Briefe 1831-1837 — Georg Buchner


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4. An August Stber
Darmstadt d. 24
August 1832
Liebes Brderpaar!
Euer G. Bchner
5. An Adolph Stber
Straburg, den 3
Novb. 1852
Lieber Adolph!
Nur wenige Zeilen bringen Dir diesmal meine Gre. Ich komme eben aus dem Leichendunst
und von der Schdelsttte, wo ich mich tglich wieder einige Stunden selbst kreuzige, und
nach den kalten Brsten und den toten Herzen, die ich da berhrte, erquicken mich wieder das
lebendige, warme an das Du mich drcktest ber die Paar Meilen hinaus, die unsere Kadaver
trennen. Wahrhaftig der Lindwurm, von dem Du sprichst ist nicht so gefhrlich, man mte ein
armer Tropf sein, wenn unsre Arme nicht einmal ber die dreiig Stunden hinbergreifen
knnten. Wenn das Frhjahr kommt hoffe ich Dich zu sehen. Seit acht Tagen bin ich wieder
hier, die teutsche nakalte Hollnderatmosphre ist mir zuwider, die franzsische Gewitterluft
ist mir lieber.
Lebe wohl.
Dein G. Bchner
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6. An die Familie
Straburg, im Dezember 1832.
[] Ich htte beinahe vergessen zu erzhlen, da der Platz in Belagerungsstand gesetzt wird
(wegen der hollndischen Wirren). Unter meinem Fenster rasseln bestndig die Kanonen vor-
bei, auf den ffentlichen Pltzen exerzieren die Truppen, und das Geschtz wird auf den Wllen
aufgefahren. Fr eine politische Abhandlung habe ich keine Zeit mehr, es wre auch nicht der
Mhe wert, das Ganze ist doch nur eine Komdie. Der Knig und die Kammern regieren, und
das Volk klatscht und bezahlt. []
7. An die Familie
Straburg, im Januar 1833.
[] Auf Weihnachten ging ich Morgens um vier Uhr in die Frhmette ins Mnster. Das dstere
Gewlbe mit seinen Sulen, die Rose und die farbigen Scheiben und die kniende Menge waren
nur halb vom Lampenschein erleuchtet. Der Gesang des unsichtbaren Chores schien ber dem
Chor und dem Altare zu schweben und den vollen Tnen der gewaltigen Orgel zu antworten.
Ich bin kein Katholik und kmmerte mich wenig um das Schellen und Knien der buntschecki-
gen Pfaffen, aber der Gesang alleine machte mehr Eindruck auf mich, als die faden, ewig wie-
derkehrenden Phrasen unserer meisten Geistlichen, die Jahr aus Jahr ein an jedem Weih-
nachtstag meist nichts Gescheiteres zu sagen wissen, als, der liebe Herrgott sei doch ein ge-
scheiter Mann gewesen, da er Christus grade um diese Zeit auf die Welt habe kommen las-
sen.
8. An die Familie
Straburg, den 5. April 1833.
Heute erhielt ich Euren Brief mit den Erzhlungen aus
Frankfurt
. Meine Meinung ist die: Wenn
in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es
Gewalt
. Wir wissen, was wir von unseren Frsten zu
erwarten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwun-
gen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen, wie eine erbettelte Gnade und ein elen-
des Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen
Volk
seine zu eng geschnrte Wickelschnur
vergessen zu machen.. Es ist eine blecherne Flinte und ein hlzerner Sbel, womit nur ein
Deutscher die Abgeschmacktheit begehen konnte, Soldatchens zu spielen. Unsere Landstnde
sind eine Satire auf die gesunde Vernunft, wir knnen noch ein Skulum damit herumziehen,
und wenn wir die Resultate dann zusammennehmen, so hat das Volk die schnen Reden seiner
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im gegenwrtigen Zeitpunkt jede revolutionre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung
betrachte und nicht die Verblendung Derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf fr
sein Recht bereites Volk sehen. Diese tolle Meinung fhrte die Frankfurter Vorflle herbei, und
der Irrtum bte sich schwer. Irren ist brigens keine Snde, und die deutsche Indifferenz ist
wirklich von der Art, da sie alle Berechnung zu Schanden macht. Ich bedaure die Unglckli-
chen von Herzen. Sollte keiner von meinen Freunden in die Sache verwickelt sein? []
9. An die Familie
[Straburg, im Frhjahr 1833.]
[] Wegen mir knnt Ihr ganz ruhig sein; ich werde nicht nach Freiburg gehen, und eben so
wenig wie im vorigen Jahre an einer Versammlung Teil nehmen. []
10. An die Familie
Straburg, [nach dem 27.] Mai 1833.
[] So eben erhalten wir die Nachricht, da in Neustadt die Sodalteska ber eine friedliche und
unbewaffnete Versammlung hergefallen sei und ohne Unterschied mehrere Personen nieder-
gemacht habe. hnliche Dinge sollen sich im brigen Rheinbayern zugetragen haben. Die libe-
rale Partei kann sich darber gerade nicht beklagen; man vergilt Gleiches mit Gleichem, Ge-
walt mit Gewalt. Es wird sich finden, wer der Strkere ist. Wenn Ihr neulich bei hellem Wet-
ter bis auf das Mnster httet sehen knnen, so httet ihr mich bei einem langhaarigen, brti-
gen, jungen Mann sitzend gefunden. Besagter hatte ein rotes Barett auf dem Kopf, um den
Hals ein Cashmir-Shawl, um den Kadawer einen kurzen deutschen Rock, auf die Weste war der
Name "Rousseau" gestickt, an den Beinen enge Hosen mit Stegen, in der Hand ein modisches
Stckchen. Ihr seht, die Karikatur ist aus mehreren Jahrhunderten und Weltteilen zusammen-
gesetzt: Asien um den Hals, Deutschland um den Leib, Frankreich an den Beinen, 1400 auf
dem Kopf und 1833 in der Hand. Er ist ein Kosmopolit nein, er ist mehr, er ist
St. Simonist!
Ihr denkt nun, ich htte mit einem Narren gesprochen, und Ihr irrt. Es ist ein liebenswrdiger
junger Mann, viel gereist. Ohne sein fatales Kostm htte ich nie den St. Simonisten ver-
sprt, wenn er nicht von der femme in Deutschland gesprochen htte. Bei den Simonisten sind
Mann und Frau gleich, sie haben gleiche
politische
Rechte. Sie haben nun ihren pre, der ist
St. Simon
, ihr Stifter; aber billigerweise mten sie auch eine mre haben. Die ist aber noch
zu suchen, und da haben sie sich denn auf den Weg gemacht, wie Saul nach seines Vaters
Eseln, mit dem Unterschied, da denn im neunzehnten Jahrhundert ist die Welt gar weit vo-
rangeschritten da die Esel diesmal den Saul suchen. Rousseau mit noch einem Gefhrten
(beide verstehen kein Wort deutsch) wollten die femme in Deutschland suchen, man beging
aber die intolerante Dummheit, sie zurckzuweisen. Ich sagte ihm, er htte nicht viel an den
Weibern, die Weiber aber viel an ihm verloren; bei den Einen htte er sich ennuyiert und ber
die Anderen gelacht. Er bleibt jetzt in Straburg, steckt die Hnde in die Taschen und predigt
dem Volke die Arbeit, wird fr seine Kapazitt gut bezahlt und marche vers les femmes, wie er
sich ausdrckt. Er ist brigens beneidenswert, fhrt das bequemste Leben unter der Sonne,
und ich mchte aus purer Faulheit St. Simonist werden, denn man mte mir meine Kapazitt
gehrig honorieren. []
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11. An die Familie
Straburg, im Juni 1833.
[] Ich werde zwar meinen Grundstzen gem handeln, habe aber in
neuerer Zeit
gelernt,
da nur das notwendige Bedrfnis der groen Masse Umnderungen herbeifhren kann, da
alles Bewegen und Schreien der
Einzelnen
vergebliches Torenwerk ist. Sie schreiben, man liest
sie nicht; sie schreien, man hrt sie nicht; sie handeln, man hilft ihnen nicht. Ihr knnt vo-
raussehen, da ich mich in die Giener Winkelpolitik und revolutionren Kinderstreiche nicht
einlassen werde.
12. An die Familie
Straburg, den 8. Juli 1833.
Bald im Tal, bald auf den Hhen zogen wir durch das liebliche Land. Am zweiten Tage gelang-
ten wir auf einer ber einer 3000 Fu hohen Flche zum sogenannten weien und schwarzen
See. Es sind zwei finstere Lachen in tiefer Schlucht, unter etwa 500 Fu hohen Felsenwnden.
Der weie See liegt auf dem Gipfel der Hhe. Zu unseren Fen lag still das dunkle Wasser.
ber die nchsten Hhen hinaus sahen wir im Osten die Rheinebene und den Schwarzwald,
nach West und Nordwest das Lothringer Hochland; im Sden hingen dstre Wetterwolken, die
Luft war still. Pltzlich trieb der Sturm das Gewlke die Rheinebene hinauf, zu unserer Linken
zuckten die Blitze, und unter dem zerissenen Gewlk ber dem dunklen Jura glnzten die
pengletscher
in der Abendsonne. Der dritte Tag gewhrte uns den nmlichen herrlichen An-
blick; wir bestiegen nmlich den hchsten Punkt der Vogesen, den an 5000 Fu hohen
Blgen
Man bersieht den Rhein von Basel bis Straburg, die Flche hinter Lothringen bis zu den Ber-
gen der Champagne, den Anfang der ehemaligen franche Comt, den Jura und die Schweizer-
gebirge vom Rigi bis zu den entferntesten Savoyischen Alpen. Es war gegen Sonnenuntergang,
die Alpen wie blasses Abendrot ber der dunkel gewordenen Erde. Die Nacht brachten wir in
einer geringen Entfernung vom Gipfel in einer Sennerhtte zu. Die Hirte haben hundert Khe
und bei neunzig Farren und Stiere auf der Hhe. Bei Sonnenaufgang war der Himmel etwas
dunstig, die Sonne warf einen roten Schein ber die Landschaft. ber den Schwarzwald und
den Jura schien das Gewlk wie ein schumender Wasserfall zu strzen, nur die Alpen standen
hell darber, wie eine blitzende Milchstrae. Denkt Euch ber der dunklen Kette des Jura und
ber dem Gewlk im Sden, soweit der Blick reicht, eine ungeheure, schimmernde Eiswand,
nur noch oben durch die Zacken und Spitzen der einzelnen Berge unterbrochen. Vom Blgen
stiegen wir rechts herab in das sogenannte Amarinental, das letzte Haupttal der Vogesen. Wir
gingen talaufwrts. Das Tal schliet sich mit einem schnen Wiesengrund im wilden Gebirg.
ber die Berge fhrte uns eine gut erhaltene Bergstrae nach Lothringen zu den Quellen der
Mosel. Wir folgten eine Zeit lang dem Laufe des Wassers, wandten uns dann nrdlich und kehr-
ten ber mehrere interessante Punkte nach Straburg zurck.
Hier ging es seit einigen Tagen etwas unruhig zu. Ein ministerieller Deputierter, Herr
kam vor einigen Tagen aus Paris zurck. Es kmmerte sich Niemand um ihn. Eine bankerotte
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II. Gieen und Darmstadt 1833-1835
13. An die Familie
Gieen, den 1. November 1833.
[] Gestern wurden wieder zwei Studenten verhaftet, der kleine
und
[]
14. An die Familie
Gieen, den 19. November 1833.
[] Gestern war ich bei dem Bankett zu Ehren der zurckgekehrten Deputierten. An zweihun-
dert Personen, unter ihnen
Balser
und
Vogt
. Einige loyale Toaste, bis man sich Courage ge-
trunken, und dann das Polenlied, die Marseillaise gesungen und den in Friedberg Verhafteten
ein Vivat gebracht! Die Leute gehen ins Feuer, wenn's von einer brennenden Punschbowle
kommt! []
15. An August Stber
Darmstadt: d. 9 Dez. 33.
Lieber August!
Ich schreibe in Ungewiheit, wo Dich dieser Brief treffen wird. Ich mte mich sehr irren, wenn
mir nicht Lambossy geschrieben htte, da Du Dich gewhnlich in Oberbrunn aufhieltest. Das
nmliche sagte mir Knzel, der von Deinem Vater auf einen an Dich gerichteten Brief Antwort
erhalten hatte. Du erhlst am sptesten einen Brief, weil ich Dich am letzten mit einem finste-
ren Gesicht qulen wollte, denn wenigstens Eurer Teilnahme halte ich mich immer versichert.
Ich schrieb mehrmals, vielleicht sahst Du meine Briefe; ich klagte ber mich und spottete ber
andere; beides kann Dir zeigen, wie bel ich mich befand. Ich wollte Dich nicht auch in's Laza-
rett fhren und so schwieg ich. Du magst entscheiden, ob die Erinnerung an 2 glckliche Jahre,
und die Sehnsucht nach All dem, was sie glcklich machte oder ob die widrigen Verhltnisse
unter denen ich hier lebe, mich in die unglckselige Stimmung setzen. Ich glaube s'ist beides.
Manchmal fhle ich ein wahres Heimweh nach Euren Bergen. Hier ist Alles so eng und klein.
Natur und Menschen, die kleinlichsten Umgebungen, denen ich auch keinen Augenblick Inter-
esse abgewinnen kann. Zu Ende Oktobers ging ich von hier nach Gieen. 5 Wochen brachte ich
daselbst halb im Dreck und halb im Bett zu. Ich bekam einen Anfall von Hirnhautentzndung;
die Krankheit wurde im Entstehen unterdrckt, ich wurde aber gleichwohl gezwungen nach
Darmstadt zurckzukehren um mich daselbst vllig zu erholen. Ich denke noch bis Neujahr
hier zu bleiben und d. 5 oder 6. Januar wieder nach Gieen abzureisen.
Ein Brief von Dir wrde mir groe Freude machen, und, nicht wahr Christ in einem Rekonva-
leszenten schlgt man nichts ab? Seit ich Euch am Mittwoch Abend vor 5 Monaten zum letzten
mal die Hnde zum Kutschenschlag hinausstreckte, ist's mir als wren sie mir abgebrochen
und ich denke wir drcken uns die Hnde um so fester, je seltner wir sie uns reichen. 3 treffli-
che Freunde habe ich in Gieen gelassen und bin jetzt ganz allein.
H. Dr. H. K. ist freilich noch da, aber das sthetische Geschlapp steht mir am Hals, er hat
schon alle mglichen poetischen Accouchiersthle probiert, ich glaube er kann hchstens noch
an eine kritische Nottaufe in der Abendzeitung appellieren.
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Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie, die Kunstsprache ist abscheulich, ich meine
fr menschliche Dinge msse man auch menschliche Ausdrcke finden; doch das strt mich
nicht, ich lache ber meine Narrheit und meine es gbe im Grund genommen doch nichts als
taube Nsse zu knacken. Man mu aber unter der Sonne doch auf irgendeinem Esel reiten und
so sattle ich in Gottes Namen den meinigen; fr's Futter ist mir nicht bang, an Distelkpfen
wird's nicht fehlen, so lang die Buchdruckerkunst nicht verloren geht. Lebe wohl, Bester. Gre
die Freunde, es geschieht dann doppelt, ich habe auch Boeckel darum gebeten.
Die politischen Verhltnisse knnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig
den Karren, woran die Frstne und Liberalen ihre Affenkomdie spielen. Ich bete jeden Abend
zum Hanf und zu d. Laternen.
Was schreiben Viktor und Scherb?
Adolph
ist er wieder in Metz? ich schicke Dir nchstens einige Zeilen an ihn.
16. An die Familie
Gieen, im Februar 1834.
Ich verachte Niemanden
, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil
es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, weil wir durch
gleiche Umstnde wohl Alle gleich wrden, und weil die Umstnde auer uns liegen. Der
Verstand
nun gar ist nur eine sehr geringe Seite unseres geistigen Wesens und die Bildung nur
eine sehr zufllige Form desselben. Wer mir eine solche Verachtung vorwirft, behauptet, da
ich einen Menschen mit Fen trte, weil er einen schlechten Rock anhtte. Es heit dies, eine
Roheit, die man Einem im Krperlichen nimmer zutrauen wrde, ins Geistige bertragen, wo
sie noch gemeiner ist. Ich kann Jemanden einen Dummkopf nennen, ohne ihn deshalb zu
achten
; die Dummheit gehrt zu den allgemeinen Eigenschaften der menschlichen Dinge; fr
ihre Existenz kann ich nichts, es kann mir aber niemand wehren, Alles, was existiert, bei sei-
nem Namen zu nennen und dem, was mir unangenehm ist, aus dem Wege zu gehn. Jemanden
krnken, ist eine Grausamkeit, ihn aber zu suchen oder zu meiden, bleibt meinem Gutdnken
berlassen.
Daher
erklrt sich mein Betragen gegen alte Bekannte; ich krnkte Keinen und
sparte mir viel Langeweile; halten sie mich fr hochmtig, wenn ich an ihren Vergngungen
oder Beschftigungen keinen Geschmack finde, so ist es eine Ungerechtigkeit; mir wrde es
nie einfallen, einem Anderen aus dem nmlichen Grunde einen hnlichen Vorwurf zu machen.
Man nennt mich einen
Sptter
. Es ist wahr, ich lache oft, aber ich lache nicht darber,
Je-
mand ein Mensch, sondern nur darber,
er ein Mensch ist, wofr er ohnehin nichts kann,
und lache dabei ber mich selbst, der ich sein Schicksal teile. Die Leute nennen das Spott, sie
ertragen es nicht, da man sich als Narr produziert und sie duzt; sie sind Verchter, Sptter
und Hochmtige, weil sie die Narrheit nur
auer sich
suchen. Ich habe freilich noch eine Art
von Spott, es ist aber nicht der der Verachtung, sondern der des Hasses. Der Ha ist so gut
erlaubt als die Liebe, und ich hege ihn im vollsten Mae gegen die,
welche verachten
. Es ist
deren eine groe Zahl, die im Besitze einer lcherlichen uerlichkeit, die man Bildung, oder
eines toten Krams, den man Gelehrsamkeit heit, die groe Masse ihrer Brder ihrem verach-
tenden Egoismus opfern. Der Aristokratismus ist die schndlichste Verachtung des heiligen
Geistes im Menschen; gegen ihn kehre ich seine eigenen Waffen; Hochmut gegen Hochmut,
Spott gegen Spott. Ihr wrdet euch besser bei meinem Stiefelputzer nach mir umsehn; mein
Hochmut und Verachtung Geistesarmer und Ungelehrter fnde dort wohl ihr bestes Objekt. Ich
bitte, fragt ihn einmal Die Lcherlichkeit des Herablassens werdet Ihr mir doch wohl nicht
zutrauen. Ich hoffe noch immer, da ich leidenden, gedrckten Gestalten mehr mitleidige Blik-
ke zugeworfen, als kalten, vornehmen Herzen bittere Worte gesagt habe. []
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17. An die Braut
[Gieen, Februar 1834.]
[] Ich drste nach einem Briefe. Ich bin allein, wie im Grabe; wann erweckt mich deine
Hand? Meine Freunde verlassen mich, wir schreien uns wie Taube einander in die Ohren; ich
wollte, wir wren stumm, dann knnten wir uns doch nur ansehen, und in neuen Zeiten kann
ich kaum Jemand starr anblicken, ohne da mir die Trnen kmen. Es ist dies eine Augenwas-
sersucht, die auch beim Starrsehen oft vorkommt. Sie sagen, ich sei verrckt, weil ich gesagt
habe, in sechs Wochen wrde ich auferstehen, zuerst aber Himmelfahrt halten, in der Diligence
nmlich. Lebe wohl, liebe Seele, und verla mich nicht. Der Gram macht mich Dir streitig, ich
lieg' ihm den ganzen Tag im Scho; armes Herz, ich glaube, du vergiltst mit Gleichem. []
18. An die Braut
[Gieen, um den 10. Mrz 1834.]
[] Der erste helle Augenblick seit acht Tagen. Unaufhrliches Kopfweh und Fieber, die Nacht
kaum einige Stunden drftiger Ruhe. Vor zwei Uhr komme ich in kein Bett, und dann ein be-
stndiges Auffahren aus dem Schlaf und ein Meer von Gedanken, in denen mir die Sinne ver-
gehen. Mein Schweigen qult dich wie mich, doch vermochte ich nichts ber mich. Liebe, liebe
Seele, vergibst du? Eben komme ich von drauen herein. Ein einziger, forthallender Ton aus
tausend Lerchenkehlen schlgt durch die brtende Sommerluft, ein schweres Gewlk wandert
ber die Erde, der tiefbrausende Wind klingt wie sein melodischer Schritt. Die Frhlingsluft
lste mich aus meinem Starrkrampf. Ich erschrak vor mir selbst. Das Gefhl des Gestorben-
seins war immer ber mir. Alle Menschen machten mir das hippokratische Gesicht, die Augen
verglast, die Wangen wie von Wachs, und wenn dann die ganze Maschinerie zu leiern anfing,
die Gelenke zuckten, die Stimme herausknarrte und ich das ewige Orgellied herumtrillern hrte
und die Wlzchen und Stiftchen im Orgelkasten hpfen und drehen sah, ich verfluchte das
Konzert, den Kasten, die Melodie und ach, wir armen schreienden Musikanten, das Sthnen
auf unserer Folter, wre es nur da, damit es durch die Wolkenritzen dringend und weiter, wei-
ter klingend, wie ein melodischer Hauch in himmlischen Ohren stirbt? Wren wir das Opfer im
glhenden Bauch des Peryllusstiers, dessen Todesschrei wie ein Aufjuchzen des in den Flam-
men sich aufzehrenden Gottestiers klingt? Ich lstre nicht. Aber die Menschen lstern. Und
doch bin ich gestraft, ich frchte mich vor meiner Stimme und vor einem Spiegel. Ich htte
Herrn Callot-Hoffmann sitzen knnen, nicht wahr, meine Liebe? Fr das Modellieren htte ich
Reisegeld bekommen. Ich spre, ich fange an, interessant zu werden.
Die Ferien fangen morgen in vierzehn Tagen an; verweigert man die Erlaubnis, so gehe ich
heimlich, ich bin mir selbst schuldig, einem unertrglichen Zustande ein Ende zu machen. Mei-
ne geistigen Krfte sind gnzlich zerrttet. Arbeiten ist mir unmglich, ein dumpfes Brten hat
sich meiner bemeistert, in dem mir kaum ein Gedanke noch hell wird. Alles verzehrt sich in mir
selbst; htte ich einen Weg fr mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei fr den Schmerz,
kein Jauchzen fr die Freude, keine Harmonie fr die Seligkeit. Dies Stummsein ist meine Ver-
dammnis. Ich habe dir's schon tausendmal gesagt: Lies meine Briefe nicht, kalte, trge Wor-
te! Knnte ich nur ber dich einen vollen Ton ausgieen; so schleppe ich dich in meine w-
sten Irrgnge. Du sitzest jetzt im dunklen Zimmer in deinen Trnen allein, bald trete ich zu dir.
Seit vierzehn Tagen steht dein Bild bestndig vor mir, wie das Lichtzittern, wenn man in die
Sonne gesehen. Ich lechze nach einer seligen Empfindung, die wird mir bald, bald, bei dir.
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19. An die Braut
[Gieen, nach dem 10. Mrz 1834.]
Hier ist kein Berg, wo die Aussicht frei ist. Hgel hinter Hgel und breite Tler, eine hohe Mit-
telmigkeit in Allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewhnen, und die Stadt ist ab-
scheulich. Bei uns ist Frhling, ich kann deinen Veilchenstrau immer ersetzen, er ist unsterb-
lich wie der Lama. Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt Straburg? es geht dort allerlei
vor, und du sagst kein Wort davon. Je baise les petites mains, en gotant les souvenirs doux
de Strasbourg.
"Prouve-moi que tu m'aimes encore beaucoup en me donnant bientt des nouvelles." Und ich
lie dich warten! Schon seit einigen Tagen nehme ich jeden Augenblick die Feder in die Hand,
aber es war mir unmglich, nur ein Wort zu schreiben. Ich studiere die Geschichte der Revolu-
tion. Ich fhlte mich wie zernichtet unter dem Grlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde
in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhltnissen eine un-
abwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die
Gre ein bloer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lcherliches Ringen ge-
gen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Hchste, es zu beherrschen unmglich. Es fllt
mir nicht mehr ein, vor den Paradegulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bcken. Ich
gewhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das
ist eins von den
Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es mu ja rgernis
kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, ist schauderhaft. Was ist das, was in uns
lgt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Knnte ich aber dies
kalte und gemarterte Herz an deine Brust legen! B. wird dich ber mein Befinden beruhigt ha-
ben, ich schrieb ihm. Ich verwnsche meine Gesundheit. Ich glhte, das Fieber bedeckte mich
mit Kssen und umschlang mich wie der Arm der Geliebten. Die Finsternis wogte ber mir,
mein Herz schwoll in unendlicher Sehnsucht, es drangen Sterne durch das Dunkel, und Hnde
und Lippen bckten sich nieder. Und jetzt? Und sonst? Ich habe nicht einmal die Wollust des
Schmerzes und des Sehnens. Seit ich ber die Rheinbrcke ging, bin ich wie in mir vernichtet,
ein einzelnes Gefhl taucht nicht in mir auf. Ich bin ein Automat; die Seele ist mir genommen.
Ostern ist noch mein einziger Trost; ich habe Verwandte bei Landau, ihre Einladung und die
Erlaubnis, sie zu besuchen. Ich habe die Reise schon tausendmal gemacht und werde nicht
mde. Du frgst mich: sehnst du dich nach mir? Nennst du's Sehnen, wenn man nur in ei-
nem Punkt leben kann und wenn man davon gerissen ist, und dann nur noch das Gefhl seines
Elends hat? Gib mir doch Antwort. Sind meine Lippen so kalt? [] Dieser Brief ist ein Chari-
vari: ich trste dich mit einem anderen.
20. An die Familie
Gieen, den 19. Mrz 1834.
[] Wichtiger ist die Untersuchung wegen der Verbindungen; die Relegation steht wenigstens
dreiig Studenten bevor. Ich wollte die Unschdlichkeit dieser Verschwrer eidlich bekrftigen.
Die Regierung mu aber doch etwas zu tun haben! Sie dankt ihrem Himmel, wenn ein paar
Kinder schleifen oder Ketten schaukeln! Die in Friedberg Verhafteten sind frei, mit Ausnahe
von Vieren. []
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21. An die Braut
[Gieen, Mrz 1834.]
[] Ich wre untrstlich, mein armes Kind, wte ich nicht, was dich heilte. Ich schreibe jetzt
tglich, schon gestern hatte ich einen Brief angefangen. Fast htte ich Lust, statt nach Darm-
stadt, gleich nach Straburg zu gehen. Nimmt dein Unwohlsein eine ernste Wendung, ich bin
dann im Augenblick da. Doch was sollen dergleichen Gedanken? Sie sind mir Unbegreiflichkei-
ten. Mein Gesicht ist wie ein Osterei, ber das die Freude rote Flecken laufen lt. Doch ich
schreibe abscheulich, es greift deine Augen an, das vermehrt das Fieber. Aber nein, ich glaube
nichts, es sind nur die Nachwehen des alten nagenden Schmerzes; die linde Frhlingsluft kt
alte Leute und hektische tot; dein Schmerz ist alt und abgezehrt, er stirbt, das ist Alles, und du
meinst, dein Leben ginge mit. Siehst du denn nicht den neuen lichten Tag? Hrst du meine
Tritte nicht, die sich wieder rckwrts zu dir wenden? Sieh, ich schicke dir Ksse, Schneeglck-
chen, Schlsselblumen, Veilchen, der Erde erste schchterne Blicke ins flammende Auge des
Sonnenjnglings. Den halben Tag sitze ich eingeschlossen mit deinem Bild und spreche mit dir.
Gestern Morgen versprach ich dir Blumen; da sind sie. Was gibst du mir dafr? Wie gefllt dir
mein Bedlam! Will ich etwas Ernstes tun, so komme ich mir vor, wie ein Larifari in der Kom-
die; ich will das Schwert ziehen: so ist's ein Hasenschwanz. []
Ich wollte, ich htte geschwiegen. Es berfllt mich eine unsgliche Angst. Du schreibst gleich,
doch um's Himmelswillen nicht, wenn es dich Anstrengung kostet. Du sprachst mir von einem
Heilmittel; lieb Herz, schon lange schwebt es mir auf der Zunge. Ich liebte aber so unser stilles
Geheimnis, doch sage deinem Vater Alles, doch zwei Bedingungen:
Schweigen
, selbst bei
den nchsten Verwandten. Ich mag nicht hinter jedem Kusse die Kochtpfe rasseln hren, und
bei den verschiedenen Tanten das Familienvatersgesicht ziehen. Dann: nicht eher an meine
Eltern zu schreiben, als bis ich selbst geschrieben. Ich berlasse dir Alles, tue, was dich beru-
higen kann. Was kann ich sagen, als da ich dich liebe; was versprechen, als was in dem Wor-
te Liebe schon liegt, Treue? Aber die sogenannte Versorgung? Student noch zwei Jahre; die
gewisse Aussicht auf ein strmisches Leben, vielleicht bald auf fremdem Boden!
Zum Schlusse trete ich zu dir und singe dir einen alten Wiegengesang:
War nicht umsonst so still und schwach,
Verlass'ne Liebe trug sie nach.
In ihrer kleinen Kammer hoch
Sie stets an der Erinnrung sog;
An ihrem Brotschrank an der Wand
Er immer, immer vor ihr stand,
Und wenn ein Schlaf sie bernahm,
Er immer, immer wieder kam.
Und dann:
Denn immer, immer, immer doch
Schwebt ihr das Bild an Wnden hoch
Von einem Menschen, welcher kam
Und ihr als Kind das Herze nahm.
Fast ausgelscht ist sein Gesicht,
Doch seiner Worte Kraft noch nicht,
Und jener Stunden Seligkeit,
Ach jener Trume Wirklichkeit,
Die, angeboren jedermann,
Kein Mensch sich wirklich machen kann.
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22. An die Braut
Gieen, Mrz 1834.
[] Ich werde gleich von hier nach Straburg gehen, ohne Darmstadt zu berhren; ich htte
dort auf Schwierigkeiten gestoen, und meine Reise wre vielleicht bis zu Ende der Vakanzen
verschoben worden. Ich schreibe dir jedoch vorher noch einmal, sonst ertrag' ich's nicht vor
Ungeduld; dieser Brief ist ohnedies so langweilig, wie ein Anmelden in einem vornehmen Hau-
se: Herr Studiosus Bchner. Das ist Alles! Wie ich hier zusammenschrumpfe, ich erliege fast
unter diesem
Bewutsein
; ja sonst wre es ziemlich gleichgiltig; wie man nur einen Betubten
oder Bldsinnigen beklagen mag! Aber du, was sagst du zu dem Invaliden? Ich wenigstens
kann die Leute auf halben Sold nicht ausstehen. Nous ferons un peu de romantique, pour nous
tenir la hauteur du sicle; et puis faudra-t-il du fer cheval pour faire l'impression un cur
de femme? Aujourd'hui on a le systme nerveux un peu robuste. Adieu.
23. An die Familie
[Straburg, im April 1834.]
[] Ich war [in Gieen] im uersten ruhig, doch war ich in tiefe Schwermut verfallen; dabei
engten mich die politischen Verhltnisse ein, ich schmte mich, ein Knecht mit Knechten zu
sein, einem vermoderten Frstengeschlecht und einem kriechenden Staatsdiener-
Aristokratismus zu Gefallen. Ich komme nach Gieen in die niedrigsten Verhltnisse, Kummer
und Widerwillen machen mich krank. []
24. An die Familie
Gieen, den 25. Mai 1834.
[] Das Treiben des "Burschen" kmmert mich wenig, gestern Abend hat er von dem Philister
Schlge bekommen. Man schrie
Bursch heraus!
Es kam aber Niemand, als die Mitglieder zweier
Verbindungen, die aber den Universittsrichter rufen muten, um sich vor den Schuster- und
Schneiderbuben zu retten. Der Universittsrichter war betrunken und schimpfte die Brger; es
wundert mich, da er keine Schlge bekam; das Possierlichste ist, da die Buben liberal sind
und sich daher an die loyal gesinnten Verbindungen machten. Die Sache soll sich heute Abend
wiederholen, man munkelt sogar von einem Auszug; ich hoffe, da der Bursche wieder Schlge
bekommt,
halten zu den Brgern und bleiben in der Stadt. []
25. An die Familie
Gieen, den 2. Juli 1834.
[] Was sagt man zu der Verurteilung von
Schulz
? Mich wundert es nicht, es riecht nach Ko-
mibrot. A propos, wit ihr die hbsche Geschichte von Herrn Kommissr []? Der gute Co-
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gaben. Er rennt, wie Mnchhausen, an einen Balken, er schlgt Feuer aus seinem Nasenbein,
das Blut fliet, er achtet nichts und
findet nichts
. Unser lieber Groherzog wird ihm aus einem
Zivilverdienstorden ein Nasenfutteral machen. []
26. An die Familie
Frankfurt, den 3. August 1834.
[] Ich benutze jeden Vorwand, um mich von meiner Kette loszumachen.
Freitag Abends
ging
ich von Gieen weg; ich whlte die Nacht der gewaltigen Hitze wegen, und so wanderte ich in
der lieblichsten Khle unter hellem Sternenhimmel, an dessen fernstem Horizonte ein bestn-
diges Blitzen leuchtete. Teils zu Fu, teils fahrend mit Postillionen und sonstigem Gesindel,
legte ich whrend der Nacht den grten Teil des Wes zurck. Ich ruhte mehrmals unterwegs.
Gegen Mittag war ich in Offenbach. Den kleinen Umweg machte ich, weil es von dieser Seite
leichter ist, in die Stadt zu kommen, ohne angehalten zu werden. Die Zeit erlaubte mir nicht,
mich mit den ntigen Papieren zu versehen. []
27. An die Familie
Gieen, den 5. August 1834.
[] Ich meine, ich htte Euch erzhlt, da
Minnigerode
eine halbe Stunde vor meiner Abreise
arretiert wurde, man hat ihn nach Friedberg abgefhrt. Ich begreife den Grund seiner Verhaf-
tung nicht. Unserem scharfsinnigen Universittsrichter fiel es ein, in meiner Reise, wie mir
scheint, einen Zusammenhang mit der Verhaftung Minnigerodes zu finden. Als ich hier ankam,
fand ich meinen Schrank
versiegelt
, und man sagte mir, meine Papiere seien durchsucht wor-
den. Auf mein Verlangen wurden die Siegel sogleich abgenommen, auch gab man mir meine
Papiere (nichts als Briefe von Euch und meinen Freunden) zurck, nur einige franzsische Brie-
fe von W[ilhelmine], Muston, L[ambossy] und B[oeckel] wurden zurckbehalten, wahrschein-
lich weil die Leute sich erst einen Sprachlehrer mssen kommen lassen, um sie zu lesen. Ich
bin emprt ber ein solches Benehmen, es wird mir bel, wenn ich meine heiligsten Geheim-
nisse in den Hnden dieser schmutzigen Menschen denke. Und das Alles wit ihr auch war-
um? Weil ich an dem nmlichen Tag abgereist, an dem Minnigerode verhaftet wurde. Auf einen
vagen Verdacht hin verletzte man die heiligsten Rechte und verlangte dann weiter Nichts, als
da ich mich ber meine Reise ausweisen sollte!!! Das konnte ich natrlich mit der grten
Leichtigkeit; ich habe Briefe von B., die jedes Wort besttigen, das ich gesprochen, und unter
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28. An die Familie
Gieen, den 8. August 1834.
[] Ich gehe meinen Beschftigungen wie gewhnlich nach, vernommen bin ich nicht weiter
geworden. Verdchtiges hat man nicht gefunden, nur die franzsischen Briefe scheinen noch
nicht entziffert zu sein; der Herr Universittsrichter mu sich wohl erst Unterricht in Franz-
sisch nehmen. Man hat sie mir noch nicht zurckgegeben. [] brigens habe ich mich bereits
an das Disziplinargericht gewendet und es um Schutz gegen die Willkr des Universittsrich-
ters gebeten. Ich bin auf die Antwort begierig. Ich kann mich nicht entschlieen, auf die mir
gebhrende Genugtuung zu verzichten. Das Verletzen meiner heiligsten Rechte und das Ein-
brechen in alle meine Geheimnisse, das Berhren von Papieren, die mir Heiligtmer sind, em-
prten mich zu tief, als da ich nicht jedes Mittel ergreifen sollte, um mich an dem Urheber
dieser Gewalttat zu rchen. Den Universittsrichter habe ich mittelst des hflichsten Spottes
fast ums Leben gebracht. Wie ich zurckkam, mein Zimmer mir verboten und mein Pult ver-
siegelt fand, lief ich zu ihm und sagte ihm ganz kaltbltig mit der grten Hflichkeit in Ge-
genwart mehrerer Personen: wie ich vernommen, habe er in meiner Abwesenheit mein Zim-
mer mit seinem Besuche
beehrt
, ich komme, um ihn um den Grund seines gtigen Besuches
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de, und so um so mehr den Charakter eines
Einbruchs
verstummen macht. Es gibt zwar Leute, welche behaupten, man solle sich in einem solchen
Falle lieber zur Welt hinaushungern, aber ich knnte die Widerlegung in einem seit Kurzem
erblindetem Hauptmann von der Gasse aufgreifen, welcher erklrt, er wrde sich totschieen,
wenn er nicht gezwungen sei, seiner Familie durch sein Leben eine Besoldung zu erhalten. Das
ist entsetzlich. Sie werden wohl einsehen, da es hnliche Verhltnisse geben kann, die Einen
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verhindern, seinen Leib zum Notanker zu machen, um ihn vor dem Wrack dieser Welt in das
Wasser zu werfen, und werden sich also nicht wundern, wie ich Ihre Tre aufreie, in Ihr Zim-
mer trete, Ihnen ein Manuskript auf die Brust setze und ein Almosen abfordere. Ich bitte Sie
nmlich, das Manuskript so schnell wie mglich zu durchlesen, es, im Fall Ihnen Ihr
Gewissen
als Kritiker dies erlauben sollte
, dem Herrn Sauerlnder zu empfehlen und sogleich zu antwor-
ten.
ber das Werk kann ich Ihnen nichts weiter sagen, als das unglckliche Verhltnisse mich
zwangen, es in hchstens fnf Wochen zu schreiben. Ich sage dies, um Ihr Urteil ber den Ver-
fasser, nicht ber das Drama an und fr sich, zu motivieren. Was ich daraus machen soll, wei
ich selbst nicht, nur das wei ich, da ich alle Ursache habe, der Geschichte gegenber rot zu
werden; doch trste ich mich mit dem Gedanken, da, Shakespeare ausgenommen, alle Dich-
ter vor ihr und der Natur wie Schulknaben dastehen.
Ich wiederhole meine Bitte um schnelle Antwort; im Falle eines gnstigen Erfolgs knnen eini-
ge Zeilen von Ihrer Hand, wenn sie noch vor nchsten Mittwoch hier eintreffen, einen Unglck-
lichen vor einer sehr traurigen Lage bewahren.
Sollte Sie vielleicht der Ton dieses Briefs befremden, so bedenken Sie, da es mir leichter fllt,
in Lumpen zu betteln, als im Frack eine Suppli zu berreichen und fast leichter, die Pistole in
der Hand: la bourse ou la vie! zu sagen, als mit bebenden Lippen ein: Gott lohn' es! zu fl-
stern.
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32. An die Familie
Weienburg, den 9. Mrz 1835.
Eben lange ich wohlbehalten hier an. Die Reise ging schnell und bequem vor sich. Ihr knnt,
was meine persnliche Sicherheit anlangt, vllig ruhig sein. Sicheren Nachrichten gem be-
zweifle ich auch nicht, da mir der Aufenthalt in Straburg gestattet werden wird. [] Nur die
dringensten Grnde konnten mich zwingen, Vaterland und Vaterhaus in der Art zu verlassen
Ich konnte mich unserer politischen Inquisition stellen; von dem Resultat einer Untersuchung
hatte ich nichts zu befrchten, aber Alles von der Untersuchung selbst. [] Ich bin berzeugt,
da nach einem Verlaufe von zwei bis drei Jahren meiner Rckkehr nichts mehr im Wege ste-
hen wird. Diese Zeit htte ich im Falle des Bleibens in einem Kerker zu Friedberg versessen;
krperlich und geistig zerrttet wre ich dann entlassen worden. Die stand mir so deutlich vor
Augen, dessen war ich so gewi, da ich das groe bel einer freiwilligen Verbannung whlte.
Jetzt habe ich Hnde und Kopf frei. [] Es liegt jetzt Alles in meiner Hand. Ich werde das Stu-
dium der medizinisch-philosophischen Wissenschaften mit der grten Anstrengung betreiben,
und auf
dem
Felde ist noch Raum genug, um etwas Tchtiges zu leisten und unsere Zeit ist
gerade dazu gemacht, dergleichen anzuerkennen. Seit ich ber der Grenze bin, habe ich fri-
schen Lebensmut, ich stehe jetzt ganz allein, aber gerade das steigert meine Krfte. Der be-
stndigen geheimen Angst vor Verhaftung und sonstigen Verfolgungen, die mich in Darmstadt
bestndig peinigte, enthoben zu sein, ist eine groe Wohltat. []
33. An Gutzkow
Straburg, [Mrz 1835.]
Verehrtester!
Vielleicht haben Sie durch einen Steckbrief im Frankfurter Journal meine Abreise von Darm-
stadt erfahren. Seit einigen Tagen bin ich hier; ob ich bleiben werde, wei ich nicht, das hngt
von verschiedenen Umstnden ab. Mein Manuskript wird unter der Hand seinen Kurs durchge-
macht haben.
Meine Zukunft ist so problematisch, da sie mich selbst zu interessieren anfngt, was viel hei-
en will. Zu dem subtilen Selbstmord durch
Arbeit
kann ich mich nicht leicht entschlieen; ich
hoffe, meine Faulheit wenigstens ein Vierteljahr lang fristen zu knnen, und nehme dann
Handgeld entweder von den Jesuiten fr den Dienst der Maria oder von den St. Simonisten fr
die femme libre oder sterbe mit meiner Geliebten. Wir werden sehen. Vielleicht bin ich auch
dabei, wenn noch einmal das Mnster eine Jakobiner-Mtze aufsetzen sollte. Was sagen Sie
dazu? Es ist nur mein Spa. Aber Sie sollten noch erleben, zu was ein Deutscher nicht fhig ist,
wenn er Hunger hat. Ich wollte, es ginge der ganzen Nation wie mir. Wenn es einmal ein Mi-
jahr gibt, worin nur der Hanf gert! Das sollte lustig gehen, wir wollten schon eine Boa Con-
striktor zusammen flechten. Mein Danton ist vorlufig ein seidenes Schnrchen und meine Mu-
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34. An die Familie
Straburg, den 27. Mrz 1835.
[] Ich frchte sehr, da das Resultat der Untersuchung den Schritt, welchen ich getan, hin-
lnglich rechtfertigen wird; es sind wieder Verhaftungen erfolgt, und man erwartet nchstens
deren noch mehr. Minnigerode ist in flagranti crimine ertappt worden; man betrachtet ihn als
den Weg, der zur Entdeckung aller bisherigen revolutionren Umtriebe fhren soll, man sucht
ihm um jeden Preis sein Geheimnis zu entreien; wie sollte seine schwache Konstitution der
langsamen Folter, auf die man ihn spannt, wiederstehen knnen? [] Ist in den deutschen
Zeitungen die Hinrichtung des Lieutenant Kosseritz auf dem Hohenasperg in Wrtemberg be-
kannt gemacht worden? Er war
Mitwisser
um das Frankfurter Komplott, und wurde vor einiger
Zeit erschossen. Der Buchhndler
Frankh
aus Stuttgart ist mit noch mehreren Anderen aus der
nmlichen Ursache zum Tode verurteilt worden, und man glaubt, da das Urteil vollstreckt
wird. []
35. An die Familie
Straburg, den 20. April 1835.
[] Heute Morgen erhielt ich eine traurige Nachricht; ein Flchtling aus der Gegend von Gieen
ist hier angekommen; er erzhlte mir, in der Gegend von Marburg seien mehrere Personen
verhaftet und bei einem von ihnen eine Presse gefunden worden, auerdem sind meine Freun-
de
A. Becker
und
Klemm
eingezogen worden, und Rektor
Weidig
von Butzbach wird verfolgt.
Ich begreife unter solchen Umstnden die Freilassung von P [] nicht. Jetzt erst bin ich froh,
da ich weg bin, man wrde mich auf keinen Fall verschont haben. [] Ich sehe meiner Zu-
kunft sehr ruhig entgegen. Jedenfalls knnte ich von meinen schriftstellerischen Arbeiten le-
ben. [] Man hat mich auch aufgefordert, Kritiken ber die neu erscheinenden franzsischen
Werke in das Literaturblatt zu schicken, sie werden gut bezahlt. Ich wrde mir noch weit mehr
verdienen knnen, wenn ich mehr Zeit darauf verwenden wollte, aber ich bin entschlossen,
meinen
Studienplan nicht aufzugeben.
[]
36. An die Familie
Straburg, den 5. Mai 1835.
Schulz
und seine Frau gefallen mir sehr gut, ich habe schon seit lngerer Zeit Bekanntschaft
mit ihnen gemacht und besuche sie fters. Schulz namentlich ist nichts weniger, als die unru-
hige Kanzleibrste, die ich mir unter ihm vorstelle; er ist ein ziemlich ruhiger und sehr an-
spruchsloser Mann. Er beabsichtigt in aller Nhe mit seiner Frau nach Nancy und in Zeit von
einem Jahr ungefhr nach Zrich zu gehen, um dort zu dozieren. [] Die Verhltnisse der poli-
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ist, hatte ich durch ihn erfahren, er versicherte mich auch, da das Blatt viel Ehre damit einge-
legt habe. Das Ganze mu bald erscheinen. Im Fall es euch zu Gesicht kommt, bitte ich euch,
bei eurer Beurteilung vorerst zu bedenken, da ich der Geschichte treu bleiben und die Mnner
der Revolution geben mute, wie sie waren, blutig, liederlich, energisch und zynisch. Ich be-
trachte mein Drama wie ein geschichtliches Gemlde, da seinem Original gleichen mu. []
Gutzkow hat mich um Kritiken, wie um eine besondere Geflligkeit gebeten; ich konnte es
nicht abschlagen, ich gebe mich ja doch in meinen freien Stunden mit Lektre ab, und wenn
ich dann manchmal die Feder in die Hand nehme und schreibe ber das Gelesene etwas nie-
der, so ist dies keine so groe Mhe und nimmt wenig Zeit weg. [] Der Geburtstag des K-
nigs ging sehr still vorber, Niemand fragt nach dergleichen, selbst die Republikaner sind ru-
hig; sie wollen keine Emeuten mehr, aber ihre Grundstze finden von Tag zu Tag, namentlich
bei der jungen Generation mehr Anhang, und so wird wohl die Regierung nach und nach, ohne
gewaltsame Umwlzung von selbst zusammenfallen. []
Satorius
ist verhaftet, sowie auch
Becker
. Heute habe ich auch die Verhaftung des Herrn
Weidig
und des Pfarrers
Flick
zu Petter-
weil erfahren. []
37. An die Familie
Straburg, Mittwoch nach Pfingsten 1835.
dennoch!
Ich hoffe, da unsere Regierung mich fr zu unbedeutend hielt, um auch gegen mich
hnliche Maregeln zu ergreifen und da ich somit ungestrt bleiben werde. Sagt, ich sei in die
Schweiz gegangen.
Heumann
sprach ich gestern. Auch sind in der letzten Zeit wieder fnf
Flchtlinge aus Darmstadt und Gieen hier eingetroffen und bereits in die Schweiz weiter ge-
reist.
Rosenstiel, Wiener
und
sind unter ihnen. []
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38. An Wilhelm Bchner
[Straburg, 1835]
[] Ich wrde Dir das nicht sagen, wenn ich im Entferntesten jetzt an die Mglichkeit einer
politischen Umwlzung glauben knnte. Ich habe mich seit einem halben Jahre vollkommen
berzeugt, da Nichts zu tun ist, und da Jeder, der
im Augenblicke
sich aufopfert, seine Haut
wie ein Narr zu Markte trgt. Ich kann Dir nichts Nheres sagen, aber ich kenne die Verhltnis-
se, ich wei, wie schwach, wie unbedeutend, wie zerstckelt die liberale Partei ist, ich wei,
da ein zweckmiges, bereinstimmendes Handeln unmglich ist, und da jeder Versuch
auch nicht zum geringsten Resultate fhrt. []
39. An unbekannten Empfnger
[Straburg, 1835]
[] Eine genaue Bekanntschaft mit dem Treiben der deutschen Revolutionrs im Auslande hat
mich berzeugt, da auch von dieser Seite nicht das Geringste zu hoffen ist. Es herrscht unter
ihnen eine babylonische Verwirrung, die nie gelst werden wird. Hoffen wir auf die Zeit! []
40. An Gutzkow
[Straburg]
[] Die ganze Revolution hat sich schon in Liberale und Absolutisten geteilt und mu von der
ungebildeten und armen Klasse aufgefressen werden; das Verhltnis zwischen Armen und Rei-
chen ist das einzige revolutionre Element in der Welt, der Hunger allein kann die Freiheitsgt-
tin und nur ein Moses, der uns die sieben gyptischen Plagen auf den Hals schickte, knnte ein
Messias werden. Msten Sie die Bauern, und die Revolution bekommt Apoplexie. Ein
Huhn
im
Topf jedes Bauern macht den gallischen
Hahn
verenden. []
41. An die Familie
Straburg, im Juli 1835.
[] Ich habe hier noch mndlich viel Unangenehmes aus Darmstadt erfahren.
Koch, Waloth,
Geilfu
und einer meiner Gieener Freunde, mit Namen
Becker
, sind vor Kurzem hier ange-
kommen, auch ist der junge
hier. Es sind sonst noch Mehrere angekommen, sie gehen
aber smtlich weiter in die Schweiz oder in das Innere von Frankreich. Ich habe von Glck zu
sagen und fhle mich manchmal recht frei und leicht, wenn ich den weiten, freien Raum um
mich berblicke und mich dann in das Darmstdter Arresthaus zurckversetze. Die Unglckli-
chen! Minnigerode sitzt jetzt fast ein Jahr, er soll krperlich fast aufgerieben sein, aber zeigt er
nicht eine heroische Standhaftigkeit? Es heit, er sei schon mehrmals geschlagen worden, ich
kann und mag es nicht glauben.
A. Becker
wird wohl von Gott und der Welt verlassen sein;
seine Mutter starb, whrend er in Gieen im Gefngnis sa,
vierzehn Tage
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mit Frulein v. [Grolmann] in Gieen, wird er doch nicht erreichen, und die ffentliche Verach-
tung, die ihn unfehlbar trifft, wird ihn tten. Ich frchte nur sehr, da die bisherigen Verhaf-
tungen nur das Vorspiel sind; es wird noch bunt hergehen. Die Regierung wei sich nicht zu
migen; die Vorteile, welche ihr die Zeitumstnde in die Hand geben, wird sie auf's uerste
mibrauchen, und das ist wohl sehr unklug und fr uns sehr vorteilhaft. Auch der junge
v. Bie-
geleben, Weidenbusch, Floret
sind in eine Untersuchung verwickelt; das wird noch ins Unendli-
che gehen. Drei Pfarrer,
Flick, Weidig
und
Thudichum
sind unter den Verhafteten. Ich frchte
nur sehr, da unsere Regierung uns hier nicht in Ruhe lt, doch bin ich der Verwendung des
Professors Lauth, Duvernoy und des Doktor Boeckels gewi, die smtlich mit dem Prfekten
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ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtsschreiber, steht aber
ber
Letzterem dadurch,
da er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine
trockene Erzhlung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristi-
ken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine hchste Aufgabe ist, der Ge-
schichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als mglich zu kommen. Sein Buch darf weder
sittlicher
noch
unsittlicher
sein, als die
Geschichte selbst
; aber die Geschichte ist vom lieben
Herrgott nicht zu einer Lektre fr junge Frauenzimmer geschaffen worden, und da ist es mir
auch nicht bel zu nehmen, wenn mein Drama ebensowenig dazu geeignet ist. Ich kann doch
aus meinem Danton und den Banditen der Revolution nicht Tugendhelden machen! Wenn ich
ihre Liederlichkeit schildern wollte, so mute ich sie eben liederlich sein, wenn ich ihre Gottlo-
sigkeit zeigen wollte, so mute ich sie eben wie Atheisten sprechen lassen. Wenn einige unan-
stndige Ausdrcke vorkommen, so denke man an die weltbekannte, obszne Sprache der
damaligen Zeit, wozu das, was ich meine Leute sagen lasse, nur ein schwacher Abri ist. Man
knnte mir nur noch vorwerfen, da ich einen solchen Stoff gewhlt htte. Aber der Entwurf ist
lngst widerlegt. Wollte man ihn gelten lassen, so mten die grten Meisterwerke der Poesie
hat? Nie habe ich einen solchen Feuerglanz gesehen und einen solchen Schlag gehrt, ich war
einige Augenblicke wie betubt. Der Schade ist der grte seit Wchtersgedenken. Die Steine
wurden mit ungeheurer Gewalt zerschmettert und weit weg geschleudert; auf hundert Schritt
im Umkreis wurden die Dcher der benachbarten Huser von den herabfallenden Steinen
durchgeschlagen.
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durch die Post erhalten habt, so kann die Polizei unmglich mit Bestimmtheit wissen, wo ich
mich aufhalte, zumal da ich meinen Freunden geschrieben, ich sei nach Zrich gegangen. Es
sind wieder einige Flchtlinge hier angekommen, ein Sohn des Professor
Vogt
ist darunter, sie
bringen die Nachricht von neuen Verhaftungen dreier Familienvter! Der eine in Rdelheim,
der andere in Frankfurt, der dritte in Offenbach. Auch ist eine Schwester des unglcklichen
Neuhof
, ein schnes und liebenswrdiges Mdchen, wie man sagt, verhaftet worden. Da ein
Frauenzimmer aus Gieen in das Darmstdter Arresthaus gebracht wurde, ist gewi; man be-
hauptet, sie sei die []. Die Regierung mu die Sachen sehr geheim halten, denn ihr scheint in
Darmstadt sehr schlecht unterrichtet zu sein. Wir erfahren Alles durch die Flchtlinge, welche
es am besten wissen, da sie meistens zuvor in die Untersuchung verwickelt waren. Da Minni-
gerode in Friedberg eine Zeit lang Ketten an den Hnden hatte, wei ich gewi; ich wei es
von Einem, der mit ihm sa. Er soll tdlich krank sein; wolle der Himmel, da seine Leiden ein
Ende htten! Da die Gefangenen die Gefangenenkost bekommen und weder Licht noch B-
cher erhalten, ist ausgemacht. Ich danke dem Himmel, da ich voraussah, was kommen wr-
de, ich wre in so einem Loch verrckt geworden. [] In der Politik fngt es hier wieder an,
wird. Die Regierung ist sehr unklug; in sechs Wochen hat man die Hllenmaschine vergessen,
und dann befindet sie sich mit ihrem Gesetz einem Volke gegenber, das seit mehreren Jahren
gwohnt ist, alles, was ihm durch den Kopf kommt, ffentlich zu sagen. Die feinsten Politiker
reimen die Hllenmaschine mit der Revue in Kalisch zusammen. Ich kann ihnen nicht ganz
Unrecht geben; die Hllenmaschine unter Bonaparte! der Rastadter Gesandtenmord! []
Wenn man sieht, wie die absoluten Mchte Alles wieder in die alte Unordnung zu bringen su-
chen, Polen, Italien, Deutschland wieder unter den Fen! es fehlt nur noch Frankreich, es
hngt ihnen immer, wie ein Schwert, ber dem Kopf. So zum Zeitvertreib wirft man doch die
Millionen in Kalisch nicht zum Fenster hinaus. Man htte die auf den Tod des Knigs folgende
Verwirrung benutzt und htte gerade nicht sehr viele Schritte gebraucht, um an den Rhein zu
kommen. Ich kann mir das Attentat auf keine andere Weise erklren. Die Republikaner haben
erstens kein Geld und sind zweitens in einer so elenden Lage, da sie nichts htten versuchen
knnen, selbst wenn der Knig gefallen wre. Hchstens knnten einige Legitimisten hinein
verwickelt sein. Ich glaube nicht, da die Justiz die Sache aufklren wird. []
45. An die Familie
Straburg, den 17. August 1835.
Von Umtrieben wei ich nichts. Ich und meine Freunde sind smtlich der Meinung, da man fr
jetzt Alles der Zeit berlassen mu; brigens kann der Mibrauch, welchen die Frsten mit
ihrer wieder erlangten Gewalt treiben, nur zu unserem Vorteil gereichen. Ihr mt Euch durch
die verschiedenen Gerchte nicht irre machen lassen; so soll sogar ein Mensch Euch besucht
haben, der sich fr Einen meiner Freunde ausgab. Ich erinnere mich gar nicht, den Menschen
je gesehen zu haben; wie mir die Anderen jedoch erzhlten, ist er ein ausgemachter Schurke,
der wahrscheinlich auch das Gercht von einer hier bestehenden Verbindung ausgesprengt
hat. Die Gegenwart des Prinzen
Emil
, der eben hier ist, knnte vielleicht nachteilige Folgen fr
uns haben, im Fall er von dem Prfekten unsere Ausweisung begehrte; doch halten wir uns fr
zu unbedeutend, als da seine Hoheit sich mit uns beschftigen sollte. brigens sind fast
smtliche Flchtlinge in die Schweiz und in das Innere abgereist, und in wenigen Tagen gehen
noch Mehrere, so da hchstens fnf bis sechs hier bleiben werden. []
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46. An Gutzkow
[Straburg, September 1835.]
[] Was Sie mir ber die Zusendung aus der Schweiz sagen, macht mich lachen. Ich sehe
schon, wo es herkommt. Ein Mensch, der mir einmal, es ist schon lange her, sehr lieb war, mir
spter zur unertrglichen Last geworden ist, den ich schon seit Jahren schleppe und der sich,
ich wei nicht aus welcher verdammten Notwendigkeit, ohne Zuneigung, ohne Liebe, ohne
Zutrauen an mich anklammert und qult und den ich wie ein notwendiges bel getragen habe!
Es war mir wie einem Lahmen oder Krppel zu Mut und ich hatte mich so ziemlich in mein Lei-
den gefunden. Aber jetzt bin ich froh, es ist mir, als wre ich von einer Todsnde absolviert.
Ich kann ihn endlich mit guter Manier vor die Tre werfen. Ich war bisher unvernnftig gutm-
tig, es wre mir leichter gefallen ihn tot zu schlagen, als zu sagen: Pack dich! Aber jetzt bin ich
ihn los! Gott sei Dank! Nichts kommt Einem doch in der Welt teurer zu stehen als die Humani-
tt. []
47. An die Familie
Straburg, den 20. September 1835.
en. Ich habe nichts dawider. []
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49. An die Familie
Straburg, den 2. November 1835.
[] Ich wei bestimmt, da man mir in Darmstadt die abenteuerlichsten Dinge nachsagt; man
hat mich bereits dreimal an der Grenze verhaften lassen. Ich finde es natrlich; die aueror-
dentliche Anzahl von Verhaftungen und Steckbriefen mu Aufsehen machen, und da das Publi-
kum jedenfalls nicht wei, um was es sich eigentlich handelt, so macht es wunderliche Hypo-
thesen. []
Aus der Schweiz habe ich die besten Nachrichten.
Es wre mglich
, da ich noch vor Neujahr
von der Zricher Fakultt den Doktorhut erhielte, in welchem Fall ich alsdann nchste Ostern
anfangen wrde, dort zu dozieren. In meinem Alter von zwei und zwanzig Jahren wre das
Alles, was man fordern kann. []
Neulich hat mein Name in der Allgemeinen Zeitung paradiert. Es handelte sich um eine groe
literrische Zeitschrift,
deutsche Revue
, fr die ich einen Artikel zu liefern versprochen habe.
Dies Blatt ist schon vor seinem Erscheinen angegriffen worden, worauf es denn hie, da man
nur die Herren
Heine, Brne, Mundt, Schulz, Bchner
u.s.w. zu nennen brauche, um einen Be-
griff von dem Erfolge zu haben, den diese Zeitschrift haben wrde. ber die Art, wie Minni-
gerode mihandelt wird, ist im "Temps" ein Artikel erschienen. Er scheint mir von Darmstadt
aus geschrieben; man mu wahrhaftig weit gehen, um einmal klagen zu drfen. Meine un-
glcklichen Freunde! []
50. An Gutzkow
[Straburg 1835.]
[] Sie erhalten hierbei ein Bndchen Gedichte von meinen Freunden Stber. Die Sagen sind
schn, aber ich bin kein Verehrer de Manier la Schwab und Uhland und der Partei, die immer
rckwrts ins Mittelalter greift, weil sie in der Gegenwart keinen Platz ausfllen kann. Doch ist
mir das Bchlein lieb; sollten Sie nichts Gnstiges darber zu sagen wissen, so bitte ich Sie,
lieber zu schweigen. Ich habe mich ganz hier in das Land hineingelebt; die Vogesen sind ein
Gebirg, das ich liebe, wie eine Mutter, ich kenne jede Bergspitze und jedes Tal und die alten
Sagen sind so originell und heimlich und die beiden Stber sind alte Freunde, mit denen ich
zum Erstenmal das Gebirg durchstich. Adolph hat unstreitig Talent, auch wird Ihnen sein Name
durch den Musenalmanach bekannt sein. August steht ihm nach, doch ist er gewandt in der
Sprache.
Die Sache ist nicht ohne Bedeutung fr das Elsa, sie ist einer von den seltnen Versuchen, die
noch manche Elssser machen, um die deutsche Nationalitt Frankreich gegenber zu wahren
und wenigstens das geistige Band zwischen ihnen und dem Vaterland nicht reien zu lassen.
Es wre traurig, wenn das Mnster einmal ganz auf fremden Boden stnde. Die Absicht, wel-
che zum Teil das Bchlein erstehen lie, wrde sehr gefrdert werden, wenn das Unternehmen
in Deutschland Anerkennung fnde und von der Seite empfehle ich es Ihnen besonders.
Ich werde ganz dumm in dem Studium der Philosophie; ich lerne die Armseligkeit des mensch-
lichen Geistes wieder von einer neuen Seite kennen. Meinetwegen! Wenn man sich nur einbil-
den knnte, die Lcher in unsern Hosen seien Palastfenster, so knnte man schon wie ein K-
nig leben; aber so friert man erbrmlich. []
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51. An Ludwig Bchner
[Straburg, Ende Dezember 1835]
Prost Neujahr Hammelmaus!
Ich hre, da du ein braver Junge bist, die Eltern haben ihre Freude an dir. Mache, da es im-
mer so sei! Es ist mir ein schnes Weihnachtsgeschenk, dies von dir zu hren. Du zeichnest
nett, fahre so fort, Louis Jaegl hatte groe Freude daran und am Bchsenlecker und da lt er
dir durch mich ein Buch mit Zeichnungen schicken. Da hast du etwas um dich zu ben. Ist
Lottchen Cellarius mit dir zufrieden und ist es mit dem Stck am Weihnachtsabend gut gegan-
gen? Wenn du in die Klavierstunde gehst, so sage der Frulein Lottchen einen schnen Gru
von mir, aber sage um des Himmelswillen Niemand ein Wort davon.
Nchstes Frhjahr gehe ich in die Schweiz. Wenn du brav bist und etwas grer, als jetzt, so
mut du Stock und Ranzen nehmen und mich besuchen. Erst gehst du auf das Straburger
Mnster und dann gehn wir an den Rheinfall nach Schaffhausen und an den Vierwaldsttter-
See nach der Tellenplatte und der Tellskapelle. Adieu Muschen, ich denke du bist jetzt eine
Maus und wenn du so fort machst, kannst du es noch weit bringen; ich hoffe, da du fr den
grauen Biberrock jetzt zu gro bist.
Lebewohl
dein Bruder Georg
52. An die Familie
Straburg, den 1. Januar 1836.
[] Das Verbot der
deutschen Revue
schadet mir nichts. Einige Artikel, die fr sie bereit lagen,
kann ich an den Phnix schicken. Ich mu lachen, wie fromm und moralisch pltzlich unsere
Regierungen werden; der Knig von Bayern lt unsittliche Bcher verbieten! da darf er seine
Biographie nicht erscheinen lassen, denn die wre das Schmutzigste, was je geschrieben wor-
den! Der Groherzog von Baden, erster Ritter vom doppelten Mopsorden, macht sich zum Rit-
ter vom heiligen Geist und lt
Gutzkow
arretieren, und der liebe deutsche Michel glaubt, es
geschhe Alles aus Religion und Christentum und klatscht in die Hnde. Ich kenne die Bcher
nicht, von denen berall die Rede ist; sie sind nicht in den Leihbibliotheken und zu teuer, als
da ich Geld daran wenden sollte. Sollte auch Alles sein, wie man sagt, so knnte ich darin nur
die Verirrungen eines durch philosophische Sophismen falsch geleiteten Geistes sehen. Es ist
der gewhnlichste Kunstgriff, den groen Haufen auf seine Seite zu bekommen, wenn man mit
recht vollen Backen: "unmoralisch!" schreit. brigens gehrt sehr viel Mut dazu, einen Schrift-
steller anzugreifen, der von einem deutschen Gefngnis aus antworten soll.
Gutzkow
hat bis-
her einen edlen, krftigen Charakter gezeigt, er hat Proben von groem Talent abgelegt; wo-
her denn pltzlich das Geschrei? Es kommt mir vor, als stritte man sehr um das Reich dieser
Welt, whrend man sich stellt, als msse man der heiligen Dreifaltigkeit das Leben retten.
Gutzkow hat in seiner Sphre mutig fr die Freiheit gekmpft; man mu doch die Wenigen,
welche noch aufrecht stehn und zu sprechen wagen, verstummen machen! brigens gehre
ich fr meine Person
keineswegs zu dem sogenannten
Jungen Deutschland
, der literarischen
Partei Gutzkows und Heines. Nur ein vlliges Mikennen unserer gesellschaftlichen Verhltnis-
se konnte die Leute glauben machen, da durch die Tagesliteratur eine vllige Umgestaltung
unserer religisen und gesellschaftlichen Ideen mglich sei. Auch teile ich
keineswegs ihre
Meinung ber die Ehe und das Christentum
, aber ich rgere mich doch, wenn Leute, die in der
Praxis tausendfltig mehr gesndigt, als diese in der
Theorie
, gleich moralische Gesichter ziehn
und den Stein auf ein jugendliches, tchtiges Talent werfen. Ich gehe meinen Weg fr mich
und bleibe auf dem Felde des Dramas, das mit all diesen Streitfragen nichts zu tun hat; ich
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zeichne meine Charaktere, wie ich sie der Natur und der Geschichte angemessen halte, und
lache ber die Leute, welche mich fr die Moralitt oder Immoralitt derselben verantwortlich
machen wollen. Ich habe darber meine eignen Gedanken. []
Ich komme vom Christkindlesmarkt, berall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit auf-
gerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor der Herrlichkeit aus Wasser und Mehl, Dreck
und Goldpapier standen. Der Gedanke, da fr die meisten Menschen auch die armseligsten
Gensse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter. []
53. An Gutzkow
[Straburg, Januar 1836.]
Mein Lieber!
Ich wei nicht ob bei der verdchtigen Adresse diese Zeilen in ihre Hnde gelangen werden.
Haben Sie den Brief von Boulet erhalten? Ich habe ihn nach Mannheim geschickt. Ich wagte
damals nicht einige Zeilen an Sie beizulegen. Ich hielt die Sache fr ernsthafter. Nach den Zei-
tungen mssen Sie bald frei sein. 4 Wochen. Das ist bald herum. Dann habe ich noch besonde-
re Nachrichten ber Sie aus Mannheim. Ihre Haft ist leicht. Sie drfen Besuche annehmen,
sogar ausgehen. Verhlt es sich so?
Haben Sie nicht
weiter zu frchten?
Geben Sie mir Auskunft so
bald, als mglich!
Die Frage ist
nicht mig. Glauben Sie, da man Sie frei lt, nach Verlauf der
bestimmten Frist?
Sie sitzen
im Amthaus, nicht wahr?
Sobald Sie frei sind, verlassen Sie Teutschland so schnell als mglich. Sie haben von Glck zu
sagen, da es so abzulaufen
scheint
. Es sollte mich wundern.
Im Fall Sie den Weg ber Straburg nehmen, so fragen Sie nach mir bei Herrn
Schroot
Gast-
wirt zum Rebstock. Ich erwarte Sie mit Ungeduld.
Ihr G.
54. An die Familie
Straburg, den 15. Mrz 1836.
[] Ich begreife nicht, da man gegen
Kchler
etwas in Hnden haben soll; ich dachte, er sei
mit nichts beschftigt, als seine Praxis und Kenntnisse zu erweitern. Wenn er auch nur kurze
Zeit sitzt, so ist doch wohl seine ganze Zukunft zerstrt: man setzt ihn vorlufig in Freiheit,
spricht ihn von der Instanz los, lt ihn versprechen, das Land nicht zu verlassen, und verbie-
tet ihm seine Praxis, was man nach den neusten Verfgungen kann. Als sicher und gewi
kann ich Euch sagen, da man vor Kurzem in Bayern zwei junge Leute, nachdem sie seit fat
vier Jahren
in strenger Haft gesessen, als
unschuldig
in Freiheit gesetzt hat! Auer
Kchler
sind noch drei Brger aus Gieen verhaftet worden. Zwei von ihnen haben ihr Geschft,
und der eine ist obendrein Familienvater. Auch hrten wir,
Max v. Biegeleben
sei verhaftet,
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mit ihr allein auf der Bhne. Nun intrigiert Methfessel gegen einen bekannten Schauspieler,
dessen Name mir entfallen ist. Der Schauspieler will sich rchen, er gewinnt den Maschinisten,
der Maschinist zieht an einem schnen Abend den Vorhang ein Viertelstndchen frher auf,
und der Herzog spielt mit Madame Methfessel die erste Szene. Er gert auer sich, zieht den
Degen und ersticht den Maschinisten; der Schauspieler hat sich geflchtet.
Ich kann euch versichern, da nicht das geringste politische Treiben unter den Flchtlingen
hier herrscht; die vielen und guten Examina, die hier gemacht werden, beweisen hinlnglich
das Gegenteil. brigens sind wir Flchtigen und Verhafteten gerade nicht die Unwissendsten,
Einfltigsten oder Liederlichsten! Ich sage nicht zuviel, da bis jetzt die besten Schler des
Gymnasiums und die fleiigsten und unterrichtetsten Studenten dies Schicksal getroffen hat,
die mitgerechnet, welche von Examen und Staatsdienst zurckgewiesen sind. Es ist doch im
Ganzen ein armseliges, junges Geschlecht, was eben in Darmstadt herumluft und sich ein
mtchen zu erkriechen sucht!
55. An Gutzkow
Straburg. [1836]
Lieber Freund!
War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich sa
im Gefngnis und im
langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Lnge, Breite und
Tiefe. Tag und Nacht ber der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld her-
genommen. Ich habe nmlich die fixe Idee, im nchsten Semester zu Zrich einen Kurs ber
die Entwicklung der deutschen Philosophie seit Cartesius zu lesen; dazu mu ich mein Diplom
haben und die Leute scheinen gar nicht geneigt, meinem lieben Sohn Danton den Doktorhut
aufzusetzen.
Was war da zu machen?
Sie sind in Frankfurt und unangefochten?
Es ist mir leid und doch wieder lieb, da Sie noch nicht im Rebstckel angeklopft haben. ber
den Stand der modernen Literatur in Deutschland wei ich so gut als nichts; nur einige ver-
sprengte Broschren, die, ich wei nicht wie, ber den Rhein gekommen, fielen mir in die Hn-
de.
Es zeigt sich in dem Kampfe gegen Sie eine
grndliche
Niedertrchtigkeit, eine recht
gesunde
Niedertrchtigkeit, ich begreife gar nicht, wie wir noch so natrlich sein knnen! Und Menzels
Hohn ber die politischen Narren in den deutschen Festungen und das von Leuten! mein
Gott, ich knnte Ihnen brigens erbauliche Geschichten erzhlen.
Es hat mich im Tiefsten emprt; meine armen Freunde! Glauben Sie nicht, da Menzel nch-
stens eine Professur in Mnchen erhlt?
brigens, um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht gerade den klgsten
Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittelst der
Idee
, von der
religiser Fanatismus.
lassen. Zu was soll ein Ding, wie diese, zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze
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Leben derselben besteht ja nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben.
Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann. []
56. An die Familie
Straburg, im Mai 1836.
[] Ich bin fest entschlossen, bis zum nchsten Herbste hier zu bleiben. Die letzten Vorflle in
Zrich geben mir einen Hauptgrund dazu. Ihr wit vielleicht, da man unter dem Vorwande,
die deutschen Flchtlinge beabsichtigten einen Einfall in Deutschland, Verhaftungen unter den-
selben vorgenommen hat. Das Nmliche geschah an anderen Punkten der Schweiz. Selbst hier
uerte die einfltige Geschichte ihre Wirkung, und es war ziemlich ungewi, ob wir hier blei-
ben drften, weil man wissen wollte, da wir (hchstens noch sieben bis acht an der Zahl) mit
bewaffneter Hand ber den Rhein gehen sollten! Doch hat sich Alles in Gte gemacht, und wir
haben keine weiteren Schwierigkeiten zu besorgen. Unsere hessische Regierung scheint unse-
rer zuweilen mit Liebe zu gedenken. []
Was an der ganzen Sache eigentlich ist, wei ich nicht; da ich jedoch wei, da die Mehrzahl
der Flchtlinge jeden diskreten revolutionren Versuch unter den jetzigen Verhltnisse fr Un-
sinn hlt, so konnte hchstens eine ganz unbedeutende, durch keine Erfahrung belehrte Min-
derzahl an dergleichen gedacht haben. Die Hauptrolle unter den Verschworenen soll ein gewis-
v. Eib
gespielt haben. Da dieses Individuum ein Agent des Bundestags sei, ist mehr
als wahrscheinlich; die Psse, welche die Zricher Polizei bei ihm fand, und der Umstand, da
er starke Summen von einem Frankfurter Handelshause bezog, sprechen auf das direkteste
dafr. Der Kerl soll ein ehemaliger Schuster sein, und dabei zieht er mit einer liederlichen Per-
son aus Mannheim herum, die er fr eine ungarische Grfin ausgibt. Er scheint wirklich einige
Esel unter den Flchtlingen bertlpelt zu haben. Die ganze Geschichte hatte keinen andern
Zweck, als, im Falle die Flchtlinge sich zu einem ffentlichen Schritt htten verleiten lassen,
dem Bundestag einen gegrndeten Vorwand zu geben, um auf die Ausweisung aller Refugis
aus der Schweiz zu dringen. brigens war dieser
v. Eib
schon frher verdchtig, und man war
schon mehrmals vor ihm gewarnt worden. Jedenfalls ist der Plan vereitelt und die Sache wird
fr die Mehrzahl der Flchtlinge ohne Folgen bleiben. Nichts destoweniger fnde ich es nicht
rtlich, im Augenblick nach Zrich zu gehen; unter solchen Umstnden hlt man sich besser
fern. Die Zricher Regierung ist natrlich eben etwas ngstlich und mitrauisch, und so knnte
man wohl unter den jetzigen Verhltnissen meinem Aufenthalte Schwierigkeiten machen. In
Zeit von bis drei Monaten ist dagegen die ganze Geschichte vergessen. []
57. An Eugen Boeckel
D. 1. Juni [1836]. Straburg.
Mein lieber Eugen!
Ich sitze noch hier, wie Du aus dem Datum siehst. "Sehr unvernnftig!" wirst Du sagen, und
ich sage: meinetwegen! Erst gestern ist meine Abhandlung vollstndig fertig geworden. Sie hat
sich viel weiter ausgedehnt, als ich Anfangs dachte und ich habe viel gute Zeit mit verloren;
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habe, so bleibt mir kein Heller mehr und schreiben habe ich die Zeit nichts knnen. Ich mu
eine Zeitlang vom lieben Kredit leben und sehen, wie ich mir in den nchsten 6-8 Wochen Rock
und Hosen aus meinen groen weien Papierbogen, die ich vollschmieren soll, schneiden wer-
de. Ich denke: "befiehl du deine Wege" und lasse mich nicht stren.
Habe ich lange geschwiegen? Doch du weit warum und verzeihst mir. Ich war wie ein Kranker
der eine ekelhafte Arznei so schnell als mglich mit einem Schluck nimmt, ich konnte nichts
weiter, als mir die fatale Arbeit vom Hals schaffen. Es ist mir unendlich wohl, seit ich das Ding
aus dem Haus habe. Ich denke den Sommer noch hier zu bleiben. Meine Mutter kommt im
Herbst. Jetzt nach Zrich, im Herbst wieder zurck, Zeit und Geld verlieren, das wre Unsinn.
Jedenfalls fange ich aber nchsten Wintersemester meinen Kurs an, auf den ich mich jetzt in
aller Gemchlichkeit fertig prpariere.
Du hast frohe Tage auf Deiner Reise, wie es scheint. Ich freue mich darber. Das Leben ist
berhaupt etwas recht Schnes und jedenfalls ist es nicht so langweilig, als wenn es noch ein-
mal so langweilig wre. Spute dich etwas im nchsten Herbst, komme zeitig, dann sehe ich
Dich noch hier. Hast du viel gelernt, unterwegs? Ist dir die Kranken und Leichenschau noch
nicht zur Last geworden? Ich meine eine Tour durch die Spitler von halb Europa mte einem
sehr melancholisch und die Tour durch die Hrsle unserer Professoren mte einem ganz w-
tend machen. 3 Dinge, die man brigens auch ohne die drei Touren sehr leicht werden kann
z.B. wenn es regnet und kalt ist, wie eben; wenn man Zahnweh hat, wie ich vor 8 Tagen, u.
wenn man einen vollen Winter und ein halbes Frhjahr nicht aus seinen 4 Wnden gekommen,
wie ich dies Jahr.
Du siehst ich stehe viel aus und ehe ich mir neulich meinen hohlen Zahn ausziehen lassen,
habe ich im vollstndigen Ernst berlegt, ob ich mich nicht lieber totschieen sollte, was jeden-
falls weniger schmerzhaft ist.
Baum seufzt jeden Tag, bekommt dabei einen ungeheuren Bauch und macht ein so selbstmr-
derisches Gesicht, da ich frchte, er will sich auf subtile Weise durch einen Schlagfu aus der
Welt schaffen. Er rgert sich dabei regelmig jeden Tag, seit ich ihn versichert habe, da r-
ger der Gesundheit sehr zutrglich sei. Das Fechten hat er eingestellt und ist dabei so entsetz-
lich faul, da er zum groen Verdru deines Bruders noch keinen von Deinen Auftrgen ausge-
richtet hat. Was ist mit dem Menschen anzufangen? Er mu Pfarrer werden, er zeigt die schn-
sten Dispositionen.
Die beiden Stber sitzen noch in Oberbrunn. Leider besttigt sich das Gercht hinsichtlich der
Frau Pfarrerin. Das arme Mdel hier ist ganz verlassen und unten sollen die Leute ber die
poetische Bedeutung des Ehebruchs philosophieren. Letztes glaube ich nicht, aber zweideutig
ist die Geschichte.
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58. An die Familie
Straburg im Juni 1836.
[] Es ist nicht im Entferntesten daran zu denken, da im Augenblick ein Staat das Asylrecht
aufgibt, weil ein solches Aufgeben ihn den Staaten gegenber, auf deren Verlangen es ge-
schieht, politisch annullieren wrde. Die Schweiz wrde durch einen solchen Schritt sich von
den liberalen Staaten, zu denen sie ihrer Verfassung nach natrlich gehrt, lossagen und sich
an die absoluten anschlieen, ein Verhltnis, woran unter den jetzigen politischen Konstellatio-
nen nicht zu denken ist. Da man aber Flchtlinge, welche die Sicherheit des Staates, der sie
aufgenommen, und das Verhltnis desselben zu den Nachbarstaaten kompromittieren, aus-
weist, ist ganz natrlich und hebt das Asylrecht nicht auf. Auch hat die Tagsatzung bereits ih-
ren Beschlu erlassen. Es werden
diejenigen Flchtlinge ausgewiesen, welche als Teilneh-
mer an dem
Savoyer Zuge schon frher waren ausgewiesen worden,
und diejenigen, welche
an den letzten Vorflle Teil genommen haben.
Dies ist
authentisch
. Die Mehrzahl der Flchtlin-
ge bleibt also ungefhrdet, und es bleibt Jedem unbenommen, sich in die Schweiz zu begeben.
Nur ist man in vielen Kantonen gezwungen, eine Kaution zu stellen, was sich aber seit lngerer
Zeit so verhlt. Meiner Reise nach Zrich steht also kein Hindernis im Weg. Ihr wit, da
unsere Regierung uns hier schikaniert, und da die Rede davon war, uns auszuweisen weil wir
mit den Narren in der Schweiz in Verbindung stnden. Der Prfekt wollte genaue Auskunft, wie
wir uns hier beschftigten. Ich gab dem Polizeikommissr mein Diplom als Mitglied der Societ
d'histoire naturelle nebst einem von den Professoren mir ausgestellten Zeugnisse. Der Prfekt
war damit
auerordentlich
zufrieden, und man sagte mir, da
ich namentlich
ganz ruhig sein
knne. []
59. An Wilhelm Bchner
Straburg, den 2. September 1836.
[] Ich bin ganz vergngt in mir selbst, ausgenommen, wenn wir Landregen oder Nordwest-
wind haben, wo ich freilich einer von denjenigen werde, die Abends vor dem Bettgehn, wenn
sie den einen Strumpf vom Fu haben, im Stande sind, sich an ihre Stubentr zu hngen, weil
es ihnen der Mhe zuviel ist, den anderen ebenfalls auszuziehen. [] Ich habe mich jetzt ganz
auf das Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie gelegt, und werde in Kurzem
nach
Zrich
gehen, um in meiner Eigenschaft als berflssiges Mitglied der Gesellschaft mei-
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61. An Brgermeister Hess
Straburg, d. 22. September 1836
Euer Wohlgeboren
werden, wie ich hoffe, einen Fremden entschuldigen, der sich die Freiheit nimmt in einer fr
ihn hchst wichtigen Angelegenheit Ihre Gte in Anspruch zu nehmen. Die politischen Verhlt-
nisse Teutschlands zwangen mich, mein Vaterland vor ungefhr anderthalb Jahren zu verlas-
sen. Ich hatte mich der akademischen Laufbahn bestimmt. Ein Ziel aufzugeben, auf dessen
Errichtung bisher alle meine Krfte gerichtet waren, konnte ich mich nicht entschlieen und so
setzte ich in Straburg meine Studien fort, in der Hoffnung in der Schweiz meine Wnsche rea-
lisieren zu knnen. Wirklich hatte ich vor Kurzem die Ehre von der philosophischen Fakultt zu
Zrich einmtig zum Doktor kreiert zu werden. Nach einem so gnstigen Urteile ber meine
wissenschaftliche Befhigung konnte ich wohl hoffen auch als Privatdozent von der Zricher
Universitt angenommen zu werden und im gnstigen Fall, im nchsten Semester meine Vor-
lesungen beginnen zu knnen. Ich suchte daher bei den hiesigen Behrden um einen Pa
nach. Diese erklrten mir jedoch, es sei ihnen durch das Ministerium des Inneren auf Ansuchen
der Schweiz, untersagt einem Flchtling einen Pa auszustellen, der nicht von einer Schwei-
zerbehrde die schriftliche Autorisation zum Aufenthalt in ihrem Bezirk vorweisen knne. In
dieser Verlegenheit nun wende ich mich an Sie, hochgeehrter Herr, als die oberste Magistrats-
person Zrichs, mit der Bitte um den von die hiesigen Behrden verlangte Autoristation. Das
beiliegende Zeugnis kann beweisen, da ich seit der Entfernung aus meinem Vaterlande allen
politischen Umtrieben fremd geblieben bin und somit nicht unter die Kategorie derjenigen
Flchtlinge gehre, gegen welche die Schweiz und Frankreich neuerdings die bekannten Ma-
regeln ergriffen haben. ich glaube daher auf die Erfllung einer Bitte zhlen zu drfen, deren
Verweigerung die Vernichtung meines ganzen Lebensplanes zur Folge haben wrde.
Sollten Euer Wohlgeboren gesonnen sein, mich mit einer Antwort auf dies Gesuch zu beehren,
so bitte ich dieselbe unter der Adresse: Dr. Bchner bei Herrn Weinhndler Siegfried an der
Douane zu Straburg, an mich gelangen zu lassen.
Mit der grten Hochachtung
Ihr ergebenster
Dr. Bchner.
[Beilage: Zeugnis der Straburger Polizei]
Il est certifi que
Monsieur George Bchner, Docteur en Philosophie, ag des 23 ans, natif de Darmstadt, est
inscrit sur nos registres rue de la Doune No 18, comme demeurant en cette ville depuis dixhuit
mois jusqu' ce jour sans interruption; et que pendant ce laps de temps, sa conduite, tant
sous le rapport politique que moral, n'a donn lieu aucune plainte.
En foi de quoi le prsent
Strasbourg 21. Sept. 1836
Pfister.
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62. An das Prsidium des Erziehungsrates von Zrich
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63. An die Familie
Zrich, den 26. Oktober 1836.
[] Wie es mit dem Streite der Schweiz mit Frankreich gehen wird, wei der Himmel. Doch
hrte ich neulich Jemand sagen: "die Schweiz wird einen kleinen Knicks machen, und Frank-
reich wird sagen, es sei ein groer gewesen." Ich glaube, da er Recht hat. []
64. An die Familie
Zrich, den 20. November 1836.
[] Was das politische Treiben anlangt, so knnt Ihr ganz ruhig sein. Lat euch nur nicht durch
die Ammenmrchen in unseren Zeitungen stren. Die Schweiz ist eine Republik, und weil die
Leute sich gewhnlich nicht anders zu helfen wissen, als da sie sagen, jede Republik sei un-
mglich, so erzhlen sie den guten Deutschen jeden Tag von Anarchie, Mord und Totschlag.
Ihr werdet berrascht sein, wenn ihr mich besucht; schon unterwegs berall freundliche Drfer
mit schnen Husern, und dann, je mehr Ihr Euch Zrich nhert und gar am See hin, ein
durchgreifender Wohlstand; Drfer und Stdtchen haben ein Aussehen, wovon man bei uns
keinen Begriff hat. Die Straen laufen hier nicht voll Soldaten, Akzessisten und faulen Staats-
dienern, man riskiert nicht von einer adligen Kutsche berfahren zu werden; dafr berall ein
gesundes, krftiges Volk, und um wenig Geld eine einfache, gute, rein
republikanische
Regie-
rung, die sich durch eine
Vermgenssteuer
erhlt, eine Art Steuer, die man bei uns berall als
den Gipfel der Anarchie ausschreien wrde. []
Minnigerode ist tot, wie man mir schreibt, das heit, er ist drei Jahre lang tot geqult worden.
Drei Jahre! Die franzsische Blutmnner brachten einen doch in ein paar Stunden um, das Ur-
teil und dann die Guillotine! Aber drei Jahre! Wir haben eine gar menschliche Regierung, sie
kann kein Blut sehen. Und so sitzen noch an vierzig Menschen, und das ist keine Anarchie, das
ist Ordnung und Recht, und die Herren fhlen sich emprt, wenn sie an die anarchische
Schweiz denken! Bei Gott, die Leute nehmen ein groes Kapital auf, das ihnen einmal mit
schweren Zinsen kann abgetragen werden, mit sehr schweren. []
65. An Wilhelm Bchner
Zrich, Ende November 1836.
[] Ich sitze am Tage mit dem Skalpell und die Nacht mit den Bchern. []
66. An die Braut
[Zrich] 13. Januar 1837.
Mein lieb Kind! [] Ich zhle die Wochen bis zu Ostern an den Fingern. Es wird immer der. So
im Anfange ging's: neue Umgebungen, Menschen, Verhltnisse, Beschftigungen aber jetzt,
da ich an Alles gwhnt bin, Alles mit Regelmigkeit vor sich geht, man vergit sich nicht
mehr. Das Beste ist, meine Phantasie ist ttig, und die mechanische Beschftigung des Prpa-
rierens lt ihr Raum. Ich sehe dich immer so halb durch zwischen Fischschwnzen, Froschze-
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hen u.s.w. Ist das nicht rhrender, als die Geschichte von Ablard, wie sich ihm Heloise immer
zwischen die Lippen und das Gebet drngt? O, ich werde jeden Tag poetischer, alle meine Ge-
danken schwimmen in Spiritus. Gott sei Dank, ich trume wieder viel Nachts, mein Schlaf ist
nicht mehr so schwer. []
67. An die Braut
[Zrich] 20. Januar [1837.]
[] Ich habe mich verkltet und im Bett gelegen. Aber jetzt ist's besser. Wenn man so ein we-
nig unwohl ist, hat man ein so gro Gelsten nach Faulheit; aber das Mhlrad dreht sich als
fort ohne ohne Rast und Ruh. [] Heute und gestern gnne ich mir jedoch ein wenig Ruhe und
lese nicht; morgen geht's wieder im alten Trab, du glaubst nicht, wie regelmig und ordent-
lich. Ich gehe fast so richtig, wie eine Schwarzwlder Uhr. Doch ist's gut: auf all das aufgereg-
te, geistige Leben Ruhe, und dabei die Freude am Schaffen meiner poetischen Produkte. Der
arme Shakespeare war Schreiber den Tag ber und mute nachts dichten, und ich, der ich
nicht wert bin, ihm die Schuhriemen zu lsen, hab's weit besser. [] Lernst Du bis Ostern
die
Volkslieder
singen, wenn's Dich nicht angreift? Man hrt hier keine Stimme; das
Volk
singt
nicht, und Du weit, wie ich die Frauenzimmer lieb habe, die in einer Soiree oder einem Kon-
zerte einige Tne totschreien oder winseln. Ich komme dem Volk und dem Mittelalter immer
nher, jeden Tag wird mir's heller und gelt, du singst die Lieder? Ich bekomme halb das
Heimweh, wenn ich mir eine Melodie summe. [] Jeden Abend sitz' ich eine oder zwei Stunden
im Kasino; Du kennst meine Vorliebe fr schne Sle, Lichter und Menschen um mich. []
68. An die Braut
[Zrich] 27. Januar [1837.]
Mein lieb Kind, Du bist voll zrtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube
gar, Du stirbst aber
ich
habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je. Ich glaube, die
Furcht vor der Pflege hier hat mich gesund gemacht; in Straburg wre es ganz angenehm
gewesen, und ich htte mich mit dem grten Behagen in's Bett gelegt, vierzehn Tage lang,
rue St. Guillaume Nro. 66, links eine Treppe hoch, in einem etwas berzwergen Zimmer, mit
grner Tapete! Htt' ich dort umsonst geklingelt? Es ist mir heute einigermaen innerlich wohl,
ich zehre noch von gestern, die Sonne war gro und warm im reinsten Himmel und dazu
hab' ich meine Laterne gelscht und einen edlen Menschen an die Brust gedrckt, nmlich ei-
nen kleinen Wirt, der aussieht, wie ein betrunkenes Kaninchen, und mir in seinem prchtigen
Hause vor der Stadt ein groes elegantes Zimmer vermietet hat. Edler Mensch! Das Haus steht
nicht weit vom See, vor meinen Fenstern die Wasserflche und von allen Seiten die Alpen, wie
sonnenglnzendes Gewlk. Du kommst bald? mit dem Jugendmut ist's fort, ich bekomme
sonst graue Haare, ich mu mich bald wieder an Deiner inneren Glckseligkeit strken und
Deiner gttlichen Unbefangenheit und Deinem lieben Leichtsinn und all Deinen bsen Eigen-
schaften, bse Mdchen. Adio piccola mia!
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69. An die Braut
[Zrich, 1837.]
[ Ich werde] in lngstens acht Tagen Leonce und Lena mit noch zwei anderen Dramen er-
scheinen lassen. []
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Anmerkungen
Bchners Briefwerk ist nur bruchstckhaft berliefert, viele Briefe liegen nicht mehr im Original
vor. So hat z.B. Wilhelmine Jaegl die meisten der an sie gerichteten Briefe nach dem Tod
Bchners vernichtet. Ein weiterer groer Teil ging bei einem Archivbrand in den 1850er Jahren
verloren.
Die heutigen Ausgaben sttzen sich deshalb vor allem auf den ersten Herausgeber des Brief-
werks, Bchners Bruder Ludwig (1850). Dessen Bestreben war jedoch nicht eine lckenlose
Werk werden sichtbar. Wie bei kaum einem anderen Schriftsteller sind politisches Engagement
und literarisches Schaffen miteinander verwoben. Dies zeigt sich sowohl im Inhaltlichen als
auch im Formalen. In den Briefen finden sich Formulierungen, die auch Eingang in die Stcke
gefunden haben.
In diesem Dokument sind noch nicht die beiden neu entdeckten Briefe an den Schwager Edu-
ard Reu aufgenommen, die erstmals bei
Hauschild
verffentlicht und kommentiert wurden.

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