Wie Der Stahl Gehärtet Wurde — Nikolai Ostrowski


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NIKOLAI OSTROWSKI
WIE DER STAHL 
Originaltitel: Kak zakalialas' stal' [1932-34] 
Alle Rechte für die deutsche Ausgabe beim Verlag Neues Leben, Berlin
Einband: Kurt Zimmermann und Gerhard Schulz 
Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30 
Vorzugspreis für Abonnenten: 4,80
Berechtigte Ausgabe für den buchclub 65  108 Berlin 
Lizenz-Nr.
LSV
Bestell-Nr.
Alles in Ostrowski ist Flamme der Aktion und des Kampfes – und diese
Flamme wuchs und dehnte sich aus, je enger Nacht und Tod ihn um­
ringten. Er strömte von unermüd
lichem Lebensmut und Optimismus
über. Und diese Freude verband ihn mit allen kämpfenden und vor­
wärtsschreitenden Völkern der Erde.
ROMAIN ROLLAND
ERSTES KAPITEL
»Wer von euch war vor den Feiertagen
bei mir zu Hause, seine Aufgaben her­
zusagen? Der soll aufstehen!«
Der schwammige Mann im Priesterrock
, mit dem schweren Kreuz am Hals,
blickte drohend auf die Schüler.
Seine bösen Äuglein durchbohrten gera
dezu die sechs Kinder, die sich von
den Bänken erhoben hatten – es waren vier Jungen und zwei Mädchen. Ängst­
lich schauten sie zu ihm empor. »Ihr könnt euch setzen«, bedeutete der Pope
den Mädchen.
Mit einem Seufzer der Erleichter
»Na, kommt mal her, meine Täubchen!«
Vater Wassili erhob sich, schob den Stuhl zurück und trat dicht an die sich
eng aneinanderdrängenden Kinder heran. »Wer von euch Taugenichtsen
raucht?«
Leise erwiderten alle vier: »Wir rauchen nicht, Väterchen.«
Das feiste Gesicht des Popen lief dunkelrot an. »Ihr Halunken raucht nicht –
und wer hat mir Machorka in den Teig gestreut? Ihr raucht nicht? Na, das
werden wir ja gleich sehen. Kehrt die Taschen um! Na, wird's bald? Was habe
ich gesagt? Die Taschen heraus!«
Drei der Kinder begannen sogleich den Inhalt ihrer Taschen auf den Tisch
auszuschütten.
Sorgfältig prüfte der Pope die Taschennähte. Er spähte nach Tabakspuren,
doch er fand nichts. Darauf knöpfte er sich den vierten vor, einen schwarz­
äugigen Jungen in grauem Hemd und bl
auer Hose, die an den Knien geflickt
war. [8]
»Und du, was stehst du wie ein Ölgötze da?«
Der schwarzäugige Junge sah ihn haßerfüllt an und antwortete dumpf:
»Ich habe keine Taschen!« Er strich mit den Händen über die zugenähten
Stellen.
»Ach so, keine Taschen! Du meinst al
so, ich wüßte nicht, wer zu so einer
Gemeinheit fähig ist – den Teig zu verderben? Du meinst wohl, daß man dich
Die Klasse schwieg und duckte sich sc
heu. Niemand begriff, weshalb Pawel
Kortschagin aus der Schule gejagt wurde.
Nur Serjosha Brusshak, Pawels bester
Freund, hatte gesehen, wie Pawel dem Popen eine Handvoll Machorka in den
Osterteig gestreut hatte, dort in der Küche, wo die sechs Schüler auf den Popen
warteten. Sie waren in seine Wohnung gekommen, um ihre Aufgaben nach­
träglich herzusagen.
Pawel würgten die Tränen.
Die Feindschaft zwischen Pawel und Vater Wassili war schon alten Datums.
Pawel hatte sich eines Tages mit Misc
ha Lewtschukow gerauft und mußte des­
halb nachsitzen. Damit er jedoch im
leeren Klassenzimmer keine Dummheiten
machte, brachte ihn der Lehrer zu den älteren Schülern in die zweite Klasse.
Der Lehrer, ein dürres Männlein in schwarzem Rock, erzählte von der Erde
und den Gestirnen. Pawel vernahm staunend, mit weit offe- [9] nem Mund,
daß die Erde schon seit vielen Millionen
Jahren existierte und daß die Sterne
auch so etwas Ähnliches wie die Erde seien. Er war von dem Gehörten derart
überrascht, daß er sogar aufstehen und dem Lehrer sagen wollte: In der Bibel
In Religion hatte Pawel vom Popen i
mmer gute Noten bekommen. Alle Cho­
räle, das Neue und das Alte Testament ko
nnte er im Schlafe hersagen. Er wußte
genau, was Gott an welchem Tage erschaffen hatte. Pawel beschloß also, sich
bei Vater Wassili nach allem zu erkundig
en. Gleich in der nächsten Religions­
stunde, sobald sich der Pope in se
inem Lehnstuhl niedergelassen hatte, mel­
»Was sprichst du da, du Halunke? So also lernst du das Wort des Herrn!«
Ehe Pawel sich's versah, hatte ihn der
Pope bei den Ohren gepackt und schlug
ihn mit dem Kopf gegen die Wand. In der nächsten Minute flog er, verprügelt
und erschrocken, auf den Gang hinaus.
Auch bei der Mutter kam Pawel übel an.
Am nächsten Tag ging sie in die Schule und bat Vater Wassili, ihren Sohn
wieder aufzunehmen. Von diesem Zeit
punkt an haßte Pawel den Popen aus
Der Junge hatte noch vielerlei Schikanen von Vater Wassili zu ertragen: bald
jagte ihn der Pope aus dem Zimmer, bald
stellte er ihn wochenlang für nichts
und wieder nichts in die Ecke und hö
rte niemals seine Aufgaben ab. Deshalb
mußte er auch vor Ostern mit den zurückgebliebenen Schülern in die Woh­
nung des Popen gehen, um sich prüfen zu lassen. Dort, in der Küche, hatte er
ihm Machorka in den Osterteig gestreut.
Niemand hatte es gesehen, und trotzd
em hatte der Pope
wessen Werk das gewesen war …
Die Stunde war zu Ende, die Kinder liefen auf den Hof hinaus und umringten
Pawel, der düster schwieg. Serjosha Bru
sshak war in der Klasse geblieben. Er
fühlte sich mitschuldig, konnte aber dem Freund nicht helfen.
Aus dem offenen Fenster des Lehrerzimmers beugte sich Jefrem Wassilje­
witsch, der Schuldirektor. Sein tiefer
Baß ließ Pawel erzittern. »Kortschagin soll
sofort zu mir kommen!« rief er.
Klopfenden Herzens ging
Pawel ins Lehrerzimmer.
Der Besitzer der Bahnhofswirtschaft, ein älterer, blasser Mann mit aus­
druckslosen Augen, streifte den etwa
s abseits stehenden Pawel mit einem
flüchtigen Blick. »Wie alt ist er denn?«
»Na schön, mag er dableiben. Die Bedingungen sind: acht Rubel monatlich
und Essen an den Arbeitstagen. Vierundzwanzig Stunden [11] Dienst, vierund­
zwanzig Stunden frei, und daß er sich nicht untersteht zu stehlen.«
»Wo denken Sie hin! Gott bewahre! Stehlen wird er nicht, dafür bürge ich«,
sagte die Mutter erschrocken.
»Na, dann soll er gleich heute anfangen«, befahl der Wirt und wandte sich an
die Kellnerin, die neben ihm hinter der Theke stand: »Sina, führ den Jungen in
den Abwaschraum und sag Frossja, sie so
ll ihn an Stelle von Grischka beschäf­
Die Kellnerin legte das Messer weg, mi
t dem sie gerade Schinken geschnitten
hatte, nickte Pawel zu und ging durch den Saal zu einer Seitentür, die in den
Spülraum führte. Pawel folgte ihr. Die
Mutter ging neben ihm her und flüsterte
ihm hastig zu:
»Gib dir ordentlich Mühe, Pawluschka, und mach mir keine Schande.«
Sie sah dem Sohn traurig nach und ging dann davon.
Ein rothaariger Junge, mit zerzaustem
, ungekämmtem Haar, kaum älter als
Pawel, hantierte an zwei riesigen Samowaren. Der Raum, in dem eine große
Spülschüssel mit heißem Wasser stand, war voller Dampf. Pawel vermochte
anfangs die Gesichter der arbeitenden Frauen nicht zu unterscheiden. Er stand
da und wußte weder, was er zu tun hatte
, noch an wen er sich wenden sollte.
Die Kellnerin Sina trat an eine der Frau
en heran, faßte sie an der Schulter und
sagte:
»Hier, Frossja, hast du einen neuen Jungen, er soll an Stelle von Grischka
arbeiten. Erklär ihm alles, was er zu tun hat.«
»Sie ist hier die Oberste. Was sie anor
»Schön«, sagte Pawel leise und blickte
die vor ihm stehende Frossja fragend
an. Diese wischte sich den Schweiß von der Stirn, musterte den Jungen von
oben bis unten, als wollte sie ihn ab
schätzen, krempelte den vom Ellbogen
heruntergerutschten Ärmel auf und sagte mit ungewöhnlich angenehm klin­
gender Stimme:
»Na, was ist da schon viel zu erklären
, mein Kleiner. Du mußt also frühmor­
gens unter diesem Kessel Feuer machen
und dafür sorgen, daß immer kochen­
des Wasser drin ist. Holz mußt du natürlich hacken, und [12] auch die Samo­
ware gehören zu deiner Arbeit. Dann wirst du, .wenn's nötig ist, Messer und
Gabeln putzen und das Abwaschwasser hi
naustragen. An Arbeit fehlt's nicht,
Kleiner, wirst schon schwitzen«, sagte sie in ihrer Kostromaer Mundart mit der
Betonung des »a«. Von dieser Mundart und dem frischen Gesicht mit der klei­
nen Stupsnase wurde es dem
Jungen leichter ums Herz.
Das ist offenbar eine ganz
»Und was soll ich jetzt tun, Tantchen?«
Sprach's und stockte. Das laute Gelächter der in der Spülküche beschäftigten
»Hahaha …! Frossja hat plötzlich einen Neffen gekriegt …«
»Haha!« lachte Frossja noch herzhafter als alle anderen.
In dem Dunst hatte Pawel ihr Gesicht nicht recht sehen können; Frossja war
erst achtzehn Jahre alt.
Ganz und gar verwirrt wandte sich Pawel nun an den Jungen und fragte:
»Was soll ich jetzt tun?«
»Komm her, hilf die Gabeln abtrocknen
«, hörte Pawel eine ältere Geschirr­
wäscherin sagen.
»Was johlt ihr da? Was hat der Junge schon Besonderes gesagt? Da, greif zu«,
sagte sie und hielt Pawel ein Handtuch hin. »Nimm das eine Ende zwischen
die Zähne, und das andere zieh straff an
. Putz die Gabeln gründlich zwischen
den Zinken, damit ja kein Stäubchen mehr dranbleibt. Bei uns wird darauf
streng geachtet. Die Herrschaften sehen sich die Gabeln genau an, und wenn
sie Schmutz bemerken, ist's schlimm, dann jagt einen die Wirtin im Nu
davon.«
»Wieso die Wirtin?« Pawel stutzte. »Ihr
habt doch einen Wirt. Er hat mich ja
eingestellt.«
Die Frau lachte.
»Der Wirt, mein Söhnchen, ist bei uns nur so was wie ein Möbelstück, ein
Pantoffelheld ist er. Die Zügel hat hier die Wirtin in der Hand. Heute ist sie
nicht da. Wenn du eine Weile bei uns bist, wirst du's schon merken.«
Die Tür des Spülraums wurde aufgestoße
n, und drei Kellner brachten Stöße
schmutzigen Geschirrs herein. [13]
Einer von ihnen, ein breitschultriger
, schieläugiger Bursche mit einem der­
ben, viereckigen Gesicht, sagte:
Er sah Pawel an und fragte:
»Was ist denn das für einer?«
»Aha, ein Neuer«, sagte er und ließ sein
e schwere Hand auf Pawels Schulter
fallen, wobei er ihn zu den Samowaren hinstieß. »Schau her, die müssen
immer fertig sein, aber der
eine, siehst du, ist ganz ausgegangen, und auch der
andere dampft kaum. Heute wollen wir noch mal ein Auge zudrücken, aber
wenn das morgen wieder passiert, krie
gst du eine gelangt. Verstanden?«
Pawel machte sich, ohne ein Wort zu erwidern, an den Samowaren zu
schaffen.
Und so begann Pawels Werktätigendasein. Noch nie hatte er sich so ange­
strengt wie an diesem ersten Arbeitstag.
Er hatte begriffen, daß es hier nicht
wie zu Hause war, wo er der Mutter nicht immer folgte. Der Schieläugige hatte
ja klar und deutlich gesagt: Gehorchst du nicht, so bekommst du eine gelangt.
Die Funken sprühten nur so unter den dickbäuchigen, vier Eimer Wasser fas­
senden Samowaren, als Pawel die Glut anfachte. Er rannte mit den vollen
Eimern zur Abfallgrube, heizte den Wasserkessel, trocknete die nassen Hand­
tücher über den heißen Samowaren, kurz, er tat alles, was ihm befohlen
wurde. Todmüde ging er spät am Abend
hinunter in die Küche. Die ältliche
Geschirrwäscherin Anissja sagte mit einem Blick auf die Tür, hinter der Pawel
»Der Junge ist wohl nicht richtig im Ko
»Er ist ein tüchtiger Bursche«, meinte Frossja, »so einen braucht man nicht
anzutreiben.«
»Der wird sich die Hacken bald ablauf
en«, entgegnete Luscha. »Anfangs sind
sie alle eifrig.«
Um sieben Uhr morgens übergab Pawel,
von der schlaflosen Nacht und der
endlosen Rennerei völlig erschöpft, die
kochenden Samoware seiner Ablösung,
einem blonden, pausbäckigen Kerl.
Nachdem sich der Junge davon überzeugt hatte, daß alles in Ordnung war
und das Wasser in den Samowaren kochte
, steckte er die Hände in die Hosen­
taschen, spuckte durch die Zähne, blickte Pawel [14] mit seinen wäßrigen
Augen verächtlich von oben herab an und erklärte in einem Ton, der keinen
»He, du Schlafmütze! Komm morgen pünktlich um sechs Uhr zur Ablösung.«
»Warum um sechs?« fragte Pawel. »Schichtwechsel ist doch um sieben Uhr.«
»Mag der Schichtwechsel sein, wann er will, aber du hast um sechs Uhr hier
zu sein! Und wenn du noch lange quasselst, werde ich dir mal einen Stempel
in die Visage drücken. So 'ne Null – ha
t kaum angefangen zu arbeiten und will
sich schon mausig machen!«
Die Geschirrwäscherinnen, die ihre Arbeit der Ablösung übergeben hatten,
verfolgten interessiert das Gespräch der
beiden Jungen. Der freche Ton und das
herausfordernde Benehmen des anderen brachten Pawel auf. Er ging einen
Schritt auf seinen Arbeitskollegen zu und schickte sich an, dem Jungen einen
gehörigen Denkzettel zu versetzen; jedoch die Furcht, gleich am ersten Tage
von der Arbeitsstelle gejagt zu werden
, ließ ihn einhalten. Ganz rot vor Zorn
sagte er:
»Ein bißchen sachte, tu dich nicht so dicke, sonst könnte es was setzen. Ich
komme morgen um sieben Uhr, und rauf
en kann ich nicht schlechter als du.
Wenn du's probieren willst – bitte sehr!«
Der Gegner trat einen Schritt zurück und schaute den erbosten Pawel erstaunt
an. So einen entschiedenen Widerstand ha
»Na schön, wir werden schon sehen«, brummte er. Der erste Tag war glück­
lich vorüber; mit dem Gefühl eines Menschen, der sich seine Ruhe ehrlich
verdient hat, stiefelte Pa
Hinter dem Koloß des Sägewerkes stieg träge die Morgensonne empor. Bald
wird auch Kortschagins Häuschen zu sehen sein. Da ist es, gleich hinter dem
Die Mutter ist sicher schon aufgestanden, und ich komme von der Arbeit
zurück, dachte Pawel, begann zu pfeifen und beschleunigte seine Schritte. Gar
nicht so übel, daß man mich aus der Schule hinausgeschmissen hat. Der ver­
fluchte Pope hätte mir sowieso das Lebe
n sauer gemacht, und jetzt spucke ich
auf ihn, überlegte Pawel, während er si
ch zufrieden dem Haus näherte. Als er
Die Mutter war im Hof mit dem Samowar beschäftigt. Als sie den Sohn
erblickte, fragte sie besorgt: »Na, wie ist's gegangen?«
»Ganz gut«, erwiderte Pawel.
»Was, Artjom ist gekommen?
« fragte er bestürzt.
»Ja, gestern, und er will hierbleiben.
Die riesige Gestalt, die mi
t dem Rücken zu ihm am Tisch saß, wandte sich
um, und unter dichten schwarzen Brauen
blickten Pawel die strengen Augen
seines Bruders an.
»Aha, da ist er, unser Machorkamann. Na also, guten Tag!«
Die Worte des heimgekehrten Bruders ließen Pawel nichts Gutes erwarten.
Artjom weiß schon alles,
dachte Pawel. Er wird mich sicher ausschimpfen
oder sogar verprügeln.
Pawel hatte Angst vor seinem großen Bruder.
Artjom aber hatte offenbar nicht die Absicht, ihn zu verprügeln. Er saß auf
einem Schemel, die Ellbogen auf den Ti
sch gestützt, und schaute Pawel un­
verwandt an, halb spöttisch, halb verächtlich.
»Also du meinst, daß du die Universität schon hinter dir hast und alle Wis­
senschaften aus dem Effeff kennst; da hast
du dich also ans Geschirrabwaschen
gemacht?« sagte Artjom.
Pawel hatte den Blick auf ein lockeres
Diesmal schien es wohl noch ohne Abreibung abzugehen. Pawel seufzte
erleichtert auf.
Pawel legte los.
»Und was soll weiter aus dir werden, wenn du so ein Strolch bleibst?« fragte
die Mutter bekümmert. »Was fangen wir nur mit ihm an? Nach wem ist er so
geraten? Ach, du lieber Gott, was habe ich nur mit diesem Jungen auszuste­
hen!«
Artjom schob die leere Tasse beisei
te und wandte sich an Pawel:
»Na also, Brüderchen, wenn's schon mal so weit gekommen ist, können wir's
nicht mehr ändern. Aber nimm dich von nun an in acht, mach auf der Arbeit
keine Faxen und tu alles, wie sich's gehört. Schmeißt man dich dort auch raus,
versohl ich dich so, daß du dein Lebtag dran denken wirst. Merk dir das! Hör
jetzt auf, der Mutter Kummer zu machen. Wo du nur hinkommst, gibt es
Unannehmlichkeiten, überall stellst du
was an. Aber jetzt Schluß damit! Wenn
du dort ein Jährchen gearbeitet hast, werde ich darum bitten, daß man dich im
Depot als Lehrling einstellt, denn beim Geschirrabwaschen wird ja doch nichts
Rechtes aus dir werden. Mußt ein Handwe
Er erhob sich zu seiner ganzen ungeheuren Größe, zog den über der Stuhl­
lehne hängenden Rock an und rief der Mutter zu:
»Ich geh auf ein Stündchen weg, muß noch was erledigen.« Damit ging er
hinaus, wobei er sich im Türrahmen bücken mußte. Als er am Fenster vor­
überkam, rief er von draußen herein:
»Ich hab dir da Stiefel und ein Taschenmesser mitgebracht, laß dir's von Mut­
Die Bahnhofswirtschaft war Tag und Nacht ununterbrochen geöffnet.
Auf dem Eisenbahnknotenpunkt Schepetowka kreuzten sich sechs Linien. Bis
auf zwei, drei Stunden in der Nacht,
wo der Verkehr ein wenig abflaute, war
der Bahnhof immer voller Menschen. Hunderte von Truppentransporten
Zwei Jahre war Pawel bereits auf dieser
Arbeitsstelle. Küche und Spülraum –
das war alles, was er in dieser Zeit zu
Gesicht bekommen hatte. In der riesigen
Küche unten im Keller wurde fieberhaft
Pawel verdiente nicht mehr acht, sondern zehn Rubel monatlich. Er war in
den vergangenen zwei Jahren gewachsen und kräftiger geworden. Viel Placke­
junge
tätig gewesen und dann wieder in den Spülraum abgeschoben worden. Er
hatte dem allmächtigen Chef mißfallen, dieser widerspenstige Junge, von dem
man jeden Moment erwarten konnte, daß er einem wegen einer Backpfeife mit
dem Messer an die Kehle fahren würde. Er wäre längst weggejagt worden, aber
In den Stunden, in denen es besonders heiß herging, rannte er wie [18] ein
Besessener, das Tablett in der Hand, vier, fünf Stufen auf einmal nehmend, in
die Küche hinunter und wieder zurück.
Nachts, wenn der Andrang in beiden Sälen der Wirtschaft nachgelassen hatte,
versammelten sich die Kellner unte
n in den Vorratskammern neben der
Küche. Hier ging es bei Siebzehn und vier und anderen Glücksspielen hoch
her. Pawel hatte mehr als einmal Geld haufenweise auf dem Tisch liegen
sehen. Er wunderte sich nicht über da
s viele Geld, wußte er doch, daß jeder
Kellner während seines vierundzwanzigs
tündigen Dienstes an die dreißig bis
vierzig Rubel Trinkgeld einsteckte. Fü
nfzigkopekenweise, rubelweise sammel­
ten sie das Geld ein und vertranken und verspielten es dann. Pawel verab­
scheute sie aus ganzem Herzen.
Diese verfluchten Hunde, dachte er. Artj
om ist einer der besten Schlosser im
Betrieb und verdient nur achtundvierzig
Rubel, und ich zehn. Und die stecken
soviel Geld an einem Tag ein. Wofür ei
gentlich? Tragen auf und räumen weg.
Und nachher versaufen und verspielen sie
alles. Diese Schufte laufen hier als
Lakaien umher. Aber ihre Frauen und Söhnchen leben in den Städten wie die
Herrschaften.
Die Kellner brachten zuweilen ihre in
Er wunderte sich auch nicht über das, was nachts in den Winkeln der Küche
und in den Lagerräumen vor sich ging.
Er wußte sehr gut, daß kein Küchen­
mädchen, keine Kellnerin lange auf ih
rer Arbeitsstelle bleiben konnte, wenn
sie sich nicht jedem, der hier ein Wort zu sagen hatte, für ein paar Rubel ver­
kaufte.
Begierig nach allem Neuen und Unbekannt
en, lernte Pawel hier die Abgründe
des Lebens kennen und in ihre morastigen Tiefen schauen, aus denen ihn
Moder und Fäulnis anwehten.
Artjom war es nicht gelungen, den Br
uder als Lehrling beim Depot unterzu­
bringen: Jugendliche unter fünfzehn Jahren wurden nicht eingestellt.
Pawel erwartete sehnlichst den Tag, an dem er von hier weggehen könnte. Es
zog ihn nach dem riesigen, verrußten St
eingebäude, oft war er dort bei Artjom,
kontrollierte mit ihm die Waggons und
war bemüht, ihm behilflich zu sein.
Besonders öde wurde es, als Fro
ssja die Stelle verlassen hatte.
Das lachende, fröhliche Mädchen fehlte Pawel, und er fühlte mehr [19] denn
je, wie sehr er an ihr gehangen hatte. Wenn er morgens den Spülraum betrat
und das zänkische Geschrei der Frauen vernahm, empfand er Leere und Ein­
samkeit.
Während einer nächtlichen Pause hockte
Pawel beim Heizen des Wasserkes­
, zu Frossja. Noch heute stand alles
deutlich vor seinen Augen.
Es war an einem Sonnabend gewesen. Pawel war während der nächtlichen
Pause die Treppe hinunter in die Küche gegangen. Im Treppenwinkel war er
aus Neugier auf den dort gelagerten Holz
Plötzlich hörte Pawel Schritte auf der Tr
eppe. Der Junge wandte sich um: Pro­
choschka kam herunter. Pawel kroch unter die Treppe, um abzuwarten, bis der
andere in die Küche gehen würde. Unter der Treppe war es dunkel, so daß Pro­
choschka ihn nicht sehen konnte. Pawel jedoch konnte seinen breiten Rücken
und seinen großen Kopf erkennen.
Behenden, leichten Schrittes eilte noch jemand die Treppe herunter, und
Pawel vernahm eine bekannte Stimme:
»Prochoschka, warte einen Augenblick!«
Prochoschka blieb stehen, drehte sich um und schaute hinauf.
»Was gibt's?« brummte er.
Die Schritte auf der Treppe kamen näher, und Pawel erkannte Frossja.
Sie packte den Kellner am Ärmel und sagte mit stockender, gepreßter Stimme:
»Prochoschka, wo ist denn das Geld, das dir der Leutnant gegeben hat?«
Prochor riß sich heftig los.
»Was für Geld? Hast du vielleicht keins
»Aber er hat dir doch dreihundert Rubel gegeben.« Frossja unterdrückte
krampfhaft ein Schluchzen.
»Dreihundert Rubel, sagst du?«
erwiderte Prochoschka giftig.
»Und du willst sie also haben? Sind Sie
vielleicht nicht gar zu teuer, gnädiges
[20]
Fräulein aus der Spülküche? Ich denke, die fünfzig Rubel, die ich dir gege­
ben habe, genügen auch. Was denkst du dir eigentlich? Es gibt nettere Fräu­
»Schuft, du niederträchtiger!« schrie ihm Frossja nach und begann, an den
Holzstapel gelehnt, dumpf zu schluchzen.
Es läßt sich nur schwer schildern, wa
s Pawel, im Dunkeln unter der Treppe
hockend empfand, als er di
eses Gespräch hörte und sa
h, wie Frossja, die am
ganzen Körper bebte, den Kopf auf de
n Holzstapel fallen ließ. Pawel machte
sich nicht bemerkbar. Krampfhaft hiel
t er das eiserne Treppengeländer um­
klammert, und in seinem Kopf hämmerte es klar und deutlich: Auch die haben
sie also verschachert, dies verfluchte
Gesindel. Ach, Frossja, Frossja …!
So wurde sein Haß gegen Prochoschka noch tiefer und heftiger, seine gesamte
Umgebung wurde ihm noch widerwärtiger und verhaßter. Ja, wenn ich stark
genug wäre, ich würde diesen Schuft zu Tode prügeln! Warum bin ich nicht so
groß und stark wie Artjom?
Die Flammen im Ofen flackerten auf un
ten und verflochten sich zu einer langen bläulichen Spirale. Pawel schien es,
als mache sich jemand über ihn lustig und streckte ihm höhnisch die Zunge
heraus.
Im Raum war es still, nur das Holz
knisterte, und vom Wasserhahn her war
das Geräusch gleichmäßig fallender Tropfen zu hören.
»Setz dich, Klimka.« [21-22]
»Was machst du denn da, zauberst wohl vor dem Feuer?«
Pawel riß nur mühsam den Blick von den Flammenzungen los. Ein Paar
große, glänzende Augen richteten sich auf Klimka. In diesen Augen las Klimka
unsagbaren Kummer. Zum erstenmal sah er in den Augen seines Freundes eine
solche Traurigkeit.
»Du bist heute so komisch, Pawka«, sagte er verwundert, und nach einer kur­
zen Pause fügte er hinzu:
»Gar nichts ist passiert«, erwi
derte er mit dumpfer Stimme.
»Aber es fällt mir schwer, hier auszuhalten, Klimka.« Seine auf den Knien
ruhenden Hände ballten sich zu Fäusten.
»Was ist heute mit dir los?« fragte Klim
ka wieder und stützte sich auf den Ell­
»Heute, sagst du? Immer schon war das
gleiche los, seitdem ich hier bin.
Schau nur, was sich hier tut! Wir schuften wie die Viecher, und zum Dank haut
dir jeder, der Lust dazu hat, eine runter, und niemand steht dir bei. Die
Wirtsleute haben uns angestellt, damit wi
r für sie arbeiten, aber uns prügeln,
das darf jeder, der nur kräftig genug dazu
ist. Du kannst dich in Stücke reißen,
aber allen kannst du's doch nicht recht machen, und wem du's eben nicht
recht machst, der langt dir eine. Man gibt sich doch schon solche Mühe, um
alles zu machen, wie sich's gehört, da
»Schrei doch nicht so, sonst kommt noch jemand und hört's.«
Pawel sprang auf.
»Sollen sie's doch hören. Ich geh sowieso weg von hier. Selbst Schneeschip­
pen an der Bahnlinie ist noch besser, als hier zu arbeiten … hier geht man
zugrunde, hier sind alle durch die Bank Gauner. Wieviel Geld die haben! Und
uns behandeln sie wie die Tiere. Mit de
n Mädchen machen sie, was sie wollen.
Gibt ein anständiges Mädchen nicht nach, so wird sie eins-zwei-drei rausge­
schmissen. Und wo soll sie hin? Obdachlose, Flüchtlinge, Hungernde werden
angestellt. Die bleiben schon wegen des Brotes. Hier haben sie doch
wenigstens was zu essen, und vor Hunger gehen sie auf alles ein!« [23]
Er sprach mit einer derartigen Erbitte
rung, daß Klimka aus Angst, jemand
könnte ihr Gespräch mit anhören, plötzlich aufsprang und die zur Küche füh­
rende Tür verschloß, aber Pawel machte
seinem Herzen noch weiter Luft.
»Ja, du, Klimka, du hältst immer den Mund, wenn man dich prügelt. Warum
eigentlich?«
Pawel ließ sich auf einen Schemel falle
n und stützte müde den Kopf in die
Hand. Klimka schob Holz in den Ofen und setzte sich dann zu ihm.
»Wollen wir heute nicht le
sen?« fragte er Pawel.
»Ich habe kein Buch«, antwortete dies
er, »der Bücherstand ist geschlossen.«
»Wieso verkauft er denn heute nicht?« fragte Klimka verwundert.
»Die Gendarmen haben den Verkäufer geholt. Haben wohl irgend etwas bei
»Was denn?«
Klimka schaute Pawel verständnislos an.
Pawka zuckte die Achseln.
»Weiß der Teufel! Man sagt, wenn jemand gegen den Zaren ist, dann heißt
das Politik.«
Klimka fuhr erschrocken zusammen.
»Gibt's denn solche Leute?«
Die Tür ging auf, und die verschlafene Glascha trat ein.
»Warum schlaft ihr nicht, Jungs? Auf eine Stunde könnt ihr noch einnicken,
bis die Züge ankommen. Geh, Pawka, ich werde auf den Kessel achtgeben.«
Pawel sollte seine Stelle schneller verla
ssen, als er es geahnt hatte, und auf
An einem frostigen Januartag hatte Pa
wel seine Schicht beendet und machte
sich zum Heimgehen fertig; doch der Bursche, der ihn ablösen sollte, war nicht
erschienen. Pawel ging zur Wirtin und erklärte ihr, er werde nach Hause
gehen, aber sie ließ ihn nicht weg. Der todmüde Junge mußte nun weitere
vierundzwanzig Stunden schuften, un
d als die Nacht kam, war er völlig
erschöpft. In der Pause hatte er die Wa
sserkessel zu füllen, um bis zum Drei­
uhrzug kochendes Wasser zu haben. [24]
Pawel drehte den Hahn auf – aber es
kam kein Wasser. Das Pumpwerk ver­
sagte offenbar. Er ließ den Hahn offen,
streckte sich auf dem Holzstapel aus
und schlief ein; die Müdigkeit hatte ihn übermannt.
Nach einigen Minuten schon gluckste und rauschte es im Hahn. Wasser
strömte in den Kessel, füllte ihn bis an den Rand und floß über die Kacheln auf
den Fußboden des Spülraums, in dem, wie gewöhnlich, niemand mehr war.
Das Wasser rann und sickerte unter der Tür hindurch in den Wartesaal.
Wasserbäche rieselten unter das Gepäck
und die Koffer der schlafenden Rei­
senden. Niemand merkte es, und erst
als das Wasser einen auf dem Boden lie­
genden Fahrgast erreichte und dieser
aufsprang und zu schreien begann,
stürzte alles zum Gepäck.
Es entstand ein heillo
ses Durcheinander.
Das Wasser aber stieg und stieg.
Prochoschka, der einen Tisch im zweiten Saal abräumte, kam auf das Geschrei
der Reisenden herbeigestürzt, sprang über die Pfützen zur Tür und riß sie
gewaltsam auf. Das Wasser flutete nun in Strömen in den Saal.
Das Geschrei wurde lauter. Die diensttue
nden Kellner eilten in den Spülraum.
Prochoschka warf sich auf den schlafenden Pawel.
Ein Schlag nach dem andern hagelte auf den Kopf des vor Schmerz völlig
benommenen Jungen nieder. In seiner Schlaftrunkenheit verstand er gar nicht,
was los war. Grelle Blitze flackerten vo
r seinen Augen. Ein brennender Schmerz
durchfuhr seinen ganzen Körper.
Am Morgen befragte ihn Artjom mit finsterer, zorniger Miene über das Vorge­
fallene.
»Wer hat dich geschlagen?« fragte
Artjom mit gepreßter Stimme.
»Prochoschka.«
»Schön, kannst liegenbleiben.«
Artjom zog seinen Schafpelz an und verließ das Haus, ohne ein Wort zu
sagen.
»Kann ich den Kellner Prochor sprechen?« erkundigte sich ein unbekannter
Arbeiter bei Glascha.
»Er wird gleich hier sein, warten Sie
einen Augenblick«, erwi
sige Gestalt lehnte sich an den Türrahmen. [25]
»Schön, ich werde warten.«
Das Tablett voller Geschirr in den Händ
en, stieß Prochor mit dem Fuß die Tür
auf und trat ein.
»Das ist er«, sagte Glascha und wies auf Prochor.
Artjom schritt auf ihn zu, ließ seine Ha
nd wuchtig auf die Schulter des Kell­
ners fallen und fragte ihn unverblümt:
»Warum hast du meinen Bruder Pawka verprügelt?«
Prochor versuchte seine Schulter frei
zu machen, aber ein furchtbarer [26]
Faustschlag warf ihn zu Boden. Er wollte aufstehen, aber ein zweiter, schreck­
licher als der erste, nagelte ihn förmlich am Fußboden fest.
Die erschrockenen Frauen sprangen zur Seite.
Artjom drehte sich um und ging von dannen.
Mit blutig geschlagenem Gesicht wälzte sich Prochoschka auf dem Fußboden.
Abends kehrte Artjom nicht aus dem Depot zurück.
Die Mutter brachte in Erfahrung, daß ma
n ihn in der Gendarmerie festhielt.
Am Abend des sechsten Tages kam Artjom nach Hause. Die Mutter schlief
bereits. Er trat zu dem auf dem Bett si
tzenden Pawel und fragte ihn freundlich:
»Na, es gibt Schlimmeres.« Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Macht
nichts, fängst jetzt im Elektrizitätswerk an. Ich habe dort schon von dir
gesprochen. Dort wirst du wenigs
tens was Vernünftiges lernen.«
Pawel drückte mit beiden Händen heftig
die riesige Hand des Bruders. [27]
ZWEITES KAPITEL
Wie ein Sturmwind brauste durch das Städtchen die erschütternde Nachricht:
»Der Zar ist gestürzt!«
Niemand wollte es glauben.
Einem im Schneegestöber langsam herankeuchenden Zug entstiegen zwei
Studenten, die Gewehre über den Mänteln, und eine Abteilung revolutionärer
Soldaten mit roten Armbinden. Sie verhafteten die Bahnhofsgendarmen, einen
Städtchen. Tausende von Menschen wälzten sich durch die verschneiten
Straßen zum Marktplatz.
Gierig lauschten sie den neuen Worten:
»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.«
Die unruhigen Tage voller Lärm, Aufreg
ung und Begeisterung vergingen. Im
Städtchen trat wieder Ruhe ein, und nur die rote Fahne auf dem Gebäude der
Stadtverwaltung, in dem sich die Menschewiki und Sozialrevolutionäre festge­
Gegen Ende des Winters wurde ein Gardekavallerieregiment in dem Städt­
chen einquartiert. Allmorgendlich ritt die Truppe schwadronweise zum Bahn­
hof, um die von der Südfront geflüchteten Deserteure abzufangen.
Die Gardekavalleristen waren alle groß
e, baumstarke Kerle mit satten Gesich­
tern. Die Offiziere, zumeist Grafen un
So verging das Jahr neunzehnhundertsiebzehn. [28]
Für Pawel, Klimka und Serjosha Brusshak
hatte sich nichts
ren waren die gleichen geblieben. Erst im regnerischen Monat November
schien irgend etwas Ungewöhnliches vor sich zu gehen. Neue Leute tauchten
auf dem Bahnhof auf, zumeist Soldaten aus den Schützengräben; sie trugen
den seltsamen Namen »Bolschewiki«.
Woher dieser hart und gewichtig klingende Name kam, konnte niemand mit
Bestimmtheit sagen.
Den Gardekavalleristen fiel es immer
schwerer, den Strom der Deserteure zu
stoppen. Immer häufiger zersplitterten die Scheiben der Bahnhofsfenster bei
den Schießereien. Viele Gruppen rückte
Die Gardekavalleristen riegelten den Bahnhof ab. Sie glaubten auf diese Weise
die Deserteure aufhalten zu können, aber das Maschinengewehrgeknatter
belehrte sie bald eines anderen. Es waren mit dem Tod vertraute Menschen, die
aus den Eisenbahnwagen herausstürzten.
Die grauen Frontsoldaten jagten die Kava
lleristen in die Stadt hinein, vertrie­
ben sie und kehrten zum Bahnhof zurück; und wieder passierten Truppen­
transporte das Städtchen.
An einem Frühlingstag des Jahres neunzehnhundertachtzehn verließen die
drei Freunde Serjosha Brusshaks Wohnung
, in der sie Sechsundsechzig gespielt
hatten. Unterwegs machten sie beim Gärtchen der Kortschagins halt und leg­
ten sich dort ins Gras. Sie langweilten si
ch redlich, hatten zu keiner ihrer übli­
chen Beschäftigungen Lust und dachten darüber nach, wie sie den Tag am
besten verbringen könnten. Plötzlich hört
en sie hinter sich Pferdegetrappel.
Ein Reiter kam angesprengt. Mit einem
winkte den im Gras Liegenden mit der Peitsche.
»Heda, Jungs, kommt mal her!«
Die drei sprangen auf und rannten zum
Zaun. Der Reiter war völlig in Staub
gehüllt; die in den Nacken geschobene Mütze, die graue Hose und die Feld­
bluse waren mit einer dicken Schicht grauen Straßenstaubs bedeckt. Am Kop­
pel baumelten ein Revolver und zwei deutsche Handgranaten.
»Bringt mir Wasser zum Trinken, Jungs!« bat er, und während Pawel ins Haus
lief, um Wasser zu holen, wandte sich der Reiter Serjosha zu, [29] der ihn un­
verwandt anstarrte:
»Sag mal, Junge, wer ist jetzt bei euch in der Stadt an der Macht?«
Hastig teilte Serjosha dem Fr
emden alle Neuigkeiten mit.
»Seit zwei Wochen ist bei uns niemand an der Macht. Hier herrscht der
Selbstschutz. Alle Einwohner halten nach
ts der Reihe nach Wache. – Aber was
sind Sie denn für einer?« fragte er nun seinerseits.
»Merk dir, wer zuviel weiß, wird bald
alt«, erwiderte der Reiter mit einem
Lächeln.
Pawel kam mit einem Krug Wasser aus dem Haus gelaufen.
Gierig trank der Reiter das Wasser in
einem Zug bis auf den letzten Tropfen
aus, gab Pawel den Krug zurück, zog di
e Zügel an und sprengte im Galopp zu
dem nahen Tannenwäldchen.
»Wer war das?« wandte sich Pawel verständnislos an Klimka.
»Woher soll ich denn das wissen?« er
achselzuckend.
»Wahrscheinlich wird wieder eine andere Macht kommen. Deshalb haben
sich auch gestern Leszczynskis verdufte
t, und wenn die Reichen ausrücken, so
bedeutet das: die Partisanen kommen«, entschied Serjosha mit Bestimmtheit
diese höchst politische Frage.
Seine Schlußfolgerungen waren so ei
nleuchtend, daß Pawel und Klimka
Noch hatten sich die drei Jungen über das eben Geschehene nicht richtig
aussprechen können, als auf der Chaussee abermals Pferdegetrappel zu hören
war. Alle drei rannten zum Gartenzaun.
Vom Wald her, von dort, wo kaum sichtbar das Försterhaus lag, kamen Men­
schen und Fuhrwerke, und bereits ganz nahe sprengten auf der Chaussee unge­
fähr fünfzehn Berittene heran, die Gewehre quer über dem Sattel. Zwei ritten
voran: der eine ein älterer Mann in feldgrauem Rock mit Offizierskoppel und
einem Feldstecher auf der Brust; neben ihm der Reiter, mit dem die Jungen
soeben gesprochen hatten. Am Rock
des Älteren leuchtete ein rotes Band.
»Was hab ich gesagt!« rief Serjosha und puffte Pawel mit dem Ellbogen in die
Seite.
»Siehst du, ein rotes Band. Partisanen!
Ich will mich totschlagen lassen, wenn
das nicht Partisanen sind …« Er jauchzte vor Freude auf und schwang sich
über den Zaun auf die Straße.
Die beiden Freunde folgten seinem Beispi
Die Männer ritten dicht heran. Der Reiter, mit dem die Jungen [30] schon
bekannt geworden waren, nickte ihnen zu und wies mit der Peitsche auf das
Haus der Leszczynskis.
»Wer wohnt dort?«
Pawel, bemüht, mit dem Pferd des Re
iters Schritt zu halten, erzählte:
»Das ist das Haus vom Rechtsanwalt Leszczynski. Gestern ist er ausgerückt.
Hat wahrscheinlich Angst vor euch gekriegt …«
»Woher weißt du denn, wer wir sind?« erkundigte sich der andere Reiter
lächelnd.
Pawka zeigte auf das rote Band und erwiderte:
»Und was ist das da? Man sieht's doch gleich …« [31]
Die Einwohner strömten auf die Straße und bestaunten neugierig die in die
Stadt einrückende Abteilung. Unsere dr
ei Freunde stande
n an der Chaussee
und wandten kein Auge von den vorüberziehenden müden, staubbedeckten
Rotgardisten. Als das einzige Geschütz der Abteilung und die Karren mit den
Maschinengewehren über das Pflaster geholpert waren, gingen die Jungen den
Partisanen nach und kehrten erst nach Hause zurück, als die Truppe im Zent­
rum der Stadt haltgemacht hatte und in den Wohnungen Quartier bezog.
In dem geräumigen Eßzimmer des Leszcz
ynskischen Hauses, in dem sich der
Stab einquartiert hatte, saßen am Abend vier Männer an einem großen Tisch
mit gedrechselten Beinen; es waren der Abteilungs- [32] kommandeur, Genosse
Bulgakow, ein älterer Mann mit graumeliertem Haar, und drei Stabsmitglieder.
Bulgakow hatte die Karte des Gouver
nements auf dem Tisch ausgebreitet,
fuhr mit dem Finger über sie hinweg, indem er wichtige Linien mit dem Nagel
nachzog, und sprach auf einen Mann mit hervorstehenden Backenknochen
und kräftigen Zähnen ein, der ihm gegenübersaß.
»Du meinst also, Genösse Jermatschenko, daß wir hier den Kampf aufneh­
men sollen. Ich bin jedoch der Ansicht, daß wir morgen früh von hier ab­
rücken müssen. Besser wäre sogar, es no
ch in der Nacht zu tun, aber die Leute
sind müde. Wir haben die Aufgabe, schnellstens Kasatin zu erreichen, damit
die Deutschen uns nicht zuvorkommen. Mit unseren Kräften Widerstand zu
leisten wäre ja lächerlich … Ein einzig
daß wir, außer mit den Deutschen, unterwegs noch mit den verschiedenen
konterrevolutionären Banden zu tun
haben werden. Meine Meinung ist die:
Morgen früh ziehen wir los und sprengen beim Abmarsch die Eisenbahn­
brücke hinter der Station. Bis die Deuts
Strushkow, der Bulgakow schräg gegenübersaß, bewegte die Lippen, schaute
auf die Karte, dann auf Bulgakow und preßte schließlich mühsam die Worte
hervor:
»Ich … unter … stütze Bulgakow.«
Der jüngste der Anwesenden, ein Bursche in
einem Arbeitskittel, erklärte sich
ebenfalls einverstanden:
»Bulgakow hat recht.«
Nur Jermatschenko, derjen
ige, der am Tag mit den Jungen gesprochen hatte,
schüttelte den Kopf.
»Wozu, zum Teufel, haben wir denn die Abteilung aufgestellt? Um vor den
Deutschen kampflos zurückzuweichen? Meiner Ansicht nach soll man es hier
mit ihnen aufnehmen. Ich hab es satt, ewig zu türmen. Wenn es nach mir
ginge, würde ich hier kämpfen – unbedingt …« [33]
Heftig rückte er den Stuhl vom Tisch weg, erhob sich und schritt im Zimmer
auf und ab.
»Kämpfen muß man mit Verstand, Jermatschenko. Wir können die Leute
nicht dem sicheren Untergang und der Vernichtung preisgeben. Und außer­
dem wäre es einfach lächerlich, denn eine ganze Division rückt uns nach, mit
schwerer Artillerie und Panzerautos …
Sei doch kein Kind, Genosse Jermat­
schenko …« Und schon an die übrigen gewandt, fügte er hinzu:
»Es ist also beschlossene Sache – morgen früh rücken wir ab … Die nächste
»Ich denke, man sollte den Matrosen Shuchrai dazu bestimmen«, sagte Jer­
matschenko und trat an den Tisch.
»Erstens stammt Shuchrai aus dieser Gegend. Zweitens ist er Schlosser und
Monteur, kann also Arbeit auf der Station bekommen. Drittens ist er von nie­
mandem bei unserer Abteilung gesehen worden – er trifft erst nachts hier ein.
Er hat Grütze im Kopf und wird seine Sache schon machen. Ich denke, das ist
»Richtig, ich bin mit dir einverstanden, Jermatschenko. Habt ihr etwas ein­
zuwenden, Genossen?« wandte er sich an die übrigen.
»Nein? Die Frage ist also erledigt. Wi
r geben Shuchrai Geld und ein Mandat
Strushkow, ein Mann von kräftiger Gestalt, mit einem schon seit langem
unrasierten Gesicht, erhob sich:
»Wo … wo … wozu … verbrennen? Ich d-denke, wir sollten die Waffen unter
die Be … Bevölkerung ver … verteilen.«
Bulgakow wandte sich ihm sofort zu:
»Verteilen, sagst du?«
»Richtig! Das ist eine Idee!« rief Jermatschenko begeistert aus.
»Man muß sie an die Arbeiter und an
die übrige Bevölkerung ausgeben, an
alle, die Waffen wollen. Dann werden sie wenigstens etwas haben, womit sie
den Deutschen auf die Finger klopfen können, wenn die es zu toll treiben.
Und das werden sie bestimmt. Wenn's ni
cht mehr zum Aushalten ist, werden
die Jungen schon zu den Waffen greifen. Strushkow hat recht: Die Waffen
müssen verteilt werden. Es wäre sogar gut, sie hinaus aufs Land zu schaffen.
Die Bauern werden sie ganz tief ei
nbuddeln, und wenn die Deutschen kom­
men, um alles zu requirieren, wird man diese Dinger recht gut brauchen kön­
nen.« Bulgakow lachte auf.
»Ja, aber die Deutschen werden befehlen, alle Waffen abzuliefern, und da
wird man alles angeschleppt bringen.« Jermatschenko protestierte:
»Nicht alle werden das tun, manche ja,
andere nicht.« Bulgakow streifte die
Anwesenden mit einem fragenden Blick.
»Wir müssen die Gewehre verteilen, un
bedingt verteilen«, unterstützte der
junge Arbeiter Jermatschenko und Strushkow.
»Also gut, verteilen wir sie«, willigte Bulgakow ein.
»So, das wäre nun alles«, sagte er und stand auf.
»Wir können uns jetzt bis zum Morgen ausruhen. Wenn Shuchrai kommt,
schickt ihn zu mir. Ich will mit ihm sprechen. Und du, Jermatschenko, geh
und kontrolliere die Posten.« Nachdem di
e drei ihn verlassen hatten, ging Bul­
gakow in das Schlafzimmer der Hauseigen
Am nächsten Morgen ging Pawel vom Elektrizitätswerk nach Hause. Seit
Im Städtchen herrschte ein ungewöhnliches Treiben. Das fiel ihm sofort auf.
Man sah immer mehr Leute, die ein, zw
ei, sogar drei Gewehre trugen. Pawel
eilte heim, ohne zu verstehen, was da vor sich ging. Vor der Leszczynskischen
Villa sattelten seine neuen Freunde die Pferde.
Er rannte heim, wusch sich hastig und erfuhr von der Mutter, daß [35] Art­
jom noch nicht nach Hause gekommen war. Darauf lief Pawka zu Serjosha
Brusshak, der am anderen Ende der Stadt wohnte.
Serjosha war der Sohn eines Lokomotivf
ührergehilfen. Sein Vater hatte ein
Häuschen und eine kleine Wirtschaft.
Serjosha war nicht zu Hause. Seine Mutter, eine rundliche Frau mit sehr
weißer Haut, schaute Pawel mit unzufriedener Miene an.
»Der Teufel mag wissen, wo der steckt!
Sprang in aller He
rrgottsfrühe aus den
Federn und treibt sich weiß Gott wo herum. Man sagt, daß irgendwo Waffen
er sicher auch nicht [36] fehlen. Die Hosen stramm­
ziehen sollte man euch Rotznasen. Seid schon ganz außer Rand und Band
geraten. Seine liebe Müh und Not hat man mit euch. Noch nicht trocken hin­
ter den Ohren, und schon Waffen in den Händen. Sag dem Bengel, daß ich
ihm den Kopf abreißen werde, wenn er mir nur eine einzige Patrone ins Haus
bringt. Jeden Dreck schleppt er heran, und dann soll man auch noch die Ver­
antwortung dafür tragen. Und du, du rennst wohl auch dahin?«
Aber Pawel hörte nicht mehr auf das
Geschimpfe von Serjoshas Mutter, son­
dern war schon wieder auf und davon.
Auf der Chaussee kam ihm ein Mann entg
egen, der über jeder Schulter ein
Pawel stürzte auf ihn zu.
»Onkelchen, woher hast du die?«
»Dort oben in der Werchowina werden sie verteilt.«
So schnell ihn nur seine Beine trugen, rannte Pawel in die genannte Rich­
Nachdem er zwei Straßen durchquert hatte, stieß er auf einen Jungen, der ein
schweres Infanteriegewehr mit Bajonett schleppte.
»Woher hast du das?« Pawel hielt den Jungen an.
»Gegenüber der Schule geben die Soldat
en Waffen aus, aber jetzt ist schon
alles verteilt. Die ganze Nacht ging es. Bl
oß leere Kisten sind geblieben. Das ist
schon das zweite, das ich erwischt habe«, schloß der Junge stolz.
Diese Nachricht war ein schw
erer Schlag für Pawel.
Ach, zum Teufel, wäre ich doch gleich hingerannt und nicht erst nach Hause
gegangen, dachte er verzweifelt. Wie konnte ich das nur verpassen?
»Du hast schon eins – das reicht für dich. Und das hier nehme ich!« erklärte
Pawka in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.
Außer sich über diesen Raub am hellic
hten Tag, warf sich der Junge auf
Pawka. Dieser sprang jedoch einen Schritt zurück und hielt ihm das Bajonett
entgegen:
»Weg, oder du wirst aufgespießt!« schrie er.
Der Junge heulte vor Ärger los und lief schimpfend in ohnmächtiger Wut
davon. Pawka aber ging befriedigt nach
Schön sind die Sommerabende in solchen ukrainischen Städtchen wie Sche­
petowka, die bis auf einige wenige Straßen im Stadtinnern ganz ländlich
anmuten.
An diesen stillen Sommerabenden ist di
e gesamte Jugend auf der Straße. Die
Mädchen und Burschen versammeln sich
vor ihren Haustüren, in den Gärten
und Vorgärten, oder sie sitzen gruppen-
Ringsum Lachen und Gesang.
Die Luft ist erfüllt von berauschendem Blumenduft. Hoch am Himmel flim­
mern die Sterne, kleinen Leuchtkäfern gleich, und der Klang der Stimme ist
weithin vernehmbar …
Pawkas große Leidenschaft ist seine Ziehharmonika. Liebevoll hält er das
klangvolle Instrument mit den zwei Tastenreihen auf den Knien. Die
geschmeidigen Finger berühren kaum die Tasten, behend gleiten sie von oben
nach unten. Tief seufzen die Bässe auf,
und plötzlich erklingt hellstimmig und
übermütig ein Lied …
Der Balg der Ziehharmonika krümmt und dehnt sich – wer will da nicht tan­
zen? Das junge Volk hält es kaum auf den Plätzen, die Beine bewegen sich von
Heute abend geht es besonders fröhlich
zu. Es ist ein lustiges Völkchen, das
sich bei den aufgestapelten Balken vor Pawels Haus zusammengefunden hat.
Und am lautesten tönt das herzliche Lachen von Galotschka, der Nachbarin.
Die Tochter des Steinmetzen liebt Tanz und Gesang sehr. Sie hat eine tiefe
Altstimme, weich wie Samt.
Pawel fürchtet sich ein wenig vor der Zunge Galotschkas. Sie setzt sich neben
ihn auf die Balken, drückt ihn fest an sich und lacht.
»Ach, du mein unübertrefflicher Musikant! Schade, bist noch ein bißchen zu
jung, sonst wärst du gerade der passende Mann für mich. Ich liebe die Harmo­
nikaspieler, das Herz schmilzt mir jedesmal, wenn ich sie höre.«
Pawel errötete bis an die Haarwurzeln – nur gut, daß man das am Abend
nicht sehen kann. Er rückt ab von Galotschka, sie aber hält ihn fest und läßt
ihn nicht weg.
»Wohin willst du denn, mein Lieber? Bist
ein schöner Freier«, neckt sie ihn.
Pawka fühlt ihre prallen Brüste an sein
er Schulter. Eine unerklär- [38] liche
Unruhe erfüllt sein Herz. Und ringsu
m erschüttert Gelächter die sonst so
ruhige Straße.
Pawka stemmt seine Hand gegen
Galotschkas Schulter und sagt:
»Stör mich nicht. Rück ein wenig beiseite.«
Und wieder lautes Lachen, Necken und Scherze.
Marussja mischt sich ein:
Langsam dehnt sich die Harmonika, langsam gleiten die Finger; eine allen
bekannte, von allen geliebte Melodie. Galo
tschka greift sie als erste auf, nach
In der heimischen Hütte,
da versammeln sich die Treidler.
Lieb und schön ist's hier.
Von unserem traurig Los
woll'n ein Lied wir singen.
»Pawka!« Das ist Artjoms Stimme.
Pawel packt die Ziehharmonika zusammen.
»Ich muß jetzt gehen. Artjom ruft mich.«
»Bleib noch ein Weilchen, spiel noch eins. Kommst noch früh genug nach
Haus.«
Aber Pawel hat es eilig.
»Nein, morgen ist auch noch ein Tag. Da können wir wieder spielen. Jetzt
muß ich gehen.« Und schon eilt er über die Straße und ist im Haus ver­
schwunden.
»Du hast mich gerufen?« fragt Pawel.
Artjom nickt und sagt dann zu dem Unbekannten:
»Das ist er also, mein Brüderchen.«
Der Fremde streckt Pawel sein
e schwielige Hand entgegen.
»Du hast mir doch gesagt, daß bei euch
im Elektrizitätswerk der Monteur
krank geworden ist. Erkundige dich morgen, ob sie nicht einen einstellen
wollen, der was von der Sache versteht. Wenn sie jemanden brauchen, gib mir
sofort Bescheid.« [39]
Der Unbekannte mischt sich ins Gespräch.
»Nein, ich geh lieber mit ihm zusamme
n hin. Will selbst mit dem Chef
»Natürlich brauchen wir einen. Das Werk stand doch heute still, weil Stan­
kowitsch krank geworden ist. Unser Chef ist zweimal gegangen, um Ersatz zu
finden, aber vergebens. Er wollte nicht
riskieren, das Werk mit nur einem Hei­
»Na also, dann ist die Sache schon so gut wie gemacht«, sagte der Unbe­
kannte.
»Ich hole dich morgen früh ab und gehe mit dir zusammen hin«, wendet er
sich an Pawel.
»Schön.«
Pawels Blick begegnet den ruhigen grauen Augen des Unbekannten, die ihn
aufmerksam mustern. Der feste, unverw
andte Blick verwirrt Pawel ein wenig.
Die von oben bis unten zugeknöpfte grau
»Einstweilen alles Gute, Sh
uchrai. Morgen gehst du mit meinem Bruder hin
und regelst die Sache.«
Die Deutschen marschierten drei Tage
nach dem Abzug der Rotgardisten in
die Stadt ein. Das Pfeifen der Lokomotive auf dem in den letzten Tagen ver­
waisten Bahnhof verkündete ihre Ankunft. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich
die Nachricht im Städtchen:
»Die Deutschen sind da!«
Und obwohl alle längst wußten, daß die Deutschen kommen würden, glich
die Stadt in diesem Augenblick eine
m aufgescheuchten Ameisenhaufen. Man
hatte doch nicht so recht daran glauben wollen. Und jetzt waren sie plötzlich
da, diese schrecklichen Deutschen. Sie waren nicht mehr irgendwo im
Anmarsch, sondern schon mitten in der Stadt.
Die Einwohner standen alle hinter ihren Gartenzäunen oder an den Pforten.
Auf die Straße trauten sie sich nicht hinaus.
Die Deutschen, in ihren dunkelgrünen Uniformen, marschierten mit gefäll­
Den Gruppen voran marschierten zwei O
ffiziere, Mauserpistolen in den Hän­
den. In der Mitte der Chaussee schritt
ein Hetmanfeldwebel in blauem ukraini­
schem Überrock und mit Tscherkesse
Die Deutschen nahmen auf dem Platz im Zentrum der Stadt in einem Viereck
Aufstellung. Die Trommel wurde geschlagen
Ich befehle:
Alle Bürger der Stadt haben binnen 24 Stunden die in ihrem Besitz befind­
lichen Schuß- und Hiebwaffen abzuliefern. Nichteinhaltung dieses Befehls
wird mit dem Tode durch Erschießen bestraft.
Über die Stadt wird der Belagerungszus
tand verhängt. Nach acht Uhr abends
ist das Verlassen der Wohnung verboten.
DER STADTKOMMANDANT
MAJOR KORFF
In dem Gebäude der früheren Stadtverwaltung, wo nach der Revolution der
Rat der Arbeiterdeputierten seinen Sitz
Durch die angedrohte Erschießung ersc
hreckt, schleppte die Bevölkerung den
ganzen Tag Waffen herbei. Erwachsene ließen sich nicht blicken. Kinder und
Halbwüchsige lieferten die Waffen ab.
Die Deutschen nahmen niemanden fest.
Wer die Waffen nicht bis zur Sammelstelle
tragen wollte, warf sie einfach in
der Nacht auf die Straße. Am Morgen
sammelte eine deutsche Patrouille die
Waffen auf, packte sie auf einen Wagen und schaffte sie zur Kommandantur.
Um ein Uhr mittags, nach Ablauf der Ablieferungsfrist, zählten die deutschen
Soldaten ihre Trophäen. Es waren insgesamt vierzehntausend [41] Gewehre
abgeliefert worden, sechstausend Gewehre blieben somit in den Händen der
Bevölkerung. Die daraufhin vorgenommenen allgemeinen Haussuchungen
hatten nur ganz magere Ergebnisse.
Im Morgengrauen des darauffolgenden Tages wurden hinter der Stadt beim
alten jüdischen Friedhof zwei Eisenbahnarbeiter erschossen, bei denen wäh­
e gefunden worden waren.
Sofort nach Bekanntgabe des Befehls war Artjom nach Hause gerannt. Im Hof
Pawel wollte erst die Sache mit dem Ge
wehr verschweigen, doch widerstrebte
es ihm, den Bruder zu belügen, und so erzählte er ihm alles.
Sie gingen miteinander zum Schuppen. Artjom holte das Gewehr hinter dem
Dachbalken hervor, entfernte den Verschluß und das Bajonett, packte dann
das Gewehr am Lauf und schlug es mi
t aller Kraft gegen einen Zaunpfosten.
Der Kolben brach in Stücke. Die Reste
des Gewehrs warf Artjom auf einen un­
Als er mit allem fertig war, wandte sich Artjom an seinen Bruder und sagte:
»Du bist kein Kind mehr, Pawka, du
verstehst, daß Waffen kein Spielzeug
sind. Ich warne dich ganz ernstlich: Schlepp nichts mehr ins Haus. Du weißt
Pawel gab dem Bruder das Versprechen, nichts mehr nach Hause zu bringen.
Als die beiden über den Hof gingen, hi
elt gerade eine Kutsche vor dem Tor
des Leszczynskischen Hauses an. Ihr entstieg der Rechtsanwalt mit seiner Frau
und den Kindern – Nelly und Viktor.
»Nun wird es heiter hergehen, hol alles der Teufel!« Und er ging ins Haus.
Pawel trauerte den ganzen Tag seinem
Gewehr nach. Zur selben Zeit mühte
sich sein Freund Serjosha im Schweiße
seines Angesichts ab, mit dem Spaten
in einem alten verlassenen Schuppen an der Wand eine [42] Grube auszuhe­
ben. Endlich war sie tief genug, und Serjosha legte drei nagelneue, in Lappen
eingewickelte Gewehre hinein, die er bei
Unmerklich schloß sich Pawel immer
enger dem rauhen Monteur an, der
bereits seit einem Monat im
Shuchrai erklärte seinem Hilfsheizer die Konstruktion eines Dynamos und
lernte ihn an.
Der aufgeweckte Junge gefiel dem Matrosen. An seinen freien Tagen kam
Shuchrai oft zu Artjom. Geduldig und verständnisvoll hörte sich der ernste
Matrose alle Erzählungen über das Leben und Treiben im Städtchen an;
besonderes Interesse zeigte er, wenn di
e Mutter über Pawkas Streiche klagte.
Shuchrai verstand es, auf Maria Jakowlewna so beruhigend einzuwirken, daß
sie all ihr Mißgeschick vergaß und zuversichtlich gestimmt wurde.
Eines Tages hielt Shuchrai im Hof de
s Elektrizitätswerks zwischen den dort
»Deine Mutter hat mir erzählt, daß du dich gern raufst. ›Er ist ein richtiger
Kampfhahn‹, hat sie gesagt.« Der Monteur lachte gutmütig. »Kämpfen ist gar
nicht so schlecht. Nur muß man wissen, wen man prügelt und wofür.«
Pawel, der nicht wußte, ob Shuchrai das ernst meinte oder sich nur über ihn
»Ich raufe mich nicht so ins Blaue hinein, sondern nur, wenn es um etwas
Gerechtes geht.«
Plötzlich schlug ihm Shuchrai vor:
»Willst du? – Ich bring dir bei, wie man sich richtig schlägt.«
Pawel blickte ihn erstaunt an.
»Was heißt das: richtig?«
»Das wirst du gleich sehen.« [43]
Und Pawka erhielt seine erste kurze Lektion im Boxen.
Diese Kunst fiel Pawel anfangs nicht le
icht, aber er gab sich große Mühe.
Mehr als einmal warf ihn Shuchrais Faustschlag kopfüber zu Boden, aber der
fleißige Schüler hielt durch.
An einem heißen Sommertag kam Pawe
l nach einem Besuch bei Klimka
heim, schlenderte im Zimmer umher, wußte aber nichts anzufangen. Da
entschloß er sich, seinen Lieblingsplatz auf dem Dach des Wächterhäuschens
aufzusuchen, das hinter dem Haus in einem Winkel des Gartens stand. Er ging
Die eine Seite des Wächterhäuschens
war dem Leszczynskischen Garten
zugewandt; kroch man bis zum Dachrand, so waren der ganze Garten und eine
Seite des Hauses zu überschauen. Pawe
l beugte neugierig den Kopf über den
Dachvorsprung und erblickte einen Teil de
s Hofes, wo die Kutsche stand. Er
konnte sehen, wie der Bursche des deutschen Leutnants, der in der Lesz­
czynskischen Wohnung einquartiert war, die Uniform seines Herrn aus­
Der Deutsche saß am Tisch und schrieb etwas, dann nahm er das Geschrie­
bene und verließ das Zimmer. Er überga
b den Brief seinem Burschen und ging
danach durch den Garten. Vor der Gartenlaube blieb der Leutnant stehen und
schien sich mit jemandem zu unterhalten. Aus der Laube kam Nelly Lesz­
czynska. Er schob seinen Arm unter de
n ihren, und beide traten durch die
Gartentür auf die Straße hinaus.
Im nächsten Augenblick sah ihn Pawe
l bereits im Pferdestall. [44]
Durch das offene Fenster konnte Pawel das ganze Zimmer überblicken. Auf
Pawel stockte der Atem. Einig
e Sekunden tobte in seinem Innern ein schwerer
Kampf. Aber schließlich siegte sein tollkühnes Verlangen. Er beugte sich ins
Zimmer hinein, griff nach der Tasche und zog die funkelnagelneue Waffe her­
aus. Er sprang wieder in den Garten, schaute sich nach allen Seiten um und
steckte die Pistole vorsichtig in sein
e Tasche. Geschwind ging's dann durch
den Garten zum Kirschbaum zurück. Pa
wel erklomm behend wie ein Affe das
Dach, dann blickte er hinunter. Der Offiziersbursche unterhielt sich friedlich
Er ergriff unauffällig einen Lappen, steckte ihn in die Hosentasche und ver­
Bei der alten Ziegelei herrschte tiefe
Stille. Das hier und dort eingebrochene
Holzdach, Berge zerbrochener Ziegelstei
ne und die verfallenen Öfen machten
einen beängstigenden Eindruck. Alles wa
r von Steppengras überwuchert. Hier
hatten sich manchmal die drei Freunde zu ihren Spielen zusammengefunden.
Pawel kannte viele verborgene Plätze, an denen man einen gestohlenen Schatz
verstecken konnte.
Ehe er in einen zerfallenen Ofen hineinkroch, spähte er vorsichtig nach allen
Seiten aus, aber auf der Straße war kein Mensch zu sehen. Leise rauschten die
Föhren. Ein leichter Wind wirbelte feinen
Staub auf. Kräftiger Harzduft erfüllte
die Luft.
Ganz unten auf dem Boden des Ofens legte Pawka die in einen Lappen
gehüllte Pistole in eine Ecke und überde
ckte sie mit einer Pyramide aus Ziegel­
steinen. Nachdem er aus dem Ofen hervor
gekro- [45] chen war, stopfte er das
Loch, durch das er sich hineingezwängt hatte, mit Ziegeln zu, merkte sich die
Lage der Steine und schritt dann langsam davon.
Die Knie zitterten ihm immer noch ein wenig.
Wie wird das enden, dachte er bei si
ch, und sein Herz krampfte sich vor
Unruhe zusammen. Lange vor Arbeitsbeginn ging er ins Elektrizitätswerk, um
nur nicht zu Hause sein zu müssen. Er holte sich beim Wächter den Schlüssel
und schloß die breite Tür auf, die in den Kesselraum führte. Während er ein
Zugloch reinigte, Wasser in den Kessel
pumpte und anheizte, dachte er: Was
Es war schon spätabends, gegen elf Uhr, als Shuchrai an Pawel herantrat, ihn
auf den Hof hinausrief und flüsternd fragte:
»Warum ist bei euch heute
Haussuchung gewesen?«
Pawel zuckte erschrocken zusammen.
»Was – Haussuchung?«
Shuchrai schwieg, dann fügte er hinzu:
»Ja, die Sache ist faul. Weißt du nicht, was sie gesucht haben?«
Pawel wußte es nur allzugut. Er konnte sich jedoch nicht entschließen,
Shuchrai von der gestohlenen Pistole zu erzählen. Vor Aufregung bebend,
fragte er:
Bei diesen Worten wurde es Pawel ein
wenig leichter, aber seine Unruhe ließ
nicht nach. Einige Minuten lang hing jeder seinen eigenen Gedanken nach.
Der eine, dem die Ursache der Haussuchung bekannt war, machte sich Sorgen
über den Ausgang der Affäre; der andere kannte die Ursache nicht, war jedoch
nicht weniger beunruhigt.
Weiß der Teufel, vielleicht sind sie doch dahintergekommen? Artjom weiß
doch nichts von mir, warum haben sie Haussuchung bei ihm gemacht? Man
muß noch vorsichtiger sein, überlegte Shuchrai.
Schweigend gingen beide an die Arbeit.
In der Villa herrschte tatsächlich große Aufregung.
Sobald der Leutnant die Pistole vermißt hatte, rief er den Burschen. Als es
sich herausstellte, daß die Waffe vers
Der zur Klärung der Angelegenheit herb
eigerufene Rechtsan
falls sehr aufgebracht und entschuldigte
Viktor Leszczynski äußerte seinem Va
ter gegenüber die Vermutung, daß die
Pistole von den Nachbarn, und zwar
wahrscheinlich von dem Rowdy Pawel
Kortschagin, gestohlen worden sei. De
r Vater beeilte sich, dem Leutnant die
Vermutung seines Sohnes mitzuteilen, und dieser gab daraufhin der Wache
den Befehl, sofort eine Haussuchung durchzuführen.
Die Haussuchung verlief ergebnislos.
Der Vorfall mit der abhanden gekom­
menen Pistole bewies Pawel, daß sogar so gewagte Husarenstreiche manchmal
glücklich ablaufen können. [47]
DRITTES KAPITEL
Tonja stand am offenen Fenster. Gelangweilt schweifte ihr Blick über den
wohlbekannten und vertrauten Garten, über die ihn umgebenden hohen,
schlanken Pappeln, die kaum merkbar im Wind bebten, und es schien ihr
unfaßbar, daß sie ein ganzes Jahr lang nicht zu Hause gewesen war. Es kam ihr
vor, als hätte sie all diese seit ihrer Kind
heit vertrauten Orte erst gestern verlas­
sen und sei heute mit dem Morg
enzug wieder heimgekehrt.
Nichts hatte sich hier verändert. Dieselben sorgfältig beschnittenen Reihen
Sie nahm ein Buch, öffnete die Verandatür, ging in den Garten hinunter,
stieß das gestrichene Pförtchen auf un
d schlenderte die Straße entlang.
Sie passierte die kleine Brücke und be
trat die Landstraße. Diese glich einer
Allee; rechts lag, von Palmweiden un
d dichtem Weidengebüsch umgeben, ein
Teich, und links begann der Wald.
Sie hatte schon fast die Teiche beim alten Steinbruch erreicht, als sie unten
am Wasser eine ausgeworfene Angel bemerkte und stehenblieb.
Tonja beugte sich über eine gekrümmte Weide, schob mit der Hand die
Zweige auseinander und erblickte eine
n braungebrannten barfüßigen Jungen
mit bis über die Knie hochgekrempelter Hose. Neben ihm stand eine rostige
Blechbüchse mit Würmern. Der Junge wa
r völlig in seine [48] Beschäftigung
vertieft und bemerkte Tonjas aufmerksamen Blick nicht.
»Kann man denn da Fische fangen?«
Pawel schaute ärgerlich auf.
Ein fremdes Mädchen stand tief über das Wasser gebeugt und hielt sich an
einer Weide fest. Es trug eine weiße Ma
trosenbluse mit blaugestreiftem Kragen
und einen kurzen hellgrauen Rock. Die Söckchen mit dem bunten Rand um­
spannten ein Paar schlanke sonngebräunte
Beine, die Füße steckten in brau­
nen Halbschuhen. Das kastanienbraune Haar war in einem schweren Zopf
zusammengehalten.
Die Hand des Jungen zitterte leicht. Der Schwimmer an der Angel zuckte, und
konzentrische Kreise durchschnitten die
glatte Wasseroberfläche. Ein aufgereg­
tes Stimmchen hinter ihm rief:
»Da beißt einer an, passen Sie auf, der beißt an.«
Pawel kam völlig aus der Fassung und zog
an der Angel. Wassertropfen spritz­
ten empor, und ein am Angelhaken zappelnder Wurm kam zum Vorschein.
Zum Henker noch mal – nun ist's mit der ganzen Angelei vorbei. Warum zum
Teufel ist die nur hergekommen, dachte Pawel wütend. Um seine Ungeschick­
lichkeit zu verbergen, warf er die Angel weit hinaus ins Wasser. Sie fiel
zwischen zwei Wasserrosenblätter, gera
de dorthin, wo man sie nicht hätte
hinwerfen dürfen, da der Angelhaken in den Schlingpflanzen hängenbleiben
konnte.
Er sah das sofort und fuhr, ohne
sich umzudrehen, das Mädchen an:
»Was schreien Sie da herum? Sie ve
rscheuchen mir ja alle Fische!«
Von oben ließ sich eine spöttische
, belustigte Stimme vernehmen.
»Die Fische sind ja bei Ihrem Anblick schon längst davongeschwommen. Wer
angelt denn auch am hellichten Tag?
Sie sind mir ein schöner Angler!«
Das war entschieden zuviel für Pawels
Selbstbeherrschung. Er erhob sich, zog
die Mütze in die Stirn, was er immer machte, wenn er zornig war, und sagte,
bemüht, sich so gewählt wie irgend möglich auszudrücken :
»Sagen Sie, Fräulein, könnten Sie sich wirklich nicht woanders niederlassen?«
Tonja kniff ein ganz klein wenig die Augen zusammen, dann blitzte es in
ihnen vor unterdrücktem Lachen auf.
»Stör ich Sie denn?«
Ihre Stimme klang jetzt schon nicht mehr spöttisch, sondern freund- [48]
schaftlich, versöhnlich, und Pawel, der
im Begriff war, diesem plötzlich aufge­
tauchten wildfremden »Fräulein« einige saftige Grobheiten zu sagen, fühlte
»Na schön, meinetwegen schauen Sie zu, wenn es Ihnen Spaß macht. Platz ist
für uns beide genug da«, meinte er nachgi
Ist er hängengeblieben, läßt er sich nicht losreißen. Und die da wird mich
natürlich wieder auslachen. Wenn sie bloß weggehen wollte, dachte er.
Aber Tonja richtete es sich bequem auf der leicht schwankenden gekrümmten
Weide ein, legte das Buch auf die Kn
ie und beobachtete den sonngebräunten
schwarzäugigen Grobian, der sie so wenig liebenswürdig empfangen hatte und
nun so tat, als wäre sie Luft.
Pawel sah im Wasser das Spiegelbild des
Mädchens. Sie las jetzt, und er zog
sachte an der festsitzenden Angel. Der
Also tatsächlich hängengeblieben, verdammt noch mal, ging es ihm durch
den Kopf. Mit einem Seitenblick bemerk
te er die lachenden Augen des Mäd­
chens im Wasserspiegel.
Über die kleine Brücke beim Pumpwerk
kamen zwei junge Burschen – Ober­
sekundaner des hiesigen Gymnasiums. De
r eine war der Sohn des Depotleiters,
des Ingenieurs Sucharko, ein siebzehnjähriger Lümmel mit Sommersprossen
und fast weißen Wimpern und Augenbrauen, ein Galgenstrick, der in der
Schule »der scheckige Schura« genannt wurde. Er war mit einer guten Angel
Sucharko blinzelte Viktor vielsagend an
und sagte, indem er sich zu ihm hin­
»Das Mädel hat's in sich. In der ganzen Gegend findest du hier keine, die es
mit ihr aufnehmen könnte. Ich sage dir, direkt ein ro-man-ti-sches Wesen. Sie
geht in Kiew zur Schule und verbringt jetzt die Sommerferien zu Hause. Ihr
Vater ist hier am Ort Oberförster. Mein
e Schwester Lisa ist mit ihr gut bekannt.
Ich habe ihr mal ein Briefchen geschickt, weißt du, so eins in gehobenem Stil:
Bin irrsinnig in Sie verliebt, erwarte mit brennender Ungeduld Ihre Antwort
[50]
und so weiter. Hatte sogar ein passendes Gedicht von Nadson aufgega­
»Und was weiter?« erkundigte sich Viktor neugierig.
Sucharko wurde ein wenig verlegen:
»Hm, sie ziert sich, hat große Rosinen im Kopf. ›Ist nur Papierverschwen­
dung‹, sagte sie. Aber das ist am Anfang immer so. Bin in solchen Sachen
bewandert. Weißt du, ich hab keine Lust, so einem Mädel lange den Hof zu
machen und um sie herumzuscharwenzeln. Da geh ich lieber abends in die
Reparaturbaracken. Dort kann man sich für drei Rubel das schönste Weibs­
Viktor runzelte verächtlich die Stirn.
»Mit solchen Schmutzereien gibst du dich ab, Schura?« Schura zog an seiner
»Tu doch nicht so, als wärst du weiß Gott was für ein Unschuldsengel. Wir
wissen doch ganz genau, was du treibst.«
Viktor unterbrach ihn und fragte:
»Also du stellst mich jetzt vor?«
»Natürlich. Gehen wir schneller, damit sie nicht wegläuft. Gestern früh hat
sie selbst geangelt.«
Die Freunde näherten sich Tonja.
Sucharko nahm die Zigarette aus dem Mund und verbeugte sich geckenhaft:
»Guten Tag, Mademoiselle
Tumanowa. Angeln Sie?«
»Nein, ich schaue nur zu«, erwiderte Tonja.
»Kennen Sie sich?« fragte Sucharko rasch und zog Viktor näher heran.
»Mein Freund Viktor Leszczynski.«
Viktor gab Tonja verlegen die Hand.
»Und warum angeln Sie heute nicht?«
fragte Sucharko, bemüht, die Unter­
haltung in Gang zu bringen.
»Ich habe keine Angel mitgen
»Ich bringe gleich eine«,
sagte Sucharko diensteifrig.
»Nehmen Sie vorläufig meine, und ich
hole gleich noch eine andere.«
Er hatte das Versprechen, Viktor mit Tonja bekannt zu machen, gehalten und
wollte nun die beiden allein lassen.
»Nein, wir würden hier stören. Hier wird
bereits geangelt«,
»Wen stören?« fragte Sucharko.
»Ach, den dort?« Erst jetzt bemerkte er Pawel.
»Na, dem werd ich gleich Beine machen.« [51]
»Zieh die Angel raus, und scher dich zum Teufel!« wandte sich Sucharko an
Pawel.
Pawel hob den Kopf und schaute Sucharko mit einem Blick an, der nichts
Gutes verhieß.
»'n bißchen sachte, du! Sonst kannst du was erleben!«
»W-a-as?« brauste Sucharko auf.
»Du wagst noch zu widersprechen, du Lumpensack? Scher dich fort!« Mit die­
»Sucharko, schämen Sie sich nicht?« rief sie empört aus.
Pawel sprang auf. Er wußte, Suchar
ko war der Sohn des Depotleiters, dem
Artjom unterstellt war. Wenn er diesem
Sommersprossigen jetzt
eins in die lose
und Artjom hätte dafür zu büßen. Das
war der einzige Grund, der Pawel davon
abhielt, dem Burschen sofort einen Denkzettel zu erteilen.
Sucharko spürte, daß der andere ihm gl
eich eine kleben
und stieß Pawel mit beiden Händen vor
die Brust. Dieser fuchtelte mit den
Armen, taumelte, erlangte jedoch
schnell wieder das Gleichgewicht.
Sucharko war zwei Jahre älter als Pawel und als Raufbold und Rüpel bekannt.
Nach diesem heftigen Stoß konnte sich Pawel nicht mehr beherrschen.
»Ach so! Na warte mal!« Und er schlug ihm kräftig mit der Faust ins Gesicht.
Ohne ihm dann Zeit zur Besinnung zu lassen, packte er ihn fest an seiner
Gymnasiastenbluse und zog ihn in den Teich.
Sucharko stand bis zu den Knien im Wa
sser, seine gewichsten Schuhe und die
Hose waren durchnäßt, und er versuchte mit aller Kraft, sich aus Pawels Um­
klammerung zu befreien. Pawel sprang jedoch, nachdem er den Gymnasiasten
ins Wasser gestoßen hatte, selbst schnell ans Ufer zurück.
Außer sich vor Wut, stürzte Sucharko hinter Pawel her und hätte ihn am
liebsten in Stücke gerissen. Während si
ch Pawel rasch nach seinem Verfolger
umdrehte, fiel ihm Shuchrais Unterricht
ein: auf das linke Bein gestützt, das
recht angespannt und ein wenig gebeugt. Nicht [52] nur mit der Hand, son­
dern mit dem ganzen Körper zustoßen, von unten nach oben, gegen's Kinn
schlagen.
Jäh schlugen die Zähne aufeinander. Sucharko heulte auf von dem furchtba­
ren Schmerz im Kinn und in der Zunge, in die er sich gebissen hatte, fuchtelte
hilflos mit den Händen herum und plumpste der Länge nach ins Wasser.
Tonja schüttelte sich vor Lachen.
»Bravo, bravo!« rief sie un
d klatschte in die Hände.
»Das ist ja fabelhaft!«
Pawel griff nach seiner Angel, zog si
e mit einem Ruck heraus, so daß die
Schnur abriß, und war mit einem Satz auf der Straße.
Beim Weggehen hörte er noch, wie Viktor zu Tonja sagte:
»Das ist Pawel Kortschagin, der berüch
tigtste Raufbold der ganzen Gegend.«
Auf dem Bahnhof herrschte Aufregung. Ins Städtchen drangen Gerüchte, daß
die Eisenbahner zu streiken begonnen hätten. Auf der benachbarten großen
Eisenbahnstation war es unter den Depotarbeitern zu Unruhen gekommen.
Zwei Lokomotivführer waren unter dem
Verdacht, Flugblätter verteilt zu
haben, von den Deutschen verhaftet worden. Auch der Arbeiter, die vom
Lande stammten, bemächtigte sich große Erregung, hervorgerufen durch die
Requisitionen und durch die Rückkehr
der Gutsbesitzer auf ihre Güter.
Die Peitschen der hetmanschen Soldateska
wiki aufgestellt worden waren.
Shuchrai gönnte sich in diesen Tagen keinen Augenblick Ruhe. Während sei­
nes Aufenthalts im Städtchen hatte er große Arbeit geleistet, viele Eisenbahner
kennengelernt. Er besuchte die Tanzabende, auf denen die Jugend zusammen­
kam, und hatte eine starke, zuverlässige
Gruppe aus Schlossern des Depots und
Holzarbeitern organisiert. Auch bei Artjom fühlte er vor. Auf seine Frage, wie
»Ja, weißt du, Fjodor, ich kenne mich mit diesen Parteien schlecht aus. Aber
wenn es darauf ankommt zu helfen, bin ich immer dabei. Du kannst auf mich
rechnen.« [53]
Fjodor war damit zufrieden – er wußte, daß Artjom hielt, was er einmal gesagt
hatte. Für die Partei ist er noch nicht re
if. Macht nichts, wir leben jetzt in einer
solchen Zeit, daß er bald begreifen wird
, worum es geht, dachte der Matrose.
Der Verkehr auf den Bahnlinien hatte gewaltigen Umfang angenommen. In
Tausenden von Waggons beförderten die Feinde alles nach Deutschland, was
sie in der Ukraine geraubt hatten: Roggen, Weizen, Vieh …
Unverhofft hatte die Hetmanwache den Telegrafisten Ponomarenko verhaf­
Zwei deutsche Soldaten und einer der Hetmanleute, der Gehilfe des Stations­
kommandanten, erschienen im Depot, um Roman zu verhaften. Ohne ein
»Los, komm mit, du Hund! Wir wollen uns mal ein bißchen miteinander
unterhalten«, sagte er und packte den Schlosser mit einem unheimlichen
Grinsen am Ärmel.
»Dir wird das Agitieren schon vergehen!«
Artjom, der am benachbarten Schraubstock
»Was unterstehst du dich zu schlagen, du Schuft!«
Der Offizier wich einige Sc
hritte zurück und griff nach seiner Revolvertasche.
»Halt!« bellte er, bereit, bei der ersten Bewegung zu schießen.
Beide Arbeiter wurden festgenommen. Artjom wurde nach einer Stunde
wieder freigelassen, Roman aber
in den Gepäckkeller gesperrt.
Zehn Minuten später ruhte die Arbeit
im ganzen Depot. Die Depotarbeiter
versammelten sich im Bahnhof. Auch die Weichensteller und Lagerarbeiter
schlossen sich ihnen an.
Alles war in höchster Erregung. [54]
Jemand schrieb einen Aufruf, der die Freilassung Romans und Ponomarenkos
Die Erregung nahm noch zu, als der Hetmanoffizier mit einem Haufen Solda­
ten zum Bahnhof gestürzt kam, mit dem Revolver herumfuchtelte und los­
»Wenn ihr nicht sofort alle an die Arbe
it geht, lasse ich euch auf der Stelle
verhaften und ein paar von euch an die Wand stellen!«
Die Rufe der erbosten Arbeiter zwangen ihn jedoch, sich schleunigst zurück­
zuziehen. Aus der Stadt kamen bereits mi
Die Arbeiter zerstreuten sich und gingen
nach Hause. Alle hatten die Arbeit
verlassen, selbst der Stationsvorsteher.
Shuchrais Arbeit war nicht vergebens
gewesen. Das war die erste Massenaktion auf der Bahnstation.
Die Deutschen brachten auf dem Bahnsteig ein schweres Maschinengewehr
in Stellung; es stand dort wie ein Jagdhund auf dem Anstand. Neben ihm kau­
erte, die Hand auf dem Griff, ein deutscher Unteroffizier.
Fast alle Eisenbahner auf der Strecke st
reikten jetzt. Vierundzwanzig Stunden
lang ging nicht ein einziger Zug, und hundertzwanzig Kilometer weiter kam es
zu einem Gefecht mit einer starken Partisanenabteilung. Sie hatte die Bahn­
strecke und die Brücken in die Luft gesprengt.
In der Nacht lief ein Eisenbahntransport mit deutschen Soldaten auf der Sta­
tion ein. Der Lokomotivführer, sein Gehilfe und der Heizer machten sich
sofort aus dem Staub. Außer diesem
»Kortschagin, Politowski, Brusshak – vo
Grimmig fauchend spie die Lokomotive glühende Funken, keuchte schwer
und raste durch die nächtliche Finsternis. Artjom hatte Kohlen in die Feuerung
»Also befördern wir sie, Alter?«
Dieser runzelte ärgerlich die buschigen Brauen:
»Bleibt doch nichts anderes übrig, wenn einem das Bajonett im Hintern
steckt.«
»Schmeißen wir alles hin, und springen wir von der Lokomotive ab«, schlug
Brusshak vor und warf einen Seitenblic
k nach dem auf dem Tender stehenden
deutschen Soldaten.
»Ich bin derselben Meinung«, murmelte Artjom.
»Aber da haben wir diesen Kerl dort auf dem Hals.«
»Tja«, brachte Brusshak in unbestimmt
em Ton hervor und beugte sich zum
Fenster hinaus.
Politowski trat dicht an Artjom heran und flüsterte:
»Wir dürfen sie nicht dorthin fahren, verstehst du? Dort wird gekämpft. Die
Aufständischen haben die Gleise gesprengt. Und wenn wir nun diese Hunde
hinschaffen, werden sie im Handumdrehen
die Partisanen erledigen. Du mußt
wissen, mein Söhnchen, ich habe unterm Zaren bei Streiks nie jemanden
befördert, und ich werde das auch jetzt nicht tun. Es hieße ja Schimpf und
Schande bis ans Lebensende, wenn wir unseren eigenen Leuten die Strafexpe­
dition auf den Hals brächten. Die ande
re Lokomotivbrigade hat sich doch aus
dem Staub gemacht. Die Burschen haben unter Lebensgefahr die Lokomotive
im Stich gelassen. Unter keinen Umst
»Einverstanden, Alter, aber was fangen
wir mit dem da an?« Er wies mit
einem Blick auf den Soldaten.
Der Lokomotivführer runzelte die Stirn,
wischte sich mit einer [56] Handvoll
Werg den Schweiß ab und blickte mit seinen entzündeten Augen auf das
Manometer, als hoffe er, da eine Antwort auf die peinigende Frage zu finden.
Dann fluchte er in seiner Ve
rzweiflung plötzlich wütend.
Artjom trank noch einen Schluck Wasser aus dem Teekessel. Beide hatten den
gleichen Gedanken, aber keiner konnte si
ch entschließen, ihn als erster auszu­
sprechen. Artjom erinnerte sich an sein
Gespräch mit Shuchrai: »Wie stehst du
eigentlich, Bruderherz, zur bolschewistischen Partei und zur kommunistischen
Idee?« Und an die Antwort, die er auf
die Frage gegeben hatte: »Ich bin immer
bereit zu helfen, du kannst auf mich rechnen …«
Eine schöne Hilfe, wir bringen ihnen
die Henker … Politowski beugte sich
über den Werkzeugkasten und brachte, dicht neben Artjom stehend, mühsam
hervor:
»Der da muß erledigt werden, verstehst du?«
Artjom zuckte zusammen, Politowski fügte, mit den Zähnen knirschend,
»Es gibt keinen anderen Ausweg. Wir machen Schluß mit ihm, werfen den
Regulator und die Hebel in die Feuerung, schalten langsamen Gang ein, und
»Schön.«
Artjom beugte sich zu Brusshak hin
und teilte ihm leise den Beschluß mit.
Brusshak zögerte mit der Antwort. Jeder von ihnen nahm ein großes Risiko
auf sich. Sie hatten alle Familie dahe
im. Politowskis Familie war besonders
zahlreich: Neun Mäuler hatte er zu stopfen. Und doch begriff jeder von ihnen,
daß diese Fahrt um jeden Preis verhindert werden mußte.
»Nun, ich bin einverstanden«, sagte Brusshak.
»Aber wer wird denn den …« Er versch
»Wie werden wir das aber anstellen?«
Der Gefragte blickte Artjom an:
»Das übernimmst du, du bist der Stärks
te; mit einem Brecheisen eins drauf …
und fertig.« Der Alte wa
Artjoms Gesicht verfinsterte sich.
»Ich kann's nicht. Weiß nicht, warum – aber ich bring es nicht übers Herz.
Der Soldat ist ja im Grunde genommen nicht schuld, den haben sie ja auch
gewaltsam in den
Krieg getrieben.«
Politowskis Augen blitzten auf.
»Er ist nicht schuld daran, sagst du. Aber sind wir vielleicht schuld daran, daß
man uns hierhergejagt hat? Wir fahren doch eine Strafexpedition. Diese
Unschuldslämmer werden di
e Partisanen über den Haufen schießen, und die,
sind die wohl schuld …? Was bist du für ein Kindskopf. Stark wie ein Bär, aber
was nützt das schon …«
»Also gut«, brachte Artjom heiser herv
or und griff nach dem Brecheisen. Poli­
towski aber flüsterte:
»Laß, ich mach es lieber selber. Nimm du
die Schaufel und wirf Kohlen vom
Tender herüber. Wenn's nötig sein sollte, versetzt du dem Deutschen eins mit
der Schaufel. Und ich tue so, als
wollte ich Kohlen zerkleinern.«
Brusshak nickte zustimmend mit dem Kopf und trat zum Regulator.
Der Deutsche, in seiner schirmlosen Feldmütze mit dem roten Rand, saß, das
Gewehr zwischen die Beine geklemmt, seitwärts auf dem Tender und rauchte
eine Zigarre; ab und zu warf er einen Blick zu den auf der Lokomotive beschäf­
tigten Arbeitern hinüber.
Als Artjom hinaufkletterte, um Kohle zu schaufeln, schenkte der Posten die­
sem Vorgang keine besondere Beachtung.
Und als dann Politowski, als wolle er
vom Rand des Tenders her große Kohlestücke heranschaffen, ihm durch ein
Zeichen zu verstehen gab, daß er ein wenig wegrücken solle, kam der Deutsche
willig herunter, trat auf die Tür zu, die zum Führerstand führte.
Der dumpfe kurze Hieb mit dem Brecheisen, der dem Deutschen den Schädel
einschlug, ließ Artjom und Brusshak erschauern. Der Soldat sackte zusammen
und fiel auf den Durchgangssteg.
Die feldgraue Tuchmütze wurde von Blut durchtränkt. Das Gewehr schlug
klirrend auf Eisen.
»Der ist fertig«, flüsterte Politowski,
warf das Brecheisen weg und fügte mit
krampfhaft verzerrtem Gesicht hinzu:
»Jetzt gibt's kein Zurück.« Die Stimme versagte ihm, aber schon im nächsten
Augenblick durchbrach er das bedrückende Schweigen und rief laut:
»Los, schraubt den Regulator ab!«
In zehn Minuten war alles erledigt. Die Lokomotive, jetzt ihrer Führung
beraubt, verlangsamte allmählich die Fahrt. [58]
Die dunklen Silhouetten der am Wegr
and stehenden Bäume tauchten
Feuerschein der Lokomotive auf und verschwanden wieder im Schatten der
Nacht. Die glühenden Augen der Maschine suchten die Finsternis zu durch­
dringen, doch ihr Licht verfing sich ringsum im dichten Schleier der Nacht
»Los, Junge, spring ab!« hörte Artjom die Stimme Politowskis hinter sich. Im
selben Moment ließ er den Griff los. Der schwere Körper wurde nach vorn
geschleudert, und die Füße prallten heftig auf dem entgleitenden Boden auf.
Artjom lief zwei Schritte, dann überschl
ug er sich und stürzte schwer hin.
In Brusshaks Haus herrschte trübe Stimmung. Antonina Wassiljewna, Serjo­
shas Mutter, hatte in den
Ihre älteste Tochter Walja, die gerade
»Wohin gehst du, Mutter?«
»Zu Kortschagins. Vielleicht kann ich dort erfahren, was mit dem Vater ist.
Wenn Serjosha heimkommt, sag ihm, da
ß er zu Politowski auf die Station
gehen soll.«
Walja umarmte die Mutter und bemühte sich, ihr während der wenigen
Schritte zur Tür Trost zuzusprechen:
»Es wird schon noch alles gut werden, Mama.«
Bedrückt verließ die Mutter das Haus. [59]
Maria Jakowlewna empfing die Frau se
Auch bei Kortschagins war nachts Haussuchung gewesen. Man hatte Artjom
gesucht. Die Soldaten hatten Maria Jako
wlewna zu Tode erschreckt. Sie war
allein in der Wohnung gewesen; Pawel
hatte Nachtschicht im Elektrizitäts­
Am frühen Morgen kam Pawel nach Hause. Als er durch die Mutter von der
nächtlichen Haussuchung und vom Fahnden nach Artjom erfuhr, erfaßte ihn
quälende Unruhe um den Bruder. Die Br
üder liebten einander trotz ihrer ver­
schieden gearteten Charaktere sehr. Es wa
r eine rauhe Liebe, ohne viele Worte,
aber Pawel wußte genau, daß er, wenn es nötig wäre, ohne Zaudern jedes
Opfer für den Bruder auf sich nehmen würde.
Pawel ruhte nach der Arbeit nicht aus, sondern eilte zur Station, um Shuchrai
im Depot aufzusuchen. Er traf ihn jedoch nicht an, und die Arbeiter, mit
denen er bekannt war, konnten ihm nichts über die Männer sagen, die losge­
fahren waren. Auch die Familie des Loko
motivführers wußte nichts. Pawel traf
im Hof Politowskis jüngsten Sohn Boris. Von ihm erfuhr er, daß auch bei Poli­
towskis nachts Haussuchung gewesen war. Man hatte nach dem Vater
geforscht.
Es klopfte. Walja schaute auf.
»Wer ist da?« fragte sie und schob den
»Ist deine Mutter zu Hause?« erkundigte er sich bei Walja.
»Nein, sie ist weggegangen.«
»Wohin denn?«
»Ich glaube, zu Kortschagins.«
Klimka wollte davoneilen, doch Walja hiel
t ihn mit aller Kraft am Ärmel fest.
Unentschlossen blickte er das Mädchen an.
»Was mußt du übergeben?« bestürmte Walja den Jungen.
»Erzähl doch, was los ist, du rothaariger Zottelbär, sprich doch! Du zerrst
einem [60] ja die Seele aus dem Leib!«
Klimka vergaß alle Warnungen, vergaß den strengen Befehl Shuchrais, den
Zettel nur Antonina Wassiljewna persönlich zu übergeben und zog einen ver­
Er gab ihr den Zettel, den sie schnell überflog.
Sachar.
Als Walja die Zeilen gelesen hatte
, stürzte sie auf Klimka zu.
»Woher hast du den Zettel? Sag, woher du ihn hast, du Tolpatsch, du!« Sie
ließ dem verwirrt dastehenden Klimka kein
e Ruhe, so daß dieser, ehe er sich's
versah, schon die zweite Dummheit beging:
»Den hat mir Shuchrai auf der Station gegeben.« Und da es ihm einfiel, daß
er nicht darüber sprechen du
rfte, fügte er hinzu: »Er hat mir aber streng verbo­
ten, mit jemandem darüber zu sprechen.«
»Laß schon gut sein.« Walja lachte. »Ich werde dich nicht verpetzen. Aber
jetzt lauf, du Rotkopf, so schnell du nur kannst, zu Pawel. Dort wirst du auch
die Mutter finden.« Mit diesen Worten gab sie dem Küchenjungen einen
freundschaftlichen Schubs in den Rücken, und in der nächsten Sekunde war
Klimkas roter Schopf bereits hinter
der Gartenpforte verschwunden.
Diese Begebenheiten trugen dazu bei, da
ß sich die Familien der drei [61] Ver­
schwundenen eng einander anschlossen. Die spärlich einlaufenden Briefe, die
sie bekamen, waren jedesmal ein freudige
s Ereignis, aber in ihren Häusern war
es öd und leer geworden.
»Hier, Mütterchen, das schickt Euch Euer Mann. Sagt aber niemandem ein
Sterbenswörtchen.«
Beglückt drückte ihm die Alte die Hand. »Recht schönen Dank! 's tut bitter
not. Die Kinder haben schon fast nichts mehr zu essen.«
Das Geld war dem Fonds entnommen, den Bulgakow dagelassen hatte.
Nun, wir werden mit der Zeit schon
Streik wegen der angedrohten Todesstrafe abgebrochen werden mußte, obwohl
In einer abseits gelegenen alten Schmiede, die eine ihrer verrußten Wände
dem ins Dorf Worobjowa Balka führende
n Weg zukehrte, stand Politowski mit
einer langen Zange vor der Esse und wend
Artjom drückte den Hebel des ledernen Blasebalgs, der an einem Querbalken
angebracht war.
Gutmütig in seinen Bart schmunzeln
d, meinte der Lokomotivführer:
»Ein Handwerker braucht jetzt im Dorf nicht zu hungern. Arbeit gibt's mehr
als genug. Wir werden hier ein paar Wochen arbeiten und können dann den
Unsrigen wenigstens Speck und Mehl schicken. Beim Bauersmann, mein
Junge, steht der Schmied immer hoch in
Ehren. Wir werden uns hier vollfut­
tern wie die richtigen Bourgeois, haha. Mit dem Sachar ist's eine andere Sache.
Der hält sich mehr ans Bauerngeschäft, arbeitet den ganzen Tag mit seinem
Onkel auf dem Feld. Ist ja auch begreif
lich. Wir beide haben weder Haus noch
»Stimmt«, brummte Artjom.
»Wie mag's den Unseren daheim gehen, ob sie wohl von diesen Banditen
schikaniert werden?«
»Ja, ja, Alter, da haben wir uns was eingebrockt, jetzt heißt's, sich ein bißchen
fernhalten von Hause.«
Der Lokomotivführer langte aus der Esse ein glühendes Stück Eisen und legte
es rasch auf den Amboß.
»Nun, hau zu, mein Söhnchen!«
Artjom packte den schweren Schmiedehammer, der am Amboß lehnte,
schwang ihn hoch über den Kopf und schlug zu. Glühende Funken sprühten
empor. Mit leichtem Knistern flogen si
e durch die Schmiede und erhellten für
eine Sekunde ihre dunkelsten Ecken.
Politowski drehte das glühende Eisen na
ch allen Seiten, so daß die mächtigen
Schläge darauf niederprasselten und da
Durch die offene Schmiedetür zog ein warmer Hauch aus der finsteren Nacht.
Dunkel und riesengroß erstreckt sich in
der Tiefe der See, umringt von hohen
Föhren, deren mächtige Wipfel im Winde schwanken.
Hier, einen Kilometer von der Bahn entfernt, waren in den tiefen, verlassenen
Gruben der alten Steinbrüche Quellen
aufgebrochen und hatten drei Seen
Tonja liegt oberhalb des granitnen Ufers auf einer grasbewachsenen Lichtung.
Hoch oben, hinter der Lichtung, zieht sich der Wald hin und unten, dicht am
Fuß des Abhangs, der See. Die Felsen werfen ihre Schatten über den Rand des
Sees und verdunkeln ihn noch mehr. Das ist Tonjas Lieblingswinkel.
Unten, am Ufer des Sees, plätscherte es leise. Tonja hob den Kopf, schob mit
der Hand die Zweige auseinander und schaute hinab. Ein elastischer, braunge­
brannter Körper schwamm mit starken
Stößen der Mitte des Sees zu. Tonja
konnte den dunklen Rücken und den schwarzen Kopf des Schwimmers sehen.
Er schnaubte wie ein Walroß, durchschnitt mit kurzen Stößen das Wasser,
drehte sich um, schlug Purzelbäume, tauchte, legte sich schließlich ermüdet
auf den Rücken, kniff [63] in der prallen Sonne die Augen zu und blieb, die
Tonja ließ die Zweige los. So was ist
doch unanständig, dachte sie belustigt
und machte sich wieder an ihre Lektüre …
In das Buch vertieft, bemerkte Tonja nicht, daß jemand über den Granitvor­
sprung, der diesen Winkel vom Wald tre
Dann ist er also der Schwimmer gewesen, erriet Tonja, als sie Pawels feuchte
Haare sah.
»Hab ich Sie erschreckt? Ich wußte nicht, daß Sie hier sind, kam ganz zufällig
vorüber.« Mit diesen Worten griff Pa
wel nach dem Vorsprung des Felsens.
Auch er hatte Tonja erkannt.
»Sie stören mich gar nicht. Wenn Sie Lust haben, können wir uns ein biß­
chen unterhalten.«
Pawel blickte Tonja verwundert an.
»Worüber sollen wir uns denn unterhalten?« Tonja lächelte.
»Wie heißen Sie eigentlich?«
»Pawka Kortschagin.«
»Und ich heiße Tonja. So, jetzt haben wir uns wenigstens vorgestellt.« Der
Junge knüllte verlegen seine Mütze.
»Sie werden also Pawka genannt?« unterbrach Tonja das Schweigen.
»Aber warum denn Pawka? Das klingt nicht schön, Pawel klingt viel hüb­
scher. Ich werde Sie Pawel nennen. Gehen Sie oft hierher …« – sie wollte sagen
»zum Baden«, aber um nicht zu verraten, daß sie ihn beim Baden beobachtet
hatte, sagte sie: »… spazieren?«
»Nein, nicht oft, nur wenn ich mal frei habe«, antwortete Pawel.
»Arbeiten Sie denn irgendwo?« erkundigte sich Tonja weiter.
»Bin Heizer im Elektrizitätswerk.«
»Sagen Sie mir doch, wo haben Sie so fabelhaft boxen gelernt?« fragte Tonja
plötzlich.
»Was geht Sie denn meine Boxerei
an?« brummte Pawel unfreundlich.
»Seien Sie nicht böse«, sagte Tonja, sie spürte, daß sich Pawka über ihre Frage
ärgerte.
»Mich interessiert das sehr. War das aber ein Schlag! Wie kann man nur so
unbarmherzig zuhauen!« Sie lachte los. [64]
»Ihnen tat's wohl leid
?« fragte Pawel.
»Nein, ganz und gar nicht, im Gegente
il. Sucharko hatte seine Prügel redlich
verdient. Mir hat diese Szene viel Spaß
gemacht. Man sagt, daß Sie sich gern
einmal raufen.«
»Wer sagt das?« Pawel horchte auf.
»Nun, Viktor Leszczynski meint, daß Sie ein ausgemachter Raufbold seien.«
Pawel wurde rot.
»Viktor ist ein Lump, ein Nichtstuer.
Er sollte lieber dankbar sein, daß er
damals nichts abgekriegt hat. Ich habe gehört, was er über mich gesagt hat,
wollte mir bloß nicht die Hände an ihm dreckig machen.«
»Warum schimpfen Sie so, Pawel? Das ist gar nicht schön«, unterbrach ihn
Tonja.
Pawel machte ein finsteres Gesicht.
Wozu hab ich Dummkopf mich bloß mit dieser Gans in eine Unterhaltung
eingelassen, dachte er. Was der einfällt, erst paßt ihr mein Name nicht, dann
soll ich nicht schimpfen.
»Warum haben Sie so eine Wut auf Leszczynski?« fragte Tonja.
»Ein Dämchen in Jungenhosen, ein Herrensöhnchen! Soll ihn der Kuckuck
holen! Mir kribbelt's immer in den Fingern, wenn ich solche Burschen seh. Die
glauben, sie können sich mit einem alles erlauben, weil sie reich sind. Ich
spucke aber auf ihren Reichtum; wer mich
anrührt, der bezieht umgehend eine
Tracht Prügel. Solchen Leuten kann man nur mit den Fäusten imponieren«,
sagte er erregt.
Tonja bedauerte, daß sie Leszczynski er
wähnt hatte. Dieser Bursche hier hatte
offenbar mit dem verzärtelten Gymnasiasten noch ein Hühnchen zu rupfen.
Um das Gespräch auf ein ruhigeres Thema zu lenken, erkundigte sie sich
nach Pawels Familie und Arbeit.
Ohne daß es Pawel selbst merkte, bega
nn er ausführlich auf die Fragen des
Mädchens einzugehen und vergaß ganz, daß er sich hatte davonmachen
»Sagen Sie, warum sind Sie nicht länger zur Schule gegangen?« erkundigte
sich Tonja.
»Ich bin rausgeflogen.«
»Weshalb?« Pawka wurde rot.
»Ich habe dem Popen Machorka in den Teig gestreut – und da hat er mich
rausgeschmissen. Ein niederträchtiger Ke
rl, dieser Pope, er [65] verstand es,
einem das Leben sauer zu machen.« Pa
wel vergaß seine Verlegenheit und
berichtete alles der Reihe nach.
Dann erzählte er Tonja wie einer alten Bekannten von seinem verschwunde­
nen Bruder. Keiner von beiden bemerkte, daß sie, in ihr freundschaftlich ange­
regtes Gespräch vertieft, schon einige Stunden auf den Steinen zugebracht
hatten. Endlich besann sich Pawel und sprang auf.
»Ich muß ja zur Arbeit. Es ist schon hö
chste Zeit. Hab da beim Schwatzen al­
les übrige vergessen! Danilo wird sicherlich brummen. Nun, leben Sie wohl,
Fräulein, ich muß jetzt schleunigst in die Stadt.« Tonja stand rasch auf und zog
ihre Jacke an.
»Ich muß auch heim. Gehen wir gemeinsam.«
»Nein, ich muß rennen. Da kommen Sie nicht mit.«
»Warum nicht? Laufen wir um die Wette. Mal sehen, wer's schneller kann.«
Pawka musterte sie geringschätzig.
»Um die Wette? Mit mir wollen Sie's aufnehmen?«
»Na, wir werden sehen. Lassen Sie uns erst mal von hier wegkommen.« Pawel
sprang über den Stein und reichte Tonja die Hand. Sie rannten durch den
Wald und gelangten auf einen breiten, ebenen Waldweg, der zur Station
In der Mitte des Weges machte Tonja halt:
Ich werde sie im Handumdrehen einholen,
dachte Pawel, als er der fliegen­
den Jacke nachjagte. Es gelang ihm je
doch erst am Ende des Waldweges, un­
weit der Station, sie einzuholen. In volle
m Lauf packte er sie fest an den Schul­
»Gefangen, Vögelchen!« rief er fröhlich, ganz außer Atem.
»Lassen Sie mich los, es tut ja weh«, wehrte sich Tonja. Sie standen beide
keuchend da, mit pochendem Herzen, und die vom schnellen Lauf erschöpfte
Tonja schmiegte sich leicht an Pawel.
Wie nahe war sie ihm jetzt! Das währte
nur einen Augenblick, prägte sich ihm aber tief ins Gedächtnis ein.
»Mich hat noch niemand einholen können«, sagte sie und befreite sich aus
seinen Händen.
Dann trennten sie sich sogleich. Pawe
l schwenkte zum Abschied seine Mütze
und lief in die Stadt. [66]
»Später konntest du wohl nicht kommen? Soll ich etwa für dich heizen,
was?«
Aber Pawel klopfte dem Heizer in best
er Laune auf die Schulter und sagte
besänftigend: »Gleich wird der Ofen brennen, Alterchen.« Daraufhin machte
er sich an den Holzstapeln zu schaffen.
Um Mitternacht, als Danilo laut schnarchend auf den Holzscheiten lag, holte
Pawel, nachdem er den ganzen Motor aufs gründlichste geölt und dann die
Hände so gut wie möglich mit Werg gesäubert hatte, die zweiundsechzigste
»Mit ihren wunderschönen blauen Augen blickte sie den Herzog an …«
Sie hatte auch blaue Augen,
Ganz in seine Gedanken an das Erlebnis
des vergangenen Tages vertieft, hatte
Pawel das verstärkte Sausen des Motors überhört, der vor Überbelastung zit­
terte. Das riesige Schwungrad drehte si
ch mit rasender Geschwindigkeit, und
»Verdammt noch mal!« rief Pawel, sp
rang von der Kiste auf, stürzte zum
Dampfhebel und drehte ihn zweimal he
rum. Der aus der Abflußröhre strö­
mende Dampf zischte hinter der Wand des Heizraumes auf. Den Hebel nach
unten drückend, schob Pawel den Schwungriemen auf das Rad, das die Pumpe
Pawel blickte auf Danilo, doch der schlie
Nach einer halben Minute war der Zeiger des Manometers wieder auf seinem
alten Stand.
Als sich Tonja von Pawel getrennt hatte, ging sie nach Hause. Sie sann über
die neuerliche Begegnung mit diesem schwarzäugigen Jungen nach, und ohne
sich dessen bewußt zu werden, fr
eute sie sich darüber. [67]
Wie lebhaft und hartnäckig er ist! Und er ist gar nicht so ein Grobian, wie mir
erst schien. Auf jeden Fall ist er allen
diesen affigen Gymnasiasten gar nicht
ähnlich …
Er war aus anderem Holz geschnitzt,
stammte aus einem Milieu, mit dem
Tonja bis jetzt nie in Berührung gekommen war.
Man kann ihn zähmen, dachte sie, und das wird eine interessante Freund­
schaft werden.
Als sich Tonja dem Elternhaus näherte, sah sie Lisa Sucharko, Nelly und
Viktor Leszczynski im Garten sitzen. Viktor las. Sicherlich wa
Tonja begrüßte alle und
»Haben Sie den Roman gelesen?«
»Ach ja, den Roman!« besann sich Tonja.
»Und ich hab ihn doch …« Sie hätte beinah herausgeplappert, daß sie das
Buch vorhin am Seeufer hatte liegenlassen.
»Nun, wie hat Ihnen das Buch gefallen?« Viktor sah sie aufmerksam an.
Tonja dachte nach, hob, indem sie mit der Spitze ihres Halbschuhs irgend­
eine verschnörkelte Figur in den Sand zeichnete, langsam den Kopf und
blickte ihn an.
»Nein, ich habe einen anderen Roman angefangen, einen interessanteren als
den, den Sie mir gebracht haben.«
»Ach so …«, meinte Viktor gedehnt.
»Und wer ist der Verfasser?« Tonja blickte ihn mit spöttisch funkelnden
Augen an.
»Niemand …«
Tonja faßte die beiden Mädchen unter und ging mit ihnen ins Haus. Und
Viktor, der hinterdreinschritt, zerbrach sich den Kopf über Tonjas Worte, ohne
deren Sinn erfassen zu können.
Das neue, noch unbewußte Gefühl, das sich unmerklich in das Leben des
jungen Heizers eingeschlichen hatte, erregte und beunruhigte den verwegenen
und wilden Burschen.
Tonja war die Tochter des Oberförsters
, und ein Oberförster war für ihn das
gleiche wie der Rechtsanwalt Leszczynski.
Pawel, der in Not und Entb
ehrung aufgewachsen war, hatte für [68] alle, die
nach seinem Begriff reich waren, nichts
als Feindseligkeit übrig. Auch Tonja
gegenüber war Pawel vorsichtig und mi
alles einfach und verständlich, wie zum Beispiel bei Galotschka, der Tochter
des Steinmetzen; Tonja war keine aus sein
em Kreis. Mit großer Vorsicht nahm
Eine ganze Woche lang hatte Pawel das Mädchen nicht gesehen; heute wollte
er zum See gehen. In der Hoffnung, sie zu treffen, nahm er absichtlich den
Weg an ihrem Haus vorüber. Am Za
un des Gartens entlangschlendernd,
erblickte er an seinem äußersten Ende
die wohlbekannte Matrosenbluse. Er
bückte sich nach einem Tannenzapfen, der am Boden lag, und zielte damit
nach der weißen Bluse.
Tonja wandte sich rasch um. Als sie Pa
wel erblickte, lief sie schnell zum Zaun
und gab dem Jungen fröhlich lachend die Hand.
»Endlich lassen Sie sich sehen«, sagte sie erfreut. »Wo haben Sie nur die ganze
Zeit gesteckt? Ich war am See, hatte dort mein Buch vergessen und dachte, daß
ich Sie dort treffen würde. Kommen Sie doch herein in den Garten.«
Pawel schüttelte den Kopf.
»Nein, das geht nicht.«
»Warum denn nicht?« Sie zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
»Ihr Vater wird sicher schimpfen. Sie können dafür noch etwas abbekommen.
›Wozu hast du diesen Vagabunden
hergeschleppt‹, wird er sagen.«
»Sie reden aber Unsinn zusammen, Pawel.« Tonja wurde böse. »Kommen Sie
sofort herein. Mein Vater sagt niemals so
»Lesen Sie gern?« fragte
»Sehr gern«, erwiderte Pawel lebhaft.
»Welches ist Ihr Lieblingsbuch?«
Pawel dachte einen Augenblick nach un
»Guiseppe Garibaldi«,
korrigierte Tonja.
»Dies Buch lieben Sie also?«
»Ja, sehr. Ich habe schon achtundsechzig Fortsetzungen davon gelesen. [69]
Jeden Lohntag kauf ich mir fünf Stück. Das war ein fabelhafter Mensch, dieser
Garibaldi!« rief Pawel begeistert aus.
»Was für ein Held! Der war richtig! Wi
e mußte er sich mit seinen Feinden
herumschlagen und blieb doch immer Sieg
er! Wie viele Länder hat er durch­
zogen! Ach, wenn der heute lebte, ich würde mich ihm sofort anschließen.
Und all seine Leute waren einfache Arbeiter, und immer hat er für die Armen
gekämpft.«
»Wollen Sie, daß ich Ihnen unsere Bibliothek zeige?« fragte Tonja und nahm
ihn bei der Hand.
»Nein, ins Haus geh ich nicht«, antwortete Pawel entschieden, ohne sich von
der Stelle zu rühren.
»Warum sind Sie denn so eigensinnig? Oder fürchten Sie sich vielleicht?«
Pawel schaute auf seine bloßen Füße, di
e sich nicht gerade durch besondere
Sauberkeit auszeichneten, und kratzte sich hinterm Ohr.
»Ihre Mutter oder Ihr Vater werden mich sicher davonjagen.«
»Lassen Sie doch endlich dieses Gere
de, oder ich werde ernstlich böse«,
brauste Tonja auf.
»Na, warum denn, Leszczynski läßt einen doch auch nicht in die Wohnung,
mit unsereinem spricht er nur in der Kü
che. Ich kam mal zu ihnen in irgend­
einer Angelegenheit, da ließ mich die
Nelly nicht einmal ins Zimmer – wahr­
scheinlich, damit ich ihnen die Teppiche nicht beschmutze oder weiß der
Teufel, weshalb sonst.«
Pawel lächelte.
»Los, gehen wir endlich hinein.« Tonja faßte ihn bei der Schulter und schob
ihn freundschaftlich zur Veranda hin.
Sie führte ihn durch das Eßzimmer in einen anderen Raum mit einem riesi­
gen Bücherschrank. Pawel gewahrte einige hundert Bände, in gleichmäßigen
Reihen aufgestellt, und staunte über den noch nie gesehenen Reichtum.
»Gleich werde ich für Sie ein interessant
es Buch finden, und Sie versprechen
mir, zu uns zu kommen und sich ständig Bücher zu holen, ja?«
Pawel nickte freudig.
»Ich habe Bücher sehr gern.«
Sie verbrachten einige fröhliche und angenehme Stunden miteinander. Tonja
stellte ihn der Mutter vor, und das erwies sich als gar nicht so schlimm; ihr
gefiel Pawel.
Tonja führte Pawel auch in ihr Zimmer,
zeigte ihm ihre Romane und Schul­
bücher. [70]
Auf dem Toilettentisch stand ein kleine
r Spiegel. Tonja ließ Pawel hinein­
blicken und sagte lachend:
»Warum sehen Ihre Haare bloß so wuschlig aus? Kämmen Sie die denn nie,
und lassen Sie die nicht mal schneiden?«
»Ich lasse mir den Kopf immer ratzekahl scheren, wenn die Haare zu lang
geworden sind. Was soll man denn sonst mit ihnen anfangen?« rechtfertigte
sich Pawel verlegen.
Tonja nahm lachend ihren Kamm vom Toilettentisch und glättete behend die
strubbligen Haare.
»Sehen Sie, jetzt schauen Sie ganz anders aus«, sagte sie, Pawel betrachtend.
»Sie müssen die Haare hübsch schneiden lassen, sonst sehen Sie wie ein Zot­
telbär aus.«
Sie warf einen kritischen Blick auf se
in verschossenes Hemd und seine abge­
wetzten Hosen, sagte jedoch nichts.
Pawel hatte diesen Blick bemerkt und
schämte sich nun seines Aufzuges.
Beim Abschied bat ihn Tonja wiederzukommen und nahm ihm das Verspre­
chen ab, in zwei Tagen gemeinsam angeln zu gehen.
Pawel sprang mit einem Satz durchs offene Fenster in den Garten; er wollte
nicht noch einmal durch die Wohnu
ng gehen und der Mutter begegnen.
Seit Artjoms Verschwinden war in der Familie Kortschagin Schmalhans
Küchenmeister. Pawels Lohn reichte nicht zum Leben.
Maria Jakowlewna beschloß, sich mit ihrem Sohn zu beraten, ob sie nicht
wieder arbeiten gehen sollte. Leszczynsk
is suchten gerade eine Köchin. Aber
Pawel war entschieden dagegen.
»Nein, Mutter, ich werde mir noch Extr
aarbeit suchen. Im Sägewerk werden
und dann wird es für uns beide reichen. Du sollst nicht arbeiten gehen, sonst
wird Artjom auf mich böse sein und sa
gen: Nicht einmal das hat er fertigge­
bracht, daß die Mutter nicht zu arbeiten brauchte.«
Die Mutter wollte ihm beweisen, daß si
e unbedingt auch verdienen müsse,
aber Pawel blieb bei seiner Meinun
g, und schließlich gab sie nach.
Schon am folgenden Tag begann Pawel im
Sägewerk zu arbeiten. Er mußte
gemeinsam mit Mischa Akkordarbeit zu übernehmen. Der Verdienst war ziem­
Nach zehn Tagen brachte er der Mutter se
inen Lohn. Als er ihr das Geld aus­
händigte, trat er verlegen von einem Fuß auf den anderen und bat schließlich:
»Weißt du, Mutter, kauf mir doch ein Satinhemd, ein blaues – kannst du dich
noch entsinnen, so eins, wie ich voriges Jahr hatte. Dabei geht zwar die Hälfte
des Geldes drauf, aber hab keine Angst, ich werde noch mehr verdienen. Meins
ist gar zu alt«, rechtfertigte er sich, al
s wollte er sich wegen seiner Bitte ent­
schuldigen.
»Natürlich, natürlich mußt du eins haben, Pawluscha. Noch heute kauf ich
den Stoff, und morgen näh ich dir das Hemd. Wirklich, du hast ja kein einzi­
ges anständiges Hemd.« Zärtlich sah sie ihren Sohn an.
Pawel machte vor einem Friseurgeschäft halt, überzeugte sich, daß er noch
einen Rubel in der Tasche hatte, und ging hinein.
Der Friseur, ein gewandter Bursche, bemerkte den eintretenden Jungen und
wies ihm einen Sessel an.
»Nehmen Sie Platz!«
Pawel ließ sich in dem tiefen, bequemen
Sessel nieder und erblickte im Spie­
gel ein verlegenes, verwirrtes Gesicht.
»Soll ich Sie kahlscheren?« fragte der Friseur.
»Ja … das heißt, im Grunde genommen, nein … im großen und ganzen …
und – wie nennen Sie das eigentlich …«
Pawel gestikulierte verzweifelt.
»Ach so, ich verstehe.« Der Friseur lächelte.
Schwitzend und erschöpft, aber gut
geschnitten und frisiert verließ Pawel
nach einer Viertelstunde das Geschäft. Der Friseur hatte die widerspenstige
Mähne hartnäckig mit Wasser, Kamm und
Was wird nur die Mutter sagen, wenn sie das sieht!
Pawel konnte nicht, wie versprochen, zum Angeln kommen, und Tonja war
Sehr aufmerksam ist dieser Junge gerade
nicht, dachte sie ärgerlich. Als sich
Pawel jedoch auch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, begann die Zeit
wieder lang zu werden.
Sie hatte sich eben zum Spazierengehen
fertiggemacht, als die Mutter die Tür
»Besuch für dich, Tonja. Darf er hereinkommen?«
In der Tür stand Pawel; Tonja erkannte ihn nicht einmal sogleich.
Er trug eine neue blaue Satinbluse un
d schwarze Hosen. Die geputzten Stiefel
glänzten, und – Tonja sah es sofort – seine Haare waren geschnitten und stan­
den nicht mehr wie vorher zu Berge. Der schwarzäugige Heizer erschien ihr
jetzt in einem ganz anderen Licht.
Tonja wollte schon ihre Verwunderung äußern; aber um den ohnedies verle­
genen Jungen nicht noch mehr zu verwirren, tat sie so, als hätte sie diese auf­
fällige Veränderung nicht bemerkt.
»Schämen Sie sich denn gar nicht? Warum sind Sie nicht zum Angeln
gekommen? So halten Sie also Wort?«
»Ich habe diese Tage im Sägewerk gearbeitet und konnte nicht kommen.«
Er wollte ihr doch nicht verraten, daß er, um sich Hemd und Hose kaufen zu
können, in den letzten Tagen bis zum Umfallen geschuftet hatte.
Tonja erriet dies jedoch von selbst, und ihr ganzer Ärger war dahin.
»Wollen wir einen Spaziergang zum Teich machen?« schlug sie vor, und sie
gingen durch den Garten auf die Chaussee hinaus.
Und jetzt vertraute ihr Pawel, wie einem Freund, das große Geheimnis von
s Leutnants an. Er versprach ihr, an einem der
nächsten Tage mit ihr tief in den Wald zu gehen und Schießübungen anzu­
»Ich werde dich niemals verraten«,
VIERTES KAPITEL
Heftig und schonungslos tobte der Klassenkampf in der Ukraine. Immer mehr
Menschen griffen zu den Waffen, und jeder Zusammenstoß ließ die Zahl der
Kämpfer anwachsen.
Das ruhige Leben der Bevölkerung lag we
it, weit zurück in der Vergangenheit.
Einem Sturm gleich brauste es durch das Land, die baufälligen Häuschen
erzitterten unter den Kanonenschüssen. Ängstlich drückten sich die Einwoh­
ner in den Kellern und in den Gräben herum, die sie selber ausgehoben hat­
Ehemalige Offiziere, rechte und linke
ukrainische Sozialre
volutionäre – jeder
verwegene Abenteurer, der imstande war,
eine Meute Halsabschneider um sich
zu scharen, erklärte sich zum Ataman,
rollte zuweilen die gelb-blaue Fahne der
Aus diesen bunt zusammengewürfelten
Banden, die durch Kulaken und gali­
zische Regimenter aus dem Belagerungsk
orps des Atamans Konowalez verstärkt
wurden, formierte der »Hauptataman Pe
tljura« seine Regimenter und Divisio­
nen. Und gegen dieses Gelichter von Sozialrevolutionären und Kulakenmeuten
stürmten die roten Partisanenabteilungen
vor, und die Erde erzitterte unter
Hunderten und Tausenden von Pferdehufen, MG-Wagen und Munitionskar­
Im April jenes unruhigen Jahres neunzehnhundertneunzehn pflegte sich der
tödlich erschrockene und verwirrte Spießer, wenn er des Mor- [75] gens den
Schlaf aus den Augen rieb und die Fens
Awtonom Petrowitsch zog die Hose hoch, sah sich ängstlich um und sagte:
»Ich weiß es nicht, Afanas Kirillowits
ch. Nachts sind irgendwelche Truppen
eingezogen. Wir werden schon sehen. Werden die Juden geplündert, so sind es
Petljura-Leute. Und wenn es die ›Genossen‹ sind, dann kann man das gleich
an den Gesprächen merken. Da halte ich jetzt Ausschau, um zu erfahren, wes­
sen Bild man heute aufhängen soll, damit es einem nicht so geht wie meinem
Nachbarn Gerassim Leontjewitsch. Er hatte einmal nicht ganz genau nachge­
schaut und hängte ein Bild von Lenin auf. Und ausgerechnet kommen da drei
Leute von einer Petljura-Abteilung zu
ihm ins Haus. Kaum haben sie das Bild
gesehen, fallen sie auch schon über ihn her und ziehen ihm mit der Peitsche
zwanzig über. ›Wir werden dir Hundesohn, kommunistischem Luder das Fell
schon gehörig gerben‹, sagten sie. Wie
sehr er sich auch zu rechtfertigen
suchte, wie sehr er auch schrie, es half ihm alles nichts.«
Und wenn ein Trupp Bewaffnet
er die Straße entlangzog, schlossen die Spießer
en sich. Sicher ist sicher …!
Bei den Arbeitern rief die gelb-blaue
Zur Zeit war der Oberst Golub – der
»Stolz und Ruhm« der Dneprdivision
Herr der Stadt.
Tags zuvor war seine Abteilung, zweitausend Halsabschneider stark, feierlich
in die Stadt eingezogen. An der Spitze
der Abteilung ritt auf einem feurigen
Rappen der Pan Oberst. Trotz der warmen Aprilsonne trug er einen kaukasi­
schen Filzumhang, eine Saporoger Lammfellmütze mit himbeerfarbenem
Deckel und einen Tscherkessenrock mit der dazugehörigen Ausrüstung: Dolch
und Säbel mit ziseliertem Silber.
Ein schöner Mann ist dieser Oberst Golub: große schwarze Augenbrauen, das
Gesicht bleich, mit einem leichten gelb
lichen Schimmer – [76] der Spur zahllo­
ser Saufgelage. Im Mund hat er eine
Pfeife. Vor der Revolution war der Pan
Oberst auf den Plantagen einer Zuckerfabr
ik als Inspektor tätig gewesen; es war
aber ein eintöniges Leben, nicht zu vergleichen mit dem eines Atamans. Und
so war denn der Inspektor aus dem Schl
amm, der das Land überschwemmte,
Zu Ehren der Ankömmlinge wurde in de
m einzigen Theater des Städtchens
Das Theater war brechend voll. Die in
grellbunte, blumenbestickte ukraini­
sche Nationaltrachten gekleideten, mit unzähligen bunten Bändern und Glas­
perlenschnüren geschmückten Lehrerinnen, Popentöchter und Kleinbürgerin­
nen waren von einem ganzen Haufen sp
orenklirrender Militärs umringt, die
an ein Gemälde aus der alten
Saporoger Zeit erinnerten.
Das Regimentsorchester dröhnte. Auf der Bühne war man fieberhaft mit den
Vorbereitungen zu der Aufführung des
Schauspiels »Nasar Stodolja« beschäf­
»Das elektrische Licht hat zu brenne
n. Verreck meinetwegen, aber schaff
einen Monteur her und laß das Elektrizitätswerk schleunigst in Gang setzen.«
»Zu Befehl, Pan Oberst.«
Der Fähnrich Paljanyza brauchte nicht zu verrecken, er schaffte einen Mon­
Nach einer Stunde wurde Pawel von zwei
Paljanyza erklärte kurz und bündig: [77]
»Wenn bis sieben Uhr kein Licht brennt, baumelt ihr alle drei da oben!« Er
Dieser kurz formulierte Befehl verfehlt
Die Feier war schon in bestem Gang, al
s der Pan Oberst in Begleitung seiner
Freundin – eines vollbusigen Mädchens mit strohgelbem Haar, der Tochter des
Gastwirts, in dessen Haus er Quartier
Nachdem er sich auf dem Ehrenplatz dicht an der Rampe niedergelassen
hatte, gab er das Zeichen zum Beginn. Im gleichen Augenblick teilte sich auch
schon der Vorhang. Vor den Augen der Zuschauer tauchte der Rücken des
davoneilenden Regisseurs auf.
Während der Vorstellung pumpten sich
die Offiziere in Gesellschaft ihrer
Damen am Büfett ordentlich mit Selbstgebranntem voll, den der allgegenwär­
tige Paljanyza besorgt hatte, und sprachen
eifrigst den reichhaltigen Leckerbis­
sen zu, die in der Stadt requiriert wo
Ende der Aufführung
hatten alle schon einen gehörigen Schwips.
Paljanyza sprang dann auf die Bühne und verkündete theatralisch:
»Meine verehrten Herrschaften, wir werden jetzt mit dem Tanz beginnen.«
Im Saal wurde Beifall geklatscht. Alle begaben sich auf den Hof, damit die
Eine halbe Stunde später ging es im Th
eater hoch her. Die stark angeheiterten
Um diese Zeit näherte sich aus der Ri
chtung, in der die Mühle stand, eine
bewaffnete Abteilung Berittener dem Städtchen.
Die am Ortseingang postierte, mit Ma
Aus der Dunkelheit lösten sich zwei Gestalten; eine von ihnen ritt auf die
Wache zu und brüllte mit lautem, versoffenem Baß:
»Ich bin der Ataman Pawljuk mit meiner
Abteilung. Und wer seid ihr? Golub-
Leute?«
»Wo kann ich meine Abteilung unterbringen?« fragte Pawljuk.
Nach einer Minute erschien er wieder und befahl:
»Los, Jungs, weg mit dem Maschinengewehr von der Straße! Gebt dem Pan
Ataman den Weg frei.« [79]
Pawljuk zog die Zügel an und machte vo
»Aha, da geht's ja fröhlich her«, sagte er zu dem neben ihm reitenden Kosa­
kenhauptmann.
»Laßt uns absteigen, Gukmatsch, wir
kommen gerade recht. Suchen wir uns
die passenden Weiber aus. Die gibt's hi
er wie Sand am Meer. – He, Staleshko«,
schrie er, »mach Quartier für die Jungs!
Wir bleiben hier. Die Wache geht mit
mir.« Er stieg schwerfällig vom Pferd.
Am Theatereingang wurde Pawljuk von
»Ihre Eintrittskarte?«
Pawljuk streifte die beiden jedoch nu
r mit einem verächtlichen Blick und
schob den einen mit der Schulter beiseite. So folgten ihm etwa zwölf Leute
seiner Abteilung. Ihre Pferde hatte
n sie am Gartenzaun festgebunden.
Die Neuankömmlinge erregten sofort
allgemeine Aufmerksamkeit. Besonders
fiel die riesige Gestalt Pa
wljuks auf, der einen Offiziersrock aus gutem Tuch,
blaue Gardehosen und eine zottige Pelzmütze trug. Über der Schulter hatte er
an einem Riemen eine Ma
userpistole hängen, und aus der Tasche lugte eine
Handgranate hervor.
»Wer ist das?« flüsterten die Leute, die um den Tanzboden herumstanden, wo
sich Golubs Adjutant gerade stürmisch mit der älteren Popentochter im Kreis
drehte. Ihre fliegenden Röcke enthüllten den begeisterten Kriegern die seide­
nen Höschen des außer Rand und Band geratenen Mädchens.
Pawljuk bahnte sich mit den Schultern einen Weg durch die Menge und trat
in den Kreis.
Lüsternen Blicks schaute er auf die
»Einen feurigen Hopak, los!«
Der Dirigent des Orchesters schenkte ihm keine Beachtung. Da holte Pawljuk
heftig mit der Peitsche aus und ließ sie
auf den Rücken des Dirigenten sausen.
Dieser sprang auf wie von einer Tarantel gestochen.
Die Musik brach jäh ab. Im Saal trat augenblicklich Stille ein.
»So eine Frechheit!« brauste
die Gastwirtstochter auf.
»Das darfst du auf keinen Fall dulden
.« Erregt drückte sie den Arm Golubs.
Golub erhob sich schwerfällig von seinem
Sitz, stieß mit dem Fuß [80] einen
vor ihm stehenden Stuhl um, ging drei Schritte auf Pawljuk zu und blieb dicht
vor ihm stehen. Er hatte Pawljuk sofort
erkannt. Mit diesem Konkurrenten um
die Macht im Bezirk hatte er noch alte Rechnungen zu begleichen.
Erst vor einer Woche hatte Pawljuk de
m Pan Oberst auf gemeinste Weise ein
Bein gestellt.
Mitten im heftigsten Kampf mit einem roten Regiment, das die Golub-Leute
nicht zum erstenmal in die Enge trieb, war Pawljuk, an- [81] statt die Bolsche­
wiki von hinten anzugreifen, in eine kleine Ortschaft eingebrochen, hatte die
schwachen Posten der Roten überrannt und ringsum Sperren gestellt, um dann
im Ort eine Plünderung vorzunehmen, die
alle bisher erlebten übertraf. Natür­
lich war diese Aktion, wie sich das für
einen echten Petljura-Mann gehörte,
gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet gewesen.
Währenddessen hatten aber die Roten den rechten Flügel der Golub-Leute
zusammengehauen und waren verschwunden. [82]
Einige Sekunden lang standen sie sich Auge in Auge schweigend gegenüber.
Golub, der mit der einen Hand den Säbelgriff preßte und mit der anderen
nach der Pistole in seiner
Tasche griff, fuhr ihn an:
»Was unterstehst du dich, meine Leute zu schlagen, du Schuft?« Langsam
griff auch Pawljuks Hand nach der Pistolentasche.
»Sachte, Pan Golub, sachte, sonst könnten
Diese höhnischen Worte waren für Golubs Geduld zuviel.
»Packt sie, schmeißt sie aus dem Theater, und zieht jedem noch fünfund­
zwanzig Ordentliche über!« schrie er.
Von allen Seiten warfen sich die Offi
ziere wie eine Koppel Jagdhunde auf die
Pawljuk-Leute.
Ein Schuß knallte. Im Saal entstand ein Gedränge und ein Durcheinander, als
wären zwei Rudel Hunde aufeinander lo
sgelassen. Blindlings schlugen die
Gegner mit den Säbeln aufeinander los,
packten den erstbesten beim Schopf
oder direkt an der Gurgel. Die zu Tode erschrockenen Frauen kreischten laut
auf und drängten von den Raufenden weg.
In wenigen Minuten waren die Pawljuk-Leute entwaffnet, verprügelt, in den
Pawljuk hatte bei der Schlägerei sein
e Pelzmütze eingebüßt, man hatte ihm
Der Abend war verdorben. Keinem kam es
in den Sinn, sich nach diesen Vor­
gängen noch zu amüsieren. Die Frauen weigerten sich zu tanzen und verlang­
ten, daß man sie nach Hause begleite;
aber Golub zeigte sich bockbeinig.
»Niemand wird aus dem Saal hina
usgelassen! Stellt Posten auf!«
Paljanyza beeilte sich, de
m Befehl nachzukommen.
Auf die zahlreichen Proteste antwortete Golub eigensinnig einige Male: [83]
»Es wird weitergefeiert bis zum Morg
en, meine Damen und Herren. Ich werde
selbst den ersten Walzer tanzen.«
Kaum hatte der Oberst eine Runde mit der Popentochter getanzt, als die
Posten zur Tür hereinstürmten mit den Rufen:
»Die Pawljuk-Leute umzingeln das Theater.«
Das nach der Straße gelegene Fenster neben der Bühne zersprang klirrend. Im
Fensterrahmen erschien der Lauf eines Ma
schinengewehrs. Alle stürzten in die
Mitte des Saales.
Paljanyza schoß nach der 1000-Watt-Birne an der Decke, diese platzte wie
Tiefe Finsternis.
Von der Straße her hörte man schreien:
»Alles auf den Hof hinaus!«, und es folgte ein wüstes Geschimpfe.
Das tolle, hysterische Gekreisch der Frau
en, die wütenden Befehle des im Saal
herumrennenden Golub, der versuchte,
die kopflos gewordenen Offiziere um
sich zu sammeln, die Schüsse und Rufe auf dem Hof – all dies verschmolz zu
unglaublichem Lärm. Niemand hatte bemerkt, wie Paljanyza durch eine Hin­
tertür auf die Nebenstraße hinausgeschlüpft war und zum Stab Golubs rannte.
Nach einer halben Stunde tobte in de
r Stadt ein regelrechtes Gefecht. Die
nächtliche Stille wurde durch ununterb
Allmählich hörte die Schießerei auf. Nur am Rand der Stadt war noch hin
und wieder das kurze Gebell eine
s Maschinengewehrs zu hören.
Der Kampf ließ nach. Der Morgen dämmerte schon …
Gerüchte über einen Pogrom gingen um
in der Stadt. Sie gelangten auch in
die niedrigen jüdischen Häuschen mit den schiefen Fenstern, die wie ange­
klebt am schmutzigen Flußabhang hockten. In diesen Schachteln, die sich
Häuser nannten, kampierte in unglaublicher Enge die jüdische Armut.
In der Druckerei, in der Serjosha Brussh
n in bestem
Einvernehmen. Alle hielten kameradsch
aftlich wie eine Familie gegen den
Unternehmer, den dicken, selbstzufriedenen Herrn Blumstein, zusammen.
Zwischen ihm und den Druckereiarbeitern spielte sich ununterbrochen ein
zäher Kampf ab. Blumstein war bestrebt
»Weißt du, daß es in der Stadt zu Pogromen kommen wird?«
Serjosha blickte erstaunt auf.
»Nein, davon weiß ich nichts.«
Mendel legte seine knochige gelbe Hand
auf Serjoshas Schulter und sagte in
väterlich vertraulichem Ton:
»Es wird ganz bestimmt dazu kommen. Das ist klar. Sie werden die Juden
umbringen. Ich frage dich: Willst du deinen Kollegen in
oder nicht?«
»Natürlich will ich das, wenn ich nur kann. Mendel, sag mir, was ich tun
»Du bist ein feiner Kerl, Serjosha, wir
vertrauen dir. Dein Vater ist ja auch
Arbeiter. Lauf sofort nach Haus und sprich mit deinem Vater, frag ihn, ob er
bereit ist, einige alte Leute und Frau
en bei sich zu vers
tecken. Wir werden
dann vorher ausmachen, wen wir bei euch unterbringen. Berate dich dann
noch mit den Deinen, bei wem man noch Leute verbergen kann. Lauf schnell,
Serjosha, jede Minute ist kostbar.«
»Gut, Mendel, kannst auf mich rechnen. Ich renne sofort zu Pawka und
Klimka. Sie werden bestimmt auch jemanden aufnehmen.«
»Wart einen Augenblick«, sagte Mendel beunruhigt und hielt den schon auf­
brechenden Serjosha zurück.
»Wer ist das – Pawka und Klimka? Kennst du die beiden gut?«
»Das sind meine Freunde; der Bruder von Pawka Kortschagin ist Schlosser.«
»Ah, Kortschagin«, meinte Mendel beruhigt, »den kenne ich. Ich habe [85]
mal zusammen mit ihm in einem Haus gewohnt. Dem kann man vertrauen.
Geh, Serjosha, und bring uns bald Bescheid.«
Serjosha rannte los.
Die Pogrome nahmen am dritten Tag nach dem Gefecht zwischen den Pawl-
juk-Leuten und der Golub-Abteilung ihren Anfang.
Der geschlagene und aus de
r Stadt vertriebene Pawljuk hatte sich mit seinen
Leuten zurückgezogen und die Nachbarortschaft besetzt. Bei dem nächtlichen
Kampf hatte er zwei Dutzend Mann verl
oren. Ebensogroß war der Verlust der
Die Toten wurden eiligst auf den Friedh
of gebracht und noch am selben Tag
ohne besondere Feierlichkeiten beerdigt, denn man hatte keinen Grund, viel
Aufhebens zu machen. Zwei Atamane
waren einander wie toll gewordene
Hunde an die Gurgel gefahren. Keine Urs
ache, das Begräbnis groß aufzuziehen.
Paljanyza verlangte zwar Begräbnisfeier
lichkeiten, wobei er die Pawljuk-Leute
zu roten Banditen erklärt haben wollte,
aber das Komitee der Sozialrevolutio­
näre, dem der Pope Wassili
vorstand, war dagegen.
Der nächtliche Zusammenstoß hatte in Golubs Regiment Unzufriedenheit
hervorgerufen, besonders unter der Hundertschaft der Leibwache Golubs,
deren Verluste an Toten am größten waren. Um diese Unzufriedenheit zu
beseitigen und die Stimmung zu heben,
machte Paljanyza dem Obersten den
Vorschlag, »das Leben zu erleichtern«, wie er höhnisch die Veranstaltung eines
Pogroms nannte. Er berief sich auf die in der Abteilung herrschende schlechte
Stimmung und suchte so Golub die Notw
endigkeit eines Pogroms zu beweisen.
Angesichts der bedrohlichen Lage gab
der Oberst, der anfangs nicht gewillt
gewesen war, vor seiner Hochzeit mit
der Gastwirtstochter die Ruhe in der
Stadt zu stören, schließlich seine Zustimmung.
Die geplante Aktion kam dem Herrn Oberst
auch wegen seines Eintritts in die
Partei der Sozialrevoluti
onäre ein wenig ungelegen. Auch könnten seine
Feinde noch unliebsames Gerede über
ihn verbreiten, daß er, Golub, ein Pog­
romanstifter sei, und bestimmt würden sie ihn beim Hauptataman anschwär­
zen. Einstweilen jedoch war Golub nur sehr wenig vom Hauptataman abhän­
gig, er versorgte sich mit seiner Bande auf eigene Rechnung und Gefahr.
Außerdem wußte der Hauptataman nur zu
gut, was für Gelichter in seinem
Dienst stand, und er hatte auch selbst
mehr als einmal die Bedürfnisse des
Direktoriums aus sogenannten »Requi
sitionen« befriedigt. Was übrigens
Die Plünderei begann am frühen Morgen.
Das Städtchen lag noch im grauen Morgendunst.
Die einsamen, menschenleeren Straßen durchzogen gleich durchnäßten Lei­
nenstreifen kreuz und quer die ungleich
mäßig gebauten jüdischen Viertel. Die
kleinen Fenster mit den blinden Scheiben waren verhängt und die Fensterlä­
den fest verschlossen.
Äußerlich schienen die Viertel in tiefem Schlaf zu liegen. Drinnen in den
Häuschen jedoch schlief keiner. Dicht
aneinandergedrängt saßen die Familien
in einem der Stübchen. Nur die ganz kl
einen Kinder, die von all dem, was um
sie herum vorging, nichts verstanden, schliefen sorglos und ruhig in den
Armen ihrer Mütter.
An diesem Morgen mußte sich Salomy
ga, der Chef der Golubschen Leib­
wache – ein schwarzhaariger Bursche
mit einem Zigeunergesicht und einer
graublauen, von einem Säbelhieb stamme
nden Narbe auf der Wange -, lange
abmühen, bis er Golubs Adjutanten Paljanyza aus dem Schlaf reißen konnte.
Der Adjutant war noch nicht zu sich gekommen. Ein dummer Traum quälte
ihn und ließ ihn nicht los. Ein buckliger
Teufel mit scheußlich verzerrter Fratze
hatte sich an seiner Kehle festgekrallt und ihm die ganze Nacht keine Ruhe
gelassen. Als er schließlich den zum Zerspringen schmerzenden Kopf erhob,
wurde ihm klar, daß Salomyga ihn weckte.
»Los, steh auf, verdammt noch mal!« Salomyga schüttelte ihn derb an der
Schulter.
»Es ist schon spät. Man muß endlich anfangen. Hast wohl zuviel gesoffen,
was?«
»Was ist denn los, womit sollen wir anfangen?« Verständnislos glotzte er
Salomyga an.
»Was los ist? Wir wollen uns doch heute die Juden vornehmen. Hast du das
Paljanyza dachte nach. Ach ja, richtig das hatte er ganz vergessen.
Gestern abend war auf dem Gutshof, auf den sich der Pan Oberst mit seiner
Braut und einem Haufen Saufkumpanen
zurückgezogen hatte, ein mächtiges
Gelage abgehalten worden.
Golub hatte es nämlich vorgezogen, während des Pogroms die Stadt zu ver­
lassen; so konnte er sagen, daß in se
iner Abwesenheit ein Mißverständnis
geschehen wäre, und Paljanyza würde die Sache schon [87] deichseln. Oh,
dieser Paljanyza war ein sehr erfahren
er Fachmann, was die »Lebenserleichte­
Paljanyza goß sich einen Eimer Wasser
über den Kopf und konnte allmählich
seine Gedanken sammeln. Bald lief er au
ch schon im Stab umher und erteilte
verschiedene Befehle.
Die Leibwache war bereits aufgesessen.
Um Komplikationen zu vermeiden,
hatte der vorsorgliche Paljanyza Befehl
erteilt, die Wege aus der Arbeitersied­
lung und vom Bahnhof in die Stadt zu bewachen.
Im Garten des Leszczynskischen Haus
es wurde ein Maschinengewehr aufge­
stellt, dessen Lauf auf die Landstraße ge
Als alle Vorbereitungen beendet waren, schwangen sich der Adjutant und
Salomyga aufs Pferd.
»Halt, beinah hätt ich was vergessen. Her mit zwei Wagen. Wir wollen doch
Golub ein Hochzeitsgeschenk mitbringen.« Er lachte.
»Die erste Beute kriegt wie immer der Kommandeur, und das erste Weib, das
kriege ich, sein Adjutant. Hast du's
verstanden, du dämlicher Trottel?«
Das bezog sich auf Salomyga.
Dieser funkelte ihn aus seinen gelblichen Augen an.
»Es wird schon für alle reichen.«
Sie ritten auf der Chaussee, an der Spit
ze der Adjutant und Salomyga, hinter
Seine feingliedrige graue Stute stampfte unruhig mit den Hufen aufs Pflaster.
»Nun, mit Gottes Hilfe, hier fangen wir an«, sagte Paljanyza und saß ab.
»Los, Jungs, runter von den Pferden«, wandte er sich an die Begleitmann­
schaft.
»Gleich wird die Vorstellung beginnen. Herrschaften, haut aber niemandem
den Schädel ein. Dazu ist später noch Zeit genug. Na, und die Weiber – wenn
Einer der Leute fletschte die kräftigen Zähne und wandte ein:
»Aber wieso denn, Pan Fähnrich, vielleicht haben die selber Lust dazu?« [88]
Wieherndes Gelächter ringsum. Paljanyz
a blickte den Sprecher begeistert an.
»Natürlich, wenn die selber Lust haben, dann los, das kann euch niemand
verbieten.«
Paljanyza ging zu der verschlossenen La
dentür und stieß heftig mit dem Fuß
dagegen. Die starke Eichentür rührte sich nicht einmal.
Der Anfang mußte woanders gemacht we
rden. Der Adjutant bog um die Ecke
und wandte sich, den Säbel in der Faust, zu der Haustür, die in die Räume des
Geschäftsinhabers führte. Salomyga folgte ihm.
Die Hausbewohner hatten schon längst das Stampfen der Pferdehufe auf dem
Drei Menschen waren in dem Haus. Der reiche Fuchs war schon am vorange­
gangenen Abend mit Frau und Töchtern aus der Stadt geflohen. Zu Hause
gelassen hatte er das schüchterne und
stille Dienstmädchen, die neunzehnjäh­
rige Riwa, die ihm Hab und Gut hüten sollte. Damit sie sich in der leeren
Wohnung nicht fürchte, hatte er ihr geraten, ihre alten Eltern zu sich zu neh­
men und bis zu seiner Rückkehr zu dritt in der Wohnung zu bleiben. Der
durchtriebene Kaufmann versuchte die
nur schwach widerstrebende Riwa
damit zu beruhigen, daß es vielleicht gar nicht zu einem Pogrom kommen
würde – was sei schon bei den Armen zu holen? Und nach seiner Rückkehr
würde er ihr Stoff für ein neues Kleid schenken.
Alle drei im Haus lauschten in qualvo
ller Hoffnung: Vielleicht reiten sie vor­
über, vielleicht haben sie sich geirrt, vielleicht haben die da gar nicht vor
ihrem Haus haltgemacht? Vielleicht ist alles nur eine Sinnestäuschung? In dem
Moment aber erdröhnte, wie um all ihre Hoffnung zunichte zu machen, ein
dumpfer Schlag gegen die Ladentür.
Der alte schlohweiße Peisach, der mit kindlich erschrockenen blauen Augen
Ein dröhnender, grober Stoß gegen die Tür ließ die beiden Alten zusammen­
fahren.
»Aufmachen!« Es folgte ein zweiter Stoß, noch derber als der erste, und das
Fluchen wütender Stimmen.
Aber die Alten waren nicht imstande, die Hand zu heben und den Riegel bei­
seite zu schieben.
Nun wurde mit Gewehrkolben gegen di
Als die Fuhren mit Stoffen, Schuhen und anderer Beute voll beladen waren,
schaffte Salomyga alles in Golubs Wo
hnung. Bei seiner Rückkehr ins Haus
hörte er einen verzweifelten Aufschrei.
Paljanyza hatte seinen Leuten die weit
ere Plünderung des Ladens überlassen
und war ins Zimmer gegangen. Er musterte die drei dort mit seinen grünlichen
Luchsaugen und sagte, zu den Alten gewandt:
»Schert euch weg!«
Weder der Vater noch die Mutter rührten sich.
Paljanyza trat auf sie zu und zog
langsam den Säbel aus der Scheide.
»Mutter!« schrie die Tochter mit durchdringender Stimme.
Dies war der Schrei, den Salomyga vernommen hatte.
Paljanyza wandte sich an seine herbei
geeilten Kumpane und befahl kurz, auf
die Alten weisend:
»Schmeißt die raus!« Und als diese mit Gewalt aus der Tür gedrängt waren,
sagte Paljanyza zu dem hinzugekommenen Salomyga:
»Bleib eine Weile vor der Tür stehen – ich werde einige Worte mit dem Mädel
Als der alte Peisach einen Schrei hörte und zur Tür stürzte, traf ihn ein schwe­
rer Schlag gegen die Brust und schleuderte ihn an die Wand. Dem Alten ver­
ging vor Schmerz der Atem. Da warf sich
die sonst immer so schüchterne alte
Toiba wie eine Wölfin auf Salomyga:
»Was tun Sie, was tun Sie! Lassen Sie mich durch!«
Sie stürzte zur Tür, und Salomyga war nicht imstande, ihre krampfhaft in sei­
nen Überrock gekrallten Greisenfinger zu lösen.
Peisach, wieder zur Besinnung
gekommen, eilte ihr zu Hilfe.
»Lassen Sie, lassen Sie uns durch! Oh, meine Tochter!«
Mit vereinten Kräften schoben sie Salo
myga von der Tür weg. Wütend riß
Aus dem Zimmer drangen Riwas gellende Schreie.
Als Toiba, die ihrer Sinne nicht mehr mächtig war, hinausgeschleppt wurde,
hallten ihre unmenschlichen Schreie und Hilferufe über die ganze Straße.
Im Haus war es still geworden.
Als Paljanyza das Zimmer verließ, sagt
e er, ohne Salomyga anzusehen, der
schon nach der Türklinke griff:
»Geh nicht rein – mit der ist's aus. Ich habe sie ein bißchen mit dem Kissen
zugedeckt.« Er schritt über den Leichnam des alten Peisach hinweg und trat in
eine dicke dunkle Flüssigkeit.
»Hm, das war kein guter An
fang«, bemerkte er, als er auf die Straße hinaus­
Schweigend folgten ihm die übrigen. Ihre Füße ließen blutige Spuren auf
Fußboden und Stufen zurück.
In der Stadt war bereits die Hölle los.
Es kam zu einem kurzen Handgemenge
unter den Plünderern, die sich über di
e Verteilung der Beute nicht einig wer­
den konnten. Hier und da wurden Säbel ge
zückt, und fast überall gab es wüste
Schlägereien.
Aus einer Kneipe wurden große eichen
e Fässer aufs Straßenpflaster gerollt.
Dann ging's von Haus zu Haus.
merchen, durchstöberten hastig alle Winkel und verließen dann, mit allen
möglichen Gegenständen beladen, die Häuser, in denen außer Haufen von
Am Abend war die gesamte bunt zusa
mmengewürfelte Meute bis zur Besin­
nungslosigkeit besoffen. In dieser Ve
Die Nacht ließ ihnen völlig freie Hand.
In der undurchdringlichen Finsternis
gehen Mord und Totschlag leichter vonstatten. Auch Schakale ziehen die
Nacht bei ihren Raubzügen vor und falle
n nur die bereits dem Tode Geweihten
an.
Und nur ganz unten am Fluß, in dem Häuschen des Schmiedes Naum,
stießen die Banditen, als sie seine jung
e Frau Sara überfielen, auf den erbit­
zig Jahre, mit den stahlharten Muskeln des geübten Hammerschlägers, wollte
seine Gefährtin unter keinen Umständen hergeben.
In dem kleinen Haus kam es zu einem ku
rzen, aber erbitterten Gefecht, wobei
In dem Städtchen tauchten, die wohlgenährten Pferde vor den Wagen
gespannt, Großbauern aus den umliegenden Dörfern auf und be- [93] luden
ihre Fuhrwerke mit allem, was ihr Gefallen erregte. Von ihren Söhnen und
Verwandten aus der Golub-Abteilung beglei
Als Serjosha Brusshak, der gemeinsam
mit seinem Vater die Hälfte seiner
Kollegen aus der Druckerei im Keller und auf dem Boden verborgen hatte,
durch den Gemüsegarten auf sein Häus
chen zuging, erblickte er auf der
Chaussee einen flüchtenden Mann.
Die Arme schwenkend, in einem langschößigen, geflickten Überrock, ohne
Mütze, rannte dort keuchend ein alter Ju
de, mit totenbleichem Gesicht, gejagt
von einem Petljura-Mann auf einem grauen Pferd, der gerade zum Schlag aus­
holen wollte. Als der Alte das Pferd dich
t hinter sich hörte, machte er eine
Handbewegung, als wollte er sich vor dem drohenden Hieb schützen. Serjosha
lief auf die Chaussee, sprang schützend
vor den Alten und warf sich dem Pferd
entgegen:
»Untersteh dich, du Bandit, du Hund!«
t daran dachte, den Säbelhieb aufzuhalten, ließ die
flache Klinge auf den weißblonden Kopf des Jungen niedersausen. [94]
Die Menschen atmeten ein wenig auf.
Die jüdische Bevölkerung benutzte die
augenblickliche Ruhe, um ihre Toten
zu begraben. In den Häusern der jüdisc
hen Stadtviertel erwachte wieder das
Leben.
n dumpfes Gedröhn vernehmen.
he wurde gekämpft.
Die Eisenbahner verließen die Bahnstation und begaben sich auf Arbeitssuche
in die umliegenden Dörfer.
Das Gymnasium war geschlossen.
Über das Städtchen wurde der Belagerungszustand verhängt.
Es war eine unfreundliche, finstere Nacht – eine von jenen Nächten, in denen
sich Menschen nur blindlings tastend
vorwärts bewegen und riskieren, bei
jedem Schritt kopfüber in einen Graben zu stürzen.
In solchen Nächten sollte man lieber schön zu Hause bleiben und nicht
unnötig Licht brennen, sagen sich die Spießer. Es könnte sonst ein uner­
wünschter Gast angelockt werden. Am besten ist's, man sitzt im Dunkeln, das
In einer solchen Nacht hastete ein Mann durch die Straßen. [95]
Vor dem Haus der Kortschagins blieb
er stehen. Behutsam klopfte er ans
Fenster. Als keine Antwort erfolgte, kl
opfte er zum zweitenmal, stärker und
nachdrücklicher, daß die Fensterscheiben klirrten.
Pawel sprang aus dem Bett und trat ans Fenster. Vergebens bemühte er sich
festzustellen, wer da klopfte. Außer einer dunklen, undeutlichen Silhouette
konnte er nichts erkennen.
Er war allein zu Haus. Die Mutter war zu der ältesten Tochter gefahren, deren
Mann in einer Zuckerfabrik als Maschinist angestellt war, und Artjom arbeitete
im Nachbardorf als Schmied.
Der da klopfte, konnte nur Artjom sein.
Pawel entschloß sich, das Fenster zu öffnen. [96]
»Wer ist da?« rief er in die Finsternis hinaus.
Jemand trat dicht ans Fenster, und eine rauhe, gedämpfte Baßstimme erwi­
derte:
»Ich bin's – Shuchrai. Ich möchte bei dir übernachten. Nimmst du mich auf,
Pawluscha?«
»Aber natürlich«, antwor
»Was gibt's da lange zu reden? Kle
ttere gleich durchs Fenster rein.«
Fjodors schwere Gestalt zwängte sich durch die Fensteröffnung.
Als Shuchrai hinter sich zugemacht hatte, ging er nicht sofort vom Fenster
Er stand und lauschte, und als der Mond aus den Wolken hervortrat und man
die Straße sehen konnte, musterte er si
e aufmerksam. Dann wandte er sich an
Pawel.
»Aber werden wir deine Mutter nicht wecken? Sie schläft doch sicherlich.«
»Diese Schinder sind hinter mir her. Sie möchten mit mir wegen der letzten
Affäre auf der Station abrechnen. Wenn die Arbeiter besser zusammenhalten
würden, hätten wir den Grauröcken während des Pogroms schon den richti­
gen Empfang bereiten können. Aber, verstehst du, die Leute können sich noch
immer nicht zum Kampf entschließen. So ist die Sache in die Brüche gegan­
gen. Jetzt sind sie hinter mir her. Zweimal haben sie schon Jagd auf mich
gemacht. Heute war ich ihnen um ein Haar in die Arme gelaufen. Ich komme
da, weißt du, nach Haus, natürlich vom Hinterhof her, und bleib am Schup­
pen stehen, schau mich vorsichtig um, und da bemerke ich einen im Garten,
dicht an einen Baum gedrückt, aber ich hab gleich das Bajonett gesehen.
Natürlich hab ich mich aus dem Staub gemacht. So bin ich zu dir gekommen.
Hier, mein Freund, möchte ich ein paar Tage vor Anker liegen. Du hast nichts
dagegen? – Ausgezeichnet!«
Shuchrai zog schnaufend die schmutzstarrenden Stiefel aus.
Pawel freute sich über Shuchrais Ersche
Sie legten sich schlafen. Pawel schlief
sofort ein, Fjodor rauchte noch lange.
Dann erhob er sich vom Bett und trat barfuß, wie er war, leise ans Fenster.
Lange schaute er auf die Straße. Als er si
ch wieder niedergelegt hatte, schlief er,
von Müdigkeit überwältigt, sofort ein. Seine Hand lag unter dem Kissen auf
dem schweren Revolver und erwärmte ihn. [97]
Shuchrais plötzliches Auftauchen in der Nacht und das gemeinsame Leben,
das Pawel und er acht Tage lang miteinander führten, war für den jungen Hei­
zer von großer Bedeutung. Er erfuhr zu
m erstenmal in seinem Leben von dem
Matrosen so viel Erregendes, Wichtiges
und Neues, daß diese Tage für ihn ent­
scheidend werden sollten.
Der Matrose, dem von allen Seiten aufgelauert wurde und der sich jetzt so gut
wie in einer Mausefalle befand, benutz
das ganze Feuer seines Zorns und sein
es lodernden Hasses gegen die »Gelb-
Blauen«, die Würger und Unterdrücker
Shuchrai sprach immer klar, treffend, verständlich und mit einfachen Wor­
ten. Ungelöste Probleme gab es für ihn nicht. Der Matrose wußte genau, wel­
chen Weg er zu gehen hatte, und Pawel begann zu begreifen, daß dieser ganze
Knäuel verschiedener Parteien mit den wohltönenden Namen – Sozialrevoluti­
onäre, Menschewiki, Polnische Sozialisti
sche Partei –, daß das alles erbitterte
Feinde der Arbeiter waren und daß es nur
eine einzige revolutionäre Partei gab,
die unerschütterlich gegen a
lle Reichen kämpfte – die Partei der Bolschewiki.
Der baltische Matrose Fjodor Shuchrai, um dessen Nase so mancher Seesturm
gepfiffen hatte und der seit 1915 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiter­
partei Rußlands (Bolschewi
ki) war, zeigte dem jungen Heizer nun die unerbitt­
liche Wahrheit des Lebens.
»Ja, Pawka, als Junge war ich auch so
einer wie du«, sa
gte er. »Ich wußte
nicht, wohin mit meinen Kräften. Wir hatten ein Hungerleiderleben, und
wenn man sich da die satten, fein herausgeputzten Herrensöhnchen
anschaute, packte einen die Wut. So manches Mal habe ich sie erbarmungslos
zusammengehauen. Aber dabei kam nichts heraus, außer einer ordentlichen
Tracht Prügel von meinem Vater. Wenn man sich als einzelner herumschlägt,
kann man das Leben nicht ändern. Du hast das Zeug dazu, Pawluscha, ein
guter Kämpfer für die Arbeitersache zu we
rden. Bist noch sehr jung und hast
sehr unklare Vorstellungen vom Klassenkampf. Ich werde dir schon den richti­
gen Weg zeigen, Pawluscha, weil ich we
Dann stand er auf und schritt, die Hände in den Taschen, grimmig im Zim­
mer auf und ab.
Die Untätigkeit war für Fjodor eine Qual. Er bedauerte sehr, in diesem Städt­
chen geblieben zu sein, und da er seinen
weiteren Aufenthalt hier als zwecklos
In der Stadt war eine aus neun Parteimi
tgliedern bestehende
Die werden auch ohne mich auskommen. Ich kann nicht mehr mit den
Händen im Schoß dasitzen. Genug, daß ich zehn Monate hier totgeschlagen
habe, dachte Shuchrai ärgerlich.
»Was bist du eigentlich für einer, Fjodor?« fragte Pawel ihn eines Tages.
Shuchrai begriff nicht sogleich, was Pawel damit meinte.
»Weißt du etwa nicht, was ich für einer bin?«
»Ich denke, daß du ein Bolschewik
Shuchrai lachte auf und schlug sich belustigt an seine breite Brust, die in
einem gestreiften Matrosensweater steckte.
»Das ist mir klar, Kleiner! So wie es klar ist, daß Bolschewik und Kommunist
ein und dasselbe ist.« Gleich
darauf wurde er ernst.
»Wenn du das aber verstehst, so denke daran, daß du mit niemandem und
nirgends darüber sprechen darfst, wenn du nicht willst, daß man mich einen
Kopf kürzer macht. Hast du begriffen?«
Auf dem Hof wurden Stimmen laut, die
Tür wurde ohne vorheriges Klopfen
geöffnet. Shuchrais Hand verschwand rasch in der Hosentasche, kam aber
gleich wieder zum Vorschein. Im Zimme
r erschien Serjosha Brusshak mit ver­
bundenem Kopf, blaß und abgemage
rt. Ihm folgten Walja und Klimka.
»Guten Tag«, sagte Serjosha und reichte Pawel lächelnd die Hand.
»Wir besuchen dich heute zu dritt. Wa
lja läßt mich nicht allein gehen, hat
Angst um mich. Und Klimka läßt wieder Walja nicht allein weg, hat auch
Angst. Obwohl er ein Dummerjan ist, weiß er doch genau, wo und für wen es
gefährlich ist, allein zu gehen.« Walja hielt ihm scherzend mit der Hand den
»Ist das aber [99] ein Quatschkopf.« Sie lachte.
»Er läßt Klimka heute den ganzen Tag keine Ruhe.«
Klimka lachte gutmütig und zeigte
dabei zwei Reihen weißer Zähne.
»Was kann man schon viel von einem Kranken verlangen. Das Oberstübchen
ist beschädigt, und so quatscht er eben.«
Alle lachten.
Serjosha, der sich von dem Säbelhieb noch nicht ganz erholt hatte, machte es
sich auf Pawels Bett bequem. Bald waren a
lle in ein lebhaftes Gespräch vertieft.
Der sonst immer so lustige und muntere Serjosha erzählte jetzt Shuchrai ruhig
Shuchrai kannte alle drei Besucher. Er war mehr als einmal bei Brusshaks
gewesen. Ihm gefiel diese Jugend, die
zwar im Strudel des Kampfes ihren Weg
noch nicht gefunden, aber die Ziele ih
rer Klasse klar erkannt hatte. Aufmerk­
sam hörte er den Erzählungen der jungen Leute zu, erfuhr, wie ein jeder von
ihnen geholfen hatte, jüdisc
he Familien bei sich zu verbergen, um sie vor dem
Shuchrai pflegte beim Dunkelwerden die Wohnung zu verlassen und erst
nachts zurückzukehren. Er hatte vor se
iner Abreise mit den zurückbleibenden
Genossen ihre künftige Arbeit zu besprechen.
In dieser Nacht kehrte Shuchrai nicht zurück. Als Pawel am Morgen erwachte,
Von einer bangen Ahnung gepackt, zog er sich schnell an und verließ das
Haus. Er verschloß die Wohnung, legte den Schlüssel auf den vereinbarten
Platz und lief zu Klimka. Er hoffte dort
»Habe wohl nichts anderes zu tun, als mich darum zu kümmern, wo dein
Klimkas Mutter hatte eine böse Zunge.
Pawel ging zu Serjosha und teilte ihm
Walja mischte sich ins Gespräch: »Warum bist du so unruhig? Er ist wahr­
scheinlich bei Bekannten geblieben.« Aber
ihre Stimme klang nicht sehr über­
zeugend.
Pawel hielt es nicht lange bei Brusshak
s aus. Trotz der wiederholten Aufforde­
rung, zum Mittagessen zu bleiben, ging er nach Haus, in der leisen Hoffnung,
Shuchrai zu treffen.
Die Tür war jedoch verschlossen. Niederge
schlagen blieb er stehen; es wider­
Nachdenklich verweilte er ein paar Minuten auf dem Hof. Irgendein unklares
Gefühl trieb ihn zum Schuppen. Er kle
tterte auf die Dachba
lken, zerstörte die
vielen Spinngewebe und zog die in La
ppen eingewickelte schwere Mannlicher-
Pistole aus dem Winkel hervor, wo er sie versteckt hielt.
Dann verließ er den Schuppen und begab sich, die erregende Schwere der
Waffe in der Tasche spürend, zum Bahnhof.
Auch dort konnte er nichts über Shuchrai erfahren. Wieder trat er den Heim­
weg an. Nicht weit von dem Haus des Oberförsters verlangsamte er seine
Schritte. In einer ihm selbst nicht ganz klaren Hoffnung schaute er auf die
Fenster, aber Garten und Haus schien
en menschenleer. Als er am Haus vor­
übergegangen war, blickte er noch
einmal auf die mit vorjährigem Laub
en machte einen öden und vernachläs­
sigten Eindruck. Es war deutlich zu se
hen, daß die sorgsame Hand des Haus­
herrn fehlte. Diese Stille und Verlassenhe
it des großen alten Hauses stimmten
Pawel noch wehmütiger.
Während Pawel zur Stadt schlenderte,
die Hände tief in den Hosentaschen,
erinnerte er sich daran, wie es
zu dem Streit gekommen war.
Bei einer zufälligen Begegnung auf der St
raße hatte ihn Tonja aufgefordert, sie
zu besuchen:
»Die Eltern sind heute bei Bolschanskis zum Namenstag eingeladen. Ich
werde allein zu Haus sein. Komm doch,
Pawluscha. Wir werden ein interessan­
tes Buch von Leonid Andrejew, »Saschka Shigulew', zusammen lesen. Ich
kenne es schon, aber mit dir lese ich es gern noch einmal. Das wird bestimmt
ein netter Abend. Wirst du kommen?«
Unter der weißen Mütze, die fest au
f dem dichten kastanienbraunen Haar
saß, blickten ein Paar große Augen Pawel erwartungsvoll an.
»Ja, ich werde kommen.« [101]
Pawel eilte zu seinen Maschinen. Die Aussicht, einen ganzen Abend mit
Tonja zu verbringen, gab allem ein festliches Gepräge. Die Feuerung schien
heller zu brennen, das Holz
fröhlicher zu knistern.
An jenem Abend hatte Tonja selbst die
»Ich habe Besuch bekommen. Ganz unerwartet. Aber du sollst deshalb nicht
weggehen, Pawluscha.«
Pawel drehte sich um und wollte sofort wieder verschwinden.
»Nein, komm herein«, sagte sie und hielt ihn fest.
»Es wird für sie ganz nützlich sein, dich kennenzulernen.« Sie legte den Arm
um ihn und führte ihn durchs Eßzimmer in ihr eigenes Zimmer.
»Darf ich vorstellen? Das ist mein Freund Pawel Kortschagin.«
Um den in der Mitte des Zimmers stehenden kleinen Tisch saßen Lisa
Auch Leszczynski erkannte Pawel glei
ch und hob erstaunt die schmalen,
geschwungenen Brauen.
Einige Sekunden stand Pawel schweigend
an der Tür und blickte Viktor feind­
selig an. Tonja beeilte sich, diesem pein
lichen Schweigen ein Ende zu bereiten,
»Macht euch bitte miteinander bekannt.«
Pawel drehte sich jedoch schroff um un
d schritt hastig durch das halbdunkle
Eßzimmer zur Haustür. Erst auf der Treppe holte ihn Tonja ein. Sie hielt ihn
fest und sagte erregt:
»Weshalb gehst du fort? Mir lag ja gerade daran, daß sie dich kennenlernen.«
Doch Pawel schob ihre Hände
»Was stellst du mich zur Schau vor solchen Laffen? Mit dieser Gesellschaft
will ich nichts zu tun haben. Dir mögen sie ja sympathisch [102] sein, aber ich
kann sie nicht ausstehen. Ich wußte nicht, daß das deine Freunde sind, sonst
wäre ich niemals zu dir gekommen.«
Tonja unterbrach ihn und hielt nur mit Mühe ihre Empörung zurück:
»Wer erlaubt dir, so mit mir zu sprechen
? Habe ich dich vielleicht gefragt, mit
Während Pawel die Stufen zum Garten hinunterging, warf er böse hin:
»Sollen sie meinetwegen zu dir kommen, aber ich komme nicht mehr zu dir!«
Und er lief zur Gartenpforte.
Seitdem hatte er Tonja nicht mehr gesehen. In den Tagen des Pogroms, als er
hielten, hatte er seinen Streit mit Tonj
a vergessen. Heute hätte er sie gern wie­
dergesehen.
Shuchrais Verschwinden und die ihn in der Wohnung erwartende Einsamkeit
Die graue Fahrstraße, deren zahlreiche Schlaglöcher mit flüssigem braunem
Schlamm angefüllt waren, bog rechts ab.
Hinter einem auf die Chau
ssee weit vorspringenden Haus mit abgebröckelten
grindigen Wänden kreuzten sich zwei Straßen.
Am Kreuzweg, bei dem zerstörten Kiosk mit der eingedrückten Tür und dem
auf dem Kopf stehenden Schild, das die
Aufschrift »Mineralwasser« trug, ver­
Er hielt ihre Hand in der seinen fest, sc
haute ihr tief in die Augen und fragte:
»Sie werden also kommen? Sie halten mich nicht zum Narren?«
»Ja, ja, ich werde kommen, Sie können mich erwarten.«
Beim Weggehen lächelte sie ihn abermals mit ihren verschleierten braunen
Augen verheißungsvoll an.
Als Lisa etwa zehn Schritte gemacht ha
tte, sah sie aus der Querstraße zwei
Männer auf die Chaussee herauskommen: Voran schritt ein stämmiger, breit­
schultriger Arbeiter in einem offenen Jackett, aus dem ein gestreifter Matrosen­
sweater hervorlugte. Die dunkle Mütze hatte er tief in die Stirn gedrückt. An
einem Auge hatte er einen gr
oßen dunkelblauen Fleck.
Mit geringem Abstand folgte ein Petljura-Mann in grauem Über- [103] rock,
mit zwei Patronentaschen am Gürtel. Se
in Bajonett berührte fast den Rücken
des vor ihm gehenden Arbeiters.
Unter der zottigen Pelzmütze hervor sc
hauten zwei Äuglein unverwandt auf
den Gefangenen. Der von Machorka gelbe Schnurrbart sträubte sich nach bei­
den Seiten.
Lisa verlangsamte ein wenig ihre Schritte und ging auf die andere Straßen­
seite hinüber.
Da tauchte hinter ihr Pawel auf der Chaussee auf.
Als er den Weg nach rechts zu seinem
Haus einschlagen wollte, bemerkte
auch er die beiden Männer. Seine Füße ve
rsagten ihm fast den Dienst – er hatte
in dem Vorangehenden sofort Shuchrai erkannt.
Deshalb ist er also nicht zurückgekehrt!
Shuchrai kam immer näher. Pawels Herz hämmerte wild. Tausend Gedanken
wirbelten ihm im Kopf herum. Er konnte sie weder zu Ende denken noch for­
mulieren. Eins schien klar: Shuchrai war verloren.
Pawel blickte auf die Näherkommenden und konnte nicht Herr seiner
Gedanken werden.
Was tun?
»Und dazu braucht man tapfere Kerle …?«
Pawel blickte sich schnell um. Die zur Stadt führende Straße war leer. Keine
Menschenseele weit und breit. Vor ihm
lief eine weibliche Gestalt in kurzem
Frühjahrsmantel. Die konnte seinem Vorhaben nicht hinderlich sein. Nur ganz
weit entfernt, auf dem Weg zum Bahnhof, bemerkte er einige Gestalten.
Pawel trat an den Rand der Chaussee. Shuchrai sah ihn erst, als er schon in
»Na, los, vorwärts, sonst heiz ich dir mit dem Kolben ein!« schrie der Begleit­
soldat.
Shuchrai ging rascher. Er wollte Pawe
Um nicht die Aufmerksamkeit des Kerls mit dem gelben Schnurrbart [104] auf
sich zu lenken, wandte Pawel, als Shuchrai an ihm vorüberkam, das Gesicht
ab, als wären ihm die beiden völlig gleichgültig.
Im Kopf schwirrte ihm ein beunruhigender Gedanke: Wenn ich schieße, aber
mein Ziel verfehle, kann die Kugel Shuchrai treffen …
Aber durfte er denn jetzt noch nachdenken, da der Petljura-Mann bereits
neben ihm stand?
Plötzlich warf sich Pawel auf ihn, packte
das Gewehr und drückte es mit aller
Kraft zu Boden. Klirrend stieß das Bajonett auf die Steine.
Einen Moment lang verlor der völlig
überrumpelte Begleitsoldat seine
Geistesgegenwart, dann aber riß er sofort
mit aller Kraft das Gewehr an sich.
Doch Pawel stürzte sich mit dem ganzen Körper darauf und hielt es fest. Ein
Schuß ging los. Die Kugel prallte mit quietschendem Laut von den Steinen ab
und klatschte in den Graben.
Von dem Schuß alarmiert, sprang Shuchrai zur Seite und wandte sich um.
Wütend bemühte sich der Begleitsoldat,
Pawel das Gewehr zu entreißen. Er
drehte es um und renkte dem Jungen fast die Arme aus. Aber Pawel ließ nicht
los. Wutentbrannt schleuderte ihn der Petljura-Mann zu Boden. Aber auch
dieser Versuch, das Gewehr freizubekommen, mißlang. Im Fallen riß Pawel
den Mann mit sich. Es gab keine Kraft,
die imstande gewesen wäre, ihm in
diesem Augenblick die Waffe zu entwinden.
Mit zwei Sätzen war Shuchrai neben ihm.
Seine eherne Faust sauste mit voller
Dann hoben Shuchrais starke Hände Pawel hoch und stellten ihn wieder auf
die Beine. Einer nach dem anderen sprang über den Zaun eines Gartens. Doch
schon kam ein Reiter die Chaussee en
tlanggesprengt. Als er den mit dem
Gewehr in der Hand davonlaufenden Shuchrai und den Posten, der mühsam
aufzustehen versuchte, erblickte,
trieb er sein Pferd zum Zaun.
Shuchrai wandte sich um, legte das Gewehr an und schoß auf den Reiter.
Unter den notorischen Schürzenjägern des Gymnasiums ging das Gerücht
um, daß Lisa Sucharko in Dingen der Liebe ein sehr kühnes Mädchen sei.
Der freche und überhebliche Semjon Saliwanow hatte Viktor einmal erzählt,
daß er Lisa besessen habe. Obwohl Le
szczynski die Behauptung Sjomkas nicht
so recht glauben wollte, erschien ihm Lisa doch sehr interessant und begeh­
renswert. Morgen wollte er nun erfahren, ob Saliwanow wirklich die Wahrheit
gesagt hatte.
Wenn sie kommt, werde ich sehr resolut
vorgehen. Sie läßt sich ja küssen.
Und wenn Sjomka nicht gelogen hat … Seine Gedanken brachen ab, er mußte
um und sah, wie der Berittene sein Pf
erd herumriß und im Galopp der Rich­
tung zusprengte, aus der der Schuß gekommen war. Der andere rannte hinter
ihm her, den Säbel in der Hand.
Leszczynski eilte ihnen nach und vernah
m, als er bereits in der Nähe der
Chaussee war, einen zweiten Schuß. Hinter der Wegbiegung hervor sprengte
»Jungs, an die Gewehre; sie haben dort einen von den Unseren ermordet!«
Eine Minute später rannten mehrere Soldaten aus dem Hof; ihre Gewehr­
schlösser knackten.
Viktor wurde festgenommen.
Auf der Chaussee hatten sich einige Leute angesammelt. Unter ihnen befand
sich außer Viktor auch Lisa, die als Zeugin angehalten und befragt wurde.
Sie war, als Shuchrai und Kortschagin an ihr vorüberrannten, vor [107]
Schreck wie angewurzelt stehengebliebe
n. Mit Staunen hatte sie in dem Jun­
gen, der den Petljura-Mann überfallen hatte, den jungen Menschen wiederer­
kannt, den ihr Tonja kürzlich vorstellen wollte.
Nur mit Mühe bewegte der Geleitsoldat
die zerschlagenen Lippen, als er über
»Na, du Blödian! Hast den Verhafteten vor deiner Nase weglaufen lassen.
Dafür gibt's fünfundzwanzig mit dem Ladestock auf den Hintern!«
Wütend fuhr der Soldat auf:
»Du hast natürlich gut reden. Vor der Nase weglaufen lassen! Konnte ich
denn riechen, daß sich dieses Biest
wie besessen auf mich stürzen würde?«
Lisa wurde ebenfalls befragt. Sie erzähl
te genau das gleiche, was der Geleitsol­
Erst am Abend wurden sie auf Befehl
des Kommandanten freigelassen. Er bot
Lisa sogar an, sie nach Hause zu begl
eiten. Sie lehnte das jedoch ab. Der Kom­
mandant strömte Wodkadunst aus, und sein Angebot schien ihr nichts Gutes
Sie wurde von Viktor nach Hause gebracht.
Der Weg bis zur Station war weit, deshalb
freute sich Viktor, der jetzt Arm in
Arm mit Lisa einherging, über das Vorgefallene.
»Und wissen Sie auch, wer den Verhafteten befreit hat?« fragte Lisa, als sie
sich bereits ihre
m Haus näherten.
»Nein, woher soll ich denn das wissen?«
»Können Sie sich noch an jenen Abend erinnern, an dem uns Tonja einen
jungen Mann vorstellen wollte?« Viktor blieb stehen.
»Pawel Kortschagin?« fragte er verwundert.
»Ja, ich glaube, er hieß Kortschagin. Entsinnen Sie sich noch, er verhielt sich
damals so komisch? Also, der war es.«
Viktor blieb verblüfft stehen.
»Und Sie irren sich nicht?« fragte er.
»Nein, ich habe sein Gesicht noch sehr gut im Gedächtnis.«
»Warum haben Sie das nicht dem Kommandanten gesagt?« Lisa erwiderte
empört:
»So eine Gemeinheit
trauen Sie mir zu?«
»Wieso halten Sie das für eine Gemeinheit? Zu erzählen, wer den [108]
Geleitposten überfallen hat, ist nach
Ihrer Meinung eine Gemeinheit?«
»Und Sie meinen, daß das anständig wäre? Haben Sie denn schon ganz ver­
gessen, was diese Kerle alles anrichten? Wissen Sie denn nicht, wieviel jüdische
Waisen es in unserem Gymnasium gibt? Und Sie wollen, daß ich Kortschagin
verrate? Nein, das habe ich von Ihnen nicht erwartet.«
Auf eine solche Antwort war Leszczynski nicht gefaßt gewesen. Es lag nicht in
seiner Absicht, es mit Lisa zu verderben. Deshalb war er bemüht, das Gespräch
auf ein anderes Thema zu bringen.
»Regen Sie sich doch nicht auf, Lisa. Ich habe doch nur gescherzt. Ich wußte
nicht, daß Sie so prinzipienfest sind.«
»Das war kein guter Scherz«,
erwiderte Lisa trocken.
»Also, Sie kommen morgen, Lisa?«
Während Viktor in die Stadt zurückging
, überlegte er: Nun, mein Fräulein,
wenn Sie das für eine Gemeinheit halten, so bin ich darüber ganz anderer An­
sicht.
Natürlich war es ihm ganz schnuppe, wer da wen befreit hatte. Ihm, einem
Leszczynski, dem Sprößling eines alte
n polnischen Adelsgeschlechts, waren
sowohl die einen wie die andern verhaßt. Bald würden sowieso die polnischen
Legionen kommen. Dann erst werden die Richtigen an der Macht sein; das
wird die Macht der polnischen Schlacht
a, des polnischen Adels, sein. Einst­
weilen aber bot sich die Gelegenheit, diesen Schuft, den Kortschagin, zu erle­
digen. Die werden schon kurzen Prozeß mit ihm machen.
Viktor war allein in der Stadt zurückge
blieben. Er wohnte bei seiner Tante,
der Frau des Vizedirektors der Zuckerfabrik. Seine Eltern und Nelly lebten
schon längst in Warschau, wo sein Vater Leszczynski eine angenehme Stellung
Bei der Kommandantur angelangt, trat Viktor durch die offenstehende Tür.
Nach einiger Zeit ging er in Beglei
»Dort wohnt er.« Dann wandte er sich an den neben ihm stehenden Kosa­
kenfähnrich und fragte: »Kann ich jetzt gehen?« [109]
»Bitte sehr. Wir werden schon allein
mit ihm fertig werden. Danke für Ihren
Dienst.«
Viktor ging eilig davon.
Ein Stoß in den Rücken schleuderte Pawel an die Wand des dunklen Raumes,
in den man ihn gebracht hatte. Seine Hände stießen auf eine Pritsche. Er setzte
sich nieder, geschunden, zerschlagen und bedrückt.
Er hatte es nicht erwartet, daß man ihn verhaften könnte. Wie hatten nur die
Pawel hatte sich in Klimkas Wohnung
Wie gut, daß ich die Pistole in dem Kräh
ennest versteckt habe, dachte Pawel.
Wenn sie die gefunden hätten, dann wär's aus mit mir. Aber wie konnten sie
Bei der Durchsuchung des Kortschaginschen Hauses hatten die Petljura-Leute
nicht viel erbeuten können. Artjom hatte seinen Anzug und die Ziehharmo­
nika mit ins Dorf genommen. Die Mutte
r hatte ihr Köfferchen ebenfalls bei
sich. So fiel den in allen Ecken und Winkeln herumstöbernden Petljura-Solda-
ten nur sehr wenig in die Hände.
Aber niemals in seinem Leben wird
Pawel den Weg von zu Hause bis zur
Kommandantur vergessen. Die Nacht war stockfinster, der Himmel mit
schwarzen Wolken bedeckt. Die ununterbrochenen, erbarmungslosen Stöße in
den Rücken und in die Seiten hatten ihn in einen Zustand dumpfer Betäubung
Hinter der Tür wurden Stimmen laut. Im Nebenraum befand sich die Kom­
mandanturwache. Ein heller Lichtstreif drang unter der Tür hindurch. Pawel
stand auf und tappte an den Wänden entlang durch den Raum. Gegenüber der
Pritsche war ein mit festen Eisenstäben ve
rgittertes Fenster. Er fühlte das Gitter
mit der Hand ab – es war sehr stabil gemacht. Hier war wohl früher ein Lager­
raum gewesen.
»Verdammt«, fluchte Pawel.
Durch einen schmalen Ritz erblickte er am Rand einer Pritsche ein Paar
schmutzige Füße mit gespreizten Zehen.
Ein zweiter leichter Druck auf die
Klinke, und jetzt knarrte die Tür ganz
vernehmlich. Von der Pritsche erhob
sich eine struppige, verschlafene Gestalt und stieß einen Schwall von Flüchen
hervor. Nachdem das mörderische Schimpfen verstummt war, griff die Gestalt
nach dem am Kopfende stehenden Gewehr und erklärte phlegmatisch:
»Mach mal schleunigst die Tür zu, und wenn du noch mal reinschaust,
Pawel schloß die Tür.
Aus dem Nebenraum schallte Gelächter.
In dieser Nacht dachte Pawel über vieles
nach. Sein erster Versuch, am Kampf
teilzunehmen, hatte kein
gutes Ende genommen. Gleich beim ersten Schritt
hatten sie ihn erwischt und wie eine Maus in den Kasten gesperrt.
Er hatte sich hingehockt und wurde vom Schlaf übermannt. Immer wieder
schreckte er auf.
Im Halbschlaf tauchte die Gestalt seiner Mutter vor ihm auf, ihr mageres
runzliges Gesicht mit den lieben vertrauten Augen. Und es ging ihm durch
den Kopf: Gut, daß sie nicht da war, so hatte sie weniger Kummer.
Ein graues Quadrat zeichnete sich vom Fenster auf dem Boden ab.
Die Dunkelheit begann sich zu lichten; der Morgen dämmerte. [111]
In dem großen alten Haus war nur ein verhängtes Fenster erleuchtet. Im Hof
bellte der Kettenhund Tresor in mächtigem Baß.
Tonja vernahm halb im Schlummer die Stimme der Mutter:
»Nein, sie schläft nicht. Kommen Sie herein, Lisa.« Die leichten Schritte und
die stürmische Umarmung der Freundin verscheuchten den Schlaf. Tonja
lächelte müde.
»Gut, Lisa, daß du gekommen bist – bei uns herrscht große Freude. Gestern
hat Papa die Krise überstanden, und heute schläft er den ganzen Tag ruhig.
Mama und ich, wir haben uns ebenfalls nach den schlaflosen Nächten ausge­
ruht. Erzähl alle Neuigkeiten, Lisa.« To
nja zog die Freundin zu sich aufs Sofa.
»Oh, es gibt sehr viele Neuigkeiten! Einen Teil davon kann ich nur dir erzäh­
len.« Lisa lachte, indem sie schelmisch
zu Jekaterina Michailowna hinüber­
blickte.
Tonjas Mutter, trotz ihrer sechsunddrei
ßig Jahre eine Dame mit den lebhaften
Bewegungen eines jungen Mädchens, mit klugen grauen Augen und einem
nicht gerade schönen, aber angenehmen, energischen Gesicht, lächelte.
»Ich werde euch gern allein lassen, aber
erst erzählen Sie die Neuigkeiten, die
alle hören dürfen«, scherzte sie und rückte einen Stuhl zum Sofa.
»Die erste Neuigkeit – wir werden nicht mehr lernen. Der Schulrat hat
beschlossen, der siebenten Klasse da
s Abgangszeugnis auszuhändigen. Ich
freue mich sehr«, erzählte Lisa lebhaft.
Nachdem Jekaterina Michailowna eine Weile mit den Mädchen gesessen
hatte, zog sie sich in ihr Zimmer zurück.
Lisa rückte näher zu Tonja heran, umarmte die Freundin und erzählte ihr
tuschelnd über den Zusammenstoß am Kreuzweg.
»Und stell dir meine Verwunderung vor,
Tonetschka, als ich in dem Befreier
… was meinst du, wen erkannte?«
Tonja, die neugierig lauschte, zuckte verständnislos mit den Schultern.
»Kortschagin!« platzte Lisa heraus. Tonja fuhr zusammen.
»Kortschagin?« brachte sie mit bebenden Lippen hervor. Lisa, mit dem
erreichten Effekt höchst zufrieden, be
schrieb bereits den Streit mit Viktor.
Von ihrer Schilderung hingerissen, bemerkte Lisa nicht, wie blaß Tonja
geworden war, wie ihre feinen Finger
nervös am Gewebe der blauen Bluse
zupften. Lisa ahnte nicht, wie unruhig sich Tonjas Herz zusammenkrampfte,
sie ahnte nicht, weshalb die dichten Wimpern der schönen Augen so unruhig
aufzuckten.
Tonja hörte schon nicht mehr auf die Erzählung vom betrunkenen Kom­
mandanten, sie hatte nur einen Gedanken: Viktor Leszczynski weiß, wer der
Täter war. Wozu hatte ihm Lisa das erzählt? Und unwillkürlich sprach sie die­
sen Gedanken laut aus.
»Was denn erzählt?« fragte Lisa verständnislos.
»Warum hast du Leszczynski von Pawluscha, ich meine von Kortschagin
erzählt? Er wird ihn doch verraten …«
»O nein! Das glaube ich nicht. Was für ein Interesse hat er schließlich daran?«
entgegnete Lisa.
Tonja fuhr mit einem Ruck hoch.
»Du verstehst das nicht, Lisa! Er und Kortschagin sind Feinde, und dazu
kommt noch ein Umstand … Du hast einen großen Fehler begangen, daß du
Viktor von Pawluscha erzählt hast.«
Lisa merkte erst jetzt Tonjas Erregung, und dieses »Pawluscha«, das ihr zufäl­
Unwillkürlich fühlte sie sich schuldig
und verstummte verlegen. Also ist es
doch wahr, dachte sie. Sonderbar, bei Tonja plötzlich so ein leidenschaftliches
Interesse, und für wen denn? Für einen ein- [113] fachen Arbeiter … Sie hätte
sehr gern dieses Thema erörtert, beherrsch
te sich aber. Sie suchte ihre Schuld
irgendwie gutzumachen und ergriff Tonjas Hände.
»Nein, vielleicht ist Viktor anständiger, als ich annehme.«
Nachdem Tonja ihre Freundin hinausbegleitet hatte, stand sie lange allein da
und blickte, an die Gartenpforte gelehnt, auf den dunklen Streifen des Weges,
der zur Stadt führte. Der Wind hauchte ihr seinen von Frühlingsfäulnis gesät­
tigten feuchtkalten Atem ins Gesicht. In der Ferne zwinkerten gleich matt­
roten Pupillen die Fensterchen der Stadth
äuser. Und eins dieser Dächer dort
beherbergte ihn, den rebellischen Kame
raden, der die ihm drohende Gefahr
nicht ahnt. Und vielleicht hat er sie schon längst vergessen. Wie viele lange
Tage sind schon verstrichen seit ihrer
Nachdem Tonja noch einen letzten Blick auf den Weg geworfen hatte, trat sie
ins Haus. Im Bett hüllte sie sich in ihre Decke, schlummerte mit dem Gedan­
ken ein: Wenn nur die Nacht ihn nicht verrät …!
Früh am Morgen, als im Haus noch alles schlief, erwachte Tonja und kleidete
sich rasch an. Leise, um niemanden zu wecken, schlich sie auf den Hof hinaus,
band Tresor, den großen zottigen Hund, los und ging mit ihm in die Stadt.
Gegenüber dem Haus, in dem Kortschagin wohnte, blieb sie einen Augen­
blick unschlüssig stehen. Dann stieß sie die
Pforte auf, trat in den Hof. Tresor
lief voran und wedelte mit dem Schwanz …
An diesem frühen Morgen kehrte Artjom aus dem Dorf zurück. Er kam auf
einem Fuhrwerk zusammen mit dem Schmied, bei dem er gearbeitet hatte. Er
lud sich den Mehlsack, den er sich verdient hatte, auf die Schultern und ging
über den Hof. Ihm folgte der Schmied,
der die übrigen Habseligkeiten trug. Vor
»Pawka!« [114] 
Aber es kam keine Antwort. 
»Schlepp das alles ins Haus, worauf wartest du denn?« sagte der herankom­
mende Schmied.
Artjom legte seine Siebensachen in die
Küche, trat ins Zimmer und erstarrte.
Alles war durchstöbert, das
Unterste zuoberst gekehrt,
alte Lumpen lagen kun­
terbunt auf der Diele umher.
»Verflucht noch mal«, brummte Artjom verständnislos und sah den Schmied
an.
»Ja, ein rechtes Durcheinander«, bestätigte jener.
»Wo steckt bloß der Junge?« Artjom begann bereits ärgerlich zu werden.
Aber die Wohnung war leer und niemand da, den man fragen konnte. Der
Artjom ging in den Hof und schaute sich nach allen Seiten um. Was ist bloß
geschehen? Die Wohnung steht offen, Pawka ist fort. Artjom hörte ein
Geräusch hinter sich und drehte sich um. Vor ihm stand, mit gespitzten
Ohren, ein riesiger Hund. Von der Pforte her kam ein unbekanntes Mädchen
auf das Haus zu.
»Ich möchte Pawel Kortschagin sprechen«, sagte sie halblaut und musterte
»Ich möchte ihn auch sprechen. Weiß de
r Teufel, wo der steckt! Ich bin eben
angekommen, die Wohnung steht offen, und er ist nicht da. Und Sie kommen
zu ihm, ja?« wandte er sich an das Mädchen.
hende Tür. Warum bin ich bloß nicht schon gestern gekommen? Sollte es
stimmen? Sollte es wirklich stimmen …? Und der Druck in der Brust wurde
noch schwerer.
»Sie haben die Wohnung offen vorgefunden, und Pawel war nicht da?« fragte
»Verdammte Schweinerei! Das hat gerade noch gefehlt!« murmelte er nieder­
geschlagen.
»Jetzt verstehe ich auch, warum im
Zimmer so ein Wirrwarr herrscht. Der
Teufel muß hier seine Hände im Spiel haben … Wo soll man ihn jetzt suchen?
Und Sie, Fräulein, wer sind Sie?«
»Ich bin die Tochter des Försters Tumanow. Ich kenne Pawel.«
»So, so«, murmelte Artjom unbestimmt. 
Tonja und Artjom blickten einander schweigend an.
»Ich gehe. Sie werden ihn vielleicht finden«, sagte Tonja leise und verab­
Auf dem Rand eines alten, abgenutzten Diwans saß eine junge Bäuerin, die
Hände auf die Knie gestützt, und starrt
e geistesabwesend auf den schmutzigen
Fußboden.
Vor ihm stand Salomyga. Er tr
ug den Arm in der Binde.
»Wie kommst du denn hier hereingeschneit?« begrüßte ihn der Komman­
dant.
»Hm, schön hereingeschneit! Die Hand hat mir einer aus dem Bohun-
Regiment bis auf den Knochen zerschlagen!«
Ohne die junge Frau zu beachten, stieß Salomyga einen gräßlichen Fluch aus.
»Und jetzt bist du etwa hierhergekommen, um dich zu erholen?« fragte der
Kommandant ironisch.
»Erholen werden wir uns im Jenseits. An
der Front geht's hart auf hart, da
fließt Blut.«
Der Kommandant unterbrach ihn und wies auf das Mädchen.
»Wir sprechen lieber nachher darüber.« [116]
Salomyga ließ sich schwerfällig auf
einen Schemel fallen und nahm seine
Mütze ab, auf deren Kokarde ein emaillierter Dreizack zu sehen war – das
Staatsemblem der sogenannten »Ukrainischen Volksrepublik«.
»Golub schickt mich«, begann er halblaut.
»Bald kommt eine Schützendivision der Sitsch-Leute an. Überhaupt wird hier
in der Stadt allerhand los sein, ich
soll gewissermaßen Ordnung schaffen.
Vielleicht kommt der Hauptataman selb
er und bringt irgendeinen ausländi­
schen Vogel mit, so daß hier niemand von der ›Lebenserleichterung‹ reden soll
… Was schreibst du da eigentlich?«
Der Kommandant schob die Zigarette in den anderen Mundwinkel.
»Ich habe da so einen niederträchtigen Halunken zu fassen gekriegt, einen
Rotzkerl. Weißt du, uns war eben der Shuchrai in die Hände gefallen, der –
weißt du noch? –, der die Eisenbahner gegen uns aufgehetzt hat.«
»Na und?« Salomyga rückte interessiert näher.
»Na, und denk dir, Omeltschenko, dies
er blöde Stationskommandant, schickt
uns den Kerl mit nur einem einzigen Ko
saken als Geleit, und dieser Bursche,
den ich da sitzen habe, hat ihm am hellichten Tag zur Flucht verholfen. Sie
haben den Kosaken entwaffnet, ihm die Zähne eingeschlagen und sich aus
dem Staub gemacht. Der Shuchrai ist natürlich längst über alle Berge, aber
diesen anderen Burschen da haben wir zu fassen bekommen. Da, lies mal die
Akte durch.« Er schob Salomyga zahlreiche Schriftstücke hin.
Dieser durchblätterte flüchtig mit de
r gesunden Linken die Papiere. Dann
starrte er den Kommandanten an.
»Und du hast nichts aus ihm herausgekriegt?« Nervös schob der Komman­
dant seine Mütze zurecht.
»Fünf Tage schlage ich mich schon mit diesem Kerl herum und kriege kein
Wort aus ihm heraus. ›Ich weiß von nichts‹, sagt er, ›habe niemanden befreit!‹
Ein ausgemachter Bandit. Verstehst du,
er ist sogar von de
m Geleitsoldaten
erkannt worden, fast hätte der ihn an Ort und Stelle erwürgt. Ich mußte ihn
mit Gewalt von ihm losreißen.
Omeltschenko hat dem Kosaken wegen des Geflüchteten fünfundzwanzig
mit dem Ladestock verabreichen lassen.
Kannst dir also vorstellen, was der für
eine Wut hatte.
Den Burschen noch länger hierzubehalten, hat keinen Sinn. Ich schicke das
ganze Material an den Stab – hoffentlich erlaubt man uns, ihn zu erledigen.«
Salomyga spuckte verächtlich aus.
»Hätte ich den Kerl in meinen Fingern, da hätte er schon längst das Sprechen
gelernt. Das Verhören ist natürlich nichts für einen Popensohn. Was für einen
Kommandanten gibt schon ein Seminarist ab? Hast du ihn gehörig mit dem
Der Kommandant brauste auf:
»Du nimmst dir wirklich zuviel heraus. Deine Witze kannst du für dich
behalten. Hier bin ich Kommandant, und ich bitte mir aus, misch dich nicht
Salomyga blickte den wütenden Kommandanten an und lachte los:
»Haha … blas dich nur nicht so auf, du Popensöhnchen, könntest sonst noch
aus der Hülle platzen. Der Teufel soll di
ch holen! Sag du mir lieber, wo man
hier ein paar Flaschen Selbstgebrannten kriegen kann!«
Der Kommandant grinste.
»Den verschaff ich dir schon.«
»Und mit diesem da« – Salomyga wies mit dem Finger auf die Akte –, »wenn
du willst, daß sie ihn kaltmachen, so
ändere sein Alter von sechzehn auf acht­
zehn Jahre um.. Häng da einfach einen Kringel dran, da, an dieser Stelle, sonst
werden sie die Sache mögliche
rweise nicht bestätigen.«
In dem Lagerraum waren sie
zu dritt. Ein bärtiger Alter in schäbigem Kaftan
lag auf der Pritsche und hatte die in breiten Leinenhosen steckenden mageren
Beine angezogen. Man hatte ihn eingesperrt, weil aus seiner Scheune das Pferd
Ein junges Mädchen in buntem Kopftuch, das sie nach Bäuerinnenart umge­
bunden hatte, mit weit aufgerissenen erschrockenen Augen, wurde in den
Lagerraum gebracht.
Zögernd blieb sie ein paar Augenblicke an
Neugierig musterte diese die Neue und
fragte, die Worte heraussprudelnd:
»Dich haben sie also auch eingesperrt, Mädel?« [118]
Als keine Antwort erfolgte, forschte sie weiter:
»Wofür hat man dich denn festgenommen? Hast du auch was mit Selbstge­
branntem zu tun gehabt?«
Die junge Bäuerin stand auf, blickte das aufdringliche Weib an und sagte
»Nein, man hat mich wegen meines Bruders verhaftet.«
»Und was ist mit dem los?« bohrte die Frau weiter.
Nun mischte sich der Alte ein.
»Was quälst du sie? Ihr ist jetzt vielleicht zum Weinen zumute, und du mußt
da herumquatschen!«
Das Weib wandte sich schnell nach der Pritsche um:
»Was hast du mir schon für Vorschrift
Der Alte spuckte aus.
»Und ich sage dir, laß sie in Friede
n.« Es wurde still im Raum. Die junge
Die Schnapsbrennerin begann zu essen. Der Alte ließ seine Füße herunter­
baumeln, drehte sich gemächlich eine Zigarette und fing an zu rauchen. Bald
stand stickiger Qualm in dem engen Raum.
Mit vollem Mund schmatzend, brummte das Weib:
»Könntest einen doch wenigstens ruhig essen lassen, ohne die Stänkerei.
Immerzu muß der rauchen.«
Der Alte kicherte giftig.
»Hast wohl Angst, ein paar Pfund abzunehmen? Wirst bald nicht mehr durch
die Tür gehen. Könntest doch dem Jungen auch was abgeben. Stopfst dir aber
lieber den eigenen Wanst voll.«
Die Frau brummte beleidigt:
»Hab ihm doch schon gesagt, daß er esse
n soll, er will aber nicht. Und mei­
netwegen brauchst den Mund nicht aufzureißen – deinen Fraß esse ich ja
nicht.«
Das junge Mädchen wandte sich zu der Schnapsbrennerin und fragte, mit
dem Kopf auf Kortschagin deutend:
»Wissen Sie nicht, warum der da sitzt?«
Das Weib erteilte ihr, erfreut darüber,
daß sich jemand mit ihr unterhielt,
»Das ist ein Hiesiger, der Köchin Kortschagin ihr Jüngster.«
Und dicht an ihr Ohr gebeugt, flüs
terte die Schnapsbrennerin weiter:
»Er hat einen Bolschewiken befreit, ein
Matrose war's, bei der Sosulicha hat er
logiert, einer Nachbarin von mir.« [119]
Die junge Bäuerin entsann sich der Worte des Kommandanten: »Ich schicke
das ganze Material an den Stab. Hoffentlich erlaubt man uns, ihn zu erledigen
Geschäftig rannten die Offiziere hin
und her und riefen die Nummern der
ihnen unterstellten Einheiten auf.
Auf dem Bahnhof summte es wie in einem Wespennest. Nach und nach bil­
deten sich aus dem bunten Wirrwarr von schreienden, umherlaufenden Men­
schen Formationen, und bald darauf ergoß sich ein Strom bewaffneter Männer
in die Stadt. Bis zum späten Abend polt
erten Fuhrwerke über
die Chaussee, die
Nachhut der Sitscher Schützendivision zog in die Stadt ein.
Den Zug schloß die Stabskompanie ab
. Grölend erschallte es aus hundert­
zwanzig Kehlen:
Welch Geschrei, welch Gebraus,
was ist denn passiert?
heute einmarschiert …
Kortschagin stemmte sich mit den Händen auf den Fenstersims. Durch die
frühe Abenddämmerung hörte er das Ra
ttern der Räder über das Straßen­
pflaster, das Marschieren unzähliger
Beine und Gesang aus vielen Kehlen.
Hinter ihm flüsterte jemand:
»Da ziehen also Truppe
n in die Stadt ein.«
Kortschagin wandte sich um.
Die Worte kamen von dem Mädchen, das gestern von den Kosaken gebracht
worden war.
Er hatte ihre Geschichte mit angehört. Die Schnapsbrennerin hatte schließ­
lich doch ihr Ziel erreicht. [120]
Sie stammte aus einem Dorf, sieben Wers
t von der Stadt entfernt. Ihr älterer
Als die Roten den Ort verlassen mußten, band sich Grizko einen Patronen­
gurt um und zog mit fort.
Für die Familie war das Leben zur Hölle
geworden. Das einzige Pferd, das sie
besaßen, hatte man ihnen weggenommen. Der Vater wurde in die Stadt
geschleppt, dort hielten sie ihn lange hinter Schloß und Riegel. Der Dorfäl­
teste, einer von denen, die Grizko be
kämpft hatte, schickte der Familie aus
Rache immer wieder Leute zur Einquartier
Gestern nun war der Kommandant bei einer Razzia im Dorf erschienen. Der
Dorfälteste hatte den Kommandanten auch zu ihnen geführt, dieser hatte sich
das Mädchen angeschaut und »zum Verhör« mit in die Stadt genommen.
Kortschagin konnte nicht schlafen, ein einziger Gedanke, den er nicht los­
werden konnte, quälte ihn fortwährend. Was wird nun werden? Sein mißhan­
delter Körper schmerzte.
Um den quälenden Gedanken zu entgehen, lauschte Pawel dem Geflüster
seiner Nachbarin.
Ganz leise erzählte das Mädchen, wie
sie der Kommandant belästigt, wie er
ihr gedroht und zugeredet hatte und sc
hließlich wütend wurde, als er auf
Widerstand stieß.
»Ich sperre dich im Keller ein und lass dich nicht mehr heraus«, hatte er ihr
dann gesagt.
Finsternis kroch in die Zimmerecken. Eine dumpfe, unruhige Nacht stand
bevor. Wieder grübelte Pawel über da
s unbekannte Morgen. Die siebente Nacht

doch schien es ihm, als seien bereits Monate vergangen. Das Lager war hart,
die Schmerzen wollten nicht nachlassen. In dem Raum befanden sich jetzt nur
drei Menschen. Der Alte schnarchte wie ein Bär, als läge er daheim auf seinem
Ofen. Nichts konnte ihn in seiner Gelassenheit und in seinem Schlaf stören.
Die Schnapsbrennerin war von dem Kommandanten freigelassen worden, sie
sollte ihm Wodka beschaffen. Auf dem
Fußboden saßen Christina und Pawel
dicht nebeneinander. Gestern hatte er durchs Fenster Serjosha erblickt. Lange
hatte dieser auf der Straße gestanden
und wehmütig heraufgeschaut. – Er weiß
wohl, daß ich hier bin.
An drei Tagen hatte man ihm Stücke sauren schwarzen Brotes gebracht. Wer
sie für ihn abgegeben hatte, war ihm nicht gesagt worden. Zwei Tage lang
quälte ihn der Kommandant mit seinen endlosen Verhören. [121]
Was hatte das zu bedeuten?
Beim Verhör hatte er geschwiegen oder alles abgestritten. Weshalb, wußte er
selbst nicht. Er hatte tapfer, hatte star
k sein wollen wie die Helden, über die er
in den Büchern gelesen hatte. Als man ihn jedoch in jener Nacht abführte und
bei der großen Dampfmühle einer der eskortierenden Soldaten sagte: »Wozu
ihn eigentlich herumschleppen, Pan Fähnrich? Eine Kugel in den Rücken –
und Schluß«, da hatte sich sein Herz zusammengekrampft. Ja, es ist furchtbar,
mit sechzehn Jahren sterben zu müssen! Bedeutet doch der Tod, daß alles für
immer aus ist.
Auch Christina sitzt grübelnd da. Sie we
iß mehr als dieser Junge neben ihr.
Sicher ahnte er noch nichts davon … aber sie hat es ja mit angehört.
Er schläft nicht, wirft sich nachts von einer Seite auf die andere. Er tut
Christina so leid. Gewiß, sie hat ihren eigenen Kummer, kann die furchtbaren
Worte des Kommandanten nicht vergesse
n: »Ich werde morgen mit dir ab­
rechnen! Willst du nicht mich, so überlass ich dich eben den Wachmann­
schaften. Die Kosaken werden schon wollen. Kannst selbst wählen.«
Wie schwer ist das alles! Und keine Aussicht auf Rettung! Was kann denn sie
dafür, daß Grizko zu den Roten ging? Ach, wie schwer ist doch das Leben!
Ein dumpfer Schmerz schnürt ihr die Kehle zu. Ohnmächtige Verzweiflung,
Schrecken packen sie. Christina weint leise vor sich hin.
»Was hast du denn?« fragt Pawel.
»Sie werden mich totquälen, diese verfluchten Hunde«, flüstert sie unter Trä­
nen, von instinktivem Entsetzen gepackt. »Ich bin verloren. Ich bin in ihrer
Was kann Pawel diesem Mädchen schon sagen? Gibt es denn einen Trost für
ihren Kummer? Da können keine Worte helfen.
Was aber tun? Sie morgen nicht hinauslassen? Den Kampf aufnehmen? Man
würde ihn zu Tode prügeln oder ihm einfach mit dem Säbel eins auf den
Schädel hauen – und Schluß. Und um das unglückliche Mädchen wenigstens
ein wenig zu trösten, streichelt er ihr sanft die Hand. Das Weinen wird
schwächer. Ab und zu hört man den Posten das übliche »Wer da?« am Eingang
rufen, dann wieder Stille ringsum. Der Al
te schläft fest. Kaum merklich fließt
die Zeit dahin. Pawel weiß [122] nicht, wie ihm geschieht, als ihn plötzlich
zwei Arme innig umfangen und ihn an sich ziehen.
»Hör zu, Lieber«, flüstern heiße Li
ppen, »ich bin sowieso verloren, wenn
nicht der Offizier, werden mich die ändern totquälen. Nimm du mich, mein
Junge, damit dieser Hund mich nicht als erster bekommt.«
»Was redest du da, Christina?«
Aber die kräftigen Arme geben ihn nicht frei. Heiße, volle Lippen – schwer,
ihnen zu entrinnen. Das Mädchen flüstert schlichte, zärtliche Worte. Er weiß
ja, warum sie so zu ihm spricht.
chwunden. Vergessen sind das Schloß
an der Tür, der rothaarige Kosak, der Kommandant, die viehischen Mißhand­
lungen, die vielen dumpfen, schlaflosen Nächte. Und einen kurzen Augenblick
kennt er nichts mehr als zwei heiße Lippen und ein vom Weinen feuchtes
Gesicht …
Da plötzlich denkt er an Tonja.
Wie hat er sie nur vergessen können … ihre wundervollen, lieben Augen …
Ihm bleibt gerade noch Kraft genug, sich von Christina loszureißen. Wie ein
Betrunkener taumelnd, steht er auf und
klammert sich ans Fenstergitter fest.
Doch Christinas Hände finden ihn.
»Was ist dir?«
Wieviel Gefühl in dieser Frage liegt! Er
beugt sich über sie und drückt ihr
innig die Hand.
»Ich kann nicht, Christina. Du – du bist ein gutes Mädchen«, und er stam­
Um der unerträglichen Stille ein Ende zu
»Gib mir doch was zu rauchen, Großväterchen, bitte.«
In der Ecke schluchzt, in ihr Tuch gehüllt, das Mädchen.
Tags darauf erschien der Kommandant, und die Kosaken führten Christina
weg. Sie nahm mit den Augen Abschied von Pawel. Er las einen stummen
Vorwurf in ihnen. Als die Tür hinter ihr zuschlug, wurde ihm das Herz noch
schwerer, noch beklommener.
Bis zum Abend konnte der Alte nicht ein einziges Wort aus Pawel herauskrie­
gen. Die Posten und die Kommandan
turwache wurden abgelöst. Abends
brachte man einen neuen Häftling. Pawel erkannte in ihm Dolinnik, einen
Tischler aus der Zuckerfabrik. Er war von kräf- [123] tiger Gestalt, etwas unter­
Pawel hatte ihn 1917, im Februar, gesehen, als die Revolution bis ins Städt­
chen gedrungen war. Bei den lärmenden Demonstrationen hatte er nur einen
einzigen Bolschewiken sprechen hören. Das war Dolinnik gewesen. Er war auf
»Soldaten, geht mit den Bolschewiki. Die werden euch nicht verraten!«
Der Alte freute sich über den neuen Gefährten. Offensichtlich fiel es ihm
schwer, den ganzen Tag schweigend dazuhocken.
Dann ging er zu Kortschagin.
»Nun, was gibt es denn bei dir?« erkundig
te er sich. »Wie bist du hierhergera­
ten?«
Dolinnik, der nur einsilbige Antworten erhielt, spürte, daß ihm der andere
kein Vertrauen schenkte und aus diesem Grund so wortkarg war.
Aber als der Tischler erfuhr, wessen man den Jungen beschuldigte, richtete er
seine klugen Augen verwundert auf Kortschagin und setzte sich neben ihn.
»Das bist du also, der den Shuchrai herausgehauen hat? Was du nicht sagst!
Ich habe gar nicht gewußt, daß sie dich geholt haben.«
»Was für ein Shuchrai? Ich weiß von nichts. Man kann mir viel in die Schuhe
schieben.«
Aber Dolinnik lächelte und rückte noch näher heran.
»Laß mal, Freundchen, vor mir brauchst du dich nicht zu verstellen. Ich weiß
mehr als du.«
Und leise, damit der Alte nichts hören konnte, fügte er hinzu:
»Ich habe doch selber den Shuchrai begl
Er schwieg eine Weile, dachte üb
»Du bist, wie ich merke, ein tüchtiger Ke
rl. Aber daß sie dich haben und alles
wissen, das ist, muß ich sagen, eine verdammte Geschichte.«
Am Abend wußte er bereits, daß Doli
nnik wegen Agitation unter den Petl-
Als sie sich am späten Abend schlafen
legten, brachte er seine Besorgnis in
den kurzen Worten zum Ausdruck:
»Na, Kortschagin, man kann wohl behaupten, daß die Lage für uns beide
nicht gerade rosig ist. Wollen ma
l sehen, was dabei rauskommt.«
Am nächsten Morgen tauchte ein neue
kannte Friseur Schloime Selzer, ein Ma
nn mit riesigen Ohren und dürrem Hals.
erzählte er Dolinnik:
»Natürlich, diese Fuchs, Blumstein un
d Trachtenberg werden dem schon Brot
und Salz zum Willkommen bringen. Ich
sage: ›Na, wenn ihr das tun wollt, so
Aufgeregt drehte Selzer an einem von
Dolinniks Hemdenknöpfen, packte ihn
erst an dem einen, dann am anderen Arm.
Dolinnik mußte unwillkürlich lächeln, während er dem aufgeregten Selzer
zuhörte. Als der Friseur verstummte, meinte Dolinnik sehr ernst:
»Ach, Schloime, du bist doch sonst ein ganz gescheiter Kerl, und da machst
du solche Dummheiten. Hast dir gerade die richtige Zeit ausgesucht, deine
Zunge zu wetzen. Ich hätte dir nicht geraten, es dazu kommen zu lassen.«
Selzer schaute ihn verständnisvoll an und machte eine verzweifelte Handbe­
wegung. Die Tür ging auf, und die Pawel schon bekannte Schnapsbrennerin
wurde in den Raum gestoßen. Wütend beschimpfte sie den Kosaken:
»Der Teufel soll euch alle holen,
euch mitsamt eurem Kommandanten! Kre­
pieren soll der von meinem Schnaps!«
Der Posten schlug die Tür hinter ihr zu. Man hörte, wie er den Schlüssel im
Schloß umdrehte.
»Na, bist schon wieder da, du altes Plappermaul? Setz dich nur und sei will­
kommen.«
Die Schnapsbrennerin warf dem Alten einen nicht gerade liebenswürdigen
Blick zu, packte ihr Bündel und setzte sich neben Dolinnik auf den Boden.
Der Kommandant hatte sich von ihr mehrere Flaschen Schnaps besorgen las­
sen und sie dann wieder eingesperrt.
Hinter der Tür waren plötzlich Geschrei und Rennerei aus der Wachstube zu
hören. Eine scharfe Stimme erteilte Befehle. Die Häftlinge im Lagerraum
horchten unwillkürlich auf.
Auf dem Stadtplatz, bei der unansehnlichen kleinen Kirche mit dem alter­
tümlichen Glockenturm, gingen Ereignisse vor sich, die für das Städtchen ganz
ungewohnt waren. Den Platz von drei Seiten umfassend, waren hier feld­
Vom Kircheneingang aus hatten sich die drei Infanterieregimenter quadrat­
förmig längs des Zauns vom Schulhof gruppiert.
Die aus Beständen der ehemaligen Za
Von Schepetowka aus führten schimmernde Schienenstränge nach sechs ver­
schiedenen Richtungen. Diesen Knotenpunkt zu verlieren [127] würde für
Der Hauptataman hatte beschlossen, die
Truppen selbst zu besichtigen. Alles
war zu seinem Empfang bereit.
Sollen sich Dumme suchen, sagten sie.
Aber schon am nächsten Tag war ein Drittel der Rekruten verschwunden, und
der Rest schmolz beständig zusammen.
Ihnen Stiefel zu geben wäre mehr als leichtfertig gewesen, zumal man mit
Schuhzeug knapp genug dran war. So war der Befehl ausgegeben worden, zum
Einberufungsort in eigenem Schuhwerk
zu erscheinen. Die Wirkung dieses
Befehls war erstaunlich. Wo hatten die Jungen nur die unmöglichen Fetzen
»Schuhzeug« dienten? Zur Parade ließ ma
Die Kavalleristen hielten die dichte
Menge der Neugierigen im Zaum. Jeder
wollte die Parade sehen. Der Hauptataman sollte höchstpersönlich kommen.
Auf den Stufen der Kirche hatten sich
die Obersten, die Kosakenrittmeister,
die beiden Popentöchter, einige ukrainische Lehrer, eine Gruppe sogenannter
In der Kirche hatte der Pope Wa
ssili seinen Osterornat angelegt.
Der Divisionskommandeur hatte sich in einem klapprigen, abgenutzten Ford
zum Bahnhof begeben, um Petljura abzuholen.
Der Infanterie-Inspektor winkte den Obersten Tschernjak heran, einen
schlanken Mann mit stutzerhaft gezw
irbeltem Schnurrbart, und sagte:
»Nehmen Sie noch jemanden mit un
d überprüfen Sie die Kommandantur
Tschernjak knallte die Hacken zusamme
n, nahm den erstbesten Kosakenritt­
meister mit, und beide sprengten davon.
Der Inspektor wandte sich liebenswürdig an die ältere Popentochter:
»Und wie steht's bei Ihnen mit dem
Mittagessen? Ist alles in Ordnung?«
»Oh, natürlich. Der Kommandant hat selbst die Sache in die Hand genom­
men«, antwortete diese und verschlang den schönen Inspektor mit den Augen.
Auf der Chaussee jagte, über den Pferdena
cken gebeugt, ein Reiter heran; er
winkte mit der Hand und schrie:
»Sie kommen!« »Auf die Plätze!«
kommandierte der Inspektor.
Die Offiziere eilten zu ihren Formationen.
Als der Ford prustend vor dem Kirchene
Hinter dem Divisionskommandeur st
ieg schwerfällig der »Hauptataman
Sichtlich unzufrieden nahm er den kurz
en Rapport des Inspektors entgegen.
Dann hielt der Vorsitzende der Stadtverwaltung eine Begrüßungsansprache.
»Beginnen wir mit der Truppenschau
«, sagte er zu dem Inspektor.
Petljura bestieg die neben der Fahne e
Als er an den Rekruten vorüberkam, kniff er verächtlich die Augen zusammen
und biß sich nervös auf die Lippen.
Zum Schluß der Truppenschau, als die Neueingezogenen zugweise in
ungleichmäßigen Reihen zur Fahne hera
nmarschierten, wo der Pope Wassili
mit dem Evangelium in der Hand stand
und wo sie zuerst das Evangelium und
dann den Fahnenzipfel küssen mußten, kam es zu einem unvorhergesehenen
Zwischenfall.
Unbekannt, auf welche Weise, war auf de
Blumstein verbeugte sich lakaienhaft un
»Die jüdische Bevölkerung bringt Ihnen, dem Oberhaupt des Staates, hiermit
ihre aufrichtige Anerkennung und Verehrung zum Ausdruck. Bitte, empfangen
Sie unser Begrüßungsschreiben.«
Aber jetzt nahm Fuchs das Wort.
»Wir bitten Sie untertänigst, daß man
es uns ermöglicht, unsere Geschäfte
offenzuhalten, und daß man uns vor Po
gromen schützt.« Fuchs preßte müh­
sam das riskante Wort hervor.
Petljura zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen.
»Meine Armee gibt sich nicht mit Pogr
omen ab. Das merken Sie sich!« Fuchs
stand hilflos da.
Ja, natürlich sei ihm bekannt, daß überhaupt keine Pogrome stattfänden. Der
Herr Ataman verbiete es ja; aber das Regiment des Herrn [130] Obersten Golub
habe es hier zu einigen Unregelmäßigkeiten kommen lassen.
Petljura zuckte nervös, er war wütend auf die bei so gänzlich unpassender
»Man führt hier Beschwerden über Ihre Kosaken, Pan Oberst. Klären Sie auf,
worum es sich handelt, und treffen
Dann wandte er sich dem Inspektor zu und befahl: [131]
»Beginnen wir mit der Parade.«
Plötzlich ertönten scharfe Kommandos
. Die gesamte Aufmerksamkeit der
tehenden Paradema
Die unglückselige Delegation war keineswegs darauf gefaßt gewesen, Golub
zu begegnen. Sie machte Anstalten zu verschwinden.
Äußerlich ruhig schritt Golub auf Blumstein zu und flüsterte ihm ins Ohr:
Musik ertönte, und die ersten Truppe
nteile marschierten über den Platz.
Vergebens bemühte er sich aufzustehe
n, die Nachrückenden warfen ihn im­
mer wieder um. Die Zuschauer brachen in
Der ungeschickte Flügelmann griff nach seinem Gewehr und rannte los, um
seine Leute einzuholen.
»Möchte der Herr Ataman nicht zum Mittagessen bleiben?«
»Nein«, war die lakonische Antwort Petljuras.
Unter den Zuschauern, die sich hinter dem hohen Kirchengitter Platz gesucht
hatten, waren auch Serjosha, Walja und Klimka.
Fest an das Eisengitter gepreßt, blickte
Serjosha haßerfüllt und unverwandt in
»Gehen wir, Walja. Die Vorstellung ist gl
eich aus«, rief er herausfordernd laut,
daß es alle hören konnten, und ging vom Gitter weg. Erstaunt drehte man sich
nach ihm um.
Ohne jemandem die geringste Beachtung zu schenken, schritt er auf die
Seine Schwester und Klimka folgten ihm.
Vor der Kommandantur angelangt, sprangen Oberst Tschernjak und der
Kosakenrittmeister von den Pferden. Sie warfen die Zügel der Ordonnanz zu
und traten rasch in die Wachstube ein.
»Wo ist der Kommandant?« wandte sich Tschernjak in scharfem Ton an den
Wachhabenden. [133]
»Weiß nicht«, brummte dieser in seinen Bart.
»Wohl irgendwo hingegangen.«
Tschernjak musterte die schmutzige, unordentliche Wachstube mit den zer­
wühlten Betten, auf denen sich die Kosaken der Kommandantur unbeküm­
mert flegelten, ohne auch nur die geringsten Anstalten zu machen, sich beim
»Das ist ja hier der reinste Schweinestall«, schrie Tschernjak.
»Ihr wälzt euch ja herum wie die Fe
rkel«, fuhr er die Liegenden an.
Einer der Kosaken richtete sich au
f, rülpste und brummte mürrisch:
»Wieso schreist du so? Haben hier genug eigene Schreihälse.«
»Was soll das heißen?« fuhr Tschernjak auf.
»Weißt du, mit wem du sprichst, du Mistvieh? Ich bin Oberst Tschernjak!
Verstanden, du Hundesohn? Runter von den Betten, sonst werde ich euch
Beine machen!« Aufgeregt rannte der Oberst in der Wachstube umher.
»In einer Minute ist der Dreck weggeräum
t, sind die Betten gemacht und eure
Visagen haben ein menschliches Aussehen! Verstanden? Wie seht ihr denn
aus? Nicht wie Kosaken, sondern wie Strauchdiebe!«
Der Oberst war ganz außer sich vor W
ut. Schimpfend stieß er mit dem Fuß
einen im Weg stehenden Mülleimer um.
Der Rittmeister blieb nicht hinter Tschernjak zurück. Wüst fluchend und hef­
tig mit seiner dreischwänzigen Knute fu
chtelnd, jagte er die faule Bande aus
den Betten.
»Der Hauptataman nimmt die Parade ab. Möglich, daß er auch hierher­
kommt. Los, mal 'n bißchen dalli!«
Als die Kosaken merkten, daß die S
ache ernst zu werden begann und daß
man tatsächlich noch etwas mit dem Ladestock abkriegen konnte – der Name
Tschernjak war ihnen allen zur Genüge bekannt -, rannten sie wie Besessene in
der Stube umher. Die Arbeit ging flott vonstatten.
»Wer weiß, wen die hier eingesperrt haben. Wenn der Hauptataman her­
kommen sollte, kann's noch eine dumme Geschichte geben.«
»Wer hat den Schlüssel?« fragte Tschernjak den Posten.
»Sofort aufmachen !«
Der Wachstubenälteste sprang eilfertig herbei und schloß die Tür auf.
»Wo steckt denn der Kommandant? Soll ich vielleicht noch lange auf ihn
warten? Macht ihn sofort ausfindig und schickt ihn hierher!« befahl [134]
Tschernjak.
»Wir haben erst gestern abgelöst«, rech
tfertigte sich der Wachstubenälteste.
Er stürzte zur Tür, um den Kommandanten zu suchen.
Der Rittmeister stieß mit dem Stiefel die Tür zum Lagerraum auf. Ein paar
Menschen erhoben sich vom Boden. Die übrigen blieben liegen.
»Laßt die Tür offen«, befahl Tschernjak.
»Man kann ja hier gar nichts sehen.«
Er blickte prüfend in die Gesichter der Häftlinge.
»Warum bist du hier?« fuhr er den auf der Pritsche sitzenden Alten wütend
an.
Der Gefragte erhob sich, schob seine Ho
se zurecht und stotterte, durch die
Anschreierei erschreckt:
»Weiß selber nicht, warum. Man hat mi
ch eingesperrt, und da sitze ich eben.
Ein Pferd ist von meinem Hof verschwunden, daran bin ich aber nicht
schuld.«
»Wessen Pferd?« unterbrach ihn der Rittmeister.
»Ein Militärpferd. Die bei mir einquartie
rten Soldaten haben es versoffen und
Tschernjak musterte den Alten rasch von Kopf bis Fuß und zuckte ungeduldig
die Achseln.
»Pack deine Siebensachen zusammen un
d mach, daß du fortkommst!« brüllte
er und wandte sich bereits der Schnapsbrennerin zu.
Der Alte begriff nicht sofort, daß er fr
ei war, und murmelte, seine kurzsichti­
»Dann darf ich also gehen?«
»Mach, daß du fortkommst, aber schnell!«
Der Alte band hastig seinen Sack von
der Pritsche los und verdrückte sich.
»Und warum sitzt du hier?« verhörte Tschernjak schon die Schnapsbrennerin.
Diese verschlang eiligst den Rest ihres Kuchens und legte los :
»Ach, Pan Offizier, mich hat man ganz ungerecht eingesperrt! Ich bin eine
arme Witwe. Meinen Schnaps haben sie ausgesoffen und mich dann noch
hierhergebracht.«
»Was, du handelst mit Selbstgebranntem?« fragte Tschernjak.
»Ein schöner Handel«, erwiderte das Weib gekränkt.
»Der Komman- [135] dant hat mir vier Flaschen genommen und nicht einen
lumpigen Groschen bezahlt. Und genauso machen es alle; den Schnaps saufen
sie, aber zahlen will keiner. Von wegen Handel!«
»Genug, scher dich zum Teufel!«
Das Weib ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie nahm ihren Korb und zog
mit vielen unterwürfigen Verbeugungen ab.
»Gott schenke euch Gesundheit und ein langes Leben, ihr Herren Offiziere«,
war noch zu vernehmen.
Dolinnik beobachtete die Komödie mit großen Augen. Keiner von den Häft­
lingen verstand, was da los war. Eins jedoch war klar: Die Ankömmlinge ver­
körperten die Obrigkeit, die über
»Und weswegen bist du hier?« wandte sich Tschernjak an Dolinnik.
»Steh auf, wenn der Herr Oberst mit dir
spricht«, fuhr ihn der Rittmeister an.
Langsam und schwerfällig erhob sich Dolinnik vom Boden.
»Weswegen du hier bist, habe ich gefragt«, wiederholte Tschernjak. Einige
Sekunden lang betrachtete Dolinnik das gezwirbelte Schnurr-bärtchen des
Obersten, sein glattrasiertes Gesicht, dann den Schirm der neuen Kerenski-
Mütze mit der emaillierten Kokarde.
Plötzlich kam ihm der kühne Gedanke:
Und vielleicht gelingt es doch?
»Ich bin verhaftet worden, weil ich nach acht Uhr abends auf der Straße
war«, sagte er das erstbeste, das ihm gerade einfiel.
Einige Sekunden vergingen in qualvoller Spannung.
»Es war nicht Nacht, erst gegen elf Uhr abends.« Sprach's und glaubte schon
selbst nicht mehr an einen günstigen Ausgang dieses Abenteuers.
Ihm wankten die Knie, als er den kurzen Befehl vernahm:
»Scher dich!«
Dolinnik ging zur Tür hinaus und vergaß in der Eile seine Jacke. Der Ritt­
meister nahm sich bereits den nächsten vor. Kortschagin saß auf dem Fußbo­
den, ganz verwirrt durch das, was sich vor seinen Augen abspielte. Es war ihm
unfaßbar, was da vor sich ging. Alle ließ man heraus … ja, aber Dolinnik,
Dolinnik … Er hatte freilic
h angegeben, daß er wege
n nächtlichen Herumstrei­
Der Oberst verhörte den dürren Selzer auf seine übliche Manier:
»Weshalb bist du hier?« [136]
»Ich soll Agitation getrieben haben. Ich weiß aber gar nicht, was für eine Agi­
tation .. .«
Tschernjak horchte auf.
»Was? Agitation? Wofür hast du denn agitiert?«
Selzer ließ ratlos die Arme sinken.
»Ich weiß es wirklich selbst nicht. Ich habe nur erzählt, daß man bei der jüdi­
schen Bevölkerung Unterschriften für eine Bittschrift an den Hauptataman
sammelt.«
»Was denn für eine Bittschrift?« Der Kosakenrittmeister und Tschernjak rück­
ten näher zu Selzer heran.
»Eine Bittschrift über die Abschaffung
der Pogrome. Sie wissen wohl, bei uns
hat es einen furchtbaren Pogrom gegeben? Die Bevölkerung hat Angst.«
»Hab verstanden«, unterbrach ihn Tschernjak.
»Wir werden dir schon eine schöne Bittschrift verfassen, du Judenvieh.« Er
wandte sich an den Rittmeister:
»Dieses Früchtchen muß in sicheren Gewahrsam. Man soll ihn zum Stab
schaffen. Ich werde ihn mir selbst vorknöpfen, und da werden wir schon
erfahren, wer hier Bittgesuche überreic
»Halt die Schnauze, du Luder!«
Sich vor Schmerzen krümmend, wankte Selzer in eine Ecke. Seine Lippen
bebten. Nur mit Mühe hielt er einen Weinkrampf zurück.
Während der letzten Szene hatte sich Kortschagin erhoben. Von den Häftlin­
gen waren nur noch er und Selzer da.
Tschernjak stellte sich vor den Jungen und musterte ihn mit seinen schwar­
zen Augen.
»Und du, weshalb bist du hier?« Der Oberst bekam rasch die Antwort:
»Ich habe ein Stück Leder für Schuhsohlen vom Sattel abgeschnitten.«
»Von welchem Sattel?« Der Ob
erst begriff nicht recht.
»Bei uns sind doch zwei Kosaken einquartiert; da habe ich von einem alten
Sattel ein Stück Leder abgeschnitten für Sohlen, und deshalb haben mich die
Kosaken hierhergebracht.« Und von ei
ner ungestümen Hoffnung gepackt,
wieder in die Freiheit zu gelangen, fügt
e er hinzu: »Ich wußte ja nicht, daß
man das nicht darf …«
Der Oberst sah Kortschagin verächtlich an.
»Womit sich dieser Kommandant bloß beschäftigt hat, weiß der Teu- [137]
fel! Schöne Häftlinge hat er sich da
zugelegt!« Er wandte sich zur Tür und
schrie im Gehen Pawel an: »Kannst nach
Hause, und sag deinem Vater, er soll
dir ordentlich die Hosen strammziehen. Na, mach, daß du fortkommst!«
Mit vor Freude wild klopfendem Herzen
griff Pawel, der seinen Ohren kaum
traute, nach Dolinniks liegengebliebener Jacke, rannte zur Tür, durch die
Wachstube auf den Hof und dann durch die Pforte auf die Straße hinaus.
Der unglückliche Selzer blieb allein zu
rück. Er blickte sich zerquält und sehn­
süchtig um, machte instinktiv einige Schritte zur Tür, aber schon erschien ein
Posten, schloß die Tür, hängte das Schloß vor und setzte sich auf einen neben
der Tür stehenden Schemel.
Draußen wandte sich Tschernjak zufrieden an den Kosakenrittmeister.
»Gut, daß wir hier einen Blick hineingeworfen haben. Was sich da für ein
Pack angesammelt hat – kaum zu glauben! Der Kommandant kriegt seine zwei
Im Hof ließ der Wachstubenälteste sein
en Trupp Aufstellung nehmen. Als er
den Obersten erblickte, lief er
»Alles in Ordnung, Pan Oberst.«
Tschernjak setzte den Fuß in den Steigbügel und sprang behend in den Sattel.
Der Rittmeister mühte sich mit seinem st
örrischen Gaul ab. Tschernjak zog die
Zügel an und sagte:
»Bestell dem Kommandanten, daß ich den ganzen Mist, den er hier ange­
sammelt hatte, an die frische Luft gese
tzt habe und daß ich ihm zwei Wochen
Arrest aufbrummen werde für diese Wirtsc
haft hier. Der Kerl, der dringeblieben
ist, muß schleunigst zum Stab gebracht werden. Die Wache soll sich fer­
tigmachen.«
»Zu Befehl, Pan Oberst!« Der Kosak salutierte.
Der Oberst und der Rittmeister gaben ihren Pferden die Sporen und ritten im
Galopp zum Platz zurück, auf dem die Pa
m Ende entgegen­
Die Hungertage in dem muffigen, ungelüfteten Lagerraum hatten ihn kraftlos
gemacht. Nach Hause konnte er nicht, zu Brusshaks auch nicht – denn sollte
Er wußte nicht, was er tun sollte, und
lief und lief, vorüber an Gemüsefeldern
und Gärten. Erst als er mit der Brust gegen einen Zaun prallte, kam er zur
Besinnung.
Er sah sich um und erschrak: Hinter dem hohen Bretterzaun lag der Garten
des Oberförsters. Also dahin hatten ihn seine müden Beine getragen! War er
etwa absichtlich hierhergerannt? Nein.
Aber weshalb befand er sich denn ge
rade vor dem Haus des Oberförsters?
Auf diese Frage konnte er keine Antwort geben.
Jetzt mußte er irgendwo Atem schöpfen und überlegen, was geschehen sollte;
er wußte, im Garten stand eine La
ube. Dort würde ihn niemand sehen.
Kortschagin sprang hoch, klammerte sich mit der Hand am obersten Brett
Er wollte zum Zaun zurück, aber zu spät. Schon hörte er hinter sich das
wütende Gekläff eines Hundes. Über den mit Herbstlaub bedeckten Weg
sprang vom Försterhaus her ein riesiger
Hund auf ihn zu, der den Garten mit
Pawel machte sich zur Abwehr bereit.
Den ersten Ansprung wehrte er mit ei
nem Fußtritt ab. Aber der Hund wollte
nicht von ihm ablassen, er versuchte ihn abermals anzufallen. Wer weiß, wie
dieser Kampf ausgegangen wäre, wenn nicht eine Pawel bekannte helle
Stimme gerufen hätte:
»Tresor, hierher!«
Tonja kam den Gartenweg entlanggelaufen
. Sie packte Tresor beim Halsband
und zerrte ihn zurück, dann wandte sie sich an den am Zaun stehenden Pawel:
»Wie sind Sie denn hier hereingeraten? Der Hund hätte Sie ja in Stücke
reißen können. Gut, daß ich …«
Die Gestalt am Zaun machte eine Bewegung und sagte leise:
»Erkennst du … Erkennen Sie mich?«
Tonja schrie auf und ging hastig auf Kortschagin zu.
»Pawluscha, du bist's?« [139]
Tresor hielt diesen Ausruf für ein Angr
iffssignal und sprang mit einem Satz
vor.
»Kusch!«
Der Hund erhielt von Tonja einen Klaps und lief mit eingezogenem Schwanz
zum Haus.
Tonja drückte Kortschagin die Hand und fragte:
»Du bist frei?«
»Ach, du weißt also?«
Tonja, die ihrer Erregung nicht He
rr werden konnte, sprudelte hervor:
»Ich weiß alles. Lisa hat es mir erzä
hlt. Wie kommst du aber hierher? Hat
man dich freigelassen?«
»Ja, irrtümlicherweise freigelassen. Ich bin geflohen. Wahrscheinlich sucht
man mich schon. Hierher bin ich zufä
llig geraten. Ich wollte mich in der
Laube ein wenig verschnaufen.« Und wie
um sich zu entschuldigen, fügte er
hinzu: »Ich bin sehr müde.«
Sekundenlang schaute Tonja ihn an, und von aufwallendem Mitleid, heißer
packt, preßte sie seine Hände.
»Pawluscha, lieber, lieber Pawka, mein
guter, einziger … Ich liebe dich
Hörst du …? Du eigensinniger Junge, du, warum bist du damals weggelaufen?
Kortschagin schüttelte ablehnend den Kopf.
»Und wenn man mich bei euch findet, was wird dann werden? Nein, ich
kann bei euch nicht bleiben.«
Ihre Hände umklammerten seine Finger noch fester. Ihre Lider zuckten, in
den Augen standen Tränen.
»Wenn du jetzt nicht zu uns kommst, wirst du mich nie wiedersehen. Artjom
ist doch nicht da. Er ist unter Bewachung auf eine Lokomotive gebracht wor­
Pawel verstand ihre Unruhe, aber die Angst, das Mädchen in Gefahr zu brin­
gen, hielt ihn zurück. Und doch gab er, erschöpft von all dem Erlebten, von
Müdigkeit und Hunger übermannt, schließlich nach. Während er in Tonjas
Zimmer auf dem Diwan saß, fand in der Küche zwischen Mutter und Tochter
folgendes Gespräch statt:
»Mama, in meinem Zimmer ist jetzt Kortschagin. Kannst du dich noch [140]
an ihn erinnern? Mein Schüler. Ich will dir nichts verheimlichen. Er war ver­
haftet, weil er einen bolschewistischen Ma
»Ich bitte dich, Mama, erlaub doch, daß er jetzt bei uns bleibt.«
»Gut, ich habe nichts dagegen. Aber
wo willst du ihn unterbringen?«
»Er kann in meinem Zimmer auf dem
Diwan schlafen. Der Vater braucht
vorläufig nichts davon zu wissen.«
Die Mutter sah Tonja in die Augen.
»Das war also die Ursache deiner Tränen?«
»Ja.«
»Er ist ja noch ein Junge.«
Tonja zupfte nervös an ihrer Bluse.
»Ja, aber wenn er nicht geflohen wäre, hätte man ihn wie einen Erwachsenen
erschossen.«
Die Anwesenheit Kortschagins in ihrem
Haus erfüllte Jekaterina Michailowna
mit Unruhe. Seine Verhaftung sowie Tonjas offensichtliche Sympathie für die­
sen Jungen, den sie, die Mutter, gar nicht kannte, machten ihr große Sorgen.
Tonja wurde plötzlich von hausfraulichem Eifer gepackt.
»Er muß baden, Mama. Ich will sofort a
lles herrichten. Er ist schmutzig wie
ein Schornsteinfeger, hat sich eine Ewigkeit nicht waschen können.« Geschäf­
tig lief sie hin und her, heizte den Badeofen, legte frische Wäsche zurecht.
Schließlich nahm sie Pawel bei der Hand
und zog ihn ohne jede weitere Erklä­
rung ins Badezimmer.
»Du mußt alles wechseln. Hier hast du einen Anzug. Deine Sachen müssen
gewaschen werden. Das hier wirst du an
ziehen«, sagte sie und wies auf den
Stuhl, auf dem sauber und ordentlich Hosen und eine blaue Matrosenbluse mit
weißem Kragen lagen. Pawel blickte erstaunt drein, Tonja lächelte.
»Das ist mein Maskenballkostüm. Es wird dir gerade passen. So, und jetzt
bedien dich selbst – ich laß dich a
llein. Während du badest, mache ich das
Sie warf die Tür zu. Pawel blieb nichts an
deres übrig, als sich zu fügen. Er zog
sich schnell, aus und stieg in die Wanne.
Eine Stunde später saßen alle drei – die Mutter, Tonja und Pawel – in der
Küche beim Mittagessen. [141]
Der ausgehungerte Pawel leerte, ohne es
gewahr zu werden, drei Teller. Zuerst
genierte er sich vor Jekaterina Michailo
wna. Aber als er ihr herzliches Verhal­
ten spürte, langte er kräftig zu
und fühlte sich bald heimisch.
»Was wollen Sie nun weiterhin machen?« fragte ihn Jekaterina Michailowna.
Pawel sann ein wenig nach.
»Ich möchte erst mal meinen Bruder Artjom sehen und dann schleunigst von
hier verschwinden.«
»Wohin?«
»Ich will mich nach Uman oder Kiew durchschlagen. Bin mir selbst noch
nicht ganz klar, wohin, aber von hier muß ich unbedingt weg.«
Pawel konnte es noch immer nicht fassen, daß sich alles so schnell geändert
hatte. Am Morgen war er noch im Ki
ttchen gewesen, und jetzt saß Tonja
Aber jeden Augenblick konnten sie ihn holen kommen.
Er mußte fort, ganz gleich, wohin, nur nicht hierbleiben.
Aber von hier wegzugehen, hat er, verdammt noch mal, gar keine Lust! Wie
interessant war es, über den Helden Garibaldi zu lesen! Wie hatte er ihn benei­
»Woran denkst du?« fragte Tonja und neigte sich über ihn. Ihre Augen schie­
nen ihm unergründlich in
ihrem dunklen Blau.
»Tonja, wenn es dich interessiert, erzähle ich dir von Christina …«
»Erzähl«, bat Tonja lebhaft.
»… und sie kam nicht mehr zurück.« Die letzten Worte stieß er mühsam her­
vor.
Im Zimmer war nur das gleichmäßige Ti
cken der Uhr zu hören. Tonja hatte
den Kopf gesenkt. Das Schluchzen saß ihr in der Kehle, sie biß sich krampfhaft
auf die Lippen. Pawel blickte sie an.
»Ich muß heute noch fort von hier«, sagte er entschieden. [142]
»Nein, nein, heute darfst du auf keinen Fall weggehen!«
reichelten leise sein widerspenstiges Haar.
»Tonja, du mußt mir helfen. Man muß
in Erfahrung brin
gen, wo Artjom
steckt, und dann noch zu Serjosha gehen. Bei uns ist ein Krähennest, dort
habe ich die Pistole versteckt. Ich kann nicht selber hingehen. Serjosha muß
sie holen. Wirst du gehen?«
Tonja stand auf.
»Ich laufe sofort zu Lisa Sucharko und dann mit ihr ins Depot. Schreib einen
Zettel, ich bringe ihn Serjosha. Wo wohnt er denn? Und wenn er zu dir kom­
men will, soll ich ihm anvertrauen, wo du steckst?«
Pawel dachte nach und sagte dann:
»Er soll mit der Pistole aben
ds in den Garten kommen.«
Erst spätnachmittags kehrte Tonja heim.
Pawel war fest eingeschlafen. Unte
r der zarten Berührung ihrer Hand
erwachte er. Sie lächelte freudig.
»Artjom wird gleich hier sein. Er ist soeben angekommen. Lisas Vater hat für
ihn gebürgt, und so hat man ihn auf eine Stunde weggelassen. Die Lokomotive
steht im Depot. Ich konnte ihm nicht sagen, daß du hier bist. Habe ihm nur
Tonja lief zur Tür. Artjom blieb wie ange
wurzelt an der Schwelle stehen und
wollte seinen Augen nicht trauen. Tonja schloß rasch hinter ihm die Tür,
damit der kranke Vater in seinem Zimmer nichts hören konnte.
Als Artjom den Bruder in seine Arme nahm, knackten Pawels Knochen.
»Brüderchen, Pawka!«
Pawel mußte morgen weg, das stand fest.
Artjom wollte ihn auf der Lokomotive bei Brusshak unterbringen, der nach
Kasatin fahren sollte.
Der sonst so rauhe Artjom war, besorg
t um das ungewisse Schicksal seines
Bruders, völlig aus dem Gleichgewicht
»Also morgen früh um fünf Uhr kommst
du zum Holzlager. Wir werden Holz
auf den Tender laden, und du versteckst dich. Ich hätte gern mehr mit dir
gesprochen, aber ich muß wieder zurück
. Morgen werde ich dich begleiten.
Wir sollen zu einem Eisenbahnerbataillon zusammengefaßt werden. Man fährt
jetzt unter Bewachung – ganz wie es unter den Deutschen war.« [143]
Artjom verabschiedete sich und ging.
Die Dämmerung brach rasch an. Pawel wartete gespannt auf Serjosha. Tonja
und ihre Mutter hielten sich
bei dem kranken Vater auf.
Pawel und Serjosha trafen sich am Gart
enzaun. Sie drückten einander fest die
Hand. Auch Walja war mitgekommen. Sie unterhielten sich flüsternd.
»Ich habe die Pistole nicht mitbringen können. Bei euch ist der ganze Hof
»Ach, laß nur«, beruhigte ihn Pawel.
»Wer weiß, wozu das gut ist. Vielleic
ht würde man die Waffe unterwegs bei
mir finden, und dann könnte mich das den Kopf kosten. Aber wegholen mußt
du sie unbedingt.«
Walja trat zu ihm.
»Wann fährst du?«
»Morgen, Walja, sobald es hell wird.«
»Aber wie bist du bloß herausgekom­
men, erzähl doch!« Pawel berichtete hast
ig im Flüsterton all seine Erlebnisse.
Sie verabschiedeten sich herzlich. Serjosha scherzte nicht mehr, er war ganz
aufgeregt.
»Glückliche Reise, Pawel, vergiß uns
nicht«, brachte Walja mühsam heraus.
Sie gingen und waren bald in der Dunkelheit verschwunden. Im Haus war
alles still. Nur die Uhr tickte gleichmä
ßig. Weder Tonja noch Pawel dachten
ans Schlafen. Sollten sie sich doch in
sechs Stunden wieder trennen und viel­
leicht nie mehr wiedersehen.
Und kann man denn in so kurzer Frist einander jene vielen Gedanken und
Worte sagen, die jeden von ihnen im tiefsten Innern bewegten? Was kann es
Schöneres geben als die Umarmung des geliebten Mädchens und einen Kuß,
der dich durchzuckt und versengt
wie ein elektrischer Schlag!
Während der ganzen Freundschaft war da
s der zweite Kuß. Bisher war außer
der Mutter niemand zärtlich zu Pawel gewe
sen. Nichts als Prügel hatte er ken­
nengelernt. Um so stärker empfand er To
njas Zärtlichkeit. In seinem harten
und bitteren Leben hatte er nie geahnt, daß es solche Freude geben konnte.
Er spürte den Duft ihres Haares und glaubte, ihre Augen zu sehen. [144]
»Ich liebe dich so, Tonja, kann es dir gar nicht sagen, kann nicht ausdrücken,
was ich empfinde.«
Seine Gedanken verwirrten sich.
Er umarmte Tonja. Wie fügsam der geschmeidige Körper ist …
»Tonja, wenn der ganze Wirbel vorbei
ist, werde ich bestimmt Monteur.
Wenn du mich dann noch liebhast und es dir wirklich ernst ist und nicht nur
Spielerei, so werde ich dir ein guter Ma
Da sie befürchteten, in zärtlicher Umarmung einzuschlafen, die von der Mut­
Der Morgen graute bereits, als sie eins
chliefen, nachdem sie sich das Verspre­
chen abgenommen hatten, einander nie zu vergessen.
Frühmorgens wurde Kortschagin von Jekaterina Michailowna geweckt. Rasch
wurde er munter.
Während er im Badezimmer in seine Sach
en schlüpfte, die Stiefel und Dolin­
niks Jacke anzog, weckte die Mutter auch Tonja.
Flink eilten die beiden im Morge
nnebel zur Station. Auf einem Umweg
kamen sie zum Holzschuppen. Artjom erwa
Langsam kam die in dicke Dampfwolken gehüllte schwere Lokomotive heran.
Aus dem Fenster des Führerstandes blickte Brusshak.
Artjom warf einen Seitenblick auf die mit den Tränen kämpfende Tonja und
»Entweder bin ich ein vollendeter Esel, oder bei den beiden stimmt was
nicht. Sieh einer den Pawka an. Das ist mir ein Lausbub!«
Als der Zug außer Sicht war, wandte sich Artjom an Tonja:
»Na, also wollen wir gute Freunde werden«, und Tonjas winzige Hand ver­
schwand in Artjoms riesiger Tatze.
Aus der Ferne war noch das Rollen des immer schneller fahrenden Zuges zu
hören. [144]
SIEBENTES KAPITEL
Eine ganze Woche lang waren Erwachen und Schlafengehen in dem von
Schützengräben und dichten Drahtverhauen umgebenen Städtchen von dem
Dröhnen der Geschütze und dem Geknatter
Stadt sausten die Granaten brüllend, pf
eifend und alles übertönend über ein
von den Roten besetztes Dorf hinweg.
Im Hof eines alten polnischen Klosters standen die Batterien der Roten. Das
Kloster lag mitten im Dorf auf einem Hügel.
Genosse Samostin, der Krie
gskommissar der Batterie,
sprang auf. Er hatte
geschlafen, den Kopf an die Lafette eines Geschützes gelehnt. Den Gürtel mit
der schweren Mauserpistole straff ziehen
d, lauschte er auf das Heulen einer
Granate und wartete auf den Einschlag. Der Hof hallte von seiner hellen
Stimme wider:
»Aufstehen! Morgen könnt ihr ausschlafen, Genossen, aufstehen!«
Die Artilleristen hatten neben ihren Geschützen geschlafen. Sie sprangen
ebensoschnell auf die Beine wie ihr Krie
gskommissar. Nur bei Sidortschuk ging
das langsam. Schlaftrunken hob er den Kopf und schimpfte:
»Zum Teufel mit diesem verfluchten Pack! Kaum wird's hell, da fängt der
Krawall schon wieder an. Was ist das bloß für eine niederträchtige Bande!«
Samostin lachte auf. [146]
»Sind eben ganz unaufgeklärte Element
e, Sidortschuk. Nehmen absolut keine
Rücksicht darauf, daß du noch schlafen willst.«
Der Artillerist erhob sich und brummte unzufrieden vor sich hin.
Nach einigen Minuten dröhnten bereit
s auf dem Klosterhof die Geschütze,
und in der Stadt krepierte Granate auf Granate.
Auf dem hochragenden Schlot der Zuckerfabrik hatten ein Petljura-Offizier
und ein Telefonist auf einem Brettergerüst ihren Beobachtungsstand eingerich­
Bahnhof führenden Gl
zerzug angekrochen, der ununterbrochen
aus seinen Geschützen feuerte. Hin­
ter ihm waren Schützenketten zu sehen. Schon einige Male waren die Roten
zum Angriff vorgegangen und hatten versucht, die Stadt einzunehmen, aber
das Sitscher Regiment hatte sich an den Zugängen festgesetzt und eingegraben,
und die Schützengräben spien höllisches
Feuer. Ringsum war alles von rasen­
dem Gewehrgeknatter erfüllt
. Der Lärm steigerte sich zu einem einzigen
Heute wurden die Angriffe auf die Stad
t immer hartnäckiger, immer häufiger.
Die Luft erzitterte unter den Einschläg
en. Von der Spitze des Fabrikschlotes
konnte man beobachten, wie die Schützenketten der Roten sich hinwarfen,
Keine Macht der Welt hätte verhindern können, daß Serjosha Brus- [147]
shak den Keller verließ, wo sich sein
e Familie und deren Nachbarn versteckt
hielten. Trotz des Protests seiner Mutte
der Richtung zum Südwestbahnhof flohen die Petljura-Leute. Ihr Rückzug
wurde durch das Panzerauto gedeckt. Di
e in die Stadt führende Chaussee war
menschenleer. Aber plötzlich tauchte auf
der Straße ein Rotarmist auf. Er warf
sich zu Boden und beschoß die Chaussee.
Ihm folgte ein zweiter, ein dritter …
Serjosha sah sie; sie liefen geduckt voran und schossen dabei. Ohne jede
Deckung rannte ein sonnverbrannter Chinese mit entzündeten Augen daher.
Über seinem Hemd hingen Patronengurte, in beiden Händen hielt er Hand­
granaten. Allen voran stürmte ein ganz junger Rotarmist mit einem leichten
Maschinengewehr. Das war die erste Sch
»Ein Hoch auf unsere Genossen!«
Beinah hätte ihn der Chinese vor Überraschung umgerannt. Er wollte gerade
Serjosha derb anfahren, als der begeisterte Blick des Jungen ihn zurückhielt.
Serjosha hörte jedoch nichts mehr. Er eilte in den Hof, griff nach der wegge­
worfenen Patronentasche mit dem Gewehr des Sitscher Schützen und rannte
den Rotarmisten hinterher. Erst als bereits der Südwestbahnhof genommen
war, wurde man auf ihn aufmerksam. Nachdem mehrere mit Granaten und
Gewehrmunition beladene Transporte abgeschnitten und der Gegner in den
Wald zurückgeworfen war, machten die Rotarmisten halt, um Atem zu schöp­
fen und sich zu sammeln. Ein junger Maschinengewehrschütze trat auf Ser­
josha zu und fragte erstaunt:
»Woher bist du, Genosse?«
»Ich bin von hier, aus der Stadt, habe nur darauf gewartet, daß ihr kommt.«
Serjosha wurde von Rotarmisten umringt. [148]
»Ich ihn kennen«, erklärte freudig lächelnd der Chinese.
»El haben gelufen: ›Hoch, Genossen!‹ El – einel von den Unsligen! Ein gutes
Junge, Bolschewik«, fügte er hinzu un
d klopfte Serjosha stürmisch auf die
Schulter.
Serjoshas Herz schlug erregt. Sie hatten ihn sofort als einen der Ihren erkannt.
Er hatte doch gemeinsam mit ihnen im Bajonettangriff den Bahnhof genom­
men.
Das Städtchen lebte auf. Die gequälten Einwohner krochen aus ihren Kellern
hervor und eilten vor die Türen, um die Roten Truppen zu sehen. Antonina
Wassiljewna und Walja entdeckten plötz
lich den stolz in den Reihen der Rot­
armisten marschierenden Serjosha. Er war ohne Mütze, hatte eine Patronenta­
sche umgehängt und ein Gewehr über der Schulter.
Antonina Wassiljewna schlug vor Empörung die Hände zusammen.
Ihr Sohn, ihr Serjosha, hatte es gewagt, sich in die Kämpfe einzumischen!
»Serjosha, mach, daß du nach Hause kommst, aber augenblicklich! Ich werd's
dir schon geben, du Halunke! Werde dir beibringen, was Krieg heißt!« Sie ging
auf ihren Sohn los, um ihn zu packen.
Aber Serjosha, ihr Serjosha, den sie noch vor kurzem an den Ohren gezogen
hatte, blickte seine Mutter streng an und warf ihr, rot vor Scham und Krän­
kung, entgegen:
»Schrei nicht so! Ich werde nicht von hier weggehen«, und marschierte, ohne
den Schritt zu verlangsamen, an ihr vorüber.
Antonina Wassiljewna brauste auf:
»So redest du also mit deiner Mutter! Wag es nicht, dich nach alledem noch
zu Hause blicken zu lassen!«
»Ich komme auch gar nicht wieder«, rief ihr Serjosha zu und wandte sich
nicht einmal um.
Antonina Wassiljewna blieb völlig verwi
rrt auf der Straße stehen. An ihr vor­
über marschierten die Reihen sonnv
erbrannter, staubbedeckter Kämpfer.
»Weine nicht, Mamachen! Wir machen deinen Sohn noch zum Kommissar«,
rief ihr eine kräftige Stimme spöttisch zu.
Ein fröhliches Gelächter ging durch den ganzen Zug. An der Spitze der Kom­
panie stimmte jemand ein Lied an: [149-150]
Brüder, zur Sonne, zur Freiheit,
Brüder, zum Lichte empor!
Hell aus dem dunklen Vergangnen
leuchtet die Zukunft hervor!
Mächtig fiel die ganze Kompanie ein,
und mit den anderen verschmolz auch
Serjoshas helle Stimme. Er
hatte eine neue Familie
Gewehre gehörte ihm, Serjosha.
Am Tor der Leszczynskischen Villa hängt eine weiße Tafel. Darauf steht ein
einziges Wort: »Revolutionskomitee«.
Daneben ein leuchtendes Plakat. Ein Zeig
efinger ist direkt auf die Brust des
Diese stummen Agitatoren waren in de
r Nacht von Mitarbeitern der politi­
schen Abteilung der Division angebracht worden. Daneben hing der erste Auf­
ruf des Revolutionskomitees an alle Werktätigen der Stadt Schepetowka:
Genossen! Die proletarischen Truppen haben die Stadt genommen. Die Sow­
Vorsitzender des Revolutionskomitees
Dolinnik
Neue Leute waren in der Leszczynskis
An der Tür, die in eins der kleineren
Zimmer der Villa führt, klebt ein Stück
Papier, auf dem mit Bleistift geschrieben
steht: »Parteikomit
Sowjetmacht ins Leben zu rufen. [151]
Kaum ein Tag ist vergangen, und schon sitzen weitere Mitarbeiter an den
Tischen, schon klappert eine Schreibmaschine. Ein Lebensmittelkommissariat
ist geschaffen. Der Kommissar Pyzicki ist ein lebhafter, nervöser Mann. Pyzicki
»Schluß mit allem«, sagte er, »das, was
einst war, wird nie mehr wiederkeh­
ren. Unsere Väter und wir haben lang genug für Potocki geschuftet. Wir bau­
ten denen Schlösser, und dafür zahlte uns der erlauchte Herr Graf gerade so
viel, daß wir nicht bei der Arbeit vor Hunger krepierten.
Wie viele Jahre sitzen uns schon die
Grafen Potocki und die Fürsten San­
guschko im Nacken? Sind es vielleicht
wenig polnische Arbeiter, die Potocki
unter sein Joch zwang, sind es wenig Russen, wenig Ukrainer? Und nun spu­
ken unter diesen Arbeitern Gerüchte,
Das ist eine gemeine Verleumdung, Genossen, von den Speichelleckern des
Wir werden auch eine polnische Repub
lik haben, aber eine Sowjetrepublik
ohne die Potockis, die wir mit der Wurzel ausrotten und ver- [152] nichten
Als Pyzicki von der Tribüne stieg, beku
Nur die älteren Leute hatten Angst, ihre
Meinung zu sagen. Wer weiß? Viel­
leicht werden die Bolschewiki morgen
Kommissar für Volksbildungswesen ist ei
n Lehrer – der magere, schlanke
Tschernopysski. Er ist vorläufig der einzige von der ortsansässigen Lehrer­
schaft, der zu den Bolschewiki hält.
Gegenüber dem Revolutionskomitee ist ei
ne Sonderkompanie untergebracht,
deren Rotarmisten im Revolutionskomit
ee Dienst tun. Am Abend wird im Gar­
ten vor dem Eingang ein Maxim-Maschinengewehr aufgestellt. Daneben hal­
ten zwei Soldaten mit Gewehren Wache.
Als die Genossin Ignatjewa ins Revoluti
onskomitee ging, wurde sie auf einen
ganz jungen Rotarmisten aufmerksam und fragte ihn:
»Wie alt sind Sie, Genosse?«
»Sechzehn.«
»Sind Sie hier vom Ort?«
Der Rotarmist lächelte:
»Ja, ich bin erst vorgestern während
»Hilfsmaschinist.«
Dolinnik betrat mit einem der Kommandeure den Garten. Die Genossin
Ignatjewa wandte sich an ihn: »Hier habe ich einen für das Bezirkskomitee des
Jugendverbandes gefunden. Er ist von hier.«
Dolinnik warf einen raschen Blick auf den Jungen.
»Wie heißt du? – Ach, bist ja der Sohn von Sachar. Na ja, dann fang mal an,
die Jungen zusammenzutrommeln.« [153]
Serjosha blickte die beiden erstaunt an.
»Und wie wird's mit der Kompanie?«
Dolinnik antwortete, als er schon die Stufen hinauf lief:
»Das bringen wir schon in Ordnung.«
Am Abend des zweiten Tages wurde in der Stadt ein Ortskomitee des Kom­
munistischen Jugendverbandes der Ukraine geschaffen.
Das neue Leben brach sich schnell, unerwartet schnell Bahn. Serjosha ging
ganz darin auf. Es riß ihn in unwiderstehlichem Strudel mit si
ch fort. Serjosha
hatte seine Familie ganz vergessen, obwo
hl sie sich so in der Nähe befand.
Er, Serjosha Brusshak, war ein Bolschew
ik! Vielleicht zum zehntenmal zog er
das weiße Papierstreifchen aus der Hose
ntasche, wo auf einem Vordruck des
Komitees der Kommunistischen Partei
(Bolschewiki) der Ukraine geschrieben
Serjosha hatte jetzt tagelang mit Aufträgen des Revolutionskomitees zu tun.
Zeitungen für das Revolutionskomitee
entgegennehmen müssen. Eilig lief der
Junge auf die Straße.
Einer von der politischen Abteilung
Bis zum Bahnhof war es weit. Der Stab und die politische Abteilung der
»Was hast du auf deinem Gebiet geleistet? Hast du eine Organisation geschaf­
fen? Du mußt unter deinen Freunden, unter der Arbeiterjugend agitieren. Man
muß demnächst eine Ortsgruppe der Kommunistischen Jugend gründen. Mor­
gen wollen wir einen Komsomolaufruf verfassen und drucken lassen. Dann
werden wir im Theater eine Jugendkundgebung veranstalten. Ich werde dich
in der politischen Abteilung der Divi
sion mit der Genossin Ustinowitsch
bekannt machen. Sie leitet die Arbeit unter den Jugendlichen.«
Die Genossin Ustinowitsch war, wie sich herausstellte, ein achtzehnjähriges
Mädchen mit kurzem dunklem Haar, in einer neuen feldgrauen Bluse, die in
der Taille von einem schmalen Riemen
zusammengehalten war. Serjosha
erfuhr von ihr sehr viel Neues und erhi
elt die Zusicherung, daß sie ihn in sei­
ner Arbeit unterstützen werde. Beim Ab
schied [154] belud sie ihn mit einem
Haufen Literatur und gab ihm außerdem noch ein kleines Buch: das Programm
und die Statuten des Kommunistischen Jugendverbandes.
Spätabends kehrten sie ins Revolution
skomitee zurück. Im
»Schämst du dich denn nicht? Du kennst uns wohl gar nicht mehr? Tagtäg­
»Nichts da, es wird keinen Skandal gebe
n, Walja. Ich habe keine Zeit, nach
Hause zu kommen. Mein Ehrenwort, ic
h hab dazu keine Zeit, auch heute
nicht. Aber mit dir habe ich etwas zu besprechen. Komm mal mit.«
Walja erkannte ihren Bruder kaum wieder
. Er hatte sich völlig verändert. Es
war, als wäre er mit elektrischer Energi
e geladen. Er drückte die Schwester auf
einen Stuhl und begann gleich ohne viel Umschweife:
»Es handelt sich um folgendes: Du mußt in den Komsomol eintreten. Du ver­
stehst das nicht? In den Kommunistischen Jugendverband. Ich bin dort so
Walja las und schaute den Bruder verlegen an.
»Was soll ich denn im Jugendverband machen?«
Serjosha sperrte vor Verwunde
rung Mund und Augen auf.
»Was du da tun sollst? Aber, es gibt ja
eine Unmasse Arbeit, meine Liebe. Ich
mache nächtelang kein Auge zu. Agitieren muß man. Die Genossin Ignatjewa
sagt, wir sollen alle Jugendlichen im Theater versammeln und ihnen von der
»Ich weiß nicht. Die Mutter wird dann sicher ganz außer sich sein.«
»Du darfst dich nicht nach der Mutter richten, Walja«, erwiderte Serjosha.
»Das versteht sie eben nicht. Sie will
nur, daß ihre Kinder bei ihr bleiben.
Er zog das kleine Buch aus der Tasche und gab es ihr. Walja, die kein Auge
von dem Bruder ließ, fragte flüsternd:
»Und was wird geschehen, wenn die Petljura-Leute wiederkommen?«
Serjosha dachte zum erstenmal über diese Frage nach.
»Dann werde ich natürlich zusammen mit den anderen abziehen. Aber was
wird aus dir werden? Die Mutter wird dann wirklich sehr unglücklich sein.«
Er schwieg eine Weile.
»Serjosha, du meldest mich so als Mitglied an, daß es weder die Mutter noch
sonst jemand erfährt, nur ich und du sollen es wissen. Und helfen werde ich
euch in allem. So wird es das beste sein.«
»Du hast recht, Walja.«
Die Genossin Ignatjewa kam ins Zimmer.
»Das ist meine Schwester Walja«, stellte Serjosha vor.
»Ich habe mit ihr über unsere Sache
gesprochen. Sie ist für uns völlig geeig­
Die Genossin Ignatjewa saß auf einer Tischkante und hatte aufmerksam
zugehört.
»Gut, wir werden es so machen.«
Das Theater war brechend voll. Lebhaft plaudernde Jugendliche, die von den
in der ganzen Stadt angeschlagenen Bekanntmachungen aufgefordert worden
waren, sich an der bevorstehenden
Endlich hob sich der Vorhang, und auf der Bühne erschien der soeben einge­
troffene Sekretär des Kreiskomitees, Genosse Rasin. [156]
Der kleine, magere und spitznasige Ma
nn lenkte die allgemeine Aufmerksam­
keit auf sich. Seine Rede wurde mit groß
em Interesse aufgenommen. Er sprach
von dem Kampf, der im ganzen Land tobte, und forderte die Jugendlichen auf,
sich um die Kommunistische Partei zu scharen. Er sprach routiniert, doch
seine Rede enthielt zu viele Schlagworte, wie »orthodoxe Marxisten«, »Sozial­
chauvinisten« und ähnliche, die die Zuhörer natürlich nicht verstanden.
Als er geendet hatte, erscholl lauter Beifa
ll. Er erteilte Serjosha das Wort und
verließ die Bühne, um wieder wegzufahren.
Jetzt geschah das, was Serjosha gefürcht
Genossin Ignatjewa half ihm, indem sie ihm vom Tisch aus zuflüsterte:
»Sprich darüber, wie eine Zelle organisiert werden soll.«
Sofort ging Serjosha zu den praktischen Maßnahmen über, die ergriffen wer­
den müßten.
»Ihr habt schon alles gehört, Genossen. Jetzt müssen wir eine Zelle gründen.
Wer von euch unterstützt diesen Vorschlag?«
Im Saal trat Stille ein.
Rita Ustinowitsch kam ihm zu Hilfe.
Sie erzählte den Zuhörern, wie die
Jugend in Moskau organisiert ist.
Verlegen stand Serjosha daneben.
Er war sehr aufgeregt über das gleichgültige Verhalten der Anwesenden und
blickte finster in den Saal. Den Ausführungen der Ustinowitsch wurde wenig
Rita Ustinowitsch, die spürte, daß man ihr nicht zuhörte, beendete schnell
ihre Rede und überließ der Genossin Ignatjewa ihren Platz, deren ruhige Worte
die Zuhörer zum Schweigen brachten. [157]
»Meine jungen Genossen!« sagte sie. »J
eder von euch soll über das, was er
hier gehört hat, nachdenken. Ich bin davon überzeugt, daß es unter euch
Genossen gibt, die sich nicht als Zuschaue
r, sondern als aktive Kämpfer an der
Im Saal trat abermals Stille ein. Aus
»Ich bitte ums Wort!«
Mischa Lewtschukow drängte sich zur Bühne vor. Er schielte ein wenig und
wirkte wie ein tapsiger junger Bär.
»Wenn die Sache so steht, daß man den Bolschewiki helfen muß, so bin ich
dabei. Serjosha kennt mich. Ich will
Mitglied des Kommunistischen Jugend­
Serjosha lächelte freudig.
»Nun seht ihr, Genossen!« rief er plötzlich, auf die Mitte der Bühne vorstür­
»Ich hab's doch gleich gesagt: Mischa, der gehört zu uns. Sein Vater war ein
Weichensteller, er ist von einem Waggon überfahren worden. Deshalb hat
Mischa seine Schulausbildung nicht beenden können. Aber in unserer Sache
hat er sich gleich zurechtgefunden,
obwohl er kein Gymnasium absolviert
hat.«
Im Saal herrschte Unruhe, Rufe wurden
laut. Der Gymnasiast Okuschew bat
ums Wort. Er war der Sohn eines Apotheke
rs und hatte sorgfältig gepflegtes
»Entschuldigt, Genossen, ich verstehe nicht, was ihr von uns wollt. Wir sol­
len uns mit Politik beschäftigen? Un
d wann sollen wir lernen? Wir müssen
doch das Gymnasium absolvieren. Eine andere Sache wäre es, wenn man
einen Sportverein gründete oder einen Klub, wo man sich treffen, wo man
lesen könnte. Aber sich mit Politik be
schäftigen und dann dafür an den Gal­
gen kommen, ich danke für Obst und Südfrüchte! Ich glaube, damit wird sich
wohl niemand einverstanden erklären.«
Im Saal erscholl Gelächter. Okuschew
sprang von der Bühne und setzte sich.
Seine Stelle nahm der junge Maschinengewehrschütze ein. Wütend schob er
die Mütze in die Stirn, musterte mit grimmigen Blicken die Reihen und schrie
in den Zuschauerraum hinein:
»Ihr lacht noch, Gesindel?«
Seine Augen funkelten wie glühende Ko
hlen. Er bebte vor Wut, holte tief
Atem und sagte: [158]
»Ich heiße Sharki – Iwan Sharki. Ich habe weder meinen Vater noch meine
Mutter gekannt. War ein Obdachloser, hab als Bettler an den Gartenzäunen
herumgelungert. Mußte Hunger leiden un
d hatte nirgends eine Zuflucht. Ein
Hundeleben war das, mir ging es nicht so wie euch Muttersöhnchen. Und da
Von den Präsidiumsmitglie
dern blieb niemand zu der darauffolgenden Vor­
Auf dem Weg zum Revolutionskomitee sagte Serjosha bekümmert:
»Eine dumme Geschichte ist dabei herausgekommen. Sharki hat ganz recht.
Nichts haben wir bei diesen Gymnasiasten erreicht. Nur die Wut kann man
»Das ist auch kein Wunder«, unterbrach ihn die Ignatjewa. »Es gibt ja fast

»Wir haben die Aufgabe, Serjosha, unsere Ideen, unsere Losungen unermüd­
lich jedem klarzumachen. Die Partei muß
alle Werktätigen auf jedes neue poli­
tische Ereignis hinweisen. Wir werden noch viele Versammlungen, Sitzungen
und Konferenzen abhalten. Die politisch
e Abteilung der Division wird am
Bahnhof ein Sommertheater eröffnen. In den nächsten Tagen trifft der Agita­
tionszug ein, dann werden wir mit Hochdruck arbeiten. Denkt daran, Lenin
hat gesagt: ›Wir werden nicht siegen
, wenn wir nicht die Millionenmassen der
Werktätigen in den Kampf einbeziehen.‹«
Serjosha begleitete am späten Abend Rita Ustinowitsch zum Bahnhof. Beim
Abschied drückte er ihr fest die Hand un
d hielt sie einige Sekunden lang in der
seinen. Ein leichtes Lächeln huschte über Ritas Lippen.
Als er in die Stadt zurückging, bog er unterwegs zu seiner elterlichen Woh­
nung ab. Die Vorwürfe der Mutter ließ Serjosha ohne ein Wort der Erwiderung
über sich ergehen. Als jedoch auch der Vater ihn zu schelten begann, änderte
er seine passive Haltung und brachte Sach
ar Wassiljewitsch sofort in Verlegen­
heit.
»Hör mal, Vater, hast du damals, als ihr unter den Deutschen gestreikt und
den Wachposten auf der Lokomotive
erschlagen habt, an deine Familie
gedacht? Du hast an sie gedacht, jawohl. Aber trotzdem hast du so gehandelt,
weil dich dein proletarisches Gewissen dazu gezwungen hat. Ich habe meine
Angehörigen auch nicht vergessen. Ich weiß, daß man euch meinetwegen ver­
folgen wird, falls wir abziehen müssen.
Aber wenn wir siegen, werden wir die
Macht haben. Zu Hause sitzen kann ich nicht, Vater, das verstehst du doch
selbst sehr gut. Wozu also die Aufregun
g? Ich arbeite für eine gute Sache, du
solltest mich dabei unterstützen, mir helfen, und statt dessen machst du mir
Vorwürfe. Wollen wir uns lieber vertrage
n, Vater, dann wird auch die Mutter
nicht mehr schimpfen.« Überzeugt von de
r Richtigkeit seiner Ansicht, blickte
er den Vater mit seinen klaren blauen Augen zärtlich lächelnd an.
Sachar Wassiljewitsch rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her,
»Ach so, du spekulierst auf mein Kl
assenbewußtsein, du Schlingel? Du
glaubst, weil du eine Pistole umgehängt hast, kann ich dich nicht mehr mit
dem Stock verprügeln?« [160]
In seiner Stimme lag jedoch keine Drohung. Nach einem kurzen, verlegenen
Schweigen streckte er dem Sohn entschlossen die schwielige Hand entgegen
und fügte hinzu:
»Na, wenn du schon einmal mitmachst, Serjosha, will ich dir nicht im Wege
sein. Aber vergiß uns nicht ganz, laß dich ab und zu mal sehen.«
onskomitees. Anwesend sind Dolinnik,
Ignatjewa, der Tschekavorsitzende
Timoschenko und zwei andere Genossen vom Revolutionskomitee – der lange
Eisenbahner Schudik und der plattnasige Ostaptschuk vom Depot.
Dolinnik beugte sich über den Tisch zur Genossin Ignatjewa und richtete den
Blick unmittelbar auf sie. Heiser,
»Die Front braucht Verpflegung. Die Arbeiter müssen auch zu essen haben.
Nachdem wir hier angekommen sind, haben die Händler und Spekulanten
sofort die Preise in die Höhe getrieben. Sowjetgeld wird nicht angenommen,
sie verkaufen nur gegen die alten zaristischen Banknoten oder gegen Kerenski-
Scheine. Heute noch müssen wir Höchst
»Von wem hast du denn das erfahren?« fragte dieser ganz verdutzt. Es ärgerte
ihn, daß Dolinnik immer alles früher wußt
e als er selbst, obwohl gerade er in
erster Linie darüber hätte
»Hehe«, lachte Dolinnik.
»Ja, Freundchen – meinem Blick entgeht [161] eben nichts. Ich bin nicht nur
über diesen Vorratskeller informiert, ic
h weiß sogar, daß du gestern mit dem
Chauffeur des Divisionskommandeurs ein
halbes Fläschchen Selbstgebrannten
verputzt hast.«
Timoschenko rutschte auf seinem Stuh
l hin und her, und sein gelbliches
Gesicht lief rot an.
»Na, so ein Aas!« stieß er begeistert he
rvor. Als er aber das sich plötzlich ver­
finsternde Gesicht Soja Ignatjewas sah,
verstummte er sofort. So ein Mordskerl,
dieser Tischler! Der scheint seine eigene Tscheka aufgemacht zu haben, dachte
»Ich habe es von Serjosha Brusshak erfahren«, fuhr Dolinnik fort.
»Er hat einen Freund, der früher in einer Bahnhofswirtschaft gearbeitet hat.
Dem haben die Köche erzählt, daß Soon sie früher mit allen notwendigen
Lebensmitteln in unbegrenzter Menge beliefert hat. Und gestern hat Serjosha
genaue Nachricht gebracht: Es gibt so einen Keller, man muß ihn nur ausfin­
dig machen. Timoschenko, nimm dir ein
paar Burschen und Serjosha mit.
Heute noch muß man das alles herausbekommen. Wenn uns das gelingt, wer­
den wir die Arbeiter und die
Division versorgen können.«
Der Gastwirt, ein untersetzter Mann, dick wie eine Tonne, mit roten Borsten
im Gesicht, humpelte auf seinem Holzbe
in herbei und scharwenzelte diensteif­
rig vor den Ankömmlingen. In seinem heiseren Baß fragte er:
»Was wünschen Sie, Genossen? Warum zu so später Stunde?« Hinter ihm
standen seine Töchter, die sich in a
ller Eile ihre Morgenröcke umgeworfen
hatten und jetzt blinzelnd in die Taschenlampe Timoschenkos blickten. Im
Nachbarzimmer zog sich die wohlbeleib
te Gastwirtsgattin laut jammernd an.
Timoschenko erklärte kurz:
»Wir müssen eine Haussuchung vornehmen.«
In einem Kämmerchen neben der Küche lag das Dienstmädchen des Gast­
wirts m einem gesunden Schlaf. Sie sch
»Du bist hier in Stellung?« fragte er das schlaftrunkene Mädchen.
»Ja, ich diene hier. Und wer seid ihr?« Serjosha sagte es ihr und ging hinaus,
nachdem er sie aufgefordert hatte, sich anzukleiden.
In dem geräumigen Gastzimmer verhörte Timoschenko den Wirt. Aufgeregt
keuchte und geiferte der Mann:
»Was wollen Sie bloß von mir? Ich habe keinen zweiten Keller. Sie ver­
schwenden Ihre Zeit. Ich versichere Ihnen: Es ist nutzlos. Ich habe mal eine
Gastwirtschaft gehabt, aber jetzt bin ich ein armer Mann. Die Petljura-Leute
haben mich ausgeplündert, sie hätten mi
Timoschenko biß sich nervös auf die Lippen.
»Also, Sie wollen noch immer nicht sagen, wo sich der Keller befindet? Ich
»Ach, was wollen Sie nur von uns, Genosse Kommandeur«, mischte sich jetzt
die Gastwirtsgattin ins Gespräch.
»Wir hungern ja selber. Man hat uns alles weggenommen.« Vergebens
bemühte sie sich, ein paar
Tränen hervorzuquetschen.
»Sie hungern, aber ein Dienstmädchen haben Sie«, bemerkte Serjosha spöt­
tisch.
»Ach, was ist das schon für ein Dienstmädchen! Es ist einfach ein armes Mäd­
chen, das bei uns lebt, weil sie nicht weiß, wohin. Christina kann es Ihnen ja
selbst erzählen.«
»Na schön«, schrie der ungeduldig gewordene Timoschenko.
»Machen wir uns also an die Arbeit!«
t. Der geräumige Schuppen, der bis
oben hin mit Holz gefüllt war, die La
gerräume, die Küche und ein großer Kel­
ler – alles wurde aufs sorgfältigste un
tersucht. Aber von einem Geheimkeller
war keine Spur zu finden.
Als es draußen schon tagte, war die Haussuchung in der Gastwirtschaft noch
immer nicht beendet. Wütend über de
n Mißerfolg der mehrstündigen Arbeit
beschloß Timoschenko, das Ganze aufzugeben.
Als man schon gehen wollte, flüsterte das Dienstmädchen Serjosha unauffäl­
»Sicher in der Küche, im Ofen.«
Zehn Minuten später wurde in dem sofort aufgebrochenen russischen [163]
Ofen eine eiserne Falltür entdeckt. Nach
einer Stunde fuhr bereits ein mit Fäs­
sern und Säcken beladenes Zweitonnenlastauto vom Haus des Gastwirts ab,
von einer Menge Schaulustiger umringt.
An einem heißen Sommertag kehrte Maria Jakowlewna mit einem Bündel­
chen in der Hand vom Bahnhof heim. Sie weinte, als Artjom ihr von Pawel
erzählte. Schwere Tage standen ihr bevor. Es fehlte an allem Notwendigen, und
so entschloß sie sich, für die Rotarmis
ten zu waschen, wofür ihr diese eine
Rotarmistenration verschafften.
Eines Abends hörte die Mutter, wie Artjom schneller als gewöhnlich am
»Ein Brief von Pawka!«
Lieber Artjom! Ich teile Dir mit, daß ich lebe, obwohl ich nicht ganz gesund
bin. Eine Kugel hat mich an der Hüfte verwundet, aber ich erhole mich schon
ich mein Lebtag noch nicht gesehen; ich verehre meinen Brigadekommandeur
sehr. Ist Mutter wieder zu Hause? Wenn ja, so grüße sie herzlichst von mir. Ich
lass sie um Verzeihung bitten wegen der Sorgen, die ich ihr gemacht habe.
Dein Bruder Pawel
Artjom, geh zum Oberförster und erzähl dort von dem Brief.
lange, als sie den Brief
gelesen hatte.
Pawel hatte
nicht einmal angegeben, in welchem Spital er lag.
Serjosha suchte auf dem Bahnhof häufig den grünen Eisenbahnwaggon mit
der Aufschrift »Agitations- und Propagandasektor der politischen Abteilung der
Division« auf. Hier arbeiteten in einem kleinen Abteil die Genossinnen Usti­
Tagtäglich war das von der politischen Ab
Armee. Tag und Nacht herrschte in
diesem Zug reges Leben und Treiben.
der Division wohnten. Zu seiner eigenen Überraschung kam es Serjosha plötz­
lich über die Lippen:
»Genossin Rita, ich weiß selbst nicht, warum möchte ich dich nur immer
sehen?« Und nach einer kleinen Pause:
»Es ist so schön, mit dir zusammen
zu sein. Immer wenn wir beieinander
waren, fühle ich mich wie neu belebt und möchte dann ununterbrochen
arbeiten.«
Rita verlangsamte einen Augenblick ihren Schritt.
»Hör mal, Genosse Brusshak. Eins soll für die Zukunft ausgemacht sein.
Nämlich, daß du nicht in lyrische Ergüsse verfällst. Ich mag das nicht.«
Serjosha wurde rot wie ein Schuljunge, der vom Lehrer einen Verweis
bekommen hat.
»Ich habe mit dir wie mit einem Freund
gesprochen«, erwiderte er. »Und du
… Was habe ich denn Konterrevolutionäres gesagt? Ich werde in Zukunft
natürlich nicht mehr so mit dir reden, Genossin Ustinowitsch.«
Er gab ihr hastig die Hand und rannte im Laufschritt der Stadt zu.
Mehrere Tage lang ließ sich Serjosha nicht auf dem Bahnhof blicken. Als ihn
die Ignatjewa rufen ließ, entschuldigte er
sich damit, daß er viel zu tun habe.
Und er war tatsächlich sehr beschäftigt.
Eines Nachts war auf Schudik geschossen
worden, als er sich gerade auf dem
Heimweg befand. Das geschah in einer Straße, die vorwiegend von leitenden
Angestellten der Zuckerfabrik, von Polen, bewohnt wurde. Man nahm aus die­
sem Anlaß Haussuchungen vor und förderte Waffen und Dokumente der kon­
terrevolutionären Pilsudski-Organisation Strzelec zutage. [165]
Auf der Sitzung des Revolutionskomitees erschien auch Rita Ustinowitsch. Sie
nahm Serjosha beiseite und fragte ihn ruhig:
»Was soll denn das heißen? Du spielst
den beleidigten Spie
ßer? Wegen eines
persönlichen Gesprächs muß die Arbeit
leiden? Das ist wirklich keine Art und
Weise, Genosse.«
Und wieder schaute Serjosha dann und wann in den grünen Eisenbahnwagen
hinein.
Er nahm an der Kreiskonferenz teil. Zwei Tage lang wurden hitzige Diskussi­
onen geführt. Am dritten Tag griff er zusammen mit allen anderen Delegierten
zu den Waffen und verfolgte ganze vierundzwanzig Stunden lang die in den
Wäldern versteckte Bande Sarudnys, eines noch nicht zur Strecke gebrachten
Rita entzog ihm ärgerlich die Hand. Und
wiederum ließ er sich lange Zeit im
Agitationswagen nicht blicken. Er vermie
d es absichtlich, Rita zu begegnen,
selbst dann, wenn es notwendig gewesen wäre. Auf ihre eindringliche Forde­
rung, er solle ihr sein Verhalten
»Was soll ich schon viel mit dir reden? Du wirst mir sicher wieder irgendwas
Spießbürgerliches oder Verrat de
r Arbeiterklasse anhängen.«
Auf der Station trafen Transporte der Ka
ukasischen Rotbannerdivision ein. Im
Revolutionskomitee erschienen drei
braungebrannte Kommandeure. Der eine
von ihnen, ein hochgewachsener hagerer Mann, fest umschnürt von einem
»Verlier nicht viele Worte, sondern verschaff uns hundert Fuhren Heu.
Man schickte Serjosha und zwei Rotarmisten aus, Heu zu beschaffen. In
einem der Dörfer stießen sie auf eine
Kulakenbande. Die Rotarmisten wurden
davon, seine Jugend hatte ihn gerette
t. Leute vom Komitee der Dorfarmut
brachten die drei in die Stadt.
In das Dorf wurde jetzt eine ganze Abteilung geschickt. Am nächsten Tag war
das Heu beschafft.
Serjosha lag im Zimmer der Genossin Ig
natjewa, da er seine Familie nicht
beunruhigen wollte. Rita Ustinowitsch kam ihn besuchen. Zum [166] ersten­
mal spürte er an diesem Abend ihren Hä
ndedruck so zärtlich und fest, wie er
nie gewagt hätte, ihr die Hand zu drücken.
In einer heißen Mittagsstunde kam Serjosha auf einen Sprung in den Agitati­
onswagen, um Rita einen Brief von Kortschagin vorzulesen. Er erzählte ihr von
dem Freund. Beim Aufbrechen sagte er:
Rita ließ die Arbeit liegen und sagte:
»Wart einen Augenblick. Ich komme mit.«
Am Ufer des spiegelglatten, ruhigen S
ees machten sie halt. Die Frische des
kühlen, durchsichtig klaren Wassers lockte zum Baden.
»Geh zum Weg und warte. Ich will baden«, kommandierte Rita. Serjosha
setzte sich auf einen Stein in der Nähe eines kleinen Steges. Hinter seinem
Rücken plätscherte es im Wasser. Du
rch das Laub der Bäume hindurch er­
blickte Serjosha auf dem Weg Tonja Tumanowa und den Kriegskommissar des
Agitationszuges, Tschushanin. Der schöne Mann in eleganter Uniform, mit
einem Portepee, zahlreichen Riemen und
knarrenden Chromlederstiefeln, ging
Arm in Arm mit Tonja und erzählte ihr etwas.
Serjosha erkannte Tonja; sie war es gewesen, die ihm den Zettel von Pawlu­
scha überbracht hatte. Als die beiden in Serjoshas Nähe kamen, blickte Tonja
ihn aufmerksam an, augenscheinlich hatte sie ihn auch wiedererkannt. Er zog
den Brief aus der Tasche und hielt Tonja an.
»Einen Augenblick, Genossin. Ich habe einen Brief bekommen, der auch Sie
interessieren wird.«
Er reichte ihr den Brief. Tonja machte ihren Arm frei und begann zu lesen.
Das Blatt zitterte merklich in
ihrer Hand. Als sie Serjos
ha den Brief zurückgab,
fragte sie:
»Und sonst wissen Sie nichts von ihm?«
Hinter ihm knirschten unter Ritas Füßen die Kieselsteine. Tschushanin
bemerkte die Ustinowitsch und flüsterte Tonja zu:
»Gehen wir lieber.«
Doch Ritas spöttische, verächtliche Stimme hielt ihn zurück:
»Genosse Tschushanin, man sucht Sie schon den ganzen Tag.«
Tschushanin blickte sie ärgerlich von der Seite an:
»Macht nichts. Sie werden auch ohne mich fertig werden.«
Rita schaute Tonja und dem Kriegskommissar nach und meinte:
»Wann wird man diesen Gauner endlich zum Teufel jagen?« [167]
Der Wald rauschte. Die mächtigen Wipfel der Eichen schwankten im Wind.
Der See lockte. Es zog Serjosha ins Wasser.
Nach dem Bad fand er Rita nahe der Lichtung auf einem Eichenstumpf sit­
zen. In das Gespräch vertieft, gingen sie tiefer in den Wald hinein. Bei einer
kleinen Lichtung beschlossen sie, sich in dem hohen frischen Gras auszuru­
»Was hast du denn?«
Serjosha wies auf den Stiefel.
»Wie werden wir nur in solchem Schuhzeug Krieg führen?«
»Tschushanin ist ein schlechter Kommunist«, sagte sie schließlich.
»Alle unsere politischen Funktionäre la
ufen abgerissen herum, und der sorgt
nur für sich selbst. Er ist ein Konjunkturkommunist … Und an der Front geht
es verdammt ernst zu. Unser Land wird
lange, harte Kämpfe bestehen müs­
sen.« Nach einem Schweigen fügte sie hinzu: »Sergej, wir werden mit dem
Wort und mit dem Gewehr arbeiten müssen. Kennst du den Beschluß des
Zentralkomitees, daß der vierte Teil de
s Jugendverbandes für die Front mobili­
siert werden soll? Sergej, ich glaube, daß wir nicht mehr lange hier sein wer­
den.«
Serjosha hörte ihr zu, nahm mit Verwunderung einen ganz ungewöhnlichen
Ton in ihrer Stimme wahr. Ihre feuchtschimmernden schwarzen Augen waren
auf ihn gerichtet.
Fast hätte er ihr gesagt, daß ihre Au
gen einem Spiegel glichen, in dem man
alles sehen könnte. Er nahm sich aber rechtzeitig zusammen.
»Wo hast du deine Pistole?«
»Das Kulakenpack im Dorf hat sie mir weggenommen.«
Rita griff in ihre Jackentasche und holte einen glänzenden Browning hervor.
»Siehst du die Eiche dort, Sergej?«
Sie wies mit der Pistolenmündung auf
einen Baumstamm mit ganz zerfurchter Rinde, der etwa fünfundzwanzig
Schritt von ihnen entfernt stand, und schoß, den [168] Arm in Augenhöhe,
fast ohne zu zielen. Die abgespli
tterte Baumrinde fiel zu Boden.
»Hast du gesehen?« fragte sie befriedigt und schoß noch einmal. Wiederum
raschelte Baumrinde ins Gras.
»Na, jetzt wollen wir mal sehen, wie du schießen kannst«, sagte Rita spöttisch
und reichte ihm den Browning.
Von drei Schüssen verfehlte nur
einer das Ziel. Rita lächelte.
»Ich dachte, du schießt schlechter.«
Sie legte die Waffe nieder und warf sich abermals ins Gras. Das Gewebe ihrer
Feldbluse umspannte fest die jugendlichen Brüste.
»Komm her, Sergej!« sagte sie leise.
Er rückte näher.
»Siehst du den Himmel? Er ist ganz blau. Und deine Augen sind genauso
blau. Das ist nicht gut. Sie müssen grau
sein, stahlgrau. Himmelblaue Augen
Dann packte sie plötzlich den hellblonden Kopf Serjoshas und küßte ihn fest
auf den Mund.
Zwei Monate waren vergangen. De
r Herbst hielt seinen Einzug.
Der Telegrafist des Divisionsstabes saß üb
er seinen Apparat gebeugt, der emsig
ein Morsezeichen nach dem anderen aufn
ahm; er fing den langen, schmalen
Streifen auf, der wie eine kleine Schlange hervorkroch, und schrieb rasch die
Sätze, die er aus den Punkten und Stri
chen entzifferte, auf ein Formular.
An den Stabschef der 1. Division, Kopi
e an den Vorsitzenden des Revoluti­
onskomitees, Schepetowka. Sämtliche Institutionen sind zehn Stunden nach
Eingang dieses Telegramms aus der Stadt zu evakuieren. Ein Bataillon bleibt in
der Stadt, untersteht dem Kommandeur des N-sker Regiments, der Befehlsge­
walt über den Kampfabschnitt hat. Divisionsstab, politische Abteilung, alle
Militärinstitutionen sind nach Station
Barantschew zu verlegen. Über Ausfüh­
rung des Befehls ist dem Divisionsko
mmandeur Bericht zu erstatten. Unter­
schrift.
Zehn Minuten später ratterte ein Motorrad durch die stillen nächtlichen
Straßen des Städtchens und beleuchtete sie einen Augenblick mit dem Licht
seiner Azetylenlampe. Vor der Tür des Revolutionskomitees [169] hielt es, der
Motorradfahrer überreichte dem Vors
itzenden Dolinnik das Telegramm.
Sogleich begann ein Hin und Her. Die Sonderkompanie trat an. Schon nach
einer Stunde polterten Fuhrwerke durch die Stadt, beladen mit dem gesamten
Gut des Revolutionskomitees. Auf de
Serjosha, der das Telegramm mit gele
sen hatte, rannte de
m Motorradfahrer
nach.
»Genosse, können Sie mich bitte bis zur Station mitnehmen?« fragte er den
Fahrer.
»Setz dich hinten drauf, aber halt dich fest.«
Einige Schritte von dem grünen Eisenbahnwagen entfernt, der bereits an den
Zug angehängt war, umschlang Serjosha ungestüm Ritas Schultern. Über­
mannt von dem Gefühl, daß er etwas un
sagbar Liebes, Kostbares verliere,
»Leb wohl, Rita, liebe Genossin! Wir werden uns noch wiedersehen! Aber
vergiß mich nicht.«
Mit Schrecken spürte Serjosha, daß er die Tränen kaum noch zurückhalten
konnte. Er war nicht imstande, noch ein Wort zu sagen, und drückte ihr nur
schmerzerfüllt die Hand.
Am nächsten Morgen waren Stadt und Bahnhof öde und verlassen. Wie zum
Abschied pfiff die Lokomotive des letzten abgehenden Zuges. Hinter der Sta­
tion, zu beiden Seiten der Schienen, la
Gelbes Herbstlaub fiel von den kahl werdenden Bäumen. Der Wind fing die
taumelnden Blätter und fegte sie behutsam über den Weg.
Im Soldatenmantel, dicht behängt mit Patronentaschen aus Segeltuch,
bewachte Serjosha gemeinsam mit zehn anderen Rotarmisten den Kreuzweg
bei der Zuckerfabrik. Sie
»Was ist denn los?«
»Die marschieren ab.«
Gerassim Leontjewitsch
sah ihn besorgt an:
»Wissen Sie vielleicht, was für
Abzeichen die Polen tragen?«
»Ich glaube, einen einköpfigen Adler.«
»Und wo kann man den bekommen?« [170]
Awtonom Petrowitsch kratzte sich bekümmert den Kopf.
»Denen da ist's egal«, sagte er nach einigem Nachdenken.
»Die hauen einfach ab. Und unsereiner muß sich jetzt den Kopf zerbrechen,
wie man mit der neuen Macht auskommt.«
Die morgendliche Stille wurde durch da
s Geknatter eines Maschinengewehrs
unterbrochen. Vom Bahnhof ertönte plötz
lich das schrille Pfeifen einer Loko­
motive, dann das Donnern eines Geschützes. Ein schweres Geschoß sauste
hoch am Himmel heulend durch die Luft. Es schlug auf dem Weg hinter der
Fabrik ein und hüllte die am Wegrand st
ehenden Sträucher in blauen Rauch.
Über Serjoshas Wange rann eine Träne.
Hastig wischte er sie ab und schaute
sich nach seinen Kameraden um. Nein, sie hatten nichts gemerkt.
Der hochgewachsene, hagere Antek Klopotowski vom Sägewerk ging an Ser­
joshas Seite. Seine Finger lagen auf dem Gewehrabzug. Antek war finster,
besorgt. Seine Augen begegneten Serj
»Verfolgen wird man die Unsrigen, besonders die Meinen. ›Ein Pole‹, wird
man sagen, ›und kämpft doch gegen die polnischen Legionen.‹ Man wird mei­
nen Vater aus dem Sägewerk jagen und ihn auspeitschen. Ich bat den Alten,
mit uns zu gehen, aber der Vater brachte
es doch nicht übers Herz, die Familie
im Stich zu lassen. Oh, diese verdammte Bande! Wenn's doch schneller zum
Kampf käme!« Antek rückte nervös den
Rotarmistenhelm zurecht, der ihm auf
die Augen heruntergerutscht war.
Leb wohl, du heimatliches Städtchen mit den schmutzigen, unansehnlichen
Häuschen, mit der holprigen Chaussee! Lebt wohl, ihr Lieben, leb wohl, Walja,
lebt wohl, Genossen, die ihr in die I
llegalität gegangen seid! Immer näher
rücken die fremden, haßerfüllten, erbarmungslosen Legionen der weißen
Mit traurigem Blick begleiten die De
potarbeiter in de
n ölbeschmier-ten
Arbeitsblusen die Rotarmisten.
»Wir kommen wieder, Genossen!« ruft Serjosha ihnen tief erregt zu. [171]
ACHTES KAPITEL
Trübe schimmert der Fluß im dämmrigen
Morgennebel; murmelnd rieselt das
Wasser über die Steine am Ufer. Bis zur
Mitte ist der Fluß ruhig, seine glän­
zende graue Fläche scheint unbeweglich.
In der Mitte ist das Wasser dunkel,
unruhig, man sieht, wie es fließt, wie es
abwärts eilt. Der Fluß ist schön, ma­
jestätisch. Ihm galten Gorkis unvergeß
liche Worte »Herrlich ist der Dnepr …«
In steilem Hang läuft das hohe rechte Ufer zum Wasser hinab. Es ragt wie ein
Berg in den Dnepr hinaus, als wäre es mitten in seiner Bewegung stehen­
geblieben, von der Breite des Flusses üb
erwältigt. Das linke Ufer ist mit Sand­
bänken bedeckt. Die läßt der Dnepr na
ch dem Hochwasser im Frühling zurück,
wenn er wieder in seinen Ufern strömt.
Am Fluß, in einem engen Schützengraben, hocken fünf Menschen. Sie haben
sich um eine stumpfnasige »Maximka« gruppiert. Das ist der vorderste Horch­
posten der 7. Schützendivision. Neben dem Maschinengewehr, das Gesicht
dem Dnepr zugewandt, liegt Serjosha Brusshak.
Gestern hatte man, in endlosen Zusa
aufgegeben. Die Truppen gingen auf
das linke Ufer über, befestigten sich dort.
Der Rückzug, die großen Verluste
und schließlich die Preisgabe Kiews
bedrückten die Kämpfer.
Die 7. Division hatte sich heldenmütig durch mehrere Umzingelungen hin­
durchgeschlagen, auf Waldwegen die
Eisenbahnlinie bei der Station Malin
erreicht und hier in erbittertem Kampf
die polnischen Kräf
te, die die Station
Die Polen hatten die Roten Truppen aus Darniza zurückgedrängt und einen
kleinen Brückenkopf am linken Ufer der Eisenbahnbrücke besetzt.
Aber trotz ihrer Bemühungen konnten
sie nicht weiter vorrücken, denn sie
stießen auf erbitterten Widerstand.
Serjosha bückte dem dahineilenden Fluß nach und dachte an den vergange­
nen Tag.
Gestern, zur Mittagszeit, hatte er bei einem Gegenangriff mit den weißen
Polen Berührung gehabt; gestern war er auch zum erstenmal mit einem Legio­
när zusammengestoßen. Jener stürzte auf ihn los, das Gewehr mit dem franzö­
sischen Bajonett, das lang wie ein Säbel war, vorgestreckt, sprang über das Feld
Der Pole stürzte nieder …
Sergejs Hand zuckte nicht. Er wußte, daß er jetzt töten mußte, er, Sergej, der
kein böser, kein grausamer Bursche war,
ausgerückt sind.
Und er, Sergej, tötete, damit der Tag schneller kommt, da man auf der Welt
einander nicht mehr töten wird.
Schon ein ganzes Jahr lang jagte Pawel Kortschagin durchs heimatliche Land,
bald auf einem MG-Wagen, bald auf einer Geschützprotze, bald auf einem
Die durch die schweren Patronentasc
hen blutiggescheuerte Haut war längst
geheilt, und die harten, narbigen Schwielen unter dem Gewehrriemen ver­
schwanden schon nicht mehr.
Viel Schreckliches hatte Pawel in diesem einen Jahr durchgemacht. Zusam­
men mit Tausenden anderen Kämpfern – ebenso abgerissen und zerlumpt,
ebenso mitgerissen von der lodernden Begeisterung des Kampfes für die Macht
ihrer Klasse – hatte er sein Heimatland kreuz und quer durchstreift und war
nur zweimal aus dem Wirbelsturm herausgekommen: das erstemal wegen einer
Verwundung an der Hüfte, [173] und das zweitemal, als er im eisigen Februar
1920 an Typhus erkrankte, der furchtbarer als alle polnischen Maschinenge­
wehre unter den Regimentern und Di
Eine Station im Wald. Ein kleines Bahnhofsgebäude, daneben die zerstörten,
von ihren Bewohnern verlassenen Häuschen. Das Leben in dieser Gegend war
unmöglich geworden. Schon das dritte Jahr tobten immer wieder neue
Kämpfe, die bald abflauten, dann heftiger wurden, bald erloschen, dann wie­
der aufflammten. Was hatte Frontowka in
dieser Zeit nicht alles erlebt!
Und wiederum reiften große Ereignisse heran. Während die 12. Armee, von
schrecklichen Verlusten geschwächt und
teilweise desorgan
Andrang der polnischen Armeen auf Ki
ew zurückwich, rüst
Aus dem fernen Nordkaukas
us wurden die kampfgestählten Divisionen der 1.
Reiterarmee in einem bisher in der Kriegsgeschichte beispiellos dastehenden
Marsch nach der Uk
raine geworfen. Die 4., 6., 11. und 14. Kavalleriedivision
näherten sich nacheinander dem Bezirk Uman und gruppierten sich hinter der
Front. Auf ihrem Weg zu entscheide
Sechzehneinhalbtausend Säbel, sechzehneinhalbtausend von der Sonnenglut
der Steppe braungebrannte Kämpfer.
Die ganze Aufmerksamkeit des Roten Oberkommandos und des Kommandos
Am Umaner Frontabschnitt waren die aktiven Kampfhandlungen eingestellt
worden. Unaufhörlich tickten die Telegraf
en, die Moskau direkt mit dem Stab
der Front in Charkow und von dort aus mit den Stäben der 14. und 12. Armee
verbanden. Auf die schmalen Papierstre
ifen tippten die Morseapparate chiff­
rierte Befehle: »Verhindern, daß die Po
len auf die Gruppierung der Reiterarmee
aufmerksam werden.« Wenn es mitunter noch zu aktiven Gefechten kam, so
nur dort, wo der Vormarsch der Polen die Divisionen der Budjonny-Reiterei in
den Kampf zu verwickeln drohte. [174]
In rötlichen Fetzen flackert das Lagerf
euer. Spiralförmig, in schwarzbraunen
Ringen, steigt der Rauch auf. Rings um das Feuer lagern die Kämpfer. Im
Schein der Flammen glühen ihre Gesich
ter wie Kupfer. In der bläulichen Asche
beim Feuer werden di
e Kochgeschirre heiß.
Das Wasser siedet. Lustig huscht ein Flammenzünglein unter den glühenden
Holzscheiten hervor und streift einen Lockenkopf. Der fährt hoch und
brummt mißmutig:
»Verdammt noch mal!«
Ringsum schallendes Gelächter.
Ein älterer Rotarmist mit gestutztem Schnu
rrbart, in einer Feldbluse aus Tuch,
der soeben prüfend durch den Lauf seines Gewehrs geschaut hat, sagt mit
Baßstimme:
»So vertieft hat er sich in seine Wisse
nschaft, daß er das Feuer nicht mehr
spürt.«
»Erzähl uns doch mal, Kortschagin, was du da herausgelesen hast.« Der junge
»Wirklich ein fabelhaftes Buch, Genosse
Androstschuk. Seitdem ich es ange­
fangen habe, kann ich mich nicht mehr losreißen.«
Kortschagins Nachbar, ein stupsnasiger
junger Bursche, der eifrig an dem
Riemen seiner Patronentasche hantiert, beißt mit den Zähnen [176] einen gro­
ben Faden durch, dann fragt er neugierig:
»Wovon handelt es denn? Wenn's eine Liebesgeschichte ist, interessiert es
mich sehr.« Alle mußten lachen. Matwetschuk hob seinen borstigen Schöpf
und wandte sich, seine schalkhaften Augen spöttisch zusammenkneifend, an
den Burschen:
»Na ja, Liebe ist 'ne ganz schöne Sache,
Sereda. Bist ja auch ein schmucker
Bursche – bildhübsch! Überall, wo wir nur hinkommen, gucken sich die Mädel
die Augen nach dir aus. Hast nur einen einzigen, winzigen Fehler – deine Nase
erinnert ein wenig zu sehr an einen Schweinerüssel. Aber das läßt sich noch
gutmachen, häng dir mal eine zehn Pfund schwere Granate an die Nasen­
spitze, wirst sehen, wie lang sie in einer Nacht wird.«
Durch das laute Gelächter erschreckt, begannen die an die MG-Wagen
gekoppelten Pferde zu wiehern. Sereda wandte sich träge um.
»Es kommt nicht auf die Schönheit an, sondern auf das, was im Schädel drin
ist.« Er klopfte sich vielsagend gegen die Stirn.
»Du hast zum Beispiel eine spitze Zunge,
bist aber dabei ein rechter Trottel,
dumm wie Bohnenstroh.«
Der Zugführer Tatarinow trennte die be
iden, die schon aufeinander los woll­
»Nanu, Kinder, wozu denn gleich so hitzig. Soll uns lieber Kortschagin was
aus dem Buch vorlesen, wenn's was taugt.«
»Los, Pawluscha, fang an«, rief man von allen Seiten. Kortschagin brachte
einen Sattel zum Feuer, machte es sich darauf bequem und schlug ein dickes,
nicht sehr großes Buch auf seinen Knien auf.
»Genossen, dieses Buch heißt ›Die St
echfliege‹. Der Bataillonskommissar hat's
mir gegeben. Es hat auf mich einen sehr starken Eindruck gemacht. Wenn ihr
wollt, werde ich euch vorlesen!«
»Na los, fang schon an! Keiner wird dich stören.« Als dann der Regiments­
kommandeur, Genosse Pusy
rewski, in Begleitung des Kommissars unbemerkt
zum Lagerfeuer kam, sah er elf Auge
npaare gespannt auf den Vorlesenden
»Hier, siehst du, ist der halbe Aufklä
rungszug des Regiments versammelt. Ich
hab da vier Mann, noch ganz grüne Jungkommunisten, und doch ist jeder von
ihnen ein vorbildlicher Kämpfer. Dieser da
, der vorliest, und der dort, siehst du
ihn? – Augen hat er wie ein junger Wolf –, [177] das sind Kortschagin und
Sharki. Sie sind Freunde.
Und trotzdem besteht zwischen ihnen eine geheime
Eifersucht. Früher war Kortschagin mein
»Ist das der politische Leiter des Aufkläru
ngszuges, der da vorliest?« fragte der
Kommissar.
»Nein. Politischer Leiter ist Kramer.«
näher heran.
»Guten Tag, Genossen«, rief er laut.
Alle drehten sich um. Der Kommandeur
sprang behend aus dem Sattel und ging auf die Lagernden zu.
»Ihr wärmt euch da ein bißchen, Fr
eunde«, sagte er mit einem breiten
Lächeln, und sein männliches Gesicht mit den ein wenig mongolisch
geschlitzten Augen verlor sogleich seine Härte.
Der Kommandeur wurde herzlich und freundschaftlich wie ein guter Kame­
rad empfangen. Der Kommissar blieb im Sa
ttel, er wollte gleich weiterreiten.
Pusyrewski schob die Tasche mit der Ma
userpistole nach hinten und ließ sich
neben Kortschagin nieder. Er zündete sich eine Zigarette an und wandte sich
dann an den Kommissar:
»Reit du nur los, Doronin. Ich bleibe hier. Wenn man mich im Stab brauchen
sollte, gib mir Bescheid.«
Als sich Doronin entfernt hatte, sagte Pusyrewski zu Kortschagin:
»Lies weiter, ich will auch zuhören.«
Minutenlang herrschte tiefes Schweigen. Alle standen noch unter dem Ein­
druck des Schicksals der »Stechfliege«.
»Eine ergreifende Geschichte«, unterbrach schließlich Sereda das Schweigen.
»Es gibt also wirklich solche Menschen auf der Welt. So einfach hätte wahr­
scheinlich ein Mensch all das nicht ertragen können, wenn es nicht um seine
Überzeugung gegangen wäre.«
Er war sichtlich erregt. Das Buch hatte auf ihn einen tiefen Eindruck
gemacht.
Andrjuscha Fomitschew, ein Schustergese
»Wenn dieser Pfaffe, der den Helden zw
ang, das Kreuz zu küssen, mir in die
Hände geraten wäre, so hätte ich mit di
esem verdammten Hund kurzen Prozeß
gemacht.«
Androstschuk schob mit einem Holzscheit das Kochgeschirr näher ans Feuer.
»Zu wissen, wofür man in den Tod geht, ist eine besondere Sache. Da zeigt
sich die Stärke, die einer hat. Man muß
es sogar fertigbringen, mit Geduld zu
sterben, wenn man weiß, daß die Wahrheit mit einem ist. Daher kommt das
Heldentum.
Ich kannte ein Bürschchen, das hieß Poraika. Als er in Odessa von den
Weißen erwischt wurde, sah er sich plötzlich einem ganzen feindlichen Zug
gegenüber. Bevor sie ihn noch mit dem Bajonett erreichen konnten, hatte er
sich eine Handgranate vor die Füße gesc
hmissen. Er wurde in Stücke gerissen
und mit ihm ein ganzes Rudel Weißer. Und wenn man den so angeschaut hat

nichts Besonderes, klein, schmächtig, und keiner schreibt ein Buch über ihn,
obwohl sich das lohnen würde. Ja, es gibt viele solcher Helden unter unseren
Genossen.«
Er rührte mit dem Löffel
im Kochgeschirr, spitzte die Lippen und probierte
den Tee, dann fuhr er fort:
»Man kann aber auch einen anderen, einen hündischen Tod sterben. Einen
jämmerlichen Tod ohne Ehre. Das war, al
s wir vor Isjaslawl im Gefecht stan­
den – das ist eine alte Stadt, noch in der Fürstenzeit erbaut. Sie liegt am Fluß
Goryn. Dort gibt es eine polnische Ki
rche, sie steht da wie eine Burg, man
kann nur von einer Seite an sie herankommen. Wir gingen also da vor. In
Schützenlinie arbeiteten wir uns durch die Gäßchen durch. An unserem rech­
ten Flügel standen die Letten. Wir kommen also auf die Chaussee heraus –
siehe da, neben einem Garten stehen dr
ei gesattelte Pferde am Zaun festge­
Nun, wir denken natürlich, jetzt werden wir die Polen schnappen. Ungefähr
ein Dutzend Leute von uns stürzen in den kleinen Hof vor, allen voran, mit
einer Mauserpistole in der Hand, der Führer der lettischen Kompanie.
Wir kommen zum Haus – die Tür steht offen. Wir stürzen hinein. Da mach­
ten sich Leute von uns zu schaffen, eine
Patrouille. Sie hatten vor uns das Haus
erreicht. Was wir sahen, war
alles andere als schön. Der Tatbestand war klar. Sie
belästigten eine Frau. Ein polnischer Offizier hatte da gewohnt. Da haben sie
sich also seine Frau vorgenommen, au
f den Boden geschmissen, na, und alles
Weitere kann man sich den- [179] ken. Wie das der Lette sieht, schreit er etwas
in seiner Sprache. Man packt jene drei
und schleift sie auf den Hof. Wir waren
nur zwei Russen, alle anderen waren Letten. Der Kommandeur hieß Bredis.
Obwohl ich ihre Sprache nicht verstehe, war mir doch klar, daß man mit
ihnen Schluß machen wollte. Ein energisches Volk sind diese Letten,
stahlharte Kerle! Man schleppt also die Burschen zum Pferdestall. Ach, du lie­
ber Himmel, denke ich mir, jetzt wird man sie bestimmt abknallen. Und der
eine von den drei Erwischten, so ein kräftiger Kerl mit einem Backpfeifenge­
Mich überlief es kalt. Ich ging zu Bred
is und sagte: ›Genosse Kompaniechef,
soll sie doch das Revolutionstribunal aburteilen. Wozu willst du dir die Hände
mit ihrem Blut besudeln? In der Stadt ist der Kampf noch nicht zu Ende, und
wir vergeuden die Zeit, um mit denen da abzurechnen.‹ Er warf mir einen Blick
zu, daß mich meine Worte sofort gereuten. Augen machte er wie ein Tiger.
Und hielt mir die Mauserpistole unter di
e Nase. Sieben Jahre bin ich an der
Front gewesen, aber da verlor ich auf einmal die Courage. Ich sah, der macht
kurzen Prozeß. Er schrie mich auf russisch an. Kaum zu verstehen war das:
›Unsere Fahne ist mit unserem Blut rot gefä
rbt, aber diese da sind eine Schande
für die ganze Armee. Banditen müssen mit ihrem Leben bezahlen.‹
Ich konnte es nicht mehr aushalten, rannte vom Hof auf die Straße. Hinter
mir hörte ich schießen. Schluß, dachte
ich. Als wir wieder die Schützenlinie
erreichten, war die Stadt be
reits in unseren Händen. So
ist es also zugegangen.
Die Kerle sind eines jämmerlichen Todes gestorben. Diese Leute von der
Patrouille gehörten zu denen, die sich uns bei Melitopol an
geschlossen hatten.
Früher waren sie bei Machno gewesen. Ein unangenehmes Gesindel.«
Androstschuk schob einen Napf heran un
d machte sich an seinem Brotbeutel
zu schaffen.
»So ein Pack schleicht sich bei uns ein. Man kann ja nicht alle genau prüfen.
Und sie tun so, als kämpften sie auch
für die Revolution, und hängen uns
allen damit nur Dreck an. Und doch war es schwer, die Geschichte mit anzu­
sehen. Noch bis heute kann ich das nicht vergessen.« Damit schloß er seine
Erzählung und fing an, Tee zu trinken.
Erst spätnachts schliefen die Kavalleriespäher ein. Sereda stieß im [180] Schlaf
pfeifende Laute durch die Nase. Den Kopf
auf dem Sattel, schlief Pusyrewski.
Nur Kramer, der politische Leiter, schlief ni
Als Pawel am nächsten Tag von einem Spähgang zurückkam und das Pferd an
einen Baum gebunden hatte, rief er Kramer, der gerade Tee getrunken hatte,
»Hör mal, Genosse Politleiter, wie ste
llst du dich dazu, wenn ich zur 1. Rei­
terarmee übergehe. Die steht vor heißen Kämpfen. Es ist ja nicht zum Spaß,
»Was soll das heißen, übergehen? Hält
»Ist's denn nicht ganz gleich, wo man kämpft?« fiel ihm Pawel ins Wort. »Ob
hier oder da? Ich desertiere ja nicht ins
Hinterland.« Aber Kramer protestierte
kategorisch.
»Und wie steht's da mit der Disziplin?
Bei dir, Pawel stimmt sonst alles so
ziemlich, aber ein bißchen anarchistisch bist du doch. Was dir in den Kopf
kommt, tust du einfach. Partei und Komsomol stützen sich aber auf eiserne
Disziplin. Die Partei über alles! Ein je
der von uns muß nicht da sein, wo er
möchte, sondern da, wo man ihn braucht. Pusyrewski hat deine Versetzung
abgelehnt. Also: Strich drunter.«
Der hagere, hochgewachsene Kramer mit dem gelblichen Gesicht hustete vor
Aufregung. Der Bleistaub der Druckerei ha
tte sich tief in seine Lungen einge­
fressen. Oft brannte auf seinen Wangen eine ungesunde Röte.
Als sich Kramer beruhigt hatte, sagte Pawel mit leiser, aber sicherer Stimme:
»Das mag ja alles stimmen, aber zu den Budjonny-Reitern gehe ich doch – das
steht fest.« Am nächsten Abend war Pa
wel nicht mehr am Lagerfeuer zu fin­
den.
Im Nachbardörfchen hatten sich auf einem Hügel neben der Schule die Reiter
in einem weiten Kreis gelagert. Auf de
m Hintersitz eines MG-Wagens hockend,
die Mütze tief in den Nacken gescho
ben, mühte sich ein baumstarker Bud-
jonny-Reiter auf seiner Ziehharmonika
ab. Sie kreischte und kam immer wie­
der aus dem Takt. Auch der forsche [181] Kavallerist in den weiten roten Reit­
hosen drinnen im Kreis konnte daher beim Tanzen des tollen Hopaks keinen
Takt halten.
Neugierige Mädchen und Bauernburschen waren auf die MG-Wagen und die
»Leg los, Toptalo! Stampf tüchtig auf! Vorwärts, hopp, Bruderherz! Musikant!
Feuriger!«
Aber die riesigen Finger des Harmonikas
pielers, die mit Leichtigkeit Hufeisen
zu biegen imstande waren, fuhren
nur schwerfällig über die Tasten.
»Schade, daß Afanassi Kuljabka dran glauben mußte«, bemerkte ein braunge­
brannter Kavallerist bedauernd.
»Das war ein Ziehharmonik
aspieler – prima. In der Schwadron war er der
rechte Flügelmann. Schade um den Burschen. Er war ein guter Kämpfer und
ein noch besserer Musikant.«
»Was soll das?« rief ihm der Harmonikaspieler mit schiefem Blick ärgerlich
Toptalo hielt im Tanzen inne – ringsum vernahm man unzufriedene Stim­
men:
»Was ist da los? Warum geht's nicht weiter?«
Pawel streckte die Hand nach dem Tragriemen aus.
»Laß mich ein bißchen spielen.«
Mißtrauisch blickte der Budjonny-Reiter den unbekannten Rotarmisten an
und nahm zögernd den Riemen ab.
In gewohnter Weise schwang Pawel die
Ziehharmonika aufs Knie. Er entfal­
tete den Balg zu einem Fächer, und schon legte er mit allen Registern und Grif­
fen los, was das Zeug halten wollte …
Toptalo fing sofort die vertraute Mel
odie auf. Die Arme wie Flügel schwin­
gend, raste er im Kreis herum, drehte sich mit unwahrscheinlicher Geschwin­
digkeit auf einem Bein, klatschte flott und schallend mit der Handfläche auf
seine Stiefelschäfte, auf Knie, Nacken,
Stirn und Sohlen und schließlich auf
den offenen Mund.
Wild peitschte die Harmonika in un
bändigem, berauschendem Rhythmus.
Toptalo drehte sich wie ei
n Kreisel, und die Beine hochschleudernd, schrie er
außer Atem:
»He, ho, he, ho!« – [182]
Am 5. Juni 1920 durchbrach Budjonnys 1. Reiterarmee nach mehreren kur­
zen erbitterten Gefechten die polnische Front an dem Abschnitt, wo die 3. und
die 4. polnische Armee zusammenstießen
, schlug die sich ihr entgegenstel­
lende Kavalleriebrigade des Generals Za
wicki und rückte in der Richtung auf
Rushin vor.
Um die Lücke zu stopfen, schuf das po
lnische Oberkommando in fieberhafter
Hast eine Stoßgruppe. Von der Eisenba
hnstation Pogrebistsche jagten fünf
Panzerwagen, die eben erst ausgelad
en worden waren, zum Schlachtfeld.
Die Reiterarmee umging jedoch Sarudnizy, von wo aus der Stoß er- [183] fol­
gen sollte, und tauchte plötzlich im
Rücken der polnischen Armee auf.
Die Kavalleriedivision des Generals Korn
Als man von Gefangenen erfuhr, daß sich in Shitomir ein polnischer Armee­
stab befand – in Wirklichkeit war dort
sogar der Stab der ganzen Front
–,
beschloß der Befehlshaber der Reiterarmee, die wichtigen Eisenbahnknoten­
punkte und Verwaltungszentren Shitomir und Berditschew zu nehmen. In der
Morgendämmerung des 7. Juni stürmte di
e 4. Kavalleriedivis
Shitomir vor.
In einer der Schwadronen ritt Pawel Kortschagin als rechter Flügelmann an­
stelle des gefallenen Kuljabka. Man hatte ihn auf die gemeinsame Bitte der
Kämpfer hin, die einen so vorzüglichen Harmonikaspieler nicht wieder weglas­
sen wollten, in die Schwadron aufgenommen.
In der Nähe von Shitomir schwärmten sie fächerartig aus, ohne die erhitzten
Pferde zu zügeln. Silbern blitzten die Säbel in der Sonne.
Die Erde ächzte, die Pferde schnauften,
Immer rascher flog der Erdboden unter ihren Füßen dahin. Die große Stadt
mit ihren Gärten eilte der Division en
tgegen. Die Kavalleristen drangen durch
die ersten Gärten, brachen ins Stadtzentrum ein, und der Ruf »Drauf und
dran!« erfüllte, grauenerregend
wie der Tod selbst, die Luft.
Kortschagin galoppierte in rasender Ge
schwindigkeit, den Oberkörper vorge­
beugt. An seiner Seite ritt Toptal
o auf einem feingliedrigen Rappen.
Ein wild drauflossprengender Budjonny
-Reiter machte vor Pawels Augen mit
einem einzigen unerbittlichen Hieb eine
n Legionär nieder, ohne diesem auch
nur Zeit zu lassen, das Gewehr anzulegen.
Dröhnend schlugen die Hufeisen gegen das Pflaster. Plötzlich tauchte an
einer Kreuzung, mitten auf der Straße, ein Maschinengewehr auf, über das sich
drei Mann mit blauen Uniformen und viereckigen polnischen Mützen beug­
ten. Ein vierter, mit geschlängelten Goldschnüren am Kragen, warf, als er die
Reiter erblickte, den Arm mit der Mauserpistole vor. [185]
Weder Toptalo noch Pawel vermochten di
e Pferde zurückzuha
lten. Sie jagten
geradewegs auf das Maschinengewehr zu, direkt dem Tod in die Arme. Der
Offizier schoß auf Kortschagin … daneben … Zwitschernd wie ein Sperling
flog die Kugel an seiner Wange vorüber.
In derselben Sekunde ratte
rte das Maschinengewehr in
fiebriger Hast. Toptalo
stürzte samt seinem Rappen, von einem Dutzend Kugeln getroffen, zu Boden.
Erschrocken schnaubend bäumte sich Pawe
ls Pferd und trug den Reiter über
die Gefallenen, direkt auf die Männer am Maschinengewehr zu. Der Säbel
beschrieb einen funkensprühenden Bogen und drang in das blaue Viereck
einer Mütze ein.
Wieder flog der Säbel in die Höhe, um auf einen anderen Schädel niederzu­
sausen. Doch das feurige Pferd sprang zur Seite.
Gleich einem reißenden Gebirgsfluß
ergoß sich die Schwadron über den
Kreuzweg. Dutzende von Säbeln sausten durch die Luft.
Durch die langen, schmalen Gefängniskorridore hallen Schreie.
In den Zellen, voll von Menschen mit
zerquälten, ausgemergelten Gesich­
tern, herrscht Erregung. In der Stadt wi
rd gekämpft – sollte das die Freiheit
bedeuten, konnten das die Unseren sein?
Jetzt hört man schon Schüsse auf dem Hof. Durch die Korridore hallen
hastende Schritte. Und plötzlich ertö
nen die erschütternden, langersehnten
Worte:
»Genossen, ihr seid frei!«
Pawel rannte zu einer verschlossenen Tür und hieb wütend immer wieder mit
dem Gewehrkolben auf das Schloß ein.
»Warte, ich mach's gleich so …«, rief Mironow und zog eine Handgranate aus
der Tasche.
triß ihm die Handgranate.
»Halt, du Narr! Bist wohl verrückt ge
worden? Die Türen, die nicht aufgebro­
chen werden können, werden eben aufgeschlossen.«
Und schon erschienen am Ende des Korridors die Wächter, man trieb sie an,
stieß sie mit den Pistolen vorwärts. De
r Gang füllte sich mit abgerissenen,
ungewaschenen, von unbändiger Freude erfüllten Menschen.
»Genossen, ihr seid frei! Wir sind Budj
onny-Reiter, unsere Division hat die
Stadt genommen.«
Eine Frau mit tränenfeuchtem Gesicht warf sich Pawel entgegen, umarmte
ihn wie einen Sohn und schluchzte vor Freude. [186]
Teurer als alle Siegestrophäen, teurer al
s der Sieg selbst war den Kämpfern der
Division die Befreiung von fünftausende
inundsiebzig Bolschewiki, die von den
weißen Polen in den steinernen Käfigen gefangengehalten worden waren und
Einer der Gefangenen, dessen Gesicht gelb wie Zitronenschale war, stürzte
freudig auf Pawel zu. Es war Samuil Lec
hner, ein Setzer aus der Druckerei in
Pawel lauschte dem Bericht Samuils,
und sein Gesicht wurde aschgrau.
Samuil schilderte die blutige Tragödie, di
e sich in der Heimatstadt abgespielt
hatte, und die Worte des Gefangenen br
annten sich wie Tropfen geschmolze­
»Wir wurden alle in ein und derselben Nacht geholt, ein niederträchtiger
Spitzel hatte uns verraten. Wir fielen
der Feldgendarmerie in die Hände. Man
hat uns fürchterlich geschlagen. Ich hatte weniger als die anderen zu leiden;
nach den ersten Schlägen sank ich bereits bewußtlos nieder, doch die anderen
waren kräftiger als ich. Wir hatten nichts zu verbergen. Die Gendarmerie
wußte alles besser als wir selber. Jeder
unserer Schritte war ihr bekannt. Wie
Diese Tage lassen sich nicht schildern. Du kanntest doch viele von ihnen,
Pawel: Walja Brusshak, Rosa Grizman aus der Kreisstadt, ein Mädchen von
siebzehn Jahren, ein feiner Kerl, sie hatte so vertrauensvolle Augen, dann
Sascha Bunschaft, du kanntest ihn ebenfa
Rosa fing an, wirres Zeug zu reden, und ein paar Tage später war sie schon
völlig geistesgestört.
Sie glaubten nicht an ihr Irresein, sahen in ihr eine Simulantin und [187]
prügelten sie bei jedem Verhör. Rosa war schrecklich anzusehen, als man sie
erschoß. Ihr Gesicht war ganz schwarz von den Schlägen, ihre Augen blickten
Ach, Pawel, es fällt mir schwer, von dies
Das Feldgericht verurteilte Walja und zwei andere zum Tod durch den Strang,
die übrigen Genossen zum Tod durch Erschießen.
Die polnischen Soldaten, unter denen wi
r agitiert hatten, wurden zwei Tage
früher als wir abgeurteilt.
Ein junger Korporal, der Telegrafist Sn
iegurko, der vor dem Krieg als Elektro­
Walja war in diesem Prozeß als Zeugin
geladen. Sie erzählte uns, daß Snie­
gurko zugegeben hat, er habe kommunistische Propaganda betrieben, daß er
aber die Beschuldigung des Landesverrats
schroff von sich wies. ›Mein Vater­
land‹, sagte er, ›das ist die Polnische So
In der Nacht richteten sie dem Gefängnis gegenüber, neben dem Kranken­
haus, den Galgen auf. Und dicht am Wald, ein wenig abseits [188] vom Weg,
am Steilhang, wurde der Platz für die Erschießung gewählt. Dort hatten sie
auch einen Graben für uns alle ausheben lassen.
Das Urteil wurde in der Stadt öffentlich
ausgehängt, es war allen bekannt. Die
Polen hatten beschlosse
n, es am hellichten Tag vor allem Volk zu vollstrecken,
zur Abschreckung. Bereits am frühen
Morgen begannen sie das Volk aus der
Stadt zum Galgen zu treiben. Manche kamen auch aus Neugier, obwohl es
ihnen Grauen einflößte, aber sie ka
men doch. Eine gewaltige Menschenmenge
hatte sich beim Galgen angesammelt.
Wohin das Auge reichte, überall sah
man Menschen. Du weißt doch, das Gefängnis ist von einer Bretterwand um­
geben; dort in der Nähe war der Galgen, und das Stimmengewirr drang bis zu
uns. Auf der Straße wurd
en Maschinengewehre aufgestellt; aus dem ganzen
Umkreis war die Gendarmerie zu Pferd
und zu Fuß zusammengezogen worden.
Zur Absperrung der Straßen und Gärten
wurde ein ganzes Bataillon aufgebo­
ten. Für die zum Strang Verurteilten ha
tten sie eine besondere Grube, gleich
beim Galgen, ausheben lassen. Schweige
schen und brachen in Schluchzen aus. Stepanow aus der Kreisstadt, ein junger
Und dann kamen sie uns holen. Voran schritt Szwarkowski, der Chef der Spi­
onageabwehr – ein Sadist, ein gemeiner Schweinehund. Wenn er sich nicht
selbst über die wehrlosen Frauen hermac
hte, so überließ er sie den Gendarmen
und ergötzte sich am Zusehen. Der Weg vom Gefängnis über die Straße zum
Galgen war zu beiden Seiten durch Ge
ndarmerie abgesperrt. Und so standen
sie da, die ›Kanarienvögel‹, [189] wie man sie ihrer gelben Schulterklappen
wegen nannte, mit gezückten Säbeln.
Man trieb uns mit den Gewehrkolben auf den Gefängnishof und stellte uns
in Viererreihen auf, dann wurden wir
Der Schnee unter den Füßen war weich, die Bäume waren wie mit Watte
besprenkelt. Schneeflocken wirbelten,
langsam fielen sie und tauten auf unse­
Schließlich brachte man Walja und die anderen zwei Genossen, die zum Tode
durch den Strang verurteilt waren, aus dem Gefängnis. Sie gingen alle drei Arm
in Arm. Walja in der Mitte. Sie war zu schwach und konnte nicht allein gehen,
die Genossen stützten sie. Sie bemühte sich
aber, aufrecht zu schreiten, dachte
an die Worte Stepanows: ›Man muß ehre
nhaft sterben!‹ Sie war ohne Mantel,
hatte nur eine Strickjacke an.
Szwarkowski behagte es offensichtlich nicht, daß die drei untergefaßt gingen;
grob stieß er sie vorwärts.
In der Menge schrie eine Frau wie eine Wahnsinnige auf und versuchte die
Absperrungskette zu durchbrechen und zu den Verurteilten zu gelangen. Man
packte sie jedoch und schleppte sie weg. Wahrscheinlich war es Waljas Mutter.
Als sich die drei dem Galgen näherten, begann Walja zu singen.
Niemals in meinem Leben habe ich eine solche Stimme gehört – mit solcher
Leidenschaft kann nur einer singen, der in den Tod geht. Sie [190] sang die
›Warszawianka‹, ihre Genossen fielen ein. In dumpfer Wut schlugen die Berit­
tenen mit ihren Knuten auf sie ein. Es
war aber, als spürten sie die Hiebe gar
nicht. Man prügelte die drei, bis sie
niederfielen, und schleppte sie dann wie
Säcke zum Galgen. Hastig verlas man da
s Urteil und legte ihnen die Schlingen
um den Hals. Da begannen wir zu singen:
Wacht auf, Verdammte dieser Erde …
Von allen Seiten stürzten sie sich auf uns. Ich konnte nur noch sehen, wie ein
Soldat mit dem Gewehrkolben den Stützbalken aus dem Fußgerüst heraushieb
und alle drei in den Schlingen zuckten …
Uns zehn Leuten wurde, bereits an der Wand, im letzten Augenblick das Ur­
teil verlesen: Der General hatte uns zu zw
anzig Jahren Zwangsarbeit begnadigt.
Die übrigen sechzehn wurden erschossen.«
Samuil riß an seinem Hemdkragen, als sei er ihm zu eng geworden.
»Drei Tage lang wurden die Erhängten nicht vom Galgen abgenommen. Tag
und Nacht standen Posten davor. Am vierten Tag riß der Körper des Genossen
Toboldin ab, er war der schwerste. Da wurden die anderen abgenommen und
gleich am Platz verscharrt.
Der Galgen blieb auch weiter stehen.
Er stand da mit hängenden Schlingen,
Samuil schwieg, den Blick unbeweglic
h irgendwohin ins Weite gerichtet.
Doch Pawel bemerkte nicht, daß er zu erzählen aufgehört hatte. Vor seinen
Augen erstanden drei menschliche Körper
Auf der Straße ertönte das Signal zu
m Sammeln. Dieser Ton zwang Pawel auf­
zublicken. Er sagte leise, kaum hörbar:
»Komm, gehen wir weg von hier, Samuil!«
»Hier, Genosse Antipow.« Er übergab dem stämmigen Schwadronsführer
einen Zettel.
»Bestimmen Sie eine Geleitmannschaft
und lassen Sie alle Gefangenen in
Richtung Nowograd-Wolhynsk abführen. Die Verwundeten sind zu verbinden,
auf Wagen zu verladen und in derselben Richtung abzutransportieren. Man
muß die Gefangenen etwa zwanzig Werst hinter die Stadt bringen, dann kön­
nen sie gehen, wohin sie wollen. Wir haben keine Zeit, uns mit ihnen lange
abzugeben. Und achten Sie darauf, daß
es zu keinen Ausschreitungen kommt.«
Pawel schwang sich in den Sattel
und sagte, zu Samuil gewandt:
»Hast du gehört? Die hängen unsere Leute, und wir sollen sie zu den Ihren
eskortieren und vor Ausschreitungen bewahren! Wie kann man uns das zumu­
Der Regimentskommissar wandte sich Pawel zu und sah ihn aufmerksam an.
Dann sagte er energisch:
»Grausamkeit wehrlosen Gefangenen gegenüber wird mit Erschießen bestraft.
Wir sind nicht wie die Weißen!«
Als Pawel vom Tor wegritt, erinnerte
er sich an den Schlußsatz des vom
Revolutionären Kriegsrat ausgegebenen Befehls, der dem gesamten Regiment
verlesen worden war:
»Das Arbeiter-und-Bauern-Land
liebt seine Rote Armee. Es ist stolz auf sie. Es
fordert, daß auf ihrem Banner ke
in einziger Schandfleck sei.«
Kein einziger Schandfleck, wiederholte er in Gedanken.
Während die 4. Kavalleriedivision Shitom
ir nahm, stieß die 20. Brigade der 7.
Schützendivision, die zum Bestand der Stoßtruppe des Genossen Golikow
gehörte, im Raum des Dorfes Okuninowo zum Dnepr vor.
Eine aus der 25. Schützendivision und
der Baschkirischen Kavalleriebrigade
»Was soll denn das bedeuten? Da ist
doch der Mischa ins Wasser gefallen.
Verschwunden ist der Junge, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.«
Er blieb stehen und starrte erschrocken in die dunkle Flut hinunter, doch die
Nachrückenden stießen ihn vorwärts.
»Was gaffst du da, du Dummkopf? Mach, daß du weiterkommst!«
Es blieb keine Zeit, dem Kameraden nachzutrauern. Die Brigade [192] war
ohnedies hinter den anderen Truppen, die bereits das rechte Ufer besetzt hat­
ten, zurückgeblieben.
Und so erfuhr Serjosha von Mischas Tod erst vier Tage später, als die Brigade
die Station Butscha im Gefecht geno
mmen hatte und, mit Frontschwenkung
gegen Kiew, erbitterten Angriffen der
Polen standhielt, die nach Korosten
durchzubrechen versuchten.
Jakimenko lag neben Serjosha in der Schützenlinie. Er hielt im Schießen inne,
»Das Gewehr fordert auch mal 'ne Ruhepause, genau wie der Mensch!«
Sergej konnte seine Worte unter dem
Feuerlärm nur mühsam verstehen.
»Du, dein Kamerad ist im Dnepr ertrunken. Ehe ich mich's versah, hatten ihn
die Wellen verschluckt.«
Dann griff er nach dem Gewehrverschluß, holte aus der Patronentasche
einen Ladestreifen hervor und lud hastig durch.
Die 11. Division, die entsan
dt worden war, um Berdit
In den Straßen kam es zu blutigen Kämpfen. Die Maschinengewehre knatter­
ten und versperrten der Reiterei den
Weg. Trotzdem konnte die Stadt genom­
men werden, und die Reste der polnischen
Truppenteile wurden in die Flucht
gejagt. Auf dem Bahnhof bemächtigte man sich der Züge. Der schrecklichste
Schlag wurde jedoch den Polen durch di
e Sprengung von einer Million Artille­
Der Vorstoß gegen Shitomir und Berditsc
hew war für die Polen ein Schlag in
Die Ereignisse überstürzten sich
Gleich einer vom steilen Ufer zurückgeworfenen Welle fluteten sie [193] vor­
wärts und stürzten sich immer wieder mit dem schrecklichen Ruf »Drauf und
dran!« auf den Feind …
Nichts half den Polen: weder das Netz der Drahtverhaue noch der verzwei­
felte Widerstand der Besatzung, die sich in der Stadt befestigt hatte. Am Mor­
gen des 27. Juni überquerten die Budj
onny-Reiter in Kavallerieformationen
den Fluß Slutsch, drangen in die Stadt Nowograd-Wolhynsk ein und nahmen
die Verfolgung der Polen in Richtung auf den kleinen Flecken Korez auf. Zur
selben Zeit überschritt die [194] 45. Division den Fluß Slutsch bei Nowy Miro­
pol, und Kotowskis Kavalleriebrigade stürmte gegen die Ortschaft Ljubar vor.
An die Funkstation der 1. Reiterarmee erging der Befehl des Oberkommandie­
Pawel hatte das Empfinden verloren, ei
ne Einzelperson zu sein. Er war voll­
ständig in der Masse aufgegangen; das Wörtchen »ich« hatten er und die ande­
ren Kämpfer gänzlich vergessen, nur das »wir« war geblieben: unser Regiment,
unsere Schwadron, unsere Brigade.
Eines Tages, als Pawel vom Brigadeko
mmandeur zur Station geschickt wurde,
»Wo finde ich den Kommandeur des Panzerzuges?« fragte Pawel einen Rot­
armisten in Lederjacke, der einen Eimer Wasser schleppte.
Kortschagin machte vor der Lokomotive halt und fragte: »Wer ist der Kom­
mandeur?«
Ein Mann mit pockennarbigem Gesicht, von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet,
wandte sich ihm zu:
»Ich bin's.«
Pawel zog einen Brief aus der Tasche.
»Hier ein Befehl des Brigadekommandeu
rs. Bestätigen Sie den Empfang auf
dem Umschlag.«
Der Kommandeur legte den Briefumschlag
An der Lokomotive hantierte irgendeine Gestalt mit der Ölkanne. Pawel
konnte nur einen breiten Rücken sehen, aus der Tasche der Lederhose lugte
der Griff einer Pistole hervor.
»Da hast du die Bescheinigung«, sagte der Mann im Lederzeug und hielt
Pawel den Umschlag entgegen.
Pawel griff nach den Zügeln und machte
»Artjom, Bruderherz!«
Der über und über ölbeschmierte Lo
»Pawka! Du Schlingel! Bist du's wirklich?« rief er, als wollte er seinen Augen
nicht trauen.
Der Kommandeur des Panzerzuges beobachte
te erstaunt die Szene. Die Artil­
leristen lachten.
»Schau einer an. Da haben sich zwei Brüder gefunden.«
Am 19. August verlor Pawel bei Lwow
im Gefecht seine Mütze. Er brachte
sein Pferd zum Stehen. Vor ihm jedoch
durchbrachen die Schwadronen bereits
die polnischen Schützenlinien. Da kam Demidow durch das Gesträuch der
Schlucht gesprengt. Er stürmte zum Fluß hinunter und schrie:
»Der Divisionskommandeur ist gefallen.«
»Haut die Hunde zusammen! Haut si
e nieder! Schlagt die polnische
Wild stürmten sie auf das freie Feld hinaus, hinter den Fliehenden her, aber
. Todsprühend zerrissen Schrapnelle die
Vor Pawels Augen flackerte eine grün
e Flamme auf – grün wie Magnesium­
licht, donnernd schlug es ihm in die Ohre
n, als packten glühende Eisen seinen
Pawel wurde wie ein Strohhalm aus dem
Sattel geworfen. Über Gnedkos Kopf
hinweg schlug er schwer zu Boden.
Dann wurde es Nacht um ihn. [196]
NEUNTES KAPITEL
Das Auge des Seeungeheuers quillt trüb
rot hervor, groß wie ein Katzenkopf,
seine Mitte ist grünlich, sie glüht und sc
hillert lebendig. Da
um sich mit Dutzenden von Fangarmen, die sich gleich einem Schlangen­
knäuel winden; widerwärtig raschelt die
schuppige Haut. Es bewegt sich. Pawel
sieht es direkt vor seinen Augen. Die Fa
ngarme gleiten über seinen Körper hin,
sie sind kalt und stechen wie Brennesseln. Das Ungeheuer streckt einen Saug­
arm aus und klammert sich wie ein Blutegel an seinem Kopf fest, zieht sich
dann krampfhaft zusammen und saugt ihm das Blut aus. Er fühlt, wie das Blut
aus seinem Körper in den sich aufblähenden Rumpf des Ungeheuers hinüber­
rinnt. Und der Saugarm … zieht und zieht,
und da, wo er sich an seinem Kopf
festgesaugt hat, sticht ein unerträglicher Schmerz.
immt er menschliche Stimmen:
»Puls 138. Temperatur 39,5. Phantasiert fortwährend.«
Das Ungeheuer ist verschwunden, aber
der von dem Saugarm verursachte
Schmerz ist geblieben. Pawel spürt, da
ß ihn jemand am Handgelenk faßt. Er
versucht die Augen zu öffnen, aber sein
e Lider sind so schwer, daß die Kräfte
nicht ausreichen, sie aufzureißen. Weshalb ist ihm nur so heiß? Die Mutter hat
Er versucht abermals die Lider zu öffnen. In seinem Innern brennt es wie
Feuer. Drückend schwül ist ihm.
Trinken! Oh, wie gern möchte er trinken! Gleich wird er aufstehn [197] und
sich satt trinken. Aber weshalb steht er
nicht auf? Er will sich bewegen, jedoch
sein Körper versagt ihm den Dienst, w
ill ihm nicht gehorchen, ist nicht sein
Körper. Gleich wird ihm die Mutter Wasser bringen. Er wird ihr sagen: »Gib
mir Wasser.« Irgend etwas bewegt sich neben ihm. Schleicht sich da nicht
wieder das Ungeheuer heran? Ja, da ist es
. Da ist das rote Licht seines Auges …
Aus der Ferne kommt eine leise Stimme:
»Frossja, bringen Sie Wasser!«
Wer heißt denn nur so? Pawel strengt
sein Gedächtnis an. Aber diese
Anstrengung wirft ihn aufs neue in die Nacht zurück. Dann kommt er wieder
zu sich und entsinnt sich: »Ich möchte trinken.«
Er vernimmt Stimmen:
»Er scheint das Bewußtsein zu erlangen.«
Und dann noch deutlicher, ganz nahe, eine zarte weibliche Stimme:
»Will unser Kranker trinken?«
Bin ich wirklich krank, oder meint man nicht mich? Ach, ich habe wohl
Typhus, das wird es sein! Und zum drittenmal bemüht er sich, die Lider zu
öffnen. Endlich gelingt es ihm. Das erst
e, was er wahrnimmt, ist ein roter Kreis
über seinem Kopf, aber da verdeckt irge
»Können Sie mich sehen?«
»Nein, ich höre nur …«
»Wer hätte geglaubt, daß er's übersteh
t. Hat sich aber doch wieder hochge­
rappelt. Ein erstaunlich kräftiger Orga
nismus. Sie, Nina Wladimirowna, kön­
nen stolz darauf sein. Sie haben ihm das Leben gerettet!«
Und die Frauenstimme antwortet erregt:
»Oh, ich bin sehr glücklich!«
Nach dreizehntägiger Besinnungslosigkeit hatte Kortschagin das Bewußtsein
wiedererlangt.
Der junge Körper hatte nicht sterben wollen, und jetzt kehrten ihm allmäh­
lich die Kräfte wieder. Er war zum zwei
ten Male geboren,
alles erschien ihm
neu und ungewöhnlich. Nur sein Kopf
lag unbeweglich mit unüberwindlicher
Schwere in einem Gipsverband, er hatte nicht [198] die Kraft, ihn zu bewegen,
hatte aber bereits wieder ein Gefühl fü
r seinen Körper, und seine Finger ließen
sich schon krümmen und strecken.
Nina Wladimirowna, eine Ärztin des Kr
August 1920
Heute brachte uns der Sanitätszug eine Gruppe Schwerverwundeter. In das
Bett in der Ecke beim Fenster hat man einen Rotarmisten mit schwerer Schä­
Ich bitte die Genossen, im Fall meines Todes meinen Angehörigen
davon Mitteilung zu machen. Adresse: Stadt Schepetowka, Depot,
Schlosser Artjom Kortschagin.
August, ohne Besinnung. Morgen wird ihn Anatoli Stepanowitsch unter­
suchen.
August
Heute wurde Kortschagins Wunde untersucht. Sie geht sehr tief. Die Schädel­
decke ist durchgeschlagen und dadurch di
e ganze rechte Kopfhälfte gelähmt.
Im rechten Auge ist ein Bluterguß. Das
Auge ist geschwollen. Anatoli Stepano­
witsch wollte das Auge entfernen, um
einer Entzündung vorzubeugen. Ich
habe ihm jedoch zugeredet, das nicht zu tun, solange noch Aussicht auf Rück­
gang der Geschwulst besteht. Er war einverstanden.
Sollte der Junge am Leben bleiben, wäre es schade, ihn durch Entfernung des
Auges zu verunstalten.
Der Verwundete phantasiert fortwährend, wirft sich hin und her. [199] Man
muß die ganze Zeit bei ihm wachen. Ich widme ihm viel Zeit. Er ist noch so
jung, und ich möchte ihn um jeden Preis am Leben erhalten.
Gestern war ich nach meiner Ablösung einige Stunden bei ihm im Kranken­
saal. Er ist unser schwerster Fall. Ich höre mir seine Fieberphantasien an.
Manchmal phantasiert er, als ob er erzähl
te. Ich erfahre viel aus seinem Leben,
aber manchmal flucht er fürchterlich. Dieses Geschimpfe ist abscheulich. Aus
irgendeinem Grund tut es mir weh, so sc
hreckliche Schimpfworte aus seinem
Munde zu hören.
Anatoli Stepanowitsch sagt, daß er nicht am Leben bleiben wird. Der Alte
brummte ärgerlich:
»Ich verstehe nicht, wie man halbe Kinder in die Armee aufnehmen kann.
Das ist unerhört.«
August
Kortschagin hat das Bewußtsein noch immer nicht wiedererlangt. Er liegt in
einem besonderen Raum, im Sterbezimme
r. Fast ununterbrochen sitzt die
Sanitäterin Frossja an seinem Bett. Wie si
ch herausgestellt hat, ist er ein alter
Bekannter von ihr. Sie haben vor langem einmal zusammen gearbeitet. Mit
welch rührender Aufmerksamkeit sie di
September
Elf Uhr abends. Ich habe einen wundervollen Tag hinter mir. Mein Patient
Kortschagin ist wieder bei Bewußtsein,
ist zum Leben erwacht. Das Schlimmste
hat er hinter sich. In den letzten zwei Tagen bin ich nicht nach Hause gegan­
gen.
Ich kann gar nicht sagen, wie unendlich froh ich bin, daß wieder einer geret­
tet ist. In unserem Saal wird es einen Toten weniger geben! Das Schönste in
meiner aufreibenden Arbeit ist die Wiedergesundung der Kranken. Sie hängen
an mir wie kleine Kinder.
Ihre Freundschaft ist aufrichtig und einfach, und manchmal muß ich sogar
beim Abschiednehmen weinen. Das klingt ein wenig komisch, aber es ist so.
September
Kortschagin hat mir heute den ersten Brief an seine Angehörigen diktiert. Er
Er hat viel Blut verloren, ist bleich wie Wachs und noch sehr schwach. [200]
September
Kortschagin hat zum erstenmal gelächelt. Er hat ein gutes Lächeln. Im allge­
meinen ist er viel rauher, als es seinem
Alter entspricht. Er erholt sich erstaun­
lich schnell. Frossja und er sind gute Freunde. Ich sehe die Sanitäterin oft an
seinem Bett. Sie hat ihm anscheinend von mir erzählt, mich natürlich über­
trieben gelobt, und der Patient empfän
gt mich immer mit einem kaum merk­
lichen Lächeln. Gestern hat er gefragt:
»Was haben Sie da für dunkle Flecke am Arm, Frau Doktor?«
Ich habe ihm verschwiegen, daß dies die Spuren seiner Finger sind, mit
denen er mir während seiner Fieberphantasien schmerzhaft den Arm gepreßt
hat.
September
Kortschagins Stirnwunde heilt gut. Wir Ärzte müssen immer wieder über die
Gewöhnlich ist das eine Angelegenheit,
bei der die Patienten viel jammern
und angeben. Dieser Junge aber schweigt, und wenn man ihm die freigelegte
Alle wissen schon: Wenn Kortschagin stöhnt, hat er das Bewußtsein verloren.
Woher er diese Standhaftigkeit hat, ist mir unbegreiflich.
September
Kortschagin ist heute zum erstenmal im Krankenwagen auf den großen Bal­
kon des Lazaretts gefahren worden. Wi
e hat er den Garten angeschaut, mit
welcher Gier die frische Luft eingesog
en! In seinem mit Mullbinden umwickel­
ten Kopf liegt nur ein Auge offen. Dieses schimmernde, bewegliche Auge hat
sich die Welt betrachtet, als habe
es sie zum erstenmal erblickt.
September
Heute wurde ich nach unten, ins Empfangszimmer, gerufen, in dem zwei
junge Mädchen auf mich zukamen. Die eine ist sehr schön. Sie baten darum,
Kortschagin besuchen zu dürfen. Sie heißen Tonja Tumanowa und Tatjana
Buranowskaja. Der Name Tonja ist mir bekannt. Kortschagin hat ihn manch­
mal in seinen Fieberphantasien erwähnt. Ich habe ihnen den Besuch gestattet.
8.
Oktober
Kortschagin ist heute zum erstenmal a
llein im Garten spazierengegangen.
Wiederholt fragt er mich, wann er au
»Bald.« Die zwei Freundinnen kommen an jedem Besuchstag zu ihm. Jetzt
weiß ich, warum er nicht gestöhnt hat und überhaupt nicht stöhnt. Auf meine
Frage sagte er mir:
»Lesen Sie den Roman ,Die Stec
hfliege', dann wissen Sie es.«
Oktober
Kortschagin ist aus dem Lazarett entlassen. Wir haben uns sehr herzlich von­
einander verabschiedet. Der Verband am Auge ist abgenommen, nur die Stirn
ist noch verbunden. Das Auge ist erblindet, aber es ist nichts zu merken. Mir
war sehr traurig zumute, als ich mi
ch von diesem Patienten trennte.
So ist es immer: Erst heilt man sie, dann gehen sie von uns und begegnen uns
womöglich nie mehr. Beim Abschied meinte er:
»Besser wäre es schon, wenn das linke Auge erblindet wäre. Wie soll ich denn
jetzt schießen?«
Er hat sich die Front immer noch nicht aus dem Kopf geschlagen.
In der ersten Zeit nach seiner Entl
Er bemühte sich sofort, Tonja zur gemeinsamen Arbeit heranzuziehen, und
forderte sie auf, mit ihm eine Stadtversammlung des Kommunistischen
Jugendverbandes zu besuchen. Tonja war einverstanden. Als sie jedoch aus
dem Zimmer kam, wo sie sich angekleidet hatte, biß sich Pawel auf die Lippen;
Auf seine Frage, weshalb sie sich so
aufgedonnert habe, erwiderte sie
gekränkt:
»Ich pflege mich eben nie der Masse anzupassen. Wenn es dir unangenehm
ist, so mit mir zu gehen, bleibe ich einfach zu Hause.«
Auch im Klub war es ihm peinlich, wenn sie, derart aufgeputzt, von den ver­
schossenen Jacken und Blusen abstach. Für die Kameraden war Tonja ein Ein­
»Dieses Püppchen da hast du wohl mitgebracht?«
»Ja, ich«, antwortete Kortschagin hart.
»Hm … ja …«, sagte Pankratow gedehnt.
»Sie sieht ja nicht gerade so aus, als
ob sie zu uns passen würde. Das riecht
nach Bourgeoisie. Wie hat man sie überhaupt hereingelassen?«
Pawel hämmerte es in den Schläfen.
»Das ist meine Genossin, und ich habe sie hergebracht. Verstehst du? Sie ist
uns nicht feindlich gesinnt. Nur, wie sie sich anzieht, das ist freilich nicht
angebracht. Wir dürfen aber doch die Menschen nicht nur nach ihrer Klei­
dung beurteilen. Ich weiß selbst, wen ich hierher mitbringen kann. Deine
Bemerkungen kannst du dir also sparen, Genosse.«
»Ich habe es ihr doch gesagt! Wozu
, zum Teufel, dies
er ganze Staat?«
An diesem Abend erhielt ihre Freundsc
haft einen tiefen Riß. Mit Schmerz
Es verstrichen noch einige Tage, und jede Begegnung, jedes Gespräch brachte
größere Entfremdung und eine dumpfe Fe
indseligkeit in ihre Beziehungen.
Der Individualismus Tonjas wurde Pawel immer unerträglicher.
Beide begriffen, daß der Bruch unvermeidlich war.
Heute waren sie in den mit totem br
aunem Herbstlaub bedeckten Park
Pinselstrichen und spiegelte sich rot
in den Scheiben der Häuschen wider.
Tonja schaute auf die goldenen Strahlen und sagte tief traurig:
»Soll unsere Freundschaft wirklich so verlöschen wie jetzt die Sonne?«
Er blickte sie unverwandt an; jetzt zo
g er die Brauen zusammen und erwiderte
»Tonja, wir haben schon darüber gesprochen. Du weißt doch, daß ich [203]
Tonja schaute schwermütig auf den Fluß, ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Behutsam legte er seine Hand auf ihre Schulter.
»Befreie dich von allem, was dich hemmt. Komm zu uns, hilf mit, wenn wir
mit den großen Herren Schluß machen. Es gibt viele prächtige Mädels bei uns,
die alle Lasten unseres harten Kampfes,
alle Entbehrungen gemeinsam mit uns
tragen. Sie sind vielleicht nicht so ge
Tags darauf sah Pawel auf der Straße einen Befehl angeschlagen, der die
Unterschrift »Shuchrai, Tschekavorsitzender des Gouvernements« trug. Pawels
Herz begann zu klopfen. Mit großer Mühe
verschaffte er sich Zutritt zu dem
Matrosen. Man wollte ihn nicht einlassen. Er machte einen derartigen Krach,
daß die Posten ihn schon festnehmen wollten. Trotzdem drang er vor.
Das Wiedersehen mit Fjodor war sehr herzlich. Shuchrai hatte durch eine
Granate einen Arm verloren. Die beiden ve
rständigten sich sofort über Pawels
»Wir werden hier gemeinsam gegen die Konterrevolution kämpfen, solange
du nicht imstande bist, an die Front zu gehen. Komm gleich morgen her«,
sagte Shuchrai. – [204]
Der Kampf mit den weißen Polen war zu
Ende. Die Roten Armeen, die fast
vor den Toren Warschaus gestanden hatten, konnten, da sie all ihre materiel­
len und physischen Kräfte erschöpft hatten und von ihrer Basis losgerissen
waren, das letzte Hindernis nicht nehmen und gingen zurück. Es geschah das
»Wunder an der Weichsel«, wie die Polen den Rückzug der Roten von War­
schau nannten. Das weiße Polen der Pans blieb bestehen. Der Traum von einer
Polnischen Sozialistischen Republik sollte noch nicht in Erfüllung gehen.
Unser Land, das so viel Blut vergossen
hatte, verlangte nach einer Atempause.
Pawel konnte seine Angehörigen nicht besuchen, da das Städtchen Schepe­
towka wieder von den Polen besetzt word
en war und zeitweise die Frontgrenze
»Das heißt also, Fjodor, daß nun mein
wenn der Friedensvertrag die Grenzen beibehält?«
Aber Fjodor beruhigte ihn.
»Wahrscheinlich wird die Grenze am Fl
uß Goryn verlaufen, so daß die Stadt
noch in unseren Händen bleibt. Da
s werden wir ja bald erfahren.«
Von der polnischen Front wurden Divi
sionen nach dem Süden geworfen. Die
Atempause ausnutzend, war Wrangel aus der Krim hervorgekrochen. Und
während die Republik alle Kräfte an
der polnischen Front anspannte, waren
die Wrangel-Leute nordwärts, den Dnep
en, um zum Jeka­
terinoslawer Gouvernement durchzubrechen.
Durch Kiew fuhren Militärtransporte
nach Süden, beladen mit Menschen,
Fuhrwerken, Feldküchen, Geschützen. In
der Tscheka für das
Transportwesen wurde fieberhaft gear
Und die Distriktstelle der Tscheka wa
r für die Transportstockungen verant­
wortlich.
Hier trafen die Truppenkommandeure
ein, fuchtelten mit den Pistolen und
verlangten die unverzügliche Weiterbefö
rderung ihrer Transporte laut diesem
oder jenem Telegramm des Armeebefehlshabers, mit Nummer soundso.
Keiner von ihnen wollte zur Kenntnis nehmen, daß dies ein Ding der
Unmöglichkeit war.
»Hol euch der Kuckuck mit all euren Argumenten. Wir müssen weiter!«
Und dann ging jedesmal ein fürchterliches Geschimpfe los. In besonders
komplizierten Fällen mußte Shuchrai he
rbeigeholt werden. Und die Leute, die
soeben noch getobt und einander mi
t Erschießen gedroht hatten, verstumm­
Die hünenhafte Gestalt Shuchrais, sein
e Kaltblütigkeit, seine feste Stimme,
Pawel verließ immer mit bohrenden Ko
pfschmerzen seine Arbeitsstelle. Die
Arbeit in der Tscheka hatte verheerende Auswirkungen auf seine Nerven.
Eines Tages bemerkte Pawel auf einem mit Munitionskästen beladenen offe­
nen Güterwagen Serjosha Brusshak. Der sprang vom Waggon herab ihm ent­
gegen und hätte Pawel dabei um ein Haar zu Boden gerissen.
»Pawka, du Teufelskerl, ich hab dich sofort erkannt.«
Die Freunde wußten gar nicht, wonach
sie einander zuerst fragen, was sie
sich zuerst erzählen sollten; hatten sie doch
in dieser Zeit so viel erlebt! Hastig
stellten sie gegenseitig Fragen und bean
Was war da zu machen? Sie mußten sich
wieder trennen, der Zug fuhr schon
schneller. Serjosha schrie dem Freund noch etwas zu, rannte, [206] um nicht
zurückzubleiben, den Bahnsteig entlang und klammerte sich an der offenen
Tür eines Güterwagens fest; mehrere Hände griffen nach ihm und zogen ihn
hinein. Pawel stand auf dem Bahnsteig un
Mag er ruhig fahren, es ist besser, daß er nichts weiß, dachte Pawel.
Bereits eine Woche später fand Serjosha
Brusshak beim ersten Gefecht in der
herbstlichen ukrainischen Steppe den
Tod. Eine aus der Ferne kommende ver­
irrte Kugel hatte ihn getroffen.
Die nervenaufreibende Arbeit in der Tscheka unterwühlte Pawels noch nicht
gefestigte Gesundheit. Er hatte häufig Schmerzen, und nach zwei durchwach­
ten Nächten wurde er ohnmächtig. Jetzt wandte er sich an Shuchrai.
»Was meinst du, Fjodor, wird's nicht richtiger sein, wenn ich eine andere
Tätigkeit übernehme? Ich möchte sehr ge
rn wieder in meinem Beruf arbeiten,
in den Hauptwerkstätten. Ich habe das Gefühl, daß ich den Aufgaben hier
nicht ganz gewachsen bin. In der Ärztekommission hat man mir gesagt, ich sei
kriegsuntauglich. Hier ist es aber schlimmer als an der Front. Die zwei Tage
jetzt, in denen wir die Sutyr-Bande liquidierten, haben mich ganz herunterge­
bracht. Ich muß mich von den Schießereien erholen. Du siehst doch ein,
Fjodor, daß ich – wenn ich mich kaum auf den Beinen halten kann – ein
schlechter Tschekist bin.«
Shuchrai blickte Pawel besorgt an.
»Ja, gut schaust du nicht aus. Wir hätten dich schon früher von diesem
Posten befreien sollen, aber da bin ic
h selber schuld, habe vor lauter Arbeit
Das Ergebnis dieser Unterredung war,
daß sich Pawel mit einem Schreiben
zum Gouvernementskomitee des Komsomol
begab. In diesem Schreiben hieß
es, daß Kortschagin dem Komitee
zur Verfügung gestellt werde.
Ein lebhafter junger Bursche mit keck in die Stirn geschobener Mütze über­
flog das Papier und nickte Pawel fröhlich zu:
»Du kommst von der Tscheka? Bitte schön, Arbeit kannst du im Handum­
drehen kriegen. Bei uns herrscht gerade
zu Hunger nach Leuten. Wohin willst
du denn? Willst du in die Gouvernementskommission [207] für Ernährung?
Nein. Nun, dann nicht. Vielleicht zur Ag
itationsstelle im Hafen? Nein? Ganz
im Unrecht! Ein angenehmes
Plätzchen, mit Extraration.«
»Ich will zur Eisenbahn, in die Hauptreparaturwerkstätte.«
ihn verwundert an.
»In die Hauptreparaturwerkstätte? Hm … dort brauchen wir jetzt keine Leute.
Weißt du was, geh zu Rita Ustinowitsch. Sie wird dich schon irgendwo unter­
Nach einer kurzen Unterredung mit dem braungebrannten Mädchen wurde
beschlossen, daß Pawel als Komsomolsekr
An den Toren der Krim, am schmalen Zugang zur Halbinsel, der alten Grenz­
scheide, die einstmals die Krimtataren von den Saporoger Kosakensiedlungen
durch seine neu ausgebauten Befestigungen.
Hinter Perekop, in der Krim, such
ten die Überreste der dem Untergang
geweihten alten Welt im Rausch des We
ines Vergessen; aus allen Ecken und
Enden des Landes waren sie hierhergeflüch
In einer feuchtkalten Herbstnacht stiegen Zehntausende von Söhnen des
werktätigen Volkes in das kalte Wasser
der Meerenge, um nachts den Siwasch-
See zu durchqueren und dem in der Festung verschanzten Feind in den Rücken
zu fallen. Unter diesen Tausenden befa
nd sich auch Iwan Sharki, der sein
Maschinengewehr behutsam über dem Kopf trug.
Als dann im Morgengrauen Perekop plöt
zlich in wildem Schlachtfieber auf­
brauste, als Tausende im offenen Frontangriff durch die Sperrverhaue brachen,
stiegen im Rücken der Weißen die er
sten Kolonnen, die den Siwasch-See
Eine Schlacht entbrannte, so grausam
wie keine zuvor. Die Reiterei der
Weißen stürmte mit tierischer Wildheit gegen die Menschen, die da ans Land
krochen. Pausenlos spie Sharkis Maschinengewehr Tod und Verderben, und
haufenweise stürzten Menschen und Pfer
de im Kugelregen. Mit fieberhafter
Hast setzte Sharki eine Trommelscheibe nach der anderen ins Maschinenge­
wehr ein. [208]
Perekop bebte und dröhnte unter dem
Feuer Hunderter von Geschützen. Ein
bodenloser Abgrund schien die Erde verschlingen zu wollen, und mit wildem
Zischen zerschnitten Tausende todbringende Granaten den Himmel und zer­
barsten in Tausende Sprengstücke und
winzige Splitter. Aus dem aufgewühlten,
von Wunden zerfurchten Erdboden flogen schwarze Klumpen hoch und
verdeckten die Sonne.
Die Republik schmückte di
e abgetragenen Feldblusen, dort, wo das Herz
schlägt, mit den Orden des Roten Banners. Und unter diesen Feldblusen war
auch die des Maschinengewehrschützen und Komsomolzen Iwan Sharki.
Der Frieden mit Polen war geschlossen. Wie Shuchrai gehofft hatte, war
zur Tür, als sie es klopfen hörte, und rief »Her­
ein!« Als sie dann in der schneebedeckten
Gestalt, die vor ihr stand, Pawel
erkannte, griff sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und war vor uner­
meßlicher Freude nicht imstande, ein Wort über die Lippen zu bringen.
Tränen des Glücks rannen über ihr Gesi
cht, während sich
Körper an die Brust des Sohnes preßte und sein Antlitz mit unzähligen Küssen
bedeckte.
Die Mutter konnte sich gar nicht satt sehen an ihrem Jungen. Sie hatte die
Hoffnung aufgegeben, ihn jemals wieder zu Gesicht zu be- [209] kommen.
Und als dann drei Tage später, in der Nacht, auch Artjom mit dem Tornister
auf dem Rücken in das Stübchen trat,
kannte ihre Freude keine Grenzen mehr.
Das Häuschen der Kortschagins hatte seine alten Bewohner wieder aufge­
nommen. Nach schweren Prüfungen und Leiden waren die Brüder, dem Tod
entronnen, nun endlich beieinander …
Ein Kommunist fürchtet nichts –
das ist die Schlußfolgerung aus diesem Buch,
das ist die Bilanz des Lebens des Verfassers.
JULIUS FUCIK [213]
ERSTES KAPITEL
»24. Mai«, schrieb sie mit scharfgespitztem Bleistift nieder.
»Wiederum versuche ich meine Eindrücke
festzuhalten. Wieder eine Lücke.
Anderthalb Monate sind vergangen, und ich habe kein einziges Wort geschrie­
ben. So muß ich mich eben mit diesem Fragment begnügen.
Woher soll ich denn die Zeit nehmen, ein Tagebuch zu führen. Erst jetzt, in
der Nacht, kann ich mich niedersetzen und schreiben. Ich finde keinen Schlaf.
Genosse Segal ist zur Arbeit ins Zent
ralkomitee der Partei berufen worden.
Schade, daß er weggeht, er ist so ein prächtiger Mensch. Erst jetzt empfinde
ich, wie wertvoll seine Freundschaft für
uns alle war. Leider wird mit der Ab­
reise Segals unser Zirkel zum Studium
des dialektischen Materialismus ausei­
nanderfallen. Gestern waren wir bis spätnachts bei ihm und prüften die Fort­
schritte unserer Schüler. Der Sekretär des Gouvernements-Jugendkomitees,
Akim, war ebenfalls da und auch der wi
derliche Leiter der Personalabteilung,
Tufta. Nicht ausstehen kann ich diesen Besserwisser! Segal strahlte. Sein Schü­
ler Kortschagin legte den Tufta in Parteigeschichte gehörig herein. Ja, diese
zwei Monate sind nicht ungenutzt geblieben. Wenn die Arbeit solche Erfolge
zeitigt, tut einem die aufgewandte Mühe nicht [214] leid. Man sagt, daß
Genosse Segal hat mir sein
en Schüler anvertraut.
›Führt das Begonnene zu Ende‹, sagte er zu mir, ›bleibt nicht auf halbem Weg
stehen, Sie, Rita, und er, ihr könnt manches voneinander lernen. In dem Jun­
gen steckt noch zuviel Spontaneität. Ihn beherrschen stürmische Empfindun­
gen, und seine Gefühle gehen oft mit ihm durch. Soweit ich Sie kenne, Rita,
werden Sie ihn auf die richtigen Bahnen lenken können. Ich wünsche Ihnen
Erfolg. Und vergessen Sie nicht, mir nach Moskau zu schreiben‹, sagte mir
Segal zum Abschied.
Heute wurde uns aus dem ZK ein neuer
Dmitri Dubawa soll morgen Kortschagin herbringen. Ich will Dubawa
beschreiben. Er ist mittelgroß, stark, muskulös. Seit 1918 ist er Mitglied des
Komsomol, und seit 1920 gehört er zur Partei. Er ist einer von den dreien, die
wegen ihrer Zugehörigkeit zu der part
eifeindlichen Gruppierung, die sich
›Arbeiteropposition‹ nannte, aus dem Gouvernements-Jugendkomitee ausge­
schlossen wurden. Der Unterricht mit ih
m war alles andere als leicht. Jeden
Tag warf er unseren Plan über den Haufen, indem er mich mit Fragen
bestürmte, die uns vom Thema ablenkten. Zwischen Olga Jurenewa, meiner
zweiten Schülerin, und Dubawa kam es häufig zu Auseinandersetzungen. Am
ersten Abend musterte er Olga von Kopf bis Fuß und sagte:
›Deine Uniform ist noch nicht vollständig, Alte. Du mußt dir noch Lederho­
sen, Sporen, einen Budjonny-Helm und einen Säbel zulegen, sonst bist du we­
der Fisch noch Fleisch.‹
Olga blieb ihm keine Antwort schuldig
, und ich mußte die beiden trennen.
Dubawa ist, soviel ich weiß, ein Freund Kortschagins … Nun, genug für heute.
Ich muß schlafen.«
Dumpfe Hitze lag über dem Land. Das
eiserne Geländer de
glühte fast. Matte, von der Sonnenglut erschöpfte Menschen erklommen die
Stiegen zur Überführung. Es waren keine Reisenden, sondern hauptsächlich
Leute, die vom Bahnhofsviertel in die Stadt wollten.
Pawel hatte Rita von der obersten Stufe aus bemerkt. Sie war früher als er zum
Zug gekommen und schaute die Treppe hinauf.
Drei Schritt von Rita entfernt machte Kortschagin halt. Sie hatte ihn [215]
»Ich bin schon eine ganze Stunde hier und schaue dich an, und du siehst
mich gar nicht. Es ist Zeit, daß wir gehen, der Zug steht schon da.«
Rita war gestern vom Gouvernementskom
des Ausschusses abgeriegelt. Der völlig
überfüllte Zug konnte nur den zehnten Teil derer fassen, die mitfahren woll­
ten. Niemand hatte Lust zurückzubleiben,
er hätte tagelang auf einen zufällig
durchfahrenden Zug warten müssen. Ta
usende von Menschen stürmten die
Durchgänge und versuchten zu den grünen Waggons zu gelangen. An solchen
Tagen erlebte der Bahnhof eine regelrechte Belagerung, und nicht selten kam
es sogar zum Handgemenge.
Rita und Pawel mühten sich vergebens, zum Bahnsteig vorzudringen.
Pawel, der alle Ein- und Ausgänge des Bahnhofs kannte, führte seine Reisege­
fährtin durch die Gepäckabfertigungsste
lle. Mühsam drängten sie sich bis zum
Wagen Nr. 4 vor. An dessen Tür stand ein
schweißtriefender Ts
chekist, der, die
dichte Menschenmenge zurückhaltend, wohl zum hundertsten Male wieder­
holte:
»Ich habe euch doch schon gesagt, der Waggon ist überfüllt. Und laut Befehl
dürfen wir niemanden auf die Puffer und Dächer lassen.«
Die erregten Menschen stürmten auf ihn ein und hielten ihm die vom [216]
Fünferausschuß für den Wagen Nr. 4 ausgestellten Fahrkarten vor die Nase.
Wütendes Schimpfen und Schreien überall, Gedränge vor jedem Waggon.
Pawel sah, daß es unmöglich war, au
f dem üblichen Weg einzusteigen. Sie
mußten jedoch unbedingt fahren, sonst würde die Konferenz scheitern.
Er rief Rita beiseite und weihte sie in
seinen Aktionsplan ein. Er wollte sich in
den Waggon drängen, das Fenster öffnen und Rita durch das Fenster herein­
ziehen. Auf andere Weise würden sie ihr Ziel nie erreichen.
»Gib mir deine Lederjacke, die ist besser als jedes Mandat.«
Pawel zog Ritas Lederjacke an, steckte in
eine der Taschen seine Pistole und
ließ absichtlich den Griff mit dem Riemen herausschauen. Den Rucksack mit
den Lebensmitteln legte er neben Rita auf den Boden und ging auf den Wag­
gon zu. Brüsk zwängte er sich durch die Masse der Passagiere hindurch und
faßte schon nach der Griffstange, als der breitschultrige Tschekist ihn anhielt:
»Heda, Genosse, wohin?«
»Ich bin von der Sonderabteilung des
Militärbezirks. Wo
llen mal kontrollie­
ren, ob alle Passagiere Fahrkarten des
Fünferausschusses haben«, sagte Pawel in
einem Ton, der keinen Zweifel
an seinen Vollmachten zuließ.
Der Tschekist warf einen Blick auf Pawels Jackentasche, wischte sich mit dem
Ärmel den Schweiß von der Stirn und
»Nun, kontrollier, we
Pawel drang unter einem Hagel von Sc
himpfworten bis in die Mitte des
Wagens vor. Während er mit den Ellbogen, Schultern und, wo es not tat, auch
»Wohin, zum Teufel, willst du? Verflucht noch mal!« schrie ihn eine dicke
Tante an, als er sich von oben herunterließ und ihr dabei aufs Knie trat. Das
Weib hatte sich – üppig wie sie war – auf das Ende der unteren Pritsche
gezwängt und hielt eine große Ölkanne zwischen den Beinen. Solche Kannen,
Kisten, Säcke und Körbe standen überall, auf sämtlichen Pritschen. Im Waggon
konnte man kaum Luft holen. Auf das Ge
»Ihre Fahrkarte, Bürgerin?«
»Was willst du?« fuhr jene den
Von der obersten Gepäckbank schaute eine richtige Gaunervisage herab, und
eine tiefe Baßstimme brummte:
»Waska, was ist denn das hier für'n Früchtchen? Gib ihm mal 'nen Passier­
schein auf den Friedhof.«
Unmittelbar über Kortschagins Kopf tauchte jemand auf, ein baumstarker
Kerl, die Brust voller Haare, und starrte Kortschagin mit Glotzaugen an:
»Was willst du von dieser Frau? Was für 'ne Fahrkarte?« Von der Seitenprit­
sche baumelten vier Paar Beine herunter. Die Eigentümer dieser Beine saßen
eng umschlungen und knackten Sonnenblumenkerne. Allem Anschein nach
war hier ein Rudel durchtriebener Spek
ulanten und Schieber beisammen, die
in den Eisenbahnzügen ihr Handwerk tr
ieben. Pawel hatte jedoch keine Zeit,
sich mit ihnen einzulassen. Es galt, Rita in den Wagen zu bringen.
»Wem gehört diese
Kiste?« fragte er einen älteren Eisenbahner und zeigte auf
eine am Fenster stehende Holzkiste.
»Der Jungfer dort«, erwiderte dieser, au
f ein Paar dralle Beine in braunen
Strümpfen weisend.
»Halten Sie mal, Bürgerin, nur ein Weilchen, ich will das Fenster öffnen.«
»Was hast du fremde Sach
en anzurühren?« fuhr ihn
die plattnasige Frau an,
als er ihr die Kiste au
f den Schoß stellte.
»Motka, was gibt dieser Bürger hier so
groß an?« wandte sie sich hilfesuchend
an ihren Nachbarn. Der stieß Pawel, ohne
sich auch nur von seinem Platz zu
erheben, mit einem in einer Sandal
e steckenden Fuß in die Rippen.
»He, du Mistvieh, mach, daß du wegkommst, sonst kriegst du eins in die
Pawel ertrug schweigend den Rippenstoß, biß sich auf die Lippen und öffnete
das Fenster.
»Bitte, Genosse, rück ein wenig zur Seite«, bat er den Eisenbahner. Er ver­
ins Innere. Noch ehe der Rotarmist der Sperrabteilung diese ordnungswidrige
Handlung bemerken und verhindern konnt
e, war Rita bereits im Wagen. Dem
Rotarmisten blieb nichts anderes übrig,
als fluchend umzukehren. Im Wagen
wurde Rita von der Spekulantenbande mit einem solchen Hallo empfangen,
daß sie verlegen und unruhig wurde. Si
e konnte nirgends hintreten, stand auf
dem äußersten Rand der unteren Pritsche
Von allen Seiten hagelte es Schimpfworte. Der Baß von oben ließ sich ver­
nehmen:
»So ein Geschmeiß, quetscht sich selber hier herein und schleppt auch noch
ein Weibsbild nach!«
Und noch irgendein Unsichtbarer piepste:
»Motka, gibt ihm doch mal eins in
die Schnauze!« Die plattnasige Frau
schickte sich an, die Holzkiste auf Kortschagins Kopf zu stellen. Ringsum
nichts als fremde, hämische Gesichter.
Pawel bedauerte, daß Rita dabei war.
Aber sie mußten doch irgendwo Platz finden.
»Bürger, räum mal deine Säcke vom Gang
weg, hier wird sich die Genossin
hinstellen«, wandte er sich an jenen, der mit Motka angeredet wurde. Dieser
antwortete derartig ordinär, daß Pawe
l das Blut ins Gesicht schoß. Über der
rechten Braue verspürte er
einen stechenden Schmerz.
»Na warte, du Schurke, mit dir werde
ich noch abrechnen«, erwiderte er dem
frechen Kerl, sich mühsam beherrschend, aber sofort setzte es von oben einen
gehörigen Fußtritt gegen den Kopf.
»Lang ihm doch noch eine, Waska!« Von allen Seiten wurde gegrölt und
geschrien.
Was Pawel so lange mühsam zurückgehalten hatte, das brach nun hervor,
und wie immer in solchen Momenten, handelte er rasch und entschlossen. Er
zog sich an den Händen federleicht in
»Los, herunter von der Bank, Gesindel, sonst schieß ich euch wie Hunde über
den Haufen!« schrie Kortschagin wütend und hielt den vier Krakeelern die
Pistole vor die Nase.
Die Sache nahm sofort eine andere Wend
ung. Rita verfolgte die Vorgänge mit
gespannter Aufmerksamkeit, bereit, au
f jeden zu schießen, der es wagen
würde, Kortschagin anzugreifen. Die obere Pritsche wurde [219] schnell
geräumt. Die Gaunerbande verzog sich sc
hleunigst in ein benachbartes Abteil.
Als Rita den frei gewordenen Platz ei
ngenommen hatte, flüsterte ihr Pawel zu:
»Bleib hier ruhig sitzen, ich w
ill noch mit denen da abrechnen.«
Rita hielt ihn zurück:
»Willst du dich wirklich mit ihnen prügeln?« [220]
»Nein, ich komme gleich zu
rück«, beruhigte er sie.
Er öffnete das Fenster und kletterte auf den Bahnsteig hinaus. Nach wenigen
Minuten stand er vor dem Chef der Dist
rikts-Tscheka, seinem früheren Vorge­
setzten. Der hörte ihn an und gab sogleich Anweisungen, sämtliche Passagiere
des Wagens zu prüfen.
»Ich habe doch schon immer gesagt, daß die Züge bereits mit Spekulanten im
Bahnhof einlaufen«, brummte er.
Ein aus einem Dutzend Tschekisten best
ehender Trupp säuberte den Waggon.
Nach alter Gewohnheit half Pawel bei der Kontrolle des gesamten Zuges. Ob­
Nach Beendigung der Kontrolle ging Pa
wel zu Rita zurück. Neue Passagiere
füllten jetzt den Waggon – Rotarmiste
n und Genossen, die dienstlich unter­
Für Rita blieb nur noch auf der obersten
Bank ein Plätzchen frei. Alles übrige
»Macht nichts«, meinte Rita, »irgendwie werden wir uns schon einrichten.«
An den Fenstern schwebte das auf eine
m riesigen Haufen von Säcken thro­
nende Spekulantenweib vorüber.
»Manka, wo ist meine Kanne?« hörte man sie schreien.
Durch die Zeitungspakete von den Nachbarn getrennt, saßen Rita und Pawel
auf ihrem engen Plätzchen und kauten mit
Langsam kroch der Zug dahin. Die überladenen, altersschwachen Eisen­
bahnwagen ächzten und knarrten in allen Fugen. Draußen begann es graublau
zu dämmern, dann verhängte die Nacht die offenen Fenster mit ihrem schwar­
zen Schleier. Im Waggon war es dunkel.
Rita schlummerte, den Kopf auf dem Rucksack, vor Ermüdung ein. Pawel saß
am Rande der Bank, ließ die Beine baum
eln und rauchte. Auch er war müde,
konnte sich jedoch nirgends hinlegen. Erfrischende Nachtluft wehte durchs
Fenster. Ein Stoß ließ Rita erwachen.
»Genosse Kortschagin! Lassen Sie die bürgerlichen Vorurteile und legen Sie
sich doch nieder«, sagte sie scherzhaft.
Pawel legte sich neben sie und streckte erleichtert seine müden Beine aus.
»Morgen haben wir eine Menge Arbeit. Schlaf, du Raufbold.« Ihr Arm um­
faßte vertrauensvoll den Freund, und er
spürte ihr Haar an seiner Wange.
Für ihn war Rita unantastbar. Sie wa
r seine Freundin, seine Genossin im
Kampf, sein politischer Leiter. Daß si
e auch eine Frau war, hatte er zum
erstenmal heute auf der Brücke empfunden, und deshalb erregte ihn diese
Umarmung sehr. Pawel spürte ihre tief
en, gleichmäßigen Atemzüge, irgendwo
ganz nahe waren ihre Lippen. Diese Nähe erweckte in ihm den unüberwind­
lichen Wunsch, ihre Lippen zu suchen,
und nur mit äußerster Willensanstren­
gung konnte er sich bezwingen. Rita, die seine Gefühle zu erraten schien,
lächelte in der Dunkelheit. Sie hatte
bereits die Freuden der Liebe und den
Schmerz des Verlustes erlebt. Zweimal in
ihrem Leben hatte sie geliebt, und die
Menschen, denen sie ihre Liebe geschenkt, waren ihr alle beide durch weiß­
gardistische Kugeln entri
ssen worden: der eine ein ta
pferer Riese, ein Brigade­
kommandeur, der andere ein junger Burs
che mit klaren Augen; zwei Bolsche­
Bald wiegte das Rattern der Räder Pawe
l in den Schlaf. Erst gegen Morgen
weckte ihn ein Pfiff der Lokomotive.
Rita kehrte jetzt immer erst spätabends
heim. In ihrem Tagebuch, das sie nur
selten aufschlug, erschienen nur noch spärliche Notizen.
August
Die Gouvernementskonferenz ist zu En
de. Akim, Michail und andere sind
August
Als ich heute durch den Korridor ging, sah ich an der Tür der Geschäftslei­
tung Pankratow, Kortschagin und noch einen Unbekannten stehen. Ich ging
zu ihnen und hörte, wie Pawel erzählte:
»Dort sitzen Kerle, für die sogar eine Kugel noch zu schade wäre. – ›Ihr habt
kein Recht‹, sagt er, ›euch in unsere Verordnungen einzumischen. Hier hat nur
das Eisenbahnforstkomitee zu bestimmen, nicht irgendein Jugendverband.‹ –
Und eine Fresse hat dieser Kerl … Da si
eht man's, wo sich die Parasiten einge­
nistet haben!«
Seinen Worten folgte eine Flut unflätigster Schimpfworte. Pankratow, der
mich bemerkt hatte, gab Pawel einen Ri
ppenstoß. Jener wandte sich um und
wurde ganz blaß, als er mich erblickte. Ohne mir in die Augen zu schauen,
ging er sofort davon. Jetzt werde ich ihn lange nicht zu sehen bekommen. Er
weiß ja, daß ich das Fluchen nicht ausstehen kann.
August
Wir hatten eine Komiteesitzung. Die La
ge wird immer komplizierter. Vorläu­
fig kann ich noch nicht alles eintragen – ich darf es nicht. Akim ist früher aus
dem Bezirk zurückgekehrt. Gestern ist
bei Teterew wieder ein Güterzug mit
en gebracht worden. Ich werde wohl besser keine
Aufzeichnungen mehr machen, denn es sind ja sowieso nur ganz zusammen­
hanglose Notizen. Jetzt warte ich auf Kortschagin. Er, Sharki und drei andere
haben eine Kommune gegründet …
Eines Tages wurde Pawel in der Werksta
tt ans Telefon gerufen. Rita teilte ihm
mit, daß sie einen freien Abend habe und gern mit ihm das früher in Angriff
genommene Thema: »Die Ursachen der Niederlage der Pariser Kommune«
weiterbearbeiten möchte.
Abends, als sich Pawel dem Haus in der Kruglo-Universitätskaja-Straße
näherte, blickte er hinauf. Ritas Fenste
Umarmung und stand auf.
»Macht euch bekannt«, sagte Rita und begrüßte Pawel, »das ist …«
»David Ustinowitsch«, unterbrach sie der Gast ungezwungen und drückte
Kortschagin fest die Hand.
»Er kam überraschend hereingeschneit.« Rita lachte. Kühl erwiderte Kort­
schagin den Händedruck. In seinen Augen blitzten Funken unaussprechlicher
Kränkung.
»Ich bin nur auf einen Sprung heraufgekommen, um dir zu sagen, daß ich
heute im Hafen beim Abladen von Brennholz arbeite, damit du nicht umsonst
wartest … Du hast ja sowieso einen Gast bei dir. Ich muß mich beeilen, unten
warten die Jungen.«
Pawel verschwand ebenso plötzlich,
wie er gekommen war. Seine raschen
Schritte verhallten im Treppenhaus … Unten schlug dumpf die Tür ins Schloß.
Dann wurde es still.
Unter der Brücke fauchte schwer atmend
eine Lokomotive und spie aus ihrer
mächtigen Brust einen Schwärm goldener Leuchtkäfer in die Nacht hinaus. Sie
schwirrten in phantastischen Reigen
empor und verlöschten dann im Rauch.
Und doch ist es nicht zu verstehen, Genosse Kortschagin, warum Sie es so
Gegenteil behauptet? Und selbst wenn
– was hätte das zu bedeuten? Weshalb
hat Sie das denn plötzlich so empfindlich getroffen? Waren Sie, teurer
Genosse, denn nicht bisher der Ansicht,
daß nichts anderes zwischen euch sei
als geistige Freundschaft … Wie haben Sie das nur außer acht lassen können?
So nahm sich Kortschagin selbst ironisch ins Gebet. Und wie, wenn es nun gar
nicht ihr Mann ist? David Ustinowitsch kann ja ebensogut ihr Bruder oder ihr
Onkel sein … Dann bist du verrückter Kerl ganz grundlos auf einen Menschen
wütend gewesen. Du bist anscheinend genauso ein Schweinehund wie jedes
andere Mannsbild. Ob es ihr Bruder ist, das kann man ja erfahren. Angenom­
men, es ist ihr Bruder oder ihr Onkel,
wie willst du ihr dann dein Benehmen
erklären? Nein, genug, du gehst nicht mehr zu ihr! [224]
Seine Gedanken wurden von dem schr
Lokomotive unter­
brochen.
Höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Genug Trübsal geblasen.
In Solomenka (so hieß das Eisenbahnerviertel) hatten fünf Genossen eine
kleine Kommune gegründet. Ihr gehörten
an: Sharki, Pawel, der immer lustige
blonde Tscheche Klavi
Sie hatten ein Zimmer bekommen. Drei Tage wurde dort nach Arbeitsschluß
geweißt, gewischt und geschrubbt. Sie
spektakelten derart mit ihren Eimern,
daß die Nachbarn schon dachten, es wä
re Feuer ausgebrochen. Sie zimmerten
Zwischen den beiden Fenstern hing ei

alles wurde gleichmäßig verteilt. Pe
rsönliches Eigentum blieben nur die Waf­
fen. Einstimmig wurde beschlossen: »M
Zur Eröffnung der Kommune hatten sich sämtliche Komsomolfunktionäre
des Stadtviertels eingefunden. Man borgte
sich im Nachbarhaus einen riesigen
Des Volkes Blut verströmt in Bächen, 
und bittre Tränen rinnen drein, 
doch kommt der Tag, da wir uns rächen, 
dann werden wir die Richter sein! 
Talja aus der Tabakfabrik dirigierte de
n Chor. Ihr rotes Kopftuch hatte sich
Stimmet an den Gesang! Nun, wohlan!
Die Fahne trägt des Volkes Grollen
über Zwingburgen stolz himmelan. 
Stimmet an den Gesang! Nun, wohlan! 
Rot ist das Tuch, das wir entrollen, 
klebt doch des Volkes Blut daran.
Es war schon spät, als sie auseinande
rgingen und die schweigenden Straßen
mit ihren lauten Zurufen weckten.
Sharki griff nach dem Telefonhörer.
»Seid doch ruhig, Jungs, ich verstehe ja nichts!« rief er den lärmenden Kom­
somolzen zu, die ins Zimmer des ve
rantwortlichen Sekretärs stürmten.
Das Stimmengewirr wurde schwächer.
»Hallo! Ach, du bist da! Ja, ja, sofort. Die Tagesordnung? Immer noch dieselbe
die Holzzustellung aus dem Hafen. Was? Nein, er ist nirgends hingeschickt
worden. Er ist hier. Soll ich ihn rufen? Gut.«
Sharki winkte Kortschagin heran.
»Genossin Ustinowitsch möchte dich sprechen.« Er übergab ihm den Hörer.
»Ich dachte schon, du seist nicht hier
. Ich habe heute zufällig einen freien
Abend. Komm doch zu mir. Mein Bruder war gerade auf der Durchreise bei
mir, wir hatten uns zwei Jahre nicht gesehen …« Ihr Bruder …!
Pawel hörte ihre Worte nicht mehr. Ihm kam jener Abend in Erinnerung und
das, was er sich in jener Nacht so er
nsthaft vorgenommen hatte. Ja, heute muß
er zu ihr gehen, um alle Brücken abzubre- [226] chen. Die Liebe bringt einem
zuviel Unruhe und Leid. Und ist denn jetzt die richtige Zeit für solche Dinge?
Die Stimme im Hörer fragte: 
»Was ist denn, hörst du mich nicht?«
»Doch, doch. Also nach der Komiteesitzung.« Er legte auf. 
Pawel schaute ihr fest in die Augen un
d sagte, indem er die Kante des Eichen­
tisches preßte:
»Wahrscheinlich werde ich nicht mehr zu dir kommen können.«
Er sagte es und sah, wie ihre dichten Wimpern zuckten. Ihre Hand hielt im
Schreiben inne und blieb reglos auf dem geöffneten Heft liegen.
»Weshalb?«
»Es wird immer schwieriger, die Zeit da
für aufzubringen. Du weißt ja selbst,
Er lauschte seinen eigenen Worten un
d spürte die Unsicherheit in ihnen.
Was gehst du da wie die Katze um den heißen Brei herum? Es fehlt dir an
Mut, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen!
Hartnäckig setzte er hinzu:
»Außerdem wollte ich dir schon lange sagen, daß ich dich nicht richtig ver­
Er wich ihrem aufmerksamen Blick aus und fügte eigensinnig, um sich den
letzten Rückzug zu dem Mädchen zu versperren, hinzu:
»Da ist es wohl sinnlos, daß wir beide
weiterhin Zeit miteinander verlieren.«
Er erhob sich, schob mit dem Fuß vorsichtig den Stuhl beiseite und schaute
auf den gebeugten Kopf herunter, in das vom Lampenlicht beschienene, blaß
gewordene Gesicht.
»Leb wohl, Genossin Rita. Es tut mir leid, daß ich dich so viele Tage hingehal­
ten habe. Ich hätte dir das gleich sagen sollen. Das ist schon meine Schuld.«
Mechanisch reichte ihm Rita die Hand
»Ich gebe dir keine Schuld, Pawel. Da ich nicht den richtigen Weg gefunden
habe, mich dir verständlich zu machen, habe ich deine heutigen Worte wohl
verdient.«
Schwer rissen sich seine Füße vom Boden los … Lautlos schloß er die Tür hin­
Auf dem Rangierbahnhof wuchs der Friedhof rostender Eisenbahnwagen und
verlassener Lokomotiven. Der über die
leeren Holzplätze fegende Wind wir­
belte nur winzige Sägespäne in die Luft.
Rings um die Stadt trieb sich auf Wald
pfaden, in tiefen Schluchten, wie ein
raubgieriger Luchs, die Orlik-Bande heru
m. Tagsüber hielt sie sich in den um­
liegenden Einzelgehöften, in den Waldimkereien auf.
Nachts jedoch schlich sie
sich an die Eisenbahnlinien heran, zers
törte sie mit ihren Raubtiertatzen und
verkroch sich nach Verri
chtung ihres unheimlichen We
rkes wieder in ihren
Unterschlupf.
Häufig stürzten Züge die Böschung
hinab. Die Eisenbahnwagen zerbarsten,
die verschlafenen Menschen wurden ze
Oft überfiel die berittene Bande die
stillen Ortschaften der Umgebung. Mit
erschrockenem Gackern flüchteten die Hühner von den Straßen. Ein verirrter
Schuß krachte. Vor dem weißen Häusch
Die Bande zählte insgesamt nur zwei-
bis dreihundert Halsabschneider, aber
die Versuche, sie zu erledigen, mißlange
n. In mehrere Abteilungen gruppiert,
operierten die Banditen gleichzeitig in
zwei bis drei Bezirken. Es war unmög­
lich, alle aufzuspüren. Nachts ein Bandit
, war er am Tag ein friedlicher Bauer,
Rastlos streifte Alexander Pusyrewski
Tag und Nacht mit seinem Regiment in
den drei Bezirken umher. Durch unermüdliche, hartnäckige Verfolgung, holte
er auch manchmal die Nachhut der Banditen ein.
Nach einem Monat mußte Orlik mit seiner Bande aus zwei Bezirken weichen.
Auf einen kleinen Raum beschränkt, zog er ziellos hin und her.
Das Leben in der Stadt ging seinen gewohnten schleppenden Gang. Auf den
fünf Märkten wimmelte es von lärmenden Menschen. Hier herrschten zwei
Tendenzen: die eine – soviel wie möglich herauszuschinden, die andere –
sowenig wie möglich zu zahlen. Gauner jeden Kalibers trieben hier nach Kräf­
ten und Fähigkeiten ihr Werk. Wie die Ameisen wimmelten da Hunderte
geschäftiger Leutchen umher, mit Augen, in denen alles, nur kein Gewissen, zu
lesen war. Wie auf einem Düngerhaufen sammelte sich hier der ganze Unrat
der Stadt in dem einzigen Bestreben, den harmlosen Neuling zu schröpfen. Die
selten einlaufenden Züge spien aus ihren Leibern Haufen von Menschen aus,
die mit Säcken beladen waren. Und di
eses ganze Gesindel strömte zu den
Nicht jeder Waghals riskierte es, in
der Dunkelheit dies
es ausgestorbene
Stadtviertel aufzusuchen, wo hinter jeder Verkaufsbude Gefahr lauerte, denn
nicht selten knallte hier nachts ein Schuß, und irgend jemand sank getroffen
zu Boden, röchelte in seinem Blute
. Und wenn dann endlich ein Trupp Mili­
zionäre (denn allein wagte sich niemand dorthin) am Tatort ankam, fand er
nichts als einen verkrampften Leichnam … Die Bande hatte sich längst aus
dem Staub gemacht, und der Lärm hatte auch die anderen Nachtvögel des
Marktviertels in alle Winde zerstreut. [229]
Gegenüber dem Markt lag das Kino »Orion«. Fahrdamm und Fußweg schim­
merten im elektrischen Licht. Menschengedränge. Im Zuschauerraum des
Kinos ratterte der Filmapparat. Auf der Leinwand erschlugen zwei unglückliche
Liebhaber einander. Wenn der Filmstreif
rte das anwesende
Im Zentrum wie auch in den Vororten der Stadt schien das Leben in den
alten Bahnen zu verlaufen.
Und selbst dort, wo sich das Hirn der revolutionären Macht befand – im
Gouvernements-Parteikomitee –, ging
alles seinen gewohnten Gang. Diese
Ruhe war jedoch nur äußerlich.
In der Stadt reifte ein Sturm heran.
Das Herannahen dieses Sturmes ahnten viele von denen, die mit dem
Gewehr unter dem Bauernrock, aus a
llen Richtungen der Stadt zuströmten.
Auch jene wußten Bescheid, die scheinbar als Hamsterer auf den Zugdächern
in die Stadt fuhren, dann aber den Weg nicht zum Markt einschlugen, sondern
ihre Säcke in die Straßen und Häuser de
r Stadt trugen, die in ihrem Gedächtnis
Aber die Arbeiterbezirke, und sogar
die Bolschewiki, hatten von der nahen­
den Gefahr keine Ahnung.
Es gab in der Stadt nur fünf Bolschewiki, die über das, was vor sich ging,
Die Reste der von der Roten Armee nach
Sie beabsichtigten, in der für den Aufs
In der großen Stadt – dem Zentrum des geplanten Aufstands – wurden in aller
Heimlichkeit die Offiziere zusammengezogen, und in den Wäldern sammelten
sich die verschiedenen Banden. Von hier aus wurden die verläßlichsten Ver­
trauenspersonen nach Rumänien und zu Petljura persönlich geschickt.
Der Matrose aus der Sonderabteilung
des Militärbezirks hatte schon die
Man darf keinen Lärm schlagen, muß die blutgierige Meute vernichten, dann
erst wird man ruhig arbeiten können, ohne daß Gefahr hinter jedem Baum
und Strauch lauert. Die Bestie darf ni
cht aufgeschreckt werden. In diesem
Kampf auf Leben und Tod verbürgen nur Ausdauer und eine eiserne Hand den
Sieg.
Der Zeitpunkt des Kampfes rückte heran.
Irgendwo hier in der Stadt, im Labyrinth der Konspiration und geheimer
Treffpunkte, ist beschlosse
Jene fünf Bolschewiki, die alles wußt
en, beeilten sich, dem zuvorzukommen.
Nein, nicht morgen, heute nacht!
Leise, ohne Signale, verließ der Pa
nzerzug abends das Eisenbahndepot, und
ebenso leise schlossen sich hinter ihm die riesigen Tore des Depots.
Auf direkten telegrafischen Leitungen
wurden chiffrierte Telegramme durch­
gegeben. Und überall, wo sie einliefen,
vergaßen die Hüter der Republik Schlaf
und Ruhe und hoben die Wespennester aus.
Akim rief Sharki an.
»Sind alle Zellenversammlungen gesichert? Ja? Gut. Komm dann sofort mit
»Ja, dieses Holz bringt uns noch alle um den Verstand«, brummte Sharki, als
er den Hörer anhängte.
Auf dem Tisch des Geschäftsführers stand ein »Maxim«, an dem sich einige
Maschinengewehrschützen aus der Sonderabteilung zu schaffen machten. In
den Korridoren hielten schweigsame Posten, Partei-und Komsomolfunktio­
näre der Stadt, Wache.
Hinter der breiten Tür zum Arbeitszi
Durch die Fensterklappe führten von der Straße her Drähte zu zwei Feldtele­
fonen. Alle Gespräche wurden halblaut geführt.
Sharki traf in Akims Zimmer Rita und Michail an. Rita trug – wie zur Zeit, als
sie Politleiter einer Kompanie gewese
n war – einen Rotarmistenhelm, einen
feldgrauen Rock und über ihrer Lederjac
ke einen Riemen, an dem eine schwere
Mauserpistole hing.
»Was soll das alles bedeuten?« fragte Sharki verblüfft.
»Probealarm, Wanja. Wir fahren jetzt sofort zu euch in den Bezirk hinaus.
Sammelpunkt in der fünften Infanterieschule. Die Jungen kommen von den
Zellenversammlungen direkt dorthin. Die
Hauptsache ist, daß alles möglichst
Die hohen Eichen, hundertjährige Riesen, rauschten ganz leise. Der Teich
schlief unter einer Decke von Wasserrosen und Algen, die breiten Alleen waren
verwildert. Mitten im Hain, hinter hohen Mauern, lag das Gebäude der Kadet­
tenanstalt. Hier war jetzt die fünfte Infanterieschule der Roten Kommandeure
untergebracht. Es war spät am Abend.
Im oberen Stockwerk brannte kein
Licht. Nach außen hin schien alles ruhig. Jeder, der hier vorüberging, mußte
annehmen, jenseits der Mauern lägen die Bewohner in tiefstem Schlaf. Aber
warum ist denn das eiserne To
hierher, sie schritten schweigend dahin, einzeln oder zu zweit, höchstens zu
dritt, und jeder von ihnen trug in se
iner Tasche ein Mitgliedsbuch mit dem
Aufdruck »Kommunistische Partei (B
olschewiki)« oder »Kommunistischer
Jugendverband der Ukraine«. Das eise
rne Tor konnte nur passieren, wer ein
solches Büchlein vorwies.
Im Hörsaal hatten sich bereits viele Mens
chen eingefunden. Hier war es hell,
die Fenster waren mit Zeltbahnen aus Segeltuch verhängt. [232]
Die versammelten Bolschewiki scherz
ten über die Alarmformalitäten und
rauchten seelenruhig ihre selbstgedr
Der saß auf der Fensterbank mit einem
Mädchen, das Pawel vorgestern nur
flüchtig bei Sharki gesehen hatte.
Dubawa klopfte Pawel scherzhaft auf die Schulter.
»Ist dir das Herz in die Hose gerutscht? Das macht nichts. Wir werden euch
das Kämpfen schon beibringen. Ihr kennt euch wohl nicht?« sagte er mit
einem Kopfnicken zu dem Mädchen hin.
»Sie heißt Anna. Ihren Familiennamen ke
nne ich nicht. Ihr Amt – Leiter
einer Agitationsstelle.«
Das Mädchen hörte sich diese drollig
e Vorstellung schweigend an und
musterte Kortschagin aufmerksam. Mit de
eine Locke zurück,
die unter dem fliederfarbenen Kopftuch hervorlugte. Ihre Augen begegneten
denen Kortschagins, und das stumme Duell währte einige Sekunden. Ihre tief­
schwarzen Augen, von dichten langen Wimpern umschattet, funkelten heraus­
fordernd. Pawel sah Dubawa an, fühlte,
»Wer von euch agitiert hier nun ei
gentlich?« fragte Pawel und lächelte
gezwungen.
Im Saal wurde es unruhig. Ein Kompanieführer war auf einen Stuhl gestiegen
und rief laut:
»Kommunarden der ersten Kompanie, hier
Nun erschienen Shuchrai, der Vorsitzende des Gouvernements-Exekutivko-
mitees, und Akim. Sie waren soeben ei
Der Vorsitzende des Gouvernements-Exekutivkomitees schwang sich auf den
Standplatz eines Übungsmaschinengewehrs, hob die Hand und begann laut
und deutlich zu sprechen: [233]
»Genossen, wir haben euch zu einer ernsten und verantwortungsvollen Auf­
gabe hierhergerufen. Jetzt können wir euch mitteilen, wovon gestern noch
nicht gesprochen werden durfte, da es
bis dahin noch tiefes militärisches
Geheimnis war. Morgen nacht soll hier
in der Stadt und in der gesamten
Ukraine ein konterrevolutionärer Aufs
tand ausbrechen. Die Stadt ist voller
Offiziersgesindel. Rings herum ziehen
sich die Banden zusammen. Einer An­
zahl Verschwörern ist es gelungen, si
ch in die Panzerabteilung einzuschlei­
chen, wo sie als Chauffeure tätig sind
. Die Verschwörung wurde jedoch von
unserer Tscheka aufgedeckt, und nun st
ellen wir die gesamte Parteiorganisa­
tion und den Jugendverband unter Waffen. Das erste und zweite kommunisti­
sche Bataillon werden geme
insam mit den erfahrenen
Lehrgangsteilnehmern
und den Abteilungen der Tscheka vorgehen. Die Kursanten sind schon in Ak­
tion wird vom Genossen Shuchrai geleitet. Von ihm erhalten die Komman­
deure genaue Anweisungen. Ich halte es für überflüssig, ein kommunistisches
Bataillon auf den Ernst der
gegenwärtigen Lage aufmerksam zu machen. Der
Shuchrai musterte die reglos verharrenden Reihen.
Drei Schritt vor den Formatione
n standen der Bataillonskommandeur
Menailo, ein Gießer aus dem Ural, und neben ihm Akim, der Kommissar. Links
gruppierten sich die Züge der ersten Kompanie, zwei Schritt vor ihnen standen
der Kompanieführer und der Politleiter, hinter ihnen die schweigenden Reihen
des kommunistischen Bataillo
Fjodor gab das Zeichen zum Aufbruch.
Die dreihundert marschierten durc
h die menschenleeren Straßen.
Die Stadt schlief.
In der Lwowskaja-Straße, gegenüber de
r Dikaja-Straße, unterbrach das Ba­
taillon seinen Marsch. Hier begann die Aktion.
Geräuschlos wurde ein Häuserblock nach
dem andern abge
riegelt. Der Ba­
Die Lwowskaja-Straße hinunter raste ein aus dem Zentrum kommendes Auto
heran. Vor dem Stab machte es halt. [234]
Diesmal hatte Litke seinen Vater gebracht. Der Tschekist sprang auf das
Pflaster und rief seinem Sohn einige ku
Aha, endlich einmal war seine tollkühne
Shuchrai, den der junge Litke blitzartig von einem Ende der Stadt zum ande­
ren gebracht hatte, konnte nicht umhin, ihm seine Anerkennung auszu­
sprechen.
»Hugo, wenn du bei dieser Raserei heute
keinen ins Grab bringst, bekommst
du morgen eine goldene Uhr.«
Hugo triumphierte.
»Und ich dachte schon, daß ich zehn Tage Arrest dafür erhalten würde.«
Die ersten Schläge waren gegen das Haup
Jan Litke fuhr selbst in die Dikaja-Straße, um Zürbert zu verhaften. In der
Wohnung, deren Fenster auf einen durch eine Mauer vom ehemaligen Frau­
enkloster abgeteilten Garten hinausgi
ngen, war Zürbert nicht aufzufinden.
Nach den Aussagen der Nachbarn war er an diesem Tag nicht zurückgekehrt.
Man nahm eine Haussuchung vor, bei der nebst einer Kiste voller Handgrana­
ten auch die Listen und Adressen gefunden wurden. Litke, der befohlen hatte,
im Garten einen getarnten Posten aufzustellen, hielt sich noch einen Augen­
blick lang am Tisch auf, um die vorgefundenen Materialien zu überfliegen.
Im Garten hielt ein junger Rotarmist Wache. Er hatte Befehl bekommen, die
Mauer zu beobachten. Im Dunkel scheinen die Sträucher lebendig zu werden.
Wozu hat man mich eigentlich hier hingestellt? Auf diese Mauer klettert
doch sowieso niemand rauf, die ist viel zu hoch. Ich will mal ans Fenster
herangehen, dort hineinschauen, überlegte der Posten. Er warf noch einmal
einen Blick auf die Mauer und ging zu
m Fenster. Litke sammelte gerade die
Papiere zusammen. In demselben Moment
erschien auf der Mauer der Schat­
ten eines Menschen. Mit katzenartiger
Gewandtheit sprang der Schatten auf
einen Baum hinüber und ließ sich dann zu Boden gleiten. Wie ein Raubtier
schlich er sich lautlos [236] an sein Opfer heran, holte aus, und der Posten
sackte zusammen. Bis zum Griff steckte
die Klinge eines Dolches in seinem
Hals.
Ein aus dem Garten gellender Schuß tr
af die den Häuserblock umzingelt hal­
tenden Menschen wie ein elektrischer Schlag …
Sechs Mann rannten mit polternden Stiefeln dem Haus zu.
Blutüberströmt, den Kopf auf den Tisch gesenkt, saß Litke tot in einem Sessel.
Eine Fensterscheibe war eingeschlagen. Die Dokumente hatte der Feind jedoch
nicht wieder an sich reißen können.
Von der Klostermauer tönte ein Schuß
nach dem anderen. Der Mörder war
auf die Straße hinabgesprungen und vers
Die ganze Nacht hielten die Haussuchun
gen an. Hunderte von Personen, die
Waffen besaßen, zweifelhafte Papiere
hatten oder die bei keiner Hausverwal­
Das Bataillon des Bezirks Solomenka hatte
in dieser Nacht fünf Kämpfer ver­
loren und die Tscheka Jan Litke, einen
alten Bolschewiken und treuen Hüter
der Republik.
Der Aufstand war rechtzeitig niedergeschlagen worden.
Noch in derselben Nacht wurde in Sche
petowka der Pope Wassili samt seinen
Töchtern und der gesamten üb
rigen Sippschaft festgenommen.
Bald ging das gewohnte Leben weiter.
Aber schon bedrohte ein neuer Feind die Stadt – die Stockung des Eisenbahn­
verkehrs, und mit ihr
Hunger und Kälte.
ZWEITES KAPITEL
Nachdenklich nahm Fjodor die kurze Pfeife aus dem Mund und drückte
behutsam auf die Asche. Di
e Pfeife war ausgegangen.
Gleich einer Wolke schwebte grauer
Neben dem Vorsitzenden des Gouverne
ments-Exekutivkomitees saß,
vorn­
übergebeugt, Tokarew. Der Alte zupfte zo
rnig an seinem Bärtchen und schielte
ab und zu auf einen kleinen glatzköpfigen Menschen, der da mit Fistelstimme
weitschweifig Phrasen drosch.
Akim fing den scheelen Blick des Schlossers auf und erinnerte sich plötzlich
an seine Kindheit. Zu Hause hatten sie einen kampflustigen Hahn, der hatte
genauso geblickt, bevor er
auf jemanden losging.
Die Sitzung des Gouvernements-Parteiko
mitees dauerte bereits fast zwei
Stunden. Der Glatzköpfige war Vorsit
zender des Eisenbahnforstkomitees. Ner­
vös wühlte er mit zitternden Fingern in einem Stoß von Papieren herum und
schien jetzt endlich zum Schluß kommen zu wollen.
»… Also diese eben erwähnten objektiven Bedingungen geben uns keine
Möglichkeit, den Beschluß des Gouver
nements-Parteikomitees und der Eisen­
bahnverwaltung zu erfüllen. Und ich betone nochmals, auch in einem Monat
werden wir nicht mehr als vierhundert Kubikmeter Holz liefern können. Und
was euren Auftrag betrifft, hundert-achtzig
das einfach« – der Glatzköpfige suchte nach Worten – »eine Utopie!« Erregt
blickte er auf die Anwesenden und sc
hloß den kleinen Mund mit der Miene
eines Beleidigten. [238]
Es folgte ein langes Schweigen.
Fjodor klopfte auf die Pfeife und ließ
die Asche herausfallen. Endlich unter­
brach Tokarew das Schweigen mit seinem tiefen Baß.
»Lassen Sie das Wiederkäuen. Das Eis
enbahnforstkomitee hatte also kein
Holz, hat jetzt keins und wird auch keins haben … Das wollen Sie doch
sagen?«
Der Glatzkopf zuckte mit den Achseln.
»Entschuldigen Sie, Genosse, das Holz haben wir bereitgestellt, es fehlt aber
an Transportmitteln.« Das Männchen hüstelte, wischte sich mit einem karier­
ten Taschentuch die glänzende Glatze ab, wonach es sich vergebens bemühte,
das Tuch wieder in die Tasche zu stecke
n, und es schließlich nervös unter die
Aktentasche schob.
»Was habt ihr also getan, um das Holz heranzuschaffen? Seit der Verhaftung
Der Glatzkopf wandte sich an ihn.
»Ich habe ja der Eisenbahnverwaltung
»Das haben wir schon gehört«, sagte der Schlosser giftig und warf einen
feindseligen Blick auf den Glatzenmann.
»Sie halten uns wohl für Dummköpfe?«
Dem Männchen lief bei dieser Frage ei
n kalter Schauer über den Rücken.
»Für die Handlungen der Konterrevolutionäre trage ich keine Verantwor­
tung«, erwiderte er, schon leise.
»Sie waren doch darüber unterrichtet, daß die Arbeiten weit von der Eisen­
bahnlinie entfernt durchgeführt wurden?« fragte Akim.
»Ja, davon hatte ich gehört. Ich konnte aber die Leitung doch nicht auf die
Mängel der Arbeit in einem fremden Revier hinweisen.«
»Wie viele Angestellte haben Sie?« fo
rschte der Vorsitzende des Gewerk­
schaftsrates den Glatzkopf aus.
»Etwa zweihundert.«
»Also auf jeden dieser Schmarotzer entfä
»Wir geben dem gesamten Eisenbahnforstkomitee Extrarationen, nehmen sie
den Arbeitern vom Munde weg. Und womit befaßt ihr euch? Was habt ihr mit
den zwei Waggons Mehl gemacht, die wir euch für [239] eure Arbeiter gegeben
haben?« schrie der Vorsitzende des Gewerkschaftsrats.
Aalglatt versuchte er um jede direkte Antwort herumzukommen. Nervös irr­
ten seine Augen von einem zum anderen. Er witterte deutlich die nahende
Gefahr und hatte nur den einen Wunsch, sobald wie möglich von hier wegzu­
kommen.
Fjodor, der den Antworten des Glatzkopfes aufmerksam lauschte, schrieb auf
einen Notizblock:
»Ich bin der Ansicht, daß man diesen Menschen näher prüfen muß, hier
handelt es sich nicht um bloße Unfähigkeit. Ich habe bereits einiges Material
über ihn … Die jetzige Unterredung mit ihm ist sinnlos. Mag er verschwinden,
und gehen wir lieber zur Sache über.«
Der Vorsitzende des Gouvernements-
Exekutivkomitees überflog den ihm
»… wegen offensichtlicher Sabotage is
t die Leitung des Eisenbahnforstkomi­
Der Glatzkopf hatte Schlimmeres erwa
Während er seine Papiere in die Aktent
asche steckte, sagte er schon fast
»Nun ja, ich bin ein parteiloser Spezialist, und Sie haben das Recht, mir
gegenüber mißtrauisch zu sein. Mein Gewissen ist jedoch rein. Wenn ich die
Aufgabe nicht erfüllt habe, so nur deshalb, weil ich es nicht vermochte.«
Der Glatzkopf verließ das Zimmer und ging schnell die Treppe hinunter. Mit
»Ihr Name, Bürger?« fragte ihn ein Mann im Militärmantel.
Mit Herzklopfen brachte der Glatzkopf stotternd hervor:
»Tscher …winski …« [240]
Als er den Raum verlassen hatte, rückten die dreizehn in dem Arbeitszimmer
des Vorsitzenden des Gouvernements-Exekutivkomitees enger um den großen
Tisch zusammen.
»Hier ist die Station Bojarka. Und sechs
herum … Versteht ihr, was das alles be
Shuchrais geballte Faust fiel sc
hwer auf das gewachste Papier.
die furchtbaren Folgen, die Shuchrai
nicht einmal erwähnt hatte. Der Winter stand vor der Tür. Krankenhäuser,
Schulen, Behörden und Hunderttausende von Menschen werden der Kälte
ausgeliefert sein.
Die Komiteemitglieder überlegten.
»Es gibt nur einen Ausweg, Genossen: Wir müssen im Laufe von drei Mona­
ten eine Schmalspurbahn bauen, die von der Station zu dem Holzplatz – also
führen sollte. In Bojarka sind jedoch ke
ine Wohnungen für die Arbeiter. Es gibt
dort nur eine Ruine – die ehemalige
Forstschule. Man muß deshalb die
Arbeiter partieweise dorthin schicken, für
zwei Wochen, länger halten sie es da
nicht aus. Wie wär's, wenn wir hierzu die Komsomolzen mobilisieren? Akim,
wie denkst du darüber?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter:
»Der Kommunistische Jugendverband müßte alle seine ihm zur Verfügung
stehenden Reserven dahin werfen: die Organisation von Solomenka und einen
Teil seiner Mitglieder aus der Stadt.
Die Aufgabe ist sehr schwer. Wenn man
aber den Jungen klarmacht, daß allein
diese Aktion die
Stadt und die Eisen­
bahn retten kann, so werden sie es schaffen.«
Der Eisenbahnvorsteher schüttelte ungläubig den Kopf.
»An einer Stelle, wo nichts vorbereite
t ist, unter den heutigen Verhältnissen
eine sieben Kilometer lange Eisenbahnstrec
ke zu legen … im Herbst, bei Regen,
und bald kommen die Fröste …«
Ohne ihn anzublicken, unterbrach ihn Shuchrai:
»Du hättest die Arbeiten auf dem Holzschlag selber genauer verfolgen sollen,
Andrej Wassiljewitsch. Die Strecke werden
»Wir wünschen guten Erfolg.« Der Alte sah sie unter seinen buschigen grauen
Augenbrauen warm an.
»Ja, hereingelegt haben sie uns, diese Schurken, der Teufel soll sie holen«,
brummte er, die eigenen Gedanken laut beantwortend.
»Paß ordentlich auf. Sollte uns dort etwas fehlen, dann übt hier Druck aus,
wo es notwendig ist. Ohne Schlendrian kann ja dieses Gesindel nicht arbeiten.
Na, jetzt muß ich aber einsteigen, leb wohl, Töchterchen.« [242]
Der Alte hüllte sich fester in seinen
»Fährt denn Kortschagin nicht mit? Er ist nicht unter den Jungen.«
»Er ist gestern mit dem technischen Leiter auf der Draisine vorausgefahren,
um einige Vorbereitungen für
Den Bahnsteig entlang kamen eilig Sharki, Dubawa und mit ihnen Anna Bor­
»Wie steht es denn mit dem Unterricht, den du Kortschagin erteilst?«
Tokarew blickte erstaunt auf.
»Was für ein Unterricht? Der Junge wurd
e doch dir anvertraut. Er hat mir oft
von dir erzählt und konnte dich nicht genug loben.«
Rita horchte mißtrauisch auf.
»Stimmt das auch, Genosse Tokarew? Er hat sich doch nach meinen Stunden
von dir noch mal alles erklären lassen.«
Der Alte lachte.
»Von mir …? Nicht daß ich wüßte!«
Die Lokomotive pfiff. Klavi
ek rief aus dem Waggon:
»Genossin Ustinowitsch, laß doch unser Papachen endlich einsteigen. So
geht's doch nicht! Was sollen wir denn ohne ihn anfangen?«
vom Fenster ab.
Der Herbstregen peitschte ins Gesicht.
Dunkelgraue, wasserschwere Wolken
zogen niedrig über die Erde dahin. Der Spätherbst hatte die Bäume entblößt.
Mürrisch schauten die alten Hainbuchen drein, sie verbargen ihre runzlige
Rinde unter braunem Waldmoos. Der erba
rmungslose Herbst hatte sie ihrer
üppigen Gewänder beraubt, nackt und verkümmert standen sie nun da.
Mitten im Wald lag, einsam und verlassen, die kleine Eisenbahnstation. Von
dem gepflasterten Güterbahns
teig führte ein Streifen aufgelockerter Erde in
den Wald, wo es von geschäftigen Menschen wimmelte.
Widerwärtig gluckste der klebrige Le
hm unter den Füßen. Mit verbissener
Hartnäckigkeit wurde am Bau des Ba
hndamms gearbeitet. Dumpf klirrten
Brecheisen, und Schaufeln kratzten auf Steinen. [243]
Der Regen fiel wie durch ein engmaschig
Die durchnäßte Kleidung war kalt und schwer, doch die Menschen verließen
ihre Arbeit erst am späten Abend.
Und mit jedem Tag führten sie den Streifen aufgegrabenen und gelockerten
Bodens tiefer in den Wald hinein.
Unweit der Eisenbahnstation ragte ei
nsam das steinerne Gerippe eines
Gebäudes empor. Alles, was darin nicht niet- und nagelfest war, hatten Maro­
deure schon längst entwendet. An Stelle der Türen und Fenster gähnten
Löcher, an Stelle der Ofentüren nichts
als dunkle Öffnungen. Durch die Risse
im Dach waren die Sparren zu sehen.
Nur der Betonboden von vier geräumigen
Zimmern war heil geblieben. Hier
legten sich vierhundert völlig durchnä
ßte und vor Dreck starrende Menschen
zur Nachtruhe nieder. Vor der Tür wrangen sie ihre Kleider aus, von denen
schmutzige Bäche hinunterrieselten. Wütend fluchten sie über Regen und
Sumpf. Sie legten sich dicht aneinander auf den dünn mit Stroh bedeckten
Betonboden, bemüht, sich gegenseitig zu erwärmen. Der Regen trommelte
ununterbrochen auf die Reste des Blechdach
es nieder und sickerte durch die in
den Fensterrahmen befestigten Säcke auf den Fußboden; überall pfiff der Wind
durch.
Frühmorgens tranken sie in einer bauf
älligen Baracke, in der die Küche
untergebracht war, Tee und gingen dann zum Bahndamm. Mittag aß man in
ewigem Einerlei magere Linsensuppe, dazu
anderthalb Pfund Brot, das schwarz
Das war alles, was ihnen die Stadt bieten konnte.
Der technische Leiter, ein hagerer, hochgewachsener Greis mit zwei tiefen
Furchen in den Wangen, Valerian Nikodimowitsch Patoschkin, und der Tech­
niker Wakulenko, ein untersetzter Mensch mit einer fleischigen Nase im grob­
geschnittenen Gesicht, hatten sich beim Stationsvorsteher einquartiert.
Die Bauabteilung ertrug die Entbehrung
en mit verbissener Standhaftigkeit,
und der Bahndamm schob sich von Tag zu Tag tiefer in den Wald hinein.
Neun Deserteure zählte die Abteilung be
reits, und einige Tage darauf liefen
noch fünf Arbeiter davon. [244]
Den ersten Schlag erhielt der Bau in der zweiten Woche: Der Abendzug
brachte aus der Stadt kein Brot.
Dubawa weckte Tokarew und setzte ihn davon in Kenntnis.
»Na also, da geht's schon los!« brummt
e er vor sich hin und zog sich rasch
an.
»Los, zum Telefon, und verbinde mich mit der Sonderabteilung. Aber
schnell!« befahl Tokarew.
»Und du sag über die Brotgeschichte
niemandem ein Wort«, warnte er
Dubawa.
Nach endlosem Schimpfen mit dem Linientelefonisten setzte der hartnäckige
Choljawa die Verbindung mit dem ste
lung, Shuchrai, durch. Tokarew hörte sich Choljawas Geschimpfe an und trat
ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
»Was? Ihr habt kein Brot bekommen? Ich werde gleich feststellen, wer daran
schuld ist«, dröhnte Shuchrais
grollende Stimme im Hörer.
»Sag mir lieber, womit wir morgen di
e Leute satt kriege
n sollen«, brüllte
Tokarew ärgerlich ins Telefon.
Shuchrai schien nachzudenken. Nach einer längeren Pause vernahm der Par­
»Das Brot werden wir noch in der Nach
t zustellen. Ich werde Hugo Litke mit
dem Auto schicken. Er kennt den Weg. Gegen Morgen werdet ihr Brot haben.«
Es dämmerte schon, als das mit vollen Brotsäcken beladene schmutzstarrende
Auto an der Eisenbahnstation ankam. Müde und bleich nach der schlaflosen
Nacht kroch der junge Litke heraus.
Der Kampf um den Bau verschärfte sich immer mehr. Von der Eisenbahn­
Die Kleinlokomotiven
wieder hatten, wie sich hera
usstellte, erhebliche Repa­
raturen nötig. Die zwei Wochen Einsatz
für das erste Arbeiteraufgebot waren
bereits abgelaufen, die Ablösenden aber
noch nicht zur Stelle. Es war jedoch
unmöglich, die völlig erschöpften
Menschen weiterhin dazulassen.
Am nächsten Morgen fuhren Tokarew, Dubawa und Klavi
ek in die Stadt und
nahmen noch weitere sechs Mann für die Reparatur der Lokomotiven und für
den Transport der Schienen mit. Klavi
ek, der Bäcker von Beruf war, wurde als
Kontrolleur zur Lebensmittelversorgungs
abteilung delegiert. Die übrigen gin­
gen nach Pustscha-Wodiza.
Es goß immer noch in Strömen.
Mühsam zog Kortschagin seinen Fuß aus dem klebrigen Lehm. An dem
durchdringenden Kältegefühl am Fuß merk
te er, daß sich die faulige Stiefel­
sohle völlig gelöst hatte. Seit seiner
Ankunft an der Baustelle machten ihm
Pawel zog den Rest der Sohle aus dem Schmutz, und während er sie verzwei­
felt betrachtete, brach er das sich selbst gegebene Wort, nicht mehr zu fluchen.
Mit dem Überrest des Stiefels humpelte
er mißmutig hinüber in die Baracke,
Am Küchentisch stand Odarka, die Bahnwärtersfrau, die dem Koch als Gehil­
Odarka streifte Pawel mit einem flücht
igen Blick und fragte ihn nicht allzu
»Du machst dir's wohl schon zum Mittagessen bequem? Ein bißchen früh.
Willst dich wohl vor der Arbeit drücke
n, Jungchen? Wo steckst du denn deine
Füße hin? Hier ist doch eine Küche und kein Badehaus«, nahm sie Kortschagin
Der bejahrte Koch trat ein.
»Mein Stiefel ist völlig kaputt«, erklär
te Pawel seine Anwesenheit in der
Küche.
»Ihr Mann ist ein halber Schuster. Er kann den Stiefel wieder in Ordnung
bringen. Mit zerrissenen Stiefeln gehst du hier zugrunde.« [247]
»Und ich habe Sie für einen Bummelanten gehalten«, gestand sie.
Pawel lächelte verzeihend. Odarka musterte nun den Stiefel mit Kennerblick.
»Flicken wird mein Mann ihn wohl kaum noch, der taugt sowieso nichts
mehr. Ich werde Ihnen aber einen alten Gummischuh bringen, damit Ihr Fuß
nicht draufgeht. Bei uns auf dem Boden liegt irgendwo einer rum. Das geht
doch nicht – sich so zu schinden! Heute oder morgen kommt Frost, und dann
Bald darauf erschien sie mit einem hohen Gummischuh und einem Stück
Leinwand. Als dann der in Leinwand
eingewickelte und erwärmte Fuß im
warmen Gummischuh steckte, sah Pawel die Bahnwärtersfrau mit dankbarem
Blick an.
Tokarew kehrte gereizt au
s der Stadt zurück, versa
mmelte in Choljawas Zim­
Ȇberall Stockungen, wo man auch hinsch
aut, überall drehen sich die Räder,
und nirgends kommen sie vom Fleck. Wir haben offenbar zu wenig Weiße aus
ihren Nestern aufgestöbert. Sie werden uns noch lange zu schaffen machen«,
»Ich sage es euch ganz offen, Kinder
: Die Sache steht schlecht. Das zweite
Aufgebot ist noch nicht beisammen; und wie viele man überhaupt zusam­
menbringen wird, ist noch nicht einmal bekannt. Der Frost steht vor der Tür.
Bis es soweit ist, müssen wir, koste
es, was es wolle, den Sumpf überquert
haben; denn wenn erst einmal Frost eingetreten ist, werden wir die Erde auch
mit den Zähnen nicht aufreißen können. Nun also, Jungens, in der Stadt wird
man denjenigen, die Verwirrung stiften, ordentlich auf die Finger klopfen, aber
wir müssen hier unser Tempo verdoppeln. Und wenn wir tausendmal
zugrunde gehen, die Zweigbahn muß fertig werden. Was wären wir denn sonst
für Bolschewiki? Schweinehunde wären wir, weiter nichts.« Tokarew sagte das
alles nicht im gewohnten heiseren Baß, sondern mit einer gespannten, metal­
lischen Stimme. Unter den zusammengezog
enen Brauen sprühten seine Augen
vor Energie und Entschlossenheit.
»Heute noch werden wir eine geschlossene Partei- und Komsomolversamm­
lung abhalten und dort die ganze Sache genau erklären, und [248] morgen
gehen wir alle zur Arbeit. Die Parteilose
n dürfen nach Hause fahren, wir selbst
jedoch bleiben hier. So lautet der Beschluß des Gouvernementskomitees.«
Damit überreichte er Pankratow
Über Pankratows Schulter hinweg las Kortschagin: »Es ist unbedingt notwen­
dig, sämtliche Mitglieder des Kommunistis
chen Jugendverbandes bis zur ersten
Holzlieferung ständig beim Bahnbau zu
Die enge Baracke war gepfropft voll.
Hundertzwanzig Menschen hatten sich
dort versammelt. Sie standen an den Wänden, saßen auf den Tischen und
sogar auf dem Herd. Pankra
»Die Kommunisten und die Komsomolzen kehren morgen nicht in die Stadt
zurück!«
Die Hand des Alten fuhr durch die Lu
ft, als wollte sie damit die Unabänder­
lichkeit dieses Beschlusses unterstreich
en. Diese Geste schnitt alle Hoffnungen
ab, aus diesem Dreck herauszukommen. Im ersten Moment konnte man im
Lärm der Ausrufe nichts verstehen. Di
e ungestüme Bewegung der Körper ließ
das blinde Öllämpchen aufflackern. Dunk
elheit verhüllte die Gesichter. Das
Stimmengewirr wurde immer lauter. Di
e einen sprachen träumerisch vom
»gemütlichen Heim«, die anderen regten sich auf und schrien etwas von
Müdigkeit. Viele schwiegen. Aber nur ein einziger sprach von Fahnenflucht. In
gereiztem Ton brüllte er aus einer Ecke:
»Zum Henker noch mal! Ich denke nicht daran, auch nur einen einzigen Tag
länger hierzubleiben! Wenn man Menschen auf Zwangsarbeit schickt, so
wegen eines Verbrechens. Wofür aber
sollen wir büßen? Zwei Wochen lang
hält man uns hier fest. Genug. Wir lassen uns nicht zum Narren halten.
Mögen die, die diesen Beschluß gefaßt haben, selbst herkommen und bauen.
Mag, wer will, in diesem Dreck herumw
ühlen. Ich lebe nur einmal auf der
Welt. Morgen fahre ich ab.«
Okunew, hinter dem der Schreihals stand, zündete ein Streichholz an, um ihn
sehen zu können. Das Streichholz entriß der Dunkelheit für einen Augenblick
ein bösartig verzerrtes Gesicht. Okunew hatte ihn erkannt. Es war der Sohn des
Buchhalters vom Versorgungskomitee. [249]
»Was spionierst du da? Ich verstecke mich nicht, ich bin kein Dieb.« Das
Streichholz erlosch. Pankratow erho
b sich in seiner vollen Größe.
»Wer redet denn da so unverantwortliche
s Zeug? Für wen ist ein Parteiauftrag
Zwangsarbeit?« fragte er mit dumpfer
Stimme und streifte die Umstehenden
mit ernsten Blicken.
»Genossen, wir dürfen unter keinen
Umständen in die Stadt zurück, unser
Platz ist hier. Wenn wir von hier türmen, so werden Menschen erfrieren. Jungs,
je rascher wir unser Werk beenden, de
aber uns von hier verdrücken, wie das
da so ein Stänkere
r vorschlägt, das
Freund von langen Reden,
aber auch diese kurze
Ansprache wurde von der gleichen hera
usfordernden Stimme unterbrochen:
»Und die Parteilosen, fahren die ab?«
Zum Tisch drängte sich ein junger Burs
che in kurzem städtischem Überzieher.
Wie eine Fledermaus flatterte das kleine
Mitgliedsbuch über den Tisch, prallte
gegen Pankratows Brust und blieb aufrecht auf dem Tisch stehen.
»Da habt ihr mein Mitgliedsbuch, bitte sehr. Wegen dieses Stückchens Papier
gebe ich meine Gesundheit nicht her.«
Der Schluß des Satzes wurde von viel
en durch die Baracke schwirrenden
Stimmen übertönt:
»Womit schmeißt du denn um dich?«
»Ach, du Krämerseele!«
»Hast dich wohl in den Komsomol eingeschlichen, um dir ein warmes Plätz­
chen zu schaffen?«
»Jagt ihn hinaus!«
»Wir werden dir schon einheizen, du Schweinehund!« Der Bursche, der das
Mitgliedsbuch hingeschmissen hatte, wandte sich, den Kopf eingezogen, dem
Ausgang zu. Man wich dabei vor ihm wie vor einem Aussätzigen zur Seite.
Krachend flog die Tür hinter ihm ins Schloß.
Pankratow knüllte das we
Die Pappe fing Feuer und wurde
zu einem verkohlten Röhrchen.
Im Wald fiel ein Schuß. Von der baufä
lligen Baracke lösten sich Roß und Rei­
ter und verschwanden im Waldesdunkel. Aus der Schule [250] und aus der
Baracke eilten Leute herbei. Irgend je
mand bemerkte zufä
spalt geschobenes Furnierb
»Macht, daß ihr alle von der Statio
n fortkommt, dorthin, woher ihr gekom­
men seid. Wer hierbleibt, kriegt eine Ku
Dezember
Heute morgen ist der erste Schnee gefalle
Treppe traf ich Wjatscheslaw Olschinski. Wir gingen ein Stück zusammen.
»Ich habe eine besondere Vorliebe für den ersten Schnee. Welch ein Frost!
Prachtvoll, nicht?« sagte Olschinski.
Ich dachte an Bojarka und sagte ihm, daß ich mich über Frost und Schnee gar
nicht freue, im Gegenteil, sie bedrücken mich, und ich erklärte ihm den
Grund.
»Das ist zu subjektiv. Wenn man Ihre Gedanken konsequent zu Ende denkt,
so muß man jedes Lachen und überhaupt jede Äußerung der Lebensfreude,
sagen wir zum Beispiel in Kriegszeiten,
ablehnen. Aber im Leben ist das ganz
anders. Die Tragödien spielen sich au
f der eigentlichen schmalen Frontzone
ab. Dort wird das Lebensgefühl durch die Nähe des Todes niedergedrückt. Und
sogar dort wird gelacht. Aber weit hinter der Front bleibt das Leben das glei­
che: Lachen, Tränen, Kummer und Freude, Genuß- und Vergnügungssucht,
Aufregungen, Liebe …«
Olschinski ist Bevollmächtigter des Volkskommissariats für Auswärtige An­
gelegenheiten. Parteimitglied ist er seit 1917. Stets tipp-topp gekleidet, immer
glattrasiert und leicht parfümiert. Er
wohnt in unserem Haus, in Segals Woh­
nung. Abends sucht er mich häufig auf. Es ist durchaus interessant, sich mit
ihm zu unterhalten – er kennt den Westen, hat ziemlich lange in Paris gelebt,
und doch glaube ich nicht, daß wir gute Freunde werden können; denn in mir
sieht er vor allem die Frau und erst da
nn die Parteigenossin. Er verhehlt seine
Absichten und Gedanken zwar absolut nicht – er ist mutig genug, die [251]
Wahrheit zu sagen, und seine Art ist kein
eswegs grob. Er versteht es, alles in
schöne Formen zu kleiden. Und doch gefällt er mir nicht.
Aus Bojarka gehen kurze Berichte ein. Die Eisenbahnschwellen werden direkt
in die gefrorene Erde eingehackt. Insgesamt arbeiten dort zweihundertvierzig
Mann. Die Hälfte des zweiten Aufgebots
ist davongelaufen. Die Arbeitsbedin­
gungen sind wirklich schwer. Wie werden sie nur bei stärkerem Frost arbeiten?
Dubawa ist schon eine Woche wieder dort. In Pustscha-Wodiza sind von acht
Gegen Dmitri ist von der Straßenbahnverwaltung ein Gerichtsverfahren an­
hängig gemacht worden. Er hat mit sein
er Brigade gewaltsam sämtliche offe­
nen Straßenbahnwagen angehalten, die von Pustscha-Wodiza nach der Stadt
fuhren, die Fahrgäste zum Aussteigen ge
nötigt und die Waggons mit Schienen
für die Schmalspurbahn beladen. Neunzehn offene Waggons wurden so durch
die Stadt zum Bahnhof befördert. Die Straßenbahner halfen mit allen Kräften.
Akim lehnte es ab, im Büro den Fall Du
bawa auf die Tagesordnung zu setzen.
Dmitri berichtete über die unglaublichen Verschleppungsmethoden und den
Bürokratismus in der Straßenbahnverwaltung. Dort hatte man sich kategorisch
geweigert, mehr als zwei offene Straßenbahnwagen zu stellen. Tufta hielt
Dubawa bei dieser Gelegenhe
it eine Gardinenpredigt:
Ich habe Dubawa noch niemals so wütend gesehen.
»Warum hast du dich denn nicht mit ihnen verständigt, du Federfuchser?
Tufta gab eine schriftliche Beschwerde gegen Dubawa ab, aber [252] Akim
sprach, nachdem er mich gebeten hatte, das Zimmer zu verlassen, zehn Minu­
ten unter vier Augen mit Tufta. Hochro
t und wütend verließ dieser darauf
Akims Zimmer.
Dezember
Im Gouvernementskomitee gibt es eine
neue Affäre; diesmal ist es die Eisen­
bahntscheka, die Klage erhebt. Pankratow, Okunew und noch einige andere
Genossen sind auf die Bahnstation Motowilowka gekommen und haben dort
von den leerstehenden Gebäuden Türen und Fensterrahmen herausgenom­
men. Als sie ihre Beute in einen Arbe
iterzug verladen wollten, versuchte der
Stationstschekist, sie zu verhaften. Si
Ich habe mit dem Genossen Shuchrai über all diese Geschichten gesprochen.
Er lachte nur und sagte:
»Wir werden das schon hinkriegen!«
Die Lage auf dem Bau ist äußerst kritisch, und jeder Tag ist kostbar. Wegen
jeder Kleinigkeit muß nachgestoßen werden
. Wir zitieren bald den einen, bald
den anderen Saboteur vor das Gouvernementskomitee. Unsere Jungen vom
Bau hauen immer öfter über die Stränge.
Olschinski hat mir einen kleinen elektrischen Ofen gebracht. Olga Jurenewa
und ich wärmen uns daran die Hände. Aber das Zimmer wird dadurch nicht
wärmer. Wie werden sie nur so eine Nacht im Wald ertragen? Olga erzählt, daß
es im Krankenhaus sehr kalt ist und daß die Kranken nicht aus den Betten
herauskönnen. Es wird nur jeden dritten Tag geheizt.
Nein, Genosse Olschinski. Die Tragödie an der Front wird auch zu einer
Tragödie im Hinterland!
Dezember
Die ganze Nacht fielen dichte Schneeflo
cken. In Bojarka soll alles verschneit
sein. Die Arbeit ist steckengeblieben. Sie säubern jetzt die Gleise. Heute hat das
Gouvernementskomitee beschlossen, daß der erste Bauabschnitt, das heißt die
Strecke bis zur Grenze des Holzschla- [253] ges, spätestens am 1. Januar 1922
fertig sein muß. Man erzählt, als dieser
»Wenn wir bis dahin nicht krepiert sind, werden wir es schaffen.« Von Kort­
schagin höre ich nichts. Es ist erstaunlich, daß seinetwegen noch kein
»Gerichtsverfahren«, ähnlich dem von Pankratow, eingeleitet wurde. Ich weiß
übrigens bis heute noch nicht, warum er mir aus dem Wege geht.
Dezember
Gestern ist die Baustelle von Banden beschossen worden.
sche eins über die Ohren gezogen bekommen hatte, jagte es im Galopp vor­
wärts und holte die andern ein.
Hier hielten die Reiter ihre Pferde an
. Die Steigbügel stießen klirrend anein­
ander. Wiehernd schüttelte sich der vom weiten Lauf in Schweiß geratene
Hengst des Vordermanns.
»Ein ganzer Haufen hat sich hier
»Nun, wir werden ihnen schon Beine machen. Der Ataman sagte, daß diese
Kerle morgen von hier verschwinden müssen, sonst erreicht das lumpige Fab­
rikgesindel wirklich bald den Holzschlag.«
Im Gänsemarsch ritten sie in Richtung zur Bahnstation, den Damm der
Schmalspurbahn entlang.
Langsam näherten sie sich der Lichtung
vor der alten Forstschule. Sie ritten
jedoch nicht auf die Waldwiese hinaus, sondern hielten sich immer dicht hin­
ter den Bäumen.
Eine Salve zerriß die nächtliche St
ille. Wie ein Eichhörnchen glitt ein
Schneeklumpen von den Zweigen einer im Mondlicht silbern glänzenden
Birke. Funken sprühten zwischen den Bäumen auf, Kugeln bohrten sich in den
abbröckelnden Mauerputz. Kläglich klirrt
e das zersplitternde Glas der von
Pankratow beschafften Fenster. Die Salve riß die Menschen vom Betonboden,
brachte sie im Nu auf die Beine. Als jedoch die unheimlichen Leuchtkäfer
durchs Zimmer zu schwirren begannen, warf sich ein jeder erschreckt nieder.
Sie fielen einer über den anderen. [254]
»Wohin willst du denn?« Dubawa packte Pawel und hielt ihn am Mantel fest.
»Auf den Hof.«
»Leg dich hin, du Idiot! Sobald du dich nur zeigst, wirst du erschossen«,
flüsterte Dmitri.
Sie kauerten im Zimmer dicht beieinander, unmittelbar vor der Tür. Dubawa
Die Schießerei brach plötzlich ab. Alle
»Jungs, wer eine Waffe hat, hierher!« befahl Dubawa im Flüsterton.
Die Lichtung war leer. Langsam kreisend
fielen die Schneeflocken zur Erde.
Und tiefer im Wald jagten zehn Reiter,
ihre Pferde mit der Peitsche anspor­
nend, von dannen.
Gegen Mittag traf aus der Stadt eine moto
risierte Draisine ein. Shuchrai und
Akim stiegen aus. Sie wurden von Tokarew und Choljawa empfangen. [256]
Der Draisine wurden ein Maxim-Maschi
nengewehr, einige Kisten Patronen
und zwei Dutzend Gewehre entnommen.
Eilig gingen sie zum Arbeitsplatz. Fjodor
»Der Überfall der Bande ist noch nicht
das schlimmste. Aber dieser Hügel da,
der hat's in sich. Der mußte uns gerade noch in die Quere kommen. Man wird
viel Erde abtragen müssen.«
»Werden eure Kräfte ausreichen, um di
e Strecke bis zum Te
rmin fertigzustel­
len?« fragte Akim.
»Weißt du, mein Sohn, von Rechts wegen läßt es sich wohl nicht schaffen,
aber es nicht schaffen geht nun einmal nicht, und daraus ergibt sich alles
Sie holten Fjodor ein und gingen gemeinsam weiter. Mit verhaltener Erre­
gung fuhr der Schlosser fort:
»Und in diesem ›aber‹ liegt eben der
Hund begraben. Nur Patoschkin und ich
wissen, daß es unter so hundsmiserable
n Verhältnissen, mit solchem Werkzeug
und einem derartigen Mangel an Arbeit
skräften einfach unmöglich ist, die
Strecke zu legen. Aber alle bis zum letzten Mann sind sich im klaren darüber,
daß die Strecke gelegt werden muß, ko
ste es, was es wolle. Deshalb konnte ich
auch sagen: ›Wenn wir bis dahin noch nicht krepiert sind, werden wir es
schaffen.‹ Schaut doch selbst, wir rackern uns hier bereits den zweiten Monat
ab, das vierte Aufgebot ist schon dran. Der Stamm der Arbeiter aber ist ohne
Ablösung dabei. Nur dank ihrer Jugend halten sie durch, und die Hälfte von
Ein rotbärtiger Bauer in neuen Bastschuhen schleppte gemächlich Schwellen
vom Schlitten und warf sie auf den Bahndamm. In bestimmten Abständen
wurden noch mehr Schlitten ausgeladen. Zwei lange Eisenstangen lagen auf
der Erde. Das waren Gleislehren, nach denen die Schwellen ausgerichtet wur­
den. Mit Äxten, Brechstangen und Schaufeln wurde die Erde festgestampft.
Schwellenlegen ist eine mühsame und langwierige Arbeit. Die Schwellen
müssen fest und unverrückbar in der Bettung liegen, damit sich der Schienen­
druck gleichmäßig auf alle Schwellen verteilt.
Die Technik des Schwellenlegens kannte nur einer – der alte Vorarbeiter
Lagutin, der trotz seiner vierundfünfzig Jahre noch kein einziges graues Haar
hatte und einen in der Mitte gescheitelten pechschwarzen Bart trug. Er arbei­
lung erworben. Dieser Parteilose, es war
Taljas Vater, hatte auf allen Parteiver­
sammlungen stets einen Ehrenplatz inne.
Stolz auf diese Ehre, hatte der Alte gelobt, nicht vor der Beendigung des Baus
wegzugehen.
»Wie kann ich euch denn allein lassen, sagt mir das doch bitte? Ihr werdet ja
beim Schwellenlegen alles verkehrt machen ohne mich. Hier sind scharfe
Augen und eine erfahrene Hand nötig. Ich habe ja mein Lebtag lang in ganz
Rußland Schwellen gelegt …«, erklärte
er gutmütig bei jeder Ablösung und
blieb auf der Baustelle zurück.
Patoschkin schenkte ihm volles Vertra
uen und kontrollierte seinen Abschnitt
nur selten. Als die drei sich den Ar
beitenden näherten, lockerte der vor
Schweiß triefende und rot angelaufene Pankratow gerade mit der Axt die Erde
für eine Schwelle auf.
Akim erkannte den Hafenarbeiter kaum
wieder. Pankrato
w war abgemagert,
seine hohen Backenknochen traten schärfer hervor.
Das Klirren der Schaufeln verstummte. Akim sah ringsum blasse Gesichter.
Die Soldatenmäntel und kurzen Schafpelze der Arbeitenden lagen neben ihnen
auf dem Schnee. [258]
Nachdem Tokarew mit Lagutin gesprochen hatte, nahm er Pankratow mit
schritt an Fjodors Seite.
»Sag mal, Pankratow, wie ist das eige
ntlich mit dem Tschekisten in Motowi­
lowka vor sich gegangen? Was meinst du
, habt ihr's mit der Entwaffnung nicht
doch ein wenig weit getrieben?« forschte Fjodor in ernstem Ton den wortkar­
gen Hafenarbeiter aus.
Pankratow lächelte verlegen.
»Wir haben ihn ja mit seinem Einverständnis entwaffnet, er hat uns selbst
darum gebeten. Ist ja ein prima Kerl, ganz unser Mann. Wir haben ihm alles
genau erklärt, worum es sich handelt, und er sagte: ›Jungs, ich habe kein
Recht, euch zu gestatten, daß ihr die
Fenster und die Türen mitnehmt. Es exi­
stiert ein Befehl des Genossen Dzierzynski, die Plünderung von Bahneigentum
zu verhindern. Der Stationsvorsteher hier steht mit mir auf Kriegsfuß. Er
stiehlt, dieser Schurke, und ich hindere ihn daran. Wenn ich euch laufen lasse,
wird er sicher eine dienstliche Anzeige gegen mich erstatten, und ich werde
vors Revolutionstribunal gestellt. Entwa
da haben wir es so gemacht. Wir haben doch die Türen und die Fenster nicht
für uns privat weggeholt!«
Als Pankratow in Shuchrais Augen ein schelmisches Lächeln wahrnahm,
fügte er hinzu:
»Man soll aber nur uns zur Verantwor
tung ziehen, den Burschen dort lassen
Sie in Frieden, Genosse Shuchrai.«
»Die Sache ist erledigt. Aber in Zukunf
t unterbleiben bitte derartige Dinge.
Das untergräbt die Disziplin. Bei uns gibt es Mittel und Wege genug, mit dem
Bürokratismus auf organisierte Weise fert
ig zu werden. Aber laß gut sein, spre­
Viereinhalb Kilometer von der Station entfernt bissen sich die Spaten wütend
in die Erde. Die Leute rückten dem steinigen Hügel, der ihnen im Wege stand,
gehörig zu Leibe.
Und zu beiden Seiten standen Geno
Patoschkin hockte am Fuß des Abhangs und trug Ziffern in sein Notizbuch
ein. Der Ingenieur war allein, ohne seinen Gehilfen. Waku- [259] lenko, der
ein Disziplinarverfahren dem Tod durch eine Banditenkugel vorzog, hatte am
Morgen Reißaus genommen.
»Für den Abbau des Hügels werden wir noch einen halben Monat brauchen.
Der Boden ist völlig vereist«, sagte Patosc
hkin leise zu dem vor ihm stehenden,
»Man hat uns für die Strecke insgesamt nur noch fünfundzwanzig Tage gege­
ben, und Sie rechnen für diesen Abbau hier allein fünfzehn«, erwiderte Cho­
mutow und biß ärgerlich an seiner Schnurrbartspitze herum.
»Diese Frist ist irreal. Natürlich habe
ich in meinem Leben noch nie unter
solchen Verhältnissen und mit solchen Menschen gebaut. Ich kann mich also
irren, was mir schon zweimal passiert ist.«
Während sie so sprachen, staksten Sh
uchrai, Akim und Pankratow heran.
Vom Steilhang her hatte man sie schon nahen sehen.
»Sieh mal einer an, unser Pawel! Du bi
st ja kaum zu erkennen in dieser
zusammengeschusterten Uniform.«
Pankratow verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
»Ja, der sieht lieblich aus. Und dazu haben ihm die Deserteure auch noch den
Mantel geklaut. Pawel und Okunew ha
ben eine Kommune gegründet. Da hat
ihm Okunew seine Jacke gegeben. Tut ni
chts, unser Pawel ist ein heißblütiger
Bursche. Er wird sich eine Woche lang auf dem Beton wärmen – das Stroh hilft
ja so gut wie gar nichts –, und dann wird
er ins Gras beißen müssen«, sagte der
»Unser Pawluscha wird bei uns schon nicht zugrunde gehen. Wir werden eine
Versammlung abhalten und ihn zum Koch bestimmen, als Aushilfe. Dabei
wird er, wenn er kein Dummkopf ist, sich tüchtig satt futtern und sich
erwärmen, am Ofen oder bei der Odarka.« Die Worte gingen in herzlichem
Gelächter unter. An diesem Tag wurde zum erstenmal gelacht. [260]
Fjodor besichtigte den Steilhang, er fuhr mit Tokarew und Patoschkin im
Schlitten zum Holzschlag und kehrte zurück. Am Hang wurde noch immer
hartnäckig gegraben. Fjodor sah die flitzenden Spaten, sah die angespannt
gebeugten Rücken, und sagte leise:
Shuchrais Augen blickten begeistert
mit herbem, liebevollem Stolz auf die
Erdarbeiter. Manche von ihnen hatten ja vor kurzem noch, in der Nacht vor
dem Aufstand, den Stahl des Bajonetts geführt. Und jetzt sind sie alle von dem
einzigen Bestreben beseelt, das Stahlg
eleise der Schienen zu den ersehnten
Holzreichtümern, zur Quelle vo
n Leben und Wärme zu legen.
Patoschkin wies Fjodor höflich, aber
bestimmt nach, daß es unmöglich sei,
den Einschnitt schneller als in zwei Wochen zu beenden. Fjodor lauschte den
Berechnungen, und in ihm reifte ein Entschluß.
»Geben Sie den Leuten vom Abhang ei
ne andere Arbeit. Führen Sie die
Gleislegung weiter. Wir werden mit de
m Hügel auf andere Weise fertig wer­
den.«
Im Stationsgebäude saß Shuchrai lange am Telefon. Choljawa hielt vor der
Tür Wache. Hinter seinem Rücken vernahm er Fjodors dumpfen Baß:
»Ruf gleich in meinem Namen den St
abschef des Militärbezirks an. Pusy­
rewskis Regiment soll unverzüglich zur
Baustelle abkommand
ist notwendig, das ganze Gebiet von den Banden zu säubern. Schickt uns
sofort einen Panzerzug mit einem Spre
ngkommando. Die weiteren Anweisun­
gen werde ich hier erteilen. Nachts kehre ich zurück. Litke soll gegen zwölf
Uhr mit dem Auto zum Bahnhof kommen.«
Akim hielt in der Baracke eine kurze Ansprache, und dann nahm Shuchrai
das Wort. In kameradschaftlichem Gesp
räch verging unbemerkt eine Stunde.
Fjodor erklärte den Arbeitern, daß die auf den 1. Januar festgelegte Frist unbe­
dingt eingehalten werden müsse.
»Wir versetzen den Bahnbau in Kriegszustand. Die Kommunisten werden zu
einer Sonderkompanie zusammengefaßt. Genosse Dubawa ist zum Kompanie­
führer ernannt. Alle sechs Baugruppen
erhalten präzise Aufgaben. Die noch
auszuführenden Arbeiten werden in se
Diejenige Gruppe, die früher fertig wird
, erhält Urlaub und kehrt in die Stadt
zurück. Außerdem wird das Präsidiu
m des Gouvernementskomitees beim
Ukrainischen Zentralexekutivkomitee
ein Gesuch einreichen, dem besten
Arbeiter dieser Gruppe den Orden des Roten Banners zu verleihen.
Zu Leitern der Baugruppen werden ernannt: für den ersten Abschnitt –
Genosse Pankratow, für den zweiten – Genosse Dubawa, für den dritten –
Genosse Chomutow, für den vierten – Genosse Lagutin, für den fünften –
Genosse Kortschagin, für den
sechsten – Genosse Okunew.
Leiter des gesamten Baus bleibt«, schl
oß Shuchrai seine Rede, »sein geistiger
Wie ein plötzlich aufflatternder Vogelsch
warm flogen die Hände in die Höhe
und klatschten Beifall. Die rauhen Gesi
Mannes entluden die gespannte Aufmer
ksamkeit zu heiterem Gelächter.
Während Fjodor von Kortschagin Abschied nahm, blickte er auf dessen im
Schnee steckenden Gummischuh und sagte leise:
»Ich schicke dir nächstens ein Paar Stiefel. Hast dir hoffentlich die Füße noch
nicht abgefroren?«
»Gib mir doch ein paar Patronen für meinen Revolver. Ich habe nur noch
drei sichere.«
Shuchrai schüttelte bekümmert den Kopf.
Als er jedoch die Enttäuschung in Pawels Augen sah, schnallte er kurzerhand
seine Mauserpistole ab.
»Hier nimm – ich schenk sie dir.«
Pawel konnte es kaum glauben, daß ihm da ein schon lange erträumtes
Geschenk gemacht wurde, aber Shuchrai warf ihm den Riemen der Pistolen­
tasche über die Schulter.
»Nimm, nimm nur! Ich weiß ja, daß du schon seit langem scharf auf die
Pistole bist. Geh nur vorsichtig mit ihr um, daß du ja nicht einen von den
Jungen erschießt. Hier hast du noch drei Päckchen Patronen dazu.« [262]
Neidische Blicke streiften Pawel von a
llen Seiten, und jemand rief ihm zu:
»Los, Pawka, laß uns tauschen – ich geb dir ein Paar Stiefel und einen
Bauernpelz dafür.«
Pankratow stieß Pawel mutwillig an.
»Tausch sie doch gegen Filzstiefel, zum Teufel. In dem Gummischuh wirst du
Weihnachten sowieso nicht überleben.«
Am frühen Morgen näherte sich der Pa
nzerzug der Station. Dumpf ratterten
seine Räder. Gleich einem üppigen
Federbusch stieg der schwanenweiße
Dampf aus dem Schornstein und zerfloß in der kalten Winterluft.
Den gepanzerten Kästen entstiegen Leute, von Kopf bis Fuß in Leder geklei­
det. Einige Stunden darauf gruben dr
ei Mineure aus dem Panzerzug zwei
mächtige Kürbisse aus brüniertem Stah
l in den Hang ein, befestigten lange
Zündschnüre an ihnen und gaben Signalschüsse ab. Sofort stoben die Men­
schen nach allen Seiten auseinander.
Hunderte von Menschen standen einen Augenblick lang wie erstarrt. Ein,
zwei Minuten banger Erwartung … und die Erde erbebte – eine furchtbare
Kraft fegte die Spitze des Hügels hinw
eg und schleuderte riesige Erdklumpen
gen Himmel. Es folgte eine
Dort, wo eben noch ein Hügel gestan
den hatte, gähnte ein tiefes Loch, und
Dutzende von Metern ringsum war der zuckerweiße Schnee mit schwarzen
Erdballen bedeckt.
Leute mit Hacken und Schaufeln stürzten sich in die Sprengtrichter.
Seit Shuchrais Abfahrt war auf dem Bau ein hartnäckiger Wettstreit entbrannt

ein Wettstreit um den ersten Platz.
Noch lange vor der Dämmerung erhob sich Kortschagin leise, ohne die ande­
ren zu stören, von seinem Lager und ging, mühsam die vor Kälte erstarrten
Füße schleppend, in die Küche. Nachde
Als die Abteilung antrat, war es draußen schon hell. [263]
Während des Morgentees erschien Pank
ratow am Tisch, wo Dubawa mit sei­
nen Arsenalleuten saß.
»Hast du so was schon gesehen, Dmitri? Pawel hat seine Brigade noch vor
Tagesanbruch auf die Beine gebracht. Die haben sicher schon zehn Klafter
gelegt. Die Jungen sagen, er habe se
ine Leute aus der Hauptwerkstatt derart
aufgepulvert, daß sie die Arbeiten in
ihrem Abschnitt bis zum 25. Dezember
beenden wollen. Der hat im Sinn, uns allen den Platz an der Sonne streitig zu
machen. Aber, meine Herrschaften, da
haben wir auch ein Wörtchen mitzure­
Dmitri lächelte sauer. Er wußte sehr
genau, weshalb das Vorgehen der Gruppe
»Bei aller Freundschaft, hier gilt das Motto: Wer – wen«, sagte Pankratow.
Gegen Mittag unterbrach Kortschagins Gruppe plötzlich die fieberhafte
Arbeit. Der Posten, der die Gewehre bewachte, hatte zwischen den Bäumen
eine Gruppe Berittener bemerkt
und das Alarmsignal gegeben.
»Zu den Waffen, Jungs! Banditen!« schrie Pawel, warf die Schaufel zur Seite
und rannte zum Baum, an dem seine Mauserpistole hing.
Die Gruppe griff nach den Waffen und legte sich an der Bahnböschung in
den Schnee.
Die vordersten Reiter winkten aber
mit den Mützen, und einer rief:
»Nicht schießen, Genossen!«
Ein halbes Hundert Berittener, an den Budjonny-Mützen den roten Stern,
kam die Straße he
raufgesprengt.
Es stellte sich heraus, daß es ein Zug
aus Pusyrewskis Regiment war, der den
Streckenbau besichtigen wollte. Pawel be
»Lyska, du Wildfang, hier treffen wir uns also wieder! Wie bist du heil davon­
gekommen, meine einohrige Schöne!«
Zärtlich umfing er den Hals der rassigen Stute und streichelte ihre zuckenden
Nüstern.
Der Kommandeur sah Pawel unverwandt an
, und als er ihn erkannte, rief er
verblüfft: [264]
»Sieh einer an, das ist ja Kortschagin …! Das Pferd hat er erkannt, aber den
Sereda nicht. – Grüß dich, alter Junge!«
In der Stadt waren alle Hebel in Bewe
Als er Akim darüber Bericht ersta
du, daß ich mich hier als einziger Mann zwischen den Frauen herumtreibe.
Die Mädel schauen mich auch so schon mißtrauisch an. Wahrscheinlich
schwatzen sie untereinander: ›Alle hat er
davongeschickt, er selbst aber ist
hiergeblieben, dieser Schlaumeier‹, ode
r vielleicht sogar
noch Schlimmeres.
Bitte, erlaubt mir hinzufahren.«
Akim lehnte diese Bitte lachend ab.
In Bojarka trafen wieder Menschen ei
n. Auch die sechzig Eisenbahnstudenten
erschienen.
Auf Shuchrais Betreiben entsandte di
e Eisenbahnverwaltung vier Waggons,
die als Wohnung für die Neuangekommenen dienen sollten.
Die Gruppe Dubawas wurde von ihrer Arbeit entbunden und nach Pustscha-
Wodiza geschickt. Sie erhielt den Auft
rag, die Kleinlokomotiven und fünfund­
sechzig Transportwagen für Schmalspurbahnen an die Baustelle zu befördern.
Anna schrieb: Dmitri, Klavi
ek und ich haben für Euch eine ganze Menge
Literatur zusammengesucht. Wir senden Dir und allen anderen Kämpfern von
Bojarka innige Grüße. Was seid Ihr doc
h für Prachtkerle!
Wir wünschen Euch
Kraft und Energie. Gestern sind die letzten [265] Holzvorräte aus den Lagern
verteilt worden. Klavi
ek läßt Euch grüßen. Er ist ein fabelhafter Kerl! Das Brot
für Euch bäckt er selbst. Das vertraut er
in der Bäckerei niemandem an. Selbst
siebt er das Mehl, selbst knetet er den Teig mit der Maschine. Er hat irgendwo
Sie ist fähig, das wirklich zu machen.
Grüß den Schwarzäugigen von mir. Anna.
Das Schneegestöber kam ganz plötzlich. Der Himmel überzog sich mit
grauen, niedrig dahinziehenden Wolken. Der Schnee fiel in dichten Flocken.
Am Abend heulte der Wind in den Schornsteinen, er rauschte in den Baum­
wipfeln, jagte den wirbel
nden Schnee, und sein durchdringendes Pfeifen
schrillte durch den Wald.
Als die Abteilung am anderen Morgen
schen im tiefen Schnee, über den Bäum
en strahlte die Sonne, und am tief­
blauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen.
Die Gruppe Kortschagins säuberte ihren Streckenabschnitt vom Schnee. Erst
Abgemagert, mit entzündeten Augen,
schaufelte Pawel wütend den Schnee
zur Seite. Gerade um diese Zeit kam ei
n Personenzug auf die Bahnstation zuge­
krochen. Die Lokomotive schnaufte mit letzter Kraft [266] und konnte die
Waggons kaum noch heranschleppen. Auf dem Tender lag kein einziges Holz­
scheit mehr, die letzten Reste kohlten in der Feuerung.
»Wenn Sie uns Holz geben, dann fahren wir weiter, wenn nicht, dann über­
führen Sie den Zug aufs Nebengleis, solange er sich noch fahren läßt«, rief der
Lokomotivführer mit heiserer Stimme dem Stationsvorsteher zu.
Der Zug wurde aufs Nebengleis geschoben. Man teilte den nieder- [267]
geschlagenen Passagieren die Ursache de
s Aufenthalts mit. In den überfüllten
Wagen begann man zu seufzen und zu wettern.
»Sprechen Sie mit dem Alten da – er geht jetzt dort, am Bahnsteig. Das ist der
Bauleiter. Er kann den Befehl erteilen, Holz für die Lokomotive auf Schlitten
heranzuschaffen«, riet der Stationsvorsteher den Zugschaffnern.
»Es wird nämlich hier zum Schwellenlegen benutzt.« Und die Schaffner gin­
gen zu Tokarew.
»Holz gebe ich euch, aber nicht umsonst. Es ist ja unser Baumaterial. Der
Schnee hat uns alles verweht. Im Zug sind sechs- bis siebenhun- [268] dert
Passagiere. Frauen mit Kindern können im Wagen bleiben, die übrigen aber
sollen sich mit Schaufeln bewaffnen und bis zum Abend Schnee schippen.
Dafür gebe ich euch Holz. Sollten sie sich weigern, dann können sie ruhig bis
»Schaut, Jungs, was für 'ne Masse Volk da heranzieht. Sogar Frauen!« hörte
Kortschagin hinter sich verwundert ausrufen. Pawel drehte sich um.
»Hier hast du hundert Mann zur Arbeit. Paß aber auf, daß sie nicht müßig
herumstehen«, sagte Tokarew im Näherkommen.
Kortschagin verteilte die Arbeit an die Neueingetroffenen. Ein großer Mann
in einem Eisenbahnermantel mit Pelz
kragen und warmer Persianermütze
drehte empört die Schaufel in der Hand hin und her und wandte sich an eine
neben ihm stehende junge Dame in ei
ner Mütze aus Seebärfell, die eine
buschige Bommel zierte.
»Ich werde keinen Schnee schippen«, protestierte er.
»Niemand kann mich dazu zwingen. Wenn man mich darum bittet, kann ich
als Bahningenieur die Arbeit leiten,
aber Schneeschaufeln haben weder du
noch ich nötig. Das sieht keine Instruktion vor. Der Alte handelt gesetzwidrig.
Ich werde ihn zur Verantwortung ziehen
lassen. Wer ist hier der Vorarbeiter?«
erkundigte er sich bei einem der Nächststehenden. Kortschagin kam heran.
»Weshalb arbeiten Sie nicht, Bürger?« Der Mann maß Pawel verächtlich von
Kopf bis Fuß.
»Wer sind denn Sie?«
»Ich bin Arbeiter.«
»Dann habe ich mit Ihnen nichts zu verhandeln. Schicken Sie mir Ihren Vor­
arbeiter oder sonst einen von denen da …« Kortschagin sah ihn finster an.
»Wenn Sie nicht arbeiten wollen, so lassen Sie es sein. Ohne unseren Vermerk
auf der Fahrkarte kommen Sie nicht wieder
in den Zug. Das ist die Anweisung
unseres Bauleiters.«
»Und Sie, Bürgerin, weigern Sie sich au
ch zu arbeiten?« Pawel wandte sich
jetzt an die junge Dame und war plötzlich wie vom Donner gerührt. Vor ihm
stand Tonja Tumanowa.
Nur mit Mühe erkannte sie in dem zerl
umpten Burschen Pawel Kortschagin.
In abgetragener, zerrissener Kleidung
und phantastischem Schuhwerk, mit
einem schmutzigen Handtuch um den Hals und ungewaschenem Gesicht,
stand Pawel vor ihr. Nur seine Augen glüh- [269] ten noch im alten Feuer. Ja,
das waren seine Augen. Und es ist noch gar nicht so lange her, daß sie diesen
zerlumpten Burschen, der eher einem Landstreicher glich, geliebt hat. Wie
anders war doch
alles geworden!
Unentschlossen stand sie da und wurde
über und über rot vor Verlegenheit.
Den Bahningenieur ärgerte das, wie ihm schien, unverfrorene Benehmen die­
ses Landstreichers, der unverwandt seine
Frau anstarrte. Er
warf die Schaufel
hin und ging auf Tonja zu.
»Gehen wir, Tonja. Ich kann diesen Lazzarone nicht mehr ruhig anschauen.«
Kortschagin wußte aus dem Roman »Guiseppe Garibaldi«, was Lazzarone
»Wenn ich ein Lazzarone bin, so bist du einfach ein irrtümlich am Leben
gebliebener Bourgeois«, erwiderte er dem Bahningenieur dumpf und fügte,
sich an Tonja wendend, betont kalt hinzu:
»Greifen Sie zur Schaufel, Genossin Tumanowa, und gehen Sie an die Arbeit.
Nehmen Sie sich kein Beispi
Pawel lächelte nicht beso
nders liebenswürdig und sagte noch mit einem Blick
auf Tonjas Pelzüberschuhe flüchtig: »Hierzubleiben rate ich Ihnen nicht. Vor
einigen Tagen hatten wir Banditenbesuch.«
Er drehte ihnen den Rücken zu und ging, den Gummischuh nachschleppend,
zu seiner Brigade.
Pawels letzte Worte hatten auch auf den Bahningenieur ihre Wirkung nicht
verfehlt. Tonja überredete ihn mitzuarbeiten.
Am Abend, nach Beendigung der Arbeit, kehrten alle zum Bahnhof zurück.
Tonjas Mann war vorausgeeilt, um im Zu
g Plätze zu belegen. Tonja blieb ste­
hen und ließ die Arbeiter vorübergehen.
»Guten Tag, Pawluscha. Ich muß gestehen, daß ich nicht erwartet hatte, dich
so wiederzusehen. Hast du denn unter der Sowjetmacht [270] wirklich nichts
mzubuddeln? Ich dachte, du seist schon
Pawel blieb stehen und maß Tonja mit erstauntem Blick.
»Ach, ich habe nicht erwartet, dich so
– affektiert wiederzusehen«, erwiderte
Pawel, der einen Moment nach einem passenden, nicht allzu groben Ausdruck
gesucht hatte.
»Du bist immer noch so grob!«
Kortschagin schwang die Schaufel auf die Schulter und ging weiter. Erst
nachdem er einige Schritte zurückgelegt hatte, sagte er:
»Meine Grobheit ist noch unvergleichlich erträglicher als Ihre sogenannte
Höflichkeit, Genossin Tumanowa. Um mein Leben brauchen Sie sich keine
Sorgen zu machen, da ist schon alles in Ordnung. Ihr Leben aber hat sich
Pawel hatte einen Brief von Artjom erhalten. Der Bruder schrieb ihm von sei­
ner bevorstehenden Heirat und bat ihn, unbedingt zu kommen.
Der Wind entriß Kortschagins Händen das flatternde weiße Papier und wir­
belte es, einer Taube gleich, in die Höhe.
Er wird der Hochzeit nicht beiwohnen können. Ist es denn denkbar, jetzt von
hier wegzufahren? Schon gestern hat dieser Bär, Pankratow, seine Gruppe
überholt und stürmt in einem solchen Tempo vorwärts, daß allen Hören und
Sehen vergeht. Der Hafenarbeiter steuert unaufhaltsam auf sein Ziel los und
spornt, selber aus der ihm eigenen Ruhe gebracht, auch seine Leute zu uner­
hörten Leistungen an.
Aus der Stadt traf Klavi
ek ein und brachte frisches Brot mit. Nachdem er mit
Tokarew gesprochen hatte, such
te er Kortschagin an seiner Arbeitsstelle auf. Sie
begrüßten sich herzlich. Lächelnd holte Klavi
ek aus seinem Rucksack eine
schöne gelbe schwedische Pelzjacke hervor, klatschte dabei auf das schmieg­
same Chromleder und sagte:
»Die gehört dir. Errätst du, von wem? – Hoho! Du bist aber schön dumm,
mein Junge! Das schickt dir Genossin Ustinowitsch, damit du Esel nicht
erfrierst. Die Jacke hat sie vom Genossen Olschinski geschenkt bekommen,
und kaum aus seinen Händen empfangen,
gab sie mir das kostbare Stück mit
den Worten: ›Für Kortschagin.‹ Akim hatte ihr erzählt, daß du in dieser Kälte
ohne Mantel arbeitest. Olschinski rümpfte dabei ein wenig die Nase. ,Ich kann
ja diesem Genossen einen Mantel schicken
', sagte er. Aber Rita lachte nur und
meinte: ›Macht nichts, in der Jacke kann er besser arbeiten!‹ Also nimm, da
hast du sie.«
Pawel musterte erstaunt das teure Geschenk und zog es dann, ein wenig
zögernd, über den verfrorenen Körper.
Der weiche Pelz erwärmte rasch Schul­
tern und Brust.
Rita schrieb in ihr Tagebuch:
Dezember
Schneesturm auf Schneesturm. Nichts als Wind und Schnee. In Bojarka waren
sie fast am Ziel, aber Fröste und Schneegestöber haben ihnen Halt geboten. Sie
versinken im Schnee. Gefrorene Erde zu graben ist sehr schwer. Es bleiben
ihnen nur noch dreiviertel Kilometer, aber die schwierigsten.
Tokarew meldet, daß auf dem Bau Typhusfälle vorgekommen sind. Drei
Mann sind erkrankt.
Dezember
Zur Plenarsitzung des Gouvernements-Jugendkomitees ist aus Bojarka nie­
mand erschienen. Siebzehn Kilometer von Bojarka entfernt haben die Bandi­
ten einen Getreidezug zum Entgleisen gebracht. Laut Befehl des Bevollmäch­
tigten des Volkskommissariats für Ernährung ist die gesamte Bauabteilung
dorthin geschickt worden.
Dezember
Aus Bojarka sind weitere sieben Typhus
kranke in die Stadt gebracht worden.
Unter ihnen ist auch Okunew. [272]
Ich war auf dem Bahnhof. Von den Puffern eines aus Charkow eingetroffenen
Zuges wurden erstarrte Leichen heruntergeholt. In den Krankenhäusern
herrscht Kälte. Verfluchter Schneestur
m! Wann wird er endlich aufhören?
Dezember
Komme eben von Shuchrai. Es ist also wahr: Gestern nacht hat Orlik mit sei­
ner ganzen Bande Bojarka überfallen. Zwei Stunden lang dauerte der Kampf.
Die Banditen hatten die Telefondrähte zerschnitten, und erst heute morgen
gelang es Shuchrai, genaue Nachrichten zu erhalten. Die Bande ist zurückge­
schlagen worden. Tokarew hat einen Brustschuß abbekommen. Heute wird er
in die Stadt gebracht. Klavi
ek, der in jener Nacht Wachhabender war, ist um­
gebracht worden. Er hatte als erster die Bande bemerkt und Alarm geschlagen.
Schießend zog er sich zurück, es gelang ihm jedoch nicht mehr, die Schule zu
erreichen; er wurde niedergesäbelt. Von
den Bauarbeitern sind elf verwundet.
Ein Panzerzug und zwei Kavallerieschwadr
Bauleiter ist jetzt Pankratow.
Ein Teil der Bande wurde im Laufe de
s Tages von Pusyrewski beim Weiler
Dezember
Tokarew und die übrigen Verwundeten sind in die Stadt gebracht worden. Sie
liegen im Spital. Die Ärzte haben versprochen, den Alten zu retten. Er liegt
bewußtlos. Das Leben der anderen Genossen ist außer Gefahr.
Das Gouvernements-Parteikomitee und wir haben aus Bojarka ein Telegramm
erhalten:
»Als Antwort auf die Banditenüberfälle
erklären die auf einer Kundgebung
versammelten Bauarbeiter der Schmalsp
urbahn, gemeinsam mit der Besatzung
des Panzerzuges und den Rotarmisten des Kavallerieregiments, daß wir der
Stadt, trotz aller Hindernisse, am 1. Ja
nuar das Holz liefern werden. Mit An­
spannung aller unserer Kräfte gehen wir an die Arbeit. Es lebe die Kommunisti­
sche Partei, die uns hierher beordert hat! Vorsitzender der Kundgebung: Kort­
Klavi
ek wurde in Solomenka mit militärischen Ehren begraben. – [273]
Das heißersehnte Holz war schon nahe, aber die letzten Arbeiten gingen
quälend langsam voran; täglich legte der Typhus Dutzende der dringend not­
wendigen Hände lahm.
Schwach auf den Beinen, wie ein Betrunkener schwankend, kehrte Kortscha­
gin zur Station zurück. Schon seit Tagen lief er mit hoher Temperatur umher.
Heute aber spürte er das Fieber, das ihn schüttelte, stärker als sonst.
Der Bauchtyphus, der die Abteilung he
imsuchte, hatte auch Pawel gepackt.
Bei jedem Schritt spürte er ein schmer
zhaftes Stechen in der Brust, seine
Zähne schlugen aufeinander, ihm schwin
delte, und die Bäume schienen sich
im Reigen zu drehen.
Mit Mühe erreichte er die Station. Er staunte über den ungewöhnlichen Lärm
und schaute auf: Ein langer Zug stand auf der Bahnstation. Auf den offenen
Wagen standen kleine Lokomotiven, Schienen und Schwellen lagen aufgesta­
pelt – sie wurden von den Leuten abgeladen, die mit dem Zug eingetroffen
Pawel machte noch einige Schritte, dann verlor er das Gleichgewicht. Er
fühlte dumpf, wie sein Kopf auf den Boden aufschlug. Der Schnee kühlte die
glühenden Wangen.
Man fand ihn erst nach einigen Stunden, trug ihn in die Baracke. Kortschagin
atmete schwer und erkannte die ihn Umgebenden nicht. Der vom Panzerzug
herbeigerufene Feldscher erklärte: »Kruppöse Lungenentzündung und Bauch­
typhus. Temperatur 41,5. Dazu noch die entzündeten Gelenke und die
Geschwüre am Hals. Das sind jedoch Lappalien, verglichen mit den ersten
zwei Krankheiten, die völlig ausreich
Ein Landsmann Kortschagins – Aljoscha Kochanski – wurde beauftragt, den
Kranken in seine Heimatstadt zu schaffen.
Unter Choljawas Druck und mit Hilfe der gesamten Brigade Kortschagins
gelang es Pankratow und Dubawa schließlich, den besinnungslosen Pawel und
Aljoscha in einem vollgepfropften Eisenbahnwagen unterzubringen. [274]
Aus Angst vor Flecktyphus wollte man sie nicht hereinlassen. Die Passagiere
weigerten sich und drohten, den Typh
uskranken unterwegs an die Luft zu
Choljawa fuchtelte mit der Pistole vor den Nasen derer, die sich der Unter­
»Der Junge hat keine ansteckende Krankheit! Er wird fahren, und wenn wir
gezwungen sein sollten, euch alle raus
zuschmeißen! Merkt euch das, egoisti­
sches Gesindel. Sollte es jemand wagen, den Kranken auch nur anzurühren –
ich werde die Tscheka an der ganzen St
recke darauf aufmerksam machen –,
dann werdet ihr alle aus dem Zug geholt und kommt hinter Schloß und Riegel.
Hier, Aljoscha, hast du Pawkas Pistole. Schieß nur los, wenn sich jemand ein­
fallen läßt, ihn anzufassen«, fügte Choljawa hinzu, um den Passagieren einen
Schreck einzujagen.
»Was denkst du, wird
er's überstehen?«
Er erhielt keine Antwort.
Währenddessen telefonierte Choljawa mit allen seinen Tschekafreunden auf
der ganzen Strecke und bat sie eindringlich, nicht zuzulassen, daß der kranke
Kortschagin von den Reisenden aus dem Zug gesetzt werde, und erst nachdem
er das feste Versprechen erhalten hatte
, daß sie dies nicht dulden würden,
begab er sich zur Ruhe.
An dem nächsten Eisenbahnknotenpunkt wurde aus dem Zug die Leiche
eines während der Reise verstorbenen
unbekannten jungen Burschen auf den
Bahnsteig geschleppt. Wer es gewesen war und woran er gestorben war, das
wußte niemand. Die Eisenbahntschekisten
liefen, der Bitte Choljawas einge­
denk, zum Wagen, um das Abladen zu verhindern. Nachdem sie sich jedoch
überzeugt hatten, daß der Junge tot war, ließen sie ihn in die Leichenkammer
Darauf riefen sie sogleich
Choljawa an und teilten ihm den Tod seines Freun­
so besorgt gewesen war.
Ein kurzes Telegramm aus Bojarka in
formierte das Gouvernementskomitee
vom Tode Kortschagins. [275]
Indessen lieferte Aljoscha Kochanski de
n Schwerkranken bei seiner Mutter ab
und legte sich selbst mit heftigem Typhus nieder.
Januar
Warum ist mir nur so schwer ums Herz
? Bevor ich mich niedersetzte, habe
ich geweint. Wer hätte je gedacht, daß auch die Rita schluchzen kann, und
noch dazu so herzzerreißend? Weint man denn immer nur aus Schwäche? Ein
brennender Schmerz ist heute die Urs
ache. Warum mußte nur dieser Kummer
kommen? Und warum ausgerechnet heute, am Tag unseres großen Sieges, wo
die Schrecken der Kälte überwunden, wo
auf den Eisenbahnstationen Riesen­
mengen kostbaren Heizmaterials auf Verl
adung warten, wo ich eben erst bei
Pawels Tod hat mir die Wahrheit offenb
art: Er war mir teurer, als ich je
gedacht habe.
Damit breche ich meine Aufzeichnungen ab. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals
wiederaufnehmen werde. Morgen schreibe ich nach Charkow, daß ich einver­
standen bin, im Zentralkomitee des Uk
rainischen Jugendverbandes zu arbei­
ten. [276]
DRITTES KAPITEL
Die Jugend trug den Sieg davon. Kortschagin hatte den Typhus überwunden.
Zum viertenmal hatte er an der Schwelle des Todes gestanden und war wieder
zum Leben zurückgekehrt. Erst nach einem Monat erhob er sich von seinem
Lager, noch unsicher auf den Beinen, mager und bleich, und versuchte, sich an
den Wänden haltend, durchs Zimmer
zu gehen. Von der Mutter gestützt,
erreichte er das Fenster und schaute lange auf die Straße hinaus. Die Sonnen­
strahlen spiegelten sich in den Schn
»Nun haben wir also beide den Winter
überlebt«, sagte Pawel leise und
trommelte gegen die Scheibe.
Erschrocken blickte ihn die Mutter an.
»Mit wem unterhältst du dich denn?«
Es war ein schöner Frühling geworden. Kortschagin begann an seine Rück­
kehr in die Stadt zu denken. Er fühlte si
ch wieder so weit bei Kräften, daß er
schon ganz sicher gehen konnte. Und doch schien in seinem Organismus
irgend etwas nicht zu stimmen. Als er einmal im Garten spazierenging,
streckte ihn ein jäher stechender Schmerz im Rückgrat zu Boden. Mühsam
schleppte er sich ins Zimmer. Am nächst
en Tag wurde er aufmerksam vom Arzt
untersucht. Der entdeckte, als er ihm da
»Woher haben Sie denn das?«
»Das stammt von einem Pflasterstein, Doktor. Bei Rowno ist hinter mir mit­
ten auf der Chaussee ein dreizölliges Geschoß krepiert …«
»Aber wie konnten Sie denn die ganze
Zeit damit herumgehen? Haben Sie
denn keine Beschwerden gehabt?«
»Das ist aber eine recht unangenehme
Geschichte, mein Lieber. Die Wirbel­
säule hat solche Erschütterungen nicht gern. Hoffen wir, daß sie sich in
Zukunft nicht bemerkbar m
achen wird. Ziehen Sie sich an, Genosse Kortscha­
gin.« Mit schlecht verhehlter Besorg
nis blickte er seinen Patienten an.
Artjom wohnte bei der Familie seiner
jungen, unscheinbaren Ehefrau Stjo­
scha. Es waren verarmte Ba
»Was suchst du denn hier? Bist wohl stehlen gekommen? Mach lieber, daß du
wegkommst, denn mit unserer Mutter ist nicht zu spaßen!«
In dem alten niedrigen Bauernhaus wurde ein Fensterchen geöffnet, und
»Komm nur herein, Pawluscha!«
Am Ofen stand eine Alte mit pergam
entgelbem Gesicht und hantierte mit
einer Topfgabel. Flüchtig streifte ihr
mißmutiger Blick Pawel, und nachdem sie
den Gast an sich vorbeigelassen hatte
, klapperte sie wieder mit ihrem guß­
eisernen Kochgeschirr.
Zwei halbwüchsige Mädchen mit kurzen
Artjom saß ein wenig verlegen am Tisch. Seine Heirat war weder von seiner
Mutter noch vom Bruder ge
Artjom wußte sehr gut, daß Pawel seinen Übergang »ins kleinbürgerliche
Milieu« – wie er es nannte – nicht billig
Sie saßen eine Weile beieinander, tauschten nichtssagende Worte aus, wie
man das gewöhnlich bei Besuchen zu tun
pflegt, und Pawel schickte sich
schon wieder an zu gehen. Artjom hielt ihn zurück.
»Warte doch, wirst mit uns zu Mittag essen. Gleich bringt Stjoscha frische
Milch. Also morgen willst du fahren? Bist doch eigentlich noch zu schwach,
Pawel.«
Stjoscha kam herein, begrüßte Pawel und rief Artjom auf die Tenne hinaus,
»Ach, Herr Jesus, bei dieser Teufel
sarbeit kommt man nicht einmal zum
Beten!« Sie warf dem Besucher einen sch
eelen Blick zu, löste das um den Hals
geknüpfte Tuch und trat in eine Ecke, die mit vergilbten, traurig dreinschau­
enden Heiligenbildern vollgestellt war. Si
e legte drei ihrer knochigen Finger
zusammen und bekreuzigte sich.
»Vater unser, der du bist im Himmel,
geheiligt werde dein Name«, flüsterten
ihre welken Lippen.
Der Junge im Hof nahm Anlauf und sprang auf den Rücken eines langohrigen
schwarzen Schweins. Mit den Fersen seiner nackten Füße trat er dem Tier in
die Weichen, hielt sich mit beiden Händen an den Borsten fest und schrie auf
das herumrennende und grunzende Schwein ein:
»Hott, hott, lauf zu! Brr, halt still!«
Das Schwein jagte mit dem Jungen auf dem Rücken im Hof herum und ver­
suchte ihn abzuschütteln, aber der schi
eläugige Wildfang hatte sich festge­
klammert.
»Ich werde dir das Reiten schon austre
iben, verfluchter Bengel du! Mach, daß
du von dem Schwein herunterkommst! Hol dich der Teufel! Der Erdboden soll
dich verschlingen, ve
Schließlich gelang es dem Schwein, se
inen Reiter abzuwerfen, und die Alte
wandte sich befriedigt wieder den Heilig
enbildern zu. Sie se
Miene auf und betete weiter: [279]
»Dein Reich komme .. .«
In der Tür tauchte der verheulte Junge au
f. Er wischte sich die blutende Nase
mit dem Ärmel, wimmerte und schluc
»Ma-a-ma, gib mir 'nen Pfannkuchen …« Die Alte wandte sich böse nach ihm
»Nicht einmal beten läßt er einen, dieser schieläugige Satan. Ich werde dir
gleich etwas zu essen geben, du Halunke. ..« Sie griff nach einer [280] auf der
Bank liegenden Peitsche. Der Kleine verschwand im Nu. Die Mädchen kicher­
Die Alte machte sich zum drittenmal ans Gebet.
Pawel erhob sich und ging, ohne auf den Bruder zu warten. Während er die
Pforte hinter sich schloß, sah er am letzten Fenster den Kopf der Alten. Sie
verfolgte ihn mit den Augen.
Wie, zum Teufel, ist Artjom hier hinein
zur politischen Arbeit heranziehen könnte.
Pawel freute sich, daß er am nächsten Tag wieder in die große Stadt fahren
würde, in der er seine Freunde, die
ihm so teuren Menschen, zurückgelassen
hatte. Die Großstadt zog ihn an durch ihre
unwiderstehliche Kraft, ihr pulsie­
rendes Leben, durch die Geschäftigkeit des unaufhaltsam dahinziehenden
Menschenstroms, das Gerassel der Stra
ßenbahnen und das Getöse der Auto­
hupen. Vor allem aber sehnte er sich nach den riesigen Steingebäuden, nach
den verrußten Werkstätten seines Betriebes, den Maschinen und dem leisen
Surren der Riemen. Es zog ihn dorthin, wo
sich die riesigen Räder ungestüm
drehten, wo es nach Maschinenöl roch, zu all dem, was ihm ans Herz gewach­
sen war. Hier jedoch, in dem stillen Städtchen, ergriff Pawel, während er durch
die leeren Straßen streifte, eine seltsa
me Niedergeschlagenheit. Er war nicht
besonders verwundert, daß ihm dieses
Städtchen fremd und langweilig gewor­
den war. Er empfand es sogar als unangenehm, tagsüber spazierenzugehen.
Wenn er so an den geschwätzigen, vor ihren Haustüren hockenden Klatschba­
sen vorüberging, vernahm Pawe
l ihr aufgeregtes Geflüster:
»Schaut nur, wo kommt denn dieses Schreckgespenst her?«
»Der hat, scheint's, die Schwindsucht!«
»Eine feine Pelzjacke, nicht? Ist todsicher gestohlen …«
Und dann kam noch vieles andere, was ihn anwiderte.
Schon seit langem hatte er sich von hier völlig losgelöst.
Die Großstadt mit den energischen und lebensfreudigen Genossen und der
brausenden Tätigkeit war ihm
Unmerklich hatte sich Kortschagin dem Fichtenwäldchen genähert [281] und
blieb am Kreuzweg stehen. Rechts lag das vom Wald durch einen hohen spit­
zen Zaun abgegrenzte alte graue Gefäng
nis, dahinter das weiße Gebäude des
Krankenhauses.
Hier, auf dem Platz, hatte man Walja und ihre Genossen erhängt.
Schweigend weilte er an der Stelle, auf der der Galgen gestanden hatte. Dann
ging er den steilen Abhang hinunter und gelangte zu den Gräbern der Kame­
Unbekannte sorgsame Hände hatten die Gräberreihen mit Tannenkränzen
geschmückt und den kleinen Friedhof mit einer grünen Hecke umgeben. Auf
dem Hügel ragten schlanke Fichten empor. Wie grüne Seide bedeckte zartes
Gras die Hänge der Schlucht.
Pawels Hand zog langsam die Mütze
vom Kopf, und Trauer, tiefe Trauer
erfüllte sein Herz.
Das Wertvollste, was der Mensch besitzt,
ist das Leben. Es wird ihm nur ein­
mal gegeben, und er muß es so nützen, daß ihn später sinnlos vertane Jahre
nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangen­
heit ihn nicht bedrückt und daß er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben,
meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt – dem Kampf für die
Befreiung der Menschheit – geweiht. Und er muß sich beeilen zu leben. Denn
eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh
Von diesen Gedanken bewegt, verließ Kortschagin den Friedhof.
Zu Hause packte die Mutter traurig die Sachen des Sohnes. Pawel, der sie
»Vielleicht bleibst du doch hier, Pawluscha? Es ist mir bitter, im Alter allein
zu sein. So viele Kinder habe ich zur Welt gebracht, und kaum wachsen sie
heran, so laufen sie davon. Was zieht dich denn so nach der Stadt? Auch hier
läßt sich's leben. Oder hast du dir vie
lleicht auch so eine kurzhaarige Wachtel
ausersehen? Mir, der Alten, erzählt ja doch niemand was. Artjom hat sich ver­
heiratet, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen, und von dir ist schon über­
haupt nicht zu reden. Man [282] bekommt euch nur zu sehen, wenn ihr kaum
noch kriechen könnt«, sagte die Mutter leise, während sie die spärlichen Hab­
seligkeiten des Sohnes in ei
ne saubere Tasche packte.
Pawel nahm sie an den Schultern und zog sie an sich.
»Nein, Mamachen, von einer Wachtel ist nicht die Rede. Weißt du denn
nicht, daß sich die Vögel ein Weibchen ihrer Art suchen? Bin ich denn etwa
deiner Meinung nach ein Wachtelhahn?« Die Mutter mußte lächeln.
»Ich habe mir fest vorgenommen, Mamachen, so lange kein Mädchen zu küs­
direkt am Meer; Winter gibt es da üb
erhaupt nicht. Wir quartieren euch dort
in die Paläste der Bourgeois ein, und ihr könnt eure alten Knochen in der
Sonne wärmen. Wir aber werden nach Amerika fahren, um dort mit den Bour­
geois ein Ende zu machen.«
»Ich werde es wohl kaum erleben, mein Söhnchen, daß deine Märchen Wirk­
lichkeit werden … Genauso ein Springinsf
eld wie du war auch dein Großvater.
Ein Seemann war er. Ein wahrhaftiger Räuber, Gott steh mir bei. Er hat am
Sewastopoler Krieg teilgenommen und es dort so weit gebracht, daß er mit
einem Arm und einem Bein nach Hause zurückkehrte. Zwei Kreuze haben sie
ihm an die Brust gehängt und zwei silberne Halbrubelstücke an Bändchen.
Gestorben ist er aber in fürchterlicher Armut. Eigensinnig war er, hatte irgend­
einem von der Obrigkeit mit der Krücke eins über den Schädel gehauen und
hat fast ein Jahr dafür im Gefängnis gesessen. Eingesperrt haben sie ihn, auch
die Kreuze halfen nichts. Wenn ich dich so anschaue, mein Söhnchen, scheint
es mir, als wärst du ganz nach deinem Großvater geraten.«
»Warum machen wir uns den Abschied so schwer, Mamachen? Gib mir mal
die Ziehharmonika. Ich habe sie lange nicht mehr in den Händen gehabt.«
Er beugte den Kopf über die Perlmuttr
eihen der Tasten. Die Mutter staunte,
wie neuartig sein Spiel war. Er spielte an
Zum Bahnhof ging er allein.
Die Mutter hatte er überredet, daheim
zu bleiben. Er wollte keine Tränen
beim Abschiednehmen.
Gewaltsam drängte sich alles in den Zug. Pawel erwischte ganz oben eine
Genauso wie früher wurden auch jetzt
Säcke hereingeschleppt und unter die
Bänke geschoben.
Pawel schlief bald ein.
Das erste Haus, das er aufsuchen wollte,
befand sich im Zentrum der Stadt,
auf dem Krestschatik. Langsam stieg er die Stufen der Bahnüberführung hinan.
Ringsum war alles vertraut, nichts hatte sich verändert. Er überschritt die
Brücke, und seine Hand streifte über da
s glatte Geländer. Er gelangte zu den
Stufen, die hinabführten, und blieb st
ehen – auf der Brücke war keine Men­
schenseele.
Die Nacht bot dem bezauberten Auge
einen großartigen Anblick. Wie
schwarzer Samt bedeckte die Finsternis den Horizont, und hoch oben in uner­
reichbarer Ferne funkelten phosphorarti
g unzählige Sterne. Und unten, wo die
unbestimmbare Grenze der Erde mit dem Horizont zusammenfloß, streute die
Stadt Millionen Lichter in die Dunkelheit …
Kortschagin entgegen kamen einige Gestalten die Treppe herauf. Die schrof­
fen Stimmen der hitzig streitenden Menschen verscheuchten die nächtliche
Stille; Pawel riß seinen Blick von den
Lichtern der Stadt los und begann die
Stufen hinabzusteigen.
Auf dem Krestschatik, im Büro der Sond
erabteilung des Militärbezirks, wurde
Kortschagin vom diensthabenden Kommandanten mitgeteilt, daß Shuchrai
schon längst aus der Stadt weg sei.
Der Kommandant forschte Pawel ziemlic
h lange aus, und erst nachdem er
sich davon überzeugt hatte, daß dieser mit Shuchrai persönlich bekannt war,
erzählte er ihm, daß Fjodor bereits vor zwei Monaten nach Taschkent, an die
turkestanische Front, kommandiert worden sei. Kortschagins Enttäuschung
war so groß, daß er sich nicht einmal nach den Einzelheiten erkundigte.
Schweigend kehrte er um und verließ das [284] Gebäude. Von plötzlicher
Müdigkeit überwältigt, ließ er sich au
f den Stufen der Freitreppe nieder.
Eine Straßenbahn fuhr vorüber und erfü
llte die Straße mit ihrem Gerassel.
Auf dem Gehsteig bewegte sich ein en
dloser Menschenstrom. Die Stadt war
belebt – hie und da glückliches Frau
Der Lärm und der lebendige Atem de
r Hauptstraße ließen Kortschagin all­
mählich den Schmerz vergessen, den die Nachricht von Fjodors Abreise her­
Schon von weitem sah er Licht in dem bekannten Eckfenster oben. Mit Mühe
Aha, sogar Gitarrespielen ist jetzt erla
ubt? Die Lebensordnung ist also nicht
mehr so streng, dachte Pawel.
Er klopfte leicht mit der Faust an di
e Tür. Um seiner Erregung Herr zu wer­
den, biß er sich auf die Lippen.
Die Tür wurde von einer unbekannten ju
»Sie wünschen?«
Die Tür war offengeblieben, und ein flüc
htiger Blick auf die fremde Einrich­
tung ließ ihn die Antwort ahnen.
»Kann ich Genossin Ustinowitsch sprechen?«
»Sie wohnt nicht mehr hier. Sie ist schon im Januar nach Charkow abgereist
und von dort, wie man erzählt, nach Moskau.«
»Und wohnt Genosse Akim noch hier, oder ist auch er abgereist?« [285]
Pawel blieb nichts anderes übrig, al
s umzukehren. Seine Freude über die
Rückkehr in die Stadt erlosch allmählich.
Jetzt war es höchste Zeit, ernstlich an eine Unterkunft zu denken.
»So aufs Geratewohl die Fr
eunde abzuklappern hat ke
inen Zweck, dabei läuft
man sich nur die Hacken ab und trifft doch niemanden an«, brummte Kort­
schagin mürrisch, gegen die Erbitterung ankämpfend. Schließlich entschloß er
sich doch, noch einmal sein Glück zu versuchen und zu Pankratow zu gehen.
der Nähe der Schiffsanlegestelle. Zu ihm war es
näher als nach Solomenka.
Müde und zerschlagen erreichte er schließlich Pankratows Wohnung, und
während er an die einst mit Ocker ange
strichene Tür klopfte, dachte er bei
sich: Wenn auch der nicht zu Hause ist, werde ich nicht mehr umherrennen.
Ich lege mich einfach unter ein Boot und übernachte so.
Die Tür wurde von einer alten Frau in einem schlichten, unterm Kinn
»Ist Ignat zu Hause, Mütterchen?«
»Eben ist er gekommen. Wollen Sie zu ihm?« Sie hatte Pawel nicht erkannt,
wandte sich ab und rief:
»Ignat, da ist jemand, der zu dir will!«
Pawel folgte ihr ins Zimmer und legt
»Wenn du zu mir gekommen bist, dann se
tz dich her und erzähle. Ich will
inzwischen meine Suppe verdrücken. Seit
dem Morgen habe ich nur Wasser in
den Bauch gekriegt!« Und Pankratow gr
iff nach einem riesigen Holzlöffel.
»Na, schieß los, was willst du denn?«
Pankratows Hand blieb mit einem Stück Brot auf halbem Wege zum Mund in
der Luft hängen. Er blinzelte ganz verwirrt. [286]
»He … Warte mal … Teufel noch mal! Was soll denn das bedeuten?«
Als Kortschagin sein vor Aufregung rot
gewordenes Gesicht sah, konnte er es
»Pawka! Wir haben dich doch alle längst tot geglaubt! – Aber halt mal! Wie
heißt du denn?«
Auf Pankratows Geschrei kamen die äl
tere Schwester und die Mutter aus dem
Nebenzimmer gelaufen. Alle drei überzeugten sich schließlich, daß es wirklich
Kortschagin war, der vor ihnen stand.
Im Haus lag schon längst alles in tiefstem Schlaf, und Pankratow erzählte
noch immer von den Ereignissen, die sich während der letzten vier Monate
abgespielt hatten.
»Sharki und Dubawa sind bereits im Winter nach Charkow abgereist. Und
nicht so einfach abgereist sind sie,
diese Teufelskerle, sondern auf die Kom­
munistische Universität. Sie wurden
in den Vorbereitungskursus aufgenom­
men. Wir wollten – an die fünfzehn Mann – dorthin fahren. In der Hitze des
Gefechts habe auch ich ein Aufnahmegesuch geschrieben. Man muß mal,
denke ich, das Gehirn 'n bißchen verdichten, denn es ist zu dünnflüssig. Aber,
verstehst du, in der Kommission
haben sie mich reingelegt.«
Pankratow schnaubte gekränkt, und dann fuhr er fort:
»Zuerst ging meine Sache wie geschmiert
. Alles stimmte bei mir: Ein Partei­
buch habe ich, bin auch lange genug Mitglied des Jugendverbandes, an meiner
sozialen Lage und Herkunft kann keiner
Ich bin da mit einem Genossen von der Kommission in Streit geraten. Der
stellte mir folgende Frage: ›Sagen Sie,
Genosse Pankratow, welche Kenntnisse
haben Sie in Philosophie?‹ Aber das war's eben, daß ich davon nicht die
geringste Ahnung hatte. Ich entsann mich aber sogleich, daß bei uns mal so
ein vagabundierender Gymnasiast als Hafe
narbeiter angestellt war. Lastträger
war der aus purer Wichtigtuerei geworden
. Der hatte uns einmal erzählt, daß
es in Griechenland, der Teufel weiß wann, solche Gelehrte gegeben hatte, die
hauste sein ganzes Leben lang in einer Tonne, und so weiter … Als größter
Spezialist galt bei ihnen derjenige, der
vierzigmal nachwies, daß weiß schwarz
und schwarz weiß sei. Kurz und gut – sie waren alle [287] Schwindler. Nun
also, ich erinnerte mich daran, was uns der Gymnasiast erzählt hatte, und
›Philosophie‹, sagte ich, ›das ist einf
ach leeres Geschwätz und Spiegelfechte­
rei. Ich, Genossen, habe gar keine Lust, mich mit solchem Quatsch abzugeben.
Die Parteigeschichte, die studiere ich von ganzem Herzen gern.‹ Da nahmen
sie mich gleich ins Gebet, wollten wissen, woher ich denn solche Vorstellun­
gen über die Philosophie hätte. Da habe ich dann noch einiges von dem hin­
zugefügt, was uns der Gymnasiast erzählt hatte. Die ganze Kommission brach
in schallendes Gelächter aus. Ich wurde wütend. ›Was‹, sagte ich, ›ihr wollt
mich wohl zum Narren halten?‹, nahm meine Mütze und ging.
Nun siehst du, Dubawa und Sharki, die kamen durch. Dmitri, der hat in der
Schule ordentlich was gelernt, aber Sharki – der weiß auch nicht viel mehr als
ich. Wahrscheinlich hat ihm sein Orde
n dabei geholfen. Kurz und gut, ich
hatte das Nachsehen. Man hat mich dann mit der Verwaltung der Dampfer­

Parteikomitee. Von den anderen habe ich dir schon erzählt. Ja, Pawluscha,
viele Leute hat die Partei zum Lernen
geschickt. In der Gouvernementspartei­
schule hockt jetzt das gesamte Aktiv über den Büchern. Man hat versprochen,
das nächste Jahr auch mich dorthin zu schicken.«
Es war lange nach Mitternacht, als sie einschliefen. Als Kortschagin am Mor­
gen erwachte, war Ignat schon zur Anlegestelle gegangen. Dussja, seine
Schwester, ein kräftiges Mädchen, das dem Bruder sehr ähnlich sah, bewirtete
den Gast mit Frühstück und plauderte mit ihm fröhlich über allerlei Kleinig­
keiten. Pankratows Vater, ein Schiffsmaschinist, war auf Fahrt.
Als sich Kortschagin auf den Weg machen wollte, erinnerte ihn Dussja:
»Vergessen Sie nicht, daß wir
Sie zum Mittagessen erwarten.«
Im Gouvernementskomitee herrschte wi
e immer reges Leben. Ununterbro­
chen ging die Tür auf und zu. Die Korridore und Zimmer waren voller Men­
schen. Hinter der Tür der Geschäftsleitung hörte man das gedämpfte Klappern
der Schreibmaschinen. Pawel blieb eine Ze
itlang im Gang stehen. Er sah sich
in einer blauen Russenbluse der Sekr
»In welcher Angelegenheit kommen Sie?« fragte der Sekretär, nachdem er
Pawel erzählte ihm seine Geschichte.
»Ihr müßt mich wiederauferstehen lassen, Genosse, in die Mitgliederliste der
Organisation eintragen und in die Werkstätten schicken. Gib bitte eine solche
»Deine Mitgliedschaft werden wir natürlic
h wiederherstellen, das ist gar keine
Frage. Jedoch dich in die Werkstätten schicken, ist nicht ganz so einfach, dort
Kortschagins Blick
verdüsterte sich.
»Ich will nicht deshalb in die Werkstätte
Ȇbergeben Sie das dem Genossen Tuft
a. Er wird schon alles regeln.«
In der Personalabteilung wa
r Tufta gerade damit beschäftigt, seinen Gehilfen,
den Kartothekführer, abzukanzeln.
Pawel hörte sich das Gezänk eine halbe Minute lang an, als er jedoch sah,
daß sich die Sache in die Länge zog, un
Personalleiter.
Tufta schaute bald auf den Zettel, bald
auf Kortschagin. Endlich kapierte er.
»Ach so! Du bist also nicht gestorbe
nichts anderes übrig, als von neuem de
Kortschagin runzelte die Stirn.
»Du bist also immer noch der alte! Ein junger Kerl, aber schlimmer als eine
alte Ratte aus dem Gouvernementsarchiv. Wann endlich wird mal ein Mensch
aus dir werden, Tufta?«
Tufta sprang auf wie von der Tarantel gestochen.
»Lies mir hier gefälligst nicht die Le
viten. Meine Arbeit verantworte ich
selbst. Rundschreiben werden nicht geschrieben, damit man sie mißachtet.
Und wegen der ›Ratte‹ werde ich dich noch zur Verantwortung ziehen lassen.«
Langsam wandte sich Pawel zur Tür. Dann fiel ihm jedoch etwas ein, er
kehrte zum Tisch zurück und nahm den vor Tufta liegenden Zettel des Sekre­
tärs wieder an sich.
»Schön«, sagte Kortschagin mit spöttischer Ruhe.
»Man kann mich natürlich der ›Desorganisierung der Statistik‹ beschuldigen,
aber sag mir, wie du das ausknobeln w
plinarisch vorzugehen, die es wagen zu
sterben, ohne dir vorher ein entspre­
chendes Gesuch einzureichen? So was
steht doch jedem frei. Er kann erkran­
ken, er kann auch sterben, aber ein Rundschreiben ist für solche Fälle wahr­
scheinlich nicht vorgesehen.«
»Hahaha!« platzte Tuftas Gehilfe vergnügt heraus. Er hatte es nicht mehr aus­
gehalten, den Neutralen zu spielen.
Die Spitze des Bleistifts in Tuftas Hand brach ab. Er schmiß ihn hin, konnte
aber seinem Gegner nicht mehr antworten. Ein ganzes Rudel lachender und
sich laut unterhaltender junger Leute
drang ins Zimmer. Unter ihnen war auch
Okunew. Das freudige Staunen und das Aus- [291] fragen nahm kein Ende.
Nach einigen Minuten kam noch eine Gruppe Jugendlicher herein, unter
ihnen auch Olga Jurenewa. Lange drückte sie Pawel sprachlos und freudig
bewegt die Hand.
Er mußte noch einmal alles von Anfang
an erzählen. Die aufrichtige Freude
der Genossen, ihre unverfälschte Freundsc
haft und ihr Mitgefühl, ihr kräftiger
Händedruck und ihr freundschaftliches, etwas derbes Klopfen auf die Schulter
ließen ihn Tufta vergessen.
Am Schluß berichtete Pawel den Genossen von seiner Unterredung mit Tufta.
Ringsum wurden Ausrufe der Empörung laut. Olga maß Tufta mit einem ver­
»Laß uns zu Neshdanow gehen! Er wird ihm schon eins auf die Schnauze
geben.« Mit diesen Worten umfaßte Okunew Pawel, und zusammen mit den
anderen Genossen folgten sie Olga.
»Man muß ihn absetzen und zur Strafe ein Jahr lang als Lastträger bei Pankra­
tow an der Anlegestelle arbe
iten lassen. Tufta ist ja durch und durch Bürokrat!«
ereiferte sich Olga.
Ȇber Kortschagins Wiedereinstellung braucht man keine Worte zu verlieren.
Mitgliedsbuch«, sagte er.
prima Bursche seine Stelle einnimmt, der
von der Statistik nichts versteht, so
werden wir zwar keinen Bürokratismus haben, aber auch keine Ordnung. Las­
sen wir ihn also arbeiten. Ich werde ihm schon den Kopf waschen, wie sich's
gehört, das wird eine Zeitlang wirken, und nachher werden wir schon sehen.«
»Gut, hol ihn der Teufel«, erklärte sich Okunew einverstanden.
»Los, Pawluscha, fahren wir nach Solomenka. Wir haben heute im Klub eine
Versammlung des Jugendaktivs. Niemand weiß bis jetzt was von dir, und
plötzlich wird angesagt: ›Das Wort hat Kortschagin.‹ Bist ein Prachtkerl, Pawlu­
scha, daß du nicht gestorben bist. Denn wirklich, [292] welchen Nutzen hätte
»Olga, wirst du kommen?«
»Aber selbstverständlich.«
Hier tischte er auf, was er nur auftre
»Schau dir diese ganzen Erzeugnisse durch. Während du deine Zeit mit dem
Typhus vertrödelt hast, ist eine Menge Wasser den Berg hinabgelaufen. Lies
und mach dich mit allem bekannt, was hier inzwischen los war und was jetzt
los ist. Gegen Abend hole ich dich ab, und wir gehen in den Klub, und wenn
du inzwischen müde wirst, leg
dich hin und schlaf dich aus.«
Okunew steckte einen Haufen Dokumente, Bescheinigungen und andere
Als er am Abend zurückkehrte, war der Boden des Zimmers mit auseinander­
»Ach, du Lümmel, was hast du nur aus meinem Zimmer gemacht!« rief Oku­
new mit gespielter Entrüstung.
»Heda, halt ein, Genosse, du liest ja da ein vertrauliches Schreiben! Man muß
bloß so einen Kerl in sein Zimmer lassen!«
Pawel legte den Brief
lächelnd beiseite.
»Hierin sind ja nun gerade keine Geheimnisse enthalten. Dafür aber hast du
tatsächlich ein vertrauliches Schreiben als Lampenschirm benutzt. Der Rand
Okunew nahm das angesengte Blatt und schlug sich, nachdem er einen Blick
darauf geworfen hatte, mit der Handfläche gegen die Stirn.
»Und ich suche es schon seit drei Tagen, verdammt noch mal! Es war ver­
schwunden, als hätte es der Erdboden verschluckt. Jetzt fällt's [293] mir ein,
vorgestern hat Wolynzew daraus einen Lampenschirm gemacht, und dann hat
er es selbst im Schweiße seines Angesi
»Später werden wir aufräumen«, sagte er
in beruhigendem Ton, »jetzt werden
wir erst mal etwas essen, und dann geht's in den Klub. Setz dich, Pawluscha!«
Okunew zog aus der einen Tasche einen in Zeitungspapier eingewickelten
langen Dörrfisch hervor und aus der anderen zwei Scheiben Brot. Er schob das
Papier an den Rand des Tisches und breite
te auf der frei gewordenen Stelle eine
Zeitung aus. Dann packte er den Fisch beim Kopf und begann damit gegen den
Tisch zu klopfen, damit sich die Haut besser abziehen ließe.
Während Okunew auf dem Tisch saß und energisch mit den Kinnbacken
Okunew führte Pawel durch den Diensteingang in den Klub, gleich hinter die
Kulissen. In einer Ecke des geräumigen Saals, rechts von der Bühne, neben
dem Flügel, befanden sich Talja Lagutina und Anna Borchardt im Kreis der
Eisenbahnerkomsomolzen. Anna gegenüber, mit seinem Stuhl wippend, saß
Neben ihm, den Ellbogen nachlässig auf
den Klavierdeckel gestützt, saß Zwe­
tajew, ein schmucker Bursche mit kastanienbraunem Haar und scharfgeschnit­
tenen Lippen. Der Kragen seines Hemdes war aufgeschlagen.
Während sich Okunew der Gruppe nähe
rte, hörte er, wie Anna sagte:
»Mancher versucht die Aufnahme neuer Genossen mit allen Mitteln zu
»Der Kommunistische Jugendverband ist kein Durchgangshof«, erwiderte
»Schaut her, schaut her! Nikolai strahl
t heute wie ein blankgeputzter Samo­
war!« rief Talja, als sie Okunew gewahr wurde.
Sie zogen ihn in ihren Kreis und bestürmten ihn:
»Wo warst du denn?«
»Wir wollen endlich anfangen!«
Okunew winkte beruhigend mit der Hand ab. [294]
»Nicht so hitzig, Kinder, gleich wird Tokarew kommen, und dann geht's los.«
»Da kommt er ja schon!« rief Anna. Okunew eilte ihm entgegen.
»Komm hinter die Kulissen, Väterchen, ich werde dir einen deiner alten
Bekannten zeigen. Wirst aber Augen machen!«
»Wer kann schon dort sein?« brummte der Alte und sog dann an seiner Ziga­
rette. Aber schon führte ihn Okunew mit sich fort.
Die Glocke in Okunews Hand schrillte de
rart durchdringend, daß sich selbst
die eifrigsten Schwätzer beeilten, ihre Gespräche zu
unterbrechen.
Hinter Tokarew hing in einem aus Tannengrün geflochtenen Rahmen das
Löwenhaupt des genialen Schöpfers des Kommunistischen Manifests. Wäh­
»Genossen! Bevor wir zur Tagesordnung übergehen, hat ein Genosse gebeten,
ihm das Wort zu erteilen; sowohl Genosse Tokarew wie ich sind damit einver­
standen.«
Aus dem Saal hörte man zustimmende Rufe.
Okunew platzte heraus:
»Das Wort zur Begrüßung hat Pawka Kortschagin!«
Unter den hundert im Saal Anwesenden kannten Kortschagin mindestens
achtzig Genossen, und als die vertraute Gestalt an der Rampe erschien und der
hochgewachsene blasse Bursche zu sprechen begann, wurde er von allen mit
frohen Rufen und stürmischen Ovationen begrüßt.
»Liebe Genossen!«
Die Stimme Kortschagins blieb gleichmä
spüren.
»Es ist also Tatsache, Freunde, daß ich
zu euch zurückgekehrt bin und meinen
Platz in euren Reihen wieder einnehme.
Ich bin glücklich, daß ich wieder da
bin. Ich sehe hier eine Anzahl meiner Freunde. Bei Okunew habe ich gelesen,
daß sich hier bei uns in Solomenka die Zahl der Genossen um ein Drittel
vermehrt hat, daß man in den Werkstätten und im Depot mit der Herstellung
von Feuerzangen Schluß gemacht hat un
sterben können!« Kortschagins Augen strahlten vor Glück.
Unter stürmischen Zurufen stieg Pawel von der Bühne in den Saal und ging
dorthin, wo Anna Borchardt und Talja saßen. Schnell schüttelte er ihnen die
Hände. Die Freunde rückten zusammen, und Pawel setzte sich. Taljas Hand
legte sich auf die seine und drückte sie fest, sehr fest.
Annas Augen waren weit geöffnet, ihre Wimpern zuckten kaum merklich,
und ihr Blick verriet Staunen und Wiedersehensfreude.
Die Tage vergingen. Gewöhnlich konnte man sie wohl kaum nennen. Jeder
Lange stritt er sich mit Nikolai herum,
bevor der sich einverstanden erklärte,
ihn vorerst von leitender politischer Arbeit zu befreien.
»Bei uns herrscht Mangel an Menschen, und du willst dich in den Betrieb
zurückziehen. Rede mir nicht von deiner
Krankheit, ich bin selber nach dem
Typhus einen Monat lang am Stock ins Bezirkskomitee gegangen. Ich kenne
dich doch, Pawka, das ist nicht der wahr
e Grund. Sag mir lieber, was los ist«,
bestürmte ihn Okunew.
»Der wirkliche Grund, Kolja, ist, daß ich lernen möchte.«
Okunew brüllte triumphierend auf:
»Aha …! Darum geht es! Du möchtest le
rnen, aber glaubst du vielleicht, daß
ich das nicht möchte? Ein Egoist bist
du, mein Freundchen. Wir also sollen
uns hier abschuften, und du wirst studieren. Nein, mein Lieber, gleich morgen
gehst du in die Instruktionsabteilung.«
Aber nach langem Hin und Her gab Okunew doch nach.
»Zwei Monate werde ich dich in Ruhe
lassen. Sollst meine Gutmütigkeit ken­
nenlernen. Aber mit Zwetajew wirst du nicht zusammenarbeiten können, der
ist zu sehr von sich eingenommen.«
Zwetajew nahm die Rückkehr Kortschagins in die Werkstatt mit Zurückhal­
tung auf. Er war überzeugt, daß mit dessen Erscheinen ein Kampf um die poli­
tische Leitung beginnen würde, und be
eines politischen Elementarkurses, aber
der Arbeit im Komitee wich er aus.
Und doch war, obgleich er auf die offizie
auf die gesamte Arbeit des Kollektivs
deutlich zu spüren. Unauffällig, ganz
kameradschaftlich half er Zwetajew mehr als einmal aus schwierigen Situatio­
nen.
»Was scheuert ihr denn da herum?« fragte Zwetajew verständnislos.
»Wir wollen nicht im Dreck arbeiten. Seit zwanzig Jahren ist hier nicht sau­
bergemacht worden. Wir werden unsere
Werkabteilung binnen einer Woche
vollständig renovieren«, erwiderte ihm Kortschagin kurz.
Zwetajew zuckte mit den Schultern und ging.
Den Elektromonteuren genügte das aber noch nicht – sie räumten nicht nur
in der Werkstatt auf, sondern machten sich auch an die Säuberung des Fabrik­
hofes. Dieser große Hof war von jeher
eine Schuttabladestätte gewesen. Was
lag da nicht alles umher! Hunderte von Waggonrädern, ganze Berge rostigen
»Wir haben jetzt wichtigere Auf gabe
n. Der Hof läuft uns nicht davon.«
Da pflasterten die Monteure noch schne
ll den Vorplatz zum Eingang in ihre
Werkabteilung mit Ziegelsteinen und be
Als der Chefingenieur Strish eine Woch
»Hm, ja …«, staunte Strish.
In einer entlegenen Ecke der Abteilung
»Einen Augenblick, mein Lieber«, hielt ihn der Ingenieur an.
»Mit dem, was Sie da tun, bin ich einverstanden. Aber woher haben Sie die
Farbe? Ich habe doch verboten, ohne meine Erlaubnis Material zu verbrau­
chen, und Farbe ist sehr knapp. Das Anstreichen der Lokomotivteile ist wichti­
ger als das, was Sie hier machen.«
»Wir haben weggeworfene Farbenbüchsen gesucht. Zwei Tage lang haben wir
uns mit dem alten Gerümpel abgegebe
n und etwa fünfundzwanzig Pfund
zusammengekratzt. Wir halten uns genau an die Vorschriften, Genosse Ingeni­
eur.«
Strish brummte noch ein wenig, aber diesmal schon ganz verlegen.
Kortschagin spürte aus den Worten de
s Technischen Leiters völlige Verständ­
»Natürlich. Wann denn sonst?«
»Ja, aber …«
»Ja, das ist eben das Aber, Genosse Strish. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß
sich die Bolschewiki mit diesem Schmutz
abfinden würden?
Warten Sie nur ab,
wir werden die Sache noch viel besser in Schwung bringen. Sie werden noch
Ihr blaues Wunder erleben.«
Er wich dem Ingenieur vorsichtig aus, um ihn nicht mit Farbe zu beschmie­
ren, und ging davon.
Bis spätabends steckte Kortschagin gewöhnlich in der öffentlichen Bibliothek.
Unter den alten Büchern fand Kortschagin den Roman »Spartakus«. Nachdem
er ihn in zwei Nächten verschlungen hatte, stellte er ihn in den kleinen
Schrank neben eine Reihe Gorki-Bände.
So gruppierte Pawel die für ihn intere
ssante und wichtige Literatur die ganze
Zeit hindurch um. Die Bibliothekarinnen hinderten ihn nicht daran, ihnen
war das gleichgültig.
Die im Jugendkollektiv herrschende
Eintönigkeit und Ruhe wurde durch
einen scheinbar unbedeutenden Vorfall jäh gestört. Kostja Fidin, ein stupsna­
siger, phlegmatischer Bursche mit pock
ennarbigem Gesicht, ein Mitglied der
Zellenleitung der mittleren Reparaturwe
rkstätte, hatte beim Bohren einer
Eisenplatte einen teuren amerikanischen Bohrer zerbrochen, und zwar infolge
unglaublicher Nachlässigkeit, ja sogar noch schlimmer – es sah fast wie Absicht
aus. Der Obermeister der mittleren Werkstatt, Chodorow, hatte Kostja ange­
wiesen, in eine Platte einige Löcher
zu bohren. Anfänglich weigerte sich
Kostja, aber als der Meister darauf bestand, nahm er die Platte und begann zu
Chodorow war in der Werkstatt unbeliebt, da er ewig nörgelte und sehr große
Ansprüche an die Arbeit stellte. Er wa
r früher einmal Menschewik gewesen.
Am gesellschaftlichen Leben
Der Meister bemerkte, daß Kostja »trocken« bohrte, ohne den Bohrer entspre­
chend geölt zu haben. Hastig ging er zur Bohrmaschine und stellte sie ab.
»Du hast wohl keine Augen im Kopf, oder arbeitest du erst seit gestern hier!«
schrie er Kostja an, da ihm klar war,
daß der Bohrer durch eine derartige
Behandlung unbedingt kaputtgehen mußte.
Kostja gab eine freche Antwort und begann erneut zu bohren. Chodorow
ging zum Abteilungsleiter, um sich zu beschweren. Kostja hingegen rannte,
ohne die Bohrmaschine abzustellen, nach einer Ölkanne, damit, wenn jemand
von der Betriebsleitung käme, alles in
Ordnung vorgefunden würde. Als er mit
dem Öl zurückkehrte, war der Bohrer be
reits gebrochen. Der Abteilungsleiter
verlangte Fidins Entlassung, Die Leitung
Von den fünf Mitgliedern der Jugendleitung waren drei, darunter auch Zwe­
tajew, der Meinung, daß Kostja einen Verweis bekommen und auf eine andere
Die zwei anderen Mitglieder der Leitung hielten Kostja überhaupt für
unschuldig.
Sogar die Ausstattung des Zimmers hatte er beaufsichtigen müssen.
Pawel ging schon auf eine der frei
»Kortschagin! Wir haben heute eine geschlossene Sitzung!«
Pawel wurde über und über rot und ging langsam zum Tisch.
»Das weiß ich. Mich interessiert jedoch euer Standpunkt zum Fall Kostja
Fidin. Ich möchte dazu einen neuen Gesichtspunkt vorbringen. Oder hast du
etwas gegen meine Anwesenheit einzuwenden?«
»Ich habe nichts dagegen. Es ist dir jedoch bekannt, daß an geschlossenen
Sitzungen nur Komiteemitglieder teilnehmen dürfen. Wenn es zu [300] viele
Leute sind, ist die Behandlung der Fragen schwieriger. Aber wenn du nun ein­
mal hier bist, nimm schon Platz.«
Kortschagin erhielt zum erstenmal eine solche Ohrfeige. Zwischen seinen
»Wozu diese Formalität?« fr
agte Chomutow mißbilligend.
Kortschagin brachte ihn jedoch durch eine Geste zum Schweigen und ließ
sich auf einem Schemel nieder.
Zwetajew ließ ihn nicht zu Ende reden und widersprach. Zehn Minuten lang
hörte Kortschagin zu, dann war er sich über den Standpunkt des Komitees im
klaren. Als man schon abstimmen wollte, bat er, eine Erklärung abgeben zu
»Genossen, ich möchte zu der Sache mit Kostja einmal meine Meinung
sagen.«
Kortschagins Stimme klang schärfer, als es ihm selbst lieb war.
»Die Sache mit Kostja ist ein Signal – aber das wichtigste dabei ist nicht ein­
mal Kostja. Ich habe mir gestern einige Zahlen notiert.« Pawel holte sein
Notizbuch hervor.
»Die Zahlen hat mir die Kontrolle im Betrieb gegeben. Hört jetzt nur auf­
merksam zu! Dreiundzwanzig Prozen
t aller Komsomolzen kommen täglich
fünf bis fünfzehn Minuten zu spät zur Arbeit. Das ist bereits zur Regel gewor­
den. Siebzehn Prozent aller Komsomolzen schwänzen systematisch ein bis
zwei Tage im Monat, während es unter der unorganisierten Jugend nur vier­
zehn Prozent Bummler gibt. Diese Zahlen sind für uns schlimmer als Peit­
schenhiebe. Ich habe mir bei dieser Gelegenheit außerdem noch folgendes
notiert: Unter den Parteigenossen gibt
es vier Prozent Bummler, die allmonat­
lich einen Tag fehlen, und ebenfalls vier
Prozent, die sich verspäten. Von den
parteilosen erwachsenen Arbeitern bummeln monatlich elf Prozent einen Tag,
zu spät kommen dreizehn Prozent. Werkzeugbruch geht zu neunzig Prozent
auf Kosten der Jugendlichen, davon entfallen nur sieben Prozent auf solche,
die erst kurze Zeit im Betrieb arbeiten.
Die Schlußfolgerung daraus ist, daß wir
Komsomolzen viel schlechter arbeiten
als die Parteimitglieder und die erwach­
senen partei- [301] losen Arbeiter. Das ist aber nicht in allen Werkstätten so. In
der Schmiede herrscht beneidenswerte Ordnung, bei den Elektromonteuren
steht es zufriedenstellend, aber in den anderen Werkstätten haben wir überall
so ziemlich die gleiche Lage. Genosse Chomutow hat meines Erachtens zu der
Frage der Disziplin nur ein Viertel von
dem gesagt, was gesagt werden müßte.
Vor uns steht die Aufgabe, diese Lage zu
verändern. Ich will hier nicht Agita­
tion treiben und Versammlungsreden schwingen. Wir müssen jedoch gegen
diese Lotterwirtschaft und Schlamperei mit aller Schärfe ankämpfen. Die alten
Arbeiter sagen es geradeheraus: ›Für
Ich beantrage, Fidin als Schlendrian, als Taugenichts und Desorganisator aus
dem Jugendverband auszuschließen, sein
e Angelegenheit an der Wandzeitung
zu behandeln und offen, ohne irgendwelche Beschönigung, die von mir
genannten Zahlen im Leitartikel zu veröffentlichen. Wir haben Kräfte genug,
wir haben Genossen, auf die wir uns
dabei stützen können. Die Mehrheit
unserer Jugendgenossen sind gute Betriebsarbeiter. Sechzig von ihnen haben in
Der sonst so ruhige und schweigsame Kortschagin hatte diesmal lei- [302]
denschaftlich und scharf gesprochen. Zwetajew sah den Monteur zum ersten­
mal in seiner wirklichen Gestalt. Er ve
rstand, daß Pawel recht hatte, aber das
Mißtrauen ihm gegenüber hinderte ihn daran, sich mit ihm einverstanden zu
erklären. Er betrachtete Kortschagins Auftreten als eine scharfe Kritik am all­
gemeinen Zustand der Organisation, als
Autorität und nahm sich vor, mit Pawel gründlich abzurechnen. Er begann
seine Widerlegung mit der unverblümten
Anschuldigung, daß Kortschagin den
Menschewik Chodorow verteidige.
Drei Stunden lang währte die stürmische Debatte. Erst am späten Abend
wurde ihr Ergebnis zusammengefaßt. Vo
n der unerbittlichen Logik der Tatsa­
chen geschlagen und nachdem sich die Mehrheit auf Pawels Standpunkt
gestellt hatte, beging Zwetajew einen Fe
hler – er verstieß gegen die Demokra­
tie. Vor der entscheidenden Abstimmung
forderte er Kortschagin auf, das
Zimmer zu verlassen.
»Gut, ich werde hinausgehen, Ehre macht dir das nicht, Zwetajew. Bevor ich
gehe, mache ich dich nur auf eins aufmerksam, daß ich, falls du deinen Stand­
punkt doch durchsetzen solltest, morgen in der allgemeinen Versammlung
auftreten werde. Dort wirst du – ich bin fest davon überzeugt – keine Mehrheit
bekommen. Du hast unrecht, Zwetajew. Ich denke, Genosse Chomutow, daß
du diese Frage noch vor der allgem
einen Versammlung auf der Parteiver­
sammlung behandeln lassen mußt.«
»Willst du mich erschrecken? Ich weiß
auch ohne dich, was ich zu tun habe.
Wir werden dort auch über
dich sprechen. Wenn du selbst nicht arbeitest, so
hindere wenigstens andere nicht daran.«
Als Pawel die Tür hinter sich ins Schloß geworfen hatte, fuhr er sich mit der
Hand über die heiße Stirn und ging
durch das leere Büro zum Ausgang.
Kortschagin traf den Schlosser beim Abendbrot.
»Nun erzähl mal, was gibt's bei euch
Neues. Darja, bring ihm doch eine
Schüssel Brei.« Tokarew nötigte Pawel, Platz zu nehmen.
Darja Fominischna, Tokarews Frau, die im Gegensatz zu ihrem Mann groß
»Iß, mein Junge.«
Der Schlosser lauschte aufmerksam Pawe
ls Erzählung. Er selbst sagte kein
Wort, löffelte fleißig seinen Brei, nur hi
er und da ließ er ein leises »Hm« ver­
nehmen. Als er mit dem Essen fertig war, wischte er sich mit dem Taschentuch
den Bart ab und räusperte sich.
»Du hast natürlich recht. Wir hätten schon längst diese wichtige Frage
behandeln müssen. Das Kollektiv der We
rkstätten ist das größte und bedeu­
tendste in unserem Bezirk. Da muß man auch den Anfang machen. Du bist
also mit Zwetajew in Streit geraten? Sc
hlimm. Er ist ein rechthaberischer Kerl,
aber du hast es doch immer verstanden, mit den Jungen zu arbeiten. Neben­
bei, was machst du eigentlich in den Werkstätten?«
»Ich arbeite in meinem Fach. Na, und mache überall ein bißchen mit. Leite
in der Zelle meiner Werkabte
ilung einen Elementarzirkel.«
»Und in der Jugendleitung, was machst du da?« Kortschagin wurde verlegen.
»Ich habe die erste Zeit, da ich mich noch ein bißchen schwach fühlte und
außerdem lernen wollte, offiziell
an der Leitung nicht teilgenommen.«
»Na ja, da haben wir's!« rief Tokarew mißbilligend aus.
»Weißt du, mein Söhnchen, nur eins rettet dich vor einer gründlichen Kopf­
wäsche: Das ist deine schwache Gesundheit. Und jetzt, wie ist es, hast du dich
ein bißchen erholt?«
»Ja.«
»Nun also, dann mach dich jetzt mal richtig an die Arbeit. Hat doch keinen
Sinn, daß du weiter so herumwurstelst. Wann ist es schon dagewesen, daß
man als fünftes Rad am Wagen was Vernünftiges leisten konnte! Jeder wird dir
sagen, du drückst dich vor der Verantwortung – und du kannst dich nicht
einmal verteidigen. Bring das alles morgen in Ordnung, und Okunew werde
ich den Kopf waschen«, schloß Tokarew,
und in seiner Stimme lag Unzufrie­
denheit.
»Laß ihn in Ruhe, Alter«, bat Pawel, »ich hab ihn selbst gebeten, mir vorläu­
fig keine Funktion zu übertragen.«
Tokarew pfiff verächtlich durch die Zähne.
»Du hast ihn gebeten, und er hat dir nachgegeben? Nun gut, was soll man
schon mit euch [304] Komsomolzen anfangen? – Aber jetzt los, Junge, lies mir
mal wie in früheren Zeiten die Zeitung vor. Meine Augen wollen nicht mehr so
Das Büro des Parteikollektivs erklärte
sich mit dem Standpunkt der Mehrheit
des Jugendkomitees einverstanden. Das
Partei- und Komsomolkollektiv erhielt
eine wichtige und schöne Aufgabe: durch die eigene Arbeit ein gutes Beispiel
an Arbeitsdisziplin zu geben. In der
Komiteesitzung wurd
Am nächsten Tag erschienen an den Wandzeitungen der Hauptwerkstätten
Artikel, die die Aufmerksamkeit aller Arbe
iter auf sich lenkten. Sie wurden laut
vorgelesen und leidenschaftlich diskutiert.
Am Abend, auf der ungewöhnlich stark besuchten Komsomolversammlung,
wurde von nichts anderem gesprochen.
Kostja wurde aus dem Jugendverband ausgeschlossen, und in das Komsomol­
komitee wurde ein neuer Leiter für Agit
ations- und Bildungsarbeit gewählt:
Kortschagin.
Es herrschte ungewöhnliche Stille, und
alle hörten aufmerksam Neshdanow
zu. Er sprach über die neuen Aufgaben,
über die neue Ära, die jetzt für die
Eisenbahnwerkstätten begonnen hatte.
»Gehen wir zusammen. Wir haben manches miteinander zu besprechen«,
sagte Pawel.
Pawel faßte ihn unter und ging einige Schritte mit ihm. Vor einer Bank
machte er halt.
»Sag mal, Zwetajew, was hast du eigentlich gegen mich?«
Es folgten einige Minuten Schweigen.
»Ach, darüber willst du reden, und ich dachte, du willst mit mir über die
Pawel legte Zwetajew fest die Hand aufs Knie. [305]
»Laß doch diesen Ton, Dimka. So spielen sich doch nur Diplomaten auf. Sag
mir ganz offen, was hab ich dir getan?« Zwetajew rückte nervös hin und her.
»Was willst du eigentlich von mir? Was
soll ich gegen dich
haben! Ich habe
dir ja selbst vorgeschlage
n mitzuarbeiten. Du hast das abgelehnt, und jetzt
sieht es so aus, als hätte ich dich verdrängen wollen.«
»Du willst mir nicht antworten – dann werde ich es für dich tun. Du glaubst,
Beide sind wir Arbeiterjungen. Wenn dir un
sere Sache über alles geht, so gibst
du mir jetzt deine Hand, und ab morgen arbeiten wir kameradschaftlich mit­
einander. Wenn du dir jedoch diesen ganzen Mist nicht sofort aus dem Kopf
schlägst und herumstänkerst, dann werden wir wegen jeder Schwierigkeit, die
sich daraus ergibt, hart aneinanderrennen. Hier hast du meine Hand, schlag
ein, solange sie noch die
Hand eines Freundes ist.«
Mit großer Genugtuung spürte Kortscha
Eine Woche war vergangen.
Im Bezirks-Parteikomitee
Neige. In den Zimmern war es still ge
worden. Aber Tokarew war noch immer
bei der Arbeit. Der Alte saß in seinem
Sessel und las aufmerksam die neu ein­
gelaufenen Schriftstücke. Da
klopfte es an die Tür.
»Herein!« rief Tokarew,
Kortschagin betrat das Zimmer und legte
»Was ist das?«
»Das ist das Ende meiner Verantwortungslosigkeit, Väterchen. Ich denke, es
wird schon Zeit. Wenn du der gleichen Ansicht bist, bitte ich um deine Unter­
stützung.« Tokarew warf einen Blick au
f die Überschrift und musterte Pawel
[306] einige Sekunden lang. Dann nahm er schweigend die Feder zur Hand,
und in die Rubrik, in der nach dem Parteialter des Befürwortenden gefragt
wird, schrieb er das Jahr 1903 und setzte daneben mit fester Hand seine Unter­
schrift, durch die er Pawel Andrejewitsch Kortschagin als Kandidaten der
KPR(B) empfahl.
»Hier nimm, mein Sohn. Ich hoffe, du wirst meinen grauen Haaren niemals
Schande machen.«
Im Zimmer war es drückend schwül, und alle hatten nur den einen Wunsch:
schnell wegzukommen, hinaus in die Kastanienalleen beim Bahnhof.
»Mach Schluß, Pawka, ich halt's nicht mehr aus«, flehte der schweißtriefende
Kortschagin schlug das Buch zu. Der Zirkel hatte seine Arbeit beendet.
Während sich alle gleichzeitig von ih
ren Plätzen erhoben, surrte der alters­
schwache Telefonapparat »Erikson« an der Wand. Zwetajew nahm den Hörer
ab und führte das Gespräch, bemüht,
den Lärm im Zimmer zu überschreien.
Dann hängte er den Hörer auf und wandte sich an Kortschagin.
»Auf dem Bahnhof stehen zwei Waggons des polnischen Konsulats. Dort
funktioniert das Licht nicht. Der Zug soll in einer Stunde abfahren, die Leitung
muß repariert werden. Nimm also deinen
Handwerkskasten, Pawel, und geh
hin. Die Sache ist dringend.«
Zwei blitzblanke Pullmanwagen standen gleich am ersten Bahnsteig. Der
Salonwagen mit den breiten Fenstern war hell erleuchtet. Aber im Nachbarwa­
gen herrschte Dunkelheit.
Pawel trat an den Wagen heran und wollte gerade aufsteigen, als sich von der
Wand des Stationsgebäudes rasch eine Gestalt löste und ihn an der Schulter
packte.
»Wohin, Bürger?«
Pawel kannte diese Stimme.
Er blickte sich um und sah eine Lede
rjacke, ein breites Mützenschild, eine
dünne Nase mit einem kleinen Höcker und einen wachsamen, mißtrauischen
Blick: Artjuchin. Der erkannte ihn ebenfalls.
Er nahm die Hand von Pawels Schulter, sein Gesichtsausdruck verlor das
Amtliche, aber sein Blick blieb fr
agend am Handwerkskasten haften.
»Wohin willst du?« [307]
Pawel gab kurz Bescheid. Hinter dem Waggon tauchte eine andere Gestalt
auf.
»Ich werde sofort den Zugbegleiter rufen.«
Im Salonwagen, den Kortschagin hinter dem Schaffner bestieg, befanden sich
einige Passagiere in eleganten Reisekostümen. Am Tisch, den ein seidenes
Tischtuch mit einem Rosenmuster bedeckte
, saß, den Rücken zur Tür gekehrt,
eine Frau. Sie unterhielt sich mit einem ihr gegenüberstehenden hochgewach­
senen Offizier. Kaum hatte sie jedoch den Monteur bemerkt, verstummte das
Gespräch.
Kortschagin, der die von der letzten Lampe in den Durchgang führenden Lei­
tungsdrähte rasch untersucht und sie in
Ordnung gefunden hatte, verließ den
Salonwagen und forschte weiter nach
der schadhaften Stelle. Ihm folgte
unablässig der behäbige, stiernackige Zu
gbegleiter in einer Uniform mit einer
Menge großer Messingknöpfe, auf denen ein einköpfiger Adler prangte.
»Hier ist alles in Ordnung, der Akku
Der Zugbegleiter drehte in der Tür de
»Im Coupe müssen die Lampen ausgew
echselt werden. Sie sind durchge­
brannt«, sagte Kortschagin zu seinem Begleiter.
»Dann muß ich die gnädige Frau rufen. Sie hat den Schlüssel.« Und der
Schaffner, der Kortschagin nicht allein lassen wollte, nahm ihn mit sich.
»Gestatten gnädige Frau, daß ich das Coupe einen Augenblick verlasse, der
Herr Major wünscht kaltes Bier«, sagte der Schaffner devot und beugte müh­
sam seinen Stiernacken vor.
»Sie können gehen«, erwiderte die Angeredete. [308]
Das Gespräch wurde in polnischer Spr
ache geführt. Aus dem Gang fiel ein
Lichtstreifen auf die Schulter der Frau.
Das elegante, von erstklassigen Pariser
Schneidern angefertigte Kleid aus feiner
Lyoner Seide ließ Schultern und Arme
frei. In dem kleinen Ohr wippte aufblitzend und funkelnd ein tropfenförmiger
Brillant. Kortschagin sah nur die wie aus Elfenbein geschnitzten Schultern und
Arme der Frau. Das Gesicht war in Scha
»Ich muß auch noch diese Lampe nachsehen«, sagte Kortschagin und blieb
»Ach ja, ich störe Sie hier«, erwidert
e die Dame in reinstem Russisch. Sie
erhob sich behend vom Diwan und stand direkt neben Pawel. Jetzt konnte er
auch ihr Gesicht sehen. Die schnurgeraden Augenbrauen und hochmütig
zusammengepreßten Lippen kamen ihm bekannt vor. Jeder Zweifel war ausge­
schlossen. Vor ihm stand Nelly Leszczyn
ska. Die Tochter des Advokaten mußte
seinen verwunderten Blick bemerkt haben. Doch wenn Kortschagin sie auch
erkannt hatte, Nelly Leszczynska merkte nicht, daß der Monteur ihr ehemali­
ger unruhiger Nachbar war.
Als Antwort auf seine erstaunten B
licke zog sie die Augenbrauen lässig
Pawel prüfte die andere Lampe. Nachdem er sie losgeschraubt hatte, hielt er
sie gegen das Licht und fragte plötzlich,
»Ist Viktor auch hier?«
Bei dieser Frage wandte sich Kortschagin nicht um. Er konnte Nellys Gesicht
nicht sehen, aber ihr langes Schweigen zeugte von ihrer Verlegenheit.
»Kennen Sie ihn denn?«
»Sehr gut sogar. Wir waren doch Nachbarn.« Pawel blickte sie an.
»Ach, Sie sind ja Pawel, der Sohn der …«, Nelly hielt inne.
»… Köchin«, half ihr Kortschagin aus.
»Wie groß Sie geworden sind! Ich kann mich noch daran erinnern, was für
ein wilder Junge Sie waren.«
Nelly musterte ihn unverhohlen vom Kopf bis zu den Füßen.
»Aber weshalb interessiert Sie Viktor? Soweit ich mich entsinne, stan- [309]
det ihr gar nicht so gut miteinander«, sagte Nelly mit singender Sopran­
stimme, in der Hoffnung, sich durch
Der Schraubenzieher drehte flink eine Schraube in die Wand.
»Mit Viktor habe ich noch eine Rechnung zu begleichen. Sollten Sie ihn
sehen, sagen Sie ihm, daß ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, mit
ihm abzurechnen.«
»Sagen Sie mir doch, wieviel er Ihnen schuldig ist, ich kann Ihnen gleich alles
bezahlen.«
Sie wußte genau, welche »Abrechnung« Kortschagin meinte. Die Geschichte
»Sagen Sie, stimmt es, daß unser Haus ausgeraubt und zerstört wor- [310] den
»Das Haus gehört jetzt uns und nicht
euch, und wir haben
daran, es zu zerstören.« Nelly lächelte höhnisch.
»Oho, Sie hat man also auch erzogen! Aber ganz nebenbei, das hier ist der
Wagen der polnischen Gesandtschaft, un
d in diesem Coupe bin ich die Herrin,
Sie aber sind das geblieben, was Sie ware
n, ein Sklave. Sie arbeiten auch heute
noch, damit ich Licht habe, damit ich hier auf diesem Diwan bequem lesen
kann. Früher hat Ihre Mutter für uns Wäsche gewaschen, und Sie haben Was­
Sie sprach mit triumphierender Schadenfreude. Pawel, der damit beschäftigt
war, das Ende des Drahtes mit einem Me
»Ich hätte für Sie persönlich, Bürgerin,
auch nicht einen rostigen Nagel in die
Wand geschlagen. Da aber die Bourge
oisie die Diplomaten
ausgedacht hat,
halten wir uns an die Regeln und schlagen ihnen nicht den Kopf ab, nicht
einmal Grobheiten sagen wir ihnen, wi
Nelly wurde puterrot.
»Was hätten Sie mit mir angefangen, wenn es Ihnen gelungen wäre, War­
Sie stand in der Tür, graziös vorgeneigt
, mit sinnlich bebenden Nasenflügeln.
Man sah ihr an, daß der Kokaingenuß ihr nicht fremd war. Die Lampe über
»Wer braucht Sie denn? Auch ohne unsere Säbel werden Sie schließlich an
Kokain krepieren. An so einer wie di
r würde ich mich nicht einmal vergrei­
Den Kasten in der Hand, machte er zwei Schritte zur Tür. Nelly wich zur Seite,
und erst am Ende des Korridors hörte er ihre gepreßte Stimme:
»Verfluchter Bolschewik!«
Am Abend des nächsten Tages, als sich Kortschagin auf dem Weg zur Biblio­
»Wohin rennst du denn, Agitpropmann?« [311]
»In die Bibliothek, Tantchen, gib mir de
n Weg frei«, erwiderte Kortschagin in
gleichem Ton, nahm Katja behutsam an den Schultern und schob sie vorsich­
Katja machte sich los und
schritt neben Pawel her.
»Hör mal, Pawluscha! Man muß ja nicht ununterbrochen studieren … Weißt
du was? Komm mit mir jetzt zu Sina Gladysch, dort wird heute eine große
Gesellschaft sein. Die Mädels haben mich schon lange darum gebeten, dich
einzuladen. Du hast nichts als Politik im Kopf. Hast du denn wirklich gar kein
Bedürfnis nach Zerstreuung? Einmal etwas ausspannen? Laß heute mal das
Lesen sein, davon wird dein Kopf nur
»Was für eine Gesellschaft ist das? Was wird dort los sein?«
Katja äffte ihn spöttisch nach:
»Was dort los sein wird! Natürlich wird
das ist alles. Du kannst doch Harmonika spielen? Und ich habe dich noch
nicht ein einziges Mal gehört. Nun, tu mir schon den Gefallen. Sinas Onkel
hat eine Ziehharmonika, aber er spielt
schlecht. Die Mädels interessieren sich
für dich, und du vergräbst dich hinter den Büchern. Wo steht es geschrieben,
daß sich Komsomolzen nicht auch mal amüsieren dürfen? Los. Gehen wir,
solange ich es noch nicht satt habe, dich zu überreden, oder wir werden uns
für mindestens einen Monat verkrachen.«
Die Anstreicherin Katja mit den großen Augen war ein guter Kamerad und
keine schlechte Komsomolzin. Kortschagin wollte das Mädchen nicht kränken
und willigte ein, obwohl ihm das alle
In der Wohnung des Lokomotivführers Gladysch ging es laut und lebhaft her.
Die Erwachsenen waren, um das junge Volk nicht zu stören, ins Nebenzimmer
gegangen. Im ersten großen Raum und auf der angrenzenden Veranda, die in
einen kleinen Garten führte, waren etwa fünfzehn Burschen und Mädchen
beisammen. Als Katja und Pawel durch den Garten auf die Veranda kamen,
wurde dort gerade »Füttert die Täubchen« gespielt. Das ging so vor sich: Mitten
auf der Veranda standen zwei mit den Lehnen gegeneinandergestellte Stühle,
auf denen nach Aufforderung der Gastgebe
»Füttert die Täubchen!«, und die beiden drehten sich um, so daß sich ihre
Lippen trafen, und sie mußten sich dann in aller Öffentlichkeit küssen. Dann
kamen andere Spiele an die Reihe, das »Ringspiel«, der »Briefträger«, und alle
[312] waren unbedingt mit Küssen verbunden. Beim »Briefträger« aber ging die
Knutscherei nicht in aller Öffentlichkeit vor sich, sondern wurde von der hell­
»Veilchen.«
Vor einigen Jahren war Pawel auf solchen Gesellschaften gewesen, und wenn
Wie dem aber auch war, er hielt eine
Karte des »Blumenflirts« in der Hand.
Dem »Veilchen« gegenüber standen die Worte:
»Sie gefallen mir sehr.«
Pawel blickte das Mädchen an. Gänzlic
»Warum?«
Die Frage kam ungeschickt heraus. Aber das Mädchen hatte sich die Antwort
schon vorher ausgedacht.
»Rose.« Sie hielt ihm di
e zweite Karte hin.
ose«gegenüber, las er:
»Sie sind mein Ideal.« Kortschagin sah das Mädchen an und fragte, bemüht,
nicht grob zu sein:
»Wozu gibst du dich mit solchem Unsinn ab?«
Das Mädchen wurde verw
»Ist Ihnen etwa mein Geständnis unangenehm?« Sie verzog schmollend ihr
Kortschagin ließ ihre Frage unbeantworte
t. Es interessierte ihn jedoch, mit
wem er es zu tun hatte, und er stellte
Fragen, auf die das Mädchen bereitwillig
Antwort gab. Bald war er im Bilde, daß sie eine Mittelschule besuchte, daß ihr
Vater Kontrolleur im Eisenbahndepot sei,
daß sie Pawel schon seit langem vom
Sehen kannte und ihn schon immer gern hatte näher kennenlernen wollen.
»Wie heißt du denn?« erkundigte sich Kortschagin.
»Mura Wolynzewa.« [313]
»Ja.«
Jetzt wußte Kortschagin Bescheid. Wolynzew, einer der aktivsten Komsomol­
zen des Bezirks, kümmerte sich anscheinend überhaupt nicht um seine
Schwester, und so wuchs sie denn als eine kleine Spießbürgerin heran. Im letz­
ten Jahr hatte sie angefangen auf derartige Gesellschaften zu gehen, wie sie
ihre Freundinnen ab und zu veransta
Mura war es klar, daß Pawel ihr Benehmen nicht gefiel, und als man sie auf­
forderte, »die Täubchen zu füttern«, we
igerte sie sich, da sie einen schiefen
Blick Kortschagins auffing, entschieden. So saßen sie noch einige Minuten
beisammen, und Mura erzählte von si
ch. Katja Seljonowa kam auf sie zu.
»Soll ich dir die Ziehharmonika bringen? Wirst du spielen?« Und schelmisch
mit den Augen zwinkernd, blickte sie Mura an:
»Nun, habt ihr Bekanntschaft miteinander geschlossen?«
Pawel zog Katja auf den neben ihm stehenden Stuhl. Er nahm die Gelegen­
heit wahr, daß um sie herum gelacht
»Spielen werde ich nicht, Mura und ich gehen sofort weg.«
»Oho! Ihr habt es hier also schon satt«, sagte Katja vieldeutig.
»Ja, wir haben es satt. Aber sag mir bloß, sind außer uns beiden noch mehr
Komsomolzen hier? Oder haben nur wir uns in diesen Taubenschlag verirrt?«
Besänftigend meinte Katja:
Einmal abends schaute Anna Borchardt zu Okunew herein. Kortschagin war
allein.
»Bist du heute sehr beschäftigt, Pawe
l? Willst du nicht mit mir zur Vollver­
sammlung des Stadtsowjets gehen? Zu zweit ist's angenehmer, und die Ver­
sammlung wird sicher spät aus sein.«
Kortschagin machte sich rasch fertig. Über dem Bett hing seine Mauser­
pistole, aber sie war zu schwer. Er ho
lte aus der Lade Okunews Browning her­
vor und steckte ihn ein. Dann schrieb er einige Zeilen an Okunew und ver­
steckte den Schlüssel an der vereinbarten Stelle. [314]
Im Theater trafen sie Pankratow und Olga. Sie saßen alle beisammen und
gingen in den Pausen auf dem Platz vor dem Theater auf und ab. Die Sitzung
zog sich, wie es Anna vorausgesagt hatte, bis spät in die Nacht hin.
»Willst du nicht vielleicht zu mir schlafen kommen? Es ist schon spät, und
der Weg ist weit«, schlug Olga vor.
»Nein, danke, Pawel und ich haben verabredet, gemeinsam nach Hause zu
gehen«, antwortete Anna.
Pankratow und Olga schritten die Hauptstraße hinunter, und die beiden aus
Solomenka begaben sich auf den Heimweg.
Es war eine finstere und schwüle Nacht. Die Stadt lag in tiefem Schlaf. Die
Teilnehmer der Plenartagung strebten du
rch die stillen Straßen in verschiede­
nen Richtungen auseinander. Ihre Schri
tte und Stimmen verhallten allmählich
in der Ferne. Pawel und Anna entfernt
en sich rasch vom Stadtzentrum. Auf
dem leeren Marktplatz wurden sie von
einer Patrouille angehalten, die ihre
Dokumente prüfte und die beiden dann
weitergehen ließ. Sie überquerten den
Boulevard und gelangten auf eine unbele
Sie bogen links auf die
Chaussee ab und kamen an den Eisenbahnlagern vor­
über. Es waren langgestrecke Betonba
uten, die düster und grimmig drein­
schauten. Anna wurde unwillkürlich unruhig. Forschend blickte sie ins Dunkel
und gab Kortschagin nur kurze und zers
treute Antworten. Als sich dann ein
verdächtiger Schatten als Telegrafenpfahl entpuppte, lachte Anna auf und
gestand Kortschagin, wie ihr zumute war. Sie faßte ihn unter, schmiegte sich
an ihn und wurde so allmählich ruhiger.
»Ich bin erst zweiundzwanzig Jahre alt,
aber nervös wie ein altes Mütterchen.
Du kannst mich für feige halten. Das stimmt aber nicht. Heute sind meine
Nerven irgendwie besonders überspannt. Jetzt, da ich fühle, daß du neben mir
gehst, schwindet meine Unruhe, und ich schäme mich, daß ich ein Hasenfuß
Pawels Ruhe, das Aufglimmen seiner Ziga
rufen hatten.
Sie hatten die Lager bereits hinter sich und passierten die Brücke [315] über
dem Flüßchen, gingen dann die Bahnhofschaussee entlang auf den Tunnel zu,
der Verbindung dieses Stadtteils mit dem Eisenbahnbezirk.
Den Bahnhof hatten sie weit abseits, rechts liegenlassen. Der Tunnel führte in
ein schmales Gäßchen hinter dem Depot. Dort waren sie schon fast zu Haus.
Oben an den Eisenbahnlinien glitzerten
die Lichter an den Weichen und Sig­
nalen, und beim Depot hörte man das Schnaufen einer Lokomotive.
Über dem Tunneleingang hing an einem rostigen Haken eine Laterne. Der
Wind schaukelte sie kaum merklich hin und her, und ihr trübgelbes Licht glitt
die Tunnelwände entlang.
Auf dem Damm fuhr ein Zug vorüber.
»Nun sind wir schon fast zu Hause.« Anna seufzte erleichtert.
Pawel versuchte seinen Arm unauffällig frei zu machen. Aber Anna ließ nicht
los. Sie hatten soeben das zerstörte Häus
chen hinter sich, da stürzte plötzlich
etwas hinter ihnen herunter. Sie vernahmen hastige Schritte, ein Keuchen; sie
wurden eingeholt.
Kortschagin wollte seinen Arm losreißen, doch Anna preßte ihn angsterfüllt
nur noch fester. Als sich Pawel dann doch mit Gewalt befreite, war es schon zu
spät, eiserne Finger krallten sich in
seinen Nacken. Ein Ruck – und Pawels
Gesicht wurde dem Angreifenden zugekehrt. Die Hand packte ihn an der
Kehle und drehte dabei den Kragen sein
nen Strick zusam­
men. Pawel erblickte eine Pistole vor si
ch, deren Lauf langsam einen Bogen in
Mit übermenschlicher Gespanntheit verfolgten seine Augen die Bewegung. Es
war der Tod, der ihm in Gestalt der dunklen Mündung ins Angesicht schaute,
und Kortschagin brachte nicht die Kraft auf, sein Wille reichte nicht aus, für
den hundertsten Teil einer Sekunde den Blick von dieser Mündung abzuwen­
Einen Augenblick lang erblickte Kortscha
gin das kreidebleiche Gesicht Annas,
sah, wie das Mädchen von einem der Banditen zu der Hausruine gezerrt
wurde. Dort warf er sie nieder und ve
rdrehte ihr dabei die Arme. Noch eine
Gestalt flitzte vorbei, die Kortschagin nur als Schatten an der Wand wahrneh­
men konnte.
Hinten bei den Ruinen des Hauses fand ein Kampf statt. Anna wehrte sich
erbittert, ihr unterdrückter Hilferuf wu
rde durch eine Mütze erstickt, die ihr
den Mund verschloß. Den Kerl, in dessen Händen sich Pawel befand, zog es
wie ein wildes Tier zur Beute. Er wo
llte doch nicht nur als teilnahmsloser
Zeuge bei einer Vergewaltigung dabeistehen. Er war allem Anschein nach der
Anführer, und eine derartige Rollenverteilung gefiel ihm ganz und gar nicht.
, war noch ein richtiger Grünschnabel,
allem Anschein nach so ein Jammerlappen aus dem Depot. Er war ihnen
bestimmt in keiner Weise gefährlich.
Wenn man dem zwei-, dreimal ordentlich mit der Pistole über die Schnauze
fährt und dann in Richtung auf das freie Ge
lände weist, wird er sicher wie ein
geölter Blitz davonsausen und sich bis zu
r Stadt kein einziges Mal umschauen.
Und so ließ er Pawel los.
»Mach, daß du wegkommst …, aber 'n bißchen Volldampf! Und wenn du nur
einen Laut von dir gibst, so kriegst du eine ins Genick!« Der Kerl mit dem
mächtigen Schädel stieß Kortschagin den Lauf der Pistole gegen die Stirn.
»Los!« preßte er heiser hervor und ließ die Waffe sinken, damit der Bursche
nicht befürchte, daß er ihm in den Rücken schießen könnte.
Kortschagin stürzte zurück. Die ersten paar Schritte lief er seitwärts, ohne den
Banditen aus den Augen zu lassen.
Der begriff, daß der Junge immer noch
Kortschagins Hand griff nach der Tasche. Jetzt nur nicht verpassen, nur nicht
verpassen. Er wandte sich jäh um, stre
ckte die linke Hand aus, zielte und
drückte ab. Das alles war das Werk einer Sekunde.
Der Bandit hatte seinen Fehler zu spät bemerkt. Bevor er noch anlegen
konnte, hatte ihn schon eine Kugel in die Seite getroffen.
Der Stoß schleuderte ihn gegen die Tunnelwand, und er sank mit dumpfem
Stöhnen langsam zu Boden, während er versuchte, sich an die Wand zu
klammern. Aus der Hausruine glitt ein Schatten den steilen [317] Abhang hin­
unter. Kortschagin jagte ihm eine Kugel nach. Ein zweiter Schatten floh
geduckt in die Finsternis des Tunnels. Wieder ein Schuß. Der Schatten sprang
zur Seite und verschwand im Dunkel. Drei Browningschüsse durchbrachen die
nächtliche Stille.
Anna, von dem Schrecken des Vorgefallenen aufs tiefste erschüttert, blickte,
als Pawel ihr aufstehen half, auf den Banditen, der sich an der Mauer wie ein
Kortschagin zog sie gewaltsam in die Dunkelheit, heraus aus dem Lichtkreis.
Dann rannten sie zurück in die Stadt, auf den Bahnhof zu. Über dem Tunnel,
auf dem Bahndamm, sah man bereits Laternen leuchten, und auf dem Gleis
knallte dumpf ein Alarmschuß.
Als sie endlich Annas Wohnung erreicht hatten, krähten irgendwo auf Baty­
jewa Gora schon die Hähne. Anna legte sich ein wenig hin. Kortschagin nahm
am Tisch Platz. Er rauchte, und sein B
lick folgte aufmerksam der aufsteigenden
grauen Rauchwolke …
Existierte denn überhaupt auf der Welt
Tapferkeit im reinsten Sinne des Wor­
tes? Pawel rief sich all seine Eindrüc
ke und Empfindungen ins Gedächtnis
zurück und mußte eingestehen, daß das schwarze Auge der Pistolenmündung
sein Herz in den ersten Sekunden hatte erstarren lassen. Und durften sich
denn die zwei Schatten so straflos aus dem Staub machen, nur weil er auf
Das Licht der Taschenlampe beleuchtete seinen Kopf. Anna beobachtete ihn,
sie verfolgte jede Bewegung seiner Ge
sichtsmuskeln. Seine Augen blickten
ruhig, und von den ihn quälenden Gedanken zeugte einzig eine Furche auf der
Stirn.
»Worüber denkst du nach, Pawel?«
Seine Gedanken verflogen, durch die Fr
age aufgescheucht, gleich der Rauch­
wolke hinter die Grenzen des Lichtkreises, und er sagte das erste, was ihm in
den Sinn kam: »Ich gehe jetzt sofort zur Kommandantur. Man muß sie von
Und schwerfällig, seine Müdigkeit bekä
mpfend, stand er auf und reichte
Anna die Hand. [318]
Anna ließ die Hand nicht gleich los, sie wollte nicht allein bleiben. Sie
brachte ihn bis zur Tür und schloß sie erst
Kortschagins Erscheinen in der Kommandantur klärte die Sache mit dem
Mord auf, der für die Eisenbahnwache ganz unverständlich war. Die Leiche
hatte man sofort identifiziert; es war ein den Kriminalbehörden zur Genüge
bekannter, immer wieder rückfälliger
Einbrecher und Mörder, der Totenschä-
del-Fimka.
Der Vorfall am Tunnel wurde tags darauf Stadtgespräch und führte zu einem
beiseite. Er ging mit ihm in den Korri
dor, blieb dort in einer dunklen Ecke
stehen und stieß endlich – denn er wu
ßte nicht, wie anfangen – hervor:
»Erzähl bitte, was gestern passiert ist.«
»Du bist doch im Bilde.«
Zwetajew zuckte nervös mit den Schultern. Der Monteur ahnte nicht, daß der
Vorfall am Tunnel Zwetajew schmerzlicher als die anderen berührt hatte; er
ahnte nicht, daß dieser Schmied, trotz
seiner äußerlichen Gleichgültigkeit, für
Anna Borchardt etwas übrig hatte. Nicht nur Zwetajew war Anna sympathisch,
aber bei ihm war die Sache viel komplizierter.
Die Begebenheit am Tunnel, von der ihm eben Talja Lagutina erzählt hatte,
ließ eine qualvolle Unruhe in ihm zu
rück. Er konnte dem Monteur die Frage
nicht so offen stellen, wollte aber trotzdem eine Antwort darauf haben.
Irgendwo im tiefsten Innern war ihm kl
ar, wie egoistisch und kleinlich seine
Besorgnis war, aber in dem Kampf der
verschiedenartigen Empfindungen trug
ein primitives und geradezu tier
isches Gefühl den Sieg davon.
»Hör doch, Kortschagin«, sprach er gedä
mpft, »dieses Gespräch bleibt streng
unter uns. Ich verstehe, daß du über di
e Geschichte nichts erzählen willst,
Annas wegen. Aber mir kannst du vertrauen. Sag doch, haben die anderen
Kerle, als der Bandit dich festhielt, inzwischen Anna vergewaltigt?« Bei den
Kortschagin gingen allmählich die Augen auf. Wäre Anna dem Zwetajew
gleichgültig, dann würde er sich nicht so
aufregen, aber wenn er sie lieb hat,
dann … Pawel fühlte sich für Anna verletzt. [319]
»Warum willst du das wissen?«
»Liebst du Anna?«
Schweigen. Dann brachte Zwetajew mühsam heraus:
»Ja.«
Kortschagin verbiß nur schwer seine Wut, kehrte ihm den Rücken und
schritt, ohne sich umzublicken, den Korridor entlang.
»Weißt du, Pawluscha, ich muß dir was
erzählen. Einerseits ist es zwar eine
Lappalie, aber andererseits auch nicht. Zwischen mir und Talja Lagutina ist das
so eine ulkige Geschichte. Zuerst, sieh
st du, da hat sie mir gefallen.« Okunew
kratzte sich verlegen hinterm Ohr. Al
s er jedoch sah, daß der Freund ernst
»Und dann ging es Talja … auch so. Kurz und gut – ich werde dir das nicht
erst alles erzählen –, es liegt ja auf der Hand. Wir haben also gestern beschlos­
sen, unser Glück zu versuchen und ein gemeinsames Leben aufzubauen. Ich
bin zweiundzwanzig Jahre alt, beide sind wir stimmberechtigt. Wir wollen
miteinander nach dem Prinzip der Gleich
berechtigung leben. Was hältst du
davon?« Kortschagin dachte nach.
»Was kann ich dir darauf erwidern, Ko
lja? Ihr beide seid meine Freunde,
gehört beide zu uns. In
allem anderen paßt ihr auch zueinander. Und Talja ist
ein besonders feines Mädel … Hier ist doch alles klar.«
Am darauffolgenden Tag trug Kortsc
hagin seine Sachen in die Gemein­
schaftswohnung des Depots, und kurze Zeit später fand bei Anna eine kom­
munistische Feier ohne Festmahl zu Ehren des Freundschaftsbundes zwischen
Talja und Nikolai statt. Es war ein Abend der Erinnerungen, man las Ab­
schnitte aus Lieblingsbüchern, sang schöne Lieder im Chor. Weit hinaus
schallten die Kampflieder. Später brachten Katja Seljonowa und Mura Wolyn­
zewa eine Ziehharmonika, und ein Gemisch aus dunklen und silberhellen
Stimmen erfüllte das Zimmer. Selten hatte
Pawka so gut wie an diesem Abend
gespielt. Und als zum [320] Erstaunen aller sogar der lange Pankratow zu tan­
zen begann, vergaß der Musikant sich vollständig, und seine Harmonika
brauste feurig auf:
Hört es alle! Hört es alle!
Denikin spuckt Gift und Galle:
Die Tscheka hat ungeniert
Koltschak völlig liquidiert.
Die Harmonika erzählte von der Vergangenheit – von den heißen Kriegsjah­
ren und vom Heute -, von Freundschaft, Kampf und Freude. Als Pawel das
Instrument Wolynzew übergeben hatte
und der Schlosser die temperament­
volle Melodie vom Ȁpfelchen
« erklingen ließ, stürzte sich niemand anders als
Kortschagin in den ungestümen Tanz. Zu
VIERTES KAPITEL
Die Grenze – das sind zwei Pfähle. Sc
hweigsam und feindlich stehen sie ein­
ander gegenüber – verkörpern zwei Welt
en. Der eine Pfahl ist gehobelt und
lackiert, rot und weiß gest
richen wie ein Schilderhaus, am oberen Ende ist der
einköpfige Raubvogel mit starken Nägeln
befestigt. Die Schwingen ausgebrei­
Hier ist die Grenze.
Es ist eine gottverlassene
Gegend, in der sich dieses kleine Städtchen Beres­
dow verbirgt.
Zehn Kilometer davon entfernt, dem polnischen Flecken Korez gegenüber,
verläuft die Grenze. Zwischen Slawuta un
d Anapol liegt der Bezirk des N-sker
Grenzschutzbataillons.
Ein Grenzpfahl neben dem anderen erhebt sich auf den schneebe-[322] deck­
ten Feldern, die Pfähle dringen durch die Waldschneisen, steigen die Abhänge
hinab, kommen wieder zum Vorschein, ragen auf den Hügeln empor und
blicken, am Fluß angelangt, von den hohen Ufern auf die schneeverwehte
Ebene des fremden Landes hinunter.
Es herrscht strenger Frost. Der Schnee knirscht unter den Filzstiefeln. Von
dem mit Hammer und Sichel beschlagenen
Grenzpfahl löst sich eine mächtige
Gestalt mit einem Helm auf dem Kopf. Sc
einem breiten Kragen gehängt. Der Kopf ist warm in den Tuchhelm gehüllt,
die Hände stecken [323] in Fäustlingen aus Schaffell. Der Pelz ist lang, er reicht
bis zu den Fersen, und sogar bei wütendem Schneesturm schützt er vor Kälte.
Über den Pelz geschultert liegt das Ge
Auf dieser Strecke kommt dem Rotarmiste
n ein polnischer Soldat auf seinem
Pfad entgegen. Er trägt kurze grobe Soldatenstiefel und [324] eine graugrüne
Uniform, darüber einen schwarzen Mantel mit zwei Reihen glänzender
Knöpfe. Auf dem Kopf hat er eine polnische Mütze mit einem weißen Adler;
auf den Schulterklappen und auf dem Krag
en sind ebenfalls Adler, aber davon
wird dem Soldaten nicht wärmer. Der Frost durchdringt ihn bis auf die
Knochen. Er reibt sich die erstarrten Ohren, schlägt im Gehen die Absätze
gegeneinander. Die in grünen Handsc
huhen steckenden Hände sind völlig
durchfroren. Der polnische Soldat kann nicht eine Minute stehenbleiben;
sofort läßt der Frost seine Gelenke ersta
rren, und deshalb geht er die ganze Zeit
auf und ab, manchmal sogar im Laufschritt. Die Posten sind jetzt auf gleicher
Höhe angelangt, der Pole macht kehrt und geht nun in derselben Richtung wie
der Rotarmist.
An der Grenze darf nich
t gesprochen werden, aber wenn ringsum kein Lebe­
wesen ist, wenn erst einen Kilometer weiter menschliche Gestalten sichtbar
sind – wer soll da erfahren, ob die beid
en ihre Strecke schweigend abschreiten
Der Pole möchte rauchen, hat aber se
ine Streichhölzer in der Kaserne liegen­
lassen, und wie zum Trotz weht ihm auch noch ein leichter Wind den verfüh­
herüber. Der Pole hat aufgehört, das angefrorene
Ohr zu reiben, und schaut n
ach rückwärts. Es kommt vor, daß sich Reiterpa­
trouillen unter Führung des Wachtmeist
ers oder gar des Herrn Oberleutnants
an der Grenze herumtreib
Blendendweiß glitzert der Schnee in
der Sonne. Am Himmel ist nicht eine
Schneeflocke.
»Genosse, gib mir bitte Feuer«, bricht
der Pole als erster die Heiligkeit des
»Genosse Bolschewik, gib Feuer, schm
eiß mir deine Streichholzschachtel her­
über.« Diesmal sagt es der Pole schon russisch. [325]
Der Rotarmist mustert sein Gegenüber.
Es scheint, daß der Frost dem »Pan«
bis an die Leber gegangen ist. Er ist
zwar ein Bourgeoissoldat, führt aber ein
jämmerliches Leben. In so einem dünnen Mäntelchen hat man ihn in die
Kälte hinausgejagt, und nun hopst er wie ein Hase umher, lechzt nach einer
Zigarette. Und ohne sich umzudrehn,
wirft ihm der Rotarmist eine Streich­
holzschachtel hinüber. Der Soldat fängt sie im Flug auf. Erst nachdem er meh­
rere Streichhölzer zerbroch
en hat, gelingt es ihm schließlich anzurauchen. Die
Schachtel wandert den gleichen Weg üb
»Behalt sie, ich habe noch mehr.«
Da schallt es über die Grenze herüber:
»Nein, danke, für diese Schachtel wü
rde man mir zwei Jahre Gefängnis auf­
brummen.«
»Unsere Antwort.«
Ja, tatsächlich, das paßt nicht so recht für die dort. Der polnische Soldat
Rhythmisch knarren die Sättel. Der re
gelmäßige Trab der Pferde wirkt ein­
schläfernd. Auf der Schnauze des Rappen, um seine Nüstern und auf seiner
Mähne liegt Reif. Der Atem des Tieres steigt als weißer Dampf empor. Graziös
In der Nacht ist Schnee gefallen. Er lie
gt da, flaumig und weich, unberührt
von Pferdehufen und Stiefeln. Die Reiter sind aus dem Jungholz herausgeritten
und traben jetzt über das Feld. Vierzi
g Schritt weiter ragen abermals zwei
Pfähle auf.
Plötzlich zieht Gawrilow die Zügel stra
ff. Kortschagin lenkt den Rappen zur
Seite, um die Ursache der Störung zu erfahren. Gawrilow beugt [326] sich hin­
erd die Sporen, und die Spur führt
ihn zum Grenzposten. Auf polnischer Se
ite sind zehn Schritte weit ebenfalls
Fußspuren zu sehen.
»In der Nacht hat jemand die Grenze
überschritten«, brummt der Bataillons­
kommandeur.
»Sie haben das beim dritten Zug wieder verschlafen, und im Morgenbericht
Den Reitern kommen zwei menschliche Gestalten entgegen. Die eine ist
klein, schwarz, der Stahl des französischen Bajonetts funkelt in der Sonne. Die
andere ist riesenhaft groß und trägt ei
nen gelben Schafspelz. Die Stute spürt
die Sporen, ihr Trab wird immer schnelle
r, und die Reiter nähern sich rasch
den zwei Gestalten. Der Rotarmist rück
t seinen Schulterriemen zurecht und
»Guten Tag, Genosse, wie steht es auf Ihrem Abschnitt?« Und ohne sich son­
derlich zu bücken, da der Rotarmist gr
oß ist, reicht ihm der Bataillonskom­
mandeur die Hand. Der Riese reißt sich rasch den Fausthandschuh herunter.
»Ich habe soeben Wache bezogen,
Genosse Batailionsko
»Haben Sie die Spuren dort gesehen?«
»Nein, noch nicht.« [327]
»Wer stand nachts von zwei bis sechs Uhr Posten?«
»Surotenko, Genosse
Bataillonskommandeur.«
»Schon gut, geben Sie nur ordentlich acht.« Und während er dem Pferd die
Sporen gibt, warnt er streng:
»Marschiere weniger neben dem dort drüben daher.« Während dann die
Pferde die breite Landstraße entlangtra
ben, die sich zwischen der Grenze und
der Ortschaft Beresdow hinzieht,
erzählt der Bataillonskommandeur:
»An der Grenze muß man stets auf der Hut sein. Paßt du einmal nicht auf,
mußt du es bitter büßen. Das ist ein ruheloser Dienst. Am Tage kommen die
nicht so leicht über die Grenze, um so
mehr heißt es aber in der Nacht aufpas­
sen. Urteilen Sie selbst, Ge
nosse Kortschagin: Auf meinem Abschnitt zieht sich
die Grenze mitten durch vier Dörfer. Da
ist es sehr schwer, aufzupassen. Wie
du die Posten auch aufstellen magst, be
i jeder Hochzeit und an jedem Feiertag
erscheint dir die ganze Verwandtschaft.
Und wie sollten sie auch nicht? Zwan­
zig Schritt stehen die Bauernhütten voneinander entfernt, und das Flüßchen
kann eine Henne zu Fuß passieren. Ohne Schmuggel geht es dabei auch nicht
ab. Es handelt sich zwar meist um Kleinigkeiten. Da bringt ein Weib ein paar
Flaschen polnischen vierzigprozentigen
Schnaps. Es gibt aber auch allerlei
Schmuggler großen Stils, die mit viel
Geld arbeiten. Und weißt du, was die
dort kannst du einkaufen, was du willst. Natürlich sind die nicht für ihre
eigenen bettelarmen
Bauern bestimmt.«
Interessiert hört Kortschagin den Wort
en des Bataillonskommandeurs zu. Das
Leben an der Grenze gleicht einem Spähgang ohne Ende.
»Sagen Sie, Genosse Gawrilow, beschäft
igen sich die Grenzschmuggler aus­
schließlich mit dem Herüberschmugge
ln von Waren?« Der Bataillonskom­
»Da liegt eben der Hund begraben.«
Beresdow ist ein kleiner Flecken, ein öde
s Provinznest in de
r ehemaligen jüdi­
schen Siedlungszone. Zwei- bis drei
hundert Häuschen stehen in wirrem
Durcheinander, jedes von ihnen dort, wo es der Zufall hingestellt hat. In der
Mitte des Nestes, auf einem riesigen
Marktplatz, wirken die zwei Dutzend
Buden wie verloren. Der Platz ist schmutzig und voller Mist. Rings um den Ort
liegen Bauernhöfe. Im Zentrum der jüdischen Siedlung, auf dem Weg zum
Schlachthaus, steht [328] die alte Synagoge. Ein Hauch von Trostlosigkeit geht
von diesem baufälligen Gebäude aus. Di
e Synagoge ist zwar an Sonnabenden
nicht gerade schwach besucht, jedoch kein Vergleich dazu, wie es früher war,
und auch das Leben des Rabbiners ist nicht mehr so, wie er es wünscht.
Anscheinend muß doch etwas sehr Schlimmes im Jahre 1917 passiert sein,
wenn die Jugend sogar hier in diesem Krähwinkel dem Rabbiner nicht mehr
mit dem gebührenden Respekt begegnet. Zwar halten sich die Alten noch im­
mer an die religiösen Vorschriften un
d verschmähen »treife«, das zum Genuß
Verbotene, aber wie viel
e der Jungen essen schon das von Gott verfluchte
Schweinefleisch! Pfui Teufel, der Ekel steigt einem hoch, wenn man nur daran
denkt. Reb Boruch stößt mit dem Fuß zornig ein Schwein beiseite, das eifrig in
einem Misthaufen nach etwas Genießbarem sucht. Ja, der Rabbi ist nicht
gerade erbaut darüber, daß Beresdow zu
m Bezirkszentrum geworden ist. Es
sind da plötzlich eine Menge Kommunisten hergekommen, und jedesmal pas­
siert etwas Neues, jeden Tag gibt es neue Unannehmlichkeiten. Erst gestern hat
der Rabbi an dem Haus des Popen ein neues Schild entdeckt mit der Aufschrift:
»Beresdower Bezirkskomitee des Kommu
nistischen Jugendverbandes der
Ukraine«. Dieses Schild verhieß nichts Gutes.
In solche Gedanken vertieft, schritt der Rabbi dahin, bis er an der Tür seiner
Synagoge eine kleine Bekanntmachung entdeckte:
»Heute findet im Klub eine öffentliche Versammlung der werktätigen Jugend
statt. Referenten: Genosse Lissizyn,
Vorsitzender des Exekutivkomitees, und
»Da haben wir's schon!«
Das Kirchlein des Ortes ist ringsum von einem großen Garten umgeben. In
diesem Garten steht auch das geräumige, altmodische Haus des Popen. In den
Hier verbrachte Kortschagin, der neben seiner Funktion als Kriegskommissar
des Ausbildungsbataillons auch den Posten
Acht Monate waren seit dem Abend ve
rgangen, als Pawel an dem geselligen
Beisammensein bei Anna teilgenommen hatte. Und doch kam es ihm vor, als
Kortschagin schob einen Haufen Schriftstücke beiseite, lehnte sich im Sessel
zurück und versank in Nachdenken.
Im Haus ist alles still geworden. Die Rä
ume des Parteikomitees sind um diese
Im August schickte ihn die Belegschaft seiner Werkstatt als Jungorganisator
mit dem Reparaturzug nach der Stadt Jekaterinoslaw. Hundertfünfzig Men­
schen fuhren bis zum späten Herbst von Station zu Station, um die Folgen von
Krieg und Zerstörung zu beseitigen un
d die Strecke von verbrannten, zerstör­
ten Eisenbahnwagen zu säubern.
Ihr Weg führte sie auch über die Stre
cke von Sinelnikowo nach Pologi. Hier,
im ehemaligen Reich des Banditen M
achno, begegnete man auf Schritt und
Tritt Spuren der Zerstörung und Vernichtung. In Guljai-Polje blieben sie eine
Woche, um das Steingebäude des Pump
und auf die mit Dynamit gesprengte Wa
Im Spätherbst kehrte der Zug in die heimatlichen Werkstätten zurück, und
die Werkabteilungen hatten wieder hundertfünfzig Paar kräftige Hände mehr
Jetzt konnte man Kortschagin immer häufiger bei Anna treffen. Die tiefe Falte
Eines Abends, als bei Anna viel junges Volk versammelt war, sagte sich Pawel
plötzlich von einer alten, gesundheitsschädigenden Gewohnheit los. Schon
fast von Kindheit an gewöhnt zu rauchen, erklärte er entschlossen und
bestimmt:
»Ich werde nicht mehr rauchen.«
Das war ganz unerwartet gekommen. Irgend jemand hatte behauptet, daß die
Gewohnheit stärker sei als der menschliche
Wille, und als Beispiel auf das Rau­
chen hingewiesen. Die Meinungen gingen auseinander. Pawel hatte nicht die
Absicht, sich in den Streit einzumischen
, aber Talja forderte ihn heraus, seine
Ansicht zu äußern. Da sagte er:
»Der Mensch ist Herr über seine Gewohnheiten, und nicht umgekehrt. Wo­
hin sollte denn das sonst führen?«
»Lauter schöne Redensarten. Kortschagin liebt das. Geht man jedoch der
Sache auf den Grund – was stellt sich dann heraus? Daß er selber raucht. Weiß
er etwa nicht, daß das Rauchen schädlich ist? Jawohl, es aber aufzugeben, dazu
ist er zu willensschwach. Erst vor kurzem hat er in den Zirkeln ›Kultur
gepfropft‹.« Und in völlig verändertem
Stille trat ein. Die Anwesenden ware
»Ich werde nicht mehr rauchen.«
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:
Kurz vor Ausbruch des Winters blockierten Holzflöße den Fluß. Das Hoch­
wasser riß sie auseinander, und viel He
izmaterial ging verloren und schwamm
flußabwärts. Und abermals
entsandte der Arbeiterbezirk Solomenka seine Bri­
Kortschagin, der hinter seinen Kameraden nicht zurückstehen wollte, ver­
heimlichte vor den Genossen seine starke Erkältung, und als eine Woche spä­
ter an den Ufern der Anlegestelle Berge von Rundholz emporwuchsen, da hat­
ten das eisige Wasser und die ungesund
e herbstliche Nässe in Kortschagins
Körper den alten, im Blut schlummernde
n Feind wiedererweckt. Er wurde von
starkem Fieber gepackt. Zw
ei Wochen lang durchwühlten furchtbare rheuma­
tische Schmerzen seinen Körper. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen
worden war, konnte er bloß sitzend am
Schraubstock arbeiten. Der Meister
schüttelte den Kopf. Einige Tage darauf erklärte eine Ärztekommission Pawel
für arbeitsunfähig. Er bekam seinen Lo
hn ausgezahlt und erhielt das Recht auf
Schweren Herzens nahm er von der Werkstatt Abschied. Auf einen Stock
gestützt, mit furchtbaren Schmerzen,
zog er langsam von dannen. Die Mutter
»Man bekommt euch nur zu sehen, wenn ihr kaum noch kriechen könnt.«
Im Gouvernementskomitee übergab man ihm in einer Rolle seine Papiere: die
vom Jugendverband und von der Parteiorganisation. Und damit es ihm nicht
allzu schwer ums Herz wurde,
verabschiedete er sich kaum und fuhr zu seiner
Mutter. Zwei Wochen hindurch massierte und erwärmte die alte Frau seine
geschwollenen Beine, und schon nach einem Monat konnte er ohne Stock
gehen. Sein Herz klopfte freudig, und
die Dämmerung ging wieder in Morgen­
rot über. Der Zug brachte ihn ins Gouvernementszentrum, und nach drei
Tagen händigte man ihm in der Organisationsabteilung ein Schreiben aus, mit
dem er von dem Gouvernements-Kriegsko
mmissariat als Politleiter für die im
Zuge der allgemeinen militärischen Au
sbildung aufgestellten Einheiten be­
stimmt wurde.
Wieder eine Woche später traf er bere
its in der verschneiten Ortschaft Beres­
dow als Kriegskommissar des 2. Ausbild
ungsbataillons ein. Das Kreiskomitee
des Kommunistischen Jugendverbandes beauftragte [332] ihn, die vereinzelten
Komsomolzen aufzusuchen und in dem neuen Bezirk eine Organisation des
Jugendverbändes zu schaffen. So hatte sein Leben einen ganz neuen Lauf
genommen.
Draußen herrscht drückende Hitze. Bis an
Der Vorsitzende des Exekutivkomitees üb
Nikolai Nikolajewitsch Lissizyn, der
Vorsitzende des Beresdower Exekutivko­
mitees, ist erst vierundzwanzig Jahre alt,
aber weder seine Mitarbeiter noch die
Parteifunktionäre wissen das. Er ist ein
großer, kräftiger, strenger und zuweilen
sogar furchterregender Mann, der wie ein Fünfunddreißigjähriger aussieht. Er
hat einen muskulösen Körper, auf einem kräftigen Hals sitzt ein großer Kopf
mit dunklen, kühlen, durchdringenden Augen. Sein Kinn ist scharf geschnit­
ten und energisch. Er trägt blaue Reithosen und einen grauen Soldatenrock,
der schon allerhand mitgemacht hat. Auf der linken Brusttasche ist der Orden
des Roten Banners befestigt.
Bis zur Oktoberrevolution »befehligte«
Lissizyn nur eine Drehbank in der
Tulaer Waffenfabrik, in der sein Großva
ter, sein Vater und er selbst von Kin­
desbeinen an als Schlosser und Dreher gearbeitet hatten.
Seit jener Herbstnacht ab
er, in der er zum erstenmal die Waffe, die er bis
dahin nur hergestellt hatte, in die Hand nahm, war Kolja Lissizyn in den Stru­
del gerissen worden. Revolution und Part
ei schleuderten ihn aus einer Feuers­
brunst in die andere.
Der Tulaer Waffenschmied ging den Ruhmesweg vom Rotarmisten zum
Kommandeur und schließlich zum Regimentskommissar.
Feuersbrünste und Kanonendonner sind in die Vergangenheit gerückt. Jetzt
befindet sich Nikolai Lissizyn hier im
Grenzbezirk. Das Leben verläuft fried­
lich. Bis spät in die Nacht hinein
sitzt er über Ernteberichten.
Diese Depesche jedoch läßt für einen kurzen Augenblick die Vergangenheit
Wiederaufleben. In kurzem Telegrammstil signalisiert sie: [333]
Streng vertraulich.
An den Vorsitzenden des Beresdower Exekutivkomitees, Lissizyn. Von der
Lissizyn kann durch das Fenster seines Kabinetts jeden sehen, der das
»Nimm Platz, wir haben miteinander zu
sprechen.« Lissizyn drückt Kortscha­
gin die Hand.
Eine ganze Stunde lang empfängt der
Vorsitzende des Exekutivkomitees nie­
manden. Als Kortschagin das Zimmer verläßt, ist es bereits Mittag. Aus dem
Garten kommt ihm Njura, Lissizyns klei
ne Schwester, entgegengelaufen. Pawel
nennt sie Anjutka. Sie ist zu ernst für ihre Jahre. Wenn das Mädchen Kortscha­
gin sieht, lächelt es ihn jedesmal freundlich an. Jetzt grüßt es ihn kindlich
unbeholfen und wirft mit hastiger Bewegung die kurzen Haare aus der Stirn
»Geh nur, Anjutka, er ist allein.«
Am nächsten Tag, lange vor Morgengrau
en, fuhren drei von kräftigen Pferden
gezogene Fuhrwerke am Gebäude des Ex
ekutivkomitees vor. Leise flüsterten
die Kutscher miteinander. Aus der Fina
nzabteilung wurden mehrere versiegelte
Säcke herausgetragen und auf die Wagen geladen, und schon nach wenigen
Minuten hörte man das Rollen der Räder auf der Chaussee. Die Fuhrwerke
wurden von einer Abteilung bewacht, die unter Kortschagins Kommando
Vor dem Tor des Exekutivkomitees angelangt, sprang der Kavalle- [334] rist
vom Pferd, hielt seinen Säbel fest un
d polterte mit den schweren
geräuschvoll die Stufen hinauf. Mit zu
sammengezogenen Brauen nahm Lissi­
Niemandem außer dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees war der Inhalt
des Schreibens bekannt. Die Einwohner solch eines Nestes haben jedoch Spür­
nasen wie Hunde. Unter drei Krämern sind zwei immer unbedingt Schmuggler,
und dieses Gewerbe entwickelt in ihnen
den Instinkt, mit tödlicher Sicherheit
Gefahren zu wittern.
In diesem Augenblick gingen zwei Männer schnellen Schrittes den Fußweg
entlang, der zum Stab des Ausbildungs
bataillons führte. Einer von ihnen war
Kortschagin. Ihn kannten die Einwohner: Er war immer bewaffnet. Daß jedoch
Einige Minuten später kamen aus dem
Stabsgebäude anderthalb Dutzend
Menschen gelaufen. In den Händen Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett,
rannten sie zur Mühle, die an der St
raßenkreuzung stand. Die übrigen Kom­
munisten und Komsomolzen erhielten die Waffen im Gebäude des Parteikomi­
keine Menschenseele ließ sich blicken. Im Handumdrehen hingen an den
Türen der kleinen Verkaufsläden und Buden riesige mittelalterliche Schlösser.
Alle Fensterläden wurden geschlossen, und nur furchtlose Hühner und von der
Die Feldwache hatte in den Gärten am Dorfrand Stellung bezogen. Hier
begannen die Felder, und von hier aus konnte man die schnurgerade Linie der
Straße weithin überblicken.
Im Raum Poddubzy ist heute nacht nach kurzem Gefecht eine berittene
KOMMANDEUR DES GRENZBATAILLONS
Schon nach einer Stunde tauchte auf der Straße ein Reiter auf, und einen
Kilometer hinter ihm war eine Gruppe Berittener zu sehen. Kortschagin blickte
unverwandt in diese Richtung. Vorsichtig kam der Reiter näher, ohne jedoch
die Feldwache in den Gärten zu bemerk
en. Er war ein ganz junger Rotarmist
aus dem 7. Kosakenregiment, für den de
Die kleine Gruppe der Bolschewiki – neunzehn Mann im ganzen – war eifrig
Vom Pferd zum Schreibtisch, vom Schrei
btisch zum Exerzi
erplatz, auf dem
»Halt, wer da?« – und das verdächtige Rädergerassel eines davoneilenden
Fuhrwerkes, das ausländische Waren über
die Grenzen schmuggelte, das alles
füllte die Tage und viele Nächte des Kr
iegskommissars des 2. Bataillons aus.
Das Bezirks-Jugendkomitee von Beresdow
bestand aus Kortschagin, Lida Po­
lewych, einem Mädchen mit schmalen Augen – sie stammte aus dem Wolga­
ilung –, und dem ehemaligen Gymnasi­
asten Shenka Raswalichin, einem hochgeschossenen hübschen Burschen. Ras­
walichin, ein noch ganz junger, aber frühreifer Kerl, ein Liebhaber waghalsiger
Abenteuer und eifriger Verehrer von Sherlock Holmes und der Bücher von
Louis Boussenard, war Geschäftsleiter des
Bezirks-Parteikomitees gewesen. Erst
vor vier Monaten war er dem Jugendve
Die Sonne stand hoch im Zenit, ihre heißen Strahlen drangen in die verbor­
gensten Winkel. Alle Lebewesen suchten irgendwo Schutz. Sogar die Hunde
schlüpften unter die Speicher und lagen dort faul und schläfrig, von der Hitze
Kortschagin band das Pferd los und schwang sich in den Sattel. Er biß sich in
die Lippen, da sein Knie heftig schmerzte. Auf der Vortreppe der Schule stand
die Lehrerin und schützte mit der Hand die Augen vor der Sonne.
»Auf Wiedersehen, Genosse Krie
gskommissar«, rief sie lächelnd.
Das Pferd stampfte ungeduldig mit den
Hufen, reckte den Hals und zerrte an
den Zügeln.
»Auf Wiedersehen, Genossin Rakitina. Also abgemacht, morgen geben Sie
Ihre erste Stunde.«
Das Pferd spürte die gelockerten Züge
l und holte sogleich zum Trab aus.
Plötzlich drang gellendes Ge
schrei an Pawels Ohr. So schreien die Frauen,
wenn im Dorf Feuer ausgebrochen ist.
Schroff riß der Kriegskommissar das
Pferd herum und sah eine junge Bäuerin, die keuchend vom Dorfrand herge­
laufen kam. Die Rakitina trat in die Mitte der Straße und hielt sie an. An den
Türschwellen der benachbarten Bauernhäus
er zeigten sich Le
ute, zumeist alte
Männer und Frauen. Das gesunde junge
»Ach, ihr lieben Leute – was sich dort tut! Oh, ich kann nicht, ich kann nicht
mehr …!« [337]
Als Kortschagin an sie herantrat, rannten schon von allen Seiten Menschen
herbei. Sie umringten die Frau, zerrten si
e an den Ärmeln ihres weißen Kittels
und bestürmten sie mit ängstlichen Fragen. Aus ihren zusammenhanglosen
Worten konnte man jedoch nicht klug werden:
»Sie morden! Sie schlagen einander tot!
« rief sie nur immer wieder. Irgendein
alter Mann sprang ungelenk um sie herum und versuchte etwas aus ihr
herauszubekommen:
»Brüll doch nicht wie 'ne Wahnsinnige! Wo schlagen sie sich? Weshalb? Hör
doch auf zu kreischen! Verdammt noch mal!«
»Unser Dorf schlägt sich mit den Poddubzern … wegen der Feldraine! Die
Poddubzer prügeln unsere Leute tot!«
Alle begriffen sofort das Unglück.
Auf der Straße begannen die Frauen zu heulen, die alten Männer knirschten
wütend mit den Zähnen. Und durch das Dorf, durch alle Bauernhöfe tönte
gleich Sturmgeläut der Ruf:
»Wegen der Feldraine mähen die Poddubzer unsere Leute mit Sensen nieder!«
Alles, was Beine hatte, sprang auf die Straße und lief, mit Heugabeln, Beilen
oder einfach mit einem Pfahl bewaffnet, hinter den Einfriedungen hinaus zu
den Feldern, auf denen die beiden Dö
rfer in blutigem Kampf ihren alljähr­
lichen Streit wegen der
Feldraine austrugen.
Tollkühn jagte das Pferd zu den Wiesen hinunter. Wenn es jetzt mit einem
Huf hängenbleibt, so ist es um uns beide geschehen, schoß es Pawel durch den
Kopf. Das Pferd war jedoch nicht mehr zum Halten zu bringen. Über seinen
Hals gebeugt, spürte Pawel, wie ihm der Wind um die Ohren pfiff.
Unaufhaltsam sprengte er auf die Wiese hinaus. Mit dumpfer, tie-[338]
rischer Wut schlugen sich hier die Me
nschen. Manche lagen bereits blutüber­
strömt auf der Erde.
Das Pferd warf in seinem Lauf einen
bärtigen Bauern zu Boden, der, mit
Das Pferd Kortschagins sprengte mitten in den Menschenknäuel hinein und
trieb die Raufenden auseinander. Ohne sie auch nur eine Minute lang zur
Besinnung kommen zu lassen, riß Pawel wütend das Pferd herum und ritt wie­
der auf die tobende Menge zu. Er spürte
, daß dieser in Raserei geratene blu­
tende Menschenhaufen nur durch ebensolche Raserei und durch Schreck
getrennt werden konnte, und so schrie er wütend auf die Kämpf enden ein:
»Auseinander, ihr verdammten Hunde!
Sonst knall ich euch alle übern Hau­
fen, Banditengesindel!«
Er zog seine Mauserpistole aus der Tasc
he und feuerte über irgendein wutver­
zerrtes Gesicht hinweg. Jedesmal, wenn das Pferd hochschnellte, krachte ein
Schuß. Einige ließen die Sensen fallen und rannten davon. Wie ein Rasender
sprengte er über die Wiese, während er
ununterbrochen mit der Mauserpistole
knallte. So erreichte der Kriegskommissar
sein Ziel. Die Menschen stoben nach
allen Seiten auseinander, um der Verantwortung und diesem plötzlich aufge­
tauchten, furchterregenden Menschen mit dem unaufhörlich schießenden
»Teufelsmechanismus« zu entgehen.
Bald darauf kam das Bezirksgericht nach Poddubzy. Lange mühte sich der
Richter mit dem Verhör der Zeugen ab. Die Rädelsführer konnten jedoch nicht
»Die Feldraine sind daran schuld, Geno
sse Richter. Unsere Feldraine sind
durcheinandergekommen. Deswegen schlagen wir uns auch jedes Jahr.«
Eine Woche später bereits schritt eine Kommission den Heuschlag ab und
rammte an den strittigen Stellen kleine Pfähle in den Boden. Der schweißtrie­
fende alte Feldmesser, von der Hitze und dem wei- [339] ten Weg ermüdet,
sagte beim Aufrollen des Me
ßbandes zu Kortschagin:
»Schon dreißig Jahre arbeite ich als Fe
ldmesser, und immer werden die Feld­
raine zum Zankapfel. Schauen Sie sich nur die Grenzlinie der Wiesen an. Ein­
fach unvorstellbar. Ein Betrunkener kö
nnte nicht so krumm gehen. Und wie
schaut es denn auf den Feldern aus? Streifen, nicht breiter als drei Schritt, ver­
wirren sich ineinander, und will man sie
auseinandertrennen, so ist es einfach
zum Verrücktwerden. Und jedes Jahr werden sie mehr und mehr zerstückelt.
Der Sohn macht sich selbständig – und schon teilt man das Streifchen in zwei
Hälften. Ich versichere Ihnen, in zwanzig Jahren werden die Felder bloß Raine
darstellen, und es wird keine Saatfläche mehr bleiben. Schon jetzt liegen zehn
Prozent des Bodens wegen dieser Raine brach.«
Kortschagin lächelte nur:
»In zwanzig Jahren wird es bei uns keinen einzigen Feldrain mehr geben,
Genosse Feldvermesser.« He
te auf sein Gegenüber.
»Sie meinen wohl die kommunistische
Gesellschaft? Aber die liegt, wissen
Sie, noch in weiter Ferne.«
»Und haben Sie noch nichts von der Kollektivwirtschaft in Budanowka
gehört?«
»Ach, Sie meinen den Kolchos?«
»Jawohl.«
»In Budanowka war ich natürlich … Das ist aber doch nur eine Ausnahme,
Genosse Kortschagin.«
Der Fuhrmann hieb mit der Peitsche auf das träge Deichselpferd ein, wandte
sich seinen Fahrgästen zu und erzählte gesprächig:
»Weiß der Kuckuck, wie es gekommen ist, daß bei uns jetzt die Komsomolzen
wie Pilze aus dem Boden schießen. Früher
gab's so was nicht. Das scheint alles
von der Lehrerin ausgegangen zu sein. Rakitina ist ihr Name, vielleicht kennen
Sie sie? Ist noch ein junges Frauenzimmer, aber man kann wohl sagen, ein
ganz gefährliches. Die hetzt bei uns im Do
dem Gericht, die Jüngeren reden dabei sogar von Scheidung und plappern dir
Der Kutscher kratzte sich die behaarte Brust, die durch das offene Hemd
sichtbar war, und versetzte dem Pferd gewohnheitsmäßig einen Peitschenhieb.
Auf dem Wagen saßen Raswalichin und
»Gefallen Ihnen die Komsomolzen nicht?« fragte Lida den Fuhrmann scher­
zend. Dieser zupfte an seinem Bä
rtchen und erwiderte gemächlich:
»Nein, warum denn. Solange man jung ist, kann man schon mal über [342]
die Stränge hauen, ein Theaterstück aufführen oder so was Ähnliches. Ich sehe
mir selbst gern eine Komödie an, wenn es
s anstellen würden, es ist aber ganz
anders gekommen. Man sagt, daß sie Sauferei, Schlägerei und ähnliches nicht
zulassen. Sie sind alle mehr fürs Lernen
. Aber sie sind gegen Gott, und aus der
Kirche wollen sie einen Klub machen. Das ist nicht recht, deshalb sehen die
Alten die Komsomolzen scheel an und sind
auf sie nicht gut zu sprechen. Aber
sonst? Falsch ist allerdings, daß sie nur Habenichtse bei sich aufnehmen, wie
Bauernknechte oder runtergekommene Bauern. Söhne von Großbauern lassen
sie nicht zu.«
Das Fuhrwerk rollte den Hügel hinab und hielt an der Schule.
Die Wächtersfrau machte ihnen das La
ger in ihrem Zimmer zurecht und ging
selbst auf den Heuboden, um dort zu schlafen. Lida und Raswalichin waren
eben erst von einer Versammlung zurück
gekehrt, die bis spät in die Nacht
gedauert hatte. In der Stube war es dunk
el. Lida zog rasch ihre Schuhe aus,
legte sich aufs Bett und schlief sofort ein.
Grob weckten sie Raswalichins Hände, die ihren Körper in unverkennbarer
»Was willst du?«
»Sei doch still, Lidka. Was machst du fü
r'n Theater? Mir ist es langweilig, so
allein dazuliegen. Verdammt noch mal! Kannst du dir denn wirklich nichts
Interessanteres vorstellen als Pennen?«
Sie hatte Raswalichins schmieriges Lächeln schon früher nicht ausstehen
können. Jetzt wollte sie ihm irgend etwas Verletzendes, Höhnisches sagen, aber
sie war zu müde und schloß wieder die Augen.
»Was zierst du dich so? Wo
zu bloß dieses vornehme
Wahrscheinlich hielt er weitere Worte für überflüssig, denn er ließ sich wie­
derum auf Lidas Bett nieder und legte seine Hand herrisch auf ihre Schulter.
»Scher dich zum Teufel!« sagte
Lida, die sofort wach wurde.
»Ehrenwort, ich erzähle es morgen Kortschagin.« [343]
Raswalichin griff nach ihrer
Hand und flüsterte gereizt:
»Ich pfeif auf deinen Kortschagin. Zier dich also nicht lange, denn ich krieg
dich sowieso.«
Zwischen ihm und Lida entspann sich ei
n kurzes, heftiges Ringen. Durch die
nächtliche Stille der Stube schallte eine,
dann eine zweite und noch eine dritte
Ohrfeige … Raswalichin flog zur Seite.
stieß sie auf und rannte in den Hof hinaus. Dort stand sie nun ganz empört im
Mondlicht.
»Geh ins Haus, dumme Gans!« rief Raswalichin wutschnaubend.
Er trug sein Bett auf den Hof hinaus, um dort zu übernachten. Lida rollte
sich, nachdem sie die Tür verriegelt ha
Auf der Rückfahrt am nächsten Morgen hockte Shenka auf dem Fuhrwerk
neben dem greisen Kutscher und rauchte eine Zigarette nach der anderen.
Dieses Fräulein Rührmichnichtan ist wahrhaftig noch imstande, sich bei
Kortschagin zu beschweren. So 'ne Zimperliese! Wenn sie wenigstens noch
nach was aussähe, aber so – vorne nichts und hinten nichts. Ich muß mich
aber mit ihr aussöhnen, sonst gibt's noch Scherereien. Kortschagin ist sowieso
nicht gut auf mich zu sprechen.
Und Raswalichin erreichte schließlich,
was er wollte: Als die ersten Häuser
In den Grenzdörfern entstanden immer neue Komsomolzellen. Die Funktio­
näre aus dem Bezirkskomit
Raswalichin fuhr nur ungern aufs Land. Er verstand es nicht, den jungen
men und ihr Vertrauen zu gewinnen. So richtete
er nur Unheil an. Lida und Kortschagin dagegen gaben sich einfach und
natürlich. Lida sammelte die Mädchen um sich, freundete sich mit ihnen an,
blieb ständig in Verbindung mit ihnen und lenkte deren Interessen auf das
Leben und die Arbeit des Komsomol. Und Kortschagin war allen Jugendlichen
im Bezirk bekannt. Das 2. Ausbildungs
bataillon erfaßte eintausendsechshun­
dert Vordienstpflichtige [344] zum Militärunterricht. Niemals noch hatte die
Ziehharmonika eine so große Rolle bei de
r Propaganda gespielt wie bei diesen
Abendzusammenkünften auf dem Lande.
Dank seiner Ziehharmonika war Kortschagin überall gern gesehen. Diese
Zauberklänge, die die Herzen bald in
temperamentvollem Marsch leiden­
schaftlich hinrissen, bald durch schwer
mütige ukrainische Weisen liebkosend
und sanft erfaßten, sie waren es, die so manchen Bauernburschen den Weg
zum Komsomol wiesen. Die Jungen lauschten der Harmonika und den Worten
ihres Meisters, der noch vor kurzem ei
n einfacher Arbeiter und jetzt Kriegs­
Harmonisch verflocht sich die Mel
odie der Ziehharmonika mit dem, was
ihnen der junge Kommissar erzählte, schlich sich in ihre Herzen ein. Neue
Lieder erklangen in den Dörfern, und
in den Bauernhütten tauchten außer den
Psalmen- und den Traumbüchern auch andere Bücher auf.
Beschwerlich wurde auch das Handwerk der Schmuggler. Nun mußten sie
sich nicht nur vor den Grenzwächtern in acht nehmen, sondern auch vor den
So war es einmal geschehen, daß Gris
cha Chorowodko, der blauäugige Sekre­
tär der Poddubzer Jugendzelle, ein Hitzkopf und leidenschaftlicher Atheist, auf
besonderem Wege die Nachricht erhalten hatte, daß dem Dorfmüller in der
Nacht Schmuggelware zugehen werde. Er
brachte die ganze Zelle auf die Beine.
Mit einem Übungsgewehr und zwei Ba
jonetten bewaffnet, umzingelten die
Komsomolzen nachts in aller Stille die
Mühle und lauerten den Banditen auf.
Aber auch die Grenzposten der GPU hatten von dem Schmuggel erfahren und
ein besonderes Fahndungskommando ausgeschickt. Im Dunkel der Nacht
Kortschagin war zu dieser Zeit bei Gawrilow. Morgens ließ ihm der Batail­
lonskommandeur den soeben eingetroffenen Bericht zukommen, und der
Bezirks Jugendsekretär sprang aufs Pferd, um den Jungen aus der Patsche zu
helfen. [345]
»Machen wir es so, Genosse Kortschagin: Wir werden den Jungen nichts
anhängen, sie sind ja gute Kerle. Damit sie uns jedoch nicht mehr ins Hand­
werk pfuschen, wollen wir ihnen einen Schreck einjagen.«
»Da, schau sie nur an«, sagte der Bevollmächtigte und zuckte bekümmert die
Schultern.
»Die haben da was Schönes angestellt,
und ich muß sie jetzt in die Kreisstadt
Grischa erwiderte aufgeregt:
»Aber, Genosse Sacharow, was sollen wir denn nur verbrochen haben? Wir
wollten doch nur der Sowjetmacht helfen. Wir waren schon lange hinter die­
sen Kulaken her, und Sie lassen uns dafür einsperren wie gewöhnliche Bandi­
ten.« Gekränkt wandte er sich ab.
Nach langen und ernsten Verhandlungen zwischen Kortschagin und Sacha­
row, bei denen beide nur mit Mühe ernst blieben, hörten sie schließlich auf,
den Jungen einen »Schreck einzujagen«.
»Wenn du für sie die Verantwortung übernimmst und versprichst, dafür zu
sorgen, daß sie sich nicht mehr an der Grenze herumtreiben, sondern uns in
anderer Weise behilflich sind, lasse ich
sie frei«, wandte sich Sacharow an
Kortschagin.
»Gut, ich übernehme die Verantwortung und hoffe, daß sie mich nicht ent­
täuschen werden.«
Singend kehrten die Komsomolzen nach
Poddubzy zurück. Der Vorfall wurde
verschwiegen. Kurz darauf überführte
man den Müller seiner Verbrechen,
In den Waldmeiereien vo
n Maidan-Villa führten die deutschen Kolonisten
ein wohlhabendes Leben. Je einen halben Kilometer voneinander entfernt
lagen die großen Gehöfte mit ihren Häusern und Nebengebäuden, die an
kleine Festungen erinnerten. Nach Maid
an-Villa führten die Spuren der Bande
Antonjuks. Dieser zaristische Feldwebe
l hatte sieben seiner Verwandten zu
einer Bande zusammengefaßt und machte die ganze Gegend unsicher. Er
scheute dabei auch vor Mord nicht zurück, beunruhigte Spekulanten, ver­
schonte aber auch keinen Sowjetfunktionär. Antonjuks Bande war außeror­
dentlich beweglich. Heute überfiel sie zwei Konsumgenossenschaftler, morgen
entwaffnete sie [346] etwa zwanzig Kilometer weiter einen Briefträger und
Ein Rivale Antonjuks war sein Kollege
Gordi. Einer gab dem anderen nichts
nach, und beide machten der Kreismiliz
sowie der GPU nicht wenig zu schaf­
Antonjuk wagte es, in unmittelbarer
Nähe von Beresdow sein Unwesen zu
treiben. Die Fahrt auf den Landstraßen, die zur Stadt führten, wurde unsicher.
den Banditen zu fassen. Sobald ihm der Boden zu
heiß wurde, ging er über die Grenze, hi
elt sich dort eine Zeitlang auf, tauchte
aber stets dann, wenn man ihn am alle
»Wie lange wird uns dieses Gezücht noch
angreifen? Die Kanaille wird es bald
erleben, daß ich selbst die Sache in die Hand nehme«, stieß er durch die Zähne
hervor. Zweimal verfolgte der Vorsitze
nde des Exekutivkomitees die Banditen
auf frischer Spur. Er nahm Kortschagin und noch drei andere Kommunisten
mit sich. Antonjuk gelang es jedoch immer wieder, sich rechtzeitig aus dem
Staub zu machen.
Aus der Kreisstadt wurde eine Abteilung Rotarmisten zur Bekämpfung des
Banditentums nach Beresdow entsandt. Sie stand unter dem Befehl des
geckenhaften Filatow. Hochnäsig wie ein
junger Hahn, hielt er es für überflüs­
sig, sich beim Vorsitzenden des Ex
ekutivkomitees zu me
lden, wie es die
Grenzvorschriften verlangten, und führte seine Abteilung in das nahe gelegene
Dorf Semaki. Dort langte er nachts an und ließ sich mit seiner Abteilung in
einem der ersten Bauernhäuser gleich
am Dorfrand nieder. Die Ankunft von
unbekannten bewaffneten Leuten, die noch dazu geheimnisvoll taten, zog die
Aufmerksamkeit eines Komsomolzen aus
dem Nachbarhaus auf sich, der sofort
schickte den Komsomolzen sofort zu Pf
erde mit einer Meldung in das Bezirks-
Exekutivkomitee. Es fehlte nicht viel,
und das tölpelhafte
Treiben Filatows
hatte vielen Menschen das Leben gekostet. Lissizyn, dem noch in derselben
Nacht über die »Bande« Mitteilung gem
acht wurde, mobilisierte gleich die
Miliz und ritt mit einem Dutzend seiner
Leute nach Semaki. Sie näherten sich
geräuschlos dem Hof, sprangen von ihren Pferden, kletterten über den Zaun
und stürmten gegen das Haus vor. [347]
Der Wachposten vor der Tür erhielt mit dem Pistolengriff einen Schlag ins
Genick und sackte zu Boden. Unter dem stürmischen Druck von Lissizyns
Schultern sprang die Tür auf, und seine Leute drangen in den Raum ein, der
von einer an der Decke hängenden Lampe
»Ergebt euch, oder ich reiße euch in Stücke!«
Es fehlte nicht viel – und die Eindringlinge hätten die vom Fußboden auf­
Lissizyn spuckte wütend aus und schleu
derte ihm nur vernichtend entgegen:
»Schlafmütze!«
Der Widerhall der deutschen revolution
ären Bewegung war sogar hier im
Bezirk zu spüren. Das Echo des Gewehrgeknatters auf Hamburgs Barrikaden
drang bis in den kleinsten Ort. An der Grenze begann es unruhig zu werden.
Mit gespannter Erwartung las man die Zeitungen, denn es waren Oktober­
winde, die aus dem Westen wehten.
Das Bezirks-Jugendkomitee wurde mit
Gesuchen um Aufnahme in die Rote
Eines Tages gegen Mittag erschienen in dem geräumigen Hof des Bezirksko­
mitees die Mitglieder der Poddubzer Komsomolzelle. Sie kamen vollzählig­
anmarschiert. Kortschagin sah sie durchs Fenster und ging vors Haus. Elf junge
Burschen – in Stiefeln, mit dicken Ru
cksäcken –, allen
voran Chorowodko,
machten vor dem Eingang halt.
»Was ist denn los, Grischa?« erkundigte sich Kortschagin verwundert.
Chorowodko zwinkerte ihm jedoch zu und ging mit ihm ins Haus. Als Lida,
Raswalichin und noch zwei andere Komsomolzen Chorowodko [348] umring­
ten, schloß der die Tür und berich
tete, seine Augenbrauen runzelnd:
»Ich mache da einen Probeappell, Genossen. Habe heute meinen Jungen
erklärt, aus dem Bezirk sei ein Telegramm eingetroffen, streng geheim natür­
lich, aus dem hervorgehe, daß der Krieg gegen die deutsche Bourgeoisie
beginne und daß man auch bald gegen die Pans ziehen werde. Aus Moskau sei
der Befehl gekommen, alle Komsomolzen an die Front zu schicken. Wer aber
Angst habe, der möge ein Gesuch schreiben, dann werde man ihn zu Hause
lassen. Ich habe befohlen, daß kein Wort über den Krieg verlauten darf. Jeder
soll einen Laib Brot und ein Stück Sp
eck mitnehmen, und wer keinen Speck
hat, Knoblauch oder Zwiebeln. Nach einer Stunde haben sich alle ganz unauf­
fällig hinterm Dorf einzufinden. Wir gehen zum Bezirks- und dann zum Kreis­
komitee, wo man uns Waffen aushändigen wird. Das hat auf die Jungen mäch­
tigen Eindruck gemacht. Sie versuchten mich auszufragen, aber ich sagte: ›Kein
Geschwätz, und damit basta! Und wer sich weigert, der mag sein Gesuch
schreiben: Der Feldzug ist freiwillig.‹
Meine Jungen gingen
auseinander, und
mir klopfte mächtig das Herz. Wie, wenn nun niemand kommt, was dann?
Dann bleibt mir nur eins – die Zelle aufzulösen und selbst von hier zu ver­
schwinden. Ich warte nun außerhalb des Dorfes und halte Ausschau. Einer
nach dem andern rücken sie heran. Manche von ihnen sehen reichlich ver­
heult aus, aber sie lassen sich nichts anmerken. Alle zehn sind gekommen,
kein einziger hat sich gedrückt. Da habt ihr sie, unsere Poddubzer Zelle!«
schloß Grischa begeistert und schlug sich stolz mit der Faust an die Brust.
Als ihn dann Lida entrüstet ins Gebet nahm, schaute er sie verständnislos an.
»Was willst du nur? Das ist doch die allerbeste Prüfung! So lernt man seine
Leute richtig kennen. Ich wollte sie, um
die Sache noch gewichtiger aufzuzie­
hen, bis zum Kreiskomitee schleppen. Aber die Jungen sind schon müde.
Sollen sie nach Hause gehen. Aber du, Kortschagin, mußt ihnen noch unbe­
dingt eine Ansprache halten. Ohne die geht es nicht … Sag ihnen, daß die
Mobilisierung widerrufen sei, ihr Heldenmut gereiche ihnen jedoch zu Ehre
und Ruhm.«
Kortschagin kam nur selten ins Kreiszentrum. Solche Fahrten nahmen jedes­
mal mehrere Tage in Anspruch, die Arbeit erforderte jedoch seine ständige
Anwesenheit im Bezirk. Raswalichin dagegen suchte immer wieder nach einem
Anlaß, in die Stadt zu gelangen. Wie ein [349] Held aus Coopers Abenteuerro­
manen machte er sich jedesmal, vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet, höchst
vergnügt auf den Weg. Im Wald begann er dann auf Krähen oder Eichhörn­
chen zu schießen, hielt einzelne Fußgän
ger an und verhörte sie wie ein echter
Untersuchungsrichter: wer sie seien, woher sie kämen und wohin sie gingen.
In der Nähe der Stadt angelangt, entledigte sich Raswalichin seiner Waffen,
schob das Gewehr ins Heu, steckte die
»Nun, was gibt's Neues bei euch in Be
Lässig beantwortete Raswalichin die Frage Fedotows.
»Man kann doch nicht alle Neuigkeiten gleich auf einmal erzählen. Ich
rackere mich von früh bis spät ab. Überall soll man zurechtkommen. Man
muß hier ja alles ganz von neuem aufbauen. Hab dieser Tage wieder zwei neue
Zellen organisiert. Wozu habt ihr mich hergerufen?« Er setzte eine geschäftige
Miene auf und ließ sich in den Lehnstuhl fallen.
Krymski, der Leiter der Wirtschaftsa
bteilung, blickte für einen Augenblick
von dem Haufen Schriftstücke auf, die den Tisch bedeckten, und sah sich um.
»Wir haben Kortschagin rufen lassen und nicht dich.«
Raswalichin stieß eine dicke Rauchwolke aus.
»Kortschagin liebt es nicht hierherzufahren. Sogar darum muß ich mich
»Mir gefällt dieser Kerl nicht«, sagte
Fedotow offen zu seinen Genossen, als
Raswalichin aus dem Zimmer gegangen war.
Raswalichins Quertreibereien wurden
ganz zufällig aufgedeckt. Eines Tages
erschien Lissizyn bei Fedotow, um die Post abzuholen. Jeder, der [350] aus dem
Bezirk kam, nahm die Post für alle anderen mit. Fedotow hatte eine einge­
hende Unterredung mit Lissizyn, und Raswalichin wurde entlarvt.
»Schick uns aber trotzdem Kortschagin her. Wir kennen ihn ja fast gar nicht«,
sagte Fedotow beim Abschied.
»Gut. Aber nur unter einer Bedingung. Laßt euch nicht einfallen, ihn uns
wegzuschnappen. Dagegen werden wir ganz energisch protestieren.«
Kortschagin ließ die Menschen an sich vorübermarschieren.
Trotzig erklang das Komsomolzenlied:
Von Sibiriens Urwald bis zur britischen See 
ist niemand so stark wie die Rote Armee!
Und dann setzte der Mädchenchor ein:
Auf dem Berge oben mäht die Schnitterschar …
Mit freudigem Lächeln wurden die Kolo
nnen von den Sowjetposten begrüßt,
und verwirrt schauten die polnischen Po
sten herüber. Obgleich das polnische
Grenzkommando rechtzeitig von der Demonstration in Kenntnis gesetzt wor­
den war, rief sie doch jenseits der Grenze Be- [351] unruhigung hervor. Die
berittenen Patrouillen der polnischen
Grenzwache beganne
n geschäftig her­
umzuschnüffeln. Die Wachposten wurden
um das Fünffache verstärkt und in
den Schluchten für alle Fälle Reserven
bereitgehalten. Die Kolonne marschierte
jedoch weiter auf heimatlichem Boden, lärmend und fröhlich, und weithin
erklangen ihre Lieder.
Auf einem Erdhügel stand ein polnisch
er Wachposten. Gemessenen Schrittes
bewegte sich der Zug vorüber. Die erst
en Töne eines Marschliedes erklangen.
Der Pole nahm das Gewehr von der Schulter und leistete, Gewehr bei Fuß, die
Ehrenbezeigung, Kortschagin vernahm deutlich:
»Es lebe die Kommune!«
Die Augen des Soldaten bestätigten, daß er diese Worte gesagt hatte. Unver­
wandt schaute Pawel ihn an.
Ein Freund! Unter dem Soldatenmantel schlägt ein mit uns sympathisieren­
des Herz. Kortschagin erwiderte leise in polnischer Sprache:
»Grüß dich, Genosse!«
Der Wachposten blieb zurück. Er ließ die Kolonnen an sich vorübermarschie­
ren und hielt das Gewehr immer noch in derselben Stellung. Pawel drehte sich
noch einige Male nach der kleinen dunklen Gestalt um. Aber da stand schon
ein anderer Pole, einer mi
t ergrautem Schnurrbart. Unter dem vernickelten
Schirm seiner Mütze schauten unbeweglich trübe Augen hervor. Kortschagin,
der noch immer unter dem Eindruck des soeben Vernommenen stand, mur­
melte in polnischer Sprache vor sich hin:
»Sei gegrüßt, Genosse!«
Aber es kam keine Antwort.
Gawrilow lächelte. Er ha
tte alles mit angehört.
»Du verlangst zuviel au
f einmal«, sagte er.
»Außer den einfachen Infanteristen gibt
es hier ja noch die Feldgendarmerie.
Die Spitze der Kolonne stieg bereits in
das durch die Grenze halbierte Dorf
Die Straßen leerten sich rasch. Die Kugeln hatten die Jugend von den [353]
»Da habt ihr's! Schaut nur hin, Kinder! So hat man einst auch uns geprügelt.
Aber heute wird niemand im Dorf erle
Nach dem Alten sprach Grischa Choworodko. Gawrilow, der seiner zornigen
Ansprache lauschte, riß sein Pferd herum und schaute aufmerksam zum ande­
ren Ufer hinüber, um zu sehen, ob dr
üben die Rede mitgeschrieben wurde.
Doch das Ufer war menschenleer, soga
r der Brückenposten war zurückgezo­
gen worden.
»Scheint diesmal ohne eine Note an das Volkskommissariat für Auswärtige
Angelegenheiten abzugehen«, scherzte er.
In einer regnerischen Herbstnacht, gegen Ende November, wurde dem Bandi­
ten Antonjuk und seinen sieben Spießg
esellen das blutige Handwerk gelegt.
Man erwischte die Räuberbande auf der Hochzeit eines reichen Kolonisten in
Maidan-Villa. Die Chrolinsker Kommunarden räumten hier endgültig mit die­
sem Gesindel auf.
Geschwätzige Weiberzungen hatten die Nachricht von den Gästen auf der
Kolonistenhochzeit in Umla
uf gebracht. Augenblicklich hatte sich die Zelle
insgesamt zwölf Mann – versammelt und mit allem, was nur aufzutreiben war,
tows, der sich mit seinen Leuten sogleich
Kortschagins Bataillon nahm an den He
rbstmanövern der Territorialtruppen
war und das Bataillon seine Manövrier­
fähigkeit gezeigt hatte, fuhr einer der Kommandeure, der ein schönes, jedoch
aufgedunsenes und verlebtes Gesich
t hatte, Kortschagin schroff an:
»Weshalb sind Sie zu Pferd? Bei uns ist das den Kommandeuren und Kriegs­
kommissaren der Ausbildungsba
Kortschagin wußte, daß er nicht imstande sein würde, ohne Pferd das Manö­
ver durchzuhalten, er würde nicht einen einzigen Kilometer zu Fuß zurückle­
gen können. Aber wie sollte er das diesem gezierten Laffen beibringen, der
geschniegelt und gebügelt vor ihm stand?
»Ohne Pferd kann ich an den Manövern nicht teilnehmen.«
»Weshalb?«
Da er einsah, daß er seine Weigerung nicht anders begründen konnte, erwi­
derte Kortschagin mit dumpfer Stimme:
»Ich habe geschwollene Füße und kann deshalb nicht eine ganze Woche lang
umherlaufen. Außerdem weiß ich nicht, wer Sie sind, Genosse.« [356]
»Erstens bin ich der Stabschef Ihres Regiments, und zweitens wiederhole ich
nochmals meinen Befehl, abzusitzen. Wenn Sie Invalide sind, so trage nicht
ich die Schuld, daß Sie Militärdienst leisten.«
Kortschagin zuckte wie unter .einem Peitschenhieb zusammen. Er riß sein
Pferd an den Zügeln, Gussews feste Hand hielt ihn aber zurück.
Einige Minuten lang kämpften in Pawel
zwei Gefühle: Kränkung und Selbst­
beherrschung. Pawel Kortschagin war jedoch nicht mehr jener Rotarmist, der
ohne Bedenken von einem Truppenteil zum anderen hinüberwanderte. Er war
Kriegskommissar eines Bataillons, und dies
es Bataillon stand hinter ihm. Was
für ein Beispiel an Disziplin würde er durch sein Benehmen den Jungen geben?
Hatte er doch sein Bataillon nicht für di
esen Laffen erzogen! Er nahm seine
Füße aus den Steigbügeln, saß ab und schritt, einen jähen Schmerz in den
Gelenken unterdrückend, zum rechten Flügel.
Einige Tage lang herrschte außergewöhnlich schönes Wetter. Die Manöver
gingen ihrem Ende entgegen. Am fünften Tag wurden sie in der Umgebung
von Schepetowka durchgeführt, wo sie auch ihren Abschluß finden sollten.
Das Beresdower Bataillon erhielt den Auftrag, den Bahnhof vom Dorf Klimen­
towitschi her zu nehmen.
Kortschagin, der die Gegend ausgezeichnet kannte, zeigte Gussew alle
Anmarschwege. Das Bataillon wurde in zw
Kortschagin, der das Kommando über
die eine Bataillonshälfte übernommen
hatte, stand mitten auf der Straße mit dem Kommandeur und dem Politleiter
der dritten Kompanie und erteilte Befehl
e über die Aufstellung der Schützenli­
nie.
»Genosse Kommissar«, rief ihm ein herb
eieilender Rotarmist zu, »der Batalli­
onskommandeur läßt fragen, ob die Ba
hnübergänge mit MG
Pawel ging sofort mit den Kommandeuren zum Bahnübergang.
Dort war schon der ganze Regimentsstab versammelt. Man gratu- [357] lierte
»Das ist nicht mein Verdienst. Kortschagin stammt aus dieser Gegend und
hat uns geführt.«
Der Stabschef ritt dicht an Pawel heran und sagte spöttisch:
»Sie können ja fabelhaft laufen, Genosse. Und zu Pferd kamen Sie wohl aus
bloßer Wichtigkeit angeritten, wie?«
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber Kortschagins Blick brachte ihn zum
Schweigen. Als der Stab davongeritten war, erkundigte sich Kortschagin leise
bei Gussew: »Weißt du, wie der heißt?«
Gussew klopfte ihm auf die Schulter.
»Ach laß das, schenk doch diesem Ge
cken keine Aufmerksamkeit. Tschusha­
nin heißt er, ein ehemaliger Fähnrich, glaube ich.«
Kortschagin überlegte den ganzen Tag,
woher er diesen Namen kannte, aber
er kam nicht darauf.
Die Manöver waren zu Ende. Das Bata
illon, das die Bewertung »Ausgezeich­
sich zu Hause. Gierig sog er den Kohlendunst ein. Alles hier zog ihn unwider­
stehlich an, alles, was ihm früher so nah und vertraut, womit einst seine
Kindheit und Jugend verbunden gewesen war. Es war ihm, als habe er irgend
Mit dem Bruder sprach er wenig. Auf
Artjoms Stirn bemerkte er eine neue
Die Waldwege waren jetzt ungefährlich.
Es gab keine Überfälle mehr. Die Bol­
schewiki hatten mit den kleinen und großen Banditen aufgeräumt und ihre
Nester ausgehoben. In den Dörfern des
n wieder ruhiger
geworden.
Gegen Mittag traf Kortschagin in Beresdow ein. Am Eingang des Bezirkskomi­
tees kam ihm Lida Polewych freudig entgegen.
»Endlich bist du wieder da! Wir haben schon Sehnsucht nach dir gehabt.« Sie
legte den Arm um seine Schultern und ging mit ihm ins Haus.
»Wo ist denn Raswalichin?« erkundigte sich Kortschagin, als er seinen Mantel
ablegte.
Diese Neuigkeit berührte Pawel unangenehm. Raswalichin hatte ihm niemals
besonders gefallen. Was wird dieser Kerl
nur in der Schule anstellen? dachte er
mißvergnügt.
»Nun gut. Erzähl mir, was bei euch los ist, warst du in Gruschonka? Wie geht
es den Jungen dort?«
Lida berichtete ihm alles. Kortschagin legte sich auf den Diwan und streckte
die müden Beine aus.
»Die Rakitina ist vorgestern als Kandid
at in die Partei aufgenommen worden.
Das wird unsere Poddubzer Zelle noch mehr festigen. Sie ist ein feiner Kerl und
gefällt mir sehr. Siehst du, auch bei der Lehrerschaft beginnt jetzt ein beacht­
licher Umschwung. Einige von ihnen gehen ganz zu uns über.«
An manchen Abenden saßen in Lissizyns Zimmer drei Menschen bis spät in
die Nacht um den großen Tisch herum. Es waren Lissizyn, Kortschagin und der
Die Schlafzimmertür war geschlossen. Anjutka und Lissizyns Frau schliefen
schon längst. Die drei jedoch saßen über ein kleines Buch gebeugt: »Russische
Geschichte« von Pokrowski. Sie fanden nur in der Nacht Zeit zum Lernen.
Die Abende, an denen Pawel nicht in den Dörfern zu tun hatte, verbrachte er
Nikolai ihn schon wieder überholt hatten.
Aus Poddubzy kam die Hiobsbotschaft,
Grischa Chorowodko sei nachts von
des Tieres mit der geflochtenen Peitsche striegelnd, in Richtung der Grenze
davon.
In dem geräumigen Haus des Dorfsowjets lag Grischa, von Tannengrün um­
Wachsbleich, mit weitgeöffneten Augen, aus denen noch die Todesqual
starrte, lag Grischa mit zur Seite gene
igtem Kopf da. Der von einem scharfen
Gegenstand zerschmetterte Hinterkopf war mit einem Tannenzweig bedeckt.
Wer erschlug diesen Jungen, den einz
igen Sohn der Witwe Chorowodko, die
schon ihren Mann, einen Mühlenarbeiter, der Mitglied des Komitees der Dorf­
armut gewesen war, in der Revolution verloren hatte?
Die Nachricht von der Ermordung ihre
s Sohnes hatte der alten
Frau die
Besinnung geraubt. Nachbarinnen waren herbeigeeilt und hatten sich um die
Ohnmächtige bemüht. Und der Sohn lag mit stummen Lippen und wahrte das
Geheimnis seines Todes.
Grischas Tod brachte das ganze Dorf in
Aufruhr. Es erwies sich, daß der junge
Erschüttert von diesem plötzlichen Todesfall, saß die Rakitina weinend in
ihrem Zimmer und hob nicht einmal den Kopf, als Kortschagin eintrat.
»Was meinst du, Genossin Rakitina, wer hat ihn ermordet?« fragte Kortscha­
gin mit dumpfer Stimme und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.
»Wer denn anders als diese Müllerbande
! Grischa war ja diesen Schmugglern
ein Dorn im Auge.« – [360]
An Grischas Begräbnis nahmen die Einwohner zweier Dörfer teil. Kortschagin
traf mit seinem ganzen Bataillon ein,
und auch die gesamte Jugendorganisa­
tion des Bezirkes erschien, um ihrem
Grischas Tod schloß die Reihen derer,
und alle, die voller Zorn an Grischas
Grab sprachen, forderten den Tod der Mörder, verlangten, daß man sie ausfin­
dig machen und hier auf dem Dorfplatz neben seinem Grabe richten solle,
damit jedermann das Antlitz des Feinde
s sehen könne. – Drei Salven erdröhn­
ten, und das frische Grab wurde mit Tannenzweigen geschmückt.
Am selben Abend noch wurde Genossin Rakitina zum neuen Sekretär der
Zelle gewählt.
Von dem Grenzposten der GPU erhielt Kortschagin die Mitteilung, daß man
dort den Mördern auf die Spur gekommen sei.
Eine Woche später wurde im Theater des
Ortes die zweite Tagung des Bezirks­
sowjets eröffnet. Ernst und feierlich begann Lissizyn sein Referat.
»Genossen, voller Genugtuung kann ich eu
ch berichten, daß wir alle im ver­
gangenen Jahr eine große Arbeit durchgeführt haben. Wir haben die Sowjet­
macht in unserem Bezirk gefestigt, da
s Banditenunwesen mit der Wurzel aus­
einen speziellen Beschluß dafür einzusetzen, daß diesen Banditen und
Terroristen gegenüber unbedingt das höchste Strafmaß angewandt wird.« [361]
Der Saal dröhnte von Zurufen:
An das Bezirksskomitee des Kommunist
ischen Jugendverbandes Beresdow,
Kopie an das Bezirkskomit
ee der Partei. Laut Beschluß der Leitung des Gouver­
nementskomitees wird Genosse Kortschagin aus dem Bezirk abberufen und
dem Gouvernementskomitee für eine verantwortliche Arbeit im Jugendver­
band zur Verfügung gestellt.
Kortschagin nahm Abschied von dem Bezirk, in dem er ein Jahr lang gearbei­
Lissizyn und Lida drückten Pawel fest und herzlich die Hand.
Freundschaftlich umarmten sie einander, und als Pawels Pferd vom Hof in die
Straße einbog, feuerten ein Dutzend Pistolen Salutschüsse in die Luft.
Laut rasselnd kroch die Straßenbahn mühsam die steile Funduklejewskaja-
Straße hinauf. Beim Operntheater machte sie halt. Eine Gruppe junger Leute
stieg aus, und die Straßenbahn rasselte weiter bergan.
Pankratow trieb die Säumigen an:
»Los, Jungs, wir kommen schon zu spät.« Okunew holte ihn erst knapp vor
dem Theatereingang ein.
»Kannst du dich noch daran erinnern, Genka, vor drei Jahren sind wir
genauso hierhergekommen. Damals fand Dubawa mit der ehemaligen Gruppe
der ›Arbeiteropposition‹ zu
uns zurück. Ein schöner
Abend war das. Und heute
werden wir wieder mit Du
bawa zu kämpfen haben.«
Pankratow gab Okunew erst im Saal Antwort, nachdem sie den am Eingang
postierten Kontrolleuren ihre Mandate vorgewiesen hatten:
»Ja, die alte Geschichte mit Dubawa wiederholt sich von neuem und an dem­
Sie wurden zur Ruhe ermahnt und waren gezwungen, sich auf die nächstge­
legenen freien Plätze zu begeben. Die
Abendsitzung der Konferenz war bereits
»Wir sind gerade im richtigen Moment gekommen. Setz dich und hör zu, was
dein Frauchen zu sagen hat«, flüsterte Pankratow und stieß Okunew mit dem
Ellbogen an.
»… Es stimmt, wir haben viele Kräfte in
der Diskussion vertan, doch dafür hat
unsere Jugend, die sich an der Ausspr
Talja war aufgeregt, eine Haarsträhne fi
el ihr ins Gesicht und störte sie beim
Sprechen. Mit einem Ruck warf sie den Kopf zurück.
»Wir haben hier viele Genossen aus den Bezirken angehört, und alle erzähl­
ten uns von den Methoden, die die Trotzkisten anwenden. Auf unserer Konfe­
renz sind sie in ziemlich großer Anzahl vertreten. Die Be- [364] zirke haben
ihnen bewußt Mandate eingeräumt, dami
t sie hier auf der Stadt-Parteikonfe-
renz noch einmal ihre Meinung äußern können. Es ist nicht unsere Schuld,
wenn nur wenige von ihnen
Talja wurde von einer scharfen Stimme
unterbrochen, di
Ecke des Parterres kam:
»Wir werden schon noch auftreten!« Talja Lagutina wandte sich um:
»Nun, was denn, Dubawa? Tritt doch auf und sag, was du zu sagen hast. Wir
werden dich anhören«, schlug sie vor.
Dubawa blickte sie herausfordernd an und verzog nervös den Mund.
»Es kommt die Zeit – da werden wir sc
hon unsere Meinung sagen!« schrie er
und erinnerte sich an die gestrige schwer
e Niederlage, die er in seinem Bezirk,
in dem ihn jeder kannte, erlitten hatte.
Im Saal begann man zu murren. Pankratow konnte sich nicht mehr beherr­
schen und rief:
»Was, ihr wollt noch einmal an unserer Partei rütteln?« Dubawa erkannte
seine Stimme. Er wandte jedoch nicht einmal den Kopf, biß sich nur krampf­
haft auf die Lippen und starrte zu Boden. Talja fuhr fort:
»Als krasses Beispiel, wie die Trotzkis
in der Stadt, in dem sie nicht aufgetreten wären. Es ist wahr, daß Schkolenko
in den letzten Tagen etwas nüchterner zu werden beginnt. Wer hat sie aber
hierhergeschickt? Außer ihnen gibt es noch eine ganze Reihe anderer Trotz­
kisten aus verschiedenen Organisationen. Alle haben sie hier einmal gearbeitet
Die Konferenz erwartete von den Trotzkisten ein öffentliches Bekenntnis
ihrer Fehler. Talja versuchte sie zum Ein
geständnis dieser Fehler zu bewegen
und sprach zu ihnen, als stände sie nicht auf der [365] Rednertribüne, sondern
führe eine kameradschaftliche Aussprache mit ihnen.
»Könnt ihr euch noch daran erinnern? Vor drei Jahren fand Dubawa in die­
sem selben Theater mit der ehemaligen
Gruppe der ›Arbeiteropposition‹ zu uns
zurück. Erinnert ihr euch noch seiner
Worte: ›Niemals werden wir das Banner
der Partei beflecken.‹ Kaum sind drei Jahre vergangen, und Dubawa hat es
befleckt. Ja, ich behaupte – er hat es
befleckt. Denn seine Worte ›Wir werden
schon unsere Meinung sage
n‹ beweisen, daß er und seine trotzkistischen
Gesinnungsgenossen noch weiterzugehen gedenken.«
Von den hinteren Plätzen ließ sich eine Stimme hören:
»Soll doch mal Tufta vom Barometer erzählen, er ist bei ihnen so was wie ein
Erregte Stimmen wurden laut:
»Genug der Kindereien!«
»Antworten sollen sie uns, ob sie den
Kampf gegen die Partei einstellen wol­
len oder nicht!«
»Sie sollen uns sagen, wer die partei
feindliche Erklärung verfaßt hat!«
Die Erregung steigerte si
ch immer mehr. Lange schwang der Vorsitzende die
Taljas Worte verhallten im Stimmengew
irr. Doch der Sturm legte sich bald,
und ihre Stimme drang wieder durch.
»Wir erhalten Briefe von unseren Ge
nossen aus entlegenen Bezirken. Sie
gehen mit uns, und das feuert uns noch
Jugendkomitees.«
Talja zog aus einem Stoß Papiere ein Bl
att heraus, überflog es und las vor:
»Die praktische Arbeit wird vernachlässi
gt. Die ganze Jugendleitung ist bereits
den vierten Tag in den Bezirken. Die Trotzkisten haben den Kampf mit außer­
gewöhnlicher Schärfe begonnen. Gestern kam es zu einem Vorfall, über den
die ganze Organisation empört ist. Die
Oppositionszellen, die in der Stadt in
keiner einzigen Zelle die Mehrheit erhalten konnten, entschlossen sich, in der
Zelle des Kreis-Kriegskommissariats, zu der auch die Kommunisten der Kreis-
Plankommission und der Gewerkschaft de
r Bildungsarbeiter
gehören, mit ver­
einten Kräften eine Schlacht zu liefern. Die Zelle zählt zweiundvierzig Mann,
er hatten sich dort aber alle Trotzkisten eingefunden. Noch niemals haben wir
derart parteifeindliche Reden wie auf dieser Versammlung zu [366] hören
bekommen. Einer von den Kriegskommissariatsleuten meldete sich und
erklärte wortwörtlich: ›Wenn der Partei
apparat nicht nachgibt, werden wir ihn
mit Gewalt zerschlagen.‹ Diese Erklär
ung wurde von den Oppositionellen mit
Beifall aufgenommen. Da trat Kortschagin auf und sagte: ›Wie konntet ihr als
Parteimitglieder diesem Faschisten Beifall klatschen?‹ Man ließ Kortschagin
nicht aussprechen, polterte mit den Stüh
len und brüllte. Die Zellenmitglieder,
empört über dieses pöbelhafte Bene
hmen, forderten, daß man Kortschagin
anhöre. Als jedoch Pawel von neuem zu sprechen begann, wurde abermals
Talja verließ die Tribüne.
Wie sie in diesen Jahren gewachsen sind, dachte Segal.
»Den Oppositionellen ist der Boden unter den Füßen schon heiß geworden«,
sagte er zu Tokarew, »und dabei haben wir noch nicht einmal die schwere
Auf die Tribüne sprang Tufta. Im S
aal wurde sein Erscheinen mit mißbilli­
genden Rufen und einem kurzen Heiter
keitsausbruch begrüßt. Tufta wandte
sich dem Präsidium zu und wollte scho
n gegen einen derartigen Empfang Pro­
test erheben, doch es herrschte bereits wieder Ruhe.
»Hier hat mich jemand einen Meteorologen genannt. Da kann man gleich
sehen, Genossen von der Mehrheit, wie ihr euch über meine politischen
Anschauungen lustig macht!« rief er in einem Atemzug aus.
»Wie ihr auch lachen mögt, ich wied
erhole nochmals, daß die Jugend ein
Barometer ist. Lenin hat einige Male darüber geschrieben.«
Sofort wurde es still im Saal.
»Was hat er geschrieben?« rief man ihm entgegen.
Tufta wurde lebhafter.
»Wir kennen das!«
»Und was hat Lenin über die Einheit geschrieben?«
»Und über die Parteidisziplin?«
»Und wo hat Lenin die Jugend der alten Garde entgegengestellt?«
Tufta verlor den Faden und ging zu einem anderen Thema über:
»Die Genossin Lagutina hat hier einen Brief der Genossin Jurenewa verlesen.
Wir können für Zwischenfälle, die während einer Diskussion vorkommen,
keine Verantwortung übernehmen.«
»Der leistet uns ja einen schönen Bärendienst!«
»Ja, dieser Esel wird uns endgültig hereinlegen.«
Tuftas hohe, durchdringende Stimme kreischte weiter.
»Wenn ihr eine Fraktion der Mehrheit organisiert, so haben wir das Recht,
eine Fraktion der Minderheit zu organisieren.«
Unten brach ein Sturm los. Tufta wu
»Die Kommunistische Partei ist kein Parlament!«
»Die legen sich für alle ins Ze
ug, von Mjasnikow bis Martow!«
Tufta gestikulierte herum, als wollte er
schwimmen, und sprudelte in seinem
Eifer drauflos:
»Ja, wir verlangen Freiheit der Gru
ppierungen. Wie wollen wir Andersden­
kenden denn sonst für unsere Anschauungen gegen eine so organisierte und
geschlossen auftretende, disziplinierte Mehrheit kämpfen?« Im Saal wuchs der
Lärm. Pankratow erhob sich und rief:
»Laßt ihn aussprechen. Es ist ganz nützlich, das zu wissen. Tufta quatscht das
aus, was andere verschweigen.« [368]
Es trat wieder Ruhe ein.
Tufta begriff, daß er zu weit gegangen war. Das hätte man jetzt wohl doch
nicht sagen dürfen. Sein Gedankengang brach jäh ab, und er warf den Zuhö­
rern zum Schluß seiner Diskussionsred
e noch eine Flut von Worten entgegen:
»Ihr könnt uns natürlich ausschließen und uns in die Ecke drängen. Das geht
jetzt schon los. Mich hat man bereits aus dem Gouvernements-Jugendkomitee
hinausgeworfen. Macht nichts, bald wird sich zeigen, wer im Recht war.« Er
sprang von der Tribüne in den Saal hinunter.
Dubawa bat ums Wort, und es wurde ihm auch sofort erteilt.
Als er auf die Bühne stieg, trat im S
aal atemlose Stille ein. Aus diesem vor
jeder Diskussionsrede üblichen Schweigen wehte Dubawa Kälte der Entfrem­
dung entgegen. Er sprach lange nicht mehr so hitzig, wie er in den Zellen
gesprochen hatte. Sein Eifer war von Tag zu Tag abgeebbt, und jetzt glich er
einem mit Wasser gelöschten Lagerfeuer, aus dem ätzender Dunst in die Höhe
steigt. Dieser Dunst bestand aus dem krankhaften Ehrgeiz, der durch die
unverhüllte Niederlage und die derbe
Abfuhr, die ihm seine alten Freunde
»Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen und durch Zwischenfälle zu stören.
Ich will unseren Standpunkt eingehend da
rlegen, obwohl ich im voraus weiß,
daß dies vergebens ist: Ihr seid hier die Mehrheit.«
Als er seine Ausführungen schloß, war
es, als sei im Saal eine Bombe explo­
diert. Ein Sturm von Rufen hallte Dubawa
entgegen. Wie Peitschenhiebe trafen
Dmitri die zornigen Ausrufe:
»Schande!«
»Nieder mit den Spaltern!«
»Genug! Genug Schmutz aufgewirbelt!«
Unter spöttischem Gelächter verließ Dmit
ri die Tribüne, und dieses Gelächter
kränkte ihn zu Tode. Hätte man empört geschrien und getobt, so hätte ihn das
befriedigt. Man lachte ihn jedoch aus wie einen [369] Künstler, der eine falsche
Note anstimmt und dann noch aus dem Takt gerät.
»Das Wort hat Schkolenko«, erklärte der Vorsitzende.
Michail erhob sich.
»Ich verzichte aufs Wort.«
Von den hinteren Reihen ertönte Pankratows Baß:
»Und ich bitte darum!«
Am Klang der Stimme erkannte Dubawa
die seelische Verfassung Pankratows.
So sprach der Hafenarbeiter, wenn ihn jemand schwer beleidigt hatte. Dubawa
Dieser schlappschwänzige Intellektuelle! Sie haben ihn bearbeitet, klar,
dachte Dubawa boshaft.
In diesem erbitterten Kampf hatte er alle seine Freunde verloren. Auf der
Kommunistischen Universität war seine al
te Freundschaft mit Sharki in die
Brüche gegangen, als dieser auf der Ko
miteesitzung scharf gegen die Trotz­
kisten auftrat. Später, als sich die Meinungsverschiedenheiten noch mehr
zuspitzten, hörte Dmitri auf, mit Sharki
zu sprechen. Einige Male hatte er in
seiner Wohnung bei Anna Sharki getroffen. Anna Borchardt und Dubawa
waren schon seit einem Jahr verheiratet, hatten jedoch getrennte Zimmer.
Dubawa erblickte die Ursache für di
e Verschlechterung seiner ohnehin
gespannten Beziehungen zu Anna, die seine Ansichten nicht teilte, in Sharkis
immer häufiger werdenden Besuchen bei
ihr. Das war keine Eifersucht, aber
Annas Freundschaft mit Sharki, mit dem er nichts mehr zu tun haben wollte,
brachte ihn auf. Er sagte dies Anna. Es
Gedanken wurde durch Ignats Stimme unterbrochen,
»Genossen!« kam es hart von Pankratows Lippen. Er stand jetzt direkt an der
Rampe.
»Genossen! Neun Tage lang haben wir uns die Reden der Oppositionellen
angehört. Ich sage ganz offen: Sie sind nicht wie Kampfgefährten, wie revolu­
tionäre Kämpfer, wie unsere Genossen
gen Bürokratismus von seiner Arbeit
abgesetzt worden ist; wie Zwetajew, der von den Leuten aus Solomenka wegen
seines Herumkommandierens und de
r Unterdrückung jeder Kritik im
Podolsker Bezirk dreimal seines Postens
enthoben wurde? Ist es doch Tatsache,
daß sich im Kampf gegen die Partei alles vereinigt, was von der Partei gemaß­
regelt wurde. Über Trotzkis ›Bolschewi
smus‹ mögen die alten Bolschewiki hier
sprechen. Es ist notwendig, daß die Jugend Trotzkis hartnäckigen Kampf gegen
die Bolschewiki kennenlernt, sein ständiges [371] Überlaufen von einem Lager
ins andere. Der Kampf gegen die Opposi
tion hat unsere Reihen nur fester
Pankratow verließ die Tribüne unter stürmischem Applaus.
Am nächsten Tag versammelten sich bei Tufta ungefähr zehn Mann. Dubawa
»Ich fahre heute mit Schkolenko nach Charkow. Hier haben wir nichts mehr
zu suchen. Bemüht euch, Kontakt zu halten. Wir können nichts anderes tun
als abwarten, wie sich die
Ereignisse weiter gestalten werden. Zweifellos wird
uns die Allrussische Konferenz verurteilen, mir scheint jedoch, daß wir vorläu­
fig noch keine Repressalien zu erwarten
haben. Die Mehrheit will uns noch­
mals in unserer praktischen Arbeit pr
»Ich verstehe dich nicht«, sagte er lispelnd und ein wenig stotternd. »Sollen
denn die Konferenzbeschlüsse für uns nicht bindend sein?«
»Formell sind sie natürlich bindend, sonst wird man dir das Parteibuch weg­
nehmen. Wir wollen jedoch erst mal sehen, woher der Wind weht, und gehen
daher jetzt auseinander.« [372]
Tufta rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Düster und bleich, mit
dunklen Ringen unter den übernächtigen Augen, saß Schkolenko am Fenster
und kaute an den Fingernägeln. Bei Zwet
»Ich bin gegen derartige Manöver«, sagte er plötzlich gereizt und dumpf. »Ich
bin der Ansicht, daß die Beschlüsse de
r Konferenz für uns bindend sind. Wir
haben unsere Überzeugung vertreten, müssen uns jedoch den Konferenzbe­
schlüssen fügen.«
Starowerow nickte ihm beistimmend zu.
»Ich bin derselben Meinung«, sagte er lispelnd.
Dubawa maß Schkolenko mit einem gehässigen Blick und zischte mit beton­
zu machen.«
Schkolenko sprang auf.
»Was ist das für ein Ton, Dmitri! Ich sage dir ganz offen, mich stoßen deine
Worte ab und zwingen mich, meine gest
ern eingenommene Stellung zu über­
prüfen!«
Dubawa wehrte mit den Händen ab.
»Dir bleibt nur eins übrig. Geh und tue Buße, bevor es zu spät ist.«
Dubawa gab allen die Hand zum Abschied und ging davon.
Mit Eiseskälte hielt das Jahr 1924 seinen Einzug. Im Januar wütete grimmiger
Frost, und in der zweiten Monatshälfte brausten Stürme über das schneebe­
deckte Land hinweg.
Auf den südwestlichen Eisenbahnlinien waren die Gleise vom Schnee ver­
weht. Die Menschen kämpften gegen das entfesselte Element. Schneebagger
krallten sich mit stählernen Schaufel
n in die Berge von Schnee ein und bahn­
ten den Zügen ihren Weg. Frost und Schneegestöber zerrissen die vereisten
Im Telegrafenraum des Bahnhofs Schepetowka I führten die drei Morseappa­
rate ein unaufhörliches, nur dem geübten Ohr verständliches Gespräch.
Die Telegrafistinnen waren jung, und die Länge des von ihnen seit ihrem
Während der Telegrafist notierte, überle
gte er: Wahrscheinlich wieder so ein
Rundschreiben über den Kampf gegen Schneeverwehungen. Draußen wirbelte
der Schnee, der Wind warf ihn ballenweise immer wieder gegen das Fenster.
Dem Telegrafisten schien es, als habe jemand an die Scheibe geklopft. Er
wandte den Kopf, und sein Blick wurd
e unwillkürlich von der Schönheit der
Eisblumen gebannt. Niemals hätte Menschenhand diese feingravierten eigen­
artigen Blätter und Stengel formen können.
Durch den Anblick der Eisblumen abgelenkt, horchte er nicht mehr auf den
Apparat und nahm dann, als er die Augen wieder vom Fenster losgerissen
hatte, das Band, um die versäumten Worte nachzulesen.
»Am 21. Januar, sechs Uhr fünfzig Minuten …«
Rasch notierte der Telegrafist das Gelesene. Dann ließ er das Band fallen und
lauschte, den Kopf auf die Hand gestützt.
»Gestern … starb in Gorki …« Der Telegrafist schrieb langsam mit. Wie viele
freudige und tragische Nachrichten hatte er schon in seinem Leben vernom­
men. Als erster erfuhr er von fremdem Kummer und fremdem Glück. Seit lan­
gem hatte er aufgehört, sich in den Sinn der kurzen abgerissenen Sätze hinein­
zudenken. Er fing sie rein akustisch auf und hielt sie dann mechanisch auf
dem Papier fest, ohne ihren Inhalt zu beachten.
Eben ist da jemand gestorben, und man
teilt es jemandem mit. Der Telegrafist
hatte die Anschrift: »An alle, alle, alle!« schon längst vergessen. Der Apparat
klopfte weiter.
»W-l-a-d-i-m-i-r I-l-j-i-t-s-c-h« übersetzte der alte Telegrafist das Klopfen der
Hämmerchen in Buchstaben. Er saß ruhig, ein wenig müde da. Irgendwo ist da
ein Wladimir Iljitsch gestorben, für irgendwen schreibt er heute diese tragi­
schen Worte auf, irgendwer wird vor
Verzweiflung und Kummer schluchzen.
Ihm aber ist das alles fremd – er ist nu
r ein abseits stehender Zeuge. Der Appa­
rat klopft Punkte und Striche, und wiederum Punkte und Striche. Er hat aus
den bekannten Tönen schon den ersten Buchstaben zusammengesetzt und ihn
aufs Papier übertragen. Es war der Buch
stabe L. Danach trug er den zweiten
Buchstaben E ein, daneben setzte er [374] sorgfältig ein N, wobei er zweimal
den Mittelstrich zwischen den beiden Linien zeichnete, dem fügte er sofort ein
I hinzu und fing dann schon automatisch das letzte N auf.
Der Telegrafenapparat klopfte jetzt eine Pause, und für den Bruchteil einer
Sekunde blieb der Blick des Mannes an dem von ihm geschriebenen Wort haf­
»LENIN.«
Der Apparat klopfte weiter. Aber der
an dem bekannten Namen haftengeblie­
bene Gedanke kehrte wieder zu ihm zurück. Der Telegrafist schaute nochmals
auf das letzte Wort – »LENIN«. Wie?
Lenin? Die Linse seines Auges erfaßte
plötzlich den gesamten Inhalt des Tele
Dreimal überflog er hastig die Zeilen.
Hartnäckig wiederholten sie jedoch die­
selben Worte:
»… starb Wladimir Iljitsch Lenin.« Der Alte sprang auf, hob den spiralförmi­
gen Streifen in die Höhe und bohrte se
inen Blick in die Schriftzeichen. Der
»Lenin ist gestorben!«
In der Werkstatt stand über der ersten Reparaturgrube eine Lokomotive, die
bei der Brigade für leichte Ausbesserungen
Sachar war in den letzten Jahren stark gealtert. Das Leben hatte ihm eine tiefe
Furche in die Stirn gegraben, die Schläfen waren ergraut, sein Rücken war
gebeugt, und die tief eingefallenen Augen blickten kummervoll. [375]
Im hellen Spalt der Tür tauchte ein Mensch auf, der dann im Dämmerlicht
der Werkstatt wieder verschwand, Sein
erster Ruf wurde von Hammerschlägen
übertönt, doch als er zu den Leuten an der Lokomotive kam, blieb Artjom mit
erhobenem Hammer stehen.
»Genossen! Lenin ist gestorben!«
Der Hammer sank langsam nieder, lautlos ließ ihn Artjom zu Boden gleiten.
»Was hast du gesagt?«
Krampfhaft krallte sich seine Hand in
den Halbpelz des Menschen ein, der die
Hiobsbotschaft überbracht hatte. Er sah ihn an und erkannte den Parteisekre­
tär.
Jener aber rang nach Atem und wiederholte mit gebrochener, dumpfer
Stimme:
»Ja, Genossen, Lenin ist gestorben.«
Jetzt begann Artjom die grausame Wahrheit zu begreifen.
Die Arbeiter krochen aus der Grube und vernahmen schweigend die Bot­
schaft vom Tode des Mannes, dessen Name in der ganzen Welt bekannt war.
Am Tor heulte eine Lokomotive auf. Alle zuckten zusammen … Vom anderen
Ende des Bahnhofs antwortete eine zweite, eine dritte … Zu ihren mächtigen
und alarmierenden Rufen gesellte sich
die Sirene des Kraftwerks, hoch und
durchdringend wie der Flug von Schrapnellen, und wurde noch von den hel­
len Pfiffen der prächtigen Schnellzuglokomotive »S« übertroffen, die zur
Abfahrt des nach Kiew gehenden Zuges bereitstand.
sammen, als der polnische Lokomotiv­
Im Depot sammelten sich die Menschen;
durch alle Tore strömten sie herbei.
Als das große Gebäude überfüllt war,
erklangen aus dem traurigen Schweigen
die ersten Worte.
»Genossen! Der Führer des Weltproletariats, Genosse Lenin, ist nicht [376]
mehr. Die Partei hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Es starb der Schöpfer
der bolschewistischen Partei, der Mann,
Unversöhnlichkeit
ihren Feinden gegenüber erzogen hat … Der Tod des Führers der Partei und der
Arbeiterklasse ruft die besten Söhne de
Ein Trauermarsch ertönte. Hunderte entblößten die Häupter, und Artjom, der
schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr geweint hatte, spürte, daß ihm ein
Schluchzen die Kehle zuschnürte, und seine mächtigen Schultern bebten.
Die Wände des Eisenbahnerklubs schienen dem Andrang der Menschenmas­
sen nicht standhalten zu können. Draußen herrschte bittere Kälte. Die zwei
mächtigen Tannen am Eingang standen im Schneeornat und mit Eiszapfen
behängt. Im Saal war es jedoch heiß und [377] schwül, vom rotglühenden
Ofen und vom Atem der sechshundert Menschen, die an der Trauersitzung der
Parteiorganisation teilnahmen.
Heute war der Saal nicht von dem übliche
n Lärm erfüllt. Tiefe Trauer dämpfte
alle Stimmen. Die Leute sprachen nu
r flüsternd miteinander, und in den
vielen hundert Augenpaaren lag traurige Besorgnis. Es war, als hätte sich hier
die Mannschaft eines Schiff es versammelt, dem Wind und Wellen plötzlich
seinen erprobten Steuermann entrissen hatten.
Geräuschlos nahmen die Mitglieder des
Parteikomitees ihre Plätze am Tisch
des Präsidiums ein. Der stämmige Sirotenko nahm behutsam die Glocke, ließ
sie kurz ertönen und stellte sie wieder
auf ihren Platz. Allmählich trat im Saal
drückende Stille ein.
Gleich nach der Ansprache erhob sich der Parteisekretär Sirotenko. [378]
Das, was er berichtete, setzte niemanden von den Anwesenden in Erstaunen,
obwohl es für eine Trauerkundgebung ungewöhnlich war. Sirotenko sagte:
»Siebenunddreißig Arbeiter
bitten die auf der Sitzung Anwesenden, ein
Gesuch zu erörtern, das sie alle un
terzeichnet haben.« Und er verlas:
»An das Eisenbahnerkollektiv der Kommunistischen Partei der Bolschewiki,
Bahnhof Schepetowka, Südwestliche Eisenbahnlinie.
Der Tod Lenins hat uns in die Reihen der bolschewistischen Partei gerufen.
Wir bitten darum, uns nach Prüfung de
s Antrags auf der heutigen Sitzung in
die Partei Lenins aufzunehmen.«
Den kurzen Worten folgten zwei lange Reihen Unterschriften. Sirotenko las
sie vor und machte nach jedem Namen ei
ne kurze Pause, damit ihn sich die
Anwesenden einprägen konnten:
»Politowski, Stanislaw Sigmundowitsch,
Lokomotivführer, sechsunddreißig
Jahre berufstätig.«
Durch den Saal ging beifälliges Gemurmel.
»Kortschagin, Artjom Andrejewitsch, Schlosser, siebzehn Jahre berufstätig.«
»Brusshak, Sachar Filippowitsch, Lokomotivführer, einundzwanzig Jahre
berufstätig.«
Das Stimmengewirr wuchs an. Der Mann am Präsidiumstisch verlas immer
weitere Namen; es waren die der vorb
ildlichsten, besten Eisenbahnarbeiter.
Ganz still wurde es im Saal, als der erst
e derer, die das Gesuch unterschrieben
hatten, zum Präsidiumstisch trat. Nicht ohne Erregung erzählte nun der alte
Politowski den Versammelten di
e Geschichte seines Lebens.
»… Was kann ich euch da viel sagen, Genossen? Ihr wißt ja selbst, wie das
Leben eines Arbeiters in früheren Zeiten
verlief. Die reinste Fronarbeit, und das
Alter verbrachte er in Hunger und Elend. Nun, ich bekenne, als die Revolution
Das graue Haupt des Lokomotivführers beugte sich trotzig vor, und seine
Augen unter den grauen Brauen blickten fest und klar in den Saal, aus dem die
Entscheidung kommen sollte.
Keine einzige Hand erhob sich, um gegen die Aufnahme dieses kleinen grau­
Jedem im Saal war es klar, daß etwas Ungewöhnliches geschah.
Dort, wo soeben noch der Lokomotivführer gestanden hatte, sah man jetzt
die kräftige Gestalt Artjoms. Der Schlosse
r schien nicht recht zu wissen, was er
jacke stand offen. Die graue Feldbluse,
die am Kragen von zwei Messingknöp­
fen zusammengehalten wurde, gab dem Schlosser ein feierliches Aussehen.
Artjom blickte in den Saal und bemerkte
plötzlich das vert
raute Gesicht einer
Frau: Zwischen ihren Kolleginnen aus de
r Schneiderwerkstätte saß Galina, die
»Erzähl deinen Lebenslauf,
Artjom!« sagte Sirotenko.
Mühsam begann der ältere Kortschagin seine Erzählung, denn er war es nicht
gewohnt, auf großen Versammlungen zu sp
rechen. Erst jetzt spürte er, daß er
all das, was sich in seinem Leben zuge
tragen hatte, nicht in Worte zu kleiden
vermochte. Nur mühselig reihten sich die Sätze aneinander, und seine Erre­
gung machte ihm das Reden noch schwerer. Noch nie hatte er etwas Ähnliches
empfunden. Es war ihm völlig klar,
»Wir waren vier Kinder zu Hause«, begann Artjom.
Im Saal herrschte Stille. Sechshundert
Menschen lauschten gespannt dem
stämmigen Arbeiter mit der Adlernase und den Augen, die unter dichten
dunklen Brauen versteckt lagen. [380]
ter die Binde als nötig war. Wir waren immer mit der Mutter zusammen. Es
ging über ihre Kraft, so viele Münder zu stopfen. Die Herrschaften zahlten ihr
im Monat vier Rubel samt Kost, und dafür mußte sie vom frühen Morgen bis
spät in die Nacht schuften. Ich hatte das Glück, zwei Winter lang die Schule
besuchen zu dürfen. Man brachte mir dort das Lesen und Schreiben bei. Als
ich jedoch neun Jahre alt war, blieb der Mutter nichts anderes übrig, als mich
in eine Schlosserwerkstatt in die Lehre zu
machen. ›Gib mir diese Scheibe dort‹, sagte er zu mir und zeigte in eine Ecke,
wo sich die Schmiedeesse befand. Ich ging hin, griff mit der Hand danach: Er
hatte sie jedoch soeben erst geschmie
gegen die Deutschen streikten. Der Matrose Shuchrai hat oftmals mit uns dar­
über gesprochen. Erst 1920 ergriff ich das Gewehr. Nachdem dann das Durch­
einander zu Ende war und wir die Weißen ins Schwarze Meer getrieben hatten,
kehrten wir zurück. Da fing es an … die Familie, Kinder … Ich hab mich in die
häuslichen Sorgen vergraben. Jetzt aber, da unser Genosse Lenin von uns
gegangen ist und die Partei ihren Ruf er
schallen ließ, hab ich über mein ganzes
Leben nachgedacht und hab gefunden, was da nicht stimmt. Es genügt nicht,
Einfach, aber mit großer Aufrichtigkeit, verlegen über die für ihn ungewöhn­
lichen Worte, beendete der Schlosser se
ine Rede. Es war ihm plötzlich, als
»Vielleicht möchte jemand eine Frage stellen?« unterbrach Sirotenko die ein­
In die Menschenreihen kam Bewegung, aber niemand ergriff sogleich das
Wort. Ein pechschwarzer Heizer, der
direkt von der Lokomotive zur Ver­
sammlung gekommen war, rief entschlossen:
»Was gibt's da viel zu fragen? Kennen wir ihn denn etwa nicht? Bestätigt ihn
und basta!«
»So einer kommt nicht unter die Räder, er wird ein standhafter Genosse sein.
Laß abstimmen, Sirotenko!«
In den hinteren Reihen, in denen die Komsomolzen saßen, erhob sich einer,
der im Halbdunkel nicht zu erkennen war, und fragte:
»Soll Genosse Kortschagin sagen, warum er sich auf dem Lande niedergelas­
sen hat und ob ihn nicht die Bauernwirtschaft der proletarischen Psychologie
Im Saal ließ sich ein leises, unzufrie
denes Gemurmel vernehmen, und irgend
jemand protestierte:
»Drück dich einfacher aus! Gerade de
Phrasendreschen …«
»Laßt nur, Genossen. Der Junge hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich
habe mich aufs Land verkrochen. Das stimmt. Aber mein Arbeitergewissen
habe ich noch immer behalten. Und von heute an ist es mit dem Landleben
aus. Ich ziehe mit meiner Familie in die
Nähe des Depots, das wird richtig sein.
Denn dort auf dem Lande fühle ich mich nicht in meinem Element.«
Und als Artjom die Hände sah, die wie ein Wald emporragten, erbebte sein
Herz aufs neue. Dann schritt er, ohne seinen Körper zu spüren, erhobenen
Hauptes auf seinen Platz.
Hinter ihm tönte Sirotenkos Stimme:
»Einstimmig.«
Sachar Brusshak stand als dritter vor dem Präsidiumstisch. Der wortkarge alte
Gehilfe Politowskis, der inzwischen
schon lange selber Lokomotivführer
geworden war, schloß di
e Erzählung über sein Arbeitsleben mit den leise
gesprochenen, jedoch allen verständlichen Worten:
»Ich habe die Pflicht, für meine Kinder
das Werk zu Ende zu führen. Nicht
deshalb sind sie zugrunde gegangen, damit ich mich in meinem [383] Schmerz
vergrabe. Nach ihrem Tod bin ich nicht für sie eingesprungen. Aber der Tod
Lenins hat mir die Augen geöffnet. Über meine Vergangenheit fragt mich
nicht. Unser wirkliches Leben beginnt erst jetzt.«
Von Erinnerungen überwältigt, blickte
Sachar düster, mit gerunzelten Brauen
vor sich hin. Als jedoch die Anwesenden einstimmig seine Aufnahme in die
Partei beschlossen, hellte sich sein Ge
sicht auf, und der graue Kopf hob sich
zuversichtlich.
Bis spät in die Nacht wurde im Depo
t Heerschau gehalten. Nur die Besten
derer, die sich zum Lenin-Aufgebot gemeldet hatten, jene, die man gut kannte
und die sich ihr Leben lang bewährt hatten, wurden in die Partei aufgenom­
men.
Durch Lenins Tod wurden Hunderttausende
Arbeiter Bolschewiki. Die Partei
blieb auch nach dem Ableben Lenins so
unerschütterlich wie ein Baum, dessen
Wurzelwerk tief in der Erde verwachsen
ist. Er wird nicht verkümmern, sägt
man ihm auch die Spitze ab. [384]
Vor dem Eingang zum Konzertsaal des Hotels standen zwei junge Menschen.
Der eine, ein langer junger Mann mit einem Zwicker, trug eine rote Binde mit
der Aufschrift »Kommandant«.
»Tagt hier die ukrainische Delegation?« erkundigte sich Rita. Der Lange ant­
»Ich möchte zur Tagung.«
Der Lange versperrte ihr den Weg.
Er musterte Rita und sagte:
»Ihr Mandat, bitte. Nur Delegierte
mit beschließender und beratender
Stimme sind zugelassen.«
Rita entnahm ihrer Handtasche eine Ka
rte mit Goldaufdruck. Der Lange las:
»Mitglied des Zentralkomitees.« Sofort
erwiderte er höflich in freundschaft­
lichem Ton:
Rita ging die Stuhlreihen entlang,
und als sie den ersten freien Platz
»Somit, Genossen, sind die Vertreter der Delegationen in den Seniorenkon­
vent des Allrussischen Kongresses und in den Delegiertenrat gewählt. Die Sit­
zung beginnt in zwei Stunden. Gestatten Sie mir, noch einmal die Liste der
zum Kongreß eingetroffenen Delegierten nachzuprüfen.«
Rita erkannte Akim. Er war es, der eilig die Namen verlas. Als Antwort erho­
ben sich Hände mit roten oder weißen Mandatskarten. Rita lauschte gespannt.
Das ist ein bekannter Name: »Pankratow.« [385]
Sie spähte nach der erhobenen Hand. Es gelang ihr jedoch nicht, unter den
Sitzenden das vertraute Gesicht des Hafenarbeiters ausfindig zu machen. Ein
Name folgte dem anderen. Und wied
er wurde ein ihr bekannter Genosse
genannt, »Okunew«, und gleich darauf »Sharki«.
Ritas Augen suchten Sharki. Unweit en
tdeckte sie sein Profil … Zweifellos –
Wanja. Schon mehrere Jahre hatte sie ihn nicht gesehen.
Es folgten weitere Namen. Plötzlic
h ließ sie einer zusammenfahren:
»Kortschagin.«
Irgendwo ganz vorn erhob sich eine Hand, tauchte wieder unter, und – son­
derbar – Rita Ustinowitsch hatte den quälenden Wunsch, den Namensvetter
ihres verstorbenen Freundes zu sehen.
Unverwandt blickte sie dorthin, wo sich
die Hand erhoben hatte, aber alle Köpfe
schienen einander zu gleichen. Rita
stand auf und ging durch den Seitengang zu den vordersten Reihen. Da ver­
stummte Akim. Sofort entstand ein Gescharre mit den Stühlen. Die Delegier­
ten unterhielten sich laut miteinander,
und überall schallte es von jugend­
lichem Lachen. Mit Mühe überschrie Akim den Lärm:
»Nicht zu spät kommen! Punkt sieben Uhr … Großes Theater!«
Alle drängten dem Ausgang zu.
Rita begriff, daß sie in diesem Me
nschenstrom keinen von denen finden
würde, deren Namen sie soeben verno
»Nun, Kortschagin, alter Junge, fahren wir also auch!« vernahm sie hinter
ihrem Rücken, und eine ihr so bekannt
e, so vertraute Stimme erwiderte:
»Gut, gehen wir!«
Rita wandte blitzschnell den Kopf.
Vor ihr stand ein hochgewachsener, braungebrannter junger Mann in blauen
Reithosen und einer feldgrauen Soldat
enbluse, die in der Taille mit einem
Mit weitaufgerissenen Augen starrte ihn Rita an, und erst als ein Paar Arme
sie herzlich umschlangen und eine bewegt
e Stimme leise »Rita« zu ihr sagte,
begriff sie, daß dies wirklich Pawel Kortschagin war.
»Du lebst?«
Diese Worte sagten ihm alles. Sie wußt
e nicht, daß die Nachricht von seinem
Tod auf einem Irrtum beruhte.
Der Saal war jetzt leer. Durch das weitgeöffnete Fenster drang der [386] Lärm
der Twersliaja, dieser mächtigen Verkeh
rsader der Stadt. Von einer nahen Uhr
dröhnten laut sechs Schläge. Und den beid
»Ich habe dich ja gar nicht gefragt, wo du eigentlich arbeitest.«
»Hast du ihn irgendwo gesehen?«
»Ja, und diese Begegnung hat auf mich einen sehr unangenehmen Eindruck
gemacht.«
Sie gingen auf die Straße hinaus. Hupende Autos jagten dahin. Überall zahl­
lose Menschen, ein Gewirr von Stimmen. Auf dem Weg zum Großen Theater
wechselten sie nur wenige Worte miteinander. Beide beschäftigte der gleiche
Gedanke.
Die Eingänge waren von einem ungestüm brausenden und brandenden Men­
schenmeer umlagert. Alle st
rebten dem riesigen Gebäude zu und versuchten in
das von Rotarmisten bewachte Theater
einzudringen. Die unerbittlichen Rot­
armisten gewährten jedoch nur den Delegierten Einlaß, die stolz ihr Mandat
Die Menge, die das Theater umwogte, bestand aus Komsomolzen, denen es
nicht gelungen war, eine Besucherkart
e zu bekommen, die aber trotzdem ver­
suchten – koste es, was es wolle –, de
r Eröffnung des Kong
Einige besonders gewandte Komsomolzen
drängelten sich mitten in die Dele­
giertengruppen hinein und zeigten ebenfalls irgendein rotes Papierchen vor,
das ein Mandat vorstellen sollte. Manche von ihnen hatten so die Möglichkeit,
bis an den Eingang zu kommen; einige schlüpften sogar durch die Türen hin­
Mit großer Mühe gelangten Rita und
Pawel zur Tür. Immer mehr Delegierte
strömten herbei, wurden von Straßenbahnen und Autos herangebracht. Den
Rotarmisten, die ebenfalls Komsomolzen
waren, fiel es immer schwerer, die
Ordnung aufrechtzuerhalten. Man drückte sie an die Wand, und dicht bei der
Tür erschollen laute Rufe:
»Los, vorwärts, Jungs, gebt nicht nach!«
»Los, Bruderherz, dräng nur nach vorn, wir werden's schon schaffen!«
»Lo-os! Lo-os! Feste …!«
Zusammen mit Kortschagin und Rita stürmte ein kleiner flinker Bursche, mit
dem Abzeichen des Kommunistischen Jugendverbandes auf der Brust, wie ein
Wirbelwind durch die Tür. Er lief an dem Kommandanten vorüber und rannte
Hals über Kopf ins Foyer. Einen Augenblick – und er war im Strom der Dele­
»Wir wollen uns hierher setzen«, sagte
»Ich möchte, daß du mir eine Frage beantwortest«, sagte Rita.
»Obwohl die Sache schon längst veraltet
ist, denke ich doch, daß du es mir
jetzt erklären wirst: Weshalb hast du
damals unseren Unterricht und unsere
Freundschaft abgebrochen?«
Von der ersten Minute ihres Wiedersehens an hatte Pawel diese Frage erwar­
tet. Und dennoch verwirrte sie ihn.
»Ich glaube, Rita, daß du es selber weißt. Das war vor drei Jahren, und jetzt
kann ich mich dafür nur verurteilen. Kortschagin hat in seinem Leben über­
haupt nicht wenige große und kleine Fehler gemacht, und einer davon war
der, von dem du jetzt sprichst.« Rita lächelte.
»Das war ein gutes Vorwort. Ich möchte jedoch eine Antwort haben.« Pawel
sagte leise:
»Daran bin nicht nur ich schuld, sondern auch der Roman ›Stechfliege‹ und
seine revolutionäre Romantik. Bücher, in
denen in lebendig
er Weise mutige,
geistig hochstehende und willensstarke
Revolutionäre geschildert werden, die
tapfer und selbstlos unserer Sache ergebe
n sind, hinterließen in mir stets einen
außerordentlich starken Eindruck und riefen in mir den Wunsch wach, ihnen
nachzueifern. Da habe ich auch mein Gefühl für dich nach dem Beispiel dieses
»Und jetzt wird die ›Stechfliege‹ also anders bewertet?« [388]
»Nein, Rita, im Prinzip nicht. Ich bin nur gegen die überflüssige Tragik des
qualvollen Herumexperimentierens. mi
t der eigenen Willenskraft. Ich bin
jedoch für das Grundsätzliche in der ›Ste
chfliege‹: für das Mutige, für die gren­
zenlose Standhaftigkeit, fü
r diesen Typ eines Menschen, der zu leiden versteht,
ohne es immerfort zur Schau zu tragen. Ich bin für diesen Typ eines Revoluti­
onärs, für den das Persönliche gegenübe
r der Allgemeinheit völlig in den Hin­
tergrund tritt.«
»Es ist aber doch bedauerlich, Pawel, da
ß dieses Gespräch drei Jahre später
stattfindet, als es hätte stattfinden sollen«, sagte Rita nachdenklich.
»Bedauerst du das deshalb, Rita, weil ich für dich sowieso niemals mehr als
ein Genosse hätte sein können?«
»Nein, Pawel, du hättest auch mehr werden können.«
»Das kann man noch gutmachen.« [389]
»Nein, jetzt ist es ein wenig zu spät, Ge
nosse ›Stechfliege‹.« Rita lächelte über
ihren Scherz und fügte erklärend hinzu:
»Ich habe ein Töchterchen. Es hat einen Vater, der auch mir ein sehr guter
Freund ist. Wir drei halten fest zusammen, und das Trio ist vorerst noch unzer­
trennlich.«
Ihre Finger berührten Pawels Hand. Es war eine Geste der Besorgnis um ihn.
Sie begriff jedoch sofort, daß diese Bede
nken überflüssig wa
ren. Pawel war in
diesen drei Jahren nicht nur körperlich, sondern auch geistig gewachsen. Sie
verstand, daß er jetzt traurig war – das
»Trotz allem bleibt mir noch unvergle
ichlich mehr, als ich soeben verloren
habe.«
Pawel und Rita erhoben sich. Es war Zeit, sich näher zur Bühne zu [390] be­
geben. Sie gingen zu den Sesselreihen,
wo sich die ukrainischen Delegierten
niedergelassen hatten. Das Orchester spielt
e. Überall hingen riesige rote Trans­
parente, und die flammenden
Buchstaben riefen ihnen zu:
schlechts aufgenommen. Tausende Augenpaare – und in jedem dieser Augen­
paare sprühten und spiegelten sich di
e Worte wider, die über dem schweren
Vorhang geschrieben standen:
»Die Zukunft gehört uns!«
Der Ansturm der Menschen nahm immer noch kein Ende. Nur wenige Minu­
»Der Sechste Kongreß des Kommunistis
Noch nie in seinem Leben hatte Kortschagin tiefer und klarer die Größe und
Macht der Revolution empfunden, noch nie hatte ihn ein größerer Stolz, eine
hellere Freude erfüllt als hier, auf dies
er Siegesfeier der jungen Garde des Bol­
schewismus, der auch er als Kä
mpfer und Erbauer angehörte.
Der Kongreß nahm seine Teilnehmer von fr
üh bis spät in Anspruch, und erst
»Morgen, nach Schluß des Kongresses, fahr ich gleich ab«, sagte sie. »Ich weiß
nicht, ob es uns noch gelingen wird,
vor der Abreise miteinander zu reden.
Deshalb habe ich heute für dich zwei
Hefte mit meinen Notizen, die die Ver­
gangenheit betreffen, und einen kurzen Brief herausgesucht. Wenn du das
gelesen hast, schicke es mir per Post zu
rück. Aus diesen Aufzeichnungen wirst
du alles erfahren, was ich dir nicht erzählt habe.«
Er drückte ihr die Hand und schaute sie lange an, als wollte er sich ihre Züge
fest einprägen.
Kurz darauf trugen die Züge sie in verschiedene Richtungen davon.
Die Ukrainer waren in mehreren Eisen
bahnwagen untergebracht. Kortschagin
fuhr gemeinsam mit den Kiewer Genossen. Am Abend, als schon alle ruhten
und neben ihm Okunew schnarchte, rückte Kortschagin näher zum Licht und
Pawluscha, Lieber!
Ich hätte Dir das alles persönlich sagen können, aber so ist es besser. Ich
wünsche nur eins: daß das, worüber wir vor Beginn des Kongresses gesprochen
haben, keine schmerzende Wunde in Deinem Leben hinterläßt. Ich weiß, Du
bist willensstark, deshalb glaube ich
Deinen Worten. Ich habe keine formale
Einstellung zum Leben, und ich denke, daß man in persönlichen Beziehungen
manchmal auch eine Ausnahme machen kann, natürlich nur sehr selten,
wenn es sich um starke, tiefe Gefühle handelt. Du hättest das verdient. Ich
habe jedoch den im ersten Augenblick in mir aufgekommenen Wunsch, unse­
ihr gebührt, unterdrückt. Ich fühlte, daß uns dies
nicht viel Freude bringen würde. Pawel, man darf nicht so hart gegen sich
selbst sein. Unser Leben ist nicht nur vom Kampf erfüllt, sondern auch von
dem freudigen Glück eines starken Gefühl
s. Was Dein sonsti
Rita
n Brief. Er streckte die Hand zum
Fenster hinaus und spürte, wie der Wind seinen Fingern die Papierschnitzel
entriß und davontrug. Bis zum Morgen
waren beide Hefte durchgelesen, wie­
In Charkow verließ ein Teil der Ukrainer den Zug, darunter Okunew, Pankra­
tow und Kortschagin. Nikolai fuhr nach Kiew, um Talja abzuholen, die bei
Anna geblieben war. Pankratow, der Mi
tglied des Zentralkomitees des Jugend­
verbandes der Ukraine geworden war,
hatte dort ebenfalls verschiedenes zu
erledigen. Kortschagin entschloß sich, mit ihnen nach Kiew zu fahren und bei
dieser Gelegenheit die Freunde aufzusuche
n. In Kiew ging er zum Postschalter
des Bahnhofs, um Rita die Hefte zurückzuschicken. Als er sich dann nach den
Genossen umsah, war keiner mehr da. Die Straßenbahn brachte ihn zu dem
Haus, in dem Anna und Dubawa wohnten. Pawel stieg zum ersten Stock hin-
[392] auf und klopfte an die Tür links, die zu Annas Zimmer führte. Das Klop­
Dubawa, der Pawels Blick bemerkt hatte, stieß mit dem Fuß die Tür zu.
»Wohin willst du, zur Genossin Borchardt?
« fragte er heiser und blickte dabei
in irgendeine Ecke.
»Sie wohnt nicht mehr hier. Weißt du das denn nicht?«
Kortschagin schaute ihn mit finsterem Blick prüfend an.
»Das wußte ich nicht. Wo ist sie denn
hingezogen?« fragte er. Dubawa wurde
plötzlich zornig.
»Das interessiert mich nicht.« Er rülpste und fügte mit unterdrücktem Groll
»Willst sie wohl trösten kommen? Da bist
du gerade der Rechte. Der Platz ist
frei, bitte sehr! Um so mehr, da du keinen Korb zu befürchten hast. Hat sie mir
doch des öfteren gesagt, daß du ihr ge
fällst oder wie das sonst noch bei den
Weibern heißt. Nimm die Gelegenheit beim Schöpf! Da hast du gleich eine
Gemeinschaft von Leib und Seele.«
Pawel spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß, beherrschte sich aber und
sagte leise:
»Wohin bist du nur geraten! Ich hätte nie erwartet, daß du so tief sinken
würdest. Du warst doch früher gar kein schlechter Kerl. Wie kann man so auf
den Hund kommen?«
Dubawa lehnte sich an die Wand. Ihm wa
r anscheinend kalt geworden, da er
mit nackten Füßen auf dem Zementboden stand. Ihn fröstelte. Die Tür ging
auf, und in ihrem Rahmen erschien eine verschlafene Frau mit aufgedunsenem
Gesicht.
»Schatz, komm doch rein, wozu stehst
du da herum …?« Dubawa ließ sie
nicht zu Ende sprechen, er schlug die Tür zu und stemmte sich mit dem Kör­
per dagegen.
»Ein vielversprechender Anfang …«, sagte Pawel. »Mit wem hast du dich
denn da eingelassen, und wohin soll das alles führen?« Dubawa schien der
Unterredung überdrüssig zu sein und schrie: [393]
»Ihr werdet mir noch vorschreiben, mit wem ich ins Bett gehen soll! Laß
deine Moralpredigten! Scher dich dorthin, woher du gekommen bist! Geh nur
und erzähl allen, daß Dubawa säuft und mit Straßenmädchen schläft.«
Pawel ging auf ihn zu und sagte aufgeregt:
Dubawas Gesicht verfinsterte sich. Er
drehte sich um und ging ins Zimmer.
»Ach, du Dreckskerl!« zischte Kortschagin und stieg langsam die Treppe hin­
unter.
Zwei Jahre waren vergangen. Unmerklich verstrichen Tage und Monate. Und
das stürmische, vielseitige Leben gab di
esen, dem äußeren Anschein nach so
eintönigen Tagen immer neuen Inhalt, so daß das Heute nur selten dem
Gestern glich. Hundertsec
hzig Millionen, ein großes Volk, das zum erstenmal
in der Geschichte Herr seines unermeß
lichen Landes und seiner unerschöpf­
lichen Reichtümer geworden war, baute in heldenhafter und angespannter
Arbeit die vom Krieg zerstörte Volkswirts
chaft wieder auf. Das Land erstarkte,
es gewann frische Kraft – nirgends mehr waren die rauchlosen Schlote der vor
kurzem noch leblosen und in ihrer Verlassenheit finster dreinschauenden
Betriebe zu sehen.
Kortschagin hatte diese zwei Jahre in rastloser Arbeit verbracht. Er nahm es
nicht einmal wahr, wie schnell sie verflogen. Ein geruhsames Leben zu führen,
sich frühmorgens gähnend zu recken und sich abends pünktlich zehn Uhr
schlafen zu legen, das entsprach nicht se
iner Art. Er hatte es eilig zu leben.
Und er eilte nicht nur selbst, er trieb auch die anderen zur Eile an.
Zum Schlafen blieb nur wenig Zeit. Meist waren die Fenster seines Zimmers
bis spät in die Nacht erleuchtet, und drinnen saßen über den Tisch gebeugt
Menschen und studierten. In den zwei Jahren hatten sie den dritten Band des
In der Stadt, in der Kortschagin arbeitete, tauchte plötzlich Raswalichin auf.
Er wurde vom Gouvernementskomitee geschickt, mit dem Vorschlag, ihn als
Nach einem Monat jedoch erschien Pawel plötzlich in Raswalichins Bezirk. Es
lag nicht viel schwarz auf weiß gegen Raswalichin vor, aber es handelte sich im
allgemeinen um Saufereien, Bevorzugung von Kriechern und Schmeichlern
und Zurücksetzung von guten Genossen. Kortschagin setzte den Fall auf die
Tagesordnung des Jugendkomitees, und als sich die anderen für die Erteilung
einer strengen Rüge aussprachen, erklärte er unvermittelt:
»Mein Vorschlag ist: Ausschluß, ohne Recht auf Wiederaufnahme.«
Pawels Vorschlag setzte alle in Erstaunen, er schien ihnen zu hart. Kortscha­
gin jedoch wiederholte:
»Ausschließen muß man den Halunken.
Diesem Gymnasiasten wurde Gele­
genheit geboten, ein Mensch zu werden. Er hat sich einfach in unsere Reihen
eingeschlichen.« Und Pawel erzählte von Beresdow.
Raswalichin schrie: »Ich protestiere entschieden gegen den Vorschlag Kort­
schagins. Er hetzt gegen mich aus persönlichen Motiven. Da kann sich ja jeder
ausdenken, was ihm paßt. Soll doch Kortschagin Beweise, Dokumente, Tat­
sachenmaterial vorweisen! Ich könnte da
auch plötzlich erklären, er habe sich
mit Schmuggelei befaßt, aber wird man ihn etwa deshalb gleich aus dem Kom­
somol ausschließen? Nein, soll er
doch ein Dokument vorlegen!«
»Warte nur ab. Du kriegst schon dein Dokument!« erwiderte ihm Kortscha­
Raswalichin verließ das Zimmer. Nach einer halben Stunde setzte Kortschagin
die Annahme folgender Resolution durc
h: »Als fremdes Element ist Raswali­
chin aus den Reihen des Komsomol auszuschließen.«
Im Sommer gingen die Genossen einer nach dem anderen auf Urlaub. Dieje­
nigen, um deren Gesundheit es schlecht stand, fuhren ans Meer. Alle sehnten
sich nach Erholung, und Kortschagin ließ seine Kameraden fahren, verschaffte
ihnen Sanatoriumsplätze und materielle
Hilfe. Bleich und abgespannt, jedoch
freudig erregt, reisten sie ab. Ihre Arbeit
So verging der Sommer. Herbst und Winter liebte Pawel nicht; sie brachten
ihm viele körperliche Leiden.
Diesen Sommer hatte Pawel mit besonder
Nur zwei Wege blieben ihm offen: entweder zuzugeben, daß er nicht imstande
war, die Mühen angespannter Arbeit zu
ertragen, daß er ein Invalide war –
oder auf seinem Posten auszuharre
n, solange die Kräfte reichten.
Er wählte den zweiten Weg.
Eines Tages, auf einer Sitzung des Kreis-
»Du siehst nicht besonders gut aus, Ge
nosse Kortschagin. Hast du dich von
der Ärztekommission untersuchen lassen? Wie steht es denn mit deiner
Gesundheit? Warst wohl nicht dort – oder hab ich das nur vergessen? Mußt
dich aber mal untersuchen lassen, Freundchen. Komm am Donnerstagabend.«
Pawel ging nicht zur Kommission – er hatte zu tun. Bartelik hatte ihn aber
nicht vergessen und schleppte ihn eines Tages doch mit. Als Ergebnis einer
eingehenden ärztlichen Untersuchung, an
»Die Ärztekommission hält einen sofort
igen Urlaub mit längerer Erholung
auf der Krim sowie weitere eingehende
Behandlung für unbedingt notwendig,
andernfalls sind schwere Folgen unausbleiblich.«
Dieser Feststellung ging eine lange Aufzählung verschiedener Krankheiten in
lateinischer Sprache voraus, woraus
Kortschagin nur das eine entnehmen
konnte, daß nicht die Beschwerden in den Füßen sein Hauptleiden waren,
sondern eine schwere Störung des zentralen Nervensystems.
Bartelik ließ den Kommissionsbeschluß
vom Parteikomitee bestätigen, und
niemand hatte etwas gegen Kortschagi
ns unverzügliche Beurlaubung einzu­
wenden. Pawel selbst schlug jedoch vor,
seine Abreise bis zur Rückkehr Sbit­
news, des Leiters der Orgabteilung des Kreis-Jugendkomitees, hinauszuschie­
ben, da er das Komitee nicht ohne Leitung lassen wollte. Man erklärte sich
damit einverstanden, obwohl Bartelik dagegen war.
In drei Wochen sollte also Pawel zum erstenmal in seinem Leben auf [398]
Urlaub gehen. Der Schein für einen Sanatoriumsaufenthalt in Jewpatoria lag
bereits in seiner Schublade.
In diesen Tagen arbeitete Kortschagin besonders intensiv. Er führte eine Ple­
narsitzung des Kreis-Jugendkomitees durch und bemühte sich, ohne seine
Kräfte zu schonen, alles in Ordnung zu bringen, um dann ruhigen Herzens
abfahren zu können.
Und gerade am Vorabend seiner Abfahrt ans Meer, das er noch niemals in
Pawel hatte sich nach der Arbeitszei
t ins Zimmer der Agitpropabteilung der
eines schönen, hochgew
achsenen Mannes mit militär
Failo war ein ehemaliger Partisan. Mit
selbstzufriedenem Lächeln erzählte er
bei jeder Gelegenheit, wie er den Machno-Leuten die Köpfe abgeschlagen
hatte, jeden Tag einem ganzen Dutzend.
Kortschagin konnte ihn nicht ausstehen. Einmal kam eine Komsomolzin zu
Pawel und erzählte ihm bitterlich weinend,
Failo habe ihr versprochen, sie zu
heiraten. Nachdem er jedoch eine Woche lang mit ihr gelebt hatte, habe er sie
verlassen, ja sogar aufgehört, sie
zu grüßen. Vor der Kontrollkommission
gelang es Failo, sich herauszureden, denn das Mädchen hatte keine Beweise.
Pawel aber glaubte ihr.
Kortschagin horchte auf.
»Nun, Failo, wie steht's mit deinen Erfolg
en? Was hast du wieder angestellt?«
Diese Frage stellte Gribow, einer von
Failos Freunden, ein Mensch des glei­
chen Schlages. Aus unerfindlichen Gründen arbeitete Gribow als Propagandist,
obwohl er äußerst unwissend und beschränkt, kurz, ein Dummkopf war. Er tat
sich indes mit seinem Propagandistenti
tel wichtig und brachte ihn bei jeder
passenden und unpassenden Gelegenheit aufs Tapet.
»Kannst mir gratulieren. Gestern hatte ich es mit der Korotajewa. Du hast
zwar gesagt, daß bei ihr nichts zu machen ist, aber wenn ich mal [397] eine
aufs Korn nehme, mein Lieber, dann kannst du schon sicher sein …«, und
Failo machte noch eine schmutzige Bemerkung.
Kortschagin lief ein nervöses Kribbeln über den Rücken – ein Zeichen
höchster Gereiztheit. Korotajewa war die Leiterin der Frauenabteilung des
Kreis-Parteikomitees. Sie
war gleichzeitig mit Pawel in die Stadt gekommen,
und er hatte sich mit dieser sympathischen Genossin angefreundet, die auf­
merksam und teilnahmsvoll zu jeder Frau und überhaupt zu jedem war, der
von ihr Rat und Hilfe erhoffte.
Unter den Mitarbeitern des Komitees genoß die Korotajewa große Achtung.
»Und lügst du auch nicht, Failo? Das sieht ihr doch gar nicht ähnlich.«
»Ich und lügen! Für wen hältst du mich denn eigentlich? Ich bin noch mit
ganz anderen fertig gewo
rden. Man muß es nur rich
tig anpacken. Jede ver­
langt ihre eigene Behandlung. Die eine
gibt gleich am ersten Tag nach, aber
die taugen meist nicht viel, einer anderen muß man erst einen ganzen Monat
lang nachlaufen. Man muß sich eben in ihrer Psyche auskennen. Ja, mein Lie­
ber, das ist eine ganze Wissenschaft, aber
in diesem Fach bin ich ein Meister.
Hahahaha …!«
Failo schwoll der Kamm vor Selbstzufr
iedenheit, und das Häufchen Zuhörer
spornte ihn an, weiterzuerzählen. Sie wa
ren begierig, Einzelheiten zu erfahren.
Kortschagin stand auf, ballte die Fäuste und spürte, wie sein Herz erregt
klopfte.
»Die Korotajewa einfach so auf den ersten Anhieb zu bekommen, daran war
gar nicht zu denken. Laufen lassen wollte ich sie aber auch nicht, um so weni­
ger, als ich mit Gribow um ein Dutzen
eine richtige Lebensgefährtin, habe ich nicht gefunden. So lebe ich denn wie
ein obdachloser Hund, ohne Zärtlichkeit, ohne Liebe …‹ Und so weiter und so
fort, immer dieselbe Leier. Mit einem
Wort, ich packte sie immerzu an ihren
schwachen Seiten. Viel habe ich mich mit ihr abplagen müssen. Eine Zeitlang
wollte ich schon die Sache fahren- [398] lassen und mit der ganzen Komödie
Schluß machen. Hol sie der Teufel! Aber nun war das für mich schon eine
prinzipielle Sache geworden. Aus prin
zipiellen Gründen mußte ich durchhal­
ten … Schließlich habe ich sie doch kirre gemacht, und meine Geduld hat sich
gelohnt: bin statt auf ein Weib auf eine Jungfrau gestoßen. Haha! Ach, zum
Totlachen!«
Kortschagin konnte sich später nur schwer entsinnen, wie es gekommen war,
daß er plötzlich vor Failo stand.
»Du Schweinehund!« schrie Pawel wütend.
»Wer ist ein Schweinehund, ich oder du, der fremde Gespräche belauscht?«
Anscheinend hatte Pawel noch irgend etwas geantwortet, denn Failo packte
ihn plötzlich an der Brust.
»Beleidigen willst du mich auch noch?«
Kortschagin griff nach einem Holzschemel und streckte Failo mit einem
Diese Angelegenheit aber hatte zur Folg
e, daß Pawel an dem Tag, an dem er
nach der Krim fahren sollte,
vor dem Parteigericht stand.
Im Stadttheater war die gesamte Partei
organisation versa
mmelt. Der Vorfall
in der Agitpropabteilung hatte allgemei
nes Aufsehen erregt, und das Gerichts­
verfahren entwickelte sich zu einer heft
igen Diskussion über Fragen des per­
sönlichen Lebens. Die Probleme der neuen Lebensformen, der persönlichen
»Ihr wollt eure Zungen auf meine Kost
Wütend verließ er den Raum. [399]
Als Kortschagin vom Vorsitzenden ersuch
t wurde, über die Angelegenheit zu
berichten, sprach Pawel ruhig. Man spürte jedoch, daß er sich nur mühsam
»Der Vorfall, um den es sich hier handelt, hat sich nur deshalb so abgespielt,
weil ich mich nicht in der Hand hatte. Die Zeit ist schon längst vorbei, da ich
mehr von meiner Faust als von meinem Kopf Gebrauch machte. Ich weiß
nicht, wie es geschah, aber ehe ich mich besann, hatte Failo eins auf den
Schädel bekommen. Seit Jahren ist das de
r einzige Fall, wo der Partisan in mir
durchgegangen ist. Ich verurteile mein Handeln, obwohl der Schlag eigentlich
völlig angebracht war. Solche Leute wie
Failo sind abstoßen
de Erscheinungen
in unserem kommunistischen Leben. Ich kann es nicht begreifen und werde
mich niemals damit abfinden können, daß ein Revolutionär, ein Kommunist,
zugleich eine niederträchtige Bestie un
d ein Schuft sein kann. Dieser Vorfall
hat uns dazu gebracht, die Fragen des persönlichen Lebens auf die Tagesord­
nung zu stellen, und das ist das einzig Positive an der ganzen Geschichte.«
Die überwiegende Mehrheit des Partei
kollektivs stimmte für Failos Ausschluß
aus der Partei. Gribow wurde wegen fals
cher Aussagen eine strenge Rüge mit
Verwarnung ausgesprochen. Die übrige
Einige Tage später brachte der Zug Pa
wel nach Charkow. Auf seine beharr­
liche Bitte hatte sich das Kreiskomitee de
r Partei damit einverstanden erklärt,
ihn dem Zentralkomitee des Kommunistischen Jugendverbandes der Ukraine
zur Verfügung zu stellen. Man gab ihm ei
ne gute Charakteristik mit, und er
Akim las die Charakteristik. Nach den
Worten »der Partei getreu ergeben«
stand weiter:
»… ist diszipliniert, nur in äußerst
seltenen Fällen jähzornig, kann dabei
sogar seine Selbstbeherrschung verlieren. Schuld daran ist eine schwere Stö­
rung des Nervensystems.«
»Hat man sich's doch nicht verkneifen können, das in deine Charakteristik
einzutragen, Pawluscha. Aber sei darüber nicht betrübt, so etwas [400] kommt
sogar bei gesunden Menschen vor. Fahr nach dem Süden und erhol dich
ordentlich. Wenn du zurückkehrst, werden wir schon besprechen, wo du
arbeiten kannst.«
Akim drückte ihm zum Abschied fest die Hand.
Das Sanatorium des Zentralkomitees »Kommunar«. Üppige Rosenbeete, in der
Sonne glitzernde Springbrunnen, weinumrankte Gebäude mitten im Garten.
Menschen in weißen Kitteln und in Ba
deanzügen. Eine junge Ärztin trägt die
Namen der Kurgäste ein. Ein geräumig
es Zimmer im Eckgebäude, blendend­
weiße Betten, Sauberkeit und Ruhe, die durch nichts gestört wird.
Vom Bad erfrischt und umgekleidet, ging Kortschagin ans Meer.
Überall, wohin das Auge reichte, Meer
, nichts als Meer. Majestätisch und
friedlich, blauschwarz wie polierter Ma
rmor lag es da. Irgendwo im fernen
himmelblauen Dunst verloren sich seine Grenzen. Wie blitzende Feuerfunken
spiegelte sich die strahlende Sonne in den Wellen. Am Horizont zeichneten
sich im Morgennebel die hohen Bergmassive ab. Die Brust sog die belebend
frische Brise ein, und das Auge konnte
sich nicht von der erhabenen Stille des
blauen Meeres trennen.
Liebkosend benetzte eine leichte Welle
den goldenen Meeressand und Pawels
Füße. [401]
SIEBENTES KAPITEL
Neben dem Sanatorium des Zentralkomit
ees lag der große Park der Poliklinik.
Durch diesen Park mußten
die Kurgäste aus dem Sanatorium »Kommunar«
gehen, wenn sie vom Meer zurückkehrten. Hier, abseits, im Schatten der dich­
ten Platane an der hohen Kalksteinwand,
war Pawels Lieblingsplatz. Nur selten
kam jemand vorüber. Von diesem Winkel aus konnte man in der Ferne das
lebhafte Auf und Ab der Menschen in den Alleen und Wegen des Gartens be­
Auch heute war Kortschagin dorthin gegangen. Er ließ sich behaglich in
einem Schaukelstuhl nieder und schlummerte ein, vom Baden und von der
Hitze erschlafft. Sein Frottierhandtuch und der Roman »Meuterei« von Furma­
now lagen neben ihm auf einem Stuhl. In den ersten Tagen seines Aufenthalts
im Sanatorium war Pawel in einem äußerst nervösen Zustand und litt unun­
terbrochen an Kopfschmerzen. Die Prof
essoren dokterten immer noch an sei­
ner komplizierten und äußerst seltenen Krankheit herum. Das häufige Abhö­
»Mein Ehrenwort, ich halte das nicht mehr aus«, sagte Pawel. »Fünfmal am
Tag muß man ein und dasselbe erzählen. ›War Ihre Großmutter nicht geistes­
krank? Hat Ihr Urgroßvater nicht an Rheumatismus gelitten?‹ Verdammt noch
mal, woher soll ich denn wissen, woran der [402] gelitten hat, ich habe ihn
überhaupt niemals zu Gesicht bekommen. Dabei versucht mir noch jeder
zuzureden, ich solle bekennen, daß ich einmal Gonorrhöe oder noch was
Schlimmeres gehabt habe. Und ich würde ihnen, offen gestanden, dafür am
liebsten jedesmal eins auf den Schädel geben. Laßt mich doch ausruhen! Denn
wenn man mich die ganzen anderthalb Monate studieren wird, werde ich
noch gemeingefährlich.«
Die Jerusalimtschik lachte und gab sc
herzhafte Antworten. Nach wenigen
Minuten faßte sie ihn unter und führte ihn, während sie irgend etwas Interes­
santes erzählte, zum Chirurgen.
Heute war keine Untersuchung vorgesehen
, und erst in einer Stunde sollte zu
Mittag gegessen werden. Pawel vernahm im
Halbschlaf Schritte. Er hatte die
Augen geschlossen. Man wird denken, daß ich schlafe, und weggehen. Seine
Hoffnung wurde jedoch zerstört, ein Schaukelstuhl knarrte, irgend jemand ließ
sich darauf nieder. Der feine Parfümge
ruch verriet, daß eine Frau neben ihm
»Entschuldigen Sie, ich habe Sie wohl gestört?« Kortschagin schwieg. Das war
nicht sehr höflich, jedoch gab er die Hoffnung nicht auf, daß seine Nachbarin
»Gehört das Buch Ihnen?«
Sie blätterte in dem Roman.
»Ja.«
Einige Minuten Schweigen.
»Sagen Sie, Genosse, sind Sie aus dem Sanatorium des ZK?« Kortschagin
machte eine ungeduldige Bewegung. Was hat sie bloß hier zu suchen? Das
nennt sich nun Ausruhen. Gleich wird sie noch fragen, was mir fehlt. Ich will
lieber weggehen. Unfreundlich antwortete er: »Nein.«
»Ich glaube, ich habe Sie dort gesehen.«
Pawel hatte sich bereits erhoben, als er hinter sich eine tiefe weibliche
Stimme vernahm.
»Dora, wohin hast du dich denn da verkrochen?« Auf den Rand des Schau­
kelstuhls ließ sich eine üppige, sonnverbrannte Blondine im Strandkostüm
nieder. Mit flüchtigem Blick streifte sie Kortschagin. [403]
»Ich muß Sie schon irgendwo gesehen haben, Genosse. Arbeiten Sie nicht
zufällig in Charkow?«
»Ja, in Charkow.«
»Und wo arbeiten Sie dort?«
Kortschagin wollte diesen ermüdend
en Fragereien ein Ende machen.
»Bei der Müllabfuhr!«
Unwillkürlich zuckte er unte
r ihrem Gelächter zusammen.
»Man kann nicht behaupten, daß Sie sehr höflich sind, Genosse.«
So begann ihre Freundschaft, und Dora Rodkina, Mitglied des Stadtkomitees
der Charkower Parteiorganisation, erinnert
e sich noch oft an diesen drolligen
Anfang ihrer Bekanntschaft.
Im Garten des Sanatoriums »Talassa«,
den Kortschagin wegen des Nachmit­
Nach einer korpulenten Sängerin, die to
ll gestikulierend »Die Nacht lodert im
Entzücken der Wollust« vorgetragen hatte, sprang ein Pärchen auf die Bühne.
Er – mit rotem Zylinder, halbnackt, mit irgendwelchen bunten Schnallen an
den Hüften und blendendweißem Vorhemd und Krawatte. Mit einem Wort,
die lächerliche Parodie auf einen Wilden
. Sie – eine hübsche Person mit viel
Stoff umwickelt. Unter dem begeistert
en Gegröle der dicken NÖP-Leute, die
hinter den Sesseln und Liegestühlen der Sanatoriumsgäste standen, hopste
dieses Pärchen auf der Bühne im Foxtrott hin und her. Einen widerwärtigeren
Anblick konnte man sich kaum vorstellen.
Der feiste Kerl mit seinem lächer­
lichen Zylinder und die Frau wanden sich dicht aneinandergeschmiegt in
unzüchtigen Bewegungen. Kortschagin schickte sich eben zum Gehen an, als
sich in der vordersten Reihe, direkt vo
r der Tribüne, jemand erhob und wütend
schrie:
»Zum Teufel noch mal! Was soll diese Prostitution? Schluß damit!« Pawel
erkannte Sharki.
Der Klavierspieler brach jäh ab. Die Ge
ige kreischte noch einmal auf und ver­
stummte. Das Pärchen auf der Bühne stand erstarrt. Die Leute hinter den
Stühlen zischten wütend:
»Unerhörte Frechheit, die Vorstellung zu stören!«
»Ganz Europa tanzt!«
»Empörend!«
Doch aus einer Gruppe der »Kommunar«
-Leute ertönte plötzlich ein schriller
Pfiff. Es war Sergej Shbanow, der Sekretär des Tscherepo- [404] wezker Bezirks-
Jugendkomitees, der beschlossen hatte, der Sache ein Ende zu machen. Andere
unterstützten ihn, und das Pärchen verschwand im Nu von der Bildfläche.
Der geschwätzige Conferencier, der wi
e ein geschniegelter Lakai aussah, gab
dem Publikum bekannt, daß die Truppe abreisen würde.
»Ab durch die Mitte, auf unsere Bitte! Sag deiner Lieben, nach Moskau hat's
Kortschagin fand Sharki in den ersten Reihen. Lange saßen sie in Pawels
Zimmer beieinander. Wanja war Agitprop
leiter eines Kreis-Parteikomitees.
»Weißt du schon, ich bin verheiratet. Bald werde ich einen Sohn oder eine
Tochter haben«, sagte Sharki.
»Oho, wer ist denn deine Frau?« wunderte sich Kortschagin. Sharki zog eine
Fotografie aus der Tasche und zeigte sie Pawel.
»Erkennst du sie?« Auf der Fotografie waren er und Anna Borchardt abgebil­
»Und wo steckt Dubawa?« fragte Pawel noch verwunderter.
»Dubawa ist in Moskau. Er hat nach seinem Ausschluß aus der Partei die
Kommunistische Universität verlassen und besucht jetzt die Moskauer Techni­
sche Hochschule. Gerüchten zufolge soll
er wieder in die Partei aufgenommen
sein. Doch ganz zu Unrecht! Von ihm geht Zersetzung aus … Weißt du, was
Dora kam mit einigen Kurgästen ins Zimmer. Ein hochgewachsener Genosse
aus Tambow schloß die Tür. Dora warf einen Blick auf Sharkis Orden und
erkundigte sich bei Pawel:
Ohne zu wissen, worum es sich handelte, gab Kortschagin kurz über Sharki
»Dann kann er hierbleiben. Soeben sind Genossen aus Moskau eingetroffen.
Fast alle Anwesenden, mit Ausnahme
von Pawel und Sharki, waren alte Bol­
schewiki. Bartaschew, ein Mitglied der Moskauer Kontroll- [404] kommission,
»In einer so gespannten Situation müssen
wir an Ort und Stelle sein«, schloß
Bartaschew. »Ich re
ise morgen ab.«
Drei Tage nach dieser Sitzung verlie
ßen die Patienten vorzeitig das Sanato­
rium. Auch Pawel reiste ab, ohne da
s Ende seines Urlaubs abzuwarten.
Im Zentralkomitee des Jugendverbandes hielt man ihn nicht lange auf. Er
An einem späten Herbsttag raste das A
uto des Kreis-Parteikomitees, in dem
Kortschagin mit noch zwei anderen Funktionären nach einem weit entlegenen
Bezirk fuhr, in einen Graben und überschlug sich. Alle Insassen wurden ver­
letzt. Kortschagin trug eine Quetschung des rechten Knies davon. Wenige Tage
nach diesem Unfall brachte man ihn in
die Charkower Chirurgische Klinik.
Nach einer Untersuchung des geschwollenen Knies und nach verschiedenen
Röntgenaufnahmen sprach sich das Är
ztekonsilium für eine sofortige Opera­
tion aus.
Kortschagin gab seine Zustimmung.
»Also morgen früh«, sagte der dicke Pr
ofessor, der Leiter des Konsiliums, und
erhob sich. Ihm folgten die anderen.
Ein kleines, helles Einzelzi
mmer. Tadellose Sauberkeit und ein längst verges­
Die Schwester brachte das Abendbrot.
Pawel wollte nicht essen. Im Bett halb
»Ich bin Ihr Arzt«, sagte sie.
»Habe heute Dienst und werde jetzt [406] gleich ein kleines Verhör veranstal­
ten. Und Sie werden – wohl oder übel – alles über sich erzählen müssen.«
Sie lächelte freundlich, und dieses
Lächeln machte das »Verhör« weniger
unangenehm. Eine ganze Stunde lang erzählte Kortschagin sowohl von sich als
auch von seiner Urgroßmutter.
Die Menschen im Operationssaal trugen Gazemasken.
Vernickelte chirurgische Instrumente b
linkten. Ein schmaler Tisch, darunter
eine riesige Schüssel. Als sich Kortschagin hingelegt hatte, war der Professor
gerade mit dem Händewaschen fertig.
Hinter Pawel beeilte man sich mit de
n Vorbereitungen für die Operation.
Kortschagin schaute um sich. Die Schw
ester legte die Lanz
»Schauen Sie nicht hin, Genosse Kortschagin, das ist nicht gut für die Ner­
ven«, sagte sie leise.
»Von wessen Nerven sprechen Sie, Dokt
or?« Kortschagin lächelte spöttisch.
Nach wenigen Minuten bedeckte eine
dichte Maske sein Gesicht, und der
Professor sagte:
»Seien Sie ganz ruhig. Sie bekommen gleich Chloroform. Atmen Sie tief durch
die Nase und zählen Sie.«
mpfte, ruhige Stimme vernehmen:
»Gut. Ich bitte schon im voraus um Entschuldigung, wenn ich nicht ganz
salonfähige Ausdrücke von mir geben sollte.«
Der Professor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Kortschagin lag auf dem Operationstisch, atmete tief, und bemüht, deutlich
zu sprechen, fing er an zu zählen. So
begann der erste Akt seiner Tragödie.
Artjom riß den Briefumschlag auf. Von
einer ihm selbst unerklärlichen Erre­
Artjom! Wir schreiben einander viel zu selten. Einmal, höchstens zweimal im
Jahr! Es kommt ja auch nicht auf die Zahl an. Du schreibst, daß Du mit Deiner
Familie aus Schepetowka nach dem Kasa
tinsker Depot übergesiedelt bist, um
die Wurzeln auszureißen. [407]
Ich kann das verstehen, diese Wurzeln – das ist die rückständige, kleinbür­
gerliche Denkweise Deiner Frau Stjoscha
, das sind ihre Verwandten und alles
Drum und Dran. Menschen vom Schlage Stjoschas sind schwer umzuformen.
Ich fürchte sogar, daß Dir das nie gelingen wird. Du schreibst, »es ist schwer,
noch im Alter zu lernen«, jedoch geht's bei Dir anscheinend ganz gut vorwärts.
Du hast nicht recht, Dich so hartnäckig zu weigern, den Betrieb zu verlassen,
um als Vorsitzender des Stadtsowjets zu arbeiten. Du hast doch mit um die
Macht gekämpft. So nimm also auch daran teil. Gleich morgen mußt Du mit
der Arbeit im Stadtsowjet beginnen!
Jetzt von mir. Es gehen da sonderbare Dinge vor sich. Ich mußte oft Kran­
kenhäuser aufsuchen, wurde bereits zweimal operiert, habe dabei nicht wenig
Blut und Kräfte verloren, und niemand kann mir sagen, wann das alles endlich
aufhören wird.
Ich habe meine Arbeit aufgegeben und eine neue Beschäftigung gefunden,
nämlich »krank« zu spielen. Ich habe nicht wenig ausgestanden, und nun
kann ich als Resultat das rechte Knie nicht bewegen, habe einige Nähte am
Es gibt für mich nichts Schrecklicheres, als ausscheiden zu müssen. Ich wage
es kaum, daran auch nur zu denken. Deshalb bin ich zu allem bereit. Es winkt
jedoch keine Besserung, und die Wolken am
sich immer dich­
ter zusammen. Sobald ich mich nach der ersten Operation ein wenig erholt
hatte, bin ich sogleich zur Arbeit zurückgekehrt, wurde jedoch bald darauf
wieder hierhergebracht. Soeben habe ich eine Überweisung ins Sanatorium
»Mainak« in Jewpatoria bekommen. In einigen Tagen fahre ich. Sei nicht trau­
rig, Artjom. Ich bin ja nicht umzubringen. In mir steckt Leben genug für drei.
Werde schon noch was schaffen, Brüderchen. Achte auf Deine Gesundheit,
mute Dir nicht zuviel zu. Die Wiederherstellung der Gesundheit kommt dann
der Partei teuer zu stehen. Mit den Jahren haben wir Erfahrung und Wissen
gesammelt, so manche
Ich drücke Dir fest die Hand.
Pawel [408]
Um die gleiche Zeit, als Artjom, die di
chten Brauen runzelnd, den Brief des
»Sie fahren morgen auf die Krim? Wo
wollen Sie den Rest des Tages verbrin­
gen?«
»Gleich kommt die Genossin Rodkina. Bi
s morgen werde ich im Kreis ihrer
Die Bashanowa kannte Dora, die Pawel häufig besucht hatte.
»Erinnern Sie sich noch an unser Gesp
räch, Genosse Kortschagin, als Sie mir
versprachen, vor Ihrer Abre
ise meinen Vater aufzusuchen? Ich habe ihm von
Ihrem Gesundheitszustand ausführlich
erzählt und möchte gern, daß er Sie
untersucht. Heute abend könnte man das machen.«
Kortschagin erklärte sich sofort einverstanden. '
An demselben Abend wurde Pawel von
Irina Wassiljewna in das geräumige
In Anwesenheit seiner Tochter unters
uchte der berühmte Chirurg Kortscha­
gin aufmerksam. Irina hatte sämtliche Röntgenaufnahmen und Analysen aus
der Klinik mitgebracht. Pawel entging di
e plötzliche Blässe nicht, die eine
Bemerkung ihres Vaters in lateinischer
Sprache auf Irinas Gesicht hervorgeru­
fen hatte. Kortschagin betrachtete den großen kahlen Kopf des Professors und
versuchte irgend etwas in seinen durchdringenden Augen zu lesen. Bashanow
war jedoch nichts anzumerken.
Als sich Pawel angezogen hatte, verabsch
Kortschagin legte sich in dem mit au
Befund beibringen sollte. Es fiel ihr se
hr schwer. Der Vater hatte ihr erklärt,
daß die Wissenschaft vorläufig nicht imstande sei, das Zerstörungswerk eines
in Pawels Organismus vor sich gehend
en Entzündungsprozesses aufzuhalten.
Er war gegen jeden chirurgischen Eingriff.
Als Arzt und Freund fand Irina es nicht ratsam, ihm dies zu sagen, und teilte
ihm vorsichtig nur einen kleinen Teil der Wahrheit mit:
»Ich bin fest davon überzeugt, Genosse Kortschagin, daß die Moorbäder in
[409] Jewpatoria eine Änderung hervorrufen werden und daß Sie im Herbst
wieder arbeitsfähig sind.«
Während sie dies sagte, übersah sie vö
llig, daß sie die ganze Zeit zwei auf­
merksame Augen beobachteten.
»Aus Ihren Worten, vielmehr aus dem,
was Sie nicht aussprechen, erkenne
ich den ganzen Ernst meines Zustandes. Können Sie sich noch daran erinnern,
daß ich Sie darum gebeten habe, mit mi
r immer offen zu sprechen? Vor mir
braucht man nichts zu verbergen. Ich werde nicht in Ohnmacht fallen und
gedenke mich auch nicht umzubringen. Ich möchte aber im voraus wissen,
Die Ärztin versuchte jedoch, ihn mit scherzhaften Worten abzulenken. So
erfuhr Pawel an diesem Abend nicht die
»Vergessen Sie nie, daß ich viel für sie übrig habe, Genosse Kortschagin. In
Ihrem Leben kann noch so manches passieren. Wenn Sie meine Hilfe oder
meinen Rat brauchen, so benachrichtige
n Sie mich. Ich werde alles tun, was in
meinen Kräften steht.«
Sie schaute ihm durchs Fenster nach und sah, wie sich die hohe, auf einen
Stock gestützte Gestalt in der Lederjacke
mühsam zu einer Droschke schleppte.
Und wieder war er in Jewpatoria. Süd
liche Hitze. Lärmende, sonnverbrannte
Menschen mit goldgestickten runden Tatarenmützen auf den Köpfen. In zehn
Minuten brachte das Auto die Fahrgäste
zu einem zweistöckigen grauen Kalk­
steingebäude, dem Sanatorium »Mainak«
. Der diensthabende Arzt wies die
Angekommenen in ihre Zimmer.
»Von wem haben Sie Ihre Einweisung, Genosse?« fragte er Kortschagin und
machte vor dem Zimmer Nr. 11 halt.
»Vom ZK der KP(B) der Ukraine,«
»Dann werden wir Sie hier beim Genossen Ebner unterbringen. Er ist ein
Deutscher und hat um einen russischen
Kortschagin stellte seinen Koffer im Zimmer ab und wandte sich einem hell­
blonden Mann mit schönen, lebhaften Augen zu, der auf dem Bett lag. Der
Deutsche begrüßte ihn mit gutmütigem Lächeln:
»Guten Morgen, Genosse. Ich wollte eigentlich ›Sdrastwuj‹ sagen«, verbesserte
er sich und streckte Pawel seine durchs
ichtige Hand mit den langen schmalen
Fingern entgegen. [410]
In wenigen Minuten saß Pawel an seinem
Bett, und bald darauf waren sie in
ein lebhaftes Gespräch vertieft, das in jener »internationalen« Sprache geführt
Während des Hamburger Aufstandes von 1923 hatte eine Kugel Ebner an der
Einen besseren Nachbarn hätte sich Pawel kaum wünschen können. Das war
jammerte. Man konnte im Gegenteil, war man mit ihm zusammen, sein eige­
nes Mißgeschick vergessen.
Es ist nur schade, daß ich keine blasse Ahnung von der deutschen Sprache
habe, dachte Pawel.
In einer Gartenecke standen einige Schaukelstühle, ein Tisch aus Bambusrohr
und zwei Krankenwagen. Hier verbrachten die fünf, die von den Kranken den
Spitznamen »Exekutivkomitee der Komintern« erhalten hatten, nach der Heil­
behandlung den ganzen Tag.
Auf dem einen Wagen lag Ebner und auf dem anderen Pawel Kortschagin.
Die Ärzte hatten ihm das Gehen verboten. Die drei übrigen waren: der schwer­
Bis zur Ankunft von Innokenti Pawlowitsch Ledenew war Kortschagin
»Schachmeister« des Sanatoriums gewesen.
Er hatte sich diesen Titel nach
einem hartnäckigen Kampf mit Weimann erobert. Weimann wurde besiegt,
und das brachte den phlegmatischen Esten aus dem Gleichgewicht. Lange
konnte er Kortschagin diese Niederlage nicht verzeihen. [411]
Bald jedoch tauchte im Sanatorium ein hochgewachsener älterer Mann auf,
der für seine fünfzig Jahre ungewöhnlich jung aussah; er machte Kortschagin
den Vorschlag, mit ihm eine Partie zu
spielen. Ohne Gefahr zu wittern, eröff­
nete Kortschagin die Partie mit einem Damengambit, woraufhin Ledenew mit
den mittleren Bauern losrückte. Als »Sc
Nach dreistündigem Kampf war Pawel ge
zwungen, sich trotz aller Bemühun­
gen und Anstrengungen zu ergeben. Er
erkannte seine Niederlage weit früher
als alle anderen, die ihn umstanden. Er schaute seinen Partner an, und Lede­
new erwiderte diesen Blick mit einem g
utmütigen väterlichen Lächeln. Es war
klar, daß er ebenfalls Pawels Niederlage
kommen sah. Der aufgeregte Este, der
unverhohlen Kortschagins Niederlage herbeisehnte, hatte noch nichts
»Ich pflege immer bis zum
Im Laufe von fünf Tagen spielte Kortschagin zehn Partien mit Ledenew, von
denen er sieben verlor, zwei gewann
Weimann triumphierte:
»Ach, ich danke Ihnen, Genosse Ledenew! Sie haben es ihm ordentlich gege­
ben! Das hat er verdient! Uns alte Schach
spieler hat er alle
selbst bei einem alten reingefallen. Hahaha …! 's ist nicht angenehm zu verlie­
ren, was?« neckte er seinen besiegten Besieger.
Kortschagin war nicht mehr »Schachmeister«. An Stelle dieser Spielerehre
fand er jedoch in Innokenti Pawlowitsch einen Menschen, der ihm in der
Folge lieb und teuer wurde. Kortschagins
Schachniederlage war kein Zufall. Er
kannte die Strategie des Schachspiels nur
oberflächlich. Seine Niederlage hatte
ihm ein Meister beigebracht, der in di
e Geheimnisse des Schachspiels einge­
weiht war.
Kortschagin und Ledenew hatten ein gemeinsames Datum in ihrem Leben:
Kortschagin war in demselben Jahr zur Welt gekommen, in dem Ledenew in
die Partei eintrat. Der eine war der typische Vertreter [412] der alten und der
andere der der jungen bolschewistischen
Garde. Der eine verfügte über große
politische Erfahrung und Lebensweisheit,
hatte viele Jahre in der Illegalität
und in den zaristischen Gefängnissen verbracht und dann verantwortliche
Am Abend verwandelte sich das gemeinsame Zimmer Ebners und Kortscha­
gins in einen Klub. Hier erfuhr man sämtliche politischen Neuigkeiten. Die
Abende im Zimmer Nr. 11 verliefen äuße
rst lebhaft. Oft versuchte Weimann
irgendwelche saftigen Witze zu erzählen, denn er war ein großer Liebhaber
»Weimann, wäre es nicht angebracht, er
st einmal anzufragen, ob uns deine
Geistreichelei überhaupt gefällt …?«
begann Martha, und Pawel unterstützte
sie in erregtem Ton: »Ich verstehe absolut nicht, wie sich das bei dir zusam­
menreimt …«
Weimann schob die wulstige Unterlippe vor, und seine schmalen Äuglein
huschten spöttisch über di
»Es wird wohl bei der Hauptverwaltung
für politische Aufklärung eine Inspek­
werden müssen. Ich we
rde ihr Kortschagin als
Oberinspektor empfehlen. Martha kann ich noch verstehen. Sie macht eben in
ihrer Eigenschaft als Frau Opposition, aber Kortschagin will sich als Tugenden­
gel aufspielen, so eine Art Komsomol
säugling … Und außerdem kann ich es
überhaupt nicht leiden, wenn da
s Ei die Henne belehren will.«
»Erotische Witze taugen nicht viel«, erklärte Adam. »Ich teile Pawels Stand­
punkt.«
Weimann blieb nichts anderes übrig als nachzugeben. Er versuchte sich
scherzend aus der Affäre zu ziehen und gab in Zukunft keine Witze mehr zum
Kortschagin hielt Martha für eine Komsomolzin. Ihrem Aussehen [413] nach
schätzte er sie auf neunzehn Jahre. Wie groß war jedoch sein Erstaunen, als er
eines Tages aus einem Gespräch mit ihr erfuhr, daß sie seit 1917 Parteimitglied,
einunddreißig Jahre alt war und zu den aktivsten Funktionären der lettischen
Kommunistischen Partei gehört hatte. 1918 war sie von den Weißen zum Tode
durch Erschießen verurteilt, aber kurz darauf auf dem Weg des Austausches,
gemeinsam mit anderen Genossen, nach der Sowjetunion gebracht worden.
»Martchen, was soll nun aus dem armen Osol in Moskau werden? Das geht
doch nicht!«
Jeden Morgen, eine Minute vor dem Glockenzeichen, hörte man im Sanato­
rium einen Hahn krähen. Ebner war es, der den Hahnenschrei so naturgetreu
nachzuahmen verstand. Alle Bemühungen des Personals, den auf unerklärliche
Weise in das Sanatorium hineingeratenen Hahn ausfindig zu machen, waren
vergebens. Ebner machte das großen Spaß.
Gegen Ende des Monats begann sich Kortschagins Befinden zu verschlech­
tet und der doch niemals mißgestimmt war, sondern stets vor Lebensfreude
und Energie übersprudelte, aufrichtig lie
bgewonnen. Als er von Martha hörte,
daß die Ärzte Kortschagin eine tragisch
e Zukunft prophezeiten, war er sehr
aufgeregt.
Bis zur Abfahrt aus dem Sanatorium mußte Kortschagin das Bett hüten, aber
es gelang ihm, seine Leiden vor seiner
Umgebung zu verbergen. Nur Martha
erriet an der ungewöhnlichen Blässe se
ines Gesichts, was er durchlitt. Eine
Woche vor seiner Abreise erhielt Pawel einen Brief vom ukrainischen Zentral­
komitee, in dem ihm die Genossen mitteilt
en, daß sie seinen Urlaub um zwei
Monate verlängert hätten, da nach dem Befund der Sanatoriumsärzte an eine
Rückkehr zur Arbeit bei seinem augenblicklichen Gesundheitszustand nicht zu
denken sei. Gleichzeitig mit dem Br
ief schickten ihm die Genossen Geld.
Pawel nahm diesen ersten Schlag en
tgegen, wie er einstmals Shuchrais
Schläge beim Boxunterricht entgegenzunehmen pflegte; damals [414] wurde er
auch zu Boden geworfen, war aber i
mmer wieder auf die Beine gesprungen.
Am nächsten Tag brachte ihn eine Droschke von der Anlegestelle zu einem
Häuschen, das in einem nicht sehr groß
en Garten stand. Pawel bat seinen
Begleiter, sich zu erkundigen, ob
hier die Familie Kützam wohne.
Die Familie Kützam bestand aus fünf Personen: der Mutter Albina Kützam,
einer älteren, ein wenig korpulenten Frau mit schwermütigen schwarzen
Augen und einem Gesicht, das Spuren ehemaliger Schönheit aufwies, ihren
zwei Töchtern, Lolja und Taja, dem Söhnchen Loljas und dem alten Kützam,
einem unangenehmen Dickwanst, der wie ein Eber aussah.
Kortschagin wurde von der Familie K
ützam herzlich aufgenommen. Nur der
Alte warf dem Gast einen mißgünstigen, lauernden Blick zu.
Geduldig erzählte Pawel der Mutter alle
s, was er aus der Familienchronik der
Kortschagins wußte, und erkundigte sich auch nach ihrem Leben.
Das zweite Unglück der Familie war Ge
orge. Nach Loljas Schilderungen war
er ein typischer Geck, ein hochnäsiger Aufschneider, der es liebte, gut zu essen,
sich schick zu kleiden und oft einen hi
nter die Binde zu gießen. Nach Beendi­
gung der Neunjahresschule hatte Geor
ge, der Liebling der Mutter, Geld für
eine Reise nach Moskau verlangt.
»Ich fahre auf die Universität. Mag Lolja ihren Ring verkaufen und du deine
Sachen. Ich brauche Geld, woher ihr es
nehmt, ist mir egal.« George wußte
sehr gut, daß ihm die Mutter nichts
abschlagen konnte, und nutzte ihre
Schwäche auf gewissenlose Weise aus. Den Schwestern gegenüber verhielt er
sich geringschätzig und hochmütig, be
Glanz durchs Examen gefallen war, sorg
l und terrorisierte
die Mutter mit Telegrammen, in
denen er Geld verlangte.
Taja, die jüngere Tochter, bekam Kortscha
gin erst am späten Abend zu sehen.
Flüsternd teilte ihr die Mutter im Hausflur die Ankunft des Gastes mit. Taja
begrüßte Pawel, reichte ihm verlegen di
Taja war achtzehn Jahre alt. Sie war ke
ine Schönheit, aber ihre großen brau­
nen Augen, die feinen mongolisch gezeichneten Brauen, die schöne Linie der
Nase und die frischen, eigensinnigen Lippen verliehen ihr einen eigenen Reiz.
Die gestreifte Arbeitsbluse spannte sich
über ihren jungen festen Brüsten.
Die Schwestern bewohnten zwei winz
ige Zimmer. In Tajas Zimmer standen
Am nächsten Tag saß die Familie in
den Räumen der Eltern zum Tee beisam­
men. Taja war in ihrem Zimmer und lauschte von dort aus dem allgemeinen
Gespräch. Der alte Kützam rührte gele
gentlich in seinem Teeglas und blickte
ärgerlich über die, Brillengläser hinw
eg auf den vor ihm sitzenden Gast.
Der Alte verschluckte sich und mußt
e husten. Wieder zu Atem gekommen,
zeigte er auf Lolja.
»Hat ihren Schatz genommen, ohne zu fragen, und hat ihn stehenlassen,
ohne zu fragen. Und nun kannst du die Tochter und noch das Kind von dem
da durchfüttern. Sauerei!«
»Und was meinen Sie? Hätte sie vie
lleicht mit diesem Parasiten weiter
zusammenleben sollen?« fragte Pawel,
ohne seine vor Aufregung blitzenden
Augen von dem Alten abzuwenden.
»Sie hätte sich's überlegen müssen, bevor sie ihn genommen hat«, erwiderte
dieser gehässig.
Albina mischte sich ins Gespräch ein. Mit Mühe hielt sie ihre Empörung
zurück und sagte schroff:
»Hör mal, Alter, wozu erwähnst du in Anwesenheit eines fremden Menschen
solche Dinge? Man kann ja auch von irgend etwas anderem sprechen und
nicht gerade darüber.«
Der Alte wandte sich ihr zu: »Ich weiß, was ich zu reden habe! Seit wann ist
es üblich, mir Vorhaltungen zu machen?«
In der Nacht dachte Pawel viel über die Familie Kützam nach. Er war hier
zufällig hereingeschneit und nahm un
willkürlich an einem Familiendrama
teil. Er überlegte, wie er der Mutter und den Töchtern aus dieser Versklavung
heraushelfen könnte. Jedoch sein eigenes Leben hinderte ihn, frei zu handeln;
vor ihm selbst standen neue und ungelö
ste Fragen. In diesem Augenblick war
es schwerer denn je, irgendwelche entscheidenden Schritte zu unternehmen.
Es gab nur einen Ausweg: Die Familie
mußte sich trennen – Mutter und
Töchter mußten endgültig vom Alten weggehen. Das war jedoch [417] nicht
so einfach. Pawel war nicht imstande,
sich diesem Familienproblem zu wid­
men. Nach wenigen Tagen sollte er abfahren und würde diesen Menschen
vielleicht nie wieder begegnen. Sollte ma
n nicht vielleicht
besser alles seinen
Gang gehen lassen und lieber keinen St
aub aufwirbeln? Die widerwärtige Art
des Alten ließ ihm jedoch keine Ruhe. Pa
wel entwarf verschiedene Pläne, doch
erschienen sie ihm alle undurchführbar.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Als Pawel aus der Stadt zurückkehrte, war
Taja allein zu Hause. Die anderen waren zu Besuch bei Verwandten.
Pawel ging zu ihr ins Zimmer und ließ
sich müde auf einen Stuhl fallen.
»Warum gehen Sie nirgends hin und zerstreuen sich ein wenig?« fragte er sie.
»Ich habe keine Lust, irgendwohin zu gehen«, antwortete sie leise.
Er erinnerte sich an seine nächtlichen
Pläne und beschloß, Taja um ihre Mei­
nung zu fragen.
Schnell, damit ihn niemand störe, ging er auf sein Ziel los:
»Hör mal, Taja, wir wollen miteinander
per ›du‹ reden – wozu diese chinesi­
schen Zeremonien? Ich reise bald ab. Wir haben uns in einer ungünstigen Zeit
kennengelernt, in einer Zeit, in der ich selbst in die Klemme geraten bin, sonst
würden wir die Sache anders anpacken. Wäre das vor einem Jahr geschehen, so
hätte ich euch einfach von hier weggeholt. Für solche Hände wie deine und
Taja hob den Kopf und erwiderte leise:
»Den Willen habe ich schon, ob ich je
doch die Kraft aufbringen werde, weiß
ich nicht.« [418]
Die Unbestimmtheit der Antwort war Kortschagin begreiflich.
»Macht nichts, Tajuscha. Wir werden da
s schon schaffen, wenn nur der Wille
vorhanden ist. Sag mir nur: Fühlst du dich sehr mit deiner Familie verbun­
den?«
»Mir tut nur die Mutter sehr leid«, sagt
e sie schließlich. »Ihr ganzes Leben
lang hat der Vater sie gequält. Und jetz
Viel sprachen sie an diesem Tag mitein
ander, und kurz vor der Rückkehr der
anderen sagte Pawel scherzend:
»Erstaunlich, daß der Alte noch keinen Versuch gemacht hat, dich unter die
Haube zu bringen!«
Taja winkte erschrocken ab.
»Ich werde nie heiraten. Loljas Ehe ist mir eine Warnung. Um keinen Preis
werde ich heiraten.«
Pawel lächelte.
»Also ein Gelübde fürs Leben? Wenn aber der Richtige auftaucht, ein wirklich
feiner Kerl, was dann?«
»Auch dann nicht. Alle sind gut, solange sie einem den Hof machen.«
Pawel legte seine Hand besänf
tigend auf ihre Schulter.
»Gut. Man kann auch ohne Mann auskommen. Du bist aber gar zu schlecht
auf die Männer zu sprechen. Ein Glück nur, daß ich dir nicht den Hof
gemacht, um dich geworben habe, sonst
hätte ich mich wohl gleich böse in
»Solche wie du suchen sich ganz andere Frauen aus. Wozu brauchen die denn
uns?« sagte sie leise.
Einige Tage später brachte der Zug Kortschagin nach Charkow. Taja, Lolja und
Albina mit ihrer Schwester Rosa begleiteten ihn zum Bahnhof. Beim Abschied
nahm ihm Albina das Versprechen ab, die Mädchen nicht im Stich zu lassen
und ihnen behilflich zu sein, aus diesem Elend herauszukommen. Sie
verabschiedeten sich von ihm wie von einem nahen Verwandten, und Tajas
Augen standen voll Tränen. Lange noch sah er aus dem Fenster das weiße
Taschentuch in Loljas Hand und Tajas gestreifte Bluse.
In Charkow übernachtete er bei seinem Freund Petja Nowikow, da [419] er
Dora nicht zur Last fallen wollte. Er ruhte sich aus und fuhr dann ins Zentral­
Als der endlich gekommen war und beide a
llein saßen, bat Pawel, ihm sofort
Akim schüttelte ablehnend den Kopf.
»Das geht nicht, Pawel. Es liegt ei
n Beschluß der Ärztekommission und des
Zentralkomitees der Partei vor, in dem
es heißt: ›In Anbetracht des schwer
erschütterten Gesundheitszustandes is
t Genosse Kortschagin in das Neuropa­
thologische Institut zwecks Heilung zu
schicken. Seine Rückkehr zur Arbeit
»Papier ist geduldig, Akim! Ich bitte di
ch – gib mir die Möglichkeit zu arbei­
ten! Dieses Herumwandern von einer Klinik zur anderen ist sinnlos.«
Akim wollte nicht darauf eingehen.
»Wir können nicht gegen die Beschlüsse verstoßen. Versteh doch, Pawluscha,
das ist doch das beste für dich.«
Kortschagin bestand jedoch derart hartnäckig auf seinem Wunsch, daß Akim
nicht anders konnte und schließlich nachgab.
hne zu essen, da es ihm schwerfiel,
dem Ausscheiden aus den Reihen der Kämpfer.
Akim half ihm noch einmal und auch
»Das heißt also, daß bei mir die Dinge so gut stehen, daß ich mich nicht
einmal mehr zu kurieren brauch
e«, versuchte er zu scherzen.
Sobald er wieder ein wenig zu Kräfte
n gekommen war, erschien Pawel aber­
mals im Zentralkomitee. Diesmal war
Akim jedoch unerbittlich. Auf seine
kategorische Forderung, ins Krankenhaus zur Behandlung zu gehen, antwor­
»Nirgends gehe ich hin. Das hat keinen Zweck. Ich habe das von kompeten­
ter Seite erfahren. Mir bleibt nur noch
übrig, eine Invalidenrente zu beziehen
und von der Arbeit zurückzutreten. Aber darauf gehe ich nicht ein. Ihr könnt
mich nicht von der Arbeit losreißen. Ich bin erst vierundzwanzig Jahre alt und
kann mein Leben nicht als Invalide fristen, mich in Krankenhäusern herum­
treiben, wo ich zudem genau weiß, daß es
meinen Möglichkeiten entspricht. Ich ka
nn zu Hause arbeiten oder in irgend­
einem Büro wohnen … jedoch nicht als Schreiber, der die Ein- und Ausgänge
bucht. Die Arbeit muß mir zusagen, damit ich mich nicht überflüssig fühle.«
Pawels Stimme war immer e
Akim verstand die Gefühle dieses vor ku
rzem noch so feurigen Burschen. Er
begriff Pawels Tragödie, er wußte, daß
für Kortschagin, der
Kortschagin stand schwerfällig auf und gab ihm die Hand.
»Kannst du dir denn wirklich vorstellen, Akim, daß mich das Leben in die
Ecke drängen und erdrücken kann, solange hier noch ein Herz schlägt?« Heftig
zog er Akims Hand an seine Brust, un
d Akim spürte ein dumpfes, schnelles
Herzklopfen.
»Solange es da noch klopft, wird es niemandem gelingen, mich von der Partei
zu trennen. Das vermag nur der Tod allein. Vergiß das nicht, mein Freund.«
Akim schwieg. Er wußte, daß dies ke
ine Phrase, sondern
schwerverwundeten Kämpfers war. Er verstand, daß solche Menschen wie
Pawel nicht anders reden und empfinden können.
Nach zwei Tagen teilte ihm Akim mit, daß er die Möglichkeit habe, [421] ihn
an verantwortlicher Stelle in der Reda
ktion des Zentralorgans einzusetzen.
Dazu sei jedoch notwendig, daß man seine literarischen Fähigkeiten prüfe.
Pawel wurde vom Redaktionskollegium
zuvorkommend empfangen. Die
»Welche Bildungsanstalten haben Sie absolviert, Genosse?«
»Drei Jahre Volksschule.«
»Und Parteischulen haben Sie keine besucht?«
»Nein.«
»Nun, das macht nichts, es kommt vor, daß einer auch ohne das ein guter
Journalist wird. Genosse Akim hat uns von Ihnen erzählt. Wir können Ihnen
Arbeit geben, die Sie nicht unbedingt hier in der Redaktion machen müssen,
sondern zu Hause, überhaupt unter geei
Pawel ahnte eine Niederlage. In einem
halbstündigen Gespräch wurden seine
lückenhaften Kenntnisse festgestellt, und in einem Artikel, den er geschrieben
hatte, unterstrich die Genossin mit Rotsti
ft mehr als drei Dutzend stilistische
Unrichtigkeiten und nicht wenig orthographische Fehler.
»Genosse Kortschagin! Sie sind sehr begabt. Wenn Sie sich tüchtig weiterbil­
den, können Sie literarischer Mitarbeiter werden, augenblicklich schreiben Sie
jedoch noch mangelhaft. Aus Ihrem Artikel ist ersichtlich, daß Sie die russische
Sprache nur ungenügend beherrschen. Das ist nicht erstaunlich. Sie haben
keine Zeit gehabt zu lernen. Wir können Sie leider nicht verwenden. Ich wie­
derhole jedoch nochmals, daß Sie bedeutende Anlagen haben. Wenn man
Ihren Artikel bearbeitet, ohne den Inhalt zu ändern, wird er vorzüglich sein.
Wir brauchen jedoch Leute, die fremde Artikel bearbeiten können.«
Auf den Stock gestützt, erhob sich Kortschagin. Seine rechte Braue zuckte
krampfhaft.
»Nun ja, Sie haben recht. Was bin ich schon für ein Literat? Ich war ein guter
Heizer, kein schlechter Monteur, ich
konnte reiten, verstand es, die Komso
molzen anzufeuern, aber für Ihren Frontabschnitt bin ich nicht der geeignete
Mann.«
Er verabschiedete sich und ging. [422]
An der Korridorecke wäre er fast umge
fallen. Eine fremde Frau, mit einer Ak­
tenmappe unterm Arm, fing ihn auf.
»Was haben Sie, Genosse? Sie sehen ja furchtbar blaß aus.«
Nach einigen Sekunden kam Kortschagin wieder zu sich. Dann machte er
sich sanft von der Frau los und humpelte, auf den Stock gestützt, davon.
Von diesem Tag an ging es mit Kortschagin bergab. An Arbeit war nicht mehr
nach Moskau zu fahren, in der leisen
Hoffnung, sein Glück im ZK der KPdSU
zu finden, das heißt, Arbeit zu be
kommen, die keine Bewegung erforderte.
Jedoch auch in Moskau machte man ihm den Vorschlag, sich kurieren zu las­
sen. Man wollte ihn in einem guten Krankenhaus unterbringen. Er lehnte ab.
Unbemerkt verstrich die Zeit, die er bei Martha und ihrer Freundin Nadja
Aus der Hafenstadt trafen Briefe ein.
Die Familie Kützam bat Pawel, sie zu
Und eines Morgens war Kortschagin ni
cht mehr in der stillen Wohnung der
Gusjatnikow-Gasse zu finden. Der Zug brachte ihn nach dem Süden, ans Meer,
heraus aus dem feuchtkalten, regnerisch
en Herbst, zu den warmen Ufern der
ACHTES KAPITEL
In dem alten Park außerhalb der Stadt ist es still. Gras überwuchert die ver­
nachlässigten Wege, und abgestorbene, vom Herbst gelbgefärbte Ahornblätter
fallen langsam zu Boden.
Kortschagin war von einem Droschkenkutscher, einem alten Perser, hierher­
gebracht worden, der, nachdem er seinen
»Was willst du denn hier? Dämchen gibt es keine, ein Theater auch nicht.
Nur Schakale treiben sich hier herum … Was du hier machen willst, verstehe
ich nicht! Laß uns wieder zurückfahren, Herr Genosse!«
Kortschagin zahlte, und der Alte fuhr davon.
Öde und verlassen lag der
Park da. Auf einem Felsvorsprung über dem Meer
fand Pawel eine Bank. Er setzte sich und wandte sein Gesicht den schon kraft­
losen Strahlen der Herbstsonne zu.
Pawel hatte diese Einöde hier aufgesucht
, um über sein Leben und darüber,
was weiter werden sollte, nachzudenken.
Es war Zeit, die Bilanz zu ziehen und
einen Entschluß zu fassen.
Seitdem er das letztemal hier gewesen war, hatten sich die Gegensätze in der
Familie Kützam äußerst zugespitzt. Al
s der Alte von Kortschagins Ankunft
erfuhr, bekam er einen Wutanfall und schlug einen [424] Heidenlärm. Ganz
von selbst fiel die Führung des Widers
tandes Kortschagin zu. Die energische
Abwehr seiner Frau und der Töchter
Albina blieb aus »diplomatischen« Erwägungen beim Alten wohnen. Zu dem
Jungen schaute der Alte nicht einmal hinein, weil er dem verhaßten Kerl nicht
begegnen wollte. Im Hof dagegen faucht
e er wie eine Lokomotive, um zu zei­
gen, daß er Herr im Hause sei.
Vor seiner Anstellung im Konsumladen hatte der Alte zwei Berufe gehabt – er
war Schuster und Zimmermann gewesen. In seiner Freizeit konnte er sich
daher jetzt etwas hinzuverdienen und hatte sich hierfür in seinem Schuppen
»Warte nur, Bürschlein, ich werde dich schon von hier wegekeln …«, brum­
melte er vor sich hin.
Weit weg, am Horizont, sah man die rauchige Spur eines Dampfschiffes wie
eine dunkle Wolke am Himmel entlan
ggleiten. Ein Möwenschwarm schrie
durchdringend auf und strich über das Meer.
Kortschagin stützte den Kopf in beide Hände und verfiel in Grübeln. Vor sei­
nen Augen zog sein ganzes Leben vorüber, von seiner Kindheit bis in die letz­
ten Tage hinein. Hatte er seine vierundzwanzig Jahre gut oder schlecht ausge­
nutzt? Wie ein unvoreingenommener Richte
Solange seine Kräfte nicht versiegt ware
n, hatte er unerschütterlich [425] in
Wie sollte Pawel jetzt handeln, jetzt, nach dem Zusammenbruch, wo keine
Aussicht mehr bestand auf seine Rückkehr in die Kämpferreihen? Hatte er
doch der Bashanowa das Geständnis abgerungen, daß ihm in der Zukunft
noch Entsetzlicheres bevorstehe
. Was blieb ihm zu tun übrig?
Diese ungelöste Frage tat sich vor ihm
wie ein tiefer, gähnender Abgrund auf.
Wozu leben, wenn er das Wertvollste – die Fähigkeit zu kämpfen – verloren
hatte? Womit sollte er sein Leben rechtf
ertigen – jetzt und in der noch freud­
loseren Zukunft? Womit das Leben ausfüllen? Einfach nur essen, trinken und
atmen? Als ohnmächtiger Zeuge zusehen, wie die Genossen kämpfend vor­
wärts schreiten? Ihnen zur Last fallen?
Oder sollte er mit seinem Körper, der
ihn im Stich gelassen hatte, kurzen Proz
eß machen? Eine Kugel ins Herz – und
Schluß! Hast verstanden, nicht schlecht zu leben, also versteh es auch, recht­
zeitig abzuschließen. Kann man denn einen Kämpfer verurteilen, der nicht
langsam dahinsiechen will?
Seine Hand tastete in der Tasche nach dem Browning. Mit gewohnter Bewe­
gung umklammerten die Finger den Griff. Langsam zog er die Waffe hervor.
Wer hätte gedacht, daß es einmal so kommen würde?
Die Mündung der Pistole schien ihn ver
ächtlich anzublinzeln. Pawel legte sie
aufs Knie und stieß einen wütenden Fluch aus.
Das ist phrasenhaftes Heldentum, weiter nichts, mein Lieber! Sich [426] nie­
derknallen – das kann ja jeder Dummkopf – immer und jederzeit. Das ist der
feigste und leichteste Ausweg. Wird
es schwer zu leben – so macht man
Schluß. Aber hast du versucht, dieses Le
Er erhob sich und ging zum Weg zurü
brachte ihn auf seinem Karren in die Stadt.
Dort kaufte er an einer Straßenecke
die Lokalzeitung. In ihr wurde eine
Versammlung der Parteifunktionäre im
Demjan-Bedny-Klub angekündig
t. Erst spätnachts kehrte Pawel heim. Er ahnte
nicht, daß die Rede, die er dort gehalten
Taja fand keinen Schlaf. Kortschagins lange Abwesenheit beunruhigte sie.
Die Uhr im Zimmer der Mutter hatte gerade zwei geschlagen, als Taja die Gar­
tenpforte knarren hörte. Sie warf sich ei
ne Jacke über und ging die Tür öffnen.
Lolja schlief fest und murmel
»Ich war deinetwegen schon unruhig«, flüsterte sie, über Pawels Heimkehr
»Bis zu meinem Tode wird mir kein
Unglück zustoßen, Tajuscha. Schläft
Lolja? Weißt du, ich habe gar keine Lu
Taja zögerte. Durfte sie sich nachts mit ihm unterhalten? Und wenn es die
Mutter erfährt, was wird sie von ihr denken? Wie aber soll sie ihm das sagen,
»Es handelt sich um folgendes, Taja«, begann Pawel mit gedämpfter Stimme,
als sie im dunklen Zimmer einander gege
nübersaßen, so dicht, daß sie seinen
Atem spürte.
»Mein Leben hat eine solche Wendung ge- [427] nommen, daß es sogar mir
ein bißchen sonderbar vorkommt. Die letzten Tage waren nicht leicht für
mich. Ich wußte nicht recht, wie ich weit
erleben sollte. Noch niemals ist es so
dunkel um mich gewesen wie in diesen Tagen. Heute habe ich jedoch mit mir
selbst eine ›Politbüro-Sitzung‹ abgehalten und einen sehr wichtigen Beschluß
gefaßt. Wundere dich nicht, daß ich dich einweihe.«
Er erzählte ihr, was er in den letzten Monaten durchgemacht, und vieles von
dem, worüber er draußen im Park
so intensiv nachgedacht hatte.
Taja hatte ihn bisher mit tiefer Erregu
ng angehört. Bei sein
»Heute verlange ich keine Antwort von di
r, Taja. Überlege dir das alles noch
sehr genau. Dir ist wahrscheinlich unverständlich, wie man so mit der Tür ins
Haus fallen kann. Alle diese Mätzchen
sind überflüssig. Ich gebe dir meine
Hand, Mädel, hier hast du sie. Wenn du diesmal vertraust, dann täuschst du
dich nicht. Ich habe viel von dem, was du brauchst, und umgekehrt. Ich habe
meinen Entschluß bereits gefaßt: Unser
Bündnis bleibt so lange bestehen, bis
du ein fertiger Mensch geworden bist, einer von den Unsrigen. Wenn mir das
nicht gelingen sollte, bin ich keinen He
Bündnis nicht lösen. Sobald du dich vö
llig entwickelt hast, bist du von jeg­
licher Verpflichtung mir
gegenüber frei. Wer weiß, was kommt. Es kann ja
möglich sein, daß ich körperlich endgül
tig zusammenbreche. Vergiß nicht,
daß du dann nicht mehr an mich gebunden bist.«
Nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte, fuhr er warm und innig
»Und wirst du mich auch nicht verlassen?«
»Mit Worten läßt sich nichts beweisen, Taja. Dir bleibt nur übrig zu [428]
glauben, daß Menschen meines Schlages ihre Freunde nicht verraten … wenn
nur sie mich nicht verraten«, schloß er bitter.
»Ich kann dir heute noch nicht antworten, all das kommt so unerwartet«,
erwiderte sie.
Kortschagin erhob sich.
»Leg dich schlafen, Taja, der Morgen naht schon.«
Er ging langsam in sein Zimmer hinübe
r. Ohne sich auszukleiden, warf er
sich auf das Bett und schlummerte sofort ein, kaum daß sein Kopf das Kissen
berührt hatte.
In Kortschagins Zimmer lagen auf dem Tisch vor dem Fenster ganze Stapel
aus der Parteibibliothek ausgeliehener Bücher, ein Stoß Zeitungen und meh­
rere vollgeschriebene Notizbücher. Im
Zimmer standen ein Bett, zwei Stühle
und an der Tür, die zu Tajas Zimmer führte
, hing eine riesige Karte von China,
die mit schwarzen und roten Fähnchen besteckt war. Mit den Genossen aus
dem Parteikomitee hatte Kortschagin ve
reinbart, daß man ihm Parteiliteratur
schicken würde, außerdem hatten sie ihm versprochen, daß sich der Leiter der
Hafenbibliothek, der größten Bibliothek der Stadt, seiner besonders annehmen
würde. Bald erhielt er von dort große Bü
Spät nach Mitternacht sah der Alte, wenn er auf den Hof hinausging, zwi­
schen den Fensterläden de
Andere Leute schlafen, und der brennt die ganze Nacht Licht. Geht im Haus
herum, als sei er der Herr. Die Mädel si
nd so gehässig geworden, grübelte der
Alte böse und verschwand.
Zum erstenmal seit acht Jahren hatte Ko
rtschagin so viel freie Zeit und gar
keine Pflichten. Und er las mit dem Heißhunger eines Neubekehrten. Acht­
zehn Stunden des Tages saß er über die Bü
cher gebeugt. Wer weiß, wie sich das
auf seine Gesundheit ausgewirkt hätte, wenn Taja nicht eines Tages wie beiläu­
fig gesagt hätte:
»Ich habe meine Kommode an einen anderen Platz geschoben. Die Tür zu
deinem Zimmer kann jetzt geöffnet werden. Wenn du mir etwas zu sagen hast,
brauchst du nicht erst durch Loljas Zimmer zu gehen.« [429]
Pawel strahlte vor Glück. Taja läch
elte ihm freudig zu – der Bund war
geschlossen.
Nun sah der Alte in den späten Nachtstunden keinen Lichtschimmer im Eck­
Taja war durch ihre Liebe zur Frau erwacht und litt nun darunter, diese Liebe
»Warum fürchtest du dich? Wenn man richtig nachdenkt, sind wir doch
eigentlich die Herren hier. Schlafe ruhig. Fremde haben sich in unser Leben
nicht einzumischen.«
Sie schmiegte die Wange an Pawels Brus
t und schlief beruhigt in den Armen
des Geliebten ein. Lange lauschte er
ihren Atemzügen und lag regungslos da,
um ihren ruhigen Schlummer nicht zu stören. Tiefe Zärtlichkeit zu diesem
Mädchen, das ihm ihr Leben anvertraut hatte, erfüllte ihn.
Als erste erfuhr die Schwester den Gr
und für den immerwährenden Glanz in
Tajas Augen, und ein Schatten der Entfremdung legte sich zwischen die beiden
Schwestern. Auch die Mutter hörte davon,
oder eigentlich hatte sie es erraten.
Ihr Mißtrauen war erwacht. Das hatte sie von Kortschagin nicht erwartet.
»Tajuscha paßt nicht zu ihm«, sagte sie eines Tages zu Lolja.
»Was soll daraus werden?«
Unruhige Gedanken quälten sie, doch konnte sie sich nicht entschließen, mit
Pawel zu sprechen.
Bei Kortschagin kam viel junges Volk zusammen, so daß es häufig in dem
kleinen Zimmer zu eng wurde.
Die Stimmen drangen wie das Gesumm
eines Bienenschwarms ans Ohr der
Alten. Zuweilen sang man im Chor:
Unwirsch ist's auf unserem Meer,
Stürme brausen Tag und Nacht … [430] 
und Pawels Lieblingslied:
Des Volkes Blut verströmt in Bächen …
Es war ein Zirkel von Arbeiterfunktion
ären, der sich hier versammelte, mit
dessen Leitung Kortschagin beauftragt worden war, nachdem er in einem Brief
an das Stadt-Parteikomitee darum gebeten hatte, ihm eine Propagandaarbeit
So verliefen Pawels Tage.
Wieder hielt Kortschagin das Steuer in beiden Händen und gab seinem
Leben, das einige scharfe Wendungen vollführt hatte, eine neue Richtung. Er
träumte davon, durch sein Studium und
die erworbenen Kenntnisse der Litera­
tur wieder einen Platz in den Reihen der Kämpfer einnehmen zu können.
Aber das Leben stellte ihm immer neue Hindernisse in den Weg, und wäh­
Die Ankunft Georges trug erheblich zu
r Verschlechterung der Familienbezie­
hungen bei. Ohne zu zögern, hatte George sofort seines Vaters Partei ergriffen
Zwei Wochen nach Georges Ankunft erhielt Lolja in einem der umliegenden
Bezirke Arbeit. Sie verließ mit ihrem Sohn und der Mutter die Stadt. Kortscha­
gin und Taja siedelten in ein abgelegenes Küstenstädtchen über.
Artjom erhielt nur selten von seinem Bruder einen Brief. An den Tagen, an
denen er auf seinem Tisch im Stadtsowjet das graue Kuvert mit der bekannten
eckigen Handschrift vorfand, verlor er
beim Überfliegen der Seiten die ihm
eigene Gelassenheit. Und auch diesmal dachte er, während er den Brief öff­
Ach, Pawluscha, Pawluscha! Wenn wir doch näher beieinander leben könn­
ten; wie gut würden mir deine Ratschläge tun, Bruderherz. Er las:
Artjom, ich möchte Dir erzählen, was ich durchgemacht habe. [431] Solche
Briefe wie Dir schreibe ich sonst niemandem. Du kennst mich ja und verstehst
meine Worte. Das Leben setzt mir im Kampf um meine Gesundheit recht hart
Mich treffen immer neue Schläge. Kaum habe ich mich von dem einen
erholt, da kommt schon ein neuer, noch unbarmherziger als der erste. Das
schrecklichste jedoch ist, daß ich machtlos bin, etwas dagegen zu tun. Mein
linker Arm versagte den Dienst. Das war ein harter Schlag, doch auch meine
Beine wurden immer schlimmer, und ich, der ich mich bisher schon schwer
genug innerhalb meiner vier Wände bewegen konnte, schleppe mich jetzt mit
Müh und Not vom Bett zum Tisch. Das ist jedoch voraussichtlich noch nicht
alles. Was mir das Morgen bringt, weiß ich nicht.
Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, sehe nur noch aus dem Fenster ein
Stückchen Meer. Kann es denn eine schlimmere Tragödie geben als die eines
Menschen, dessen Körper ihm verräterisch den Dienst versagt, eines Menschen
mit dem Herzen eines Bolschewiken, der sich danach sehnt zu arbeiten, mit
Euch in der an allen Fronten angreifenden Armee zu sein, dort, wo die eiserne
Sturmlawine heranrollt? Ich glaube daran, daß ich noch in die Kampfreihen
zurückkehren werde, daß in den zum Angriff vorstürmenden Kolonnen auch
mein Bajonett nicht fehlen wird. Zweifeln darf ich nicht, habe kein Recht
dazu. Zehn Jahre lang haben mich Partei und Jugendverband in der Kunst des
Widerstandes erzogen, und auch für mi
ch gelten die Worte: »Es gibt keine
Festungen, die die Bolschewiki nicht nehmen könnten.«
Mein Leben besteht jetzt darin, daß ic
h studiere. Bücher, Bücher und noch­
mals Bücher. Ich habe viel geschafft, Artjom. Ich habe die Hauptwerke der
gesamten klassischen schönen Literatur durchgenommen, habe meine Arbei­
ten für den ersten Fernkursus der Ko
mmunistischen Universität abgeliefert.
Am Abend leite ich einen Zirkel für ju
nge Parteigenossen. Meine Verbindung
zur praktischen Arbeit der Organisation geht über diese Genossen. Und dann
habe ich Tajuscha, ihr geistiges Wach
stum, ihre Entwicklung und dann ihre
Liebe, die rührende Zärtlichkeit mein
er kleinen Frau. Wir leben sehr gut
zusammen. Unsere Wirtschaft ist einf
ach und unkompliziert – mit den zwei­
unddreißig Rubel meiner Rente und Tajas Verdienst. Zur Partei geht Taja mei­
nen Weg: Sie hat als Hausangestellte gear

Vor kurzem zeigte mir Taja triumphierend ihre erste Delegiertenkarte von der
Frauenabteilung. Das ist für sei kein einfaches Stück Papier. Ich verfolge ihre
Entwicklung zum neuen Menschen und helfe ihr dabei, soviel ich kann. Die
Zeit wird kommen, da ein Großbetrieb,
iv ihre Ausbildung
vollenden werden. Solange wir hier sind, geht sie jedoch den hier einzig mög­
lichen Weg.
Zweimal hat uns Tajas Mutter besucht. Die Mutter zieht, ohne daß sie es
selbst weiß, Taja zurück in ein Leben,
das aus lauter Kleinigkeiten besteht und
das sich nur auf das Persönliche, auf
engstirnige Interessen beschränkt. Ich
habe mich noch bemüht, Albina zu überzeugen, daß ihre eigenen schweren
Erlebnisse keinen Schatten
auf den Weg ihrer Tochter werfen dürfen. Aber all
dies war vergebens. Ich fühle, daß sich die Mutter eines Tages der Tochter auf
ihrem Weg zum neuen Leben in die Quere stellen wird, und dann wird ein
Kampf unvermeidlich sein.
Ich drücke Dir fest die Hand.
Dein Pawel
Sanatorium Nr. 5 in Staraja Mazesta. Das zweistöckige Steingebäude steht auf
einer in einen Felsen gehauenen Terrasse. Überall ringsum Wald, zickzackartig
schlängelt sich der Weg dahin. Die Zimmerfenster sind weit offen, ein leichter
Wind bringt den Geruch der Schwefelquellen herauf. Kortschagin ist allein in
seinem Zimmer. Morgen werden neue Genossen kommen, dann wird er einen
Mitbewohner haben. Er hört hinter dem Fenster Schritte und eine ihm
bekannte Stimme. Es unterhalten sich dor
t einige Leute. Aber wo hat er nur
diesen tiefen Baß schon einmal gehört? – Er denkt angestrengt nach und holt
dann plötzlich aus der Tiefe seines Gedächtnisses einen längst vergrabenen,
jedoch nicht vergessenen Namen hervor: Innokenti Pawlowitsch Ledenew – ja,
das ist er und kein anderer. Und fest
überzeugt von der Richtigkeit seiner Ver­
mutung, ruft Pawel ihn beim Namen.
Eine Minute später sitzt Ledenew bei
ihm und schüttelt ihm freudig die Hand.
»Bist also noch am Leben, alter Junge? Nun, was kannst du mir Erfreuliches
mitteilen? Du hast also, scheint's, beschlossen, diesmal ernstlich krank zu
spielen? Das kann ich nicht billigen, keinesfalls! Du solltest dir an mir ein Bei­
spiel nehmen. Mich wollten die Ärzte au
ch schon zum alten Eisen werfen, und
ich halte mich, ihnen zum Trotz, immer noch auf den Beinen.« Ledenew
lachte gutmütig.
Kortschagin fühlte, wie der Freund durc
h dieses Lachen sein Mitgefühl und
seine tiefe Besorgnis verbergen wollte. [433]
Zwei Stunden verbrachten sie in angere
gter Unterhaltung. Ledenew erzählte
die letzten Moskauer Neuigkeiten. Von ihm erfuhr Kortschagin zum erstenmal
von den wichtigen Beschlüssen, die gerade von der Partei gefaßt worden waren
über die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Umgestaltung des Dor­
fes. Gierig sog Pawel seine Worte auf.
»Und ich dachte, daß du irgendwo in deiner Heimat steckst und den Laden
schmeißt. Und da plötzlich – so was Dummes! Nun, das hat nichts zu bedeu­
ten, bei mir stand's noch schlimmer, ich war schon ganz ans Bett gefesselt,
und, siehst du, ich kann mich wieder bewegen. Es ist jetzt nicht die Zeit für ein
geruhsames Leben. Das geht ganz und gar nicht! Ich denke manchmal so bei
mir, daß es wohl an der Zeit ist, ei
n wenig auszuruhen, Atem zu schöpfen.
Man ist doch nicht mehr so jung, da kommt's einem schon zuweilen sauer an,
so seine zehn bis zwölf Stunden bei der Ar
beit zu sitzen. Nun, wenn du dir das
so durch den Kopf gehen läßt und dabei beginnst, deine gesamte Tätigkeit zu
überprüfen, um wenigstens einen Teil davon ›abzuschieben‹, da ist's immer
wieder dieselbe Geschichte. Du fängst
an, deine verschiedenen Arbeiten abzu­
schieben, und versinkst derartig darin, daß du vor zwölf Uhr nachts nicht
nach Hause kommst. Je stärker eine Maschine arbeitet, desto schneller drehen
sich die Räder, und bei uns kommt alles mit jedem weiteren Tag immer mehr
und mehr in Schwung, und so geschieh
t's also, daß wir Alten jetzt leben müs­
sen wie zu der Zeit, da wir noch jung waren.«
Ledenew fuhr sich mit der Hand über die hohe Stirn und sagte mit väter­
lichem Interesse:
»Na, und jetzt erzähl mal, was es bei dir gibt.«
Gespannt lauschte er Pawels Erzählung
über seine Erlebnisse, und Pawel fing
des öfteren einen verständnisvollen warmen Blick auf.
Im Schatten der weitverzweigten Bäume,
in einer Ecke der Terrasse, saß eine
Gruppe von Kurgästen. Die buschigen Augenbrauen fest zusammengezogen,
las ein Mann an einem kleinen Tisch die »Prawda«. Sein schwarzes Russen­
hemd, die abgetragene Schirmmütze, das
braungebrannte, hagere, seit langem
nicht rasierte Gesicht mit den tieflie
genden hellblauen Au
gen – in alldem
erkannte er den alten Kumpel Tschernokossow. Zwölf Jahre waren vergangen,
seit dieser Mann, dem man die Leitun
Ihm gegenüber saß, nachdenklich rauchend, Alexandra Alexejewna Shigi­
rewa. Sie war siebenunddreißig Jahre alt und schon seit neunzehn Jahren Par­
Der dritte am Tisch war Pankow. Seinen schönen Kopf mit dem antiken Profil
»Das ist also der Genosse, mit dem du in einem Zimmer lebst?« fragte die
Shigirewa leise Tschernokossow und de
Tschernokossow legte die Zeitung beiseite
, sein Gesicht hellte sich plötzlich
auf.
»Ja, das ist Kortschagin. Ich muß dich mit ihm bekannt machen, Schura.
Seine Krankheit hat ihm allerlei Hindernisse in den Weg gelegt, sonst würde er
noch an so manchen Engpässen seinen Mann stehen können. Er ist einer von
den Jungkommunisten der ersten Generation. Kurz, wenn wir den Burschen
ein wenig, unterstützen – und ich habe die feste Absicht, das zu tun –, so wird
er noch arbeiten können.« Pankow lauschte seinen Worten.
»Was hat er denn?« fragte ebenso leise Schura Shigirewa.
»Die Folgen des Jahres zwanzig. Bei ihm ist was mit dem Rückgrat nicht in
»Ich werde ihn sofort herbringen«, sa
gte Schura. Das war
Bekanntschaft. Pawel ahnte damals noch [435] nicht, daß ihm die Shigirewa
und Tschernokossow bald nahe und teure Freunde und in den bevorstehenden
schweren Krankheitsjahren seine treuesten Stützen werden sollten.
Das Leben ging seinen alten Lauf. Taja arbeitete, Kortschagin lernte. Kaum
hatte er die Zirkelarbeit aufgenommen,
als sich plötzlich ein neues Unglück
heranschlich. Die Paralyse lähmte ih
verbarg Taja vor ihm die Verzweiflung
und den Kummer über ihre Ohnmacht,
ihm nicht helfen zu können. Schuldbewußt lächelnd sagte er zu ihr:
»Tajuscha, wir müssen uns trennen. Da
s war in unserer Vereinbarung nicht
vorgesehen. Ich werde diese Sache no
ch heute gründlich überdenken.«
Sie ließ ihn nicht ausreden. Es war
schwer, die Tränen zurückzuhalten.
Krampfhaft schluchzend drückte sie Pawels Kopf an ihre Brust.
Artjom erfuhr von dem neuen Unglück, das den Bruder betroffen hatte. Er
schrieb der Mutter, und Maria Jakowlew
na ließ alles im Stich und fuhr zu
ihrem Sohn. Sie lebten jetzt zu dritt. Di
Eines Abends, an einem unfreundlichen Wintertag, brachte Taja den Beleg
ihres ersten Sieges – den Ausweis eines
Lautlos hatte sich das in seiner Un
überwindlichkeit doppelt schreckliche
Hindernis eingestellt und versperrte ihm den Weg. Die Mutter und Taja waren
in grenzenloser Verzweiflung, er aber faßte ruhig den Entschluß:
Man muß abwarten. Wenn es wirklich keine Möglichkeit zum Vorwärts­
kommen gibt, wenn all das, was ich getan habe, um zur Arbeit zurückkehren
zu können, durch die Blindheit zunichte gemacht wird [436] und ich mich
niemals wieder einreihen kann – dann muß Schluß gemacht werden.
Kortschagin schrieb an seine Freunde. Sie antworteten ihm und ermahnten
In diesen für ihn so schweren Tagen teilte ihm Taja eines Tages freudig erregt
»Pawluscha, ich bin Kandidat der Partei.«
Pawel lauschte ihrem Bericht, wie die Zelle die neue Genossin in ihre Reihen
aufgenommen hatte, und erinnerte sich seiner eigenen ersten Schritte in der
Partei.
»Und so, Genossin Kortschagina, sind wir zwei jetzt eine kommunistische
Fraktion«, sagte er und drückte ihr die Hand.
Am nächsten Tag übermittelte er dem Pa
»Na, wie geht's? Was treibst du denn da für Unfug? Los, steh auf, wir wollen
hicken«, sagte er lachend.
»Red doch nicht immer vom Zirkel. Du
mußt dich ordentlich ausruhen, und
dann muß man sehen, wie es um deine Augen steht. Vielleicht ist noch nicht
alles verloren. Wäre es nicht gut, dich nach Moskau zu schicken? Denk mal
darüber nach …« Kortsc
hagin unterbrach ihn:
»Ich brauche Menschen, Genosse Wolmer, lebendige Menschen! Ich halte es
»Woher hast du denn das erfahren?« fragte Wolmer erstaunt.
»Erst heute haben wir derartige Nach
richten aus dem Bezirk bekommen.«
Pawel lächelte.
»Du wirst dich vielleicht an meine Frau erinnern? Man hat sie gestern als
Kandidatin in die Partei aufgenommen. Sie hat mir das alles erzählt.« [437]
»Die Geschirrwäscherin Kortschagina? Das ist deine Frau? Und ich habe es
gar nicht gewußt!« Er dachte kurz nach und schlug sich plötzlich mit der Hand
an die Stirn.
Kortschagin erkundigte sich lächelnd:
»Wer ist denn dieser Bersenew?«
Von dem Hinundherlaufen ermüdet, ließ sich Wolmer auf einen Stuhl fallen
und erzählte:
»Bersenew ist unser Notar. Er ist aber
Pawel unterbrach ihn schroff:
Wolmer kniff die Augen zusammen und schaute Kortschagin von der Seite
an:
»Und wenn wir dir jetzt einen Zirkel oder sonstwas geben, dann wird Lew
sagen: ›Warum halst ihr ihm so viel auf?‹ Er steht auf dem Standpunkt: Besser
ein Jahr heißer Arbeit, als fünf Jahre krank dahinzuvegetieren. Die Menschen
werden wir erst schonen können, wenn wir den Sozialismus aufgebaut haben.«
»Das stimmt. Auch ich bin dafür, ein Jahr voller Arbeit gegen fünf Jahre
Dahinvegetieren einzutauschen. Trotzdem sind wir manchmal zu verschwen­
derisch mit unseren Kräften. Und darin liegt, wie ich jetzt begriffen habe,
weniger Heroismus als Spontaneität und Verantwortungslosigkeit. Erst jetzt
habe ich angefangen zu begreifen, daß ich keinerlei Recht hatte, so brutal mit
meiner Gesundheit umzugehen. Es hat sich herausgestellt, daß das gar kein
Heroismus war. Vielleicht hätte ich ohne dieses Spartanertum noch einige
Jahre durchgehalten. Kurz, die Kinderkran
kheit, der Radikalismus – das ist eine
der Hauptgefahren in meiner Lage.«
So redet er jetzt, aber stell ihn auf di
e Beine, und er wird alles auf der Welt
vergessen, dachte Wolmer, aber er schwieg.
Am Abend des nächsten Tages kam Lew zu Pawel. Sie trennten sich erst um
Mitternacht. Lew verließ seinen neuen Freund mit einem Gefühl, als sei er
»Achtung! Achtung! Hier spricht Moskau …«
Der kleine Apparat fing mit seiner Antenne sechzig Sender der Welt auf. Das
Leben, das Pawel abseits geschleudert hatte, drang durch die stählerne Mem­
bran zu ihm ins Krankenzimmer, und
er spürte seinen mächtigen Arm.
In dem großen Haus liegt alles in tief
em Schlaf. Unruhig murmelt Taja irgend
etwas im Traum vor sich hin. Sie kommt jetzt immer erst spätabends nach
Haus, erschöpft und durchfroren. Je tief
er sie in die Arbeit eindringt, desto
seltener hat sie freie Abende, und Pawe
l erinnert sich an Bersenews Worte:
Wenn ein Bolschewik eine Frau hat, die Parteigenossin ist, so sehen sich beide
selten. Das hat zwei Vorteile: Sie werden
einander nicht überdrüssig, und zum
Zanken bleibt ihnen auch keine Zeit!
Was konnte er dagegen einwenden? Das war zu erwarten. Es hatte einmal
eine Zeit gegeben, da Taja ihm all ihre
Er begriff, daß Taja, je weiter sie in
ihrer Entwicklung fortschritt, immer
weniger Zeit für ihn haben würde, und er nahm das als etwas Selbstverständ­
liches hin.
Pawel wurde die Leitung eines Zirkels übertragen.
Und wieder wurden im Hause die Abende
lebhaft. Die Stunden, die Pawel mit
der Jugend verbrachte, erfüllten ihn mit neuem und zuversichtlichem Mut.
In der übrigen Zeit konnte ihn die Mutter kaum von den Kopfhörern weg­
bringen, um ihm die Mahlzeiten zu reichen.
Das Radio gab ihm das, was ihm die Blindheit genommen hatte: die Mög­
lichkeit zu lernen. Und dieser, keine Hindernisse kennende Drang ließ ihn die
qualvollen Schmerzen des immer noch fiebernden Körpers, das Brennen in
den Augen und das ganze harte, ihm so ungnädige Leben vergessen.
Als Pawel im Rundfunk von den Leistungen der heldenhaften Ma- [440] gni­
togorsker Jugend hörte, die unter dem Banner des Komsomol die Kortschagin­
sche Generation abgelöst hatte, war er überglücklich.
Im Geist erlebte er die bitteren Uralfr
öste und die Schneestürme mit, die die
Menschen wie Rudel toller Wölfe überfiel
en. Der Wind heulte, aber Nacht und
NEUNTES KAPITEL
Mehrere Tage wohnten sie in Moskau im Lagerraum des Archivs einer
Behörde, deren Chef ihnen behilflich wa
r, Pawel in einer Spezialklinik unter­
zubringen.
Seit den Tagen, die Pawel im Lagerra
um des Archivs verbracht hatte, waren
anderthalb Jahre vergangen, achtzehn Monate unbeschreiblicher Leiden.
In der Klinik erklärte Professor Awerb
ach ihm ganz offen, daß er das Augen­
licht wahrscheinlich nicht wiedergewinnen werde. In unbestimmter Zukunft,
wenn die Entzündung zurückgegangen sein
werde, würden die Chirurgen eine
Operation seiner Pupillen versuchen.
Um die Entzündung abzudämmen, wur­
den chirurgische Eingriffe vorgeschlagen.
Man bat ihn um seine Zustimmung, und Pa
In den Stunden, die er auf den Operationstischen verbrachte, während Lan­
»Mach dir keine Sorgen, Mädel, ich bin nicht so leicht umzubringen, [442]
ich werde noch leben und allerlei Unfug treiben, den arithmetischen Berech­
nungen der gelehrten Äskulapjünger zum Trotz. Was meinen Gesundheitszu­
stand betrifft, so haben sie vollkommen recht; sie irren sich jedoch sehr, wenn
sie mich für hundertprozentig arbeitsunfähig halten. Das werden wir erst noch
sehen.«
Pawel hatte fest entschlosse
n den Weg gewählt, auf dem er in die Reihen der
Erbauer des neuen Lebens zurückkehren wollte.
Der Winter war zu Ende, und der Früh
ling riß die Fenster auf. Der vom Blut­
Auf den Vorschlag, sich einer neuen Operation zu unterziehen, erwiderte er
kalt und schroff:
»Schluß, hab genug davon. Einen Teil meines Blutes habe ich der Wissen­
schaft geopfert, und das, wa
s mir verbleibt, habe ich
Noch am selben Tag schrieb er an das Zentralkomitee der Partei einen Brief,
mit der Bitte, ihm behilflich zu sein, in
Moskau zu bleiben, wo seine Frau
Arbeit gefunden hatte, da jedes weitere Herumreisen für ihn sinnlos sei.
Zum erstenmal wandte er sich an die Pa
rtei um Hilfe. Als Antwort auf seinen
Brief stellte ihm der Moskauer So
Pawel verließ das Krankenhaus mit dem einzigen Wunsch, nie mehr dorthin
zurückkehren zu müssen.
Das bescheidene Zimmer in einer stille
n Nebengasse der Kropotkinstraße
erschien ihm als höchster Luxus. Und häufig, wenn er nachts erwachte, wollte
er kaum daran glauben, daß das Krankenhaus irgendwo weit hinter ihm lag.
Taja wurde Parteimitglied. Beharrlich in
ihrer Arbeit, blieb sie, trotz der Tra­
gödie ihres privaten Lebens, hinter den tüchtigsten Aktivistinnen ihres Betrie­
bes nicht zurück. Die Belegschaft schenkte
dieser wortkargen Arbeiterin volles
Vertrauen und wählte sie als Mitglied des Betriebsrats. Der Stolz auf seine
Freundin, die sich zu einer Bolschewikin
entwickelt hatte,
erfreute Pawel und
gab ihm einen gewissen Trost in seiner schweren Lage. [443]
Die Ärztin Bashanowa, die in dienst
lichen Angelegenheiten nach Moskau
gekommen war, besuchte ihn. Sie unterh
ielten sich lange. Pawel sprach mit
leidenschaftlicher Wärme von dem Weg, der ihn in nicht mehr allzu ferner
Zukunft in die Reihen der Kä
mpfer zurückführen sollte.
Die Bashanowa bemerkte an seinen Schl
äfen einen Silberstreifen und sagte
mit leiser Stimme:
»Ich sehe, Sie haben nicht wenig durchgemacht. Aber Ihren unauslöschlichen
Enthusiasmus haben Sie trotzdem nicht eingebüßt. Was braucht man mehr? Es
ist gut, daß Sie sich entschlossen haben, die Arbeit zu beginnen, zu der Sie sich
fünf Jahre lang vorbereitet haben.
Wie werden Sie aber arbeiten?«
Pawel lächelte beruhigend.
»Morgen bekomme ich eine Kartonvorlage. Ohne die kann ich nicht schrei­
ben. Sonst geraten die Zeilen durcheinander. Ich habe lange nach einem Aus­
weg gesucht und habe ihn gefunden – aus dem Karton herausgeschnittene
Streifen werden meinen Bleistift dara
n hindern, aus dem Rahmen einer gera­
den Zeile zu gleiten. Es ist schwer zu schreiben, ohne das Geschriebene zu
sehen, jedoch nicht unmöglich. Davon habe ich mich schon überzeugt.
Anfangs wollte es nicht gelingen, jetzt schreibe ich aber langsamer, ich führe
jeden einzelnen Buchstaben sorgfältig aus, und so geht es ziemlich gut.«
Pawel begann zu arbeiten. Er plante
ein Buch, das der heldenhaften
Der Titel fand sich von selbst.
»Die Sturmgeborenen.«
Von diesem Tag an konzentrierte sich sein ganzes Leben auf seine Arbeit an
diesem Buch. Langsam, Zeile um Zeile, wuchsen die Seiten an. Ganz im Bann
der von ihm geschaffenen Gestalten, vergaß er alles andere. Zum erstenmal
erlebte er die Qual des Schaffens, als sich
die lebendig vor ihm erstehenden, so
gegenwärtigen, unvergeßlichen Bilder nicht auf das Papier bannen ließen und
die Zeilen blaß, ohne Feuer und Leidenschaft blieben.
Alles, was er schrieb, mußte er Wort fü
r Wort im Gedächtnis behalten. Verlor
Oft mußte er ganze Seiten, manchmal so
gar ganze Kapitel auswendig vor sich
hersagen, und der Mutter schien es manchmal, als habe ihr Sohn den Verstand
verloren. Solange er schrieb, wagte sie nicht, ihn [444] zu stören. Nur wenn sie
die auf den Boden gerutschten Blätter aufhob, sagte sie schüchtern:
Pawel lachte herzlich über die Besorgnis der Mutter und versicherte ihr, sie
könne ganz beruhigt sein,
bei ihm sei »vorläufig noch
keine Schraube locker«.
Drei Kapitel des geplanten Buches waren
fertig. Pawel sandte sie nach Odessa,
an seine ehemaligen Mitkämpfer aus de
r Kotowski-Division, damit sie ihre
Meinung äußerten. Bald darauf erhielt er von ihnen einen Brief mit günstigen
Urteilen – das Manuskript jedoch ging auf dem Rückweg verloren. Die Arbeit
von sechs Monaten war vernichtet. Das war für Pawel ein harter Schlag. Er
bedauerte es bitter, daß er das Origin
al des Manuskripts weggeschickt hatte,
ohne Kopien davon anfertigen zu lassen. Als er Ledenew von seinem Verlust
erzählte, meinte der:
»Warum bist du so unvorsichtig gewe
sen? Beruhige dich, jetzt nützt das
Schimpfen nichts. Fang noch einmal von vorn an.«
»Aber Innokenti Pawlowitsch! Man hat mir die Arbeit von sechs Monaten
geraubt, das Resultat vieler mühselig
er Arbeitstage! Di
ese elenden Hunde!«
Ledenew war bemüht, ihn zu beruhigen.
Alles mußte also von neuem begonnen werden. Ledenew besorgte Papier. Er
ließ die bereits fertigen Blätter mit
der Schreibmaschine abtippen. Nach
anderthalb Monaten war das erste Kapitel wieder neu geschrieben.
Kortschagins hatten als Wohnungsnachbarn die Familie Alexejew. Der älteste
Galja gab mit großer Bereit
willigkeit ihre Zustimmung.
Sie kam lächelnd und freundlich, und
als sie erfuhr, daß Pawel ein Buch
schrieb, sagte sie:
»Ich werde Ihnen gern behilflich sein, Genosse Kortschagin. Das ist doch et­
was anderes, als für den Vater langweilig
e Rundschreiben über die Instandhal­
tung der Wohnungen zu schreiben.« [445]
Seit diesem Tag ging die literarische
Arbeit mit doppelter Geschwindigkeit
vorwärts. Im Verlauf eines Monats war
so viel geschafft worden, daß Pawel
darüber selbst erstaunt war. Galjas le
bhafte Teilnahme und ihr Interesse er­
leichterten ihm die Arbeit sehr. Ihr Bleist
ift glitt leise übers Papier hinweg, und
die Stellen, die ihr besonders gefielen, la
s sie wiederholt vor, in ehrlichem Ent­
zücken über das Geschriebene. Im Haus
e war sie fast der einzige Mensch, der
Vertrauen zu seiner Arbeit hatte. Den anderen schien es, daß nichts dabei
herauskommen würde und daß er sich nur bemühe, seine erzwungene Untä­
Als Ledenew, von einer Dienstreise nach
Moskau zurückgekehrt, die ersten
Kapitel gelesen hatte, sagte er:
»Fahr nur so fort, mein Freund. Der Erfo
lg ist dir sicher. Du wirst noch viel
Freude erleben, Genosse Pawel. Ich bin fest davon überzeugt, daß dein Traum,
wieder in die Reihen zurückzukehren, ba
n wird. Verlier nur
die Hoffnung nicht, mein Sohn.«
Dann kam Galja. Ihr Bleistift huschte über das Papier, und neue Worte, neue
Zeilen über die unvergeßliche Vergangenheit reihten sich aneinander.
In jenen Momenten, wenn Pawel in seine Gedanken versank und sich der
Macht der Erinnerung hingab, beobachtete Galja, wie seine Wimpern zuckten,
wie sich seine Augen veränderten und die einander ablösenden Gedanken
widerspiegelten. Es war schwer zu glau
ben, daß er blind war, denn die reinen,
durch kein Fleckchen getrübten Augen zeugten von Leben.
Am Abend las sie ihm jedesmal die Arbe
it des Tages vor und sah, wie er auf­
merksam lauschte, aber zu
weilen die Stirn runzelte:
»Warum sind Sie denn unzufrieden, Genosse Kortschagin? Das ist doch gut
geschrieben.«
»Nein, Galja, es ist nicht das Richtige.«
Wenn die eine oder die andere Seite mißlungen war, begann Pawel wieder
selbst zu schreiben. Durch die schmalen
Streifen der Vorlage gehemmt, hielt er
es manchmal nicht mehr aus und ließ das Schreiben wieder sein. Dann zer­
brach er in grenzenloser Wut über
das Leben, das ihm sein Augenlicht
genommen hatte, die Bleistifte, und auf den wundgebissenen Lippen zeigten
sich Blutspuren.
Als die Arbeit zu Ende ging, begannen häufiger als sonst verbotene Empfin­
dungen die immer wache Willenskraft zu
sprengen. Verboten [446] waren ihm
Kummer und andere einfache menschliche Gefühle, heiße und zärtliche, die
jeder haben durfte, nur er nicht. Wenn er nur einem dieser Gefühle nachgeben
würde, so könnte die Sache ein tragisches Ende nehmen.
Taja kehrte gewöhnlich erst spätabends aus der Fabrik heim, und nachdem sie
mit der Mutter halblaut einige Worte ge
wechselt hatte, ging sie zur Ruhe.
Das letzte Kapitel war geschrieben. Mehrere Tage hintereinander hatte Galja
ihm das Buch vorgelesen. Morgen wird
das Manuskript nach Leningrad an die
Kultur- und Propagandaabteilung des
Gebietskomitees geschickt. Wenn man
dort dem Buch »den Weg ins Leben« freigibt
, so wird es einem Verlag zugestellt
und dann …
Unruhig klopfte Pawels Herz. Dann … ja, dann beginnt ein neues Leben, das
er sich durch Jahre angestrengter und hartnäckiger Arbeit erobert hatte.
Mit dem Schicksal des Buches entschied sich auch das Schicksal Pawels.
Wenn das Manuskript für schlecht erklärt wird, dann ist es mit ihm aus. Sollte
aber der Mißerfolg nur ein halber sein, ein Mißerfolg, den man durch weiteres
Studium beheben kann, so würde er
es sofort wieder anpacken.
Aber Leningrad schwieg.
Das Schweigen Leningrads schien Gefahr zu verheißen. Das Vorgefühl einer
Niederlage wuchs mit jedem Tag, und Pa
wel gestand sich ein, daß eine völlige
Ablehnung des Buches seinen Tod bedeuten würde. Dann konnte er nicht
mehr leben. Das Leben hätte jeden Sinn verloren.
In solchen Augenblicken erinnerte er sich an den Park draußen am Meer, und
wieder und wieder stellte er sich die Frage:
Ja, es scheint so, alles!
Wochen vergingen. Und eines Tages, als das Warten schon unerträglich
geworden war, rief die Mutter, die nicht weniger aufgeregt war als ihr Sohn,
»Nachricht aus Leningrad!«
Es war ein Telegramm vom Gebietskom
itee. Einige knappe Worte auf einem
Formular:
»Roman begeistert aufgenommen. Wird
geben. Herzliche
Glückwünsche zum Erfolg.«
Pawels Herz schlug höher. Der ersehnte Traum war Wirklichkeit geworden!
Der eiserne Ring war gesprengt. Abermals
– mit einer neuen Waffe – war er in
die Kampfreihen, zum Leben zurückgekehrt.
Ostrovskij,
, russ. Schriftsteller, 29. 9. 1904 Vilija (im ehem.
Gouv. Volyn') - 22. 12. 1936 Moskau; Vater Arbeiter, trat 1919 in die Rote
Armee ein; im Herbst 1920 bei Lemberg schwer verwundet, ab 1924 gelähmt
und von fortschreitender Erblindung bedroht, diktierte er den Roman ›Kak
zakaljalas' stal'‹, der ungewöhnl. Erfolg
O.
Kak zakaljalas' stal', R. 1932-34, als Buch 1935 (Wie der Stahl gehärtet
wurde, d. 1937); Roždennye burej, R. 1936 (Die Sturmgeborenen, d. 1947). –
inenija (W), III 1953-56.
If, as I argue above, masculinity is integral to postrevolutionary attempts to
superfluous man, the intellectual besieged by self-doubt. When we read
Soviet socialist realism and its precursors, we understand implicitly that
such texts provide not only a blueprint for humanity, but a specific model
[Eliot Borenstein:
Men Without Women.
Durham, NC: Duke U Pr., 2000, 38]
Die Ukraine in den 20er und 30er Jahren
Andrej Zhdanov
gesamten Volkswirtschaft, sie hat unser Land zum Sieg über die kapitalisti­
schen Elemente geführt, die aus allen Gebieten der Volkswirtschaft verdrängt
Die UdSSR wurde ein fortgeschrittenes Industrieland, das Land der in der Welt
größten sozialistischen Agrarwirtschaft. Die UdSSR wurde das Land der fort­
schrittlichen sozialistischen Kultur, das Land, in dem unsere Sowjetkultur
üppig blüht und gedeiht.
Durch den Sieg der sozialistischen Lebensform wurden in unserem Lande die
parasitären Klassen, die Arbeitslosigkeit, der Pauperismus auf dem Dorfe und
die Elendsviertel in den Städ
ten beseitigt. Das Antlitz
Eine solche fortschrittliche, ideenreiche, revolutionäre Literatur konnte nur die Sow­
jetliteratur werden, die vom gleichen Fleisch und Blut ist wie unser sozialistischer
Die Sowjetschriftsteller haben be
reits viele talentvolle Werke
geschaffen, die
das Leben unseres Sowjetlandes richtig und wahrheitsgetreu zeigen. Es gibt
bereits eine Reihe von Namen, auf die wir mit Recht stolz sein können. Unter
Führung der Partei, durch die verständni
svolle tagtägliche Anleitung des ZK
und die ständige Unterstützung und Hilfe des Genossen Stalin hat sich die
teristisch. Die »angesehenen Leute« de
tur, jener bürger­
lichen Literatur, die ihre Feder dem Kapital verkauft hat, sind heute Diebe,
Detektive, Dirnen und Gauner.
All das ist charakteristisch für jenen Teil der Literatur, der versucht, die Fäulnis
des bürgerlichen Systems zu verbergen,
der vergeblich zu beweisen versucht,
daß nichts geschehen sei, daß alles glatt gehe »im Staate Dänemark« und daß
im kapitalistischen System noch nichts
Wir glauben fest daran, daß die wenigen ausländischen Genossen, die hier anwesend
So stehen die Dinge in den kapitalistischen Ländern. Anders ist es bei uns.
ratur ist tendenziös, und wir sind stolz darauf, daß sie tendenziös ist, denn
unsere Tendenz besteht darin, daß wir die Werktätigen, die ganze Menschheit
vom Joche der kapitalistischen Versklavung befreien wollen.«
Ingenieur der menschlichen Seele zu sein
heißt, mit beiden Beinen auf dem
Boden des realen Lebens zu stehen und folglich mit der Romantik vom alten
Typus, mit der Romantik, die ein nichtexistierendes Leben und nichtexistie­
rende Helden darstellte und den Leser aus dem widerspruchsvollen und be­
drückenden Leben in die Welt des Un
wirklichen, in die Welt der Utopien
führte, zu brechen. Für unsere Litera
tur, die mit beiden Beinen auf festem
materialistischen Boden steht, kann es keine lebensfremde Romantik geben,
sondern nur eine Romantik von neuem Typus, eine revolutionäre Romantik.
Wir sagen, daß der sozialistische Re
Man kann kein Ingenieur der menschlichen Seele sein, wenn man die Technik
des literarischen Schaffens nicht kennt, wobei bemerkt werden muß, daß die
Technik des literarischen Schaffens eine Reihe spezifischer Besonderheiten
aufweist. Den Schriftstellern stehen di
e verschiedenartigsten Mittel zur Verfü­
Es sind alle Voraussetzungen dafür geschaffen worden, daß die Sowjetliteratur
Werke hervorbringen kann, die den Anforderungen der kulturell gereiften
Massen entsprechen; hat doch nur unsere Literatur die Möglichkeit einer so
engen Verbindung mit den Lesern, mit dem gesamten Leben der Werktätigen,
wie es sich in der UdSSR abspielt. Der
gegenwärtige Kongreß ist besonders auf­
schlußreich. Den Kongreß haben nicht nur die Schriftsteller, sondern hat
Schaffen Sie Werke von hoher Meisterschaft, von hohem ideologischem und künstleri­
schem Inhalt!
Seien Sie die aktivsten Organisatoren der Umformung des Bewußtseins der Menschen
im Geiste des Sozialismus!
Stehen Sie in den vordersten Linien im Kampf für die klassenlose sozialistische
Gesellschaft!
(Stürmischer Beifall)
[Sozialistische Realismuskonzeptionen.
Dokumente zum 1. Allunionskongreß
der Sowjetschriftsteller. Hrsg. von Hans-Jürgen Schmitt und Godehard
Schramm. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1974]

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