich an Mellish
und Jackson: Extra Hand-
granaten fr die Lufer.
Reiben und Upham reichten ihnen ihre Handgranaten. Das
Lufertrio ging in Position und wartete, M
iller nickte Reiben
zu. Der Donner der Browning-Automatic zerri die nachmit-
tgliche Stille.
Unter Reibens Feuerschutz sprintete Mellish geduckt rechts
den Hgel hinauf, darauf startete Miller geradeaus,
Jackson strmte nach links. Alle drei fanden einen Trichter und
konnten sich in Deckung werfen, bevor die MG-Schtzen
berhaupt reagierten. Kaum kauerten sie jedoch in den
Lchern, begann die deutsche Stellung zu feuern. Bevor Miller
in den Granattrichter abgetaucht war, hatte er noch einen Blick
auf die Mannschaft der MG-Stellung erhschen knnen: drei
Krauts mit breiten Helmen und Tarnung, einer, der feuerte,
einer, der Munition nachftterte, und ein dritter, der Ausschau
hielt.
Aus dem hohen Gras heraus scho Reiben mit seiner
Browning, was das Zeug hielt, und auch der Sarge und Upham
erwiderten das Feuer. berall, ober- und unterhalb von ihnen
und um sie herum, schlugen Kugeln ein. M
iller schaute zu
Jackson in dem anderen Trichter rber.
Sie hatten recht, sagte der Captain zu dem Private.
Es ist ein 42er.
Von der rechten Seite rief Mellish: Wie zu erwarten. Was
sind das fr welche?
Deutsche Fallschirmjger,
sagte Miller, beinahe schreiend,
damit man ihn in dem Feuersturm, der ber ihren Kpfen
hinwegfegte, berhaupt hren konnte.
Elitetruppen. Scheifanatiker.
175
Und ich hatte gehofft, es wre die Hitlerjugend, sagte
Mellish
und drckte seinen Karabiner an sich, als wre er sein
Mdchen.
Wenn wir ihnen ein wenig einheizen, sagte M
iller, ms-
sen sie den Lauf des MGs wechseln.
Er zeigte auf die Handgranaten, die an seiner Uniform
baumelten. Dann bringen wir den Ball nach Hause.
Was meinen sie mit
�ihnen einheizen
? fragte Mellish.
Schiet und rennt! rief M
iller. Raus aus den Lchern!
Das habe ich befrchtet ...
Mellish kroch
ununterbrochen schieend zu dem nchsten
Loch, das ihm Deckung bieten konnte, hechtete hinein und
verscho dann noch ein ganzes Magazin in Richtung der
Stellung, womit er die Feuer und Blei speiende Mndung des
MGs auf sich zog.
Als das Maschinengewehr zu Mellish hinberschwenkte,
rannte Jackson zu einem verbogenen Stahlgerst, das von dem
zerstrten Radarturm herabgestrzt war, und ging dort gerade
noch rechtzeitig in Deckung, bevor das MG-Feuer abermals die
Richtung nderte und die Geschosse nun um ihn herum den
Staub aufwirbelten und gegen das Metall hmmerten.
Damit hatte Miller Gelegenheit, unter dem Feuerstrahl
hindurch zu einem zickzackfrmig verlaufenden Graben am
Fue des Hgels zu spurten. Das Maschinengewehr senkte
sich, um ihn zu erwischen, fand aber nicht den richtigen
Winkel und schwenkte deshalb zu Me
llish weiter, der
schieend zu einem anderen, kleineren Granattrichter lief. Um
ihn herum spritzte Erde auf. Miller rollte sich in den Graben,
hastete um die Ecken und schaute nach oben, wo er Jackson,
den Scharfschtzen, mit seiner Springfield sah, der sich an dem
verbogenen Stahlgerst vorbeibewegte, von dem pfeifend und
klatschend die Kugeln abprallten, die das MG in seine
Richtung sandte.
176
Miller lchelte grimmig; der Lauf des MGs mute sich nun
bald berhitzt haben - sie hatten eine Menge Feuer auf sich
gezogen, ohne einen einzigen Kratzer abzubekommen.
Der Captain schaute zu Mellish zurck, winkte ihm
sprang dann aus seinem Graben in einen anderen Granat-
trichter. Der Private folgte ihm, whrend ber beiden das Feuer
des Maschinengewehrs tobte. Beide Mnner lieen sich in das
Loch gleiten, wo sie pltzlich feststellen muten, da sie hier
nicht die ersten waren. Zwei amerikanische Fallschirmjger
waren schon vor ihnen dort angekommen. Sie lagen tot da, ihre
weit aufgerissenen Augen starrten ins Leere, ihre khakifar-
benen Uniformen waren mit Blut bespritzt.
Wo, zum Teufel, kommen die denn her? fragte Mellish und
hielt Abstand zu den toten Mnnern, so als ob sie eine
ansteckende Krankheit verbreiten knnten.
Hier stimmt was nicht, sagte Miller
und wurde bleich.
Das MG 42 kann die Jungs in diesem Winkel nicht erwischt
haben ...
Wie zur Besttigung von M
illers Worten schickte das MG-
Nest einen kurzen Feuersto in ihre Richtung, der jedoch ber
sie hinwegging. Dann herrschte pltzlich Stille. Miller wartete
- tauschten sie jetzt den Lauf aus? Jackson strmte hinter dem
verbogenen Stahlgerst hervor und feuerte in Richtung des
MGs, whrend er zu einem Graben rannte, als das MG kurz
Feuer spuckte und ihn zu Boden streckte.
Jackson! schrie Mellish. Scheie, fluchte Miller.
Wieder herrschte Stille. Eine lauernde Stille ...
Jetzt
wechselten sie den Lauf
Handgranaten, befahl M
iller.
Miller zog einen Splint, Mellish ebenso, sie standen auf,
beugten sich nach hinten, warfen und gingen wieder in
Deckung.
Zu hoch, sagte M
iller, der gesehen hatte, wie die Granaten
177
auf dem Anstieg ber dem Loch gelandet waren, in dem das
MG positioniert war. Wieder Stille.
Noch mal! schrie Miller. Wre doch gelacht, wenn wir die
nicht erwischen wrden!
Er zog einen Splint und warf; er konnte hren, wie die
Granate gegen einen Sandsack prallte. Erst eine, dann noch
eine Detonation - die ersten zwei Granaten, die sie geworfen
hatten, fgten dem MG-Nest keinen Schaden zu. Mellish
schleuderte die nchste Granate - ein perfekter Wurf diesmal,
allerdings gelang es einem der Deutschen, beide Granaten
zurckzuschleudern, wie zwei hliche Feuerwerkskrper
explodierten sie ber der Weide, ohne da jedoch einer ihrer
scharfkantigen Splitter Mellish oder Miller getroffen htte. Da
rief jemand: O mein Gott!
Das war Wades Stimme. Der Sanitter hatte sich in geduckter
Haltung rasch durch das hohe Gras vorgearbeitet, um dem
gestrzten Jackson zu Hilfe zu eilen.
Noch ein Schtze!
Der Sanitter stand auf, schrie, schwenkte die Arme, und man
konnte seine Rot-Kreuz-Armbinde deutlich erkennen.
Sir, ein zweiter Schtze!
Miller wirbelte herum
und erkannte links oben einen
weiteren, gut getarnten Kraut mit breitem Helm, der sich
gerade aus seiner Deckung erhoben hatte. In der Hand hielt er
ein FG-42-Maschinengewehr, ausgerstet mit einem Seiten-
magazin. Deshalb konnte er hier flach auf dem Boden liegen
und ruhig abwarten, bis sich die Beute in sein Schufeld
bewegte ...
Eines seiner vorigen Opfer jedoch, ein toter amerikanischer
Fallschirmjger, hatte ihm die Sicht auf Miller
und Me
llish
genommen, weshalb er nun aufgestanden war ...
Beinahe gleichzeitig passierten nun drei Dinge. Das MG-
Nest, mit einem frischen Lauf auf der Waffe, fing wieder an zu
178
feuern. Miller sah voller Entsetzen, wie der Sanitter mit
berraschtem Gesichtsausdruck zusammenbrach und im hohen
Gras versank. Jackson, dessen Unterarm blutete, schaffte es,
sein Gewehr aufzusttzen und einen Schu abzugeben, der
dem getarnten zweiten MG-Schtzen ein Loch in die Stirnseite
seines Stahlhelms ri. Der Mann lie seine Waffe fallen, sackte
zusammen, krmmte sich und war tot.
Schlielich gelang es Mellish, eine weitere Granate in die
MG-Stellung zu schleudern - ein harter Wurf, wie ihn jeder
Fnger beim Baseball frchtet. Die drei Deutschen suchten
hektisch nach der Granate, um sie vor der Detonation
zurckzuschaudern. Aber dann explodierte sie.
Unten im Gras rief der Sarge: Okay ...
jetzt
haben wir's
geschafft ...
Upham hatte Wade bemerkt, der verstrt im Gras sa, schwer
atmete und dabei zu dem Hgel und dem Loch hochschaute,
wo zwischen den zerbombten Bunkern Rauch aufstieg.
Alles okay, sagte Wade leise, alles okay ...
Wade, rief Upham angstvoll. Wade!
Wade? fragte auch der Sarge, nherkommend. Hat's dich
erwischt, Kumpel?
Schon sprangen M
iller
und Me
llish herbei, ber die Krater
hinweg, Reiben lie seine Browning-Automatic im Stich,
schlielich kam auch Jackson, der einen Streifschu abbekom-
men hatte und seinen Arm umklammerte.
Alle blieben wie angewurzelt stehen. Ihren Augen bot sich
ein schrecklicher Anblick: Wade hockte im hohen Gras und
schaute erstaunt an sich herunter, auf die fnf Kugellcher in
seinem Rumpf, aus denen Blut sickerte.
179
Miller hrte, wie jemand O Wade, o mein Gott sagte, dann
erst merkte er, da er es selbst war. Er schaute auf die vier
Kugellcher im Bauch des Sanitters und auf das fnfte rechts
unten in der Brust. Wades Atem ging stoweise.
Upham murmelte wie vor den Kopf geschlagen: Es ist doch
nicht erlaubt, auf Sanitter zu schieen, es ist nicht erlaubt, auf
Sanitter zu schieen.
Viele Hnde, auch die Millers, kramten
nun hektisch in
Wades Medizintasche herum. Der Sarge und die anderen rissen
das Hemd des Sanitters auf und legten die furchtbaren
Verwundungen frei, alle redeten und schrien durcheinander.
Sulfonamid, sagte M
iller zu Jacks
on, der mit ihm
zusammen die Sanittertasche durchsuchte, gib mir das
Sulfonamid ...
Und er wollte mir helfen, verdammt noch mal, jammerte
Jackson. Er wollte zu mir rberkommen.
Scheie, sagte der Sarge, ber den blutenden Sanitter
gebeugt, unternehmt etwas, um die Blutung zu stoppen ...
Hilf mir doch, Upham! schrie Mellish, dessen Hnde
bereits dunkelrot von Wades Blut verfrbt waren, Scheie, so
hilf mir doch, nimm die Finger!
Upham beeilte sich, ihn zu untersttzen, whrend Jackson,
der selbst am Arm blutete, seine gewohnte lndliche Gelassen-
heit verloren hatte und erregt in der Sanitter-Ausrstung
herumwhlte.
O Gott, o Jesus, rief er.
War es ein Gebet? War es ein Fluch?
Sulfonamid, her mit dem verdammten Sulfonamid, ver-
langte Miller.
Schei auf das Sulfonamid, er braucht Morphium, rief der
180
Sarge mit weit aufgerissenen Augen. Morphium!
Sie gaben Wade die Morphiumspritze, puderten ihn mit
Sulfonamid ein, alles war voller Blut, verzweifelt versuchten
sie ihm zu helfen.
Miller beugte sich ber den Sanitter
und fragte: Wade?
Wade? Hrst du mich?
Wades Krper zitterte, so als wrde er versuchen, ein
abstrzendes, berstendes Flugzeug auf Kurs zu halten, und in
gewissem Sinne tat er das auch - er flog auf seinen Schmerzen
dahin, wobei er seine Kameraden wie aus weiter Entfernung
mit einem schwachen Lcheln anschaute.
Wie sieht's aus? fragte er, mit ruhiger Stimme, aber am
ganzen Krper bebend.
Nicht so schlimm, sagte Miller. Du wirst es schaffen
...
Wade streckte den Arm aus und ergriff M
illers linkes
Handgelenk mit berraschender Festigkeit.
Lg den Doktor nicht an ...
Miller schluckte.
Verdammt, ich wei doch nicht, Wade. Sieht nicht so gut
aus, schtze ich. Das Zittern hrte auf; das Morphium begann
zu wirken. Wade versuchte, den Kopf zu heben und auf seine
Wunden zu schauen, aber er schaffte es nicht und begann vor
Anstrengung zu keuchen. Bin ich ... bin ich am Rckgrat
getroffen?
Ich wei nicht, gab Miller zu. Dann sagte er zum Sarge:
Hier ... helfen Sie mir mal ...
Sarge und M
iller hoben den Sanitter ganz vorsichtig auf
einer Seite an, whrend Upham und Mellish weiterhin die
Blutungen abzudrcken versuchten.
Was ... was siehst du? fragte der Sanitter.
Miller sc
hob eine Hand unter Wades Krper und tastete
behutsam seinen Rcken ab, bis seine Fingerspitzen die
Wunden der Ausschulcher fanden. Blut tropfte ber seine
181
Finger, klebrig und warm.
Eine Ausschuwunde ist direkt auf dem Rckgrat, erklrte
Miller. Knapp ber dem Hinter
Wade, der sich reckte, um sehen zu knnen, japste nach Luft.
Wie ... wie gro ... ist das Loch?
Etwa so gro wie eine Eichel.
Wade keuchte wieder, aber es klang mehr wie ein Schluch-
zen. Miller zog seine blutige Hand unter Wade hervor
und lie
ihn auf den Grasboden sinken, whrend die anderen die
Blutung abdrckten. Die sprudelnde Wunde unterhalb von
Wades rechter Brustwarze schien die schlimmste zu sein, und
Mellish
und Upham muten sich ziemlich anstrengen, um den
Blutverlust einigermaen unter Kontrolle zu halten.
Ich ... kann mich nicht bewegen, sagte Wade. Seine
Stimme wurde
dnner, erstarb fast.
Du bist noch nicht tot, Wade, verdammt noch mal! beharrte
Mellish, der mit aller Kraft versuchte, das Blut in der
Brusthhle zurckzuhalten.
Das heit noch lange nicht, da du stirbst!
Lat mich ... lat es mich fhlen ...
Wade tastete nach seinen Bauchverletzungen, aber seine
Hand rutschte weg, er konnte seine Bewegungen nicht koor-
dinieren. Helft mir ...
Miller ergriff den Arm des Sanitters
und fhrte seine Hand
dorthin, wo der Sarge und Jackson die Wunden abdeckten und
die Blutung zu hemmen versuchten.
Wade, der immer schwcher wurde, versuchte nun selbst die
Schwere der Wunden abzuschtzen, indem er sie abtastete.
Gibt es ... gibt es ... welche, die strker bluten als die ande-
ren ...?
Ja, sagte Mellish, die, auf die Upham
und ich drcken ...
wir lassen besser die Hnde drauf...
Zeigt es mir ... ich w
ill es selbst fhle
182
Sie warfen sich ber ihren schwerverletzten Kameraden
hinweg verzweifelte Blicke zu, whrend sie seine Hand zu der
Stelle unterhalb der rechten Brustwarze fhrten, wo Upham
und Me
llish die schlimme W
unde freigaben. Wade steckte
seine Finger tief hinein, und Blut sprudelte an seinen Kncheln
vorbei. Obwohl die Mnner in den letzten Tagen viele
furchtbare Dinge gesehen hatten, packte sie bei diesem Anblick
das nackte Grauen. Pltzlich zeigte Wades Gesicht nicht
mehr so sehr Schmerz, sondern den Ausdruck eines traurigen
Kindes, eines Kindes, das tapfer die Trnen unterdrckt.
O Gott... es ist meine Leber ... meine Leber ...
Upham, der Mhe hatte, seine Panik zu verbergen, platzte
heraus: Was sollen wir denn machen? Du bist doch der Arzt!
Sag uns, wie wir dir helfen knnen!
Wade blickte auf Miller,
und die Augen des Sanitters gaben
dem Captain unmiverstndlich zu verstehen: Es ist aus; ihr
knnt nichts fr mich tun ... Die Hand des Sanitters lste sich
wieder von der Wunde, und Me
llish
und Upham drckten die
Stelle erneut ab. Wade war pltzlich ganz ruhig; seine Stimme
klang weich, so als wrde er sich in sein Schicksal fgen.
Ich knnte ... noch ein wenig Morphium vertragen ...
Der Captain und der Sanitter sahen sich immer noch in die
Augen. Miller versta
nd, worum sein Freund ihn bat. Morphi-
um, sagte Miller zum Sarge. Der Sarge hndigte ihm eine
weitere Ampulle aus. Miller injizierte sie Wade, der sogleich
sagte: Noch eine.
Geben Sie mir noch eine, wandte sich Miller an den Sarge.
Sir, ich ...
Alle Augen des Trupps waren auf M
iller
und den Sarge
gerichtet.
Verdammt, mu ich jeden Befehl wiederholen? Noch eine,
habe ich gesagt.
Jawohl, Sir, antwortete der Sarge und reichte sie ihm.
183
Miller gab Wade die dritte Spritze.
Jackson ..., murmelte Wade.
Ich bin bei dir, Wade.
Das ... das Vaterunser.
Jackson nickte und begann: Vater unser im Himmel ...
Sie versuchten weiterhin, die Blutung abzudrcken, obwohl
dies nun so vergeblich war wie einfaches Handauflegen - nicht
mehr als das Hoffen auf ein Wunder, an das sie nicht mehr
glaubten. Sie schwiegen, whrend Jackson laut betete. Wades
Augen verschleierten sich immer wieder. Trotz der Betubung
durch das Morphium gelang es ihm, den rechten Arm zu heben
und M
illers Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken: Am Boden,
neben dem verstreuten Inhalt der Sanittertasche, lag ein
Feldpostbrief.
Es war der Brief Caparzos, den Wade abgeschrieben hatte.
Miller sah Wade in die Augen
und nickte, lie den
blutberstrmten Sanitter einen Moment in der Obhut seiner
Kameraden und nahm den Brief. Er vergewisserte sich, da
Wade sah, wie er den Brief in seine Brusttasche steckte.
Ich werde dafr sorgen, da er ankommt, versicherte
Miller.
Und Wade, der mit glasigen Augen auf der Droge
hinwegschwamm, blickte seinen Freund, Captain John H.
Miller, Addley, Pennsylvania, mit schwachem Lcheln an.
Dann schaute er nach oben, so als wrde er dort jemanden
sehen, oder jemanden begren, und sagte leise: Mama ...
Mama ...
Die Mnner sprten, wie Wades Leben unter ihren
blutverschmierten Hnden schwand. Wade hatte sie verlassen,
und nur seine blutige, geschundene Hlle war zurckgeblieben.
Eine ganze Weile saen alle wie erstarrt da und blickten auf
ihren toten Freund. Keiner sprach ein Gebet, keiner machte
seinem Zorn Luft. Keiner warf Miller vor, da er Wades Tod
184
verschuldet hatte, indem er darauf beharrte, das MG-Nest zu
strmen. Aber dies war auch gar nicht ntig, denn Miller wute
das selbst am besten. Sie schauten ihren Captain verstohlen von
der Seite an, und alle wuten, da sein abwesender
Gesichtsausdruck einem Schuldbekenntnis gleichkam.
Nur Upham weinte ganz offen. Er hatte Wade erst vor zwei
Tagen kennengelernt, aber selbst wenn er einen Bruder
verloren htte, htte sein Schmerz nicht grer sein knnen.
Kameraden!
rief da jemand auf deutsch.
Alle Kpfe wandten sich zu der trichterbersten Weide um,
wo ein deutscher Soldat in Tarnuniform vom Hgel herunter-
gestolpert kam. Unter seinem Helm sickerte Blut hervor und
rann ihm ber das Gesicht.
Kameraden! Ich ergebe mich! Nicht schieen!
Das ist zuviel, brummte Reiben, schnappte sich die nchste
M-1 vom Boden, sprang auf und rannte dem Deutschen
entgegen, der angstvoll zurckwich. Als der Private bei ihm
angekommen war, schlug er ihm den Kolben der Waffe ins
Gesicht.
Der Deutsche sackte zusammen, und Reiben begann, ihm
seinen rechten Stiefel in den Leib zu rammen. Der christliche
Sdstaatenjunge Jackson beteiligte sich ebenfalls, schlielich
kam auch Mellish hinzu.
Du Wichser! rief Reiben. Du Schwanzlutscher!
Warst du das, du
Heini?
fragte Mellish. Hast du unseren
Wade erschossen? Du wirst keine Sanitter mehr abknallen, du
Stck Scheie!
Miller stand abseits im Gras
und sah ihnen zu. Wenn seine
Jungs eine Blechdose ber die Weide gekickt htten, so htte er
nicht unbeteiligter bleiben knnen. Oder gefhlloser. Auch der
Sarge, der neben ihm stand, blieb stumm und schritt nicht ein.
Ach verdammt, sagte Jackson, lat uns das Vorspiel
beenden, bringen wir's hinter uns ...
185
Mellish hielt dem verschreckten Deutschen die M
ndung
seines Karabiners ins Gesicht.
Sprich deine letzten Worte, Kraut. Bevor wir dich zu Moses
und meinem Grovater Max schicken.
Reiben ri den Deutschen hoch, die anderen machten ihre
Waffen klar fr ein Exekutionskommando, als M
iller schlie-
lich rief: Erst soll er Wade bedecken, fr den Leichenber-
gungstrupp.
Sie schauten zu Miller hi
nber; sein Eingreifen mifiel ihnen
ganz offensichtlich, aber er war schlielich der Captain.
Und auch die anderen armen Kerle hier, sagte Miller und
zeigte auf die toten Fallschirmjger, die in der Nhe im Gras
verstreut lagen.
Der verzweifelte Deutsche war nun auf den Beinen, blickte
wild um sich, seine weitgeffneten Augen stachen wei aus
seinem blutberstrmten Gesicht hervor; er hielt die Hnde in
die Luft. Reiben starrte den feindlichen Soldaten mit leerem
Gesicht an; dem ansonsten so schlagfertigen Private schien es
die Sprache verschlagen zu haben.
Durchsucht ihn nach Waffen, ordnete M
iller an. Reiben
stand wie gelhmt da und schaute den Gefangenen an - ob Wut
oder Scham in seinem Gesicht lag, konnte M
iller nicht
erkennen; vielleicht war es beides.
Ich mache das, Sir, sagte Jackson.
Der Scharfschtze tastete den Deutschen ab, der immer noch
die Hnde in die Hhe hielt und mit zitternden Beinen dastand.
Frag ihn mal was von mir, Uppy, sagte Me
llish bitter.
Frag ihn, ob er es war, der unseren Wade abgeknallt hat.
Aus dem Gras heraus rief der Sarge: La den Schei. Ist
doch egal. Wade ist tot, so oder so.
Miller ging zu seinem Scharfschtzen, an dessen Arm immer
noch Blut herunterlief.
Jackson, alles in Ordnung?
186
Die Kugel hat mich nur ein bichen angekratzt, antwortete
Jackson. Wird schon wieder.
Subern Sie die Wunde und verbinden Sie sie. Wir sind jetzt
unsere eigenen Sanitter.
Jawohl, Sir.
Dann stehen Sie und ich Wache. Sie bernehmen die Sd-
seite, ich die Nordseite.
Nicht schieen!
rief der Gefangene wieder auf deutsch.
Miller drehte sich gleichgltig um
und sah auf den blutenden
Gefangen.
Ich ergebe mich!
Er schien den Trnen nahe. Mit leiser
Stimme wimmerte er:
... bitte ... ttet mich nicht ... Ich ergebe
mich ...
Sir, sagte Upham, er sagt ...
Interessiert mich einen Dreck, was er sagt, gab Miller
zurck und lief an dem Deutschen vorbei auf die trichter-
berste Weide hinaus. Reiben, kommen Sie mit mir ...
Reiben schlo sich Miller an, und Upham rief hinter ihm her:
Sir, Sie lassen es doch nicht zu, da sie ihn einfach
erschieen?
Miller antwortete nicht.
Sir - das ist nicht richtig, Sir. Es gibt Vorschriften ...
Miller blieb nicht stehen, er blickte nur ber die Schulter
zurck und sagte: Helfen Sie dem Kerl mit den Toten.
Der Captain und der Private stiegen den Hgel hinauf und
drangen in das MG-Nest ein, wo sie der Geruch von
versengtem Haar und verbranntem Fleisch empfing, der sich
mit dem suerlichen Pulverdampf vermischte. Zwei verkohlte,
blutige Leichen, die wie Papier von Metallsplittern zerfetzt
worden waren, hingen verkrmmt ber dem schweren
Maschinengewehr und den aufgeschlitzten Sandscken, die
rieselnd ihre Fllung verloren. In einer Ecke lag ein zerrissener
Rucksack, dessen Inhalt am Boden verstreut lag.
187
Schauen Sie nach, ob Karten dabei sind, sagte M
iller.
Oder sonst irgendwelche brauchbaren Informationen. Reiben
gab keine Antwort; er bewegte sich wie ein Schlafwandler.
Haben Sie mich verstanden, Private?
Der Junge nickte und schaute mit leeren Augen auf die
Leichen. Dann begann er wie benommen mit Miller in den
Trmmern herumzustochern und beugte sich ber den Inhalt
des Rucksacks. Deutsche Essensrationen - Bchsen mit Reis,
aus denen dicke, gelbliche Hhnerbrhe lief, eine frische
Uniform, eine Brieftasche. Der Captain sah sie durch, fand ein
paar deutsche Mnzen, abgerissene Karten eines Mnchener
Konzerts, ein in Folie eingewickeltes Kondom, eine mit einer
Schleife zusammengebundene Haarlocke, die wahrscheinlich
von einem Mdchen stammte, mehrere Photos, darunter eines
von einem jungen Mann mit einem Fuball und ein anderes,
das denselben Jungen mit seinen stolzen, strahlenden Eltern
zeigte.
Der grinsende junge Soldat auf dem Photo war ihr Gefan-
gener.
Dicht neben den Leichen fand Reiben eine Einkaufstte mit
einem aufgedruckten Bild des Eiffelturms und einer Pariser
Adresse. Unwillkrlich lchelte er, als er mit seinen blutigen
Fingern einen teuren rotseidenen Unterrock zum Vorschein
brachte.
Sein Lcheln erlosch sogleich wieder.
Er warf das Wschestck neben die Toten und kletterte aus
dem MG-Nest. Miller sagte nichts, als er ihn weggehen sah. Er
hielt immer noch das Photo ihres Gefangenen und seiner Eltern
in Hnden. Er starrte es lange an.
Dann zerri er es in kleine Fetzen, die flatternd auf den
trmmerbersten Boden fielen, und verlie ebenfalls die
Stellung.
188
Auf einem nahegelegenen, ziemlich kleinen und von einer
Hecke eingefaten Feld bewachte Upham den deutschen
Gefangenen. Er klaubte Steine aus den berresten eines
Steinwalls auf, den eine Artilleriegranate auseinandergesprengt
hatte. Der Corporal und der Gefangene hatten die neun toten
Mnner - die Fallschirmjger-Patrouille, die in den Hinterhalt
geraten war, und Wade - wie Scke hierhergeschleppt und
widmeten sich nun ihrer schweren, freudlosen und
undankbaren Aufgabe. Upham hatte darauf geachtet, da zuerst
fr Wade Sorge getragen wurde, und mittlerweile waren bis auf
zwei auch alle Fallschirmjger mit Steinen bedeckt. Der Atem
des Deutschen ging heftig vor Anstrengung und Furcht, seine
Hnde waren blutverschmiert.
Der Corporal markierte die provisorischen Grabhgel mit
Gewehren, um die amerikanischen Leichenbergungstrupps auf
sie aufmerksam zu machen. Von Zeit zu Zeit begegneten die
Augen des Deutschen dem kalten Blick Uphams, und der
Gefangene legte sich noch mehr ins Zeug, half noch eifriger,
die Opfer des Massakers zu bedecken, das er selbst mit
angerichtet hatte.
Schlielich bedeutete Upham dem Gefangenen, eine Pause zu
machen, und sie lieen sich beide auf der Erde nieder. Upham
steckte sich eine Zigarette aus seiner K-Ration an, und der
Deutsche warf einen gierigen Blick darauf. Der Corporal gab
ihm auch eine und zndete sie fr ihn an.
American cigarette, sagte der Deutsche, paffend und mit
einem dmmlich-verzweifelten Grinsen. I like America ...
Steamboat Willie! Tuuut! Tuuut!
Upham nickte und sagte grimmig: Jaja, Micky Maus.
Steamboat Willie.
189
Ja! Micky Maus!
Sie rauchten immer noch, als Miller auf das Feld gestapft
kam, gefolgt von Sergeant Howard und dem Rest des Trupps,
beziehungsweise von denen, die noch brig waren: Reiben,
Mellish, Jacks
Er soll seinen arischen Hintern hochnehmen, knurrte
Mellish.
Upham stand auf und trat seine Zigarette aus; der Deutsche
folgte seinem Beispiel.
Miller schritt
von Grab zu Grab, entfernte die Munition und
die Bolzen aus den Waffen, um sie unbrauchbar zu machen.
Der Sarge folgte ihm und sammelte die Munition auf. Mit dem
Gewehr in der Hand gingen Reiben, Mellish
und Jackson
langsam auf den Gefangenen zu und bauten sich drohend im
Halbkreis vor ihm auf. Der Deutsche sah das mit angsterfllter
Miene und machte sich wieder daran, Steine auf eine der
briggebliebenen Leichen zu hufen, so als wrde es sein
Problem lsen, wenn die Gefallenen bedeckt wren.
Ich brauche mehr Steine,
sagte er auf deutsch und deutete
auf die Grabhgel - ein verzweifelter Versuch, durch
fieberhaftes Arbeiten seinen Gehorsam und seine Ntzlichkeit
unter Beweis zu stellen.
Sie sind nicht hoch genug. Ich bin noch nicht fertig ...
Er sagt, er ist noch nicht fertig, bersetzte Upham.
Das denkt er vielleicht, sagte Mellish. Dann rief er in
Richtung des Gefangenen: Wir sind aber gleich fertig mit dir,
Adolf, keine Angst!
Mellish packte den Deutschen an seinem Tarnhemd,
Jackson half ihm. Als sie ihn von den Grbern fortzogen, glitt
ihm der letzte Stein aus den Fingern, sein Gesicht begann
angstvoll zu zucken, und er schrie:
Nein! Ich bin doch noch
nicht fertig!
Und der Deutsche wand sich aus dem Griff seiner Bewacher,
190
hob den Stein auf, den er fallengelassen hatte, und machte sich
hastig wieder daran, die Leiche zu bedecken. Als Reiben
jedoch sein Gewehr durchlud, erstarrte der Gefangene, richtete
sich langsam auf und wandte ihnen sein Gesicht zu.
Please, versuchte er es wieder auf amerikanisch, I like
America. Er sprach mit starkem Akzent, beinahe unverstnd-
lich, und fletschte die Zhne in einem jmmerlichen,
verzweifelten Versuch zu lcheln.
Was fr eine Visage! Mann, hr schon auf! Hast du dir auf
die Zunge gebissen?
Jackson lud sein Gewehr durch.
Der Deutsche begann leise und hysterisch zu lachen. Trnen
strzten aus seinen Augen, als er sagte: Betty Boop!
Klassefrau! Betty Grable? Prima Beine! Und der Gefangene
zog seine Hosenbeine bis zu den Knien hoch und lachte dabei.
Auch Mellish lud seinen Karabiner durch.
Der Deutsche stand jetzt aufrecht da, seine Beine waren
immer noch entblt. Er sang: Oh say can you see
... Weiter
wute er nicht, und so sang er wieder und wieder: Can you? ...
Oh say can you see?
Die drei Privates standen dem Gefangenen nun gegenber
wie ein Erschieungskommando. Upham, dem beinahe
schlecht wurde, schaute weg. Miller war immer noch damit
beschftigt, Gewehre zu deaktivieren, und der Sarge sammelte
Munition ein. Anscheinend sahen beide nicht, was vor sich
ging, oder sie wollten es nicht sehen. Der junge Gefangene
spielte nun seinen letzten Trumpf aus.
Fuck Hitler, rief er.
Fuck you, antwortete Reiben.
Der Gefangene taumelte zu Upham, packte den Corporal am
Arm und stie in Panik deutsche Stze hervor:
Tut mir leid fr
den Mann, den ihr da verloren habt! Euer Sanitter. So was
passiert halt im Krieg, nicht wahr?
191
Upham wandte sich an Miller:
Sir, er sagt, da er Wades Tod bedauert. Ich glaube nicht,
da er der Schtze war, Sir.
Sag ihm, da von dem Wrtchen� sorry noch niemand
wieder lebendig geworden ist, rief Jackson und schwenkte
drohend seine groe Springfield. Und sag ihm, da mir gleich
die Trnen kommen.
Sagen Sie ihm, meinte Miller pltzlich, da der Krieg fr
ihn vorbei ist.
Die Soldaten des Trupps nickten. Mellish
knurrte: Das trifft
den Nagel auf den Kopf.
Miller lie das letzte funktionsuntchtig gemachte Gewehr
fallen und ging langsam auf den Deutschen zu.
Er zog ein Taschentuch hervor und verband damit dem
Deutschen die Augen.
Sir, sagte Upham mit leiser, eindringlicher Stimme, das ist
nicht richtig.
bersetzen Sie, Corporal. bersetzen Sie, was ich gesagt
habe.
Upham tat, was sein Captain ihm befohlen hatte. Miller
drehte den Deutschen um, so da er dem Trupp den Rcken
zuwandte. Horvath lud fr alle Flle sein Gewehr durch. Der
Gefangene zuckte zusammen. Miller schaute auf seine Leute -
Mellishs Augen glnzten, Jackson sah ihn mit dem Gleichmut
des Jgers an, und Reiben wirkte wie versteinert.
Miller befahl Upham: Sagen Sie ihm, er soll zwei
hundert
Schritte gehen, bis er uns nicht mehr hren kann. Er soll sich
der ersten alliierten Patrouille ergeben, auf die er stt.
Wie? schrie Reiben auf und schttelte den Kopf, als traute
er seinen Ohren nicht. Moment mal
Jawohl, Sir, sagte Upham voller Erleichterung und beinahe
mit einem Lcheln. Er bersetzte, zu dem jungen Deutschen
gewandt:
Lauf zweihundert Schritte, dann kannst du die Binde
192
abnehmen.
Miller prfte die Augenbinde, zog den Knoten fest
und schlug
dem Deutschen zweimal auf die Schulter, zum Zeichen, da er
losgehen solle, was dieser sofort tat.
Lucky Strike, sagte der Deutsche.
Ich danke euch. Ich
gehe jetzt los. Schiet mir bitte nicht in den Rcken.
Sie lassen ihn gehen? fragte Reiben Miller. Der Private
konnte es einfach nicht fassen.
Der Deutsche hatte nun zu singen begonnen, seine Stimme
entfernte sich langsam: Take me out to the ball game! Take
me out to the crowd! Buy me some peanuts ...
Ich werde nicht
stehenbleiben. Ich drehe mich nicht um. Ich verspreche es!
Das war's, sagte Miller. Alle Mann bereitmachen zum
Abmarsch.
Keiner rhrte sich von der Stelle. Alle starrten ihn an oder
sahen der kleiner werdenden Gestalt des Deutschen nach, die
der Hecke am Ende des Feldes zustrebte. Miller seufzte. Wir
knnen ihn nicht mitschleppen. Er wird uns nur bei der
Ausfhrung unseres Auftrags behindern. In der Richtung, in
die ich ihn geschickt habe, wird er von unseren Leuten
aufgesammelt werden.
Wenn er nicht zuerst auf die Wehrmacht trifft, sagte
Reiben bitter, und wieder in den Kampf geschickt wird. Um
noch einen von uns zu erschieen ... Sie lassen einen unserer
Feinde einfach so davonspazieren, Sir.
Mellish blickte dem Deutschen nach. Das ist nicht recht,
sagte er.
Recht?
Upham explodierte.
Herrgott! Wir richten doch keine Gefangenen hin! Wir sind
doch keine Schlchter! Verdammt, das ist gegen die Regeln!
Wir sind hier nicht beim Kartenspielen, schnauzte Reiben.
Upham, du Scheier, da hinten laufen die Regeln.
193
Er deutete auf den Deutschen.
Reiben, sagte M
iller leise,
holen Sie Ihre Sachen und
halten Sie den Mund.
Reiben rhrte sich nicht. Er atmete tief durch, blickte den
Captain herausfordernd an und sagte: Nein, Sir, das werde ich
nicht ... Sir.
Alle Augen ruhten nun auf M
iller
und Reiben - auer denen
des Deutschen, der hinter den Hecken verschwunden war.
Das war keine Bitte, Reiben. Das ist ein Befehl.
Ach ja? So einer wie der, das MG-Nest zu strmen? Der war
ja wohl ziemlicher Bockmist. Und zwar nicht zu knapp.
Miller verzog keine Miene, aber Horvaths Gesicht verzerrte
sich vor Zorn.
Du gehst eindeutig zu weit, Soldat!
Reiben beachtete den Sergeant nicht und sagte zu M
iller: Ja,
Sir, Cap, das war ein prima Befehl. Wir haben das Nest
ausgehoben und nur einen einzigen Mann dabei verloren. Zum
Glck war's ja blo unser Sanitter ... denn wer braucht schon
unter Ihrer Fhrung einen Sanitter? Vor Sonnenuntergang
sind wir sowieso alle erledigt.
Reiben ..., sagte der Sarge und trat auf den Private zu. Aber
Reiben miachtete diese deutliche Warnung und fuhr zum
Captain gewandt fort: Je mehr Mnner wir verlieren, desto
mehr kann sich Mama Ryan darber freuen, wie wertvoll doch
das Leben ihres kleinen Jungen ist. Nur da wir diesen
verfluchten Hurensohn bis jetzt noch nicht gefunden haben,
aber das ist ja ganz und gar Nebensache ...
Der Sarge stand nun direkt neben Reiben und schrie beinahe:
Tritt zurck, Private, und hlt's Maul!
Reiben lachte verchtlich, drehte sich auf dem Absatz um und
lie seinen Captain und seinen Sergeant stehen. M
iller stand
einfach da, reglos, wie erstarrt. Horvath aber war bleich vor
Zorn und schttelte sich, als er Reiben nachschrie: Komm
194
sofort zu deinem Captain zurck!
Ach, verdammt, sagte Jackson. La das Gromaul doch
ziehen ... Auf den knnen wir verzichten.
Miller schaute teilnahmslos zu, wie Reiben da
vonstapfte, als
er pltzlich Mellish vor sich sah, Verzweiflung im Gesicht und
in der Stimme.
Hren Sie, Captain, kmmern Sie sich nicht um Reiben, er
ist ein Arschloch. Aber wollen Sie wissen, was ich denke, Sir?
Ryan ist garantiert tot. Der liegt irgendwo im Gras, wie die
toten Fallschirmjger hier. Ich bin mir da ganz sicher. Wir
sollten uns einfach auf den Heimweg machen, Sir.
Miller antwortete nichts, s
ondern trat nur ein paar Schritte
zurck. Er sah in der Nhe einen Baumstumpf und ging
dorthin, um sich zu setzen und darber nachzudenken, wie es
so weit hatte kommen knnen, da sein Trupp ihm offen den
Gehorsam verweigerte ...
Reiben! schrie der Sarge dem Private nach, der in die
gleiche Richtung wie der Deutsche ging, wobei unklar war, ob
er desertieren oder den Gefangenen niedermhen wollte.
Komm zurck - sofort!
Reiben rief, ohne sich umzudrehen: Nein, Sir. Wenn es sein
mu, verbringe ich den Rest meines Lebens in Leavenworth im
Knast. Aber mit dieser Scheie hier will ich nichts mehr zu tun
haben.
Ich sage es nicht noch einmal, schrie der Sarge, und der
Ton seiner Stimme erschreckte alle. Er zog seine 45er aus dem
Holster. Komm zurck, Soldat!
Als der Sarge die Waffe durchlud, blieb Reiben wie
angewurzelt stehen. Miller
hob den Blick, blieb aber sitzen -
auch er wirkte wie gelhmt.
Reiben machte kehrt und ging auf den Sarge zu; seine Augen
waren geweitet von Furcht, Erstaunen und Wut, und er sagte:
Du wrdest mich wegen dieses verfluchten Ryan erschieen?
195
Fr einen Typen, dem wir nie begegnet sind?
Tritt zurck, Soldat, wiederholte der Sarge, etwas leiser
nun, aber die 45er war immer noch auf den nher kommenden
Reiben gerichtet.
Na prima! Wunderbar! Na los, mach schon, schie mir doch
ins Bein, bitte, bitte. Verpa mir den goldenen Schu, der mich
nach Hause bringt. Komm, tu mir diesen Gefallen, Sarge!
Ich schie' dir direkt in die Fresse, du Schwein, knurrte der
Sarge, halt jetzt endlich deine Klappe!
Reiben warf die Hnde in die Hhe und spttelte weiter: Na
los, mach schon, Sarge! Trau dich!
Jackson sagte: Langsam wird's interessant...
Jesus Maria, Sarge, mischte sich da Mellish ein. Er schien
den Trnen nahe. Nimm die Knarre runter, bitte!
Doch der Sarge schumte vor Wut, Reiben kam noch ein
Stck nher und stichelte: Nein, nein, hr nicht auf sie ... los,
erschie mich doch, Sarge! Erspar den Deutschen 'ne Kugel!
Die Hand des Sarge zitterte; er war durch Reibens
provozierendes Verhalten aufs uerste gereizt. Upham rannte
zu der Stelle, wo Miller abseits auf dem Baumstumpf sa.
Sir, Sie mssen etwas unternehmen! drngte er.
Miller schaute Upham mit
undurchdringlichem Gesicht an.
Reibens hhnisches Geschrei tnte herber; er war nun fast
an den Sarge und die auf ihn gerichtete 45er herangekommen.
Wie hoch ist der Einsatz? fragte Miller Upham abwese
h? Wie bitte?
Sie wissen schon, der M
iller-Pool. Wieviel ist jetzt drin?
Der Corporal starrte ihn verstndnislos an.
Ah ... ich habe keine Ahnung.
Der Sarge schrie: Bleib stehen, wo du bist!
Mach schon, Sarge! Ins Bein, bitte schn! Schick mich nach
Hause!
Du Feigling ... du verdammter Hurensohn ...
196
Reiben baute sich herausfordernd vor Horvath auf und
schaute direkt in die Mndung der groen Automatic.
Du bist hier der Feigling! Erschie mich doch! Da wird sich
Mama Reiben freuen!
Upham, der immer wieder Blicke auf die irrwitzige
Auseinandersetzung warf, stand vor seinem sitzenden Captain
und sagte: Ah, Sir, wirklich, ich denke, Sie sollten dringend
etwas unternehmen
Ich bin High-School-Lehrer, sagte M
iller. Er sagte es
beilufig, aber mit fester Stimme. Mellish hatte es gehrt
schaute herber.
Ich unterrichte Englisch, fuhr M
iller fort
und richtete sich
auf, an der Thomas Edison High School. Nun blickte auch
Jackson zum Captain hinber. Ebenso der Sarge.
Und Reiben.
In Addley, Pennsylvania, fuhr Miller fort. Wenn mich zu
Hause die Leute fragen, was ich von Beruf bin, und ich sag' es
ihnen, dann schauen sie mich normalerweise an und antworten:
�Htt' ich mir denken knnen, oder so was hnliches. Aber
hier ... Ich frchte, hier ist es nicht so deutlich ...
Sie starrten ihn alle an. ... Jedenfalls, wenn man in eure
Gesichter schaut.
Sie gingen auf ihn zu, langsam, und stellten sich im Kreis um
ihn auf.
Vielleicht habe ich mich ja verndert, sagte er leise. Dann
lachte er ein wenig. Manchmal frage ich mich, ob meine Frau
mich berhaupt wiedererkennen wrde. Mellish drehte sich zu
Jackson um und bewegte lautlos die Lippen: Seine Frau?
Jackson zuckte verblfft mit den Schultern.
Langsam, mit knackenden Gelenken und klappernder
Ausrstung, erhob sich M
iller
und stie einen tiefen Seufzer
aus. Dann sagte er: Hrt zu ... Ich wei nichts ber diesen
Private James Ryan, und er ist mir herzlich egal. Der Mann
197
bedeutet mir gar nichts. Ich will nur nach Hause
und meine
Kinder wiedersehen. Me
llish blickte zu Jackson und fragte
lautlos:
Seine Kinder?
worauf dieser wieder nur erstaunt die
Achseln zuckte. Und wenn es mich nher an mein Zuhause
bringt, nach Ramelle zu marschieren und dort Ryan
einzusammeln, fuhr M
iller fort, dann werde ich das t
Und er schaute ihnen nacheinander ins Gesicht. Wenn einer
von euch zurckw
ill, um an anderer Stelle weiterzukmpfen, so
halte ich ihn nicht auf. Ich werde keine Meldung machen, wenn
ich diesen Mist hier berlebe. Wir sind halt einfach getrennt
worden, das ist alles. Im Krieg laufen die Dinge nicht immer so
planmig, wie sie sollten ... Mehr wei ich nicht dazu zu
sagen, auer, da ich mich immer weiter von zu Hause weg
fhle, je mehr Menschen ich tte.
Der Wind strich sacht durch die Hecken und das hohe Gras,
und die Mnner standen eine ganze Weile schweigend da,
sahen sich gegenseitig an und lauschten dieser Musik. Der
Sarge hatte schon lange seine 45er gesenkt und in ihr Holster
gesteckt.
Schlielich sagte Jackson: Das gibt's doch nicht - Lehrer?
So ist es, nickte Miller.
Caparzo hatte es erraten, sagte Upham. Er hat es mir
gesagt ... Wir sollten das Geld aus dem Pool seiner Familie
schicken.
Gute Idee, Uppy, stimmte Mellish zu. Reiben musterte den
Captain. Ein Lehrer. Und ich habe mich freiwillig gemeldet,
um diesen Scheikerlen zu entkommen. Er grinste.
Und Miller grinste ebenfalls.
Und, schmeckt dir der Krieg etwa besser? fragte Me
llish
Reiben.
Ich trainiere auch das Baseball-Team, fgte Miller hinzu.
Alle lchelten nun. Es gab keinen Grund zum Jubeln, nicht
unter diesen Umstnden, aber sie waren froh, wieder eine
198
Einheit zu sein. Miller wies Upham
und Me
llish an, die beiden
briggebliebenen Fallschirmjger mit Steinen zu bedecken,
whrend die anderen ihre Ausrstung aufnahmen.
Alles in Butter? fragte der Sarge und schaute die Mnner
der Reihe nach an.
Von uns aus schon, Sir, antwortete Jackson.
Also dann, meinte der Sarge, in Reih und Glied, marsch.
Sie gehorchten und setzten sich in Bewegung.
Nchster Halt: Ramelle, sagte Reiben.
Unter der warmen, nicht zu heien Nachmittagssonne stapf-
ten Miller
und seine Mnner vorsichtig durch das hohe Gras.
Das Gelnde fiel allmhlich zu dem Tal hin ab, wo Ramelle an
der Merderet lag. Aber noch konnten sie das Flchen und die
Brcke, der Ramelle seine besondere strategische Bedeutung
verdankte, nicht sehen. In etwa 800 Metern Entfernung
erkannten sie jedoch einen eindrucksvollen Schutthaufen: das
Dorf, oder besser das, was die alliierte Bombardierung daraus
gemacht hatte. Verglichen mit diesen Ruinen war Neuville-au-
Plain praktisch unversehrt gewesen. Einige Gebude standen
allerdings noch, darunter auch der Kirchturm, der wie ein
zorniger Finger Gottes in den Himmel ragte.
Sieht ziemlich ruhig aus da unten, bemerkte der Sarge, der
an der Spitze ging. Keine Zivilisten in Sicht -
und ich sehe
auch nichts von der Hundertersten.
Miller rief
von hinten: Die werden wir schon noch zu
Gesicht bekommen, wenn wir die Brcke erreichen. Die braven
Brger von Ramelle haben sich wohl schon vor einer ganzen
199
Weile aus dem Staub gemacht. Es wird hier bestimmt nicht
lange so ruhig bleiben.
Wie zur Besttigung seiner Worte war pltzlich hinter ihnen
ein Motorengerusch zu hren. Sie wandten die Kpfe um,
waren aber zunchst nicht beunruhigt, denn es klang wie die
Traktoren, denen sie hier und da auf ihrem Marsch begegnet
waren (noch vertrauter war ihnen jedoch das Wiehern von
Ackerpferden geworden).
Aber das Fahrzeug, das da unvermittelt auf sie zukam, war
kein Traktor, auch wenn es hinten auf Ketten und vorne auf
Rdern fuhr; was da ber das Feld herangejagt kam, war ein
bewaffnetes deutsches Halbkettenfahrzeug, mit drei Grenadie-
ren auf jeder Seite, die im Laufschritt mitzuhalten versuchten
und dabei ihre Gewehre ber das hohe Gras hielten.
Der deutsche Schtze auf dem Halbkettenfahrzeug erffnete
sofort aus einem aufmontierten Maschinengewehr das Feuer
auf Millers Mnner, die in Richtung des Dorfes rannten. Ihre
Beine wirbelten durch das hohe Gras, berall um sie herum
pfiffen Kugeln. Sie fanden nicht einmal Zeit, einen einzigen
Schu abzugeben, sie rannten einfach, so schnell sie ihre Beine
trugen, bis ein Bewsserungsgraben ihren Weg kreuzte - eine
willkommene Deckung. Die Mnner sprangen oder schlitterten
hinein. Kugeln rissen entlang dem Graben die Grasnarbe auf,
Gewehrschsse krachten und das Maschinengewehr tackerte.
Auf der anderen Seite des Grabens waren Eisenbahnschienen,
jenseits davon befand sich wahrscheinlich noch ein Graben,
und dahinter lag das Dorf. Wenn es M
iller und seiner Einheit
gelang, ber die Schienen zu kriechen, waren sie in Deckung
und konnten Gegenwehr leisten. Sie stolperten spritzend durch
das trbe Wasser am Grunde des Grabens und begannen an der
anderen Seite hochzukriechen, wo die Eisenbahnschienen
verliefen, aber das Sperrfeuer aus dem Maschinengewehr
zerhackte die hlzernen Eisenbahnschwellen zu Streichhlzern
200
und trieb die Mnner in den schlammigen Graben zurck.
Scheie! rief der Sarge.
Der Motor des Halbkettenfahrzeugs hrte sich jetzt nicht
mehr wie ein Traktor an. Knurrend nherte es sich, das MG
schwieg, wartete aber sicher nur darauf, wieder loszuknattern.
Und jeden Moment wrde ber ihren Kpfen ein halbes
Dutzend deutscher Soldaten auftauchen ...
Eingraben! schrie Miller. Wir zeigen's ihnen!
Sie versuchten, den Graben als berdimensioniertes Scht-
zenloch zu nutzten, gingen an seinem Rand in Stellung und
erwiderten das Feuer. Aber es regnete soviel Blei auf sie herab,
da sie nach unten zurckweichen muten, von wo aus sie nur
noch blind ber die Bschung schieen konnten. Rumpeln und
Quietschen zeigte ihnen an, da das bewaffnete Gefhrt nher
immer nher kam
Kpfe runter!
schrie jemand.
Miller
und seine Leute gehorchten, obwohl sie sich erstaunt
fragten, wer von ihnen das gerufen hatte. Als ihnen klarge-
worden war, da es keiner von ihnen gewesen war, sondern
da die Aufforderung von hinten gekommen war, von den
Eisenbahnschienen, sahen sie auch schon ber ihren Kpfen
die Rohrmndung einer Panzerfaust und die Stichflamme des
Projektils, das mit einer Rauchspur ber sie hinweg ins Feld
hineinzischte.
Das Krachen eines Volltreffers ermutigte den Trupp, ber den
Rand des Deiches zu sphen, wo schwarzer Rauch aus der
Motorhaube des Kettenfahrzeugs aufstieg, das stotternd zum
Stehen kam. Der MG-Schtze war von seinem Hochsitz weg-
gepustet worden, und Teile seines zerfetzten Krpers flogen
durch die Gegend.
Die deutschen Soldaten stolperten durcheinander, vllig
berrascht vom pltzlichen Beben der Erde, und wischten sich
Rauch aus dem Gesicht. Sie hatten sich noch nicht von ihrem
201
Schock erholt, als sich geistergleich vier amerikanische
Fallschirmjger links von der Stelle, wo M
iller
und seine Leute
im Graben hockten, aus dem hohen Gras erhoben. Innerhalb
von Sekunden wurden die Deutschen von amerikanischem MP-
Feuer niedergemht und versanken schreiend und blutend im
Grasmeer. Schlielich hrte auch das Schreien auf; es blieb
nichts brig als Stille, ber die schwarzer Qualm driftete.
Erschttert und erleichtert sah der Trupp ber sich einen
groen, athletisch gebauten Fallschirmjger auf den Eisenbahn-
schienen knien, der eine Panzerfaust gegen seinen Ober-
schenkel gelehnt hatte und zu ihnen herbersah.
Es war ein gutaussehender blonder Junge mit einer Stupsnase,
runden Wangen und einem Grbchen im Kinn, blauen,
lachenden Augen, fast ein Comic-Held, jedoch mit einem
ernsten, respektvollen Ausdruck in dem ovalen Gesicht.
Alle in Ordnung? fragte er mit rauher St
imme. Vermit
jemand irgendwelche Ersatzteile?
Alles okay, sagte Miller.
Danke fr die kleine Hilfestellung. Wer, zum Teufel, sind
Sie, mein Sohn?
Private First Class Ryan, Sir ... Sir? Stimmt etwas nicht?
Die fnf GIs in dem schlammigen Graben starrten ihren
Retter mit unglubigen Augen an. Dann begannen sie ihre
Kpfe zu schtteln und lachten, whrend der dnner werdende
Rauch ber ihnen abzog. Private James F. Ryan, zwanzig,
Peyton, Iowa, fragte sich, ob diese unrasierte, abgerissene
Truppe vor ihm, der er gerade das Leben gerettet hatte, nicht
vllig durchgedreht war. Als Millers Mnner aus dem Graben
auf die Schienentrasse geklettert waren, lachte niemand mehr.
Eine Brise wehte den schrecklichen, bereits vertrauten Geruch
von versengtem Haar und verbranntem Fleisch aus dem hohen
Gras herber, eine allzu ernchternde Erinnerung an den Grund
ihrer Anwesenheit. Dieser hellugige Junge vom Lande, der
202
ihnen das Leben gerettet hatte, konnte natrlich nicht wissen,
mit welchem Auftrag sie hierhergekommen waren - und da
der Krieg ihm seine Brder genommen hatte.
Private Ryan lie seine Panzerfaust liegen und geleitete mit
den anderen Fallschirmjgern, die an der Rettungsaktion
beteiligt gewesen waren, Captain Miller
und seine Einheit
durch die Ruinen von Ramelle. Aus den zerstrten Husern
schaute hier und da ein Fallschirmjger heraus, als die kleine
Truppe vorbeikam; Zivilisten gab es keine mehr im Ort. Miller
fiel auf, da die Fallschirmjger mindestens so abgerissen
aussahen wie seine eigenen Leute: berall ausgemergelte,
unrasierte Gesichter, nicht wenige waren verwundet.
Miller
und die Mnner seines Trupps warfen Ryan verstoh-
lene Blicke zu, musterten seine klaren, buerlichen Zge, das
Erbe seiner Heimat Iowa; die Tatsache, da er ihnen das Leben
gerettet hatte, hatte ihm einigen Respekt eingebracht.
Die Brcke von Ramelle war schmal, doch die bepflasterte,
auf steinernen Pfeilern ruhende Stahlkonstruktion machte einen
sehr massiven Eindruck. Darunter flo breit und glitzernd die
203
Kann ich Ihnen nicht verdenken, Corporal, sagte Miller.
Ich mu Ihrem befehlshabenden Offizier Meldung machen.
Das wre wohl Colonel Jennings gewesen, Sir.
Der Corporal nickte zu der nahen Uferbschung hin, wo zwei
Dutzend Gefallene unter Decken lagen und auf einen Leichen-
bergungstrupp warteten.
Ich frchte, sagte der Corporal, ich bin der ranghchste
Offizier, den wir Ihnen bieten knnen. Mein Name ist Hender-
son, Sir.
Ich bin Captain Miller.
Was fhrt Sie in dieses ehemalige Stdtchen, Captain?
Dieser Mann, sagte M
iller
und wies auf Ryan, der ihn ber-
rascht ansah. Wir sind wegen Private Ryan gekommen.
Wegen mir? fragte Ryan vllig verblfft. Warum, zum
Teufel ...?
Da er nun so etwas wie einen befehlshabenden Offizier vor
sich hatte, war Miller entschlossen, die Sache zu Ende zu
bringen.
James Francis Ryan? Iowa?
Ja, Sir, sagte Ryan verwirrt und ein wenig besorgt, aus
Peyton, Iowa, Sir ... Worum geht es?
Ich kann es Ihnen leider nicht ersparen, Soldat, sagte
Miller. James, alle Ihre Brder sind im Feld gefalle
Ryan schluckte; wie alle Mnner, die viele Kmpfe erlebt
hatten, zeigte er nach auen Hrte. Aber seine Stimme klang
heiser, als er fragte: Alle? Doch nicht alle ... da mu ein
Irrtum vorliegen.
Irrrum ausgeschlossen, Private. Thomas ist am Omaha
Beach gefallen; Peter im Abschnitt Utah. Daniel ist schon vor
ber einer Woche in Neu Guinea gefallen ... Tut mir leid, mein
Sohn.
Der tapfere Fallschirmjger, der eben noch vor ihnen
gestanden hatte, war nun wieder ein kleiner Junge. In seinem
204
Gesicht und seinen Augen flackerte das Entsetzen ber die
schreckliche Nachricht, da seine Brder, mit denen er
aufgewachsen war, mit denen er sich gebalgt und mit denen er
gelacht hatte, die er manchmal verflucht und doch immer
geliebt hatte, nicht mehr am Leben waren. Es mochte eine
Kugel, eine Granate oder eine Mine gewesen sein, die sie
gettet hatte, aber fr James Ryan waren es Worte, die sie ihm
raubten, Worte, die sich unwirklich anhrten und doch so real
waren wie eine Kugel oder eine Granate oder eine Mine.
Seine
Brder waren tot.
Er wrde sie nie wiedersehen, nicht einmal
in einem Sarg. Captain Millers Worte hatten sie ausgelscht.
Ryan nahm seinen Helm ab, fuhr sich mit der Hand durch sein
dunkelblondes Haar, taumelte zu einem Brckengelnder und
lehnte sich dagegen. Miller
und sein Trupp senkten die Augen
und musterten die Pflastersteine zwischen ihren Stiefeln.
Sie blickten nicht auf, als Trnen ber Ryans runde Wangen
strmten. Die anderen Fallschirmjger, seine Kameraden,
schauten hinaus auf den schimmernden Flu und lieen ihn mit
seinem Schmerz allein. Nach einer Weile wischte sich der
Private die Trnen aus den Augen, trocknete sich die Hand an
seiner Hose ab, wandte sich an Miller
und fragte: Von woher
kommen Sie mit dieser Nachricht?
Omaha Beach.
Ryan runzelte die Stirn. Sie haben den ganzen weiten Weg
auf sich genommen, nur um mir das mitzuteilen? Worum geht
es wirklich, Sir?
Miller ging auf Ryan zu, der sich immer noch am Gelnder
absttzte.
Sie werden nach Hause beordert, mein Junge. Wir haben den
Befehl, Sie zurckzubringen.
Ryan starrte ihn mit groen Augen an.
Was soll das heien - mich zurckbringen?
Genau das, was ich sage. Sie kommen doch aus Iowa. Sie
205
kennen die Geschichte der Sullivans.
Ein schwaches Lcheln huschte ber Ryans bedrcktes
Gesicht, als er sagte: Es macht wohl schlechte Schlagzeilen,
wenn ich draufgehe.
Ihre Mutter hat schon genug gelitten ... Sie haben zehn
Minuten Zeit, Ihre Sachen zu holen und sich zu verabschie-
den.
Ryan schwirrte der Kopf - verstndlicherweise.
Miller wandte sich zu Henderson und fragte: Erwarten Sie
hier drauen Verstrkung?
Man kann nie wissen, Sir.
Gibt es einsatzfhige Funkgerte?
Sie werden entweder gestrt oder sind kaputt. Wir haben
keine Ahnung, was sdlich von uns los ist.
Pltzlich sagte Ryan: Ich habe auch Befehle, Sir.
Der Private lehnte nun nicht mehr am Brckengelnder - er
stand direkt vor Miller, aufrecht,
und sprach mit fester Stimme.
Und keiner gibt mir die Anweisung, meinen Posten zu verlas-
sen.
Miller schluckte, seufzte und sagte: Ich kann Ihre Gefhle
verstehen. Ich wrde genauso empfinden, wenn ich Sie wre.
Ich frchte jedoch, da meine Befehle ber Ihren stehen.
Das sehe ich nicht so, Sir.
Miller hatte bereits einen langen, harten
und anstrengenden
Tag hinter sich, und trotz der Sympathie, die er fr den Jungen
empfand, wurde er nun rgerlich.
Private, ich habe meine Befehle direkt von General
Marshall, dem Stabschef der Armee der Vereinigten Staaten.
Bei allem Respekt, Sir, mischte sich nun auch Henderson
khn ein, Private Ryan hat vielleicht nicht so unrecht. General
Marshall ist nicht hier, und er kann die Lage nicht direkt
beurteilen.
Millers M
und verzog sich.
206
Ich bin erst seit fnf Minuten in dieser Stadt, und schon
widersprechen mir ein Private und ein Corporal - bei der Hun-
dertersten scheint es etwas anders zu laufen als bei uns
Rangers.
Sir, sagte Henderson, unser Befehl lautet, die Brcke zu
halten - um jeden Preis. Unsere Flugzeuge und die zweiund-
achtzigste Luftlandedivision haben alle Brcken ber die
Merderet zerstrt, auer zweien - der bei Valognes und dieser
hier. Wenn die Deutschen sie nehmen, ist unsere Stellung in
Gefahr, und wir mssen uns zurckziehen.
Ich bin nicht gekommen, um Sie und Ihre Mnner von dieser
Brcke abzuziehen, Corporal, oder aus der Stadt heraus-
zuholen. Und ich will Ihnen weder Ihren Job streitig machen,
noch bezweifle ich seine Wichtigkeit. Aber Sie werden wohl
mit einem Mann weniger auskommen knnen.
Ryan schttelte verneinend den Kopf. Ich kann sie nicht im
Stich lassen, Sir. Nicht, bevor die Verstrkung eingetroffen
ist.
Millers Lcheln war
nun nicht mehr sehr freundlich.
Whrend meine Leute und ich hierher unterwegs waren,
frhlich durch die franzsische Landschaft spaziert sind, Gn-
seblmchen gepflckt, Picknick gemacht und nebenher die
Bauerntchter flachgelegt haben, mu in der Army wohl die
Demokratie ausgebrochen sein.
Sir, wandte Ryan weiter ein, es sind nur noch so wenige
von uns brig ...
Private, Sie vergessen, da ich Ihnen zehn Minuten geben
wollte. Sie haben noch genau fnf Minuten, ihr Zeug zu holen
und sich bei mir zu melden.
Ryan schttelte immer noch den Kopf.
Captain, was sollen sie denn machen, wenn ich gehe
Hey, du Arschloch! explodierte Reiben. Zwei von uns
sind draufgegangen, damit wir dir hier den Rckfahrschein
207
berreichen knnen! Jetzt
nimm
ihn, zum Teufel! Ich wrde
sofort zugreifen.
Ryan wirkte wie vom Donner gerhrt; das Blut wich aus
seinem Gesicht. Er blickte fragend auf Miller,
und der Captain
nickte.
Ryan ging mit schwankendem Schritt zu den Sandscken der
MG-Stellung, wo er sich hinsetzte. Er murmelte eine Frage.
Miller sagte: Was wollten Sie sagen, Junge?
Wie ... wie hieen sie?
Mit einem leisen Vorwurf in der Stimme erwiderte Mellish:
Wade und Caparzo.
Ryan wiederholte: Wade ... und ...
Caparzo, half ihm Me
llish.
Der Private wiederholte leise diese Namen, prgte sie sich
ein, versuchte sich die gefallenen Mnner vorzustellen.
Schlielich sagte Ryan zu Miller: Sir, das macht doch
keinen Sinn. Was habe ich getan, um eine solche Sonderbe-
handlung zu verdienen?
Hey, hrt euch das an! Ist er nicht klasse? rief Reiben.
Miller warf Reiben einen warnenden Blick zu und sagte dann
zu Ryan: Es geht nicht um Sie, sondern um Politik ... und
dann ist da noch Ihre Mutter.
Aber Ryan schien gar nicht zu hren.
Ich meine, um Himmels willen, mein Leben ist doch nicht
das von zwei anderen wert.
Die Mnner von M
illers Einheit schauten einander an,
verwirrt und ein wenig beschmt, als sie hrten, wie Ryan
selbst das aussprach, was sie schon immer ber ihren Auftrag
gedacht hatten.
Der Private wies auf seine Kameraden ringsum, die Fall-
schirmjger, die den Trupp hierher begleitet hatten, die beiden
Mnner in dem MG-Nest und auf Corporal Henderson.
Verdammt, sagte Ryan, alle hier haben es doch mindes-
208
tens genauso wie ich verdient, nach Hause zu kommen. Sie
haben genauso lange gekmpft wie ich und genauso hart.
Soll ich das vielleicht Ihrer Mutter erzhlen? fragte Miller.
Da sie vielleicht bald
noch
eine Flagge aus ihrem Fenster
hngen kann?
Ryans Gesicht wurde pltzlich hart. Sie hat keinen von uns
zum Feigling erzogen.
Der Captain starrte den Private an.
Sie hat euch nicht grogezogen, um euch alle zu verlieren!
Dann sagen Sie ihr eben, da ich, als Sie mich gefunden
haben, mit den einzigen Brdern zusammen war, die mir noch
geblieben sind. Sagen Sie ihr, da ich sie auf keinen Fall im
Stich lassen wollte. Sagen Sie ihr das ... sie wird es verstehen.
Der Private blickte dem Captain in die Augen.
Miller schwieg.
Ich bleibe bei dieser Brcke, Sir, sagte Ryan. Wenn Sie
mich dafr erschieen wollen, da ich meinen Posten nicht
verlasse, nur zu ... obwohl ich nicht wte, wie Sie das meiner
Mutter erklren wollen.
Ryan ging an Miller und seinen Mnnern vorbei in die MG-
Stellung und setzte sich hin.
Miller blickte auf den s
onnenbeschienenen, von Bumen
gesumten Flu. Die Welt sah in diesem Augenblick so
friedlich aus. Vielleicht hatte sich der weite Weg hierher fr
diese Aussicht gelohnt ...
Wie lauten Ihre Befehle, Sir?
Der Sarge war nun an seiner Seite. Sein Gesicht wirkte
undurchdringlich, aber seine Augen leuchteten.
Horvath hatte leise gesprochen, und M
iller antwortete mit
gedmpfter Stimme. Doch niemand versuchte ihre vertrauliche
Unterredung zu belauschen.
Sergeant, sagte Miller, wir haben eine unsichtbare Grenze
berschritten. Wir sind ber eine Falle gestolpert und in ein
209
Kaninchenloch gestrzt.
Ulkiger und ulkiger, Sir.
Miller mute ber diese kleine literarische Anspielung seines
rauhbeinigen Sergeant lachen. Horvath fuhr fort: Aber die
Frage bleibt, Sir: Wie lauten Ihre Befehle? Sollen wir diesen
Mann, den General Marshall bei seiner Mutter in Iowa abgelie-
fert wissen will, festnehmen oder vielleicht standrechtlich
erschieen? Wir knnten ihn verwunden und dorthin zurck-
schaffen, von wo wir kommen. Allerdings wren wir dann nur
halb so schnell, aber wer wei? Vielleicht sind wir ja schon
allen Deutschen in der Normandie begegnet.
Was ist Ihre persnliche Meinung, Sarge?
Um die Lippen des Sarge zuckte ein Lcheln.
Ich bin mir nicht sicher, ob Sie die wirklich hren wollen,
Sir.
Raus damit, Mike.
Horvath zgerte noch immer, aber Miller kniff die Augen
zusammen und sah ihn mit durchdringendem Blick an.
Verdammt, ich wei auch nicht, seufzte Horvath.
Einerseits denke ich, der Junge hat recht - er verdient keine
Sonderbehandlung, und er verdient es auch nicht, da man ihn
zwingt, seinen Posten aufzugeben und seine Kumpel im Stich
zu lassen. Er will hierbleiben, okay - verflucht, lassen wir ihn
doch hier und gehen nach Hause.
Ein Teil von Ihnen denkt so.
Richtig. Andererseits ... wie wre es, wenn wir selbst hier-
bleiben und den armen Teufeln ein bichen Verstrkung geben
wrden? Die knnen sie doch dringend gebrauchen. Anschlie-
end knnten wir ja tatschlich von hier verschwinden, mit
Ryan im Schlepptau.
So?
Der Sarge zuckte mit den Schultern.
Wenn wir uns dann eines Tages daran erinnern, wie wir
210
Private Ryan gerettet haben, werden wir daran denken, da das
die einzige wirklich gute Sache war, die wir in diesem
gottverdammten Scheikrieg gemacht haben.
Miller lie diese Worte auf sich wirken.
Der Sarge fuhr fort: Sie haben es selbst gesagt, Cap - wenn
wir das geschafft haben, dann haben wir uns vielleicht alle das
Recht verdient, nach Hause zu gehen.
Der Captain seufzte und lchelte.
Wissen Sie, einen Moment lang ... ich hatte fast den Ein-
druck, als wrde Wade sprechen.
Ich, h, danke fr das Kompliment, Sir
... Jedenfalls, so
denke ich ber die Sache.
Und Horvath stapfte davon, ging zur Einheit zurck und lie
Miller mit seinen Gedanken allein. Dann schlenderte Miller zu
Corporal Henderson hinber, der bei den Sandscken der MG-
Stellung stand, und fragte ihn: Wie sehen Ihre Plne aus,
Corporal?
Meine Plne, Sir?
Wie wollen Sie die Krauts davon abhalten, die Brcke zu
berqueren?
Henderson zeigte in die Runde.
Nun, h ... wir haben MGs an beiden Seiten postiert, wie Sie
sehen ... auerdem haben wir die Hauptstrae der Stadt ver-
mint.
Miller nickte
und berlegte. Maschinengewehre und Minen
halten sie vielleicht dreiig Sekunden lang auf, vielleicht auch
eine Minute. Sonst noch was?
Henderson wirkte verlegen.
Nein, Sir. Nur das, und ein Dutzend Mnner, die noch
einsatzfhig sind, Sir.
Denken Sie vielleicht, die greifen mit Eselskarren an?
Bislang haben sie euch doch nur ein bichen gepiekst, mit ein
paar Infanteristen, vielleicht mit einem gepanzerten Fahrzeug.
211
Aber wenn sie in die Stadt kommen, um die Brcke zu neh-
men, dann bringen sie Panzer mit.
Ich wei, Sir.
Vielleicht hat Ihr neuer befehlshabender Offizier ja eine
bessere Idee.
Henderson runzelte verwirrt die Stirn.
Wer, Sir?
Ihr neuer befehlshabender Offizier, sagte Miller.
Ich.
Auf dem Gelnde nahe der Brcke, unterhalb der Ruinen von
Ramelle, inspizierte Miller ein mageres Waffenarsenal: zwei
Maschinengewehre Kaliber 30, siebzehn Granaten, dazu elf
Hawkins-Minen, zwei Panzerfuste mit acht Sc
hu Munition,
ein Flammenwerfer und verschiedene leichte Waffen.
Ist das alles? fragte Miller. Der Sarge schritt neben ihm,
und hinter ihnen drngten sich die Jungs der Einheit wie die
Jury eines Schnheitswettbewerbs, die auf hbschere Mdchen
gehofft hatte. Auch Ryan war mitgekommen. Die Prsentation
des bescheidenen Waffenlagers wurde von den beiden
Fallschirmjgern durchgefhrt, die an dieser Stelle zusammen
mit Corporal Henderson hinter den Sandscken des MG-Nestes
saen. Bill Trask, zweiundzwanzig, Dallas, Texas, war
dunkelhutig und schlaksig wie Jackson, whrend der blonde
Ray Rice, Tulsa, Oklahoma, die bullige Figur eines Football-
Spielers hatte.
Auer Karabinern und Bajonetten, ja, Sir, antwortete
Trask. Entschuldigend fgte er hinzu: Wir hatten einen 60er-
212
Granatwerfer, aber ein Artillerietreffer hat ihn auer Gefecht
gesetzt.
Wir knnten sie genausogut mit Papierkugeln beschieen,
sagte Rice dster, wenn sie uns mit Panzern angreifen.
Wenn
sie uns mit Panzern angreifen, verbesserte ihn M
iller.
Der Sarge schaute auf die Handvoll Waffen und mute Rice
recht geben. Millers Blick jedoch schweifte die Pflasterstrae
entlang, die von hier aus in die zerstrte Stadt schwenkte.
Was denken Sie, Cap? fragte der Sergeant.
Ich denke, sagte Miller, die Jerrys werden uns in die
Zange nehmen und zerquetschen.
Ja, nickte der Sarge. Und uns dann wie einen Pickel aus-
drcken.
Miller zeigte nach vorne. Aber wie wr's, wenn wir ein paar
von ihnen auf die Hauptstrae locken ... zwischen diese
Gebude? Es sind genug Trmmer da, um einen Engpa zu
bilden.
Ryan entgegnete: Nicht genug, um damit einen Panzer
aufzuhalten ... es sei denn, wir setzen einen auer Gefecht.
Genau! grinste Miller. Wir verwandeln einen
von ihren
Panzern in eine sechzig Tonnen schwere Straensperre. Wenn
wir das schaffen, knnen wir auch unsere Flanken vertei-
digen.
Die anderen verzogen keine Miene. Auch wenn sie vielleicht
gerne seinen Enthusiasmus geteilt htten, wuten die Soldaten
doch, da das, was Miller vorschlug, selbst dann eine
schwierige Aufgabe gewesen wre, wenn sie selbst einen oder
zwei Panzer gehabt htten. Und die hatten sie nicht.
Aber Corporal Henderson sah, da es immerhin eine Chance
war. Gar nicht schlecht ... dann mssen sie sich teilen. Wir
mssen verhindern, da sie zusammen angreifen.
Richtig, sagte Miller. Dann
knnten wir ihnen schwer
zusetzen, nach und nach, nicht in einer groen Schlacht,
213
sondern in kleinen Gefechten, die wir eines nach dem anderen
gewinnen, whrend wir uns Stck fr Stck zur Brcke
zurckfallen lassen und die briggebliebenen Krauts hinter uns
herziehen.
Auch der Sarge nickte nun und deutete die Strae entlang.
Ein MG knnten wir hier an der Strae aufstellen ... Sein
Zeigefinger wies auf den Kirchturm. Das zweite MG dort
oben, schn hoch. Da knnen wir Blei auf ihre Kpfe
herabregnen lassen.
Gut, gut, stimmte Miller zu
und wandte sich an Jackson:
Wollen Sie dem Maschinengewehr im Kirchturm Gesellschaft
leisten?
Ist doch Verschwendung, Sir, mich zum Spher zu machen,
meinte Jackson, der sich auf seine Springneid sttzte.
Nun, ich dachte, Sie knnten vielleicht von dort oben aus ein
paar deutschen Offizieren unsere Willkommensgre ausrich-
ten.
Jackson salutierte mit seinem verwundeten Arm und sagte:
Freue mich immer, mal wieder in einem Gotteshaus sein zu
knnen.
Miller sah seinen Mnnern forschend ins Gesicht.
Wie seht ihr die Sache?
Sie wollen unsere Meinung hren, Sir? wunderte sich
Reiben.
Sieht so aus, oder?
Nun ... es gab schon schlechtere Plne.
Mellish sagte: Ja - Omaha Beach zum Beispiel.
Grimmiges Lachen
und zust
immendes Nicken war die Ant-
wort; auch Miller mute grinsen.
Hngt alles davon ab, ob wir einen Panzer dazu bringen
knnen, die Hauptstrae runterzukommen, sagte Reiben.
Genau, st
immte Miller zu. Erstens das,
und dann mssen
wir ihn noch erledigen.
214
Nun, h ... wie sollen wir das eigentlich anstellen?
Der Sarge verzog den Mund zu einem freudlosen Grinsen.
Ich gebe es ja ungern zu, aber ich finde, diesmal hat Reiben
recht. Er nickte zu den Waffen hinber. An der Einschtzung
der Fallschirmjger gibt es nichts zu deuteln. Sie haben recht:
Das sind alles nur Papierkgelchen. Wie sollen wir denn
Panzer mit solchen Erbsenpistolen aufhalten? Und wie sollen
wir auerdem einen Panzer dazu bringen, dorthin zu fahren, wo
wir ihn haben wollen?
Wir geben ihm ein Kaninchen zu jagen, sagte M
iller, dann
heften wir uns ihm an die Fersen.
Ein Kder also, meinte Reiben. Aber wie setzen wir den
Bastard auer Gefecht?
Mit Haftminen.
Millers Leute, die Fallschirmjger
und sogar der Sarge
starrten den Captain verstndnislos an.
Ah, meinte Reiben, Haftminen, Sir?
Wie soll denn das funktionieren? fragte Henderson.
Steht doch im Feldhandbuch, bemerkte M
iller beilufig.
Werft mal einen Blick rein.
Das wrden wir sehr gerne, Sir, sagte Ryan sehr hflich,
aber nicht ohne Sarkasmus, wenn wir eins htten. Da aber
gerade keins zur Hand ist, knnten Sie uns vielleicht
weiterhelfen.
Gerne. Habt ihr Sprengstoff?
Sicher, sagte Henderson. Composition B oder TNT?
Vielleicht wollen Sie darauf antworten, Private Toynbe?
fragte Henderson einen der Fallschirmjger, die Ryan und
Millers Trupp hierhergefhrt hatten. Toynbe ist nmlich unser
Feuerwerker.
Beides reichlich, erwiderte Alan Toynbe, fnfundzwanzig,
Maiden, Massachusetts. Sprengstoff haben wir mehr als
genug. Die Brcke ist mit so viel Composition B vermint, da
215
es fr zwei Sprengungen reichen wrde.
Dann nehmen Sie davon welches weg, sagte M
iller,
und
richten Sie sich darauf ein, sie nur einmal hochzujagen.
Okay, sagte Henderson. Wozu?
Um daraus Haftminen zu machen. Hier ist das Rezept,
Jungs: Man nehme eine normale GI-Socke, stopfe soviel TNT
rein wie mglich, statte das Ganze mit einem einfachen Znder
aus, schmiere das Baby mit Achsenfett ein, so da es kleben
bleibt, wenn man es wirft ... und schon hat man eine schne
Haftmine. Und wir werden nicht nur eine davon machen.
Sie schauten ihn immer noch an, als ob er verrckt wre.
Woher haben Sie denn dieses schne Rezept? fragte
Reiben. Von der Rckseite einer Keksdose? Oder aus einem
Comic?
Haben Sie vielleicht eine bessere Idee, wie man einem
Panzer die Ketten absprengt, Sie Klugscheier?
Nein ... aber denken Sie daran, Cap: Wenn Sie uns dem-
nchst auffordern, uns auf die Socken zu machen, werden wir
keine mehr haben.
Wenn es weiter keine Einwnde gibt, sagte Miller, und alle
lachten.
Kurze Zeit spter hing Toynbe in einem Geschirr unter der
Brcke und nahm dort TNT-Ladungen heraus, welche er Trask
und Rice reichte, die ebenfalls ber dem Wasser schwebten
und sie an Me
llish und Upham auf der Brcke bergaben. Von
dort wanderten sie zu Miller, Ryan, dem Sarge
und einigen von
den Fallschirmjgern weiter, die eine kleine Fliebandproduk-
tion fr Haftminen aufgebaut hatten.
Der Sarge stopfte eine Socke mit TNT voll und gab sie an den
nchsten Mann weiter. Ich fhle mich wie Santa Claus, sagte
er.
Na, seht ihr. Und frher habt ihr geglaubt, es wre eine
Strafe, wenn man euch Kohle in die Socken gestopft hat,
216
scherzte Miller.
In der Kirche, die in der Mitte des Dorfes lag, waren ebenfalls
Vorbereitungen fr die Schlacht im Gange. Jackson stieg durch
eine Falltr in den Glockenturm hinauf und nahm dann von
unten seine Springfield und das bedeutend schwerere MG
Kaliber 30 in Empfang. ber eine Leiter wuchteten zwei
Fallschirmjger auer den Waffen auch Munition und Beutel
mit Lebensmitteln nach oben: Private Ron Parker, zweiund-
zwanzig, Sommersville, Vermont, und der gleichaltrige Private
Steve Weller, Omaha, Nebraska - zwei der vier Mnner, die
aus dem hohen Gras aufgetaucht waren, um Millers Trupp zu
retten. Corporal Upham, schwer beladen mit vier Munitions-
grteln, kam die trmmerberste Strae entlang, wo ihn
zerstrte Huser aus leeren Fensterhhlen anstarrten. Bei einem
Schutthaufen auf der linken Seite gingen zwei Fallschirmjger
in Stellung - Private Bud Lyle, dreiundzwanzig, Baltimore,
Maryland, und Private Bill Fallon, zwanzig, Myrtle Beach,
South Carolina - und richteten ihr Maschinengewehr aus.
Upham bergab ihnen zwei der vier Munitionsgrtel und ging
weiter.
In den Ruinen eines eingestrzten Hauses brachten Private
Mellish
und Corporal Henderson das zweite Maschinengewehr
in Position. Seine Mndung lugte aus einer Fensterffnung
hervor. Als Upham vorbeikam, um die anderen beiden
Munitionsgrtel hier abzuliefern, war Mellish gerade damit
beschftigt, den Bolzen des schweren Gewehrs zu len, und
lie ihn vor- und zurckschnappen.
Uppy, sagte Mellish,
hr mir mal gut zu, ja? Dieser nette
kleine Ausguck hier ist nur der Startpunkt.
Ich wei.
Wir werden uns ziemlich bald weiter hinten eine neue
Stellung suchen mssen, und dort werden wir auch nicht lange
bleiben knnen. Hast du das verstanden?
217
Verstanden.
Also wirst du mit der Munition hier ein bichen den
Laufburschen spielen mssen.
Upham atmete tief durch und nickte.
Alles okay, Uppy?
Alles in Ordnung ... Ich frage mich blo gerade, wie es mich
ausgerechnet hierher verschlagen konnte. Das ist alles.
Mellish grinste. Das ist die Frage die wir uns alle stellen.
Hast du so was vorher schon mal erlebt?
Nein. Unglaublich.
Bis zum Hals in der Scheie.
Upham nahm seinen Helm ab und massierte seinen Schdel.
Ehrlich, hmm ... Fubar!
Mellish grinste
und strich dem Corporal ber das Haar.
Ja. FUBAR ... Du mut das so sehen, Upham. Wo immer
wir auch sind, du bist dicht hinter uns ... das heit, egal wo du
bist, bei diesem hllischen Spektakel sitzt du immer in der
ersten Reihe.
Als sie bei der Brcke gengend Haftminen hergestellt hatten,
ging Miller noch einmal Richtung Stadt, um die Lage zu
inspizieren und letzte Vorbereitungen fr die Schlacht zu
treffen. Er nahm Toynbe, den Feuerwerker, den Sarge und
Private Ryan mit. An der mit Sandscken gesicherten MG-
Stellung direkt hinter der Brcke blieb er stehen.
Nicht schlecht fr eine vorgeschobene Position, sagte
Miller. Er drehte sich um
und schaute zu den Sandscken des
MG-Nestes auf der anderen Seite der Brcke.
Seht ihr die Stellung dort hinten? Das ist unser Alamo,
unsere letzte Zuflucht.
Das wollte niemand gerne hren; aber allen war klar, was er
meinte. Miller nannte die Dinge wenigstens beim Namen.
Wenn sie uns bis dahin zurcktreiben, sagte M
iller, dann
mu der letzte Mann die Scheibrcke in die Luft jagen.
218
Wir haben den Znder auf dreiig Sekunden eingestellt,
sagte Toynbe. Der letzte Mann wird die anderen nicht lange
berleben, wenn er nicht die Beine in die Hand nimmt und wie
Jesse Owens ber die Brcke sprintet.
Miller nickte grimmig; der Sarge ebenso.
Private Ryan fragte den Captain leise: Wo wird meine Posi-
tion sein?
Immer hchstens zwei Schritte von mir entfernt. Und das ist
ein Befehl, Private. Sie befolgen doch noch gelegentlich
Befehle, oder?
Mit einem verlegenen, beinahe scheuen Lcheln murmelte
Ryan: Ja, Sir.
Bei seinem Rundgang konnte M
iller feststellen, da die
Vorbereitungen zufriedenstellend liefen. Die Feuerwerker
versteckten Hawkins-Minen an Mauern, hinter Fensterlden
und in Fensterffnungen, wobei sie die Hllenmaschinen so
ausrichteten, da ihre tdliche Ladung zur Strae hin losgehen
wrde, um so die Infanterie auszuschalten. Fallschirmjger
bezogen hinter Trmmerhaufen Position, nisteten sich in
Ruinen ein, suchten sich eine Schulinie auf der Strae.
Droben im Kirchturm hatte Jackson Parker dabei geholfen,
ein MG-Nest einzurichten. Die Mndung der Waffe zielte
durch die Balustrade auf die Strae. Jackson hatte auch schon
einen Ausguck fr sich selbst gefunden, von wo er hinter einer
Balustrade auftauchen, seine Springfield aufsttzen und die
Strae von einem Ende bis zum anderen ins Visier nehmen
konnte. Das Auge fest am Zielfernrohr, prfte er seinen Bewe-
gungsspielraum und fand ihn ausreichend.
Danke, o Herr, sagte er.
Dann bte er noch einmal die Bewegungen. Von unten
ertnte Millers Stimme: Alles in Or
dnung dort oben, Private
Jackson?
Ja, Cap'n! Gott ist im Himmel, mit der Welt ist alles in
219
Ordnung ... zumindest wird alles in Ordnung sein, wenn wir
mit diesen Bastarden fertig sind.
Amen, Private, sagte Miller
und ging weiter. Nachdem er
sich berzeugt hatte, da das Empfangskomitee gut vorbereitet
war, whlte Miller - Private Ryan stets im Schlepptau - seinen
eigenen Posten: die Ruine eines direkt an der Brcke gelegenen
Gebudes, das kein Dach mehr hatte und offenbar frher ein
Cafe gewesen war. Mit Hilfe des Private schaffte der Captain
genug Schutt beiseite, um hinter einer Fensterffnung, deren
zerbrochene Scheiben und zersp
litterte Rahmen unter ihren
Fen knirschten, Stellung zu beziehen. Beim Durchstbern
des ehemaligen Cafes stie Miller auch auf ein Grammop
mit Handaufzug und mehrere Schallplatten; er ging sie durch
und freute sich, als er auf einem Label einen vertrauten Namen
entdeckte.
Bald sandte die verkratzte 78er-Platte die melancholische
Stimme von Edith Piaf durch die Fensterffnung in die heie,
windstille Luft des frhen Nachmittags. Die Musik drang bis
zur Brcke, wo der Rest von M
illers Leuten neben den Sand-
scken des vorderen MG-Nestes eine Zigarettenpause machte.
Worum geht es bei dieser Singerei, Uppy? fragte Mellish.
Die Armee bezahlt dich doch frs bersetzen ... also bersetz
mal.
Upham, der gegen die Sandscke gelehnt dasa, schaute in
die Ferne.� Du bist das Leben fr mich. Manchmal trume ich
davon, in deinen Armen zu liegen.
Der Sarge, der der eingngigen Melodie lauschte, sagte:
Was singt sie denn jetzt? Das kam vorher schon mal.
Das ist der Refrain, antwortete Upham. �Du flsterst mir
ins Ohr. Ich schliee meine Augen und fhle mich wunder-
bar.;
Mellish grinste.
Ich fhle mich pltzlich so seltsam zu dir hingezogen,
220
Upham.
La das, antwortete der. Verstehst du denn gar nichts?
Das ist ein trauriges Lied. Sogar tragisch.
Tragisch, so 'n Quatsch! meinte Mellish zwischen zwei
Zgen an seiner Lucky Strike. Sie ist glcklich, hrst du das
nicht?
Nein, beharrte Upham ruhig. Ganz am Anfang hat sie
gesungen:� Eines Tages hast du mich verlassen. Seitdem bin
ich verzweifelt ... ich sehe dich berall am Himmel. Ich sehe
dich auf der ganzen Erde.
Wie, ist ihr Liebhaber vielleicht auf eine Mine getreten?
fragte Reiben.
Die Stimme, die so eindringlich in der unverstndlichen
Sprache sang, schien nun in trauriges Schluchzen berzugehen;
selbst Mellish bemerkte das.
Scheie, sagte der Sarge und warf seine Zigarette in hohem
Bogen in den Flu. Noch so ein Lied von dieser Heulsuse,
und die Krauts knnen sich ihre Kugeln fr mich sparen. Dann
schneide ich mir die Pulsadern auf.
Horvath erhob sich und ging zum Dorf hinber. Der Rest des
Trupps stand oder sa herum, alle rauchten und hingen ihren
Gedanken nach. Reiben fing pltzlich an, in sich hineinzu-
lachen. Es war ein leises, verstohlenes Lachen, aber Upham
hrte es.
Was ist denn so komisch?
Nichts, meinte Reiben.
Komm schon. Ich knnte jetzt was Komisches vertragen.
Es ist nur wegen Rachel Troubowitz, sonst nichts.
Rachel wer?
Troubowitz. Ich mute daran denken, was sie zu mir gesagt
hat, bevor ich zur Grundausbildung ausgerckt bin.
Mu ich dir die ganze Geschichte aus der Nase ziehen?
Sie ist die Frau unseres Hausmeisters. Sie kam in das
221
Geschft meiner Mutter, an dem Tag, an dem ich zur
Grundausbildung sollte. Sie hat ein paar Sachen anprobiert.
Hast du schon mal Carole Landis gesehen?
Ist das nicht die Kleine aus diesem Film?
Ja, genau! Also, gegen Mrs. Troubowitz sieht Carole Landis
wie ein Brett aus.
Wow ...
Sie hat Gre HOF, mindestens. Ich sitze also da, und sie ist
in der Kabine, der Vorhang steht einen Spalt offen, so da ich
alles sehen kann ... vielleicht hat sie es mit Absicht gemacht,
vielleicht war das ja eine patriotische Tat. Da bittet sie mich,
ihr ein Korsett zu reichen, mit Seidenbndern, dreifach
geschnrter Taille und Sttz-BH. Ich reiche ihr also eins Gre
38 D, und sie fragt mich: Ist das nicht ein bichen zu klein?
Und ich sage: Nee, Madam, genau richtig ...
Nett, sagte Mellish. Eine
hbsche Geschichte ...
Da sitzt sie also, der Vorhang halb offen, und ich schaue ihr
zu, wie sie versucht, sich in das Ding zu quetschen, und sie
sieht, wie mir fast die Augen aus dem Kopf springen, und da
fngt sie an zu grinsen und sagt: �Robert - das ist einer von
jenen Momenten. Und ich frage:&#x U-2;nd ;&#xi27.;ۆ.;h f; .3;&#xr-42;&#x.2a-;V.4;&#xg124;&#x.8e-;V.4;&#x:27.; 00; Was meinen Sie, Ma'am?.
Und sie darauf:� Wenn du dort drben bist und du hast Angst
oder du siehst was Schreckliches, dann mach einfach die
Augen zu und stell dir mich statt dessen vor. W
illst du das fr
mich tun, Robert? Und ich sage:
�Gerne, Ma'am!
Immer noch spielte die Musik, aber die Stimme der
franzsischen Sngerin klang nun weniger traurig, alle hatten
die Augen geschlossen und jeder versuchte sich auf seine
Weise Mrs. Troubowitz vorzustellen. In der Ruine neben der
Brcke hatte Miller an der Fensterffnung Position bezogen.
Ryan, der in einer Ecke auf einem Stuhl sa, den er aus den
Trmmern gezogen hatte, und etwas aus seinem Egeschirr
schlrfte, fragte den Captain, wer die Frau sei, die da sang.
222
Miller befriedigte seine Neugierde.
Was hat sie fr ein Problem? fragte Ryan.
Ihr Geliebter hat sie verlassen, und wo immer sie auch ist,
sieht sie sein Gesicht.
Genau so hrt es sich an ... Wollen Sie einen Schluck?
Gerne.
Ryan schob M
iller das Egeschirr hin,
und der Captain hob es
an die Lippen, mit zitternder Hand, wie der Private bemerkte.
Geht es Ihnen gut, Sir?
Ich versuche nur im Rhythmus zu bleiben, antwortete
Miller mit einem schiefen Lcheln
und schob das Egeschirr
zurck.
Ryan sah Miller eine Weile forschend an
und fragte dann:
Stimmt es, was sie
von Ihnen sagen?
Nun, da mssen Sie schon etwas deutlicher werden.
Da sie Lehrer sind?
Ja, das stimmt.
Ryan schttelte den Kopf.
Das knnte ich nie werden. Nicht nach dem, was meine
Brder und ich diesen armen Kerlen angetan haben. Niemals,
Sir.
Miller musterte Ryan
und sah, da der Private in Gedanken
versunken war. Der Junge gab sich seiner Trauer hin, wann
immer Zeit dafr blieb.
Wissen Sie, begann er schlielich, es fllt mir schwer.
Ja. Ich verstehe Sie.
Nein, das meine ich nicht. Es ist nur ... ich kann mir ihre
Gesichter nicht vorstellen. Ich versuche es immer wieder, aber
ich sehe keine Bilder vor mir, wissen Sie, keine Photos, und
mein Gedchtnis - ist das mglich? Sie nehmen in meinem
Kopf keine Gestalt an.
Sie mssen in irgendeinem anderen Zusammenhang an sie
denken.
223
Wie meinen Sie das, Sir?
Versuchen Sie nicht an ihre Gesichter zu denken, versuchen
Sie, sich an etwas zu erinnern, was Sie mit ihnen gemeinsam
gemacht haben, oder an einen Ort, wo Sie mit ihnen zusammen
waren. Wenn ich an zu Hause denken will, dann stelle ich mir
vor, wie ich im Garten in meiner Hngematte liege oder wie
meine Frau die Rosen schneidet, mit meinen alten Hand-
schuhen. Das gengt, und schon bin ich zu Hause.
Ryan setzte sich zurck und schien ber diesen Rat nachzu-
denken; dann erhellte ein Lcheln sein Gesicht, und seine
Augen schienen in die Ferne zu blicken. Seine Stimme aber
klang wie zuvor, als er M
iller berichtete: Eines Nachts, als es
schon ziemlich dunkel war, haben mich Tom und Pete aus dem
Bett gezerrt und gesagt, in der Scheune wre etwas, das ich mir
ansehen mte. Etwas ganz Besonderes. Ich dachte natrlich
sofort, sie wollen mir einen Streich spielen ... Sie knnen sich
nicht vorstellen, was lteren Brdern alles einfllt, um einen zu
rgern, vor allem auf einer Farm ... Egal, wir sind also auf den
Heuboden geschlichen, und Tom und Pete haben nach unten
gezeigt. Ich sphe also runter, sie auch, und da sehe ich Alice
Jardins, eine Blondine, die aussieht wie Lana Turner, nur
besser, hinten auf dem Heuwagen mit Danny, und der hat ihr
schon den Pullover ausgezogen und ist gerade mit ihrem BH
beschftigt, der war rosa und lief vorne spitz zu, wie zwei
wirklich scharfe Artilleriegranaten. In dem Moment hrt sie
etwas und schaut nach oben und sieht uns drei Jungs mit
hechelnden Zungen nach unten glotzen, und Teufel, sie schreit
Zeter und Mordio und rennt wie der Blitz davon. Danny war so
auer sich, da er mit einer Heugabel auf uns losgehen wollte,
und pltzlich hat er eine Laterne umgestoen, das Heu fing
sofort an zu brennen, und da mute er natrlich das Kriegsbeil
schnell begraben, und wir muten ihm helfen, das Feuer zu
lschen, sonst wre noch die ganze verdammte Scheune abge-
224
fackelt.
Miller lachte
und sagte: Erzhlen Sie das besser nicht
Reiben. Damenunterwsche ist sein Ressort.
Am nchsten Tag mute Danny zum Wehrdienst
einrcken, sagte Ryan. Ich hoffe, es hat doch noch geklappt
mit Alice Jardins in dieser Nacht; ich mag gar nicht daran
denken, da er losgefahren ist ohne ... hmm. Das war das letzte
Mal, da wir vier beisammen waren. Vor zwei Jahren.
Miller nickte. Edith Piaf sang immer noch.
Eine Langspielplatte, bemerkte Ryan.
Ja.
Jetzt erzhlen Sie doch mal was. Erzhlen Sie mir von der
Hngematte, wollen Sie?
Okay. Sie ist auf der Terrasse.
Das sagten Sie bereits.
Na gut. Da liege ich und dse vor mich hin und warte auf
das Gerusch von sp
litterndem Glas. Und das reicht, um mich
in die Realitt zurckzubringen.
Was? Wieso splitterndes Glas?
Dazu mssen Sie wissen, ich habe das beste Haus von ganz
Addley. Nicht das grte und auch nicht das teuerste, aber es
hat die besten Fenster, die sich ein Baseball-Trainer nur
wnschen kann. Wissen Sie, direkt neben uns befindet sich die
Junior High School, oder anders ausgedrckt, das Haus liegt
direkt hinter dem Baseball-Feld der Schule. Die Fenster der
Garage blicken auf das linke Feld. Der Mann, der vor mir da
gewohnt hat, hat Gitter vor den Fenstern anbringen lassen, aber
das erste, was ich tat, nachdem ich das Haus gekauft hatte, war,
die blden Gitter wegzumachen.
Warum das denn?
Na, denken Sie mal nach.
Es sind genau neunhundertsechsundsechzig Meter vom
Schlagmal zu meinen Garagenfenstern. Da mu ein Junior-
225
High-School-Spieler schon ganz schn gut sein, um den Ball so
weit zu schlagen, vor allem so hoch. Mit Hilfe meiner
Garagenfenster finde ich heraus, wen ich in die Mannschaft
aufnehme, mit der ich die Schulmeisterschaften gewinnen
werde. Jedesmal wenn ich in meiner Hngematte liege und
hre, wie ein Fenster zu Bruch geht, dann freue ich mich ...
dann wei ich, da ich der Meisterschaft ein Stck nher
gekommen bin.
Ryan lchelte.
Prima Geschichte, Captain. Und wie war das mit Ihrer Frau
und den Rosen?
Miller berlegte einen Moment.
Nein, lieber nicht... ich glaube, diese Geschichte mchte ich
lieber fr mich behalten. Fr mich ganz allein.
Die Nadel kratzte inzwischen ber das Label, die Platte war
zu Ende. Miller schaute aus dem Fenster, lauschte der Stille,
dachte lchelnd ber Ryans Erzhlung nach und gab sich
seinen eigenen Erinnerungen hin. Dann erstarb das Lcheln auf
seinem Gesicht. Auf dem Kirchturm sphte Jackson in die
Ferne, und berall im Dorf hrten es jetzt auch die
Fallschirmjger und Millers Mnner: das dumpfe Brummen
von Dieselmotoren, das langsam nher kam.
Da kommen sie, sagte Miller
und setzte sich auf.
Heiliger Josef, da kommen sie.
Die Amerikaner im zerstrten Ramelle hrten von allen
Seiten das Drhnen herannahender Panzer, ein Gerusch, das
sie mit Erleichterung, aber auch mit groer Furcht erfllte. Die
226
Mitglieder des Begrungskomitees, die im Schutt knieten und
hinter zerbrochenen Fensterlden kauerten, luden ihre Waffen
durch und richteten sie aus. Dieselru wehte ber die Dcher
der Huser, die Luft flimmerte von der Hitze der Abgase.
Von Millers Posten an der Brcke aus waren diese Abgas-
schwaden noch nicht zu sehen, doch das mechanische, immer
nher kommende Rhren der Panzer sagte ihm, da die
Schlacht unmittelbar bevorstand. Der Sarge und Toynbe, der
Feuerwerker, kamen in das Haus ohne Dach gerannt, in dem
sich Miller
und Ryan verschanzt hatten. Der Sarge warf dem
Captain einen Feldstecher zu. Miller ging zu einer der
Fensterffnungen, von der aus er den Kirchturm im Blick hatte,
und stellte das Fernglas auf Jackson in seinem Ausguck scharf.
Er konnte sehen, wie der Scharfschtze durch sein Zielfernrohr
sphte, um sich ein genaues Bild von dem zu machen, was da
auf sie zurasselte.
Droben im Kirchturm sagte Jackson zu Parker an seinem
Maschinengewehr: Ich kann Tiger erkennen. Zwei Tiger.
Durch sein Fernglas sah Miller, wie Parker zwei Finger
hochhielt und dann mit den Hnden ein T formte. Dann
schwenkte der MG-Schtze beide Hnde, um Miller zu
signalisieren, da weitere Meldungen folgen wrden. Wenig
spter zeigte Parker nochmals die Zahl zwei, danach formte er
ein P.
Vier Tanks, verkndete M
iller den Mnnern um ihn herum.
Zwei Tiger und zwei kleinere Panzer.
Mellish
und Henderson, die von ihrer MG-Stellung in der
Ruine eines anderen Gebudes ebenfalls den Kirchturm sehen
konnten, hatten die Verstndigung per Handzeichen beobach-
tet.
Tiger, stie Mellish hervor. Er bebte vor Wut und Angst.
So 'ne Scheie, Mann, natrlich mssen es auch noch Tiger
sein! Sollen sie doch gleich King Kong schicken!
227
Der Boden unter Mellish -
und unter allen anderen in Ramelle
- begann zu zittern, als ob ein Erdbeben ein warnendes
Grummeln aussandte. Putz- und Steinteile lsten sich und
rieselten vom Geblk der abgedeckten Huser auf die
wartenden Amerikaner.
Zunchst noch etwas verschwommen, doch dann immer
deutlicher erkennbar, schob sich ein Tiger die Biegung der
Hauptstrae entlang, eine rhrende, rasselnde Kampfmaschine,
monstrs in ihren Ausmaen und monstrs in ihrem Gebaren.
Ein solcher Kolo wog zweiundsechzig Tonnen, war gepanzert
mit einer achtzehn Zentimeter starken Stahlschicht und
bestckt mit einer 88-Millimeter-Ka
none sowie nicht weniger
als drei Maschinengewehren. Wenn man allerdings seine
abgeschrgten Kanten, die sechs hlichen, sthlernen
Kettenrder auf jeder Seite und die drohende, auf Ziele
lauernde Mndung seines Geschtzrohres betrachtete, erschien
die Bezeichnung eher unpassend: All das erinnerte weniger an
die geschmeidigen Bewegungen einer Dschungelkatze als an
ein wuchtiges Ungetm der Vorzeit, unter dessen Schritt
Kieselsteine zu Sand zermalmt wurden.
Oben im Turm stand der Panzerkommandant, ein Major der
SS mit Habichtsprofil, der die Ruinen von Ramelle in der
hochmtigen Pose eines Eroberers betrachtete - obwohl dieses
Dorf durch alliierten Beschu zerstrt worden war.
Ein zweiter Tiger tauchte hinter dem ersten auf, und im
Gefolge dieser greren Tanks rasselten die beiden anderen
Panzer, die mit je einundzwanzig Tonnen Gewicht viel kleiner
waren. In dem aufgewirbelten Staub und dem dunklen Nebel
der Dieselabgase, die dieses eindrucksvolle Rstungsaufgebot
hinterlie, marschierte eine Elite-Einheit der Waffen-SS-
Division Das Reich von schtzungsweise einhundert Mann
Strke.
Herr, gib mir Kraft, sagte Jackson im Kirchturm, als er auf
228
die furchteinflende Prozession hinabblickte, die unter ihnen
vorbeizog.
Bitte ihn doch, fr mich auch noch ein bichen aufzuheben,
sagte Parker, dem es den Atem verschlug.
Unten aber, in dem Haus an der Brcke, verzog sich Millers
Mund zu einem leichten Lcheln. Sieht so aus, als htten wir
frs erste Glck gehabt, sagte er. Die Panzer fahren die
Hauptstrae hinunter ... Ein halbes Dutzend Mnner, n
mlich
Reiben und fnf Fallschirmjger, waren fr das Anbringen der
Haftminen ausgewhlt worden. Sie lagen an verschiedenen
Stellen am Ortsrand, jeder von ihnen bereit, aus seinem
Versteck hervorzubrechen und den Hasen zu spielen, um die
Panzer auf die Hauptstrae zu locken. Doch dieser Teil des
Planes hatte sich erbrigt, denn die Monster aus Stahl, unter
denen die Erde vibrierte, rollten ganz von allein die Hauptstra-
e hinunter, und die Mnner hasteten mit ihren Minen - groen,
bizarren, klebrigen, mit Zndern besetzten Klumpen aus
Schmiere - in neue Stellungen zu beiden Seiten der Haupt-
strae.
Miller sphte durch seinen Feldstecher. Er wartete darauf, da
der vorausfahrende Tiger die trmmerberste Sackgasse
zwischen den Ruinen mehrerer Huser erreichte. Die Augen
auf Miller geheftet
und die Hand an der Zndvorrichtung,
wartete Toynbe auf den Befehl, den Schalter zu bettigen.
Miller hatte die Hand erhoben, bereit, das Signal zu geben, und
in dieser Haltung beobachtete er und wartete, beobachtete und
229
zu.
Ein Dutzend SS-Mnner fielen zerfetzt zu Boden. Taumelnd
durch die Wucht der Explosion und vom Rauch hustend,
stoben die brigen auseinander, suchten Deckung.
Beide Maschinengewehrnester erffneten nun das Feuer.
In ihrem Kreuzfeuer verwandelte sich die Strae in ein
Schlachthaus, und die deutschen Infanteristen schrien gellend,
duckten sich in Deckung und starben im Schutt, als Kugeln aus
scheinbar allen Richtungen auf sie einprasselten.
Auch das von Parker bediente Maschinengewehr im
Kirchturm sandte seinen Geschohagel auf die Strae und lie
Blei auf die SS-Mnner hinabregnen. Jackson hatte seine
Springfield auf den Panzerkommandanten angelegt, der Kopf
des Majors war schon im Fadenkreuz. Doch gerade als Jackson
abdrckte, verschwand der Major, dem von allen Seiten
Kugeln um die Ohren flogen, in seinem Turm und zog die
Luke zu, so da Jacksons Projektil surrend am Metall abprallte.
Der Tiger lie die toten Infanteristen zurck und rollte weiter,
ohne da ihm das Maschinengewehrfeuer das geringste
anhaben konnte. Reiben und die fnf anderen Haftminen-
werfer, aus deren entfachten Zndern schon Rauch zngelte,
liefen in gebckter Haltung neben dem Tiger her.
Sie schleuderten ihre klebrigen Pakete gegen die Ketten und
die Kettenrder, schwenkten dann um wie aus der Hlle
aufgestiegene Fledermuse, um hinter Trmmerhaufen Schutz
zu suchen. Der zweite Tiger hatte die flchtenden Saboteure
gesichtet, worauf das vordere Maschinengewehr Kugeln in
einen der Laufenden hmmerte, so da er in Stcke gerissen
wurde und leblos zu Boden fiel.
Als die Haftminen explodierten, hrte es sich an wie sechs
nacheinander feuernde Kanonen. Blaue und orangefarbene
Flammen schossen auf beiden Seiten der Strae seitlich hervor,
als wren dem Tank pltzlich Feuerflgel gewachsen, die aber
230
sofort wieder verschwanden und nur schwarzen Rauch
zurcklieen ...
... und einen Tiger-Panzer, der unbeirrt weiterrumpelte.
Hinter einem Schutthaufen fluchte Reiben Verdammt!
All ihre Anstrengungen - und das Opfer eines Menschen-
lebens - waren vergeblich gewesen, dachte er. Doch da brachen
die Ketten des Tanks entzwei und fielen vom Umlenkrad ab,
das riesige Gert begann zu schlittern und geriet in Schieflage
wie ein schlingernder Betrunkener, die sthlernen Antriebs-
rder drehten sich in der Luft. Der Tiger versuchte rckwrts
zu fahren, doch dadurch lste sich die Kette nur noch mehr,
und schlielich kam er abrupt mit krachendem Getriebe zum
Stehen. Jetzt war der riesige Tank, wie M
iller es geplant hatte,
eine zweiundsechzig Tonnen schwere Straensperre, und zu-
sammen mit den nachfolgenden Panzern entstand ein Stau.
Bremsen kreischten, Ketten und Antriebsrder chzten und
schabten ber den Boden, als die drei anderen gepanzerten
Fahrzeuge an der Barrikade, die der erste Tiger nun bildete,
steckenblieben.
Doch auch dieser manvrierunfhige Tank war
immer noch
ein ernstzunehmender Gegner. Sein Geschtzturm und die der
dahinter eingeklemmten Panzer wurden in Position gekurbelt
und schwenkten herum, die Mndungen richteten sich auf die
Ruinen ringsum, wo die angreifenden Amerikaner in Stellung
lagen.
Die groen Kanonen begannen zu feuern, Donnerschlge aus
den vier Rohren sprengten Lcher in einige der Huser und
verwandelten andere in Strme tdlich heransausender
Trmmerpartikel.
Selbst in ihrer relativ weit entfernten Stellung muten Miller
und Ryan vor umherfliegenden Teilchen Deckung suchen,
denn die Panzergeschtze feuerten unablssig.
Die berall im Dorf postierten Amerikaner verschanzten sich
231
hinter Schuttbergen und suchten, wenn ihre alte Deckung
zerschossen worden war, mit Hechtsprngen neuen Schutz.
Reiben sah mit an, wie ein Fallschirmjger in die Schulinie
eines der monoton feuernden Panzergeschtze kam und wie
eine menschliche Bombe barst. Auch die SS-Infanteristen in
ihren adretten, nun aber staubbedeckten und blutverschmierten
Uniformen suchten eilends Schutz, zogen ihre Verwundeten
von der Strae und sammelten sich hinter halb eingestrzten
Mauern und Trmmerhaufen. Nachdem sie Deckung bezogen
hatten, erwiderten sie das Feuer der Amerikaner. Gleichzeitig
zogen sich die drei Panzer hinter dem gestrandeten Tiger unter
unvermindertem Geschtzfeuer zurck.
Hinter einem Schuttberg schnellte der Sarge mit geschulterter
Panzerfaust hervor und scho die Waffe ab. Die Granate
zischte sekundenschnell auf ihr Ziel, den mittleren Panzer, zu,
prallte aber vom Geschtzturm ab und explodierte dahinter an
einer freistehenden Husermauer.
Die Mauer strzte zusammen, wobei eine Lawine von einer
Tonne Gesteinstrmmer auf den Panzer niederging.
Der Panzer kam ins Schlingern und versuchte sich im
Rckwrtsgang aus dem Steinhaufen zu befreien. Whrend-
dessen wurde das Geschtzrohr in die Richtung gekurbelt, aus
der Horvath gefeuert hatte. Der Sergeant machte sich eilends
aus dem Staub.
Reiben beobachtete all dies aus seiner Stellung, und er sah
auch, wie der Schuttberg, von dem aus der Sarge die
Panzerfaust abgeschossen hatte, sich in eine Wolke aus Rauch,
Flammen und Splittern auflste. Nachdem der Qualm sich ein
wenig verzogen hatte, war der Sarge verschwunden. Reiben
wute nicht, ob er noch rechtzeitig entwischt oder pulverisiert
worden war.
Die Panzer schlingerten derweil rasselnd und quietschend
weiter, lieen die Hauptstrae und den manvrierunfhigen
232
Tiger hinter sich und bogen in verschiedene Richtungen in
kleine Straen ab. Sie bahnten sich so gut sie konnten ihren
Weg durch die Verwstung und strebten auf die Brcke zu.
Damit trat genau das ein, worauf Miller gehofft hatte,
und als
er von seinem vorgeschobenen Posten aus die neue Lage durch
seinen Feldstecher erkannte, schrie er Ryan und Toynbe zu:
Los geht's!
In der Todeszone auf der Hauptstrae lieen die beiden auf
gegenberliegenden Seiten postierten MG-Nester weiterhin
Blei auf die SS-Mannschaft hageln. Die Amerikaner hatten
ihnen arg zugesetzt, das Kreuzfeuer hatte sie viele Mnner
gekostet, doch allein durch ihre groe Zahl stellten die durch
den zerstrten Ort vorwrtsdrngenden Deutschen eine ernste
Gefahr fr die Maschinengewehrstellungen dar.
Private Lyle und Private Fallon erkannten, da es Zeit zum
Rckzug war und sie ihr MG-Nest verlagern muten. Sie
benutzten Lappen, um das Maschinengewehr hochzuheben,
dessen Lauf so hei war, da er den Stoff versengte. Upham
kam zwischen sirrenden Kugeln und fliegenden Trmmerteilen
im Zickzack angerannt, um zwei neue Patronengurte abzulie-
fern, als das Nest gerade aufgelst wurde.
In Angst und Schrecken hastete Upham weiter zum zweiten
Nest, wo Mellish
und Henderson ebenfalls dabei waren, ihr
kochendheies MG von seinem Auflagepunkt auf einem
Schutthaufen herunterzunehmen.
Wir verlagern die Stellung! brllte Mellish berflssiger-
weise.
Er und Henderson waren schon in wilder Eile auf der Flucht
vor dem heftigen Feuer der vorrckenden Infanteristen. Upham
schnappte sich die Munitionsgurte und folgte den beiden, die
neue Deckung fanden, ihre Waffe hinknallten und zurck-
schossen.
Droben im Glockenturm der Kirche lie Parker sein MG
233
sprechen, und Jacksons Auge klebte am Zielfernrohr und
pickte sich wie auf dem Rummelplatz Ziele aus. Kein Schu
ging fehl, so da die Reihen der SS-Truppe sich mit tdlicher
Przision lichteten.
Dann schlugen pltzlich Kugeln in das Gelnder ein, an das
Jackson sich anlehnte: Geschosse fraen sich in das splitternde
Holz. Der Scharfschtze fuhr zurck, keine Kugel hatte ihn
erwischt. Er wechselte einen Blick mit Parker.
Jetzt haben die Nazis da unten doch noch spitzgekriegt, da
wir hier oben sind, sagte Parker, ber das groe MG gebeugt.
Wollen nur hoffen, da sie ihren Freunden in den Panzern
nicht Bescheid sagen ... Einer der kleineren Panzer bahnte
sich gerade einen Weg durch Trmmer, die noch vor wenigen
Tagen ein Wohnzimmer gewesen waren. Putz und Leisten
gingen zu Bruch, Mbelstcke wurden zermalmt. Aber dann
blieb der Panzer stecken, denn er war gegen eine Mauer
gestoen, die nicht nachgeben wollte. Er schabte an einem
Steinhaufen vorbei und suchte einen Ausweg. M
iller, der in der
Nhe flach an eine Wand gedrckt stand, erkannte die Lage
und gab Private Rice und Private David Garrity,
einundzwanzig, Harrisburg, Pennsylvania, ein Zeichen, da sie
angreifen sollten. Die beiden Soldaten schnellten hinter den
Trmmern hervor und strmten mit Haftminen in der Hand auf
den Panzer zu. Private Ryan schickte sich an, ihnen zu folgen,
doch Miller packte seinen Arm
und sagte:
Sie
nicht!
Vielleicht htte Ryan sich gegen diesen Befehl gewehrt, doch
da tauchten vorrckende SS-Mnner auf. Der Private und der
Captain gaben Rice und Garrity Feuerschutz - Ryan
mit seiner
M-1, Miller mit seiner Thompson -, so da die Deutschen in
Deckung gehen muten. Unter Schaben, Quietschen und
chzen mhte sich der Panzer freizukommen. Er schien kurz
davor, die Mauer zu durchbrechen, als Rice und Garrity bei
ihm anlangten. Sie hielten kurz inne, um die Zndkapseln zu
234
aktivieren ... ... als eine der selbstgebastelten Bomben verfrht
hochging. Die zwei Soldaten lsten sich auf wie Gehilfen eines
Zauberers, nur da die Rauchsule rtlich eingefrbt war und
zerfetzte Krperteile mit einem grausigen klatschenden
Gerusch durch die Luft wirbelten. Die Mauer, die den Panzer
aufgehalten hatte, verwandelte sich in einen Hagelsturm aus
Steinbrckchen, und die Wucht der Detonation ri M
iller und
Ryan zu Boden.
Der Panzer jedoch rumpelte unbeirrt weiter. Die Bombe hatte
ihm sogar geholfen, wieder freizukommen. Ringsum in den
Trmmern von Ramelle tobte die Schlacht. Rauch und Staub
bildeten einen tckischen Nebel, durch den sich die Deutschen,
die nun unaufhrlich feuerten, meterweise vorschoben.
Die Schtzen der beiden MG-Nester feuerten zwar immer
noch ihre Salven auf die SS-Leute, wurden jedoch allein durch
deren groe Zahl stndig weiter zurckgedrngt, suchten neue
Stellungen und erffneten von dort wieder das Feuer.
In dieser Verwstung, diesem Alptraum aus Schssen und
Rauch, Schreien und spritzendem Blut, rannte Upham wie ein
Amoklufer hin und her, um die beiden MG-Besatzungen mit
Munition zu versorgen. Gerade verlagerten Mellish und
Henderson wieder einmal ihre Stellung und hielten das groe,
schwere Gewehr in den Hnden, als ein Trupp Deutscher ihnen
gefhrlich nahe kam.
Da trat Private Trask mit seinem Flammenwerfer hinter einer
Mauer hervor und tauchte die Angreifer in ein Feuermeer. Die
getroffenen Soldaten verfrbten sich orange und blau und
fhrten inmitten des Rauchpilzes einen Todestanz auf.
Whrend die SS-Mnner gegrillt und gekillt wurden, schoben
sich die Panzer unerbittlich voran. Sie brachen durch Mauern,
rissen Gebude nieder, zermalmten Steine und Trmmer unter
ihren Ketten, schwenkten ihre Trme herum, suchten nach
Zielen, feuerten und mhten alles nieder, was ihnen vor die
235
Mndung kam. Durch die Verwstung kam der zweite der
kleineren Panzer mit knirschenden Ketten daher. Reiben und
Toynbe strmten los, um ihn anzugreifen. Jeder von ihnen
schleuderte zwei Haftminen mit brennenden Zndern zwischen
Ketten und sthlerne Umlenkrder, dann suchten sie das Weite.
Hinter ihnen fanden mehrere Explosionen statt. Flammenblitze
und Rauchwolken schossen aus der Richtung des Panzers. Die
Druckwelle erfate Reiben mit solcher Wucht, da er kopfber
durch die Luft flog und flach auf einem Schutthaufen landete.
Halb betubt sttzte sich Reiben auf seine Ellbogen und
versuchte die Situation zu erfassen. Als er zu dem Tank
hinberschaute, um die Frchte seiner Mhe zu bewundern,
sah er, da das verdammte Ding unbeschdigt weiterfuhr - so
als wre nichts gewesen! Im Gegenteil, das Monstrum drehte
bei und steuerte auf ihn zu. Hektisch kletterte er ber
Trmmerbrocken, um nicht von dem Panzer berrollt zu
werden, aber er war immer noch
von seinem Sturz benommen,
stolperte und taumelte ...
Whrend Reiben um sein Leben strampelte, konnte er nicht
sehen, wie das Gescho einer Panzerfaust sich in die
Eingeweide des Tanks fra und den Motor sprengte. Reiben
hrte nur, wie die Maschine zu stottern begann und das
Fahrzeug knirschend zum Stillstand kam. Reiben drehte sich
um und sah den gestoppten Panzer hinter sich, und er sah den
rugeschwrzten Sarge, der mit einer Panzerfaust auf einem
Steinhaufen stand. Ihre Blicke trafen sich, der Sarge zwinkerte,
lchelte Reiben zu und eilte dann geduckt weiter, um hinter
einer halb zerschossenen Mauer zu verschwinden. Reiben
drehte sich erleichtert zum Panzer zurck. Gerade ffnete sich
die Luke des Geschtzturms, und ein Soldat kam mit seiner
Luger in der Hand zum Vorschein. Von seinem erhhten Punkt
aus erscho der Deutsche Toynbe, der hinter einem Haufen
Germpel hockte. Die Luger schwenkte gerade in Reibens
236
Richtung, als ein Projektil sich durch die Brust des Deutschen
bohrte, so da er seitwrts auf den Turm kippte. Fr ihn war
der Krieg zu Ende.
Vllig verdutzt wirbelte Reiben herum und schaute nach
oben. Er wute, da der Schu vom Kirchturm gekommen war,
und er wute, da es Jackson war, der ihn gerettet hatte. So wie
auch der Sarge ihn gerettet hatte ... Innerhalb weniger
Sekunden war ihm zweimal, von zweien seiner Kameraden,
das Leben gerettet worden ... Oben auf dem Kirchturm wandte
sich Jackson von dem Panzer ab. Er lud seine Waffe nach und
sphte auf der Suche nach weiteren Opfern durch das
Zielfernrohr�. Gelobt sei der Herr, meine Strke, murmelte
er�, welcher meine Hnde lehret zu streiten und meine Finger
zu kmpfen ...
Fallschirmjger eilten nun hinter den Ruinen hervor, um den
bewegungsunfhigen Panzer unter Reibens Fhrung anzugrei-
fen. Als ein zweites Besatzungsmitglied an seinem toten
Kameraden vorbei den Kopf herausstreckte, erscho Reiben
ihn mit seiner 45er, dann entsicherten die Amerikaner ihre
Handgranaten und warfen sie durch die Luke. Die GIs rannten
noch ein paar Schritte von dem Panzer weg, bevor eine
Druckwelle ihn erzittern lie. Aus dem Geschtzturm quollen
schwarzer Rauch und zngelnde Flammen.
Jackson suchte vom Kirchturm aus ein neues Ziel fr seine
Springfield und betete halblaut:� Meine Strke und meine
feste Burg; mein hoher Turm und mein Erlser; mein Schild
und der, auf den ich ...
In seinem Zielfernrohr sah er nun den gestrandeten Tiger, der
noch immer die Hauptstrae blockierte. Der Turm schwenkte
herum, das Geschtzrohr hob sich. Und zielte genau auf den
Kirchturm.� ... baue, sagte Jackson. Er nahm das Auge
vom Zielfernrohr, und fr die Dauer eines Herzschlags war er
wie gelhmt vor Entsetzen.
237
Parker! Sofort weg hier!
Jackson hatte schon die Falltr erreicht, Parker folgte ihm,
aber beide wuten, da sie keine Chance mehr hatten.
Jackson sagte noch Jesus - ein Stogebet, kein Fluch -, als
auch schon der Donnerschlag aus dem Panzergeschtz den
Kirchturm in einen Feuerball mit umherfliegenden Trmmern
verwandelte.
Der Tiger senkte die Mndung des Rohres und feuerte erneut,
wodurch der Rest der Kirche in hunderttausend Stcke
gesprengt wurde.
Von ihrer jetzigen MG-Stellung aus waren Mellish
Henderson Zeugen dieser Szene geworden: Sie hatten gesehen,
wie Jackson in einem Gotteshaus zu Tode kam und wie auch
die Kirche selbst in Flammen und Rauch unterging.
Jackson! schrie Mellish und starrte entsetzt auf die
Trmmer der Kirche. Verdammt - Jackson!
Hat nicht gereicht, diesem Bastard die Ketten wegzu-
sprengen, sagte Henderson. Wir mssen den Tiger endgltig
unschdlich machen.
Mellish feuerte eine Salve, die einige SS-Mnner in Dec
trieb.
So? fragte Mellish, der noch ganz benommen
von dem
Verlust Jacksons war. Und wie stellst du dir das bitte vor?
Ich hab' da 'ne Idee, sagte Henderson und zog eine Handgra-
nate von seinem Gurt.
Sag mal, hast du sie noch alle? Das ist ein Tiger, Mann!
Handgranaten knnen diesen Biestern genausowenig anhaben
wie Superman!
Henderson grinste wie ein kleiner Junge.
Wohl noch nie was von Kryptonit gehrt, was? So, und jetzt
gib mir Feuerschutz ...
Schon flitzte er auf die Strae hinaus und bahnte sich einen
Weg zwischen den Ruinen des Ortes, whrend hinter ihm
238
Mellish das Maschinengewehr hmmern lie, so da die
Deutschen die Kpfe nicht hochnehmen konnten und
Henderson unversehrt den manvrierunfhigen Tank erreichte.
In der Nhe des kettenamputierten Tigers duckte sich
Henderson hinter einem Trmmerhaufen, zog den Splint seiner
Granate und hielt sie fest in der Hand. Er wartete, wartete lange
und geduldig. Dann drehte sich der Lauf des Geschtzes auf
der Suche nach einem neuen Ziel. Henderson prete seine
Unterarme gegen die Ohren, und gleich daraufdonnerte das
Geschtz los. Nun war der Augenblick da, auf den er gewartet
hatte. Mit einem Satz verlie Henderson die Deckung, rannte
direkt auf den Tank zu, sprang in die Hhe und klammerte sich
mit einem Arm an das Ende des Geschtzlaufes, so da er
daran hing wie ein Affe. Dann schleuderte er die Granate direkt
in das Rohr ...
Henderson warf sich flach auf die Strae. Whrenddessen ri
er eine weitere Handgranate vom Grtel, zog den Splint, hielt
den Sicherungshebel fest und wartete, allerdings nicht lange,
bis der Panzer von der Explosion geschttelt wurde. Dann
kletterte er auf den Tiger hinauf, wo jetzt die Luke aufging.
Rauch zog durch die ffnung ab, und das Habichtgesicht des
SS-Majors erschien. Er hustete, Blut flo ihm aus Ohren und
Nase, die Augen waren glasig vor Schreck. Henderson stopfte
dem Major die Granate in die Uniformjacke und lehnte sich mit
seinem ganzen Gewicht auf den Deckel des Geschtzturms,
wodurch er den Major wieder in den Tank zurckdrckte.
Durch die zweite Detonation flog die Luke mit einem so
heftigen Ruck auf, da Henderson vom Panzer hinunterfiel und
auf der Strae landete.
Mellish war so verblfft ber Hendersons Bra
vourstck, da
er einen Moment aufhrte zu feuern. Henderson schien
unverletzt, er stand auf und grinste. Jubelnd rannte er zu
Mellish zurck.
239
Hast du das gesehen? brllte Henderson. Na, wie hat dir
das
gefallen?
Doch von irgendwoher scho ein deutsches Maschinen-
gewehr, und der Corporal wurde durchlchert und auf das
Straenpflaster geschleudert, ohne auch nur Zeit fr einen
Schrei gehabt zu haben - nicht einmal das triumphierende
Lcheln war aus seinem Gesicht gewichen. Mellish aber hatte
Zeit zu schreien, und er tat es.
Er schrie, und dabei feuerte er pausenlos mit seinem MG. Er
beharkte die deutschen Stellungen mit einem Kugelhagel. Bald
war Mellishs Patronengurt aufgebraucht. Upham hatte bereits
die letzte MG-Munition abgeliefert, whrend die SS noch ber
Kugeln verfgte, die nun in die Trmmer ringsum einschlugen,
so da Mellish in tief geduckter Haltung ausharren mute. Da
packte er sein M-1 und verlie die Stellung. Er rannte um sein
Leben.
Miller
und Ryan waren auf der Flucht vor dem verbliebenen
Tiger, dessen Rasseln und Quietschen in ihren Ohren immer
strker wurde. Dabei gingen sie immer wieder hinter Ruinen in
Deckung. Dabei wren sie fast ber Sergeant Horvath gestol-
pert, der diesem Panzer auflauerte. Er hatte seine Panzerfaust
auf einer beschdigten Ziegelsteinmauer aufgesttzt.
Mut auf die Ketten zielen! berschrie der Sarge den Lrm
und fhrte vor, was er meinte. Das Gescho zischte mit einem
Feuerschwanz auf den nahenden Tiger zu, der gerade eine
steinerne Wand durchstie, als wre sie aus Pappmache. Das
Projektil fra sich am Ziel fest, explodierte mit einem weithin
240
hrbaren Krachen ... doch der Panzer kam immer noch auf sie
zu, berwand mhelos jedes Hindernis ...
Rckzug! schrie Miller. Rckzug!
Haut ab! brllte der Sarge zurck. Los, haut ab!
Der Tiger brach polternd durch eine Wand und hielt direkt
auf sie zu, so da sie Reiaus nehmen muten. Der Sarge lie
seine Panzerfaust zurck, die kurz darauf unter der einstr-
zenden Ziegelsteinmauer begraben wurde. Ganz in der Nhe
feuerten Lyle und Fallon aus dem verbliebenen MG-Nest auf
den Tank. Das Maschinengewehr folgte knatternd der
Bewegung des Tigers, konnte ihm jedoch nichts anhaben. Statt
dessen wlzte sich der Panzer gerade ber einen verwundeten
Fallschirmjger und zerquetschte ihn.
Bei diesem Anblick schrien die beiden Mnner am MG auf,
feuerten, was das Zeug hielt, und fhrten Munition zu. Ihnen
war klar, da dies ihr letzter Patronengurt war und sie sich
gleich zurckziehen muten - nur, soweit sollte es nicht
kommen. Eine Stielgranate schwirrte durch die Luft auf sie zu
und explodierte noch vor ihrer Landung. Als sich der Rauch
ber den zerfetzten Leichen der beiden Amerikaner lichtete,
berrannten die Deutschen bereits die Stellung.
Im Laufen sah Mellish den verwirrten Upham vor sich, der im
Dunst aus Rauch und Staub die Orientierung verloren hatte.
Upham! brllte Mellish,
und der Corporal schaute sich zu
ihm um. Die Brcke ist genau vor dir! Lauf, Mann!
Kaum hatte Mellish dies gerufen, als ein junger SS-Mann
direkt vor ihm aus dem Nebel auftauchte. Einen Augenblick
lang blickten die beiden einander in die Augen wie zwei
Revolverschtzen - bereit, sofort zu ziehen. Doch sie waren
keine Revolverschtzen, sie waren nur junge Burschen, die
beide ihrem Heimatland dienten. Dennoch war einer von ihnen
schneller: der Deutsche. Obwohl beide ihre Waffen gleichzeitig
hoben, feuerte die Schmeisser-Maschinenpistole des Deut-
241
schen, noch bevor Mellishs Zeigefinger den Abzug seiner M-1
bettigen konnte. Glhende Kugeln drangen in seinen Krper
ein; quer ber dem Bauch des Private erschien ein blutiges
Muster, er taumelte rckwrts und war schon tot, als er auf
dem Boden aufschlug.
Mellish! schrie Upham.
Daraufwirbelte der Deutsche herum, um seine Schmeisser auf
Upham zu richten. Der war wie gelhmt und starrte nur in das
leere Auge des Laufes. Der Corporal wute: Dies war der letzte
Augenblick seines Lebens. Doch es sollte anders kommen.
Eine Browning-Automatic stanzte mit martialischem Klang ein
- zwei - drei Lcher in die Brust des Deutschen. Aus den
riesigen Wunden spritzten Blut, Knochensp
litter
und Gewebe.
Die Schmeisser bellte erneut, doch diesmal in den Himmel,
und der Deutsche fiel hintenber in einen Schutthaufen, wo er
mit weit aufgerissenen Augen dalag, entsetzt ber seinen jhen
Tod. Upham seinerseits konnte es kaum fassen, da er noch am
Leben war, und als Reiben mit seiner Browning-Automatic im
Arm neben ihm auftauchte und sagte: Na komm, Uppy,
hchste Zeit, da wir hier verschwinden, da bewegte Upham
sich wie in Trance.
Also zog Reiben ihn mit sich und feuerte dabei einhndig aus
seiner groen Browning, um ihnen den Rcken freizuhalten.
Vereinbarter Treffpunkt war der trmmerberste Dorfplatz,
und sie hasteten auf einer Nebenstrae in diese Richtung.
Miller der, gefolgt
von Ryan und dem Sarge, im Zickzack
durch die Steinwste lief, hatte das gleiche Ziel. Nicht weit von
ihnen konnten sie den Tiger hren, der alles niederwalzte, was
von Ramelle noch brig war. Trask hatte den Tiger anvisiert
und lie Flammen auf ihn niedergehen, wobei sich ein Pilz aus
Feuer und Rauch bildete. Doch dem Tank vermochte das nichts
anzuhaben, und Trasks Flammenwerfer war nach kurzer Zeit
leer. Er wand sich aus der Ausrstung, warf den jetzt nutzlosen
242
Flammenwerfer fort und trmte in Richtung des Dorfplatzes.
Alle kamen mehr oder weniger gleichzeitig dort an - Miller,
Ryan, der Sarge, Trask, schlielich auch Reiben und Upham -,
und nun rannten sie auf die Konstruktion aus Stahl und Stein
zu, die den blau glitzernden Flu berspannte. Vor ihnen
konnten sie schon Private Weller erkennen, einen der
Fallschirmjger, die Millers Trupp vor Ramelle gerettet hatten.
Er hatte sich hinter den Sandscken des MG-Nests bei der
Brckenzufahrt verschanzt und lud die grokalibrige Waffe
durch.
Hinter den Flchtenden scho der Tiger mit seiner Bord-
kanone eine Mauer in Stcke und kam donnernd und mit alles
unter sich zermalmenden Ketten auf den Platz gerollt. Er fhrte
eine scharfe Drehung aus, das vordere MG spie Feuer und Blei
und schwenkte, um die zur Brcke hastenden Mnner unter
Beschu zu nehmen. Dank ihres Vorsprungs erreichten die
Amerikaner die Sandscke, bevor die Geschosse aus dem
Bord-MG des Panzers einschlugen. Allesamt machten sie einen
Hechtsprung ber die Barriere und duckten sich. Eine Sekunde
spter durchlcherte das MG-Feuer die Scke, und Sandwolken
stiegen auf.
Auf dem Hauptplatz schlo sich nun der zweite der kleineren
Panzer dem Tiger an, und beide rckten zusammen gegen die
Brcke und ihre Verteidiger vor. Die verbliebenen SS-Leute -
ihre Zahl war schon ziemlich dezimiert - marschierten neben-
her.
243
den Ketten, ohne eine erkennbare Beschdigung zu hinter-
lassen. Neu laden! rief Ryan.
Reiben und ich bernehmen, erklrte der Sarge Ryan und
blickte Miller vielsagend an, um ihn daran zu erinnern,
weshalb sie gekommen waren. Ihr beide zieht euch zurck!
Miller nickte
und fate Ryan am Arm. Zu Horvath sagte er:
Ihr knnt die Stellung hier nicht lnger halten! Kommt gleich
nach!
Okay, machen wir! Und jetzt gehen Sie!
Ryan und M
iller verlieen den Geschtzsta
nd, um ber die
Brcke zu sprinten.
Der Sarge hob die Panzerfaust ber die Sandsackbrstung,
whrend Reiben nachlud. Reiben klopfte dem Sarge auf die
Schulter. Der Schu ging donnernd los, doch auch dieses
Projektil verfehlte die Ketten des Tigers. Upham und Trask
feuerten derweil aus ihren Gewehren auf die SS-Mnner, doch
sie trafen nur gelegentlich. Der Tiger und der Panzer in seinem
Schlepptau kamen inzwischen immer nher, und der Sarge
schrie Rckzug!, woraufhin er, Reiben und die beiden
anderen alle Waffen ergriffen, die sie zusammenraffen
konnten, und losrannten. Nur Weller blieb zurck und feuerte
Salve um Salve aus seinem MG. Er zwang einige der SS-
Mnner zu Boden und sorgte so fr Feuerschutz, whrend der
Sarge und die drei Privates, so schnell ihre Beine sie trugen,
auf die Sandscke am anderen Ende zurannten. Als Weller sah,
da der Tiger die Mndung des Bordgeschtzes in seine
Richtung drehte, sprang er aus dem MG-Nest und jagte hinter
dem Sarge und den anderen her. Doch der Donnerschlag aus
der Kanone des Panzers verwandelte die Verteidigungsstellung
in einen flirrenden Ball aus Flammen, Sand und Trmmern.
Weller wurde wie eine Stoffpuppe durch die Luft geschleudert
und knallte mit voller Wucht auf das Straenpflaster. Doch er
war schon tot, bevor er aufschlug - seinen Rcken hatten
244
Geschosp
litter zerfetzt.
Miller
und Ryan hatten inzwischen die Sandsackposition am
gegenberliegenden Ende erreicht und hechteten in Sicherheit.
Der Captain packte sofort die letzte Panzerfaust und brllte
Ryan zu: Schlieen Sie die Drhte an! Wir drfen nicht
zulassen, da die Brcke den Deutschen in die Hnde fllt!
Ryan schraubte fieberhaft die Flgelmuttern fest und verband
so die Drhte mit der Zndanlage, whrend M
iller die
Panzerfaust auf der Sandsackbarrikade aufpflanzte. Er zielte
auf den Teil der Brcke, wo gleich der Panzer in Sicht kommen
wrde. Doch durch die Rauchschwaden tauchten rennende
Gestalten auf - erst der Sarge, dann Reiben, Trask und zuletzt
Upham.
Und gleich hinter ihnen - zunchst noch undeutlich im Nebel,
doch dann in seinen furchteinflenden Umrissen erkennbar -
tauchte rasselnd, quietschend und rumpelnd der Tiger auf.
Scheie! brllte Miller. Rennt! Verdammt - rennt, was ihr
knnt!
Da erffnete das vordere Maschinengewehr des Tigers das
Feuer auf die Flchtenden. Zuerst zerschmetterte es nur die
Pflastersteine der Fahrbahn, doch dann wurden die Lufer, die
zu beiden Seiten der Brcke den Kugeln auswichen und nach
einer Deckung suchten, langsam eingeholt. Trask wurde von
einem Gescho ins Bein getroffen, und der Sarge hob ihn, ohne
seinen Schritt zu verlangsamen, vom Pflaster auf und zog ihn
hinter einen Strebepfeiler. Deckung! schrie Miller.
Und er feuerte die Panzerfaust ab. Das Projektil scho in der
Mitte der Brcke an den beiden Mnnern vorbei, die sich hinter
dem Pfeiler verschanzten, und ber die Kpfe von Reiben und
Upham, die sich flach auf das Pflaster geworfen hatten.
Nachdem das Gescho die Brcke in ihrer ganzen Lnge
entlanggeflogen war, detonierte es an der abgeschrgten
Vorderseite des Tanks, ohne Schaden zu hinterlassen.
245
Whrend Miller verzweifelt die Panzerfaust neu l
ud, rief der
Sarge, der Trask im vorbergehenden Schutz des Rauchs
weiterzerrte, Reiben und Upham zu: Los! Lauft! Und sie
halfen dem Sarge, Trask weiterzuziehen. Das vordere Panzer-
MG begann wieder zu feuern. Zwei Kugeln schlugen in den
Krper des Sarge ein, in seinen Rcken, und er brach
zusammen.
Sarge! schrie Reiben.
Verdammt! Das darf nicht wahr sein! sagte Miller.
Er plazierte die Panzerfaust erneut auf der Kante des
Sandsackwalls und zielte. Deckung! Runter! Daraufhin
warfen sich Reiben und Upham neben dem gefallenen Sarge
und dem verwundeten Trask zu Boden, so da M
iller ein
weiteres Mal ber ihre Kpfe feuern konnte. Das Projektil flog
zischend auf den Tiger zu, wo es folgenlos explodierte.
Reiben und Upham wurden durch den Krach und den Rauch
ermutigt aufzuspringen. Reiben zog den Sarge hinter sich her,
und Upham schleppte Trask, doch obwohl sie alle Krfte
mobilisierten, war es wie ein Lauf im Zeitlupentempo.
Da feuerte der Tiger aus seinem 88er-Geschtz. Durch die
Explosion schien die ganze Welt in Stcke gerissen und die
Luft zerfetzt zu werden. Hitze und Splitter breiteten sich in alle
Richtungen aus, so da die rennenden Mnner und die von
ihnen mitgeschleiften Verwundeten auf das Pflaster
geschleudert wurden ... M
iller war weniger nahe daran als die
anderen, doch die unglaubliche Detonation hatte ihn taub
gemacht, so wie jene andere Explosion am Omaha Beach.
Es schien ihm, als seien alle Gerusche aus der Welt
verschwunden, mit Ausnahme einiger kaum hrbarer,
losgelster Tne, die irgendwie noch durchdrangen ...
Miller war sich nicht sicher, wo die 88er-Granate nun
eingeschlagen war - er wute nur, da er am Leben war und die
Brcke noch stand. Ja, und da Private Ryan am Leben war;
246
der lag inmitten des halb verwsteten, rauchenden Sandsack-
Schiestandes. Zerschunden, erschrocken und mit einem
Sausen im Kopf, das alles zu verlangsamen schien, war Miller
dennoch in der Lage, in seiner nahezu geruschlosen Welt das
gedmpfte Rasseln und Knirschen des Tigers wahrzunehmen,
der auf sie zuhielt. Er sphte hinaus und sah durch den
wirbelnden Staub und Rauch den Leichnam von Sergeant
Michael Horvath. Miller schrie nicht auf
und weinte nicht;
dafr wrde noch genug Zeit bleiben - doch nur, wenn er selbst
die kommenden Minuten, vielleicht auch nur Augenblicke,
berleben wrde. Er sah Upham, der wie ein Baby auf den
toten Sarge zukroch und ihn anstarrte. Reiben kauerte hinter
einem Brckenpfeiler, und eine Hlfte seines Gesichts war
geschwrzt wie bei einem weien Musiker, der sich als
Schwarzer geschminkt und nur einen Teil der Farbe wieder
entfernt hatte. Aufgeregt winkte er dem Corporal, damit dieser
die Mitte der Brcke verlie. Der Tiger tauchte wieder aus den
Rauchschwaden auf. Sein Mndungsrohr war auf M
illers
Stellung ausgerichtet, zielte also ber Upham hinweg, der sich
nun wie ein Kind krabbelnd auf Reiben und den schtzenden
Pfeiler zubewegte.
Ryan griff nach dem Maschinengewehr, und dabei kam ihm
Miller zu Hilfe. Aus dem Augenwinkel sah der Captain, wie
Reiben Uphams Hand nahm und ihn zumindest fr ein paar
Sekunden in Sicherheit brachte. Die beiden klammerten sich
aneinander wie verngstigte Kinder - wie Brder, die nach
einem gemeinsamen Streich ein elterliches Donnerwetter
frchteten.
Mit vereinten Krften wuchteten der Captain und der Private
das MG auf die Sandscke. Sie begannen zu feuern, doch
dieses Gerusch nahm Miller kaum wahr; er sah nur den hin-
und herschnellenden Schlagbolzen vor sich. Ausgestoene
Patronenhlsen fielen mit einem metallischen Klappern zu
247
Boden, das er wie aus der Ferne vernahm. Der Tiger rumpelte
voran, ohne da die Geschosse ihm etwas anhaben konnten,
obwohl die sthlerne Bestie vor Schmerz aufzuheulen schien,
als sie mit der Seite an der Stahlkonstruktion der Brcke
entlangschrammte. Das vordere Maschinengewehr drehte sich
in Schuposition und nahm die Sandsackstellung ins Visier.
Miller dachte an den bedeutungsvollen Blick des Sarge, als sie
sich auf diese Position zurckgezogen hatten - die Erinnerung
an seinen Auftrag. Und so dachte er in dieser Situation nur
noch an die Rettung von Private Ryan: Er warf seine Arme
ber den jungen Mann und drckte ihn hinunter, so da die
Kugeln ber ihn hinwegflogen.
Auch Miller wurde
von keiner dieser Kugeln getroffen. Doch
einer der briggebliebenen SS-Mnner, der neben dem Tiger
herlief, erblickte die beiden Gestalten hinter dem Sandsackwall
und feuerte aus seiner Schmeisser. Und diese Kugeln -
jedenfalls zwei von ihnen - trafen den High-School-Lehrer aus
Addley, Pennsylvania. Sie schlugen in seine Brust ein und
traten hinten wieder aus. Sowohl Miller als auch Ryan
verschwanden hinter den Sandscken. Doch Upham hatte die
Szene mitverfolgt, er hatte alles mit angesehen, denn er stand
immer noch mit Reiben, der jetzt Millers Namen brllte, hinter
dem Brckenpfeiler. Ja, Upham hatte es gesehen, klar und
deutlich; er hatte sogar den Deutschen erkannt, der auf den
Captain geschossen hatte.
So kam der Corporal, der eines Tages all diese Erlebnisse in
einem Buch niederschreiben sollte, mit seiner 45er in der Hand
hinter dem Pfeiler hervor und blickte dem deutschen Soldaten
ins Gesicht. Es war der jungenhafte Gefangene mit der
Vorliebe fr Steamboat Willie und Micky Maus, den M
iller in
seinem Mitleid, das sich jetzt als verhngnisvoll herausstellte,
am Leben gelassen hatte. Der Soldat aber, ihr einstiger
Gefangener, hatte den Mann, auf den er gefeuert hatte, nicht
248
erkannt; doch Upham erkannte er jetzt. Denn der Corporal
stand ihm beinahe gegenber.
Upham! rief der Deutsche, lchelte und senkte fr einen
kurzen Augenblick die Waffe.
Zeit genug fr Upham, ihn mit einem Herzschu
niederzustrecken und mit seinem Lcheln auf den Lippen in
den Tod zu schicken.
Upham und Reiben arbeiteten sich nun von Pfeiler zu Pfeiler
vor, denn sie wollten unbedingt das MG-Nest aus Sandscken
erreichen. Der verwundete M
iller kam inzwischen wieder
hoch; er wollte das Spiel bis zum Ende mitspielen. Der Trainer
der Baseballmannschaft der High-School von Addley war ganz
gewi niemand, der sich leicht geschlagen gab. Er empfand
eigentlich keine Schmerzen, obwohl das brennende Gefhl in
seiner Brust ihm sagte, da er verwundet war. Er tastete nach
der einzigen ihm verbliebenen Waffe, seiner im Halfter
steckenden 45er. Captain Miller sc
ho aus seiner 45er auf den
herannahenden Tank, und obgleich er wute, da seine Aktion
vergeblich war, bettigte er immer wieder den Abzug. Die
Pistole machte ruckartige Bewegungen in seiner Faust, der
laute Knall drang nur schwach an seine Ohren. Miller leerte
sein Magazin bis auf die letzte Kugel.
Dann scho er auch dieses Projektil auf den nher
kommenden Tiger, und der Panzer explodierte. M
iller duckte
sich und starrte erstaunt auf die Pistole in seiner Hand; wie,
zum Teufel, hatte er denn das bewerkstelligen knnen? Wie
konnte eine 45er-Kugel einen Tiger in die Luft jagen?
Irgend etwas aber mute ihn getroffen haben; Flammen
schossen aus der Panzerung der Bestie, und nun wurde der
Geschtzturm des Tigers von einer zweiten Explosion in die
Luft geschleudert, wo er sich wie ein flammendes Windrad
drehte. Dann schien der ganze Panzer das Gleichgewicht zu
verlieren und krachte seitlich gegen die Brckenkonstruktion.
249
Schabend und kreischend ri er Brckenteile aus Stahl und
Stein mit sich in die Tiefe und fiel wie ein riesiger Stein ins
Wasser. Millers Ohren f
unktionierten fast wieder normal, und
er hrte den platschenden Aufprall - und noch etwas anderes,
etwas, das ihn den Blick nach oben richten lie. Es waren
himmlische Stimmen, ein Chor der Engel, deren Lied sich in
das markige Drhnen eines Packard-Motors verwandelte. Und
als die P-51 Mustang ber die Brcke hinwegflog, wute
Miller, da es nicht seine 45er gewesen war, die den Panzer
erledigt hatte.
Hinter einem Brckenpfeiler sahen Reiben und Upham zu,
wie das Flugzeug mit Spezialbewaffnung gegen Panzer ber
sie hinwegwischte und wendete, um die Brcke ein zweites
Mal zu berfliegen. Der kleinere Panzer, der dem Tiger gefolgt
war, versuchte verzweifelt, sich rckwrts von der Brcke zu
stehlen, um dem Schicksal seines groen Bruders zu entgehen.
Die wenigen verbliebenen SS-Mnner traten eilends den
Rckzug an. Da der kleinere Tank keine Bedrohung mehr
darstellte, brachen die beiden Privates aus ihrer Deckung
hervor und rannten zu der sandsackbefestigten Stellung.
Sie fanden Miller zusammenges
unken in den Armen von
Ryan. Trnen rannen ber Ryans Gesicht; Blut flo ber
Millers Hemd.
Captain, brachte Reiben hervor.
O mein Gott... Captain ...
Reiben und Upham sanken auf die Knie, als wollten sie beten.
Sie hielten Miller fest, nahmen ihn in die Arme, so als hofften
sie, ihm dadurch etwas von ihrer Lebenskraft abzugeben.
Reiben schrie gen Himmel - eine Mischung aus Flchen und
Gebeten. Upham heulte wie ein kleines Kind. Am anderen
Ende der Brcke detonierte derweil der kleine Panzer. Die
Mustang zog an dem Feuerball vorbei und stieg steil nach
oben.
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Miller schaute in die Wolken. Er versuchte etwas zu sagen,
doch es kam nichts ber seine Lippen.
Es gelang ihm aber, eine blutverschmierte Hand zu heben -
die zitternde - und auf die P-51 zu deuten, die gerade fast
senkrecht in den Himmel stieg.
Panzerknacker, Sir, sagte Ryan, ohne sich der Trnen auf
seinen Wangen zu schmen. Es ist eine P-51.
Hinter den abgekmpften Soldaten in ihrem MG-Nest
tauchten jetzt Sherman-Panzer auf. Sie wurden begleitet von
untersttzender Infanterie.
Doch Miller nahm davon nichts wahr. Er sah nur den Himmel
und die P-51 und die Wolken.
Seht ihr ... Wade ... hatte recht, brachte M
iller heraus.
Engel ... auf unserer Schulter ...
Jemand auf der Brcke trat auf Glas, und es knirschte unter
seinem Stiefel.
Miller lchelte sie wie aus weiter Entfernung an.
Wird 'ne prima Saison, Jungs, sagte er.
Sie sollten jetzt nicht sprechen, Cap, sagte Reiben.
Doch sein Captain schaute hoch zu Private Ryan, dem Mann,
zu dessen Rettung sie gekommen waren. Und den sie gerettet
hatten.
Mssen's verdienen, sagte M
iller leise.
Sir? fragte Ryan nach.
Der Captain wiederholte das Gesagte mit fester Stimme; es
war ein Befehl. Verdienen Sie es sich.
Das waren seine letzten Worte.
Mit dem Rasseln und Quietschen der eigenen Panzer in den
Ohren trugen Ryan, Reiben und Upham Captain John H. M
iller
von der Maschinengewehrstellung zur Mauer der Brcke und
setzten ihn dort sanft ab.
Wenigstens hat das Zittern aufgehrt, meinte Upham und
schluckte.
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Hh? fragte Reiben wie betubt.
Upham deutete mit einem Nicken auf Millers leblose Ha
die jetzt neben der Mauer ruhte.
Seine Hand.
Reiben beugte sich ber den Captain, fand etwas in seiner
Brusttasche, zog es heraus und steckte es in sein eigenes Hemd.
Er sagte nichts dazu, aber Upham wute, da Reiben die
Aufgabe bernommen hatte, den Brief an Caparzos Vater zu
berbringen.
Und dann ging fr die Jungs aus Mr. Millers Klasse der Krieg
weiter.
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EPILOG
St.-Laurent Soldatenfriedhof
6. Juni 1998
James Ryan, vierundsiebzig, Peyton, Iowa, ging zwischen den
in Reih und Glied angeordneten Grbern hindurch, bis er den
richtigen Stein gefunden hatte. Keiner von seiner Familie, nicht
einmal sein kleiner Enkel, konnten mit ihm Schritt halten.
Und das war gut so, denn er brauchte einen Augenblick fr
sich - besser gesagt, einen Augenblick zwischen Private und
Captain.
Er schaute auf das weie Kreuz und sagte: Heute habe ich
meine Familie dabei. Sie wollten mitkommen. Es sind Ferien.
Was mich betrifft, ich wute gar nicht, wie ich mich fhlen
wrde - jetzt, wo ich hierher zurckkomme.
Opa!
Jimmy kam heran.
Ryan sprach weiter mit seinem Captain.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, was
damals auf der Brcke geschehen ist. Was wir gemacht haben
und was Sie zu mir gesagt haben. Und ich wrde gerne einmal
wissen ...
Opa!
Ryan drehte sich um und sah J
immy in seiner Nhe stehen.
Der Junge war sensibel genug, um einen gewissen Abstand zu
wahren. Sein Grovater gab seinem Enkel mit einer Handbe-
wegung zu verstehen, er mge ihn noch einen Moment lang
allein lassen.
Dann blickte Ryan das Kreuz an, als wre es ein Mensch, der
vor ihm stand, und fuhr fort: Ich hab's versucht. Ich habe
versucht, mein Leben zu leben, so gut ich konnte. Ich hoffe,
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das gengt. Ich habe keine Erfindungen gemacht. Ich habe
auch keine Seuchen geheilt. Ich habe nur auf einer Farm
gearbeitet. Ich habe eine Familie gegrndet und Kinder groge-
zogen. Ich habe gelebt. Jetzt hoffe ich nur, da ich in Ihren
Augen das verdient habe, was Sie fr mich getan haben.
Jim ...
Dies war nicht die Stimme seines Enkels
ohnes, sondern die
seiner Frau. Sein Sohn, dessen Frau und die vier Enkel hielten
ehrfrchtig Abstand. In ihren Gesichtern lag Verwirrung, denn
sie begriffen nicht, was hier vor sich ging. Sie konnten es nicht
begreifen ...
Anders die Frau, mit der er jahrzehntelang zusammengelebt
hatte, die Frau, die jetzt - wie sonst auch immer - an seiner
Seite stand. Er hatte ihr nie von diesem Ort erzhlt, auch keine
Geschichten aus dem Krieg, auer ein paar Anekdoten.
Aber sie war die Frau, die ihn umarmt und getrstet hatte in
all den Nchten, in denen er aufwachte und schrie oder weinte,
manchmal auch beides.
Frher war dies hufiger vorgekommen, jetzt nur gelegent-
lich. So hbsch, dachte er, sie war immer noch so hbsch. Sie
nahm seinen Arm und schaute auf das weie Kreuz hinunter.
Hast du ihn gekannt?
Ryan seufzte.
Nicht gut.
Wie fhlst du dich, Jim?
Er schaute sie an, und als sie die Trnen in seinen Augen sah,
mute sie auch weinen.
Alice ... habe ich ein gutes Leben gefhrt? Bin ich ein guter
Mensch?
Jim ... was ...?
Sag mir einfach ... sag mir einfach, ob du findest, da ich es
verdient habe.
Sie betrachtete ihn eindringlich, dann strich sie ihm zrtlich
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ber das Gesicht.
Ja, ganz bestimmt. Das hast
Daraufhin berlie sie ihn sich selbst, ging zu dem Rest der
Familie zurck, um ihm Zeit zu geben, sich zu sammeln, bevor
er von diesem Ort Abschied nahm. Er brauchte nicht allzu
lange. Aufrecht stand er da und salutierte vor dem Grabmal.
Ein Gru, der von Herzen kam.
Dann ging Private James Ryan, Trger des Silver Star, mit
dem taktfesten Schritt eines ehemaligen Soldaten zu seiner
Familie zurck und lie den gepflegten Frie
dhof hinter sich -
und auch das Grab von Captain John H. M
iller, dem posthum
die Ehrenmedaille verliehen worden war und nach dem die
Junior High School von Addley, Pennsylvania, benannt ist.
Trotz einer pompsen Tafel im Foyer der Schule fragen sich
dort heutzutage viele Jugendliche, warum ihre Schule diesen
Namen trgt.

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