Benson, Ann — Die brennende Gasse

Ann Benson Die brennende Gasse scanned 05-2005/V1 corrected by me Frankreich im 14. Jahrhundert. Einst wagte der jüdische Arzt Alejandro Canches im Kampf gegen die Pest ein Sakrileg: eine Autopsie. Nun ist er schon seit Jahren mit seiner Adoptivtochter Kate auf der Flucht – vor den Häschern der Inquisition und den Spionen des englischen Königshauses. Siebenhundert Jahre später. Janie Crowe, Ärztin aus Berufung, entdeckt eine seltene Krankheit. Noch ahnt sie nicht, daß ihr Forscherdrang sie in einen tödlichen Strudel reißt, aus dem nur Alejandros Aufzeichnungen sie retten können. ISBN: 3-7645-0076-X Original: The Burning Road Ins Deutsche übertragen von Elke vom Scheldt Verlag: Blanvalet Erscheinungsjahr: 1. Auflage 1999 Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! Buch Einst wagte der jüdische Arzt Alejandro Canches im Kampf gegen die Pest ein Sakrileg: eine Autopsie. Seither befindet er sich mit seiner Adoptivtochter Kate auf der Flucht durch das von Kriegen, Hunger und Seuchen geplagte Frankreich, gejagt von den Häschern der Inquisition. Sein einziger Besitz ist ein kostbares, in Leder gebundenes Buch mit medizinischen Aufzeichnungen. Als Alejandro in Paris seinem alten Lehrer de Chauliac begegnet, scheint sein Schicksal besiegelt. Denn nicht nur Rachedurst und patriotischer Eifer treiben de Chauliac, sondern auch die Gier nach dem Wissen des großen jüdischen Heilers. Kein Preis ist ihm zu hoch, um in den Besitz des Folianten zu gelangen … Siebenhundert Jahre später gerät die amerikanische Ärztin Janie Crowe wieder einmal in größte Schwierigkeiten. Schon einmal haben Wissensdurst und Forscherdrang sie um ihre Zulassung gebracht. Und auch jetzt macht sie sich gefährliche Feinde, als sie ohne Genehmigung an einer scheinbar unerklärlichen Krankheit forscht. Ihr einziges Hilfsmittel ist ein uralter Foliant mit den Lehren eines jüdischen Arztes aus dem Mittelalter, der vor Jahren durch Zufall in ihre Hände gelangte. Bald wird Janie bedroht, erpreßt und terrorisiert. Wie es scheint, ist sie einer Verschwörung auf der Spur, die den Fortbestand der Menschheit bedrohen könnte … Autor Ann Benson war bereits eine erfolgreiche Sachbuchautorin, als sie beschloß, endlich ihre Begeisterung für Wissenschaft und mittelalterliche Geschichte in einen großen Roman einzubringen. » Die siebte Geißel « war bei Lesern und Kritikern gleichermaßen ein riesiger Überraschungserfolg. Ann Benson, die ausgebildete Musikerin ist, lebt mit ihrer Familie in Amherst, Massachussetts, und arbeitet an ihrem nächsten Roman. 692 KAPITEL 1 1 358 W ann hatte Alejandro Canches die Sprache auf dem Papyrus, der vor im lag, zuletzt gelesen? Er war so schläfrig, daß es ihm nicht einfiel. In Spanien, dachte er; nein, in Frankreich, als ich mich das erste Mal hier aufhielt. Ach ja, erinnerte er sich, natürlich, in England, der Brief von meinem Vater, den ich in meinem Tagebuch zurücklassen mußte, als wir flohen. Er war bemüht, sich dieser Zeit zu entsinnen, den Schleier der Jahre wegzuschieben; denn unter der bitteren Weisheit des reifen Mannes schlummerte der süße Eifer des einstigen Knaben, der diese Sprache bei Kerzenlicht studiert hatte, von seiner Familie aufmerksam beobachtet. Die Aufgabe machte ihm damals Freude, während andere Jungen seines Alters sich beschwerten. Was nutzt all das Studieren? wiederholten sie verdrießlich. Bald sind wir sowieso alle gezwungen, wieder eine andere Sprache zu erlernen. Falls wir nicht vorher umgebracht werden, habe ich damals gedacht, erinnerte er sich jetzt. Die erste Seite hatte er beendet, die Symbole entziffert, die Worte endlich offenbart. Er empfand wieder den Stolz jenes kleinen Jungen, den Hunger nach Lob, der niemals wich. In der Tiefe seiner unsterblichen Seele sehnte er sich schmerzlich danach, weiter zu übersetzen; aber sein sterblicher Körper schien entschlossen, ihm dieses Glück zu verweigern. Würde er später in einer kalten Lache seines eigenen Speichels erwachen, die Buchstaben unter seiner Wange verschmiert und ruiniert? Oder würde die Kerze herunterbrennen, während er mit dem Kinn auf der Brust vor sich hin schnarchte, und ihr Wachs auf die Blätter tropfen lassen? Beides durfte nicht geschehen. Vorsichtig blätterte er die Papyrusseiten zurück und überflog noch einmal, was er übersetzt hatte. Die Symbole, mit unglaublicher Präzision in reinstem Gold aufgetragen, verliefen auf der Seite von rechts nach links. ABRAHAM der Jude, Prinz, Priester, Levit, Astrologe und Philosoph, wünscht dem Volk der Juden, vom Zorne Gottes im Land der Gallier zerstreut, Gesundheit. Diese Seiten bargen laut dem Apotheker große Geheimnisse. Nur weil er sich in einer verzweifelten Lage befand, hatte es ferner geheißen, dachte er überhaupt daran, sich von einem solchen Schatz zu trennen. Und so hatte die junge Frau, die Alejandro Canches als ihren père, ihren Vater, bezeichnete, in der Apotheke aus der Tasche ihres Rocks die Goldmünze herausgeholt; auf Alejandros Geheiß mußte sie sie immer bei sich tragen, für den Fall, daß sie irgendwie getrennt würden, und nun tauschte sie sie kühn gegen das Buch ein. Alejandro hatte das Mädchen ausgeschickt, um Kräuter zu holen, und sie war mit Blättern anderer Art zurückgekehrt – im vollen Bewußtsein, was sie ihm bedeuten würden. Er schaute sich in der dunklen Hütte um, die gegenwärtig ihre Wohnstatt darstellte, und lächelte, als er ihre schlafende Gestalt sah. » Ich habe dich also gut unterrichtet «, flüsterte er. Stroh raschelte, als die junge Frau sich bewegte. Ihre sanfte Stimme kam aus dem Finstern, liebevoll, aber auch tadelnd. » Père? Seid Ihr noch wach? « » Ja, mein Kind «, sagte er, » dein Buch will mich nicht loslassen. « » Ich bin kein Kind mehr, Père. Ihr müßt mich bei meinem Namen oder › Tochter ‹ nennen, wenn es Euch gefällt. Aber nicht › Kind ‹. Und es ist Euer Buch – aber ich bedaure allmählich, daß ich es für Euch gekauft habe. Ihr müßt jetzt zu Bett gehen und Euren Augen etwas Frieden gönnen. « » Meinen Augen mangelt es nicht an Frieden. Sie haben viel zuviel davon. Jetzt hungern sie nach den Worten auf diesen Seiten. Und du darfst diesen Kauf nie bereuen! « Sie stützte sich auf einen Ellbogen und rieb sich energisch die Schläfen. » Das werde ich aber, wenn Ihr Eurer eigenen Warnung nicht folgt, daß Überanstrengung die Augen ruiniert. « Er spähte durch das Halbdunkel nach der jungen Frau, die unter seiner Obhut so schön und gediegen war, so gerade und stark und hell. An Gesicht und Händen trug sie noch schwache Spuren von Kindlichkeit; aber auch die würden bald dahinschmelzen, da s w ußte er, zusammen mit ihrer Unschuld. Doch noch glänzte der rosige Schimmer des jungen Mädchens auf ihren Wangen, und Alejandro wünschte sich im stillen, es möge ihr ein wenig Aufschub vergönnt sein. Sie wird bald Frau, gestand er sich ein. Dieser Gedanke war von einem vertrauten Gefühl begleitet, das er noch nicht befriedigend definieren konnte – wenn er auch oft meinte, » hilflose Freude « sei die zutreffendste Beschreibung dafür, die er je finden würde. Die hilflose Freude wohnte in seinem Herzen, seit er sich vor zehn Jahren plötzlich gezwungen sah, dieses Kind großzuziehen; inzwischen war sie gewachsen, als er feststellte, daß er trotz seiner beträchtlichen Gelehrsamkeit nicht besser auf diese Aufgabe vorbereitet war als ein ungebildeter Mensch. Obwohl manch einer einfach zu wissen schien, was und wann zu tun war, gehörte er selbst nicht zu denen, die ein Kind mit angeborenem Instinkt behandelten. Er hielt es für einen grausamen Streich Gottes, daß der schwarze Tod so viele Mütter dahinraffte – zusammen mit den Ärzten hatten sie sich abgemüht, ihren sterbenden Ehemännern und Kindern beizustehen; zuletzt waren sie dann wegen ihrer Nähe zu den Kranken in schrecklich großer Zahl selbst gestorben. Das Sterben von Müttern und Ärzten tat Alejandro in der Seele weh; doch was die Priester betraf, wünschte er sich beinahe, die Pest hätte mehr von ihnen dahingerafft. Die Überlebenden aus ihren Reihen waren diejenigen, die sich zu ihrem eigenen Schutz von der Welt abgesondert hatten, während ihre Brüder im Dienst am Nächsten umkamen. Er betrachtete diese Heuchler unter den Klerikalen als einen abgrundtief niederträchtigen Haufen. Alejandro hatte das Mädchen nach besten Kräften allein großgezogen, ohne Ehefrau; denn er wollte die Erinnerung an die Frau, die er in England geliebt hatte, nicht durch eine reine Zweckheirat besudeln. Und Kate fiel es nicht ein, sich über die fehlende Mutter zu beklagen. Sie hatte die Schwelle der Weiblichkeit mit ungewöhnlicher Anmut erreicht und schickte sich nun an, sie zu überschreiten. Als mutterloses Mündel eines jüdischen Renegaten war sie durch irgendein unerhörtes Wunder zu einem anbetungswürdigen Geschöpf herangewachsen. Und dieses liebliche Wesen sprach jetzt: » Père, ich bitte Euch, folgt Eurer eigenen Weisheit. Legt Euch schlafen. Sonst werde ic h d as Lesen für Euch übernehmen müssen, wenn Ihr ein alter Man n s eid. « Das zauberte ein Lächeln auf seine Lippen. » Möge Gott in Seiner Weisheit dafür sorgen, daß ich das dann auch noch erleben darf. Und du bei mir weilst. « Sorgfältig schloß er die Handschrift. » Aber du hast recht. Ich sollte mich ausruhen. Auf einmal kommt mir das Stroh schrecklich einladend vor. « Es klopfte an der Tür. Beide wandten sich gleichzeitig nach dem ungewöhnlichen Geräusch um, und Kates Stimme in der Dunkelheit war ein erschrockenes Wispern: » Père? Wer … « » Psst, Kind … sei still «, hauchte er zurück. Erstarrt saß er auf seinem Stuhl. Das Licht der Kerze flackerte jedoch weiter. Wieder klopfte es, und dann ertönte die kräftige Stimme eines Mannes. » Ich bitte Euch, ich brauche jemand, der heilkundig ist … der Apotheker hat mich geschickt. « Alejandro warf Kate, die zitternd auf ihrem Strohlager saß und sich die wollene Decke schützend bis zum Hals hochgezogen hatte, einen furchtsamen Blick zu. Er beugte sich in ihre Richtung: » Woher weiß er, daß ich ein Heiler bin? « » Vielleicht denkt er, daß ich die Heilerin bin! « » Was? Was ist denn das für ein Unsinn? « » Irgend etwas mußte ich dem Apotheker doch sagen, Père « , flüsterte sie zurück, und ihre Stimme klang fast verzweifelt. » Der Mann war ungeheuer neugierig und wollte gar nicht aufhören mit Fragen! Übrigens ist es kein Unsinn. Ihr selbst habt mich in den Heilkünsten unterwiesen. Um ihn zufriedenzustellen, habe ich ihm gesagt, daß ich … « » Hebamme! « kam die drängende Bitte von der anderen Seite der Tür. » Bitte, ich flehe Euch an, öffnet die Tür! Eure Hilfe wird nötig gebraucht! « Am liebsten hätte Alejandro ihr einen väterlich konsternierten Blick zugeworfen, ihr mit dem erhobenen Finger gedroht, niemals wieder dürfe sie so viel von sich geben. Aber ein Fremder stand vor der Tür. » Warum hast du mir das nicht früher erzählt? « fragte er unterdrückt. Sie beeilte sich, es ihm zu erklären. » Es schien nicht notwendig, Père – als der Apotheker fragte, warum ich die Kräuter habe n w ollte, nach denen Ihr mich geschickt hattet, stellte ich mich als Schülerin der Heilkünste vor! Das war der Grund, warum er mir das Buch zeigte. Ich schwöre, von Euch habe ich nichts gesagt. « Er sah Angst in ihren Augen und begriff, daß sie sich vor ihm fürchtete. Das war eine beklagenswerte Erkenntnis, die ihn mit Scham erfüllte. Sie hatte versucht, ihn vor Entdeckung zu schützen und mit der Gabe des Buches zu erfreuen. Sein Zorn verrauchte. » Nun gut. Was geschehen ist, ist geschehen «, meinte er resigniert. » Jetzt muß ich mir überlegen, wie ich antworte. « Kate warf die Decke ab und stand von ihrem Lager auf. Sie zitterte in ihrem dünnen Hemd. Im Dunkeln fand sie ihr Umschlagtuch und legte es sich eng um die Schultern. » Warum überhaupt etwas tun? « flüsterte sie. » Warum ihn nicht einfach ignorieren – die Tür ist stark genug. Schließlich wird er aufgeben und weggehen. « Wieder ertönte ein Klopfen, noch dringlicher. Sie lehnten sich ganz eng zusammen. » Wo soll er denn hin, wenn er verfolgt wird? « » Dann müssen wir ihm öffnen und ihn abweisen! « antwortete sie kaum hörbar. » Und wenn er nicht so leicht abzuschrecken ist? « » Ich werde ihm mitteilen, daß ich nicht helfen kann. Sicherlich wird er nicht endlos darauf beharren. « Das Klopfen wurde noch lauter, die Stimme flehte dringend. » Hebamme – ich bitte Euch, öffnet mir! Ich will Euch nichts antun … es geht um Euer Erbarmen! « » Einen Moment, Herr! « rief Kate zurück. Nachdem sie sich dergestalt bemerkbar gemacht hatte, gab es keine Möglichkeit mehr für irgendwelche Täuschungen. Sie ignorierte den erstaunten Ausdruck auf Alejandros Miene. » Er spricht wie ein gebildeter Mann, kann also kein Rohling sein. « » Das ist keine Garantie dafür, daß er uns keinen Schaden zufügen wird – oder uns verraten. Ein Bauer weiß wahr scheinlich nicht, daß wir gesucht werden. Aber ein gebildeter Mann könnte es wissen. « Sie sprachen hastig und voller Panik. » Aber warum dann diese List – warum uns nicht einfach ergreifen ohne lange Umstände? « Eine Verletzung – Arbeit für seine Hände! Gegen sein besseres Wissen stiegen alle heilenden Instinkte des Arztes in Alejandro auf. In letzter Zeit schienen seine Hände vor Sehnsucht nach dem Werk des Heilens häufig zu zittern. Und es bestand durchaus die Möglichkeit, daß der Mann wirklich Hilfe brauchte. Bei diesem Gedanken begann Alejandros Herz beinahe zu singen. Er nickte in Richtung Tür und flüsterte: » Möge Gott geben, daß wir dies nicht bereuen werden. « Weiteres Klopfen, erneut der flehende Ruf: » Hebamme! « » Legt Euch auf Euer Lager, Père « , drängte Kate, » und zeigt Euch nicht gleich. Laßt mich der Sache nachgehen. « » Ich kann nicht zulassen, daß du diesem Mann allein gegenübertrittst … « » Seid ruhig, ich bitte Euch inständig! Er rechnet mit einer Hebamme, und wir werden ihm eine solche präsentieren. Tut so, als wärt Ihr krank – wenn ich Eure Hilfe oder Euren Rat brauche, werde ich sagen, daß ich nach Euch sehen muß. Dann knie ich mich neben Euch nieder, und wir können miteinander flüstern, ohne daß er uns versteht. « » Nun gut «, antwortete er leise. » Seit wann bist du so tapfer und schlau? « Er drückte sie für ein paar Augenblicke an sich, spürte ihre kostbare Wärme und sehnte sich schmerzlich nach dem kleinen Mädchen von einst. » Möge Gott uns beschützen. « Widerstrebend ging er zu seinem Bett. W as sie im flackernden Licht der erhobenen Kerze anstarrte, war nicht der Teufel, den sie erwartet hatte, sondern das erschöpfte Gesicht eines Mannes, den sie noch nie gesehen hatte, weder in dem nahen Dorf Meaux noch bei ihren letzten Touren nördlich von Paris. Kate war sicher, daß sie sich an so auffallende Züge erinnert hätte – aber es handelte sich um einen Unbekannten. Die Silhouette des überraschenden Besuchers füllte den Türrahmen, und sie konnte sein Bedürfnis einzutreten spüren; aber standhaft versperrte sie ihm mit wundersamem Mut den Weg. Ein Blick im Kerzenschein sagte ihr, daß der Mann jünger war als Père, aber älter als sie selbst. Er besaß intelligente, wachsame Augen und eine hohe Stirn. Und obwohl seine Kleidung nicht ärmlich wirkte, war sie unordentlich und schmutzig, ebenso wie sein Haar. Das mußte ein Handgemenge bewirkt haben. Sie erwiderte seinen unnachgiebigen Blick ebenso entschlossen. » Herr, der Apotheker hat meine Fähigkeiten übertrieben, und ich kann nicht … « Aber er ließ sich nicht abweisen und stieß sie beiseite. Auf der Trage zwischen zwei Stangen, die er über die Schwelle zerrte, lagen zwei Gestalten – eine schwere Bürde selbst für einen Herkules. » Helft mir mit diesen Verwundeten! « befahl er. Sie ignorierte seine Forderung und ließ ihn nicht aus den Augen, als er sich über seine Gefährten beugte, von denen einer zu stöhnen und sich zu winden begann. » Karle … «, rief der verwundete Soldat in seinem Schmerz. » Hilf mir, Karle … ich schaffe es sonst nicht! « Der Fremde winkte gebieterisch mit der Hand. » Bringt das Licht – hier kann man ja gar nichts sehen! « Kate hielt mit einer Hand ihre Kerze hoch, während der Fremde die Decke wegzog, die beide Männer bedeckte, und als sie das Entsetzliche darunter entdeckte, schickte sie ein verzweifeltes Stoßgebet zum Himmel. Beide Männer trugen zerrissene, schmutzige wollene Kleider, die blutgetränkt waren. Auf den ersten Blick konnte sie nicht sagen, ob beide bluteten oder nur einer, und von wem das Blut stammte. » Lieber Gott im Himmel «, rief sie, » hat es eine Schlacht gegeben? « Und dann, mit tieferer Angst in der Stimme, schaute sie den Mann namens Karle entsetzt an und fragte: » Sind Engländer in der Nähe? « Der Fremde meinte mit einem argwöhnischen Blick: » Hebamme – ich schwöre, Ihr seid zu jung, um diesen Titel zu tragen – , es waren nicht die englischen Hunde, die den guten Zweien hier das angetan haben, sondern die Streitkräfte von Charles von Navarra, ebenfalls Franzosen! « Während Erleichterung sie durchströmte, hörte Kate, wie Alejandro von seinem Strohlager leise ihren Namen rief. Der Fremde Karle drehte seinen Kopf rasch dorthin, woher der Ruf kam. Seine Hand fuhr sofort an ein Messer, das er am Gürtel trug. » Das ist mein Vater «, erklärte sie rasch. » Er hat eine schwere Krankheit! « Und ehe Karle protestieren konnte, eilte sie an Alejandros Seite und kniete neben ihm nieder. » Sei vorsichtig «, flüsterte Alejandro, » das ist gefährlich … « » Was soll ich tun? Er sagt, daß keine Engländer hier sind. « » Wir können nicht wissen, was Edwards Agenten alles treiben. « Einer der Verletzten begann zu jammern. Kate drehte sich um, um zu ihm zurückzukehren, aber Alejandro faßte sie an ihrem Umschlagtuch und hielt sie fest. » Warte! « gab er leise Anweisung. » Tu nichts, sondern beobachte ihn vorläufig. « » Hebamme! « rief Karle. » Was hält Euch auf? Ihr müßt sofort kommen! « Sie wandte sich ihm zu und zeigte auf den Liegenden: » Mein Vater … « Doch die Schreie der Verwundeten – ihre Schmerzen, das quälende Wissen, daß sie von den Schwertern ihrer eigenen Landsleute gefällt worden waren – übertönten ihre Worte. Schließlich konnte Alejandro es nicht mehr ertragen. Unter gemurmelten Flüchen warf er seine Decke ab und erhob sich von seinem Lager. Er ging direkt auf die beiden Leidenden zu und bückte sich zu ihnen nieder. » Leuchte mir! « sagte er. Kate hielt die Kerze so, daß ihr Schein dahin fiel, wo er ihn brauchte. Karle starrte er auf den Arzt und dann auf die Tochter. » Ihr untertreibt Eure Fähigkeiten «, knurrte er. » Bei Eurem leidenden Vater habt Ihr anscheinend ein Wunder vollbracht, Hebamme! « Den Titel sprach er mit unverhohlener Verachtung aus. » Aber vielleicht sollte ich diesen Herren so anreden und nicht Euch. « Alejandro unterbrach die Untersuchung der stöhnenden Krieger und stand abrupt auf. Er streckte eine blutige Hand aus, und da Kate ihm jahrelang assistiert hatte, wußte sie, daß ihr père ein Tuch wollte. Sie reichte ihm eines, er wischte sich das Blut von den Händen und stellte sich dicht vor dem Jüngeren auf. » Redet mich an, wie Ihr wollt «, warnte er ihn, » aber sprecht nicht in diesem Ton mit meiner Tochter! « Sie maßen einander mit kämpferischen Blicken. Keiner schien die Oberhand über den anderen zu gewinnen, doch schließlich lenkte der ungebetene Gast ein. » Ich wollte nicht respektlos sein «, sagte Guillaume Karle, » weder zu Euch noch zu ihr. Und ich habe auch nicht die Absicht, einem von Euch Schaden zuzufügen. Genaugenommen hatte ich nur eine Hebamme erwartet. Eure Lebensumstände interessieren mich nicht. Ich darf mich nicht sehen lassen, denn hier in der Gegend kennt mich jeder, und wie Ihr merkt, hat die Nacht – Schwierigkeiten gebracht. « Er wies auf seine verwundeten Kameraden. » Für alles werde ich dankbar sein, wenn Ihr oder Eur e T ochter Euch um diese beiden kümmert. « Er schluckte schwer. » Jetzt, da Ihr sie gesehen habt «, führt er fort, » was meint Ihr? « Alejandros abwehrende Haltung lockerte sich ein wenig. Er legte das blutige Tuch auf den Tisch, nahm Karle beim Ellbogen und führte ihn außer Hörweite der Getroffenen. » Einer wird durchkommen; ich werde ihm den Arm abnehmen müssen, aber das kann er überleben. « » Ihr besitzt die Fähigkeit, das zu tun? « Alejandro nickte langsam und müde. » Ich bin Arzt. « Der Blick, den Karle ihm zuwarf, verriet echte Hochachtung. » Dann habt Ihr Euch gut versteckt, mein Herr! Es heißt, hier in der Gegend gäbe es keine Ärzte. « » Nicht gut genug, denke ich, da Ihr mich leider gefunden habt. Aber wenn Ihr mich nicht gefunden hättet, hättet Ihr auch die Kraft gefunden, den Arm selbst abzunehmen – in einem Notfall – glaubt mir – ist das möglich. « Karles Miene verriet Zweifel. » Ich kann nicht sagen, ob ich die Kraft dazu in mir gefunden hätte. Was ist mit dem anderen? « Alejandro seufzte und schüttelte langsam den Kopf. » Seid Ihr ein barmherziger Mensch? « fragte er. Als sei er beleidigt, reckte Karle das Kinn und sagte: » Nur zu sehr. « » Dann müßt Ihr dem anderen Eure Gunst erweisen, indem Ihr ihn schnell erlöst. Er wird nicht länger überleben als ein paar Stunden, und die werden qualvoll sein, das versichere ich Euch. Ich habe genug Laudanum, um den ruhigzustellen, dessen Arm abgenommen werden muß вЂ“ aber nicht genug, um die Schmerzen des anderen zu lindern. Denen ist am besten mit einem scharfen Schwert ein Ende zu bereiten. « Karle schaute voller Schrecken über Alejandros Schulter nach seinen beiden Kriegern; Kate tat ihr Bestes, wischte ihnen sanft den Schweiß von der Stirn und säuberte ihre Gesichter mit kühlem Wasser. » Habt Ihr kein Gift? « erkundigte er sich flehentlich. Alejandro sah Karle erneut in die Augen. Er erkannte darin den gleichen Ausdruck, den er oft bei seinem eigenen Spiegelbild gesehen hatte, die Furcht und Unsicherheit eines Mannes auf der Flucht. Zweifellos würde er nichts verlieren, wenn er offen sprach. » Ich bin in den Heilkünsten bewandert und habe einen Eid geschworen, niemandem Schaden zuzufügen. Diesen Eid habe ich häufiger gebrochen, als ich mich erinnern möchte; aber ich beabsichtige nicht, das jetzt wieder zu tun. Und ich kenne mich mit Giften nicht aus. Diese Dinge sind das Geschäft des Apothekers. Oder des Alchimisten. Mein Beruf beinhaltet etwas anderes. « » Ich wollte Euch nicht kränken … « » Das bin ich auch nicht. Also, dieser Mann ist Euer Kamerad, nicht wahr? « Karle senkte mitfühlend den Blick; ohne daß er es wollte, erinnerte er sich wieder an den Kampf. » Oho! Und ein wertvoller dazu. « » Dann seid ihm ein ebenso wertvoller Freund und erlöst ihn! « Widerstreben und Entsetzen breiteten sich auf Karles Gesicht aus. » Im Kampf habe ich viele Soldaten getötet «, erklärte er, » aber nie einen meiner eigenen. Zwar war ich bei so etwas schon Zeuge – aber ich weiß nicht, ob ich die Willenskraft besitze, es selbst zu tun. « Alejandro legte Karle sanft eine Hand auf die Brust, direkt über dem Herzen. Karle versteifte sich, wich aber nicht zurück. » Zielt mit dem Schwert waagerecht so, daß es zwischen diese Rippen gleitet «, er zeigte mit den Fingern auf die genaue Stelle, » und dann stoßt einmal schnell zu. « Karle zuckte zusammen, als spüre er das Schwert zwischen seinen eigenen Rippen. » Die Methode ist nicht anders, als wenn man einen Eber oder ein anderes Tier erlegt «, erläuterte Alejandro ernst. » Obwohl sie Euch viel entsetzlicher vorkommen mag. Aber wenn der Sterbende rasch zu seinem Gott geschickt wird, können wir unsere Anstrengungen auf den konzentrieren, der vielleicht eine Chance hat. « Er starrte Karle nochmals in die Augen. » Ich denke, wir müssen uns rasch entscheiden, nicht wahr? « Der Mann mit dem bernsteinfarbenen Haar wußte, daß Alejandro sein Vertrauen verdiente. S ie hoben den Soldaten, der gerettet werden konnte, von der Trage und legten ihn auf den langen Tisch in der Mitte der dunklen Hütte. Alejandro gab Karle das blutige Tuch und flüsterte: » Legt dies um das Schwert, um das Blut aufzusaugen, bevor Ihr zustoßt. Es wird blutig genug zugehen, wenn wir diesem hier den Arm abnehmen. Und jetzt beeilt Euch, sonst verlieren wir alle beide. « Der Arzt wandte sich ab. Guillaume Karle stand über seinem tödlich verwundeten Kameraden, das Tuch in der einen Hand, sein Schwert in der anderen. Tränen füllten seine Augen, als er die Spitze des Schwertes auf die Brust des Mannes setzte. Er bekreuzigte sich und tat tapfer seine Pflicht. Der Sterbende bäumte sich auf und stieß scharf die Luft aus, schrie aber nicht. Dann fiel er schlaff zurück, und Blut begann aus seinem offenen Mund zu sickern. Alejandro nickte Karle erbarmungsvoll zu und sagte: » Ihr habt Mut gezeigt. Der Mann ist gut und ehrenhaft gestorben. Jetzt schiebt ihn zur Seite und kommt her; Eure Hilfe wird gebraucht. « Karle war zu benommen, um an Protest auch nur zu denken, und befolgte die Anweisung. Also kam er zum Tisch, wo Kate und Alejandro geschäftig bei der Arbeit waren. Sie hatten dem Soldaten schon den Ärmel aufgeschnitten, um das verstümmelte Glied freizulegen; und die Blutung ging jetzt langsamer vonstatten, da sie ihm einen Streifen des abgeschnittenen Ärmels fest um den Oberarm gebunden hatten. Das Blut sprudelte nicht mehr, sondern sickerte nur noch; trotzdem war die Haut des Mannes geisterhaft blaß. Wieder ließ sich der Arzt vernehmen: » Es ist wenig Zeit – ich habe ihn schon mit Laudanum betäubt, aber die Wirkung wird nicht lange anhalten. Er wird etwas von dem spüren, was wir tun – also müßt Ihr Euch mit Eurem ganzen Gewicht auf seine Brust legen und ihn festhalten. « Mit dem Stiel eines hölzernen Löffels berührte er sanft die Lippen seines Patienten; dieser nahm ihn unwillkürlich zwischen die Zähne und biß zu. » Schreit ruhig, wenn es Euch Erleichterung verschafft «, sagte er zu dem schlotternden Soldaten, » aber behaltet den Stiel im Mund, dann wird Euch außerhalb dieser Wände niemand hören. Ich mache es so rasch wie möglich. « Kurz berührte er die verschwitzte Stirn des Mannes. » Gott sei mit Euch! « Karle umfing den Kameraden mit eiserner Kraft; aber er wandte sich ab, denn das schiere Entsetzen auf dessen Gesicht konnte er nicht ertragen. Er ließ seine Augen schweifen. Sie kamen auf den Geräten zur Ruhe, die an der Tischkante bereitlagen, ein genauso unangenehmer Anblick. Mehr als einmal hatte er gesehen, wie ähnliche Werkzeuge benutzt wurden, um einen Menschen absichtlich langsam zu zerreißen und zu vierteilen. Doch die Bewegungen des Arztes waren von dankenswerter Geschicklichkeit und wesentlich geübter, als Karle erwartet hatte; der Verwundete rührte sich nicht. Statt dessen verlor er das Bewußtsein, und für diese Gnade flüsterte Karle ein tief empfundenes Gebet. » Wir sind fertig «, murmelte Alejandro. Er berührte Karles Schulter. » Ihr braucht ihn nicht mehr festzuhalten. « Beim Herdfeuer zog er ein Eisen aus den Kohlen. Er drückte die glühende Spitze an den blutigen Stumpf des Oberarms. Es zischte, und dann verbreitete sich ein schrecklicher Gestank – alle drei wandten die Köpfe ab. Als die Wunde ausgebrannt war, goß Alejandro Wein über den geschwärzten Stumpf und wickelte ihn in saubere Stoffbandagen. Nach getaner Arbeit setzte er sich auf eine Bank an der Wand und vergrub den Kopf in den Händen. Angestrengt versuchte er, durchzuatmen, und richtete das Wort an die beiden anderen. » Die Luft hier drinnen ist schlecht. « Er ging zur Tür, öffnete sie einen Spalt und schaute hinaus. » In der Dunkelheit rührt sich nichts «, sagte er dann und winkte. » Kommt heraus in die Natur. Das wird Eure Sinne reinigen. « Aber Karle wollte seinen Kameraden auf dem Tisch nicht verlassen. Alejandro beruhigte ihn. » Er kann sich nicht bewe gen, denn sein Körper hat eine schwerste Verletzung erlitten. « Die Tochter folgte dem Vater hinaus in die Dunkelheit und stellte sich neben ihn. Alejandro legte ihr fürsorglich einen Arm um die Schultern. Im Dunkeln ahnte Karle, daß die beiden sich gegenseitig Trost spendeten. Die Nacht war jetzt samtschwarz, und er konnte nur ihre Silhouetten ausmachen; es überraschte ihn, daß die junge Frau eine Spur größer war als der Mann, den sie » Père « n annte. Er beobachtete, wie der Arzt ihr väterlich über das Haar strich und sie zu beruhigen trachtete, während sie an seiner Schulter weinte. Und obwohl die Ereignisse der Nacht ihn in einen Zustand versetzt hatten, in dem zusammenhängendes Denken eigentlich nicht vorkam, war er kurz verwirrt darüber, wie wenig die beiden einander zu ähneln schienen. Als Tageslicht in die kleine Hütte drang, saß nun Guillaume Karle auf der Bank und beobachtete, wie die Brust seines bewußtlosen Kameraden sich langsam hob und senkte. Was vom linken Arm des Mannes übrig war, steckte in einem blutigen Ver band; aber die Farbe des ausgetretenen Bluts war nicht das helle Rot, vor dem der Arzt ihn gewarnt hatte; es war die blasse, trübe Farbe, die anzeigte, daß alles einigermaßen hoffnungsvoll verlief. Er schaute zu seinen beiden Wohltätern hinüber und gestattete sich jetzt, da keine Eile mehr vonnöten war, ein näheres Hinsehen. Der Ältere lag auf einer Pritsche aus Stroh, halb eingenickt, aber ein Auge war halb offen. Karle hatte das Gefühl, daß der Mann es kannte, keine wirkliche Ruhe zu finden. Dahinter lag das Mädchen Kate auf einem eigenen Lager. Der Arzt war ein schlanker, knochiger Mann mit dunklem, olivfarbenem Teint und weichen, kohlschwarzen Locken. Er sah merkwürdig gut aus mit seinen langen Gliedmaßen und fein geformten Händen. Kate wies ebenfalls eine gewisse Größe und schöne Gestalt auf; aber sie war hell und rosig, fast nordisch in ihren Farben, und in der letzten Nacht hatten ihre Augen im Kerzenlicht blau gefunkelt. Als merke er, daß er beobachtet wurde, bewegte sich der Arzt und schlug die Augen ganz auf. Er stützte sich auf einen Ellbogen und begegnete Karles Blick. » Was ist mit Eurem Kameraden? « erkundigte er sich sofort. » Er ist ruhig «, antwortete Karle, » er schläft jetzt. Ich habe ihn daran gehindert, sich zu bewegen, gemäß Eurer Empfehlung. « » Gut gemacht «, lobte Alejandro, während er aufstand. Er warf einen raschen Blick auf den Verband um den Stumpf und meinte dann: » Keine frische Blutung! Das verheißt Gutes. « Eine Schüssel aus dem Schrank füllte er mit Wasser aus einem großen Krug, der am Rande des Herdes stand; dann zog er sein Hemd aus und begann, sich zu waschen, zuerst das Gesicht, dann den Oberkörper, außerdem mit peinlicher Gründlichkeit seine Hände. Obwohl Alejandro den Körper so neigte, daß seine Brust nicht ganz zu sehen war, erhaschte Karle einen schnellen Blick auf etwas, das er für eine Narbe hielt. Der Franzose überlegte einen Moment, nach der Narbe zu fragen – beschloß aber, es zu lassen. Der Arzt jedoch unternahm keinen Versuch, seine eigene Neugier zu beherrschen. Während er sich ankleidete, sagte er: » Ich hab e n ichts von Kämpfen in der Gegend gehört. Wie kam es, daß diese Männer verwundet wurden? Und entgegen Eurer Behauptung geht das Gerücht, daß es im nächsten Ort einen Arzt gibt. Warum habt Ihr nicht seine Dienste in Anspruch genommen, statt eine Hebamme aufzusuchen? « » Welche Frage soll ich zuerst beantworten? « wollte Karle müde wissen. » Welche Ihr wollt «, antwortete Alejandro mit ähnlicher Müdigkeit. » Aber ich erwarte Aufrichtigkeit. « Karle sah ihm direkt in die Augen. » Wie Ihr wünscht «, sagte er. » Doch wenn ich mit den Antworten fertig bin, möchte ich auch von Euch einige haben. « » Zweifellos. « Alejandro nickte. » Wir werden sehen, ob Ihr sie bekommt. Gegenwärtig steht Ihr weit mehr in meiner Schuld als ich in Eurer. « Er betrachtete den bewußtlosen Soldaten. » Ihr werdet bezahlen, indem Ihr sprecht. Fangt damit an, daß Ihr mir Euren Namen nennt. « Der Mann mit dem bernsteinfarbenen Haar zögerte einen Moment, bevor er äußerte: » Ihr habt meinen Kameraden letzte Nacht den Namen aussprechen hören. « » Er hat Euch Karle genannt «, erinnerte sich Alejandro. » Guillaume Karle «, ergänzte der andere. » Es gibt viele, die ordentlich bezahlen würden, wenn sie erführen, wo ich bin. « Mit einem schiefen Lächeln fuhr er fort: » Aber ich stehe, wie Ihr sagtet, in Eurer Schuld. Und jetzt erweist mir die Ehre zu erfahren, mit wem ich spreche und warum auch Ihr Euch versteckt. « Karles schnelle und richtige Einschätzung ihrer Situation überraschte den Arzt. Er hob eine Augenbraue: » Wenn die Zeit gekommen ist. Wie wurden diese Männer verwundet? « Der Franzose holte tief Luft. » Sie erhoben sich mit mir gegen die Unterdrückung durch den Adel. Ihre Wunden empfingen sie in der Schlacht, mit der sie ihren rechtmäßigen Anteil am Boden Frankreichs forderten. « Alejandro entdeckte ein besessenes Feuer in den Augen des jungen Mannes und auf der Stirn jene Erschöpfung, die der unvermeidliche Preis dieses Feuers war. » Was bleibt von Frankreich, um verteilt zu werden? « fragte er. » Alles ist an die Freien Compagnies der unabhängigen Ritter gegangen, nicht wahr? « » Sie haben alles Gold und Silber genommen, was sich abtransportieren ließ «, fuhr Karle empört auf. » Aber Frankreich selbst, die gute Erde Frankreichs, ist noch da und wird immer dasein. Wir wollen nur den Anteil Land, der jedem Mann gestattet, anständig zu leben. Und Freiheit von den unmäßigen Steuern, die der Adel uns aufzwingt, um seine verachtungs würdigen Kriege zu finanzieren. « » Aha. « Alejandro verstand. » Einfache Forderungen also. « Karle warf ihm einen scharfen Blick zu. » Aber man muß schon in einem Wandschrank versteckt leben, um von diesen Dingen keine Ahnung zu haben. Wie kommt es, daß Ihr nichts darüber wißt? « Alejandros Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. » Von meinen Lebensumständen werden wir sprechen, wenn Ihr Eure genauer dargelegt habt. « Karle fuhr bereitwillig fort: » Letzte Nacht haben wir den königlichen Palast in Meaux angegriffen. Aber Charles von Navarra war weit besser gerüstet, als wir dachten; außer diesen beiden Männern wurden noch viele andere verwundet. Wer konnte, ist davongelaufen. « Alejandro dachte an den Weg nach Meaux. Er hatte ihn viele Male zurückgelegt. Bei Tageslicht und ohne Bürde dauerte er weit über eine Stunde. Aber dieser Mann hatte von Meaux aus zwei verwundete Gefährten hinter sich hergezogen, und das alles im trüben Mondlicht. Seine Meinung von dem Eindringling besserte sich. » Manche fliehen vielleicht nach Hause «, nahm Karle den Faden wieder auf. » Sie werden so viele Verwundete mitnehmen, wie sie können. Aber einige Verletzte sind sicher zurück gelassen worden. Und Gott allein weiß, was aus den Leichen jener wird, die in der Schlacht gefallen sind. Wir konnten nicht zurückbleiben, um sie einzusammeln. « » Wer wird sich um diesen kümmern? « Alejandro wies auf den Toten auf der Bahre. » Binnen kurzem wird er ein unangenehmer Gesellschafter sein. « Die schrecklichen Überreste begannen sich aufzublähen, da Fäulnis die inneren Organe befallen hatte. » Es ist wohl meine Aufgabe, mich um ihn zu kümmern «, sagte Karle resigniert. » Er kann nicht in der Nähe dieser Hütte begraben werden … « Auf der Stelle schob Alejandro einen Riegel vor. Karle seufzte. » Dann werde ich ihn in den Wald bringen und dort begraben. « Der Einarmige schlief noch immer auf dem Tisch, und der junge Herr fügte grimmig hinzu: » Zusammen mit Jeans Arm. « Sie hörten hinter sich etwas rascheln, als Kate sich aufsetzte. » Es gibt im Wald in nördlicher Richtung eine Lichtung «, meldete sie sich. » Dort wachsen viele Beeren, aber in letzter Zeit fanden sich keine Anzeichen dafür, daß jemand dort gewesen wäre. Es ist keine geweihte Erde, doch insgesamt scheint sie für eine Beerdigung geeignet. « » Ich fürchte, es gibt in ganz Frankreich keinen geweihten Boden mehr «, grollte Karle. » Aber danke, daß Ihr mir diesen Ort genannt habt. « Sie nickte in Richtung der Leiche. » Alle tapferen Männer verdienen ein würdiges Ende, nicht wahr? « Alejandro beobachtete, wie Guillaume Karl es Augen Kates Anblick in sich aufnahmen und sich dann widerstrebend von ihr lösten. Als die beiden Männern einander wieder anschauten, errötete Karle, als sei er bei einem unschicklichen Gedanken ertappt worden. » Vielleicht – wenn Ihr damit einverstanden seid – würde Euer père Euch erlauben, mir diese Lichtung zu zeigen «, schlug er leise vor. Für den Geschmack des Arztes antwortete sie allzu eifrig: » Das will ich gerne tun. « » Wir werden alle zusammen gehen «, bestimmte Alejandro. » Und was wird aus meinem Kameraden? « fragte Karle. » Für seine Bedürfnisse sorgen wir, ehe wir gehen «, sagte der Arzt. » Ihn waschen, ihm Wasser und den Rest Laudanum geben, der mir noch geblieben ist. Und wenn man ihn auf dem Tisch festbindet, braucht man sich keine Sorgen zu machen, ihn für eine Weile allein zu lassen. « Nicht annähernd solche Sorgen, die ich hätte, wenn Ihr mit Kate allein wärt, dachte er. KAPITEL 2 2 007 J anie Crowe hielt sich draußen in ihrem Hintergarten auf und schnitt zu den Klängen ansteigender Koloraturen von Maria Callas Büsche zurück, als das winzige Handy in ihrer Tasche zu vibrieren begann. Sie hatte den Anruf erwartet, aber war so in die Musik versunken, daß die Vibration sie ein wenig erschreckte. Als sie sich die Kopfhörer von den Ohren riß, blieben einige Haare darin hängen. Sie zuckte zusammen und zog die Strähne vorsichtig heraus; jetzt vernahm sie das schrille Vogelzwitschern eines zu warmen Frühlingstages. Sie schaute zu den Baumwipfeln auf und fauchte: » Seid still! « Über ihr verstummte der Lärm für einen Moment, ehe er von neuem einsetzte. Doch die Vögel, die ihre kostbaren Blumen täglich mit ihren widerwärtigen Ausscheidungen verzierten, hatten eine ziemlich gewinnende Eigenschaft: Sie fraßen die riesigen, Krankheiten übertragenden Moskitos, die den ganzen Weg nach Norden bis in ihre Gegend im westlichen Massachusetts zurückgelegt hatten. Da die Vögel so reichlich Nahrung fanden und nach den letzten Wahlen auch die Luft reiner geworden war, hatten sie sich prächtig vermehrt – obwohl noch vor wenigen Jahren vom Aussterben bedroht. Mit einem Gefühl des Bedauerns legte sie die Kopfhörer weg. Maria Callas würde leider in absehbarer Zukunft nicht wieder auferstehen, ganz gleich, wie sorgfältig die Atmosphäre gereinigt würde oder wie viele Moskitos man ihr zu essen gäbe. Wäre trotzdem ein tolles Projekt, sie zurückzuholen, dachte Janie für einen kurzen Augenblick. Sie li egt in Paris begraben … Doch gewöhnliche Sterbliche wie sie selbst erhielten keine Visa nach Paris. Und keine Grabungen mehr, hatte ihr Anwalt verlangt. Grabungen bringen Probleme … Janie nahm das hartnäckige Telefon aus der Tasche und flüstert e d en Wunsch vor sich hin, daß der Anruf von dem betreffenden Anwalt kam und zur Abwechslung mal gute Nachrichten brachte. Sie klappte d en Apparat auf und sagte mit der etwas gepreßten Stimme, an der das Gerät sie zu identifizieren gelernt hatte: » On. « Dann fügte sie ein freundlicheres » Hallo? « hinzu. Aus dem Hörer ertönte die vertraute, ziemlich erschöpft klingende Stimme von Rechtsanwalt Tom Macalester, und Janie atmete auf: Endlich. » Du bist im Freien … «, stellte er fest, nachdem sie sich begrüßt hatten. » Vögel! « » Richtig. Ich stutze ein paar Büsche, die glauben, sie wären auf einmal in Florida. Sie mögen diese Hitze, sehr viel lieber als ich jedenfalls – ich schlaffe ab, und sie sind selig. « Mit einem leisen Puhhh ließ sie sich in einen Liegestuhl sinken. » Aber deine Stimme macht deutlich den Eindruck, daß du wegen irgendwas ganz und gar nicht selig bist «, gab sie von sich, als sie saß. » Du klingst – bestürzt. « » Und ich war wild entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen. « Auf dem Bildtelefon im Haus hätte sie sicher gesehen, daß er die Stirn runzelte. Am Handy konnte sie es seiner Stimme anhören. » Das schaffst du vielleicht bei Geschworenen, Tom, aber ich kenne dich zu gut. « » Ach, wirklich? « meinte er sarkastisch. » Weswegen wünsche ich mir dann immer, wir würden uns auch nur ein bißchen besser kennen? « Mit einem resignierten Kichern antwortete sie: » Es gibt nur eine Art, wie wir uns besser kennenlernen könnten, als es bereits der Fall ist. « Er lachte. » Bei dir oder bei mir? « » Okay, jetzt hörst du dich schon normaler an. « » Na schön. « Er machte eine Pause und holte Luft, und als er wieder sprach, war sein Ton wesentlich ernster. » Ich habe vom Komitee für Wiederzulassung Nachricht. Wegen deines Antrags. « J anie hatte recht gehabt. Er war unglücklich, und nach sehr kurzer Zeit hatte er sie angesteckt . Sie arbeitete lange als ziemlich erfolgreiche Neurologin, bevor es zu den Ausbrüchen kam – als die bösartige Krankheit MR Sam (ein Akronym für den Medikamenten -R esistenten Staphylococcus Aureus Mexicalis, geprägt von eine m c leveren Journalisten, der sich später zu Tode trank) ihre Ladung Elend über eine unvorbereitete Welt ausgoß. Wie hätte irgend jemand das wissen oder vorbereitet sein sollen? Es überstieg jegliche Vorstellungen von Horror. Mit halbem Ohr hörte sie zu, wie Tom die gesetzlichen Vorschriften zu ihrem Antrag auf Wiederzulassung in dem Beruf herunterbetete, den sie einst ausgeübt hatte. Eine Szene vom Vortag kam ihr kurz in den Sinn, während Tom mit überaus einfühlsamer Stimme dieselben Ablehnungsgründe, die sie schon kannte, abermals wiederholte. So schonend er ihr die Mitteilung auch beizubringen versuchte, sie wurde ihr jedesmal verhaßter. Und so schob sie sie in den Hintergrund ihrer Gedanken, zusammen mit der Erinnerung an Polizeiautos, die sich um einen Müllcontainer auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt scharten, grüne Bioschutzanzüge, grünes Absperrband und dann, als sie langsam mit heruntergekurbeltem Fenster vorbeifuhr, die Stimme eines Polizisten, die in ein Handy bellte: » Sagt jemandem, daß sie die Zähler abstellen sollen. « Sie wußte, welche Zähler er meinte. Diese waren schon einmal abgestellt worden – der erste Schritt im Laufe der Ereignisse, die zu dramatischen Veränderungen ihres Lebens geführt hatten. Sie war eine gute Mutter, eine liebevolle Ehefrau und ein zufriedener Mensch gewesen, der noch viel vor sich hatte. Aber anschließend verlor sie alles – zuerst ihre Familie durch die Krankheit selbst, dann den Beruf, den sie bei der erzwungenen Neuordnung der Medizin in den ersten vier Jahren nach den Ausbrüchen aufgeben mußte. Darauf folgte die verhängnisvolle Reise nach London, die eigentlich der erste Schritt auf dem Weg zu einer neuen und befriedigenden Karriere in forensischer Archäologie hätte sein sollen. Sie wurde zum größten Fiasko ihres Daseins. Jetzt versuchte sie mit Hilfe des tüchtigen Anwalts, seit vielen Jahren ihr Freund, händeringend, wenigstens ein bißchen von dem Leben zurückzubekommen, das sie vorher geführt hatte. Allmählich sah es so aus, als würden allein schon all die bloßen Versuche sie zermürben. Toms Stimme drang wieder in ihr Bewußtsein. » Eine Menge dieser Rechte auf freie Berufswahl und Beschäftigung wurden während der ersten Welle aufgehoben «, erklärte Tom, » und die Fälle, die zu Präzedenzfällen werden könnten, sind noch nich t d urch alle Instanzen gelaufen. Außerdem ist bis jetzt niemand aus der Sammelklage ausgestiegen; deswegen rate ich dir, das auch nicht zu tun. Wir werden uns trotzdem gleichzeitig weiter um eine individuelle Erneuerung deiner Zulassung bemühen. Was immer zuerst kommt, kann uns nützen. Das Endziel ist deine Berufsausübung, wie auch immer wir das bewerkstelligen. « » Himmel, Tom, wir haben eine Bill of Rights, wir haben eine Verfassung … « » Weiß ich, weiß jeder! Frag mich nicht, warum wir all diese Dinge vergessen haben. « » Wählen wir unsere Volksvertreter nicht, damit diese Rechte gewahrt bleiben? « » Deine Abgeordnete hat schon gesagt, sie könnte nichts für dich tun. Und es ist anerkannter Rechtsbrauch, daß die Regierung in Zeiten nationalen Notstands alle notwendigen Maßnahmen ergreift, um die Ordnung aufrechtzuerhalten – was immer das bedeutet. « » Der Notstand ist vorbei. Die Scanner sind weg, die Isolierstationen abgebaut … « » Alles klar. « Er hielt einen Moment nachdenklich inne, bedrückter, als er hätte sein sollen. » Zumindest größtenteils. « Dann fügte er hinzu: » Aber ich würde trotzdem nicht damit rechnen, daß diese Rechte irgendwann demnächst wieder in Kraft treten. « » Wieso nicht, zum Donnerwetter? « » Ich habe darüber öfter diskutiert, als mir lieb ist «, wehrte er ab. » Es kommt nie etwas dabei heraus. Angeblich bestehen ziemlich starke Widerstände gegen die Wiederherstellung der alten Zustände – besonders bei denen, die gegenwärtig an der Macht sind. Ihnen gefallen die Einschränkungen. Erinnerst du dich noch, was passierte, als man versuchte, Big Dattie beseitigen zu lassen? « Es war eine fast lachhafte Übung in Vergeblichkeit gewesen, als eine Koalition aus besorgten Bürgerrechtsgruppen ihre Talente und Mittel in einen Topf geworfen und auf Vernichtung der Big Dattie genannten universalen genetischen Datenbank geklagt hatte, die im Laufe der Jahre anwuchs, bevor der ethische Code für DNS-Genetik etabliert worden und während des ersten Ausbruchs zu voller Blüte gekommen war. Sie arbeitete mit ihren heimtückischen und gefährlichen Informationen da draußen an irgendeinem monströsen Computer, eine ständige Erinnerung daran, daß es keinerlei Privatsphäre mehr gab. Letzten Endes, so hatten ihre Befürworter argumentiert, bringt sie mehr Nutzen als Schaden. Und die Krankheitszähler, behaupteten sie, seien absolut notwendig. Die Gegner hatten darauf mit flaggenschwenkenden Demonstrationen und vielen glühenden Reden zugunsten der Unantastbarkeit der Person reagiert, und Janie schloß sich ihren Argumenten zögernd an. Sie behaupteten, Krankheiten könnten auch auf andere, weniger invasive Weise gezählt werden. Janie erinnerte sich noch an ihre ungläubige Verblüffung darüber, wie schnell der Supreme Court in diesem Fall zu seiner Entscheidung gekommen war, und an ihren Schock darüber, daß dieser die Datenbank zum notwendigen Übel erklärte und ihr Weiterbestehen gestattete. » Du mußt all das noch heiß aus der Druckerpresse erfahren «, sagte sie. » Das meiste davon schafft es nie bis in die Presse. « Schon vor vielen Jahren war er Experte für Medizinrecht geworden, lange vor dem abrupten Anstieg der Nachfrage auf diesem Spezialgebiet infolge der verwirrenden Veränderungen, die die Ausbrüche mit sich gebracht hatten. Die erste Welle kämpfte er als Anwalt der Isolierten, der in Quarantäne Sitzenden, der Gemiedenen durch. Als es danach ruhiger wurde, hatte seine Praxis geboomt, und in irgendeinem Hinterstübchen seines Gehirns speicherte er eine Menge potentieller Verbündeter. Janie wußte, er würde sich nicht scheuen, auf diese Verbündeten zurückzugreifen, wenn sich das als notwendig erweisen sollte. Er unterhielt lose Kontakte zu Gruppen, die darauf warteten, daß der MR Sam der Ausbrüche, diese bestialische Krankheit, sich erneut in die Vereinigten Staaten einschlich – trotz der vehementen und ständig wiederholten Dementis derer, die es besser wissen könnten. MR Sam würde machen, was er wollte, trotz der guten Absichten des medizinischen Establishments und seiner laufenden Bemühungen, ihn auszurotten. Das erste Mal, nach einer längeren Herrschaft des Terrors, war er aus eigener Laune endlich verschwunden und hatte eine Unmenge verwirrter und beschämter Gesundheitsfachleute hinterlassen. Von den Toten ganz zu schweigen. » Also «, quetschte sie heraus, » was meinst du, was ich tun soll? « » Jetzt im Moment? Absolut gar nichts. « » Tom, ich … « » Natürlich «, unterbrach er sie, » es verstößt gegen deine Weltanschauung, geduldig zu sein. Leider sind deine Optionen ziemlich dürftig, und Geduld ist immer noch gefragt. « Er hatte ihr schon gesagt, sie solle mit einem negativen Bescheid rechnen. Dieser Anruf war eigentlich nur eine Bestätigung, aber frustrierend war sie trotzdem. » Du große Güte «, sagte sie. In ihren eigenen Ohren klang das arg nach Jammern. » Mein ganzes Leben hängt in der Luft. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalten soll. « » Was kannst du sonst tun, Janie? Wenn du diesen Leuten auf die Nerven fällst, wird dir das nicht helfen. Die stecken bis über beide Ohren in Anträgen. Warte wirklich ungefähr sechs Monate, und stelle dann erst einen neuen Antrag. « » So lange möchte ich nicht auf dem Trockenen sitzen, wenn es nicht unbedingt sein muß. « » Nun, das muß es aber – es sei denn, deine gegenwärtigen Lebensumstände würden sich dramatisch ändern. Die einzige Chance, dich jetzt gleich wieder ins Geschäft zu lassen, bestünde darin, daß du über irgendwelche einmaligen Fähigkeiten verfügst: etwa Sehnerven reparieren oder Gehirnschäden rückgängig machen, oder etwas ähnlich Unmögliches. « » Zwanzig Jahre Ausbildung und Praxis reichen also nicht! « » Genau! Entschuldige, ich weiß, das hört sich schrecklich an. Aber den Zahlen der Regierung zufolge gibt es mehr nichtspezialisierte Neurologen, als für die gegenwärtige Bevölkerungsstatistik nötig sind. Wenn eine stattlichere Anzahl von euch bei den Ausbrüchen ins Gras gebissen hätte, sähe es vielleicht anders aus. Tja, versuche doch, dich auf Infektionskrankheiten zu spezialisieren … « » Fang nicht davon an, Tom … « » Ich sage ja nur, daß das ein weites Fachgebiet mit kurzer Wiedereinarbeitungszeit ist, und falls du auf deiner Medizin beharrst, solltest du das in Erwägung … « » Nein. Jetzt nicht und in Zukunft nicht! « » Dein Talent würde dort gebraucht, Janie. « Schuldbewußt schwieg sie einen Moment. Dann sagte sie: » Ich weiß. Aber es geht einfach nicht. « » Okay, dann wirst du dich noch für eine Weile damit zufriedengeben müssen, bei der Stiftung zu forschen. Bis ein paar von den alten Hasen wegsterben. Oder bis sich die Dinge bessern. Dann werden wir es noch einmal versuchen. « Ihr entrang sich ein Seufzer. » Das paßt mir überhaupt nicht. « » Ich weiß. Aber wenigstens arbeitest du. « » Wenn man das so nennen kann. Ich hasse meinen Job. Es ist, als wäre ich jemandes Sekretärin – andauernd mit Kleinkram beschäftigt. « Er brachte ein kleines Lachen zustande. » Na ja, du kannst immer noch forensische Archäologie betreiben. « » Und das sagt der Mann, der nicht will, daß ich grabe! « Sie schloß die Augen und rieb sich die angespannte Stirn. » Irgendwelche Neuigkeiten von der Einwanderungsbehörde? « » Nein, tut mir leid «, gab Tom Auskunft. » Möchtest du, daß ich Bruce anrufe und es ihm mitteile? « » Laß nur! Ich will sowieso morgen mit ihm telefonieren. Wenn es gute Neuigkeiten wären, hätte ich es heute getan. Aber schlechte Neuigkeiten können warten. « Sie zog ihre Gartenhandschuhe aus und warf sie in den Werkzeugkasten; aber bevor sie in ihr Haus ging, blieb Janie in der Garage neben ihrem ehrwürdigen, doch angeschlagen aussehenden Volvo stehen, den sie vor einer Ewigkeit glänzend und neu gekauft hatte. In der merkwürdig tröstlichen Gegenwart des vertrauten Autos knetete sie einen Moment die Hände und tagträumte von einfacheren Zeiten. Komisch, das winzige Implantat im Fleischpolster unter ihrem Daumen konnte sie nicht mehr finden; nicht einmal den kleinsten Knoten spürte sie mehr. Der eigentliche Chip war, wie von dem Einwanderungsbeamten in Boston versprochen – In ein oder zwei Tagen werden Sie gar nicht mehr wissen, daß er da ist, hatte er gesagt – , von den umgebenden Zellen gleich einem Nährstoff aufgezehrt worden; aber zuvor hatte ihr Fleisch seine elektronischen Daten absorbiert. Das war eine gesetzlich zugelassene Körperverletzung und wurde beinah universell angewandt. Notwendig gemacht hatte diese die kunstvolle Erfindung irgendeines kriminellen Genies, das als Hacker in den entsprechenden Server eingedrungen war und mit ein paar gut plazierten Codezeilen die Identifikation anhand von Augenhornhaut und Fingerabdruck in den Speicher für archaische, nutzlose Technologien verbannt hatte. Doch mit der Zeit schwächte sich ihre persönliche Abneigung gegen dieses elektronische Eindringen ab; denn es war unglaublich bequem, sofort identifizierbar zu sein, und solange sie einigermaßen kreditwürdig blieb, konnte sie fast alles, was sie brauchte, mit einem einfachen Schwenken der Hand erledigen. Aber es machte sich nichts von dem Stolz in ihr breit, den sie noch damals im Zeitalter des Papiers verspürt hatte, als sie ihren ersten Bibliotheksausweis, ihre Sozialversicherungsnummer und ihren Führerschein bekam. Statt dessen hatte sie, nachdem man ihr den Chip in die Handfläche geschossen hatte, in stillem Entsetzen das kleine rote Mal betrachtet und sich schmerzhaft nach dem zwanzigsten Jahrhundert zurückgesehnt. Das war das I-Tüpfelchen ihrer problematischen Rückkehr aus England in die Vereinigten Staaten gewesen. Als hätte es noch nicht gereicht, daß dem Mann, den sie nun heiraten wollte, wenn sie auf der anderen Seite des großen Teichs angekommen war, das Visum verweigert wurde; denn irgend jemand in London meinte, man müsse mit ihm über einen gewissen Bio-Unfall reden, der in dem Institut passiert war, in dem er forschte. Es handelte sich um ein Mißgeschick, während Janie in London Bodenproben untersuchte. Mit dem Projekt, das beinahe in einer Katastrophe geendet hätte, hatte Bruce eigentlich nichts weiter zu tun. Nur arbeitete er in dem Institut, in dem die chemische Analyse der Proben vorgenommen werden sollte. Er war sozusagen ein unschuldiger Zeitgenosse, als er anfing, sich für Janie zu interessieren. Sie stand im Zentrum der Ereignisse, und er half ihr bei den sich auftuenden Schwierigkeiten. Sie hatte in einer dunklen Nacht zusammen mit ihrer Assistentin in Einbrechermanier eine kleine Bodenprobe von jenem vom Feuer heimgesuchten Grundstück entnommen, und zwar gegen den Willen des Wärters dieses Anwesens. In der Erde, die sie ausgegraben hatten, hatte sich ein kleines Stückchen eines zerfallenden Stoffbeutels befunden. Die Fasern dieses Materials enthielten ein sporenbildendes, archaisches Bakterium, dessen heutige Form erheblich mutiert war. Zuerst hatte niemand erkannt, was es damit auf sich hatte. Bei einem Laborunfall war es wiedergeboren worden und hatte sich als Yersinia pestis entpuppt … … den Verursacher der Beulenpest. Und das Bakterium hatte sich prompt eine vorbeikommende Plasmazelle geschnappt und war zum Ungeheuer geworden. Mit hektischen Bemühungen gelang es ihr, Bruce und ihrer Assistentin Caroline, Yersinia pestis einzufangen, als sie anfing, sich auszubreiten – und zwar mit einer Geschwindigkeit, die sechshundert Jahre Gefangenschaft aufzuholen versprach. Zu ihrem ewigen Entsetzen waren ihr einige Menschen zum Opfer gefallen, wenn die Zahl auch im Vergleich mit der Geschichte dieses speziellen Bakteriums wie durch ein Wunder relativ klein blieb. Caroline selbst war so krank geworden, daß sie beinahe gestorben wäre. Mit Bruces intelligenter Hilfe war Janie die Untersuchung des Zwischenfalls irgendwie erspart geblieben, obwohl sie in Wirklichkeit viel tiefer darin verwickelt gewesen war als er. Die Erinnerung an all das machte sie einen Moment benommen, und Szenen von früher zogen an ihr vorüber; sie versuchte, sie in ihr Unterbewußtsein zurückzudrängen, aber das wollte ihr nicht so recht gelingen. Sie schaute in die Ecke der Garage, wo die Forschungswerkzeuge, die sie mit zurückgebracht hatte, jetzt in ihrer weitgereisten Segeltuchtasche lagerten. Möglicherweise begannen sie bereits in der Tasche zu rosten. Werde sie los, sagte sie sich. Aber das hatte sie schon versucht, und zwar vergebens. Sie waren eine direkte Verbindung zu etwas, von dem sie sich nicht trennen wollte, und bei der Wiedereinreise hatten sie sich als günstige Ablenkung erwiesen und ihr ermöglicht, ein noch ungewöhnlicheres Erinnerungsobjekt von dem genannten Brandunfall einzuschmuggeln, das sonst vielleicht Aufmerksamkeit erregt hätte. Zu schade, daß ich Bruce nicht in Schmutzwäsche wickeln und neben dem Journal in den Koffer stopfen konnte … … dem Journal, das die Geheimnisse eines Arztes aus uralter Zeit enthielt. Seine Entschlossenheit und Geschicklichkeit hatten Janie stets einen Lichtstreif am Horizont gezeigt, als alles unsagbar dunkel aussah. Hilflos schüttelte sie den Kopf. Es wäre so viel leichter, wenn ich einfach wieder eine sinnvolle Arbeit hätte … Eine einmalige Spezialität, hatte Tom gesagt. Gibt es auf dieser Welt überhaupt noch etwas Einmaliges? fragte sie sich betrübt. Sie schüttelte den Tagtraum ab und ging ins Haus. E s gab ganze Bände von » Regierungszahlen « in der universalen genetischen Datenbank, darunter auch, nach Jahren mühseliger Eingabe, das komplette Gen fast jeden US-Bürgers. Wenn Janie vor einem Computer saß wie jetzt mit dem Plan, in diese Datenbank einzutreten, fühlte sie sich am Ende immer verwirrt und überwältigt. Überwinden Sie das, hatte ihr Supervisor bei der Stiftung, der New Alchemy Foundation, zu ihr gesagt. Es ist einfach Teil Ihres Jobs. Das stimmte, und sie war vertraut mit den Techniken zum Sammeln, Sortieren und Auswerten von Daten; aber die Datenbank, zu der sie jetzt Zutritt suchte, konnte ein furchterregender, unwirtlicher Ort sein, allein schon wegen ihrer Größe. Ihre Gefühle für diese Einrichtung wechselten von Tag zu Tag. In der einen Minute erschien sie ihr wie ein Wunderland, das der Erforschung harrte, in der nächsten wie eine Wüstenei, die man nur unter Schutzmaßnahmen betreten sollte. Und jedesmal, wenn sie es tat, fühlte Janie sich wie ein Eindringling, ein Außenseiter, jemand, der eigentlich nicht dorthin gehörte. Dieses Gefühl wurde durch die Eröffnungssequenz des Bedienungssystems verstärkt, in der es nicht etwa hieß WILLKOMMEN bei Big Dattie, bitte treten Sie ein, sondern vielmehr: STOP ! Sie haben Zugang zu einer gesicherten Datenbank verlangt. bitte befolgen sie alle folgenden blldschirmanweisungen genau. andernfalls kann es zu sofortigem Abbruch der Verbindung und Widerruf ihrer Zugangsberechtigung kommen. Dieser Kontakt wird vollständig aufgezeichnet. Eines Tages, dachte sie, werde ich mutig genug sein, da einfach hineinzuspazieren und mich umzusehen, ohne besonderes Ziel … Aber dieser Tag war nicht der heutige. Janie tat genau, was verlangt wurde, nicht mehr und nicht weniger, und gab mit gehorsamer Präzision die geforderten Befehle ein. Sie legte ihre rechte Hand mit dem unsichtbaren, aber stets lesbaren elektrischen Code auf den Computerbildschirm und wartete darauf, daß der Sensor den Code verarbeitete. Und sie stellte sich vor, daß irgendwo tief in den Eingeweiden von Big Dattie bestimmte Zähler einen Punkt höher sprangen, diejenigen, die mit hochqualifizierten weißen Frauen unbestimmten Alters sowie mittleren bis hohen Einkommens zu tun hatten; diese arbeiteten für die New Alchemy Foundation und suchten an dem speziellen Computer, den sie zufällig benutzte, nach Daten. Irgend jemand würde eine solche Information irgendwann bedeutungsvoll finden. Aber Janie wollte dieser Person nicht begegnen. Niemals. Der Bildschirm färbte sich gelb – ein zu fröhlicher Hintergrund für den strengen Text, der darauf zu lesen war. Sie wurde durch ein Piepsen angewiesen, einen Weg in die Datenbank zu wählen. Also berührte sie den Zugangspunkt auf dem Bildschirm und wartete. Insgeheim erheitert übte sie sich in Geduld, während ihre Suche auf diesen oder jenen demographischen Weg gelenkt wurde. Mit hoher Geschwindigkeit auf dem Boy Boulevard Richtung Süden, dann auf Route 13, dann links in die White Street. Es wäre wesentlich effizienter gewesen, einfach den Namen des betreffenden Jungen einzutippen, Abraham Prives; aber das hatte etwas so Direktes, daß Janie es unangenehm, ja fast gewalttätig fand. Denn sollte jemand einfach ihren Namen in die Datenbank eingeben und daraufhin all die erwünschten Informationen erhalten, würde sie absolut zu Eis erstarren. Natürlich hatte das sicher schon jemand getan, vielleicht viele Leute – und zwar aus bestürzenden Gründen. Aber darüber wollte sie nicht nachdenken. C ’ est la vie, zwang sie sich zu denken. Ach, wenn ich doch nur einmal wieder ein unbekümmertes Mädchen sein könnte … Abraham Prives – der Name erschien immer wieder auf dem Bildschirm, während seine Daten zusammengestellt wurden. Wie kalt und unpersönlich es aussah, diese elektronische Akte anzusammeln. Janie berührte den Bildschirm, um den Vorgang zu stoppen, als ein Foto von ihm erschien. Sie sah das Bild eines hübschen Jungen, der vielleicht zehn oder elf gewesen war, als er erstmals für die Kamera gelächelt hatte. Die großen braunen Augen wirkten intelligent, aber gleichzeitig zurückhaltend. Janie fragte sich, ob Abraham vielleicht ein bißchen schüchtern war. Aber er war nicht zu schüchtern für Mannschaftssport. Janie sah seine Akte in erster Linie deswegen durch, weil er einen Unfall gehabt hatte, als er Fußball spielte, einen spontanen Zusammensto ß m it einem anderen Spieler, der dazu geführt hatte, daß Abraham flach und unbeweglich in einem Krankenhausbett im Jameson Memorial Hospital landete. Zwei seiner Wirbel waren zersplittert wie ein knackendes Weinglas. Die Knochensplitter hatten seinem Rückenmark schreckliche Schäden zugefügt. Es handelte sich um eine absurde Verletzung, wenn man bedachte, wie gewöhnlich der Unfall als solcher gewesen war, und diese Abnormität hatte jemanden von der Unfallstation des Jameson veranlaßt, sich mit der New Alchemy Foundation in Verbindung zu setzen, wo Janie als Forschungsassistentin arbeitete. Die Datei würde in ihren Datenspeicher bei der Stiftung überspielt werden, wo sie sie später in aller Ruhe wieder abrufen und untersuchen konnte. Aber bevor sie das tat und Big Datties Bedienungssystem verließ, machte sie einen kurzen Rundgang durch die Informationen über Abraham in der Hoffnung, eine klarere Vorstellung von ihm zu bekommen. Die Datenbank verriet ihr, daß seine Intelligenz höher war als die von vierundneunzig Prozent der Bevölkerung, daß er voll immunisiert war, sein Vater allerdings die Ausbrüche im Gegensatz zur Mutter nicht überlebt hatte. Er trieb Sport und lernte in der Schule Russisch. Ein netter, ausgeglichener Dreizehnjähriger des Nach-Ausbruchs-Zeitalters. Vorher hatte er sich jedoch schon einmal etwas gebrochen – ein Handgelenk, letztes Jahr. Der Bruch war kompliziert gewesen, hatte seinen Orthopäden verwirrt und dann ungewöhnlich lange gebraucht, um zu verheilen. Der Orthopäde hatte den Jungen auf Osteogenesis imperfecta getestet, eine etwas weit hergeholte Maßnahme – diese seltene Knochenkrankheit wurde nämlich gewöhnlich schon kurz nach der Geburt sichtbar. Abrahams Testergebnisse waren wie erwartet negativ. Der Junge spielte erst seit einem Monat wieder Fußball, als die Tragödie mit seiner Wirbelsäule passierte. Er fiel um wie ein Sack Kartoffeln und konnte kein Glied mehr rühren, hatte der Trainer ihr erzählt, als sie mit diesem in Verbindung trat. Janie verstand – vor allem den Teil mit dem Kartoffelsack. Die schlechte Nachricht ist … dachte sie, als sie das Zeichen auf dem Bildschirm berührte, das die Datei auf ihren Computer überspielen würde. Auf ihrer Liste von Dingen, die im Zusammenhang mit Abraham Prives zu erledigen waren, stand auch ein Gespräch mit der Person im Jameson, die als erste die Stiftung angerufen hatte. Aber als sie sich im Krankenhaus nach dem Namen dieser Person erkundigen wollte, wußte ihn anscheinend keiner. Sie kam zu dem Schluß, daß ihr Supervisor das durcheinandergebracht haben mußte, und war ärgerlich auf ihn – kein ungewöhnlicher Zustand in ihrer angespannten Beziehung. Aber letzten Endes spielte es keine Rolle, wer angerufen hatte – nur, daß der Anruf erfolgt war! Janie pflegte jedoch nicht gleich den Überbringer einer schlechten Nachricht zu erschießen. Bevor sie die Datenbank verließ, schaute sie sich noch die Unheilsboten an – die Krankheitszähler. Die hätte sie liebend gern erschossen. Es sah ungefähr so aus, wie sie erwartet hatte – Tuberkulose leicht gesunken, Lungenentzündung eine Spur schlimmer geworden, HIV wie immer heimtückisch steigend. Doch als sie auf der Liste weiter nach unten bis zu MR Sam ging, teilte Big Dattie ihr mit, daß der Zähler für diese spezielle Krankheit vorübergehend außer Betrieb war. E s lief immer aufs Geld hinaus. Das hatte sich nicht geändert und würde auch sicher ewig so bleiben. » Hören Sie, ich verstehe Ihren Eifer, diesen interessanten Fall zu übernehmen, aber das ist in meinem Budget nicht drin «, sagte Chester Malin. » Wieso haben Sie mich dann dorthin geschickt? « » Jemand hat angerufen, erinnern Sie sich? Was sollte ich machen, die Mitteilung einfach ignorieren? Wir müssen uns solche potentiellen Kandidaten vorknöpfen. Aber wir müssen uns nicht entschließen, die Verantwortung für sie zu übernehmen. « Janie fragte sich oft, wie dieser Mann Supervisor geworden war. Jetzt verschränkte er die Arme über seinem ausladenden Bauch und kippte seinen Stuhl nach hinten, so daß er auf zwei Beinen balancierte. Wie immer waren seine Hemdsärmel aufgekrempelt und gaben behaarte Unterarme frei. Auf einem davon befand sich die Tätowierung von zwei gekreuzten Gewehren. Seine Mitarbeiter hatten ihm hinter seinem Rücken den Spitznamen Affenmensch verpaßt, worin er sie unwissentlich bestärkte, indem er mit eine r H and seine trockene Kopfhaut kratzte, wenn er über etwas nachdachte. Und obwohl er sie bei mehr als einer Gelegenheit angemacht hatte, war er ein prominentes Mitglied von Janies persönlichem Letzter-Mann-auf-Erden-Club. Sie versuchte, seine Unarten zu ignorieren – die Überzeugungsarbeit zu leisten hatte Vorrang. » Ach, kommen Sie, Chet – jemand hat gedacht, dieser Fall würde dem Profil entsprechen. Und gestern bekam ich einen Anruf aus dem Northern Hospital in Boston, dem ich noch nicht nachgegangen bin; aber er klang ähnlich. Bei beiden Kindern handelt es sich um so klare Beteiligung des Rückenmarks, daß wir sie in unser Projekt aufnehmen müssen – oder es wird gefragt, warum wir es nicht getan haben. Man könnte uns den Versuch vorwerfen, die Resultate zu verfälschen. Zwei Fälle hintereinander – scheint das nicht ein bißchen merkwürdig? Was ist, wenn wir es hier mit einer neu entstehenden Krankheit zu tun haben? Stellen Sie sich die Folgen einer solchen Entdeckung für unsere Stiftung vor. Unser Ruf würde ins Unermeßliche wachsen … « » Das ist keine neue Krankheit «, korrigierte er scharf. » Nach dem, was ich im Überblick gesehen habe, handelt es sich bloß um einen besonders scheußlichen Wirbelbruch. Vielleicht versucht sein Fußballtrainer, seinen eigenen Arsch zu retten, weil er den Jungen in eine gefährliche Situation geschickt hat. « » Ich habe ein paar Leute angerufen, die dabei waren – der Trainer hat mir die Namen gegeben. Und sie bestätigten seinen Bericht – daß es kein heftiger Zusammenprall oder irgend etwas Ungewöhnliches war. Offenbar ging es um diese Art Zwischenfall, nach dem Kinder in der Regel aufstehen, sich den Staub abklopfen und weiterspielen. Was der andere Junge auch getan hat. Aber nicht der kleine Prives! Ich frage mich bloß, warum. « » Tja, ich sage Ihnen das höchst ungern, aber Sie werden es nicht herausfinden. Es kostet zuviel Geld. « » Für Fälle wie diese muß es doch Sondermittel geben – und den gegenwärtigen Projektteilnehmern lassen wir bereits teure Pflege zukommen. Einer mehr wird sicher gar nicht auffallen. « » Machen Sie Witze? « knurrte Chet. » Die da oben sind keine Meisen, die haben Adleraugen. Die merken alles. « Sie runzelte die Stirn. » Sie glauben also nicht, daß sie mitmachen? « » Nein. Das glaube ich nicht. « » Und Sie werden mich nicht unterstützen? « » Nicht, solange Sie mir nicht überzeugendere Argumente liefern, nein! « Als Janie beleidigt abzog, rief Chet die Personaldatei seines Computers auf. Er tippte ein paar Worte ein und schloß sie wieder. J anie hatte ihren ehemaligen Doktorvater einige Monate nicht gesehen und war nicht überrascht über die telefonische Auskunft, daß John Sandhaus aus seinem geräumigen Haus am Stadtrand ausgezogen war; jetzt lebte er in einem Gästeapartment in einem der Wohnheime der nahen Universität. » He «, er grinste breit, als sie zur Tür hereinkam, » schön, Sie mal wieder zu sehen. « » Hi! « Janie umarmte ihn. » Wir müssen mehr für unsere Verbindung tun. « » Sie haben recht «, sagte er. » Mir kommt es vor, als würde mein Leben immer schneller und schneller ablaufen. « » Das Gefühl kenne ich. « Ihr Arm schwenkte durch das Apartment. » Ein neues Nest? « » Ich gewöhne mich daran «, meinte er. » Es könnte mir mit der Zeit sogar gefallen. Cathy jedenfalls mag es. Eines Tages im letzten Herbst habe ich aus dem Fenster gesehen und beobachtet, wie die Blätter fallen «, fuhr er fort, » und da brach es über mich herein wie eine Tonne Ziegelsteine: Vermutlich habe ich sechs Monate meines Lebens damit zugebracht, Blätter zusammenzurechen. Und genau in diesem Moment wurde mir klar, daß ich nicht noch einen Monat rechen sollte. Niemals. Fallende Blätter wurden zum Symbol meiner Gefangenschaft in den rigiden Verhaltensweisen der modernen Gesellschaft. Und ich, der menschliche Gernegroß, hab eine Menge Zeit aufgewendet, der Natur Benimm beizubringen. Also war ein Umzug angesagt. Hier haben wir nun einen hauseigenen Vorrat an Babysittern, der garantiert jeden September erneuert wird. « » Und einen ständigen Zustrom von bierseligen Jugendlichen, der sich ebenfalls stets selbst erneuert. Schade, daß Sie es nicht schaffen werden, ihnen den Hintern zu versohlen. « » Ja? Behalten Sie mich im Auge! Aber bislang war es okay. Es gefällt uns. In einem der neuen Wohnheime würden wir uns nicht wohl fühlen – zu steril. Aber das hier ist hübsch. Erinnert mich an ein Apartmenthaus, in dem ich seinerzeit in Cambridge wohnte. Und die Miete stimmt auch – eine gute Sache. « » Ich hoffe, Sie haben einen anständigen Preis für Ihr eigenes Haus bekommen … « So la la, gab er mit einer Geste zu verstehen. » Einigermaßen … Der Markt ist noch immer ziemlich übersättigt. Ehrlich gesagt war ich froh, daß wir es überhaupt verkaufen konnten. « » Für mich kommt ein Umzug nie mehr in Frage. Man wird mich vom Küchenboden in meinem Haus kratzen müssen. « » Nun ja, für Sie sind ja auch eine Menge Erinnerungen damit verbunden. Für uns war es nicht so schlimm. « » Sie hatten großes Glück. « » Ja, das stimmt. « Ein Moment nachdenklichen Schweigens verging. » Kommen Sie «, unterbrach es John, » ich führe Sie herum. « Nach der Besichtigung setzten sie sich an einen Tisch im Eßzimmer neben der Küche und berichteten sich gegenseitig die Einzelheiten der letzten paar Monate. » Das Mädchen, das in England für Sie gearbeitet hat … «, begann John. » Caroline. « » Ja. Wie geht es ihr jetzt? « » Viel besser. Tatsächlich hat sie kürzlich geheiratet. « » Im Ernst? Wie nett! « Er hielt kurz inne. » Ich erinnere mich, daß Sie mir von diesem englischen Polizisten erzählt haben, der scharf auf sie war. Ist das der Glückliche? « » Genau der. Er hat einen Posten als Lieutenant bei Biopol in Westmassachusetts. « » Donnerwetter «, pfiff John durch die Zähne. » Beeindruckend. Aber was ich wissen wollte, wie ist ihr, eh … « » Zustand «, sagte Janie mit einem Lächeln. » Es geht ständig aufwärts. Ihr Zeh ist ziemlich gut verheilt. Gelegentlich entzündet er sich noch – ich weiß nicht genau warum, und sie will deswegen zu keinem neuen Arzt gehen … « » Verständlich. « » Ja, denke ich auch. Aber sie macht sich recht gut. Sie war entschlossen, durch das Kirchenschiff zu marschieren, ohne zu hinken, und bei Gott, sie hat es geschafft! Natürlich hat sie es sehr angestrengt. Und ich bin nicht sicher, ob sich ihre Psyche jemals wieder ganz erholt. Zum Glück ist Michael enorm verständnisvoll. « Es entstand eine kurze Pause. » Für einen Biocop … sie war die letzte Person, die ich mit jemand so Offiziellem verkuppelt hätte. Aber allem Anschein nach lieben sie sich wirklich … « » Na ja, das ist doch das einzige, was zählt, nicht? Selbst Cops können sich verlieben. Ich vergesse manchmal, daß in diesen Anzügen echte Menschen stecken. Bin trotzdem froh, daß wir in letzter Zeit nicht allzu viele von ihnen sehen. « Eine Frage schoß Janie durch den Kopf, als John das sagte – Oder sehen wir mehr von ihnen? Manchmal kam es ihr so vor. » Es war hart, was sie durchgemacht hat «, fuhr John fort. » Und Sie auch. « » Genau! Ich glaube, in gewisser Weise sind wir beide noch immer damit beschäftigt. « » Denken Sie daran, daß es schlimmer hätte kommen können. Viel schlimmer. He, was ist eigentlich mit diesem Mann, den Sie da drüben kennengelernt haben? Versuchen Sie immer noch, ihn rauszuholen? « Sie senkte den Blick, als betrachte sie den Henkel ihres Kaffeebechers. » Ja, tue ich, aber es ist eine frustrierende Prozedur. Mein Anwalt wird dabei schrecklich reich. « » Tom? « » Hm. « » Was sagt er über die Aussichten? « » Er hält sie für wenig vielversprechend, leider – obwohl Bruce amerikanischer Staatsbürger ist. Zwar lebt er seit zwanzig Jahren in England, hat aber immer noch seinen amerikanischen Paß. « » Wo liegt dann das Problem? « » Das gesamte Alarmsystem lief Sturm, als sie seinen Paß gescannt haben. « » Und bei Ihrem Paß ist das nicht passiert? « » Nein, erstaunlicherweise nicht. « » Das Glück der Langbeiner, schätze ich. Na ja, man weiß nie, vielleicht ändern sich die Verhältnisse, und er kann mal wieder einreisen. « » Da klopfe ich auf Holz. « John grinste. » Das müssen heutzutage viele Leute. Also, als Sie anriefen, haben Sie gesagt, Sie wollten mein Gehirn anzapfen. « Janie setzte sich gerade hin; ihre Miene hellte sich auf. » Und Ihre Computer, wenn Sie nichts dagegen haben. « » Das kostet eine Million Dollar Strafe, wenn ich mich an einem Computer vergreife. « » Ich will ja nicht, daß Sie sich selbst daran vergreifen, John, ich meine, der Himmel verhüte, daß Sie sich etwas zuschulden kommen lassen … nur in Erfahrung bringen möchte ich, wohin ich mich wegen etwas wenden muß вЂ“ das ist alles. « » Was sollte ich über Zugangswege in einem Computer wissen, das Sie nicht wissen? « » Ich muß herausfinden, welche Art Subventionsgeld da draußen herumgeistert. Sie scheinen unerschöpfliche Quellen zu haben, und ich bin seit einer Weile aus dem Geschäft … Sie sind doch eine Art Subventionskönig, nicht? Oder haben Sie den Biß verloren? « » Ach, Spaß beiseite, Janie! « » Nein, wirklich. Sie wissen immer, wie man an Geld kommt. Sie verfügen über einen gewissen Magnetismus. « » Wozu brauchen Sie Geld? « » Da wurde ein Kind an die Studie für Spinalregeneration verwiesen, die die Stiftung durchführt; aber mein Supervisor macht es mir schwer, den Jungen aufzunehmen. Und es könnte einen ähnlichen Fall in Boston geben, der mich auch interessiert. Die Stiftung hat dafür angeblich kein Geld. « John warf ihr einen neugierigen Blick zu. » Aber sicher hat sie das. Bei den Talenten! Wenn ihr eine kommerzielle Gesellschaft wärt, könnte man sich eure Aktien kaum leisten. « Er rührte in seinem Kaffee und klopfte mit dem Löffel an den Rand des Bechers. » Sie wollen es bloß nicht ausgeben. Ich hoffe, das überrascht Sie nicht. « » Nein, im Grunde wohl nicht … natürlich bin ich enttäuscht, aber überrascht nicht! « » Gut. Sonst müßte ich meine hohe Meinung von Ihnen ändern. « » Übrigens gibt es noch einen Grund … « Sie erklärte, was Tom zu ihrer Wiederzulassung meinte. » Je mehr ich über diesen Jungen erfahre, desto mehr denke ich, daß wir es da mit etwas Wichtigem zu tun haben. « » Aber er hat sich Knochen gebrochen … das fällt nicht unter Neurologie « » Seine Wirbelsäule ist schwer traumatisiert. Das ist neurologisch. Hören Sie, freilich ist es nicht Ihr Fachgebiet, also sehen Sie es vielleicht anders als ich. Aber glauben Sie mir, da liegt etwas Einmaliges vor. Vielleicht einmalig genug, um meine Wiederzulassung zu erreichen, wenn ich genügend herumstochere. « » Liegt Ihnen so viel daran? « » Ich hasse das, was ich jetzt tue. Es ist sinnlos. Ich fühle mich wie eine Art Milchmädchen, das Eimer mit Informationen von einem Ort zum anderen schleppt, damit meine Arbeitgeber es so aussehen lassen können, als seien ihre Medikamente wirksam. « » Und – sind sie es? « » Vielleicht. Ein paar durchaus! Und jetzt haben sie so viel Geld und so viele Leute in der Abteilung Erfolgsbilanz, daß sie die Sache einfach in Gang halten müssen. Sonst gehen die Investitionen, die sie schon getätigt haben, alle den Bach runter. Was ein weiterer Grund ist, warum Geld zur Verfügung gestellt werden sollte, um dieses Kind in die Studie aufzunehmen! « » Man weiß nie, was hinter diesen Organisationen steckt. Sie haben einen Aufsichtsrat wie andere große Firmen auch. Denn im Grunde sind sie nämlich große Firmen; bloß behaupten sie, sie würden keinen Profit machen. Die Regierung läßt sie aus irgendeinem Grund damit durchkommen. Zuviel Politik, zuwenig Wissenschaft … « » Scheußlich, dieser Tatbestand! Ich fühle mich fast wie eine – wie eine Hure. Aber es stimmt wohl. Ich meine, ich habe die Stelle bei der Stiftung angenommen, weil ich endlich wieder arbeiten wollte. Ich brauchte eine Ablenkung, um nicht an … andere Sachen denken zu müssen – aber auch, weil es so aussah, als hätten die ein Gewissen. Zumindest damals. Mittlerweile habe ich so meine Zweifel. « John kicherte ironisch. » So ähnlich ging es mir, als ich hier anfing – und jetzt ertappe ich mich dabei, daß ich die ganze Zeit in die andere Richtung gucke. Der Elfenbeinturm – ich wollte nie einer von diesen Konzerntypen sein, die sich nur bis zum goldenen Handschlag durchwursteln. Aber ich bin einer. Der einzige Unterschied ist meine Dauerstellung. Was wollen Sie machen? So läuft e s e ben heutzutage auf der Welt. « Er zuckte mit den Schultern und lächelte wieder. » Wir können nur tun, was wir tun können, richtig? « » Jawohl. Also können Sie sich für mich einige Subventionslisten ansehen. « Auch sie lächelte. V or allem am Abend, wenn er in England schlief und sie in Massachusetts wach und einsam war – wünschte Janie sich inbrünstig, Bruce hätte es nach Amerika geschafft. Im Vorjahr in London hatte sie nur wenige ruhige Stunden mit ihm verbracht. Außer ganz am Anfang hatte ihre gesamte Zusammenarbeit da drüben aus einer Schwierigkeit nach der anderen bestanden. Aber an den seltenen Treffen hatte sie ziemlich schnell Gefallen gefunden; und nun beschwor ihr Geist immer wieder dieses sichere und anziehende Bild von ihnen beiden herauf, wie sie gemütlich dahockten – ein Pärchen, das seit Jahren verheiratet ist und die beiderseitigen Schwächen kennt, ja verzeiht. In Wirklichkeit gab es eine Menge unbekanntes Gelände zwischen ihnen und noch viel zu klären. Doch auch wenn Tom relativ sicher war, daß Janie im Zusammenhang mit dem » Problem « nicht weiter behelligt werden würde, bestanden die Gefahren für Bruce fort. Er lebte noch immer dort und wurde beschattet, obwohl keine Anklage gegen ihn erhoben worden war und in Zukunft sicher genausowenig – die britischen Biocops, die ihn im Auge behielten, hatten nichts Schwerwiegenderes gegen ihn gefunden, als ein Techtelmechtel mit einer Amerikanerin. Aber sie wußten von seiner Verwicklung in eine gewisse schwierige Angelegenheit, um sich für ihre eigene Ohnmacht zu rächen. Janie ertappte sich dabei, daß sie in eigenartigem und ungewohntem Selbstmitleid versank, während sie zusah, wie die Sonne über ihrem geliebten Garten unterging. Schüttle es ab, mahnte sie sich. Zur Kapitulation bist du zu zäh. Und das stimmte – sie war findig und ließ sich nicht leicht unterkriegen. Nur schien ihr Selbsterhaltungstrieb in letzter Zeit nicht mehr ganz so kräftig, wenn sie ihn benötigte. Allmählich glaubte sie, sie sei sogar ein bißchen depressiv. Kein Wunder – ich hasse meine Arbeit, und der Mann, den ich liebe, befindet sich auf der anderen Seite eines großen Ozeans. Sie holte tief Luft, um sich von der Verzagtheit zu befreien, und wandte ihr e A ufmerksamkeit dem Gegenstand auf ihrem Schoß zu. Obwohl es nicht darunter gelitten hatte, daß es den großen Teich in einem verschwitzten T-Shirt überquert hatte, war das Journal eindeutig uralt und sehr empfindlich. Wegen der Risse im Lederumschlag, als es in ihre Hände gelangt war, und der abgegriffenen Pergamentseiten vermutete Janie, daß es sich um ein Arbeitsbuch handelte, das regelmäßig benutzt worden war – vielleicht sogar täglich, und zwar von einer langen Reihe von Besitzern im Laufe seiner Geschichte. Jeder hatte in dem Journal unverkennbare Merkmale hinterlassen – Aufzeichnungen, Übersetzungen, hier einen Kratzer, dort einen Fleck, hin und wieder ein Eselsohr – , von dem Foto der letzten Besitzerin vor ihr selbst bis ganz zurück zu dem verblaßten, spinnwebartigen Gekritzel des Mannes, für den wohl dieses Buch ursprünglich gebunden worden war. Ob es teuer gewesen sein mochte, fragte sie sich, als sein Vater es ihm vor mehr als sechshundert Jahren schenkte? Und welche Münze welchen Reiches hatte er benutzt, um es zu kaufen? Der stolze Erzeuger von Alejandro Canches war vermutlich zu einem Buchbinder gegangen, um es anfertigen zu lassen; damit sein Sohn, wenn er auszog, um zu lernen, die ständige Möglichkeit hatte, das Aufblühen seines Intellekts zu dokumentieren. Irgendwann während des Medizinstudiums des jungen Mannes in Montpellier wechselte die Sprache von Hebräisch zu Französisch. Diese späteren Eintragungen waren es, die Janie mühsam entziffert hatte, Wort für Wort, und zwar durch Korrespondenz mit einer Internet -G ruppe von Frankophilen, die sich genußvoll mit la langue française ancienne befaßten. Den Folianten selbst hatte sie niemals jemandem gezeigt. Doch ganz gleich, wie oft sie die Seiten umblätterte und die Worte las, tauchten unentwegt neue Fragen auf. Jetzt, da sie Zeit und das Bedürfnis hatte, sich abzulenken, beschäftigte sie sich mehr und mehr damit. Es fing an, sie verrückt zu machen. » Wieso bist du so plötzlich von dort verschwunden? « fragte sie laut. Im Jahre 1358 war halb London gestorben. » Oder bist du weggelaufen wie ich? « fragte sie den alten Arzt Alejandro erneut. Aber wenn er weggelaufen war, wieso hatte er dann etwas von s o g roßer Bedeutung zurückgelassen? Sie konnte ihn sich nicht als die Art Mann vorstellen, die eine derartige Kostbarkeit leichtfertig aufgab. » Na ja, irgendwann bist du gestorben, also ruhe in Frieden! « Der alte hölzerne Adirondack-Schaukelstuhl gab ein dünnes, aber rhythmisches Quietschen von sich, als sie mit dem offenen Buch vor sich langsam vor und zurück schaukelte. Ich habe Bruce zurückgelassen, und er war wichtig für mich. Aber heute herrschen ganz andere Bedingungen als damals … Oder? KAPITEL 3 A nderweitig hätte es vielleicht passenderes Material gegeben, das man für die bevorstehende Aufgabe hätte verwenden können; aber jetzt mußte Kate etwas Persönliches opfern, damit sie erfüllt werden konnte. Bekümmert sah sie zu, wie Alejandro eines ihrer beiden restlichen Hemden zerriß und die langen weißen Streifen benutzte, um den Amputierten sicher an den Tisch zu binden. » Wir werden dir ein neues kaufen «, tröstete er sie. » … falls die Freien Compagnies die Weber in Ruhe gelassen haben, damit sie Leinen für Frauen herstellen können «, sagte sie spöttisch. » Ein neues wird nicht leicht zu beschaffen sein, Père. « » Ich weiß «, sagte er mit einem entschuldigenden halben Lächeln. » Wenn ich ein Hemd übrig hätte, hätte ich meines hergenommen. « » Warum nicht die Kleider des Toten? « Karle protestierte. » Würdet Ihr ihn nackt zu seinem Gott schicken? Seit den Zeiten Adams waren die Menschen vor Gott bedeckt. « Sie seufzte schwer. » Es wäre besser, wenn wir ein richtiges Seil hätten. Womöglich wächst in der Nähe eine geeignete Schlingpflanze, die den Bränden entgangen ist. « Sie schaute den halb bewußtlosen Mann an, der mit den zerrissenen Streifen ihres vormaligen Gewands jetzt fest an die Tischbretter gebunden war. » Aber inzwischen hat mein Hemd einem guten Zweck gedient! « » So ist es «, bestätigte Alejandro. » Er darf nicht herunterrollen, sonst fängt er am Ende wieder zu bluten an. « Nun hauchte er sanfte Worte in das Ohr seines Patienten, obwohl der Mann ihn bestimmt nicht hören konnte. » Wir sind bald wieder da. Hier seid Ihr sicher. Hoffentlich fangt Ihr nicht an zu schreien … « Er betete darum, den Mann noch am Leben zu finden, wenn sie zurückkehrten. Seine Zweifel behielt er für sich. Als sie kurz vor der Morgendämmerung mit dem Leichnam von Karles namenlosem Gefährten aufbrachen, war das Licht noch schwach; außerdem wurde der Wald um sie herum tiefer, und sie mußten auf ihre Schritte achten. Nach einer Weile stahlen sich lange Sonnenstrahlen durch das Laub. Kleine, versteckte Tiere rührten sich im Dickicht, als die Fremden über den wenig benutzten Pfad schlichen. Jedesmal, wenn der Zug das nächste Vogelrevier störte, füllte sich die Luft mit schrillem Protestgekreisch. Doch keiner der Beleidigten kam aus den Wipfeln der Bäume herunter, um sie zu verscheuchen. Ihre grausige, aufgeblähte Last war abschreckend genug. » Ein Fluch über Euer Pferd «, sagte Karle, während er sich vorwärts kämpfte. » Das ist ein widerspenstiger Esel. Wenn es meines wäre, würde ich es mit einem kräftigen Ast verprügeln für seinen Starrsinn. « » Es hat den Geruch des Todes nie gemocht «, erklärte Alejandro. » Deswegen scheut es dauernd. Und ich habe in meinem Leben genug Schaden durch scheuende Pferde mitbekommen. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. « Der Anblick jenes Esels, der sich in Panik aufgerichtet hatte, begleitet vom Schreien der jungen Spanierin, als der verwesende Kadaver aus dem Karren kippte, kam ihm in den Sinn – der Beginn seiner dramatischen Flucht durch ganz Europa mit ihrem schmerzlichen Ende in London. Er schob die Erinnerung beiseite und packte den hölzernen Griff der Bahre fester. » Müssen wir dieses Ding tragen? « sagte er. » Könnten wir es nicht hinter uns herziehen? « » Jaja … und auf dem Waldboden eine Spur hinterlassen, der selbst ein Edelmann zu folgen wüßte «, antwortete der Franzose Karle. » Möge es Gott gefallen, daß Navarra nicht ausreitet, um mich zu suchen, bevor wir zu Jean zurückkehren. Als ich letzte Nacht unsere Spuren verwischt habe, war es dunkel, und ich mußte eilig fliehen. Unter Umständen sind sie nicht alle gänzlich ausgelöscht. « Nervös sah er sich um und prüfte die Schneise, die ihre Schritte auf den abgefallenen Ästen und Blättern hinterließen. » Wir werden einen besonders geschickten Nothelfer brauchen, der unsere Tritte auf diesem Waldboden verschwinden läßt! « » Ein von uns beseitigter Ast wird eine bessere Wirkung erzielen als jeder Nothelfer, denke ich, und es geht mit Sicherheit schneller «, sagte Alejandro. » Da ist was Wahres dran, weiß Gott «, keuchte Karle. » Und noch eine Wahrheit: Ich muß mich einen Augenblick ausruhen. « Nach ein paar Minuten nahm das eigenartige Trio seine Gnadenmission wieder auf. In einer Hand trug Kate Alejandros kleinen Spaten, ein jämmerliches Ding im Vergleich zu der kräftigen Eisenschaufel, die der Schmied Carlos Alderón vor so langer Zeit in Spanien für ihn angefertigt hatte. Hätte ich doch damals einen Nothelfer gehabt, um die Folgen meiner » Sünde « abzumildern, dachte Alejandro. Aber welcher Fürsprecher würde für die Sünden eines Juden einspringen? Und zu welchem exorbitanten Preis? Träge landete eine Fliege auf seiner Nase. Er blies nach oben, und sie flog auf der Suche nach einem anderen verschwitzten Opfer, das sie belästigen konnte, davon; schließlich ließ sie sich auf dem Leichnam nieder. Doch warum war es eine Sünde, nach Wissen zu streben? zermarterte er sich das Hirn. Der stetige Trott seiner Schritte lullte ihn ein, und Erinnerungen überfielen ihn. Fast zehn Jahre ist es her. Der Gedanke erfüllte ihn mit schrecklicher Reue, und bei jedem Schritt durch den Wald versank er tiefer in Melancholie. Chaotische Jahre von Pest, Aufruhr, erzwungener Wanderschaft durch ganz Europa, die letzten Jahre auf der Flucht vor den kriegführenden Truppen von Edward Plantagenet und einem Haufen Cousins eben dieses Königs sowie dem gesamten französischen Königshaus; und keiner von allen schien zu begreifen, daß der wahre Herrscher Europas jene furchtbare Pestilenz war, die sogar den Weltenschöpfer in ihrer Gegenwart erbeben ließ. Ein Jahrzehnt lang hatte Alejandro beobachtet, wie die Pest wich, zurückkehrte, wich, zurückkehrte, kreuz und quer durch Frankreich, England, Spanien, Böhmen und überall dahin eilte, wo die Ratten, ihre Überträger, Unterschlupf fanden. Fast die Hälfte der Bürger dieser » aufgeklärten « Nationen hatten sie mit Beulen bedeckt und verfault in ihre Gräber geschickt. Zehn Jahre lang waren er und das Mädchen von einem » sicheren « Ort zum nächsten geflohen und hatten ihre Identität verborgen, nur um dann festzustellen, daß es keine sichere Bleibe gab. Immer zog irgend jemand beim Anblick des maurisch aussehenden Mannes mit dem goldenen Kind die Brauen hoch. Wem glich sie, die kleine Schönheit? Ganz gewiß, so klagten die argwöhnischen Blicke ihn an, kann sie nicht deine Tochter sein. Und dieses Gesicht oder ein ganz ähnliches habe ich schon einmal gesehen … Den ersten kalten Winter hatten sie versteckt außerhalb von Calais verbracht und waren von einer verlassenen Hütte zur nächsten gezogen – denjenigen, die ihn wegen der hübschen Prämie auf seinen Kopf verfolgten, immer nur einen oder zwei Schritte voraus. Er hörte von einem Ghetto in Straßburg flüstern, und in hoffnungsvoller Erwartung ritten sie los. An diesem Winternachmittag fanden sie nicht den erwarteten sicheren Hafen, sondern das nackte Grauen vor. Auf dem Stadtplatz wimmelte es von Juden mit ihrer gebündelten Habe, umgeben von Bogenschützen. Sie waren aus Basel und Friedberg dorthin getrieben worden von aufgebrachten Christen, die den wütenden, unsinnigen Vorwurf gegen sie erhoben, Brunnen zu vergiften. Wie hatte er die mutigen christlichen Deputierten Straßburgs bewundert, die bekanntermaßen wiederholten, über » ihre « Juden könnten sie sich nicht beschweren; er hatte zu jedem Gott, der zuhören wollte, gebetet, diese Weisheit möge die Oberhand gewinnen. Aber an jenem Nachmittag, Freitag, den Dreizehnten, beobachtete er entsetzt, wie ein bösartiger Mob dieselben mitfühlenden Deputierten Straßburgs aus dem Rathaus schleifte und durch Sympathisanten ersetzte. Am Morgen des St.-Valentins-Tages wurden die Juden vor die Wahl gestellt: Taufe oder Tod durch Verbrennen. Vielleicht tausend waren vorgetreten, um das Sakrament des heiligen Johannes zu empfangen. Der Rest, manche sagten fünfzehntausend, wurde verbrannt. Viele zogen es vor, sich im Ghetto selbst zu opfern, statt mitsamt ihren Angehörigen auf den gemeinsamen Scheiterhaufen im Feuer zu enden. Er spürte gleichsam, wie ihre Asche auf ihn niederrieselte, und das Schnauben seines scheuenden Pferdes drang ihm in die Ohren. Abermals schien ihm der Schlamm der gefurchten Straßen ins Gesicht zu fliegen, ihn blind zu machen, ihm Tränen in die Augen zu treiben. Alejandro kroch das Entsetzen durch die Adern, er schrie um Gnade, betete um Erlösung … Überrascht vernahm er, wie Kates sanfte Stimme ihn aus seinem Abgrund rettete. » Père … « Sie hatte den Ausdruck auf seinem Gesicht schon tausendmal wahrgenommen, den glasigen Blick des Schmerzes, den er eindeutig nicht verbergen konnte. Er überkam ihn oft, unerwartet, fiel über ihn wie der Schatten eines Berges und nahm ihm alles Licht. » Père, wir sind da. « Einen Moment lang wirkte er verwirrt. » Was … wo? « » Die Lichtung. « » Ach ja «, stammelte er mit unsicherer Stimme. » So bald schon? « Ihrem Gefährten entging dieses leise, geübte Ritual der Rettung nicht. Der Franzose Karle wußte ihre Mienen zu deuten und nahm an, daß die Tochter dem Vater schon viele Male zu Hilfe geeilt war. Sie hat ihn aus irgendeiner bösen Erinnerung zurückgeholt, dachte er bei sich, während er sein Ende der Bahre absetzte. Fast mechanisch tat Alejandro dasselbe. » Kaum bald genug «, sagte der junge Franzose und wedelte mit den Armen, um die Steifheit loszuwerden. » Möchtet Ihr Euch noch länger quälen? « Der Arzt brauchte noch einen Moment, um sich zu fassen, und Karle musterte ihn genau. Alejandro schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können, und rieb sich rasch die Schläfen. » Nein «, sagte er leise, » einstweilen war das Sühne genug. « Er streckte die Hand aus, nahm von Kate den Spaten entgegen, drückte die Spitze auf den Boden und prüfte dessen Härte. » Hier scheint die Erde weich genug. Ich werde sie lockern, und Ihr räumt sie beiseite. « Karle nickte und ließ sich auf die Knie nieder. Jeweils nach ein paar Spatenstichen von Alejandro schaufelte Karle mit bloßen Händen das gelockerte Erdreich zur Seite. Kate half auch mit, und bald war das Loch zu tief, um die Erde vom Rand her zu entfernen. Karle sprang hinein und fuhr fort, die Brocken hinauszuwerfen. Sie hörten zu graben auf, als er bis zur Brust in der Vertiefung stand. » Ich denke, das reicht «, meinte Karle. Es sollte eine ganze Körperlänge tief sein, dachte Alejandro bei sich, sonst werden die Tiere kommen. Aber er hatte schon viel flachere Gräber gesehen, Massengräber, in denen Hunderte von Pestopfern bloß von einer Schaufel Erde bedeckt waren – im Vergleich dazu erschien dieses Grab eine königliche Krypta. Er reichte Karl e e ine Hand, um ihm herauszuhelfen, und zusammen rollten sie den Leichnam in das Loch, legten auch den abgetrennten Arm des anderen Mannes dazu. Als die Erde wieder an Ort und Stelle und festgetreten war, standen beide Männer schweigend daneben. Kate war überrascht, daß der Franzose Karle, der seinen toten Kameraden unbedingt anständig begraben sehen wollte, so wenig Interesse zeigte, sich um die unsterbliche Seele des Mannes zu kümmern. Von Alejandro war solche Geringschätzung zu erwarten: Er hegte offene Verachtung für christliche Rituale. Doch bald wurde es ihr klar. Der Jude und der Franzose starrten einander an, weil sie mit gegenseitigem Mißtrauen beschäftigt waren. Gebete für den Toten hatten keinen Platz. Ach Père, dachte sie traurig, wann werdet Ihr Euch von diesem Argwohn verabschieden, wenn überhaupt jemals? Sie wußte, daß es bei ihm schrecklich lange dauerte, bis er neue Menschen akzeptierte und ihnen vertraute; und solange er sich nicht sicher fühlte, behielt er seine Identität streng für sich. Doch der Franzose war nicht so vorsichtig oder scheu. » So, nun ist es vollbracht «, verkündete Karle. » Allein hätte ich das nicht geschafft, und ich bin dankbarer für Eure Hilfe, als ich sagen kann. Ihr kennt mich überhaupt nicht, und doch habt Ihr mir beigestanden. Vielleicht deutet das auf irgendeine Verwandtschaft hin, die uns nicht bewußt ist. « Er trat aus der Lichtung und brach von einem nahen Baum drei lange, belaubte Äste ab. » Willige grüne Nothelfer für die verbotenen Schritte unserer Füße, und sehr billig erworben. Die werden wir hinter uns herziehen, wenn wir zurückgehen, und ich fordere jeden Edelmann heraus, unsere verräterischen Tritte zu entdecken! « Er reichte den beiden anderen je einen Ast. » Und dann sollten wir als neue Verwandte auf unserem Rückweg aus diesem Wald herausfinden, worin wir uns ähneln. Vielleicht werden wir einander erklären, warum wir alle drei uns verstecken … « D och Alejandro und Kate sagten wenig, als sie einträchtig den Wald verließen. Guillaume Karle gab ihnen keine Gelegenheit dazu. » Die Schlacht war vollkommen lächerlich «, fing er an. » Einmal hat mir ein Söldner aus Florenz von einem Wort erzählt, das si e d ort benutzen – fiasco – , wenn alles fehlschlägt. Nun, in dieser Schlacht hätte nicht mehr mißlingen können. Wir waren unterlegen an Zahl sowie Waffen, und Navarras Männer kämpften wesentlich hingebungsvoller, als wir erwartet hatten – es kam uns unheimlich vor, daß ein solcher Unmensch so viel Loyalität erwecken kann. « Er stieß einen gequälten Seufzer aus. » Gestern nachmittag erhoben wir uns gegen seine Streitkräfte, als wir hörten, daß er einen stattlichen Vorrat an Wolle beschlagnahmen wollte, den ein Bauer klugerweise heimlich gelagert hatte. Der Mann beabsichtigte einen ordentlichen sou zu verdienen, und einen Gewinn zu erzielen, der seiner Schlauheit gewiß zustand! Aber Navarra wollte diese Wolle den Webern schicken, um Winterkleidung für seine Gefolgsleute anzufertigen … es reicht ihm noch nicht, daß er jeden Sack Weizen und jeden Wurstzipfel zwischen Frankreich und Böhmen gestohlen hat, jetzt muß er auch noch das rauben, womit diese armen Seelen in der kommenden Kälte ihre Leiber zu bedecken gedachten! Zu allem Unglück waren auch noch die Königin und alle Damen im Schloß von Meaux, um sich an delikaten Speisen zu laben, während ringsherum die Bauern verhungern. « Essen! Kate spürte, wie ihr Magen sich rührte. Während der Franzose sprach, tagträumte sie von den goldenen Brotlaiben, die Alejandro auf ihren früheren Reisen stets aus irgendeinem geheimen Versteck in seinen Satteltaschen gezogen hatte – eine Gewohnheit, die er von einem bewunderten, aber längst verstorbenen Kameraden übernommen hatte. Und ich kleine Närrin glaubte an Magie! Jetzt weiß ich, daß es Weisheit war. Sie schaute Alejandro an und sah den unruhigen Ausdruck auf seinen hageren Zügen. Zweifellos träumt auch er von diesen magischen Broten, während er den Klagen des Franzosen zuhört. Karle ging weiter und redete, seinen Ast hinter sich herziehend. Hin und wieder drehte er sich um. » Wir hielten uns tapfer und hatten schon die Oberhand, der Sieg schien in greifbarer Nähe. « Dann mischte sich Zorn in seine Stimme. » Aber aus dem Nirgendwo kamen zwei Ritter von einem Kreuzzug zurück. So ein unglaublicher Jammer! Cousins, einer Engländer, einer Franzose. Aber beide hatten geschworen, einer bedrängten Dame beizustehen, ganz gleich, wie widerlich der königliche Schurke ist, mit dem sie das Bett teilt. « Die Tiefe seiner Verbitterung wirkte erschütternd. » Sie ware n u ns überlegen; sie kamen mit Pferden und Schwertern und Bogen – wir mit unseren jämmerlichen Knüppeln und Messern konnten ihnen nicht standhalten. Inzwischen ist diese Wolle auf dem Weg zu den Webern Navarras. Zweifellos wurde sie direkt über die Leichen jener hinweggeschleppt, die starben, um sie zu schützen. « Er schien keine Pause zu benötigen, sondern labte sich an seinen eigenen Worten. » Sie behandeln die Bauern kaum anders als Tiere; aber trotzdem erwarten sie, daß sie Tag und Nacht säen und ernten. Nun ist in ganz Frankreich dank der Plünderungen der Freien Compagnies kein Pflug mehr aufzutreiben … und selbst wenn es welche gäbe, die klapprigen Gäule, die sie nicht beschlagnahmt haben, sind zu schwach, um die Geräte zu ziehen. Und sollte es durch irgendein Wunder Pferde und Pflüge geben, so fehlt das Saatgut. Das ist alles aufgegessen worden … « Sie hatten dieses unzufriedene Grollen auf ihren Wanderschaften schon öfter gehört, aber sich aus eigener Not immer möglichst unbeteiligt verhalten und das wachsende Chaos ignoriert. Doch Guillaume Karle schilderte den furchtbaren Zustand Frankreichs mit aufrüttelnder Leidenschaft. Während Kate zuhörte, wie er sich für die unterdrückten Bauern eingesetzt hatte, begann sie zu verstehen, daß Karle die Bürde der niedrigsten Untertanen von König Johann auf seine eigenen Schultern geladen hatte – ebenso ein Flüchtling wie sie. Abgesehen davon besaß er kraftvolle Schultern, das konnte man nicht leugnen. Er war ein gut gebauter Mann und ungewöhnlich groß für einen Franzosen. Seine helle Haut erinnerte sie an ihr eigenes Volk, und sie ertappte sich dabei, daß sie ihn anstarrte, während die Worte aus seinem Mund strömten. Mit festen und zielsicheren Schritten bewegte er sich vorwärts, und seine grauen Augen funkelten feurig erregt. Er schien das Entsetzen über den Gnadenstoß der letzten Nacht überwunden zu haben und schmiedete neue Pläne. Ehe die Sonne ihren Höchststand erreicht hatte, kamen allmählich vertraute Stellen in Sicht. Sie rasteten in einem kleinen Hain, als die Hütte vielleicht noch hundert Schritte entfernt war. » Ich sehe kein Anzeichen dafür, daß irgend etwas nicht stimmt «, äußerte Alejandro, während er durch die Zweige spähte. » Aber die Stille macht mich besorgt. « » Verglichen mit dem Lärm der Schlacht ist sie ein Segen «, erwiderte Karle. Er schickte sich an aufzustehen. Alejandro faßte ihn am Handgelenk. » Wartet! « » Was ist mit Jean? Sollte man sich nicht um ihn kümmern? « protestierte Karle. Er versuchte, seinen Arm wegzuziehen. Der Ältere packte ihn fester. » Wenn er an seinen Verwundungen sterben sollte, ist er jetzt tot. Seid geduldig. Schwierigkeiten sind nicht immer gleich erkennbar. Was das Auge nicht sieht, kann das Innere manchmal erspüren. Und im Augenblick mißtraut mein Herz dem Frieden, den meine Augen sehen. « Widerstrebend setzte Karle sich wieder hin. Er starrte ein paar Augenblicke durch die Zweige. » Mir teilen weder mein Herz noch meine Augen irgend etwas mit. « Alejandro brummte zynisch, während er erneut Ausschau hielt. Dann drehte er sich wieder zu Karle um: » Euer Herz ist jung. Wenn es dasselbe Alter hat wie meines, werdet Ihr wissen, daß es jeden Augenblick gebrochen werden kann. Einst hatte ich einen lieben Gefährten, der ein geübter Krieger war. Er hat mir viele Male bewiesen, daß solch gelassene Ruhe, wie sie jetzt vor uns liegt, binnen eines Augenblicks zerstört werden kann. « Sie blieben, wo sie waren, und beobachteten die Hütte schweigend mehrere Minuten lang. » Da ist niemand «, drängte Karle schließlich. » Laßt uns nach dem Verwundeten sehen. Ich werde ihn zu seiner Familie zurückbringen, und dann muß ich mich um diejenigen kümmern, die wir zurückgelassen haben. « Wieder gebot Alejandro seinem jugendlichen Ungestüm Einhalt. » Wartet hier! Ich werde vorangehen, um nachzusehen, ob keine ungebetenen Besucher da sind. Denn im Augenblick werdet Ihr vielleicht mehr gejagt als ich. « Langsam erhob er sich. » Ich mache mich bemerkbar, wenn es ungefährlich ist, Euch zu zeigen. « Ein kurzes Überlegen folgte. » Und wenn nicht? « fragte Karle. » Dann werde ich einen Schrei ausstoßen wie ein Raubvogel. « Er nickte Kate zu. » Und Ihr werdet die Hand meiner Tochter nehmen und davonfliegen. Sie weiß, wo sie mich wiederfindet. « Lächelnd berührte er mit väterlicher Zuneigung ihre Wange. » Alles wird gut werden, das habe ich im Gefühl. « Jetzt stand er aufrecht und wollt e d en Hain verlassen, hielt jedoch im Schutz der Bäume noch einmal inne. » Aber … « setzte er zögernd hinzu. Er griff in seine Tasche und nahm einen kleinen Beutel heraus, den er in Kates Hand legte. Münzen klimperten darin, und Kate steckte den Beutel mit einem kurzen Nicken in die Tasche ihres Rocks. Alejandro sah seine Ziehtochter lange an. Dann wandte er sich wieder Karle zu und sagte: » Nehmt dieses mit auf den Weg. Wenn es Gott gefällt, uns zu trennen, werden wir uns wiedersehen. Und dann ist es besser für Euch, wenn meine Tochter sich nicht zu beklagen hat! « A n jedem Ort, an dem sie sich in den Jahren seit England versteckt hatten, schienen ihnen Fenster Fallen zu stellen. Oft fragten sie sich als erstes, wenn sie eine Behausung ins Auge faßten, die verlassen zu sein schien: Gibt es zu viele Fenster, um hineinzuschauen? Der jüdische Arzt und seine adoptierte englische Tochter waren ungeheuer geschickt, die Augen der Welt mittels Pergament, Stoff oder manchmal Holzbrettern auszusperren. Er hatte Kate im kargen Licht von Fackeln und Kerzen unterrichtet, getröstet und aufgezogen. Ihre Sehnsucht nach Tageslicht verließ sie nie und war manchmal fast verzweifelt, aber so abgeschirmt konnten sie sich im Dunkeln nahezu ungehindert bewegen. Jetzt aber war Alejandro derjenige, der in die Hütte schauen, sein eigenes Haus ausspionieren wollte, um festzustellen, was möglicherweise während ihrer Abwesenheit geschehen war. Es gab nur ein einziges Fenster, und das war so sorgfältig verhüllt wie alle anderen ihrer jeweiligen Aufenthalte. Daher konnte er also gar nichts sehen. Alejandro verfluchte seine eigene Umsicht und wünschte sich, dieses eine Mal wäre er etwas nachlässiger vorgegangen. Er schlüpfte zwischen den Bäumen durch und in den Stall, wo er sein eigenwilliges Pferd wiederfand, das selbstzufrieden an dem Haufen langer Gräser knabberte, den man am Vortag vor ihm aufgeschüttet hatte. Ein rascher Blick in den Wassertrog verriet Alejandro, daß er nachgefüllt werden mußte, aber er konnte mit einem Eimer zum Bach gehen, wenn er alles überprüft hatte. Den riesigen Hengst begrüßte er mit einem sanften Streicheln der Nüstern. Da s P ferd schnaubte leise, als wisse es irgendwie, daß es die Anwesenheit seines Herrn nicht durch Wiehern verkünden durfte. Der Arzt flüsterte dicht an seinem Kopf ein paar beruhigende Worte und schlüpfte wieder hinaus. Dicht entlang der Wand schlich er um die Rückseite der Hütte herum, wobei er sich im Schatten hielt. Als er an der Ecke angekommen war, duckte er sich und spähte vorsichtig um die Mauer. Vor der Hütte war kein Pferd angebunden, aber in dem weichen, trockenen Boden sah er Hufabdrücke – zu viele, um von nur einem Pferd zu stammen. Er kam zu dem Schluß, daß eine Reitergruppe dort gewesen sein mußte. Aber der Staub hatte sich schon gelegt, also war sie längst wieder davon. Wir hätten hier sein können, dachte er unbehaglich, wenn wir nicht den Toten begraben hätten. Aber haben sie jemanden zurückgelassen, jemanden, der in der Hütte wartet, um mir aufzulauern? Es führten keine Fußspuren zur Hütte, aber sie konnten mit einem belaubten Ast verwischt worden sein wie seine eigenen, als er den Wald verließ. Eisige Angst krampfte seinen Magen zusammen, obwohl es dazu keinen direkten Anlaß gab. Die Tür sah aus wie immer und genauso wie bei ihrem Abmarsch in der Morgendämmerung; aber jemand konnte sie leicht geöffnet und dann in derselben Stellung wieder geschlossen haben. Warum habe ich bei der Tür keinen Stock oder Stein oder sonst etwas versteckt, wie ich es normalerweise tue, um bei der Rückkehr zu merken, ob jemand sie bewegt hat? Das hätte er sich nicht zu fragen brauchen, denn die Antwort darauf war aufreizend einfach: In seiner Verstörung über das plötzliche Erscheinen des Franzosen und dessen Blicke auf Kate hatte er nicht mehr klar denken können. Natürlich war das ein gefährliches Versäumnis, und er verwünschte sich. Er schob sich an der vorderen Wand entlang und klopfte zögernd an das Holz der Tür; dann wich er zurück und wartete auf ein Geräusch von innen. Aber er hörte nur das gelegentliche Schmerzensstöhnen des Mannes, der noch immer an den Tisch gebunden dalag. Alejandro wartete einige Augenblicke, eine kurze Zeitspanne, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, während er mit dem Rücken an die steinerne Wand gepreßt ausharrte – aber niemand erschien. Und so griff der Arzt kühn – töricht, dachte er – um die Mauer herum i n d ie Nische und drückte die schwere Tür mit einem schnellen Stoß auf. Knarrend gab sie nach und öffnete sich einen Spalt. Ratlos duckte er sich. Halb rechnete er damit, von irgendeinem grinsenden Ritter erwartet zu werden, der sich auf das schöne Kopfgeld freute, das er bekommen würde für die Flüchtigen. Und auf den Kopf von Karle war möglicherweise sogar eine zusätzliche Prämie ausgesetzt, vielleicht noch höher als die auf seinen eigenen. Zusammen mit dem Lösegeld für die königliche Tochter wäre derjenige, der diese Prämien einstrich, tatsächlich ein Glückspilz. Aber, der Himmel sei gepriesen, kein hämischer Häscher erwartete ihn. Alles, was ihn begrüßte, war das Stöhnen und Flehen des Amputierten, der trotz aller sonstigen Unbill jedenfalls noch atmete. Er hatte sich beschmutzt, da niemand dagewesen war, der ihm beistand, sich auf würdigere Weise zu erleichtern, und die Verbände, die seinen Arm einhüllten, waren rot durchtränkt. In dem kleinen, fest verschlossenen Haus stank es nach den verschiedenen Absonderungen des Mannes. Aber er war am Leben und immerhin kräftig genug, um zu stöhnen. Das ist ein gutes Zeichen, dachte Alejandro erleichtert. V orsichtig trat er ein und schaute zuerst hinter die Tür. Da dort niemand lauerte, um ihn zu verstümmeln, schloß er die Tür wieder. Er stocherte mit dem Eisen in der Asche des Herdes und fand eine glühende Kohle, an der er eine Kerze entzündete. Als seine Augen sich an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, sah er sich rasch um. Alles sieht unberührt aus, dachte er, aber für meinen Geschmack zu unberührt. Das Buch, das er studiert hatte, lag immer noch beim Herd neben seinem Lager, wo er es in der letzten Nacht abgelegt hatte. Er griff unter das Stroh und tastete umher, bis er den verborgenen Metallring gefunden hatte. Mit einem kräftigen Ruck zog er daran und hob das Holzbrett hoch, auf dem das Stroh lag. Nach einem Blick in den Keller stellte er fest, daß seine wie ein Schatz gehütete lederne Satteltasche noch vorhanden war. Mit ausgestrecktem Arm faßte er nach ihrem Griff. Ihr Gewicht überzeugte ihn von der Intaktheit des Inhalts. Eilig ließ er sie wieder fallen und schloß den Deckel über dem Versteck. Erleichtert lächelte er und dachte, wenn sie sich erst irgendwo eingerichtet hätten, würde er Kate alle Kleider kaufen, die in Frankreich noch existierten, falls sie das wünschte. Doch vorerst würden sie wieder einmal weiterziehen müssen. Es bestand kein Zweifel daran, daß die Verfolger des Rebellen Guillaume Karle ihn hartnäckig und unnachgiebig suchen würden. Der Mann war entweder unglaublich mutig oder töricht bis zum Wahnsinn. Er hatte ein Schloß angegriffen, das königliche Damen und Kinder beherbergte. Eine solche Tat würde nicht ungerächt bleiben. » Aber Euch war doch gewiß klar «, hatte Alejandro auf ihrem Rückweg aus den Wäldern gesagt, » daß die Ritter davon erfahren würden, wo immer sie sich auch befanden … Damen waren in Gefahr, und so etwas wird nicht leichtgenommen, nicht einmal vom Feind. Jeder Ritter, der seine Rüstung verdient, wäre ihnen zu Hilfe geeilt, sei er nun Franzose oder Engländer oder sogar Böhme! Das gehört zu den Pflichten ihres Standes. « » Und woher weiß ein Arzt von solchen Dingen? « wollte Karle wissen. » Ich bin ein gebildeter Mann «, war alles, was er zu sagen gewagt hatte, doch im stillen hinzugefügt: ein ungebildeter Mann, dem der König von England persönlich die Ritterschaft versprochen hat, zusammen mit der Hand von Prinzessin Isabellas Hofdame … Der Verwundete riß ihn mit einem Schmerzensschrei aus seinen nicht in Erfüllung gegangenen Träumen, und Alejandro wandte seine Aufmerksamkeit dem armen Kerl vor ihm zu. Der Patient schwitzte, doch als er ihm eine Hand auf die Stirn legte, stellte er fest, daß er kein wirkliches Fieber hatte. Er schwitzt wegen der Schmerzen, stellte Alejandro fest, und nicht vor Fieber. Dann gab er ihm ein wenig Wasser zu trinken und benutzte seinen Ärmel, um die Tropfen abzuwischen, die ihm über die Wange rannen. » Es tut mir leid, daß ich nicht mehr habe, um Euch Linderung zu verschaffen «, flüsterte er bekümmert. Der gequälte Mann brachte endlich einige Worte hervor: » In dem, was mir geblieben ist, fühle ich keinen Schmerz «, ächzte er , » aber das, was einmal da war und nun nicht mehr ist, scheint in Flammen zu stehen. Es ist, als brenne mein Arm in der Hölle und sei auch hier noch vorhanden. « Das hatte Alejandro schon früher von Menschen nach Amputationen gehört, daß nämlich das Phantomglied ein eigenes Leben führte und nun den restlichen Körper mit dem verzweifelten Bedürfnis beherrschte, sich in Erinnerung zu bringen. » Wir haben ihn begraben. Es tut mir leid, daß wir ihn abnehmen mußten; aber wenn ich ihn Euch gelassen hätte, wäre jetzt Euer ganzer Körper auf dem Weg in die Ewigkeit. « » Wenn Navarra uns findet «, keuchte der Mann angstvoll, » wird er mir mit Freuden auch noch den anderen Arm nehmen. « Er versuchte den Kopf zu heben. » Und wo ist Karle? Er darf nicht in Gefangenschaft geraten sein, sonst ist unsere Sache verloren! « Alejandro wischte dem Unglücklichen die Stirn ab. » Er wartet nicht weit entfernt mit meiner Tochter und ist in Sicherheit. Wenn ich mit Euch fertig bin, werden wir ihnen ein Zeichen geben, daß sie zurückkommen können. Ich kann schneller arbeiten, wenn er mir dabei nicht über die Schulter sieht. Er lenkt mich ab. « Sein Gemurmel schien den leidenden Patienten zu beruhigen, und so sprach er weiter, während er ihn versorgte. » Aber gewiß wird dieser Navarra Euch jetzt keinen Schaden zufügen; es wäre eine schwere Sünde, kein Erbarmen mit einem so verstümmelten Menschen zu haben – vor allem nach all unseren Bemühungen, um Euch zu retten. Gott würde gewiß jeden für ein solches Vergehen in die Hölle schicken. « » Gott schaut in die andere Richtung, wenn Navarra am Werk ist. « » Der Herr wendet niemals den Blick ab, mein Freund. Er sieht alles. Und jetzt wird Er Eure Wunde anschauen, indem Er mich veranlaßt, sie freizulegen. « Er begann, den Verband um den Stumpf abzuwickeln. Wäre ein Leben ohne Arme schlimmer als der Tod? fragte sich Alejandro schaudernd und flehte insgeheim, das hoffentlich nie zu erfahren. Aber in der Stille glaubte er aus der Ferne schwache Hufschläge zu vernehmen. Einen Moment hielt er in seiner Arbeit inne und lauschte. Das Geräusch schien für einen Moment zu verschwinden, doch dann kehrte es zurück, wurde deutlicher und kam näher. Der Patient schaute zur hölzernen Tür der Hütte und begann angstvoll zu murmeln. Der arme Mann hatte sich wieder beschmutzt, entdeckte Alejandro, noch ehe er ihn vom ersten Mal gesäubert hatte. Hastig legte er ihm denselben Verband wieder an und verfluchte dabei seine Unvorsichtigkeit; denn er hatte diesen Verband mit seinen Händen berührt, die noch von der Beerdigung besudelt waren. Doch das wird keine Rolle mehr spielen, wenn diese Reiter nicht weiterziehen, dachte er, und sein Herz klopfte heftig. Vielleicht werden sie die Hütte überhaupt nicht finden und ihren Weg fortsetzen, ohne sie zu bemerken. Er hatte sie wegen ihrer versteckten Lage gewählt, und sie war ihm sicherer vorgekommen als andere Möglichkeiten; da in den Kriegen und durch die Pest so viele Menschen umgekommen waren, gab es Hunderte von Hütten, die jetzt leerstanden. Aber Karle hatte ihn ziemlich mühelos gefunden, und obwohl er stets bedacht war, seine Spuren zu verwischen, mußte er doch einige hinterlassen haben. Verflucht sei alles, was geht, fliegt, schwimmt oder kriecht, dachte er niedergeschlagen. Warum habe ich keine bessere Wahl getroffen? Er begann, seinen wimmernden Patienten loszubinden, doch das Geräusch näher kommender Reiter schien jetzt bereits greifbar. Hastig zog er ein Messer aus seinem Stiefel und durchschnitt die Streifen, die er aus Kates Hemd gerissen hatte. Das Leinen schien in seiner Abwesenheit zu Eichenholz und sein Messer unerklärlich stumpf geworden zu sein. Der Kämpfer lag noch immer teilweise gebunden auf dem Tisch, doch er eilte ans Fenster. Er riß das Pergament ab, das die Öffnung bedeckte, legte die Hände um den Mund und stieß den Schrei des Falken aus, der er in diesem Moment gern gewesen wäre. Dann packte er den Metallring im Stroh, riß ihn hoch, und ein Blick bestätigte ihm, was er längst vermutet hatte – das Versteck bot Platz für zwei. Als mächtigerer Feind erwies sich indes die Zeit, nicht der Raum. Die Hufe klangen laut wie Donnerhall, und er konnte das Schnauben der schäumenden Pferde hören. Würde Gott beim letzten Gericht zustimmen, daß er die Pflicht hatte, sich selbst zu retten, nicht um seiner willen, sondern für Kate? Und für all diejenigen, deren Leid er vielleicht in der Spanne, die ihm noch blieb, lindern könnte? Aber es war nicht der Moment, sich diese Frage zu stellen. Verzweifelt flüsterte er: » Vergebt mir, Kamerad, ich bedaure es aus tiefster Seele … Ich flehe Euch an, uns nicht zu verraten. Um meiner Tochter willen. Gott sei mit Euch! « Dann schlüpfte er in das Erdloch zu seiner Satteltasche und legte sich hin. Er ließ die Bodendiele über sich fallen, mitsamt dem Stroh und allem. Und noch ehe seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, hörte er die Hufschläge vor der Hütte verstummen. Die Tür splitterte auf und männliches Schnarren auf französisch erklang. Seine Blase schien plötzlich zum Bersten voll, und er bat jeden Gott, der vielleicht zuhörte, um die Gnade, noch einmal Gelegenheit zu bekommen, sie stehend zu entleeren. KAPITEL 4 A uf dem Stuhl neben Abraham Prives ’ Bett im Jameson Memorial Hospital saß eine Frau, die jeder leicht als Mutter des Jungen erkennen konnte, nicht nur an der Ähnlichkeit, sondern auch an ihrem vergrämten Gesichtsausdruck. Soeben wollte Janie an die offene Tür klopfen, hielt jedoch einen Moment inne, als sie erkannte, daß Mrs. Prives die Hand ihres Sohnes umklammerte und leise zu ihm sprach. Vielleicht störte sie … Vermutlich kann er alles hören, dachte Janie traurig, während sie in einiger Entfernung stehenblieb, obwohl sie das erst sicher wissen konnte nach der Untersuchung des Gehörs des Jungen. Bis dahin würde die Mutter warten – auf irgendein Zeichen, daß er sie wahrnahm, auf irgendeinen Hinweis, daß der Junge, den sie gekannt hatte, wieder zum Vorschein käme. Janie wußte, daß sie sich dabei in zahlloser Gesellschaft befand; denn irgendwo auf der Welt wartete immer eine Mutter darauf, daß ihr Kind von irgend etwas zurückkehrte. Vor demselben Krankenhaus hatte Jahre zuvor Janie selbst gestanden, vor einem hastig errichteten Zaun, einer grausamen Folge des Kriegsrechts, das weder sie noch sonst eine der Personen neben ihr in den Jahren vor dem Ausbruch von MR Sam je erlebt hatte. Während ihres ganzen Lebens hatte es innerhalb des Landes keine Kriege oder Aufstände gegeben, doch der Zaun als solcher wirkte wie eine feindliche Invasion. Die verhaßte Barriere hatte ihre schmutzige Arbeit getan und war inzwischen längst abgebaut worden; doch ihr Anblick blieb für immer in Janies Erinnerung eingebrannt. Sie und Hunderte von anderen hatten um Einlaß gebettelt und gefleht; doch sie wurden von den schußbereiten Waffen der Polizisten, die dieselbe Angst schüttelte wie die Menge vor ihnen, in Schach gehalten. Viele Menschen auf beiden Seiten hatten Angehörige in diesem Krankenhaus – oder Freunde oder Kollegen, di e p lötzlich den Killer-Bakterien zum Opfer gefallen waren. MR Sam hatte alles verändert, überall und fast für jedermann; mittlerweile hatten sich die Umstände zwar gebessert und das Leben war normaler geworden, aber nie wieder würde es wie früher sein. Sie stand an der Tür zum Zimmer des Prives-Jungen und wartete darauf, daß drinnen etwas geschah. Dabei rieb sie gedankenverloren an der Injektionsstelle in ihrer Handfläche, während Erinnerungen an jene dunklen Tage von neuem in ihr aufstiegen. Ihre Sinne spielten ihr einen psychologischen Streich, und alles wirkte wieder ganz real: der kalte Maschendraht des Metallzaunes, der feuchte, metallische Geruch, den er an ihren Fingern hinterließ, die blinkenden Lichter der Ambulanzwagen, die hintereinander langsam die State Route 9 zum Hospital rollten und das provisorische Krematorium ansteuerten, das noch nicht abgerissen worden war. An Regentagen glaubte Janie manchmal, den Geruch der Leichen in der Luft zu spüren, die man verbrannt hatte, damit die Geißel, die sie vernichtet hatte, sich nicht ausbreitete. Aber es war doch passiert, und an manchen Orten existierte sie noch immer. Sie würde niemals ganz unter Kontrolle gebracht werden. Höchstens unterdrückt. Eine von diesen Leichen war ihr einziges Kind, das nicht zurü ckk ehren würde, wie lange Janie auch warten mochte. Sie ließ noch einige Sekunden vergehen und klopfte dann leise. Die Mutter drehte sich nach ihr um. Zögernd sagte Janie: » Mrs. Prives? « Ein hoffnungsvolles Nicken. » Ich bin Janie Crowe von der New Alchemy Foundation. Wir, eh … « Mrs . Prives, eine Frau mit leicht birnenförmiger Figur, ergrauendem Haar und Brille mit dicken Zweistärkengläsern, stand in Windeseile auf und strich sich mit einer nervösen Geste den Rock glatt. » Oh, ja «, sagte sie mit schwacher Stimme. Janie blieb auf der Schwelle stehen und wußte nicht, was sie tun sollte. Mrs. Prives winkte mit der Hand. » Bitte. Kommen Sie herein. « » Ich möchte nicht stören … « Ein angedeutetes Lächeln erschien auf dem Gesicht der Frau. » Ich habe doch ein Kind. Da ist man allerhand gewöhnt. « Si e w andte sich wieder ihrem Sohn zu. » Abe ist nicht – wach, ich glaube nicht – also werden Sie ihn ohnehin nicht stören. « Janie erwiderte das Lächeln, als sie an das Bett trat. » Man weiß nie. Hoffentlich störe ich ihn. Und ich hoffe auch, daß wir bald wissen werden, ob er uns bemerkt oder nicht. « Mrs. Prives sah ihren Sohn an und dann wieder Janie. » Das wäre sicher ein Fortschritt. Haben Sie irgendwelche neuen – ich meine, gibt es Neuigkeiten? « Janie wußte, was sie fragen wollte. Es machte sie traurig, daß Leute oft meinten, sich entschuldigen zu müssen, wenn sie nach Informationen hungerten. Wie kam es, daß diese Scheu sich so schrecklich weit ausgebreitet hatte, so jämmerlich allgemein geworden war? Oft empfand sie sie selbst auch voller Grimm, weil das, was diese Scheu vor Fragen auslöste, nur Angst sein konnte. » Es würde mich freuen, wenn wir ihn in das Patientenpflegezentrum der Stiftung aufnehmen könnten. Ich will aber offen zu Ihnen sein, denn da bestehen einige Schwierigkeiten. Es gibt finanzielle Probleme, die noch nicht geklärt sind. « Bitterkeit machte sich auf dem Gesicht der Mutter bemerkbar. » Wie immer! « » Auf keinen Fall möchte ich Ihnen unbegründete Hoffnung machen. Aber wenn Ihnen das ein Trost ist, Sie sind nicht allein – wir versuchen, noch einen anderen Jungen aufzunehmen, der ähnlich betroffen ist wie Abraham … « » Inwiefern ähnlich? « unterbrach Mrs. Prives sie. » Die gleiche Art von Knochenzersplitterung. « » Die Leute haben mir gesagt, daß solche Brüche selten sind. « » Nun ja, das glauben wir alle … « » Glauben? « Janie zögerte, da sie ihre Antwort so klar und so wenig entmutigend wie möglich formulieren wollte. » Genaugenommen ist darüber noch nicht viel nachgedacht worden. Daran sehen Sie, wie selten sie sind. Im Moment geht es um die Genehmigung zu einer landesweiten Befragung, ob es noch weitere Fälle gibt. « » Und die ist schwer zu bekommen? « » Leider oder zum Glück, je nach Standpunkt, ja, sozusagen schwierig. Aber nicht unmöglich. Die Erfolgsrate der Stiftung bei Anträgen auf Zugang zur Datenbank ist recht gut. « » Wo ist dieser andere Junge? « » Boston. « » Oh! Also eigentlich nicht von hier. « Janie schwieg einen Moment. » Nein, wohl nicht. « Während sie im stillen die Finger kreuzte und sich wünschte, der Antrag, den sie bereits eingereicht hatte, würde genehmigt, dachte sie: In einem solchen Fall wäre sogar dieselbe Erdhalbkugel so etwas wie » von hier « . A brahams wegen mußte sie so viele Telefonate führen, daß sie ihren Nachmittagstermin fast vergessen hätte. Aber schließlich kam ein Zwischenmoment, in dem Janie einen raschen Blick in ihren Kalender warf, und da war sie – eine Verabredung, bereits vor ein paar Tagen getroffen und beinahe vergessen … Reine Verleugnung, wurde ihr klar. Sie griff nach ihrer Tasche und rannte hinaus. Der dunkelgetäfelte und mit Messing beschlagene Aufzug, in dem sie nach unten fuhr, sah noch immer nach der Handelsbank aus, die früher in diesem Gebäude residiert hatte. Sie war übernommen worden, als der Vorstand und die meisten Aufsichtsratsmitglieder sich tief vor MR Sam verneigten und nicht wieder hochkamen. Das war ein klassischer Fall von Konsolidierung mitten in den Ausbrüchen, bei dem ein dicker Fisch, ein Großkonzern, bewies, daß ein kleinerer Konzernfisch in der Nahrungskette unter ihm stand, indem er ihn schluckte. Der größte Teil des Profits kam dabei ein paar ehrgeizigen, vom Glück begünstigten Aktionären zugute, die den Weitblick besaßen, ihre Ernte einzufahren, solange die Seuche wütete. Janies Timing war besser als gewöhnlich – der Bus, der zur Universität fuhr, schaukelte gerade um die Ecke, als sie die Granittreppe hinunterstieg. Sie legte ihre rechte Hand auf den Türsensor und stieg ein, nachdem sich die Klappen mit dem Geräusch entweichender Luft geöffnet hatten. Dabei wünschte sie sich, sie hätte das Benzin rechtfertigen können, um diese Fahrt mit dem Auto machen zu können. Es hätte sicher weniger Zeit gekostet. Irgendwo in Big Dattie würde der Zähler für ihre Busfahrten auf dieser Strecke um einen Punkt höher springen, sobald das System ihre Tagesdaten gespeichert hatte. Doch da sie alleinstehend und kinderlos war und keine alten Angehörigen besaß, die sie unterstütze n m ußte, kam sie nicht in den Genuß der billigsten Benzinpreiskategorie; außerdem verbrauchte sie viel zuviel von ihrer jährlichen Zuteilung für fragwürdige kleine Ausflüge. Also würde der Zähler weiterhin ab und zu höher klettern. Sie zwang sich, nicht mehr daran zu denken. Wenn sie bloß die Einwanderung erleichtern würden, dann würde es vielleicht genug Arbeiter geben, die die Benzinproduktion wieder normalisierten, dachte sie sehnsüchtig, als der Bus sich wieder in den Verkehr einfädelte. Vielleicht könnte Bruce einreisen, wenn er bereit wäre, für eine Raffinerie zu arbeiten … Sie schnaubte leise bei der absurden Erkenntnis, daß ihr Liebhaber auf der anderen Seite des Ozeans, falls es ihm jemals gelingen sollte, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, als Arbeiter auf einem Ölfeld mehr Geld verdienen würde als als Krankenhausarzt. Das National Hebrew Book Depository lag nur einen kurzen Fußweg von der Endhaltestelle des Busses entfernt. Man ging über einen Weg aus Schieferplatten in den dichten Park am südlichen Ende des Universitätsgeländes. Das Depository selbst, harmonisch und unauffällig zwischen die Bäume integriert, war ein verblüffender zeitgenössischer Bau. Er erweckte den täuschenden Eindruck, kaum mehr als eine Hütte im Gehölz zu sein, so geschickt war er angelegt. Janie hatte sich über das Gebäude informiert und wußte, daß es sich aufgrund der fast unanständigen Beharrlichkeit der Kuratorin, die sie heute aufsuchen wollte, geradezu perfekter Sicherheit rühmen konnte. Die roh behauenen Balken, mit denen es verkleidet war, verbargen eine Konstruktion aus bomben-, kugel- und feuersicherem Stahl und Beton; sie schützte den kostbaren Inhalt vor jedem bösartigen Unfug, den eine politisch so brisante Einrichtung geradezu anziehen mußte. Die Kuratorin, Myra Ross, war eine gedrungene, grauhaarige Dame in den Sechzigern, deren Kleinwuchs in keinem Verhältnis zu ihrer immensen Persönlichkeit stand. Als sie sich zum erstenmal getroffen hatten, vor ein paar Wochen bei einer Vernissage, hatte die winzige Person mit unverhülltem Neid zu der großen, schlaksigen und noch immer dunkelhaarigen Janie aufgeblickt und sie dann prompt mit Witz und Charme und unglaublicher Intelligenz beeindruckt. Janie fand den Neid erheiternd angesichts der Tatsache, daß die Kuratorin so grenzenlose Energie und Vitalität zu besitzen schien, die ihr selbst auch nicht annähernd zur Verfügung stand. An diesem Tag begrüßte sie Janie in dem Empfangsbereich vor ihrem Büro mit einem kräftigen Händedruck. Als sie sie dann hineinführte, sagte sie: » Ich muß Ihnen gestehen, Dr. Crowe, es gibt selten so viele Geheimnisse um eine potentielle Stiftung. Gewöhnlich weiß ich, wegen welcher Dinge die Leute mit mir Kontakt aufnehmen. Aber Sie haben mich völlig verwirrt und, möchte ich hinzufügen, fasziniert. « Sie wies auf einen dick gepolsterten Sessel, in dem Janie Platz nahm. Mit einem raschen Rundblick stellte die Besucherin fest, daß die Wände des Büros mit einer eindrucksvollen Sammlung von Diplomen und Auszeichnungen geschmückt waren, durchsetzt von Fotos der Dame selbst, die an der Seite einer erstaunlichen Vielfalt von prominenten Spendern posierte. » Sie haben Barbra Streisand getroffen? « begann Janie ehrfürchti g . » Mehrfach. Sie ist eine herausragende Mäzenin des Depository. « » Wie wirkt sie? « » Oh, in der Tat reizend «, schwärmte Myra. » Eine echte Dame! Im Gegensatz zu einigen anderen Spendern. › Hier ist der Scheck, und nun verschwinden Sie ‹ – so einen Ton haben manche an sich. Sie wollen eigentlich gar nichts mit uns zu tun haben. Aber Barbra war tatsächlich zur privaten Eröffnungsparty hier. Eine eindrucksvolle Persönlichkeit, das kann ich Ihnen sagen. Und sie ist immer noch eine schöne Frau. Wir sollten alle so gut aussehen. « » Nicht in diesem Leben «, meinte Janie mit einem nachsichtigen Grinsen. » Nun ja … jeder hat seine Bürde. Aber Sie, wenn ich das sagen darf, haben keinen Grund, sich zu beklagen. So, und nun erzählen Sie mir ein bißchen mehr über dieses Buch, das Sie da haben. Wie ich schon sagte, ich bin fasziniert! « Janie holte tief Luft. » Ich glaube, es ist eigentlich eher ein Journal oder Tagebuch als ein Buch «, erläuterte sie. » Ein jüdischer Arzt muß damit im vierzehnten Jahrhundert begonnen haben. Dann wurde es an eine Reihe von Menschen weitergegeben, die es als das benutzten, was es war – in erster Linie ein Handbuch der Medizin , denke ich. Alle haben etwas hineingeschrieben, aber dieser jüdische Arzt initiierte das Ganze – auf fruchtbarste Weise. « Sie legte eine Pause ein. » Ehrlich gesagt, wäre ich sehr überrascht gewesen, wenn Sie vorher schon einmal etwas von diesem Journal gehört hätten. Es war nie in Umlauf, zumindest soweit ich im Bilde bin. Mehr als sechshundert Jahre lang befand es sich am gleichen Ort, einem kleinen Haus außerhalb von London. Ein bißchen von dem, was Sie als › Geheimnis ‹ bezeichnen könnten, ist mit seinem Weg in meine Hände verbunden. Deswegen war ich diesbezüglich nicht sehr mitteilsam. « » Ich wünschte, Sie würden mir verraten, wie Sie daran geraten sind, Dr. Crowe. Selbstverständlich werde ich alles, was Sie mir mitteilen, streng vertraulich behandeln. « » Ist mir klar «, murmelte Janie, » und ich glaube Ihnen auch. Aber es gibt einige – potentiell – illegale Dinge, könnte man wohl sagen, die damit zusammenhängen. Auf einmal erwiese es sich als fatal, wenn Sie davon wüßten … zumindest teilweise. « Sie rutschte unbehaglich in ihrem Sessel herum. » Aber inzwischen bin ich der Meinung, daß das Objekt an einen sichereren Ort gebracht werden sollte als dort, wo es sich jetzt befindet. Und nach einer solchen Aufbewahrung sehe ich mich im Moment um. Sie sind meine erste Station. « Myra Ross warf Janie einen unerwartet strengen Blick zu, ungefähr so, als drohe sie ihr mit erhobenem Zeigefinger. » Sie müssen mir verraten, ob es gestohlen ist. Denn wenn das der Fall wäre, das verstehen Sie natürlich, können wir es niemals … « » Nein. Ich habe es nicht gestohlen. Und vermutlich hat es auch niemand anders gestohlen. Wie ich schon sagte, sehr lange Zeit war es für die Welt verloren. Bis – nun, ich möchte nur anmerken, daß der letzte Besitzer des Buches tot ist – er kam bei dem Feuer um, das sein Haus zerstörte. « Das war die Wahrheit, wenn auch etwas gedehnt. » Er hatte keine Erben. Als es passierte, habe ich das Buch gerettet. Sonst wäre es mit verbrannt. Ein unschätzbarer Verlust, glauben Sie mir! « » Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann nimmt es jetzt sicher seinen richtigen Gang. « Myra lehnte sich zurück und musterte Janie ein paar Augenblicke, maß sie von Kopf bis Fuß. » Sie möchten Ihr Journal also vielleicht hier unterbringen. Verzeihen Sie, wenn ich s o u nverblümt rede, aber ich denke, Sie wünschen dafür eine Gegenleistung. So läuft das gewöhnlich. « » Was ich möchte, ist garantierter Zugang zu dem Journal – ganz gleich, wann. Und Ihr Versprechen, daß Sie es, wenn Sie es von mir erwerben, niemals an jemand anderen weiterverkaufen. « » Nun, den Zugang kann ich Ihnen nur dann versprechen, wenn das Depository geöffnet hat, es sei denn, Sie melden sich vorher an. Wir würden unser Bestes tun, um Ihnen entgegenzukommen, wenn Sie es hier unterbringen. Aber Sie verstehen, daß es Sicherheitsvorkehrungen gibt. « » Ja, natürlich. Das schwebt mir ja vor. « » Und was einen Verkauf betrifft – jeder Zweifel an Ihrer Eigentümerschaft würde auf uns übergehen, wenn wir es von Ihnen erstehen – also sind uns ohnehin die Hände gebunden. Aber der Besitzanspruch würde bei uns definitiv mehr Fragen aufwerfen als bei Ihnen – es wäre also vielleicht keine gute Idee, daß wir Eigentümer werden. Es besteht eine Menge anderer Möglichkeiten. Die erste, die mir einfällt, ist eine Vereinbarung, daß mehrere Einrichtungen wie unsere sich für eine vertraglich abgesicherte … › Dauerleihgabe ‹ einsetzen. Auf diese Weise würde das Buch immer Ihnen gehören. Wir würden es hier nur aufbewahren und ausstellen – jedoch bliebe es immer Ihr Besitz. Sie können darauf Kredit aufnehmen, wenn Sie Geld brauchen, es zu persönlichem Gebrauch zurücknehmen, wenn Sie das wünschen, und so weiter. Sicher haben Sie in Museen schon Plaketten gesehen, auf denen etwas steht wie › Leihgabe aus der Sammlung Soundso ‹. « » Ja, habe ich. Aber ich möchte nicht, daß mein Name offiziell erscheint. « » Dann könnte es lauten: › Anonyme Sammlung ‹, wenn Ihnen das lieber ist. « » Ja, entschieden. « » Das wäre kein Problem. So etwas ist durchaus üblich. Wenn nun die Vereinbarung für Sie zufriedenstellend ist und Sie beschließen, das Buch bei uns verwahren zu lassen, dann nehmen wir sofort eine Schätzung vor, um es angemessen zu versichern. Wie hoch haben Sie es zur Zeit versichert? « » Gar nicht, muß ich leider zugeben. Zumindest nicht außerhalb meiner normalen Hausratversicherung. « Mit tadelndem Blick fragte die Kuratorin: » Wie können Sie nachts schlafen, Dr. Crowe? « Schuldbewußt schlug Janie die Augen nieder. » Ich weiß nicht. In manchen Nächten schlafe ich offen gestanden gar nicht. Das ist mit ein Grund für mein Hiersein. « » Nun, dann lassen Sie uns tun, was wir können, um dem abzuhelfen, ja? Bringen Sie mir diesen Schatz, damit ich ihn mir ansehen kann. Je eher, desto besser. Und seien Sie vorsichtig. « A n den Zeitunterschied gewöhnte Janie sich einfach nicht. Sie war noch bei der Arbeit, und Bruce machte sich fertig, um zu Bett zu gehen. Der Anruf war verabredet, aber sie hatte sich um ein paar Minuten verspätet. Als sie sich einschaltete, war er längst da, lächelte eifrig von ihrem Computerbildschirm, eine Vision in kariertem Flanell. » Hübscher Pyjama «, sagte sie. » Ist der neu? « » Ja. Gefällt er dir? « » Chic. « » Bei Harrod ’ s war Ausverkauf. Für dich habe ich auch eine Kleinigkeit gekauft. In der Wäscheabteilung. « » Oooh, zeig sie mir! « » Nein. Das wird warten müssen, bis ich dir gegenüberstehe. « » Und das wird, wie ich dir erfreut berichten kann, nächsten Monat sein. « » Wirklich? Du liebe Güte, das ist toll! Wohin fahren wir? « » Du wirst es nie erraten. Island. « Seine Erregung klang ein wenig ab. » Da hast du recht. Darauf wäre ich nie gekommen. « » Das Reisebüro sagt, daß es dort wirklich wunderschön ist. « » Janie, es ist ein riesengroßer Felsblock. Mitten im Nirgendwo. « » Macht uns das etwas aus? Wir werden zu tun haben. Und das Reisebüro will mir einen Prospekt schicken. Wenn wir nicht beschäftigt sind, werden wir also wissen, was es sonst zu unternehmen gibt. « » Für wie lange kannst du weg? « » Fünf Tage, vielleicht sechs. « » Dann brauchen wir keine Prospekte. « Sie lachte. » Das habe ich auch gedacht. Das Reisebüro schickt mir in den nächsten paar Tagen die endgültigen Unterlagen. « » Gut. Du wirst sie mir faxen … « » Natürlich, sobald ich sie habe. « Sie schwieg einen Moment. » Himmel, wie ich dich vermisse! Ich weiß, das kommt nicht rüber durch die Leitung, aber ich hoffe, du weißt und fühlst es. Das ist obligatorisch! « » Ich fühle es «, bestätigte er. » Und ich vermisse dich auch. « » Tut mir leid, daß sich mein Anruf verspätet hat. « » Schon in Ordnung! Ich war sowieso nicht richtig müde. Seit ein paar Nächten wälze ich mich jetzt schon schlaflos herum und komme anscheinend nicht zur Ruhe – all diese Energie, die kein Ventil hat. « Sie kicherte ungezogen. » Stimmt etwas nicht mit deiner rechten Hand? « » Ha ha! Ich bin Linkshänder, weiß du nicht mehr? « » Ach ja. Es ist so lange her, daß ich ’ s vergessen habe. Wie auch immer, entschuldige bitte. Ich hatte eine wichtige Verabredung. « Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: » Heute nachmittag war ich im Hebrew Book Depository. « Bruces Miene verfinsterte sich ein wenig. » Wozu? « » Ich denke daran, das Journal dort unterzubringen. « » Herrjemine, das schon wieder … du hast mir versprochen, nicht mehr so besessen davon zu sein. « » Das bin ich auch nicht – bloß vorsichtig. Ich mache mir Sorgen – was wäre, wenn ihm etwas passieren würde? So was könnte ich mir niemals verzeihen. « » Janie – was soll denn passieren? Du hast einen Feuermelder … und sagst, du wohnst in einem sehr sicheren Viertel … « » Ja, schon, aber nicht weit von hier hat es ein paar Einbrüche gegeben. Man weiß nie … « » Und natürlich wird ein Dieb nach einem alten, vermoderten Schinken Ausschau halten, wenn dein ganzer Schmuck im Haus ist. Hör mal, Janie – ich glaube nicht, daß du dir Sorgen machen mußt, es könnte abhanden kommen. « » Vielleicht nicht. Aber ich tu ’ s trotzdem. « » Also, das klingt ziemlich überflüssig. Aber es ist ja deine Angelegenheit. Ich denke nur, daß es eine Menge wichtigerer Dinge gibt, für die du im Augenblick deine Energie aufwenden könntest. « Auf einmal stockte das Gespräch. » Wo wir schon davon reden, hast du irgendwelche Neuigkeiten? « fing Bruce schließlich wieder an. Mit einem Seufzer antwortete Janie: » Hm … Tom hat mir mitgeteilt, daß der Antrag auf Wiederzulassung erneut abgelehnt wurde. « » Das tut mir leid für dich «, sagte Bruce leise. Er wartete einen langen Augenblick, bevor er die nächste Frage stellte. » Was hat er über die andere Sache herausgefunden? « » Noch nichts Wesentliches. « » Haben sie ihm irgendeine Andeutung gemacht, wann sie eine Entscheidung treffen würden? « » Nein. « » Das zieht sich ganz schön in die Länge. « Janie nickte zustimmend. » Ich hatte wirklich gehofft, ich wüßte inzwischen mehr über den Zeitpunkt. « Sie benutzte Toms Worte vom Vortag: » Wir werden uns wohl noch etwas gedulden müssen. « » Ja, sieht so aus. Es ist bloß schwer … aber danke, lieber Himmel, daß wir uns nächsten Monat sehen. Fühlt sich an, als hätte ich dich seit Ewigkeiten nicht mehr im Arm gehabt. Leibhaftig, meine ich. « Traurig lächelte sie. » Das stimmt ja auch. « E s dauerte stets eine Weile, nach dem Gespräch mit Bruce zur Ruhe zu kommen, und so blieb Janie etwas länger an der Arbeit, um sich einigen der dummen, geisttötenden Details zu widmen, die zu ihrem Job gehörten. Sie füllte Beobachtungsprotokolle aus, schickte Daten ab und befaßte sich mit ihrer Korrespondenz, die sie größtenteils elektronisch erledigte. Sie wollte ihre E-mails abrufen und sah auf dem Bildschirm das übliche lustige Männchen in amerikanischer Postuniform, das eine Handvoll Briefe schwenkte, also warteten Botschaften auf sie. Nachdem er einen kurzen Steptanz vollführt hatte, war er bereit, all ihre postalischen Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn es um meine Bedürfnisse bezüglich Männern ginge, wären wir im Geschäft, dachte Janie … Sie stellte alles zusammen, listete es auf und schickte es los. Dann rief sie die wartende Korrespondenz ab. Wie üblich bestand das meiste aus unnützem Zeug. Es gab einen kurzen Liebesbrief von Bruce vor ihrem Telefonat und eine Einladung zu einem Seminar für Medizintechnologie, gesponsert von der medizinischen Fakultät, an der sie studiert hatte. Ein Haufen unerwünschter Werbung, die sie mit hämischem Vergnügen löschte. Dann erschien noch eine seltsame, kurze Nachricht: Wer sind Sie? Janie starrte den rätselhaften Satz an, der mit Wargirl unterzeichnet war. Irgendwie gab er ihrem Gemüt einen Schubs und faszinierte sie, obwohl sie den Grund nicht recht erkannte. Sie sah sich die elektronischen Details der Mitteilung an. Aufgrund der mangelnden Kennzeichnung war es eine persönliche Mitteilung, keine Werbung oder eine sonstige versteckte Kaufaufforderung. Aber damit erschöpften sich ihre Ermittlungen auch schon, denn Datum und Zeitpunkt der Botschaft waren nicht zugänglich, und eine Antwortadresse fehlte. Allerdings leuchtete die Markierung › Antwort möglich ‹ auf – Janie konnte antworten, wenn sie wollte. Sie würde nur nicht wissen, wohin ihre Mitteilun g g ing – W arum hatte sich jemand die Mühe gemacht, eine Beantwortung zu ermöglichen? Anonym war das ein recht komplizierter Vorgang, absichtlich so eingerichtet, um es E-mail-Spinnern möglichst unbequem zu machen. Also handelte es sich um eine Person, die entweder kein Spinner oder ein sehr entschlossener Spinner war. » Okay, ich spiele mit «, flüsterte sie laut. Wer will das wissen? schrieb sie zurück. Wargirl. Der Deckname klang jung. Kids, dachte sie. Schlaue Kids. Zu schlau. Dann erledigte sie rasch einige Telefonate. Zuletzt rief sie John Sandhaus an. » Ich habe etwas gefunden, was so aussieht, als würde es sich lohnen, es weiter zu verfolgen, aber nicht über das Ednet «, berichtete er ihr. » Da gibt es eine Internet-Adresse, von der mir einer meiner Studenten erzählt hat. Man skizziert seinen Vorschlag, und sie vergleichen ihn mit einer Liste von Sponsoren für die Art von Arbeit, für die man sich interessiert. Der ganze Vorgang dauert nur ein paar Tage. « » Hört sich zu einfach an … « Janie blieb skeptisch. » Ja, natürlich. Und er hat einen Haken. Sie berechnen eine Gebühr von einem Prozent, wenn man das Geld tatsächlich erhält. Wenn man es nicht bekommt, kostet es nichts. « » Dann ist es einen Versuch wert, denke ich, vor allem, da die Gebühr nur bei Erfolg fällig wird. Wenn sie das Geld vorher haben wollten, würde ich es nicht ins Auge fassen. « » Nein, ich auch nicht. Warum kommen Sie nicht vorbei, und ich helfe Ihnen, das Formular auszufüllen? « » Sie erklären sich tatsächlich freiwillig bereit, einen Computer anzurühren? « » Wer hat denn gesagt, daß ich ihn anrühre? Sie werden diejenige sein, die das Ding bedient. Meine Wenigkeit steht bloß hinter Ihnen und bellt Anweisungen. Es ist den Versuch wert, glaube ich, und außerdem, was haben Sie zu verlieren? « Potentiell ein Stück Privatsphäre – obwohl Janie nicht wirklich annahm, daß davon noch viel übrig war. GetGrant – so hieß die Adresse – gab sich nicht mit ihrer eigenen E-mail-Adresse und einer Beschreibung des Projekts zufrieden, das sie wahrscheinlich übertrieben detailliert schilderte. Sie wollten auch alles andere über sie wissen, ungefähr bis hinunter zur Schuhgröße. » Macht es Ihnen nichts aus, all diese Informationen von sich preiszugeben? « fragte John. Während sie die letzten Details eintippte, antwortete Janie ihm: » Über mich steht schon so viel in allen möglichen Datenbanken, daß es eigentlich keine Rolle mehr spielt. Das Zeug ein weiteres Mal preiszugeben, wird an meinem Leben nicht viel ändern. « Hoffe ich jedenfalls, fügte sie im stillen hinzu. KAPITEL 5 D as Geräusch der Hufe erreichte das Dickicht, wo Kate und Karle unruhig kauerten. Entsetzt lauschten sie, wie das Klapp-klapp - klapp immer lauter wurde. Es paßte so gar nicht zum lieblichen Gezwitscher der Vögel über ihnen. Dann hallten die Hufe laut wie Donner und übertönten alles, nur nicht Alejandros unverkennbares Signal. Der Vogelschrei durchschnitt das Summen der Insekten und brachte die Singvögel für einen kurzen Moment zum Schweigen, bis sie alle aufflatterten und eine krächzende Kakophonie anstimmten, laut genug, um die arme Seele aufzuwecken, die erst heute morgen beerdigt worden war. » O Père … « , stöhnte Kate. Guillaume Karle packte sie bei der Hand und versuchte, sie wegzuziehen. Sie wehrte sich, wollte sich seinem Griff entwinden, bis er schließlich gezwungen war, sie gewaltsam mitzuschleifen. Doch als das Schnauben und Wiehern der Pferde klang, als sei es nur noch wenige Schritte entfernt, erkannte sie, daß sie keine andere Wahl hatten, als wegzulaufen. Also folgte sie ihm, und in wilder Hast stolperten sie über alles mögliche Wurzelwerk vorwärts, nur weg von der Hütte. Sie mieden Lichtungen und Wege, kämpften sich durch das dornige Unterholz, bis ihre Kleider zerrissen waren und Blut aus Kratzern an ihren Armen und Fußgelenken floß. Bald waren sie so außer Atem, daß keiner von ihnen mehr sprechen konnte. Schl ießlich zupfte Kate heftig an Karles Ärmel, um ihn anzuhalten; sie konnte nicht weiter, bevor sie sich ausgeruht hatte, und sei es nur kurz. Ihr kräftiges Zerren überraschte Karle, und er blieb so abrupt stehen, daß sie gegen ihn prallte. Sie stolperten und lehnten keuchend ein paar Augenblicke aneinander, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Dann fielen sie auf die Knie, sich noch immer gegenseitig stützend, und saugten tief den warmen nach Fichtennadeln duftenden Waldbodengeruch ein. Der Mann, der in einer Staubwolke von seinem Pferd sprang, würde König von Frankreich werden, wenn alles nach seinem Plan verlief, oder, wie er gern manchmal vor Grimm brüllte, » wenn meine Mutter bloß ein Mann gewesen wäre! «. Doch seine Mutter, die Tochter von Ludwig X., war in das Bergreich von Navarra abgeschoben worden, als dessen König sich Charles jetzt bezeichnen durfte – ein Reich, das viel zu unbedeutend und entlegen war, um seinen grandiosen Ehrgeiz zu befriedigen. Er war ein kleingewachsener Mann, aber dennoch furchtlos, und immer umgab ihn eine Aura von Verderbtheit, als hege er irgendeinen unausgegorenen Vorsatz, der zu nichts Gutem führen konnte. Als er zum erstenmal hörte, daß man ihn Charles den Bösen nannte, hatte der junge König von Navarra angeblich gelächelt. Sollen sie mich doch für böse halten, hatte er entzückt gerufen, sollen sie mich doch fürchten! Das würde ihm nur helfen, seine Ziele zu erreichen. Wenn der übrige Adel ihn schwach und verwundbar glaubte, konnte er nichts ausrichten! Der böse Eindringling stieß die Tür auf und schlenderte in die kleine Steinhütte, das Schwert gezogen und bereit. Seine Haltung war angemessen königlich. Er ließ den jungen Ritter, der ihn begleitete, natürlich nicht als ersten eintreten, um festzustellen, ob die Hütte leer war. Nach einem schnellen, abschätzenden Blick auf den Verwundeten am Tisch sah Charles von Navarra sich flüchtig im Rest des kleinen Raumes um und stocherte hier und da mit der Spitze seines Schwertes umher, bis er sich davon überzeugt hatte, daß sich sonst niemand in der Hütte befand. Er trat an den Tisch und stand über dem erschrockenen Franzosen. Verächtlich schaute er auf ihn herab. » So, so, nun schaut Euch das an «, rief er über die Schulter seinem Gefährten zu. » Anscheinend hat Karle mir etwas zu tun hinterlassen. Und er hat die Arbeit bereits für mich begonnen. Ich sollte bestraft werden, weil ich ihn für kleinlich gehalten habe. « Mit der Spitze seines Schwertes stocherte er an dem nässenden Stumpf herum, und der Amputierte schrie vor Schmerz auf. » Obwohl ich zugebe, ein ganzer Bauer wäre mir lieber gewesen, damit man ihn foltern kann, bis er verrät, wohin Karle gegangen ist. « » Schwein «, zischte der Verlorene herausfordernd. Navarra stocherte erneut mit dem Schwert, und der Mann stie ß v or Qual blubbernd die Luft aus. Der kleinwüchsige Edelmann beugte sich über den verwundeten Soldaten und schnupperte. » Ihr stinkt nach Angst, Monsieur Jacques! Ich glaube, sie steckt in Eurer Hose. « Er lächelte boshaft. » Mich braucht Ihr nicht zu fürchten. Ich bin ein Mann von großem Mitgefühl und Barmherzigkeit. Sagt mir, was Ihr wißt, und ich werde für Eure Bequemlichkeit sorgen. « » Ich weiß nichts … « Es war nur noch ein Röcheln. » Ach, kommt schon! Haltet Ihr mich für dumm? Selbst les Jacques ziehen nicht ohne Fluchtplan in die Schlacht. Oder war der Hurensohn Karle so arrogant wie der Rest seines picardischen Gesindels und hat gedacht, er brauche keinen solchen Plan? « Alejandro konnte durch die strohbedeckte Diele das Schluchzen des Mannes hören. » Nichts … « » Ha? Nichts? « hörte er Navarra schnarren. » Überhaupt nichts? Nun, dann verrate ich Euch etwas. Ihr werdet nicht mehr das Vergnügen haben, Euch selbst am Arsch zu kratzen! « Das Schwert sauste durch die Luft, und dann barsten Knochen, als es den verbliebenen Arm des Mannes abtrennte. Die feine Metallklinge läutete wie eine Glocke, als sie auf das Holz des Tisches prallte. Alejandros Patient stieß ein langes, markerschütterndes Geheul aus und verstummte dann. Charles von Navarra zog den Ärmel von dem abgeschlagenen Arm und benutzte ihn, um das Blut von seinem Schwert zu wischen. Dann stieß er die scharfe Waffe heftig in das Strohlager und fluchte gotteslästerlich. Alejandro, der die Worte in seinem unterirdischen Versteck gedämpft mitbekam, war sicher, daß die Chancen des Königs, in den christlichen Himmel aufgenommen zu werden, sich mit dieser einen Äußerung gewaltig verringerten. Die Spitze des Schwertes steckte in der Planke. Alejandro suchte hektisch nach etwas, was er festhalten konnte, damit die Planke sich nicht hob, wenn Navarra sein Schwert herauszog. Staub rieselte durch die Ritzen der Planke und in seine Augen. Er kniff sie zu und tastete blind umher. Er fand ein Astloch und stieß den Daumen hinein. Dann zog er die Planke mit aller Kraft nach unten; gleich darauf riß der Edelmann an seinem Schwert. Glücklicherweise kam es frei, gerade rechtzeitig, bevor Alejandro wegen des Staubs ein Niesen unterdrücken mußte. Über ihm suchte Navarra die Spitze seines Schwerts nach Schäden ab, und als er sich überzeugt hatte, daß sie unversehrt war, schob er die Klinge wieder in die verzierte Scheide, die an seinem Gürtel hing. Sein dunkles Gesicht trug den Ausdruck äußersten Abscheus. » Der Schurke ist wieder einmal davongekommen «, grollte er. » Und er wird nicht hierher zurückkehren, darauf habt Ihr mein Wort. Der Platz ist nicht mehr sicher für ihn. Und er wird auch in Meaux nicht mehr auftauchen, denn seine Leute sind in alle Winde zerstreut! Warum kann er nicht standhalten und kämpfen wie ein echter Ritter? Warum müssen sie immer feige davonlaufen und sich verstecken? « » Sire, sie haben keine richtige Ausbildung und Gesinnung, auch kennen sie die ritterlichen Gepflogenheiten einer ordentlichen Schlacht nicht – obendrein sind sie schlecht ausgerüstet und voller Angst … « » Und trotzdem können sie solchen Schaden anrichten, wie sie es geschafft haben! Ich schäme mich vor meinen Edelleuten für den geradezu unheimlichen Erfolg ihrer rebellischen Sorglosigkeit. « » Sire «, protestierte der Ritter, » von welchem Erfolg sprecht Ihr? Die Jacques sind in Meaux vernichtend geschlagen worden! Sie können gewiß nicht mehr hoffen, genügend Leute zusammenzubringen, um sich erneut zu erheben … « » Beinahe hätten sie das Schloß eingenommen, bevor wir sie › vernichtend ‹ schlugen, wenn Ihr das so nennen wollt! Sie hätten fast das Tor aufgebrochen, bevor wir sie in die Flucht schlugen! Und wären nicht unerwartet der Captal von Buch und Graf Phoebus erschienen, dann hätten sie das Tor passiert und sich mit dreihundert Damen und Kindern einen vergnügten Abend gemacht! Und ich wäre vor ganz Frankreich blamiert gewesen! Keiner der Edelleute hätte an meiner Seite ausgeharrt, wenn sie Geiseln genommen hätten. « » Aber doch, mit Freuden, Sire … « » Redet mir nicht von Freude, denn ich werde keine mehr kennen, bis ich Guillaume Karle tot sehe. Er wird zum König der Jacques ausgerufen werden, wenn ich ihn in die Hände bekomme, und dann auf der Stelle entthront – sein gekröntes Haupt soll mir vor die Füße fallen, und ich werde mit großem Vergnügen darauf herumtrampeln! « Er schlug mit der behandschuhten Hand auf die Tischplatte, au f d er der verstümmelte Mann lag und seinen Geist aushauchte. » Von dem hier werden wir wohl nichts mehr erfahren. « Der Ritter sah in angespanntem Schweigen zu, wie sein König mit nervöser, explosiver Energie in der kleinen Hütte auf und ab trampelte. Navarra war so gereizt, daß es schmerzte, ihm zuzusehen. Er stieß leise und erleichtert den Atem aus, als der König endlich innehielt und stehenblieb. Navarras Augen waren auf einem Gegenstand zur Ruhe gekommen, der nicht in diese Hütte zu passen schien – einem massiven, mit Messing eingefaßten Buch, das neben dem Herd lag. Er kniete davor nieder und öffnete den Deckel. Dann winkte er dem Ritter, er solle näher kommen. » Was haltet Ihr davon? « fragte er argwöhnisch. » Sire, was soll ich davon halten? Es ist irgendeine heidnische Schrift. Ich kenne mich mit diesem Gekritzel nicht aus. « Charles von Navarra blätterte eine Seite um. » Ich habe solche Schriften schon gesehen. Das ist die Hand eines Juden. « Der junge Ritter schien verwirrt. » Kann es denn in der Gegend noch welche geben? « » Keine, von denen ich wüßte «, antwortete Navarra. » Aber Karle hat es anscheinend geschafft, einen zu finden. Und er ist zu ihm gekommen, um Trost zu suchen. So eine Verbindung paßt zu dem Mann, der er geworden ist – ein Liebhaber von Ackerbauern, Bettlern und Wäscherinnen. Nicht mehr als angemessen, daß er jetzt auch die Juden liebt! « Doch das Buch lieferte keine Antwort auf die Frage, wohin seine Beute geflohen war; also ließ Charles von Navarra es achtlos liegen. Nachdem er gegen den abgetrennten Arm getreten und auf den sterbenden Soldaten gespuckt hatte, stampfte er endlich aus der Hütte und ging zu seinem Pferd. Mit einem eleganten Schwung saß er auf, ergriff die Zügel und galoppierte davon. Der junge Ritter sah ihm bestürzt nach, denn er wußte, Charles ’ militärische Berater würden ihn züchtigen, weil er diesen eigenmächtigen Ausritt gestattet hatte. Und die Edelleute, die sich mit Charles verbündet hatten, würden ihm verübeln, daß er es ihrem Anführer ermöglichte, Karles vermutetes Versteck ohne Schutz aufzusuchen. Er eilte aus der Hütte, ohne die Tür hinter sich zu schließen, und schwang sich auf sein eigenes Roß. In langsame m T rott folgte er seinem Herrn und ließ dem König von Navarra seinen Vorsprung, damit der Staub von dessen raschem Ritt sich vor ihm legte. Sollten die anderen doch ihn zuerst verunglimpfen, wenn sie wollten – er war einfach nicht Manns genug, um den gebieterischen Charles von seinen frechen Husarenstückchen abzuhalten. Sie würden seine Festung für den Geschmack des Ritters ohnehin viel zu bald erreichen, selbst wenn sie im Schneckentempo dahinschlichen. E rst als eine ganze Zeit lang Stille geherrscht hatte, wagte Alejandro die Planke über seinem dunklen Erdkeller anzuheben, und als er endlich wieder ans Tageslicht kam, sah er schnell, daß es zu spät war, um noch irgend etwas für den armen Verstümmelten zu tun. Was jetzt von der bedauernswerten Seele übrig war, glich eher einem Baumstamm als einem Menschen. Der Arm, den Charles von Navarra ihm abgeschlagen hatte, lag staubbedeckt unter dem Tisch und begann, die Fliegen anzuziehen. Der armlose Soldat lag sterbend da, aber irgendwie atmete er noch immer. Wir klammern uns, wenn alle Hoffnung verloren ist, an das Trugbild von ihr, sinnierte Alejandro traurig. Welche Schrecken hat er vor Augen? fragte er sich, während er bei dem vom Schicksal Geschlagenen stand, der vielleicht einmal große Tapferkeit bewiesen hatte – einem Mann, dem es gelungen war, das zu überleben, was der Franzose Karle vor wenigen Stunden als äußerst blutige Schlacht beschrieb. Möge es Gott gefallen, daß ich solch einen Schrecken niemals kennenlerne! Wieder einmal stellte er seinen hippokratischen Eid hintan und zog das Messer, das er immer in seinem Stiefel trug – das gute Messer von seinem Vater aus Spanien damals. » Ich empfehle Euch Eurem Herrn der Gnade «, flüsterte er dem Sterbenden zu, dann stieß er ihm rasch das Messer ins Herz. Er hauchte sein Leben aus, noch bevor Alejandro das Messer reinigen und wieder in den Stiefel stecken konnte. » Und nun auf nach Paris «, sagte er laut – der Klang seiner Stimme überraschte ihn. Wenn Gott gut und Guillaume Karle ein Mann war, der sein Wort hielt, dann würde er Kate dort finden, an dem Ort, den sie so oft aufgesucht hatten, als sie ein Kind und noch begierig gewesen war, alles von ihm zu lernen, das er ihr beibringe n k onnte. Er zerrte die Satteltasche aus dem Erdloch und legte sie vor sich auf den Boden. Sie enthielt sein Vermögen – das Gold seiner Familie, das Gold des Papstes, das Gold von König Edward, auf einem Jahrzehnt der Flucht kaum angerührt. Genug Gold, um die Straßen von Paris mit zarten, feingewebten Damengewändern zu bedecken – wenn solche denn zu finden waren. Die wenige Nahrung, die er hatte, steckte er in die Tasche und erhob sich dann zum Aufbruch. Als er einen letzten Blick in die Runde warf, sah er das schwere Manuskript, das noch neben dem Herd lag. Er würde nicht wieder ein Buch zurücklassen, wie er es getan hatte, als er aus England floh. Geheimnisse, wie dieses Buch sie enthielt, durften nicht in falsche Hände geraten. K arle war überrascht, aber nicht unglücklich, als Kate ihm als Ort des Wiedersehens Paris nannte. » Aber warum dort? « fragte er. » Ich nehme an, daß Ihr und Euer père ebenso auf der Flucht seid wie ich. Mir erscheint Paris als Treffpunkt gefährlich. « » Das stimmt «, räumte sie ein. » Aber in diesen Zeiten konnten wir nie sicher sein, daß irgendein anderer Ort noch existieren würde. Wie viele verbrannte Dörfer und verwüstete Burgen habt Ihr auf dem Lande gesehen? Zahllose. Könnte dasselbe mit Paris passieren? Niemals. Paris wird immer bestehen. Und ich werde immer fähig sein, mich dort zurechtzufinden. Alle Wege führen nach Paris, sagt Père. « » Alle Wege führen nach Rom, zumindest sagt das die Legende. « » Ach, das war vor Hunderten von Jahren. Als Rom noch seinen Ruhm besaß. Heutzutage ist Paris der Mittelpunkt der Welt. Zumindest behaupten das diejenigen, die auf diese Stadt schwören. Und ich kenne einige Teile der Metropole sehr gut. « » Wie kommt es, daß Ihr mit Paris so vertraut seid? « fragt Guillaume Karle. » Wir haben dort viel Zeit verbracht, als ich ein Mädchen war. « » Mir war nicht bewußt, daß Ihr kein Mädchen mehr seid «, wies er sie zurecht. » Außerdem fürchte ich, Ihr werdet Paris seit Eurem letzten Besuch dort sehr verändert finden. « » Ich bin siebzehn «, sagt e sie mit erhobenem Kinn, » und die Herrin von P è res Haushalt. « » Hmmm! « Karle blies durch die Nase. » Soweit im Augenblick von einem Haushalt die Rede s ein kann. « Vorwurfsvoll drohte sie ihm mit dem Finger. » Unser Haushalt war gut genug, um Euch und Euren Männern ein Dach überm Kopf zu bieten. Und jetzt werden wir, falls ich Père finde, dank Eures ungebetenen Besuchs gezwungen sein, ein neues Heim zu finden. « Angemessen zerknirscht gab Karle keine Antwort. Sie rasteten an einem Bach, während ihre Pferde tranken – Pferde, die Karle aus dem Stall eines örtlichen Gutsherrn befreit hatte, während Kate, die bei diesem Diebstahl unfreiwillig als Komplizin dienen mußte, draußen Wache stand. Während der Tat war er sehr nervös gewesen – denn er fragte sich unwillkürlich, was sie wohl getan hätte, wenn sie ertappt worden wären – wie sie sich gegen einen empörten Stallknecht gewehrt hätte. Hätte sie ihn mit ihren weißen Händen, ihren feingliedrigen Fingern erwürgt? Oder ihn mit ihrem zarten Fuß in seine Männlichkeit getreten? Unwahrscheinlich, dachte er. Bestenfalls hätte sie einen Warnschrei ausgestoßen. Aber sie waren noch einmal davongekommen, und jetzt hielt Karle ein wachsames Auge auf die unrechtmäßig erworbenen Tiere, denn sie waren ihm nicht vertraut und daher schwer einschätzbar. Geduldig wartete er, bis die Pferde ihren Durst gestillt hatten, und band sie an einen Baum, bevor er sich selbst erfrischte. Dann tauchte er die hohlen Hände in das Wasser des schnell fließenden Baches und wollte die Flüssigkeit an seinen Mund führen; doch Kate legte ihm eine Hand auf den Arm und hinderte ihn daran. » Wascht Euch nur. Bevor wir es trinken, müssen wir das Wasser durch ein Tuch seihen. « Er ließ das kühle Naß durch seine Finger rinnen. » Was ist das für ein Unsinn? « » Überhaupt kein Unsinn, sondern Weisheit. « » Merkwürdige Weisheit « , maulte er. » Und hierzulande nicht Brauch «, fügte er argwöhnisch hinzu. » Es gibt winzige Tiere, die in allen Gewässern leben «, erklärte Kate ihm. » Père sagt das. Er sagt, viele Menschen mit kranken Bäuchen hätten diese Beschwerden, weil sie nicht auf das Wasser achten, das sie trinken. « Karle warf ihr einen ungläubigen Blick zu. » Und – hat er diese Tiere gesehen oder nur davon geträumt? « » Er weiß, daß sie da sind. « » Woher hat er dieses Wissen? « » Père studiert alles, was er sieht. Manche Dinge, die er sich nur vorstellen kann, studiert er, indem er gründlich über sie nachdenkt. Er ist ein sehr gelehrter Mann, wie er Euch andeutete, hat einem Papst gedient, bei den berühmtesten Professoren studiert und sich um die Gesundheit von … eh … vielen wichtigen Menschen gekümmert. « Bei den letzten paar Worten geriet sie ins Stocken und wandte kurz den Blick ab, um sich zu fassen. Aber wenn ihre Bemerkungen Karle neugierig gemacht hatten, gab er sich Mühe, es nicht zu zeigen, und als sie ihre Haltung zurückgewonnen hatte, zeigte sie ihm ein Quadrat aus feingewebter Seide. » Jeder von uns hat so etwas bei sich, um das zu reinigen, was wir trinken. Wenn es uns möglich ist, erhitzen wir das Wasser sogar. « » Um Gottes willen, wozu denn? Das nimmt dem Wasser doch seine Lebenskraft. « Ihre Lippen produzierten ein schmales Lächeln. » Kennt Ihr ein Tier, groß oder klein, das es überlebt, gekocht zu werden? « » Hmm «, brummte er. » Nein. « Allmählich plagte ihn seine Neugier ohne Unterlaß; er hatte eine Menge unausgesprochener Fragen. Das waren ziemlich kühne Behauptungen – einem Papst zu dienen, von unsichtbaren kleinen Tieren im Wasser zu wissen … Der père dieser Kate schien kein gewöhnlicher Mann zu sein. Aber er beschloß, seine Fragen zurückzustellen, bis sie ihm mehr vertraute; denn gewiß würde sie eher die Wahrheit sagen, sobald er ihr Vertrauen gewonnen hatte. Er überlegte, wie er diesen Vorgang beschleunigen könnte. Zeige Interesse, dachte er plötzlich. Dem können Frauen – Mädchen – nicht widerstehen, und es löst ihnen die Zunge. Seine Schlauheit erfreute ihn sehr. » Und hat Euch das von Euren Darmbeschwerden geheilt? « » Das kann ich nicht sagen «, meinte sie wegwerfend, » denn ich habe keine. « Karle sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er kannte fast niemanden, der nicht gelegentlich Anfälle von Dysenterie oder Diarrhöe hatte, vor allem in diesen Kriegszeiten, in denen Flüsse und Bäche oft rot von Blut und alle Brunnen verdächtig waren. » Und Ihr seiht all Euer Wasser durch dieses – Tuch? « » Jawohl! « Sie reichte es ihm. » Seht nur, wie fein es gewebt ist; Père sagt, daß es vom Ende der Welt kommt, aus einem Land, das Nippon heißt, wo es so gewöhnlich ist wie unsere gröbste Wolle. Hier kostet es hingegen sehr viel, und ich möchte es ungern verlieren. All die unreinen Tiere fangen sich in seinem Gewebe. Ich koche das Tuch selbst aus, so oft ich Gelegenheit dazu habe. « » Bemerkenswert «, staunte Karle. Er brauchte kein Interesse an ihrem Geplauder zu heucheln – es war abenteuerlich genug, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Er gab ihr das Tüchlein zurück. » Ich habe nie zuvor so ein Wunder gesehen. « » Père weiß viele Dinge, die sonst niemand weiß «, pries sie ihn. » Er scheint in der Tat ein ungewöhnlicher Mann zu sein. « Kate seufzte und wischte sich ein Auge. » Mehr, als Ihr Euch vorstellen könnt. Er ist ein wahrhaft großer Heiler. « Sie sah Karle direkt in die Augen und forderte ihn mit einer Geschichte heraus, von der sie wußte, daß er sie zögernd akzeptieren würde. » Er hat mich von der Pest gerettet, als ich sieben war. Und dann hat er sich selbst gesund gemacht, als er krank wurde. « Das war in der Tat eine Offenbarung. Karle starrte sie fassungslos an und flüsterte: » Ihr habt die Pest überlebt? « Sie legte das Seidentuch in ihren Schoß und nahm langsam ihr Umschlagtuch ab. Sie zeigte seinen begierigen Augen ihren langen weißen Hals und wies auf eine Reihe kleiner Narben, um die herum die Haut etwas blasser war, unverkennbar Narben von Pestbeulen. Ihr père hatte auch eine Narbe auf der Brust, die indessen anders aussah – ich habe sie bemerkt, als er sich wusch, dachte Karle. » Aber – wie? « stotterte er. » Er hat mir eine faulig schmeckende Medizin eingeflößt und bei mir gewacht – nach zwei Wochen war ich geheilt. « Diese Behauptungen überstiegen seine Fassungskräfte. Doch sie trug die Narben; soviel stand fest. Zögernd streckte er die Hand nach ihrem Hals aus und fragte sich, ob sie ihm gestatten würde, die Haut zu berühren, doch sie wehrte seine Hand nicht ab. Er spürte mit seinen eigenen Fingerspitzen die Verhärtungen. » Verzeiht mir diese Vertraulichkeit «, sagte er, als er die Hand wieder zurückzog , » aber ich tue mich schwer mit Eurer Geschichte. Noch nie habe ich von jemandem gehört, der die Beulen bekam, überlebte und davon erzählen konnte. Natürlich haben einige die Pest überlebt, aber nicht, wenn die Beulen mal erschienen waren. « » Das ist selten, ich weiß «, gab sie zu, » und in manchen Fällen, sagt Père, ist es einfach Gottes Wille, daß der Leidende am Leben bleibt. Manche scheinen eine innere Kraft gegen die Pest zu haben. Ihr Körper kämpft dagegen an, als würde er ein unsichtbares Schwert schwingen. Warum das so ist, weiß er nicht. « » Er kann nicht alles wissen. « » Ihr solltet ihn nicht unterschätzen! Ich war so krank, daß ich nicht mehr zu denen gehörte, die überleben. Meine Krankheit war schwer, sehr schwer. « Nachdenklich wandte sie für einen Moment den Blick ab und sah ihn dann wieder an. » Das meiste habe ich vergessen, aber Père war beständig an meiner Seite, genau wie … « Sie verstummte, hielt einen Moment die Luft an und stieß sie dann wieder aus. » Bei mir war es die Medizin, die gewirkt hat. Wißt Ihr, er hatte von einem Heilmittel erfahren. « Die große Überzeugung in ihrer Stimme verlieh diesem Märchen, das sie da erzählte, eine merkwürdige Glaubwürdigkeit. Und obwohl er sicher war, daß Kate unter der Trennung von ihrem angeblichen Vater litt, hielt er sie nicht für verrückt. » Ihr scheint nicht unter den typischen Schwächen des weiblichen Geschlechts zu leiden, die zu Wahnvorstellungen führen «, bemerkte er. » Ich nehme an, daß Ihr das, was Ihr mir da auftischt, für wahr haltet. « Sie warf ihm einen aufsässigen, aber auch etwas müden Blick zu. » Was hätte ich zu gewinnen, indem ich Euch Lügen serviere? « f ragte sie. » Das weiß ich nicht «, antwortete Karle. Aber so eine phantastische Geschichte! Sehr gern hätte er weitere Fragen gestellt, verzichtete jedoch widerstrebend darauf. Ich darf sie nicht erschrecken oder mit Fragen bestürmen, bis sie verstummt, warnte er sich selbst, denn es sieht so aus, als könnte man viel von ihr lernen. Einen Augenblick lang gab er sich damit zufrieden, sie nur anzusehen, diese Mädchenfrau mit der cremigen Haut, dem goldenen Haar und den unglaublichen Rundungen, in deren Gesellschaft er plötzlich geraten war. Er ertappte sich bei dem Gedanken: Solche Wunderwerke bringt die Natur selten hervor. Er wandte den Blick von ihr ab und sah wieder nach den Pferden. » Ich bin schrecklich hungrig «, eröffnete sie ihm nun. » Jetzt, da wir endlich rasten, schreit mein Magen danach, gefüllt zu werden. Habt Ihr irgend etwas zu essen? « » Keinen Bissen «, gestand er. Sie hatten einen Obstgarten durchquert, aber es empfahl sich nicht, Rast zu machen, bevor sie vor Verfolgung sicher waren. Mit großem Bedauern hatten sie die Früchte zurückgelassen. » Habt Ihr eine Waffe bei Euch, mit der man jagen könnte? « f ragte sie. » Nur mein Schwert. « » Dann werden wir uns damit begnügen müssen. « Sie hob ihren Rock und zog ein Messer aus ihrem Strumpf. Es war klein und schmal, aber die Klinge glänzte hell, und Karle hielt es für sehr scharf. » Ihr seid voller Überraschungen, Jungfer «, stellte Karle fest. » Père hat mir immer eingehämmert, bereit zu sein, von einem Augenblick zum nächsten aufzubrechen. Er sagt, ich müsse stets mit dem Unerwarteten rechnen. « » Strömt aus dem Mund dieses Mannes denn nichts als Weisheit? Sagt er nicht einmal etwas Törichtes? Niemals? « Sie kicherte leise. » Er ist ein Mann, der nicht viele Worte macht. Die meisten sind Perlen. Aber laßt uns jetzt nicht davon sprechen. Ich werde häuten, was Ihr fangt «, wechselte sie das Thema. Dann nahm sie ein kleines Glasstück aus ihrer Rocktasche, um Feuer zu entzünden, wie sie sagte, » und auch zum Braten «. » Ich fürchte, fürs Jagen mangelt es mir an Übung «, bekannte er. » Dieses Schwert hat sich in letzter Zeit häufiger gegen Menschen als gegen Tiere erhoben. « » Und bevor Ihr ein Schwert trugt, seid Ihr da nicht mit einem Bogen umgegangen? « » Nicht mehr seit meiner Knabenzeit «, gestand er unglücklich. » Ich wurde zu einem Buchhalter in die Lehre gegeben, der im Dienste eines Edelmannes aus der Picardie stand. Bevor ich mich diesem Aufstand anschloß, habe ich mehr mit Zahlen als in den Wäldern zu tun gehabt. Ich mußte viel lernen, weil ich, wie mein Meister sagte, einen klugen Kopf habe. Sogar einige französische und lateinische Buchstaben kenne ich und bin sehr geschickt darin, die Bücher zu führen. « » Zweifellos hat Eure Bescheidenheit dazu beigetragen, Euren Meister von Eurem Wert zu überzeugen «, sagte Kate trocken. » Ich habe die Arbeit so gut ausgeführt wie nur möglich. « » Daran zweifle ich nicht «, pflichtete Kate ihm bei, » und sicher billiger. Sehr zum Nutzen Eures Meisters. « » In der Tat! « Karle nickte. » Es sind immer die Herren und Damen, die von den Mühen ihrer Untertanen profitieren. Ich habe meinen Lohn gespart, bin zum Meister gegangen und versuchte mehrmals, mich von der restlichen Dienstbarkeit freizukaufen. Glücklicherweise war ich nicht verheiratet und gezwungen, eine Frau und Kinder zu erhalten. Aber trotzdem wollte ich vorankommen. Als Vorbereitung auf eine Zeit, in der ich vielleicht eine eigene Familie haben würde. Aber er hat mir meine Freiheit immer verweigert. « Kate hörte die große Bitterkeit, das Bedauern in seiner Stimme und hatte Mitgefühl mit seiner traurigen Situation. » Mir scheint, mit dieser Weigerung hat er Euch mißbraucht «, sagte sie sanft. » Aber in diesem Augenblick müssen wir für etwas Nahrung sorgen. Wenn Ihr vergessen habt, wie das geht, rückt heraus mit der Sprache. « Sein Schweigen war beredter als alle Worte, die er hätte äußern können. Resigniert erhob sich Kate von ihrer Rast, um mit ihrer Arbeit zu beginnen. » Ich werde eine Falle bauen, und wenn Gott über uns wacht, fangen wir ein Kaninchen. Knusprig gebraten mag ich sie am liebsten. Es gefällt mir nicht, wenn ich noch Junge darin finde, aber die brauchen wir ja nicht zu essen. Obwohl wir sie, da wir hungrig genug sind, sicher recht schmackhaft finden … « Als sie ins Gebüsch schlüpfte, war er froh, daß sie aufhörte, über den Wohlgeschmack von ungeborenen Kaninchen zu sprechen; aber er behielt sie im Auge, als sie sich ans Werk machte. Er hörte das Rascheln, mit dem sie kleine Zweige schnitt, und beobachtete neugierig, wie sie sie mühelos zu einer eimerförmigen Falle flocht. Dann scheuchte sie ihn mit einer Geste davon. Demütig verzog er sich ins Gebüsch, wo er sie nicht mehr sehen konnte. Nach ein paar Augenblicken hörte er sie umhertrampeln und fürchterliche Geräusche von sich geben. Bald darauf hoppelte ein fettes Karnickel aus dem Unterholz, direkt in ihre geflochtene Falle. Blitzschnell hatte sie es gepackt und ihm die Kehle durchgeschnitten. » Ein Männchen «, sagte sie, nachdem sie seinen Unterleib gemustert hatte. » Schade! Nun ja, es wird trotzdem unsere Bäuche füllen. « Karle sah mit weit aufgerissenen Augen staunend zu, wie da s g oldhaarige, bildschöne Mädchen, die junge Frau, die er beschützen sollte, ein Feuer anzündete und die Nahrung zubereitete, die sie ganz allein erbeutet hatte. Sie hatte das unglückliche Tier gehäutet, ausgenommen und auf einen spitzen, grünen Ast gespießt, ehe Karle auch nur das Wasser im Munde zusammenlaufen konnte. » Das Fell ist so weich «, sagte sie und strich sich mit dem noch warmen Pelz über die Wange, während sein früherer Träger über der Flamme brutzelte. » Ein Jammer, daß man es nicht für Handschuhe aufbewahren kann. Aber wo sollten wir es lassen? Wir sind ja ständig unterwegs. « Sie wickelte die Pfoten und die Eingeweide in das Fell und warf es weit auf die andre Seite des Baches. » Monsieur Fuchs wird sich daran erfreuen, wenn wir von hier verschwunden sind «, prophezeite sie. Bald füllte der berauschende Duft von gebratenem Fleisch die Luft, und Karle äußerte seine Besorgnis, er könne unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie lenken. » Wir sollten dieses Festmahl mitnehmen und anderswo verzehren «, schlug er vor. » Der Geruch ist so stark, daß er Leute anlocken könnte. « Sie nickte und stach mit dem Messer in das Fleisch. » Es scheint gar zu sein. « Geübt zog sie den Spieß vom Feuer. Das Fleisch zischte noch, als sie mit dem Braten in der Hand auf ihr Pferd stieg. » Fürchten wir uns vor Bären oder vor Edelleuten? « erkundigte sie sich. » Beide wären gleichermaßen unwillkommen «, antwortete er. » Und um die Wahrheit zu sagen, Jungfer, ich würde das Kaninchen auch roh essen, wenn es nicht gebraten wäre. « » Père sagt, Fleisch müsse immer gründlich gegart werden, weil … « » In den Tieren winzige andere Tiere leben? « fragte er scherzhaft. » Olala «, antwortete sie ganz ernst. » Woher wißt Ihr das? Vor allem in den kleinen, behaarten Tieren. Ratten zu essen ist mir völlig verboten. Er sagt, eher solle ich am Hungertuch nagen. Seht Ihr, indem wir das größere Tier essen, riskieren wir, auch die kleineren zu verzehren … « Er unterbrach sie erneut. » Größere Tiere werden immer kleinere Tiere fressen … ganz gleich, welche Gifte sie enthalten. Und selten leisten sie sich den Luxus, sie vorher zu kochen. Das ist der Wille Gottes. Keiner braucht besonders gelehrt zu sein, um das zu wissen. « Anschließend ritt er voran, um eine abgeschiedenere Stelle zu finden, wo sie das zarte Fleisch des Kaninchens genießen konnten, und er war sicher, Gott wollte, daß sie das taten, winzige Tiere hin oder her. » Ganz gewiß «, quetschte Karle mit vollem Mund heraus, während ihm der Saft des Fleischs übers Kinn rann, » ist das hier das, was Gott ißt. Deswegen ist Er Gott. Weil Er so köstliche Nahrung verzehrt. « Kate warf einen abgenagten Knochen weg und leckte sich das Fett von den Fingern. » Welcher Gott auch immer die kleinen Dinge beherrscht – schön wäre es, er hätte die Kaninchen etwas größer gemacht. Ich könnte noch eines vertragen. « » Oder zwei «, stimmte Karle zu. » Und jetzt muß ich mich um ein paar Frauenangelegenheiten kümmern «, sagte sie und stand auf. Was meinte sie damit? Was für Frauenangelegenheiten? » Wohin geht Ihr? « » Zu dem Teich hier in der Nähe! « Sie zeigte nach Westen. » Ist da ein Teich? Woher wißt Ihr das? « Sie lachte. » Die Enten. Hört Ihr sie nicht? Vielleicht fangen wir mit etwas Glück eine, die wir dann auch noch braten. « Er lauschte einen Moment und vernahm nun auch das leise Schnattern. Natürlich hatte er es im Hintergrund wahrgenommen; aber in seiner Gier hatte er nicht daran gedacht, was es natürlich bedeutete, daß nämlich in der Nähe Wasser sein mußte. Der Knochen, den er abgenagt hatte, flog beiseite, und er stand auf. » Ich werde mit Euch gehen. « Sie errötete ein wenig und sagte: » Ich wünsche mir ein wenig Zurückgezogenheit, mein Herr. « Karle war aus der Fassung gebracht. » Aber ich soll über Euch wachen. Das habe ich Eurem père versprochen. « » Ich werde heil und gesund zurückkommen, das versichere ich Euch. Ich möchte mich nur säubern. In züchtiger Abgeschiedenheit. « » Laßt mich in Eurer Nähe bleiben. Ich werde Euch den Rücken zudrehen. « Sie warf ihm einen sehr mißbilligenden Blick zu. » Wie Ih r w ünscht «, knurrte sie, » aber achtet meine Bitte! Eine Frau braucht hin und wieder ihren Frieden. « Er wollte sagen: Aber Ihr seid doch noch ein Mädchen. Sie hatte sich allerdings schon umgewandt und ging in die Richtung, in die sie gezeigt hatte; als er ihr mit den Blicken folgte, entdeckte er, daß sie sich durchaus nicht wie ein kleines Mädchen bewegte. Bevor der Abstand zwischen ihnen zu groß wurde, band er die Pferde los und ging mit ihnen durch das hohe Gras hinter Kate her. Durch dichtes Gebüsch erreichten sie das Ufer eines kleinen Teichs, und im verblassenden Licht konnte er sehen, daß Dunst aus dem stillen Wasser aufstieg. Es war ein schöner Anblick, und Kate stieß einen leisen Seufzer aus, während sie umherschaute. » Père sagt, daß Luft die Wärme schneller verliert als Wasser, und er sagt, daß die Luft die Wärme will und aus dem Wasser zieht. Deswegen genießt er es, um diese Tageszeit zu baden. Genau wie ich. « » Ihr wollt baden? « sagte er überrascht. » Ihr habt nur gesagt, daß Ihr Euch säubern möchtet. « » Wie kann man das besser tun als durch ein Bad? « Er schien überaus verwirrt. » Aber wird das nicht Eurer Gesundheit schaden? « » Ich versichere Euch «, antwortete sie und erwiderte seinen starrenden Blick, » daß es mich höchstens gesünder macht. Und nun – Ihr habt mir Abgeschiedenheit versprochen, oder ist das schon wieder vergessen? « Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, und bald hörte er das Rascheln von Stoff, als sie ihren schmutzigen Rock und ihr Hemd auszog. Dann kam das leise Plätschern ihrer Füße, als sie ins Wasser stieg. Bald darauf hörte er Schwimmgeräusche, und er dachte: Jetzt ist sie ganz untergetaucht, und ich kann wieder hinschauen. Gerade, als er den Kopf wenden wollte, flog etwas Großes, Graues, Nasses vorbei; er duckte sich, und das wirbelnde Ding verfehlte ihn knapp. Mit einem Platschen landete der flache, runde Fisch zappelnd im Gras. » Frühstück «, sagte sie mit aufreizendem Lachen und ihrem eigenartigen englischen Akzent. » Sorgt dafür, daß Monsieur le Poisson nicht wieder ins Wasser springt, während ich bade. Sonst müßt Ihr Euer petit déjeuner selbst fangen. « Kates Haar, aus dem sie die Nässe gewrungen hatte, trocknete jetzt in der Wärme des bescheidenen Feuers, das sie entzündet hatten. Sie befanden sich auf einer kleinen Lichtung, die ringsum von sehr hohen Bäumen umgeben war, so daß der Rauch ihres Feuers sich zwischen den Ästen auflösen würde, ehe er von einer Burg aus bemerkt wurde. Sie war nur in ihr Umschlagtuch gewickelt. Ihre anderen Kleider hingen an einem nahen Zweig und trockneten nach der hastigen, aber dringend erforderlichen Wäsche im Wasser des Teichs. » Gebe Gott, daß wir in der Nacht nicht gestört werden, sonst werde ich nur mein Haar und mein Umschlagtuch haben, um mich beim Reiten zu bedecken. « Karle stellte sich die Szene im stillen mit einem gewissen Vergnügen vor und heuchelte: » Gott bewahre! « Nicht weit vom Teich entfernt waren sie auf einen einsamen Apfelbaum gestoßen und hatten so viele Früchte gepflückt, wie sie in ihre nassen Kleider häufen konnten. Als sie sich an ihrer Schlafstelle niederließen, waren ihre Hände und Gesichter klebrig vom Saft der sauren Früchte und ihre Bäuche aufgebläht. Kate schnitt mit ihrem Messer einen Apfel in zwei Hälften und höhlte geschickt die Mitte aus, so daß sie zwei kleine Tassen hatten, aus denen sie trinken konnten. Aus dem gefüllten Seidentuch tropfte Wasser in eine der Tassen, und als sie voll war, gab Kate sie Karle, der durstig trank. » Père hat gesagt, daß ich nie an frischem Wasser vorbeigehen darf, ohne zu trinken. Obwohl mein Magen so voller Äpfel ist, daß ich für Wasser kaum mehr Platz habe. « Karle sagte einen Augenblick lang nichts. Er stellte seine Apfeltasse wieder unter das tropfende Seidentuch; dann sah er Kate direkt in die Augen und sagte entschlossen: » Er ist nicht euer père, kann es nicht sein. Blutsverwandte sind nicht so verschieden wie Ihr und er. « Verlegen wand sie sich und zog das große Tuch enger um sich. Sie drehte sich um, wich auf einmal seinem Blick aus. » Wie könnt Ihr das sagen? « fragte sie. » Ihr wißt nichts von uns. « » Wo ist Eure mere? « hakte er nach. Die Frage schien sie zu überrumpeln, doch nach kurzem Zögern gab sie Antwort. » Sie ist gestorben. « » Wie? « Als sie antwortete, klang ihre Stimme gepreßt und trocken. » An der Pest … « An ihrem distanzierten, verletzten Gesichtsausdruck erkannte Karle, daß sie die Wahrheit sagte. Doch er zweifelte auch nicht daran, daß dieser père tatsächlich sie und sich selbst von der Pest geheilt hatte. Warum dann nicht die Mutter? Als habe sie seine Gedanken erraten, sagte sie: » Das war, bevor er die Heilmethode richtig anzuwenden verstand. Aber sie lebte noch zwei Wochen, bevor sie dahinging «, fügte sie rasch hinzu. » Zwei ganze Wochen! « Einen Augenblick lang hatte er das Gefühl, daß eine liebevoll gehegte Erinnerung ihre Miene erleuchtete; doch rasch schwand die Wärme wieder aus ihrem Gesicht. Sie war seiner ursprünglichen Frage ausgewichen, deshalb begann er von neuem: » Ich behaupte noch einmal, daß er nicht Euer père ist. « Über den Schein des Feuers hinweg sah sie ihn an. Ihr Gesicht in dem unheimlichen orangefarbenen Licht drückte etwas wie Haß aus. Er war überrascht, wie sehr ihn das traf. Verzweifelt versuchte er, hinter die Maske zu schauen, die sie trug, aber sie wollte es nicht zulassen. Endlich, als er das leere Schweigen nicht länger ertrug, füllte er es mit törichten Folgerungen. » In Eurem hellen Körper fließt kein Tropfen von seinem dunklen Blut. Und die Töchter gewöhnlicher Ärzte sind nicht so gebildet wie Ihr. Ihr klingt englisch, Ihr seht englisch aus, Ihr sprecht sogar diese abscheuliche Sprache. Euer Französisch ist von der Art, wie es bei Hofe gesprochen wird. Und Ihr habt gesagt, daß Ihr lesen könnt. Frauen können nicht lesen, es sei denn, sie sind wirklich von sehr hoher Geburt. « » Père hat es mir beigebracht. Und ich versichere Euch, er ist nicht von hoher Geburt. « » Aber er ist ein gebildeter Mann. Und sein Französisch hat einen spanischen Akzent. Bei seinem Taufnamen Alejandro leuchtet es ein, daß er spanischer Herkunft ist. « Ihre Augen sahen ihn unverwandt an. Dann senkte sie plötzlich den Blick, als könne sie seine Musterung nicht länger ertragen. Doch als sie wieder aufschaute, zeigte sich in ihrem Ausdruck schierer Trotz. » Es ist sehr scharfsinnig von Euch, all das zu bemerken. « » Ich bin ein Ehrenmann und versuche, das Wesen einer Jungfra u z u ergründen, deren Wohlergehen mir anvertraut wurde. Das Wort, das ich diesem Mann gegeben habe, wie immer er zu Euch steht, werde ich auch halten, und das kann ich viel besser, wenn ich etwas über Eure Lebensumstände weiß. « Er stocherte mit einem Stock in der Asche, damit sie noch etwas mehr Wärme an die kühle Luft abgab. » Und ich gestehe, daß ich neugierig bin. Ihr seid ein ungewöhnliches Paar. « Kate sah zu, wie er die verkohlten Holzstücke hin und her schob, um ihre volle Wärme freizusetzen. Seine Bewegungen waren sicher, aber behutsam, und es gelang ihm, die Glut zu verteilen, ohne einen Schwarm aufsteigender Funken zu erzeugen, der ihre Anwesenheit hätte verraten können. Als sie schließlich das Wort ergriff, war ihre Stimme weicher, enthielt aber eine Spur Bitterkeit. » Ihr habt recht – er ist nicht mein leiblicher Vater «, hub sie an. » Aber der Mann, der seinen Samen zwischen die unwilligen Schenkel meiner edlen Mutter ergoß вЂ“ möge sie in Frieden ruhen – , war mir sowenig ein Vater, wie eine Ratte der Vater einer Lilie ist. Ja, ich bin von hoher Geburt, aber im Hause des Mannes, der mich zeugte, war ich wie der Staub unter einem Federbett – und wurde genauso schnell beiseite gefegt. Père hat alles für mich getan, was der beste Vater getan hätte, und noch viel mehr! Und er tat all das nur, weil er mich in sein Herz geschlossen hat. Nichts außer seiner eigenen Güte und Barmherzigkeit zwang ihn dazu. Ich kann mich glücklich preisen, von einem Vater wie ihm großgezogen worden zu sein. « Sie wandte sich erneut ab und legte sich auf die Fichtennadeln – ein unverkennbares Signal, daß ihre Unterredung beendet war. Ihm fiel auf, daß ihr Umschlagtuch zwar groß, aber aus einem dünnen Stoffstück bestand. Es reichte aus, um sie züchtig zu bedecken, konnte aber kaum viel Wärme spenden. Ihre Kleider waren noch feucht, und Guillaume Karle begann zu fürchten, sie könne sich erkälten. Lebendig und wohlauf – das hatte der Mann, den sie Père nannte, von ihm verlangt. Bei all ihrer Tapferkeit und Tüchtigkeit war sie doch in Wirklichkeit nur ein junges Mädchen – auf der Flucht mit einem Mann, den sie kaum kannte, darauf hoffend, die Familie wiederzufinden, die sie verloren hatte: die obendrein nur aus einem einzigen, rätselhaften Mann bestand, der nicht ihr leiblicher Vater war. In ihrem zarten Alter hat sie viel auszuhalten, dachte er mi t g roßem Mitgefühl. Aber zu viele Geheimnisse. Freundlich sagte er zu ihr: » Wenn meine Fragen Euch Kummer gemacht haben, entschuldige ich mich. Ich war nur neugierig. Eure Lebensumstände scheinen … sehr ungewöhnlich zu sein. « » Ja, das sind sie in der Tat «, seufzte sie. » Das ist gewiß wahr. « Wieder fröstelte sie in der Nachtluft. » Die Luft wird kälter «, erklärte er. » Jetzt steigt die Wärme des Teichs in großen weißen Schwaden in die Luft. « Er lachte ein wenig in der Hoffnung, sein Kommentar würde sie etwas aufheitern. Aber sie blieb still. » Und Euch friert «, stellte er fest und rückte näher zu ihr. » Mir ist anscheinend immer kalt «, antwortete sie mit einem kleinen, unterdrückten Schniefen. » Ich kann es nie warm genug haben. « Dann begann sie auf einmal zu weinen. Leise rückte Karle noch näher heran und legte sich neben sie. Ihr Körper versteifte sich zwar ein wenig, aber sie stieß ihn nicht weg, als er seinen Bauch an ihren Rücken schmiegte. Ihre Leiber paßten verblüffend gut zusammen. Er legte seine Arme um sie und teilte mit ihr seine Wärme; nach einer Weile konnte er spüren, wie sie sich entspannte und einschlummerte. Er lag wach, atmete langsam den rauchigen Duft ihres Haars ein und lauschte seinem eigenen Herzen, das heftig gegen ihren Rücken pochte. KAPITEL 6 A ls Janie morgens in das Forschungsinstitut kam, reichte ihr der Affenmensch eine gedruckte Seite und warf ihr einen Blick zu, der eindeutig besagte: Erklären Sie das. Sie sah ihn so unschuldig an, wie sie konnte, und überflog dann rasch den Text. Angestrengt verbarg sie ihre Erregung und tat so, als sei diese Mitteilung ihr vollkommen rätselhaft. Als ihre Augen das Ende der Seite erreicht hatten, wurde ihre gespielte Überraschung zu echter Verblüffung. » O du liebes bißchen, Chet – sie haben meinen Antrag auf eine systemweite Untersuchung genehmigt. « » Das habe ich gelesen «, meckerte er. » Ich wußte nicht mal, daß Sie einen Antrag gestellt hatten. « Seine Miene war der Inbegriff von Mißbilligung. » Und wir hatten es doch gestern geklärt! « » Ja, in etwa. Aber ich fand nicht, daß wir wirklich zu einem Schluß gelangt waren. Und ich dachte, es könne nicht schaden, den Antrag trotzdem zu stellen, für alle Fälle. Wir müssen ja keinen Gebrauch davon machen, wenn wir nicht wollen. Aber wenn wir es tun, dann … « » Ich schätze, Sie haben doch nicht soviel Erfahrung mit solchen Dingen, wie ich dachte «, meinte er verächtlich. » Wissen Sie, die behalten einen nämlich im Auge. Wenn Sie eine Studie beantragen und dann von der Genehmigung keinen Gebrauch machen, gibt es diesen netten kleinen Vermerk im Register Ihrer Anfragen. › Hat die Arbeitszeit der für Untersuchungsgenehmigungen zuständigen Mitarbeiter mit einem ungenutzten Antrag vergeudet ‹ oder so ähnlich. Herrgott, Janie, Sie können diesen Leuten kein Genehmigungsverfahren zumuten und anschließend sagen, sie sollten es vergessen. « Sie fragte sich, wer » diese Leute « sein mochten, aber verkniff sich eine Bemerkung, weil es auf lange Sicht unwichtig war. » Na ja, es besteht immer noch die Möglichkeit, daß … « » Daß was? Daß Geld vom Himmel fällt? Ich erinnere mich deutlich, Sie aufgeklärt zu haben, daß das höchst unwahrscheinlich ist. « Richtig, sie konnte es nicht leugnen, aber wenigstens hoffen, seinen Zorn abzulenken. » Ich habe da einen Zuschuß in Aussicht «, erläuterte sie. » Natürlich weiß ich noch nicht, ob ich ihn bekomme. Aber ich bin noch immer dafür, daß Sie diese Sache an höherer Stelle vortragen sollten. Was kann schlimmstenfalls passieren? « » Was auch immer, es wird mir passieren, nicht Ihnen. Vielleicht feuern sie mich mit einem Tritt in meinen blöden Arsch, weil ich damit überhaupt zu ihnen gekommen bin. « Und wahrscheinlich ist der auch noch behaart wie bei Affen, obwohl ich hoffe, das niemals herauszufinden. » Man wird Sie nicht feuern. Und vielleicht begrüßen sie es sogar … « » Hören Sie, Janie, was man mir da oben zu diesem Prives-Jungen sagen wird, ist nein … zu riskant! Wenn wir ihn aufnehmen und er nicht genauso reagiert wie die anderen, dann senkt das unsere Erfolgsrate. Und das bedeutet schlicht, daß das Patent auf jedwedes Medikament oder Verfahren, das dabei herauskommt, weniger wert sein wird, wenn wir es auf den Lizenzmarkt bringen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das für uns alle hier bedeutet. « Weniger Spenden, Budgetkürzungen, potentielle Entlassungen, Sand im Getriebe! Ärzte und Techniker, die ernsthaft darüber nachdenken müßten, an einem Fließband zu arbeiten, sie selbst vielleicht inbegriffen! Sie seufzte laut. » Nein, das brauchen Sie nicht. « Aber was, wenn sie Erfolg hätten? Das verspräche ungeheuren Gewinn. Janie lächelte Chet ein wenig herausfordernd an und sagte: » Haben Sie mal daran gedacht, was passiert, wenn unsere Vorgehensweise bei diesem speziellen Kind tatsächlich wirken würde? Wer weiß, wie viele andere wie ihn es da draußen noch gibt? « » Sie reden von einem sehr seltenen Trauma. Sehr selten. Warum sollte es noch andere geben? « » Ich weiß es nicht. Aber ich werde es wissen, wenn ich die Untersuchung durchgeführt habe. « » Sie werden mit dieser Studie gar nicht erst anfangen! « » Aber « – jetzt stammelte sie – » Sie haben gerade gesagt, wir sollten nicht den Anschein erwecken, als vergeudeten wir eine Untersuchungsgenehmigung. « » Machen Sie von der Genehmigung Gebrauch «, meinte er, » aber finden Sie dabei irgend etwas vollkommen Dämliches heraus. Stellen Sie fest, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können. Und tun Sie so etwas nie wieder, ohne mich vorher zu fragen. « Es verstrichen ein paar angespannte Sekunden. » Sie wissen nicht, was dabei herauskommt, wenn ich die Untersuchung durchführe, Chet. Sie können es gar nicht wissen. « » Vielleicht nicht, aber im Augenblick ist mir das ziemlich egal. Hier läuft eine gute, solide Studie, und die lasse ich mir nicht durch die Aufnahme hoffnungsloser Fälle vermasseln. Und am Ende stehe ich dann als Idiot da, weil die da oben denken werden, ich hätte das gestattet. Auf keinen Fall sollen die meinen, ich würde mich für so etwas engagieren – es ist lächerlich weit hergeholt. « » Das war bei der Erfindung des Fotokopierers auch so «, gab sie zu bedenken, » früher mal. Aber vielleicht sollte ich mich anderswo nach Unterstützung umsehen. Stellen Sie sich bloß vor, was Sie denen da oben alles erklären müssen, wenn ich etwas finde, das funktioniert – und Sie wollten davon nichts wissen. « Chet grollte: » Wenn Sie das nicht persönlich machen müßten, würde ich es selber tun, und damit hätte es sich. So, und jetzt gehen Sie los und stellen fest, wie viele Päpste katholisch waren. Dann liefern Sie mir einen netten, sauberen Bericht darüber. Und schnüffeln Sie nie wieder auf eigene Faust herum. Sie bringen uns alle in ein schlechtes Licht! « M it überirdischer Disziplin gelang es Janie, die Tür zu ihrem winzigen Büro zu schließen, ohne sie vor Wut und Frustration in die Angeln krachen zu lassen. Die nächsten paar Minuten verbrachte sie damit, lautlos zu fluchen und geschlechtsspezifische Schimpfnamen auszustoßen, die ihr, wenn sie sie am Arbeitsplatz laut ausgesprochen hätte, leicht eine Klage wegen sexueller Belästigung hätten einbringen können. Ihr ganzer giftiger Zorn richtete sich gegen Chet Malin, und als sie schließlich genug Dampf abgelassen hatte, um an die Arbeit gehen zu können, leistete sie sich ein paar Minuten zwanghaftes Schreibtischaufräumen, um nach diesem hierarchischen Gerangel wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Arschloch, dachte sie. Er muß für irgend jemanden irgend etwa getan haben, damit er diesen Job bekam. Entschlossen dachte sie: So, und jetzt stehe Gott mir bei. Sie warf seine negative Einstellung aus ihrem Bewußtsein. Mit einem willfährigen Plumps landete diese zu ihren Füßen. » Fick dich ins Knie, Chet «, bestellte sie ihm grimmig. » Ich lege jetzt los. Fang mich doch, wenn du kannst. « Mit ein paar schnellen Beugungen und Streckungen machte sie ihre Finger elastisch und tippte den Zugangscode zu Big Dattie ein; doch als sich die Türen zu den Informationen vor ihr öffneten, hörte sie im Kopf Tom Macalesters strenge, aber liebevolle Warnung. Keine Grabungen mehr. » Was bist du – mein Schutzengel? « flüsterte sie. Sie konnte fast sehen, wie er von der Spitze irgendeines Gipfels auf sie herabgrinste, und sie versuchte, das Bild aus ihrem Kopf zu verbannen. Jetzt erschien Big Datties eigene Warnung, dann wurde der Bildschirm gelb, und endlich leuchtete die Erlaubnis auf, ihre Suchkriterien einzugeben. Dutzende von Seiten erschienen. Sie ließ die Liste abrollen und sah den Namen Abraham Prives, wie sie erwartet hatte, ebenso wie den Namen des Jungen aus Boston. Aber die Information war noch zu vage, und sie forderte Big Dattie auf, nur die Fälle anzuführen, in denen die Verletzung als Trümmerbruch oder Zersplitterung beschrieben war. Sie erwartete, daß es ein paar Sekunden dauern würde, bis die Daten ausgefiltert waren; denn wenn Big Dattie keine Entsprechungen für eine Anfrage fand, nahm er einen Irrtum an und überprüfte sie automatisch noch einmal, was zu einer leichten Verzögerung führte. Doch die Ergebnisse wurden fast sofort gemeldet, und Janie sah sich überrascht einer Liste von vielleicht dreißig Namen gegenüber. Sie ging zurück und erweiterte das Alter um je ein Jahr nach oben und nach unten. Daraufhin spuckte der Computer eine Liste von über hundert Namen aus. Resultate sortieren, befahl sie dem Rechner. Korrelationen finden. Nach Verletzungsdatum auflisten. » Sieh an, sieh an, sieh an … «, flüsterte sie, als sie das Endergebnis durchlas. » Sieh an, was wir da haben! « Als Janie Tom Macalester anrief, um einen Termin zu vereinbaren, sagte er: » Heute ist es zu schön fürs Büro. Treffen wir uns draußen auf dem Platz. Da gibt es was, worüber ich mit dir reden muß. « » Du zuerst «, sagte Janie, als sie sich eine Stunde später gegenüberstanden. » Ich dachte, man läßt der Dame den Vortritt. « » Falschmeldung … man läßt die Dame entscheiden. « » Okay. Es wird dir vielleicht nicht gefallen, aber hör mich zu Ende an, ehe du anfängst zu kreischen. « » Kreischen – ich? « » Manchmal. Und heute könnte so ein Tag sein. Ich habe ein bißchen über Bruces Einreiseprobleme nachgedacht «, leitete Tom ein, » und pralle dabei dauernd gegen eine Wand. Wahrscheinlich läuft in solchen Situationen jeder gegen die Wand; also ist es nicht unbedingt beunruhigend, und auf lange Sicht wird es schon irgendwie klappen. Aber ich bin nicht auf Einwanderung spezialisiert und habe keine Idee, wie man diese Wand durchdringen könnte. Zudem weiß ich nicht, ob du deinem Freund mit mir als Anwalt beistehen solltest. « Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Sie fragte sich nach dem Grund. Log er, oder verheimlichte er ihr etwas, von dem er annahm, sie wolle es vielleicht nicht hören? Verbarg er ihr etwa ein paar private Gedanken über ihre Situation, die ihr nicht gefallen würden? Tom war normalerweise so direkt. Janie fand sein Verhalten ziemlich entnervend. Was immer es war, das ihn störte, sie hatte ihm stets vertraut, und so sollte es auch bleiben. » Ich glaube fest an dich «, versicherte sie ihm. Jetzt kam der Augenkontakt wieder. Er wirkte auf sie immer sehr intensiv. » Ich weiß … « Er nickte. » Und schätze das auch. Gewöhnlich fühle ich mich geschmeichelt, nur ist … nun ja, Bruce ist nicht, ich meine, eigentlich bist du meine Mandantin, und … offen gestanden – sind die Einwanderungsgesetze nicht so mein Fach. Ich habe mich ganz auf Medizinrecht und Bioethik spezialisiert und deswegen das Gefühl, daß ich mir auf anderen Gebieten nicht zuviel zutrauen sollte. Du wärst wohl besser dran mit jemandem, der mehr darüber weiß als ich. « Er hatte recht – sie hätte am liebsten aufgeheult. Aber er war so vernünftig und überlegt in seinen Argumenten und so offensichtlich verstört über das, was er als sein Versagen betrachtete, daß Janie fast Mitleid mit ihm hatte. An seiner Haltung und seinem Benehmen erkannte sie, daß er von sich selbst enttäuscht war. Zum erstenmal bemerkte sie ein paar Sorgenfalten auf seiner Stirn. Janie nahm die Hand ihres alten Freundes und drückte sie leicht, während sie eine Gruppe von Bänken ansteuerten. Sie tätschelte sie und ließ sie dann wieder los. » Du bist mein Anwalt, Tom. Und ich vertraue voll und ganz darauf, daß du jeden Kollegen zu Rate ziehen wirst, dessen Rat du brauchst. Ich möchte wirklich nicht mit jemand anderem zu tun haben, vor allem jetzt, wo vieles so … so schiefzulaufen scheint. « Sie sah ihn gewinnend an. » Und ich schätze, ich habe mich an dein Gesicht gewöhnt oder etwas in der Art. « Er reagierte mit einem komischen kleinen Grinsen, schüttelte den Kopf und beschwerte sich: » Immer diese Klischees. « » Tut mir leid! « » Schon gut. Ich verzeihe dir. Aber es ist mein Ernst. Mit Einwanderung kenne ich mich nicht aus, zumindest nicht auf dieser Ebene. Außerdem habe ich noch ein paar andere Verpflichtungen, die ich eigentlich nicht ablehnen kann, und möglicherweise übernehme ich mich. « Janie sah ihn neugierig an. » Wobei zum Beispiel? « » So eine Art Denkfabrik für Bioethik ist an mich herangetreten. Aus irgendeinem Grund haben sie das Gefühl, sie bräuchten einen Anwalt in ihren Reihen. Ich glaube, es geht um gewisse Biopatente, und sie möchten sich beraten lassen. « » Tom, das klingt ja großartig … « Strahlend breitete er die Arme aus. » Genau! Das ist die Art Recht, die ich wirklich liebe, wo ich mich völlig zu Hause fühle. Aber es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, zumindest, bis ich mich eingearbeitet habe. Also sollte ich nicht dein Geld nehmen, wenn ich dir nicht den Gegenwert dafür liefern kann. « » Was für eine altmodische Einstellung! « » He, man nennt mich nicht umsonst Tom-osaurus Rex. « Er zeigte auf einen Imbißstand. » Magst du einen Hot Dog? « » Igitt. Nein, danke. Hast du eine Ahnung, was in diesen Dingern drin ist? « » Ja. Alle mögliche Scheiße. Im wörtlichen Sinne. « » Und du ißt sie trotzdem? « » Mit Senf – einfach köstlich, schmatz, schmatz. « » Bei allem Wohlwollen, Tom, du wirfst mir Klischees vor! Deine Witze werden jedes Jahr lahmer. « » Genau wie alles andere an mir, meine Beste. « » Tja, das Leben ist ein einziger langer Abstieg. Hör mal, ich weiß deine Ehrlichkeit zu schätzen, sowohl was deine Situation betrifft als auch meine. Aber ich habe jetzt keine Lust, den Anwalt zu wechseln. Wenn es sein muß, dann besorg dir jemanden für den Routinekram, und ich werde die Rechnung begleichen; aber ich mag nicht direkt mit einem anderen reden müssen. Du bist der einzige Anwalt, den ich verkrafte. Sei also mein Puffer. Ich möchte es so haben. « » Okay! « Er gab sich heiter, aber Janie spürte eine leise Traurigkeit. » Wenn du das meinst «, fügte er hinzu. » Absolut. « Das Lächeln schwand, und Toms Züge wirkten für einen Moment eingefallen; Janie hätte am liebsten gefragt, ob ihm noch etwas anderes auf der Seele lag. Aber ebenso schnell verschwand diese Trübung wieder, und der Mensch, der ihr seit ihrer Jugend vertraut war, kehrte zurück. » So «, sagte er, » jetzt habe ich genug über meine Ängste vor beruflicher Unzulänglichkeit gejammert und gestöhnt. Worüber wolltest du jammern und stöhnen? « » Eigentlich über gar nichts. Ich habe etwas ziemlich Aufregendes, das ich dir zeigen muß. « Flüchtig schaute er sich um und beugte sich näher zu ihr. » Hier? Ich meine, ich bin begeistert, aber hier ist es so öffentlich … « Janie konnte ein Kichern nicht unterdrücken. » Das halten wir aus, ja? Neulich sagtest du etwas von einer besonderen Spezialität. Hätte die Arbeit an einem speziellen Problem dieselbe Wirkung, selbst wenn sie nicht unbedingt mein Fachgebiet beträfe? « » Das hängt von dem Problem ab, aber ja, es wäre möglich. Hast du da was? « » Sieht so aus, es ist möglich, daß ich über ein neues Syndrom gestolpert bin. « Sie reichte ihm die Namensliste. » Alle diese Kinde r l eiden unter demselben › sehr seltenen ‹ Problem zersplitterter Knochen. Ich habe das bei einer Reise durch Big Dattie entdeckt – und mach dir keine Sorgen, ich hatte eine Genehmigung. « » Na, wenigstens das ist in Ordnung. « » Ich habe nicht illegal gegraben, sondern es mir abgewöhnt – auf Anraten meines Anwalts. « » Zweifellos wird dein Anwalt das zu schätzen wissen. « » Außer, daß es vielleicht sein Einkommen verringert? « » Er wird ’ s überleben. « » Mit mir oder ohne mich, da bin ich sicher. Jedenfalls habe ich diesen Tatbestand gefunden. Nicht einfach gebrochene Knochen, sondern zertrümmerte. Die Ähnlichkeit der Probleme, die sich aus diesen Traumata ergeben, ist nicht zu übersehen und kann kein Zufall sein. Ich habe sie nach Datum sortiert – sieh dir das an. « Sie reichte ihm eine Graphik, aus der das Muster der Unfälle hervorging. » Es gibt da einen ganz plötzlichen Anstieg von Häufigkeit. « Die Graphik wies eine dramatische Spitze auf. » Und in all den Fällen, von denen ich bis jetzt gelesen habe, ist eine wirklich auffallende Ähnlichkeit die, daß die Verletzungen allein die Schwere der Probleme nicht erklären können. « » Was willst du damit sagen? « » Daß es da eine angeborene Schwäche geben muß. Etwas, das eine Anfälligkeit für spontane, unerklärliche Brüche verursacht. Vielleicht genetisch. Aber es könnte auch auf einer Krankheit basieren. Und aus den Akten dieser Kinder geht nichts hervor, daß sich irgend jemand sonst damit befaßt. Also – das würde die Sache doch interessant machen, oder? « » Vermutlich. Du müßtest dich mit jemandem zusammentun, der auf diese Art von Skelettproblemen spezialisiert ist. « » Was glaubst du, wie schwer das sein wird? Ich schnappe mir einfach jemanden von einer Ölbohrinsel. « Sie hatte erwartet, daß Tom lachen würde, doch statt dessen runzelte er die Stirn. » Janie, ich glaube, das könnte etwas werden. Es könnte eine gute Idee sein, sich dieses … Muster genauer anzusehen. Du mußt mich allerdings über alles, was du tust, auf dem laufenden halten. Ob es reichen wird, um deine Wiederzulassung zu erreichen – tja, das weiß ich nicht. Der Weg ist weit. « Ihr Gesicht wurde nachdenklich. Und dann entschlossen. » Vielleicht. Aber verdammt, ich muß ihn gehen. Die Arbeit, die ich jetzt tue, bedeutet mir absolut nichts. Und ob diese neue Sache nun zu meiner Wiederzulassung führt oder nicht – sie ist eine Chance, für eine Menge Leute etwas Gutes zu tun. Deswegen habe ich überhaupt Medizin studiert. Anscheinend ist es mir irgendwo abhanden gekommen. Ich will das aber nicht endgültig vergessen. « C aroline Porter Rosow saß auf einem Stuhl an ihrem Küchentisch, ein Bein ausgestreckt, einen Fuß auf einem Plastiktuch, das Janies Schoß bedeckte. Sie drehte den Fuß leicht, damit Janie den Stumpf des teilweise amputierten kleinen Zehs sehen konnte, der noch nach einem Jahr empfindlich war. Janie trug Bioschutz-Handschuhe und bewegte das, was von dem Zeh übrig war, mit den Fingern von einer Seite zur anderen. Während der Untersuchung plauderte sie, teilweise, um Caroline von der unangenehmen Berührung abzulenken, teilweise, weil es Neuigkeiten mitzuteilen gab. Nach ihrer verstörenden Erfahrung in England waren sie weit mehr als Freundinnen, und es gab wenig Geheimnisse zwischen ihnen. » Nun, sieht so aus, als würde es in meinem Leben wieder Sex geben. « » Du hast dir doch nicht etwa eines von diesen – Dingern gekauft, oder? « » Nein, du Klugscheißerin! Die Frau im Reisebüro sagt, daß es für Island jede Menge Visa gibt. Bruce und ich werden uns da treffen – nächsten Monat. « » Janie, das ist ja fabelhaft … « » Ich weiß, bin schon ganz aufgeregt. Aber Bruce war ein bißchen enttäuscht, als er erfuhr, daß es Island sein würde. « » Nun, die Hauptattraktion sind Vulkane … vergiß also nicht, einen Regenschirm einzupacken. Einen ganz großen, und feuerfest muß er sein. Es handelt sich doch nicht zufällig um dieselbe Reiseagentur, die den Flug nach London organisiert hat, oder? « Janie bewegte einen anderen Zeh von Caroline, etwas kräftiger als den vorigen, und dann wieder den Stumpf. » Doch, genau die. « » Oje … « » Da kann unmöglich was passieren. Island besteht aus Felsen, vergiß das nicht. Ich kann also nichts ausgraben. « Sie bewegte de n g anzen vorderen Teil von Carolines Fuß. » Das tut doch nicht weh, oder? « » Nur ein kleines biß chen. « Sie zuckte leicht zusammen und bewegte sich auf ihrem Stuhl, als hätte eine Verschiebung der Wirbelsäule Auswirkungen auf ihren Fuß. » Himmel, es wird wirklich Zeit, daß ihr beide mal wieder zusammenkommt. Wie lange ist das jetzt her? « » Vier Monate. Seit Mexiko. Und ich brauche dir nicht zu sagen, daß Island nur eine Verbesserung sein kann. « Jetzt bewegte Janie den Zeh auf und nieder. » Tut er mehr weh als letzte Woche? « » Nein. « Erneut durchfuhr es sie. » Ich habe gelogen. Doch. Aber hauptsächlich, wenn es regnet. Und wenn du ihn bewegst. Sonst nicht. « » Tat er weh, wenn es regnete, bevor du krank warst? « » Manchmal. « » Aha. Nun ja, das könnte es erklären. Das seltsame Phänomen des Phantomschmerzes. « Sie trennte den Rest des kleinen Zehs von den übrigen und sah sich das Fleisch dazwischen an. » Hier ist eine Rötung. Das gefällt mir nicht recht. Wie fühlt es sich an, wenn du Schuhe trägst? « » So unangenehm wie eh und je. Sie drücken immer noch alle. « » Selbst mit den Schaumpolstern? « » Das macht keinen großen Unterschied. Es hilft, aber ich spüre trotzdem etwas. Echt, ich würde morden, um wieder ein Paar schöne, hochhackige Schuhe tragen zu können. « » Ich fürchte, die Zeiten für aufreizende Pumps sind vorbei, Herzchen. Tut mir leid. Immerhin hast du den Fuß nicht verloren … und du kannst ja meinetwegen Netzstrümpfe tragen, wenn es dich überkommt. « Liebevoll tätschelte sie die Seite von Carolines Fuß und ließ sie dann los. » So, und jetzt zeig mir deine Hände. « Caroline streckte die sommersprossige Linke aus und präsentierte verschwörerisch ihren Ehering. Spöttisch spreizte sie die Finger und lachte. Janie klopfte ihr leicht auf den Handrücken und legte ihn dann auf ihren eigenen, um ihn sich anzusehen. » Okay, ich bin eifersüchtig «, sagte Janie. » Bist du glücklich? Dein Mann kommt nach Hause, meiner nicht. Deiner hat dich geheiratet. Meiner sagt, er würde mich heiraten, wenn er je einreisen darf. Aber habe ich einen Ring? Nein. « Caroline lachte leise und schüttelte den Kopf. » Meine Güte, wie wichtig wir uns nehmen … du brauchst wirklich einen anderen Job. « » Ja, ich denke schon … « Janie schlug die Augen gen Himmel. Sie drehte Carolines Hand um und untersuchte die Innenfläche. Es gab nichts Unerwartetes – die dunklen Flecken waren alle verschwunden, und da, wo sich ein oder zwei Beulen befunden hatten, erkannte sie nur schwache Narben. » Sieht wirklich gut aus. Du hast deine Hände ordentlich gepflegt. Ich hatte Angst, dein Körper würde überreagieren, als sie dir den Identitätssensor eingepflanzt haben, weil dein Immunsystem von der Pest so angegriffen war. Aber das ist nicht passiert – alles paletti! « Caroline zog ihre Hand abrupt zurück. » Das ist fast ein Jahr her. Wieso hast du mir von dieser Sorge nicht eher erzählt? « Nach einer kurzen Pause gestand Janie: » Ich wollte dich nicht beunruhigen. Du wußtest ja, worauf du achten solltest, oder? « » Ja, aber nicht, was es bedeuten könnte. « » Na ja, es ist ja nichts passiert. Also sei unbesorgt. « » Aber ich mache mir nun mal Sorgen. Das weißt du doch. « » Gott steh uns bei, wenn du mal Kinder kriegst. « Janie senkte die Stimme, damit Michael, Carolines Mann, sie nicht hören konnte. » Apropos, hast du deine Periode bekommen? « Caroline verzog unsicher ihre Miene und schüttelte verneinend den Kopf. » Wow! Nun ja, vielleicht … um wieviel bist du zu spät dran? « » Erst einen Tag. « » Na, ich drücke dir die Daumen. « » Danke. « Caroline war in London so schwer an der Pest erkrankt und von der Infektion so mitgenommen, daß Janie dachte, sie zöge schreckliche Folgen für ihre sämtlichen Körperfunktionen nach sich. Tatsächlich arbeiteten Carolines Nieren nicht mehr ganz zuverlässig. Wenn du schwanger wirst, hatte sie ihr gesagt, wirst du überhaupt nicht mehr aus dem Badezimmer rauskommen. Aber sie war nicht schwanger geworden, auch nicht nach acht Monaten täglichen Verkehrs, manchmal sogar zwei, je nach Zyklus, und sie nahm keine Antibabypillen. Das bereitete ihr ein bißchen Kummer. Ein schwerer Sturz, hatte sie dem Einreisebeamten im Logan Airport gesagt. Sie hatte sich die Hand aufgeschürft. Das erklärte die blauen Flecken, die Verbände, das Hinken und den extrem erschütterten psychischen Zustand, in dem Caroline bei der Einreisebehörde in Boston erschienen war. Sie hatte ein leichte Gehirnerschütterung, erklärte Janie für sie. Und ist immer noch ein bißchen benommen. Und obwohl Carolines eigenartiger Zustand einiges Stirnrunzeln hervorgerufen hatte, hatte sie bei keinem der Biosensoren Alarm ausgelöst, weil sie dafür gesorgt hatten, daß sie ansteckungsfrei war, ehe sie Großbritannien verließ. Janie hatte noch nie in ihrem Leben so lange die Luft angehalten wie in den Augenblicken, in denen Caroline die Kontrollen passierte, und zweifellos hatten sie auch noch nie so erleichtert aufgeatmet. » Jetzt zu deinem Fuß. Ich bin nicht ganz glücklich mit diesem Zeh. Für mich sieht er recht empfindlich aus. « » Das ist er auch. « » Und du trägst immer nur Socken? « » Außer, wenn ich Sandalen anhabe. « » Du solltest diesen Zeh wirklich nicht unbedeckt lassen. Wenn du ihn dir aufschrammst oder gegen irgendwas stößt, könnte es Probleme geben. Wechselst du die Socken regelmäßig? « » Ja. « » Und wäschst sie in heißem Wasser mit viel Bleiche? « » Natürlich. « » Wäschst du übrigens neue, bevor du sie anziehst? « Schweigen. » Caroline, das ist wichtig. « » Ich weiß. Aber manchmal vergeß ich ’ s. « » Versuch, es nicht zu vergessen, bitte! Viele davon sind importiert. Sie werden nicht so kontrolliert wie amerikanische Waren. « » Nur deswegen kann ich sie mir ja leisten. Aber gut, okay, ich werde vorsichtiger sein. « Während Caroline eine saubere Baumwollsocke über ihren geschädigten Fuß zog, streifte Janie ihre Handschuhe ab und steckte sie in eine Plastiktüte. Sie würde sie am nächsten Tag im Container für Bioabfall im Institut entsorgen. Als sie sich am Küchenbecken die Hände wusch, sagte sie: » Dein Mann ist also offenbar noch immer der Märchenprinz … « » Ja, aber er beschwert sich darüber, daß wir hier kein Königshaus haben. « » Was denn – hat er noch nie von den Kennedys gehört? « » Die sind ihm zu irisch. « » Ach, du Ärmste. Versucht er noch immer, dich dazu zu kriegen, daß du ihm Yorkshire-Pudding machst? « » Erfreulicherweise gibt er das allmählich auf. Letzte Woche habe ich ’ s versucht, aber ich kann einfach nicht so viel Fett vertragen, jedenfalls nicht, ohne zu würgen. Deshalb war er trocken. Michael sah ziemlich enttäuscht aus. « » Will er immer noch nicht, daß du arbeitest? « Caroline nickte. » Und um ehrlich zu sein, ich bin nicht unglücklich, zu Hause zu bleiben. « » Wahrscheinlich gewöhnt man sich daran «, bemerkte Janie, während sie sich mit einem Papiertuch die Hände abtrocknete. » Ich meine, ich stelle es mir jedenfalls so vor. Wie es sich anfühlt, weiß ich eigentlich nicht mehr – ich war das letzte Mal ohne Arbeit oder Studium während Betsys Babyzeit. « Sie warf das Papiertuch in den Abfalleimer. » Und das dauerte nur ein paar Wochen. « Das folgende Schweigen lastete im Raum. Caroline sah Janie die widerstre i tenden Gefühle an und sagte mitfühlend: » Zu Hause zu bleiben liegt nicht jedem. Du hattest eine Praxis. « » Und ich hoffe auf eine neue «, seufzte Janie. » Wie sieht es damit aus? « » Nun ja, bis vor ganz kurzem nicht allzugut. « » Oh? Gibt es Neuigkeiten? « » Ja, in der Tat! Ich habe etwas gefunden, was möglicherweise einmalig genug ist, um mich für eine Wiederzulassung zu qualifizieren. « Wieder erklärte sie, was sie entdeckt hatte. Bei jeder weiteren Schilderung wuchs ihre Überzeugung, daß die Sache Aufmerksamkeit verdiente. » Allerdings werde ich Hilfe brauchen. Bei einer Datensuche. Im Moment sichte ich das, was ich bereits gefunden habe, und dabei fallen mir etliche Dinge auf, die förmlich nach einer weiteren Untersuchung schreien. « » Und das wäre? « » Na ja, zuerst mal, warum ist diese Sache so unvermutet auf der Bildfläche erschienen? Hätte es vor diesem plötzlichen Anstieg nicht wenigstens ein paar derartige Vorfälle geben müssen? « » Vielleicht gab es sie, und keiner hat es gemerkt. « » Unter Umständen … Könnten auch welche vor Big Dattie aufgetreten sein. « » Ach ja? « sagte Caroline. » Sind tatsächlich schon Dinge passiert, bevor es die Datenbank gab? Manchmal vergesse ich das. « » Genau, und im Gegensatz zu unserer rosigen Vorstellung von der guten alten Zeit war sie nicht nur erfreulich. « Sie räusperte sich. » Es ist möglich, daß es ein paar derartige Fälle gegeben hat, wie auch immer, und keiner hat sie miteinander in Verbindung gebracht. Oder vielleicht hat es jemand getan und daran gearbeitet, aber die Ausbrüche nicht überlebt. « » Eine vernünftige Annahme. « » Irritierend finde ich, daß es so schnell sichtbar geworden ist – weil es sich meiner Meinung nach um ein genetisches Problem handelt. Zumindest gibt es eine genetisch bedingte Anfälligkeit. « » Wieso denkst du das? « Janie nahm eine Kopie der Namensliste aus ihrer Handtasche und reichte sie Caroline. » Sieh dir das an. Sag mir, ob dir etwas auffällt. « Caroline nahm die Liste und begann, Namen vorzulesen. » David Aaronson, Elliot Bernstein, Michael Cohen … « Sie blickte auf und zuckte mit den Achseln. » Alle diese Jungen sind jüdisch. « Vorübergehend verstummte Caroline. » Und wenn das der Fall ist, wer sollte dir dann helfen? « » Dein Prinz, meine Liebe! Dein reizender, halbjüdischer Prinz. « M ichael Rosow, früherer britischer Biocop und Verfolger internationaler Biokrimineller – von denen eine jetzt zufällig seine Frau war – , Sohn eines jüdischen Vaters und einer englischen Mutter, gefiel die Idee überhaupt nicht, als Janie sie ihm präsentierte. » Der König von England wird nicht erfreut sein «, wehrte er ab. » Dein König weiß ja kaum mehr, daß er König ist. Er würde eine Datenbank nicht mal erkennen, wenn sie aus Loch Ness auftauchen und ihn verschlingen würde. Und außerdem ist dir das im Grunde völlig egal. Du kehrst in nächster Zeit ja nicht nach England zurück. Also sag mir, was dich wirklich an der Idee stört. « Er wartete einen Moment, bevor er antwortete: » Ich habe Angst, daß ich erwischt werde – klarer Fall. « Darauf hatte Janie keine schlagende Antwort parat. » Verständlich. Und es hätte mich überrascht, wenn es dir nicht unangenehm wäre. Aber sollten wir einen Weg finden, wie du reinkommst, ohne geschnappt zu werden, würdest du dann mitmachen? « » Ich weiß nicht. « » Vielleicht könnten wir uns eine Identität ausborgen. « Michael warf ihr einen mehr als vorwurfsvollen Blick zu. » Du meinst, einfach jemandem die Hand abschneiden? « Janie zuckte zusammen, als sie sich an die grauenhafte Episode in London erinnerte, mit der Michaels Beispiel zusammenhing. » Nein. Das glaube ich nicht. « » Aha «, sagte Michael. » Du willst bis zum nächsten Graben also wenigstens ein Jahr verstreichen lassen. Das ist nur recht und billig. « N ach entsprechendem Drängen von Janies Seite, das sogar sie selbst als ziemlich lästig bezeichnet hätte, ließ Michael durchblicken, daß jemand, wenn er erst im Computer war und eine Identität angegeben hatte, das besondere Infrarotgerät des Taschencomputers benutzen konnte: Dieses gehörte bei Biocops zur Standardausrüstung, um anonym in die Datenbank zu gelangen. Die Datenbank registrierte den Zugang dann unter dem Namen der betreffenden Person, die ursprünglich im Computer gespeichert war, und der wahre Eindringling hinterließ keinerlei Spur. » Und wie komme ich an so einen Taschencomputer? « » Das kann nicht dein Ernst sein «, fuhr er auf. » Ich habe bloß deshalb einen, weil ich Lieutenant bin. Unter diesem Rang darf keiner so ein Ding benutzen. « Aha, dachte sie, er könnte es also übernehmen. Sie brauchte jetzt nur noch einen uneingeweihten Komplizen. Auf dem Heimweg von Caroline und Michaels Haus machte Janie bei einer der netter aussehenden Bars halt, die sie schon oft bemerkt, aber nie betreten hatte. An diesem Abend stand draußen keine Schlange, also fuhr sie sich rasch mit dem Kamm durchs Haar, strich ihr Kleid glatt und trat ein. Die Computerbar bestand ganz aus Glas und Chrom und war dämmrig beleuchtet. Der Fleischmarkt war um diese frühe Stund e s o, wie Janie erwartet hatte, vielleicht ein wenig eleganter wegen seiner hochnäsigen Kundschaft. Die Happy Hour befand sich auf dem Höhepunkt. Neureiche junge Techno-Snobs strömten in Scharen herbei und gaben ihre Credits, die elektronischen Dollars, für überteuerte Drinks in einem Tempo aus, das einen Rockefeller beunruhigt hätte. Dabei warteten sie auf etwas Computerzeit. Sie saßen an ihren numerierten Terminals und tauschten mit attraktiven Gästen an anderen Terminals anonyme Witzeleien aus. Obwohl nun Janie mit ihren eigenen technologischen Kenntnissen durchaus zufrieden und von der Brillanz, die sich rings um sie entfaltete, nicht im mindesten eingeschüchtert war, fühlte sie sich doch reichlich fehl am Platze – sie war gute zwanzig Jahre älter als alle anderen Personen in dem Lokal. Daher setzte sie sich an ein Ende der Bar und trank unauffällig ein Glas Pinot Noir, während um sie herum das Spiel der Leidenschaften seinen Fortgang nahm. Sie beobachtete genau, wie sich diese glatten jungen Leute des Cyber-Zeitalters verhielten, und wartete auf ein Detail, das sie auf eine Idee bringen würde. Schließlich wurde sie belohnt, nicht durch das erwartete Detail, sondern durch ein Muster, das nach und nach sichtbar wurde. Sie war inzwischen bei ihrem dritten Glas Wein angelangt, das sie sich erlaubte, weil sie an diesem Abend mit dem Bus nach Hause fuhr – allein, aber zur Abwechslung einmal nicht unglücklich. Ihr fiel auf, daß die Leute an ihren Terminals miteinander Kontakt aufnahmen, nachdem sie im System waren; sobald jemand ein Interesse zeigte, stand der oder die Betreffende auf und ließ den Computer im operativen Modus weiterlaufen, während er sich echten menschlichen Kontakten widmete. Der Computer blieb dann noch weitere fünf Minuten aktiviert. Sie konnten sich also Zugang verschaffen – und die Person, die am Terminal gesessen hatte, würde ein Alibi haben. Ihr wäre nichts vorzuwerfen. Mit einem entschlossenen Ruck trank sie den Rest ihres Weins aus und verließ die Bar, ohne mit irgend jemand auch nur ein Wort gewechselt zu haben. » Morgen abend möchte ich mit dir ausgehen, nur wir beide allein «, sagte sie später, als ihr Schwips ein wenig verflogen war, am Telefon zu Caroline. » Aus welchem Anlaß? « » Es gibt keinen. Noch nicht. Aber ich arbeite daran. « Sie unterbreitete ihren Plan. Widerstrebend erklärte sich Caroline zur Mithilfe bereit und machte das Angebot, das Janie sich erhofft hatte. » Caroline, das ist toll – du ahnst nicht, wie sehr ich deine Begleitung zu schätzen weiß. « Die Freundin jammerte ein wenig: » Ich hoffe, diesmal läuft es besser als das letzte Mal, als wir uns aufgemacht haben, um dir etwas zu beschaffen, was jemand nicht herausrücken wollte. « KAPITEL 7 A lejandros Pferd blieb den ganzen Nachmittag nervös, denn dem Geruch des Todes war nicht zu entkommen. Auf den Straßen wimmelte es von den aufgeblähten Leichen der Männer, die bei dem Versuch gefallen waren, dem Zorn von Charles von Navarra zu entgehen. Bald erreichte Alejandro einen Abschnitt des Weges, wo die Toten verkohlt waren, als sei irgendein großzügiger Wohltäter vorbeigekommen und habe das nötige Öl geopfert, um die Gefallenen wenigstens so weit zu verbrennen, daß die Tiere sich von ihnen fernhielten. Vor zehn Jahren, als sie in Richtung Calais an Paris vorbeiritten, um nach England überzusetzen, hatte er ähnlich Schreckliches gesehen. Die Pest, die ihren tödlichen Kuß auf jede zweite Stirn drückte, der sie auf ihrem grauenhaften Zug durch Europa begegnete, hatte in Frankreich verheerend gewütet. Damals waren die Krieger noch jung und Öl reichlich vorhanden, weit reichlicher als Männer mit der Kraft, Gräber auszuheben. Also verbrannte man die Leichen, wo sie gerade lagen, und er hatte die Scheiterhaufen noch vor Augen. Die Beschreibung einer derartigen Strecke befand sich in seinem längst verlorenen Buch der Weisheit. Wer las wohl jetzt darin, wenn überhaupt jemand? Wer befaßte sich mit den Geheimnissen seines Lebens, den Intimitäten seiner Seele, die er auf den Pergamentseiten preisgegeben hatte? Er würde es nie erfahren, wenn er nicht nach England zurückkehrte, und das lag in weiter Ferne. Jetzt kam er an brennenden Leichen vorbei, deren Flammen noch nicht erloschen waren, und er ertappte sich beim ständigen Gebet für die Seelen dieser Toten. Nach einer Weile lenkte er das unglückliche Pferd von der Straße fort und ritt parallel zu ihr durch den Wald, denn er wollte auf seinem Ritt keinerlei Spur hinterlassen. Rast legte er an jedem Brunnen auf dem Weg nach Paris ein; wenn das Wasser ihm gut erschien, ließ Alejandro es durch sein Tuch laufen und stillte seinen Durst. An einer Stelle kam es ihm besonders wohlschmeckend vor, also filterte er es in seinen Wassersack und trank, bis er zu platzen glaubte. Als Roß und Reiter nicht lange nach der letzten eine weitere Quelle erreichten, war er selbst nicht durstig, aber trieb sein Pferd zu ihr. Die Quelle war nur ein dünnes Rinnsal, und er sah nichts von Fischen, Fröschen oder Insekten. Das Pferd blieb unbewegt stehen. » Was ist, mein Freund, bist du der nächsten Tränke so sicher, daß du es dir leisten kannst, diese zu verschmähen? Aber du bist sicher klüger als der Mann in deinem Sattel. « Er saß ab, nahm die Zügel und führte das Tier an die Quelle heran. Doch es wollte nicht trinken. » Es stimmt also, was man über ein Pferd sagt, das zum Wasser geführt wird. « Er streichelte den Hals des Tiers. » Ich hatte das für ein Ammenmärchen gehalten. « Er kniete neben dem Rinnsal nieder und tauchte die Finger hinein; unterdessen prickelte in seiner Nase ein vertrauter Geruch. Schwefel. Derselbe Geruch, den er vor Mutter Sarahs Hütte in der Nähe von London wahrgenommen hatte. Tiefer gebeugt schnupperte er noch aufmerksamer. Das mußte es sein – und er hatte geglaubt, er werde dieses Element nie wieder finden! Er lief zu seinem Pferd zurück und nahm seinen Wassersack. Nachdem er reichlich von dem gefilterten Wasser getrunken hatte, schüttete er den Rest aus. Und ohne sein Tuch aus Nippon zu benutzen, füllte er das Gefäß mit der magischen gelblichen Flüssigkeit, die aus der Erde sickerte. Unbedingt würde er sich einen zweiten Wassersack besorgen müssen. Aber das war ihm gleich. Diese Gelegenheit durfte er sich nicht entgehen lassen. » Eigentlich sollten wir längst in Paris sein «, sagte Kate unglücklich. » Es ist nicht mehr weit. « » Aber wir reiten und reiten, und es sieht aus, als kämen wir niemals ans Ziel … Ich verstehe nicht, warum Ihr diese Strecke gewählt habt. Père wird sich Sorgen machen. « Nicht zum erstenmal protestierte sie gegen die indirekte Route, und wie zuvor tat Guillaume Karle sein Bestes, ihre Zweifel zu zerstreuen. Wenn sie sich nicht ignorieren ließen, beantwortete er ihre Klagen mit einer geheimnisvollen Erklärung. » Euer père hat nur gesagt, ich soll Euch lebendig und wohlauf nach Paris bringen. Er hat keinen bestimmten Weg und auch keine Zeit genannt. « » Mein Wohlbefinden schwindet mit jeder Meile dieses großen Umwegs. Und warum müssen wir so oft bei diesen Bauernhöfen anhalten? Ihr verschwindet darin und laßt mich draußen, wo alle Welt mich sehen kann. « Seine Erklärungen waren zwar gut genug, sie zu besänftigen, aber sie reichten nicht aus, um sie gänzlich zum Schweigen zu bringen. Also wartete sie nervös und gereizt vor einem Gehöft nach dem anderen und schäumte vor Ungeduld, während Karle hineinschlüpfte, um Nachrichten weiterzugeben, Botschaften zu empfangen oder neue Pläne zur Förderung seines Aufstands mitzuteilen. Manchmal kam er mit Nahrung zurück, aber häufiger überließ er ihr ein bißchen von dem wenigen, das sie noch hatten. Aus einem Haus trat er mit einem halben Laib Brot. Er brach ihn in zwei Teile und gab Kate einen. Das Brot war alles andere als frisch, aber sie nahm es eifrig und biß mit den Zähnen ein Stück davon ab. » Wenn wir in Paris wären «, sagte sie ein wenig verächtlich , » hätten wir vielleicht Käse dazu. Oder wir hätten überhaupt halbwegs regelmäßig Brot. « » Wir werden bald genug dort sein, und dann könnt Ihr Euer Brot mit allen Köstlichkeiten belegen, die Ihr findet. Aber daran mangelt es zur Zeit sogar in Paris. « Er warf ihr einen mißbilligenden Blick zu und schalt: » Ihr klingt wie eine eingebildete Prinzessin, wenn Ihr solche Dinge so wichtig nehmt. « Unwillkürlich errötete sie. » An Köstlichkeiten liegt mir nichts «, sagte sie ein wenig verletzt, » nicht einmal an Käse. Aber manchmal kann der bloße Gedanke an etwas Gutes ein Gefühl der Freude erzeugen – und ich tue mit meinen kleinen Träumen niemandem weh. Die einzige Wonne, die ich mir wirklich wünsche, ist das Wiedersehen mit Père. « » Bald genug «, versicherte Karle ihr. Der ständige Aufschub begann an ihr zu zehren. » Vielleicht sollte ich Eure Gesellschaft verlassen und direkt nach Paris reiten «, nörgelte sie am dritten Tag ihrer Reise. » Dann könnt Ihr Euch um Eure wichtigen Angelegenheiten kümmern und ich mich um meine. « Sie saß stolz auf ihrem Pferd und erwartete Dank für die Ankündigung, daß er demnächst von ihr befreit würde. Doch statt Dankbarkeit zu äußern, zankte Karle: » Seid Ihr verrückt? Ein junges Mädchen allein ist leichte Beute für jeden umherschweifenden Ritter. Und davon gibt es viele. « Er kicherte zynisch. » Ich gebe zwar zu, daß Ihr recht gut damit umgehen könnt, aber Euer kleines Messer ist einem Schwert nicht gewachsen. « » Kein echter Ritter würde sich mir gegenüber schlecht benehmen! « Karles Pferd tänzelte nervös unter dem ungewohnten Reiter, erst recht, da der Reiter gereizt war. » Aber was die falschen Ritter tun, ist nicht vorherzusehen «, sagte er nun fast drohend zu Kate. » Wie kommt es, daß Ihr so gar nichts von den Wahrheiten dieser Zeit wißt? Hat Euer père Euch ständig in einem Wandschrank eingesperrt? « Beschämt wandte sie den Blick ab. Sie konnte den Grund für die Abgeschiedenheit nicht erklären, in der sie und Alejandro gelebt hatten. » Laßt Euch erzählen, wie Ritter, sogar die echten, sich dieser Tage benehmen «, fuhr er fort. » Sie preschen wild durch ganz Frankreich, denn sie haben keine Gönner. Es gibt keine Herren, die sie bezahlen, alle diese Herren werden nämlich als Geiseln an Edwards großzügiger Tafel fett. Und sollte ein Herr so töricht sein, das Luxusleben am englischen Hofe aufgeben und in das Chaos Frankreichs zurückkehren zu wollen, dann haben seine Vasallen nicht die Mittel, um ihn freizukaufen! Im Augenblick sehnen sich die Ritter nach den Vorteilen irgendeines Bundes, und dazu schließen sie sich den Freien Compagnies an. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, haben diese › Helden ‹ gestohlen, einschließlich der Frauen, die sie zu ihrem Vergnügen benutzen und dann wegwerfen. « » Das kann nicht wahr sein! Sie können nicht alle solche Schurken sein, wie Ihr sie schildert … « » Vergebt mir «, höhnte er, » ich übertreibe. Ein oder zwei haben sich unserer Sache angeschlossen. Ein paar, die Gott über den König stellen, wollen sich an der Schändung Frankreichs nicht beteiligen. Aber vor den anderen werdet Ihr nicht sicher sein. Nicht allein. « Seine grauen Augen schauten vorwurfsvoll auf sie herab. » Wieso glaubt Ihr mir nicht? « Was sollte sie sagen, um ihre Unwissenheit zu entschuldigen? Es war ja nicht ihre Schuld. Sie suchte nach einer plausiblen Antwort. » Ich habe mich … eh … dem Lernen gewidmet, um Hebamme zu werden. « » Die Kenntnisse einer Hebamme werden Euch sehr von Nutzen sein, wenn Ihr tot am Straßenrand liegt, von irgendeinem angeblich › edlen ‹ Ritter mißbraucht. Ihr müßt versuchen, am Leben zu bleiben, um den rechten Gebrauch von Euren Fähigkeiten zu machen «, mahnte er. » Wenn Eure Behauptungen stimmen, dann wäret Ihr für unsre Sache eine große Hilfe. « Er forderte sie mit Blicken heraus. » Jetzt kommt mit mir, und Ihr werdet sehen. « Er gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte voraus. Und obwohl es ihr nicht vernünftig erschien, folgte sie ihm. Doch diesmal wartete sie nicht draußen. An der Tür eines kleinen, altersschwachen Steinhauses wurden sie von einer Frau mit düsterer Miene, dürren Armen und schwangerem Leib begrüßt. An den hohlen Wangen der Bäuerin sah Kate, daß das Kind in ihr sich alles nahm, was es bekommen konnte, und der Mutter selbst wenig übrigließ. Möge Gott geben, daß ich solche Not nie selber kennenlerne, betete sie im stillen, während sie die Frau anstarrte. Die Frau erwiderte Kates Blick äußerst argwöhnisch, doch da Karle sich für sie verbürgte, durften sie eintreten. Das Haus war kahl bis auf die allernotwendigsten Möbel. Es herrschte Finsternis, nirgends standen Kerzen, und es war kalt, denn im Herd brannte kein Feuer. In der Luft hingen üble Krankheitsgerüche. » Bonjour, Madame «, sagte Kate mit ruhiger Höflichkeit und einem Kopfnicken. Die dünne Frau knickste leicht, was Kate überraschte. Dann lächelte sie Karle hoffnungsvoll an, und dieser erwiderte ihren Gruß mit einer kleinen Verneigung und der Frage: » Was ist mit Eurem Mann? « Die Frau wies auf ein Strohlager vor dem kalten Herd. Darauf lag der Dahinsiechende, reglos, still, klapperdürr und bleich wie de r M ond. » Er steht nur auf, um sich zu entleeren «, gab die Frau Auskunft. » Gott sei Dank kann er das noch, denn ich habe nicht mehr die Kraft, ihn aufzuheben. Aber alles, was er zu sich nimmt, kommt nur als schmutziges Wasser wieder heraus «, flüsterte sie traurig. » Obwohl er fast nichts ißt. « » Und was ist mit dem Kleinen? « fragte Karle und blickte sich um. Die Frau wies mit der Hand in eine düstere Ecke; dort sahen sie einen kleinen Jungen, der sie aus der Dunkelheit mit den hohlen, leeren Augen von jemandem anstarrte, der an nichts als Essen denkt. » Den hat es nicht erwischt, heilige Jungfrau Maria, aber er ist nicht größer als vor zwei Sommern. Und spricht nicht mehr «, fügte sie mit gequältem Blick hinzu. » Ich fürchte, es fehlt ihm im Kopf. « Kate schaute sich um, sah aber keine weiteren Kinder. » Gibt es noch andere? « Mit einem trostlosen Schluchzen legte die Frau eine Hand auf ihre Brust und sagte: » Dahin! Die Pest hat es weggerafft! « Kate und Karle starrten einander an. » Gibt es hier Fälle von Pest? « flüsterte Karle. Unter Tränen brachte die Frau heraus: » Sie kommt hin und wieder vorbei und nimmt immer jemanden mit, bevor sie sich wieder in ihr Loch verkriecht. « Mitleidig legte Kate der Frau eine Hand auf die Schulter. Sie meinte das tröstend, aber die Arme erschauerte, und Kate fühlte, wie unter ihrem zerlumpten Kleid die Knochen herausstanden. » Wann ist Euer Kind gestorben? « » Beim letzten Mondwechsel. « » Und Ihr habt es begraben? « » So gut ich konnte … ich habe am Rand des westlichen Feldes ein flaches Loch ausgehoben, das Kind hineingelegt und dann mit Steinen bedeckt. Ich bete darum, daß keine Tiere gekommen sind. « Das solltet Ihr auch, dachte Kate. » Madame, gibt es hier häufig Ratten? « Die Frau starrte sie aus geschwollenen Augen an. » Weshalb stellt Ihr eine solche Frage? « » … weil es Ärzte gibt, die denken, die Ratten könnten Schuld an der Pest sein. « » Dann werden wir alle sterben – denn wir waren gezwungen, sie zu essen. « Kates Magen hob sich. » Und das verstorbene Kind? Hat es eine Ratte gegessen? « » Vielleicht; ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Mein Großer war alt genug, um selbst welche zu jagen. Und wir hatten den Punkt erreicht, wo wir nicht mehr alles, was wir fingen, miteinander teilten. « Sie bekreuzigte sich rasch. » Möge Gott uns diese Sünde verzeihen. Der Junge könnte eine gefangen und in seinem Hunger gegessen haben, statt sie nach Hause zu bringen. Aber ich weiß es nicht. « Und das, ohne das Fleisch vorher im Kochtopf zu erhitzen, dachte Kate. » Niemand darf Ratten essen «, ordnete sie entschieden an. » Niemals wieder! Ratten zu essen, ist der fast sichere Tod. « » Wir sind ohnehin sicher, daß wir sterben werden. « Auf diese hoffnungslose Bemerkung hatte Kate keine Antwort. Sie war bestürzt über die Verzweiflung, die sie sah, und gab der Frau ihre letzten Äpfel. Plötzlich schämte sie sich ihrer eigenen strahlenden Gesundheit, das Fleisch auf ihren Knochen war ihr peinlich. » Habt Ihr denn gar kein Brot? « hakte sie nach. » Wie sollen wir Brot backen? Sie haben den Pflug genommen – es gibt also keine Felder und daher kein Mehl. Überdies vermag mein Mann den Boden nicht mehr zu bestellen; er kann sich nicht lange genug aufrecht halten, auch nur eine Reihe umzugraben. Nicht einmal Steckrüben pflanzen wir mehr an. Navarra hat uns obendrein all unser Vieh genommen! « Sie drehte den Kopf zur Seite und spie gehässig auf den schmutzigen Boden. Dann begann sie zu weinen, der kleine Junge kam aus seiner Ecke und klammerte sich an ihren Rock. » Wie sind wir in diese Lage gekommen? « schluchzte die Frau. » Wir hatten so vieles, wofür wir uns immer bedankten! Und jetzt ist alles verloren. « Guillaume Karle trat näher an Kate heran und flüsterte: » Könnt Ihr nichts für diesen Mann tun? Hebamme? « Sie warf ihm einen unsicheren, ängstlichen Blick zu. Dann ging sie zum Lager des gelblich aussehenden Bauern. Sie prüfte seinen Zustand, so gut es ging, ohne ihn zu berühren, denn dadurch hätte sie sich nur angesteckt. Cholera, schloß sie aus ihrer kurzen Musterung. Alejandro hatte ihr die Symptome oft beschrieben; mit großer Wehmut berichtete er oft von seinem alten Soldatenkameraden, der die Cholera aus tiefster Seele fürchtete, und dann statt dessen der Pest zum Opfer fiel. Wieder bei Karle, flüsterte sie: » Da ist wenig zu machen. Aber ich wage nicht, sie ohne jede Hoffnung zurückzulassen. « Der Frau befahl sie: » Ihr müßt Brennmaterial sammeln, soviel Ihr könnt – denn alles Wasser, das Euer Gatte trinkt, soll vorher abgekocht werden. Er muß möglichst viel trinken. Nach dem Aussehen seiner Haut ist er ziemlich ausgetrocknet. « Dann wandte sie sich an das Kind. » Kennst du Löwenzahn? « fragte sie. Der Kleine nickte dumpf. » Dann pflücke allen, den du findest; es wird deinem père helfen, gesund zu werden. Bring die Blätter deiner maman, damit sie daraus Tee für ihn kocht. « Nun kam die Frau wieder an die Reihe. » Der Tee aus Löwenzahnblättern kann seinem Magen helfen; vielleicht wird er dann fähig sein, etwas Nahrung bei sich zu behalten. « Sie streckte den Arm aus und legte eine Hand auf die Schwangere. » Ihr müßt die Blätter trocknen, die übrigbleiben, dann zermahlen und als Pulver einnehmen. Sie enthalten eine Kraft, die sowohl Euch als auch Eurem Kind dient. « Die Frau, mindestens doppelt so alt wie ihre Ratgeberin, warf Guillaume einen argwöhnischen Blick zu. Dieser gab den Blick sofort an Kate weiter. Sie begriff das Zögern und verkündete: » Diese Dinge hat mein père mich gelehrt. « Dann schlug sie die Augen nieder und flüsterte Karle zu: » … als er immer durch die Tür meines Wandschranks zu mir sprach. « Karle konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, versuchte aber, es vor der kränklichen Bäuerin zu verbergen. » Das ist ein guter Rat «, sagte er zu der Frau, » und Ihr solltet ihn befolgen. « » Aber sie ist so jung … «, begann diese. » Ihr père ist ein Arzt. Zwar ist sie jung für eine Hebamme, hat jedoch bei ihm viel Weisheit erworben. « Damit schien die Frau zufrieden. Sie machte dem Kind mit einer Umarmung Mut und schickte es aus nach den erforderlichen Blättern. » Vielleicht gibt es auch noch Holz für ein Feuer «, überlegte sie laut, während sie ein Umschlagtuch ergriff. » Hinter dem Haus. « Sie folgten ihr nach draußen und brachten genug Holz zurück, um ein Feuer anzuzünden. » Ich werde jeden Tag für die Genesung Eures Mannes beten. « Alsbald verließen sie das Haus und seine elenden Bewohner und bestiegen ihre Pferde. » Warum hat sie vor mir geknickst? « fragte Kate neugierig. » Weil es so lange her ist, daß sie Gesundheit zu sehen bekam. Sicher hat sie Euch für eine Art Göttin gehalten. « Er lächelte spöttisch. » Oder wenigstens für eine Prinzessin. « Sie starrte ihn einen Augenblick verwirrt an, und als ihr klar wurde, daß er scherzte, faßte sie sich wieder. Der Wunsch, weiterzuziehen, überkam sie plötzlich mit großer Dringlichkeit. Sie schaute nach der Sonne am Himmel und wies dann in eine Richtung. » Westen «, sagte sie und wendete ihr Pferd. » Wohin wollt Ihr? « rief Karle, während er ihr folgte. » Zu dem westlichen Feld «, gab sie zurück. Das Grab fanden sie mühelos. Ein paar der Steine waren zur Seite gerollt; aber welches Tier hier auch am Werk gewesen sein mochte – es war nicht bis zu seinem Ziel vorgedrungen. Dennoch erleichterte es Kate, daß ein großer Teil Arbeit bereits von einem Geschöpf mit Klauen erledigt worden war. Während sie nun tatkräftig die restlichen Steine wegräumte, sah Karle mit neugieriger Ehrfurcht zu. Als er sich nähern wollte, winkte sie ihn weg. » Bleibt zurück – dann wird Euch niemand vorwerfen können, Ihr hättet daran teilgenommen. « » Aber darauf steht die Todesstrafe – Ihr müßt aufhören! « Steine zur Seite werfend antwortete sie: » Das kann ich nicht. Es ist wichtig. « » Aber warum? Warum sollte ein junges Mädchen … « » Das, was ich hier tue, tue ich als Heilerin, nicht als junges Mädchen. Also steht Wache … « Der Steinhaufen neben ihr war beträchtlich angewachsen, und sie begann sich schon zu fragen, ob die Frau recht gehabt hatte, als sie von einem flachen Grab sprach; aber da stieß sie auf etwas, was sie für das verweste Fleisch eines Schenkels hielt. Sie räumte noch ein paar Steine weg, bis sie den Arm fand, der neben dem Schenkel des toten Kindes lag und in einer verfaulten Hand endete. Während Karle entsetzt zusah, griff sie in ihren Strumpf, nahm das Messer heraus und trennte die Hand vom Arm ab. Sie riß einen Streifen von ihrem Tuch und wickelte das schwärzliche Ding ein. Nachde m s ie rasch die Steine wieder in die Grube geworfen hatte, stand sie schwankend auf und würgte vor Ekel. Als ihre Blicke sich trafen, erhaschte Karle in ihren Augen ganz kurz den Ausdruck eines gejagten Tiers. » Ihr seid wahnsinnig «, zischte er. Aber da war sie wieder Alejandros Tochter und sich der Natur ihrer Tat voll bewußt. » Sagt es nicht zu laut, Karle «, flüsterte sie, während sie sich faßte. » Gott wird Euch sonst hören. Ihr müßt mir glauben, daß dieser Fund unser Glück ist – denn wir werden ihn vielleicht einmal brauchen. « Sie hielt das Bündel auf Armeslänge von sich. » Aber ein noch größeres Glück ist, daß es nicht mehr stinkt. « A lejandro schaute aus dem kleinen Fenster seiner Dachstube in der Rue des Rosiers zu, wie eine alte Frau in einfachem grauem Kleid und weißer Schürze den Tag mit einem Besen in der einen samt Eimer in der anderen Hand begrüßte. Zuerst fegte sie die Ausscheidungen der Nacht von den Steinen, entfernte sie entschlossen von ihren Türstufen und verbannte die widerwärtigen braunen Häufchen murmelnd in den Rinnstein. Dann leerte sie ihre Eimer über denselben Steinen aus und schrubbte sie voller Hingabe, damit nichts Schädliches überlebte. Alejandro hatte sie am Vortag und auch am Tag davor dasselbe tun sehen. Wären die Einwohner Londons nur auch so auf Sauberkeit bedacht, dachte er bedauernd, dann hätten vielleicht mehr überlebt … Doch bei der ersten Welle des Schwarzen Todes waren ebenfalls viele Pariser umgekommen, trotz der relativen Sauberkeit der Stadt; also konnte er den Schmutz Londons nicht gänzlich für die Verheerungen verantwortlich machen, die dort stattgefunden hatten. Viele behaupteten, die Engländer seien eine andere Art Menschen als die Franzosen, wilder, einige sagten sogar etwas von barbarisch. Und tatsächlich konnte er sich nicht erinnern, je eine Engländerin gesehen zu haben, die dem allgegenwärtigen Dreck auf dem Kopfsteinpflaster mit solcher Vehemenz zu Leibe gerückt wäre wie diese ältliche Pariserin. Aber er stimmte der in Frankreich weitverbreiteten Auffassung nicht zu, die Engländer seien ein träges Volk, denn anderen Mißständen begegneten sie höchst energisch. Den Franzosen zum Beispiel. So oft wie möglich. In seiner Dachstube sah er bekümmert vor sich hin. Jetzt war die Alte damit beschäftigt, die Läden zu öffnen, die ihre runden und eckigen Käse in der Nacht vor allerhand Gesindel schützten. Durch die kriegsbedingte Knappheit waren Nahrungsmittel teuer, und eine großzügige Portion Käse stellte einen Luxus dar, den sich nur die sehr Reichen oder die sehr Gerissenen gönnen konnten. Der durchdringende Käseduft, der nun frei wurde, breitete sich in der Straße aus und erreichte auch Alejandros Dachfenster; das war für ihn Anreiz genug, um die Spinnweben und das feuchte Stroh seines vorübergehenden Verstecks zu verlassen und sich auf die Suche nach etwas Eßbarem zu begeben. Über dem winzigen Laden hing ein großes, keilförmiges Holzbrett, das gelb angemalt war und die geschnitzte Inschrift fromage trug. In den Vertiefungen klebten Staub und Schmutz, denn die alte Frau konnte das Schild nicht erreichen, um es zu säubern. Er dachte einen Moment lang daran, sich für diese Aufgabe anzubieten. Damit hätte er ihr einen großen Gefallen getan, und trotz seines schweren Schicksals war Alejandro noch immer ein freundlicher Mensch. Doch er hielt sich zurück, das Angebot tatsächlich zu machen – denn diese Freundlichkeit hätte bewirkt, daß er sich dem Gedächtnis der alten Frau einprägte. Seit seiner Ankunft in Paris hatte Alejandro es sorgfältig vermieden, zweimal dasselbe zu tun, um nicht die Aufmerksamkeit von jemandem zu erregen, der müßig das Kommen und Gehen der Bewohner dieses speziellen arrondissements beobachtete. Abgesehen von den Eintragungen in Abrahams Buch war das alles, was er selbst zu tun hatte; und er war erstaunt, was er alles bemerkte, wenn er Zeit zum Beobachten hatte: die mürrische junge Frau, die immer wieder Herren einlud, mit ihr die dunkle Treppe hinaufzusteigen, den ganzen Tag lang und bis tief in die Nacht; die rauflustigen Knaben, die mit Stöcken spielten und einander beim ansonsten harmlosen Wettstreit oft blutige Kratzer zufügten; die scheue Witwe in schwarzem Kleid, die ein schniefendes Kind an der Hand führte und einen Korb trug, der immer schrecklich leer schien. All diese Menschen waren ihm jetzt vertraut, obwohl er sich erst ein paar Tage in dieser Umgebung aufhielt. Wie lange würde es dauern, bis sie ihn bemerkten und sich zu wundern begannen? Am Vortag hatte er die süße Stimme eines kleinen Mädche n g ehört – sie hatte » Père! « gerufen, und der Klang des Wortes drang in sein Innerstes. Hastig hatte er sich umgedreht und gesehen, wie ein glücklicher père von irgendwo mit Dingen nach Hause kam, die seine Kleine brauchte und unter denen ein liebendes Herz und überströmende Zuneigung nicht das einzige waren. Er hatte das lachende Kind in die Arme genommen und das rosige Gesichtchen mit väterlichen Küssen bedeckt, während Alejandro zusah und schmerzhaften Neid empfand. Er weiß nicht, wie schnell das vergeht, wie bald sie eine Frau sein und ihn nicht mehr brauchen wird. Abwechselnd suchte er unterschiedliche Geschäfte auf, verweilte nie lange an einem Ort und blieb nie länger als einige Minuten an derselben Stelle. Aber immer hielt er die Augen offen, wo er auch war: Denn in dieser Straße, in dieser Ansammlung kleiner Läden und Märkte, hier inmitten der letzten paar Juden von Paris würde Kate nach ihm Ausschau halten. Noch war er nicht besorgt, daß ihr Eintreffen sich verzögerte; denn er selbst hatte den Vorteil gehabt, reiten zu können, während sie zu Fuß ging. Oder könnten sie es irgendwie zustande gebracht haben, sich Pferde zu beschaffen? Waren sie noch zu zweit? Zu spät und mit einem schrecklichen Gefühl von Ohnmacht fragte sich der Arzt, ob der Franzose wirklich so vertrauenswürdig war, wie er ihn eingeschätzt hatte – oder ob er das Gold, das ihrem Unterhalt dienen sollte, nehmen und sie im Stich lassen würde? Kate hatte etwas eigenes Gold in einer anderen geheimen Tasche ihres Rocks, die zugenäht war, damit die Münzen nicht versehentlich herausfielen. Er hatte sie gelehrt, immer etwas bei sich zu haben, was sie leicht gegen das Überlebensnotwendige eintauschen konnte. Eine Goldmünze würde ihr die Reise durch halb Europa ermöglichen, wenn sie sie richtig anlegte, und er hatte ihr beigebracht, bescheiden zu sein. Sie würde bestimmt eine gute Ehefrau, dachte er voller Stolz, obwohl er in ihrer Jugend so viel mit ihr hatte herumziehen müssen. Wenn die Zeit kam, sie zu verheiraten, übernähme sie die Angelegenheiten ihres Gatten und ihres Haushalts mit Umsicht und erzöge ihre Kinder mit Liebe! Gebe Gott, daß die Welt einmal wieder zur Vernunft kommt und ihr so einfache Freuden zuteil werden. Irgendwann fand er sich vor den Käselaiben wieder und hört e d ie alte Frau in dem grauen Kleid energischer, als er ihr zugetraut hätte, nach seinem Begehr zu fragen. Er zeigte auf seine genügsame Wahl unter all den Versuchungen und bezahlte den Preis in kleinen Münzen. Nachdem er der Frau mit einem Lächeln gedankt hatte, überquerte er rasch die Straße und ging zur boulangerie, wo er eine lange, goldene, noch warme Stange Brot kaufte. Vom Verlassen seines Zimmers bis zur Rückkehr mit den Nahrungsmitteln sprach er kein Wort. Erneut setzte er sich ans Fenster und hielt Ausschau. K ate war auf dem Ritt still und wortkarg, bis sie am nächsten Bach rasteten. » Was diese Frau erzählt hat – es beschämt mich zu wissen, daß solche Dinge passieren! Einem Menschen sein Hab und Gut zu stehlen ist ehrlos genug «, sagte sie, während das Wasser durch ihr Seidentuch lief, » aber ihm auch noch das Werkzeug für den Lebensunterhalt zu rauben, ist etwas ganz anderes. Das ist mit Sicherheit ein Verbrechen. « » Sie haben diesen Landsleuten alles genommen «, knurrte er. » Jacques Bonhomme, der brave Mann! Die größte Sünde dieser Unglücklichen ist ihre niedrige Geburt. « » Wir sind alle in Sünde geboren «, sagte sie. » Aber Armut ist keine Sünde – es wird erst eine, wenn man nichts tut, sein Los zu verbessern. « » Die Herren Frankreichs haben ihren Untertanen das unmöglich gemacht. « » Wenn ich so behandelt würde, würde ich mich auch erheben «, grollte Kate, » oder ich könnte meinem Schöpfer nicht ins Angesicht sehen. Ich begreife nicht, wieso Er Eure Sache nicht hat siegen lassen. « Verwirrt schüttelte sie den Kopf. » Diese Niederlage Eurer Streitkräfte muß Teil irgendeines Plans sein, eines größeren Entwurfs, denn im Auge Gottes ist Eure Sache bestimmt gerecht. Wir können nicht immer wissen, warum Er sich so verhält, wie Er es tut. « Ihre Bemerkung schien Guillaume Karle zu erzürnen. » Es war nicht das Werk Gottes, sondern Pech, reines Pech! Wären diese Ritter nicht gekommen, dann hätten wir jetzt vielleicht die Gattin des Thronerben in unserer Hand und könnten über ihr kostbares Haupt verhandeln. « Kate sah ihn streng an. » Ihr würdet doch gewiß nie daran denken, einer Dame den Kopf abzuschlagen? « » Warum nicht? Soll er nur auf ihrem Hals bleiben, weil sie von königlicher Geburt ist? Soll ihr die Behandlung erspart bleiben, die die Untertanen ihres Gatten erleiden, oft aus den nichtigsten Gründen? Wenn man für sie nicht tausend Pflüge erhielte, wäre es dann nicht vernünftig, sich von ihr zu trennen? « Die junge Frau, deren Kopfpreis sicher ebenfalls in tausend und mehr Pflügen bestand, faßte sich unbehaglich an den Hals und sagte: » Euch erscheint das vielleicht ein fairer Tausch. Aber ich kann Euch versichern, die Dame würde alle Felder Frankreichs mit eigenen Händen bestellen, um sich zu retten. « Karle kicherte. » Der Anblick wäre es vielleicht wert, ihr Leben zu verschonen. Jetzt, da sie unter Navarras Schutz steht, ist mir diese Entscheidung aus der Hand genommen. Für den Augenblick. Wir werden sehen, ob sich noch mal eine Gelegenheit bietet! « A lejandros einzige wirkliche Ablenkung von seiner zunehmenden Sorge war die Arbeit an dem kostbaren Buch, das Kate für ihn gekauft hatte; doch selbst das verschaffte ihm keine wirkliche Ruhepause. In der einen Minute fesselten ihn die Seiten, die neue Erkenntnisse verhießen, in der nächsten wurde sein Blick wieder von der geschäftigen Straße unten angezogen – die Hoffnung auf ein Wiedersehen preßte sein Herz zusammen. Im Licht seines einzigen Fensters saß er über den alten Folianten gebeugt, aber immer häufiger blickte er stirnrunzelnd auf die Straße hinaus. Seine Augen eilten ängstlich von einer jungen Frau zur anderen, immer getrieben von der Zuversicht, das nächste Mädchen, das er sah, werde die sein, die er erwartete. Allmählich ermüdete ihn die permanente Enttäuschung, all diese Fremden zu erblicken und niemals diejenige, nach der er sich sehnte. Dennoch schritt seine Arbeit an dem Text fast von allein voran, und tatsächlich wurde sie zu seiner einzigen Freude. Zeile für Zeile entlockte er den Symbolen ihre Bedeutung, und der Sinn, den sie ergaben, brannte sich seinem Gedächtnis ein. Doch auch das vermehrte seine Sorgen: Welchen Nutzen würde die so befreite und auswendig gelernte Weisheit den nach Gottes Willen in Gallien zerstreuten Juden bringen, wenn die Dinge, die sie wissen mußten, i n s einem Kopf verschlossen blieben? Und was wäre … dachte er mit einem Schauder, was wäre, wenn ich sterben sollte, bevor ich diese Worte der Weisheit weitergeben kann? Nachdem sie einmal entziffert waren, sollten sie bewahrt bleiben. Daran bestand kein Zweifel. Er hatte Federkiel und einen Tintenstein gekauft; aber es gab nichts, worauf er seine Übersetzung schreiben konnte, als die Buchseiten selbst. Ein Sakrileg! ermahnte ihn sein Gewissen. Etwas so Schönes mit deinem eigenen Gekritzel zu besudeln! Es gehört den unglücklichen Juden, denen es zugedacht war. Dann rief seine Vernunft empört: Bin ich denn nicht einer von ihnen? Endlich triumphierte seine Einsicht. Ohne meine Bemühungen ginge es ihnen für alle Zeiten verloren. So, dachte er und gestattete sich einen kurzen Augenblick der Erheiterung, dieser Widerstreit ist geklärt, glücklicherweise zu meinen Gunsten. Und während die Sonne sich ihrem Höchststand am Himmel näherte, wurde ihm klar, daß er an diesem Tag noch kein Wort gesprochen hatte. » O Herr «, betete er laut, » bitte, gewähre mir wenigstens jemanden, mit dem ich Argumente austauschen kann, damit mir die Schande erspart bleibt, ein einsamer Narr zu werden. « Mit gewissenhafter Sorgfalt begann er, die Übersetzung auf die jeweils gegenüberliegenden Seiten zu schreiben. Das Hebräisch war archaisch, ein Stil, den ein ungebildeter Jude nicht würde lesen können. Er entschied, daß Französisch am besten wäre; denn Französisch würde sicher immer die wichtigste Sprache der Welt bleiben, und es würde immer einen Juden geben, der es verstand. Wie war der Apotheker an diesen Schatz gelangt? Sicher hatte er ihn nicht von Abraham selbst, das Buch ließ auf ein ehrwürdiges Alter schließen. Alejandro hegte keinen Zweifel , daß der scharfsinnige Autor längst dahingeschieden war und friedlich im Schatten seiner Ahnen ruhte. Hatte der unglückliche Mann, der es für eine Goldkrone an Kate verkaufte, es aus irgendeinem verkohlten Ranzen gestohlen, oder war es ihm selbst verhökert worden – vielleicht für eine Handvoll Kleingeld, von irgendeiner verzweifelten Witwe, die ihre Kinder ernähren mußte? Bei der betrüblichen Erkenntnis, daß er nie erfahren würde, auf welchen komplizierten Wegen das Buch in seine eigenen Hände gelangt war, seufzte er. Er wußte nur, daß es die Goldkrone, die Kate dafür geopfert hatte, mehr als wert war. Ach, Abraham, sinnierte er, möge Gott dir Frieden gewähren, denn du hast ein Werk hinterlassen, das die fürstlichste Belohnung verdient. Und es wurde von einem Christenmädchen aus seinem Versteck befreit, das irgendwie die Weisheit besaß, es als das zu erkennen, was es war. Dies, das wußte er, wäre eine Überraschung für den alten, längst verstorbenen Priester, wenn er von seinem Sitz an der Seite der Propheten auf die Erde niederschaute. Doch die Offenbarungen dieses Leviten waren nicht nur liebevoll; denn nach der Einleitung mit einem feierlichen Gruß hatte Abraham eine Reihe strenger Warnungen vor dem Mißbrauch seiner Weisheiten geäußert. Maranatha! hatte er geschrieben, ein Wort, das Alejandro nicht übersetzen konnte, wenn er auch von seinem Klang sehr beeindruckt war. Es war auf der Seite verschiedentlich zwischen die strengen Warnungen eingestreut; trotz allen Bemühens konnte er seine Bedeutung jedoch auch aus dem Zusammenhang nicht enträtseln. Weh dem, der einen Blick auf diese Seiten wirft und kein Opferer oder Schriftgelehrter ist. Maranatha! Das machte ihm Sorgen. Gewiß konnte er sich gegenwärtig als Schriftgelehrten bezeichnen, aber was genau war ein Opferer? Durfte er weitermachen, ohne es zu wissen? Welches Weh würde dieser alte Text über ihn bringen? Doch welches Weh ist denn nicht schon über mich gekommen, daß ich noch weiteres zu fürchten hätte? fiel ihm dann ein. Seine Augen begannen zu schmerzen, und er rieb sie einen Moment, um die Anspannung zu lockern. Er dachte an Kate und wie sie ihm seinen eigenen Rat zurückerstattet hatte – gib darauf acht, dir nicht durch zuviel Lesen die Augen zu verderben! Mit den Fingern strich er sich seine Mähne aus dem Gesicht. Dabei löste sich ein einzelnes Haar und fiel herunter. Es rutschte genau in den schmalen Spalt zwischen den Papyrusseiten. Eine Weile lang mühte er sich, es herauszuziehen, aber seine Finger waren zu dick. Es führte zu nichts, schließlich ließ er es einfach stecken. Er versenkte den Band vorsichtig in seine Tasche und machte sich nac h e inem letzten Blick aus dem Fenster auf, um jemanden zu finden, der ihm vielleicht das geheimnisvolle Wort übersetzen konnte. Obwohl er eigentlich alle Priester für Scharlatane und Parasiten hielt, nahm er an, daß ihm wahrscheinlich einer von ihnen würde helfen können. Sie kennen die Namen all ihrer Feinde, erinnerte er sich. Sicher war jemandem auch dieses Wort vertraut. Er konnte fragen, ohne allzuviel Aufmerksamkeit zu erregen, wenn er es diskret anstellte. Am besten gab er sich als Gelehrter aus – Ach, das ist eine Idee! Vielleicht gibt es ja einen Gelehrten, den ich fragen könnte! An der Universität, die nicht weit entfernt war, herrschte daran kein Mangel … Sicher konnte er dort Erkundigungen einziehen, ohne zu sehr aufzufallen. Vielleicht finde ich sogar jemanden, mit dem ich disputieren kann … Kate würde früher oder später kommen, das wußte er in seinem Herzen; aber weder seine Sorge noch sein Wille konnten den Zeitpunkt ihrer Ankunft beeinflussen. Er würde nicht lange fort sein, vermutlich nur für wenige Stunden, und sie würde warten, wenn sie zum Treffpunkt kam und ihn nicht vorfand. Natürlich brauchte er nicht ununterbrochen nach ihr Ausschau zu halten. Nur seine große Sehnsucht nach einem Wiedersehen hatte ihn dazu getrieben. KAPITEL 8 D er Ausdruck auf Caroline Rosows Gesicht, als sie sich in der Computerbar umsah, war eine seltsame Mischung aus Neugier und Verachtung. » Damit hatte ich nicht gerechnet. « Sie schüttelte sich. Janie beugte sich vor und fragte: » Womit hast du denn gerechnet? « » Ich weiß es nicht genau. Aber nicht mit dem hier. Das ist – traurig. « » Unter anderem «, meinte Janie. Dann fügte sie leise hinzu: » Ich bin froh, daß du gekommen bist. Auf einmal befürchtete ich schon, du hättest es dir anders überlegt. « » Gar nicht so weit hergeholt! Michael war in einer merkwürdigen Verfassung, als er nach Hause kam, und ich überlegte, ob er wohl den ganzen Abend zu Hause bliebe. Wenn er noch einmal ausginge, würde er den Taschencomputer vermissen. « Janie runzelte die Stirn. » Ist denn heute bei ihm in der Arbeit etwas los gewesen? « » Nicht speziell seinetwegen. Aber es ist etwas passiert. « Sie schwieg einen Moment und ergänzte dann: » Man hat ihnen heute jemanden gebracht. Das ist seit einer Weile nicht mehr vorgekommen. Michael kam sehr bestürzt nach Hause und sagte, er hätte vergessen, wie gräßlich das ist. Offenbar hatte der Mann sich nicht ärztlich behandeln lassen. « Sie seufzte schwer und spreizte die Finger. » Michael hat gesagt, seine Finger und Zehen müßten größtenteils schon verschwunden gewesen sein, als er starb. « » O je «, stöhnte Janie. Sie fragte sich, ob Michael von dem Opfer gewußt hatte, das sie neulich in der Nähe des Supermarktes gesehen hatte, und ob er es vielleicht für sich behalten hatte. » Woher war der Mann? « » Kendall. « » Meine Güte, das ist nah. « » Ich weiß. Aber Michael sagte, dieses spezielle Opfer käme aus einer Gemeinschaft, wo sie außer unter den schlimmsten Umständen medizinische Behandlung meiden. « » Ist MR Sam nicht schlimm? « » Vielleicht hat er sehr schnell gewirkt. « » Das tut er immer. « Doch selbst jemand, der dumm genug war, wegen irrationaler Überzeugungen zu sterben, erweckte Mitgefühl. Innerlich wollte Janie schon zu beten beginnen, da hörte sie die Tür aufgehen. Rasch sah sie sich um. » Oh «, hauchte sie, und das Gebet war vergessen, » vielleicht käme der in Frage. « Janie verzog sich in eine anonyme Ecke und beobachtete, wie das kleine Theaterstück, das jeden Tag auf der ganzen Welt von Menschen aller Rassen unzählige Male gespielt wurde, auf typisch amerikanische Weise vor ihr ablief. Caroline, hinreißend gekleidet, perfekt geschminkt und frisiert, lächelte dem eintretenden jungen Mann zu, als er vorbeikam. Er ging etwas langsamer und erwiderte das Lächeln. Dann musterte er sie anerkennend von oben bis unten. Danach setzte er seinen Weg fort und nahm mit offenkundiger Entschlossenheit vor einem freien Computerterminal Platz. Caroline tat dasselbe. Janie sah, daß sie kaum merklich hinkte, und schaute auf die Füße ihrer Freundin. Ihr stockte der Atem, als sie sah, daß sie ein Paar alte, aber fabelhaft aussehende hochhackige Pumps trug. » Scheiße «, murmelte Janie lautlos. » Caroline, du übertreibst! « Doch Caroline achtete nicht so auf ihre Füße, wie Janie es sich gewünscht hätte. Die junge Frau mit den roten Haaren hatte ihren Computer schnell und effizient in Betrieb genommen, nachdem sie davor saß, und es dauerte keine drei Minuten, bis sie sich am Ohr kratzte, das verabredete Zeichen dafür, daß jemand an einem anderen Terminal mit ihr Kontakt aufgenommen hatte. Dann verriet ein leichtes Grinsen Janie, daß es sich um den jungen Mann handelte, der ihr beim Hereinkommen aufgefallen war. Janie beobachtete, wie Caroline leise und auf eine Art, die sexy wirken sollte, etwas sagte; aber vor lauter Lärm konnte sie nichts verstehen. Doch wie vorherzusehen stand am anderen Ende des Raumes der junge Mann von seinem Terminal auf und schlendert e l ässig in Carolines Richtung, ein sieghaftes Grinsen im Gesicht und eine Flasche Wein in der Hand. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihre Freundin. Dann streckte er die Hand aus, um sie zu begrüßen. » Nein, nimm sie nicht «, flüsterte Janie. Doch Caroline nahm sie. Janie hielt den Atem an. Es könnte Spuren hinterlassen. Großer Gott, Crowe, allmählich wirst du paranoid … Für einen Moment schloß Janie die Augen und versuchte, ihre wachsenden Befürchtungen abzuschütteln; als sie sie wieder öffnete, sah sie, daß Caroline und ihre Eroberung recht gut miteinander auskamen. Der junge Mann sah ungewöhnlich aus, extrem groß und sehr dünn; aber er war auf eine lustige Weise hübsch, und Janie fand ihn selber attraktiv. Er schien Ende Zwanzig bis Anfang Dreißig zu sein, hatte hellblonde, kurzgeschnittene Locken und einen lächerlich aussehenden Ziegenbart, der seit der Jahrhundertwende aus der Mode war. » Jetzt beschäftige ihn bloß für ein paar Minuten «, flüsterte Janie. Sie glitt von ihrem im Halbdunkel stehenden Hocker und ging durch den Raum zu dem Terminal, den der junge Mann verlassen hatte. In einiger Entfernung davon setzte sie sich hin und nahm den von Michael » geliehenen « Biopol-Taschencomputer heraus. Auf Daumennageldruck öffnete er sich, und dann aktivierte sie ihn mit der Nummer, die Caroline ihr gegeben hatte – einer Nummer, die ihr Zugang zu so ziemlich allen Datenbanken verschaffte und ohne die sie sofort verhaftet worden wäre. Sie richtete den Infrarot-Sender auf das verlassene Terminal, und binnen weniger Augenblicke hatte sie den Taschencomputer elektronisch damit verbunden. Auf dem Bildschirm zeigte sich der Timer. Es dauerte nur noch drei Minuten, bis das Terminal sich automatisch abschalten würde. » Das muß reichen «, flüsterte sie mit ruhiger Entschlossenheit. Sie benutzte absichtlich und mit großer Sorgfalt die Tastatur des Taschencomputers, denn auf ihre Stimme würde er nicht reagieren. Nach wenigen Sekunden zeigte sein Bildschirm die vertraute gelbe Warnseite von Big Dattie. Janie hatte die notwendigen Befehle auswendig gelernt und gab sie ein, als versuche sie, eine Atombombe zu entschärfen, ehe sie hochging. Sie biß sich auf die Lippen, während ihre Finger über di e T astatur flogen. Tiefer und tiefer drang sie in die Datenbank ein, bis sie das Material hatte, das sie brauchte. Namenslisten erschienen auf dem Monitor. Es waren so viele, daß sie sich fragte, ob der Speicher des Taschencomputers sie alle aufnehmen konnte. Doch sie schob diese Sorge beiseite, denn aus dem, was sie von der Datenbank speichern konnte, würde sie eben das Bestmögliche machen. Sie hatte keine andere Wahl und auch keine durchführbaren Alternativpläne. Was immer bei diesem illegalen Eindringen herauskam, würde reichen müssen. Der Timer tickte weiter, und endlich, als nur noch weniger als zehn Sekunden übrig waren, erschienen die letzten Dateien auf dem Taschencomputer. Als sie das kleine Gerät zuklappte, waren noch sechs Sekunden übrig. » Ein süßer Junge «, sagte Caroline. » Er sah ungewöhnlich aus «, pflichtete Janie ihr bei. » Und er schien ein richtig netter Kerl zu sein. Ein ehemaliger Computerfachmann, der jetzt als Basketball-Hilfstrainer an der Universität arbeitet. « » Komisch. Paßt gar nicht zu seinem Aussehen. Vielleicht wegen seiner Größe, aber er wirkte sehr intelligent … « » Oh, ich glaube, das ist er auch «, beteuerte Caroline. » Er gefiel mir- sehr sogar. « Während Janie die gestohlenen Dateien aus Michaels Taschencomputer auf ihren eigenen Laptop überspielte, grinste sie ihre Freundin an und ermahnte sie scherzhaft: » Das reicht jetzt, Mrs. Rosow! Sie hatten eine nette kleine Unterhaltung, aber jetzt benehmen Sie sich wieder, wie es sich für eine anständige Ehefrau gehört. « Auf Carolines noch immer roten Lippen erschien ein sinnlicher Ausdruck. Im Stil von Mae West berührte sie mit einer Hand ihr Haar, während sie die andere verführerisch in die Hüfte stützte. » Und wie benimmt sich eine anständige Ehefrau? « Janie, die gerade den Deckel ihres Laptops zuklappte, reckte den Zeigefinger: » Ich erinnere mich nicht mehr genau. Aber vermutlich nicht so. « Mit Hilfe des Wundermittels Koffein war Janie um zwei Uhr morgens immer noch wach, als die Daten, die sie gestohlen hatte, von ihrem eigenen Biostatistik-Programm sortiert und aufbereitet wurden. Es wäre einfacher und schneller gegangen, Big Datties eigene Filtermechanismen zu benutzen; aber es hatte durchaus seinen Reiz, die rohen Daten zu besitzen, unbeeinflußt von der Vorstellung eines eigenwilligen Interpreten. Die Zahlen und Listen und DNS-Codes sprachen in einer ganz eigenen Sprache zu ihr und sagten: Hier gibt es etwas. Du brauchst nur hinzuschauen. Janie wartete, bis der Compiler seine Arbeit verrichtet hatte. Sie liebte es, sich von dem überraschen zu lassen, was die Daten zutage förderten. Es war wie beim Glücksspiel, ein Gefühl freudiger Erwartung, das man auf andere Weise schwer erreicht. Diese Art von Arbeit brachte immer irgendeine alte, zornige Göttin an die Oberfläche, die in der Tiefe ihrer Seele lauerte und nach Jahrtausenden der Unterdrückung auf den Augenblick wartete, in dem ihr voller Schaffensdrang sich auf die Jagd nach heiklen Wahrheiten begeben durfte. Janie zog die Antworten ohne verbotenes Graben ans Licht, und sie erschienen in aufeinanderfolgenden Mustern; doch an irgendeinem Punkt hatte sie das Gefühl, in eine Sackgasse geraten zu sein. Von den Eltern der Jungen hatte anscheinend niemand eine Vorgeschichte von komplizierten oder wiederholten Knochenbrüchen wie die Söhne. Die Wanduhr zeigte die Stunde an. Bruce in London würde wach und mitten in seiner morgendlichen Routine sein. Sie benutzte das Telefon direkt und umging die Zeitschaltung des Computers. Wie immer hörte er sich ihre Erklärungen des Dilemmas, in dem sie steckte, geduldig und nachdenklich an. » Ich dachte, es wäre genetisch «, sagte Janie zu ihm. » Aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher. Die Eltern sind alle ganz normal. Vielleicht liegt es an Umwelteinflüssen. « » Hast du es geschafft, dir die demographischen Informationen herunterzuladen? Wo sie alle leben und was sie tun? « » Ja. Ich bin erstaunt, was ich in so kurzer Zeit herausgeholt habe. « » Dann zeichne sie in eine Landkarte ein «, riet Bruce ihr. » Vielleicht siehst du etwas. « Das war ein überaus logischer Vorschlag. » Tolle Idee «, lobte sie. » Ich wußte doch, daß es einen Grund gibt, warum ich dich liebe. « » Wir sind ein gutes Team, sogar transatlantisch. « Janie seufzte und wünschte, sie hätte ihn durchs Telefon küssen können. Auf einmal hatte sie ein ungeheures Bedürfnis nach Berührung. Im Hintergrund hörte sie Wasser laufen. » Rasierst du dich gerade? « » Ja. « » Es wäre schön, ich könnte das Zeug riechen, das du benutzt … « » Das fände ich auch … « » Island «, flüsterte sie. » Ich kann ’ s gar nicht mehr erwarten «, gab er zurück. A ls Janie am nächsten Morgen nach einer Nacht mit wenig Schlaf Tom anrief, vernahm sie die gleichen Geräusche von Wasser und Rasierzeug und fragte sich, wie seine morgendliche Routine aussehen mochte. Wenig später setzte er sich an den Tisch in der Imbißstube, wo sie sich zum Frühstück trafen, und der Geruch seines Rasierwassers war real, sogar ausgesprochen angenehm. Janie lächelte ihn zur Begrüßung strahlend an und versuchte, ihr leichtes Erröten zu verbergen, ausgelöst durch einen Duft, nach dem ihre Nase offenbar mehr hungerte, als sie ahnte. Stell ihn dir als Priester vor, ermahnte sie sich. Dann verschwinden diese Triebe auf der Stelle. Sie holte tief Luft und beichtete, was nötig war. » Segnen Sie mich, Pater, denn ich habe gesündigt. « » Heidewetter, Janie, ich hasse es, wenn du ein Gespräch so beginnst. Also gut, was hast du diesmal verbrochen? « » Ich habe wieder gegraben. Diesmal allerdings nicht in der Erde. « » Na, das zumindest erleichtert mich … « » Vielleicht doch nicht. Ich habe, eh, einige Daten von Big Dattie ausgeli e hen. « » Janie! Was zum Teufel … « Er beugte sich über den Tisch und senkte die Stimme. » Ich weiß nicht, ob ich das hören möchte! « » Du hast doch gesagt, ich soll dir alles erzählen, was ich … « » Alles, was mit deinem Antrag auf Wiederzulassung zu tun hat. « » Nun, es hat damit zu tun, wenigstens indirekt. « » Informationen, die du illegal erworben hast, kannst du in einem Antrag auf Wiederzulassung nicht verwenden. Ich hielt deine Aktivitäten bisher immer für legal. « Sie schwieg einen Augenblick, bis sie seinen Vorwurf verarbeitet hatte. Dann sagte sie: » Wenn alles, was ich tue, legal wäre, wozu würde ich dich dann brauchen? « Mit nüchterner Anwaltsmiene breitete Tom seine Serviette aus. Janie konnte fast hören, wie er bis zehn zählte. Dann richtete er sich wieder auf und sammelte sich; seine Erwiderung erfolgte gemessen und beherrscht. » Du brauchst mich nicht – es sei denn, dir liegt daran, wie der Rest deines Lebens verläuft. Wenn du mit deiner gegenwärtigen beruflichen Situation glücklich bist, brauchst du mich freilich nicht. Wenn du mit Telefonsex in London zufrieden bist, dann brauchst du mich auch nicht, obwohl du, wie ich dir schon sagte, bezüglich der Einreiseerlaubnis mit einem anderen Anwalt vielleicht bessere Erfolgsaussichten hättest. Wenn du absolut sicher bist, daß das, was in London passiert ist, nicht noch mehr Konsequenzen haben wird … « Er hielt einen Augenblick inne und überlegte; Janie machte erst recht nicht den Mund auf. » Weißt du, welche Frage auf der Liste derer, die ein Anwalt einem Mandanten nie stellen darf, ganz oben steht? « sagte er schließlich. » Nein, eigentlich nicht. « » Verzeihung. Ich sag ’ s dir trotzdem. Sie lautet: › Haben Sie ’ s getan? ‹ Und ich sage dir auch warum. Wir wollen es nämlich nicht wissen. Wenn uns dann jemand löchert: › Herr Anwalt, ist Ihr Mandant schuldig? ‹, können wir etwas anderes sagen als ›Kein Kommentar‹, nämlich so etwas wie › Persönlich weiß ich gar nichts. ‹ « » Tom! « » Wenn jemand von Biopol nach all deinen kleinen, unerlaubten Ausflügen in die Datenbank fragt, die, wie du sicher weißt, unter erheblicher Strafandr o hung stehen, kann ich wahrheitsgemäß sagen, daß ich davon keine persönliche Kenntnis besitze. « Ärgerlich legte er eine Pause ein, um seine Gedanken zu ordnen. » Ich kann nicht glauben, daß Caroline da mitgemacht hat. « » Sie schien es nicht für besonders riskant zu halten. « » Natürlich ist es das. Bei diesen Aasgeiern von Biopol kann es gar nicht anders sein. « Janie wartete eine Minute, bis sich der unerwartete emotionale Wirbel gelegt hatte, und sagte dann: » Es tut mir leid, aber mir ist gar nicht in den Sinn gekommen, etwas vor dir zu verheimlichen. Wir hatten nie Geheimnisse voreinander. « » Hatten du und Harry Geheimnisse, als ihr verheiratet wart? « » Na ja, natürlich, ein paar. « » Siehst du! « Das klang wie sein letztes Wort. Einen Moment lang war Janie versucht, Tom daran zu erinnern, daß einige der Geheimnisse, die sie vor seinem Tod vor Harry gehabt hatte, Dinge waren, die sie mit Tom selbst teilte – bittersüße Indiskretionen, von denen sie einige lieber vergessen hätte, Dinge, von denen Tom wußte, weil er dabeigewesen war. Ein hastig ausgedrückter Joint, eine im rechten Moment weggeworfene Bierflasche. Flehentliche Bitten an einen Polizisten, der Janie und Tom auf einer verlassenen Farmstraße im geparkten Auto erwischt hatte; damals gab es noch Farmen in der Gemeinde, in der sie zusammen aufgewachsen waren, und so etwas wie moralbeflissene Bürger. Die Demütigung, aus dem Wagen aussteigen zu müssen, nur teilweise bekleidet, während der Polizist mit seiner Taschenlampe ihre jungen Körper von oben bis unten anstrahlte, während sie sich zu Tode schämten. Oder eine Decke an einem Strand in Wellfleet, während es dämmerte und meilenweit der einzige andere Mensch ein einsamer und ziemlich beschäftigter Surfer war. Mit jugendlicher Wonne und Ehrfurcht hatten sie einander an den geheimsten Stellen berührt … Doch im Augenblick schien es keine gute Idee, die Vergangenheit zu beschwören. » Na ja, wie auch immer, jetzt weißt du ’ s. « » Ja «, sagte er unglücklich. » Und es gefällt mir nicht. Sei vorsichtig, wenn du da herumstocherst. Bitte. Du weißt nie, wer dich im Visier hat. « Sie wußte nicht genau, was er meinte. Aber sie gelobte Gehorsam. » Ich werde vorsichtig sein. Versprochen. « S obald sie ihre dringendsten Arbeitsverpflichtungen aus dem Weg geräumt hatte, öffnete Janie das Datenprogramm ihres Computers bei der Stiftung. Sie sagte alle nötigen Zauberformeln auf, und au f d em Bildschirm erschien eine mit roten Punkten durchsetzte Landkarte. Jeder Punkt markierte den Wohnort eines ihrer » Probanden «. Blinzelnd betrachtete sie die Karte. Sie zeigte die gesamten Vereinigten Staaten, aber die Punkte waren mit wenigen Ausnahmen alle im Nordosten. Ein oder zwei lagen an der Westküste in Greater Los Angeles, eine Handvoll in der Gegend von Chicago. Im Mittelwesten leuchtete allerdings auch ein Punkt auf, und zwar in St. Paul, Minnesota. Es handelte sich meistens um städtische Familien, größtenteils im Osten angesiedelt. Die Mehrheit befand sich zwischen New York City und ihrer eigenen Gegend in Westmassachusetts. Alle Nachnamen klangen jüdisch. Keiner der Eltern hatte das Problem, das die Söhne aufwiesen – anscheinend war es erst in der gegenwärtigen Generation aufgetaucht. Mit einigen von ihnen würde sie reden müssen. Das Handy an ihrem Gürtel summte und riß sie aus ihrer Konzentration. Sie beantwortete den Anruf schnell und lauschte ein paar Augenblicke. Dann schaltete sie ihr Programm auf Wartestellung. Der Affenmensch erwartete sie zu einer Audienz. » Da steht noch immer dieser Bericht über die katholischen Päpste aus «, fing er an. » Ich war ziemlich beschäftigt, Chet. « » Womit? « » Mit der Arbeit, die von mir erwartet wird, was denn sonst? « » Ich hab ja nur gefragt «, lenkte er ein. » Ich möchte nicht, daß Sie Dummhe i ten machen. « Ungnädig fuhr sie ihn an. » Chet, alles, was ich in diesem Job mache, ist dumm. « Malin schien schockiert, daß sie ihm die Stirn bot, und einen Augenblick war er sprachlos. » Nun «, faßte er schließlich zusammen, » passen Sie gut auf. Unautorisierte Dummheiten können Sie in große Schwierigkeiten bringen. « » Das werde ich mir unbedingt merken. « Auf die Genehmigung ihres Arbeitgebers verzichten zu müssen war unglaublich frustrierend. Die Arbeit, die sie entdeckt hatte, war etwas, in das sie sich verbeißen konnte, etwas, das immer faszinierender aussah. Sie beschloß, selbst mit den Familien Kontakt aufzunehmen, da sie dachte, ein Gespräch würde vielleicht zu einer Erkenntnis führen und ihr den Weg zu einem Konzept ebnen. Wie alle guten Ärzte, ob sie ihren Beruf nun ausübte oder nicht, wußte Janie, daß der beste Anfang für die Behandlung irgendeines Patienten dessen vollständige Anamnese war. Und es gab eine Menge Fragen zu stellen, weil sie sich durch eine Datenausweitung nicht beantworten ließen. Das rechtfertigte ganz bestimmt eine Fahrt zu Abraham Prives, vielleicht nicht in Chet Malins bösen kleinen Knopfaugen, aber … sie würde sich von ihm nicht unterkriegen lassen. Als sie das Jameson Memorial erreichte, trat sie auf dem üblichen Weg ein, nämlich über die Notaufnahme, weil dort Gewebeproben abgeholt werden mußten und es der kürzeste Weg zum Zimmer des Prives-Jungen war. Wie immer herrschte geschäftiges Treiben. Zu beiden Seiten des langen Ganges, der zum Hauptgebäude der Hospital-Anlage führte, lagen kleine Kabinen, jede mit einer eigenen verschließbaren Tür und undurchsichtigem Vorhang. Janie blickte von einer Seite zur anderen, als sie durch den Gang eilte, und sah Kinder mit Gipsverbänden, alte Leute mit Infusionsschläuchen, einen Mann, der eine Art Bauarbeiter zu sein schien, mit blutigen Mullbinden an den Händen, also die übliche Auswahl an Krankheiten. Und dann waren da die Cops in den grünen Schutzanzügen, die jemanden festhielten … Sie blieb stehen. Das war nicht die übliche Prozedur, erkannte sie, als sie in die Kabine starrte. Sicher gab es Gründe, warum sich jemand auf dem Boden einer Kabine in der Notaufnahme in Krämpfen wand. Aber die Biocops ließen die Sache in einem ganz anderen Licht erscheinen. Einem von ihnen fiel die unbefugte Zuschauerin auf, mit einem schnellen Griff schloß er den undurchsichtigen Vorhang. Janie rannte den Rest des Korridors hinunter, aber sie wagte erst zu atmen, als sie im Aufzug stand. Wenn das MR Sam war, dann wird dieser Raum verschlossen bleiben, bis sie ihn völlig abreißen, dachte sie, während sie aufwärts fuhr. Oh, bitte, betete sie im stillen, laß es nicht das sein. Als sie in Abrahams Stockwerk anlangte, setzte sie sich auf eine n S tuhl im Warteraum, um wieder Luft zu bekommen. Dann ging sie aufrecht und ruhig zum Zimmer des Jungen. Mrs. Prives befand sich genau da, wo Janie sie kennengelernt hatte. Sie saß auf einem Stuhl neben dem Bett und sprach mit ihrem Sohn, der nicht reagierte. » Ich wünschte, ich könnte Ihnen mehr sagen «, war alles, was sie auf den Schwall von Fragen antwortete, mit denen Mrs. Prives sie sofort überfiel. » Bis jetzt habe ich noch keine Mittel aufgetrieben, aber ebensowenig die Suche aufgegeben. Das dauert seine Zeit. « » Alles scheint seine Zeit zu dauern. « » Ich weiß. Für Sie muß das schwierig sein. « Sie verstummte vorübergehend. » Was sagen Ihnen Abrahams Ärzte? « » Daß sie im Augenblick nicht viel für ihn tun können, zumindest nicht, solange die Schwellung nicht abgeklungen ist. « » Nun ja, da haben sie wahrscheinlich recht. Vorher kann keiner etwas machen. Das ist die eigentliche Crux an der ganzen Sache – die Wirbelsäule wird einfach zu dick für den Raum, den sie einnehmen darf. Und in Abrahams Fall ist dieser Raum eingeschränkt. Abwarten und Tee trinken scheint also im Moment die beste Strategie. « » Weswegen sind Sie dann hier «, schnappte die Frau, » wenn sonst nichts zu machen ist? « » Ich habe nicht gesagt, daß sonst nichts zu machen ist, nur daß im Auge n blick abgewartet werden muß. Und hier bin ich, weil ich Ihnen einige Fragen stellen möchte. Natürlich auf freiwilliger Basis! Wenn Sie wollen, können Sie mich auch wieder wegschicken. « » Nein «, sagte die Mutter niedergeschlagen, » ich möchte nicht, daß Sie verschwinden. Entschuldigen Sie, daß ich so schnippisch zu Ihnen war. Meine Nerven lassen mich im Stich! « » Das kann ich verstehen. « Janie holte tief Luft und berichtete dann das Wesentliche, was sie in Erfahrung gebracht hatte, ohne allerdings zu erwähnen, wie überraschend groß die Anzahl der übrigen Opfer war. Dann begann sie mit ihren Fragen. » Der Datenbank konnte ich entnehmen, daß Sie seit fünf Jahren in dieser Stadt leben. « Ihre Gesprächspartnerin nickte. » Ich habe Verwandte hier in der Gegend. Und das Schulsystem ist gut. Nachdem mein Mann gestorben war, wollte ich wirklich nicht mehr an unserem früheren Wohnort bleiben. « » Und wo war das? « » High Falls im Staat New York. Ein kleiner Ort im Tal des Hudson River. Mein Mann unterrichtete in Vassar, und das Pendeln war recht bequem, nur über den Fluß. Wir fanden es herrlich dort. « Janie sagte: » Ich kenne die Gegend. Da gibt es ein paar schöne Flecken. Wurde Abraham geboren, während Sie dort lebten? « » Nein, Abraham ist in Manhattan geboren. Wir zogen nach High Falls, als er ungefähr zwei Jahre alt war. « Sie schaute zu ihrem Sohn hinüber. » Zuerst war es ein bißchen schwierig, das weiß ich noch; ich war daran gewöhnt, alles bequem in erreichbarer Nähe zu haben. Aber allmählich fand ich mich zurecht und habe es liebgewonnen. Ich gewöhnte mich an das langsamere Tempo, und bald fand Abraham auch andere Kinder zum Spielen. Nach einer Weile kamen wir uns vor wie im Paradies. « Janie zog einen Notizblock aus der Tasche und schrieb High Falls, New York auf das oberste Blatt. » Erinnern Sie sich aus der Zeit, in der Sie dort lebten, an irgendwelche ungewöhnlichen Vorfälle in der Umwelt oder andere Dinge? « Mrs. Prives zog leicht die Stirn in Falten, während sie nachdachte. » Nicht daß ich wüßte. Mein Mann hätte sich vielleicht an etwas erinnert. Er las viel häufiger die Zeitungen als ich und achtete auf solche Dinge. Ich hatte zuviel damit zu tun, mein Kind großzuziehen, um über alles auf dem laufenden zu sein, was um uns herum geschah. « » Und Sie haben nichts Besonderes mehr im Kopf, etwa über das Wasser oder sonst eine Umweltverschmutzung? « » Oh, wir tranken natürlich Mineralwasser, aber wir hätten das nicht tun müssen. Sie testeten das Wasser dort dauernd. Es war sehr hart – ich erinnere mich, daß ich solches Zeug in die Waschmaschine geben mußte, damit unsere Wäsche nicht fleckig wurde – aber verseucht war das Wasser nicht. « Hartes Wasser, kritzelte Janie. Aber sie glaubte nicht, daß das viel zu bedeuten hatte. Wasser mit hohem Mineralgehalt war in fast jedem Staat des Landes zu finden. Und es verursachte keine Knochenbrüche – im Gegenteil, es trug oft dazu bei, ihnen vorzubeugen. » In Abrahams Krankenbericht habe ich gesehen, daß er voll immunisiert ist. Hatte er irgendwelche ungewöhnlichen Krankheiten, irgend etwas, das vielleicht nicht in seiner Datei steht? « » Nicht daß ich wüßte. Er ist immer so gesund gewesen, deshalb ist das jetzt ja so schwer zu ertragen. « Sie sah ihren Sohn an. » Abraham war unglaublich aktiv. Er wanderte, schwamm und … « Sie hielt einen Moment inne, und ihre Brauen zogen sich zusammen, während sie ihr Gedächtnis durchforstete. » An eines erinnere ich mich «, sagte sie endlich. » Einmal war er in einem Ferienlager und schwamm in einem Teich, in dem angeblich Bakterien einer bestimmten Hühnerart waren, wie sich später herausstellte. Deshalb bekamen alle Jungen im Lager irgendein Antibiotikum gespritzt, damit keine Mageninfektionen entstanden. Ich weiß das deshalb noch, weil sie mich anrufen mußten, um meine Erlaubnis einzuholen. Abraham haßt Spritzen. Fast wäre ich hingefahren – es liegt gleich diesseits der Staatsgrenze. « Ein kleiner Funke entzündete sich in Janies Phantasie. Vielleicht hat es aber auch nichts zu bedeuten, sagte sie sich. » Wie alt war er zu der Zeit? « » Sechs, glaube ich. Ja, sechs. Das war sein erster Sommer im Ferienlager. Gott sei Dank klappte das damals; nach den Ausbrüchen war das Lager nämlich ein paar Jahre geschlossen – die Eigentümer starben, und von den Erben wollte es keiner weiterführen. Nach einer Weile haben sie aber jemanden gefunden. « » Ist Abraham öfter dort gewesen? « » O ja! Er fuhr jedes Jahr hin, wenn er konnte. Es ist ein religiöses Lager für Jungen, die Hebräisch lernen. Nicht, daß wir besonders religiös wären, aber er sollte in diesem Herbst seine Bar Mizwa feiern. « Sie sah ihn wieder an und stöhnte traurig. » Aber ich glaube, das wird sich wohl verzögern. « Janie stellte ihr noch einige belanglose Fragen, nur um höflich zu sein. Sie notierte sich ein paar andere Dinge, ehe sie die Frage stellte, die ihr wirklich am Herzen lag. » Ach, übrigens, ich möchte mich mit den Leuten von dem Camp in Verbindung setzen, um zu fragen, welches Antibiotikum benutzt wurde. Hätten Sie etwas dagegen, daß ich Ihren Namen als Referenz anführe? « » Nein, ganz und gar nicht, wenn es Ihnen hilft «, sagte Mrs. Prives. » Das Lager heißt Camp Meir. Nach Golda. Es liegt direkt an der Staatsg r enze in dieser kleinen Stadt B u r ning Road. « Sie saß mit dem alten Journal auf dem Schoß da und schaukelte in der kühlen Nachtluft vor und zurück. Burning Road, dachte sie bei sich, beinahe ung läubig, Brennende Straße … … und oft fanden die Leichen keine Ruhe in der Erde, denn es gab nicht genug Platz und auch keine Totengräber; und die, die zum Einsammeln an den Straßenrand gelegt worden waren, mußten an Ort und Stelle verbrannt werden … an manchen Tagen sah es wirklich so aus, als brennten die Straßen selbst. » Ich weiß, was du dabei empfunden hast «, sagte sie zu ihrem längst verstorbenen Kollegen, dem Pestarzt, der diese Zeilen mit seiner sorgfältigen Schrift geschrieben hatte. Auch damals gab es brennende Straßen. Überall, wohin ich mich wende, scheine ich eine weitere zu finden. Neben ihr auf der Schaukel lag eine Zeitung. Ein kurzer Artikel auf der zweiten Seite berichtete von drei kleinen Ausbrüchen des medikamentenres i stenten Staphylococcus aureus mexicalis. Janie schauderte, als sie von diesen neuen Fällen von MR Sam las. M itten in der Nacht erwachte Janie aus einem Alptraum, in dem sie sich ihren Weg zwischen brennenden Scheiterhaufen gebahnt hatte, und ihr erster Gedanke war Erleichterung, dem Traum entkommen zu sein. Doch das änderte sich, als sie erkannte, daß das, was sie aus der einen Hölle befreit hatte, die Tür zu einer anderen öffnete – einer näheren, viel realeren Hölle. Es war das Geräusch von Glasscherben, die auf den Küchenboden fielen. Eisiger Schreck durchfuhr sie, und instinktiv streckte sie die Hand nach dem Lichtschalter aus. Aber die Tür zur Diele war offen, nur deswegen war das Geräusch laut genug gewesen, um sie aufzuwecken. Sie würden das Licht sehen, wurde ihr klar. Zähneklappernd setzte sie sich im Bett auf, zog die Decke bis zum Kinn hoch und starrte für einen angstvollen Moment in die Dunkelheit. Mit jeder Zelle ihres Körpers wünschte sie sich, es läge jemand neben ihr, den sie wecken könnte. Weitere Geräusche, unklaren Ursprungs, aber dennoch erschreckend, kamen aus der Nähe der Küche, die auf der von der Straße abgewandten Rückseite des Hauses lag und auf den Wald hinausging. Zitternd nahm Janie das Telefon vom Nachttisch und wählte 911, doch gleich darauf merkte sie, daß sie kein Freizeichen hörte. Wo ist mein Handy? In der Küche, zum Aufladen auf der Ladestation, weil sie vergessen hatte, es draußen im Hellen liegenzulassen, und die Batterie vollkommen leer war. Es befand sich in einer Ecke der Arbeitsplatte, wo man es noch sah, weil Janie die Ladestation so häßlich fand. Jetzt war es also nicht nur außer Sicht, sondern auch unerreichbar. Ganz leise erhob Janie sich aus dem Bett und ging auf Zehenspitzen so geräuschlos wie möglich über den Teppichboden. Sie schlich ins Badezi m mer, schloß die Tür und sprach im stillen ein Dankgebet an den Gott der Türangeln, weil diese nicht gequietscht hatten. Das dünne Nachthemd, das sie trug, schien in der kühlen Nachtluft völlig unzulänglich, und so legte sie sich ein Badetuch um die zitternden Schultern. Bebend wartete sie, während sie nur durch eine hölzerne Tür von dem unbekannten Eindringling getrennt war. Sie drückte ein Ohr an die Wand zwischen Bad und Flur und lauschte. Sie hörte das unverkennbare Geräusch, mit dem Behältnisse durchwühlt wurden. Erst als sie volle fünfzehn Minuten lang nichts mehr wahrnahm, wagte sie sich hinaus. A ls sie ihr Handy erreicht hatte, versuchte sie, Carolines Namen auszuspr e chen; aber ihre Stimme zitterte so, daß das Gerät sie nicht erkannte. Also mußte sie die Nummer in ihrem Adreßbüchlein nachschlagen und von Hand wählen. Dann gab sie Toms Nummer ein. Erst jetzt schaltete sie das Küchenlicht an und sah das Durcheinander. Schubladen waren entleert, Stühle umgekippt, ihr Schreibtisch durchwühlt – und da, wo sie ihren Taschencomputer abgelegt hatte, ehe sie schlafen ging, gähnte ein Vakuum. Sie hatten ihn mitgenommen. Aber warum in aller Welt? Die sind doch jetzt so billig … Und dann wurde es ihr klar – er enthielt Informationen, Informationen, die sie sich auf nicht ganz legale Weise beschafft hatte. Einen Moment lang geriet sie in Panik, aber es fiel ihr ein, daß man sie mit dieser Informationsb e schaffung nur durch eine Genehmigung in Verbindung bringen konnte, die einen Teil ihrer Aktivitäten legalisierte. Zudem hatte sie alle Daten auf eine Diskette kopiert, um sie mit ins Büro zu nehmen. Diese Diskette war in ihre r H andtasche, die sie aus Gewohnheit an den Haken auf der Innenseite des Garderobenschranks gehängt hatte – aus unerfindlichen Gründen von dem Dieb verschmäht! Sie eilte ins Wohnzimmer – weiteres Chaos – und sah sofort nach dem Bücherregal. Dort, auf seinem angestammten Platz, lag Alejandros Journal. Sie rannte hin, zog es heraus und drückte es an ihre Brust. Alle kamen gleichzeitig – Michael, Tom und die Polizei. Die Anwesenheit von Beamten und Freunden linderte kaum das schreckliche, Übelkeit erregende Gefühl von Gewalt in ihrer Privatsphäre, als ihr langsam klar wurde, was passiert war. Sie saß auf einem Stuhl in ihrem Wohnzimmer, das Handtuch noch immer um die Schultern, und wiegte sich vor und zurück, das Journal ans Herz gedrückt, während Tom seine warme Hand in ihrem Nacken ruhen ließ. Binnen einer Stunde wurde klar, daß der Täter mit den Untersuchungsmeth o den der Polizei vertraut genug war, um buchstäblich keinerlei Spur zu hinterlassen. » Ich wünschte, ich könnte sagen, wir kriegen dieses Schwein, aber ich zweifle sehr daran «, beschwerte Michael sich. » Der Typ muß einen Taucheranzug getragen haben. Keine Haare, keine Fasern, keine Fußabdrü c ke, nichts. Keinerlei brauchbares Material. Das einzige, was uns vielleicht hilft, ihn zu finden, ist die Beute. Hast du eine Ahnung, was fehlt? « » Nur der Computer «, brachte Janie mühsam heraus. » Soweit ich sehen kann. « Sie blickte auf und begegnete Michaels besorgtem Blick. » Er hat sich nicht mal die Mühe gemacht, ins Schlafzimmer zu gehen. Gott sei Dank, denn ich weiß nicht, was ich dann getan hätte. Ich bewahre meinen Schmuck dort auf – aber das sind auch nicht gerade die Kronjuwelen. « » Man sollte jedoch meinen, ein Dieb würde wenigstens einen Blick reinwerfen «, gab Tom zu bedenken. » Mein Tafelsilber hat er auch nicht genommen. Es stammt von meiner Großmutter und liegt in einem Kasten auf dem Buffet. Vermutlich ist es ein Vermögen wert. « Michael seufzte und setzte sich auf die Couch. » Dann war alles, was sie wollten, der Computer. « » Und sie wollten mir angst machen «, ergänzte Janie. » Schlimme Angst! « Die Polizisten schauten sich noch ein Weilchen um, aber dabei konnte kaum noch etwas herauskommen; als das erste Morgenlicht durch die Baumkronen fiel, sah Janie zu, wie ihr Wagen die Einfahrt verließ. » Caroline sagt, ich soll dich gleich mitbringen «, teilte Michael ihr en t schlossen mit. » Vielleicht möchtest du ein paar Sachen einpacken … « » Nein, nein, schon gut «, winkte Janie ab. Sie wies zum Fenster. » Es ist ja schon heller Tag. Ich gehe bald in mein Büro bei der Stiftung, wenn ich mich ein bißchen zurechtgemacht habe. Im Augenblick könnte ich sowieso nicht schlafen. Ich bin viel zu aufgedreht. « » Ich mache dir ein Frühstück, wenn du möchtest «, bot Tom an , » und ich kann dich bei der Stiftung absetzen, wenn ich losfahre. « Dankbar lächelte sie ihm zu. » Im Augenblick bist du mein wahrer Held. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich das zu schätzen weiß. « Sie wandte sich an Michael. » Aber sag Caroline, daß ich sie wegen der Einladung lieber habe denn je. Und sag ihr, daß es mir gutgeht. « T om fand sich in ihrer großen Küche bestens zurecht, und während Janie versuchte, sich in der Dusche Angst und Schrecken der Nacht abzuwaschen, zauberte er ein herrliches mexikanisches Omelette mit Toast und Fruchtsalat auf den Tisch. Und als sie fertiggegessen hatte, fühlte Janie sich wieder halbwegs normal. Aber mit ihrem Optimismus sah es anders aus. Während Tom die Küche aufräumte, ging sie ins Wohnzimmer und nahm das Journal aus dem Regal, in das sie es vorhin wieder gestellt hatte. Hierauf holte sie die Diskette aus ihrer Handtasche im Dielenschrank. Sie schob die Diskette in den Einband des Journals und stopfte alles in einen großen Umschlag. » Kannst du das in deinem Bürosafe für mich aufbewahren? « » Natürlich. Was … « » Dinge von persönlicher Wichtigkeit! Nur, bis ich selbst einen Safe habe. « » Er hat dir Angst eingejagt, nicht? « » O ja! « Schweigend fuhren sie in die Stadt, Tom am Steuer, Janie auf dem Beifahre r sitz. Nachdem er versprochen hatte, später nach ihr z u s ehen, gab Tom ihr einen raschen Kuß auf die Wange und lächelte ihr ermutigend zu – als sie die Stufen zum Haupteingang erklomm, konnte Janie fast spüren, daß er ihr noch nachsah. Sie wollte sich umdrehen und winken, unterdrückte aber den erstaunlich mächtigen Impuls; sie wandte sich erst um, als sie das Motore n geräusch seines anfahrenden Wagens hörte. Jetzt waren seine Augen nicht mehr auf sie gerichtet, sondern auf die Straße vor ihm, so daß sie ihm gefahrlos nachschauen konnte. Was sie auch tat, Staunen und Neugier wuchsen in ihr. Warum hatte sie ihn letzte Nacht angerufen, wo doch Michael ein durchaus zuverlässiger Helfer und außerdem viel offizieller war? Es kam mir irgendwie natürlich vor, sagte sie sich. Und außerdem war er ihr Anwalt. Die Aufzugtüren öffneten sich, und sie trat ein. Wieder war sie von poliertem Messing umgeben. Als sie in ihr Büro kam, schien es sicher genug in einer Phase, in der Sicherheit das vorrangigste Bedürfnis war. Also setzte sich Janie an den Computer und fing langsam an, die Tagesaufgaben in Angriff zu nehmen. Sie überprüfte alles, was heute anstand, und stellte zu ihrer großen Erleichterung fest, daß sie keine Termine hatte. Nur die Hausmitteilungen mußte sie lesen. Aber es gab immer E-mail. Der kleine Postbote war wunderbar vertraut, ein willkommener Anblick auf dem Bildschirm, wo er eine Handvoll Briefe schwenkte. Der erste stammte von Caroline: Ruf mich an, wenn du irgend etwas brauchst – im Computer Heaven gibt es ein Sonderangebot an Taschencomputern, wenn du deinen ersetzen willst. Ich kann dich später abholen, wenn du hinwillst. Michael hat mir jede Menge Benzin besorgt. Einer kam von ihrer Autowerkstatt: Zeit zum Ölwechsel. Einer von Bruce: Liebe dich, vermisse dich, rufe dich später an, ciao! Er wußte nichts von ihrer schlimmen Nacht. Sie freute sich nicht darauf, es ihm zu erzählen – denn er würde sich Vorwürfe machen, nicht bei ihr zu sein, wenn sie ihn brauchte. Und noch einer. Haben Sie keine Angst, lautete er. Unterschrieben war er mit Wargirl. KAPITEL 9 D en ganzen Morgen lang sah Charles von Navarra von dem höchsten Turm des Château de Coucy aus zu, wie ein stetiger Strom Edelleute durch das schwere Tor in den Burghof drang. Alle beflügelte die Hoffnung, ein Bündnis mit ihm zu schließen, denn das Chaos in Frankreich hatte verheerende Ausmaße angenommen und mußte eingedämmt werden. Und obwohl die Ritter, die jetzt seine Führung suchten, es geschafft hatten, den Aufstand der Bauern niederzuschlagen, die sich in Meaux gegen sie erhoben hatten, wußte der kleine König, daß der günstige Ausgang dieses Scharmützels keineswegs von Anfang an sicher gewesen war. Wenn die Aufständischen eine größere Zahl zusammengebracht und einen ausgebildeten Anführer gehabt hätten, sähe die Lage jetzt anders aus. Die rebellische Jacquerie war dem Sieg zu nahe gekommen, als daß irgendein französischer Edelmann noch ruhig schlafen konnte, und all die, die ihre Haut gerettet hatten, waren sich jetzt darin einig, daß die endgültige Entscheidung schnell und entschlossen herbeigeführt werden mußte, wenn sie ihr Recht auf Herrschaft und Steuern behalten wollten. Der Tag war klar und blau, und es wehte ein leichter Wind. Die Sonne schien so hell, daß Charles seine Augen beschatten mußte. Als er über den eindrucksvollen und günstig gelegenen Besitz seines Gastgebers schaute, stieg Neid in ihm empor. Denn angesichts dieser fruchtbaren Landschaft brauchte man sich nicht zu fragen, wie der mutige und außerdem noch verflixt gutaussehende Baron de Coucy zu solchem Reichtum gelangt war. Aber auf welche Weise konnten les pauvres misérables, die Coucys Ländereien bestellten, in ihrer unbeschreiblichen Not und Armut noch weiter besteuert werden? Selbst Charles der Böse, der am meisten verachtete Despot im ganzen Land, begriff, daß man einem Stein kein Blut entlocken konnte. Und doch hatten er und seinesgleichen versucht, es aus ihnen herauszupressen. Er konnte den Unterprivilegierten eigentlich keinen Vorwurf machen, daß sie sich erhoben – auch den Bürgern nicht, die sie unterstützten; genausowenig verübelte er einigen Mitgliedern seiner eigenen Klasse ihren offensichtlichen Unwillen, sie niederzuwerfen. Rebellion war in solchen Notzeiten durchaus üblich. Gleichwohl durfte man sie nicht dulden, jetzt nicht und niemals. Charles hielt es für seine heilige Pflicht, die Macht zu ergreifen, jeglichen Aufruhr zu unterdrücken und jene französischen Adeligen zu einen, die das Chaos unter seiner Tyrannei überlebt hatten. Es war ein Recht, vielleicht sogar eine Verpflichtung, die direkt von Gott kam und sein Großvater, jener erste Ludwig persönlich, an ihn weitergegeben hatte. Charles hieß die Herausforderung willkommen, denn das unbedeutende Königreich Navarra genügte seinem Ehrgeiz nicht; auch war seine Lage am Fuß der Pyrenäen viel zu weit von den Zentren der Macht und des Reichtums entfernt, um ihm zu gefallen. Der Dauphin sei verdammt, dachte er, während der Aufmarsch der Adeligen weiterging, und sein jämmerlicher Vater Valois möge als Gefangener am Hofe des Idioten Edward fett und blöde werden! Möge Johann von Valois dessen feuchte, elende Insel niemals verlassen! G uillaume Karle starrte auf das, was er vor sich sah. » Nein! « schrie er, während er aus dem Sattel sprang. » Nicht schon wieder! « Kate blieb auf ihrem Reittier sitzen und umklammerte mit weißen Knöcheln die Zügel. Sie kniff die Augen fest zu und begann ein verzweifeltes Gebet. » Gegrüßest seist Du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir … « Karles wütende Stimme übertönte ihr leises Murmeln. » Dieser verfluchte Bastard! « schrie er. » Er will uns alle abschlachten! « Seine geballte Faust ragte in die Luft. » Selbst Satan könnte sich keine grausamere Tortur ausdenken! « » … und mit uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes «, schloß Kate ihr Gebet. Sie bekreuzigte sich mit zitternder Hand und wischte sich eine Träne von der Wange. Dann flüsterte sie: » Amen. « Vor ihnen hing die Leiche eines mageren Bauern, aufrecht a n e inen Baum gebunden, die Hände hinter dem Stamm gefesselt, die Füße unten an den Stamm gekettet. Der Kopf, wie durch ein Wunder noch auf dem Körper, hing seitlich auf der Schulter, die weit aufgerissenen Augen, die nichts mehr sahen, starrten leeren Blicks auf die eigenen Eingeweide, die man ihm aus dem Leib gerissen und mindestens drei Schritte weit verteilt hatte. Sie lagen auf der Erde ausgebreitet, und da, wo ein hungriges Tier sie angefressen hatte, war eine Blutlache übriggeblieben. » Ein Wolf ist schon hier gewesen «, sagte Karle steif, als er sich dem grausigen Fund näherte. » Sie werden jeden Tag frecher, weil die Menschen vom Hunger geschwächt sind. Und sie sind schlau genug, das zu wittern. « Oder war in der Nacht ein Fuchs oder ein Wiesel gekommen, um sich an dieser verlorenen Seele gütlich zu tun? Kate fragte sich unwillkürlich, wie lange dieser Mann hatte zusehen müssen, wie die Tiere des Waldes sich mit glühenden Augen um seine glänzenden Eingeweide stritten, ehe er das Bewußtsein verlor. Endlich fand sie den Mut, vom Pferd zu steigen. Guillaume Karle hatte sich gerade von dem grauenhaften Anblick abgewandt und würgte. » Das ist das Werk Navarras «, polterte er, während er sich den Mund abwischte. » Aber wie kann er überall zugleich sein? « » Dies hier hat vielleicht einer seiner Anhänger auf dem Gewissen. « » Dann gibt er seine grausamsten Einfälle an sie weiter! « Ein weiteres unheimliches Opfer von Navarras Rachefeldzug hatten sie eine Stunde zuvor gesehen, an eine verrottende Regentonne gelehnt, den abgetrennten Kopf sauber im Schoß. Am Vortag hatten sie drei weitere Wehrlose begraben, einer gekreuzigt, einer geröstet, einer mit ausgestochenen Augen und herausgerissener Zunge. Jedes neue Grab, das sie mit ihren jämmerlichen Stöcken und Steinen aushoben, war flacher als das vom Vortag, und ihnen wurde klar, daß die Fortsetzung ihrer Reise womöglich nur aus weiteren mühsamen Begräbnissen bestehen würde. Zusammen lösten sie den Mann vom Baum und legten ihn sanft auf die Erde. Mit der Spitze seines Stiefels schob Karle die Eingeweide wieder zusammen, bis sie auf dem Bauch des Bauern lagen. » Warum in Gottes Namen müssen sie die armen Menschen s o g rausam quälen? « fragte Kate sich laut. » Warum töten sie sie nicht einfach und geben sich damit zufrieden? « » Das ist eine Frage, die vielleicht sogar der Schöpfer nicht beantworten kann «, grollte Karle. » Navarra hat aus seinen Rittern eine Horde von Schlächtern gemacht. « Erschöpft sah er Kate an. » Sollen wir auch diesen begraben? « » Habt Ihr noch Kraft? Ich ganz gewiß nicht mehr. « » Aber wir können ihn nicht einfach liegen lassen! « » Wenn wir jeden verstümmelten Leichnam begraben, dem wir begegnen, werden wir Paris nie erreichen! « Kate wankte vor Müdigkeit. Er wußte, daß sie recht hatte. Ergeben setzte er sich auf einen abgefallenen Ast. » Wie sollen wir das überstehen? Es scheint so hoffnungslos. « Sie schwieg einen Moment und setzte sich dann neben ihn. » Ihr müßt dieses Feuer mit Eurem eigenen Feuer bekämpfen «, entgegnete sie dann. Karle warf ihr einen düsteren Blick zu. » Ich verstehe nicht. Wir sind kleine Kerzen – mit einem Lufthauch auszublasen. Navarra ist eine flammende Fackel und schwer zu löschen. « Zögernd streckte sie eine Hand aus und legte sie auf seine Schulter in der Hoffnung, ihn zu trösten. » Das verstehe ich. Aber es bietet sich an, ihn mit seinen eigenen Methoden zu bekämpfen. Der beste Weg, einen Angriff zu beantworten, ist ein ebensolcher Angriff. « Sie dachte einen Augenblick nach und fügte hinzu: » Ich werde Euch etwas sagen, das ich von Père weiß. « Karle stöhnte. » Jetzt ist kaum der richtige Zeitpunkt für eine weitere von euren › Père-Geschichten ‹! « » Hört diese erst an, bevor Ihr sie als nutzlos abtut. Erinnert Ihr Euch, daß er mich von der Pest geheilt hat? « » Jaja! Ich weiß noch immer nicht, ob ich das glauben soll. « Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich. » Ihr tätet gut daran, es nicht zu bezweifeln. Man kann eine große Lehre daraus ziehen, eine Lehre, die Euch dient, wenn Ihr klug genug seid, sie zu begreifen. Seht Ihr, er hat mir erzählt, daß er den Staub der Toten benutzt hat, um mich zu heilen – das getrocknete und pulverisierte Fleisch derer, die vor mir an derselben Krankheit gestorben waren. Deswegen habe ich die Hand dieses an der Pest eingegangenen Kindes an mich genommen, um das Fleisch zu trocknen! Es ist ein Geheimnis, das ihm eine sehr tüchtige Hebamme namens Sarah verriet, dieselbe, die meine Mutter von mir entbunden hat. « Karle stieß einen langen, enttäuschten Seufzer aus und begrub das Gesicht in den Händen. » Natürlich meint Ihr, diese Hebammengeschichten wären für meine Lage von Bedeutung, aber ich verstehe trotzdem nicht … « Sie unterbrach seinen Protest. » Denkt doch nach, Karle! Bedenkt die Logik darin. Was könnte klüger sein, als die Pest mit der Pest zu bekämpfen? Genauso müßt Ihr gegen diesen Navarra vorgehen. « » Sollen wir ihn mit Krankheiten anstecken? « fragte er sarkastisch. » Das ist keine so dumme Vorstellung, wie Ihr vielleicht annehmt. Aber das habe ich nicht gemeint. « Ihre Augen funkelten vor Erregung und Entschlossenheit. » Ihr müßt für ihn dieselbe Plage werden, wie er für Euch! Er ist geschult, hat Waffen und führt seine Streitkräfte militärisch straff. Ihr müßt das genauso machen. « » Unmöglich können wir es ihm gleichtun! « » Aber Ihr könnt ihm auf eine ähnliche Art begegnen, soweit das möglich ist – statt wie die Ratten vor einem Rudel Hunde davonzuspritzen. « Lange dachte er schweigend über das nach, was sie gesagt hatte. In der Stille konnte sie das Summen der Fliegen hören, die den Leichnam des Bauern umschwirrten und auf ihm ihre Eier in die nasse Wunde legten. Eine nahe Krähe krächzte ihren entfernten Brüdern eine Einladung für das wartende Festmahl zu. » Vereinigt Eure Anhänger «, drängte sie ihn. » Laßt sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zusammenkommen und befehlt ihnen, alles mitzubringen, das man als Waffe benutzen kann. Findet irgend etwas, das einer Fahne ähnelt, und haltet es vor ihrer Versammlung hoch! Dann werden sie sich als Soldaten fühlen – und fangen an, sich wie Soldaten zu verhalten! « Das war etwas, woran er noch nie gedacht hatte. Sie waren Jacques, keine Soldaten, » Die Männer sind einfache Bauern und wissen nichts von solchen Dingen. « » Dann unterrichtet sie! « fiel Kate ihm ins Wort. » Sogar Bauern können lernen, Soldaten zu sein, wenn man sie richtig unterweist. « » Aber wer – und wie? « » Unterschätzt Euch nicht, Karle. Oder die Männer, die Euch folgen würden. Euer Feind wird solches Handeln nicht von Euch erwarten. Das verschafft Euch einen Überraschungsvorteil. « Selbst in Meaux waren sie, obwohl so viele an der Zahl, ihrer eigenen Unordnung erlegen. Dabei war der Sieg zum Greifen nahe! Hätten sie ihn errungen, wenn sie marschiert wären wie eine richtige Armee, in Reihen, mit Führern und einer Kriegsstrategie? Zu seiner Verwunderung dachte Karle: Es wäre möglich gewesen. Es war in der Tat einfach und nur zu offenkundig. Warum hatte er nicht früher daran gedacht? Die Zahl der Toten nach diesem Mißerfolg … und noch mehr waren bei dem grausamen Rachefeldzug umgekommen, der auf dem Fuße folgte. Könnten sie vielleicht noch leben? » Ihr mögt recht haben «, räumte er in stiller Erregung ein. Er musterte ihr junges Gesicht, suchte nach der Quelle ihres umfassenden Wissens. » Wie kommt es, daß Ihr diese Dinge über den Krieg wißt, obwohl Ihr noch ein so junges Mädchen s eid? « Ihr Gesicht nahm den Ausdruck trauriger Ironie an. » Als ich noch e in kleines Mädchen war, sprachen die Männer, die in unserem Haus verkehrten, kaum von etwas anderem als Krieg. Meistens beachteten sie meine Fragen nicht, denn sie waren ihnen lästig, und die Dinge, die ich zu sagen hatte, interessierten sie nicht. Also hatte ich selten eine andere Wahl als zuzuhören, wenn sie redeten. Und alles drehte sich stets um Krieg, Waffen, Strategien, Soldatenhandwerk. Vielleicht ist ein bißchen von ihren Kenntnissen auf mich übergegangen. « » Das scheint so. Und durch Euch werden sie nun auf mich übergehen … « Aufgewühlt rieb er sich die Hände. » Und jetzt werde ich meine neuerrungene Weisheit benutzen, um sogleich Kurs zu nehmen auf Paris, wie es Euer Wunsch ist «, erhob er seine Stimme. » Dort gibt es Männer, die mir helfen werden, eine solche Strategie zu entwickeln. « Kate unternahm keinen Versuch, ihre Freude zu verbergen. » Endlich! « Sie klatschte in die Hände. » Das ist das Vernünftigste, was ich tun kann. Ihr habt mich überzeugt, daß ich allein nichts mehr erreichen kann. Ich muß Etienne Marcel um Rat und Hilfe bitten. « » Wen? « Verblüfft starrte er sie an. » Marcel! Wie kann ein so gebildetes Mädchen wie Ihr den Namen des Bürgermeisters von Paris nicht kennen? « Erheitert zuckte sie die Schultern. » Père verabscheut die Politik. Er sprach nicht von solchen Dingen, während ich › im Wandschrank eingesperrt war ‹. « » Dann werde ich Euch unterwegs davon erzählen. Ihr dürft nicht unwissend bleiben. « Er verschränkte die Hände und bot sie ihr dar; bereitwillig stellte sie ihren Fuß hinein. So half er ihr beim Aufsitzen. Dann bestieg er sein eigenes Pferd. » Und wenn wir Euren père in Paris treffen, muß ich ihm unbedingt sagen, daß er Euch gestatten soll, mehr von der Welt zu sehen. « Sie wandte sich noch einmal nach dem Toten um. » Ich glaube, ich habe mehr davon gesehen, als mir lieb ist. « A lejandro ging in westlicher Richtung durch die Rue des Rosiers zur Rue du Vieux Temple. Im Vorbeigehen hielt er an jeder Tür nach Spuren der willkommen heißenden Mesusahs Ausschau, die einst dort gehangen hatten. Alle waren entfernt worden. Er sah nur noch schwache Umrisse davon, denn die Ränder waren abgewaschen oder das Holz gekalkt worden – wenn sich jemand einen solchen Luxus leisten konnte. Er fragte sich, was sich die jüdischen Hausfrauen von Paris gedacht hatten, als sie sich bemühten, die Zeichen zu entfernen, die den betreffenden Hausbewohnern zum Verhängnis geworden waren. Hatten sie alle gleichzeitig auf den Straßen ihr Schicksal gemeinsam beklagt? Oder hatten sie sich einzeln und verstohlen an die Arbeit gemacht? Nun, es spielte keine Rolle mehr; die Symbole waren verschwunden. Kein Jude in Paris wollte als solcher erkannt werden, denn das brachte nur Not und Elend. Aber vage Hinweise gab es noch, wenn man wußte, wohin man schauen mußte. Er hatte diesen Stadtteil von Paris vor vielen Jahren durch diskrete Erkundigungen gefunden, nachdem er und Kate vor den Verbrennungen in Straßburg geflohen waren; Alejandro vertraute darauf, daß er sich im Notfall unter den Menschen verbergen konnte, die dort lebten, zumindest für eine Weile. Hin un d w ieder roch, hörte oder spürte er etwas, das ihn an die Vergangenheit erinnerte. Sein Herz schmerzte ihn manchmal vor Einsamkeit, wenn er solchen Bildern von früher begegnete – aber er suchte trotzdem danach. Er bog in südlicher Richtung in die Straße des alten Tempels ein und ging dann am Fluß entlang wieder nach Westen; wieder einmal staunte er über den auffallenden Unterschied zwischen der relativen Sauberkeit der Seine und dem beklagenswerten Schmutz der Themse. Sein erster Eindruck von diesem Fluß, als er nach London gekommen war, stieg vor seinem inneren Auge auf: Leichen schwammen in dem verseuchten Wasser, deren Gestank sich zu den Planken der hohen Brücke erhob. Ruderer hielten sich Tücher vor Mund und Nase. Und die Engländer gingen bei all dem ihren Geschäften nach, als lebten sie nicht an den Ufern einer Jauchegrube. In Paris konnte man die Seine auf vielen Brücken überqueren, ohne würgen zu müssen; die Bürger von Paris hätten einen solchen Mißbrauch ihres schönen Flusses nicht geduldet. Trotzdem würde nur ein Verzweifelter sein Wasser trinken, dachte er. Auf der Brücke verkehrten fast nur Fußgänger, denn Pferde waren maßlos kostbar geworden. Er hatte eine stattliche Summe bezahlt, um sein eigenes Pferd in einem Stall am Nordrand der Stadt unterzubringen, und dem Knecht noch mehr versprochen, wenn er zurückkam – mehr, als dieser durch den Verkauf des Pferdes herausschlüge. Der Adel hielt sich ängstlich zurück oder war ganz aus der Stadt geflohen, und man sah nur wenige Kutschen. Gelegentlich begegnete er einem von einem Maultier gezogenen Karren, aber sonst waren ausschließlich Fußgänger unterwegs. Als er die Insel erreicht hatte, blieb er stehen und starrte zur Kathedrale Notre Dame de Paris empor. Für einen Moment ließ er sich von der geballten christlichen Macht dieses gewaltigen Bauwerks beeindrucken, denn es war von großer Schönheit; er fand sich hin und her gerissen zwischen der Bewunderung seiner Pracht und dem Wissen um das, wofür dieses Wahrzeichen stand. Sicherlich mußte es inzwischen vollendet sein; die päpstlichen Wachen, die ihn vor einem Jahrzehnt auf seinem Ritt durch Frankreich begleitet hatten, hatten davon gesprochen und die Tatsache beklagt, daß sie keine Gelegenheit haben würden, es aufzusuchen. Doch e r e rinnerte sich noch genau, wie sie es ihm beschrieben hatten, ein Turm fertig, der andere noch im Bau. Er schaute prüfend hinauf und verglich die beiden Türme. Sie waren weitgehend gleich. Kurz fragte er sich, wie man nach den Pestjahren, die die Bevölkerung furchtbar dezimiert hatten, noch tüchtige Bauleute fand. Höchstwahrscheinlich hat man sie zur Arbeit gezwungen, oh sie wollten oder nichts, dachte er. Christliche Priester hatten Mittel, ihre Gläubigen zum Werk Gottes zu überreden, das wußte er. Viele Mittel. Und hier würde er mit ziemlicher Sicherheit Priester finden. Während es an anderen Kirchen keine Seelenhirten mehr gab, würde dieses Kronjuwel Frankreichs von ihnen überlaufen sein. Er beneidete die Pfarrkinder nicht. Er überquerte den weiten, offenen Platz, umging die allgegenwärtigen Tauben und fragte sich kurz, wieso man sie noch nicht gefangen und gegessen hatte. Durch die weichen Sohlen seiner Lederstiefel spürte er jeden Kopfstein, und aus der Nähe ragte die Kathedrale immer höher auf. Ihn fröstelte, als er in ihren Schatten trat, und er fühlte sich bedrückt, als streckte der christliche Gott seine Hände vom Himmel herab und lasse sie auf seine Schultern fallen. Auf einmal waren die Steine unter seinen Füßen kalt, und er blieb stehen. Der erhabene Gleichklang singender Stimmen drang aus der offenen Tür der Kathedrale. Alejandro stand still und lauschte. Trotz seines Mißtrauens gegen das Christentum ließ er die fesselnden, harmonischen Töne in seine Seele dringen. Warum war ihre Musik so verdammenswert schön, während alles andere nur verdammenswert war? Seine geliebte Adele hatte oft unter ihrem Bann ihre Sünden gebeichtet, und einmal, als er auf sie gewartet hatte, hatte selbst er die hypnotisierende Wirkung der sehnsüchtigen Klänge verspürt. Aber jetzt wartete er nicht auf ein reuiges Beichtkind, und er würde es nicht zulassen, daß die Musik ihn gefangennahm; denn sein Geist konnte sich diesen sinnlichen Luxus im Moment nicht erlauben. Es galt, die Bedeutung eines Wortes aufzuklären. » Maranatha « , sagte er vorsichtig zu dem ersten Priester, der ihm begegnete. » Was bedeutet das? « Doch der Priester, eine abgerissenere Erscheinung, als er in dieser Kathedrale erwartet hätte, starrte Alejandro nur an und gin g w eiter. Der nächste lächelte wenigstens. » Gott wird es wissen, mein Sohn, aber ich ganz sicher nicht. « Alejandro war dankbar für die Freundlichkeit des Mannes, aber enttäuscht über seinen Mangel an Wissen. Der dritte schüttelte einfach den Kopf und zuckte mit den Schultern. Der Arzt war um nichts klüger als vor den kurzen Begegnungen. Also muß ich mich doch zur Universität begeben, dachte er mit leiser Enttäuschung; obwohl ihn die Vorstellung erregte, hatte er gehofft, es würde sich erübrigen – denn nun bliebe er der Rue des Rosiers länger fern, als ihm lieb war. Er schaute zur Sonne empor; sie stand noch hoch genug, um einen kurzen Gang über die Seine zu gestatten. Daher trat er aus den Schatten von Notre Dame und überquerte die Brücke zur rive gauche. Es erstaunte ihn, daß in solchen Zeiten noch studiert wurde, aber ringsumher gab es unverkennbare Anzeichen dafür. Gewiß waren es weniger als in Friedenszeiten, doch er sah viele junge Männer in den schlichten Gewändern frischgebackener Studenten. Und einige trugen sogar Bücher bei sich! Er hatte von Büchern namens incunabula flüstern hören, mit Seiten, die aus zerkleinertem Holz hergestellt waren, beschrieben mit Fett und Ruß und dann gebunden – doch solche Wunder, hatte er gedacht, existierten nur im Orient. Konnte es das sein, was diese jungen Männer trugen? Wie wundervoll, wenn es wahr wäre! Sie saßen an kleinen Tischen und lehnten an Mauern, tranken den billigsten Wein, den die Schenken austeilten, und tauschten mit der eifrigen Gewißheit der Jugend Meinungen aus, obwohl ihm rätselhaft war, wie die Jugend sogar von Pestilenz, Krieg und Hungersnot unberührt bleiben konnte. Dann erinnerte er sich an die rauschhafte Zeit seiner eigenen Studententage, und alles wurde ihm klar. Damals hatte er sich unsterblich gefühlt, unerschütterlich. Er hatte keinen Deut davon gespürt, was vor ihm lag. Jetzt kam er an einer schönen Villa vorbei, so auffallend inmitten all der kleinen, alten Häuser ringsum, daß er einen Moment stehenblieb, um sie zu bewundern. Die soliden Steinmauern zogen ihn an, und fasziniert musterte er die Details der Ausstattung des eleganten Gebäudes. In allen Fenstern befand sich Glas. Auf diese Weise konnten die Bewohner die Segnungen des Lichts ohne die Plage des Windes genießen. Nachdem er das neue Gebäude eingehend betrachtet hatte, ging er in Richtung Place de la Sorbonne. Bald war er vom süßen Klang von Latein umgeben; denn in dieser alten und ewigen Sprache verständigten sich die Gelehrten Europas, die sich in Paris versammelten, miteinander. Von allen Idiomen, die er beherrschte, war ihm Latein bei weitem das liebste – denn es floß ihm weich wie ein Kuß von der Zunge und war den Ohren des Zuhörers angenehm. Nur wegen seines flüssigen Lateins war es ihm gelungen, die schwierige und mühselige Sprache des englischen Volkes zu erlernen, die sich so freimütig Worte ausborgte. Wieso dieses Englisch stets beliebter wurde, begriff er nicht; alle waren sich darin einig, daß es sich zu höfischem Gebrauch schlecht eignete. Es war einfach zu häßlich. Kate sprach es recht gut, aber Reste davon färbten ihr Französisch, und er hatte sie oft ermahnt, ihre Ohren besser zu spitzen. Ob die englische Sprache wohl ein Wort oder einen Ausdruck besaß, der dasselbe bedeutete wie das geheimnisvolle Maranatha? Vermutlich nicht. Der Mangel an Tiefe wird schließlich ihr Untergang sein, dachte er. Aber im Lateinischen wird es sicherlich eine Entsprechung geben. Er kam an einer Gruppe Gelehrter in Talaren vorbei, verlangsamte seine Schritte und wandte sich nach ihnen um. Einige drehten ihm den Rücken zu. Nicht weit entfernt standen zwei Soldaten, die beide gelangweilt und fehl am Platze wirkten. Alejandro hielt es für wahrscheinlich, daß keiner von ihnen verstand, was die nahen Gelehrten sprachen. Und es würde sie auch nicht interessieren. Warum also nicht einfach fragen? Es bestünde keine Gefahr, wenn er sie auf lateinisch ansprach. Sie dächten bestimmt, er sei einer von ihnen, wenn auch ärmlich gekleidet, vielleicht ein reisender Magister. Dann könnte er in die Rue des Rosiers zurückkehren, das Geheimnis wäre aufgeklärt, und in der vertrauten Sicherheit würde er weiter auf Kate warten. Also näherte er sich der Gruppe. Er entschuldigte sich für die Störung, falls diese unwillkommen sei, und wünschte ihnen allen gute Gesundheit. Und obwohl er höflich aufgenommen wurde, spürte er die bohrenden Blicke dieser Männer. Ihre Neugier fühlte sich an wie die Spitze eines scharfen Messers, die an seinen intimsten Stellen stocherte. Aber nun bin ich einmal hier, nahm er allen Mut zusammen, und werde auch fragen. » Maranatha «, sagte er. Er artikulierte jede der fremden Silben sorgfältig. Und dann fügte er auf lateinisch hinzu: » Ich habe dieses Wort in einer Handschrift gefunden und weiß nicht, was es bedeutet. Es war meine Hoffnung, daß vielleicht einer von Euch mich darüber aufklären könnte. « Zu seiner Überraschung erfolgte die Antwort auf französisch, und noch ehe er das Gesicht des Sprechers sah, erkannte er die Stimme. » Il veut dire › Venez, mon Dieú ‹« , sagte Guy de Chauliac. » Also etwa: › Komm, o Gott. ‹ Es ist Aramäisch. Ich mußte mir während meiner Studien einiges davon aneignen. Und ich darf sagen, bienvenue à Paris, Kollege. Unsere letzte Begegnung liegt viel zu lange zurück! « G uy de Chauliac brauchte nur mit den Fingern zu schnippen und in Alejandros Richtung zu nicken, da waren die beiden gelangweilten Soldaten, offenbar die persönlichen Wachen des französischen Adeligen, schon über ihm. Sie packten ihn von hinten, und obwohl er sich kräftig wehrte, war er den zwei starken Männern nicht gewachsen und schnell überwältigt. Dennoch kämpfte er wie ein Tier, worauf der elegante de Chauliac mit einem angewiderten Blick und einer abfälligen Handbewegung reagierte. Das führte dazu, daß der Jude einen mächtigen Schlag auf den Hinterkopf erhielt, auf Hände und Knie niederfiel und die kostbare Tasche mit seinen Besitztümern ihm entglitt. Rasch griff er danach und versuchte, zwischen den Beinen seiner Häscher hindurchzukriechen, aber er wurde am Rücken seines Hemdes gepackt und erneut niedergeschlagen. Dann schleiften ihn die beiden rohen Gallier durch die Straßen, während der fürstliche de Chauliac voranging und in seinen kräftigen Armen alles trug, was Alejandro auf der Welt besaß. Als man ihn wie einen gewöhnlichen Verbrecher durch Pferdemist und über das grobe Kopfsteinpflaster zerrte, teilte sich die Menge, um ihnen Platz zu machen – die Leute von Paris starrten auf ihn herab. Kein Wunder: Er schrie gellend wie ein Verrückter, war blutig von den Schlägen und mit dem verhaßten Kot beschmiert, also kein angenehmer Anblick. Doch seine Wut überstieg noch seine Scham. De Chauliac sah vom oberen Ende einer Treppe aus hochnäsig zu, wie Alejandro von seiner rüpelhaften Eskorte deren ganze Länge hinunter in einen feuchten Keller geworfen wurde, wo er auf dem eisigen Boden liegenblieb. Er rang nach Luft und lag da, benommen von dem Sturz und seinem plötzlichen Unglück. Nach und nach kam er wieder zu Atem und stützte sich auf die Ellbogen, um sich umzuschauen. Er konnte nur verschwommen sehen, und sein Kopf schmerzte von dem Schlag, aber nach und nach klärte sich sein Blick. Er war dankbar für die Lichtstrahlen, die durch eine schmale Öffnung in der Decke fielen: Die Gefangenschaft, nach der seine Abreise aus Spanien vor zehn Jahren begonnen hatte, war entsetzlich dunkel gewesen. Sein Blick fiel auf ein langes steinernes Rechteck, das mit einem einfachen Kreuz auf dem Deckel bestückt war. Ein Grabgewölbe. Ich bin also in einer Krypta. Nachdem er sich still bei demjenigen entschuldigt hatte, der darin ruhen mochte, packte er eine Kante des Sargs und versuchte aufzustehen; aber zu seiner großen Bestürzung stellte er fest, daß ihm der linke Fuß wegknickte. Vor Schmerz zuckte er zusammen und taumelte. Dann untersuchte er das protestierende Gelenk mit den Händen. Er drückte mit den Fingern daran herum und kam mit großer Erleichterung zu dem Schluß, daß es nicht gebrochen war. Aber es begann anzuschwellen, und Alejandro wußte, daß es gewickelt werden mußte. Daher zog er sein Hemd aus und wollte gerade einen Ärmel abreißen, um ihn als Bandage zu verwenden, als sich eine Tür am oberen Ende der Treppe öffnete. Er blickte auf und sah die Umrisse seiner Häscher auf die Treppe herunter und auf ihn zukommen. Hastig zog er sein Hemd wieder an, und gleich darauf wurde er an beiden Ellbogen gepackt und auf die Füße gerissen. Er hinkte jämmerlich, als er durch das Grabgewölbe und eine andere Stiege hinauf geführt wurde. Als er wieder ans Tageslicht kam, fand er sich im Hof des Gebäudes wieder, das er noch vor so kurzer Zeit bewundert hatte. Während er über die Steine geschleift wurde, fragte er sich, warum er kein Prickeln im Rücken verspürt hatte, als er vorhin an diesem Haus vorbeigekommen war – nachdem er nun wußte, wem es gehörte. Der adelige Hausherr erwartete ihn in einem großen, holzgetäfelten Raum, der schön möbliert und mit reichverzierten Wandbehängen geschmückt war. Alejandro wurde unsanft auf einen feingewebten Teppich vor den aristokratischen Arzt gestoßen. Dieser saß in einem Sessel mit hoher Rückenlehne und starrte ihn mit unverhüllter Bosheit an; sein Blick verlangte wortlos Erklärungen für die letzten zehn Jahre. Er wird nicht glauben, was ich durchgemacht habe, sondern mich für wahnsinnig halten. Also schwieg Alejandro; doch er schaute sich um und sah zu seinem Erstaunen ringsherum an den Wänden Bücher. Während er so dastand und an Würde sammelte, was ihm geblieben war, blickte er über die Regale hinweg und versuchte, die Anzahl zu schätzen. Es mußten Hunderte von Folianten sein; und obwohl er wilde Gerüchte über eine Bibliothek in Córdoba mit mehr Büchern gehört hatte, als ein Mann in einer Woche zählen konnte, hatte er seit seiner Zeit als Student an der Universität von Montpellier nicht mehr so viele Bände versammelt gesehen wie hier. König Edwards Bibliothek in Windsor Castle war nicht halb so groß. » Offenbar fesselt Euch der Inhalt meiner Bücherschränke, Meister «, bemerkte de Chauliac. » Das überrascht mich nicht. Es gibt hier viele schöne Bände. Ich habe sie mit großer Sorgfalt gesammelt. « Alejandro starrte ihn bloß an. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er sagen sollte. Daher verzog er die Mundwinkel und erwiderte: » Seid gegrüßt, Monsieur de – ah, Pardon! Ich meine, Doktor de Chauliac … es ist in der Tat sehr lange her. Wir sind beide älter geworden – aber ich muß zugeben, daß Ihr anmutig gealtert seid, und Ihr scheint Euch bester Gesundheit zu erfreuen! « » Merci, Doktor Canches! Ich erinnere mich von Euren kurzen Besuchen bei mir, daß Ihr über eine gute Beobachtungsgabe verfügt. « Natürlich hatte de Chauliac seinen wahren Namen herausgefunden. Spanische Soldaten dürften ihn ihm genannt haben, als sie ihn in Avignon ergreifen wollten, er aber schon fort war. » Und was ist mit Eurem Herrn, Seiner Heiligkeit Papst Clemens? Wie befindet er sich? « Sehr freundlich, daß Ihr fragt, aber Ihr müßt in einer Höhle gelebt haben, erwartete er als Antwort von de Chauliac. Statt dessen teilte der Franzose ihm mit: » Ich bedaure, Euch sagen zu müssen, daß Seine Heiligkeit vom Blitz getroffen wurde, nachdem er Euc h n ach England geschickt hatte. Ich habe alles versucht, konnte ihn aber nicht retten. Sein Blut hat von der Gewalt dieses Blitzes gekocht. Es war, sagen wir, ein unglückseliges und ziemlich unappetitliches – Ereignis. « Was für eine unglaubliche Ironie, dachte Alejandro. » So eine Tragödie – vor allem, nachdem Ihr seine Gesundheit immer so aufopfernd geschützt hattet! « Doch während er in der Bibliothek dieses Mannes stand, umgeben von dessen eindrucksvoller Weisheitssammlung, empfand Alejandro unwillkürlich eine gewisse Bewunderung für den ehemaligen Arzt des Papstes. Obwohl ihm de Chauliac und der jetzt verstorbene Clemens übel mitgespielt hatten, indem sie ihn diktatorisch nach England schickten, hatte er in der kurzen Zeit seines Studiums bei diesem Lehrer viel gelernt. Ihr müßt all Eure Kunstfertigkeit aufwenden, um die Ansteckung zu meiden, hatte de Chauliac ihn beschworen, als er ihn auf die Reise vorbereitete; denn ich glaube, daß sie durch die Luft von einem Opfer auf das andere überspringt, ohne daß wir jemals sehen, auf welche Weise! Gott hat gewollt, daß dieser Vorgang einstweilen nur Ihm selbst sichtbar ist. Wir können es nicht durchschauen. Aber es ist da, so sicher, wie die Schöpfung sieben Tage gedauert hat. Es ist da, und eines Tages, so Gott will, werden wir in der Lage sein, dieses Phänomen zu erkennen. Alejandro wußte, daß sich im Wasser winzige Tiere befanden, und de Chauliac hatte angedeutet, daß es auch in der Luft welche gab. » Es waren die Ratten «, platzte der Jude laut heraus. De Chauliac zog eine Augenbraue hoch und beugte sich auf seinem Sessel vor. » Pardon? « » Ratten «, wiederholte Alejandro. De Chauliacs harte blaue Augen eilten rasch in die Ecken des Raumes. » Ich versichere Euch, hier gibt es keine Ratten. In der Küche vielleicht, aber die ist weit entfernt, im Keller. « Seine Stimme nahm einen leicht gekränkten Ton an, die seinen Zuhörer überraschte. » Ich hatte gedacht, Ihr würdet von meiner Sammlung stärker beeindruckt sein. « » Nein! « sagte Alejandro. » Ich meine – ja! Eure Bibliothek ist … «, zögernd suchte er nach dem richtigen Wort. » Prachtvoll! Ich habe dergleichen seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen. « Ein zufriedenes Lächeln breitete sich langsam auf de Chauliacs Zügen aus; doch dann, scheinbar, ohne daß er es merkte, wurde seine Miene unsicher. » Wieso sprecht Ihr dann von Ratten? « » Die Ansteckung! « antwortete Alejandro erregt. » Mit der Pest. Sie wird von Ratten übertragen, da bin ich ganz sicher! « De Chauliac starrte ihn einen Augenblick lang an. Dann kicherte er, kicherte immer weiter, bis aus dem Kichern reiner Hohn wurde. Bald hielt er sich die Seiten; selbst die Wachen an der Tür verloren ihre steife Haltung. » Ich bin dessen sicher! « wiederholte Alejandro fast schreiend, und das Gelächter verstummte. De Chauliac erhob sich, stemmte seine edlen Knochen langsam aus dem Sessel hoch, bis er in voller Größe dastand. Er setzte sich in Bewegung und machte erst dicht vor Alejandro halt. Kalt sagte der große Franzose: » Solange Ihr Gast in meinem Haus seid, Monsieur, werdet Ihr nicht die Stimme erheben. Das ist kein angemessenes Betragen. « Alejandro verstummte. Als er das Wort Gast hörte, erinnerte er sich, daß er in dieser Bibliothek ein Gefangener war, bis es de Chauliac einfiel, ihn wieder in das Grabgewölbe bringen zu lassen; also beschloß er, nicht noch einmal laut zu werden. » Ich bitte um Vergebung, Monsieur « , sagte er entsprechend zerknirscht. » Eure Gastfreundschaft möchte ich nicht mißbrauchen. Es war nur mein großer Eifer, dieses Wissen mit Euch zu teilen, der mich veranlaßte zu schreien. « De Chauliacs Augen durchbohrten ihn weiterhin. Alejandro sah darin etwas, was er nicht ganz definieren konnte. War es – aber nein … Das konnte nicht sein. Einen ganz kurzen Moment lang hatte er geglaubt, in diesen blauen Augen so etwas wie Traurigkeit zu entdecken. Als fühle de Chauliac sich irgendwie – verraten. Der Franzose wandte sich plötzlich ab und nahm einen Stapel sauber gefalteter Kleider von einem nahen Tisch. » Hier «, sagte er und warf ihn Alejandro zu, » wir werden Eure verrückte Theorie beim Diner diskutieren. « Tadelnd erhob er einen Finger. » Aber zuerst werdet Ihr Euch säubern. Ihr stinkt! « Majestätisch schritt er aus dem Raum und ließ Alejandro allei n m it den Wachen und einem Schatz an Büchern zurück. Doch Alejandro hatte keine Gelegenheit, sich an der Bibliothek zu erfreuen. Umgehend führten ihn die Wachen durch eine Reihe langer Flure und gewundener Gänge in eine kleine Kammer im obersten Geschoß des Hauses, das unendlich viele Räume zu haben schien. Alejandro versuchte, sich den Weg zu merken; doch als sie die solide Holztür hinter ihm schlossen, wurde ihm klar, daß ein Fluchtversuch an verschiedenen Punkten dieses Weges scheitern würde. Es gab ein Fenster mit klarem Glas, das groß genug für seinen Körper war, doch als er die von Holz eingerahmten Scheiben öffnete und nach unten schaute, schien er sich in schwindelnder Höhe zu befinden, viel zu hoch, um einen ungeschützten Sprung zu überleben. Auf der Straße unten herrschte geschäftiges Treiben – wenn er sich nicht beide Beine brach, so würde man ihn mit Sicherheit fassen, und was dann? Nein. Er würde warten und versuchen, Informationen zu sammeln, eher er sich zum Handeln entschloß. Wenn er das verglaste Fenster öffnete und den Kopf hinausstreckte, konnte er gerade noch den Fluß erkennen. Jenseits davon lag die relative Sicherheit der Rue des Rosiers im Marais. War Kate jetzt dort und wartete vergeblich auf sein Erscheinen? Falls ja, war das nur seine eigene Schuld. Er war neugierig auf ein seltsames Wort gewesen, dessen Bedeutung, als er sie schließlich entdeckte, unwichtig schien im Vergleich mit dem Mißgeschick, zu dem es geführt hatte. Weh dem … hatte die Handschrift verkündet, und ihn schauderte. Anscheinend war dieser Abraham so etwas wie ein Prophet. Gott verdamme meine Neugier, dachte er bedrückt, denn sie bringt mir immer Schaden. Wäre er nicht wißbegierig gewesen, warum Carlos Alderón gestorben war, hätte er seinen Leichnam nicht seziert – eine Handlung, die letztlich zu seiner erzwungenen Flucht aus Spanien führte. Hätte er sich nicht neugierig nach einer medizinischen Praxis in Avignon erkundigt, hätte de Chauliac, damals Agent des schlauen und listenreichen Papstes Clemens IV., ihn nicht zwingen können, zum Schutz der Gesundheit der Königsfamilie nach England zu gehen. Und nachdem er einmal dort war, hätte er nicht nach Frankreich fliehen müssen, wenn er die Behauptung einer englischen Hebamme, sie besitze ein Heilmittel gegen die Pest, nicht so gründlich unter die Lupe genommen hätte. Aber dann hätte Kate die Seuche nicht überlebt. Und ich auch nicht. Und angesichts dieses Ausgangs schienen seine Plagen gerechtfertigt. Er setzte sich auf einen kleinen Schemel und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Während er so dasaß, kamen ihm die Gerüche der Substanzen zu Bewußtsein, durch die man ihn geschleift hatte. Auf einem Tischchen stand ein Krug, daneben lag ein Tuch. Er folgte de Chauliacs Aufforderung und säuberte sich. Dann zog er die frische Kleidung an, die man ihm gegeben hatte, wobei er über alle Ereignisse des Tages nachdachte, vor allem über ihr letztes Gespräch. Und trotz seines Unglücks machte er sich mit einer gewissen Genugtuung klar, daß seine Rede zum erstenmal seit vielen Tagen an jemand anderen als ihn selbst gerichtet gewesen war; zuerst die Priester, dann die Studenten, schließlich sein einstiger Lehrer. Jetzt stellte er fest, daß etwas, was de Chauliac gesagt hatte, ihm im Sinn geblieben war wie eine Rindersehne zwischen zwei Zähnen. Sosehr er auch stocherte und bohrte, es wollte nicht weichen. Etwas über kleine Tiere in der Luft? Das nagte an ihm, und er wußte, er würde es sich zu näherer Untersuchung vorknöpfen müssen. Denn trotz seiner fatalen Situation war er wieder einmal neugierig. KAPITEL 10 C amp Meir, gab Janie in das Suchprogramm ein. Sie war gespannt, ob die Suche erfolgreich dort hinführte, wo es Antworten gab. Als erstes erschien eine Online-Werbebroschüre für die Familien potentieller Besucher. Sie las alle Seiten sorgfältig durch, klickte alle Querverweise an und ging zurück, wenn es notwendig war. Es gab schöne Bilder von einer idyllischen Lage und Fotos vom Inneren der Hütten, deren Sauberkeit und Ordnung gewiß übertrieben waren; man sah keine Spinnweben, keine Insekten und keine nassen Handtücher auf ungemachten Stockbetten. Den Eltern würden diese tadellosen Räume gefallen, aber ihre Kinder würden es besser wissen. Es gab detaillierte Speisekarten der im Lager servierten Mahlzeiten, gefolgt von strahlenden Kommentaren der Leiter und Erzieher. Gesund aussehende Berater in einheitlich israelisch blauen T-Shirts und Khaki-Shorts lächelten mit verschränkten Armen auf einem Gruppenfoto. Und es gab Bilder von vergnügten, gesunden Jungen mit sauberen Gesichtern und goldener Sonnenbräune ohne ein einziges zerrissenes Kleidungsstück. Lauter glückliche Bewohner eines Ferienparadieses. Auf der zweiten Internet-Seite stand Camp Meir weit oben auf einer alphabetischen Liste von Sommerlagern, in denen Hebräisch unterrichtet wurde, und es gab einen Verweis auf die Broschüre, die sie gerade betrachtet hatte. Die dritte Seite präsentierte eine Aufzählung der Sommerlager im Staate New York, also blätterte sie weiter. Die letzte Adresse war weit interessanter – es war die persönliche Homepage eines vierzehn Jahre alten Jungen, der unter anderem auch das Camp Meir besucht hatte. Er wollte mit anderen ehemaligen Kumpels korrespondieren. Auf der Homepage befand sich ein Foto des Jungen, wie er aus seinem Rollstuhl lächelte. Janie versah sie mit einer Bookmark, druckte sie aus und steckte sie in ihre Handtasche. Mrs. Prives saß noch immer am Bett ihres Sohnes und trug die gleichen, zerknittert aussehenden Sachen, die Janie bei jedem Besuch an ihr bemerkte. Sie fragte sich, ob die arme Frau das Zimmer nur verließ, um ins Bad zu gehen, oder ob sie jemanden hatte – Freunde, Familie, Nachbarn – , der ihr von zu Hause frische Kleidung brachte. Wenn nicht, entschied Janie, würde sie sich selbst erbieten, ihr etwas zum Anziehen zu beschaffen. Sie wollte Mrs. Prives gerade begrüßen und ihr Angebot aussprechen, als die Frau sich umdrehte – Janie war überrascht von der dramatischen Veränderung ihres Gesichtsausdrucks. » Sein Zustand hat sich gebessert «, sprudelte die Mutter heraus. » Er wacht hin und wieder auf. « Ihr Lächeln war bewegend hoffnungsvoll. Janie wartete ein paar Sekunden, bevor sie etwas sagte. Eine Veränderung des Bewußtseins war zwar ein positives Zeichen, hatte aber bei einer Rückgratverletzung nicht unbedingt viel zu bedeuten. Doch sie behielt diese traurige Feststellung für sich und bemühte sich, erfreut auszusehen. » Das ist wunderbar «, sagte sie leise. Sie ging wieder zur Tür und schaute hinaus auf den Gang – niemand war zu sehen, also schloß sie die Tür. Dann kehrte sie an Abrahams Bett zurück und bat die Mutter mit einem fragenden Blick um Erlaubnis. Mrs. Prives nickte eifrig. Janie untersuchte den Jungen rasch im Hinblick darauf, ob sich sein Zustand wirklich gebessert hatte. Doch der war im wesentlichen unverändert, soweit sie bei dieser oberflächlichen Bestandsaufnahme feststellen konnte. Dann kratzte sie ein paar Hautzellen von einem seiner Arme und ließ sie in eine Plastiktüte fallen, die sie sorgfältig verschloß. Sie sah sich die computerisierte Akte an, die am Fußende des Bettes hing, und empfand schmerzhafte Frustration; ihr Identitätschip gehörte nicht zu denen, die Zugang dazu hatten. Selbst wenn Mrs. Prives ihr gestattete, sie sich anzusehen, würde ihr fehlender offizieller Status es nahezu unmöglich machen, die Krankenhausverwaltung von ihrer Kompetenz zu überzeugen. Und Chet würde ihr keine Hilfe sein. Im Gegenteil! Aber sie fand sich damit ab, denn wahrscheinlich enthielt die elektronische Datei nicht sehr viel mehr, als sie bereits wußte. Und sie hatte nicht das Herz, dieser hoffenden Mutter zu sagen, daß es nicht Abrahams größtes Problem sein würde, das Bewußtsein wiederzuerlangen. Er ist nicht nur gelähmt, dachte sie, sondern wen n e r zu sich kommt, wird er sich dessen auch bewußt. Doch seine Mutter freute sich offenbar, und sie hatte ein wenig Erleichterung verdient – sei es auch nur für kurze Zeit. Janie behielt ihre Gedanken also für sich und wandte sich einem anderen Thema zu. » Dieses Sommerlager, in dem Abraham war und wo er die Injektion wegen dieser Biber-Sache bekam – ich würde mir das gern genauer ansehen, wenn Sie nichts dagegen haben. « » Warum? « » Nach dem, was Sie mir erzählt haben, könnte er einem Bakterium ausgesetzt gewesen sein, das Giardia heißt. Es handelt sich um eine parasitäre Erkrankung, und sie wird durch Kontakt mit jeder Wasserquelle verbreitet, in der die betreffenden Sporen leben. Die Symptome können manchmal schwer feststellbar sein «, log sie , » aber es treten bisweilen « – sie sah Abraham vielsagend an – » Nachwirkungen auf. Manchmal erst Jahre später. « Mrs. Prives ’ Lächeln schwand. » Du liebe Zeit, ich hatte keine Ahnung … niemand hat damals etwas gesagt. « » Nun, es ist nicht allgemein bekannt, und um Ihnen die Wahrheit zu sagen, während der Zeit der schlimmsten Ausbrüche haben wir nicht sonderlich auf Nebenerscheinungen wie Giardia geachtet. Unsere ganze Aufmerksamkeit galt MR Sam. Aber ich frage mich, ob Sie vielleicht noch Aufzeichnungen aus dieser Zeit haben. « » Ich habe nichts aufgehoben. Als wir das letztemal umgezogen sind, habe ich alles weggeworfen, was nicht absolut notwendig war. « Sie lächelte dünn. » Nach einer Weile wird man es leid, alles mit sich herumzuschleppen, und nach den Ausbrüchen, nun ja, da schienen diese ganzen Papiere irgendwie unwichtig – wenn Sie wissen, was ich meine. « » Stimmt! « Janie nickte. » Aber ich erinnere mich an nichts dergleichen vom letzten Großreinemachen. « » Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich das Lager kontaktiere und mir Abrahams Unterlagen zeigen lasse? « » Nein. Überhaupt nicht. « Mrs. Prives schwieg einen Moment. Sie wirkte sowohl nachdenklich als auch verwirrt. Dann sah sie Janie direkt in die Augen: » Sie vermuten doch nicht … « Anscheinend konnte sie die Frage nicht beenden. Daß sein Aufenthalt in diesem Lager etwas mit seinem gegenwärtigen Zustand zu tun hat? Darauf können Sie wetten. Ich weiß nur noch nicht, was. Doch wieder log Janie. » Das bezweifle ich. Und ich möchte keine Spekulationen anstellen. Aber ich glaube, ein Blick darauf lohnt die Mühe. Ich werde eine Vollmacht brauchen. « Sie griff in ihre Tasche und nahm ein Blatt Papier und einen Stift heraus. » Hier habe ich eine mitgebracht, für den Fall, daß … « Mrs. Prives griff nach Blatt und Stift und kritzelte ihre Unterschrift darunter, ohne den Text auch nur zu lesen. » Alles, was Sie für hilfreich halten! « Mit verkniffener Miene gab sie den Brief zurück. » Haben Sie schon etwas gehört wegen … der finanziellen Mittel? « » Nein, tut mir leid. Aber ich bleibe am Ball. Und zwar, solange es irgend geht. Wir sind noch längst nicht am Ende. « » Gut. Ich möchte Ihnen für Ihre Ausdauer danken. « » Hoffen wir, daß sie sich auszahlt. « Janie schwieg einen Moment. » Und was haben sie Ihnen hier dazu gesagt, daß Abraham aufgewacht ist? « » Überhaupt nichts! « Janie warf ihr einen Blick zu, der bedeutete: Wieso dann … » Dr. Crowe, ich bin seine Mutter. Eine Mutter kennt ihr Kind. « Janie konnte ihr nicht widersprechen. S ie war nervös wegen des Schlafmangels und verwirrt über die Ereignisse der Nacht; am liebsten wäre sie zum Essen nach Hause gegangen und hätte dann einen Mittagsschlaf gehalten, um wieder klar denken und den verrückten Ereignissen, die auf einmal um sie herum zu passieren schienen, einen Sinn abzugewinnen. Bitte, laß mich einfach einschlafen, und wenn ich die Augen wieder aufmache, laß es Weihnachten und all diese Probleme gelöst sein. Ohne, daß sie es wollte, ging ihr ein Weihnachtslied mit fremdem Text durch den Kopf … Allmählich sieht es hier aus wie in London … Ihr Magen begann sich zu verkrampfen. Oh, bitte, nein! Nicht London. Alles andere, nur nicht London … … mit seinen Compudocs und Biocops und lächelnden, freundlichen Leuten, die einen einbuchteten, wenn man ohne Taschentuch nieste, aber erst nach dem tadellos höflichen Angebot von Tee. E s w ar ihr so angenehm vorgekommen am Anfang, so zivilisiert und geordnet; aber als sie auf der Flucht war, hatte sie die Beine in die Hand genommen und nur noch gedacht: Zu Hause ist es doch am besten, zu Hause ist es doch am besten … Doch heute war sogar der Gedanke an ihr Zuhause nicht so anziehend wie sonst, und zwar aus Gründen, über die Janie nicht nachdenken wollte. Sie tat, was ihr unausgeschlafener Verstand ihr sagte, ging in eine nahe Imbißstube, um sich mit Koffein aufzuputschen und vielleicht einen Bissen zu essen. An einem normalen Tag hätte sie sich in die versteckteste Ecke gesetzt, die sie finden konnte, ihren Laptop aufgeklappt und gleichzeitig mit ihrem Sandwich die Nachrichten des Lokalsenders in sich aufgenommen. Zuerst die internationalen, dann die nationalen, schließlich, wenn sie noch Zeit hatte, etwas beschämt die Klatschseite. Das war eine zuverlässige und vertraute tägliche Routine, doch dafür fehlte ihr auf einmal schmerzhaft die Hardware. Jedesmal, wenn John Sandhaus sich darüber beschwerte, daß Computer zuviel Macht besäßen, und schließlich einen Aufstand gegen diese Technologie vorhersagte, die er als neuen Bolschewismus bezeichnete, jedesmal, wenn er etwas nach seinem eigenen Computer geworfen und um den Sturz der großen Datenbanken gebeten hatte, die auf einmal alles über jeden zu wissen schienen, pflegte Janie ihm mit erhobenem Zeigefinger zu drohen: Beißen Sie sich auf die Zunge, Sie Neandertaler. Wie sollten wir ohne Computer leben? Und jetzt saß sie da und beantwortete ihre eigene Frage mit dem Kauf einer Zeitung. Leider allerdings war der » Zeitungs-Automat « nichts anderes als ein Internet-Terminal mit angeschlossenem Drucker, der ihr gestattete, mit ihrem ID-Sensor zu bezahlen. Sie legte die Hand flach auf die entsprechende Stelle, drückte einen Knopf, trat dann zurück und sah zu, wie das Nachrichtenblatt ausgedruckt wurde, eine Kopie der Lokalzeitung, die jede Stunde auf den neuesten Stand gebracht wurde. Sie wußte, daß einige der neueren Automaten die Zeitung sogar falteten. Doch dieser nicht. Sie faltete sie selbst und genoß dabei das tröstliche, vertraute Knistern des Papiers. Mit den noch druckwarmen Seiten unterm Arm holte sie sich an der Theke ein Sandwich und einen Kaffee und schlenderte durch die Tischreihen, bis sie eine n f and, der entlegen genug war. Steif setzte sie sich hin. Auf einmal fühlte sie sich alt und müde. Dann legte sie die Zeitung so auf den Tisch, daß sie die obere Hälfte sehen konnte, und las die dicke Überschrift: GESUNDHEITSBEHÖRDEN befürchten neuen Ausbruch I hr stockte der Atem. Das war der zweite derartige Artikel in ebenso vielen Tagen. Aber MR Sam war so sehr Teil ihres Lebens, daß er kaum mehr Nachrichtenwert besaß. Man berichtete in den größeren Presseorganen nur darüber, wenn er hart und schnell zugeschlagen hatte. Sie stellte ihre Kaffeetasse ab. Es muß also ernst sein. » Die Verwaltung der einzigen Grundschule der Stadt war gezwungen, das Gebäude bis auf weiteres zu schließen … « O nein, keine Kinder, bitte keine Kinder mehr! Es war tausend Meilen entfernt. Aber das Opfer, von dem Caroline ihr erzählt hatte, hatte nicht weiter als zwanzig Meilen entfernt gelebt. Und bei Ausbrüchen konnten Meilen sehr, sehr kurz sein, je nach dem, wie der Träger reiste. Es muß in diesem Ding doch auch gute Nachrichten geben, dachte sie unglücklich. Sie blätterte um und las den nächsten Titel: BELIEBTER Hilfstrainer bei Fahrradunfall zu TODE gekommen U nd der Untertitel: U ngeklärter Unfall löst Ermittlungen der Universitätsbehörden aus S ie sah das Foto. Es war vielleicht drei oder vier Jahre alt: kein Ziegenbart, und das Haar etwas länger. Aber es war zweifelsfrei der Mann, den Caroline vor ein paar Tagen zum Verlassen seines Computerterminals bewogen hatte. Der Adrenalinstoß überwältigte sie nahezu. Obwohl Janies Magen das Frühstück längst verdaut hatte, das Tom ihr am Morgen zubereitet hatte, schien es bei der bloßen Erinnerung an diese Mahlzeit wieder hochkommen zu wollen. Übelkeit stieg in Janie auf, und ihr brach der kalte Schweiß aus. Die Zeitung glitt ihr aus den Händen und flatterte geräuschvoll zu Boden. Überall drehten sich Leute nach ihr um, und sie begegnete ihren neugierigen Augen mit einem flammenden Blick, der besagte: Das geht euch nichts an. Als sie sich wieder unbeobachtet glaubte, schloß sie die Augen und legte eine Hand an ihre Stirn. Sie zwang sich, die Zeitung aufzuheben und den begleitenden Artikel zu lesen, obwohl sie schreckliche Angst hatte vor dem Text. … ein erfahrener Radfahrer, bisher unfallfrei … auf einem Fahrradweg unterwegs nach Hause … seine übliche Strecke … verlassener Abschnitt … kein erkennbarer Grund für den Sturz in den Graben … Helm schützte ihn vor Kopfverletzungen, aber durch Genickbruch war er anscheinend sofort tot. Mechanisch griff sie in ihre Tasche und nahm ihr Handy heraus. Sie sprach Carolines Namen aus, unsicher, ob der Apparat ihre zitternde Stimme erkennen würde, aber er tat es. Caroline nahm nach dem zweiten Läuten ab. » Wir müssen es Michael sagen «, stammelte Caroline, nachdem sie die Neuigkeit erfahren hatte. » Ich weiß «, sagte Janie. Sie hatte Angst vor seiner Reaktion. S ie wollte nicht zum Revier gehen, sondern bestand darauf, ihn auf dem Platz zu treffen, wo niemand sie belauschen konnte. » Du lieber Himmel, «, sagte er, als er die Geschichte gelesen hatte. » Ich verstehe das nicht. « » Was ist da zu verstehen? Der Mann ist ganz plötzlich tot. Und wir waren noch vor wenigen Tagen mit ihm zusammen. « » Das könnte nichts weiter sein als ein verrückter Zufall «, meinte Michael, während er mit geringem Erfolg versuchte, die Zeitung wieder zusammenzufalten. » Michael, bitte. Du bist Cop. Du weißt, daß solche Ereignisse selten auf Zufall beruhen. In mein Haus wird eingebrochen, und sie nehmen nichts mit als meinen Computer. Der zufällig ein paar gestohlene Daten enthält. Und dann dieser junge Mann, der zufällig an der Beschaffung dieser Daten beteiligt war … « » Das wußte er nicht, also kann er keinem davon erzählt haben … « » … war auch nicht nötig! Die Identifizierung, mit der der Terminal in der Computerbar in Betrieb genommen wurde, war seine. Ich meine, ich hatte mir Sorgen gemacht, jemand könnte denken, er wäre es gewesen, wenn die Sache herauskäme; und fürchtete ein wenig eine offizielle Untersuchung. Mir ist nie in den Sinn gekommen, daß so etwas passieren könnte … und wir haben wahnsinnig darauf geachtet, alles so zu arrangieren, daß man ihm nichts vorwerfen konnte. Ich wollte doch bloß an diese Daten herankommen, und jetzt … o Gott! « » Janie, ein Fahrradunfall ist nicht so furchtbar ungewöhnlich; dauernd sterben Leute daran, und oft ist die Ursache ein gebrochenes Genick. « » Michael, weswegen bist du hier? « fragte Janie abrupt. Ihre Frage schien ihn zu verwirren. » Weil du mich gerufen hast. Du wolltest, daß ich dich treffe. « » Nein. Ich meine, warum bist du hier in diesem Land? « » Was hat das damit zu tun? « » Das werde ich dir sagen – du bist hier, weil du, als in London auf einmal Leute an der Pest starben und Carolines DNS unter den Fingernägeln von einem der Opfer auftauchte, nicht mehr an einen bloßen Zufall geglaubt hast. « Er starrte sie einen Augenblick an. » Weil du, wie die meisten Leute mit einem halben Gehirn, Zufälle für etwas sehr Seltenes hältst. Aber ich habe dir noch nicht alles gesagt. Heute morgen bekam ich eine bizarre E-mail ohne Antwortadresse. Es war die zweite, die mir jemand mit demselben Decknamen geschickt hat – Wargirl. Die erste lautete bloß: › He, wer sind Sie? ‹ Ich dachte, das wäre ein Übermittlungsfehler oder ein Scherz von irgendeinem jugendlichen Hacker. Aber die zweite sagte: › Haben Sie keine Angst. ‹ « Janie hielt einen Moment inne. » Und sie kam zu einer Zeit, zu der ich Angst hatte, und zwar aus gutem Grund. Auch ich glaube nicht an solche Zufälle! « Michael stimmte ihrer Hypothese zwar nicht direkt zu, hatte aber auch kein vernünftiges Gegenargument, um sie zu widerlegen. » Ich kann mir die Ermittlungsakte ansehen und schauen, was intern bekannt ist. Das ist nicht immer dasselbe wie die Zeitungsartikel. « Sie warf ihm einen zynischen Blick zu. » Was du nicht sagst! Du hast mein Vertrauen in die Nachrichtenmedien total erschüttert. « » Tut mir leid, Janie. Ich kann nicht klar denken. « Dann sah er si e d urchdringend an und fügte hinzu: » Du hast mich mit all dem ein bißchen überfallen. « Eigentlich hätte er sie anschreien müssen. Er nahm es unglaublich freundlich auf, daß sie ihm seinen Taschencomputer entwendet hatte. Deswegen sagte Janie mit echter Zerknirschtheit: » Es tut mir leid, Michael, ich weiß jetzt, daß das … « » Vergiß es «, schnitt er ihr das Wort ab. » Ich an deiner Stelle hätte wahrscheinlich dasselbe getan. So, und jetzt diese Nachricht – wie lautete noch der Deckname? Ich werde sehen, ob ich etwas darüber ausgraben kann. « » Wargirl «, sagte Janie erleichtert, » geschrieben, wie man ’ s spricht. « A ls sie am späten Nachmittag in den Empfangsbereich von Toms Anwaltskanzlei kam, waren die Streßfalten auf ihrer Stirn so deutlich sichtbar, daß Toms Sekretärin Janie fragte, ob sie sich nicht wohl fühle. Janie verneinte das halbherzig und bot eine schwache Erklärung an. » Ich habe letzte Nacht nicht allzugut geschlafen, kann ja mal vorkommen. « Und weil die Frau weitgehend über Janies juristische Probleme Bescheid wußte, nickte sie mitfühlend und sagte: » Oh, das tut mir leid. Es muß eine schwierige Zeit für Sie sein. Aber ich bin sicher, daß die Lage sich bald bessert. Mr. Macalester setzt sich sehr für Ihren Fall ein. « Fälle, dachte Janie bei sich, und es sieht so aus, als könnte es einen weiteren geben. » Ja, das weiß ich. Ich habe volles Vertrauen zu ihm. Hören Sie, ich platze hier einfach so rein, aber bloß für ein paar Minuten. Tom bewahrt etwas in seinem Safe für mich auf. Das hätte ich bitte gern wieder, wenn es möglich wäre. « » Warum nehmen Sie nicht Platz – ich werde mal nachsehen, was er macht. « Janie war rasend nervös und wäre lieber auf und ab gegangen, um ein Ventil für ihre Energie zu haben; aber sie tat wie geheißen und setzte sich. Der zu weich gepolsterte Sessel war so bequem und angenehm, daß Janie sich in einem Halbschlummer befand, als Tom ein paar Minuten später aus seinem Büro kam, um sie zu begrüßen. Er weckte sie mit einer sanften Berührung am Arm. » He, du Schlafmütze! « Janie war sofort hellwach und setzte sich auf. Sie rieb sich die Augen und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. » O ja, damit hätte ich definitiv rechnen müssen. « » Denk dir nichts dabei. « Er lächelte herzlich und tätschelte ihre Schulter. » Selbst Superwoman braucht mitunter etwas Ruhe. Monica sagte, du wolltest deine Sachen aus dem Safe haben. « » Ja. Aber nicht Sachen. Nur eine Sache. Ich habe zwei Gegenstände in diesen Umschlag gesteckt. Einen würde ich gern dalassen. Ich werde aber wahrscheinlich ziemlich bald alles abholen. Nur muß ich vorher ein paar Vereinbarungen treffen. « » Gut, in Ordnung. Dann komm nach hinten ins Allerheiligste. « Janie stand auf und folgte Tom durch das unaufdringlich ausgestattete Büro. Sie war so oft hier gewesen, daß es ihr genauso vertraut war wie ihr eigener Arbeitsplatz; aber es wirkte wesentlich einladender. Das Privatbüro, in dem er seine Arbeit tat, war so spartanisch wie Tom selbst – nichts Belangloses, nichts ohne Sinn oder Funktion. Die Möbel hatte er allerdings sorgfältig ausgewählt – aber unauffällig, Erfolgsbeweis von Toms stiller, doch oft brillanter Arbeit für seine Mandanten. Er ging direkt zu einem hölzernen Schrank hinter seinem Schreibtisch und öffnete ihn mit einem kunstvollen Messingschlüssel. Janie erblickte einen grauen, metallenen Safe, der in den Schrank eingebaut war. » Dreh dich um «, sagte Tom zu ihr, » sonst foltert dich noch jemand, um dir die Kombination zu entlocken. « » O bitte, wenn mich das aufwecken würde … « Er lachte und drückte eine Reihe von Knöpfen auf der Schalttafel. Die äußere Tür öffnete sich. Dann tat er dasselbe bei der Innentür. » Das muß ja ein toller Safe sein «, sagte Janie, die ihm noch immer den Rücken zuwandte. » Was hast du da drin, Staatsgeheimnisse? « » Nur deine «, sagte er. » Keiner meiner Mandanten ist auch nur annähernd so interessant wie du. « Er kramte im Safe herum, nahm den Umschlag heraus, den sie ihm gegeben hatte, kam auf die andere Seite des Schreibtischs und überreichte ihn ihr. » Wenn du willst, kann ich dir eine Tasse Kaffee besorgen. Der würde dich vielleicht ein bißchen munter machen. « Als hätte sie ihn nicht gehört, nahm sie den Umschlag mit beiden Händen und hielt ihn vor sich, während sie mit den Fingern nach dem Inhalt tastete. Sie legte ihn auf ihren Schoß, öffnete die Lasche und nahm vorsichtig das Journal heraus. Sie öffnete den hinteren Deckel des alten Bandes mit großer Behutsamkeit. Tom sah gebannt zu, wie sie eine Datendiskette des dritten Jahrtausends aus einer Handschrift des vierzehnten Jahrhunderts zog. » Soll ich raten, welches von den beiden Dingen du mitnehmen willst? « » Die Diskette «, kam sie ihm zuvor, » aber nur für die Dauer einer Kopie. Dann bringe ich sie zurück. Das Journal werde ich dalassen, vielleicht noch ein paar Tage, wenn du nichts dagegen hast. « » Ich habe überhaupt nichts dagegen. Und ich kann dir diese Kopie wahrscheinlich gleich anfertigen, wenn du willst. Dann kannst du die Zweitausführung mitnehmen und deine Diskette wieder in den Safe tun. « In ihrem etwas aufgelösten Zustand war ihr gar nicht in den Sinn gekommen, um etwas so Einfaches zu bitten. » Das wäre toll – es würde mir einige Unannehmlichkeiten ersparen. « Tom drückte auf den Knopf des Sprechgeräts. Ein paar Augenblicke später trat seine Sekretärin ein. » Bitte machen Sie uns hiervon eine Kopie, ja? « » Selbstverständlich. « Nachdem das erledigt war, bot er Janie wieder Kaffee an. » Danke, aber ich glaube, ich werde einfach mein Ding nehmen und gehen. Ich bin so müde, daß ich kaum folgerichtig denken kann. Das war ein verrückter Tag. « » Eine verrückte Nacht, meinst du. « » Nein, ich meinte den Tag – heute sind ein paar Sachen passiert … « Ihr Zögern veranlaßte Tom zu der Frage: » Irgend etwas, worüber du reden möchtest? « » Ja. Über einiges werde ich mit dir zu reden haben. Aber nicht jetzt. Da muß ich erst mal was verdauen. Morgen vielleicht. « Monica kam mit den beiden Disketten zurück. Janie steckte eine in den Umschlag, die andere in ihre Handtasche. Dann reichte sie den Umschlag Tom, der ihn wieder im Safe einschloß. » Okay «, sagte sie, » ich denke, das wär ’ s. Ich sollte jetzt wohl besser nach Hause gehen, bevor ich zusammenbreche. Es ist zwar nicht besonders verlockend, aber leider ratsam. « Sie kicherte freudlos. » Und schließlich wohne ich da. « » Ich fahre dich. Für heute bin ich ohnehin fertig. « » Bist du sicher? « » Absolut. Hier habe ich nicht genug Ruhe, um mich zu konzentrieren – das kann ich in meinem Arbeitszimmer zu Hause besser als hier. « » Du bist so lieb zu mir, Tom. Danke. Sicher würde ich im Bus einschlafen. « » Na, das können wir doch nicht erlauben! « E s fühlte sich nicht wie ein Zuhause an, als sie dort anlangte – ein beschmutztes und vergewaltigtes Heim, sogar korrumpiert. Janie wußte, mit der Zeit würde das Gefühl weichen, aber im Augenblick war es noch übermächtig. Sie öffnete die Tür mit dem Schlüssel und tat einen vorsichtigen Schritt. Tom folgte ihr auf dem Fuß. Die Überreste des Chaos erwarteten sie, aber es war nicht allzu schrecklich; vieles von dem, was ausgeleert oder umgeworfen worden war, hatten die freundlichen Cops, die Michael mitgebracht hatte, schon mitten in der Nacht wieder aufgeräumt. Aber Janie wußte, damit die Ordnung ihren Maßstäben genügte, brauchte sie etwas Zeit allein mit Eimern, Bürsten und Schrubbern. Und Maria Callas. He, vielleicht auch einem Exorzisten … Und gleich am Ende des Gangs gab es ein Bett, ihr Bett, mit sauberen, kühlen Laken, weichen Kissen und einer mit Seide bezogenen Daunendecke. Sie nahm den Hörer ab, und der Wählton verriet ihr, daß die Telefongesellschaft ihr Versprechen gehalten hatte. Im Moment schaffte sie es jedoch nicht, über alles nachzudenken, und wandte sich mit entmutigter Miene an Tom. » Weißt du was? Ich gehe einfach ins Bett. In mir herrscht der totale Nullzustand. « Er zog einen Stuhl unter dem Küchentisch hervor und setzte sich. » Ich bleibe, bis du eingeschlafen bist. « » Hast du denn Zeit? Was ist mit deiner Arbeit? « » Ich habe meine Aktenmappe im Wagen. Also geht es. « » Du rettest mir pausenlos das Leben. Ich frage mich immer, was ich getan habe, um das zu verdienen. « Sie gähnte und rieb sich di e S tirn. » Ich würde dir ja anbieten, dir was zu essen zu machen – aber ich glaube nicht, daß in meinem Eisschrank viel drin ist. « » Vergiß es. Im Augenblick habe ich keinen Hunger. Ich werde mir später was besorgen, wenn ich gehe. « » Okay. Also, dann gute Nacht. « Nach einem kurzen Zögern drehte sie sich um und ging durch den Flur. » Janie … « » Was? « Nach einem Moment Schweigen sagte Tom: » Laß die Tür auf. Dann kann ich nach dir sehen. Damit ich Bescheid weiß, wann du wirklich schläfst. « T om wollte soeben gehen, als das Telefon zu läuten begann. Obwohl es nicht sein eigenes war, überkam ihn der automatische Drang zu antworten. Vor dem zweiten Läuten nahm er den Hörer ab. » Hier bei Dr. Crowe «, sagte er zögernd. Nach einer kurzen Pause ertönte die überraschte Stimme eines Mannes. » Wer ist da? « » Ich bin Dr. Crowes Anwalt. « » Tom? « » Ja. « » Hier ist Bruce. « » Oh! Hallo. « Wieder eine kurze Pause. » Ist Janie da? « » Ja. Aber sie schläft. « Bruce schien einen Augenblick lang nach Worten zu suchen. » Es ist – wie spät? – sieben Uhr bei euch da drüben? Oder habe ich mich verrechnet? « » Nein, das stimmt. Sieben Uhr acht, um genau zu sein. Janie hatte letzte Nacht ein kleines Problem. « Bruces Beunruhigung war trotz der transatlantischen Entfernung spürbar. » Was für eins? « » Jemand hat hier eingebrochen. « » O weh, ist sie in Ordnung? « » Es geht ihr gut. Sie konnte sich im Badezimmer verstecken – besonders weit hat der Kerl es nicht gebracht. Aber sie ist erschöpft – kurz nach zwei Uhr nachts passierte es, und die Polizei war hier bi s z um Morgen. Wenn sie erst einmal ausgeschlafen hat, wird es ihr bessergehen – aber sie ist etwas erschrocken. « » Ja, und was hat – wer …? « » Sie wissen es noch nicht. Michael Rosow ist sofort hergekommen, aber sie haben nicht viele Spuren gefunden, und es besteht wenig Aussicht, daß sie jemanden schnappen werden. Außerdem haben sie bloß Janies Computer mitgenommen. Ich schätze, es ging ziemlich schnell. Ihr wird es wahrschei n lich wie Stunden vorgekommen sein. « Bruce verdaute diese Information ein paar Augenblicke lang schweigend. » Sind Sie sicher, daß sie in Ordnung ist? « » Den Umständen entsprechend ja. Ich habe sie heute nachmittag aus meiner Kanzlei nach Hause gefahren. Im Moment wollte ich … eh, gerade gehen. « » Bevor Sie gehen, könnten Sie ihr eine Nachricht von mir aufschreiben? « » Natürlich. « » Sagen Sie ihr nur, daß ich angerufen habe. Nein – warten Sie. Notieren Sie noch, daß ich sie liebe. « Pflichtschuldigst kritzelte Tom die Worte Bruce hat angerufen auf einen Zettel und fügte dann hinzu: Ich liebe dich. Er legte den Zettel auf die Arbeitsplatte in der Küche, wo er gut zu sehen war, dann trollte er sich. KAPITEL 11 N achdem das Staatsoberhaupt die Torhüter angewiesen hatte, ihre Wachsamkeit zu erhöhen, wurde es immer schwieriger, die Stadtmauern von Paris zu durchdringen. Ein Tor nach dem anderen war in den letzten paar Tagen geschlossen worden, und jeder, der hineinwollte, war jetzt auf das Wohlwollen der Raufbolde angewiesen, die die Einlässe bewachten. Aber Karle zog diskret Erkundigungen ein und stellte fest, welche von ihnen insgeheim Sympathisanten waren. Danach fand er einen Mann, der ihm öffnete. Sie ließen ihre Pferde bei ihm zurück und versprachen, für deren Versorgung zu bezahlen. Außerdem vereinbarten sie, daß er die Tiere für sich behalten könne, wenn sie innerhalb einer bestimmten Frist nicht zurückkehrten. Der Mann würde also so oder so profitieren, und daher war er nur zu gern bereit, sich gefällig zu erweisen. Kate beschrieb Karle, welcher Treffpunkt verabredet worden war. » Aber warum gerade dort? « fragte Karle. » Das ist ein Viertel, in dem Juden wohnen. « Nach einem Augenblick verwirrender Unsicherheit, wie sie ihm das erklären sollte, antwortete Kate: » Weil keiner daran denken wird, uns da zu suchen. « Er wußte noch immer nicht, wovor sie flohen. » Jetzt müßt Ihr mir aber verraten, wer Euch suchen sollte. « Sie lächelte nur und sagte: » Das werde ich Père überlassen. « In letzter Zeit hatte er festgestellt, daß ihr Lächeln ihm unerwartete Freude bereitete. Es lenkte ihn, wenn auch nur kurz, von all den Schreckensbotschaften, dem Streit und Elend ab. Ich werde den Klang ihrer Stimme vermissen, wenn sie fort ist, wurde ihm klar. Und ihre fast unheimliche Klugheit. Doch diese Gedanken behielt er für sich, denn er wußte, es wäre viel besser für ihn, wenn sie bereits fort wäre. Je schwieriger der Aufstand im Griff zu halten war, desto mehr würde ihre Anwesenheit ihn ablenken und nich t m ehr die gelegentliche Freude sein, zu der sie sich in aller Stille entwickelt hatte. Es würde gefährlich werden, und er konnte sich nicht die Zeit nehmen, eine Frau vor Schaden zu bewahren, wenn er sich um eine Revolte kümmern mußte. Ein Mädchen, meine ich. Aber jedenfalls ein weibliches Wesen, was immer Schwierigkeiten mit sich brachte. Doch nach einer Wartezeit, während derer die Schatten immer länger wurden, begann er sich zu fragen, ob er sie überhaupt loswerden konnte. » Seid Ihr sicher, daß dies der richtige Ort ist? « » Ohne jeden Zweifel. « » Vor wie langer Zeit wart Ihr zuletzt hier? « » Vor vielen Jahren, aber es hat sich nicht viel verändert. « Sie zeigte auf das gelbe, keilförmige Schild des Käseladens. » Das Schild ist noch genauso wie früher. « Angesichts ihrer Gewißheit beschloß er, nicht weiter in sie zu dringen, und blieb eine Weile still. Doch als der Tag seinem Ende zuging, wurde er sichtlich ungeduldig und meinte sich doch gründlicher erkundigen zu müssen. » Was passiert, wenn er sich verspätet? Wir können nicht die ganze Nacht hier warten. « » Das braucht Ihr auch nicht. Ihr habt Eure Pflicht erfüllt. Aber gebt mir meine Münzen zurück, bitte. « Sie streckte die Hand aus. Diese Entlassung überraschte ihn. » Wie könnt Ihr mich so gering einschätzen nach allem, was wir zusammen durchgestanden haben? Habt Ihr gedacht, ich würde Eure Münzen stehlen und Euch hilflos zurücklassen? « Sein Zorn traf sie unvermittelt. » Ich … es … es tut mir leid … ich wollte Euch nicht beleidigen – aber ich wäre nicht hilflos. « Er fragte sich, ob sie aus Angst diesen falschen Wagemut an den Tag legte. Versucht sie, ihre Furcht zu verbergen? Vielleicht sollte ich sanfter mit ihr umgehen. » Es ist möglich, daß Euer père nicht durch die Stadtmauern kam, bevor die Tore geschlossen wurden. « » Er dürfte kaum so lange gebraucht haben wie wir. Und er würde in jedem Fall einen Weg finden. Er ist ein sehr kluger Mann. « » Das sagtet Ihr schon. « » Es stimmt. Und er hat mich zu einem klugen Mädchen erzogen. « » Trotzdem werde ich mit Euch warten, um Euch sicher zu übergeben! « » Wie Ihr wollt «, meinte sie kurz angebunden. Sie sprachen nicht mehr, bis die Sonne hinter dem höchsten Gebäude der Straße verschwunden war. » Ich muß zu Marcel «, sagte Karle schließlich. » Dann geht! « Sehr leise fügte Kate hinzu: » Und nehmt meinen Dank für Eure Begleitung. Und Eure Gesellschaft. « Wieder hielt sie die Hand für den Beutel Münzen auf. Er fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut – es wurde dunkel, sie hatte keine Unterkunft, war eine junge Frau ganz auf sich gestellt, und – und er wollte sich noch nicht von ihr trennen. » Es paßt mir nicht, Euch hier zurückzulassen «, setzte er zu einer längeren Rede an. » Mir scheint, das wäre nicht ehrenhaft, nachdem ich doch versprochen habe, mich um Euch zu kümmern. Kommt mit mir zum Haus des Provosts von Paris. Er wird uns für die Nacht Obdach geben – und morgen kommen wir wieder her. Bald wird es zu dunkel sein, um Euren père zu erkennen – selbst wenn er noch auftauchen sollte. Und er würde nicht wollen, daß Ihr Euch hier draußen herumtreibt, das steht fest! « Hinter der Entschlossenheit auf ihrem Gesicht sah er das besorgte junge Mädchen, das genauso unschlüssig war wie er hinsichtlich des nächsten Schritts. » Bitte «, flehte er. » Nun gut «, antwortete sie schließlich. » Aber ich werde Euch bei Eurem Wort nehmen – daß wir morgen wieder hier sind. « Erleichterung durchströmte ihn, aber er ließ es sich nicht anmerken. » Ich werde Euch nicht im Stich lassen «, versprach er feierlich. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie zum Fluß. » Ah, Doktor Canches «, komplimentierte de Chauliac seinen frisch gewaschenen Gefangenen herein, als dieser auf die von Kerzen erleuchtete salle à diner zuhinkte, » setzt Euch! « Er wies auf einen Stuhl ihm gegenüber. » Ihr müßt Euer Bein schonen. « Die Wachen blieben draußen vor der Tür, während Alejandro mühsam vorwärtshumpelte. » Habt Ihr die Natur Eurer Verletzung festgestellt? « gab sich sein Lehrer teilnahmsvoll. » Ich glaube nicht, daß irgendwelche Knochen gebrochen sind «, antwortete der unfreiwillige Gast. » Es wird höchstens ein paar Tage dauern, dann ist es geheilt. « » Nun, das höre ich gern. Aber natürlich möchte ich Euch selbst untersuchen. Es soll Euch alle Pflege zuteil werden, solange Ihr Euch in meiner Obhut befindet. Nach dem Diner schaue ich den Fuß an. « » Ihr könnt Euch selbst davon überzeugen, de Chauliac – aber Ihr werdet meine Knochen ganz unversehrt finden. « » Ich habe festgestellt, daß die Juden ein Volk mit schwachen Knochen sind, das muß ich sagen. In meiner Zeit in Montpellier habe ich beobachtet, daß bei ihnen, vor allem bei den Alten, häufig gebrochene Gliedmaßen vorkommen. « » Wir sind nicht so leicht zu zerbrechen, wie es vielleicht den Anschein hat. « » Ach «, meinte de Chauliac, » da ist er wieder – Euer aufsässiger Geist! Ihr seid ein besonders angenehmer Gesellschafter, wenn Ihr aufgebracht seid. « Er winkte mit der Hand, und ein Diener erschien mit einer Karaffe. Ihre Becher wurden mit einer dunklen, aromatischen Flüssigkeit gefüllt. De Chauliac hob seinen grüßend und sagte: » Ich schlage vor, daß wir auf viele geistreiche Gespräche trinken. « Er lächelte breit. » Und auf die Heimkehr des verlorenen Sohnes! « » Ich habe von dieser Eurer christlichen Parabel gehört «, bekannte Alejandro, » aber ich verstehe sie nicht. « » Nun «, sagte de Chauliac. » Wie Ihr auch › Maranatha ‹ nicht verstanden habt. « Alejandro wand sich auf seinem Stuhl, der sich als wesentlich unbequemer erwies, als er auf den ersten Blick ausgesehen hatte. Er spielt mit mir, dachte er. Und er genießt es. » Ich werde sie Euch erklären «, fuhr de Chauliac fort. » Der Sohn nimmt seinen Anteil vom Reichtum seines Vaters und läuft davon. Er geht in ein fernes Land, wo er alles verpraßt. Als er bettelarm zurückkehrt, freut sich der Vater so sehr, ihn wiederzuhaben, daß er dem Lotterbuben verzeiht und ihn willkommen heißt. « Mit wachsendem Unbehagen wand der ehemalige Schüler ein: » Vergebung ist eine gute Sache, besonders zwischen Vater und Sohn. Aber ich habe den Reichtum meines Vaters nicht vergeudet. Und ich habe auch keine Söhne – also weiß ich nicht recht, was Ihr mit dieser Geschichte meint. « De Chauliac starrte ihn im Kerzenschein an. » Aber wie wir aus England hören, habt Ihr etwas, das man als Tochter bezeichnen könnte. « Kalte Angst umklammerte Alejandros Herz. De Chauliac sah sie an seiner Miene und lächelte wieder boshaft. » Aber diese Geschichte dreht sich nicht um Söhne oder Töchter, sondern vielmehr um eine Gabe, die nicht weise eingesetzt wurde. Seht Ihr, Ihr habt in Avignon ein Geschenk erhalten, von mir, von Seiner Heiligkeit, dem Papst, und dieses Geschenk habt Ihr vergeudet. « Er stellte seinen Becher ab und nickte dem Diener zu, der eine Platte mit Fleisch zwischen den beiden Männern auf den Tisch stellte. De Chauliac schnupperte an dem Duft, der von der Platte aufstieg. » Köstlich «, sagte er. Er schloß einen Moment die Augen und genoß das Aroma von Zwiebeln und Gewürzen. » Laßt uns im Augenblick nicht weiter von diesen Dingen sprechen. Sie sind unerfreulich und würden unsere Verdauung stören. Wonnen, wie ich sie Euch heute abend vorsetze, sind in diesen Zeiten sehr schwer zu bekommen, wirklich sehr schwer! « Er nahm ein Messer und schnitt ein kleines Stück Fleisch ab, das er dann auf die Spitze des Messers spießte und in den Mund steckte. » Bitte «, lud er kauend ein, » eßt! Ihr seht zwar recht wohl aus, aber man könnte Euch ein wenig dünn nennen. « Alejandro aß schweigend, die Augen mißtrauisch auf seinen Peiniger gerichtet, und dachte: Es ist, als hätte er meine Rückkehr geplant. » Jetzt müßt Ihr mir von Euren Reisen erzählen, Arzt. Nach Eurer Flucht aus Canterbury haben wir viel weniger von Euch gehört, als uns lieb war. « Wir? Wer genau war » wir « ? Unbewußt packte Alejandro sein Messer fester, was die Adern auf seinem Handrücken bläulich hervortreten ließ. Es fuhr ihm kurz durch den Sinn, über den Tisch zu springen und diesem arroganten Schurken, der ihn gefangenhielt, die Kehle durchzuschneiden. Doch er wollte seinen Häscher nicht alarmieren und legte das Messer wieder hin; seine Hand ließ er aber dicht daneben ruhen , während ihm der wilde Gedanke durch den Kopf schoß, sich von de Chauliac zu befreien. Es würde nur einen Moment dauern. Aber die Wachen würden ihn sofort ergreifen. Er konnte durch eine solche Tat nichts gewinnen. Außerdem wäre sie wie das Verhalten eines Tieres. Im Gegensatz zu dem niederträchtigen Bischof in Spanien besaß der Franzose de Chauliac einen Intellekt, der es wert war, erhalten zu bleiben. Und ich habe all das Sterben so unendlich satt, gestand er sich ein. Es muß einen anderen Weg geben. Also faltete er die Hände und seufzte. » Meine Reisen sind eine lange und traurige Geschichte «, begann er. » Sie werden Euch miserabel unterhalten. « Aber de Chauliac lächelte nachsichtig. » Das glaube ich nicht. Es sei denn, Ihr hättet Euch verändert seit unserer letzten Begegnung. Aber ich sehe Anzeichen dafür, daß Ihr einige Eigenheiten bewahrt habt. Ihr seid immer noch ein Mann, der forscht. Wozu sonst würdet Ihr ein Manuskript bei Euch tragen wie dasjenige, als ich Euch › fand ‹? « Das Gesicht des Juden zeigte Unruhe und Bestürzung, da er seinen Schatz kurz vergessen hatte. » Seid unbesorgt «, beruhigte de Chauliac ihn. » Ihr müßt wissen, daß gerade ich großen Respekt vor einem solchen Gegenstand habe. Ich werde ihn mit Sorgfalt behandeln. « Alejandro entspannte sich ein wenig. » Beginnt nach Canterbury «, forderte der Graf ihn auf. » Was davor geschah, ist mir bekannt. Wärt Ihr an einem Hof auf dem Festland gewesen, so hättet Ihr viele Troubadoure von Euren Taten singen hören. Ihr seid zu so etwas wie einer Legende geworden – nun ja … « K arle wartete, bis es völlig dunkel war und alle Bürger von Paris, zumindest die, die etwas zu essen hatten, beim Abendbrot saßen. » Selbst in so schlimmen Zeiten wie unseren werden die, die durch die Straßen patrouillieren, eine Pause machen und irgendeine Kleinigkeit z u sich nehmen «, sagte er zu Kate. » Paris hat noch immer ein wenig von seiner Kultur bewahrt. « Dennoch war er nicht so töricht, direkt das Haupttor des Säulenbaus anzusteuern, in dem Marcel seit seinem Amtsantritt al s S tadtoberhaupt wohnte. Man mußte Schwierigkeiten ja nicht unbedingt herausfordern. Statt dessen näherten sie sich der Hintertür neben der Küche und schauten durchs Fenster. Sie sahen eine Magd am heißen Herd stehen, wo sie eifrig in einem eisernen Topf rührte. Vorsichtig klopften sie an die Scheibe. Die Magd wandte den Kopf nicht zum Fenster, sondern zur Tür. Ein erwartungsvoller Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. » Sie muß einen Liebsten haben «, flüsterte er Kate zu. » Ich glaube, wir sind eben auf ihr geheimes Zeichen gestoßen. « Durch einen glücklichen Zufall waren sie das tatsächlich, denn das junge Mädchen wischte sich rasch die Hände an der Schürze ab und glättete ihr Haar. » Haltet Euer Messer bereit «, brachte Karle zwischen den Zähnen hervor. » Karle! « flüsterte Kate entsetzt. » Sie ist noch ein Mädchen, sicher nicht einmal so alt wie ich … « » Ihr sollt ihr keinen Schaden zufügen «, erläuterte er, » sondern nur ein bißchen Angst einflößen. Ich kann ihr nicht mit dem Messer drohen und gleichzeitig mit ihr verhandeln. Denn nur sie kann uns zu Marcel führen. « » Ihr kennt diesen Marcel gar nicht? « » Ich bin dem Mann nie begegnet. Aber wir sind Brüder im Geiste der Revolte. « Bevor Kate noch ein weiteres Wort äußern konnte, eilte das Mädchen schon zur Küchentür. Sie öffnete sie, schaute noch einmal zurück, trat dann rasch ins Freie und erwartete eine Umarmung. Ehe sie wußte, wie ihr geschah, hatte Karle sie ergriffen und ihr eine Hand auf den Mund gelegt. » Das Messer! « zischte er, Kate zog es aus ihrem Strumpf und hielt es dem Mädchen nervös unter die Nase. Die Augen des Mädchens weiteten sich vor Entsetzen; aber Kate fragte sich unwillkürlich, ob sie nicht merkte, wie sehr ihre Bedroherin zitterte. » Ist Marcel in der maison? « flüsterte Karle rauh. Das großäugige Mädchen nickte bejahend, da Karle ihr noch immer den Mund zuhielt. Er sprach schnell und drängend. » Dann werdet Ihr uns zu ihm bringen. Ich will hier niemandem Schaden zufügen; aber außerhalb dieses Haushalts darf mich keiner sehen, und notfalls werde ic h m ich zu wehren wissen. Ich nehme jetzt meine Hand von Eurem Mund, wenn Ihr jedoch schreit, wird Euch das leid tun. Zweifelt nicht daran! « Benommen drückte Kate dem Mädchen die Spitze ihrer Waffe in den Rücken. Im folgenden übernahm Karle das Messer und hielt dem Mädchen beide Hände auf dem Rücken zusammen. Dann schob er sie vorwärts. » Zeigt uns den Weg «, befahl er. Über eine enge, dunkle Treppe führte sie sie in die von Öllampen erhellte maison. Sie folgten ihr zum Salon, und als sie über die Schwelle traten, standen sie im Rücken eines Mannes vor einem Schreibpult. Er beugte sich über irgendein Pergament und las beim Licht mehrerer Kerzen . » Monsieur le Provoste « , sagte das Mädchen schüchtern. » Oui « , antwortete Marcel abwesend. » Hier sind, eh, Gäste, die Euch zu sehen wünschen. « Etienne Marcel drehte langsam den Kopf, und als er sah, daß seine Magd festgehalten wurde, stand er abrupt auf. Er baute sich vor den Eintretenden auf und legte eine Hand an das Schwert in seinem Gürtel. » Laßt sie los «, donnerte er. » Nur ein Feigling versteckt sich hinter einem Weib! « » Ich bin kein Feigling, Monsieur, sondern ein Mann, der Euch wohlgesonnen ist. Aber ich wußte nicht, wie Ihr mich empfangen würdet, und so hielt ich es für geraten, den Einlaß zu erzwingen. Niemand wird zu Schaden kommen. « Er ließ die Hände des Mädchens los, und ängstlich eilte sie in die sicheren Arme ihres Arbeitgebers. Karle spreizte die Hände und hielt das Messer von sich. Er winkte Kate heran, sie griff nach der kleinen Waffe und schob sie wieder in ihren Strumpf. » Ich nehme an, Ihr seid Marcel «, leitete Karle über. Etienne Marcel, noch immer bereit, sein Schwert zu ziehen, nickte streng. » Und Ihr, Monsieur? « » Ich bin Guillaume Karle. « Marcel nahm die Hand vom Schwertgriff und s treckte sie eilig zum Gruß aus. » Mon Dieu! « Er schwenkte Karles Arm auf und ab. » Ihr seid die letzte Person, die ich hier erwartet hätte! « Er wandte sich an die verwirrte Magd. » Steh nicht herum, bring Wein, und das reichlich! « Sie rannte gehorsam davon. Marcel wies auf Stühle und sagte: » Endlich! Diese Begegnung hat Gott beschlossen! « W ie sollte Alejandro jene Zeiten beschreiben, selbst einer Persönlichkeit mit der scharfen Intelligenz eines de Chauliac? All die Dinge, die er gesehen hatte, die Orte, an denen er gewesen war; die Hölle auf Erden – oder könnte es der Himmel gewesen sein? Irgendeine seltsame Mischung von beidem in einem Leben, das er nie für möglich gehalten hätte … Da er Alejandros Widerstreben spürte, drängte de Chauliac ihn mit einer Frage, auf die er bestimmt eine Antwort erhielte. » Warum habt Ihr es riskiert, das Kind mitzunehmen? « Das riß Alejandro aus seiner Melancholie. » Weil sie selbst und ihre Amme mich darum baten. Beide fürchteten Isabellas Zorn, und das mit gutem Grund, glaube ich. « Er sah seinem Kerkermeister in die Augen. » Ihr hattet recht, mich vor ihr zu warnen. Ich hätte wachsamer sein sollen. « De Chauliac stieß ein zynisches Kichern aus. » Auch Adam durchschaute die Schlange nicht. « Darauf reagierte Alejandro mit einem schiefen Lächeln – aber das schwand schnell, als er seine Erzählung fortsetzte: » Nachdem wir England verlassen hatten, waren wir eine Zeitlang ständig unterwegs; und überall, wo ich hinschaute, gab es englische Soldaten. Ich weiß, sie hatten viele Gründe, sich in Frankreich aufzuhalten; aber ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, sie warteten nur auf mich. Ich durfte Kate – das Mädchen – nicht sprechen lassen, denn sonst hätte sie sich verraten. Sie war ein sehr redseliges Kind und ganz reizend – es machte mir viel Kummer, sie ständig still zu halten. « » Ihr habt sie also recht gern. « Alejandro seufzte. » Wie meine wahre Tochter! Ich werde meinen Geist wohl nicht durch ein eigenes Kind weitergeben können, also ist sie mein kostbarstes Gut. « Unter dem Einfluß des Weines war de Chauliac wesentlich weniger bissig und beinahe mitfühlend. » Aber Ihr seid nach wie vor rüstig «, bemerkte er, » jedenfalls jünger als ich, und wenn wir diese schreckliche Zeit überleben, werden wir gewiß noch Gelegenheit haben, uns fortzupflanzen. Es mangelt in Paris nicht an schwangeren Leibern, obwohl Gott allein weiß, wie viele davonkommen werden. Aber das Leben geht weiter, Arzt, so ist es immer gewesen und wird es nach dem Willen des Allmächtigen auch bleiben. Leider sind viele der Ansicht, die Juden sollten ein für alle Male untergehen – die ich nicht teile. Auf unserer Welt ist Platz für alles und jeden. Es hat Gott gefallen, durch Noah ein Paar von jeder Art zu erhalten. Es kann nicht Sein Plan sein, die Juden gänzlich zu vernichten. « Das gute Einvernehmen, das zwischen ihnen aufkeimte, trübte sich, als Alejandro diese Worte vernahm. Wir sind für ihn also Tiere. Doch er hat nicht vor, mich umbringen zu lassen. Das verschaffte ihm vorübergehend ein Gefühl der Erleichterung. Gleich darauf dachte er allerdings: Was hat er aber dann mit mir vor? » Und wenn es Juden gibt, die überleben und sich vermehren, dann wünschte ich mir, es wären solche wie Ihr. « » Juden, denen man es nicht ansieht? « » Männer von Geist, Vernunft und Weisheit, Männer, die die Welt verstehen und lehren, wie sie eigentlich sein sollte. « » Die Welt sollte besser sein «, warf Alejandro ein. » Da habt Ihr recht, Kollege. Es scheint, daß wir alle, Christen und Juden gleichermaßen, nach der Pfeife Satans tanzen, der uns in boshafter Freude regiert. Doch ich glaube, daß sich das mit der Zeit ändern wird. « Er lächelte. » Aber nun fahrt mit Eurer Erzählung fort. « Nach kurzem Zögern sprach Alejandro weiter. » Nach dem ersten Winter gingen wir nach Straßburg. « » Ach «, schüttelte de Chauliac den Kopf, » es ist ein Jammer, was da passiert ist. « » Ich denke, dafür wäre ein stärkeres Wort angebracht. Man könnte von Verirrung sprechen. Aber wie immer man die Tragödie auch nennen mag, selbstredend konnten wir nicht dort bleiben. Wir kamen für eine Zeitlang nach Paris und lebten im Marais unter Glaubensbrüdern. « » Ihr wart hier in Paris? « Alejandro nickte. » Nach einer Weile flohen wir dann wieder nach Norden. « » Wohin seid Ihr gegangen? « » Es fiele mir schwer, einen Ort zu nennen, an dem wir nich t w aren «, gab Alejandro seufzend Auskunft. » Wir konnten wohl kaum in ein Dorf reiten und verkünden: › Attendez! Hier kommt ein Jude auf der Flucht, verachtet und gejagt von der Prinzessin von England, mit einer illegitimen Tochter von König Edward – auf eigenen Wunsch vom Hofe ihres grausamen Vaters entführt! ‹ Wer hätte ein solches Paar schon willkommen geheißen, außer, um ein Lösegeld herauszuschlagen? « » Wie habt Ihr dann gelebt? Wenn Ihr niemandem vertrauen konntet? « » Es fehlte nie an verlassenen Hütten. Wir wählten immer die entlegensten und blieben nur, solange wir unbemerkt waren. Dann zogen wir weiter, mit unserer bescheidenen Habe, und da sie sich gegenwärtig in Eurem Besitz befindet, wißt Ihr, daß das nicht viel war. « » Hmm «, machte de Chauliac. » Aber es ist auch nicht gerade wenig. Ihr habt noch immer Euer Gold, von dem einiges zweifellos von meinem geheiligten Herrn stammt. Ihr Juden seid eine genügsame Sippschaft. « » Das sind wir, wenn es sich empfiehlt. « » Und die ganze Zeit habt Ihr Eure Medizin nicht ausgeübt? In Eurer Tasche befinden sich einige ausgezeichnete Werkzeuge. « Alejandros Miene verdüsterte sich. » Nur sehr selten. « De Chauliac lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. » Seht Ihr? Ihr habt Eure Gabe also doch vergeudet! « » Ich habe sie an das Kind weitergegeben, indem ich ihr alle meine Kenntnisse beibrachte «, protestierte Alejandro. » Sie ist eine gute Heilerin geworden. Und wenn Hilfe wirklich nötig war, habe ich sie immer geleistet. Aber jedesmal, wenn wir bekannt wurden, mußten wir weiterziehen. Das Risiko, gefangen zu werden, war immens. « » Vielleicht macht Ihr Euch auch zu viel Sorgen – zumindest jetzt. « De Chauliac beugte sich vor und stützte sein Kinn in die Hände. » Laßt Euch berichten, was ich durch meine Spione gehört habe. Im ersten Jahr wurdet Ihr aktiv gejagt, vor allem zu Clemens ’ Lebzeiten. Der Papst war natürlich sehr › enttäuscht ‹, als er Eure wahre Identität erfuhr, und obwohl er das war, was einige als Judenfreund bezeichnen würden, meinte er, einen Fehler begangen zu haben, indem er Euch mit jener Aufgabe in England betraute. Ic h v ersuchte natürlich nach Kräften, Euch zu verteidigen, indem ich darauf hinwies, daß Eure Mission erfolgreich war. Kein weiteres Mitglied der englischen Königsfamilie starb mehr an der Pest. Aber er war trotzdem nicht zufrieden. « » Wir schwebten damals also wirklich in Gefahr? « » Eine Zeitlang. Aber nach dem Tode von Clemens hegte nur noch Isabella einen wirklichen Groll gegen Euch – ihr Vater war mit Staatsangelegenheiten zu beschäftigt. Sie konnte die Jagd daher ungestört weiterführen; und als Edward schließlich immer mehr mit dem erneuten Krieg zu tun hatte, schwand überhaupt sein Bestreben, ihr zu gefallen. « » Als ich dort war, schien es noch sehr lebendig. « » Oh, das glaube ich gern. Er hat sie schamlos und abgöttisch geliebt. Aber jetzt interessiert ihn eigentlich nur noch Isabellas baldige Vermählung. « » Sie hat keinen Gemahl? Aber sie muß doch inzwischen sechs- oder siebenundzwanzig sein. « De Chauliac lachte. » Wieso überrascht Euch das? Selbst eine königliche Xanthippe bleibt doch eine solche. Sie hat es geschafft, daß ihr Bruder Edward die Jagd auf Euch weiterführt; er war häufiger in Frankreich als ihr Vater. Er ist zu einem furchterregenden Krieger herangewachsen – man nennt ihn wegen seiner bevorzugten Rüstung jetzt den Schwarzen Prinzen. Auf einer seiner Reisen hierher hat er sich persönlich nach Euch erkundigt. Aber sein Interesse schien mir nicht echt. Ich hatte das Gefühl, daß er Euch nur verfolgt, weil seine Schwester darauf besteht. Aus irgendeinem Grund hängen sie sehr aneinander. « » Ich weiß. Und ich finde es eigenartig. « » In der Tat! Jetzt hat er Euch eher aufgegeben. « De Chauliac sah die Erleichterung auf Alejandros Zügen. Da ihm das nicht gefiel, fügte er hinzu: » Doch sein Bruder Lionel ist nicht so mit dem Krieg beschäftigt. Er hält sich im Augenblick mit seinem ganzen Gefolge in Paris auf. Man ruft mich gelegentlich, wenn ein Familienmitglied meiner Behandlung bedarf. Beim Klerus bin ich aus irgendeinem Grunde nicht mehr wohlgelitten – aber bei den Mitgliedern des Königshauses scheine ich nach wie vor eine gewisse Wertschätzung zu genießen. « Er sah, wie Alejandros Miene wieder besorgt wurde, und lacht e l eise. » Habt keine Angst! Lionel erinnert sich nicht an Euch. Ich habe ihn bereits danach gefragt, was ihn ziemlich aufbrachte. Gegen Ende Eures Aufenthalts in Windsor kamen und gingen die Mitglieder seiner Dienerschaft, einige von denen mögen Euch gesehen haben; aber während der Pestepidemie war Lionel die meiste Zeit mit Gaddesdon in Eltham. Und seine Dienerschaft hat er dorthin nicht mitgenommen. « » Hmm «, sagte Alejandro. » Der unvergleichliche Meister Gaddesdon! « » Ein Schwachkopf «, bemerkte de Chauliac milde. » Man begreift nicht, wieso Edward an ihn glaubt. « Bringt uns Beweise, hatte Gaddesdon gesagt, als Alejandro ihn seinerzeit um eine Audienz bei König Edward bat. Dann werden wir Euch anhören. » Er hat mir das mit den Ratten auch nicht geglaubt. « De Chauliac schnippte sich eine Fleischfaser von der Fingerspitze und beugte sich vor. » Ach ja, die Ratten «, kam er wieder zum eigentlichen Thema. » Bitte, vergebt mir meinen Spott von vorhin. Im ersten Moment erschien mir Eure Theorie töricht. Aber ich bin immer bereit zuzuhören. Jetzt habt Ihr meine Aufmerksamkeit. « » Ein Geschenk, das man nicht vergeuden darf «, sagte Alejandro trocken. N ahezu ganz Paris war auf den Straßen, um ein wenig frische Luft zu schöpfen, mit Ausnahme von Etienne Marcel und Guillaume Karle, die im Haus blieben und unter der feuchten Hitze litten; aber sie hatten Geheimnisse, deren Austausch nicht auf günstigeres Wetter warten konnte. Kate litt mit ihnen und mußte sie ständig ermahnen, leise zu sprechen; denn sie » flüsterten « wie die Marktschreier, und die Fenster waren weit geöffnet. Diese beiden sind echte Gesinnungsgenossen, dachte sie. Gerade erst haben sie sich kennengelernt, und schon unterhalten sie sich so offen wie alte Freunde. » Navarra ist bloß einer von vielen Adeligen «, behauptete Karle , » obwohl er sich König nennt. Ich glaube, er wäre gern König von Frankreich, und darunter hätten wir alle zu leiden. Er unterscheidet sich kein bißchen von dem, den wir jetzt haben. « » Wenn Ihr gestattet – da bin ich anderer Meinung, Kamerad. Navarra ist weit besser als unser gegenwärtiger Monarch. Zumindest stärker. « » Ich habe die Beweise seiner Stärke gesehen. Möge Gott uns vor weiteren verschonen! « Marcel runzelte die Stirn. » Er könnte uns gute Dienste leisten – wenn er uns gegen seinesgleichen anführt; mit ihm würden wir weit besser fahren als ohne ihn. « » Aber er ist ein teuflischer Schurke und ein gewissenloser Schlächter! « » Trotzdem kann man darauf vertrauen, daß er seine Interessen im Auge behält, und um unseren Erfolg zu sichern, brauchen wir nur dafür zu sorgen, daß unsere Interessen mit seinen übereinstimmen. « » Aber wie sollten unsere Interessen je vereinbar sein? Er wird sich zu unserem neuen Herrn aufschwingen und weit grausamer sein als der Schwächling, der jetzt Anspruch auf den Thron erhebt. Und er wird nichts tun, die Auseinandersetzungen zu beenden, denn sie dienen seinen Zwecken! Alle liegen miteinander im Krieg: Johann gegen Edward, Navarra gegen den Dauphin, die Bauern gegen den Adel, und der Adel metzelt sich gegenseitig nieder! Frankreich befindet sich in einem Zustand der Anarchie, wie es ihn nie zuvor gegeben hat. Wir müssen uns erheben, solange wir die Gelegenheit dazu haben, und die Herrschaft übernehmen! « » Das sind kühne Vorstellungen, Karle, aber nicht genug durchdacht «, beharrte Marcel. » Bedenkt doch: Wenn wir versprechen, Navarra gegen den Dauphin zu unterstützen, dann wird der ganze Adel sich untereinander bis aufs Blut bekämpfen, und wir werden bewaffnet teilnehmen! Sobald die Schlachten vorüber sind, werden wir immer noch bewaffnet sein, und die Zahl unserer Gegner wird abgenommen haben. Dann sind sie geschwächt, und wir können den tödlichen Schlag führen. « Denselben Plan hatte Kate geäußert – allerdings unter Vorbehalt. Und obwohl ihm der Gedanke mißfiel, Navarras Sache zu fördern, um seiner eigenen zu nützen, schien es ein vielversprechender Weg, damit auch die letztendliche Erhebung gegen Navarra vorzubereiten. » Ich muß zugeben, daß es so gelingen könnte. « » Dann sind wir ja einer Meinung! « rief Marcel erfreut. Er winkte der Dienerin Marie, die inzwischen überschwengliche Entschuldigungen von Karle und Kate wegen ihres groben Auftretens entgegengenommen hatte; jetzt stand sie zur Aufwartung bereit. » Laßt uns auf den Sieg des einen Edelmannes über den anderen trinken – auf daß sie einander abschlachten bis zum letzten Ritter und Frankreich uns Menschen überlassen! « Das Mädchen trat vor und füllte die Becher. Marcel brachte einen Trinkspruch aus: » Auf den Untergang der Aristokratie! « Karle stieß wacker mit Marcel an. » Und auf den Erfolg, daß wir am Ende auch Navarra fallen sehen – denn mein Kopf soll eher durch meine eigene Hand in den Staub rollen, als daß ich ihn König nenne! « Marcel erhob sich halb von seinem Stuhl und drohte Karle mit dem Finger. » Wir werden ihn benutzen, solange wir ihn brauchen, und Ihr seid ein Narr, wenn Ihr das nicht einseht! « Erneut gerieten sie sich in die Haare. Erst stimmten sie überein, dann widersprachen sie sich; mal beleidigten sie einander, um sich danach gegenseitig zu besänftigen. Und dabei tranken sie ohne Unterlaß. Wie überaus französisch, dachte Kate, während sie zusah, wie die beiden mit Worten und mit ihren Bechern aufeinander losgingen. Sie prosteten sich zu und verfluchten einander im selben Atemzug. Theorien der Revolte wurden hin und her geschoben wie glühende Kohlen. Schließlich konnte Kate nicht länger schweigen. » Meine Herren! « rief sie. » Ihr bekämpft einander auf derselben Seite der Frontlinie! Marcel hat recht, und Karle ebenfalls. Aber ich glaube, daß Karle vielleicht ein bißchen mehr recht hat. « » Seht Ihr? « lallte Karle. » Sogar eine Frau versteht das. « Aus halbgeschlossenen Augen musterte Marcel sie. » He? Was redet dieses Mädel für einen Unsinn? « » Dieses Mädel hat das Werk Navarras gesehen «, erhob Kate ihre Stimme. » Und wenn ich zu den Bauern gehörte, würde ich lieber dem Teufel schnurstracks in die Hölle folgen, als mich den Launen eines Charles von Navarra auszusetzen. « Marcel warf ihr einen neugierigen, doch etwas glasigen Blick zu. » Aber Ihr seid ein Bauernmädchen. Und ein hübsches dazu, finde ich. « Karle zwinkerte Kate zu und hob trunken seinen Becher. » Ein Prosit auf die Schönheit der jungen Bäuerin! « Kate wußte nicht, ob sie dankbar oder beleidigt sein sollte. Jedenfalls war sie rot vor Verlegenheit. Die Männer tranken ihr zu, und ihre Argumente wurden immer lauter und dümmer. Endlich, als Kate es nicht mehr ertragen konnte, warf sie die Hände in die Luft und gebot ihnen Einhalt. » Messieurs! « zischte sie. » Ihr seid nicht mehr Ihr selbst, nur der Wein spricht noch aus Euch. Und das klingt nach lauter Unsinn. « Marcel starrte sie benebelt an. » Schön und kühn «, meinte er. Dann wandte er sich an Karle und fragte: » Was habt Ihr noch gesagt, wo Ihr sie gefunden habt? « Karle streckte die Hand aus, packte Kate und zog sie an sich. Sie wehrte sich kurz gegen seine Umarmung, landete aber auf seinem Schoß. » Das ist kein Mädel « , sagte er mit einem gewissen Stolz , » sondern eine Hebamme. Und ihr eigener père hat sie in meine Obhut gegeben. « Kate erschrak. Würde Karle sie jetzt in seiner Trunkenheit verraten, nachdem er sie noch vor wenigen Augenblicken beschützt hatte? Aber Marcel brach in Gelächter aus. Seine Faust schlug auf den Tisch, und er lallte: » Mais oui, natürlich, aber der Wein hat meinen Blick verschleiert, und ich habe sie irrtümlich für das Ergebnis der Bemühungen einer Hebamme gehalten. Sie sieht eigentlich wie ein Kind aus: frisch und rosa und rundlich wie ein Hosenmatz, nicht wahr? « Kates Wangen brannten vor Scham und Empörung. Wie konnten diese Trunkenbolde ihre Fertigkeiten so leichthin abtun und von ihr reden, als wäre sie ein kleines Dummchen? Finster starrte sie die beiden an. Karle bemerkte es nicht, denn er begann zu schielen. Dann lachte Marcel und sagte: » Jetzt wird es Zeit, daß dieser betrunkene Narr sich auf sein Lager zurückzieht. « Er versuchte halbherzig, sich zu erheben, fiel aber wieder auf seinen Stuhl zurück. Langsam sank sein Kopf nach vorn, und er legte ihn auf den Arm. Seine Lider schlossen sich flatternd, und nach wenigen Sekunden schnarchte er selig. Die Magd räumte leise die Becher ab und kehrte mit zwei brennenden Kerzen zurück. Mißbilligend starrte sie die Trunkenbolde an und schüttelte angewidert den Kopf. » Folgt mir «, forderte sie Kate auf. » Nehmt Euren Monsieur mit. « » Er ist nicht mein Monsieur «, berichtigte Kate, während sie von seinem Schoß und aus seiner Umarmung schlüpfte. Mit ziemlicher Mühe brachte sie den schwankenden Karle auf die Beine. » Und im Augenblick ist er sowieso nur ein Mehlsack und genauso hilfreich. « » Ich bin niemandes Mehlsack «, beschwerte er sich weinerlich. » Und schon gar nicht meiner «, ergänzte Kate. Sie stützte ihn mit einer Schulter und versuchte, den Gerüchen seines ungewaschenen Körpers und des starken Rotweins auszuweichen. Marie führte sie eine schmale Treppe hinauf. Oben betraten sie eine winzige Kammer, in der unter dem Fenster ein Haufen Stroh aufgeschüttet war. In einer Ecke stand ein Nachttopf. Die Kammer bot kaum genug Platz für eine Person zum Stehen. Als das Mädchen Kates bestürzten Blick sah, sagte sie: » Etwas anderes gibt es nicht. Nur noch das Zimmer des Herrn. « Das dieser heute nacht vermutlich nicht benützen wird, wenn man ihn nicht hinträgt. Und dazu war das Mädchen zu klein. Also schläft in seinem großen Bett nur eine Dienerin, während ich mich neben diesen Saufaus quetschen muß. » Bitte helft mir, ihn hinzulegen «, bat sie, und zusammen gelang es den beiden jungen Frauen irgendwie, Guillaume Karles beeindruckende Gestalt der Länge nach auf das Stroh zu betten. Kate stieg über ihn hinweg und riß die Läden des kleinen Gucklochs auf. » Könnt Ihr mir eine Schüssel Wasser und ein Tuch bringen, bitte? Ich werde mich nicht neben diesen Hund legen, ohne ihn vorher zu säubern – sonst wache ich gewiß morgen mit Flöhen auf. « Marie kam ein paar Minuten später mit den gewünschten Gegenständen zurück. Dann knickste sie und ging rückwärts aus der Kammer, ein ironisches Lächeln auf den Lippen. » Bonne chance, Mademoiselle! « Allein mit ihrem recht ramponierten Helden, bemühte sich Kate, ihm seine Kleider auszuziehen. Sie hob seine Arme und Beine, zerrte und zog verbissen an jedem Stück. Kaum gelang es ihr mit den Stiefeln, denn das Leder war alt und hatte sich der Form seiner Beine angepaßt. Sie stand an einem Ende des Lagers und mühte sich ächzend, bis sie seine Füße befreit hatte, die nach der langen Reis e w und und voller Blasen sein mußten. Ihre eigenen waren das jedenfalls – aber ihre Schuhe saßen auch nicht so gut wie Karles . Seine Beinkleider mußten aufgeschnürt werden, und als sie die Schnüre aus den Löchern zog, versuchte Karle in seiner Trunkenheit, sich wegzurollen. Sie war also gezwungen, ihn mit einer Hand niederzuhalten, während die andere arbeitete. Sein Haar verfing sich in einigen Fasern seines Hemdes, als sie es ihm über den Kopf zog – es müßte dringend geflickt werden, wenn er es noch länger tragen wollte. Seine Sachen waren schmutzig und rochen ranzig, deswegen verstaute sie alles in einer Ecke unter dem Fenster. Er lag auf dem Stroh, nackt und hilflos – all die guten Dienste entgingen ihm, die ihm eine junge Frau leisten könnte … Sie betrachtete ihn im Schein der Kerze, bewunderte scheu seinen stattlichen Körper, und ihre Wangen röteten sich. Die Nacht schien plötzlich unerklärlich warm geworden, also tauchte sie die Finger in den Wasserkrug und spritzte sich ein paar Tropfen auf die Stirn, um sich abzukühlen. Doch das bewirkte wenig. Wenn Père sie jetzt sehen könnte … was würde er sagen? Sie fragte sich, ob Alejandro sie schelten würde, weil sie diesen armen Mann zuerst nackt ausgezogen und dann seine Blöße auch noch betrachtet hatte. Er würde verstehen, daß sie ihm etwas Gutes tun wollte, besonders im Hinblick auf Reinlichkeit, denn Père legte großen Wert darauf … Mondschein fiel in die Kammer, also blies sie die Kerze aus und stellte sie beiseite, gewährte Karle ein wenig Diskretion. Sie goß Wasser in die Schüssel, tauchte das Tuch hinein, wrang das überschüssige Naß aus und begann langsam, den Schmutz abzuwaschen, der sich auf dem feuchten Körper des Mannes angesammelt hatte. Er stöhnte in seinem trunkenen Taumel, und sie dachte einen Augenblick, das Gefühl des nassen Tuchs störte ihn. Doch im Mondlicht sah sie, daß seine Augen zwar geschlossen waren, sein Mund aber in einem fast einladenden Lächeln offenstand. Das kühle Wasser ist ihm doch angenehm auf der Haut, nahm sie nun an und freute sich auf die eigene Säuberung, sobald sie mit ihm fertig war. Sie spülte das Tuch in der Schüssel aus und begann von neuem, ihn zu reinigen, doch als sie an seinen Rippen entlang nach unten fuhr, weckte eine leise Bewegung ihre Aufmerksamkeit. Bon Dieu, dachte sie, das ist also gemeint, wenn die Leute darüber reden, daß … Sie setzte sich auf ihre Fersen un d starrte in ehrfürchtiger Bewunderung Guillaume Karles Gemächte an. Ihre brennende Neugier machte sich durch Wärme in einem Teil von ihr bemerkbar, der sich nie zuvor gemeldet hatte. Sie betrachtete sein Gesicht; er war ohne jedes Bewußtsein, vollkommen weggesackt. Langsam streckte sie die Hand aus und berührte mit leicht zitternden Fingern seinen intimen Körperteil. Einen Augenblick ließ sie ihre Finger dort ruhen, doch da bewegte sich dieser Teil von ihm abermals. Sie schnappte nach Luft, zog rasch ihre Hand weg und drückte sie an ihre Brust. Doch sie spürte seine Haut noch an den Fingerspitzen, und so hielt sie die Hand hoch, um sie im Mondlicht zu mustern. Sie sah aus wie immer, und entschieden war es ihre eigene, vertraute Hand. Trotzdem fühlte sie sich irgendwie verändert an. Leicht durcheinander spülte sie das schmutzige Tuch aus, so gut es ging, und schüttete dann das gebrauchte Wasser aus dem Fenster. Sie füllte die Schüssel mit frischem Wasser aus dem Krug wieder auf, zog sich dann selber aus und wusch sich. Dabei schaute sie sich hin und wieder über die Schulter nach ihrem sägenden gentilhomme um. Danach zog sie ihr Hemd wieder an und legte sich nieder. Als das Stroh unter ihr raschelte, streckte Guillaume Karle eine Hand aus, als sei das die natürlichste Sache der Welt, und legte sie auf ihren Arm. Er öffnete die Augen nur einen Spalt. » Träume ich «, murmelte er benommen, » oder haben Eure Hände mich eben berührt? « S ie zögerte einen Augenblick und sagte dann: » Ihr habt gestunken, deshalb mußte ich Euch waschen. Sie haben uns nur dieses eine Bett gegeben. « Er schien verwirrt und runzelte die Stirn. Die Hand, die er auf ihren Arm gelegt hatte, war warm und die Berührung zart. Ganz gegen ihren Willen spürte Kate, wie sie ihm gewogener wurde. Doch das unterdrückte sie und äußerte eine deutliche Warnung: » Wir haben keine Wahl, als das Lager zu teilen. Ich vertraue auf Euren Anstand. Solltet Ihr dagegen verstoßen, werde ich gezwungen sein, das restliche Wasser über Euch zu gießen. « » Aber ich «, lallte er, » ich hätte schwören können … « Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. » Ihr seid betrunken, Karle «, flüsterte sie. » Gebt jetzt Ruhe. « Er schloß die Augen, und schon näherte sich ihm wieder der Schlummer. » Aha … ja … Ihr habt recht. « Seine Worte waren so verschwommen, daß sie sie kaum verstehen konnte. » Das … kommt … vom … Wein … « Doch die letzten paar Worte, die er seufzend ausstieß, ehe er wieder einschlief, waren nicht mißzuverstehen. » Aber … Ihr … seid … schön. « A lejandro rülpste, was sein Unbehagen etwas linderte, und fragte sich schuldbewußt einen Augenblick lang, ob Kate irgendwo auf den Straßen von Paris hungerte, während er sich selbst in diesem Palast fast bis zum Platzen vollstopfte. Wo ist sie jetzt? Sorgt dieser Gauner Karle für ihr Wohlergehen? Er fragte sich auch, ob de Chauliac vielleicht eine gewisse Verlegenheit wegen seiner reichen Tafel empfand, während so viele französische Bauern auf dem Lande verhungerten; aber Schuldgefühle lagen wohl kaum in der Natur dieses Mannes. Komplimente wird er jedoch haben wollen. » Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft «, sagte er, und die Worte schmeckten bitter auf seiner Zunge. » Seit meiner Zeit an Edwards Hof habe ich so ein Mahl nicht mehr genossen. « » Ich fühle mich sehr geschmeichelt, Arzt, denn Edward ist ein berühmter Gastgeber. « Dann zog er eine Augenbraue hoch: » Aber Ihr hättet Euch doch gewiß leisten können, angenehm zu leben. « Da Ihr jetzt im Besitz meiner Reichtümer seid, kann ich es vielleicht nie mehr, Ihr dafür aber ganz bestimmt. » Es war keine Frage der Kosten «, erklärte der Jude. » Ich wollte nicht durch prahlerisches Benehmen Aufmerksamkeit erregen. « » Gut zu essen kann wohl kaum als prahlerisch betrachtet werden. Vergeßt nicht, daß Ihr in Frankreich seid. Hier ißt jeder so erlesen wie möglich. Einige natürlich besser als andere! « Alejandro fragte sich, ob de Chauliac irgendeine Vorstellung von der Hungersnot in den Provinzen Frankreichs hatte. Zorn auf diesen gewissenlosen Privilegierten stieg in ihm auf – aber durch irgendein Wunder gelang es seinem Willen, ihn zu unterdrücken. Äußerlich blieb er ruhig, obwohl in seinem Inneren Aufruhr un d N öte tobten. Er konnte an nichts anderes denken als an Flucht und ein Wiedersehen mit Kate. Auch wenn er dabei seines Goldes verlustig ginge, sollte es eben so sein. Dennoch würde er überleben. Doch was war mit Abrahams Buch? De Chauliac wußte dessen Wert bestimmt zu schätzen und behandelte es entsprechend ehrfürchtig, doch im Besitz des Franzosen würde seine kritische Botschaft die, an die sie gerichtet war, nicht erreichen. Vielleicht gibt er es zurück … Nein, es wäre lächerlich, darum zu bitten. De Chauliac würde niemals einwilligen. Doch er kann seine Geheimnisse ohne Hilfe eines Juden nicht entschlüsseln. Und ich bin der einzige Jude, den er hat. Wieder argumentierte er mit sich selbst, und das in Gesellschaft eines anderen menschlichen Wesens – auf diese Weise kam er natürlich nicht weit … » Die Handschrift, die ich mitbrachte … «, begann er, umständlich. » Ach ja «, sagte de Chauliac. Erwartungsvoll lehnte er sich zurück und wartete darauf, daß Alejandro fortfuhr. » Sie ist für mich von einigem Wert. « » Ein schönes Buch, das will ich zugeben. « De Chauliac setzte eine neugierige Miene auf. » Aber es scheint nicht wertvoller zu sein als irgendein anderes. Worin liegt seine Bedeutung? « Wieder spielte de Chauliac mit ihm: Es war schon genügend Text übersetzt, um ihm die Natur seiner Geheimnisse zu enthüllen. Aber er will es mich sagen hören. » Es enthält Botschaften der Weisheit für mein Volk. « » Botschaften von Eurem Gott? « » Nein. « De Chauliacs Fragen bekamen plötzlich den Ton eines Verhörs. » Von wem dann? « Alejandro schwieg. » Von wem, frage ich noch einmal. « » Das weiß ich nicht! « Der Gefangene schrie beinahe. » Es steht nur der Name Abraham darin und daß er ein Priester und Levite gewesen sei. « » Auf diesen Seiten befinden sich alchimistische Symbole, Kollege. Ist dieser Abraham jemand, der diese Kunst praktiziert? « » Ich habe noch nicht genug von dem Text entziffert, um das beantworten zu können. « De Chauliac schwieg eine Weile und dachte nach. Alejandro beobachtete, daß der elegante Franzose reglos auf seinem geschnitzten Stuhl saß, gedankenverloren in die Ferne schaute und die Anwesenheit seines › Gastes ‹ scheinbar vergessen hatte. Dann erhob sich der Ältere von seinem Stuhl und fing an, den Raum zu durchmessen. Er schwieg immer noch, offenbar mit sich selbst beschäftigt. Endlich schaute er in Alejandros Richtung und sagte: » Morgen werde ich ein paar Gäste zum Diner einladen. Darunter wird auch ein Mann sein, der mit dem Handwerk der Alchimie vertraut ist. « Alejandro warf de Chauliac einen frostigen Blick zu. Morgen? dachte er. Nein, nicht morgen, denn morgen werde ich fort sein, selbst wenn es mich ein gebrochenes Bein kostet. » Wie Ihr wünscht «, sagte er mit einem feierlichen Nicken. » Ich freue mich darauf. « N achdem ihn in dieser Nacht zwei andere Wachen in seine Kammer zurückgeführt hatten, sah Alejandro erschrocken, daß nun ein Holzgitter das Fenster versperrte. Die Arbeit war hastig und nicht allzu sorgfältig ausgeführt, und der Zimmermann hatte etliche Holzreste auf dem Boden liegen lassen. Alejandro nahm eines der Stücke auf und drehte es einen Moment zwischen den Fingern. Also will er mich hier festhalten, dachte er bei sich, während er mit dem Daumen über das Holz strich. Zumindest werde ich keiner anderen Autorität übergeben. Dann lachte er laut und bitter auf. Gegenwärtig gibt es keine anderen Autoritäten. Er versuchte hinauszuschauen, aber sein Kopf paßte nicht zwischen die Gitterstäbe. Wenigstens das hätte er mir lassen können, dachte er unglücklich. Den Blick auf den Fluß. Etwas, worauf ich hoffen könnte. KAPITEL 12 V ögel. Sonnenlicht, das durch die Jalousien fiel. Der Geruch von Kaffee. Tom muß die Kaffeemaschine programmiert haben, ehe er gestern ging, ging es Janie durch den Kopf. Sie war ungeheuer dankbar und überraschte sich selbst mit dem Gedanken: Zu schade, daß er nicht hier ist, um wieder das Frühstück zu machen. Doch dann wurde sie auf das wunderbare Aroma von Pfannkuchen aufmerksam. Er ist doch geblieben, dachte sie jetzt. Die Vorstellung war ihr unerwartet angenehm. Vielleicht hatte er auf der Couch geschlafen. Sie zog einen Morgenrock über ihr Nachthemd, verknotete locker den Gürtel und folgte den Düften in die Küche. Auf der Arbeitsplatte prangte ein Teller mit Pfannkuchen. Butter rann an dem goldenen Stapel herunter. Daneben stand ein Becher Kaffee mit einer Untertasse darauf. Und daneben lag der Zettel. Bruce hat angerufen – Ich liebe dich. Sie hörte Geräusche aus dem Wohnzimmer und wandte sich in diese Richtung. » Tom? « rief sie. Keine Antwort. Den Zettel noch in der Hand, ging sie auf den großen Raum mit der hohen Decke zu und erwartete ein herzliches Guten Morgen. Aber es war nicht Tom, ihr vertrauter Freund und Anwalt. Da betätigte sich eine völlig Fremde, eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, die Janie noch nie gesehen zu haben glaubte, schon gar nicht in ihrem eigenen Haus. Das Mädchen summte vor sich hin, während sie sich bückte und wieder aufrichtete, und die Spuren des Diebstahls vom Vortag wegräumte. Sie war langgliedrig und ziemlich knochig. Das dunkelblonde, kräftig gelockte Haar wurde von einem Stirnband zurückgehalten, und sie trug eine Schürze. Si e w irkte gutwillig und geschäftig: wie eine Haushälterin oder ein Dienstmädchen, das in seine Aufgabe vertieft war. Trotzdem handelte es sich um einen Eindringling. Janie zog scharf die Luft ein und fluchte. Den Zettel noch immer umklammernd, rannte sie in die Küche zurück und suchte nach einer Waffe. Die junge Frau ließ fallen, was sie aufgehoben hatte, und rannte ihr nach. » Warten Sie … «, bettelte sie. Als die Fremde in die Küche kam, wurde sie von einem blanken, glänzenden Tranchiermesser begrüßt, das Janie fest in der erhobenen Rechten hielt. » Raus « , zischte Janie. » Nein, warten Sie. Es ist nicht, was Sie denken … « » Haben Sie letztes Mal nicht genug mitgenommen? « Janie schwang das Messer. » Nein, Dr. Crowe, warten Sie einen Moment – ich bin kein Dieb, ich will nur … « Janie vollführte in der Luft eine kleine Stoßbewegung mit dem Messer, diesmal bedrohlicher. Die junge Frau wich zurück. » Wer sind Sie? « Eine nervöse Pause folgte. » Einmal habe ich das Sie gefragt … « » Nein, haben Sie nicht. Ich bin Ihnen noch nie begegnet. « » Nicht persönlich – bitte, jetzt legen Sie doch das Messer weg. « » Verdammt noch mal, nicht bevor Sie mir erklären, was Sie hier wollen. « Ihre Stimme zitterte vor Angst, aber sie gab nicht nach. » Falls Sie Glück haben, werde ich beschließen, es nicht zu benutzen. « Das Mädchen wich noch etwas weiter zurück und hob schützend eine Hand. » Haben Sie keine Angst «, sagte sie leise. » Was? « bellte Janie. » Ich sagte: Haben Sie keine Angst. « Die E-mail. Das mußte die Person sein, die ihr die E-mail geschickt hatte. » Nicht zu fassen! « Janie und die junge Frau maßen einander. Dann senkte Janie langsam das Messer und legte es auf die Arbeitsplatte. Sie behielt aber eine Hand an seinem Griff und warf der jungen Fremden einen Blick zu, der unausgesprochen hieß: Machen Sie keine Dummheiten. Endlich wagte das Mädchen erleichtert auszuatmen. Sie zeigt e i hre leeren Hände und beteuerte: » Ich bin unbewaffnet. Nicht mal eine Nagelfeile. « Was immer noch nicht ihre Anwesenheit erklärte. » Reden Sie schon! « forderte Janie sie auf. » Ja, gleich «, sagte das Mädchen. » Bloß вЂ“ entspannen Sie sich. Mein Name ist Kristina Warger. « Zögernd trat sie vor und streckte die Hand aus. » Ich habe mich darauf gefreut, Sie kennenzulernen. « Janie war noch nicht bereit, dieser Unbekannten die Hand zu reichen. Sie wich einen Schritt zurück und zog ihren Morgenrock enger um sich. Warger. Sehr schlau. » Wargirl «, korrigierte sie. Kristina lächelte sanft. » Das bin ich. « » Was treiben Sie in meiner Küche? « Als sei sie von Janies Frage überrascht, wies Kristina unschuldig auf den Teller und den Becher: » Ich habe Ihnen Frühstück gemacht. Ich dachte, Sie würden hungrig sein. « Dann wies sie mit dem Kopf auf das Wohnzimmer. » Und ich dachte, ich könnte ein bißchen aufräumen. Ich wollte Sie gerade wecken, weil ich bei manchen Sachen nicht weiß, wohin sie gehören, und die Pfannkuchen wären … « » Hören Sie auf. Hören Sie bloß auf! « Vor ihrem inneren Auge sah Janie, wie sie aufwachte und diese Fremde vor ihr stand. Es war kein Trost, daß Kristina Warger so – jung wirkte. » Ich muß wissen, wie Sie hier hereingekommen sind! « » Ich hab ’ s an der Tür versucht. Sie war nicht abgeschlossen. « Nicht abgeschlossen ? dachte Janie. Das war unmöglich. Tom war zu vorsichtig, um sie unverschlossen zu lassen. Sie wartete einen Moment. Dann kniff sie argwöhnisch die Augen zusammen. » Hat Tom Sie geschickt? « fragte sie. » Welcher Tom? « S ie war mit einem Bärenhunger aufgewacht, doch jetzt war Janie von den Ereignissen des Morgens so überrumpelt, daß sie die Pfannkuchen kaum herunterbekam, obwohl sie köstlich schmeckten. Toms Nachricht mit ihrer verführerischen Doppeldeutigkeit trat in den Hintergrund bei dem Frage-und-Antwort-Spiel, das nun mit Kristina Warger ablief. » Camp Meir «, eröffnete Kristina ihr schließlich. » Deswegen bi n i ch hier. Sie sind bei Ihren Ermittlungen auf einen Nerv gestoßen. Das erforderte eine – Reaktion. « » Aber – hat jemand Sie geschickt, oder kommen Sie aus eigenem Antrieb? « » Oh, ich wurde geschickt. « Sie trank von ihrem Kaffee und lächelte dann. » Von wem? « » Wollen Sie das wirklich wissen? « » Natürlich! « » Also, es tut mir leid – ich kann im Moment noch nicht sagen, wer mein Chef ist. Zuerst muß ich ein paar Dinge in Erfahrung bringen. Von Ihnen. « Janie starrte ihre anmaßende Besucherin wütend an. Verdammt gewagt, dachte sie. Aber Betsy hatte einen ähnlichen Charakter besessen. » Wenn Sie von meinen Ermittlungen in dem Lager wissen, dann müssen Sie mich schon seit einer geraumen Weile beobachten. « » Eigentlich nicht. Im Grunde haben Sie uns gefunden. Sie haben einen Köder aus dem Internet geschluckt. Dem sind wir bloß gefolgt. « » Ich bin sicher, daß sich eine Menge Leute diese Website anschauen. « » Sie sind die einzige, die kein Kind hat. « Janie brauchte einen Augenblick, bis sie den Stich verarbeitet hatte, den diese Bemerkung ihr versetzte. Dann sagte sie: » Ach, kommen Sie schon – bestimmt sind auch andere, nicht unmittelbar betroffene Leute darüber gestolpert. « » Ja, sind sie, haben sich ein bißchen umgesehen und sich dann wieder verabschiedet. Aber Sie haben sich eine ganze Weile damit befaßt – ja, sogar eine Seite ausgedruckt. « Janie spürte, wie ihr Blutdruck stieg. » Also verfolgen Sie intensiv meine Computeraktivitäten – schätzungsweise wissen Sie bereits allerhand über mich. « » Einiges. Was man eben auf diesem Wege erfahren kann. Computer haben ihre Grenzen, wissen Sie. Mich interessiert noch immer, wie Sie CampMeir überhaupt entdeckt haben. « » Entdeckt? Ich habe es nicht entdeckt. Jemand hat mir davon erzählt. Ich habe mich nur dafür interessiert, weil ich für einen Jungen arbeite, der da mal gewesen ist. « Auf Kristinas Gesicht erschien so etwas wie eine Erkenntnis, und vorübergehend erwartete Janie, sie den Namen Abraham Prives aussprechen zu hören. Aber sie wurde enttäuscht. Kristina sagte nur: » Sie haben die Seite von dem Jungen im Rollstuhl ausgedruckt. Wir wissen aus Ihrer Zusammenfassung … « » Moment – Sie sagen dauernd › wir ‹. Wer ist wir? « Kristina Warger war offenbar nicht gewohnt, unterbrochen zu werden, und es schien ihr nicht zu gefallen. » Gleich «, reagierte sie leicht gereizt. » Ich möchte nicht den Faden verlieren. Wie ich schon sagte, wir wissen aus Ihrer Zusammenfassung und anderen Arbeiten von Ihnen, die wir bekommen haben, daß Sie eine sehr intelligente Frau sind. Außerdem sind Sie eine gründliche Wissenschaftlerin, die scharf beobachtet. Ihre Arbeit in der Neurochirurgie war brillant. Übrigens finden wir alle, daß das Problem mit Ihrer Wiederzulassung eine Schande ist. « Janies Blick wurde ungläubig, als die junge Frau mit ihren detaillierten Erläuterungen fortfuhr. » Und Ihre Studien über die verschiedenen Bodenschichten in London – also Respekt, die ragten ebenfalls heraus. Sehr eindrucksvoll! « » Ich habe diese Arbeit doch noch gar nicht veröffentlicht. « Einen Moment lang schien Kristina nicht zu wissen, wie es jetzt weitergehen sollte. » Nun, wie auch immer, ich habe sie gelesen. Ich wußte nicht, daß sie noch nicht veröffentlicht ist. « » Sie befindet sich auf der Festplatte meines Computers. Dessen, der gestohlen wurde. Und in meinem Computer im Büro. Mein Anwalt hat auch eine Kopie. « » Nun, es ist unwichtig, wie … « » O nein, das ist durchaus nicht unwichtig. Für mich jedenfalls nicht! « Kristina lächelte gezwungen und fuhr fort, augenscheinlich unbeeindruckt von Janies ständigem Nachhaken. » Es spielt keine Rolle, wie wir auf die Qualität Ihrer Arbeit kamen. Aber wir kennen sie. Deshalb vermuteten wir natürlich, als Sie im Internet Camp Meir angeklickt haben, daß Sie bei der Summe von zwei und zwei dreiundfünfzig herausbekommen haben. Oder irgendeine andere größere Zahl. « » So könnte man es umschreiben. « Janie musterte die junge Frau, die sie vor sich hatte, lange un d e ingehend. Unwillkürlich dachte sie für einen Augenblick, daß ihre eigene Tochter Betsy in etwa einem Monat zwanzig geworden wäre, wenn sie nicht an MR Sam gestorben wäre. Die hier ist nicht viel älter. Janie schloß einen Moment die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie Betsy am Küchentisch einer Fremden saß, nachdem sie sich ohne jegliche Einladung häuslich niedergelassen hatte; es fiel ihr nicht leicht. Betsy war ein lebhaftes Kind gewesen, aber sie hatte nie die Chance gehabt, ihre eigenen Kräfte zu entdecken. Und so was hätte sie bestimmt nie fertiggebracht! Woher nahm diese junge Frau, die kaum älter war, bloß ihre Kühnheit? Einige Leute waren dadurch, daß sie die Ausbrüche überlebt hatten, hart geworden, sogar rücksichtslos – in manchen Gruppen jugendlicher Überlebender von MR Sam hatten sich merkwürdige Sekten gebildet. Aber war dieses Mädchen hart? Nein. Wagemutig, ja, vielleicht auch zäh. Aber Härte sah Janie nicht. Sie glaubte sogar etwas wie Verletzlichkeit wahrzunehmen – den Wunsch, zu gefallen. » So, und jetzt erklären Sie mir endlich dieses Wir. « Für einen Augenblick wirkte Kristina Warger verwirrt. » Eh, wir …? « wiederholte sie. » Genau! Sie sagten eben, wir wissen dies, wir wissen das, wir vermuten jenes. Ich fragte Sie, wer wir ist. « » Eh … « » Erinnern Sie sich nicht? « Janie sah, wie Kristinas Blicke rasch hin und her flogen, während sie ihr Gedächtnis durchforstete. Es sah so aus, als sei das Mädchen während Janies kurzem Schweigen mit den Gedanken anderswo gewesen. Dann leuchtete ihr Gesicht auf. » Oh! Ja. Wir. « Jetzt war sie wieder bei der Sache und holte Luft, als bereite sie sich auf eine Rede vor. Doch ihre Erklärung war so kurz und mechanisch, daß ihre aufmerksame Zuhörerin den Eindruck gewann, sie sei sorgfältig formuliert und dann auswendig gelernt worden. » Wir sind eine Organisation von Freiwilligen, zu der sich besorgte Bürger zusammengeschlossen haben, und untersuchen Krankheitsfälle, von denen wir denken, daß es sich dabei um illegale genetische Manipulation handeln könnte. « Ganz einfach, dachte Janie. » Eine Regierungsorganisation? « Diese Frage schien Kristina fast zu beleidigen. » O nein «, wehrte sie ab. » Privat. Vollkommen unabhängig. Freiwillige, wie ich schon sagte. « » Wie finanzieren Sie sich? « Das Mädchen wartete einen Moment, ehe sie antwortete, als sortiere sie die Auskünfte. Auf diese spezielle Frage schien es keine vorgefertigte Antwort zu geben. » Wir haben so unsere Mittel «, sagte sie schließlich zögernd. » Aber das sollte Ihnen egal sein, zumindest für den Augenblick. « » Es ist mir aber nicht egal, ob Sie das nun meinen oder nicht – genausowenig wie die Tatsache, daß Sie meine Londoner Arbeit gelesen haben. Und noch dringender möchte ich erfahren, warum Sie überhaupt hier sind. Sicher nicht, um mir zu meinem wissenschaftlichen Scharfsinn zu gratulieren. Und daß jemand von Camp Meir Sie geschickt hat, glaube ich nicht. « » Nein, so ist es auch nicht. « » Dann muß es etwas geben, daß Sie von mir wollen. « » O ja, das stimmt. « » Und was wäre das? « » Wir möchten, daß Sie etwas für uns tun. « Welche Überraschung. » Was? « » Eine kleine Ermittlung. « » Ich bin kein Privatdetektiv – aber es gibt da draußen eine Menge von ihnen. Warum wenden Sie sich nicht an so jemanden? « » Weil wir keinem von denen trauen. « » Und mir trauen Sie? « » Ja. Sie sind uns – empfohlen worden. « » Wenn Sie diese Frage gestatten – von wem? « » Es wäre im Augenblick nicht gut, wenn ich Ihnen das verriete. « Sie spielte mit einem jungen Mädchen Katz und Maus. Konnte es etwas Lächerlicheres geben? » Um Himmels willen, das ist … « Kristina setzte zu einer so lauten Erklärung an, daß sie Janie übertönte. » Wir haben in unserer eigenen Datenbank ein paar Leute als mögliche Opfer genetischer Manipulation gespeichert. « Da Janie verstummt war, senkte Kristina die Stimme. » Sie sind auf einige davon gestoßen. Und Sie besitzen die nötigen Kenntnisse, um uns zu helfen, die Vorgänge aufzuklären. « » Aber ich bin kein Genetiker. « » Das ist schon in Ordnung. Sie wissen eine Menge über Genetik. Und wir haben Leute, die Ihnen helfen können, die Informationen auszuwerten, die Sie im Inneren von … « » › Im Inneren von ‹ soll wohl heißen: von Big Dattie. « Kristina nickte. Jetzt zog sie ein zusammengefaltetes Stück Papier aus einer ihrer Taschen. Methodisch faltete sie es auseinander und schaute auf das, was da geschrieben stand, ehe sie fortfuhr. » Abraham Prives «, fuhr sie fort. » Da war Ihr Instinkt goldrichtig. Deshalb fanden wir, es sei eine gute Idee, uns mit Ihnen zu befassen. Und als wir genauer hinschauten, hat uns gefallen, was wir sahen. « Janie streckte den Arm in Richtung Wohnzimmer aus. » Sie hätten etwas sanfter vorgehen können. « » Inwiefern waren wir unsanft? « » Letzte Nacht – der Einbruch! « Kristinas Gesichtsausdruck wurde tief ernst. » Das waren wir nicht. Deswegen bin ich heute morgen hier. Wir hielten es nicht für klug, noch länger zu warten. « Z uerst wollte Janie nicht glauben, daß Kristina und ihre Gruppe nichts mit dem Einbruch zu tun hatten – aber das Mädchen beharrte darauf. Und trotz ihres anfänglichen Schocks und Zorns stellte Janie fest, daß die Sache begann, sie fast gegen ihren Willen und gewiß gegen jede Vernunft zu fesseln. » Wer könnte es dann gewesen sein? « » Das wissen wir eben nicht, und genau das möchten wir herausfinden. Es kann einfach kein Zufall sein, daß Sie etwas untersuchen und dann der Computer, den Sie dazu benutzt haben, als einziger Gegenstand aus Ihrem Haus gestohlen wird «, erläuterte Kristina. Sie beugte sich vor und sah Janie mit intensiver Konzentration in die Augen. Es wirkte fast wie eine Herausforderung. Ja, es war eine! » Wir wissen, Sie besitzen ausreichend Kenntnisse, Motivation und Hartnäckigkeit «, fuhr Kristina fort, » herauszufinden, wer versucht, Camp Meir zu decken, und warum. Aber ich muß Sie warnen – es könnte gefährlich sein. Wenn Sie beschließen, uns zu helfen, was wir hoffen, dann sollten Sie sozusagen Ihr Haus bestellen. « Das schien ein wenig extrem. » Wird jemand versuchen, mir Schaden zuzufügen? « fragte Janie. » Wahrscheinlich nicht physisch. Aber Sie sollten Festplattenkopien von allem machen und Ihre wertvollsten Besitztümer an einen sicheren Ort bringen. Nur für alle Fälle. « » Wann muß ich Ihnen Bescheid geben? « » So bald wie möglich. « » Wie kann ich Sie erreichen? « » Wir melden uns bei Ihnen. « Und mit diesem Versprechen ging Kristina. Sie stieg in ein ungewöhnlich kleines Auto, das sie in der Einfahrt geparkt hatte, und fuhr davon. Von der Küchentür aus beobachtete Janie, wie sich der Wagen entfernte, und fragte sich, wohin Kristina fahren mochte. Dann setzte sie sich hin, um ihre Gedanken zu ordnen. Die Nachricht von Bruce, aufgeschrieben von Tom, war noch da. Sie nahm den Zettel und starrte ihn an, in der Hoffnung, er werde das Wort ergreifen. Aber er blieb stoisch stumm und verwirrend. Es war nicht die übliche Zeit für seine Anrufe, aber sie brauchte dringend seelischen Beistand. Sie war erleichtert, Bruce noch in seinem Büro in London zu erreichen. » Du wirst nicht glauben, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist. « Bruce hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, und sie lieferte ihm einen ausführlichen Bericht. Aus der Aufregung in ihrer Stimme ging deutlich hervor, daß auch er die Angelegenheit spannend finden sollte. Aber seine Reaktion war alles andere als ermutigend. » Ich weiß, das wirst du nicht gern hören «, sagte er ruhig, » aber mir gefällt das alles nicht. Zweimal in zwei Tagen hattest du Fremde im Haus. Jemand › interessiert ‹ sich für dich. Janie – ich mache mir Sorgen. Das alles ist ziemlich bizarr, und du übst besser ein wenig Zurückhaltung. Es hört sich an, als wärst du bereit, kopfüber hineinzuspringen. Vielleicht solltest du das lieber lassen – und dir statt dessen ein Visum irgendwohin besorgen, um zu verschwinden. Kündige deinen Job und fahr weg – irgendwohin! « » Bruce, was redest du da? Ich kann doch nicht einfach abhauen – ich meine, meinen Job würde ich liebend gern kündigen, aber der Rest meines Lebens … ist auch an diese Stadt gebunden. « » Inwiefern? « » Weil – weil ich eine Verantwortung übernommen habe, darum. « » Was könnte so wichtig sein, daß du dich in Gefahr bringst? « Die Würde, etwas Sinnvolles zu tun, schoß es ihr durch den Kopf. Das Adrenalin, das damit verbunden ist, es zu tun. Abraham Prives. Und vielleicht noch eine Menge anderer Jungen. Aber sie sprach nichts davon laut aus. » Erstens mal weiß ich gar nicht, ob ich wirklich in Gefahr bin. « » Ein Mann ist tot, und in dein Haus wurde eingebrochen. Eine reizende Fremde taucht auf – die zufällig im gleichen Alter ist wie dein verstorbenes Kind, was dir natürlich ans Herz geht – und versucht, dich zu etwas zu überreden, das nach Illegalität riecht. Das ist gefährlich. « » Ich komme schon zurecht und passe auf mich … « » Was wird aus uns? Wenn du in Schwierigkeiten gerätst, Probleme bekommst, dann geht uns das beide etwas an. Vielleicht schaffen wir es auf diese Weise nie, Zusammensein zu können … ist es das, was du willst? « Sie wußte, ihr Streben nach einem gemeinsamen Leben mit Bruce war eine feste Größe, etwas, das sie seit langem verfolgte. Wie kam er auf die Idee, er sei ihr nicht wichtig? Es verletzte sie, daß er dem Gespräch so eine Wendung gab. » Nein, natürlich nicht «, sagte sie nach einer Pause. » Aber was ist mit meiner Verantwortung mir selbst gegenüber? Ich glaube, ich möchte bei dieser Studie mitmachen. Es könnte … bedeutungsvoll werden. « » Ich weiß. Du haßt deinen Job – verständlich! Aber du weißt, daß es nur eine Zwischenlösung ist, bis sich die Dinge wieder normalisieren. « » Was in näherer Zukunft nicht sehr wahrscheinlich ist. « » Janie, bitte, laß die Finger davon. « » Bruce – bitte verlang nicht von mir, daß ich es nicht tue. Das würde mir gegen den Strich gehen – was bereits der Fall ist. « Sie hörte ihn seufzen. Gut, daß sie ihn nicht sehen konnte … » Hat Tom dir die Nachricht übermittelt, die ich hinterlassen habe? « » Ja, hat er. « » Nun, es ist mein Ernst. Ich liebe dich und will nur das Beste für uns beide! « Nachdem sie aufgelegt hatte, zerknüllte Janie den Zettel und warf ihn in den Abfalleimer. Es war Zeit, einige Dinge zu regeln. I hr erster Anruf galt dem Hebrew Book Depository. Myra Ross war nur zu glücklich, von ihr zu hören. » Ich werde mir Zeit freihalten «, versprach die Kuratorin. » Rufen Sie mich an, sobald Sie das Journal wiederhaben. « Dann fügte sie aufgeregt hinzu: » Das ist wundervoll. Einfach wundervoll. Ich freue mich darauf, Sie zu sehen. « Janie verbrauchte kostbares Benzin auf dem Weg zu Toms Kanzlei, nachdem sie sich telefonisch vergewissert hatte, daß er da sein würde. Sie hatte einen Beutel mit persönlichen Dingen dabei, hauptsächlich aus ihrer Schmuckschatulle: den Verlobungsring von ihrem verstorbenen Mann, einige nicht sehr teure, aber ihr am Herzen liegende Schmuckstücke aus dem Nachlaß ihrer Mutter, die ihrerseits dem MR Sam zum Opfer gefallen war. Das Tafelsilber ihrer Großmutter. Einen kleinen Papierumschlag mit einem von Betsys Milchzähnen und einer Locke ihres goldenen Haars. Eine weitere Diskette, diesmal mit digitalen Kopien ihrer gesamten Fotoalben und Heimvideos, eine Chronik ihres Lebens – bevor alles zerbrach. » Ich werde einen größeren Safe brauchen, wenn du mir weiter Sachen bringst «, schätzte Tom, als sie ankam. » Vielleicht solltest du einfach hier einziehen. « » He, wenn ich die Chance hätte, in den Safe zu passen, würde ich es in Erwägung ziehen. Hör mal, Tom, ist mein Testament auf dem neuesten Stand? « » Natürlich. Wir haben es vor drei Monaten gemacht. « » Ach ja, richtig, ich hatte es vergessen. « Toms Miene zeigte Besorgnis. » Na ja, du hast in letzter Zeit allerhand, woran du denken mußt; aber normalerweise bist du nicht vergeßlich, besonders nicht bei solchen Sachen, und deswegen wundere ich mich … « Sein Kommentar erinnerte sie an Kristina Warger und ihre zeitweilige geistige Abwesenheit. Vielleicht war etwas dran? » Und du hast Kopien meiner Versicherungspolicen? « Seine Verdüsterung nahm zu. » Ist da etwas, das ich wissen sollte, du mir aber nicht sagst? Gestern hast du gemeint, du müßtest über einige Dinge mit mir reden. Ich habe im Augenblick Zeit. « Sie sah ihn kurz an und fragte sich, ob sie ihm von ihrer morgendlichen Begegnung erzählen sollte. Sie hatte ihm immer alles anvertraut, warum das nicht auch? » Nein «, sagte sie schließlich, obwohl es sie irgendwie traurig machte, das Wort auszusprechen. » Es hat sich als unwichtig herausgestellt. Ich war einfach erschöpft. Meine Phantasie geht manchmal mit mir durch. «, Sie lächelte. » Du weißt das. Es ist bloß, weil ich neulich nachts Angst bekommen habe. Ich will die Dinge nicht verlieren, die mir wichtig sind. Manchmal denke ich, daß sie alles sind, was ich mal habe, im Alter. Falls ich älter werde. « » Bist du nicht ein bißchen überängstlich? « » Nein «, sagte sie entschieden. » Das glaube ich nicht. « J anie ließ ihren Wagen in der Nähe von Toms Kanzlei stehen und nahm ein Taxi. Das war teuer, schien aber fast trivial angesichts ihres plötzlichen Empfindens, ihr ganzes Leben sei, einschließlich des Journals, fremdem Zugriff ausgeliefert. Sie war sehr froh, als das Taxi sie direkt vor dem Eingang des Book Depository absetzte und sie mit ihrer kostbaren Last nur wenige Schritte gehen mußte. Ein Auto mit dunkel getönten Scheiben fuhr auf den Parkplatz, als sie aus dem Taxi stieg, und glitt dann gekonnt in die Lücke zwischen zwei anderen Wagen. Janie blieb stehen, schaute zu und erwartete, der Fahrer werde aussteigen. Aber niemand kam. Sie verharrte einen Moment, den gepolsterten Umschlag fest an die Brust gedrückt. Es ist nichts. Erfolgreich redete sie sich ein, daß es nur erhöhte Sensibilität war, ein natürlicher Gemütszustand angesichts der letzten paar Tage, die sie durchgestanden hatte und die wohl zu übertriebener Paranoia führen mußten. Doch als sie den kurzen Weg zur Eingangstür des Depository zurücklegte, beeilte sie sich trotzdem. Sofort trat sie an den Sicherheitsschalter und wurde unverzüglich in den Empfangsraum geschickt, wo Mrs. Ross sie erwarten wollte. » Lassen Sie uns in eines der Büros gehen, ja? « schlug die Kuratorin vor, als sie erschien. Janie nickte und schritt gehorsam neben Myra durch einen langen Gang. Dabei musterte sie ihre Umgebung aufmerksam und schaute in jede offene Tür, an der sie vorbeikamen. » Alles in Ordnung? « fragte Myra. » Sie wirken irgendwie ein bißchen gehetzt. « Man merkt es also. » Mir geht ’ s gut «, wiegelte Janie ab. Sie bemühte sich, ruhiger zu wirken. » Ich bin bloß nervös, weil ich das Journal bringe. « Myra musterte das Päckchen, das Janie an sich gedrückt hielt, und lächelte fast mütterlich. » Das kann ich mir vorstellen! « Nach einigen weiteren Schritten blieb sie stehen und wies auf einen Raum zu ihrer Rechten. » Da sind wir. « Sie führte Janie in ein großes Zimmer. Das Licht, das durch eine Reihe von Glaskuppeln fiel, war hell, aber indirekt, die Möblierung sparsam und ausschließlich funktionell . Janie legte ihr Päckchen auf den Tisch in der Mitte und schob es langsam zu Myra hinüber. » Wir benutzen diesen Raum für Restaurierungen und Reparaturen «, erklärte Myra. » Er ist hervorragend ausgestattet. « Dann zog sie mit einer Erregung, die Janie nur bei kleinen Kindern kannte, den Umschlag zu sich heran und öffnete die Lasche. » Schlichtes braunes Papier. « Sie gluckste ein wenig. » Man könnte meinen, es wäre ein Protokoll oder etwas ähnlich Langweiliges – und kein Schatz. « Aus einer Schublade unter der Tischplatte nahm Myra ein Paar Latexhandschuhe und zog sie an. Sie streifte die einzelnen Finger so geübt über ihre Hände, daß Janie den Eindruck hatte, die Kuratorin vollziehe dieses Prüfungsritual bei jedem neuen Gegenstand, der ins Depository gelangte. Dann nahm sie das Journal vorsichtig aus der braunen Hülle, legte es vor sich flach auf den Tisch, öffnete behutsam den Deckel und betrachtete die erste Seite. » O mein Gott «, flüsterte sie. Janie glaubte, Tränen in den Augen der Kuratorin zu sehen. » Ich dachte, ich wäre die einzige, die bei so etwas ins Schwärmen gerät «, sagte sie. » Ach, ich bin ein hoffnungsloser Fall «, gestand Myra. » Bei seltenen Stücken werde ich schrecklich sentimental. Aber ich kann Ihnen sagen, es ist lange her, daß ich wirklich über etwas Neues geweint habe. « Sie schniefte ein wenig. » Wenn das zutrifft, was Sie behaupten, und auf den ersten Blick sieht es sehr danach aus, dann ist dies « – sie fuhr in der Luft mit der Hand über das Journal, als wolle sie es segnen – » absolut märchenhaft. « Erneut senkte sie den Blick auf die Seite. » Alejandro Canches «, las sie laut. » Spanisch. Das war ein relativ häufiger Familienname. Aber für einen Juden aus jenem Jahrhundert ist der Vorname ungewöhnlich. « » Ich weiß sehr wenig über diese geschichtliche Epoche – nur, was ich gelesen habe, seit ich im Besitz des Journals bin «, räumte Janie ein. » Ich habe versucht, mir den zeitlichen Kontext zu vergegenwärtigen, aber das ist schwierig … und der größte Teil des Journals handelt nicht von seinem Leben in Spanien, sondern von seinen Studien in Frankreich und den späteren Reisen. Diesen Teil habe ich für mich übersetzen können, wobei mir Fachleute für altertümliches Französisch, die ich im EdNet fand, sehr geholfen haben. Aber der ganze Anfang, das Hebräische, damit bin ich einfach nicht klargekommen. « Sie verstummte und hoffte für einen kurzen Moment, Myra würde sagen: Oh, keine Sorge, meine Liebe, ich schaffe das schon. Aber die Kuratorin schwieg. » Können Sie mir sagen, was da steht? « fragte Janie schließlich. Myra betrachtete kurz den hebräischen Text und schnaufte ein paarmal. Es klang frustriert. » Nein, das kann ich nicht. Jedenfalls nicht ohne riesige Anstrengung. Es wird nicht unmöglich sein, das übersetzen zu lassen; aber ich fürchte, es gibt nicht gerade viele Leute, die dazu imstande sind. Mit einigen kann ich mich in Verbindung setzen. « » Das wäre wunderbar «, freute Janie sich. » Wirklich wunderbar. « » Es könnte einige Zeit in Anspruch nehmen. « » Das verstehe ich. « Myra untersuchte einige Augenblicke lang den äußeren Einband. Sie drehte das Journal um und betrachtete den Rücken, anschließend das Deckblatt. » Hmm «, sagte sie, als sie es wieder umdrehte. » Da kommt mir etwas ziemlich eigenartig vor. Vermutlich ist Ihnen das nicht aufgefallen, aber … « Janie kicherte fast. » Es gibt eine Menge Dinge, die mir nicht auffallen. Was genau meinen Sie? « » Nun, ich glaube, es ist neu gebunden worden. Die Seiten, mein e i ch. Tatsächlich bin ich dessen fast sicher – außer, es handelt sich um eine Fälschung, was ich sogar nach so oberflächlicher Betrachtung nicht glaube. « Sie sah sich die hinteren Seiten des Buches an und betrachtete kurz die jüngsten Einträge in englischer Sprache. » Das Hebräische müßte eigentlich hier stehen. Wir schreiben von rechts nach links und beginnen die Bücher hinten. « Abermals kehrte sie wieder zum Anfang zurück und studierte für einen Moment das Titelblatt. » Die Seiten haben nicht die Reihenfolge, die ich erwartet hätte. Dieses Journal ist also irgendwann auseinandergenommen und neu gebunden worden. « Sie öffnete eine Schublade und nahm einen metallenen Zeige stock heraus. » Schauen Sie. Genau hier. Das ist eine neue Naht. « » Du meine Güte … « » Oh, das vermindert den Wert oder die Bedeutung des Journals nicht – es ist einfach nur eigenartig. Vielleicht hat es irgend jemandes Ordnungssinn schrecklich gestört, daß das Hebräische hinten stand. Dieser Zwischenbesitzer kann also wohl kein Jude gewesen sein. « » Das weiß ich natürlich nicht «, meinte Janie zögernd, » aber meist waren die Leute, die den Band nach Alejandro hatten, Engländer – und merkwürdigerweise sogar alle, bis auf den letzten Eigner vor mir, Frauen. « Myra warf Janie einen argwöhnischen Blick zu, während sie behutsam eine Pergamentseite umblätterte. » Dahinter muß eine Geschichte stecken. « Janie schwieg einen Augenblick lang. » Sie können es selbst lesen. Aber Sie werden feststellen, daß Alejandro Canches grundsätzlich auf der Flucht war. Nur Medizin studierte er länger in Frankreich. « » Sicher in Montpellier. « » Ja! Woher wissen Sie das? « » Das dürfte so ziemlich der einzige Ort gewesen sein, der ihn aufgenommen hätte. « » Oh! « Janie war etwas beschämt. » Daran habe ich nicht gedacht. « » Wie sollten Sie auch! Sei es, wie es sei, fahren Sie fort. « » Er mußte durch ganz Europa fliehen, weil er einen Bischof umgebracht hatte. « » Ach du liebe Güte … nicht gut für einen Juden, so eine Tat. « Dann stahl sich ein kleines Lächeln auf Myras Züge. » Aber sicher gab es gute Gründe dafür. « » Bestimmt! Und zumindest in seinen späteren Aufzeichnungen wirkt er wie ein sehr nachdenklicher und ernsthafter Mann. Er kommt mir nicht wie jemand vor, der zu Leichtfertigkeit neigt. « Mit etwas versonnenem Blick sagte Myra: » Niemand tut solche Dinge leichtfertig. Jedenfalls niemand, der bei Sinnen ist. Aber Sie sprechen in der Gegenwartsform von ihm. Als wäre er noch am Leben. « Janies Ausdruck wurde melancholisch. » Mir erscheint er tatsächlich sehr lebendig. Deswegen ist es mir so wichtig, dafür zu sorgen, daß auch alles erhalten bleibt. « Sie berührte den Buchdeckel und tippte an ihre Brust. » Genau wie hier. « Nach kurzem Schweigen fügte sie hinzu: » Wissen Sie, vermutlich hat er den Band einfach umgedreht und in Frankreich von vorn angefangen. Keinem wäre auf diese Weise das Hebräische am Ende aufgefallen. « » Das klingt überzeugend «, stimmte Myra zu, » es sei denn, jemand hätte eigens danach gesucht. « Mit fast übertriebener Behutsamkeit blätterte sie eine weitere Seite um. » Seine Handschrift ist hinreißend. So elegant. « » Ich habe so ein Gefühl, als wäre alles an ihm elegant gewesen. « Myra nickte. » Wann, sagten Sie, begann Alejandros Übersetzung? « » In dem schlimmsten Jahr des Schwarzen Todes, 1348. « » Dann sehen Sie ihn wahrscheinlich ein bißchen romantisch verklärt. Vermutlich war er nicht der draufgängerische Held, den Sie sich vorstellen. Er dürfte eine Menge Dinge getan haben, um zu überleben, die Ihnen nicht gefallen hätten. Aber so war die Zeit damals. Heute haben wir es leichter. « Nachdenklich schaute Janie auf das Journal und blickte dann zu Myra hinüber. » Meinen Sie? Irgendwie finde ich es verlockend, in einer solchen Zeit zu leben. Die modernen Menschen sind alle so – unterdrückt, von unserer Regierung, unseren Lebensumständen … « » Meine Liebe «, unterbrach Myra, » verzeihen Sie mir, aber Sie ahnen ja nicht, was Unterdrückung ist. Und hoffentlich erfahren Sie es auch nie. « Sie nahm das Journal und schob es vorsichtig i n d en Umschlag zurück. » Hören Sie, ich muß mir dieses schöne Stück näher ansehen – und es gibt ein paar Leute, deren Gehirn ich anzapfen möchte; aber die lassen sich normalerweise ziemlich viel Zeit, also wird es wohl ein paar Tage dauern, bis ich Neuigkeiten für Sie habe. Die Übertragung in modernes Englisch nimmt dann sogar noch ein bißchen mehr Zeit in Anspruch. Aber in der Zwischenzeit werde ich es mit zweihundertfünfzigtausend Dollar versichern. « Janie blieb fast die Luft weg. » Donnerwetter! « Der überraschte Ausdruck auf ihrem Gesicht brachte Myra zum Kichern. » Was dachten Sie denn, was ein Manuskript dieser Art wert ist? « » Keine Ahnung. Aber nicht so viel. Vielleicht sollte ich ein paar meiner diebischen Freunde anstiften, herzukommen und es zu stehlen. « Myra hielt inne und warf ihr einen scharfen Blick zu. » Die Reaktion unseres Sicherheitssystems würde ihnen vermutlich nicht gefallen. « » Tut mir leid, es war dumm, so etwas zu sagen, selbst im Scherz. « Janie lachte ein wenig nervös. » Ich schätze, das alles bringt mich ziemlich aus dem Konzept. Diese weiteren Neuigkeiten – was genau meinen Sie damit? « » Ach, bei einem solchen Stück gibt es so viele Variablen – wo das Pergament hergestellt wurde, wer es vielleicht ursprünglich gebunden hat, welche Arten von Tinte benutzt wurden und dergleichen. « » Also keine Punkte, die mich um den Schlaf bringen würden «, faßte Janie zusammen. » Ob Sie es glauben oder nicht, es gibt Leute, die bringt so etwas um den Schlaf. « » Zweifellos! Aber wenn Sie mir beschreiben könnten, wie dieser Alejandro ausgesehen hat … « » Ich fürchte, das gehört nicht zu unserem Gebiet «, fiel Myra ihr ins Wort. » Dafür müssen Sie sich jemand anderen suchen. « KAPITEL 13 W o in der Nacht zuvor kühles Mondlicht durch das offene Fenster gefallen war, strömten jetzt heiße Sonnenstrahlen herein. Es brannte auf der Haut von Kates nacktem Arm, und zwar so sehr, daß es sie weckte. Sie öffnete die Augen, schaute hinaus und sah, daß die Sonne schon hoch am Himmel stand. Obwohl sie offenbar lange geschlafen hatte, fühlte sie sich immer noch müde. Langsam setzte sie sich auf und sah sich um. Karles Kleidung lag nicht mehr in der Ecke, und sie fragte sich, wie er es fertiggebracht hatte, all das stinkende Zeug wieder anzuziehen. Vorsichtig erhob sie sich, um sich langsam an die aufrechte Haltung zu gewöhnen, und zog dann ihre Bluse und den Rock über ihr dünnes weißes Hemd. Das einstige Weiß war jetzt grau und fleckig von der Reise. Eine gründliche Wäsche und ein paar Stunden Trocknen in der Sonne würden Wunder wirken, dachte sie sehnsüchtig, als sie mit den Fingern ihr Haar kämmte. Aber dieser Luxus war in weite Ferne gerückt, ganz zu schweigen von warmem Wasser, einem Waschtrog und Seife. Im Krug befand sich noch ein Rest vom letzten Abend, sie spritzte sich das lauwarme Wasser ins Gesicht, da verging ihre Müdigkeit ein wenig. Ihr knurrender Magen befahl ihr, nach etwas Eßbarem zu suchen, und umgehend begab sie sich nach unten ins Hauptgeschoß. Am Tisch des komfortablen Salons traf sie sowohl Etienne Marcel als auch Guillaume Karle an. Beide beugten sich aufmerksam über etwas, das nach Landkarte aussah. Kate vermutete, daß sie ganz vom Geschäft ihrer Revolte in Anspruch genommen waren. Allerdings sahen sie, beide frisch rasiert und ordentlich gekämmt, eher nach Leuten des Königs als nach Rebellen aus. Und zu ihrer großen Überraschung trug Karle eine frische Ausstaffierung. Wahrscheinlich von Marcel geliehen. Die Vorstellung erheiterte si e e in wenig; die beiden waren gleich groß, aber Marcel war viel dicker, ein rundlicher älterer Herr und ziemlich verbraucht. Karle dagegen war schlank, geschmeidig und, wie sie sich irritiert eingestand, sehr männlich gebaut. Nun, es spielt keine Rolle, ob die Kleider an ihm herunterhängen, dachte sie erleichtert. Wenigstens werden sie nicht riechen. » Bonjour « , sagte sie leise, und die Männer blickten zu ihr auf. » Ah! Mademoiselle! « grüßte Marcel schnarrend, erhob sich halb von seinem Stuhl und nickte herablassend in ihre Richtung. » Ihr habt so fest geschlafen, daß Marie schon fürchtete, Ihr wärt vielleicht zu Eurem Gott heimgekehrt. Ich bin erleichtert zu sehen, daß das nicht der Fall ist. Wir haben Euch erwartet und Euch etwas Brot zum Frühstück aufgehoben. Geht hinunter in die Küche, dort werdet Ihr Marie finden. Sie versorgt Euch! « Dann widmete er sich wieder seinen Obliegenheiten, und Kate war entlassen. Sie sah Guillaume Karle an, der etwas höflicher nickte als Marcel. Doch sein Ausdruck konnte einen Triumph nicht ganz verbergen, als gebe es zwischen ihnen irgendeine unerklärliche, nicht definierbare Intimität. Kate fühlte sich auf einmal unbehaglich, lächelte knapp und zog sich, so rasch es ging, zurück. Die Küche roch nach Seifenlaug e, und Kate mußte sich ihren Weg zwischen Guillaume Karles naß aufgehängten Kleidern bahnen, um die Magd Marie zu fin den. Sofort und empört platzte diese heraus: » Er wollte sie in diesem Haus doch tatsächlich wieder anziehen. Aber das habe ich nicht zugelassen. « » Sehr weise von Euch «, lobte Kate. Sie nahm einen Hemdsärmel und hielt ihn sich unter die Nase. Sie roch nicht nur scharfe Seife, sondern dabei auch einen schwachen Duft von Lavendel. Karle war es gewiß gleichgültig, welchen Geruch seine Kleider ausströmten; Kate fragte sich, ob die Dienerin Lavendel ins Waschwasser gegeben hatte, damit er seiner Gefährtin gefiel – nämlich ihr selbst. Wirkten sie wie ein Paar? Welche Art von Paar? Sie wagte nicht, sich zu erkundigen. » Ihr habt Wunder gewirkt «, sagte sie statt dessen. » Monsieur bemerkt wahrscheinlich gar nicht, was Ihr ihm da Gutes tut, aber ich schon. Merci! Übrigens, Monsieur Marcel hat mir kühn versichert, ich würde bei Euch etwas Brot finden. « Marie nickte und holte einen kleinen Laib aus einem Korb. Kate nahm ihn begierig entgegen. Sie hielt ihn sich unter die Nas e u nd sog das köstliche Aroma ein. » Woher stammt dieser feine Weizen? « » Monsieur hat seine Verbindungen «, antwortete das Mädchen achselzuckend. » Das geht mich nichts an. Ich nehme einfach, was Madame mir gibt, um das Haus zu führen. « » Ist Madame gegenwärtig im Haus? « » Mais non, Mademoiselle. Monsieur hat sie weggeschickt, zu ihrem eigenen Schutz. In den Süden, wo sie bei ihrer maman wohnt. « » Und Ihr habt sie nicht begleitet? « Das Mädchen antwortete mit einem koketten Augenaufschlag: » Natürlich nicht. Wer sollte sich dann um die Bedürfnisse von Monsieur le Provoste kümmern? « Ja, wer? fragte sich Kate. Das Brot in ihren Händen war fast noch warm. Sie brach ein kleines Stück ab und steckte es in den Mund. Es war nicht das grobe, körnige Brot, das die Bauern aßen, sondern ein goldener Laib aus feinem, leichtem Mehl, selbst in Friedenszeiten ein Leckerbissen. Kates Erstaunen wuchs, als die Dienerin in einen Schrank griff und eine schöne, reife Pflaume herausnahm. Marie überließ sie ihr mit einem Grinsen, und Kate flüsterte leise: » Mon Dieu! Wie köstlich. « Sie setzte sich in der kühlen Kellerküche auf einen Hocker und aß ihre Schätze mit dem Behagen dessen, der mit solchen Wonnen vertraut ist, sie aber seit langem nicht mehr genießen konnte. Dann, nachdem sie ihren Durst mit Wasser gestillt und sich ausgiebig bei ihrer Wohltäterin bedankt hatte, gesellte sie sich wieder nach oben zu den Männern. Kate traf sie beim Pläneschmieden an, nachdem sie die weinseligen Meinungsverschiedenheiten der vorigen Nacht offenbar bereinigt hatten. Als das Mädchen in Hörweite gelangte, sagte Marcel soeben: » Die Bündnisse sind völlig unklar. « Sie sah, wie sich der Finger des Provosts über die Karte bewegte. » Alle sind zerstreut «, fuhr er fort, » sowohl unsere Verbündeten als auch unsere Feinde. Navarra ist hier, im Château de Coucy, wo der Baron ihn aufgenommen hat. « Ich kenne den Namen von Coucy, wurde Kate klar. Sie überlegte, wo er ihr schon begegnet war. Am Hof meines Vaters. Sie trat näher. Marcel gefiel das gar nicht. Er sagte nichts, sondern starrte Karle an, als verlange er wortlos, daß dieser etwas gegen ihre Anwesenheit unternähme. Kate wartete Karles Reaktion nicht ab, sondern trat noch näher und blieb hinter ihm stehen. Interessiert spähte sie ihm über die Schulter. Marcels Augen verengten sich mißtrauisch. » Kann sie Karten lesen? « fragte er Karle spitz. Guillaume Karle wirkte, als werde er nervös, und stand auf. » Bitte entschuldigt uns einen Augenblick, Monsieur le Provoste. « Er nahm Kate beim Arm und führte sie in einen Nebenraum, wo sie unter vier Augen miteinander sprechen konnten. » Bitte, junge Frau! « appellierte er an ihre Vernunft. » Ich muß mich mit Marcel beraten, solange ich die Möglichkeit dazu habe. Eigentlich möchte ich Euch nicht allein lassen oder Eure Klugheit unter den Scheffel stellen – aber ich fürchte, es ist unumgänglich. « » Und was soll ich anfangen, während Ihr Euch um diese wichtigen Angelegenheiten kümmert? « Karle vermochte darauf nicht sofort zu antworten, doch nach kurzem Überlegen schlug er vor: » Vielleicht muß die Marie auf den Markt gehen. Könntet Ihr sie begleiten? « Sie erwog die unwahrscheinliche Möglichkeit, daß Karle Marcel gesagt hatte, sie sei eine Magd, und erkannte unglücklich, daß der Provost sie tatsächlich behandelte, als halte er sie für eine Dienerin. Das versetzte ihr einen unerwartet scharfen Stich, aber sie behielt es für sich. » Was ist mit der Rückkehr in die Rue des Rosiers? « f ragte sie leise. » Wir gehen heute nachmittag, sobald ich mit Marcel fertig bin. « Wütend, verletzt und verwirrt willigte sie ein, ihn mit Marcel allein zu lassen. » Sehr wohl «, meinte sie einsilbig, » ich werde sehen, ob das Mädchen Begleitung wünscht. « Abrupt wandte sie sich um und eilte in die Küche. So würde ihr schmutziges Hemd am Ende doch zu seiner Wäsche kommen. E rst nachdem sie ihr Hemd gewaschen, getrocknet und wieder angezogen hatte, erschien Guillaume Karle endlich, um sie in die Rue des Rosiers zu begleiten. Sie sammelte ihre wenigen Habseligkeiten ein und verabschiedete sich von Marie, die sich in der kurzen gemeinsamen Zeit als angenehme Gesellschaft erwiesen hatte. Marcel war anderweitig beschäftigt, daher konnte sie ihm nicht persönlich danken – was sie auch nicht besonders reizte, denn er hatte etwas an sich, das ihr ein unangenehmes Kribbeln im Rücken verursachte. Vielleicht empfand Karle dasselbe, aber sie fragte nicht danach. Bald, wenn sie wieder mit père zusammen war, würde das alles keine Rolle mehr spielen. » Ich vertraue darauf, daß Ihr ihm meine Dankbarkeit übermittelt, wenn Ihr zurückkehrt «, sagte sie zu Karle, als sie die Treppe hinunterstiegen. » Ihr könnt auf mich zählen, Mademoiselle « , versprach er galant. » Ich werde es nicht versäumen. « » Heute nachmittag hättet Ihr mich beinahe im Stich gelassen «, warf sie ihm jetzt vor. » Ich glaubte schon, Ihr wärt nicht in der Lage, Euch von Eurem Rebellenkameraden loszureißen. « » Im Augenblick sind wir keine Rebellen. Wir planen den Aufstand erst. « Doch seine Miene verriet Hoffnung und Erregung. » Marcel glaubt, wenn wir uns zeitweilig mit Navarra verbündeten, wären die Streitkräfte des Königs zu schlagen. « » Aber – Navarra ist ein Ungeheuer! Ihr müßtet sehr auf der Hut sein! « » Ich weiß. Trotzdem sollte ich gründlich darüber nachdenken. « Sie konnte die Unsicherheit in seiner Stimme hören und dachte bei sich, daß er zu Recht zögerte. Doch ein gerissener Provost, ein Politiker mit großer Überredungskunst, dessen Diplomatie er vermutlich nicht gewachsen war, hatte ihn dazu gebracht, dieses seltsame Bündnis in Erwägung zu ziehen. Vielleicht sollte ich doch versuchen, ihm diesen Weg auszureden. Er überblickt das Ganze nicht. » Karle, ich denke … «, begann sie. » Was? « » Ach … nichts. Es ist nicht meine Angelegenheit. « Denn bald, wenn sie Père wiedersah, würde sie das nichts mehr angehen. Sehr leise sagte sie: » Ich wollte nur ausdrücken, daß ich Euch bei diesem Unternehmen Glück wünsche. Und ich danke Euch, daß Ihr gekommen seid und mich abgeholt habt. « Dann gab sie dem Gespräch eine andere Richtung. » Übrigens keine Minute zu früh! Marie ist eine angenehme Gefährtin, aber ihr Geplapper – Madame dies und Monsieur das! Man könnte meinen, daß das arme Ding nichts anderes kennt als das Innere dieser Mauern. Ich würde sterben, wenn das mein Los wäre. « » Dann seid dankbar, daß Gott Euch kein solches Leben beschieden hat und daß Ihr etwas anderes kennt als Dienstbarkeit. Aber bedenkt dies: Marie hat ein anständiges Zuhause, bekommt regelmäßig zu essen und kann einen oder zwei sous ihr eigen nennen. Das trifft außerhalb der Mauern von Paris nur auf wenige zu. Innerhalb der Mauern übrigens auch, was Marie anbelangt. Und Marcel hat dafür gesorgt, daß sie ein gewisses Maß an Freiheit genießt, weil das seiner Philosophie entspricht. In diesem Hause verkehren oft Menschen von großem Einfluß. Vielleicht möchte er ihnen ein gutes Beispiel dafür geben, wie man Dienstboten behandeln sollte. « Er bewundert diesen Marcel viel zu sehr, dachte Kate plötzlich mit erneuter Sorge. Das färbt auf sein Denken ab. » Trotzdem hält er sie als Dienerin. « » Das ist richtig. Maries Freiheit ist begrenzt. Euch, meine Dame, steht mehr Freiheit zur Verfügung als ihr. « So weit die Freiheit eben reicht. Aber sie empfand für einen Moment Scham, denn sie wußte, daß er die Wahrheit sprach. » Ich bin dankbar für das, was mir Gott gegeben hat. Aber Er ist eigen mit seinen Gaben. Er gibt und Er nimmt. Er spielt mit mir, denke ich manchmal. « » Gott spielt nicht mehr und nicht weniger mit Euch als mit allen anderen Sterblichen auf dieser Erde. « Sie verlangsamte ihre Schritte, blieb dann stehen und starrte ihn ’ an. » O doch, Karle, das tut er. Gott hat sehr ausgiebig mit mir gespielt. Und mit père. Mehr, als Ihr jemals ahnt. « Er erwiderte ihr Starren, und seine Augen brannten vor Neugier. » Ich flehe Euch an, erzählt es mir. « Seine Anteilnahme schien so echt, daß sie versucht war, ihm alles zu offenbaren. Es wäre eine solche Erleichterung, freimütig von ihrem Leben zu sprechen, die ganze Wahrheit mit noch jemand anderem als Alejandro zu teilen. Seit ihrer frühen Kindheit hatte sie eine solche Gelegenheit nicht mehr gehabt. Aber diese Entscheidung oblag nicht ihr allein. Père wird dazu auch etwas sagen wollen, dachte sie. » Ich … ich möchte schon, Karle, aber zuerst muß ich darüber mit meinem père sprechen. « Es plagte ihn die Neugier; aber gleichzeitig erkannte Karle, wie unglücklich es ihn machte, daß Alejandro bald Kate, ihre Gesellschaft, Hingabe und liebende Aufmerksamkeit wieder für sich beanspruchen würde. Ihre bloße Anwesenheit an seiner Seite war ihm ein Trost geworden, und für einen kurzen Moment wünschte er sich von Herzen, die Verantwortung abzuschütteln, die er auf sich genommen hatte – und wieder ein schlichter Mann zu sein, das Blutvergießen hinter sich zu lassen. Wieder ein normales Leben zu führen mit all seinen Prüfungen, Schmerzen und vergänglichen Freuden. Hier an meiner Seite, obwohl kaum mehr als ein Mädchen, ist diejenige, deren Gesellschaft ein gewöhnliches Leben veredeln würde! Sie wäre mein eigentliches Glück! Aber bald würde sie fort sein. Mit jedem Schritt in Richtung auf den Treffpunkt wurde der Gedanke an die bevorstehende Trennung von ihr bedrückender. Die Rue des Rosiers war nur noch ein kurzes Stück entfernt, als er endlich den Mut fand, sie beim Arm zu nehmen und aufzuhalten. » Ich weiß, Ihr seid ungeduldig; aber ich möchte mit Euch über eine gewisse Angelegenheit sprechen, bevor wir den Treffpunkt erreichen «, eröffnete er ihr. » Es würde mich sehr freuen zu wissen, daß ich Euch wiederfinden könnte, wenn dieser ganze Tumult vorüber ist. « Dann fügte er leise hinzu: » Falls Ihr damit einverstanden seid, gefunden zu werden, meine ich. « Ihre Blicke trafen sich kurz. Dann wandte Kate sich ab. Selbst in dem dämmrigen Licht sah man, wie ihre Wangen glühten. » Mich würde es auch freuen «, flüsterte sie. » Was würde Euer père zu der Idee sagen, daß Ihr bei mir bleibt? « Ihre Miene drückte Überraschung aus. » Ich allein? « » Nein «, erklärte Karle schnell. » Nein, nein, natürlich alle beide! « Seltsame, ungewohnte Gefühle erfüllten Kate: Hoffnung, Erregung, Erwartung. Doch alles war von ihrer gegenwärtigen Notlage geprägt. » Ich habe keine Ahnung, was er zu einem solchen Plan sagen würde. Wenn Ihr uns zu Soldaten für Eure Sache machen wollt, wird er wahrscheinlich nicht einwilligen. Aber er muß für sich selbst sprechen, was er zweifellos auch tun wird, wenn Ihr ihm diesen Vorschlag unterbreitet. « Karle ergriff eine ihrer Hände. Im Gegensatz zu seinen eigene n w ar sie klein und zart. Mit weit mehr Zuversicht, als er empfand, sagte er: » Und Ihr habt nichts dagegen, daß ich mit ihm über diese Angelegenheit spreche? « » Nein, Karle, ich … ich … ich glaube, es wäre mir willkommen. « Jetzt kam er mit seinen Fragen auf den Punkt, den anzusprechen er sich erhofft hatte: » Und wenn Ihr für Euch selbst sprechen solltet, wie würde Eure Antwort lauten? « » Ich würde ja sagen. « Das unverhüllte Strahlen auf seinem Gesicht überraschte sie. » Aber ich muß Rücksicht nehmen auf das, was Père wünscht «, fügte sie schnell hinzu. » Ein Arzt wäre für unsere Sache sehr nützlich. « » An einem Krieg wird er nicht teilnehmen wollen, das versichere ich Euch. « » Dann würde auch eine Hebamme helfen. Ich habe gesehen, wozu Ihr imstande seid. « Sie lächelte kurz. » Ich habe noch viel zu lernen. Aber ich würde versuchen, Euch zu unterstützen. « » Ich habe gesehen, was Ihr bewirken könnt «, sagte er. » Doch auch wenn Ihr nur an meiner Seite stehen würdet, zu keinem anderen Zweck, als mich mit Eurer Gegenwart zu trösten, wärt Ihr mir eine wertvolle und höchst erwünschte Kameradin. « Und nachdem ihre gegenseitige Zuneigung nun endlich, wenn auch unbeholfen, erklärt war, zogen sie weiter. I n dem kleinen Raum, den de Chauliac ihm zugeteilt hatte, verbrachte Alejandro seinen ersten Gefangenschaftstag in behaglicher Abgeschiedenheit. Draußen vor der Tür standen die allgegenwärtigen Wachen, zwei stämmige Soldaten, die untereinander nie ein Wort wechselten, sondern stumm und stoisch ihren Dienst versahen. Alejandro zweifelte nicht daran, daß sie ihr Schweigen brechen und augenblicklich über ihn herfallen würden, wenn er etwas Unbotmäßiges täte. Doch solange er sich still verhielt, ließen sie ihn in Ruhe. Die Dachkammer gefiel ihm durchaus. Es gab Licht und Luft genug, die Decke war frisch geweißt, und wenn Sonnenschein durchs Fenster fiel, wurde die Wärme von der Decke reflektiert. Sein Kerkermeister war so freundlich gewesen, ihm eine wunderbare Zerstreuung zu bieten – ein kürzlich erworbenes Manuskript eine r g riechischen Tragödie, ein seltenes und kostbares Exemplar, für das Alejandro trotz allem dankbar war. Er wunderte sich über die Freundlichkeit, die de Chauliac an den Tag legte, indem er ihm dieses wertvolle griechische Buch überließ. Und obwohl das Griechisch des jüngeren Arztes alt und eingerostet war – denn sein Vater mochte diese Sprache nicht – , wußte er noch genug, um den Text überaus fesselnd zu finden. Doch so faszinierend die Lektüre auch war, sie konnte den ständigen, nagenden Zweifel bezüglich Guillaume Karle nicht vertreiben. Ich bringe ihn mit meinen eigenen Händen um, wenn ihr irgend etwas zugestoßen ist, dachte er. Dann wird er selbst leiden wie kein Christ je vor ihm! Er hörte das leise Rascheln von Kleidern und nahende Schritte; als er aufblickte, stand de Chauliac auf der Schwelle. » Guten Tag, Kollege «, sagte der stattliche Graf mit einem Nicken. » Wie steht es mit Euch an diesem schönen Nachmittag? « Der Arzt sah seinem Häscher kühl entgegen. » Wie es eben geht in Anbetracht einer Gefangenschaft! « » Mir wäre lieber, Ihr würdet Euch als Gast in meinem Hause fühlen. « Er lächelte mit schmalen Lippen. » Als Gast, der im Augenblick nicht abreisen kann. « » Eure Gastfreundschaft ist bemerkenswert, Kollege, vor allem in diesen unsicheren Zeiten. Aber ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, daß ich lieber in Freiheit Not leiden als Euer verhätschelter Gefangener sein möchte. « » Vielleicht tätet Ihr gut daran zu erwägen, daß Ihr auch ein Gefangener sein könntet, der obendrein Not leidet «, gab de Chauliac zu bedenken. Alejandro stand langsam auf. » Ich bin nicht so töricht, diese Möglichkeit auszuklammern. « De Chauliac lachte. » Ich halte Euch auch nicht für töricht, mein Freund. « » Überflüssige Schmeicheleien, de Chauliac! Ihr braucht nicht unaufrichtig zu sein. Wir sind keine Freunde. Wenn Ihr uns als Freunde betrachtet, dann definiert Ihr Freundschaft anders als ich. Freunde legen einander nicht in Ketten. « » Bitte, Alejandro «, beharrte de Chauliac, » Ihr seid ja nicht in Ketten. « » Aber ich werde Euch wohl kaum in Kürze verlassen dürfen. « » Ich kann Euch einfach nicht gehen lassen, ohne daß Ihr vorher diesen Besuch auch genutzt habt. « Er trat zu Alejandro ans Fenster. » Wißt Ihr, ich habe einiges mit Euch vor. Es gibt viele Dinge, über die wir sprechen müssen, und ich habe lange Zeit nach einer solchen Gelegenheit gehungert. Tatsächlich jahrelang. Ihr sollt nicht meinen, Euer Besuch hier werde fruchtlos bleiben. Morgen werden wir die Gesellschaft einiger illustrer Gäste genießen. Ich habe für uns eine Abendunterhaltung arrangiert, wie ich bereits versprach. Sicherlich werdet Ihr die Gesellschaft sowohl erfreulich als auch inspirierend finden. « » Ich ziehe es vor, meine Gesellschaft selbst zu wählen «, erwiderte Alejandro frostig. » Und fürchtet Ihr nicht, meine wahre Identität könnte entdeckt werden? Jemand könnte mich für sich beanspruchen – dann hättet Ihr niemanden mehr, mit dem Ihr spielen könnt. « De Chauliac starrte ihn aus eisigen blauen Augen an, und als er sprach, klang seine Stimme gemessen und beherrscht. » Ich versichere Euch, Kollege, ich spiele nicht mit Euch. Noch nicht. Seid versichert, daß Ihr es merken würdet, wenn ich es täte. « Alejandros Erwiderung war ebenso scharf. » Während ich darauf warte, wärt Ihr vielleicht so gut, mir mein Manuskript zurückzuerstatten? Ich habe noch viel daran zu arbeiten. Und obwohl das Griechische mir viel Freude macht, habe ich das Gefühl, in dieser Zeit etwas Nützlicheres leisten zu können. Das heißt, bis Ihr entschieden habt, was Ihr mit mir anstellen wollt. « De Chauliacs Miene ließ wenig Rückschlüsse zu; Alejandro versuchte verzweifelt, seine Gefühle zu deuten. Immerhin sah er unterdrückte Wut und auch Zweifel, was geschehen sollte. Aber da war noch etwas, etwas Unerwartetes. De Chauliac wirkte verletzt. Nach ein paar Augenblicken des Schweigens näselte er schließlich: » Ich denke, es wäre annehmbar, daß Ihr es zurückbekommt – wenn es Euren Geist beflügelt … « Alejandro nickte knapp seinen Dank. » Dann also bis morgen «, verabschiedete sich der Graf. Alejandro wandte sich wortlos ab und starrte aus dem Fenster. Morgen? dachte er. Morgen bin ich nicht mehr hier. Kate unterdrückte ihre Verwirrung und ihre Tränen, bis sie das Haus mit den Säulen fast wieder erreicht hatten; doch als sie und Karle um die letzte Ecke bogen, begann sie endgültig zu weinen. Er hatte sie zur Vordertür führen wollen; doch als er das Licht sah, das aus dem Fenster des Salons fiel, beschloß er, statt dessen durch die Küche zu gehen. Die Dienerin Marie öffnete ihnen die Tür. » Was ist, Ihr seid zurück? « Kate strömten Tränen über die Wangen. Mit schwesterlicher Fürsorge zog Marie die weinende Mademoiselle ins Haus. Sie sah sich nach Karle um, während sie Kate auf einen Hocker plazierte. Mit vorwurfsvollen Blicken musterte sie ihn und sagte dann beschwichtigend zu Kate: » Was hat er Euch angetan, dieses Vieh von einem Mann? « Obwohl er wortreich seine Unschuld beteuerte, scheuchte Marie ihn prompt aus der Küche. » Geht zu den anderen Kerlen «, keifte sie. » Sie sind oben und denken sich noch mehr gemeine Methoden aus, Frauen zum Weinen zu bringen. « Errötend gehorchte Karle und verschwand hastig. » Hier «, sagte Marie. » Trinkt das! « Sie reichte Kate einen Becher mit starkem rotem Wein. » Es wird Eure Nerven beruhigen. Und Eure Nerven scheinen der Beruhigung dringend zu bedürfen. Aber jetzt sagt mir, hat dieser Dummkopf Euch mißhandelt? « Kate weinte und schluchzte erbarmungswürdig. » Karle hat mir nichts angetan. Er war nur freundlich und gewissenhaft. Wir sollten meinen père an einem vorher vereinbarten Ort treffen. Aber als wir dort ankamen, war Père nicht da. « Kates Stimme wurde lauter. » Und ich bin nicht so vollkommen unglücklich, wie ich erwartet hatte! Es ist furchtbar! Ich fürchte, ihm ist etwas Schreckliches zugest oßen, aber ich … ich … « » Schscht «, machte Marie beruhigend. » Sprecht nicht so unheilige Gedanken aus. Wa hrscheinlich hat er sich nur verspätet. « » Ich wünschte, ich könnte dessen sicher sein! Inzwischen müßte er mich gewiß längst gefunden haben. Wir haben außer diesem Treffen nichts vereinbart. Aber jetzt «, weinte sie, » ertappe ich mich dabei, daß ich bei Karle bleiben möchte! « Sie wischte sich die Tränen ab. » Ich weiß nicht, was ich tun soll. Diese Dinge sind so verwirrend. « Marie legte einen Arm um Kates Schultern und versuchte, sie zu trösten. » Und bestürzend – Ihr seid hin- und hergerissen zwischen Eurem Vater und Eurem Liebsten, wie es allen Frauen irgendwann ergeht. « » Er ist nicht mein Liebster, aber … aber … « » Aber Ihr wünscht Euch, er wäre es. « » Ja! Nein! Ich weiß nicht! Oh, wie kann man sein eigenes Herz nicht kennen? « » Wer kennt schon sein eigenes Herz? Ihr müßt Euch einfach Zeit lassen, bis es sich offenbart. « Kate warf Marie einen jämmerlich klagenden Blick zu. » Und was soll ich bis dahin tun? Ich habe kein Zuhause, ich kann meinen père nicht finden, dieser Karle ist so neu für mich … « » Nun, natürlich werdet Ihr hier in Monsieur Marcels Haus bleiben. Er ist sehr großzügig und würde Euch nicht vor die Tür setzen. Außerdem würde ich es nicht zulassen! Momentan nehmen ihn seine Geschäfte in Beschlag, und da Madame so weit fort ist, wäre Eure Gesellschaft ein Segen für mich. « Kate versuchte zu protestieren, aber die gute Marie wollte nichts davon hören. » Ihr werdet keine Last sein, sondern viel eher hilfreich. Schließlich sind nun zwei Herren im Haus, und zwei Herren scheinen immer der Arbeit von hundert Damen zu bedürfen, meint Ihr nicht? Auch wenn sie es nicht zugeben wollen. « Kate gestand nicht, daß sie zu wenig Erfahrung besaß für solche Vergleiche; aber sie widersprach auch nicht. » Ich kenne die Gewohnheiten des Herrn Guillaume nicht; aber vielleicht könnt Ihr Euch um seine Bedürfnisse kümmern, während ich für Monsieur Marcel sorge «, unterbreitete Marie ihr mit einem scherzhaften Zwinkern. » Zweifellos hätte Euer Monsieur heute morgen lieber Eure Hände beim Waschen seiner widerlichen Kleider gesehen als meine. « Dann kicherte sie. » Ich übrigens auch. « » Aber was wird er von mir denken, wenn ich anfange, ihn auf diese Weise zu bedienen? Wird er mich für seine – Gemahlin halten? Ich weiß nicht, ob ich das möchte. « » Er wird denken, was ihm ohne Euch alles fehlen würde, und sich doppelte Mühe geben, Euch zu gefallen. Und jetzt trocknet Eure Augen und faßt Mut, denn Eure Verwirrung wird bald zu Ende sein – das verspreche ich Euch. « Sie verbrachten den kurzen Rest des Nachmittags mit Hausarbeit und der Vorbereitung eines schlichten Abendessens. Und als die Herren sich zu einer weiteren Runde strategischer Beratungen in den Salon zurückzogen, half Marie Kate, ihr langes Haar zu waschen. Während es trocknete, brachte Kate der Dienerin das Kartenspielen bei. Marie war entzückt, denn sie hatte sich noch nie an solch einem Zeitvertreib erfreut. » Ihr besitzt eine rasche Auffassungsgabe «, bemerkte Kate. » Die ganz nutzlos ist «, gab Marie von sich. » Nur wer von adliger Geburt ist, hat Zeit für solche Narrheiten. Hat Monsieur Karle Euch das beigebracht? « Kate antwortete wahrheitsgemäß, sagte aber nur, was sie sagen durfte. » Meine Mutter hat einmal einer hochgeborenen Lady in England gedient «, erklärte sie. Wenn ich nur sagen könnte, wie hochgeboren! » Da hat sie viele schöne Dinge gelernt und dann an mich weitergegeben. « » Ich habe schon bemerkt, daß Ihr feine Manieren habt «, teilte Marie ihr freimütig mit. » Woher stammen die? « » Vieles kann man durch Beobachtung lernen «, erwiderte Kate und hoffte, das werde ausreichen. Marie lachte. » Da würde ich mir wünschen, daß man auch Reichtum durch Beobachtung erwerben könnte! « » Beneidet die Reichen nicht «, belehrte Kate sie. » Sie sind nicht immer die glücklichsten Menschen. « » Das würde ich trotzdem gerne selbst ausprobieren «, sagte die kleine Magd, während sie eine Karte ablegte und triumphierend den Stapel einheimste. » Ich könnte Euch am Ende beweisen, daß Ihr Euch irrt. « Plötzlich unterbrach der Klang der Glocke ihr Spiel. Marie legte sofort ihre Karten hin und eilte die enge Treppe hinauf. Nach ein paar Augenblicken kehrte sie mit erregter Miene zurück. » Monsieur le Provoste muß eine Nachricht überbringen lassen. Mich allein will er nicht schicken – aber er sagt, wenn wir zu zweit wären, würde uns nichts geschehen. Das heißt, wenn Ihr mich begleiten wollt. Es könnte bis zum Morgen warten, aber ich möchte gern ein bißchen Luft schnappen. Der Weg ist nicht weit. « Guillaume Karles besorgter Gesichtsausdruck, als sie das Haus verließ, stand Kate noch angenehm vor Augen, während sie un d M arie ihrem Ziel entgegenschritten. Seine offensichtliche Sorge war ihr eine seltsame Genugtuung. Sie wäre gekränkt gewesen, wenn es ihm kein Unbehagen bereitet hätte, sie aus den Augen zu verlieren, für wie kurze Zeit auch immer. Der Franzose mit dem bernsteinfarbenen Haar hatte seit dem Austausch von – wie sollte man das nennen? Zärtlichkeiten? – an diesem Nachmittag ihre Gedanken fast ununterbrochen beschäftigt. Nein, Zärtlichkeit war ein zu starkes Wort. Verpflichtung? Seiner Sache ist er mehr verpflichtet, als er jemals mir oder irgend jemand anderem verpflichtet sein wird, dachte sie. Bewunderung, entschied sie, beschrieb am besten ihre Gefühle füreinander. Sie fragte sich, was Alejandro davon halten würde, daß sie Karle bewunderte – er hatte dem Franzosen schon genug Ehre angetan, indem er sie in seine Obhut gab; doch das war fast ein Akt der Verzweiflung und so nicht vorgesehen gewesen. Wenn er ihn besser kennenlernte, würde er ihn dann für tapfer, intelligent und geistreich halten – wie sie selbst? Nicht einmal Père konnte leugnen, daß es nur natürlich war, wenn sie sich an einen starken Mann band, der sich um sie kümmerte. Das entsprach nur der Vernunft. Aber wie lange würde es dauern, bis Leidenschaft die Oberhand über ihre Vernunft gewann? Diese Gedanken beschäftigten sie so, daß sie kaum etwas von dem hörte, was Marie unterwegs daherschwätzte. Es war zu dunkel, um die Wunder der Stadt in sich aufzunehmen, die jetzt durch die Anarchie beeinträchtigt, aber immer noch prachtvoll waren. Ehe Kate sich ’ s versah, befanden sie sich in einem mit Kopfstein gepflasterten Innenhof vor einem massiven hölzernen Tor. » Bonsoir « , sagte Marie zu dem Bediensteten, der auf ihr Klopfen öffnete. » Wir bringen eine Botschaft für Euren Herrn. « Sie reichte dem Mann ein kleines, gefaltetes Pergament. » Wir sollen eine Antwort mitnehmen, wenn das möglich ist. « » Bitte, wartet hier «, erteilte der Diener ihnen Bescheid. » Wollt Ihr uns nicht einlassen? « fragte Marie kühn. Der Mann schien etwas bestürzt über dieses Ansinnen und sah über seine Schulter ins Haus zurück. Sein Widerstreben stachelte Kates Neugier an, und sie versuchte, unbemerkt an ihm vorbeizuspähen, während er noch mit Marie zu tun hatte. Doch sie konnte wenig sehen, denn der größte Teil des Hauses lag im Dunkeln. Selbst die Reichen verschwenden heutzutage keine Kerzen mehr, dachte sie. Hinter dem Diener lag eine große Empfangshalle, von der mehrere andere Räume oder Flure ausgingen. Die meisten waren finster und leer, nur einer schwach erleuchtet. Der Salon, entschied sie nach einem kurzen Blick auf die Möbel. Zwei Wachen standen reglos davor. Sie starrten vor sich hin und ignorierten die neugierigen Besucherinnen. Kate hörte keinen Laut aus dem helleren Raum, kein Gespräch, keine Bewegung, und sie dachte, darin lese oder studiere vielleicht jemand. Sie fühlte sich von dem weichen Licht angezogen wie eine Motte und bemühte sich, hinter dem Rücken des Dieners einen weiteren Blick zu erhaschen. Marie bot gegenüber dem Mann, der ihnen den Weg versperrte, alle Überredungskünste auf, sie über die Schwelle zu lassen – ohne viel Erfolg. Wenn er sie nicht einließ, so lag es jedenfalls nicht daran, daß sie es nicht versucht hatte. » Ihr solltet doch besser hier warten «, sagte der Diener schließlich. » Ich habe genug von Euch gehört. « Dabei lächelte er eigenartig, schloß das Tor und verschwand mit der Nachricht. Während sie die soliden Holzplanken betrachtete, die jetzt ihr Blickfeld füllten, bedachte Kate die Ironie ihrer Lage. Ich bin eine Königstochter, der ein Diener gerade die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Sie hatte nicht lange Zeit, über diese Absurdität nachzudenken, denn bald darauf tat sich das Haus wieder auf. Als sie diesmal an dem Diener vorbeischaute, war der vorher erleuchtete Raum dunkel, und es gab keine Wachen mehr. Auf einmal, dachte sie. Warum? Sie würde keine Antwort erhalten. Der Diener gab Marie dasselbe Pergament, erneut zusammengefaltet. » Bringt das Marcel «, wies er sie an. » Très bien, Monsieur « , sagte Marie. » Bonsoir und merci! « Mit einem kleinen Knicks wandte sie sich zum Gehen. Kate verweilte noch einen kurzen Moment, um wenigstens irgend etwas mitzubekommen. Schließlich nahm Marie sie beim Arm und zog sie vorwärts. V on seinem vergitterten Fensterchen aus schaute Alejandro auf die Straße unter ihm. Intensiv starrte er in die samtige Pariser Nach t u nd erhoffte sich einen kurzen Blick auf die unerwarteten Besucher, die der Grund gewesen waren, daß man ihn plötzlich wieder in seine Dachkammer verbannte. Er sprach laut, um nicht aus der Übung zu kommen, und kümmerte sich nicht darum, ob die Wachen ihn verschroben fanden. Sollen sie nur. Sie verachten mich ohnehin, weil ich ein Jude bin; sollen sie mich ruhig auch für verrückt halten. » Morgen «, haderte er laut, » wird er mich seinen ausgewählten Gästen vorführen – doch heute nacht sollen diese Fremden mich hier nicht sehen! « Er hörte das Knarren des schweren Portals und die Schritte der Besucher, die sich entfernten. Zwei Gestalten traten aus dem Hoftor, und er begriff, warum die Schritte so leicht geklungen hatten. Es sind Frauen, erkannte er. Eine sehr groß, wie meine Kate! Sein Herz schmerzte beim Gedanken an sie. Die Besucherinnen verschwanden in der Dunkelheit, und während sie das taten, regte sich in ihm der verzweifelte Wunsch nach einfachstem Kontakt mit ihnen; denn selbst der geringste Austausch von Worten würde ihm seine verhaßte Abgeschiedenheit erträglicher machen. Mit einer der beiden Frauen den Platz zu tauschen, und sei es nur für einen Moment, wäre das größte Glück, das er sich vorstellen konnte … Im Augenblick, sinnierte er traurig, würde ich sogar in Betracht ziehen, mich als Frau auszugeben, wenn mir dieser Umstand die Freiheit brächte. S ie betraten das Haus durch den Dienstboteneingang der Küche, wie Kate und Karle auch am Vorabend. » Monsieur sagte, heute nacht würden viele Herren da sein «, klärte Marie Kate auf. » Sie diskutieren wieder über ihren Krieg. Er möchte nicht gestört werden. Und ich mag auch nicht von ihren albernen Forderungen gestört werden. Tu dies, Marie! Und tu das, Marie! Wir werden sie also gar nicht merken lassen, daß wir zurück sind, ja? « Karle wird unter ihnen sein, dachte Kate. Sie ertappte sich dabei, daß sie enttäuscht war, ihn nicht für sich allein zu haben. Das erwartete Stimmengewirr drang bis in die Küche im Untergeschoß, als Kate und Marie sich die Zeit wieder mit Kartenspielen vertrieben. Die Worte waren wegen der Entfernung nicht zu verstehen; aber die Erregtheit der Diskussion bekamen sie trotzdem mit. » Sie lieben diesen Krieg. « Traurig schüttelte Marie den Kopf. » Nur die, die ihn nicht selbst miterlebt haben «, berichtigte Kate. » Und dieser Krieg ist grausamer, als man sich vorstellen kann. « Für einen Moment sah sie wieder die Greuel vor sich, deren Karle und sie auf ihrer Reise nach Paris Zeuge geworden waren. Allzu lebhaft erinnerte sie sich an das Grauen, das immer noch auf ihrer Seele lastete. Sie spürte, wie ihr Mut schwand, und Erschöpfung senkte sich schwer auf sie herab wie ein Umhang aus nasser Wolle. » Ich bin auf einmal sehr müde «, sagte sie. » Ich würde gern zu Bett gehen. « » Werdet Ihr wieder oben schlafen? « fragte Marie, eine Augenbraue neugierig hochgezogen. Kate schwieg einen Moment und schob dann ihre Karten zusammen. » Gibt es denn noch einen Raum? « » Nein, aber ich könnte Euch hier in der Küche ein Lager aufschlagen, wenn Ihr wollt. Manchmal schlafe ich selbst hier, aber wo ich heute nacht sein werde, weiß ich noch nicht. « Sie zwinkerte und lachte. » Jedenfalls seid Ihr willkommen. Aber es ist nicht so bequem wie das Bett aus Stroh. « Bequemlichkeit war etwas, das Kate heute nacht dringend brauchte, in welcher Form auch immer. » Dann werde ich wohl nach oben gehen. « » Also wollt Ihr es bequem haben «, folgerte Marie. » Monsieur hätte sicher nichts dagegen, daß Ihr etwas Wein trinkt, bevor Ihr schlafen geht. Das tut er selbst fast immer. Er sagt, der Wein würde sein – wie soll ich es ausdrücken? – sein temperament beleben. Vielleicht verbessert er ja auch Eure … Stimmung. « » Wenn das so ist, wäre mir ein Trunk sehr willkommen. « Rasch nahm Marie den Becher und die Karaffe und schenkte Kate reichlich von dem dunkelroten Wein ein. Dann goß sie ein paar Schlucke in einen kleineren Becher und hob ihn. » Auf daß Ihr in dieser Nacht Ruhe und Trost findet! « Hoffentlich, dachte Kate und trank tapfer aus. Die versammelten Führer von Paris verstummten und schauten auf, als sie rasch und leise vorüberging, den Kopf gesenkt, die Augen niedergeschlagen. Das war etwas, was die Männer an König Edwards Hof niemals getan hatten. Aber damals war sie ein lästiges Kind gewesen, nicht das geschmeidige, goldhaarige Objekt der Begierde, zu dem sie inzwischen herangewachsen war. Sie konnte die brennenden Blicke der Fremden spüren, als sie leise zur Treppe ging und die Stufen erklomm. Ebenfalls spürte sie, wie sie sich nacheinander abwandten, da ihre Phantasien ohnehin unerfüllt bleiben mußten und sie deshalb ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Belange richteten. Die Stimmen erhoben sich erneut, und es erschollen markige Reden. Dennoch dämpften sie ihren Ton jetzt etwas, waren aber gewiß nicht weniger enthusiastisch. Doch als Kate in dem schmalen Gang im Obergeschoß verschwand, spürte sie Karles Blicke noch. Sie fühlte sie wie eine Hand auf ihrem Rücken, und sie blieben auch bei ihr, als sie ihre Oberkleider auszog und sich im Hemd auf das Stroh legte. Und als der Wein sie einschlummern ließ, begleitete sie die warme, feste Hand auf ihrem Rücken bis in den Traum. Später wachte sie auf, und er kniete neben ihr in der Dunkelheit. Seine Hand lag tatsächlich da, wo sie sie sich vorgestellt hatte, und seine Finger beschrieben leichte Kreise auf ihrer Taille. Sie schlug die Augen auf und sah, daß er sie unsicher betrachtete. Wie kann er denken, daß ich ihn vielleicht nicht will? fragte sie sich schlaftrunken. Sie nahm seine Hand, führte sie an ihre Lippen und küßte sie sanft. Seine Handfläche war rauh und schwielig von Schwert und Zügel. Und dann zog sie ihn an sich. Er kam willig, ein großer, behutsamer Tröster, und nahm sie in seine Arme. Stammelnd erklärten sie sich gegenseitig ihre Zuneigung. A lejandro erwachte mit angstvollem Schrecken aus einem verstörenden Traum und bemühte sich verzweifelt, das Entsetzen abzuschütteln, das ihn erfüllte. Doch der kalte Griff der Angst wollte nicht weichen. Seine Eingeweide krampften sich zusammen. Der Gedanke, daß diese nächtlichen Schrecken, die er nach vielen Jahren endlich besiegt glaubte, wiederkehren könnten, erfüllte ihn mit überwältigender Furcht. » Ach, Carlos Alderón «, flüsterte er in die Nachtluft, » seid Ihr wieder da? Bitte «, flehte er den Schatten an, der ihn so lange verfolgt hatte, » laßt mich das bißchen Frieden genießen, das mir vergönnt ist. « Doch als er versuchte, sich an den Traum zu erinnern, erkannte er, daß es nicht der Geist des Schmiedes war, der ihn im Schlaf wütend verfolgt hatte. Es war Kate, und zwar das lebendige Bild des Mädchens selbst, die seinem Gemüt einen unheimlichen Besuch abgestattet hatte. Und im Unterschied zu seinen früheren Träumen von Carlos Alderón war der Jäger bei dieser mitternächtlichen Verfolgung nicht der in sein Leichentuch gehüllte Schmied, sondern er selbst, Alejandro, und das Wild furchtbarerweise – seine Tochter. Aber sie ließ sich nicht fangen, sondern entglitt ihm ständig mit fliegender Geschwindigkeit. Er rief laut ihren Namen und streckte die Hand nach ihr aus, aber konnte ihren Rockzipfel nicht erreichen; und sie eilte davon, aus seiner Reichweite, aus seiner Kontrolle, eine Frau mit einem ganz eigenen Ziel. KAPITAL 14 N achdem das Journal sicher im Depository untergebracht und ihre persönlichen Schätze bei Tom in Gewahrsam waren, fühlte Janie sich weniger verwundbar. Jetzt konnte sie die nächste Reise antreten, die Kristina Warger ihr so verlockend schmackhaft gemacht hatte. Ihr erster Schritt bestand darin, sich mit den neuen Besitzern von Camp Meir in Verbindung zu setzen. » Wir haben es zwei Jahre nach dem ersten Ausbruch von den früheren Eigentümern übernommen «, erzählte ihr Jason Davis, als sie anrief. » Mein Bruder und ich waren als Kinder selber hier. « » Ist Ihr Bruder an der Führung des Feriendomizils beteiligt? « f ragte Janie. » Das wäre er sicher, wenn er noch lebte. Ich habe das Camp mit meiner Frau gekauft. « Das hätte sie sich denken können. » Tut mir leid. Ich schätze, ich habe meine Hausaufgaben nicht sehr ordentlich gemacht. « » Wir haben alle jemanden verloren, Dr. Crowe. Ich bin nicht gekränkt. Wie auch immer, meine Mutter und mein Vater fanden es ungeheuer wichtig, daß wir dort Ferien machten, weil es half, uns zu jungen Männern zu formen; deswegen habe ich etwas Geld aus ihrem Vermögen für den Kauf verwendet. Der Preis war damals sehr günstig. Ich fand es jammerschade, daß es niemand weiterführte, und außerdem hielt ich den Erwerb für ein passendes Andenken an meine Eltern. Sind Sie je dort gewesen? « » Nein «, sagte Janie. » Aber ich würde gern hinfahren. Nur in letzter Zeit bin ich etwas leichtsinnig mit meiner Benzinration umgegangen. Jetzt muß ich ein wenig sparen. « » Oh! Nun, leider fahren bisher noch keine Busse dorthin. « » Das ist vielleicht gar nicht so ungünstig. Aber Ihre Website finde ich sehr anschaulich, daher habe ich eine Vorstellung von der Anlage. « » Das Camp als solches, ja. Es ist eine gute Darstellung dessen, wie es dort aussieht, welche Einrichtungen es gibt – aber das, was es wirklich zu etwas Besonderem macht und was die Bilder nicht vermitteln, ist die Atmosphäre von Spiritualität. Das Programm hat sich nie ausschließlich auf Religion konzentriert. Es war subtiler. Vielleicht – Gemeinschaft. Etwas, was wir auf dieser Welt anscheinend nicht mehr haben. Aber dieses Bewußtsein ist dort entstanden, ob Sie es glauben oder nicht. « Eine liebgewordene Erinnerung fiel ihm ein, und er erzählte Janie davon. » Meine Mutter sagte immer, wenn ich ins Camp Meir ging, ich sei schon vorher ein netter Junge gewesen, aber ich käme jedesmal noch netter zurück. « » Nun, bei einem Jungen im Teenageralter will das wirklich etwas heißen «, meinte Janie. » Wem sagen Sie das «, erwiderte Davis. » Ich habe selbst einen Sohn in diesem Alter. Er kann ein richtiger Kotzbrocken sein. « Natürlich würde dieser Junge auch im Lager gewesen sein … Sie rechnete zurück. » Wie alt ist Ihr Sohn, Mr. Davis? « » Er ist jetzt siebzehn. Obwohl er gern so tut, als sei er dreißig. Ich versuche ihn ständig zu bremsen beim Erwachsenwerden. « » Hat er das Camp besucht, bevor Sie es übernommen haben? « » Ja. « » War er in dem Sommer da, in dem die Angst vor Giardia umging? « Davis schien unmerklich zu zögern, bevor er antwortete. » Das war vor unserer Zeit. « Er räusperte sich. » Meine Frau und ich hatten in dem Jahr einige Probleme. Sie fuhr mit den Kindern den ganzen Sommer nach Maine zu ihrer Familie. Das erschien zu dem Zeitpunkt als das einzig Richtige. « Sie werden vielleicht nie erfahren, wie richtig das war! » Nun, Kids sind sehr anpassungsfähig. « » Sie sagen es. MR Sam brachte uns wieder das Wesentliche vor Augen, und es gelang uns endlich, ins reine zu kommen. Wir sind noch immer zusa m men, kann ich zu meiner Freude berichten. « » Das ist wirklich positiv! « » Mein Sohn ging dann auch ins Camp, nachdem wir es gekauft hatten. Ich bin nicht sicher, ob er es so zu schätzen wußte wie wir. Er war zu sehr damit beschäftigt, ein Junge des neuen Jahrtausends zu sein. Aber nun genug von meiner faszinierenden Geschichte. Sie sagten, Sie würden sich für einige der alten Berichte interessieren. « Gut, daß er endlich auf das Thema kam, dessentwegen sie ihn angerufen hatte. Nicht, daß sie die Ausbruchs-Nostalgie störte – es war fast Teil des neuen Stils einer Einleitung – sozusagen als Begrüßung. » Ja, allerdings aus der Zeit vor Ihrer Übernahme, aus dem Sommer, in dem die Angst vor Giardia umging. Ich habe mit der Pflege eines der früheren Besucher zu tun; es handelt sich um einen Jungen namens Abraham Prives. Er hatte einen verheerenden Unfall, und ich – arbeite mit seiner Mutter zusammen. « » Was ist ihm denn passiert? « » Er ist beim Fußballspielen mit einem anderen Jungen zusammengeprallt und hat einen schweren Wirbelsäulenbruch erlitten. « Am anderen Ende der Leitung herrschte totales Schweigen. Janie dachte einen Moment lang, die Verbindung sei unterbrochen. » Mr. Davis? Sind Sie noch da? « » Ja «, sagte er nach kurzem Zögern. » Ja, natürlich. « Sein Ton war leiser, fast nachdenklich. » Ich bin nur einigermaßen schockiert. So etwas ist der schlimmste Alptraum aller Eltern. « Dann schien er sich ein wenig zu fangen und fuhr fort: » Aber ich fürchte, ich muß Sie enttäuschen, Dr. Crowe. Die Unterlagen aus dieser Zeit sind absolut unvollständig. Die Berichte wurden auf Papier festgehalten, verstehen Sie, und als das Camp geschlossen wurde, gab es einigen Vandalismus. Einer der Aktenschränke wurde von Hausbese t zern fast vollständig zerstört. Wir haben es zwar schließlich geschafft, sie zu vertreiben; aber vorher haben sie alles drangesetzt, den Einrichtungen erheblichen Schaden zuzufügen. « Janie sank der Mut bei dieser Eröffnung. » Ich weiß nicht, warum Leute sich so benehmen. « » Ich auch nicht. « Mit einem langen Seufzer sagte sie: » Es wäre mir eine große Hilfe, wenn ich eine Liste der Jungen bekommen könnte, die wegen Giardia behandelt wurden. Und wenn es die nicht gibt, würde mir auch eine Liste der gesamten Besucher in jenem Sommer genügen. « » Offen gestanden weiß ich nicht, ob wir solche Listen haben. « » Gibt es irgendwelche Aufzeichnungen darüber, wer das potentielle Problem mit Giardia feststellte? « » Wahrscheinlich ist es jemand von der Gesundheitsbehörde gewesen. Aber eigentlich weiß ich es nicht. « » Zu welcher Ortschaft gehört das Camp? Vielleicht erinnert sich jemand von der Verwaltung daran. « » Das Camp gehört zu der Stadt Burning Road. Und wenn Sie dort nichts erfahren, weiß vielleicht jemand von der Bezirksregierung etwas. « S o gering sie die Stadtverwaltung auch einschätzte, war sie noch mehr erschüttert, nachdem sie mit den Beamten der Stadt Burning Road und anschließend mit denen des zuständigen Bezirks telefoniert hatte. Sie wollten ihr erst Auskunft geben, wenn sie einen förmlichen Antrag auf der Grundlage des Gesetzes über Recht auf Information stellte. » Ich möchte Personalunterlagen, aus denen hervorgeht, wer zu dieser Zeit in der Gesundheitsbehörde tätig war, und keine Auskunft über das psychosexuelle Vorleben des Bürgermeisters «, sagte sie zu dem Beamten; hinterher bereute sie es, denn diese Formulierung hatte vielleicht unnötig aggressiv geklungen. Aber was kann man machen, wenn man mit Trotteln, Psychopathen und Schwachsinnigen konfrontiert ist? dachte sie verärgert. Und als sie später am Abend mit Kristina Warger telefonierte, um von den Resultaten ihrer ersten Aufgabe bei den gemeinsamen Bestrebungen zu berichten, fühlte Janie sich zu dem Satz bemüßigt: » Wissen Sie, einiges von dem, was ich heute gemacht habe, mußte nicht unbedingt speziell von mir erledigt werden. Weswegen soll ich diese Dinge tun und nicht Sie oder sonst jemand aus Ihrer Gruppe? « » Weil im Augenblick außer mir niemand verfügbar ist. Unsere Gruppe kann man nicht gerade als groß bezeichnen. Und Sie sind glaubwürdiger als ich – reifer und wahrscheinlich in sozialen Belangen geschickter. Zudem erinnere ich all diese Leute an ihre eigenen Kinder «, ergänzte sie. » Sie reden mit mir nicht so wie mit Ihnen. « » Aber ich gehe doch auf Sie ein. « » Sie sind intelligent und engagiert genug, um über meine Jugend hinwegz u sehen. Das ist bei den meisten anderen Leuten nicht der Fall. « Tatsächlich gehörte Kristinas Jugend zu den Dingen, die Janie an ihr faszinierend fand. Etwas verwirrt sagte sie: » Was sind sie nicht? Intelligent oder neugierig? « » Ach, intelligent sind viele. Aber neugierig … das ist eine Eigenschaft, die man viel zu selten antrifft. Die Leute scheinen einfach keine Fragen mehr zu stellen. « Mehr? Janie hätte gern sarkastisch gefragt, wie viele Beobachtungen und persönliche Erfahrungen die jugendliche Kristina zu dieser scharfsinnigen Feststellung gebracht hatten. Aber sie hob sich die Frage für eine andere Gelegenheit auf, bei der die ungewöhnliche Weltanschauung des Mädchens vielleicht besser in den Zusammenhang paßte. Für den Augenblick stimmte sie ihr einfach zu. » Ich denke, das kommt daher, daß die Leute in den letzten paar Jahren häufig unangenehme Antworten bekommen haben. Es gibt eine Menge Dinge, die wir alle nicht wissen wollen. Weshalb also fragen? Das ist völlig verständlich. « » Und absolut tragisch! Aber es gibt noch einen Grund, warum wir Sie brauchen. Einige von uns sind ziemlich bekannt. Mißverstehen Sie mich nicht – Sie sind auch nicht gerade ein Mauerblümchen. Aber es wäre sehr schwierig für einige meiner Kollegen, sich für diese Dinge zu interessieren, ohne daß ein paar Leute die Augenbrauen lüpfen. « Kollegen? Janie fragte sich, wann junge Mädchen anfingen , » Kollegen « zu haben. » Also damit hatte ich nicht gerechnet, als ich mich bereit erklärte mitzumachen. Zwar habe ich tatsächlich ein paar Dinge in meinem Leben geregelt, aber insgesamt glaube ich nicht, bei diesem Projekt in große Gefahr zu geraten. « » Wir sind erst am Anfang, Dr. Crowe, ganz am Anfang! Lassen Sie sich nicht täuschen. Und jetzt müssen wir definitiv einen anderen Kurs einschl a gen. Wir haben die Liste der Jungen mit diesem Problem. Aber wir haben keine Listen aus dem Camp; daher können wir keine Vergleiche anstellen, um etwaige Überschneidungen zu entdecken. « » Was ist mit dieser anderen Website – der von dem Camper, der Kontakt mit anderen Ehemaligen sucht? Vielleicht hat sich bei ihm jemand gemeldet. Er könnte eine E-mail-Liste besitzen. « Eine kurze Pause folgte. » Vermutlich ginge das … aber uns wär e e s lieber, keines der betroffenen Kinder selbst in die Sache hineinzuziehen, solange es nicht unbedingt notwendig ist. « » Warum? « Mit sehr leiser Stimme erklärte Kristina: » Sie reagieren empfindlich, wenn man in ihre private Welt eindringt. Aber wenn wir es tun müssen, dann müssen wir es eben tun, fertig. « M ichael Rosow vermißte die Zeiten in England, als er morgens aufstand und dann in einem dreiteiligen Nadelstreifenanzug samt dem üblichen schwarzen Regenschirm über dem rechten Arm zur Arbeit ging. Damals war eine Waffe noch nicht obligatorisch. Verdammt unbequem, hatte er gedacht, als er gezwungen gewesen war, den Schirm unter den linken Arm zu klemmen, um den Feuerarm frei zu haben. Und er hatte sich gerade daran gewöhnt, als privilegierter Lieutenant wieder Zivil tragen zu dürfen, als MR Sam aus Mexiko kam und er zusammen mit sämtlichen » entbehrlichen « britischen Polizisten jeden Ranges wieder Biopol zugeteilt wurde. » Nur, solange es dauert «, hatte man ihnen versichert, aber wie erwartet, dauerte es ewig. Denn bei jedem neuen Erscheinen von MR Sam, wie begrenzt auch immer, kehrte die Angst vor einem allgemeinen Ausbruch wieder zurück. Michael glaubte nicht mehr, daß diejenigen, die s ie miterlebt hatten, diese Angst je wirklich verlieren würden. Als er zu U. S. Biopol kam, hatte er zu seiner Überraschung festgestellt, daß der Beitritt in Amerika » freiwillig « gewesen war. » Wir haben eine gute Ge werkschaft «, hatte ihm ein Cop erzählt. » Und eine Bill of Rights «, fügte ein anderer hinzu. » Also konnte man uns zu nichts zwingen. Am Anfang zumindest. « Ihr hattet auch die am langsamsten reagierende Regierung und die höchste Sterberate der zivilisierten Welt, hatte er damals gedacht. Er haßte die merkwürdigen, zerknitterten, grellgrünen, sperrigen Overalls, die als Biosuits bekannt waren. Und als die Patronen in seiner Waffe durch chemische Geschosse ersetzt wurden, haßte er das noch mehr – obwohl er als erster eingeräumt hatte, daß die Politik, kein Blut zu vergießen, vernünftig, wenn auch lästig war. Aber die anderen Spielzeuge, die er als Biocop benutzen durfte, liebte er leidenschaftlich und genoß es, sie zu verwenden. Auf de m B ildschirm eines Bio-Imagers hatte er Caroline das erste Mal gesehen – der Anfang seiner Besessenheit. Als er zum Ermittlungschef im Fall des zu Tode gekommenen Hilfstrainers ging und sich nach Details erkundigte, erwartete er daher, Einzelheiten über die Ergebnisse des Postmortem-Bioprints, den Inhalt der Tüte mit Beweismi t teln vom Ort des Geschehens und der Computeranalyse der Szene zu erfahren. » Meine Frau ist mit jemandem bekannt, der den Verstorbenen kennt «, sagte er zu dem Kollegen, der wissen wollte, wieso ihn das interessiere. » Man erzählt sich, der Mann sei ein hochanständiger Bursche gewesen. Er flirtete ganz gern, aber dafür wird man doch nicht umgebracht, oder? « » Nein, sonst wären wir alle tot «, bemerkte der Ermittler. » Hören Sie, ich wollte gerade rüber ins Labor gehen. Der Mann wird in Kürze geprintet. « » Das ist noch nicht gemacht worden? « Der andere Cop sah sich nervös um. » Sie hinken ein bißchen hinterher «, vertraute er Michael an. » Hatten ein paar Fälle aus den Randbezirken. Und sie haben nicht die gleiche Ausstattung wie wir. « Michael fragte nicht, um welche Fälle es sich handelte; er wollte es nämlich gar nicht wissen. » He «, sagte der andere Cop plötzlich, » warum kommen Sie nicht mit? Dann sehen Sie ’ s ja selber. « » Gute Idee! « Zusammen fuhren sie in einem Biopol-Kombi los, der sämtliche neuen Spielsachen enthielt, und während der andere Polizist steuerte, untersuchte Michael begeistert die Ausrüstung und verglich sie mit der, die er auf seinem früheren Posten gehabt hatte. Alles war größer, glänzender, stärker und neuer als die Geräte in England. » Ich schätze, all diese netten Dinge sind typisch für Amerika «, stellte er fest. » Aber ich kann Ihnen sagen, auch im guten alten England sind unsere Waffenspezialisten verdammt auf Draht. Ich will nur mal einen Blick auf eure kleinen Wasserpistolen hier werfen. « Er öffnete die Waffenklappe und rechnete damit, das übliche Sortiment von Pistolen, Gewehren und ein paar leere Fächer zu finden, in denen in Ausbruchs-Zeiten die chemischen Waffen lagen. Doch in diesem Wagen waren alle Fächer gefüllt. Er starrte das Sortiment eine Weile an und erinnerte sich, wann ihm in England zuletzt so etwas begegnet war; ein unglückseliger Wachmann fiel einem Laborirrtum zum Opfer, unnötigerwe i se, weil er sich zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort befand. Vor seinem inneren Auge sah er noch, wie der Mann sich in den Nacken faßte, wo ihn die Kugel getroffen hatte, und binnen Sekunden zu Boden sank, da sein Körper bereits auf das Gift reagierte. Die chemischen Waffen waren nicht viel anders als die Pfeile wilder Eingeborenenstämme, und ihre toxische Ladung wirkte garantiert und mit unfehlbarer Genauigkeit … auf der Höhe von MR Sams Regentschaft auch verstörend häufig. Seit seiner Auswanderung aus England vor fast zwölf Monaten hatte er sie nicht mehr gesehen. Aber hier waren sie wieder. Er schloß die Klappe und ging zum Beifahrersitz zurück. » Wie ich sehe, haben Sie chemische Waffen dabei. « » Ja «, bestätigte der andere leise. » Vor ein paar Tagen sind alle Wagen wieder damit ausgestattet worden. « Warum hatte man ihm nichts davon gesagt? » Hat jemand einen Grund genannt? « » Nein. Und ich habe auch nicht gefragt. « Sie hielten vor einer Ampel, er drehte sich um und sah Michael in die Augen. » Um ehrlich zu sein, Lieut e nant, ich will es nicht wissen. Ich werde einfach tun, was man mir sagt, wenn die Zeit kommt. Aber bis dahin möchte ich, offen gestanden, nicht darüber nachdenken. « Die Ampel schaltete auf Grün; schweigend legten sie den restlichen Weg zum Gebäude der Gerichtsmedizin zurück. Das Schweigen hielt an, als Michael zusah, wie der steife Körper des Verstorbenen auf den horizontalen Bodyprinter gehoben wurde. Techniker schlossen die Leiche mit Sorgfalt und Präzision an die unteren Sensoren an. Sie führten Sonden in alle entsprechenden Öffnungen ein und senkten dann das obere Sensorenmodul mit seinen Zehntausenden von Rezeptoren über den Leichnam. Die Rezeptoren waren so biegsam und beweglich wie die Tentakeln eines Oktopus. Es gab einen Blitz und dann noch einen, als Licht und Strom in die winzigen Rezeptoren geleitet wurden, die ihre Einzelbildchen an einen Zentralcomputer weitergaben, wo sie dann zu einem kompletten, dreidimensionalen Bild zusammengesetzt wurden. » Tja, das war ein sauberer Print «, sagte Michaels Kollege, als der Techniker ihm kurz darauf einen Ausdruck und eine Diskette gab , » aber auf den ersten Blick würde ich sagen, daß die Ergebnisse ziemlich dünn sind. « Er reichte Michael ein einzelnes Blatt Papier, das kaum zu einem Drittel beschrieben war. » Ein Jammer! Gerade als das Baseballteam endlich wieder anfing, gut zu werden. « Michael hatte drei, vielleicht vier Seiten mit Daten erwartet. » Ist das alles? « » He, Sie haben es doch grade selbst gesehen … solide Arbeit! « Michael runzelte die Stirn über das magere Ergebnis. » Was ist mit dem Fundort? Hatten Sie da mehr Glück? « Der Cop zuckte die Schultern. » Wir haben alles aufgenommen, was es an Spuren gab. Im Grunde war das aber wenig. « » Verdammter Mist! « » Ganz meine Meinung. Dieser Fall wird von Minute zu Minute eigenartiger. « Nach einer angespannten Pause sagte er: » Hören Sie, wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, daß schon vor uns jemand da war und sich alle Beweismittel geschnappt hat, bevor wir es tun konnten. Wir hätten aus dem Aufnahmegerät fünfhundert menschliche Positive kriegen müssen. Das war ein öffentlicher Radweg – wie viele Leute, meinen Sie, sind über diesen Weg gelaufen oder geradelt und haben dabei ein paar Schweißtropfen vergossen? Himmel, sogar der Präsident ist auf diesem Weg gejoggt. Angeblich soll er dabei schwitzen wie ein Schwein. Aber wir haben nichts. « » Was ist mit der Befragung seiner Freunde und Angehörigen? « » Wir haben sie alle vernommen, und nach deren Aussagen war er der typische amerikanische Boy. Hoch angesehen im Beruf, beliebt in seinem Apartmenthaus. Ein rechtslastiger Spinner oder Pädophiler war er auch nicht – also nichts von dem, wonach man automatisch sucht, wenn jemand auf merkwürdige Weise ums Leben kommt. « » Und die äußerliche Untersuchung der Leiche hat auch nichts ergeben? « » Nichts, was nicht von ihm selbst stammte. Keine Schamhaare, keine Parfümreste, keine Hautpartikel unter den Fingernägeln. Aber eines kann ich Ihnen sagen, was ich über das Opfer weiß, und das ist nicht für die Öffen t lichkeit bestimmt. « » Nein, natürlich nicht «, murmelte Michael. » Weil das Basketball-Programm sein Image schützen muß. « » Klar. Ich werde es für mich behalten. « Der Ermittler beugte sich dichter zu ihm und flüsterte: » An seiner Person befand sich nicht eine Spur weiblicher DNS . Der Mann muß bei Frauen ein totaler Verlierer gewesen sein. Entweder das, oder jemand hat ihn gründlich gesäubert. « Einigermaßen nachdenklich kehrten sie zum Revier zurück. Dort bestieg Michael sofort seinen eigenen Wagen, um nach Hause zu fahren. Es gab keine Nachricht, daß sein Taschencomputer sich in Big Dattie eingeklinkt hatte, und dafür war er dankbar. Janie hatte ihre böse Tat korrekt ausgeführt. Später fragte Michael Caroline, ob sie den Mann irgendwie berührt habe. » Wir haben uns die Hand gegeben. « » Hmm «, entgegnete er. » Es gab nicht die Spur eines Gewebemoleküls. « K inder reagieren empfindlich, wenn man in ihre private Welt eindringt, hatte Kristina gesagt. In Anbetracht dieser ziemlich naheliegenden Weisheit verzichtete Janie darauf, ihrem ersten Impuls zu folgen, nämlich den Jungen im Rollstuhl über Internet um eine Liste der Jungen aus dem Camp zu bitten, die sich bei ihm gemeldet hatten. Statt dessen versuchte sie es bei Mrs. Prives, die so hilfsbereit war, wie man nur sein konnte – allerdings noch immer etwas zerstreut. Sie nannte alle Namen, an die sie sich erinnern konnte. » Einige von den Adressen habe ich zu Hause «, teilte sie Janie mit, » aber es besteht auch nur mit wenigen der anderen Familien Kontakt. Abraham hat vielleicht ein paar Adressen, aber ich weiß nicht, wo er sie aufbewahrt. « » Schon in Ordnung «, sagte Janie. Die Namen allein würden ausreichen. » Sie haben mir sehr geholfen. « Besorg dir einen neuen Computer, befahl sie sich, als sie die kurze Liste überflog. Sie konnte auf dem Computer in ihrem Büro beginnen, der über alle notwendigen Funktionen zum Sortieren, Vergleichen und Auswerten verfügte; aber es wäre schrecklich frustrierend, die Arbeit dort fortzusetzen und sozusagen durch ein e e lektronische Nabelschnur an die Server der Stiftung gefesselt zu sein. Doch deren Computer besaßen ein paar einzigart i ge Fähigkeiten, von denen eine der wichtigsten darin bestand, zu » beobachten «, ob sich etwas » außerhalb der Grenzen erwartungsgemäßer und tolerabler Variabilität « bewegte. Als Janie diese Formulierung zum erstenmal gesehen hatte, hatte sie sich in sie verliebt und schnurstracks angeeignet. Es wurde ihr neues Ziel, etwas » außerhalb der Grenzen « zu finden; hingegen bedrückte sie oft der Gedanke, wie introvertiert sie bei der Lösung ihrer Lebensprobleme geworden war, obwohl sie sich bewußt das Gegenteil vorgenommen hatte. Als ihr die Jungen aus Camp Meir auffielen und sie die Signifikanz ihrer Situation entdeckte, war sie gerade extravertiert gewesen. Als sie ihre manuelle Checkliste vervollständigt hatte, konnte sie sehen, daß alle diese Ehemaligen aus Camp Meir auf der allgemeinen Liste der Jungen mit zersplitterten Knochen standen. So, dachte sie, wenn es jemals Zweifel gab, dann sind sie jetzt beseitigt. Kristina würde das interessieren. Sie schickte eine E-mail an Wargirl: Lange nicht gesehen. A m gleichen Abend erschien Kristina bei Janie daheim, als Janie gerade ihr Abendessen aus braunem Reis, Tofu und Brokkoli zubereitete, obwohl sie nach einem kurzen Gespräch mit Michael nicht viel Appetit hatte. Kristina dagegen wirkte regelrecht ausgehungert. » Nehmen Sie sich einen Stuhl «, forderte Janie sie auf, » es ist mehr als genug für zwei da. « » Danke «, sagte Kristina. » Ich könnte vierundzwanzig Stunden am Tag essen. « Janie betrachtete Kristinas magere Gestalt. » Mein Kompliment «, sagte sie zynisch. » Anscheinend nehme ich niemals zu! « » Ich kenne noch jemanden wie Sie. Was mich rasend ärgert. « » Sie sollten sich mal ein oder zwei Tage meinen Stoffwechsel ausleihen, bevor Sie so etwas sagen. « Janie hatte schon bemerkt, daß Kristina eine ziemlich zappelige junge Frau mit einem Temperament war, das man früher sicher al s » lebhaft « oder sogar » nervös « bezeichnet hätte. Sie besaß eine Energie, die auf den ersten Blick beneidenswert schien. Doch als sie Kristina, die ihrer Betsy viel zu ähnlich sah, beim Essen beobachtete, fragte sich Janie, wie ihre Mutter mit einem so eigenwilligen Kind wie Kristina fertig geworden war. Sie hat sich darüber gefreut, entschied sie. » Also «, sagte sie, nachdem sie die Erinnerung an Betsy beiseite geschoben hatte, » wir haben den Anfang einer Liste. Abrahams Mutter erinnerte sich an einige Namen. Ich habe sie alle auf der Knochentrauma-Liste wiedergefu n den, die von Big Dattie stammt. Was mich auf einen weiteren Gedanken bringt. Ich denke, daß Sie recht haben, den Jungen mit der Website nicht zu kontaktieren. Aber vielleicht sollten wir es bei seiner Mutter oder seinem Vater versuchen. « Es war leicht, die Telefonnummer herauszubekommen – er hatte die Namen seiner Eltern auf der Website angegeben, die ausgedruckt auf ihrem Schreibtisch lag. Und diesen Eltern fielen, als von der Angst vor Giardia die Rede war, weitere Namen ein. Als Janie die Gespräche mit ihnen beendet hatte, überprüfte sie ein Drittel der Namen auf der Liste. » Tja, damit ist es ziemlich klar «, stellte Kristina fest, als sie die Ergebnisse ihrer abendlichen Bemühungen durchgingen. » Ich bin bloß überrascht, daß es sonst niemandem aufgefallen ist. « » Keiner hatte einen Grund, danach zu suchen. « » Anscheinend beginnt jetzt die zweite Phase «, sagte Kristina. » Und die wäre? « » Wir müssen komplette Akten über alle diese Jungen anlegen. Wenn wir dann die Daten sortieren, wird vielleicht eine Art Muster sichtbar. Wenn wir niemanden dazu bringen können, uns ganz offiziell Auskünfte zu erteilen, müssen wir eben selbst danach suchen. « Janie sah sich ratlos um. » Ich vermisse meinen Computer. Es ist dringend ein neuer fällig, bevor wir weitermachen. « » Ach du meine Güte, das habe ich vergessen «, rief Kristina aus. Schon huschte sie hinaus. Ein paar Augenblicke später kam sie zurück. Sie hatte aus ihrem winzigen Auto ein mit Klebeband fest verschlossenes Paket geholt, das keinerlei Aufdrucke trug. Vorsichtig stellte sie es auf die Arbeitsplatte in der Küche. » Ist das für mich? « fragte Janie überrascht, während sie zusah, wie Kristina das Klebeband löste. Kristina nickte und begann dann, Schicht um Schicht von Folie mit Luftbl a sen aus dem Karton zu klauben. Obwohl es schon so aussah, als enthalte das Paket nichts als Füllmaterial, hob sie endlich behutsam einen Taschencomp u ter heraus. Andächtig stellte sie ihn vor ihre Gastgeberin. » Dr. Crowe, darf ich Ihnen Virtual Memorial vorstellen? Ein kleines Geschenk von uns! « » Das Bild ist ganz gut «, bemerkte einer der Beobachter. » Bist du sicher, daß das der richtige Zeitpunkt ist, ihr das Gerät zu überla s sen? « fragte der andere. » Ich mache mir Sorgen, es könnte vielleicht zu früh sein. « » Und ich mache mir Sorgen, die perfekte Gelegenheit zu verpassen, wenn wir es ihr jetzt nicht geben. Sie ist wie eine Henne ohne Eier – wenn du ihr ein fremdes unterschiebst, setzt sie sich drauf, nur um was zu tun zu haben. « » Stört es dich denn nicht, jemand von außen einzusetzen? Mich schon! « » Nein. Überhaupt nicht. Tatsächlich halte ich es sogar für klug – es schafft eine gewisse Distanz. Es gefällt mir nicht, daß Kristina so exponiert ist. Aber erst recht mag ich es nicht, daß diese spezielle Frau d raußen ist. Sie sollte bei uns hier drinnen sein. « » Es muß also überall im Land Sympathisanten geben «, feixte Janie. » Solche wie mich. « » Und einige davon «, bestätigte Kristina ernst, » diejenigen, die ebenfalls an der richtigen Stelle sitzen, kümmern sich um die anderen Jungen auf der Liste – wie Sie sich um Abraham. Es gibt viele Förderer überall im Land, meist in Positionen, die Ihrer ähnlich sind, wo sie Zugang zu Patienten, zum MedNet, zu Computersystemen haben … aber sie sind keine offiziellen Betreuer. Labortechniker, Verwaltungsangestellte auf mittlerer Ebene, Forscher, die mit Datenbanken umgehen und Fragen stellen können, aber keine unerwünschten Spuren hinterlassen. In einem Punkt unterscheiden sie sich allerdings von Ihnen. « » Und der wäre? « » Sie werden ihnen sagen, was sie zu tun haben. « Janie reagierte sofort. » Nein. Das kann ich nicht. Ich bin nicht der Typ, den Boß zu spielen. « Kristina unterdrückte ein kleines Lachen. » Wir haben aber etwas anderes gehört. « » Was haben Sie gehört? « » Dr. Crowe, bitte tun Sie nicht so, als verstünden Sie nicht, warum wir Sie rekrutiert haben: uns gefiel einfach, was über Sie bekannt ist. « Janie überlegte ein paar unbehagliche Augenblicke lang, wie sie reagieren sollte. » Ich glaube, Sie bringen da etwas durcheinander. Vielleicht bin ich herrisch, aber gewiß kein Boß «, sagte sie schließlich. » In meinen langen Arbeitsjahren habe ich niemals irgendeinen Verwaltungsposten übernommen und beabsichtige, das auch für den Rest meines Lebens so zu halten. Es ist nicht mein Stil, andere Leute zu überwachen. Zuviel Hierarchie von der Sorte, die ich besonders verabscheue. « » Aber da unterschätzen Sie sich! Sie wären sehr gut darin. « » Das glaube ich nicht. Und noch etwas – es wäre schwierig für mich, jetzt wegzufahren, weil … « » Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sie brauchen überhaupt nicht zu verreisen «, winkte Kristina ab, als sei die Angelegenheit geregelt – als spiele Janies Meinung oder Stil absolut keine Rolle. » Tatsächlich fahre ich sehr bald nach Island. « » Das wissen wir, aber diese Art Reisen meine ich nicht. Bei unserem Vorhaben werden Sie nicht reisen müssen. Und keiner hat etwas dagegen, daß Ihr Islandausflug die Arbeit unterbricht, die Sie für uns leisten. Sie wird vermutlich nie so zeitintensiv sein, daß ein paar Tage Verzögerung eine Rolle spielen. Außer natürlich, wenn sich in der Zwischenzeit irgend etwas Dringliches ergibt. « » Und was dann? « » Dann werden wir uns überlegen, was zu tun ist. « » Ich bin fünf Tage weg. « » Das macht nichts. Aber wenn Sie sich besonders engagieren sollten und beschließen würden, die Reise zu verschieben, würde auch niemand Einwände erheben. « Janie dachte einen Moment lang nach. Gleich darauf ärgerte si e s ich, daß sie diese Möglichkeit überhaupt in Erwägung zog. » Seit vier Monaten habe ich meinen Freund nicht gesehen. « » Das wissen wir. Sie sollen ihn haben! Danach werden Sie sich besser fühlen und leistungsfähiger sein. Und was die angesprochene Boß-Stellung betrifft: Ihre einzige Interaktion mit den anderen da draußen wird auf elektronischem Wege stattfinden. Sie sind die Zentrale für alles, was die Mitarbeiter sammeln. Das meinen wir mit › Boß ‹. Sie sagen Ihren Verbindungsleuten, ob Sie weitere Daten brauchen oder ob die Daten, die sie geschickt haben, einen Sinn ergeben. Dasselbe, was Sie im Moment für die Stiftung machen. Außer daß Sie jetzt in der Lage sein werden, alles von hier aus zu erledigen «, fuhr Kristina fort, » und ich die einzige Person bin, mit der Sie es zu tun haben. « Sie tätschelte den kleinen Computer und ließ die Hand dann auf dem geschlossenen Deckel liegen. » Und mit unserem Virtual Memorial hier! « » Okay. « Janie war einverstanden. » Das hört sich schon etwas besser an. Aber im Moment frage ich mich, warum dieser kleine Kerl einen Namen hat. « » Weil er einmalig ist – der einzige seiner Art. Er hat spezielle Fähigkeiten, die Mitglieder unserer Gruppe für die anstehende Arbeit entwickelt haben. Programme, die speziell für dieses Projekt geschrieben wurden, besondere Kommunikationsvorrichtungen, Dinge, die Sie bei einem gewöhnlichen Computer aus dem Laden nicht finden. Wenn von den verschiedenen Quellen Berichte eingehen, werden sie automatisch zu den richtigen Programmen geleitet, ohne daß Sie sich darüber Gedanken machen müßten. Sie behalten die Vorgänge bloß im Auge. « Hmm. » Aber ich denke gern selbst «, wandte Janie ein. » Das wünschen wir auch. Sie werden sehen, was fehlt, was noch benötigt wird. Und wenn wir alles eingegeben haben, kommt das Auswertungspr o gramm an die Reihe … ein sicherer Kommunikationsweg, in den niemand eindringen kann. « » Nach allem, was ich weiß, ist so etwas ohnehin völlig unmöglich. « » Nicht, wenn Sie einen eigenen Satelliten haben. « Janie starrte sie an. » Das gibt ’ s doch nicht. « Kristina warf sich in die Brust. » Wir haben ihn voriges Jahr hochgeschossen. Und seit dem Tag seiner Inbetriebnahme funktioniert er perfekt. Die Geräte, mit denen Sie und alle anderen ausgestattet sind, sind die einzigen, die mit unserem Satelliten Verbindung aufnehmen können. « » Ihr Leute müßt ja Berge von Geld haben, für all diese Einrichtungen. « » Eigentlich nicht. Aber unsere Finanzmittel verwenden wir sehr besonnen. « » Woher kommen sie? « » Aus verschiedenen Quellen. Genaueres darf ich Ihnen nicht verraten. « » Da muß aber jemand oder etwas Großes dahinterstehen. « » Ich kann Ihnen nur sagen, daß wir einige großzügige Förderer haben, die wirklich an unser Projekt glauben. « Janie empfand diese bewußt vagen Antworten als schrecklich unbefried i gend. Sie erweckten in ihr deutlichen Argwohn. » Das müssen sie wohl. « » Sie tun es. Und wir hoffen, daß auch Sie davon überzeugt sein werden. « » Dazu kann ich im Augenblick noch nichts sagen – vorläufig muß ich erst mehr davon sehen. « » Wir nehmen an, daß Sie bald gerne einsteigen werden, und zwar genauso schnell wie alle anderen «, sagte Kristina. Ihr Ausdruck war wieder fast herausfordernd. » Aber bis dahin sollte ich Ihnen vermutlich einiges an diesem Computer erklären. Unter gar keinen Umständen darf er in falsche Hände geraten. « » Ich komme mir dumm vor, das zu fragen, aber – warum? « » Weil einige der Informationen, die Sie sammeln, ein bißchen › heikel ‹ sein könnten. « » Allmählich habe ich das Gefühl, daß dieses ganze Projekt ein bißchen › heikel ‹ wird. « » Könnte sein. Aber das wird sich erst herausstellen. « » Unseren Junior hier muß ich also im Auge behalten! « » Das hätten wir gern, ja «, sagte Kristina. » Und Sie sollten die Dateien auch jeden Tag abspeichern. Sie können alle an den Satelliten schicken, der bewahrt sie für Sie auf. Und wenn Sie binnen drei Tagen kein Update der Datei schicken, wird sie gelöscht. « » Ach du meine Güte «, jammerte Janie theatralisch. » Das ist aber gar nicht nett. Selbst Hausgästen gibt man gewöhnlich eine Woche. « » Wenn wir längere Speicherung wollten, hätten wir einen stärkeren Satelliten haben müssen. Wir fanden es eine gute Idee, nur diesen kleinen zu benutzen. Die Kontrollbehörde glaubt, daß unsere Station einer Umweltorganisation gehört und dazu bestimmt ist, Naturdaten zu sammeln. Deshalb haben wir die Genehmigung bekommen für diesen Standardsatelliten und ihn völlig ausgeweidet. Anschließend hat unser hauseigener Spinner ihm neue Innereien verpaßt. « » So jemanden haben Sie? « Stolz lächelte sie, ehe Kristina antwortete: » Und was für einen! « Janie schüttelte den Kopf. » Ich bin tief beeindruckt. « Alles war sehr gut durchdacht. Jemand in dieser Organisation hatte sowohl die Vision als auch den Willen gehabt, wurde ihr plötzlich klar, dieses Projekt aufzubauen. Und zu allem Überfluß war diese Person wahrscheinlich auch imstande, ungehe u re Geldmittel aufzutreiben. Bei solchen Verbänden oder Organisationen lagen die Dinge fast immer so, daß ein einzelner Mensch die treibende Kraft war. Andere mochten folgen, einige dicht genug, um es so aussehen zu lassen, als seien sie an der Führung beteiligt – aber im Grunde gab es dabei nur einen einzigen » Kopf «. Unwillkürlich fragte Janie sich, wer das sein könnte. Sicher jemand, von dem ich noch nie gehört habe, jemand mit unbekannter Macht und dem Mut, sie einzusetzen. Sie wußte, sie würde diesen Anführer entweder verehren oder hassen, wenn sie ihm je begegnete. Oder er ihr. » Und was kommt jetzt, wo Sie mir die Leine gezeigt haben? « » Ich schätze, Sie führen den Hund spazieren. « KAPITEL 15 A ls Alejandro am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah er Abrahams Manuskript auf dem Tisch beim Fenster liegen, daneben Tinte und Feder. Noch größer war seine Überraschung, als er ein Tablett mit einem einladenden Frühstück entdeckte – ein schöner, roter Apfel, ein Stück Käse, ein Laib knuspriges, goldenes Brot. Neben der Porzellanschüssel gab es einen Krug mit Wasser und ein sauberes weißes Tuch. Habe ich so fest geschlafen, daß ich den Diener nicht hereinkommen hörte? Der Gedanke verstörte ihn. Ziemlich niedergeschlagen machte er sich klar, daß seine Behandlung als de Chauliacs Gefangener von ähnlicher Art war wie die Aufmerksamkeit, die er als König Edwards Gast in Windsor Castle genossen hatte. Ich soll mich an den Zustand gewöhnen, dachte Alejandro. Er möchte mich gefügig machen. Keine schwierige Aufgabe, dachte er niedergeschlagen. Da ich sonst nur die Härte und Unsicherheit des Lebens auf der Flucht kenne, bringt mich erwartungsgemäß die einfachste Freundlichkeit völlig aus der Fassung. Sein Leben war schwer gewesen, manchmal fast unerträglich. Doch trotz alledem hatte er ein Menschlein großgezogen – ganz gegen die Regel der Natur, nach der ihm die eigene Selbsterhaltung wichtiger hätte sein müssen als die des Kindes eines anderen Mannes. Daß er noch immer alle seine Zähne hatte, war für ihn ein Wunder; denn ein Mann mit weniger Willenskraft würde das knusprige Brot in Wasser tauchen müssen, bevor er es verzehrte, und diesen wunderbaren Apfel nur mit wehmütigen Erinnerungen an das Vergnügen betrachten, hineinzubeißen. Er war immer noch stark und bereit, das Notwendige zu tun, um zu überleben. Wiewohl nicht mehr ganz derselbe wie früher, betraf der Verlust an Kraft doch eher seine Seele als seinen Körper. Doch wer kann mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich mi r e inen Moment der Freude gestatte? Es war schlimm genug, einen großen Teil der Nacht in unbewußtem, vergeblichem Streben nach Wiedervereinigung mit jenen zuzubringen, die er liebte; oder er floh vor der Rache eines längst verstorbenen Riesen, aber wachte dann auch noch in der Morgenkälte Tag für Tag mit Blick auf einen elenden Hüttenboden aus gestampfter Erde auf. Er konnte nur annehmen, daß das ein böser Scherz des christlichen Gottes war, der vom Himmel aus auf ihn niederschaute und sein göttliches Vergnügen daran hatte, daß der rastlos wandernde Jude hüpfte und tanzte wie eine Marionette, wenn er an den Fäden des Schicksals zog. In einem sauberen Bett zu erwachen, ohne die Mäuse dicht neben ihm im Stroh rascheln zu hören – welcher Luxus! Er stützte sich auf einen Ellbogen und betrachtete seine behagliche Umgebung. Wenn ich schon ein Gefangener sein soll, dann laß ich es mir nur unter solchen Bedingungen gefallen! Er wusch sich, stillte seinen Hunger, indem er mit intakten Zähnen dankbar kaute, und wandte seine Aufmerksamkeit dann dem Manuskript zu. Der Papyrus begann sich mit seinen schönen Schriftzügen zu füllen. Abrahams Worte hatten den Lauf der Zeit mit wunderbarer Frische und Weisheit überlebt. Wenn er ruhig und sorgfältig arbeiten konnte wie jetzt, schritt die Übersetzung stetig voran, und an manchen Stellen freute er sich beinahe über besonders gelungene Wendungen. Doch dann stieß er auf einen Absatz, dessen Sinn sich ihm entzog. Achtet auf eure Knochen, stand da, auf daß sie nicht brechen. Es gibt unter euch solche, denen es mangelt an – was war das für ein Wort? Er konnte die Bedeutung der archaischen Schriftzeichen nicht entziffern. Knochen des Rückens, lautete die wörtliche Übersetzung. Im Zusammenhang des Textes konnte es nur Rückgrat bedeuten. Aber warum eine so spezifische und detaillierte Ermahnung, wenn sonst keine Fragen der persönlichen Gesundheit eingehender erörtert wurden? Und was hatte de Chauliac gesagt, das ihm nun undeutlich wieder ins Gedächtnis kam, während er diese Worte las? Er ließ eine Stelle frei, um das Wort einzusetzen, wenn er dessen Sinn endlich erkannt haben würde. Ich werde ihn herausfinden, versicherte er sich selbst. Gerade schrieb er die ersten Worte des nächsten Absatzes, als ein Klopfen an der Tür ertönte. Es gab auf der Innenseite keinen Türknauf – de Chauliac hatte ihn vom gleichen unbeholfenen Zimmermann entfernen lassen, der kürzlich auch das offene Fenster mit Gittern versah. Das Klopfen war also reine Höflichkeit. Seine allgegenwärtigen Bewacher kontrollierten jeden Besucher, und nach ein paar Sekunden trat einer von ihnen ein, die Augen niedergeschlagen. Alejandro verdroß es, daß sie seinem Blick stets auswichen. Warum sieht mich keiner von ihnen je direkt an ? Bin ich einfach ein Gegenstand, den sie auf Befehl ihres Herrn von hier nach da transportieren? Vielleicht war es indessen Diskretion, die sie dazu veranlaßte … in einem so eleganten Haus mußten sich sogar die Wachleute ordentlich benehmen können. Doch dann kam ihm eine verblüffende Erkenntnis: Sie fürchten mich. Aber nicht, weil ich ihnen schaden könnte. Der Wächter brachte ihm einen Arm voller Kleider, sah ihn aber wieder nicht an. » Für die Gesellschaft heute abend … «, murmelte er. Alejandro stand regungslos da und forderte den Mann im stillen heraus, ihm in die Augen zu sehen. Bitter fragte er sich: Was glauben sie denn zu finden – irgendein exotisches Tier von unvorstellbar abscheulichem Äußeren? Sein Groll wuchs von Sekunde zu Sekunde. Fürchtet Ihr, daß ich mit dem Gesichtsausdruck gottloser Lust meine erigierte Männlichkeit in der Hand halte? Oder soll ich die Zähne fletschen und Euch zeigen, daß sie vom Blut christlicher Säuglinge triefen, wie Eure Priester von uns Juden behaupten? Er schleuderte die Kleidungsstücke mit Schwung beiseite, und der Diener verließ rasch die Kammer. Mißmutig sah Alejandro sich die Gaben an. De Chauliac hatte ihm eine ansehnliche Auswahl gesandt, die in ihm den demütigenden Gedanken hervorrief: Man muß sein Spielzeug immer auf die bestmögliche Weise präsentieren. Da gab es eine Tunika aus feinem blauen Leinen und elegante Kniehosen. Er hielt sich die Sachen an; sie sahen aus, als paßten sie ihm genau. Er fragte sich kurz, ob de Chauliac in der Nacht womöglich einen Schneider geschickt hatte, der ihm die Maße abnahm, während er schlief. Aber das soll mich nicht stören, dachte er mit einem grimmigen Lächeln, denn wenn ich fliehe, werde ich ein erstaunlich eleganter Flü chtling sein. Charles von Navarra nahm den Brief entgegen, den der Page des Barons de Coucy ihm rei chte, und entließ den Boten mit einer raschen Handbewegung. Das rote Siegel erkannte er jetzt auf den ersten Blick, denn es prangte in letzter Zeit auf zahllosen Briefen an ihn. Wieder eine Mitteilung meines Verbündeten in Paris. Wenn man an all die Pferde dachte, die ihre tägliche Korrespondenz beförderten! Es war eine sündhafte Verschwendung, aber notwendig. Mit eifrigem Interesse las er Marcels Worte: L etzte Nacht ist Guillaume Karle hier eingetroffen, wie Ihr vorhergesagt hattet. Ich halte ihn für einen besonders intelligenten Menschen, wenn auch etwas übereifrig; aber seine Leidenschaft ist auf Revolte gerichtet und kann uns nur von Nutzen sein. Zu meiner Überraschung befindet er sich in Begleitung eines jungen Mädchens; ich nehme an, daß sie ihm mit ihrem Liebreiz ein großer Trost ist, und welchem Mann kann man verübeln, daß er sich in solchen Zeiten von einer Frau verwöhnen läßt? Wir müssen schließlich auch unsere Erholung haben. Zu meiner Freude kann ich Euch berichten, daß er sich durch sie nicht von seinen aufrührerischen Plänen ablenken läßt; seine Hingabe an die Sache scheint ungeheuer. Nach sorgfältiger Prüfung bin ich zu dem Schluß gelangt, daß er mit entsprechender Überzeugungsarbeit durchaus eine Armee von Bauern um sich sammeln kann, die unsere Sache fördern. Doch ich bedaure, Euch mitteilen zu müssen – was Euch gewiß nicht überraschen wird – , daß er Euch mit derselben Leidenschaft verabscheut, mit der er die Freiheit liebt. Und wenn das, was er mir von Euren Eskapaden auf dem Lande berichtet, wahr ist, dann kann ich ihm dieses Gefühl nicht verübeln. Vielleicht, werter Herr, solltet Ihr über Eure Maßnahmen gegen die Bauernschaft noch einmal nachdenken. Macht ihnen Schwierigkeiten, denn damit müssen sie rechnen – aber schlachtet sie nicht mit so offenkundiger Begeisterung ab! Ihr solltet auch jene Edelleute, die Euch unterstützen, dazu bewegen, sich zu mäßigen. Außerdem bitte ich Euch, über die Verfolgung von Karle selbst noch einmal nachzudenken – denn es würde uns nur schaden, wenn er tot wäre oder in Ketten läge. Für den Augenblick nützt er uns mehr, wenn er auf unserer Seite gegen jene stünde, die Euch Euer Recht vorenthalten wollen. Wenn Ihr sowohl ihn als auch die Anhänger des Königs bekämpft, werden unsere Kräfte unnötig gespalten. Natürlich muß ein solcher Aufschub von Zeit zu Zeit überdacht werden, und wenn Ihr ihn, nachdem Ihr den Euch zustehenden Platz eingenommen habt, zu bedrohlich findet, dann solltet Ihr das Nötige unternehmen, um Eure Stellung zu sichern. D er Brief enthielt noch einige weitere Mitteilungen, aber keine davon war auch nur annähernd so wichtig wie die erste. » Ich bin mit diesem Provost Marcel sehr zufrieden «, teilte er später Baron de Coucy mit. Aber er tut diese Dinge nicht aus Loyalität mir gegenüber, dachte Navarra, sondern weil er denkt, daß er zu guter Letzt weiterhin Paris regieren wird. Solche Arroganz bei einem Mann bürgerlicher Herkunft ziemte sich eigentlich nicht. Wenn ich König von Frankreich sein werde, dann lasse ich ihm Paris nur vielleicht. Wenn es mir gefällt … D as Licht der Sonne war ihr nie wohlwollender erschienen, ein Strohlager nie behaglicher. Kate drehte sich zu Guillaume Karle um, der noch schlief. Sie fuhr mit dem Finger an seinem Kinn entlang, und bei dieser zarten Berührung schlug er die Augen auf. Er verzog die Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln und nahm sie in die Arme. Zufriedenheit erfüllte sie, und sie dachte: Kann es eine größere Freude geben als die, die ich im Augenblick erlebe? » Wie schön die Nacht war «, flüsterte er leise. » Für meinen Geschmack ist die Sonne viel zu schnell aufgegangen. « » Und ich habe gerade gedacht, wie herrlich das Licht heute wärmt. « Sie lachte ein wenig. » Mir scheint, wir streiten uns schon am ersten Tag, und das über eine Sache, auf die wir nicht einmal Einfluß haben. « Er küßte sie leicht auf die Stirn. » Eine Sache, die ihren eigenen Lauf nimmt, egal, was wir darüber denken. Die Sonne wird verschwinden und wiederkommen, ohne sich um unsere Wünsche zu kümmern. « Dann erstarb sein Lächeln. » Es gibt andere Dinge, die sich nicht von allein lösen werden, denke ich. « Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da spürte Kate scho n s chmerzlich das Vergehen der Zeit, den tragischen und unvermeidlichen Tod jedes kostbaren Augenblicks. Die Nacht war schon vergangen, der Tag schritt unaufhaltsam voran. Sie würden sich von ihrem Strohlager erheben und das Leben wiederaufnehmen, das sie zuvor geführt hatten – weitab von dem, was in der Nacht zwischen ihnen geschehen war. Karle mußte eine Erhebung vorbereiten, sie ihren père finden. Diese Liebesnacht würde nicht die beiden Schwerter beseitigen, die Gott selbst über ihre Häupter gehängt hatte. Trotzdem würde Père, sobald sie ihn gefunden hatte, die Veränderung an ihr zweifellos bemerken. Sie spürte sie selbst mit verwirrender Deutlichkeit. Konnte sie verhindern, daß man sie ihrem Gesicht ansah? Nein, auch nicht mit Hilfe der Gesegneten Jungfrau persönlich. Er würde auf den ersten Blick sehen, daß sie nicht mehr nur Tochter war. Er kann nicht denken, ich würde ewig sein Kind bleiben. Diese Unmöglichkeit muß ihm klar sein! Als Karle sich auf einen Ellbogen stützte, als wolle er aufstehen, klammerte Kate sich an seinen Arm. Bitte noch nicht, dachte sie verzweifelt. » Wirst du mich jetzt schon verlassen? « Er legte sich wieder hin, zog sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr: » Wenn ich die Wahl hätte, würde ich dich nie verlassen. Aber man kann keine Drachen töten, wenn man in den Armen der Dame liegt, die man beschützen möchte. « » Die Drachen sollen warten. « » Aber sie müssen dennoch getötet werden. « Sie preßte sich an ihn. » Laß sie warten! « I nzwischen wurden die Strahlen der schönen Sonne wieder länger, als sie einem weiteren Rendezvous mit dem Horizont entgegenstrebte. Schwer lastete das Schweigen auf Kate und Karle, während sie abermals die Rue des Rosiers aufsuchten; Kate mußte sich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, so sehr fühlte sie sich von Zweifeln und Bedauern bedrückt. Welch seltsamen neuen Körper hat meine Seele geschaffen? fragte sie sich. Binnen eines Tages hat er einen eigenen Willen bekommen, der mir ganz fremd ist. Doch welch lustvoller Ungehorsam war das, welch süße Scham! Sie war sich ihrer Weiblichkeit ungewöhnlich bewußt, während si e d ahinschritt; zum erstenmal hatte sie sie so benutzt, wie von Gott vorgesehen. Gott hat es so gewollt! wiederholte sie sich innerlich. Warum war es dann ein Grund zur Scham? Ihr Kopf steckte voller Fragen, die sie sich noch nie gestellt hatte. Wenn ein Mann und eine Frau das Lager teilten, ging dann stets der Homunculus von ihm auf sie über und wuchs in ihr als ein Kind heran? Gewiß nicht, überlegte sie, sonst wären die Frauen ständig schwanger! Aber was, wenn es doch so wäre? Wohin verschwanden diese Homunculi, wenn sie im weiblichen Schoß nicht willkommen waren? Gab es in der Welt einen besonderen Ort für den nicht benutzten Beitrag eines Mannes zur Vaterschaft? Das erschien ihr nur vernünftig. Und was sollte eine Frau tun, wenn ihr Geliebter sie erkennen wollte, während ihrer Regel? Für einen kurzen Moment sehnte sie sich nach einem Wiedersehen mit ihrer verstorbenen Mutter oder der Hebamme, Frau Sarah, die Antworten auf diese Fragen wüßten und sie mit einem freundlichen, verständnisvollen Zwinkern erteilen würden. Bei einem ihrer seltenen und schwierigen Gespräche über Frauenangelegenheiten hatte Père, der so liebevoll versuchte, ihr Vater und Mutter zugleich zu sein, gesagt, die Juden hätten strenge Regeln für die Aktivitäten von Mann und Frau im Bett. » Darin sind die Christen vernünftiger «, hatte er widerstrebend eingeräumt. » Sie erlegen ihnen keine anderen Beschränkungen auf als die, daß Mann und Frau vor ihrem Gott verehelicht sein müssen. « Sie spürte den Stachel dieser einen, geheiligten Beschränkung, denn dagegen hatte sie eklatant verstoßen. Und plötzlich empfand sie unerklärliche Angst. Würde sie dafür in der Hölle schmoren? Bitte nicht, Herr! Habe ich unter Deiner Willkür nicht schon genug gelitten? Wo blieb die Gerechtigkeit? Wie viele Frauen hatte ihr leiblicher Vater in sein Bett geholt, während er doch nur mit einer von ihnen verheiratet war? Niemand hatte sie gezählt, zum unverdienten Nutzen seines Rufes. Er hatte nur die oberflächlichsten Versuche unternommen, seine Untreue zu vertuschen. Und war ihre eigene Mutter nicht Edwards Geliebte gewesen, wenn auch gegen ihren Willen, ohne mit ihm verheiratet zu sein? Ganz bestimmt ruhte ihre edle Mutter nun in Gottes Armen und wurde von Engeln mit der Verheißung eines ewigen Lebens getröstet, das weniger tragisch wäre als ihr irdisches. Jeder andere Verlauf wäre schlicht undenkbar. Gott ist gnädig, versicherte sie sich, trotz allem, was die Priester uns glauben machen wollen. Aber Père hatte Lady Throxwood in sein Bett geholt, und es hatte kein gutes Ende genommen. Ich werde um Vergebung beten müssen, dachte sie. Aber welch köstliche Sünde war das gewesen! Sie würde in aller Demut Abbitte leisten und dadurch vielleicht alles wiedergutmachen. Als von Alejandro immer noch jegliche Spur fehlte und sie zu Marcels Haus zurückkehrten, fühlte Kate sich seltsam erleichtert. D e Chauliacs Dienerschaft eilte hektisch und geschäftig im Haus umher und bereitete die Soiree vor. Alejandro saß an einem Ende des Tisches im Arbeitszimmer des Franzosen und beobachtete das Treiben ringsum. Abrahams Manuskript lag offen vor ihm. De Chauliac saß ihm gegenüber und hatte ein medizinisches Werk in Händen; aber seine Augen vermochten anscheinend nicht auf dessen Seiten zu verweilen. Über seine lange Nase hinweg überwachte er streng seine emsige Dienerschaft. Aus seinem Ausdruck schloß der Jude, daß sein Kerkermeister mit deren Aktivitäten nicht zufrieden war; er wunderte sich, warum de Chauliac keine Mätresse hielt, die sich um solche Belange kümmerte. Und warum wurde von ihm selbst verlangt, Zeuge zu sein? Ich möchte, daß Ihr bei meinen Studien anwesend seid, hatte der französische Arzt erklärt, als er Alejandro aus seiner Kammer hatte holen lassen. Vielleicht ergibt sich das Bedürfnis, den einen oder anderen Punkt zu diskutieren. Dann ruft doch einen Eurer Studenten, hatte Alejandro gesagt. Sicherlich reißen sich alle um das Privileg, zu Euren Füßen zu liegen! Das tun sie in der Tat, aber ich ziehe bei meiner Lektüre die Gesellschaft von Gleichen vor, hatte de Chauliac erwidert. » Franzose, Ihr studiert nicht, sondern seid zerstreut. Wozu braucht Ihr dann meine Gesellschaft? « » Weil ich es so will, Spanier! « Er lächelte sarkastisch. » Obwohl sie im Augenblick wenig taugt … « Weil ich Euch nicht mit Konversation zufriedenstelle. Bis auf di e K lage eben hatte Alejandro noch nie das Wort ergriffen, wenn sein Gastgeber ihn nicht als erster ansprach, obwohl er sich nach einem ordentlichen Gespräch sehnte, über irgend etwas, das seine Gedanken von den gegenwärtigen Schwierigkeiten ablenkte. Das verwirrende Wort, das er zuvor gefunden hatte, war noch immer nicht entziffert, und das Manuskript enthielt noch viel mehr, das nach Aufklärung verlangte. Aber er gestattete sich nicht das schlichte Vergnügen eines Dialogs, denn sein Häscher würde sich ebenfalls daran erfreuen, und dazu wollte er auf keinen Fall beitragen. Als die Schatten länger wurden und die Abenddämmerung hereinbrach, trafen allmählich diejenigen ein, die für die Unterhaltung sorgen würden. Zuerst kamen Musiker und ein Narr, dann eine exotisch aussehende Frau mit dunklem Haar und bräunlichem Teint, seinem eigenen nicht unähnlich. De Chauliac behauptete, sie würde der Gesellschaft Tänze vorführen. » Sie läßt in höchst aufreizender Weise den Bauch kreisen «, sagte er mit einem verschmitzten, fast jungenhaften Lächeln. » In diesen mageren Zeiten freut sich jeder über ein Engagement, und deshalb wird sie tun, was sie kann, um ihr Publikum zu entzücken. « Alejandro folgte ihr mit den Augen, als sie durch die Vorhalle wogte. Ein leises Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit, und er sagte: » Und wie werden die Damen diese Unterhaltung aufnehmen? « De Chauliac lachte. » Heute abend werden keine Damen anwesend sein. Die meisten sind fortgeschickt worden, bis in Paris wieder normale Zustände herrschen. « Alejandro dachte an Kate, die sich jetzt irgendwo in der Stadt aufhielt. Insgeheim betete er, wenn auch widerstrebend, daß sie noch mit Karle zusammen war. » Ist es hier im Augenblick für Frauen wirklich so gefährlich? « erkundigte er sich. » Nur für Damen von Adel «, antwortete de Chauliac. » Die aus den niedrigeren Klassen können noch immer kommen und gehen, wie es ihnen gefällt. « Er schaute aus dem Fenster und schätzte die Zeit. » Ich denke, es ist vielleicht angebracht, daß Ihr jetzt in Eure Kammer zurückkehrt «, ordnete er an. » Obwohl ich unser anregendes Gespräch eigentlich nicht mehr lange hinausschieben möchte. Ihr solltet eine Weile ruhen und Euch dann fertigmachen. « Wofür? fragte sich Alejandro, als die Wachen ihn hinausschoben. Etwa eine Stunde später erschien de Chauliac persönlich, um Alejandro wieder nach unten zu geleiten. » Ihr seht recht gut aus, Arzt! « Er tätschelte seine Schulter. » Aber schon damals habt Ihr eine gute Figur gemacht, als ich Euch fein ausgestattet nach England schickte. Ihr habt mit den vergehenden Jahren Euren Schwung nicht verloren. Ich muß sagen, man käme niemals darauf, daß Ihr Jude seid. « Ihr seid auch nicht darauf gekommen, dachte Alejandro. Aber er behielt den Gedanken für sich, denn er würde seinen Gastgeber nur reizen, und er wollte ihn so friedlich wie möglich sehen. Es würde seinen Zwecken nicht dienen, de Chauliac heute abend aufzubringen. Als könne er Alejandros Fluchtgedanken lesen, sagte der Franzose: » Ich will Euch den Gefallen erweisen, Euch zu warnen. Versucht nicht, während ich mich meinen Gästen widme, von hier fortzulaufen. Heute nacht werden viele Wachen Posten beziehen. Ihr könnt Euch im Haus bewegen wie jeder andere Gast, aber man wird Euch im Auge behalten. Aufmerksam! Habe ich mich klar ausgedrückt? « » Durchaus «, gab Alejandro zurück. » Nun, was die Vorstellung angeht, so werde ich Euch den anderen Gästen als Dr. Hernandez präsentieren. « Gibt es unter Euch irgendwelche Juden? erinnerte er sich, de Chauliac vor Jahren fragen gehört zu haben. Dieses elegante Scheusal sah kaum anders aus als damals im Papstpalast in Avignon, wo er vor allen Ärzten von Avignon gesprochen hatte, denen es irgendwie gelungen war, der Pest zu entgehen. Falls ja, tretet vor! Das hatte Alejandro nicht getan, sondern sich statt dessen als sein Gefährte ausgegeben – als Spanier Hernandez, den ihm erst am Vortag die gefürchtete Pest genommen hatte. Er erinnerte sich, wie er, von dem schmerzlichen Verlust noch völlig betäubt, voller Neid zugesehen hatte, wie man die anderen Juden entließ: man hielt sie für ungeeignet, Seiner Heiligkeit, Papst Clemens VI., zu Diensten zu sein. Von ganzem Herzen und aus ganzer Seele hatte er damals gewünscht, sein Fuß hätte den Schritt getan, nach dem ihn verlangte. Einen Schritt, der ihn auf einen völlig anderen Weg geführt hätte. De Chauliac bemerkte seine Unaufmerksamkeit nicht und fuh r m it seinen Warnungen fort. » Ich vertraue darauf, daß Ihr mich nicht in Verlegenheit bringen werdet, denn eine solche Torheit würde zu nichts Gutem führen. Laßt Euch raten, die Gesellschaft einfach zu genießen – denn Ihr werdet dergleichen nicht so bald wieder erleben. « » Und wenn jemand nach unserer Beziehung fragt? « » Dann werden wir wahrheitsgemäß einfach sagen, daß Ihr ein früherer Schüler von mir seid, der jetzt Bedeutung erlangt hat in seinem eigenen Land. « De Chauliac lächelte süßlich und fügte hinzu: » Vielleicht sollten wir sagen, daß Ihr zu einem Besuch bei Eurem Mentor nach Paris zurückgekehrt seid. Was ja nicht völlig unwahr ist … « Abgesehen davon, daß ich nur unter extremem Protest hier bin. » Weiter gibt es nichts zu sagen. Aber zweifelt nicht daran, daß Ihr große Unannehmlichkeiten erleben werdet, wenn Euer Verhalten mir irgendwie Schande bereiten sollte. « Nach diesen Ermahnungen drehte de Chauliac sich um und ging voran. Alejandro folgte, in Gedanken rasende Pläne schmiedend. D as ganze Gebäude erstrahlte im Schein von Fackeln und Kerzen, und die Luft war erfüllt von Musik, nicht den seltsamen, unheimlichen Klängen, die man in den Kirchen des christlichen Gottes hörte, sondern von lebhafteren und eher profanen Melodien. Überall duftete es nach den seltenen Gewürzen und exotischen Kräutern, die de Chauliacs Köche benutzt hatten, um den Gaumen der Gäste zu kitzeln. An der Eingangstür standen zwei livrierte Diener, und im ganzen Haus sah Alejandro viele weitere, weit mehr als nötig gewesen wären, um ihn zu bewachen. Reglos und grimmig verharrten sie an allen möglichen Ausgängen, wie de Chauliac angekündigt hatte. Jedesmal, wenn er nach ihnen sah, stellte er fest, daß sie ihn beobachteten und wie prophezeit darauf warteten, daß er etwas Törichtes unternähme. Einer nach dem anderen erschienen die prächtig herausgeputzten Festgäste zu dem Schlemmermahl, das de Chauliac für sie hergerichtet hatte, und Alejandro wurde jedem so vorgestellt wie vereinbart. Als sechs Herren bereits in ein Gespräch vertieft waren, trat ein kleiner, korpulenter Mann, weit weniger eindrucksvoll gekleidet als die anderen, durch die Tür. Alejandro war überrascht z u s ehen, daß de Chauliac diesem Ankömmling die allergrößte Aufmerksamkeit widmete. Die Begrüßung war fast übertrieben beflissen. » Ah, Monsieur Flamel «, säuselte de Chauliac, » ich bin entzückt über Euer Erscheinen! Fast fürchtete ich, Ihr würdet heute abend nicht unter uns sein. « Während er seinen Umhang einem Diener überließ, entschuldigte sich Nicholas Flamel: » Je regrette, Monsieur le Docteur, meine Verspätung. Sie war unvermeidlich. Meine Frau, wißt Ihr, hat es nicht gern, wenn ich sie allein lasse. « Der kleine Mann verneigte sich ungeschickt und allzu tief, und Alejandro erinnerte sich an sein eigenes linkisches Verhalten an Edwards Hof; damals hatte Kate, kaum sieben Jahre alt, es auf sich genommen, ihm die Feinheiten höfischen Verhaltens beizubringen. Eine Zeitlang war sie meine einzige Freundin, erinnerte er sich. Flamel erging sich in weitschweifigen Erklärungen, obwohl Alejandro de Chauliac ansah, daß dieser darauf gerne verzichtet hätte. » Ich war gezwungen, mich um sie zu kümmern, ehe sie mir gestattete, sie zu verlassen. « » Ich verstehe ihren Zorn über den Verlust Eurer anregenden Gesellschaft. Wir werden dafür sorgen, daß Ihr mit einem Arm voller Süßigkeiten nach Hause geht, um ihre Stimmung zu heben. Eine solche Geste wird sie gewiß entschädigen. « » Nur, wenn ich sie Stückchen für Stückchen selbst damit füttere «, bekannte Flamel kichernd. Wieder eine unnötige Bemerkung, aber de Chauliac ging darauf ein. Aus einem Grund, den Alejandro nicht erraten konnte, schien er Wert auf die Aufmerksamkeit des seltsamen kleinen Mannes zu legen. » Dann gestattet mir, Euch dazu zu ermutigen «, sagte de Chauliac augenzwinkernd. » Hoffentlich werdet Ihr an dieser Aktivität auch selbst Gefallen finden. « Er nahm Flamel beim Arm und zog ihn zu Alejandro. » Und nun möchte ich Euch einen weiteren Kollegen vorstellen, den ehrenwerten Doktor Hernandez, einen Mann, den ich fast so schätze wie Euch – denn auch er ist besonders gelehrt und weise. Aber wie sollte es auch anders sein? Er war einst mein Schüler. « » An der Universität? « fragte Flamel überraschend. Und ehe de Chauliac die gefährliche und unerwartete Richtun g d es Gesprächs ändern konnte, mischte Alejandro sich ein: » In Avignon. Im ersten Jahr der Pestilenz. « Flamels Gesicht wurde neugierig. » Wart Ihr einer von denen, die Seine Heiligkeit, Papst Clemens, er möge in Frieden ruhen, ausgesandt hat? « Während de Chauliac ihn sprachlos vor Entsetzen beobachtete, lächelte Alejandro und sagte: » Richtig. Ich war einer von ihnen. « » Wie interessant! Und an welchen Hof wurdet Ihr geschickt? « f ragte Flamel lebhaft. Er sah, wie die Farbe aus de Chauliacs Gesicht wich, und lächelte innerlich. Eure Schachzüge zeitigen nicht immer die Ergebnisse, die Ihr wünscht, mein Freund, dachte er bei sich. » Ich bin viel umhergezogen. Die Wanderschaft steckt mir, könnte man wohl sagen, im Blut! « Bei dieser geschickten Antwort schien de Chauliac etwas von seiner Fassung zurückzugewinnen. » Ich möchte Euch unbedingt ein Manuskript zeigen, das Doktor Hernandez mitgebracht hat «, wandte nun er sich an Flamel, » denn es enthält alchimistische Symbole in der Sprache der Juden und wird Euch sicher faszinieren. « Flamels rotes Gesicht platzte fast vor Erregung. Er sprach beinahe mit Schaum vor dem Mund. » Jetzt weiß ich endlich, worin die Überraschung besteht, die Ihr in Eurer Einladung andeutetet! « Er lächelte breit. » Wahrhaftig, Monsieur, zuerst habe ich den Grund Eurer Verbindlichkeit gar nicht verstanden. Das ist mehr, als ich erhofft hatte! « Für einen Augenblick schien er nachdenklich, doch dann zeigte sich wieder seine große Anteilnahme. » Allmächtiger «, setzte er an, » Monsieur de Chauliac … darf ich zu hoffen wagen … daß es das Manuskript eines gewissen Abraham ist? « De Chauliac gab sich unwissend, sah Alejandro an und tat geheimnisvoll. Mit hochgezogenen Augenbrauen fragte er: » Kollege? « Alejandro sank das Herz. » Ja, das ist es «, gab er schließlich Auskunft. » Preis sei allen Heiligen! « Flamel schrie fast. » Ich habe von diesem Buch gehört und seit Jahren danach gesucht! « De Chauliac strahlte siegesgewiß. » Und heute abend werdet Ihr es sehen «, versprach er, » sobald meine anderen Gäste gegangen sind. Es erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn Ihr Euch zurückhalten könnt, bis wir gespeist und die Darbietungen genossen haben, werden wir es gemeinsam betrachten. « » Dann laßt Ihr am besten eine ganze Wagenladung Süßigkeiten für meine Frau vorbereiten! « Flamel kicherte vor Eifer. » Dafür wird gesorgt werden «, schwor de Chauliac. Weitere Herren trafen ein, doch der Hausherr gab sich mit den Vorstellungen keine solche Mühe mehr. Dennoch verhielt er sich höchst charmant und liebenswürdig, während sich das Haus füllte und die allgemeine Fröhlichkeit zunahm. Alejandro wurde unwillkürlich davon angesteckt und fing beinahe an, sich zu amüsieren, als ein schmächtiger junger Mann, eigentlich noch ein Junge, hereinschlüpfte. Gekleidet in die Livree eines Pagen oder Kammerdieners hielt er ein Pergament in der Hand und sah sich um. Offenbar wollte er es zustellen. Er wirkte gänzlich fehl am Platz, weit mehr als der servile Flamel, und sehr nervös. Und dann traute Alejandro seinen Augen nicht: Auf dem Umhang des Pagen befand sich das Symbol des Hauses Plantagenet. Gebannt sah er zu, wie der Page die Wachleute in einem Französisch befragte, das eindeutig den Akzent einer anderen Sprache trug: Englisch! De Chauliac kam herbei und streckte die Hand aus. » Darf ich annehmen, daß diese Nachricht mich betrifft? « » Wenn Ihr, wie mein Herr sich ausdrückte, der › berühmte und erlauchte Monsieur le Docteur de Chauliac ‹ seid, dann ist sie in der Tat für Euch! « De Chauliac strahlte. » Und an Eurem Umhang sehe ich, daß Euch der berühmte und erlauchte Prinz Lionel schickt, junger Page. « Lionel! Der jüngere Bruder von Isabella! Der Junge ergriff wieder das Wort. » Geoffrey Chaucer, zu Euren Diensten, berühmter und erlauchter Arzt! Ich soll Euch von meinem Prinzen von Herzen und aufrichtig einen schönen guten Abend wünschen. « Der ältere Halbbruder Kates! » Darf ich fragen, junger Chaucer, warum Euer Prinz diesen wohlformulierten Gruß nicht selbst überbringt – wozu ich ihn eingeladen hatte? « » Mein Prinz bittet um Eure Nachsicht, Sir. Er bedauert, heute abend nicht hier sein zu können «, fuhr der Page fort. Alejandros Schrecken wich allmählich, aber quälend langsam. » Gestern noch hat er seine Anwesenheit versprochen! « De Chauliac schmollte enttäuscht. » Ich bin bekümmert und gekränkt. « Der Page ließ sich auf ein Knie nieder und brachte noch einmal die Entschuldigung seines Prinzen vor. » Habt Mitleid mit ihm, Herr! Er liegt an einem Gichtanfall darnieder. Wegen seiner großen Schmerzen hat er gelobt, heute nacht nicht mehr aufzustehen. « » O je «, sagte de Chauliac streng. » Junger Mann, Ihr müßt mir sagen, wenn seine Pfleger ihn mißhandeln. « » Zum Glück nicht, Herr «, verneinte der Page. » Ich darf zur Kenntnis bringen, daß der Dauphin sich höchstselbst um Lord Lionels Wohlergehen kümmert. Und um das unsere, die wir keine Mitglieder des Königshauses sind, und uns daher weniger Luxus zusteht. Aber wir alle finden die Unterbringung überaus zufriedenstellend. « De Chauliac winkte dem Pagen Chaucer, sich zu erheben. Er war eindeutig erfreut, daß Lionel den Pagen angewiesen hatte, ihn so wortreich zu entschuldigen. » Gut «, sagte er. » Darüber bin ich sehr erleichtert. Aber wir Franzosen haben die Kunst, unsere Gefangenen mit Zartgefühl und Zuvorkommenheit zu behandeln, ja auch hoch entwickelt, nicht wahr? « Obwohl de Chauliac den Blick nicht von Lionels Pagen wandte, wußte Alejandro, daß dieser Kommentar niemand anderem als ihm selbst galt. Chaucer schien nur zu beflissen, ihm beizupflichten. » In der Tat, Herr, die Franzosen behandeln uns … durchweg zuvorkommend. « De Chauliac lachte. » Der Dauphin hat mich beauftragt, für Prinz Lionels Gesundheit und Lebensfreude zu sorgen, solange er auf unserem Boden weilt. Offenbar habe ich versagt, und es tut mir aufrichtig leid. Oh! « fuhr er mit großer Geste fort. » Welche Schande! Wir können den guten Prinzen nicht zu seinem lieben Vater zurücksenden, wenn seine Gesundheit durch unser üppiges französisches Leben angegriffen ist, nicht wahr? Nein, nein! Dem muß abgeholfen werden. « » Wenn Ihr ein Heilmittel gegen die Gicht kennt, guter Arzt «, flehte der Page, » dann verratet es mir zum Nutzen meines hohen Herren. « » Heilmittel? Ach, nein, da gibt es keines, wie ich leider gestehen muß. Aber man kann Vorsichtsmaßnahmen treffen. Ich werde Euren Prinzen sehr bald wieder besuchen und die Ratschläge erneuern, die ich ihm bereits erteilte. Und die er, wie ich eilig hinzufügen möchte, unvorsichtigerweise ignoriert hat, um seinen Vergnügungen nachzugehen. Ihr müßt ihm bestellen, daß ich ihn zwar sehr gern habe, er aber ein ungehorsamer Patient ist; richtet ihm bitte meinen Unmut darüber aus. Und natürlich meine allerherzlichsten Wünsche für eine baldige Genesung von seiner Erkrankung. « Der junge Mann nickte und sagte: » Die werde ich überbringen, mein Herr, unverzüglich! « Dann verneigte er sich und wandte sich zur Tür. De Chauliac faßte ihn am Arm. » Aber für den lieben Prinzen ist an der Tafel ein Gedeck aufgelegt, das jetzt nicht benutzt wird. Bei so viel Not in der Welt würde Gott es mißbilligen, wenn es vergeudet wird. « Er musterte den Pagen einen Moment. » Ihr scheint ein freundlicher Mensch zu sein. Beehrt uns doch und nehmt den Platz Eures Herren ein. « Bei diesem Angebot errötete Chaucer. » Aber er erwartet meine Rückkehr. « » Dann wird er enttäuscht werden, wie ich es bin, weil meine Tafel seine Anwesenheit entbehren muß «, sagte de Chauliac. » Das scheint mir ein gerechter Ausgleich. « » Ich verdiene es nicht, den Platz eines Prinzen einzunehmen, Herr! Daran kann kein Zweifel bestehen. Und was ist mit den Wachen, die mich hierher eskortiert haben? Sie haben Anweisung, mich sicher zurückzugeleiten. « Aber de Chauliac ließ sich nicht beirren. Er legte einen Arm um die Schultern des jungen Mannes und sagte: » Wir werden ihnen gut zu essen geben, während sie warten. Ich werde mich persönlich darum kümmern, daß Lionel sich in dieser Sache nicht zu beklagen hat. Und nun sagt mir noch einmal Euren Namen, denn ich habe ihn schon wieder vergessen. « » Geoffrey, Herr. « » Habt Ihr auch einen Zunamen, junger Geoffrey? « » Ja, Herr. Chaucer. « » Aha! « erinnerte sich de Chauliac. » Ich habe Euren Namen in Lionels Haushalt gehört. Ihr habt einen Stein im Brett bei Eure m P rinzen, junger Chaucer – er spricht lobend von Euch! Er berichtete mir, daß Ihr ihn oft mit sehr phantasievollen Erzählungen unterhaltet. Auf englisch, sagt er. Ihr müßt in der Tat sehr klug sein. « Dabei warf er einen vielsagenden, sarkastischen Blick in Alejandros Richtung. » Sprecht Ihr Englisch, Herr? « fragte der Page aufgeregt. Alejandro sah rasch zu de Chauliac hinüber, der sich an seinem Unbehagen weidete. Der Franzose machte keine Anstalten, das Thema zu wechseln, und so antwortete Alejandro: » Ein wenig. « » Dann bin ich doppelt froh über Eure Bekanntschaft «, sprudelte Chaucer heraus und schüttelte Alejandro kräftig die Hand. Er verfiel ins Englische. » Ich habe niemanden, mit dem ich hier reden kann. « Alejandro mühte sich aufrichtig, und die Worte fielen ihm wieder ein, hart und guttural. » Ein Leid, das ich selbst nur zu gut kenne. « » Was ist Euch zugestoßen? « Obwohl der Jude den jungen Mann von Minute zu Minute liebenswerter fand, zögerte er mit der Antwort. » Auf meinen Reisen bin ich ein oder zwei Engländern begegnet «, rückte er schließlich heraus. » Die Sprache hat sich meinen Ohren aufgedrängt, und ich habe etwas davon aufgeschnappt, wenn auch unwillentlich. Das ist eine etwas unerwünschte Begabung von mir. « » Jeder scheint eine Meinung über unsere Sprache zu hegen. Sagt mir «, bat er, » wie lautet Eure? « Das war ein gefährliches Terrain, aber würde dieser neugierige Chaucer die Verweigerung einer Antwort nicht verdächtiger finden als seine unwahrscheinlichen Kenntnisse des Englischen? Diese Gefahr bestand. » Ich finde sie schwierig «, sagte Alejandro zögernd , » und verwirrend. Sie ist anders als alle sonstigen Sprachen, die ich gelernt habe. Oft fehlen ihr Worte, um etwas angemessen auszudrücken. « » Das wird sich mit der Zeit bessern «, stellte Chaucer in Aussicht. Unwillkürlich mußte Alejandro lächeln. Zu schade, daß er kein Jude ist. Hoffentlich wußten die Mitglieder der englischen Königsfamilie ihn zu schätzen. » Habt Ihr, junger Freund, denn vor, sie ganz allein zu bereichern? « » Wenn es sein muß «, sagte der junge Chaucer zuversichtlich. Als alle Anwesenden Platz genommen hatten, waren an dem mächtigen Eichentisch noch zwei Sitze frei; de Chauliac übersah sie geflissentlich und kümmerte sich um die Bequemlichkeit seiner zeitig eingetroffenen Gäste. Alejandro war erfreut, neben dem freundlichen jungen Pagen zu sitzen, aber etwas unglücklich, als er feststellte, daß sich der überaus wißbegierige Nicholas Flamel an seiner anderen Seite befand. Doch bald waren alle zu abgelenkt, um ihre Tischgenossen zu bemerken; denn die dunkle junge Frau betrat den Speisesaal, dicht gefolgt von den Musikanten, die ihren sinnlichen Auftritt mit schnarrenden, orientalischen Weisen begleiteten. Die Frau wiegte sich zum dunklen Schlag der Trommeln; bei jedem Schritt nach vorn schob sie einladend eine Hüfte vor, die andere zurück, eine Pose, die de Chauliacs Gäste aufreizen sollte, was der Tänzerin mühelos gelang. Dann stellte sie zu Alejandros Überraschung einen bloßen Fuß auf einen der leeren Holzstühle und schwang sich flink auf die Tischplatte. Ihre Zehen waren mit goldenen und silbernen Ringen geschmückt, und sie trug weite Hosen aus dem dünnsten, durchsichtigsten Stoff, den Alejandro je erblickt hatte. Wie der Schleier einer Jungfrau! Aber dieser Vergleich war sicher unpassend. » Einmal sah ich eine Frau aus Rumänien für König Edward tanzen «, hatte Adele ihm erzählt. » Sie war über und über mit Gold- und Silberschmuck behängt, der klirrte, wenn sie sich bewegte, und ihre plumpen Brüste waren nur von goldenen Stoffkreisen verhüllt, die eine dünne Schnur im Rücken zusammenhielt. « Adele hatte in der Luft mit den Händen ihre Rundungen beschrieben, und seinerzeit schlug sein Herz schneller. » Dabei «, hatte Adele mit mädchenhaftem Kichern hinzugefügt, » bedeckte diese Tänzerin ihr Gesicht wie eine Nonne! Man konnte förmlich sehen, wie sich die Männlichkeit des Königs unter seiner Tunika aufrichtete. « » Und wie verhielt sich die Königin? « hatte er gefragt. » Sie hatte es arrangiert «, erwiderte seine Geliebte errötend. » Es war ein Geschenk zum Geburtstag ihres Gatten. Königliche Damen sind an so exotische Darbietungen gewöhnt. Jeder will der erste sein, der ihnen neue und aufregende Dinge zeigt, also bekommen sie dergleichen häufig zu sehen! « Weit häufiger als die Juden von Aragon, hatte er damals gedacht. Chaucer tippte ihm leicht auf den Arm. » Bei Hofe habe ich einmal eine Frau so tanzen sehen, aus Rumänien, glaube ich. « Alejandro fragte sich, ob der junge Mann seine Gedanken gelesen hatte. Und wie gerufen war die Dame auf einmal vor ihnen, die Knie leicht gebeugt, ihre dünn verhüllte Weiblichkeit weniger als eine Armlänge von ihren Gesichtern entfernt. Sie hob einen Fuß, wobei sie mit dem anderen mühelos das Gleichgewicht hielt, und berührte mit einer Zehe Alejandros Nasenspitze, während ihre Hüften sich in magischem Rhythmus wiegten. Er wurde blutrot, bevor ihr Fuß die Tischplatte wieder berührte. Im Raum wurden Jubel und Applaus laut, und aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie de Chauliac boshaft und befriedigt grinste. War diese sinnliche Demoiselle angewiesen, ihn besonders aufzureizen? Er hielt das für wahrscheinlich. Sie lächelte verführerisch, öffnete die Lippen und zeigte ihre rosige Zunge, sehr zum Vergnügen der versammelten Männer, die pfiffen, auf den Tisch schlugen und ihn aufforderten, ihre Herausforderung anzunehmen. Dann bückte sie sich und beugte sich nach vorn, wobei ihre Brüste ihm fast ins Gesicht sprangen. In einem Akt der Selbstverteidigung packte er den Pagen an seiner Seite und riß ihn hoch, bis das Gesicht des Jungen zwischen dem Busen der Frau verschwand. Ermutigungen, zweideutige Vorschläge und wildes Gelächter wurden laut. Die Musik raste, die Luft wurde heißer, das Stimmengewirr rauschte, und Chaucer hatte schon ein Knie auf dem Tisch, bereit, sich der buhlerischen Aufforderung der Frau zu stellen. Doch da verstummte der Lärm plötzlich. De Chauliac hatte sich erhoben und starrte zur Tür des Speisesaals. Die Augen aller folgten seinem Blick. Auch die letzten Gäste waren endlich eingetroffen. In der Tür, etwas atemlos von ihrem eiligen Marsch, standen Etienne Marcel und Guillaume Karle. KAPITEL 16 J anies Gedanken überschlugen sich, als Kristina sie mit Virtual Memorial allein ließ. Es kam ihr vor, als habe sie ein neues Haustier. Da gab es Dinge zu lernen, Eigenheiten zu entdecken; Janie war hellwach und lebendig, obwohl sie sonst um diese Zeit im allgemeinen müde wurde. In London mußte es jetzt ungefähr Mitternacht sein, zu spät, um Bruce anzurufen. Und sie konnte nicht sicher sein, ob die leise Gereiztheit aus ihrem letzten Gespräch noch in der Luft lag. Trotz ihrer Zuneigung zu ihm wußte sie nur zu gut, daß Bruce manchmal zu Schulmeistergebaren neigte, und das letzte, was sie jetzt, da sie sich so für etwas Neues engagierte, gebrauchen konnte, war eine seiner Gardinenpredigten. Vielleicht müßte sie sich einfach mal wieder physisch austoben, um ausgleichsweise alles loszuwerden, was sich durch zuwenig Schlaf, zuviel Streß und zu viele Sorgen angesammelt hatte. Ein Lauf oder ein schneller Gang würden ihr guttun. Ich muß ohnehin mit Michael und Caroline reden. Es war eine mondhelle Nacht und der größte Teil der Strecke gut beleuchtet. Janie hatte schon halb den ersten Häuserblock auf dem Weg zu Michael und Caroline hinter sich, als ihr einfiel, daß Virtual Memorial noch immer auf ihrer Arbeitsplatt e in der Küche stand. Ich sollte ihn mitnehmen. Aber er enthält noch keine Daten. Wahrscheinlich macht es nichts, wenn ich ihn zurücklasse. Doch die Erinnerung an das, was mit ihrem Laptop geschehen war, holte sie siedendheiß ein. Sie machte kehrt und rannte zurück, um ihn zu holen. Nun, tatsächlich führe ich den Hund spazieren. Sie steckte das kleine Gerät in einen leichten, gepolsterten Rucksack und machte sich wieder auf den Weg. Ein Teil der Strecke führte über den Fahrradweg, wo der Traine r s einen Unfall gehabt hatte. Sie ging diesen Weg regelmäßig und glaubte ihn gut zu kennen. Doch als sie die Straße verließ und die bewaldete Abkürzung nahm, empfand sie plötzlich Kälte und Einsamkeit – nicht das Alleinsein, das sie liebte und oft suchte, sondern die häßliche, zwanghafte Empfindung, die den Körper drängt, um jeden Preis in Bewegung zu bleiben. Das tat sie, während Adrenalin sie durchströmte. Sie achtete darauf, nicht über eines der trügerischen Hindernisse zu stolpern, denen sie begegnen konnte – und die es reichlich gab in einer Zeit, in der man ohne offiziellen Erlaubnisschein nicht einmal ein Unkraut ausreißen durfte. Herausstehende Wurzeln, niedrig hängende Zweige und Schlingpflanzen warteten nur darauf, ihr Fußgelenk zu ergreifen. Sie ging schnell und hob die Füße weit an. Endlich erreichte sie den eigentlichen Fahrradweg, und als ihre Füße den Asphalt berührten, segnete Janie im stillen jenen unbekannten Regierungsbeamten, der den Weitblick besessen hatte, gegen alle Einwände von Umweltschützern diesen Belag zu genehmigen. Nach dem dunklen, unebenen Waldboden schien selbst das harte Pflaster freundlich; aber als sie einen Abschnitt erreichte, wo eine strategisch angebrachte Laterne eine gute Idee gewesen wäre, kehrte das kalte Gefühl zurück. Stetig einen Fuß vor den anderen setzend, lief sie keuchend durch die unbeleuchteten Abschnitte – es waren perfekte Verstecke, die sie nie zuvor bemerkt hatte. War es dunkel gewesen wie jetzt, als der junge Trainer stürzte und starb? War er so tief in Gedanken gewesen, daß er einen Stein oder Stock oder sogar eine Schildkröte nicht bemerkt hatte – oder etwa eine Person? Trotz Fahrrad und so weiter konnte jemand aus dem dunklen Gebüsch springen, einen Radler umstoßen oder anders überwältigen und ihm dann einen schnellen Schlag in den Nacken versetzen; zuletzt legte er den Körper so hin, daß es nach einem Unfall aussah, und dann … tauchte er ab. Es brauchte nur ein paar Sekunden zu dauern. Als sie das Grundstück von Michael und Caroline erreichte, schwitzend und fröstelnd zugleich, sah sie die beiden in der Abendstille auf ihrer Verandaschaukel sitzen. Sie fühlten sich mühelos wohl miteinander, das konnte Janie sogar in der Dunkelheit ausmachen. Doch ihr gemeinsames Behagen würde, das wußte sie , noch viele Abende durch diese Frage gestört werden: Warum hatte Caroline es für richtig gehalten, Michael seinen Taschencomputer zu entwenden, eine Tat, die so schreckliche Auswirkungen zeitigte? Es war Loyalität, Michael, hätte Janie gern gesagt. Sie ist mir gegenüber loyal, weil ich ihr das Leben gerettet habe. Aber so eine Erklärung konnte Caroline selbst besser und glaubwürdiger vorbringen. Janie zweifelte nicht daran, daß sie sie demnächst abgeben würde. Gegenwärtig wirkten die beiden, als ginge es ihnen recht gut. Nachdem Janie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, verließ sie die samtigen Schatten und trat ins Licht der Straßenlaterne. » He! « rief Caroline herzlich, als sie Janie entdeckte. » Komm und setz dich zu uns. « Sie klopfte neben sich auf den Sitz der Schaukel. Janie bedankte sich und nickte Michael grüßend zu. » Ich hab mir überlegt … ich wollte, eh, fragen … « Sie hielt einen Moment inne und senkte den Blick. Nach einigen Sekunden innerer Buße blickte sie wieder auf. » Tut mir leid «, setzte sie neu an. » Ich hätte vorher anrufen sollen. Aber in letzter Zeit mag ich Telefone nicht sonderlich … vor allem, wenn man über Dinge reden muß, die andere Leute nicht hören sollen. « Michael wußte, was Janie wollte, ohne es lange erklärt zu bekommen. Der Tod des Trainers würde für sie Gesprächsstoff sein, bis sie ihn in die Geschichte ihrer Beziehung verwoben hatten – bis er eine selbstverständliche Nebensache geworden war, über die man nicht mehr nachgrübelte. Er gab ihr ein paar Augenblicke, sich zu fassen, und ließ sich dann über die kleinen Stückchen Information aus, die er ihr schon mitgeteilt hatte. » Es ist nicht offiziell als verdächtiger Todesfall eingestuft worden. Und das wird vermutlich auch nicht passieren, weil es keine Hinweise gibt, die zu einem Verdächtigen oder sonst einer Anklage führen könnten. Aber genau das macht dieses Unglück eigentlich suspekt. Es müßte wenigstens irgend etwas geben, das man sich näher ansehen könnte. « In diesem Augenblick fragte sich Janie, ob sie Kristina vom Tod des Trainers erzählen sollte. Vermutlich weiß sie schon davon, dachte sie. Aber wenn nicht? War es wichtig, daß sie – oder die anderen – davon erfuhr? Aber wenn sie es Kristina berichtete, würden Caroline und vielleicht sogar Michael hineingezogen. Es wa r e twas anderes, sich selbst in die Mitte eines Tornados zu begeben, als seine Freunde ähnlichen Gefahren auszusetzen. » Merkwürdig, daß es keine Spuren gab! « Janie fuhr sich durchs Haar. » Sind sie da sicher? Sie haben aber auch gar nichts gefunden? « » So ist es. « » Nun, das bedeutet, daß sie nicht nach Caroline, dir oder mir Ausschau halten werden; aber das bedeutet auch, daß sie wahrscheinlich nicht herausfinden, wer ihm das angetan hat – wenn es denn jemand war. « » Oder es handelte sich wirklich um einen Unfall. « Michael sah sie überrascht an. » Das hörte sich aber vor ein paar Tagen noch ganz anders an. Da warst du sicher, daß an der Sache etwas faul ist. « » In mir geht es drunter und drüber «, gab Janie nach einer Weile zu. Michael und Caroline wußten nichts von Kristina und der Arbeit, die Janie für sie übernommen hatte. Kristina wußte nichts von Janies kleinem Fischzug mit Caroline, um an die Daten der Jungen zu kommen. Sie hatte Janie durch ihre Erkundigungen beim Camp gefunden. Zumindest hatte sie das gesagt. Aus irgendeinem Grund, den Janie nicht erklären konnte, glaubte sie ihr. Was bedeuten würde, daß irgendeine andere Person oder Gruppe oder Agentur die Jungen aus Camp Meir im Visier hatte. Nicht unbedingt das Camp selbst – obwohl das noch nicht feststand. Der tote Mann mußte eine Drohung gewesen sein – und Janie hatte keinen Grund zu der Annahme, daß sie an Michael oder Caroline gerichtet war. Aber wenn Kristina und ihre Agentur sie durch das Lager gefunden hatte, würden die anderen, die in ihrer Vorstellung rasch zu den Bösen wurden, sie dann nicht auch auf diesem Wege finden? Vielleicht nicht. Oder bereits passiert … Möglicherweise war die Website vom Camp Meir ein zu enges Verbindungsglied, als daß jemand es riskieren wollte, sich durch ihre elektronische Abrufung zu verraten. Keinen dieser Gedanken konnte sie aussprechen oder aufschreiben. Ich bin die einzige, die alles weiß, wurde Janie plötzlich klar. Deshalb sollte ich gut auf mich aufpassen. Sie wandte sich an Michael. » Könntest du so nett sein und mich nach Hause fahren? « D as Treffen zwischen Kristina und dem Mann, der ihr Tun beaufsichtigte, war fast wie die Befragung nach der Rückkehr von einem Einsatz. » Ich fühle mich allmählich wie ein geheimer Regierungsspion «, sagte sie zu ihm. » Worüber du natürlich Bescheid weißt «, antwortete er mit einem Lachen. » Nun ja, ich habe eine Menge gelesen. « » Klar! War nur ein Spaß вЂ“ versuche, es leicht zu nehmen. Aber es sieht tatsächlich so aus, als sei dieses ganze Projekt auf einmal sehr kompakt geworden. « » Na, das ist es doch auch, meinst du nicht? « » Vermutlich. Und je eher die Sache endlich ans Licht kommt, desto besser werde ich mich fühlen. Weißt du, deine Arbeit war wirklich hervorragend, Kristina. Du hast deine Sache heute abend glänzend gemacht. Deine Erklärungen waren klar und präzise, und sie haben unserer neuen › Anführerin ‹ sehr energisch deutlich gemacht, welche Verpflichtungen auf sie zukommen. « » Ach, weißt du, ich hatte ja reichlich Zeit, mich vorzubereiten. « » Diese Zeit hast du offenbar gut genutzt. Aber es ist komisch. Ich dachte, sie würde vielleicht etwas … zögerlicher reagieren. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, daß sie ein bißchen davor zurückschreckt. Sich sogar zurückzieht. « » Meiner Ansicht nach empfindet sie es als Herausforderung. « » Wer weiß. Es wäre schön zu wissen, was sie wirklich über all das denkt. « » Übrigens kann ich dir versichern, daß das so ungefähr das einzige ist, was wir nicht wissen. Der Apparat läuft wie geschmiert. Die Übertragungen kommen kristallklar durch. Sie hat das Gerät mitgenommen, als sie ihre Freunde besuchte, und wir haben alles mitgehört. Es war eine brillante Idee von dir, den Sender einzubauen. « » Weißt du, das Unterlassen wäre eine Sünde gewesen. Obwohl es komisch ist, heutzutage einen solchen Sender zu verwenden. Eigentlich ein altmodisches Ding. Aber er funktioniert. « Am nächsten Morgen stand Janie früher auf als die Vögel, und obwohl sie wußte, daß er nicht zu Hause sein würde, rief sie Bruce an. Sie wollte eigentlich gar nicht wirklich mit ihm sprechen, sondern nur in Kontakt bleiben, alles Nötige tun, um die Beziehung am Laufen zu halten, während sie seinen Rat, aus ihrem zunehmend komplizierten Leben auszusteigen, wenigstens für eine Weile, schlichtweg ignorierte. Sie hinterließ nur eine kurze Nachricht; aber sie hoffte, daß ihre Zuneigung rüberkommen und er begreifen würde, daß sie ihn liebte, trotz ihres harschen Verhaltens in letzter Zeit. Gleich darauf, mit einer Tasse starkem Kaffee in der Hand, legte sie sich ordentlich ins Zeug. Sie aktivierte Virtual Memorial und stellte ihn auf Empfang. Dann lud sie alle Dateien, die vielleicht im Satelliten waren, zu ihm ein. Es kamen dreiundvierzig, die mit allen Informationen in das Datensammlungsprogramm aufgenommen wurden. V. M. verbrachte die nächsten paar Minuten damit, die Namen und Kennwörter mit der Liste zu vergleichen, die sie von Big Dattie hatte, und jeden Vermerk auf Vollständigkeit zu prüfen. Die Mitarbeiter – Janie wußte nicht recht, wie sie sie sonst nennen sollte – waren im Sammeln von Informationen bemerkenswert tüchtig gewesen. Zu ihrem Bedauern befanden sich sämtliche Jungen, deren Daten eingegangen waren, in Krankenhäusern; deshalb war es so einfach, an die Daten heranzukommen. Janie stellte sich einen unschuldig aussehenden Labortechniker oder Sozialarbeiter oder Verwaltungsangestellten vor, der ans Bett des Jungen trat, wo dieser flach auf dem Rücken lag, mit Gipsverbänden gesichert wie Abraham Prives. Eine Mutter oder ein Vater oder auch beide, wenn das Kind Glück hatte, würde am Bett sitzen, abgespannt und bleich, und verzweifelt die Hände ringen. Der Mitarbeiter würde ein paar Entschuldigungen wegen der Störung flüstern, was die gramerfüllten Eltern akzeptieren würden, denn schließlich diente der ganze Aufwand ja dem Wohl des Kindes. Und während die Angehörigen nichtsahnend zuschauten, würde der Mitarbeiter leicht mit einem Tupfer zum Sammeln von Zellen über den Arm des Kindes fahren, den Tupfer diskret in einem Plastikbeutel verstauen und dann zum Labor für DNS-Auswertung bringen, falls die Einrichtung über eines verfügte. Es fiel ihr leicht, die Dateien auszusondern, die von Mitarbeitern aus den Verwaltungen geschickt worden waren; denn diese Dateien enthielten die kompletten Bodyprints der Patienten. Techniker hätten zu dieser Informationsebene keinen Zugang, außer natürlich, wenn sie beim Bodyprinten mitwirkten. In Manhattan schien es einen Mitarbeiter zu geben – für Janie waren sie alle anonym – , der Zugang zu einer Menge Informationen hatte. Die Dateien, die von dort kamen, waren von fast perfekter Vollständigkeit. Bei jeder Datei mit unvollständigen Daten sandte sie dem Absender die Nachricht, sie brauche mehr, und zählte genau auf, wo noch Lücken bestanden. Sie wollte benachrichtigt werden, falls diese Informationen aus irgendeinem Grund nicht zu beschaffen waren. Janie wußte, daß es bei einigen der Jungs einfach unmöglich sein würde, an Bodyprints heranzukommen. Aber das, was wir tun müssen, schaffen wir auch ohne sie. Lächelnd klappte sie V. M. zu. Sie hatte wir gedacht. M yra Ross ’ Stimme auf dem Anrufbeantworter überschlug sich nahezu hektisch. Oder war sie nur aufgeregt? fragte sich Janie. Lieber Gott, dachte sie, während sie alles noch einmal abspielte, bitte laß diesem Journal nichts passiert sein. Doch trotz all ihrer Bitten weigerte sich Myra, ihr am Telefon irgend etwas zu sagen, als Janie zurückrief. » Sie müssen einfach herkommen «, verlangte sie. » Ich muß Ihnen etwas zeigen. « » Im Augenblick kann ich nicht weg, ich stecke mitten in der Arbeit. « » Dann kommen Sie, sobald Sie können. « Die Neugier brachte sie um. » Also gut, in ungefähr einer Stunde! « » Die Wachleute wissen dann Bescheid, daß Sie es sind «, informierte Myra sie. Als Janie das Museum erreichte, steckte Myras Erregung sie an. Die Kuratorin führte sie sofort in den gleichen Arbeitsraum, in dem sie schon einmal gewesen waren. » Ich möchte, daß Sie sich das anschauen «, bat sie. Zu Janies Überraschung lagen zwei Folianten auf dem Tisch. Einer war das Journal. Der andere war größer und offensichtlich älter mit einer Art Messingdeckel, vor Patina und von häufigem Gebrauch eingedellt. Es schien sich um irgendeine Handschrift zu handeln, die ebenso faszinierend wirkte wie das Journal, obwohl Janie den Grund nicht genau hätte angeben können. Sie merkte nur, daß er sie ebenso unvermittelt in Bann zog, wie das bei dem Journal der Fall gewesen war. Instinktiv streckte sie eine Hand aus, um ihn zu berühren. Mitten in der Bewegung hörte sie Myra stöhnen. Janie zog ihre Hand zurück und spürte den geisterhaften Hieb irgendeines imaginären Patrons auf ihre unbotmäßige Pfote. » Himmel, Entschuldigung! « Myra stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte, und lenkte ein: » Schon gut. Eigentlich eine völlig verständliche Reaktion! Ich würde sie auch berühren wollen, wenn ich Sie wäre, aber wir müssen jeden unnötigen Kontakt mit dieser Handschrift vermeiden, denn sie ist einfach zu alt und spröde, um sie unbekümmert anzufassen. « Doch dann winkte sie Janie mit einer vergebenden Bewegung näher heran. » Nun, ich wollte Ihnen ja dieses Objekt zeigen – also schauen Sie es sich auch an. Sagen Sie, was Ihnen auffällt. « Mit Schutzhandschuhen schlug sie unendlich behutsam eine bestimmte Seite auf. Janie sah mit gerunzelten Brauen aufmerksam hin und suchte nach etwas Aufschlußreichem. Die beiden Bände waren unterschiedlich in Aussehen und Material: Alejandros Journal besaß einen Ledereinband, die Seiten bestanden aus Pergament. Technisch aussehende kleine Strichzeichnungen illustrierten das Geschriebene. Das andere Buch wies wunderbar kunstvolle Zeichnungen auf, unter denen Texte standen, die Janie für Hebräisch hielt. Auf dem gegenüberliegenden Blatt aus Papyrus standen jeweils Anmerkungen in verblaßter Tinte, der lateinischen Schrift nach von irgendeinem Europäer verfaßt. » Die Seiten «, meinte sie, » sind so dünn. Sie sehen fast aus, als könnten sie jeden Moment zerfallen. « » Wir haben sie mit einem Konservierungsmittel behandelt. Aber das war es nicht, was ich Ihnen zeigen wollte. « Allmählich fühlte sie sich wie in einem Examen. Vier minus, zensierte Janie sich selbst. » Ich gebe auf «, sagte sie schließlich zu Myra. » Was soll ich denn hier sehen? « » Ich dachte, Sie würden es sofort bemerken «, sagte die Kuratorin etwas unglücklich. » Es tut mir leid, ich muß eine komplette Idiotin sein. Vermutlich liegt es einfach daran, daß ich müde bin; ich hatte einen anstrengenden Tag, aber ich weiß nicht, was … « » Die Handschrift. Die Handschrift ist in beiden Büchern gleich. « Wie vom Donner gerührt starrte Janie auf das andere Manuskript. Obwohl die Handschrift aufgrund des Alters nur noch schwer zu erkennen war, sah sie es schließlich. » Alejandro? « flüsterte sie. » Das glauben wir. « Janie spürte, wie ihre Knie weich wurden. » Jetzt schlägt ’ s dreizehn «, sagte sie. E inige Minuten später saß sie auf einem Hocker und trank ein Glas Wasser, während Myra Ross darlegte, was sie bislang in Erfahrung gebracht hatte. » Ich habe es erst bemerkt, als die neuere Handschrift unter einem Mikroskop lag. Da habe ich dauernd gedacht: Woher kenne ich diese Schrift bloß? Wir haben also genaue digitale Abbildungen beider Kalligraphien angefertigt und dann einen ziemlich komplizierten Verdeutlichungsprozeß durchgeführt, der für solche Dinge entwickelt worden ist. Bei alten Schriften sind die Unterschiede in den Materialien so groß, daß es schwierig ist, die Buchstaben selbst zu identifizieren. Aber es gibt eine Reihe von Wörtern, die in beiden Büchern vorkommen; die haben wir stark vergrößert und dann im Computer übereinandergelegt. Sie sind nahezu identisch. Höchstwahrscheinlich hat dieser Canches in beide Bücher geschrieben. « Sie seufzte träumerisch und schaute dann zu den beiden Folianten hinüber. Danach blickte sie erneut Janie in die Augen und sagte: » Ich kann Ihnen versichern, es war ein faszinierender Moment, als ich das herausfand. « » Das ist in der Tat spannend, Sie haben völlig recht «, stimmte Janie ihr zu. » Vielleicht hätte ich auch gejubelt › unglaublich, umwerfend, nicht zu fassen ‹. « » Lauter angemessene Bezeichnungen! Aber das ist nicht alles, es kommt noch mehr. Diese beiden Bücher stammen aus verschiedenen Epochen. Wir wissen, daß Ihres um 1300 entstanden ist, doch für das andere haben wir kein genaues Datum herausgefunden. Es ist aber erheblich älter, vielleicht sogar Generationen. Wieviel genau, können wir einfach nicht sagen. Wir haben die ganze Sache mehrmals überprüft, aber nirgendwo im Originaltext steht eine Jahreszahl. Die Datierungsmethoden, über die wir verfügen, geben uns einen zeitlichen Rahmen vor – zugegebenermaßen einen ziemlich großen. « » Wie kann es sich dann um die gleiche Handschrift handeln? « » Alejandros Schrift in dem älteren Buch ist nicht der Originaltext. Sie wurde lange nach der ursprünglichen Herstellung des Buches hinzugefügt. Wir sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß Ihr Dr. Canches einer der Übersetzer der älteren Handschrift war. « » Es gab mehr als einen Übersetzer? « » Eindeutig. Wir haben Abrahams Manuskript von einem Analytiker mittelalterlicher Schriften untersuchen lassen, als wir es bekamen. Und es ging auch aus der in der Übersetzung benutzten Sprache hervor – Canches ’ Französisch war höfisches Französisch, eine archaische Version dessen, was heute gesprochen wird – ungefähr so wie Altenglisch. Deswegen konnten Sie bei der Übersetzung Ihres Journals Hilfe finden. Er könnte es in einer akademischen Umgebung oder einem Adelshaus erlernt haben. Ab einer gewissen Seite tauchte eine andere Handschrift auf, und das Französisch verändert sich auch. Es wird zu Provençalisch, das eigentlich dem Spanischen näher ist als dem Französischen. Die Leute, die es benutzten, gehörten den unteren Klassen an, zumindest damals – über den heutigen Gebrauch weiß ich kaum etwas – , oder sie kamen aus kleineren Orten im Süden Frankreichs. Wir glauben, daß Canches der erste von mehreren war, die allesamt in das Buch geschrieben haben. Er hat anscheinend seinen Wert erkannt und einige Zeit darauf verwendet. « » Ich weiß, daß er das Lernen liebte, einfach um seiner selbst willen – aber ich frage mich, was dieses Buch für ihn so wertvoll machte. « » Das genau zu sagen ist nicht leicht. Aber wenn ich ein Jude in jener Zeit gewesen wäre, hätte ich alles zu schätzen gewußt, was mir den Weg ein wenig erleichterte. Und dieses Buch ist im wesentlichen ein sehr langer Brief mit Anweisungen des Autors, eines Mannes namens Abraham, an die Juden, die in Europa lebten. « Myras Augen funkelten vor Erregung. » Im ersten Teil des Buches erteilt er ihnen allgemeine Instruktionen zur Lebensordnung; abe r e igentlich handelt es sich um ein alchimistisches Lehrbuch. Es enthält alle möglichen Rezepturen dafür, wie man gewöhnliche Metalle in Gold verwandelt. Vermutlich wollte Abraham sicherstellen, daß sein Volk über finanzielle Mittel zum Überleben verfügte. Also wies er sie an, wie sie ihr eigenes Gold herstellen konnten. Es klingt märchenhaft. « » Aber das ist doch kompletter Unsinn! « » Unsinn für uns, aber in der damaligen Zeit gab es viele Menschen, die glühend an eine solche Möglichkeit glaubten. Eigentlich war es eine Besessenheit des Mittelalters und der Renaissance. Heutzutage versuchen wir krampfhaft, Freunde bei der Berufssuche golden anzupreisen. Damals ging es ebenfalls um › Vergoldung ‹. Es kann durchaus sein, daß Ihr Dr. Canches so etwas für möglich hielt. « » Das glaube ich nicht «, sagte Janie entschieden. » Alejandro war Wissenschaftler, und zwar ein integrer Mann. « Myras Augen blitzten. » Ein mittelalterlicher Wissenschaftler. Vermutlich glaubte er, die Welt sei flach, wenn er überhaupt darüber nachgedacht hat. Und Babys entstünden, indem winzige Menschlein – sie nannten sie Homunculi – während des Geschlechtsverkehrs vom Vater in die Mutter gesät würden. Es wäre also nicht abwegig, wenn er sich ernsthaft für ein Handbuch der Alchimie interessiert hätte. Alchimisten waren, jedenfalls in Europa, die ersten, die etwas sehr entfernt mit der Chemie von heute Verwandtes praktizierten. Und all das geschah im Rahmen religiöser Rituale … « Die Kuratorin verstummte, als sie Janies unglücklichen Gesichtsausdruck wahrnahm. » Was ist los? « fragte sie. » Ich bin ein bißchen enttäuscht. « » Meine Güte, warum? Sie wollen immer noch einen unbegreiflichen Genius aus ihm machen. Vergessen Sie es. Das hier ist viel, viel aufregender. « » Nachdem ich sein Journal gelesen hatte, hatte ich den Eindruck, er sei brillant. « Myra seufzte über so viel Begriffsstutzigkeit. » Hebräisch, Französisch, Latein, Spanisch, von Englisch ganz zu schweigen, damals eine noch ziemlich unentwickelte Sprache – natürlich war er brillant! Die Übersetzungen, die auf seine folgen, sind nicht annähern d s o genau. Er hat einen großen Teil des Anfangs übersetzt und dann anscheinend ziemlich abrupt damit aufgehört. Obwohl ich Ihnen sagen muß, daß ihm ein paar Fehler unterlaufen sind. Aber wenn ich darauf wetten sollte, würde ich sagen, er hat diese Fehler absichtlich hineingeschmuggelt. Es waren einfache Wörter, und an anderen Stellen hat er sie richtig übersetzt. « » So eine Nachlässigkeit paßt nicht zu ihm. « » Vielleicht stand er unter irgendeiner Art von Zwang und wollte nicht, daß die Erkenntnisse des Buches in falsche Hände gerieten. « » Das sieht ihm schon ähnlicher «, räumte Janie ein. Myra lächelte und schaute auf die Handschrift nieder. » Aber trotz der Fehler ist es faszinierend, was da steht. « Vorsichtig blätterte sie die Seiten zurück und las die Anrede laut vor. » Abraham der Jude, Priester, Levit, Astrologe und Philosoph, wünscht dem Volk der Juden, vom Zorne Gottes im Land der Gallier zerstreut, Gesundheit. « Sie strahlte vor Zufriedenheit. » Er hat es auf die Rückseite der Blätter geschrieben. Papyrus, es waren also wirkliche Blätter. Deshalb sind sie in einem so zerbrechlichen Zustand. Blätter sind dazu geschaffen, sich aufzulösen. « Diesmal schüttelte Janie ungläubig den Kopf. » Das ist zuviel. « » Da bin ich Ihrer Meinung. Der Mann kam herum. « » Ob er wollte oder nicht «, merkte Janie an. Mit etwas wie Sehnsucht schaute sie zwischen den beiden Bänden hin und her. » Ich bin von Alejandro Canches fasziniert, seit ich sein Journal das erste Mal gesehen habe. « Langsam und voll tiefem Respekt fuhr sie fort: » Wissen Sie, daß er im vierzehnten Jahrhundert Antikörper begriff und dieses Verständnis benutzte, um sich mit Hilfe jener alten Hebamme Sarah ein Heilmittel gegen die Pest auszudenken? Die Pest! Wenn jemand, der etwas zu sagen hatte, auf ihn gehört und nur ein paar einfache Anweisungen befolgt hätte – dann hätte der Schwarze Tod vielleicht nicht so lange gewütet, und Millionen wären am Leben geblieben. Aber vermutlich haben ihn alle für verrückt gehalten. « Sie starrte ausdruckslos auf ihre Füße nieder und sah dann verwirrt wieder auf. » Verrückt oder nicht, manchmal habe ich fast das Gefühl, diesen Mann zu lieben. Über all die Jahrhunderte hinweg. Keine romantische Liebe, nur dieses tiefe, wunderbare Staunen, wie man es etwa bei einem Kind empfindet. « Myras Gesichtsausdruck wurde wärmer. » Dann erkläre ich Si e h iermit offiziell zur Jüdischen Mutter ehrenhalber «, sagte sie. » Jetzt können Sie zu Recht sagen: › Und das ist mein Sohn, der Arzt … ‹ « Endlich lachte Janie. » Ich fühle mich geehrt. Wahrhaftig. Also, von einer jüdischen Mutter zur anderen, was bedeutet das alles? « » Es bedeutet, daß Ihr Schriftstück viel mehr wert ist, als ich ursprünglich dachte. Und ich spreche nicht nur von Geld. « D ie Nachricht vom potentiellen Wert des Journals war nicht sonderlich verstörend – aber von ein neuer Gast in Janies Gedankenhotel, und dieser Gast würde bald Zimmerservice verlangen. Als Janie sich an diesem Nachmittag vor Virtual Memorial setzte, erwartete sie eine weitere Überraschung. Eine Auswertung, die sie am Vormittag in Gang gesetzt hatte, war beendet, die Ergebnisse blinkten. Sie wußte, in der Sekunde, in der sie diese Datei öffnete, würde sie von ihr Besitz ergreifen. » Neulich habe ich gelogen «, sagte sie am Telefon zu Tom. » Ich muß doch reden. « » Nun, weißt du was? Ich glaube, du solltest auf Wanderschaft gehen. « Oje! Sie schob eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr und biß sich auf die Lippe. Sie war dankbar, daß Tom ihre nervösen kleinen Gesten nicht sehen konnte. » Eh … habe ich vergessen, meine Rechnungen zu bezahlen? « Sein Lachen kam von Herzen und war erfrischend zu hören. » Nein. Das war bloß einer meiner lahmen Versuche, humorvoll zu sein «, sagte er. » Liegt mir nicht, schätze ich – obwohl ich wahrscheinlich nie aufhören werde, komisch sein zu wollen. Heute nachmittag hatte ich mir Zeit für einen Spaziergang freigehalten. Und das Wetter macht mit. Aber mein üblicher Partner hat abgesagt. Ich würde trotzdem gern gehen, bloß nicht allein. Du kannst wandern und gleichzeitig reden, oder? « Sein üblicher Partner. Das klang ominös, aber sie fragte nicht nach. » Heute – ich weiß nicht. Ich verspreche nichts. Aber einen Versuch will ich gern unternehmen. « » Die meisten Wanderer machen immer denselben Fehler: sie schleppen zuviel Zeug mit. « Er zupfte spielerisch an ihrem Schulterriemen, als sie vor ihm auf eine Felskante kletterte. » Es wäre einfacher, wenn dein Rucksack leichter wäre. « » Er ist nicht schwer «, protestierte Janie. » Und ich habe nichts Überflüssiges mitgenommen. « Im stetigen Rhythmus erklommen sie einen langen, felsigen Abhang, mehr ein Berg als ein Hügel, trügerisch wie die Höhle eines Löwen. Auf der Hinfahrt hatte Tom ihn als » mittelschwere Strecke « beschrieben. Doch stellenweise war der Aufstieg doch schwierig, und Janie mußte sich bemühen, sich festzuhalten. Sie schaute über die Schulter zurück und sah Tom tadelnd an. Er war dicht hinter ihr und lachte versteckt vor sich hin. Sie sah die Heiterkeit auf seinem Gesicht und verspürte einen Moment den Drang, ihm ihren Bergstiefel ins Gesicht zu pflanzen. » Findest du das auch komisch, du Witzbold? « sagte sie. » Ich nicht. Du hast ganz eindeutig Spaziergang gesagt. « Nachdem sie oben auf der Felsformation wieder festen Halt hatte, setzte Janie sich vor einen Geröllbrocken, lehnte sich zurück und gönnte ihren müden Armen und Beinen Entspannung. Nach einem langen Schluck aus ihrer Flasche schüttete sie sich ein bißchen Wasser ins Gesicht, wischte es mit dem Ärmel ihrer Bluse ab, und da sie schon einmal in der Nähe war, putzte sie sich damit auch gleich die Nase. » Puh «, sagte sie und kniff die Augen zusammen, » Schweiß mit Insektensalbe ergibt wirklich eine ekelhafte Kombination . « » Auf derartige Erfahrungen hat jeder Mensch von Zeit zu Zeit ein Recht. Wir üben hier also nur unsere Menschenrechte aus. « Das Grinsen auf seinem Gesicht war so jungenhaft, daß Janie für einen Moment seine mittleren Jahre – er war ja in ihrem Alter – vergaß. Er hatte sich ein Stirnband um den Kopf gewunden, und sie sah wieder das volle Haar vor sich, das er einst hatte; obwohl ein gründlicher Beobachter schon in seiner Jugend bemerken konnte, daß es eines Tages dünner werden würde. » So sollte der Mensch leben «, verkündete er den Felsen, während er sich mit den Fäusten begeistert an die Brust schlug. » Schweiß und Dreck und Muskelkater! « » Igitt. « Janie lachte. » Die Mensch in Crowe nicht! Zeig mir den nächsten Whirlpool. « » Später, Weib. Heute mußt du ihn dir erst verdienen. « Er nahm seine eigene Wasserflasche heraus, trank durstig und wischte sich dann ebenso achtlos wie sie vorher mit einem Zipfel seines T-Shirts den Schweiß ab. » So «, sagte er sachlich, » jetzt rede. « » Bist du sicher, daß du mich vorher nicht noch ein bißchen mehr foltern willst? « » Nein. Du siehst gequält genug aus. « » Tja, du hast mich durchschaut. « Tom wartete einen Moment und sagte dann: » Das setzt dir alles ganz schön zu, oder? « Ein über ihnen kreisender Falke erweckte Janies Aufmerksamkeit. Sie beschirmte ihre Augen und beobachtete, wie er ohne sichtbare Anstrengung nach seiner nächsten Mahlzeit spähte, für die er keinen Koch bezahlen mußte. Neidisch seufzte sie und sah dann wieder ihren lieben, vertrauten Gefährten an. » Ja, es setzt mir zu, in Ordnung. Bruce hat mir vor ein paar Tagen gesagt, ich sollte einfach alles stehen und liegen lassen, und irgendwohin rennen, wo man mich haben will. Vielleicht hat er recht. « Tom schnippte sich eine Mücke vom Arm und stieß ein ironisches » Hmph « aus. » Bolivien würde dich nehmen «, stellte er zur Wahl. » Madagaskar auch. Und sogar jemand, der von den Einwanderungsgesetzen sowenig versteht wie ich, könnte dich wahrscheinlich in gewisse zentralafrikanische Länder schleusen. Oder nach Indien, wenn du wirklich verzweifelt bist. « » Zu schade, daß ich dort nicht hinwill. « » Darüber bin ich eigentlich ganz froh. « Ihre Blicke trafen sich, und sie sahen sich einen Moment an. » Ich würde dich vermissen. « Endloses Schweigen. Dann fand Janie ihre Stimme wieder. » Eventuell ich dich auch … « Irgendwie mußte die Situation bereinigt werden, und wie immer schaffte Tom das mit einer Bemerkung, die ihn selbst ein wenig abwertete. » Ich meine, was würdest du mit all deinem Geld machen, wenn du es nicht mir geben müßtest? « » Vermutlich würde ich mir einen neuen Anwalt suchen. « Er lachte, und das klang vollkommen echt. » Na, wenigstens würde es innerhalb der Branche bleiben. Dafür muß man auch schon dankbar sein. « Dann wechselte er nahtlos das Thema un d r ettete sie beide. » Also, jetzt hast du mich hier raufgeschleppt, um zu reden … « Mit hochgezogenen Augenbrauen sagte sie: » Was das Schleppen betrifft, driften offensichtlich unsere Erinnerungen auseinander. « Dann ächzte sie laut, wandte den Blick ab und starrte zum Horizont. » Es kommt mir vor, als würde wieder alles über mir zusammenschlagen. « Nach einem kurzen Zögern legte er eine Hand auf ihre Schultern und begann, sie leicht zu massieren. » Deine rechtlichen Probleme werden sich mit der Zeit alle lösen. Ich kann dir nur zu Geduld raten. « » Ja – wenn ich nur rechtliche Probleme hätte. « » Meine Zulassung gilt halt für solche! « » Im Augenblick brauche ich keinen Anwalt, Tom, sondern einen Freund. « Jeder Humor verschwand aus Toms Stimme. » Janie, den hast du, das weißt du doch. Auch ohne Worte. « » Ich weiß. So habe ich das nicht gemeint. Tut mir leid. Ein wie guter Freund möchtest du heute sein? « Sofort wurde er wieder frech. » Welches Level dir gefällt. « » Nett und absolut verschwiegen? « » Verdammt. Und ich dachte, ich käme mit dir endlich weiter … « Unwillkürlich mußte sie lächeln. » Na ja, vielleicht nicht unbedingt die höchste Geheimhaltungsstufe. – Ich weiß wirklich nicht, was ich von all dem halten soll. « Sie öffnete ihren Rucksack und nahm Virtual Memorial heraus, und während sie ihn auf ihren Schoß nahm, erzählte sie Tom von der rätselhaften Kristina und deren gewagtem Eindringen in Janies Leben. Sie schilderte die faszinierende Herausforderung durch diese junge Frau, die Betsy viel ähnlicher sah, als Janie lieb war. » Es erinnert mich an: Mission Impossible. « » Und all das passiert hier auf Virtual Memorial, meinem neuen Haustier. Ich darf ihn nie allein lassen. « » Warum nicht? Knabbert er die Möbel an? « » Gott sei Dank nicht, und bislang scheint er auch in etwa stubenrein. « Sie klappte den Deckel auf, und der Bildschirm erwachte zum Leben. » Vermutlich, weil er eine Menge Probleme verursachen könnte, wenn er in die falschen Hände fiele. « Tom dachte ein paar Augenblicke nach. » Ist das der Grund, warum du dich nach deinem Testament und deiner Versicherung erkundigt und all deine Wertsachen in meinen Safe gebracht hast? « » Ja. Kristina hat mir empfohlen, › mein Haus zu bestellen ‹. « » Donnerwetter! « Tom schaute einen Moment auf die Felsen unter ihnen. Dann wandte er sich wieder an Janie und sagte: » Um einen Ausdruck aus unserer Jugend zu gebrauchen: Das ist heavy. « » Ja, finde ich auch. Heute abend werde ich die erste Auswertung der gesammelten Daten durchsehen. Ich habe keine Ahnung, was ich finden werde, aber ich hoffe auf erste Zusammenhänge. « » Janie «, sagte Tom nach einer Denkpause, » macht dir dabei irgendwas wirklich Sorgen? « » Aber natürlich. Ich wäre eine Idiotin, wenn ich keine Angst hätte. Neuerdings scheint das mein Normalzustand zu werden. Diese kleinen Berichte über MR Sam erschrecken mich zu Tode. « » Na, da stehst du nicht allein. Die jagen mir auch Angst ein. « » Um Himmels willen, Tom, was sollen wir machen, wenn er wiederkäme? « » Ich weiß nicht. « Janie schwieg eine Minute. » Aber du liebe Zeit! « sagte sie endlich. » Angst oder nicht, ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und mir die Daten anzusehen. « Tom nahm ihre Hand und drückte sie ermutigend. » Aber du sagst trotzdem, daß dich all das verrückt macht. Ich glaube nicht, daß es daran liegt. Eher fühlst du dich zum erstenmal seit Ewigkeiten wieder lebendig, und du weißt nicht, was du mit all der positiven Energie anfangen sollst. « » Aber ich empfinde einen solchen … Konflikt … aus so vielen Gründen … « » … vor allem, weil du dir solche Mühe gibst, ein harmloses Leben zu führen. Vielleicht hat der kosmische Troll für dich etwas anderes im Sinn? « » Nun, dieses eine Mal wünschte ich mir, er würde sich mir in einer netten, normalen Laune präsentieren. « » Das steht nicht zur Wahl, Janie. « » Darüber könnte man streiten. « Tom lächelte ironisch. » Es würde vermutlich nichts Gutes dabei herauskommen, wenn wir unsere persönliche Wahl träfen. « Sie holte tief Luft und stieß dann langsam und entschlossen den Atem wieder aus. » Was also meinst du, soll ich tun, Weiser Mann? « » Willst du die Antwort von dem Anwalt oder dem Freund? « » Im Augenblick befinden wir uns auf dem Mensch-zu-Mensch -L evel, oder? « » Dann meine ich, daß du es machen solltest – diese Untersuchung, muß ich es wohl nennen – , und zwar mit aller Energie, die du hast. Dir wäre sonst nicht wohl in deiner Haut. Meiner Ansicht nach solltest du nicht einmal daran denken, woanders hinzugehen – solange die Sache nicht zu deiner Zufriedenheit abgeschlossen ist. « Er stand auf und klopfte sich den Staub vom Hosenboden. » Außer «, sagte er und wies auf die nächste Felsspitze, » aufwärts. « » Was ist mit Island? « Er schaute ihr nicht in die Augen. » Na, das solltest du natürlich nicht auslassen … « A n ihrer Haustür verabschiedete er sich mit einem sanften Kuß, den Janie sich noch mehrmals vor Augen führte, bis sie zu dem Schluß kam, er sei wirklich nur aus Freundschaft erfolgt und somit bestehe kein Grund zur Aufregung. Dann trat sie unter die Dusche und schrubbte ihre Haut, bis sie rot glänzte und all der Schmutz, Schweiß und die Gifte aus der Luft in den Abfluß rauschten. Der kleine Postbote in ihrem Computer lächelte und winkte mit Briefen, als sie nachsah. Alle Reklame war vorschriftsmäßig gekennzeichnet, daher löschte sie sie ohne weitere Prüfung und ging weiter zu den Dingen, die sie interessierten. Die persönlichen Botschaften waren nach Länge geordnet. Von Bruce: Ich liebe dich, bitte mißverstehe nicht, was ich sage, ich finde dich wundervoll sowie weitere Äußerungen qualvoller Zerknirschung. Von Caroline: Alles okay? Wir sorgen uns um dich. Ruf an, sobald du kannst. Von Wargirl: Später. Janie nahm an, dies bedeute, daß Kristina am Abend vorbeikommen würde. Das Haar noch in ein weißes Handtuch gewickelt, rief Janie das Auswertungsprogramm auf und widmete sich dem, wonach sie sich zuvor gesehnt hatte. Doch als die sortierten Daten sich vor ihr entfalteten, empfand sie Enttäuschung. Sie hatte sie nach Alter, Geburtsort, Größe, Gewicht, Erbmasse, Impfungen, medizinischer Vorgeschichte un d a llen anderen Grundvorgaben ordnen lassen. Sie empfand es als traurige Wahrheit, daß nichts, was sie erblickte, sonderlich aus dem Rahmen fiel. Der deutlichste gemeinsame Nenner war noch immer das Sommerferienlager. Erstens ärgerte es, zweitens frustrierte es sie. » Okay, dann bitte sehr «, sagte sie zu dem Computer, als sei er persönlich für die Daten verantwortlich, die ihm eingegeben worden waren. » Aber wie wär ’ s, wenn du mir jetzt etwas verraten würdest, was ich noch nicht weiß? « Sie öffnete das Befehlsfenster für genetische Auswertung. » Hier «, sagte sie und berührte den Bildschirm, » damit du was zu tun hast, während ich mich anziehe. « Ihre Anrufe waren erledigt, ihre Haare trocken, und sie verdaute bereits ein schnelles Abendessen, als sie einige Zeit später wiederkam, um die Fortschritte von V. M. zu überprüfen. Der kleine Taschencomputer hatte achtzig Prozent der riesigen Aufgabe, die sie ihm gestellt hatte, erledigt. Eine Auswahl Jungen war noch übrig, aber endlich meinte Janie auf dem Schirm vor sich etwas Unerwartetes zu erkennen. KAPITEL 17 » I ch glaube, diese neuen Gäste könnten mich vor meiner eigenen Torheit bewahrt haben «, flüsterte Chaucer Alejandro zu, als er wieder auf seinem Stuhl saß. Aber der Jude an seiner Seite beachtete ihn nicht, denn seine Aufmerksamkeit war ganz auf Guillaume Karle gerichtet, der direkt gegenüber am Tisch Platz genommen hatte und jetzt mit bleichen Wangen zu ihm herüberstarrte. Ihre gegenseitige Musterung entging de Chauliac nicht, der von seinem hochlehnigen Stuhl am Kopf der Tafel aus mit Adleraugen die Vorgänge beobachtete. » Marcel «, schnarrte er, » Ihr müßt Euren Begleiter vorstellen. « Marcel, der nichts von der sich entfaltenden Intrige ahnte, stand auf und legte eine Hand auf Karles Schulter. » Dies ist mein junger Neffe Jacques, der zu Besuch in Paris weilt. Zu einer höchst ungünstigen Zeit, muß ich sagen, aber er wollte auf Drängen meiner Schwester grandmère seinen Respekt erweisen. Und ich hielt es nicht für passend, ihm davon abzuraten. « » Willkommen, Neffe meines guten Freundes le Provoste! Ich bin entzückt, Eure Bekanntschaft zu machen, und geehrt, daß Ihr Euch von Eurer grandmère losgerissen habt, um an meinem Tisch zu sitzen. Doch mir scheint, Ihr kennt wohl schon einen meiner anderen Gäste. « Karle schaute nervös in de Chauliacs Richtung und ließ dann den Blick über die Tafel schweifen. Er fühlte sich unwohl bei der neugierigen Taxierung der anderen Gäste, am meisten von Seiten des jungen Chaucer. Er rang um Fassung, während alle auf seine Antwort warteten. Schließlich stammelte er verneinend: » Nein … aber für einen Moment hat mich der Herr an jemanden erinnert. « Er wandte sich wieder an Alejandro und sagte: » Ich bitte um Verzeihung, Herr, wenn meine Aufmerksamkeit Euch aufdringlich erschien. « Alejandro schüttelte rasch den Kopf. Er saß stumm und steif da, den Blick unverwandt auf den Rebellen mit den bernsteinfarbenen Haaren gerichtet, jenen Mann, der sich um seine geliebte Kate kümmern sollte. Was ist das für ein Wahnsinn? dachte er bei sich, als er Marcels falsche Vorstellung hörte. Er sah sich an der Tafel um und fragte sich, ob auch alle anderen so etwas wie Schwindler waren; rasch kam er zu dem Schluß, es sei durchaus möglich. Als er an der Reihe war, den Zuspätgekommenen seinen Namen zu nennen, erhob er sich ein wenig und schloß sich dem allgemeinen Täuschungsmanöver an. » Hernandez, zu Ihren Diensten, Messieurs. « Umgehend erläuterte de Chauliac: » In diesem Raum herrscht zu große Bescheidenheit. Dies ist Doktor Hernandez, um genau zu sein. Mein früherer Schüler. « Marcel zog interessiert die Augenbrauen hoch. » Dann müßt Ihr sehr gefragt sein, Herr; es gibt in Paris nur noch wenige Ärzte. So viele sind umgekommen. Ich habe viele Stunden mit der berechtigten Sorge zugebracht, wer sich um unsere Bürger kümmern soll. « Dazu hatte auch der junge Chaucer etwas beizutragen; begeistert mischte er sich in das Gespräch ein. » Mein Herr Lionel erwähnt oft, wie sehr sein Vater den Mangel an Ärzten beklagt und gleichzeitig den Überfluß an Rechtsgelehrten kritisiert. « Marcel lächelte. » Da ich selbst unter einem der zu vielen Rechtsgelehrten zu leiden hatte, kann ich verstehen, daß der König der Advokaten überdrüssig ist. Aber Ärzte sind ein wertvolles Gut. « » Er ist nicht hergekommen, um Patienten zu behandeln, Etienne «, unterbrach ihn de Chauliac, » sondern um zu lernen. Und zwar aus einem schönen medizinischen Lehrbuch, das auch ich mir ansehen durfte. « Liebenswürdig lächelte er in Alejandros Richtung. » Ich bin sehr dankbar für die Ehre, die Doktor Hernandez mir erweist, indem er meine Meinung einholt. « » Dann bin ich noch mehr beeindruckt! « Marcel wandte sich wieder an Alejandro. » Ist Euch klar, Herr, daß die französische Königsfamilie häufig seinen Rat sucht? Und auch die Heiligen Väter, mögen die Dahingeschiedenen in Frieden ruhen! « Diese gutgemeinte Erinnerung an die Ironie des Schicksals rief bei de Chauliac einen etwas verbitterten Gesichtsausdruck hervor, den Marcel nicht übersehen konnte. Sofort änderte sich der Teno r s einer Rede. » Nun, laßt mich Euch nur sagen, daß Ihr Euch in guter und edler Gesellschaft befindet. « Durch reine Willenskraft zwang Alejandro sein pochendes Herz, langsamer zu schlagen, damit er seine eigene Erwiderung hören konnte. » In weit edlerer, als meiner Herkunft zukommt, denke ich. « Bei dieser Feststellung gewann de Chauliac seine Fassung wieder. » Ich erkläre noch einmal, Ihr leidet unter einem Übermaß an Bescheidenheit, Kollege. Meiner Meinung nach seid Ihr durchaus geeignet, einem König zu dienen. « » Und welcher Herkunft seid Ihr, wenn ich so kühn sein darf, Euch diese Frage zu stellen? « Nach einem kurzen Augenblick antwortete Alejandro Marcel so wahrheitsgemäß, wie es ihm möglich war. » Ich bin Spanier. « » Das schloß ich schon aus Eurem Namen, Herr. Und welcher Familie entstammt Ihr? « Jetzt log Alejandro. » Sie sind einfache Leute aus Aragon. « » Doch Ihr seid ein gelehrter Mann. « Der Moment, den er brauchte, um eine plausible Antwort zu formulieren, kam Alejandro zu lang vor. » Die Stadt benötigte einen Arzt, und ich galt als ein Knabe, der fähig war zu lernen. Als meine Ausbildung beendet war, habe ich Aragon eine Zeitlang gute Dienste geleistet. « » Und jetzt erfreut sich Paris Eurer Anwesenheit. Wie lange seid Ihr schon in unserer schönen Stadt? « » Ich bin soeben erst angekommen. « » Dann müssen die Bürger Eurer Heimat Euch sehr vermissen. « » Das wäre zu hoffen. « » Es ist gewiß so «, bekräftigte de Chauliac mit einem Lächeln. » Was hat Euch zu Eurer Reise veranlaßt? Ich meine, außer der Schönheit von Paris und der Weisheit Eures geschätzten Lehrers? « Alejandro vermochte kaum mehr seine Fassung zu bewahren; er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit Karle allein reden zu können, um von Kates Verbleib zu erfahren. Doch er zwang sich zur Ruhe. » Das sind Gründe genug «, äußerte er geduldig, » doch sollte es noch einen anderen geben, könnte man vielleicht die Wanderlust anführen. « » Das Vorrecht der Jüngeren «, pflichtete Marcel ihm bei. Er wie s a uf Karle. » Wie mein Neffe hier! Die Gesetzteren unter uns, ich meine unseren Gastgeber und mich selbst, müssen sich damit zufriedengeben, zu Hause zu bleiben und ihren Pflichten nachzukommen. Obwohl ich sicher bin, daß der junge Jacques aufgrund seines hervorragenden Charakters ebenfalls seiner Verantwortung genügen wird, wenn die Zeit kommt. « De Chauliac nahm den Scherz mit gutmütigem Schmunzeln hin, denn er und Marcel standen auf recht vertrautem Fuß. Karle lächelte matt und nickte nur. Alejandro konnte sehen, daß er absichtlich den einfältigen Provinzler spielte. Gut, dachte er. Je weniger Aufmerksamkeit er erregt, desto glücklicher kann ich mich schätzen. Dann tanzte das Mädchen wieder, und große Platten mit üppigen Speisen wurden gereicht: duftende Rüben und sautierte Gemüse, die einen dampfenden Rinderbraten umgaben, lange Brotlaibe, dicke Stücke weißer Butter. Karaffen mit dunkelrotem Wein wurden auf den Tisch gestellt und die Gäste eingeladen, sich selbst einzuschenken, was sie ungehemmt taten. Sobald eine Karaffe leer war, wurde sie durch eine neue ersetzt, und binnen kurzem war die Stimmung noch ausgelassener als zuvor. » Ein hübsches Festmahl, nicht wahr? « flüsterte Chaucer Alejandro zu. » Mein Herr Lionel wird bitter beklagen, daß er gezwungen war, darauf zu verzichten. « » Euer Herr hat wahrscheinlich durch zu viele üppige Festmähler den Zustand herbeigeführt, der für seine bedauerliche Abwesenheit verantwortlich ist. « Chaucer warf einen raschen Blick in de Chauliacs Richtung, und als er sich davon überzeugt hatte, daß ihr Gastgeber in ein anderes Gespräch vertieft war, sagte er zu Alejandro: » In der Tat. Und de Chauliac sagt, er sei viel zu jung für dieses Leiden. Mein Herr beklagt sich, Monsieur le Docteur habe kein Mitgefühl mit seinen Schmerzen. Er bittet um einen Trunk Laudanum, um sie zu lindern; aber de Chauliac will davon nichts hören. « Was weise ist, wollte Alejandro schon sagen, denn es würde Herrn Lionels Eingeweide wie Lehm zusammenklumpen lassen und seine Gicht erheblich verschlimmern. Doch er enthielt sich dieses Kommentars, denn plötzlich war ihm etwas in den Sinn gekommen. » Vielleicht würde Euer Lord gern eine zweite Diagnos e e inholen «, sagte er statt dessen. » Ich würde mit Freuden eine stellen, natürlich nur mit de Chauliacs Zustimmung. « Eifrig fing der junge Mann den Köder auf, und Alejandro bewunderte seine abenteuerlustige Natur und seinen Wissensdurst. Er ermahnte sich, die große Chance, die sich ihm bot, nicht zu vergeuden, sondern weise und zu seinem Nutzen zu gebrauchen. » Ihr wollt ein Wortschmied werden, mein Freund; findet also die notwendigen Sätze, um Eurem Herrn die Erleichterung zu verschaffen, nach der er sich sehnt. « Chaucer nahm die Herausforderung an. » Gesagt, getan «, erwiderte er mit Elan. » Ich werde dafür sorgen. « Alejandro straffte die Schultern und dachte, wie wundervoll es sein würde, die Eingeweide von Isabellas jüngerem Bruder zu verstopfen. Seine Bemühungen, sie bei den Plantagenets in England durchlässig zu erhalten, waren kaum geschätzt worden. Aber diesmal würden seine Dienste nicht unbemerkt bleiben. A lejandro bekam erst Gelegenheit, mit Guillaume Karle zu sprechen, als das Diner beendet war und die ächzenden, überfütterten Gäste endlich betrunken die lange Tafel verließen. Er hatte seinen eigenen Becher kaum angerührt und mit angespannter Geduld darauf gewartet, daß de Chauliac sich in anderweitige Gespräche einließ. Und obwohl dessen Wachen ihn scharf ihm Auge behielten, würden sie sich nichts dabei denken, wenn er unter vier Augen mit einem der anderen Gäste sprach. Interessiert beobachtete er, wie de Chauliac den Alchimisten Flamel beim Arm nahm und aus dem Raum führte. Sie gingen die Treppe hinauf zu dem Teil des Hauses, in dem seine eigene Kammer lag. Und er machte sich etwas beunruhigt den wahrscheinlichen Zweck ihres Verschwindens klar – de Chauliac würde diesem Flamel die Handschrift zeigen. Für einen kurzen Moment war er in schrecklicher Versuchung, ihnen zu folgen – zu hören, was der Alchimist zu der Schrift Abrahams sagen würde. Doch er durfte die Gelegenheit nicht verpassen, mit Karle zu sprechen, solange sein französischer Kerkermeister ihn nicht beobachtete. Marcel war in eine etwas trunkene und sehr leidenschaftliche Diskussion mit einem der anderen Gäste vertieft und kümmerte sich nicht um seinen » Neffen «. Alejandro nahm etwas unsanft dessen Arm und steuerte ihn in die Vorhalle. Die Wachen behielten ihn im Visier, griffen aber nicht ein. Als er annahm, daß sie außer Hörweite waren, zischte er: » Was ist mit ihr? Sprecht! « » Beruhigt Euch, Arzt «, sagte Karle, » und lockert Euren Griff! Wenn Ihr noch fester zudrückt, werdet Ihr meinen Arm kurieren müssen. « Alejandro ließ ihn los. » Da habt Ihr Euren Arm zurück, aber redet jetzt endlich. Und zwar zügig, denn wir haben vielleicht wenig Zeit. « Karles Stimme klang dringlich. Während er sprach, schaute er wiederholt über Alejandros Schulter. » Sie ist ganz wohlauf, das versichere ich Euch. Wir suchen ständig nach Euch! « » In der Rue des Rosiers? Unter dem Schild der Fromagerie? « » Genau dort. « » Sie hat sich also erinnert, auch nach diesen vielen Jahren. « » In der Tat! Besser als Ihr, scheint mir – wo Ihr doch hier in so großer Nähe seid! « beschwerte Karle sich. » Warum seid Ihr nicht gekommen? « Alejandro starrte ihn ungläubig an. Seine Miene wurde hart vor Zorn. » Seht Ihr denn nicht, daß ich ein Gefangener bin? « flüsterte er. » Ich sehe Euch nicht in Ketten. « Alejandro neigte den Kopf in Richtung Tür, wo die Wachen standen. » Er hat mich mit menschlichen Ketten gefesselt! Glaubt Ihr nicht, daß ich kommen würde, wenn es mir möglich wäre? « Karle erwiderte den zornigen Blick. » Woher soll ich wissen, was Ihr tun oder nicht tun würdet? « » Meine Tochter wüßte es! Hat sie Euch nicht erzählt, daß ich ihr vollkommen ergeben bin? « » Viele Male. Und sie spricht auch davon, die sie Euch ergeben ist. In dieser Hinsicht braucht Ihr Euch also nicht zu sorgen. « Alejandro trat dichter an Karle heran, und seine Miene war jetzt noch bedrohlicher. » Sollte ich mich denn in anderer Hinsicht sorgen? « Karles kaum merkliches Zögern entging Alejandro nicht. » Nun? « bohrte er. » Nein. Sie ist wohlauf und glücklich. « » Glücklich? Wie kann ein Mädchen, das so lange von seinem Vater getrennt ist, glücklich sein? « Der Revolutionär geriet ins Stammeln. » Nun, vielleicht ist sie nicht wirklich glücklich, aber sie scheint zufrieden. « Er suchte nach einer Erklärung. » Sie hat eine Gefährtin, die ihr Gesellschaft leistet, ein Mädchen in Marcels Haus, wo … « » Ihr habt sie in Marcels Haus gebracht? « » Ja. Und er hat uns freundlich aufgenommen – ohne nachzuforschen, wer sie sein könnte oder warum sie bei mir ist. Ich bin dorthin gegangen, weil es für sie kein anderes sicheres Obdach in Paris gibt. Und für mich auch nicht. « » Ein Stall wäre sicherer für sie. In Marcels Haus müssen doch alle möglichen Adeligen ein und aus gehen! « Karles Augen verengten sich. Er kam zu dem Schluß, daß die Heimlichtuerei lange genug gedauert hatte. » Ich denke, es ist an der Zeit, mir zu sagen, warum Ihr sie dauernd versteckt. « Alejandro wich ein wenig zurück. » Sie hat es Euch also nicht erzählt? « » Was denn? « zischte Karle aufgebracht. Doch Alejandro blieb stumm. Seine Miene war versteinert und undurchschaubar. » Wenn ich zu Marcels Haus zurückkomme, werde ich sie auffordern, mir dieses Geheimnis zu enthüllen. « » Das wird sie ablehnen. « Jetzt faßte Karle Alejandro beim Kragen und zog sein Gesicht dicht an sich heran. » Seid da nicht so sicher, Arzt! « Sie starrten einander an, haßten sich dafür, daß sie sich gegenseitig brauchten. In der Stille dieses Augenblicks hörte Alejandro Schritte auf steinernen Stufen und das Knirschen von Stiefeln. Er sah über seine Schulter. De Chauliac und Flamel kamen die Treppe hinunter, in eine Diskussion vertieft. Er wandte sich wieder an Karle und flüsterte: » Wir können nicht mehr reden. Es müssen Pläne geschmiedet werden, mich hier herauszuholen! Ich werde ständig bewacht; aus diesem Haus gibt es schwer ein Entrinnen. « » Wie wollt Ihr dann … « » Ich denke, es tut sich vielleicht ein Ausweg auf. « De Chauliac schritt durch die Vorhalle. Sein langes, zinnoberrotes Gewand bauschte sich elegant hinter ihm. Der korpulente , rotgesichtige Alchimist watschelte neben ihm her. Der Franzose lächelte, als er näher kam, und Alejandro wußte, daß er ihm Fragen stellen würde, wenn er ihn erreicht hatte. » Im obersten Stockwerk gibt es ein vergittertes Fenster nach Westen. Dort werde ich festgehalten. Ich werfe Euch nachher einen Brief hinunter. Kommt morgen nach Einbruch der Dunkelheit. Laßt mich nicht im Stich, Karle, oder … « Doch er hatte keine Gelegenheit mehr, Karle irgendwelche Höllenstrafen anzudrohen, denn de Chauliac mit seinem dicklichen Begleiter hatte sie erreicht. » Ein so trautes Zwiegespräch! Kommt schon, gebt zu, daß Ihr miteinander bekannt seid. « Karle nickte respektvoll und sagte dann: » Nein, Herr, wir haben uns eben erst kennengelernt – aber da der Herr ein Arzt ist und mein lieber Onkel Etienne darauf hinwies, daß es davon heutzutage so wenige gibt – nun ja, da habe ich es für klug gehalten, ihn nach gewissen Beschwerden zu fragen, unter denen ich leide und die möglicherweise mit einer Frau zu tun haben. « » Ah! « sagte de Chauliac mit einer Handbewegung. » Solche Beschwerden sind eine Plage. Sprecht nicht weiter! « » Das brauche ich zum Glück auch nicht, denn der gute Doktor hat mir einen Rat gegeben, der mir ungemein einleuchtet. « » Er ist ein ausgezeichneter Arzt. Ihr tut gut daran, seinem Rat zu folgen. Darf ich auch etwas Persönliches hinzufügen? « » Oh, ich möchte bitten. Ich bin begierig, in dieser Angelegenheit jeden Spezialisten zu konsultieren. « De Chauliac lächelte. » Dann empfehle ich Euch, junger Mann, die Frauen, mit denen Ihr Euch zusammentut, sorgfältig auszuwählen. « Karle und Alejandro warfen einander einen kurzen Blick zu. Dann sagte Karle: » In diesem Falle, Herr, hat das Mädchen mich ausgesucht. « Und mit einer höflichen Verbeugung entfernte er sich. Es dauerte einen langen Augenblick, bis Alejandro sich genügend gefaßt hatte, um zu merken, daß Flamel mit ihm sprach. Er erbat sich eine Wiederholung der Frage. Und dann mußte er sich rasch eine passende Antwort auf die Frage ausdenken, wie er in den Besitz des Journals gelangt war. » Ein Apotheker hatte es erworben. « » Wo, wenn ich fragen darf? « » Ich erinnere mich nicht genau. Zu der Zeit war ich auf Reisen, und ich kannte die Namen der Dörfer, durch die ich streifte, nicht immer. Soweit ich weiß, war es im Norden. Nein, wartet – vielleicht war es auch im Süden. « Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. » Mein Gedächtnis für solche Details läßt leider zu wünschen übrig. « Flamel sah de Chauliac an und dann wieder Alejandro. Sein Gesicht glühte vor unverhohlener Erregung. » Ich habe sehr lange Zeit nach diesem Band gesucht. Unter den Mitgliedern meines Berufsstandes gab es Gerüchte von seiner Existenz, aber niemand hatte ihn je gesehen. Ihr habt der Welt einen bemerkenswerten Dienst erwiesen, indem Ihr ihn aufgespürt habt. Sagt mir, hat der Apotheker berichtet, wie er an das Manuskript gelangt ist? « » Ich habe den Mann nicht gefragt, und er hat keine Erklärung abgegeben. Aber man kann wohl mit einiger Sicherheit annehmen, daß er es einem Juden abkaufte. Vielleicht stammt es aus den Plünderungen in Straßburg. Oder er hat es auch von einem Flüchtling erhalten. « » Gott sei Dank sind nur wenige entkommen … « » Einer würde schon genügen «, sagte Alejandro bitter. Ehe das Gespräch noch unangenehmer werden konnte, griff de Chauliac ein. » Ich sehe, Eure Übersetzung schreitet gut voran. « » In der Tat – trotzdem ist noch viel zu tun. « Flamel sagte: » Ich sah an Eurer Schrift, daß Ihr gerade mit den Seiten begonnen habt, auf denen die Anweisungen für die Metallumwandlung stehen. Es wäre eine große Ehre, wenn Ihr mir unverzüglich von Euren Fortschritten berichten würdet. Vielleicht kann ich Euch auch eine Hilfe sein, denn ich kenne den Sinn vieler Symbole, die sich in der Handschrift befinden. « » Nun, das scheint mir eine wundervolle Idee! « schwärmte de Chauliac. Und Alejandro wurde klar, daß im Grunde schon alles vereinbart worden war, als sie oben in seiner Kammer waren. Er fragte sich, wie de Chauliac wohl die Gitter an seinem Fenster erklärt hatte. Oder ob sie dem Alchimisten überhaupt aufgefallen waren … Das Fest endete, und die Gäste verabschiedeten sich nach und nach. Karle war Marcel schon aus der Tür gefolgt und hatte Alejandro mit der beklemmenden Angst zurückgelassen, er werde vielleicht nie wiederkehren. Der dicke und zwielichtige Alchimist dagegen hatte zum großen Bedauern des Juden seine Rückkehr fest und wortreich versprochen. Jetzt brach der Page Geoffrey Chaucer auf. Alejandro nahm ihn kurz beiseite und flüsterte: » Vergeßt nicht, mit Eurem Herrn zu sprechen. Sagt ihm, daß es mich sehr danach verlangt, ihn von seinen Nöten zu befreien. « Chaucer zwinkerte verschwörerisch sein Einverständnis und sagte: » Ihr werdet bald von mir hören. Darauf könnt Ihr Euch verlassen. « Dann ging der junge Mann zu de Chauliac und bat um einen kurzen Brief, der sein langes Ausbleiben erklärte. Er bekam ihn bald darauf und machte sich froh auf den Weg, ein junger Mensch, der alle Köstlichkeiten des Lebens noch vor sich hatte. Wehmütig sah Alejandro ihm nach, als er im Hof verschwand. Seine Abenteuerlust und sein Wissensdurst erinnerten den gefangenen Juden an seine eigene, freiere Jugend, bevor er auf seinem Weg gestrauchelt war. Doch die Liebe des Jungen zum Englischen war etwas besorgniserregend. Allerdings konnte sich Alejandro jetzt nicht damit befassen. Und letztlich, das wußte er, würde ein so junger Mensch sich nicht aufhalten lassen, ganz gleich, was die Welt von seiner Muttersprache hielt. A uf dem Strohlager in ihrer kleinen Dachkammer zitterte Kate in Guillaume Karles Armen, und obwohl die Nacht warm war, fröstelte sie vor Entsetzen. » Aber warum können wir nicht jetzt gehen? « » Er hat ausdrücklich gesagt, morgen. « » De Chauliac! « stöhnte sie kläglich. » Wer hätte das gedacht? « Er schnaufte vorwurfsvoll. » Wenn ich deine Geschichte kennen würde, könnte ich vielleicht die Bedeutung ihrer Begegnung begreifen; aber du hast mir die Geheimnisse deiner Vergangenheit ja nicht verraten. « Sie schloß fest die Augen und verstummte. » Kate, bitte, du mußt mir diese Hintergründe enthüllen. Es ist gefährlich, wenn ich nicht Bescheid weiß. « Widerstrebend öffnete sie die Augen und suchte seinen Blick. » Er hat dir also nichts gesagt? « » Nein – aber er hat mich gefragt, ob du mir etwas gesagt hättest. « Sanft nahm er ihr Gesicht in beide Hände und schaute ihr tief in die Augen. » Ich werde dich nicht verraten « gelobte er. » Mein Verlangen nach dir verbietet es; und selbst ohne das bin ich ein Mann von Ehre. Niemals dulde ich es, daß du zu Schaden kommst, ganz gleich, welcher Vorteil auch für mich dabei herausspränge. « Sie wandte das Gesicht ab, aber er drehte es wieder zu sich her. » Bitte « , beschwor er sie. » Siehst du denn nicht, daß ich dich liebe? Ich flehe dich an, vertraue mir! Wenn wir jemals zusammenleben wollen, muß ich wissen, wer du bist. « Sie zog seine Hände von ihren Wangen und legte sie sanft in ihren Schoß. Dann richtete sie sich auf und sah ihm direkt in die Augen. » Du mußt mir versprechen, niemandem zu sagen, was ich dir nun mitteilen werde. « » Aber das habe ich doch gerade versprochen. Zweifle nie an meiner Aufrichtigkeit! « » Karle, dieses Wissen kann gefährlich werden. « » Das Risiko nehme ich auf mich. « Nochmals atmete sie tief durch. » Wenn es zu einer Belastung werden sollte, mußt du dich daran erinnern, daß ich dich gewarnt habe. Und daß du akzeptiert hast … « » Jawohl! Akzeptiert! Und jetzt sprich weiter, bei der Liebe zur Heiligen Jungfrau! « » Nun denn «, seufzte sie müde. » Was weißt du über die englische Königsfamilie? « » Nicht mehr, als jeder einfache Mann wissen muß. « » Ich fürchte, bald wirst du mehr wissen, als dir lieb sein wird. « Seine Verwirrung schien echt. » Aber was hat das mit dir zu tun? « » Alles. Weißt du, Karle, ich bin … ich … « Sie mußte ihre Tränen unterdrücken und verstummte, unfähig, weiterzusprechen. » Ja? « drängte er. » Sag es mir! « Plötzlich platzte sie damit heraus, es gab keinen Aufschub mehr. » Ich bin nicht pères Kind. « » Heiliger Strohsack! « rief er. » Ebenso könntest du behaupten, der Himmel sei blau! Jeder Narr erkennt das doch auf den ersten Blick. Wessen Kind bist du denn? « » Ich … ich bin … eine illegitime Tochter von König Edward. « Unwillkürlich sog er die Luft ein. » Mon Dieu! « Er bekreuzigte sich. » Meine Mutter war eine der Hofdamen von Königin Philippa. Père wurde während der Großen Pest als Arzt an Edwards Hof geschickt, von de Chauliac persönlich. So kreuzten sich unsere Wege das erste Mal. « Karle riß schockiert den Mund auf. Als er sich wieder gefaßt hatte, sagte er: » Eine Prinzessin? Du bist eine Prinzessin von England? « » Nein! Du verstehst nicht! Ich bin nichts. Nichts. Ein Bastard, verachtet von allen, die irgend etwas mit mir zu tun hatten. In sehr zartem Alter wurde ich von meiner Mutter getrennt und in den Haushalt meiner Stiefschwester Isabella geschickt, die die wahre Tochter meines Vaters und seiner Königin ist. Ich war kaum mehr als eine Sklavin für sie; einzig meine Kinderfrau ging freundlich mit mir um. Gott segne sie, und sollte sie verstorben sein, so möge der Himmel sie aufnehmen. Und eine der Hofdamen meiner Stiefschwester, Adele! Sie war mir mehr Schwester als Isabella. Die Königin, der König und all meine königlichen Brüder und Schwestern haben mich behandelt wie kalte Asche aus dem Herd! « » Was ist mit deiner Mutter? Konnte sie nichts für dich tun? « » Die Königin verbot es. Das war ihre Rache an meiner Mutter, weil sie dem König gestattet hat, sie in sein Bett zu nehmen – obwohl ich nicht verstehe, wie sie dem hätte entgehen können. Und dann, ich war erst sieben, wurde sie von der Pest dahingerafft. « » Das hast du mir erzählt. Mon Dieu « , wiederholte er mit offenem Mund, » das ist wirklich eine außergewöhnliche Geschichte. Niemals hätte ich so etwas erwartet … « » Das Erstaunlichste ist, daß ich noch am Leben bin und dir davon erzählen kann! « Sie zögerte einen Moment und insistierte: » Jetzt muß ich dich noch einmal um das Versprechen der Verschwiegenheit bitten, sonst kann ich nicht weiter berichten. « » Du hast es – aber kann denn noch Unerhörteres kommen? « » Vielleicht wirst du es so sehen, oder auch nicht. « Sie atmete tief ein und sagte dann schnell: » Père ist ein Jude. « Schockiertes Schweigen. Dann flüsterte er: » Das kann nicht stimmen. Ich würde es wissen. « » Wieso? « » Ich hätte es an seinem … Verhalten … erkannt. Und er weist keines der Merkmale eines Juden auf. « » Doch – eine Narbe! Auf der Brust. Ein kreisförmiges Brandzeichen. « Als er sich an die erste Nacht in jener Hütte erinnerte, fiel ihm ein, daß er die seltsame Narbe bei dem Mann eher für eine überwundene Krankheit gehalten hatte. Doch zu der Zeit wirbelte ihm zuviel anderes durch den Kopf, als daß er weiter darüber nachdachte; seine Männer starben, er selbst war auf der Flucht und wurde gejagt. » Das eine Mal, als ich ihn ohne Hemd sah, wandte er sich von mir ab. Jetzt verstehe ich, warum. « Nach einem verwirrten Augenblick fragte er: » Aber wie kam es dann, daß de Chauliac ihn nach England geschickt hat? « » De Chauliac hat es nicht gewußt, weil Père seine Identität verschwieg. Er trug den Namen eines toten Gefährten, eines Soldaten, mit dem zusammen er Spanien verlassen hatte. « » Warum? « » Weil er dort einen Bischof getötet hatte. « » Einen Bischoff Und trotzdem läuft er noch ungefoltert durchs Land? « » Ich schwöre, daß es wahr ist. Und du mußt mir glauben, Karle – er hatte jedes Recht zu dieser Tat. « » Aber ein Bischof … das ist wahrhaftig eine schwere Sünde. « » Und die Erinnerung daran belastet ihn Tag für Tag. Der verfluchte Kirchenfürst hatte ihn und seine Familie ruiniert; nur wegen der Exhumierung eines Leichnams, eines Mannes, den Père von einem schrecklichen Leiden zu heilen versucht hatte. Er mußte unbedingt herausfinden, warum dieser Mann gestorben war. Also nahm er den Leichnam aus dem Grab … « » Mon Dieu! « stöhnte Karle. » Karle – du mußt versuchen zu verstehen – wenn man so leidenschaftlich nach Wissen strebt wie Père, ist man oft gezwungen, Gefahren auf sich zu nehmen. Und er hat seinen Drang nach Erkenntnis teuer bezahlt. Seine Familie wurde aus Cervere vertrieben, ihr Hab und Gut beschlagnahmt – sie mußten Spanien in de r s chlimmsten Pestzeit verlassen. « Sie ließ ein wenig den Kopf sinken. » Er weiß nicht, ob sein Vater oder seine Mutter die Flucht überlebt haben – sie waren damals schon alt, und es liegt bereits zehn Jahre zurück. « » Da geschieht es ihm nur recht, wenn er dieses Verbrechen teuer bezahlt hat. « Kates Wangen waren von brennendem Zorn gerötet, aber sie beherrschte sich mühsam. » Père weiß, daß er eines Tages für seine Taten verurteilt werden wird. In seinen heiligen Büchern heißt es › Auge um Auge ‹, und er kann zwar nicht offen fromm sein – aber er nimmt die Worte seiner Propheten sehr ernst. « Ein Moment verging schweigend. Dann fuhr Kate fort: » In Avignon hat er versucht, sich als Arzt niederzulassen und auf die Ankunft seiner Familie zu warten. Aber er wurde mit anderen Ärzten zusammen gezwungen, sich von de Chauliac unterrichten zu lassen. Sie wurden über ganz Europa verteilt, um die Gesundheit der Königshäuser zu schützen; denn der Papst wollte mit Hilfe königlicher Heiraten seine Ränke schmieden, und das konnte er nicht, wenn alle Bräute und Bräutigame dahinsiechten, bevor er sie in die Hand bekam. So ist Père nach England gelangt – sonst wäre er noch heute in Avignon. Viele Jahre lang hat er gehofft, daß seine Familie es dorthin schaffte, aber er hat Angst vor einer Rückkehr, denn man könnte ihn erkennen und einsperren. Und trotz aller Hoffnungen für seine Angehörigen weiß er, daß sie kaum die Reise aus Spanien oder dann die Pest überlebt haben können. « Karle seufzte in tiefem Erstaunen. » Wie grausam die Hand des Schicksals sein kann! Er hielt Paris für sicher, und dabei erwartete ihn hier die größte Gefahr. « Einen Augenblick dachte er nach und sagte dann bedrückt: » Es muß schrecklich für dich gewesen sein, all diese Jahre. « Kate runzelte die Stirn. » Schrecklich? Wie meinst du das? « » Du reist jetzt seit zehn Jahren umher als seine Tochter. « » Und warum «, sagte sie empört, » sollte das schrecklich sein? « » Schlimm genug, daß er ein Jude ist, aber obendrein ein Grabräuber, ein Mörder … du bist ihm bemerkenswert ergeben, wenn man bedenkt … « Ohne nachzudenken, holte sie aus, um ihn zu schlagen. Er packte ihre Hand, bevor sie sein Gesicht erreichte, und hielt sie fest. Er sa h d en Zorn und die aufsteigenden Tränen in ihren Augen und begriff, daß seine Überlegungen sie tief verletzten. Sie liebte den Mann, wie sie einen echten Vater geliebt hätte. Nach ein paar angespannten, reglosen Momenten flüsterte er: » Es tut mir leid. Ich wollte nicht respektlos sein. « Er küßte ihre geballte, zitternde Faust zärtlich und bittend. » Es war voreilig und töricht, so zu sprechen. « Kate riß ihre Hand los. Ihre Wangen waren gerötet, und als sie endlich das Wort ergriff, klang ihre Stimme düster. » Père ist der beste Mensch, den ich je gekannt habe. Er ist von weit edlerem Geist als derjenige, der mich gezeugt hat. Ich habe in seiner Obhut nie etwas entbehrt. Er hat mir die Segnungen des Wissens, der Sprache, des Schreibens und des Rechnens angedeihen lassen – ich kenne die Medizin, die Jagd, alle Fertigkeiten, die man braucht, um zu überleben! Das können wenige Männer von sich behaupten, von Frauen ganz zu schweigen. Und niemals hat er versucht, mir seine Überzeugungen aufzuzwingen. Aber ich weiß, er sehnt sich danach, daß ich sie teile – ich sehe es manchmal an seinem Ausdruck; ihn umgibt eine Einsamkeit, die kein Mensch erdulden müssen sollte. « Sehr leise sagte Karle: » Er hat viel verloren. « » Er hat alles verloren und zuletzt noch den Rest, woran ihm lag – um mich zu retten. « Als sie diese Worte aussprach, begriff Karle, daß er diesen Vater tatsächlich würde akzeptieren müssen, um sich die Tochter zu erhalten. » Ich schwöre, daß ich alles Nötige veranlassen werde, damit ihr nie wieder getrennt werdet. « » Wenn wir zusammenbleiben wollen, wirst du deinen Frieden mit ihm schließen müssen. « » Dann wird das auch geschehen. « D och der Mann, dem diese Worte galten, hatte keinen Seelenfrieden, denn noch immer rumorten in ihm die Ereignisse des Abends. Der aufgeschlossene junge Chaucer, der vielleicht, ohne es zu wissen, der Schlüssel zu seiner Flucht werden könnte; das unerwartete Wiedersehen mit Karle; die wunderbare Nachricht von Kates Wohlergehen und Karles verwirrende Behauptung, Kate habe ihn irgendwie » ausgesucht «. Natürlich gab es nur eine Art, auf die ei n M ädchen einen Mann wählte – der bloße Gedanke daran loderte in ihm und verzehrte seine neuerliche Zuversicht. All das war zu verwirrend, überstieg das Verständnis des einfältigen Mannes, für den er sich mittlerweile hielt. Doch verstehen mußte er es, denn er wollte de Chauliacs Kontrolle – koste es, was es wolle – entrinnen. In dem spanischen Kloster, so erinnerte er sich aus der Ferne, war es wenigstens sicher gewesen, daß seine Häscher ihn tot sehen wollten. De Chauliac erlegte ihm die Folter schlimmster Ungewißheit auf. Er haßte es, sein unfreiwilliger intellektueller Komplize, Spielzeug seines Geistes zu sein. Verdammt sei dieser Schurke; unter besseren Umständen würde sein Intellekt ihn zu einem allgemein willkommenen Gefährten machen. Im Licht einer einzelnen Kerze starrte er auf Abrahams Manuskript und fragte sich, ob er je wieder dasselbe dafür empfinden könnte. Dieser Flamel schien es zu begehren, wie ein Mann eine Frau begehrt – als könne sein Besitz ihn für irgendein großes, enttäuschendes Versagen entschädigen. Nachdem der schmierige Alchimist die Seiten berührt und ihre Geheimnisse gesehen hatte, gab es für Alejandro das Gefühl nicht mehr, das Buch gehöre wirklich ihm. Narr! schalt er sich selbst. Es gehört dem Volk, zu dessen Unterweisung es geschrieben wurde. Jetzt war es seine Pflicht, dafür zu sorgen, daß dieses Volk diese Unterweisung erhielt. Plötzlich hörte er ein leises Klopfen. De Chauliac persönlich trat ein. Die formelle Gesellschaftskleidung war verschwunden; jetzt trug der elegante Franzose ein leichtes Gewand aus feinster indigoblauer Seide. Ihre Blicke begegneten sich, und für einen Moment spürte Alejandro de Chauliacs neugieriges Forschen; es schien, als versuche der Leibhaftige selbst, in seine Seele zu schauen. Er wandte den Blick ab, was de Chauliac zwang, etwas zu sagen. » Es war ein schöner Abend, nicht wahr? « » Er war interessant , das gebe ich zu. Aber warum, in Gottes Namen, habt Ihr Lord Lionel eingeladen? « » Was haben meine Gründe mit Euch zu tun? « » Er hätte kommen können. « De Chauliac lächelte. » Ich nehme an, es war die potentielle Gefahr, die mich dazu veranlaßt hat – daß ich sehen wollte, wie Ihr reagieren würdet. Es machte mir Vergnügen, wie Ihr Euch aus Furcht , erkannt zu werden, gewunden habt. Aber alles ist gut ausgegangen, oder? Ihr habt die Gesellschaft dieses jungen Pagen anscheinend sehr genossen. Lionel war noch ein Kind, während Eurer Zeit bei Hofe, und hat sich nicht darum gekümmert, was die Älteren trieben. « Er grunzte zynisch. » Und ein Kind ist er geblieben! Jedenfalls läßt er sich so kindisch gehen, daß es ihm gelungen ist, sich die Gicht zuzuziehen. « Alejandro setzte sich gerader auf. Das ist meine Chance, das nächste Samenkorn in die Erde zu senken. » Ich würde ihn gern untersuchen, wenn Ihr meint, er würde mich nicht erkennen. « De Chauliac zog überrascht die Augenbrauen hoch. » Wozu in aller Welt? « » Weil er, wie Ihr bereits sagtet, zu jung ist, um an der Gicht zu leiden. Vielleicht ist es nicht die Gicht, was ihn quält. Es könnte etwas anderes sein. « » Ihr wollt an meiner Diagnose zweifeln? « Sei vorsichtig, was du sagst. Erinnere dich an seinen Stolz und benutze ihn in diesem Duell. » Dieser Krieg hat viele neue Formen des Elends mit sich gebracht, Leiden, die noch nicht einzuordnen sind, und ich habe viele davon gesehen. Mitglieder des Königshauses bleiben davon nicht verschont, nur weil sie königlich sind. Einst habe ich von Euch gelernt, weil Ihr über das breitere Wissen verfügtet. Wäre es nicht möglich, daß Ihr jetzt von mir lernen könntet? « De Chauliac wand sich unbehaglich. » Ich vermute, es wäre nicht ganz von der Hand zu weisen … « » Dieser junge Chaucer sagt, sein Herr leide unter Schmerzen in den Extremitäten, vor allem in einem Fuß вЂ“ aber Ihr wolltet ihm kein Laudanum geben. Ich denke, dies ist die richtige Behandlung, weil Laudanum ihn verstopfen könnte, und Ihr erkennt klugerweise, daß der Körper sich von allen Fäulnisstoffen und Abfällen befreien muß, um zu gesunden. Doch wenn sein Fluch nicht die Gicht ist, leidet er vielleicht unnötig unter Schmerzen, die ich heilen könnte. Er stünde für immer in Eurer Schuld. « Der Franzose bedachte das, antwortete aber nicht. Endlich, nach langem quälendem Schweigen, sagte er: » Ihr habt recht, Jude. Vielleicht wird unsere gemeinsame Weisheit meinem Prinzen besser dienen als meine allein. « Alejandro ergänzte rasch: » Wir könnten uns danach in einen anderen Raum zurückziehen, um unsere Feststellungen zu erörtern. Wenn wir einen anderen Grund für seine Beschwerden finden, werden wir sagen, Ihr allein hättet ihn entdeckt. « De Chauliac wirkte bestürzt und verletzt. » Solch falsche Lorbeeren habe ich nicht nötig. « » Nein, natürlich nicht. Ich meinte nur, daß ich es mir nicht leisten kann, Aufmerksamkeit zu erregen. « » Ja, gewiß «, stimmte Chauliac nachdenklich zu. Dann wurde sein Blick dunkel und bedrohlich. » Wenn Ihr zu fliehen versucht, werdet Ihr es furchtbar bereuen. « » Bei den Wachen, mit denen Ihr mich umgebt? Wie sollte ein einzelner Mann sie überwinden? « Der Franzose starrte ihn einen Moment lang prüfend an. » Ich werde es mir überlegen «, beschloß er die Unterhaltung. Dann erhob er sich. Sein seidenes Gewand raschelte, als er sich umdrehte und zur Tür ging. Ohne zurückzublicken flüsterte er: » Schlaft wohl, mein Freund. « Dann ging er, schloß die Tür hinter sich und ließ seinen Gefangenen mit der Frage zurück, warum er überhaupt gekommen war. KAPITEL 18 J anie ging nicht mehr davon aus, daß selbstverständlich eine wohlmeinende Person vor der Tür stand, als es läutete. Das gehörte zu einer anderen Phase ihres Lebens. War diese neue Vorsicht nun gut oder schlecht? Was würden ihre Freunde sagen, wenn sie sehen könnten, wie sie durch den Türspion linste? Michael und Caroline würden es untereinander besprechen, ehe sie eine Meinung äußerten, die sich nicht vorhersehen ließ. Bruce würde sofort gut sagen. Tom würde eine Weile darüber nachdenken und es schließlich schade finden. Kristina, die jetzt ungeduldig vor ihrer Tür stand, würde über machen-Sie-die-Tür-auf hinaus keine Meinung haben. » Ich habe Ihre Nachricht bekommen! « Damit fiel ihr die junge Frau ins Haus. » Wahrscheinlich bedeutete sie, daß Sie mir etwas zeigen wollen. « » Stimmt «, antwortete Janie nervös. Sie winkte dem Mädchen, und während Kristina hereinspazierte, sah Janie sich hastig draußen um, musterte den Gehsteig, die Einfahrt, die Büsche. Kristina starrte sie mit echter Besorgnis an. » Sind Sie in Ordnung? « » O ja, ich denke schon – aber ich brauche länger, als ich dachte, um die Unruhe nach dem Einbruch loszuwerden. Hoffentlich dauert es nicht ewig! « » Hoffe ich auch «, sagte Kristina. Sie reichte Janie eine braune Papiertüte. » Hier, das hilft vielleicht. « Unverzüglich fischte Janie einen Becher Eiscreme aus der Tüte und sagte strahlend: » Oh, das wird mich entschieden aufheitern. « Ihre Paranoia begann zu schwinden. » Schauen wir mal, was wir da haben. « Janie hob den Pappbecher an und las das Etikett. Sie sah, daß de r G eschmack genau ihrer ausgefallenen Vorliebe entsprach, eine klebrige Mischung aus Schokolade, Buttertoffee und Nüssen – und ihr dankbarer Gesichtsausdruck wich einem deutlichen Argwohn. Irgendein magischer Zufall, oder … » Woher wußten Sie, daß das mein Lieblingseis ist? « Kristina reagierte mit einem kleinen, nervösen Gestotter, gab aber keine präzise Antwort. » Hören Sie «, legte Janie los, » Sie müssen ein bißchen vorsichtiger mit all diesen Einzelheiten umgehen, die Sie über jedermann zu wissen scheinen! Ich kann darüber hinwegsehen, aber jemand anders würde Sie vielleicht für eine arrogante Besserwisserin halten und vor die Tür setzen. « Kristina wirkte betroffen und setzte zu einer Entschuldigung an. » Ich wollte nicht … « Janie wandte sich ab, damit Kristina das Lächeln nicht sah, das ihr entschlüpfte. Sie entwickelte allmählich einen gesunden Respekt vor der offensichtlichen Kompetenz des Mädchens und mochte sie im Grunde. Aber es war trotzdem befriedigend, sie zu verunsichern. Janie hätte Kristina gern dasselbe gesagt, was ihre eigene Mutter ihr vorzuhalten pflegte, wenn sie zu sehr von sich selbst eingenommen war: Jedesmal, wenn du dich umdrehst, gibt es hinter dir jemanden, der schlauer ist als du. Aber ich bin nicht ihre Mutter. Sie stellte den Eisbecher auf die Arbeitsplatte und holte Schalen und Löffel aus dem Schrank. » Na schön, Schwamm drüber! Natürlich vermute ich, daß Sie mich alle beobachten. Und dies geht wirklich ein bißchen zu weit. « Sie klopfte auf den Deckel des Eisbehälters, dessen Kondenswasser jetzt auf die Platte tropfte. » Aber ich verzeihe Ihnen, daß Sie mein Lieblingseis kennen, weil dies in der Tat mein Lieblingseis ist, und ich bin froh, daß Sie sich die Mühe gemacht haben, es aufzutreiben. « Sie lachte lautlos, als sie sich erinnerte. » In den ersten drei Wochen, als ich von zu Hause weg und auf dem College war, aß ich so viel Eis, daß ich es danach nicht mehr sehen konnte, bis ich ungefähr fünfundzwanzig war. Aber seit ich wieder welches esse, kann ich nicht genug davon kriegen. « Kristina zog ihre leichte Jacke aus und hängte sie über einen Küchenstuhl. » Und in dieser Zeit waren Sie auch Vegetarierin. « Janie starrte sie erneut ungläubig an – erst vor ein paar Augenblicken hatte sie sich über genau dieses Verhalten beschwert. Wie schnell Sie vergessen! Die Mutter in ihr wollte schon mit einem strengen Verweis reagieren, aber dann sprach sie doch eine eher sanfte Ermahnung aus: » Also gut, wenn Sie jetzt nicht sofort damit aufhören, muß ich Sie auf den Boden zurückholen. « Sie wies auf eine Schublade. » Da drin sind die Löffel. « Janie fand den Eisportionierer an seinem üblichen Platz und füllte die beiden Schalen. Sie setzten sich damit zu beiden Seiten vor Virtual Memorial an den Küchentisch. » Den ganzen Tag habe ich nichts von Ihnen gehört, deswegen dachte ich, ich komme mal schnell vorbei «, begann Kristina. » Ich hatte heute viel zu tun und sowieso mit Ihnen gerechnet – Ihre Nachricht von heute nachmittag ist angekommen. Und gestern hatten Sie mir gesagt, Sie würden sich heute abend sehen lassen, wissen Sie das nicht mehr? « Janie merkte sofort, daß Kristina sich versteifte. Das Mädchen antwortete nicht auf die Frage, sondern reagierte mit einer Gegenfrage, die etwas defensiv klang. » Womit hatten Sie denn so viel zu tun? « Janie versuchte, so beiläufig wie möglich zu klingen, obwohl die Wendung, die das Gespräch nahm, sie beunruhigte. » Morgens habe ich in der Stiftung gearbeitet, dann hatte ich einen privaten Termin und bin mit einem alten Freund wandern gegangen …. « » Sie wandern gern? « » Oh, wußten Sie das nicht? Na, das ist aber mal eine angenehme Abwechslung – nein, scharf drauf bin ich nicht. Aber jemand hat mich eingeladen. « Vermutlich wissen Sie auch, wer, dachte sie. » Außerdem mußte ich – ein bißchen Dampf ablassen. Übrigens, V. M. hatte ich die ganze Zeit bei mir. Und heute abend habe ich mir ein paar der demographischen Auswertungen angesehen. « Sie. machte eine kurze Pause. » Und eine genetische durchführen lassen. « Bei dieser Information veränderte sich Kristinas Gesichtsausdruck. » Haben Sie irgendwas gefunden? « Janie drehte den Bildschirm des Computers so, daß auch Kristina ihn gut im Blickfeld hatte. » Schauen Sie «, sagte sie, » und entscheiden Sie selbst. « Das Display zeigte lauter ausgewählte Ergebnisse – Graphiken, Listen, Reihenfolgen. Janie berührte eine Stelle des Bildschirms, und sofort erschien eine Graphik, die alle bisherigen Daten zusammenfaßte sowie das Auftreten von Ähnlichkeiten zeigte. » Hier haben wir eine geographische Spitze, aber das wußten wir ja schon; meiner Ansicht nach ist das eher zufällig, einfach ein sekundäres Resultat auf der Basis wichtiger gemeinsamer Faktoren. Ich denke, man kann ruhig sagen, daß an der Ostküste mehr Juden leben als im Bibergürtel. « Sie berührte eine bestimmte Spitze der Graphik, und in einem Fenster erschienen wichtige Details der betreffenden Daten. » Der wichtigste gemeinsame Faktor ist immer noch Camp Meir, und sie waren, wie Sie an dieser Zeile sehen können, alle im selben Jahr dort, ummittelbar vor dem ersten Ausbruch von MR Sam. « Kristinas Stimme klang eine Spur enttäuscht: » Aber damit hatten wir doch mehr oder weniger gerechnet. « » Ich weiß «, meinte Janie. » Nichts davon überrascht mich. Und offen gestanden glaube ich nicht, daß wir in den demographischen Daten mehr finden als das. Es scheint eine Sackgasse zu sein. Ein bißchen mehr könnte bei den Krankengeschichten herauskommen, da die noch nicht alle vollständig sind – aber ich habe nicht das Gefühl, daß das etwas Weltbewegenderes zutage fördern wird. Doch wir werden sie uns ansehen, denn ich könnte mich ja auch irren … ist schon vorgekommen. « Sie rechnete mit Kristinas Erheiterung, aber das Mädchen war ganz auf den Bildschirm konzentriert. Also holte Janie tief Luft und fuhr fort: » Aber … hier, hier denke ich, daß wir an der richtigen Stelle suchen. « Sie berührte wieder den Bildschirm, diesmal bei dem Symbol für die genetische Auswertung. Eine Reihe von Optionen erschien. » Da sind ein paar interessante Dinge aufgetaucht. « Kristinas Züge spannten sich noch mehr an, als sie die Information auf dem Bildschirm las. Vorzeitige Falten erschienen auf ihrer Stirn, während ihre Augen von Zeile zu Zeile huschten. » Die genetischen Auswertungen kann ich immer kaum erwarten, bis ich draufkomme, was sie bedeuten könnten. « Es folgte ein besorgte r B lick auf Janie. » Hier sehe ich ein paar Krebsfälle. « Sie ließ ihren Finger über den Bildschirm gleiten und prüfte Spalte um Spalte. » Hier Darmkrebs, da Hodenkrebs, aber das ist wohl nicht so furchtbar schlimm … « Auf einem speziellen Namen blieb ihr Finger hängen. » Oh, Scheiße, dieser Junge wird demnächst eine Bauchspeicheldrüse brauchen. « Bekümmert strich sie sich das Haar aus der Stirn. » Na ja, vielleicht gibt es auch dafür eine Behandlung, bis das akut wird. « » Oder wir finden eine Methode, die Organe zu züchten, die wir benötigen «, sagte Janie in sehnsüchtigem Ton. » Aber schauen Sie, hier – da haben wir einen schwebenden Fall der Lou-Gehrig -K rankheit. « Sie lehnte sich zurück und sah Kristina an. » Haben Sie eine Ahnung, ob man die Jungen oder ihre Familien über die möglichen Folgen aufgeklärt hat? « » Das bezweifle ich. Warum sollte sich jemand überhaupt dafür interessieren, außer Versicherungsgesellschaften, meine ich … und ich weiß nicht, wie wir es feststellen sollten. Wir können ja wohl kaum zu den Eltern gehen und sagen: › Entschuldigen Sie, hat Ihnen jemand mitgeteilt, daß Ihr Sohn in der Blüte seines Lebens einen langsamen und qualvollen Tod sterben wird, daß er seine Tage sabbernd und sich einnässend beschließen wird? ‹ Vor allem, da wir dieses genetische Material auf ziemlich fragwürdige Weise ergattert haben. « Todernst kommentierte Janie: » Keines dieser Probleme wird eine große Rolle spielen, wenn sie nicht alle von ihrer gegenwärtigen Erkrankung genesen. Und da wir einmal beim Thema sind … « Sie rief eine weitere Seite des Programms auf. » Hier ist das, was ich für das mögliche Verbindungsglied halte. Ich habe es bei jedem von ihnen gefunden. « Es war ein spezielles Gen auf einem speziellen Chromosom mit einem einfachen kleinen Fehler, einer Wiederholung eines Adenin -T hymin-Paares, das an einer Stelle saß, wo es nicht hingehörte. Kristina berührte ein paar Symbole auf dem Bildschirm und rief eine graphische Darstellung des betreffenden Gens auf. » Hallo, mein Freund «, sagte sie, und ihr Gesichtsausdruck verriet verbotene, schuldbewußte Erregung. Sie tippte das Symbol an, das dem Computer befahl, seine richtige wissenschaftliche Bezeichnung zu zeigen. Die Buchstaben und Zahlen erschienen auf dem Monitor , und Kristina wandte sich mit unendlich befriedigter Miene Janie zu. » Ich wußte es! « » Was wußten Sie? « » Daß wir etwas in der Art finden würden. « Janies Augen verengten sich; sie starrte die junge Frau an, die neben ihr saß. » Wieso haben wir dann diese ganzen Suchen und Auswertungen gemacht? « » Weil es nicht hundertprozentig feststand, daß wir dieses spezielle Gen finden würden «, sagte Kristina. » Mein Bauch hat mir nur gesagt, daß wir eines finden würden. Irgendwo. Mit etwas wie dem hier. « » Wie was? « Kristina zeigte auf den Namen des Gens auf dem Bildschirm. Die Buchstaben waren rot unterstrichen. » Ich schätze, ich sollte das erklären. Sie haben das Programm noch nie benutzt. Wir haben es so eingerichtet, daß es bestimmte Dinge erkennt und in verschiedenen Farben anzeigt. « » Was zum Beispiel? « » Nun, das Programm sucht nach spezifischen Eigenschaften in den Genen, während es sie liest, Eigenschaften, die für uns potentiell interessant sind. « Sie blies durch die Nase und wies mit dem Finger auf die Darstellung auf dem Bildschirm. » Dieses spezielle Gen, das, das Sie bei jedem der Jungen gefunden haben, hat etwas, das sich als eine sehr interessante Eigenschaft erweisen könnte. Es ist meines Wissens nach patentiert. « » Das verstehe ich nicht «, zweifelte Janie. » Ein angeborenes Gen kann man nicht patentieren. « Kristina nickte. » Ich weiß. « » Dann … dann ist dieses Gen … « » Hmm « , bestätigte Kristina, » dieses Gen ist nicht angeboren. Es muß eingeschleust worden sein. « D ie verstörende Offenbarung veranlaßte Janie, sich sofort wieder ihrem Eis zuzuwenden. Die Schale in der Hand, rollte sie sich fast defensiv auf der Couch Kristina gegenüber zusammen, löffelte kleine Bissen und behielt jedesmal den Löffel im Mund, bis das Eis geschmolzen war. Gedankenverloren und ausdruckslos starrte sie vor sich hin, bis die Schale leer war. Sie klopfte mit dem Löffel an das Porzellan, ohne zu merken, wie entnervend das Geräusch war. Schließlich streckte Kristina den Arm aus und nahm den Löffel aus ihrer Hand. Janie kam wieder zu sich. » Zu schade, daß es keine Pennys mehr gibt «, meinte Kristina , » sonst würde ich Ihnen einen Penny für Ihre Gedanken bieten. « Mit zynisch verzogenen Lippen erwiderte Janie: » Diese Gedanken sind vermutlich ein bißchen mehr wert als das. « Die junge Frau griff in die Tasche ihrer Jeans und nahm einen Vierteldollar heraus, den sie einmal mit dem Daumen drehte. Dann schob sie ihn über den Couchtisch. » Denken Sie laut «, bat sie. » Was ich denke, gefällt mir nicht. Ich habe das Gefühl, wenn ich es ausspreche, wird es real. « » Wir würden diese Sache nicht sehen, wenn sie nicht bereits real wäre. Daher können Sie Ihre Meinung ruhig äußern. « Mit ernster, ja grimmiger Miene sagte Janie: » Ein Gen kann nur patentiert werden, wenn es verändert worden ist. Dieses Gen muß also jemandem entnommen, verändert und dann diesen Jungen eingepflanzt worden sein. Anders kann es nicht gewesen sein. « Sie seufzte tief. » Wir müssen herausfinden, wer das getan hat. Aber der Teil, der wirklich aufregend wird « – sie rieb sich die Schläfen und schloß die Augen – , » ist die Entdeckung, wie man es repariert. « D ie Liste der Variablen schien zu wachsen und nicht zu schrumpfen, wie Janie erwartet hatte. Jede neue Information löste nicht etwa ein Problem, sondern warf ein weiteres auf. Da sie es vor sich sehen mußte, kritzelte Janie, sobald Kristina gegangen war, mit roter Tinte auf einen Stenoblock mit lila Linien. Es sah unordentlich aus wie alle ihre Notizen seit ihrem Medizinstudium. Auch Alejandro war Arzt, schalt sie sich selbst, und er hatte eine wunderschöne Handschrift. Sie versuchte, lockerer zu schreiben und lange Buchstaben mit zarten Ober- und Unterlängen zu bilden, wie ihr Held es sogar in seinen verzweifeltsten Stunden beibehielt. Aber es wurde nicht besser, und sie kam zu dem Schluß, daß das mehr an dem lag, was sie geschrieben hatte – als an ihrer Handschrift. Verändertes Gen beginnt als angeborenes Gen. Wessen? Patient Null. Angeborenes Gen wird verändert. Von wem? Und warum? Verändertes Gen wird reproduziert und zum Patent angemeldet. Patent wird gewährt – wem? Und zu welchem potentiellen Gebrauch ? Irgendwo mußte es angefangen haben. Irgendwann mußte ein Kind mit dieser speziellen genetischen Anomalie in die Obhut eines Orthopäden mit starkem Interesse an Genetik geraten sein. Und das mußte vor den Ausbrüchen geschehen sein, damals, als Patienten manchmal noch wählen konnten, von wem sie sich behandeln ließen, und Ärzte innovative Behandlungsmethoden anwendeten, ohne fürchten zu müssen, behindert oder geächtet zu werden. Beziehungsweise finanziell ruiniert. Der ganzen Situation haftete der Beigeschmack von nicht beendeter Forschungsarbeit an. Vielleicht war das Projekt schiefgelaufen, aufgegeben und später von jemand anderem wieder aufgegriffen worden, der eine andere Vorstellung davon hatte, was dabei herauskommen sollte. Vor ihrem geistigen Auge sah Janie das Knochenbild von Abrahams Wirbelsäule nach dem Bruch. Es machte sie wütend – das Rückgrat des Jungen sah aus, als hätte jemand einen Hammer genommen und darauf geschlagen, bis es kein Stück mehr gab, das größer war als eine Zehncentmünze. Was für einen tragischen, entsetzlichen Fehler hatte da jemand begangen. Denn es mußte ein Fehler gewesen sein, ein ursprünglich gutgemeinter Versuch, etwas Nützliches zu vollbringen, der irgendwie schrecklich gescheitert war. Es war einfach unmöglich, daß ein anständiges menschliches Wesen, das sich mit der Behandlung eines anderen menschlichen Wesens befaßte, solche Dinge geschehen ließ, ohne darüber zu berichten. Und wenn es leider kein Unfall war, sondern Absicht, dann würde Janie, wenn sie den Verantwortlichen dingfest gemacht hätte, ihm erbarmungslos in den Hintern treten. W eißt Du, wie sehr ich dich liebe? begann die E-mail. Wie sehr ich mir wünsche, bei Dir zu sein ? Was Du mir bedeutest? Ich spüre, daß Dein Leben sich mit Ablenkungen füllt, die Dich von mir und den Dingen entfernen, die für uns wichtig sind. Zwar habe ich kein Recht, Dir vorzuschreiben, was Du tun sollst – aber ich bitte Dic h z u bedenken, was aus unserem Leben wird, wenn Du den Weg weitergehst, den du eingeschlagen hast. Ich habe Angst, daß Du etwas Wichtiges übersiehst, irgendein Signal von bevorstehendem Verhängnis oder Gefahr, und daß Dir etwas zustößt. O Bruce, dachte sie traurig, bitte tu das jetzt nicht … stell dich mir bitte nicht in den Weg. Seine Nachricht ging weiter: Wir müssen dringend in Island darüber reden. Island! dachte sie, als sie das las. Hilfe … wie kann ich diese Arbeit unterbrechen, um nach Island zu fahren? Hektisch tippte sie eine Nachricht an das Reisebüro in den Computer – konnten die Buchungen geändert und die Reise verschoben werden, vielleicht um eine Woche? Bruces Visum galt einen ganzen Monat lang. Und ihr eigenes war sicher auch auf das Ende dieses Monats zu verschieben … sie würde auch mehr bezahlen, falls notwendig. Während die Nachricht übertragen wurde, erschien der kleine Postbote auf ihrem Bildschirm. Schon wieder? Ich habe doch erst vor zehn Minuten alle Nachrichten abgerufen. Es gab keine Antwortadresse, keinen Absender, überhaupt keine Information über die Quelle. Die Nachricht gehörte also potentiell zu denen, die man sofort ungelesen löschen sollte. Sie las sie trotzdem. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt zum Aufhören. Eine Antwort war möglich, aber wieder ohne Adresse. Wenn sie also reagierte, würde sie nicht wissen, wohin diese Antwort ging – genau wie bei der ersten Nachricht von Wargirl. Aber diese E-mail war freundlich gewesen, die jetzige hingegen eindeutig nicht! Stop, rief Bruce ihr zu. Geh, hatte Tom ihr geraten. Sei vorsichtig, lautete Carolines Mahnung. Es war eine einzige große innere Ampel. Janie sah nur Grün. Das glaube ich nicht, tippte sie als Antwort. Und drückte auf das Symbol ABSENDEN . S andhaus würde es wissen, er war der Mann für Antworten. Er mied Computer, weil er selbst einer war. » Was wäre die beste Quelle für Krankengeschichten aus der Zeit vor den Ausbrüchen? « fragte Janie ihn. » Wonach genau suchen Sie denn? « » Nach einem Patienten Null. Er müßte an irgendeiner Wirbelsäulenverletzung gelitten haben. « Der Professor kicherte. » Oh, ja, das wird leicht zu finden sein! « Er dachte einen Augenblick nach. » Ich würde bei NIH anfangen. Nehmen Sie die Studie der Stiftung über Wirbelsäulenregeneration zum Vorwand, um reinzukommen. « Es wäre nicht allzu schwierig, einen plausiblen Grund für eine rückwirkende Suche zu finden. » Und wenn ich Informationen über Ärzte will, die bei den Ausbrüchen gestorben sind? « » Janie? Da fragen Sie noch? Der amerikanische Ärzteverband. Die AMA. « Vorübergehend verstummte sie. » Ich hasse die AMA . Die sind meine Blockierer … « » Liegt auf der Hand … Ich mag sie auch nicht, und glücklicherweise habe ich nicht allzuviel mit ihnen zu tun. Aber wenn irgend jemand Unterlagen über Ärzte hat, dann sie. Lassen Sie sich bloß einen freundlich klingenden Grund für Ihre Anfrage einfallen. « » Die Familie einer Frau, die an Osteoporose-Komplikationen gestorben ist, möchte mit einem Teil ihres Vermögens einen Lehrstuhl stiften, aber anonym bleiben. Deshalb haben sie uns von der Stiftung gebeten, einen Orthopäden zu suchen, jemanden, der nach den Ausbrüchen etwas wirklich Sinnvolles gewagt hat, falls er oder sie da noch lebte. « » Ich werde Ihnen gern eine Liste schicken, aber die ist wahrscheinlich ziemlich lang … das waren harte Zeiten für Ärzte. « » Ja, nicht wahr? Aber eine lange Liste ist gut; wir führen gern die notwendigen Recherchen durch, wenn alle Namen darauf stehen. Keinesfalls möchten wir versehentlich jemanden übersehen. « » Unsere Akten sind absolut vollständig. Und ich besorge sie Ihnen gern. Aber ich habe eine Bitte an Sie – würden Sie vielleicht so freundlich sein, uns den Namen des Erwählten mitzuteilen, wenn die Entscheidung gefallen ist? Das wäre sehr nett. « » Kein Problem. Ich werde Ihnen selbstverständlich mitteilen, auf wen wir uns konzentrieren. « » Fein. Wir halten uns gern auf dem laufenden über unsere Mitglieder, selbst wenn sie nicht mehr bei uns sind. « » Ja «, sagte Janie bitter, » das weiß ich. « Sie gab dem Public -R elations-Beauftragten der AMA ihre E-mail-Adresse bei der Stiftung. Die Liste kam weniger als eine Stunde später und führte eine entmutigende Anzahl von verheißungsvollen und prominenten Orthopäden auf, die den bösen Bakterien des neuen Jahrtausends zum Opfer gefallen waren, insgesamt fast vierhundert. Und das sind bloß die, die damals noch in der AMA waren. Derjenige, den sie eigentlich wollte, war möglicherweise nicht einmal dabei. Doch mit schmerzlichem Hohn erinnerte sie sich daran, sollten die Akten ja zuverlässig vollständig sein. Sie fragte sich, wie ihre eigene Akte bei der AMA aussehen mochte, entschied dann aber, daß solche Spekulationen kein produktiver Gebrauch von Speicherplatz im Gehirn waren. Für die vor ihr liegende Liste galt das nicht. Durch wiederholte und logische Eliminierungsprozesse auf der Grundlage von Spezialisierungen, Wohnort, Mitgliedschaft in der Vereinigung und einigen weiteren Faktoren engte sie die Liste auf fünfzehn mögliche Kandidaten ein. Die Frage nach dem Patienten Null war wirklich nicht so leicht zu lösen. Sah es in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg so ähnlich aus – alle Akten ein Chaos, einige Leute, die ihre Identität unbedingt wiederherstellen wollten, andere, die genauso verzweifelt versuchten, ihre auszulöschen? Vermutlich, dachte Janie. Vieles von dem, was während MR Sams Aufstieg an die Macht vorging, blieb undokumentiert – weil die Leute viel zu sehr damit beschäftigt waren, am Leben zu bleiben, um sich über die Registrierung dessen Sorgen zu machen, wer was mit wem angestellt hatte und aus welchem Grund. Viele Menschen waren einfach in dem verschwunden, was inzwischen scherzhaft als Schwarzes Loch der Ausbrüche bezeichnet wurde. Janie argwöhnte, daß dieses Schwarze Loch in Wirklichkeit ein ganz normales Leben unter einer ausgetauschten Identität bedeutete – das Leben von Leuten, die vor dem ganzen Horror zu den Randgruppen gehört hatten, den Marginalen, die ihre eigen e Z ukunft so weit verbaut hatten, daß sie in keiner Weise mehr dem amerikanischen Traum entsprachen. Welche idealere Möglichkeit gab es, noch einmal von vorn anzufangen, als unter der alten Identität zu sterben und als unbescholtener normaler Bürger wieder aufzuerstehen? Das würde sich niemals rekonstruieren lassen. Schulen? Krankenhäuser? Wohltätigkeitseinrichtungen? Alle hatten wahrscheinlich Unterlagen, beklagenswert unvollständig, und vieles von dem war sicherlich auf Big Dattie übertragen worden; doch alle diese Informationen standen zweifellos unter dem Schutz der Gesetze über die Privatsphäre. Das galt allerdings auch für legitimierte Forscher. Wir haben das schon einmal gemacht. Doch das hatte sich als tödlich erwiesen; die tragischen Konsequenzen würden ihr für den Rest ihres Lebens Schuldgefühle verursachen, was auch für Michael und Caroline galt. Janie konnte sie nicht nochmals um Hilfe bitten. Aber Sandhaus einzuschalten war eine andere Sache. Er hatte zwar gegen die ganze Computerei seine Vorbehalte, doch irgendwo in seiner akademischen Trickkiste der forensischen Kriminologie gab es sicher einen erlesenen Hacker – vermutlich den einen einzigen Hacker, der noch nicht im Gefängnis saß. Sie wurde nicht enttäuscht. » Ja, ich kenne jemanden «, bestätigte er, » aber der ist ein gieriges Miststück. Und irgendwie unheimlich. « » Wieviel? « » Zehntausend Credits, schätze ich. « Ehe sie antwortete, schluckte sie. » Das ist ziemlich happig. « John Sandhaus zuckte mit den Schultern. » Billiger als ein Auto. « » Ich will kein Auto kaufen, sondern nur Zugang zu gewissen Informationen. « » Dann finden Sie jemand Betuchten, der einspringt. « Zögern. Kannte er jemanden? Er schien überall seine Verbindungen zu haben. » Ich kann ja niemanden fragen, bevor ich sicher weiß, wie hoch die genauen Kosten sein werden. « » Also vorausgesetzt, Sie kriegen das Geld, müssen Sie es folgendermaßen angehen … « Es war, als kehre sie an den Schauplatz eines Alptraums zurück, den sie innerlich immer wieder durchgespielt hatte und der sie sehr unglücklich machte. Aber da, an einem Ende der Theke aus Chrom und Holz in einer entmutigend ähnlichen Computerbar, saß ein Mann, und das mußte derjenige sein, den zu kontaktieren John Sandhaus ihr geraten hatte. Sie erkannte ihn an dem auf seinen Unterarm tätowierten Cursor. Wie irgendein Vamp in einem schlechten Film starrte Janie durch den überfüllten Raum auf den » Gentleman «, der alles andere als das zu sein schien, und schenkte ihm ein einladendes Lächeln. Er musterte sie kühl amüsiert von oben bis unten, als sie auf ihn zuging – T rotz seiner pockennarbigen Haut und vielen Falten, besaß e r e ine bemerkenswert trainierte Figur. Sein Haar war ölig und in glatten Wellen zurückgekämmt. Sie erwartete fast, eine selbstgerollte Zigarette hinter seinem Ohr zu erblicken, denn er roch schwach nach Tabak. Das fast leere Glas in seiner rechten Hand, von dem sie annahm, es enthalte Scotch, erklärte den anderen Geruch. Die Gesamtwirkung seiner Erscheinung verriet, daß er sich bemühte, cool zu altern. Jetzt mußte sie ebenfalls das coole Girl herauskehren, was sie ziemlich ärgerlich fand. » Hi «, sagte sie und deutete auf den Barhocker neben seinem. » Ist da noch frei? « Lässig winkte er ihr zu. Als sie auf den gepolsterten Ledersitz glitt, dachte Janie unwillkürlich: Diese Mata-Hari-Masche wird nicht funktionieren; ich sollte ihm einfach sagen, was ich will. Aber er war ein recht angenehmer Typ. » Ich hatte gehofft, daß Sie sich entschließen, sich neben mic h zu setzen. Darf ich Sie zu einem Drink einladen? « S ie war überrascht, etwas zu hören, das sie für einen französischen Akzent hielt; das erklärte auch den Tabak und den Matrosencharme. » Das wäre nett, vielen Dank! « Er senkte leicht das Kinn, und wunderbarerweise erschien sofort der Barmann. Janie war beeindruckt. Sie hätte zehn Minuten gebraucht, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. » Worauf haben Sie Lust, Mademoiselle? « erkundigte sich der Hacker. Ach du süßer Junge, du weißt einfach, wie wir nicht ganz taufrischen Mädels dahinschmelzen, wenn man uns » Fräulein « nennt …. und gleich wirst du mir irgendein blumiges Kompliment machen, etwa, daß ich gut rieche. » Pinot Noir, bitte «, bestellte sie bei dem Barmann, » wenn Sie einen guten offenen haben. « » Bringen Sie eine Flasche vom besten «, korrigierte der Franzose. Und als Janie zu protestieren versuchte, winkte er mit einer Geste ab. » Den trinke ich am liebsten. Woher wußten Sie das? « Er hatte ein schönes Lächeln. Im Gegensatz zum Rest seiner etwas rauhen Erscheinung waren seine Zähne in Ordnung und sahen unglaublich gesund aus. Janie dachte, nachts im Glas auf dem Nachttisch müßten sie sich hinreißend machen. Innerlich lächelte sie, denn seine potentielle Anziehungskraft ließ entschieden nach, als sie ihn sich zahnlos vorstellte. Die Flasche kam, dazu zwei Gläser. Mit einem einzigen Schluck kippte er den Rest seines Scotchs und schenkte ihnen beiden ein. Feierlich stellte er ein Glas vor sie hin und hob dann seines. » Worauf wollen wir trinken? « » Auf die Pinot-Traube als eine von der Natur feinsten Gaben! « Sie stieß mit ihrem Glas gegen seines und führte es dann an die Nase, um das Bouquet zu genießen. Erfreut schloß sie einen Moment die Augen, öffnete sie dann wieder und trank langsam einen Schluck von der klaren roten Flüssigkeit. » Ach … himmlisch «, schwärmte sie. » Jetzt sind Sie mit dem Trinkspruch an der Reihe. « » Auf meine entzückende Gefährtin! « Er beugte sich etwas dichter zu ihr und schnupperte zart. » Wer riecht denn hier so wunderbar? « Als die Flasche fast leer war, hatte sie ihn auf fünftausend Credits für eine halbe Stunde Wandern durch Big Dattie heruntergehandelt, eine Summe, die sie sich selbst leisten konnte, falls Kristinas » Agentur « nicht zahlen wollte; sie würde mit Freuden zahlen, wenn sie sie bei ihrer Suche so viel weiterbrächte, wie sie hoffte. » Ich muß nur die Garantie haben, daß der Zugang vollkommen anonym bleibt. Sie können niemandes Identitätsnummer verwenden. « » Abgemacht «, versicherte er ihr mit blitzenden Plastikzähnen. » Nicht nur niemandes … « Sie fragte sich, was er wohl damit meinte, wagte aber nicht zu fragen. Es käme bald genug heraus. Sie vereinbarten Zeit und Ort für ein weiteres Treffen, das nach ihrer Rückkehr aus Island stattfinden sollte. Janie ging nach Hause, um weiter an der Liste der Dinge zu arbeiten, die sie nicht wußte. KAPITEL 19 D e Chauliac las die Botschaft auf dem Pergament und sah dann zu dem Jungen auf, der sie gebracht hatte. Es war nicht der junge Chaucer, sondern ein eher tölpelhaft wirkender Geselle; deshalb formulierte der elegante Graf seine Antwort so einfach wie möglich, ohne die blumigen Formeln von Zuneigung und Respekt, die er Lionels gebildeterem Pagen vielleicht anvertraut hätte. » Sagt Lord Lionel, daß wir ihn heute nachmittag aufsuchen werden. Und richtet ihm aus, daß ich mich sehr darauf freue, ihn zu sehen. « Der Bote verneigte sich linkisch und humpelte davon. De Chauliac kehrte ins Studierzimmer zurück. Seine Miene war fragend und leicht erheitert, als er zu Alejandro kam. Doch als er sprach, tat er ein wenig ärgerlich. » Nun, anscheinend hatte Lord Lionel einen Spion in unserem Hause, als wir uns verschworen, ihn gemeinsam zu behandeln. Er hat mir gerade diese Bitte gesandt. « Der Hausherr legte das Pergament auf den Tisch. Alejandro überflog es und sah dann zu de Chauliac auf. Dabei hoffte er, daß sein Gesichtsausdruck nichts von seiner Erregung verriet. » Wie Ihr der Botschaft entnehmen könnt, war der Page Chaucer ziemlich beeindruckt von Euch «, bemerkte de Chauliac. » Und jetzt werden wir › eingeladen ‹, den Prinzen aufzusuchen, sobald es uns möglich ist. « Alejandros Herz pochte. Der Junge hatte Wort gehalten! » Ich vermute, das bedeutet unverzüglich zu erscheinen. « » Ganz recht! « De Chauliac nickte. Er hob das Kinn und sah an seiner langen Nase hinunter. » Wirklich, Kollege, man könnte meinen, daß es zwischen Euch und diesem jungen Mann eine Verschwörung gab. Obwohl ich annehme, daß ich die Ausübung der Medizin mit Euch gemeinsam genießen werde, bin ich doch nicht ganz glücklich darüber, daß Ihr Euch draußen zeigt. « Nur mit größter Anstrengung brachte Alejandro ein Lächeln zustande. » Soll ich mich trotzdem auf diesen Besuch vorbereiten? « » Ja, ich denke schon. Ich werde Euch einen angemessenen Umhang und einen Hut leihen. « » Es wäre auch sehr hilfreich, wenn ich meine Tasche haben könnte. « » Nein «, lehnte de Chauliac sofort ab. » Ganz gewiß nicht. « » Es wäre Eurem Ruf abträglich, einen Kollegen mitzubringen, dem es an den nötigen Geräten mangelt. « Wieder gewann Chauliacs Stolz die Oberhand. » Meinetwegen «, knurrte er. » Ihr sollt sie haben. Aber nicht Euer Messer. « S ie ritten schneller durch die Pariser Straßen, als es sich angesichts der zahlreichen Fußgänger, denen sie begegneten, empfahl. Alejandro war auf beiden Seiten von seinen üblichen Bewachern flankiert, die kurze Schwerter in schnell zugänglichen Scheiden trugen. Aber er machte das Beste aus dieser Partie, indem er alles in sich aufnahm, was er sah und hörte – zu lange hatte er auf die Innenwände von de Chauliacs Haus gestarrt, und so schön dieses auch war: er hatte sich daran satt gesehen. Erst als er wieder davon umgeben war, merkte er, wie sehr seine Augen nach einem Blick auf das wirkliche Leben gehungert hatten. Vor dem Aufbruch hatte de Chauliac seine Leute angewiesen, Alejandro zu zeigen, wie scharf ihre Schwerter waren und wie schnell sie sie zu ziehen vermochten. » Damit Ihr Euch jeden Gedanken an Flucht aus dem Kopf schlagt «, lautete der strenge Bescheid des Franzosen. Aber Alejandro ließ sich von seiner Warnung nicht ins Bockshorn jagen. Auf diesem Ritt wollte er noch gar nicht fliehen, weil er sicher war, daß sich bestimmt eine günstigere Gelegenheit ergäbe, wenn dieser Ausflug gut verlief. De Chauliacs Wachsamkeit würde erst allmählich nachlassen, und dann käme seine Chance. Heute würde sie sich nicht bieten, das stand fest. Es war ihm ein großer Trost, wieder auf einem Pferd zu sitzen, obwohl er den vertrauten breiten Rücken seines eigenen Reittiers vermißte. Dieses war kleiner und hatte einen langsameren und gemächlicheren Gang, ganz anders als das nervöse Tänzeln seines Hengstes. Er konnte nicht vorhersagen, wie dieses Pferd reagieren würde, wenn er ihm die Fersen in die Flanken drückte und die Zügel straffte, um es zu beschleunigen. Doch es beruhigte ihn, seine Tasche bei sich zu haben, die man hinter seinen Sattel geschnallt hatte. Während sie dahinritten, spürte er ihren Druck im Kreuz, wie seit fast einem Jahrzehnt auf seinen Reisen. Was er bei diesem Ritt am schmerzlichsten vermißte, war die Gesellschaft des Kindes, inzwischen zur Frau geworden, die so innig zu ihm gehörte. Der Dauphin, der eines Tages auf dem französischen Thron sitzen würde, wenn alles nach dem Plan seines Vaters, des Königs Johann, verlief, bewohnte eine noch prachtvollere Residenz als diejenige von de Chauliac. Doch als sie eintraten, fühlte sich Alejandro sofort an Windsor Castle erinnert, und zwar durch die Möbel, die wiederum schlichter waren als die im Hause de Chauliac. Vielleicht, so überlegte er, hatte man dem Prinzen Lionel zu seiner Bequemlichkeit seine eigenen Möbel gesandt; denn eine königliche Geisel hielt man am besten bei Laune, indem man sie mit ihren vertrauten Habseligkeiten umgab. Geoffrey Chaucer führte sie in das Schlafgemach, einen großen Raum mit hohen Fenstern und üppiger Ausstattung. Ein massives Bett mit hohen Pfosten und einem schweren Baldachin stand an einer Wand; zu beiden Seiten hingen farbige Tapisserien, die diesen oder jenen Heiligen bei dem einen oder anderen betreffenden Wunder darstellten. Auf diesem Bett lag unter zahlreichen Pelzdecken Prinz Lionel, der sichtlich litt. Er stöhnte, als er sich zu ihnen umwandte. An seiner Seite befand sich Gräfin Elizabeth von Ulster, seine Gattin. Die überraschend junge Frau machte ein besorgtes Gesicht und war ungewöhnlich blaß, selbst im Vergleich zu dem weißen Schleier, der von ihrem Kopfputz hing. Doch das ist die heutige Mode, erinnerte sich Alejandro. Keine Frau von Rang würde sich erlauben, so rosig auszusehen, als habe sie sich an der frischen Luft aufgehalten. Adeles elfenbeinfarbene Haut fiel ihm ein, und er sah sie vor sich, wie sie sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf zog, um ihr Gesicht vor der Sonne zu schützen. Diese Elizabeth war nicht viel älter als Adele damals, als Alejandro sie geliebt hatte. Und die Farbe ihres Haares glich der von Adele so sehr, daß ihm das Herz weh tat. Die Gräfin hielt eine Hand ihres Mannes in ihrer, als fürchte sie, er könne ihr entgleiten, und flüsterte ihm ein paar Worte zu, die si cherlich Trost oder Linderung spenden sollten. Dann tätschelte sie ihn sanft und erhob sich. Ihr seidenes Kleid raschelte, als sie aufstand. Sittsam hob sie eine Hand an die Brust und berührte ihren Schleier. » Oh! « sagte sie, während sie durch das Zimmer schritt. » De Chauliac! Ich bin so froh, daß Ihr gekommen seid! Als Geoffrey uns sagte, man müsse auch andere Erkrankungen in Erwägung ziehen, wurde mir ganz schwach vor Sorge. « Sie drehte sich nach ihrem Prinzen um und hauchte: » Nicht wahr, mein Liebster? « Der Prinz unter seiner Pelzdecke ächzte zustimmend. Als Alejandro das übertriebene Jammern hörte, dachte er: Hier ist ein Mann, der sein Laudanum mehr liebt als seine Frau. » Seht Ihr! « Elizabeth deutete auf das Leidenslager. » Er hat Schmerzen. Ihr müßt ihm etwas Linderung verschaffen. « De Chauliac ließ sich auf ein Knie nieder und neigte den Kopf zur Verbeugung, Alejandro tat es ihm rasch nach. Ich habe all ihre albernen Rituale vergessen, dachte er, während er sich wieder erhob. Fast zehn Jahre lang hatte er sich nicht mehr verneigen müssen. Schon damals gefiel es mir nicht, und heute noch viel weniger! » Natürlich sind wir sofort herbeigeeilt, als wir von der traurigen Situation erfuhren. « Chauliac verbeugte sich abermals. » Lieber de Chauliac «, säuselte Elizabeth, » Eurer Loyalität sind wir uns zutiefst bewußt. « Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Alejandro zu. Ihr Blick war zuerst kritisch, als wolle sie sich einfach ein Bild machen, veränderte sich aber bald und ließ deutliches Interesse erkennen, dessen Natur Alejandro nicht genau definieren konnte. Sie trat einen Schritt näher und streckte die Hand aus. » Und dies muß Euer Kollege aus Spanien sein, über den der junge Geoffrey so lobend spricht. Willkommen! Wir danken Euch von Herzen, daß Ihr Euch herbemüht habt. « Ihre Augen musterten ihn eingehend, ihr Mund verzog sich zu einem leisen Lächeln. Obwohl ihr unverhülltes Starren ihm ein wenig unbehaglich war, trat Alejandro kühn vor und nahm die Hand, die sie ihm bot. Er drückte sie an die Lippen und hielt sie dort eine Spur zu lange fest. Die junge Frau errötete und hob verlegen die andere Hand. Entzückt holte sie Luft und sagte: » Ist dies eine Sitte Eures Landes? F a l ls ja, finde ich sie reizend. Eine köstliche Ablenkung von meinen Sorgen! « Er bemerkte das kaum merkliche Lispeln der Irin, als sie ihn so auf französisch ansprach, es gefiel ihm viel besser als der gutturale Akzent, mit dem die Engländer Französisch radebrechten. Sie trug ein zartgrünes Kleid, das ihrem hellen Teint schmeichelte; Ärmel und Mieder waren nach keltischer Art mit Goldmustern verziert. Im gleichen Alter wie Adele, und nur wenige Jahre älter als Kate. » Jawohl «, gab er Auskunft, » der Handkuß ist bei uns Brauch. Aber ein eifersüchtig gehüteter Brauch – wir verwenden ihn nur bei den lieblichsten der Damen. « Das sagte er mit verwegenem Lächeln und einem Augenzwinkern. » Ach, Monsieur, Sie bringen mein Blut zum Kochen, und was dann? « » Dann werde ich entzückt sein, Euch gegen dieses Leiden zu behandeln «, äußerte er galant. » Und zweifellos würde ich fachkundig versorgt. « Noch immer seine Hand haltend, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder de Chauliac zu, der mißbilligend danebenstand. » Ihr solltet Eure Kollegen zu uns bringen, ohne auf eine Einladung zu warten, de Chauliac. Wenn dieser Herr stellvertretend für ihre Qualitäten antritt, dann müssen wir einfach mehr von ihnen kennenlernen. « Alejandro konnte fast hören, wie de Chauliac mit den Zähnen knirschte. Nach einem leichten Druck löste er seine Hand sanft aus der der Gräfin. Der Franzose starrte ihn für einen kurzen Moment an und wandte sich dann mit einem höflichen Lächeln wieder an Elizabeth. » Ganz wie es Euch beliebt, Madame « , näselte er. » Sollen wir jetzt nach Eurem Gatten sehen? « Prinz Lionel war fast in Vergessenheit geraten. » Ja, bitte, tut das «, stimmte sie ihm zu. » Ich möchte, daß er bald wieder wohlauf und glücklich ist. « » Wir werden unser Bestes tun «, versprach Alejandro. Er öffnete seine Tasche, nahm ein Pergament heraus und rollte es zu einem Rohr zusammen. » Ihr müßt Eure Tunika aufknöpfen, Hoheit «, bat er, » damit ich Euer Herz prüfen kann. « » Was hat das Schlagen meines Herzens mit dem pochenden Schmerz in meinem Zeh zu tun? « schnauzte der Prinz. » Man kann vieles über den allgemeinen Gesundheitszustand erfahren, indem man das Blut fließen hört. Die Beobachtung aller Lebenszeichen ist für die Diagnose höchst nützlich. « Er zog die Decke zurück, die aus Nerz- und Marderfellen bestand und mit feinster Seide gefüttert war. Dann hielt er einen Moment inne und wandte sich an die Gräfin. » Ist es bei Euch üblich, unter Pelz zu schlafen, Madame? « » Gelegentlich, Monsieur. Da mein Gatte krank ist, erschien es mir angebracht, ihn warm zu halten. « » Aha «, sagte er. » Ich verstehe. « Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: » Dürfte ich, ehe wir weitermachen, so kühn sein, mir eine Bemerkung zu erlauben? « » Aber gewiß doch «, gestattete die Gräfin. » Und einen Vorschlag? « Die Gräfin nickte und sagte: » Falls wir Euren Vorschlag vernünftig finden, werden wir ihm vielleicht folgen. « Vielleicht, dachte er. Wenn man königlichen Personen Anweisungen gibt, heißt es immer » vielleicht « . Er fuhr fort: » Durch sorgfältige Beobachtung des Schwarzen Todes habe ich festgestellt, daß er seinen Ursprung in Ratten hat. « Die Gräfin war einen Moment sprachlos und fuhr dann auf: » Aber was hat das mit unseren Decken zu tun? « » Nun «, sagte Alejandro, » wenn das Fell auch zweifellos schöner ist, die Tiere, von denen es stammt, sind den Ratten nicht unähnlich. « » Allmächtiger! Welch unerfreuliches Thema! « De Chauliac trat vor, den Mund schon geöffnet, und wollte eingreifen. » Dessen bin ich mir wohl bewußt, Madame « , bestätigte Alejandro, » und ich entschuldige mich untertänigst dafür. Ich habe nicht die Absicht, eine so reizende Dame zu bekümmern, sondern möchte Euch nur dienen. « » Und inwiefern dient Ihr mir, wenn ich mich von Pelzen fernhalte? « » Ich weiß nicht, wie die Ratten den Wirkstoff der Pest weitergeben. Vielleicht befindet er sich irgendwo im Pelz. Immerhin ist er die äußere Hülle der Tiere. « Elizabeth schwieg einen Moment, und ihre Augen hefteten sich auf die Decke. Dann sah sie wieder Alejandro an, und ihr hübsches junges Gesicht wirkte alarmiert. » Glaubt Ihr das wirklich, Herr? « » Ich bin fest davon überzeugt. « Sie sah de Chauliac an, um dessen Meinung in der Angelegenheit zu erkunden. Dieser räusperte sich mehrfach und sagte schließlich: » Mein Kollege hat im Umgang mit dem Schwarzen Tod große Erfolge gehabt. Er ist eine Autorität, der man vertrauen kann. Und ich sollte hinzufügen, daß ich selbst nicht unter Pelz schlafe. « » Nun denn «, meinte Elizabeth, » wenn mein Prinz wohl genug ist, sich davon zu trennen, werden wir alle Pelze entfernen und einlagern, bis sie ausreichend gelüftet sind. « Alejandro sah sie mit einem dankbaren Lächeln an. » Ich fühle mich geehrt, daß Ihr meine Theorien akzeptiert. Und nun laßt mich nach dem Herzen schauen! « Er drückte sein Ohr an das zusammengerollte Pergament und hielt dieses an Lionels Rippen. Der Schlag seines Herzens war stark und stetig. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, hielt er dem Franzosen das Pergament entgegen. » De Chauliac, möchtet Ihr auch? « » Unbedingt. « Der Adressierte nahm die Rolle, beugte sich nieder und lauschte. » Nun, was sagt Ihr? « fragte Elizabeth ängstlich. » Euer Gatte hat ein Herz voller Energie, Madame « , eröffnete Alejandro ihr. » Und ich bin auch der Meinung, daß es recht groß ist. Das verheißt Gutes für seine Gesundheit. « » Dem stimme ich zu «, bemerkte de Chauliac wichtigtuerisch. » Das Herz ist sehr groß. In der Tat, enorm! « » Aber was ist mit meinem Zeh? « ächzte der Prinz. Der wird auch groß sein, sagte Alejandro im stillen voraus. » Zu dem kommen wir bald genug «, vertröstete er Lionel. » Aber zuerst müssen wir Eure Leber untersuchen. « » Meine Leber? « » In der Tat «, echote de Chauliac eifrig. » Es könnte eine übermäßige Ausscheidung von Galle oder sogar eine Verstopfung vorliegen, und ein solches Ungleichgewicht kann den Körper sehr belasten und sich möglicherweise im Zeh manifestieren. « » Aha. « Die Prinzessin nickte ernst. Sie flüsterte Lionel zu: » Du mußt es gestatten, Liebster! « Sie zog die Pelzdecke beiseite und hob sein Nachthemd an, wobei die königliche Männlichkeit sichtbar wurde. Die im Unterschied zum Herzen und wohl auch zum Zeh nich t d asselbe Format aufweist. Alejandro sah de Chauliac an und sagte: » Wollt Ihr den Prinzen zuerst untersuchen, Kollege? « » Mit Vergnügen, Kollege! « Er tastete den Bauch des Prinzen ab. » Ich entdecke keine Anomalien «, befand er. Alejandro tat es ihm nach. » Ich auch nicht! « Zur sichtlichen Erleichterung des Prinzen zog er das Nachthemd wieder herunter und die Decke über ihn. » Ich denke, jetzt sollten wir uns endgültig dem Zeh zuwenden. « Daraufhin streckte der Prinz seinen Fuß unter der Decke hervor und hielt ihn Alejandro direkt unter die Nase. Als ihn der ranzige Geruch erreichte, wandte der Arzt für einen Moment den Kopf ab. Sein Blick begegnete den blauen Augen von Elizabeth von Ulster, die ihn fest und unverwandt fixierten. Entschuldigend holte er Luft und wandte sich wieder dem dargebotenen Körperteil zu. Die Nägel waren viel zu lang und ungepflegt, der große Zeh sah rot und geschwollen aus. Er schaute zu der Gräfin auf. » Ich hatte recht. Der Zeh ist wirklich groß. « Dann fügte er nüchtern hinzu: » Madame, es tut mir leid, Euch sagen zu müssen, daß ich im Zeh Eures Gatten eine Ansammlung von Fäulnis entdecke. Preist alle Heiligen, daß wir sie jetzt gefunden haben – denn wenn sie unerkannt geblieben wäre, wäre der Fuß bald verloren. « Das gesamte königliche Gefolge stöhnte entsetzt auf, und de Chauliac fluchte lautlos. Alejandro unterdrückte ein Grinsen und sagte zu dem Franzosen: » Bitte, Kollege, ich möchte Eure Meinung dazu hören. Ohne Euren weisen Rat wage ich es nicht, eine so kritische Diagnose zu stellen. « De Chauliac beugte sich vor und starrte auf Prinz Lionels eingewachsenen Zehennagel. Er warf Alejandro einen siedenden Blick zu und murmelte: » Eure Diagnose ist korrekt. « Sie würden die königlichen Zehennägel schneiden müssen. » Eine Operation ist unumgänglich. « Weiteres Stöhnen, geflüsterte Gebete. » Leider! « De Chauliacs Stimme brachte nur noch ein wütendes Flüstern zustande. » Eine Operation. « Alejandro lächelte boshaft. » Ihr habt Eure Messer mitgebracht. « » Und das Laudanum «, sagt e de Chauliac resigniert. Da Marie sich an diesem Nachmittag zu einem rendezvous mit ihrem Liebsten davonstahl, übernahm Kate ihre Arbeit. Als sie auf den Klang der Glocke hin herbeieilte, fragte Marcel nach Marie. » Sie ist unwohl «, log sie und fügte der besseren Wirkung halber hinzu: » Nach Art der Frauen. « Das setzte auch den neugierigsten Fragen stets ein Ende. » Nun «, meinte Marcel, » in dem Fall werde ich mich mit Euch begnügen müssen. Wir brauchen eine Erfrischung, wenn es Euch recht ist. « Darauf war sie vorbereitet, denn Marie hatte gesagt: » Er wird einen Imbiß verlangen. Das tut er nachmittags immer. Deswegen habe ich eine Schüssel grünes Gemüse und etwas Brot bereitgestellt. « Kate gab großzügige Portionen Gemüse in zwei Schalen und trug sie die Treppe hinauf. Marcel und Karle brüteten über Landkarten, Traktaten und flach ausgebreiteten Pergamenten; gleichzeitig zogen sie mit Tinte großzügige Striche, um Orte und Routen zu markieren. » Wenn wir ihn hier treffen «, sagte Marcel und zeigte mit der Spitze seines Federkiels auf die Stelle, » haben wir den kürzesten Weg dahin, wo die den König unterstützenden Kräfte sich wohl versammeln werden. « Als sie Karles Schale absetzte, schaute Kate über seine Schulter und faßte einen Wimpernschlag lang die Landkarte ins Auge, bevor sie Marcels Schale servierte. » Ich sehe keine Fluchtwege «, stellte sie fest. Marcel sah ärgerlich zu ihr auf. » Weib, erinnert Euch an Euren Platz! Dies ist Männerarbeit. Kümmert Euch um Euer eigenes Tagwerk. « Er wies zur Treppe. » Es ist doch noch mehr zu erwarten, nicht wahr? « » Brot und Wein, wenn es Euch beliebt «, bestätigte Kate rasch. Als sie den Rest des Mahles brachte, beugte sie sich wieder über Karles Schulter. Nach einem kurzen, prüfenden Blick wies sie auf eine Stelle auf der Karte und sagte: » Da ist es besser. « Marcel, der betrunken weit freundlicher war, nahm ihre erneute Einmischung übel auf und schalt Karle: » Kümmert Euch um Euer Weib! Sie ist höchst lästig. « » Ich würde mir ihre Argumente anhören, ehe ich sie wegschickte «, riet Karle Marcel leise. Letzterer schaute argwöhnisch zwischen Kate und Karle hin und her. » Sei es drum! « Er räusperte sich und wies mit der Hand auf die Karte. » Legt uns Eure strategische Meinung dar, Mademoiselle. « Sie lächelte nervös und warf Karle einen fragenden Blick zu; als dieser nickte, setzte sie sich auf eine der Bänke. Sie tippte auf eine Stelle nördlich von Paris, ein Dorf namens Compiègne, das Marcel als Sammelpunkt für die bevorstehende Schlacht vorgeschlagen hatte. » Hierher führt nur eine Straße, und wenn Ihr Eurem Feind auf dieser Straße entgegentretet, könnt Ihr Euch nur genauso wieder zurückziehen – es sei denn, Eure Kräfte zerstreuen sich im Wald. Aber wenn sie dazu gezwungen sein sollten, würdet Ihr den Vorteil der Organisation verlieren. Es bliebe Euch lediglich eine zersprengte Truppe von Waldrebellen übrig. Und wenn die Kommandanten des Königs ihr Kriegshandwerk verstehen, werden sie ein Kontingent durch die Wälder und hinter Eure Kräfte schicken, so daß Ihr eingekesselt seid. Ihr werdet keine andere Wahl haben als die Flucht. « Nun ließ sie ihre Augen zu einer anderen Stelle wandern. » Hier «, sagte sie und zeigte auf einen Ort namens Arlennes, » ist eine Stelle, wo drei Straßen zusammenlaufen. Wenn der König Euch einkreisen will, muß er dazu seine eigenen Truppen aufteilen und hat nicht mehr dieselben Vorteile wie in Compiègne. « Ihre Augen glitten weiter über das Pergament und verweilten bei einer dünnen blauen Linie. » Ist das ein Fluß oder ein Bach? « Sie hatte Marcels ungeteilte Aufmerksamkeit. » Ein Fluß «, glaubte der Provost. » Dann kann auch er als Fluchtweg, als Versorgungsweg und als Tränke für die Pferde dienen. Und ehe Ihr in die Schlacht geht, müßt Ihr einen Ort bestimmen, wo Eure Truppen sich neu formieren können; denn wenn der Kampf einmal begonnen hat, wird Chaos herrschen. « Marcel saß einige Minuten schweigend da, musterte die Karte und dachte über das nach, was Kate gesagt hatte. » Es scheint «, sagte er schließlich, » daß Alexander der Große in Gestalt eines Mädchens zurückgekehrt ist. « Und an Kate gewandt fügte er hinzu: » Eure Empfehlungen sind sehr vernünftig – wenn ich auch nicht weiß, woher ein Mädchen solche Kenntnisse über die Kriegsführung hat. Ich denke, wir sollten Navarra vorschlagen, ihrem Rat zu folgen. « » Die Gräfin hätte mich schon früher geschickt «, erklärte Geoffrey Chaucer in der Vorhalle von de Chauliacs Haus, » aber sie braucht e H ilfe bei ihrer Korrespondenz. Das ist natürlich mein wichtigster Dienst für sie. Sie sagt, ich gäbe ihr immer das Gefühl, eine höchst gebildete Frau zu sein. « » Was sie zweifellos zu schätzen weiß «, spöttelte de Chauliac. » Ich glaube schon, Herr, denn sie läßt mich beinahe Tag und Nacht schreiben. Aber ich finde keinen Grund zur Klage. « Er lächelte breit und sagte: » Doch nun zu meiner Aufgabe. Sie wollte niemand anderen auf einen so wichtigen Botengang schicken. « Er holte zwei kleine Elfenbeindosen hervor, reich verziert mit blumigen Darstellungen von Engeln und Heiligen, und reichte sie jeweils den beiden Ärzten. » Ich soll bleiben, um Eure Reaktion auf diese Gaben zu beobachten und meiner Herrin dann über Eure Aufnahme derselben zu berichten. « Die Ihr zweifellos mit blühenden Übertreibungen schildern werdet, dachte Alejandro amüsiert. De Chauliac öffnete sein Geschenk als erster: Es enthielt einen feinen Federkiel mit einer goldenen Hülle um den Schaft und eine kleine Phiole encre rouge. » Sie bevorzugt diese seltene Farbe, Herr, und hofft, Euch damit zu erfreuen. « » Ich bin überaus entzückt! « De Chauliac strahlte. » Es wird eine große Bereicherung meines medizinischen Werkes sein, daß ich wichtige Stellen rot markieren kann. Bitte sagt der Gräfin, daß Ihr Geschenk höchst großzügig ist und mir von großem Nutzen sein wird. Gleich beginne ich mit seiner Verwendung. Ihre Großmut ist – beschämend. « Belustigt zog Chaucer eine Augenbraue hoch. » Sie hätte Euch nicht beschenkt, wenn sie nicht dächte, daß Ihr es verdient, Herr. « Er wandte sich Alejandro zu, damit auch dieser seine Dose öffnete. Alejandro erwartete etwas von ähnlicher Natur, vielleicht ein Siegel, ein Lesezeichen oder eine Feder, wie de Chauliac sie bekommen hatte; statt dessen fand er einen kleinen goldenen Ring mit einem eingravierten E. Rechts von dem Buchstaben befand sich ein einzelner Smaragd, links davon eine Perle. Vorsichtig nahm Alejandro den Ring aus der Dose und drehte ihn im Licht – der grüne Stein funkelte. Die Botschaft des Geschenks war klar. Aber natürlich hat Königin Philippa einen Favoriten, wußte er von Adele, und er liebt sie ebenso wie sie ihn. Aber was ist mit ihrem Ehegelöbnis gegenüber Edward? Er nimmt ihr ein wenig höfische Liebe nicht übel, solange sie diskret ist und er weiß, daß sie nur mit ihm selbst das Bett teilt. Sie und ihre Anbeter tauschen häufig Geschenke aus, um ihre gegenseitige Bewunderung auszudrücken. Ihm wurde klar, daß er das Zeichen für Elizabeths Wunsch nach solcher Bewunderung in der Hand hielt. Er steckte den Ring an seinen kleinen Finger, den er dann demonstrativ abspreizte. De Chauliacs Federkiel erforderte keine weitere Antwort als einen ergebenen Ausdruck des Dankes. Aber ein Ring … bedeutete mehr. Die Gräfin hatte ihm das Signal gesandt, daß sie zu einem Flirt aufgelegt war. » Nun? « erkundigte sich Chaucer. » Ihr müßt Eurer Herrin sagen, daß ihre Freundlichkeit und Hochherzigkeit mich sprachlos machen, ebenso wie ihre Schönheit. « » Sie wird sehr erfreut sein zu hören, daß sie Euch der Worte beraubt hat. Aber ich denke, sie möchte von Euch auch etwas haben. « Er beugte sich näher zu Alejandro. » Und wenn Ihr es passend finden würdet, Ihr ein Gegengeschenk zu machen, würde sie es nicht ablehnen, das kann ich euch versichern. « Alejandro fand, daß Chaucer als Bote in einer solchen Kabale noch sehr jung war. Er warf einen Blick in de Chauliacs Richtung, der mit Zornesfunkeln erwidert wurde. Doch er ließ sich davon nicht erschrecken – und sein Mangel an Besitz sollte ihn auch nicht an einem Austausch hindern, der ihm noch einigen Nutzen versprach. » Könnt Ihr vielleicht ein Pergament entbehren, Kollege? « bat er bescheiden. » Und eine Feder? Ich möchte ein paar Dankesworte schreiben. « De Chauliac knurrte mißmutig. Er klatschte einmal in die Hände, und ein Diener erschien. De Chauliac gab den geäußerten Wunsch weiter; sogleich kam der Diener zurück und reichte Alejandro Pergament und Feder. Alejandro wandte sich an Chaucer. » Schreibt bitte, daß ich es ihr an Großzügigkeit unmöglich gleichtun kann – deswegen unterlasse ich auch jeden Versuch. Aber ich entbiete ihr meine tiefempfundene Bewunderung! « » Mit Eurer Erlaubnis, guter Doktor, werde ich Eure Worte ei n w enig ausschmücken, damit sie sie noch mehr erfreuen. Sie sind doch reichlich trocken für den Geschmack meiner Herrin. Vorausgesetzt, Ihr seid einverstanden. « » Tut, was Ihr für richtig haltet, Chaucer. Ihr seid der Verseschmied, nicht ich. Ich bin nur der Bewunderer, den die Herrlichkeit der Bewunderten verstummen läßt – und der von Eurem Dienst profitiert. « Er lächelte. Chaucer legte das Pergament auf den Tisch und beugte sich darüber. Einen Moment dachte er nach, leckte sich dann die Lippen und begann zu schreiben. Verehrte Elizabeth, schön wie eine Göttin und ebenso großzügig, nehmt meine tiefste Verehrung entgegen! Möge sie als Kerze an Eurer Brust brennen und Euch erwärmen. Bis wir uns wiedersehen, verbleibe ich Euer loyalster Diener und Bewunderer. » Und wie schreibt man Euren Namen? « Alejandro diktierte ihn. Der Page gab ihm das Pergament zur Billigung, und Alejandro nahm den Text zur Kenntnis. » Es klingt direkter, als ich es geschrieben hätte. « » Ganz recht, Herr, so gehört es sich. « » Das wißt Ihr besser als ich, junger Mann … und jetzt ein Geschenk. « Er griff sich in den Nacken und band die schwarze Lederkordel los, die sein Haar hielt. Dann zupfte er sich einige Haare aus, band sie damit zusammen und übergab Chaucer das kleine Bündel. Nun nahm er das Pergament und riß die untere Hälfte ab. » Sie wird den leeren Raum nicht schätzen, oder? Deswegen werden wir ihn entfernen. « Er steckte das abgerissene Stück in sein Hemd und gab Chaucer den beschriebenen Teil. » Ihr seid weise, Herr; die Gräfin würde das Blatt gefüllt sehen wollen. Ich werde diese Dinge gleich überbringen «, versprach er. » Wie wird sie wohl reagieren? « fragte Alejandro. » Fraglos wird sie den Gruß in ihr Mieder schieben und nahe am Herzen tragen. « De Chauliac schäumte beinahe, als der junge Chaucer endlich aus der Tür schlüpfte. Sofort ging er auf Alejandro los. » Ist Euch klar, Arzt, daß sie erwarten wird, daß dieser Flirt, den Ihr da eingefädelt habt, sich fortsetzt? « » Ich sehe nichts Unlauteres dabei; wenn er der Dame Freud e m acht, warum nicht? Und außerdem habe nicht ich damit begonnen, sondern die Dame selbst! « » Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie kompliziert diese Liaisons sind! Sie wird jeden Tag neue Beschwerden entdecken, die Ihr behandeln müßt. Oder ihren Gatten dazu überreden. Es wird eine unhaltbare Situation entstehen, die nicht mehr zu handhaben ist. « » Das habt Ihr Euch selbst zuzuschreiben, de Chauliac! « » Nicht ich war derjenige, der sich Haare vom Kopf riß und an ihren Busen schickte. « » Ihr dürft nicht vergessen, daß ich überhaupt nicht zu Prinz Lionel hätte gehen müssen, wenn Ihr Euch ausreichend um ihn gekümmert hättet. « » Wollt Ihr meine Heilkunst anschwärzen? Dieser Lionel jammert unablässig. Wenn ich jedesmal bei den geringsten Beschwerden an seine Seite eilte, würde ich sein Haus nie mehr verlassen. « Finster zog er die Brauen zusammen. » Und Ihr solltet nicht vergessen, wer Ihr seid! « » Und wer bin ich? « » Ein Jude. Ein unannehmbarer Bewunderer, selbst für eine Gräfin irischen Ursprungs. « » Für sie bin ich Spanier. Und ein kundiger Arzt. Vielleicht wünscht die Dame, ständig einen Arzt im Hause zu haben? « » Hmm «, brummte der Franzose. » Vielleicht … Aber sie wünscht nicht mich. Sie wünscht Euch. Und Ihr seid mein Gefangener. « » Warum sagt Ihr ihr das nicht? Und entdeckt ihr auch, daß ich Jude bin? Mir ist alles recht. « » Seid Ihr wahnsinnig? Das wäre Euer Untergang, und schlimmer noch – auch meiner! « » Dann werdet Ihr mich begleiten müssen, wenn sie mich rufen läßt, denke ich, und meinen Geburtsfehler werdet Ihr besser für Euch behalten. « Ihren lauten Streit unterbrach die Ankunft von Nicholas Flamel, der etwas früher eintraf als erwartet. Der rundliche Alchimist gab dem Diener seinen Umhang und stapfte auf seinen kurzen Beinen eilig in den Salon. So setzte er allem ein Ende, was sonst noch zum Thema einer unangebrachten Liaison hätte geäußert werden mögen. » Guten Abend «, keuchte er, während er sich verneigte. » Ich fühle mich geehrt, wieder in so gelehrte Gesellschaft geladen zu sein. « De Chauliac schluckte seinen Ärger hinunter und bot Flamel einen Stuhl an. » Nein «, wehrte er außerdem ab, » die Ehre ist ganz auf unserer Seite. Habe ich nicht recht, Kollege? « Er wird seine fetten Pratzen auf mein kostbares Manuskript legen, dachte Alejandro unglücklich. Verbissen zwang er sich zu einem Lächeln und sagte nichts. Flamel würde von ihm erst einen Ausdruck der Bewunderung hören, wenn er sicher war, daß der Mann keine Bedrohung für den wertvollen Nachlaß Abrahams darstellte. » Nun «, leitete Flamel ein und rieb sich die dicken Hände, » sollen wir mit der Arbeit beginnen? « » Laßt Euch Zeit, Flamel «, hielt de Chauliac ihn zurück. » Ihr seid doch gerade erst gekommen. « » Kollege, seht dem Manne seinen Eifer nach «, beschwichtigte Alejandro. » Solche Arbeit ist sehr aufregend. « » In der Tat! « japste Flamel. » Wenn die Herren also gestatten «, sagte der Jude, » werde ich nach oben gehen und die Handschrift holen. « Er stand auf und strich seine Kleidung glatt. » Sehr gerne würde ich mich auch etwas erfrischen. Es kann daher einige Minuten dauern, bis ich wiederkomme. Ist Euch das recht? « » Seht zu, daß Ihr nicht zu lange ausbleibt «, herrschte de Chauliac ihn an, und als Flamel bei seinem groben Ton überrascht aufblickte, fügte er freundlicher hinzu: » Denn wir sollten Monsieur Flamel heute abend nicht länger als nötig von seiner armen, sehnsüchtigen Gattin fernhalten. « » Ich werde eilen. « Alejandro verließ den Salon, und die Wachen folgten ihm. Flamel sah zu, wie sie verschwanden und wandte sich verwirrt an de Chauliac: » Wieso braucht er immer eine Eskorte? « Die schlichte Frage traf de Chauliac unvorbereitet. Er räusperte sich nervös, während er sich eine passende Antwort aus den Fingern sog. » Er leidet an Fallsucht «, flüsterte er. » Ich wage nicht, ihn allein zu lassen, sonst könnte er stürzen oder sonstwie Schaden nehmen. « K arle und Marcel mühten sich bis lange nach Sonnenuntergang mit dem Brief an Charles von Navarra ab. Punkt für Punkt führten si e a n, warum sie glaubten, daß es am besten wäre, die Schlacht bei Arlennes zu planen. Dann zählten sie die Gründe auf, warum Conpiègne ein schlechter Ort für die Zusammenziehung der Rebellentruppen wäre: kein Wasser, schlechte Versorgungswege, keine Fluchtmöglichkeiten, die Gefahr, von den Kräften des Dauphins eingekesselt zu werden. Als sie endlich fertig waren, rollte Marcel den Brief sorgfältig zusammen und versiegelte ihn. Er legte ihn auf den Tisch und sagte: » Morgen früh lasse ich einen Boten kommen. « Er raffte sein Gewand um sich und ließ sich auf die gepolsterte Bank fallen, wobei eine kleine Staubwolke aufstieg. » Ich glaube, heute haben wir viel geleistet, mehr, als ich zu hoffen wagte. Mit der unerwarteten Hilfe Eurer jungen Dame. Ist ihr Vater ein Krieger? « Ihren wahren Erzeuger könnte man leicht so nennen, dachte Karle mit nicht geringer Ironie. Doch seine Antwort lautete: » Nein, Arzt. « » Nun, dann finde ich ihre Kompetenz um so bemerkenswerter. Ich werde mit meinem besten Wein auf sie trinken. Zur Feier des Plans, den wir festgelegt haben! « Er streckte die Hand aus und wollte an der Klingelschnur ziehen, doch Karle hielt ihn zurück: » Nicht für mich, Marcel. Ich habe versprochen, die junge Dame ein wenig an die Luft zu führen. « » Die Luft draußen ist nicht besser als drinnen «, protestierte Marcel. » Kommt, setzt Euch und trinkt mit mir. « Als Kate aus der Küche erschien, lächelte Karle und legte einen Arm um ihre Schulter. » Vielleicht später. Diese Frau verdient zu bekommen, was sie sich wünscht, nicht wahr? « I n den dämmrig erleuchteten Straßen wichen sie ständig Abfällen und Unrat aus, die erst am Morgen fortgebracht würden. Endlich erreichten sie de Chauliacs Haus. Karle nahm Kate bei der Hand und geleitete sie um das stattliche Gebäude herum, bis sie die Westseite erreicht hatten. Sie bezogen unter einem kleinen Fenster Stellung, das mit seinem Gitter sicherlich zu dem Zimmer gehörte, in dem Alejandro festsaß. Karle legte die Hände um den Mund und stieß einen leisen Eulenschrei aus. Eine Silhouette erschien am Gitter und schaute nach unten. » Karle? « ertönte es leise. » Hier! « flüsterte Karle. Er legte einen Arm um Kate und führte sie aus dem Schatten. » Und schaut, wen ich mitgebracht habe! « » Père! « rief sie froh. » O Père, geht es Euch gut? « Sie hörten keine Antwort, sondern ein Zischen in der Luft und dann einen dumpfen Aufprall zu ihren Füßen. Karle bückte sich und hob ein zerknittertes Pergament auf, das um ein Stück Holz gewickelt war. Dann drang aus dem Fenster: » Kommt morgen wieder! « Und die Silhouette verschwand. KAPITEL 20 » I hr Antrag auf gesetzlich-freiheitliche Informierung ist bearbeitet und genehmigt worden. Bitte folgen Sie den unten aufgelisteten Anweisungen, damit Sie die gewünschten Dokumente erhalten. Stellen Sie sicher, daß Ihr Identitätschip bereit ist. « Janie starrte auf ihre Hand nieder. Dann lachte sie über sich selbst. Du kannst den Chip nicht sehen, du Idiotin. Weshalb schaute sie sich überhaupt um, als man sie anwies, ihn bereitzuhalten? Ziemlich bekümmert machte sie sich klar, daß sie im Begriff war, zu dem Roboter zu werden, den sie haben wollten. Aber im Moment war dieses Verhalten erforderlich, um das zu bekommen, was sie haben wollte – daran führte kein Weg vorbei, wie traurig oder widerwärtig ihr das auch erscheinen mochte. Sie wurde an eine Adresse im GovNet verwiesen, und als sie dort ihre Identität angab, erwarteten sie die Personalakten der Stadt Burning Road und des Bezirks, in dem sie lag – und zwar aus dem Zeitraum zwei Jahre vor den Ausbrüchen bis zwei Jahre danach. Und dann kam das unerwartete Wunder – als sie die aktuellen Wählerverzeichnisse durchging, stellte sie fest, daß die Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes, die in der fraglichen Zeit das Büro leitete, durchaus noch lebte. Sie waren in Scharen gestorben, genau wie die Ärzte, Mütter und Priester in Alejandros Pesttagebuch aus dem vierzehnten Jahrhundert. MR Sam in offizieller medizinischer Funktion überlebt zu haben war in etwa so, als hätte man mit einem Trupp Soldaten eine Sondermission durchgeführt und sei ungefähr als einziger zurückgekehrt. Es erweckte immer Zweifel, gefolgt von unausgesprochenen Anschuldigungen. Die betreffende Frau wohnte nicht mehr in der Nähe des Camps – überrascht mich nicht, dachte Janie, vermutlich hat man sie von dort verjagt – , aber sie war an einen Or t g ezogen, der kaum eine Autostunde von Janies eigenem Zuhause entfernt lag. Wenn sie selbst hinfuhr, würde sie vermutlich mehr erfahren als durch einen Anruf oder einen Brief. Sie überlegte, wieviel Benzin ihr noch blieb; höchstwahrscheinlich würde es nicht bis zum Jahresende reichen. Dann werde ich eben zu Fuß gehen oder den Bus nehmen, wenn ich irgendwohin muß. Sie schickte der Frau eine Nachricht, in der sie anfragte, ob sie am folgenden Tag vorbeikommen könne. I ch muß meinen Job kündigen, teilte sie Kristina per E-mail mit. Es fällt allmählich auf, daß ich dauernd freinehme. » Das können Sie nicht «, sagte Kristina später zu ihr. » Sie würden damit die Autorität einer Angehörigen der Stiftung verlieren. « Janie lachte fast. » Welche Autorität? Ich bin bloß Forschungsangestellte. « » Bei der AMA hat es funktioniert, oder? « Sie hat recht, dachte Janie. Es hat funktioniert. » Was ist, wenn Sie wieder in eine Situation kommen, in der Sie diese Stellung brauchen? Und außerdem, Ihre Akte über die Zeit, die Sie dort gearbeitet haben, ist makellos; also wird Ihnen niemand Schwierigkeiten machen. Sie haben so ziemlich die geringste Fehlzeit von allen, die in Ihrer Abteilung arbeiten. Und außerdem, was kann Ihnen schon passieren? Sie hassen diesen Job doch. « Natürlich wußte Kristina all das. » Ja, ich hasse ihn. Aber ich will ihn trotzdem gut machen. Und bei all den Ablenkungen wird das immer schwerer. « Die Ablenkungen häuften sich schnell und wurden in der Tat auffällig. » Wie ich dem Dienstplan entnehme, gehen Sie in Urlaub «, hatte Chet am Vortag bemerkt, als sie einen ihrer kurzen Abstecher ins Büro gemacht hatte. Das war das zweite Mal, daß er in den letzten Tagen ihre immer häufigere Abwesenheit kommentierte. » Ich weiß, Sie haben viel außerhalb des Instituts zu tun, aber wir würden Sie doch ganz gern ab und zu mal sehen. « Vorsicht war angesagt, weil die Dinge wieder aus dem Ruder zu laufen begannen. Sie erinnerte sich von London her daran, wie einen das beeinträchtigte, und fürchtete sich davor. Vielleich t w ürde dieser Trip nach Island ihr schließlich doch guttun – er würde sie zwingen, langsamer vorzugehen, ihre Lage neu zu orten, sich zu sammeln. » Ich bin mit meinen Projekten voll im Zeitplan «, setzte sie Chet ins Bild. » Selbstverständlich werde ich alles in bester Ordnung hinterlassen. Und außerdem bin ich sowieso nur ein paar Tage weg. « » Auf dem Plan ist von einer Woche die Rede. « » Das hatte ich ursprünglich auch vor, aber ich glaube nicht, daß ich die ganze Woche nehmen werde. « Ach ja? sagte sein fragender Blick. Sie zuckte mit den Schultern. » Es erscheint mir im Moment einfach nicht angebracht. « Die Stadt in Berkshire lag hoch in den Hügeln, und beunruhigt beobachtete Janie die Benzinuhr, als der Volvo sich im zweiten Gang langsam bergauf quälte. Sie tröstete sich damit, daß sie die Rückfahrt weitgehend mit Hilfe der Schwerkraft bewältigen konnte. Hier braucht man eine halbe Stunde bis zum nächsten Milchladen, dachte sie. Was machen die Leute bloß, wenn sie irgend etwas nötig haben ? Die Leute ritten auf Pferden. Auf den engen, gewundenen Straßen begegneten ihr Dutzende von Reitern. Die meisten hatten Pakete hinter sich auf dem Sattel, einige Pferde zogen sogar kleine Karren. Träumerisch stellte sich Janie geschnitzte Schilder an Sattlereien, Hufschmieden und mit Stroh bestreute Ladeneingänge in irgendeiner altmodischen Hauptstraße vor. In den Städten waren sie gesetzlich verboten; aber hier in den Bergen, wo Fahrräder aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kamen, spielten Pferde im alltäglichen Leben wieder eine Rolle. Dünger war hier sicher keine knappe Ware mehr. Sie sah auf der Straße nur ein oder zwei andere Autos, einen alten Pickup, der knirschend mit dem, was vom zweiten Gang noch übrig war, bergab holperte, und einen Wagen, der langsam hinter ihr fuhr. Es handelte sich um eines dieser rundum schwarzen Darth-Vader-Monstern mit Allradantrieb, in denen Janie sich immer Mafiosi oder sonstige Gangster vorstellte. Wie stets bei getönten Scheiben fragte sie sich, wer in dem Fahrzeug so wichtig sein mochte, daß er absolut nicht gesehen werden durfte und die Beschaffung von Benzin für ihn kein Problem war. Vielleicht folgen sie mir, zog sie sich selbst auf. Sie mußte lächeln. Okay, dann fangt mich, wenn ihr könnt. Sie fuhr langsamer, der Wagen hinter ihr drosselte seine Geschwindigkeit. Als sie schneller fuhr, beschleunigte der Darth Vader ebenfalls. Allmählich wurde sie ein bißchen nervös. Sie hörte auf, das Tempo zu wechseln, und fuhr stetig dahin. Das schwarze Fahrzeug hinter ihr tat exakt dasselbe. Einen Augenblick lang überlegte sie, am Straßenrand anzuhalten, aber zwei Dinge hinderten sie daran: Die Straße war eng, unnötiges Halten gefährlich, und den Straßenschildern zufolge war sie ihrem Ziel recht nahe. Also kutschierte sie weiter, und als sie die richtige Einfahrt erreichte, überholte das schwarze Auto sie schnell, während sie abbog. Nachdem sie die Straße verlassen hatte, blieb Janie einen Moment im Wagen sitzen und dachte über das nach, was sich gerade angedeutet hatte. Bekümmert stellte sie fest, daß sie zitterte; was als kleiner privater Scherz begonnen hatte, war allzu real geworden. Sie stieg aus und sah sich ein paar Minuten um, um ruhiger zu werden. Die Gegend war schön und abgelegen, und nach dem rustikalen Aussehen des Hauses hatte sie das Gefühl, ihr elektronischer Kumpan werde seiner menschlichen Bewohnerin nicht willkommen sein. Sie verstaute V. M. also sicher im verschlossenen Kofferraum des Volvo. Als sie schließlich eintrat, begrüßt von einer anmutigen, lächelnden Linda Horn, fand sie sich in einem lichtdurchfluteten Raum mit perfektem Klima wieder, feuchter Luft, dem Geruch von Torf und Hunderten von Schmetterlingen, deren bunte Flügel überall lautlos flatterten. Sie saßen auf den Lampen und Büchern und Nippes; aber die meisten gab es auf der erstaunlichen Sammlung von Pflanzen. Es war, als sei in den niedrigen Bergen von Westmassachusetts wie durch Zauberei ein tropisches Wunderland entstanden. In einer Ecke des großen Raumes sah sie einen glänzenden Computer, dessen Bildschirm leuchtete. » Meine Güte «, sagte Janie, während sie sich ehrfürchtig umsah. » Das ist einfach … wunderbar. Aber wie …? « » Mein Mann ist Ingenieur für Energietechnik «, antwortete Mrs. Horn. » Das hat er alles für mich eingerichtet. « » Arbeitet er auch für andere Leute? « Linda Horn lächelte. » Er ist jetzt im Ruhestand. Tut mir leid. « » Also, wenn er jemals beschließt, seinen Ruhestand zu unterbrechen, werde ich seine erste Kundin sein. « Die Frau lachte leise und schüttelte den Kopf. » Ich glaube nicht «, sagte sie. » Es gibt einfach mal einen Punkt, wissen Sie. « Ein kleiner, hellblauer Schmetterling landete auf Janies Schulter. » Ja, das kann ich verstehen. Eine wundervolle Zuflucht haben Sie sich da geschaffen. « » Es hat auch viel Arbeit gekostet. Wir gehören so einer Art Bewegung an. Von Leuten, die so leben möchten. « Bewegung. Das war ein Wort aus einer früheren Generation, und es hatte eine gewichtige Nebenbedeutung. » Die Mitglieder müssen aber sehr verschwiegen sein. « » O ja, das sind wir auch – aber es gibt eine Menge Familien, die sich so einrichten, und wir halten alle Kontakt. « Sie nickte in Richtung des Computers und lächelte. » Hier in der Gegend wohnen etliche Leute, die ziemlich engagiert sind «, erläuterte Mrs. Horn. Janie sah sich wie hypnotisiert von dem, was sich ihren Blicken darbot, um. » Es muß eine ziemliche Herausforderung gewesen sein, all das in Gang zu bringen. Es ist so – perfekt. « » Das größte Problem war der Grunderwerb. Sie brauchen mindestens hundert Morgen, um die Genehmigung für eine Anlage wie die unsere zu bekommen. Während unserer Ehe haben wir immer wieder ein paar Morgen dazugekauft, sonst wäre es uns nicht gelungen. Die Sonnenkollektoren nehmen nicht soviel Platz ein, aber die Windmühlen brauchen eine bestimmte Lage. « Janie, die noch immer herumschaute, sagte: » Ich beglückwünsche Sie dazu. Es ist wirklich erstaunlich. So eine Lebensweise hat mich immer angezogen. Aber ich habe es nie geschafft, sie auch nur annähernd zu erreichen. Ich hatte einfach – zuviel zu tun. « » Es ist nie zu spät «, tröstete Linda Horn. » Oh, ich glaube nicht, daß ich je so etwas erleben werde, jedenfalls nicht in der näheren Zukunft. Aber der Grund, warum ich Sie sehen wollte, ist … « Sie erklärte langsam und sorgfältig. Lindas Stirn kräuselte sich, und kleine Falten erschienen darauf. » Ich habe mich schon gefragt, wann wohl jemand anfangen würde, sich für die ganze Sache zu interessieren. « Janie knabberte lautlos an einem Zitronenkeks, während Linda Horn alle Details des Vorfalls in Camp Meir schilderte. » Labortests zeigten, daß einige der Sommergäste giardia lambda im Blut hatten. Und die Wasserproben aus dem Teich ergaben, daß das Wasser verseucht war. Aber wir selbst haben nie etwas gefunden. Auch die Blutuntersuchungen wurden woanders gemacht. « Janie fragte sich, warum – man konnte das als Nachlässigkeit auslegen. » Gab es dafür einen bestimmten Grund? « » Ich habe für die Stadt gearbeitet, aber in so einer Situation hat der Bezirk das Sagen. Man wies mich an, die vorliegenden Tests als gültig zu akzeptieren. Sie wollten nicht, daß ich Geld ausgebe, um sie zu wiederholen. Ein paar von den Jungen hatten die richtigen Symptome … « » Sie haben nicht zufällig die Unterlagen von damals aufgehoben? « » Nein. Als die ganze Sache anfing, hatte ich keine Ahnung, daß sich das zu einer so zwielichtigen Angelegenheit auswachsen würde. Aber ich erinnere mich auch so recht deutlich. Hauptsächlich, weil die Krankenschwester des Camps sich weigerte, irgendwelche Hilfe unseres Amtes anzunehmen, als wir sie ihr anboten – und sonst war ihr unsere Hilfe immer willkommen. Ich meine – ein Lager voller halbwüchsiger Jungen? Hören Sie, es wäre ein Chaos gewesen, wenn sie alle gleichzeitig krank geworden wären. Also ist mir diese Reaktion als ungewöhnlich im Gedächtnis geblieben. Und es ist uns nie gelungen, die Ergebnisse zu reproduzieren, zu denen das Camp bei seinen Wasseruntersuchungen gelangt war. Sie erinnern sich vielleicht, daß damals alle Antibiotika knapp waren – wir durften keine prophylaktische Verwendung genehmigen – , und deshalb wollten wir solide Beweise. « » Aber Ihr Amt hat in dem dortigen Wasser nie etwas gefunden. « » Nein. Na ja, Moment – das stimmt nicht ganz. Wir fanden eine Stelle mit einer leicht erhöhten Konzentration von Giardia. Aber das stellte nicht wirklich eine gesundheitliche Gefahr dar, außerdem hatte das Wasser aus dieser Quelle überhaupt nichts mit der Wasserversorgung des Camps zu tun. Und sie benutzten den Teich angeblich auch nicht zum Schwimmen oder Bootfahren. Wir haben getestet und getestet, an vielen verschiedenen Stellen in der ganzen Gegend, aber nie mehr als diese kleine Spur gefunden. « » Interessant. « » Sehr. Aber trotzdem: Eines Tages erschien jemand von der Versicherung des Camps mit einer Handvoll offiziell aussehender Papiere in meinem Büro und erklärte, sie würden uns vor Gericht bringen, wenn wir sie daran hinderten, den Campern gegenüber ihre in loco parentis- Pflichten zu erfüllen. Sie hatten die meisten Eltern davon überzeugt, daß die Gefahr real sei. « » Sie indessen glauben, daß sie es nicht war. « » Was ich glaube, spielt keine Rolle. Ich kann nur von dem ausgehen, was die Wasseruntersuchungen ergaben, und die waren alle bis auf eine negativ. « » Trotzdem erteilten Sie ihnen die Genehmigung, Antibiotika zu verteilen, also müssen Sie … « » Gegen diese Leute bin ich nicht angekommen. Dr. Crowe. Sie waren ziemlich energisch. Der Bezirk und die Stadt kämpften bereits mit steuerlichen Problemen – wir hatten viel zuwenig Personal, und manchmal bekam ich mein Gehalt recht verspätet. Es schien keine große Gefahr zu sein, diesen Campern ein harmloses Medikament zu verabreichen, wenn die Stadt dadurch vor einer Klage bewahrt wurde. « Nachdenklich trank Janie von ihrem Tee. » So «, Linda schlug einen anderen Ton an, » wieso interessieren Sie sich eigentlich dafür? Ist das für Ihre Stiftung irgendwie von Belang? « Janie stellte ihre Teetasse ab, bevor sie antwortete. » Eine Menge Jungen, deren einziger gleicher Nenner das Camp ist, erkrankten alle gleichzeitig an einer ähnlichen, seltenen Krankheit. « » Und welche ist das? « » Im Augenblick sollte ich Ihnen wohl nur andeuten, daß es sich um eine orthopädische Erkrankung mit neurologischen Komplikationen handelt. Die Details sind noch nicht alle geklärt. « » Nun «, sagte Linda, während sie sich Tee nachschenkte, » mich jedenfalls überrascht das gar nicht. « Sie holte tief Luft und schaute starr vor sich hin, als durchkämme sie die Vergangenheit. » Unter irgendeinem albernen Vorwand bin ich an dem Tag, an dem die Behandlung durchgeführt wurde, ins Camp gefahren. Ich gebe zu, daß ich neugierig war, und als Gesundheitsbeamtin konnten sie mich nicht einfach wegschicken und sagen, ich sollte zu einer anderen Zeit wiederkommen. Ich habe ein paar von den Phiolen gesehen. Das Medikament, das sie den Kindern geben sollten, war Metronidazol. Die Injektionslösung ist fast vollkommen klar mit leicht gelblicher Färbung, und sie wird in transparenten Röhrchen mit Gummiverschlüssen geliefert. Damals gab es nur eine Firma, die sie noch herstellte, und sie lavierte sich so durch. Heute wird das Medikament übrigens gar nicht mehr hergestellt, falls Sie das interessiert. « » Leider ist es heute nicht mehr wirksam. « » Es wurde schon damals kaum noch verwendet, was ein weiterer Anlaß war zu Mißtrauen. Jedenfalls wurde das, was sie diesen Kindern injizierten, weißen, undurchsichtigen Plastikbehältern entnommen; aber ich kam nicht nahe genug heran, um die Farbe der Flüssigkeit in den Spritzen zu sehen. Und statt die leeren Behälter in einem biosicheren Container zu entsorgen, wie man es normalerweise gemacht hätte, steckten sie sie alle in eine Plastiktüte mit einer Art Schnappverschluß. « » Sie hatten also nicht den Eindruck, daß sie entsorgt werden sollten? « » Nein. Nein, ganz und gar nicht. Tatsächlich sah es für mich so aus, als führten sie über jeden einzelnen Buch. « Sie blickte Janie offen an. » Ich weiß noch, daß ich für den Rest des Tages so ein komisches, unheimliches Gefühl hatte. Und noch etwas – es waren zwei Beobachter da, die lächerlich fehl am Platz aussahen. Sie trugen Anzüge. Es war Juli und weit über dreißig Grad. « » Haben Sie irgendeine Ahnung, wer sie waren? « » Keine! Aber im Camp trugen alle anderen diese blauen T-Shirts. An dem Tag hatte auch ich zufällig eines an. « » Also fielen Sie nicht auf. Das haben Sie aber sicher nicht mit Absicht getan, oder? « Linda lächelte ein wenig. » Ich besaß etliche von diesen Shirts. Sie haben sie immer verschenkt. « Achselzuckend ergänzte sie: » Mir steht eben diese Farbe. « Stumm dachte Janie über Lindas Informationen nach. Viel mehr gab es anscheinend nicht zu fragen. Aber in diesem Haus fühlte sie sich so wohl, daß sie nicht aufbrechen mochte. Trotzdem war es Zeit, sich wieder an die Arbeit zu machen. In der Hoffnung, es werde wie ein nachträglicher Einfall klingen , sagte sie: » Ach, übrigens, wie haben Sie es geschafft, während der Ausbrüche … « » Am Leben zu bleiben? « Linda Horn lächelte. » Ich habe mich versteckt. « So unbefangen wie möglich meinte Janie: » Aha … ich verstehe. « » Hier «, fügte Linda hinzu. » Das Haus war noch nicht ganz fertig, aber das spielte für uns keine Rolle. « » Ihr Mann und Sie hatten also dieses Haus, um sich … zu verstecken? « Linda zog die Mundwinkel schief. » Wir haben die ganze Stadt Burning Road mitgenommen. « Janie starrte sie überrascht an. » Die ganze Stadt? « » Es war eine kleine Stadt. « » Trotzdem «, sagte die Besucherin zweifelnd und sah sich um , » so groß ist das Haus doch nicht. « » Es wurde ein Zeltlager eingerichtet. Die Leute aus der Stadt hatten darin mittlerweile Erfahrung. Wenn Sie sich die Mühe machen, in die Akten zu sehen, werden Sie feststellen, daß die Sterberate in Burning Road während der Ausbrüche für Ortsansässige bei Null lag. Es gab ein paar Hausbesetzer und Auswärtige, die starben … « » Aber niemand aus der Stadt? « » Kein einziger. Ein Jahr später kehrten wir alle zurück. « » So ein Happy-End der Geschichte hätte ich nicht erwartet. « » Niemand hätte das. « » Die Leute aus der Stadt hatten großes Glück mit Ihnen. Na ja, es besteht Hoffnung, daß sie Sie in dieser Eigenschaft nicht noch einmal brauchen werden. « » Oh, ich weiß nicht … « Janie schwieg einen Moment und setzte sich noch mal. » Ich nehme an, mit dieser Bemerkung meinen Sie etwas – aber ich verstehe nicht ganz … « » Ja, ich meine etwas. Ich weiß nur nicht, ob Sie davon gehört haben, das ist alles. Von der Wiederkehr von MR Sam. E s kursieren einige Gerüchte. « Das kann nicht sein, dachte Janie. Das darf ei nfach nicht sein. » Vor ein paar Tagen habe ich einen kleinen Artikel in einer Zeitung gelesen – tatsächlich stand er auf der Titelseite – , aber da war nicht von einer Rückkehr die Rede. « » Dann halten sie es geheim. « » Wann haben Sie das gehört … und wo …? « » Leute in unserer Bewegung – wir sind wirklich eine große Familie, und wenn es irgendwelche Neuigkeiten über MR Sam gibt, verbreiten sie sich rasend schnell. Wir fangen alle an, ein bißchen nervös zu werden. Letzte Woche oder so hat es ein paar Fälle an der Westküste und auch in der Gegend von Seattle gegeben. « » Allmächtiger. « » Und was das Verwirrendste ist: Überall in Mexiko soll es Fälle geben, und dort unten lassen sie nichts darüber verlauten. Verdammt, sie halten es einfach unter der Decke! « » Das haben sie früher auch schon getan. « » Und auf diese Weise ist das Ganze außer Kontrolle geraten! « » Okay, da haben wir sie wieder. « Das Geräusch eines startenden Autos drang durch die Lautsprecher, dann das Knirschen von Kies unter den Reifen, kurz darauf Musik. Und dann ein grausiges Kreischen, als Janie auf ihre einzigartige Weise eine Arie von Maria Callas mitschmetterte. Die Zuhörer zuckten zusammen. Die Lautstärke wurde verringert. » Sie hat ihn offenbar im Auto gelassen, als sie ins Haus ging. « » Ich wüßte gern, warum. Was meinst du, Kristina? « Die junge Frau sah sich unter der versammelten Gruppe um, die sie unverwandt anstarrte. » Ich weiß nicht «, wich sie aus. » Eigentlich nimmt sie ihn immer mit. Und sie hatte ihn ja auch bei sich – aber ist dann ohne ihn ins Haus gegangen. « » Merkwürdig. Glaubst du, daß sie etwas ahnt? « R ufen Sie mich an, lautete die E-mail der Frau aus dem Reisebüro, es geht um die Termine. » Ihren Rückflug kann ich umbuchen «, sagte sie ein paar Minuten später am Telefon, » aber der Hinflug ist festgelegt. Sie müssen an einem bestimmten Tag einreisen. Das Management möchte zuviel Andrang bei der Einreisestelle vermeiden. Island ist klein – bis zu dem Jahr vor dem ersten Ausbruch stand die Nummer der Präsidentin noch im Telefonbuch. « » Im Ernst? Ob ich die Nummer wohl bekommen und sie fragen könnte, ob sie mein Einreisedatum ändern kann? « Das verneinte die Reisebürodame. » Sie können nicht einfach ein paar Einreisebeamte Überstunden machen lassen. Es gibt schlicht nicht genug Leute. Also beschränken sie die Zahl der Touristen. « » Aber bei der Ausreise kann ich so ungefähr jeden Flug nehmen, den ich möchte? « » Ja. Wo immer Sie einen Platz finden. « Dann las Janie den Rest ihrer Post. Die nächste Botschaft war wieder unfreundlich, genau wie die, die sie vor ein paar Tagen bekommen hatte und in der sie aufgefordert wurde, aufzuhören, obwohl nicht erläutert war, womit. Ich denke nicht daran, hatte sie tapfer geantwortet. Janie nahm an, daß die Nachricht aus derselben Quelle stammte. Aber diesmal klang sie etwas schärfer als die erste. Sie antwortete nicht, sondern löschte den bösartigen Satz, sobald sie ihn gelesen hatte. D a Janie Rat und Gesellschaft brauchte, war sie sehr dankbar, daß Tom ihre kurzfristige Einladung zum Abendessen annahm. » Du rufst mich zehn Minuten vorher an, und da bin ich schon «, sagte er, als sie sich im Restaurant trafen. » Ziemlich untertänig, findest du nicht? « Sie lachte. » Wahrscheinlich hast du eine Verabredung mit einem Klon von Marilyn Monroe abgesagt, um mich zu treffen. « » Schön wär ’ s! Aber du bist eine meiner wichtigsten Mandantinnen. Wenn ich zufällig so eine Verabredung gehabt hätte, hätte ich sie tatsächlich abgesagt. « » Du Armer! « » Na ja, nicht wirklich. « Er räusperte sich nervös. » Also, wann fliegst du? Bald, nehme ich an? « » Ja, morgen. « Tom senkte kurz den Blick und sagte dann: » Viel Spaß also. Aber wie ich gestern schon sagte – ich werde dich vermissen! « Schweigen folgte, da beide ihre Gedanken nicht aussprachen. » Wie lange bist du weg? « » Weiß ich noch nicht. Ich muß morgen einreisen, da habe ich keine Wahl. Anscheinend herrschen sehr strenge Beschränkungen. Aber zurückfliegen kann ich jederzeit, solange ich mich an die Frist halte, für die das Visum gültig ist. « » Und wie lange ist das? « » Ich könnte bis zu einem Monat bleiben, wenn ich wollte. « Seine Züge verfinsterten sich gerade lange genug, um Janie erkennen zu lassen, was er empfand – wenn er es auch zu verbergen suchte. » Hör zu, Tom, sicher halte ich mich dort nicht länger als ein paar Tage auf. Ich habe im Augenblick viel zuviel mit dieser anderen Sache zu tun. Eigentlich würde ich am liebsten gar nicht fahren. Es laufen mir derzeit zu viele Dinge durcheinander. « Sie sprachen nicht weiter und lächelten mechanisch, als der Kellner an ihren Tisch kam; schweigend hörten sie der Aufzählung der Spezialitäten zu. Der Einfachheit halber bestellten sie Suppe und Salat. Kaum war der Kellner außer Hörweite, sagte Tom: » Du bist also nicht mehr nur am Rande interessiert oder darauf aus, deine Zulassung zu erneuern? « » Nein. Im Augenblick denke ich kaum noch an meine Zulassung. Es hat sich zu einer wesentlich größeren Sache entwickelt. « » Ich bekomme allmählich das Gefühl, daß es dich irgendwie auf Trab bringt. « Sein Verständnis tat ihr wohl. Strahlend beugte sie sich vor, und ihre Stimme klang erregt. » Ja, tut es. Ich kann dir gar nicht sagen, welchen Spaß es mir macht und wie unwichtig plötzlich alles andere erscheint. Aber ich wünschte, es wäre … sauberer. Seit den letzten paar Tagen verkompliziert sich einiges. « Sie erzählte ihm von der zweiten bedrohlichen Botschaft und sah dann, wie er sich verschloß. Unwillkürlich stellte sie fest, daß er sich große Mühe gab, die Distanz zu wahren. » Ich überlege, ob nicht vielleicht jemand nach meinem Haus sehen sollte, solange ich weg bin. « » Das ist eine gute Idee. Kennst du jemanden, der das übernehmen könnte? « » Ich habe daran gedacht, diese Kristina zu fragen, die – eh, ich weiß kein besseres Wort dafür – die mich führt. « » Interessante Ausdrucksweise! « » Na ja, so ungefähr fühlt es sich an. Wie soll ich es sonst nennen? Ich komme mir vor wie eine Geheimagentin, und sie ist mein Führungsoffizier, « » James Bond hat seinen M, du hast deine Kristina. « » Eben. « Sie griff nach unten und tätschelte die Aktentasche, die V. M. enthielt. » Und mein neuestes technologisches Spielzeug. Aber ich glaube, nach Island sollte ich es nicht mitnehmen. « » Du könntest es ihr doch einfach geben, zur Verwahrung. « » Ja, das ginge vielleicht. « Sie schwieg einen Moment. » Weißt du, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo sie wohnt. « Er sah überrascht aus. » Du machst Witze! « » Ich hatte nie Grund, sie danach zu fragen, da ich sie immer elektronisch erreichte. V. M. hat ein Modul, das Botschaften automatisch an sie weiterleitet; aber ihre Adresse ist so nicht rauszukriegen. Ich habe sie auch noch nie übers Telefon angerufen. Aber ich nehme an, sie wohnt irgendwo in der Nähe, weil sie immer ziemlich schnell da ist, wenn ich mich mit ihr in Verbindung setze. « » Vielleicht ist sie in Wirklichkeit irgendein bizarres außerirdisches Wesen und materialisiert sich nur, wenn sie mit dir zusammen ist. Möglicherweise verbringt sie den Rest der Zeit in gasförmigem Zustand, schwebt in der Luft und wartet darauf, daß du sie rufst «, phantasierte Tom. » Wäre das nicht eine nette Erklärung? Bei diesem speziellen Mädchen hört sie sich übrigens gar nicht so weit hergeholt an. Sie hat ein paar – merkwürdige Eigenschaften. Und da war etwas, das mir in den letzten Tagen aufgefallen ist. Etwas bei einem so jungen Menschen echt Ungewöhnliches … « » Und zwar? « » Sie scheint einige Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis zu haben. « » Wie bitte? Ja, das ist wohl ungewöhnlich. Was für Schwierigkeiten? « Janie bemerkte eine eigenartige Regung bei Tom, eine plötzliche Steifheit, die er sonst nicht an den Tag legte. Sie fragte sich nach dem Grund. » Nun ja «, erklärte sie, » in der einen Minute sage ich etwas zu ihr, und in der nächsten Minute tut sie so, als hätte sie mich nicht gehört. « » Vielleicht war sie abgelenkt? « » Das habe ich auch gedacht. Sie ist ziemlich leicht abzulenken, und es passiert relativ häufig. Aber ich weiß, daß sie gute Ohren hat. « » Wie kommst du darauf? « » Tom! Was habe ich vor den Ausbrüchen gemacht? « » Ach ja, richtig. Neurologic « » Sie weist alle klassischen Anzeichen für Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis auf. Ihr Langzeitgedächtnis funktioniert allerdings normal. Sie kann beeindruckend tiefe Kenntnisse abrufen. Aber von Augenblick zu Augenblick scheint sie sekundenweise auszufallen. Gestern gab es zwei komische kleine Vorfälle, fast Fehlleistungen. « » Vielleicht solltest du sie untersuchen. Prüfen, was da vorgeht? « » Na ja – jetzt noch nicht! « » Warum nicht? « » Weil ich sie nicht unnötig ablenken möchte. « » Du willst sie nicht ablenken? Eben noch hatte ich den Eindruck, daß Kristina dich an der Leine führt und nicht umgekehrt. « » Ja, das stimmt schon, was dieses Projekt betrifft, oder wie immer man es nennen will. Diese Mission, vielleicht. Davon rede ich aber nicht. Sie muß anders behandelt werden, glaube ich. Manchmal wirkt sie schrecklich verloren – als wenn sie ein bißchen Bemutterung vertragen könnte. « Nach einer nachdenklichen Pause sagte Tom: » Das ist etwas, worüber ich sehr wenig weiß. « » Und das halte ich seit jeher für eines der schlimmsten Versäumnisse des Kosmischen Trolls. Du hättest einen tollen Vater abgegeben. « Traurig lächelte Tom auf seinen Teller nieder, und Janie fragte ihn: » Findest du es schade, keine Kinder zu haben? « » Es gibt viel zu viele Dinge, die ich schade finde. « Er sah zu ihr auf. » Ich hätte eine Partnerin gebraucht, und das schien irgendwie nie zu klappen. Aber in der Konsequenz mußte ich auch nie ein Kind verlieren. Vor ein paar Jahren sah ich viele Leute daran zerbrechen. Ich weiß nicht, ob ich damit fertig geworden wäre. « » So etwas kann man wohl kaum vorhersagen. « » Vielleicht nicht. « » Stell dir vor, wie die Eltern dieser Jungen aus dem Camp sich jetzt fühlen müssen. Ihre Söhne haben die Ausbrüche alle überlebt. Vermutlich dachten sie, sie wären aus dem Schneider. « » Ist man jemals aus dem Schneider, wenn man Kinder hat? « » Nein «, sagte sie leise. Janie saß auf ihrer Bettkante zwischen den beiden Gegenständen, die den Rest ihrer Nacht ausfüllen würden. Beide verlangten ihre Aufmerksamkeit; aber sie saß einfach da, dachte nach und ignorierte ihre Verpflichtungen. » Tut mir leid, Leute «, sagte sie, als könnten ihr leerer Koffer und Virtual Memorial sie hören oder verstehen. » Ich möchte keinen von euch beiden vernachlässigen, aber das ist gar nicht so einfach. « Endlich stemmte sie sich vom Bett hoch und ging an ihren Kleiderschrank. Sie nahm die schwere Aufgabe in Angriff, darüber zu entscheiden, was gerade genug und was zuviel sein würde für ein Land, wo die Temperatur von einem Tag zum anderen extrem schwankte. Die Frau aus dem Reisebüro hatte ihr eine Broschüre mit Hinweisen und Vorschlägen gegeben, doch die zu befolgen schien zu kompliziert. Elender Mist, dachte sie, ich packe einfach alles ein, was ich besitze. Soll doch jemand am Flughafen entscheiden, was dableibt! Früher einmal hätte sie mitnehmen können, was sie wollte, solange sie dafür bezahlte. Aber jetzt war alles vorgeschrieben. Mit einem Arm voller Kleider kam sie zum Bett zurück und legte sie ab. Dann ging sie zu V. M. und tippte ein paar weitere Punkte der Liste dessen ein, was sie in Big Dattie suchen wollte, wenn sie aus Island zurückkam. Die Liste wurde mit beunruhigender Geschwindigkeit länger. Aber sie hatte nur dreißig Minuten Zeit für diese Eingabe und die Aufzeichnung ihrer letzten Tätigkeiten. » Okay, mehr Aufmerksamkeit kann ich dir heute nicht widmen «, sagte sie zu V. M. » Aber ich verspreche, das wird bald wieder besser. Solange ich weg bin, gebe ich dich deinem anderen Elternteil zurück. « Übrigens mußte sie diesem anderen Elternteil noch mitteilen, daß sie einen Rundgang durch Big Dattie plante und deren geheimnisvolle » Agentur « das zahlen sollte. Sie sandte eine E-mail an Kristina. Bringen Sie die Leine mit, schrieb sie, nachdem sie alles andere übermittelt hatte. Sie sind an der Reihe, den Hund spazierenzuführen. KAPITEL 21 K arle wartete, bis sie wieder sicher in ihrer kleinen Kammer waren, ehe sie den Brief lasen, den Alejandro aus seinem vergitterten Fenster geworfen hatte. Er wickelte das Pergament von dem Stück Holz ab, während Kate ihm ängstlich über die Schulter sah. I ch bin gesund und wohlgenährt, aber meiner Gefangenschaft von Minute zu Minute müder. Ständig werde ich bewacht und sehe keine Möglichkeit, aus diesem Haus zu entkommen. Das Zimmer, in dem ich festgehalten werde, ist klein, aber angemessen ausgestattet und geradezu luxuriös im Vergleich zu den armseligen Hütten, die wir kennengelernt haben. Aber ich mag es gar nicht genießen, solange wir getrennt sind. De Chauliac ist zu meinem Schatten geworden; er läßt mich selten aus den Augen und folgt jedem meiner Schritte, wenn nicht physisch, dann mit seinen Blicken. Seine ständige Wachsamkeit erscheint mir noch einengender als die körperliche Haft in diesem Haus. Aber ich denke an Wege, von hier zu entkommen. Ich habe einen freundschaftlichen Flirt mit Elizabeth, Gräfin von Ulster, begonnen, die die Ehefrau des Prinzen Lionel ist … » Du meine Güte! « keuchte Kate. » Lionel ist mein Halbbruder! « » … mit der Hilfe ihres Pagen, eines Jungen namens Geoffrey Chaucer, der mir ein Geschenk von ihr überbracht und meine Danksagung mit zurückgenommen hat. Er ist ein geistreicher Bursche und amüsiert sich gern; vermutlich kann ich ihn zu einer Verschwörung verlocken, weil er schlicht Freude daran hat. Wenn ich es arrangiert habe, werde ich Euch durch ihn eine Nachricht zukommen lassen – ich werde ihn irgendwie davon überzeugen, daß das zu meiner Tändelei mit der Gräfin gehört. Pergament scheint in diesem Hause teuer, und de Chauliac wird argwöhnisch, wenn ich welches verlange. Falls möglich, antwortet auf einem Bogen mit einer leeren Seite – ich werde das Fenster offen lassen, Ihr braucht den Brief also nur durch das Gitter zu werfen. Kommt spät in der Nacht, damit Ihr nicht entdeckt werdet. Kate, mein geliebtes Kind, bleibe gesund und gib auf Dich acht. Ich sehne mich danach, Dich zu umarmen und Deine süßen Wangen mit Küssen zu bedecken. Karle, behütet sie gut – Ihr habt mir Euer Wort gegeben! « K ate drückte den Brief an ihr Gesicht und weinte. » O Père … wir müssen sofort antworten. « » Dieses Zeichen versinnbildlicht das Feuer am Himmel, das dem Menschen und allen Tieren den Lebensfunken einbläst «, dozierte Flamel, » und das « – er zeigte auf ein dreiteiliges Symbol – » wendet sich an den Vater, Sohn und Heiligen Geist. Sie werden hier als roter Stein, weißer Stein und elixier vitae dargestellt. « Er fuhr mit dem Finger über die Zeichnung. » Seht Ihr, wie diese Ringe sie in göttlicher Einheit verbinden? « » Aber wie ist das auf das Werk der Transmutation anzuwenden? « fragte de Chauliac. » Wenn es sich nur um eine andere Zusammensetzung der Elemente handelt, warum ist dann ein solcher Umstand nötig? « » Ah «, sagte Flamel, » es geht nicht einfach um eine andere Zusammensetzung, sondern es ist ein Akt der Schöpfung. Diese ersten Schritte sind die wichtigsten von allen, denn ohne himmlische Zustimmung kann kein Mensch leisten, was von seiner Natur her in den Plan der Vorsehung fällt. Wann immer der Mensch versucht, eine solche Aktivität zu entfalten, muß er zuerst um die Zustimmung des Schöpfers bitten, um ihn nicht zu beleidigen. Sonst kann der Prozeß nicht gelingen. « De Chauliac war fasziniert. » Und woher weiß man, ob die Zustimmung erfolgt ist? « » Gott sendet natürlich ein Zeichen. « » Und auf welche Weise? « » Das läßt sich nicht vorhersagen. Es ist jedesmal anders. Jeder, der die Kunst des Wissens praktiziert, muß unablässig und freiwillig beten, um zu entdecken, was Gott von ihm will – erst wenn er diese köstliche Erkenntnis errungen hat, wird er auch das Zeichen erkennen: einen Feuerblitz, eine Veränderung des Wassers, Stürme in der Luft, ein Beben der Erde! Diese vier Elemente standen immer unter Gottes Kontrolle, und Er kann sie lenken, wie es Sein Wille ist. Und so benutzt Er sie, um dem Menschen seine eigenen Kräfte begreiflich zu machen, und das Werk beginnen zu lassen. Unter der Anleitung Unseres Herrn kann er lernen, wie man den Wind fängt, sich die Erde zu eigen macht, das Feuer entzündet, das Wasser zähmt. Dann sind alle Dinge möglich. « Rings um den Tisch herrschte Schweigen, während jeder der Männer im stillen über das nachdachte, was er vor sich hatte. Die Kerzen flackerten, als de Chauliac behutsam die sieben Seiten des ersten Teils der Handschrift umblätterte – Seiten, die bereits mit Alejandros Schrift bedeckt waren. Am Ende dieses Teils kam er zu einem Bild, zart in den Farben und mit Gold verziert; die Schönheit der Darstellung entsprach allerdings nicht ihrem üblen Inhalt. Eine Jungfrau verschwand im Schlund einer gräßlichen, bösartig aussehenden Schlange, und auf ihrem winzigen gemalten Gesicht wirkten der Schmerz und das Entsetzen über ihr schreckliches Schicksal höchst lebendig. » Kollege «, erkundigte sich de Chauliac bei Alejandro, » was bedeuten die Worte rings um diese Zeichnung? « Alejandro hatte den Text der Seite übersetzt, die Kommentare zu der Zeichnung aber ausgelassen. Rasch sah er sich die hebräische Schrift an. » Ein oder zwei Wörter verstehe ich davon «, erwiderte er, » aber der Rest muß bedacht werden. Ich werde daran arbeiten müssen, um den Sinn zu entziffern. « » Wie lange? « » Um diese Zeile zu übersetzen? Eine oder zwei Stunden vielleicht. Aber ist es sinnvoll, wenn es zwei Teile des Manuskripts gibt, die noch nicht entschlüsselt sind und die jeweils ein eigenes Bild haben? « Er blätterte die folgenden Seiten um, bis er zum Bild derselben gräßlichen Schlange kam, die an ein Kreuz genagelt war. » Was mag dies bedeuten? « fragte er. » Ich weiß es nicht. « Flamel duckte sich erschrocken. Er faltete die Hände und murmelte ein kurzes Gebet. » Aber Gott in Seiner Weisheit wird es zu gegebener Zeit enthüllen! « Er wandte sich a n A lejandro und sagte mit feierlicher Stimme: » Euch hat Er als Werkzeug Seiner Offenbarung erwählt. Dessen bin ich gewiß. Deswegen hat Er diesen Schatz in Eure Hände gelegt. « » Preiset den Himmel! « flüsterte de Chauliac. » Das ist eine Ehre, Kollege, eine sehr große Ehre! « Die Worte eines alten Juden zu entschlüsseln, damit Christen die darin enthaltene Weisheit verwenden können, eventuell sogar gegen die Juden? Eine qualvolle Ehre, eine Bürde! Die Schlange an diesem Kreuz hin ich, dachte er. Ich werde der kriechende Verräter meines Volkes sein! Doch wenn ich es nicht tue, wird sich ein anderer daranmachen, und ich verliere jede Möglichkeit, das Schicksal dieser Worte zu lenken. Ein ode r zwei oder zehn könnten falsch übersetzt werden, und dann würde keine der Formeln wirken … b is dieser Band wieder in die Hände eines Juden fällt und korrigiert wird. Flamels Augen funkelten vor Erregung. » Könntet Ihr mir einen Hinweis geben, wie lange es dauern wird, bis Ihr Eure Arbeit an den beiden folgenden Teilen beendet habt? « » Zwei Wochen vielleicht, oder auch länger, je nachdem, wie ich vorankomme. « Zuerst schien Flamel enttäuscht, doch nach und nach hellte sich seine Miene auf. » Ich habe viele Jahre darauf gewartet, diesen Schatz zu finden; da kommt es auf ein paar Tage auch nicht mehr an. « Dann wurde sein Gesichtsausdruck nüchtern. » Diese Zeit werde ich nutzen, um mich darauf vorzubereiten, als Schöpfer vor Gott zu treten, wenn es Ihm gefällt. Heute abend beginne ich mit dem Beten! « E s war vielleicht Marcels bisher längster und detailliertester Brief; als Charles von Navarra ihn zu Ende gelesen hatte, saß er am Feuer und dachte über seinen Inhalt nach. Daß die Pariser Kräfte zu einer Entscheidung darüber gelangt waren, wo der Aufstand stattfinden sollte, bedeutete das Ende aller Ungewißheit. Karle würde in den nächsten Wochen seine Leute sammeln, nach besten Kräften ausstatten und unterrichten, sich wie Krieger zu benehmen – nicht wie die stinkenden, feigen Bauern, die sie waren. Er las den Brief ein zweites Mal, prägte sich die wichtigsten Abschnitte ein und warf ihn dann ins Feuer. Zischend schrumpfte das Pergament zusammen und verbreitete einen unchristlichen Gestank. » Marcel hält es für am besten, sich in Compiègne zu sammeln «, teilte er Baron de Coucy mit. » Und das werden wir befolgen. « » Die Gräfin Elizabeth bittet um Euren Besuch «, überbrachte Chaucer seinen Auftrag. » Sie fühlt sich unerklärlich schwach. « Mit einem langen Seufzer antwortete de Chauliac: » Dann werde ich binnen einer Stunde aufbrechen. « » Sie möchte auch Doktor Hernandez sehen. « » Ich fürchte, er ist mit der Arbeit an der Übersetzung beschäftigt und hat keine Zeit. « » Die Gräfin wird äußerst bekümmert sein, das zu hören, Herr. Aber wenn es unmöglich ist, wird sie es natürlich hinnehmen müssen. « Er griff in die Tasche seines Umhangs und zog ein versiegeltes Pergament heraus. » Würdet Ihr so freundlich sein, dem guten Arzt diese Nachricht auszuhändigen? Sie beschreibt ihre Symptome. Vielleicht könnt Ihr miteinander konferieren, bevor Ihr losreitet, und ihr dann mitteilen, was Euer Kollege von ihrem rätselhaften Zustand hält. « De Chauliac nahm das Pergament entgegen. » Sehr gern «, zeigte er sich erbötig. » Ich werde den Brief unverzüglich an ihn weiterleiten. « Sobald Chaucer gegangen war, schlüpfte er in seine Bibliothek und erbrach das Siegel. » Seht Ihr? Ich sagte Euch, daß es so kommen würde. Jetzt werden wir jeden Tag aufgefordert werden, uns zu diesen wehleidigen Engländern zu begeben und uns um ihre eingebildeten Beschwerden zu kümmern. Ihr werdet keine Zeit für Eure Arbeit haben. « Alejandro las den Brief, sah dann de Chauliac an und lächelte. » Die Arbeit kann warten. « Vorsichtig schloß er Abrahams Buch. » Sie wird noch dasein, wenn die Gräfin, Ihr und ich längst zu Staub geworden sind. Und ganz aufrichtig, Kollege, für mich hören sich diese Symptome nicht eingebildet an. Sie beschreibt anschaulich und ungewöhnlich plausibel, wie ich sagen muß, Blässe, Appetitmangel, Kurzatmigkeit, allgemeine Melancholie – das sind Symptome der Liebeskrankheit. « » Seit wann ist die Liebe eine Krankheit? « » Das war zu allen Zeiten so, de Chauliac. Liebe ist ein Leide n v on Seele und Geist, nicht von Körper und Verstand, wenn sie sich auch durch Schwäche, allgemeine Störungen des Körpers und Verwirrung des Gehirns manifestiert. Habt Ihr das nie erlebt? « » Nicht so, daß die Liebe meinen Körper ihrem Willen unterworfen hätte. « Alejandro lächelte zynisch. » Wie schade! Es sollte von allen Ärzten verlangt werden, mindestens einmal geliebt zu haben – damit sie die Symptome dieses Gefühls von noch gefährlicheren Krankheiten unterscheiden können. « De Chauliac zog eine Augenbraue hoch und schnaubte: » Liebe ist eine gefährliche Krankheit, und ein Weiser meidet sie, denke ich! « » Nur jene, die ihre Süße nicht ahnen. Aber darüber könnten wir ad infinitum debattieren, ohne jemals zu einem Schluß zu kommen. Aus irgendeinem Grunde befällt sie Frauen stets heftiger als Männer. Das müßt Ihr der Gräfin erklären. « » Unter gar keinen Umständen. « » Warum nicht? « » Weil ich kein Wort davon glaube. « » Ich bitte Euch, Kollege – begegnet ihr freundlich. Wenn Ihr diese Freundlichkeit nicht in Euch findet, dann seid Ihr nicht der überragende Arzt, für den ich Euch gehalten habe. Man muß immer einfühlsam sein und Mitleid mit denen haben, die schwächer sind als man selbst – vor allem mit Damen. « » Ihr könnt mich nicht überzeugen. « » Dann muß ich meine Arbeit zurücklassen und Euch begleiten. Sonst wird sie nur von neuem nach mir schicken, weil sie mit Euren Bemühungen nicht zufrieden ist. Ihr werdet ihr sagen, daß sie an einem bloßen Unwohlsein leidet, das mit Ruhe zu heilen ist. Und am nächsten Tag wird sie Euch mit derselben Klage wieder holen lassen. « De Chauliac sah höchst mißmutig drein, stimmte aber schließlich zu. » Dann kommt. Laßt es uns rasch erledigen! « S ie wurden in das Privatgemach der Gräfin geführt, in dessen Mitte ein riesiges Bett mit Baldachin und auf allen vier Seiten geschlossenen Vorhängen stand. Die Dienerin, die sie hineinführte, griff nach dem Vorhang, raschelte damit und sagte dann: » Madame? « » Oui? « Ihre Stimme klang schwach und hinfällig. » Die Ärzte sind eingetroffen. « Man hörte einen unterdrückten Seufzer der Erleichterung. » Oh, der Himmel sei gepriesen! « » Soll ich den Vorhang aufziehen? « » Einen Augenblick noch. « Sie hörten kurz das Rascheln von Stoff und dann die Stimme der Gräfin: » Jetzt könnt Ihr öffnen. « Die Dienerin tat wie geheißen und enthüllte Elizabeth, die auf mehrere Kissen gestützt dalag. Ihr Haar war offen, und sie trug ein dünnes Seidenhemd, das am Hals zusammengebunden war. Dramatisch legte sie sich eine Hand an die Stirn und schloß die Augen. » Oh, Dank allen Heiligen, daß Ihr endlich gekommen seid! « s töhnte sie. » Ich habe den Vormittag elend zugebracht und einfach nicht die Kraft, mich zu erheben. « » Beruhigt Euch nur, Madame «, bat Alejandro. Er näherte sich dem Bett und zeigte auf die Kante. » Darf ich? « » Bitte «, sagte sie, » setzt Euch. « Sie klopfte mit der Hand auf das Bett. Er setzte sich und ergriff eine ihrer Hände. » Eure Hand ist feucht, liebe Gräfin «, bemerkte er. » Noch ein Symptom! Ach, dieser Kummer! Was mag mir nur fehlen? « Tröstend tätschelte er ihre Hand. » In Kürze werden wir wissen, was Euch Beschwerden verursacht – und die notwendige Behandlung einleiten. « » Ach, gäbe es doch eine solche Behandlung! « De Chauliac räusperte sich ungeduldig und sagte: » Teure Gräfin, ich glaube, Ihr seid bei meinem Kollegen in guten Händen. Ich werde nach Prinz Lionel sehen, um festzustellen, welche Fortschritte sein Zeh macht, während Doktor Hernandez sich in aller Ergebenheit um Euch kümmert! Vorausgesetzt, Ihr habt nichts dagegen, von nur einem Arzt behandelt zu werden. « Elizabeth hob den Kopf vom Kissen und sah de Chauliac an, der mit langen Schritten den Raum durchmaß. » Ihr seid sehr besorgt um meinen Gatten, guter Herr. Wie dankbar er sein wird zu erfahren, daß Euer erster Gedanke ihm gegolten hat! Geht nur zu – wir werden versuchen, irgendwie ohne Euch zurechtzukommen. « Alejandro grinste seinen Kollegen an. » Irgendwie. « Sobald der französische Arzt mit wehendem Gewand davongerauscht war, wandte Alejandro sich wieder der Gräfin zu. » So, wiederholt mir noch einmal Eure Beschwerden! « Sie atmete aus. » Oh, ich leide unter schrecklichster Lethargie. Ich liege im Bett und bin unglücklich, ohne zu wissen warum, und kann mich nicht überwinden aufzustehen. Mein Herz fühlt sich an, als habe es mich gänzlich im Stich gelassen. « » Dann werde ich zuerst Euer Herz untersuchen müssen. « Mit einem ermutigenden Lächeln streckte er die Hand aus und löste die Schleife an ihrem Hals. Das Hemd öffnete sich und gab ihr zartes Schlüsselbein frei. Er ließ seine Augen über ihre weiße Haut wandern und sagte: » Ihr übertreibt nicht. Ihr seid so bleich wie die feinste Perle. « Er nahm die Pergamentrolle aus seiner Tasche, drückte sie an ihre Brust und horchte sie einen Moment ab. » Mir scheint, ich kann nicht hören, was ich hören muß «, sagte er mit gespielter Unzufriedenheit. » Manchmal ist es am besten, das Ohr direkt aufs Herz zu legen, dann nimmt man seinen Schlag deutlicher wahr. « Er schaute ihr in die Augen. » Das aber werde ich nur tun, wenn eine so intime Berührung Euch nicht unangenehm ist. « Sie schüttelte rasch den Kopf und flüsterte dann: » Auf einmal fühlen meine Wangen sich warm an. Was kann das bedeuten? « » Das werden wir zu gegebener Zeit wissen. « Er beugte sich über sie und legte sein Ohr an ihre Brust. Lustvoll stieß sie den Atem aus und legte eine Hand auf seinen Kopf. Leicht fuhr sie mit den Fingern durch die Wellen seines schwarzen Haars. Als er sich wieder aufrichtete, sagte er: » Euer Herz flattert ein wenig. « » Ist das gefährlich? « » Beschwerden des Herzens sind immer unerwünscht, aber dies ist zum Glück eine, die geheilt werden kann. « » Ach, wirklich? « hauchte sie. » Fürchtet nichts, es ist wahr. Als ich Eure Botschaft las, glaubte ich zu wissen, in welcher Verfassung Ihr Euch befindet. « Sie schlug die Augen nieder und tat ein wenig schüchtern. » Wollt Ihr mich in Unwissenheit lassen? « » Und Euren Zustand weiter verschlimmern? Nichts läge mir ferner. « Die Dame beugte sich vor und griff nach seiner Hand. » Dann sagt es mir. « » Ich bin der Meinung, liebe Gräfin, daß Euer Herz ein Übermaß an Leidenschaft birgt. « » Oh, « meinte sie, » was für ein edles Leiden … und, lieber Arzt, gibt es ein Heilmittel? « » Ihr müßt dafür sorgen, daß dieses Übermaß regelmäßig freigesetzt wird, also Euren Arzt rufen, wann immer Ihr das Bedürfnis danach verspürt. « Jemand klopfte leise an die Tür; sie drehten sich um und erblickten einen einigermaßen gereizten de Chauliac. Der Franzose wartete nicht auf eine Einladung, sondern trat mit seiner üblichen majestätischen Entschlossenheit ein. » Ich freue mich, Euch berichten zu können, daß wir durch Freisetzung der Fäulnis aus dem Zeh Eures Gatten seine Schmerzen beträchtlich verringert haben. Und außerdem scheint er fast wieder auf seine normale Größe geschrumpft zu sein. « » Bei allen Heiligen «, rief Elizabeth auf, » allmählich verabscheue ich den Gedanken an eine Rückkehr nach England. Wo sollen wir dort so großartige Ärzte finden? Ihr müßt beide bleiben und mit meinem Gatten und mir das Souper einnehmen. « » Fühlt Ihr Euch wohl genug, um zu speisen, Gräfin? « fragte de Chauliac mit gelüpften Brauen. Huldvoll lächelte sie. » Ja, es geht mir viel besser, gut genug, um ein oder zwei Bissen Nahrung zu mir zu nehmen. « » Das sind ja wundervolle Neuigkeiten. Mein Kollege scheint wieder einmal ein Wunder gewirkt zu haben. Aber leider müssen wir ablehnen. Wir haben Arbeit vor uns, die keinen Aufschub duldet. « » Experimente? « » Arbeit, die schließlich zu Experimenten führen wird, wenn alles gut vorwärtsgeht. « » Wie aufregend! Ich würde gern etwas über diese Arbeit erfahren. « » Sie ist noch sehr geheim «, deutete de Chauliac an. » Wir wagen nicht, über unsere neuen Theorien zu sprechen. Bei unserem nächsten Besuch haben wir vielleicht genügend Fortschritte gemacht, um darüber zu berichten. Doch einstweilen, fürchte ich, haben wir noch einiges zu tun. « Er sah Alejandro an. Der Jude erhob sich von der Bettkante. » Mein Kollege hat ganz recht. Wir müssen uns verabschieden. « Er beugte sich noch einmal über die Gräfin und flüsterte: » Obwohl ich gern bleiben und den Verlauf Eurer Gesundung beobachten würde. Ein anderes Mal! Diese Krankheit, an der Ihr leidet, ist bekannt dafür, daß sie sich gelegentlich wiederholt. Sendet Euren Pagen Chaucer, und ich werde Euch weitere Ratschläge übermitteln. « Er zwinkerte, richtete sich wieder auf und grüßte zum Abschied. S ie saßen an dem Tisch in de Chauliacs Salon, die kalten, fettigen Reste ihres Abendessens zwischen ihnen. Zu Alejandros stiller Erheiterung hatte de Chauliac während der ganzen Mahlzeit vor sich hin gemurmelt und sich nie direkt an seinen Gefangenen gewandt. Endlich blickte er von seinem Teller auf und schrie beinahe: » Ihr macht Euch einer besonders bösartigen Täuschung schuldig, indem Ihr diese Tändelei ermutigt, Canches. « » Aha «, stelle Alejandro fest, » endlich enthüllt sich die Ursache Eures Ärgers. Ihr müßt darauf achten, daß solche Dinge nicht zu schwären beginnen. Das ist schlecht für die Gesundheit. Und ich sehe wirklich kein Unheil in dem, was zwischen mir und der Gräfin vorgeht. « » Kein Unheil? Diese Dame ist die Gattin eines Prinzen von England und selbst von hohem Adelsstand! Sie wird beim Tod ihres Vaters ganz Ulster erben. Wie könnt Ihr annehmen, eine solche Paarung sei passend! « » Was fällt Euch ein, de Chauliac! Niemand ist an einer Paarung interessiert, am wenigsten die Gräfin selbst. Sie hat bereits eine gute Verbindung geschlossen, vielleicht die beste, die es für sie gab. Aber das bedeutet nicht unbedingt, daß das Arrangement sie völlig zufriedenstellt. Wenn ich mir Prinz Lionel anschaue, dann sehe ich einen Mann, der wenige Frauen anziehen würde, wenn er nicht von königlicher Geburt wäre. Er besitzt alle Merkmale der Plantagenets, doch bei ihm treten sie in ziemlich unansehnlicher Form zutage. « » Die beiden haben eine ganze Anzahl Kinder, also muß es eine gewisse Zuneigung zwischen ihnen geben. « » Zwischen Ehemännern und Ehefrauen muß es immer Interesse geben, wenn nicht füreinander, dann an einem gemeinsamen Ziel. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie unter königlichen Personen häufig eine ziemlich farblose Form annimmt. Diese Dame gönnt sich nur ein wenig Abwechslung. « » Aber Ihr … Ihr seid … « » Ein Jude und deshalb sogar zu einem Flirt ungeeignet? « » In der Tat! « » Davon weiß sie nichts, solange Ihr es ihr nicht mitteilt. Und ich wage zu sagen, daß es für sie ebenso schädlich wäre wie für mich, wenn mein › Mangel ‹ ans Licht käme. « Er trank den Rest Wein aus seinem Becher und stand auf. » Und jetzt, mit Eurer Erlaubnis, mein Hüter, werde ich mich in meine Kammer zurückziehen und mit meiner Arbeit an der Übersetzung fortfahren. Der gute Flamel wirkt, als würde er jeden Augenblick vor Ungeduld platzen. Vermutlich liegt er im Augenblick auf den Knien und schüttet seinem Gott sein Herz aus in der Hoffnung, für würdig befunden zu werden. Wer weiß, wann diese Entscheidung getroffen wird? Es könnte sehr bald sein, denn er ist so fromm, wie ein Franzose nur sein kann. Ich würde ihn nicht warten lassen. « » Wie Ihr meint, Arzt! « Als Alejandro hinausspazierte, drehte er sich noch einmal um und äußerte mit einem bitteren Lächeln: » Sagt mir noch einmal, warum Ihr mich hier bei Euch festhaltet – ist es wegen meiner anregenden Gesellschaft? « » Etwas in der Art. « Alejandro seufzte. » Ja, ich glaube, das hattet Ihr erwähnt. « Aber es stimmte nicht mehr. Jetzt wurde er festgehalten, bis er die Geheimnisse der Reichtümer, die in Abrahams Handschrift verborgen waren, enthüllt hatte. Es wurde Zeit, daß er anfing, Fehler zu machen. I n dieser Nacht wurde ein weiteres Blatt übersetzt und der erste kleine Fehler eingefügt. Alejandr o übersetzte das Symbol für » Grün « mit » Rot «, doch alles andere war makellos. Er wird keinen Grund zu einem Verdacht haben, daß dies nicht stimmt, dachte er und lächelte bei sich. Während er die Spitze seines Federkiels abwischte, segelte ein kleines Wurfgeschoß durchs Fenster und landete mit einem leisen Plumps auf seinem Bett. Der Empfänger eilte an das Gitter. Es dauerte einen Moment, bi s s eine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten; aber dann sah er zwei Gestalten, und bald darauf wußte er, daß es diejenigen waren, die er zu sehen wünschte. » Wartet, während ich Eure Worte lese «, rief er kühn hinunter. Er trug den Schatz zur Kerze und wickelte ihn aus. Eine Seite des Pergaments war leer, wie er verlangt hatte, die andere mit Kates schöner Handschrift gefüllt. M arcel hat uns willkommen geheißen, obwohl er nicht weiß, wer ich wirklich bin, und Karle hat mich weder an ihn noch an irgend jemand sonst verraten. Ich bin wohlauf, und wir befinden uns in Sicherheit vor den neugierigen Augen jener, die uns Fragen stellen könnten. Karle und Marcel verbringen ihre ganze Zeit damit, ihre Revolution zu planen, und mir ist es gelungen, ihnen hilfreiche Ratschläge zu erteilen. Was auch nötig war, denn sie hätten schwerwiegende strategische Fehler gemacht, wenn ich sie nicht auf ihre Torheiten hingewiesen hätte. Unsere Reise nach Paris hat lange gedauert, wie Ihr zweifellos wißt. Wir wurden durch Pflichten aufgehalten, die laut Karle nicht warten konnten – und das entsprach der Wahrheit. Vielen Frauen wurde mitgeteilt, daß sie Witwen geworden waren, und viele Nachrichten wurden hinterlassen, viele Rufe zu den Waffen übermittelt. Ich habe viel Krankheit und Tod gesehen, Père, und an entsetzlichen Anblicken herrschte kein Mangel. In einem Bauernhaus fanden wir einen Mann, der die Cholera hatte – ich tat für ihn, was ich konnte, indem ich Löwenzahn empfahl; die Frau war schwanger, und das Kind zehrte von ihrem Fleisch, während es dem Leben zustrebte. Aber in diesem Haus war noch etwas Schlimmeres geschehen – ein älterer Sohn war an der Pest gestorben, keinen Monat vor unserer Ankunft. Ich befragte die Frau, aber sie konnte mir nur wenig Auskunft geben. Sie sagte nur, der Schwarze Tod käme und ginge, raffe aber immer jemanden dahin. Ich fragte sie nach Ratten, und sie berichtete mir, der Junge habe oft allein welche gejagt und vielleicht in seinem verzweifelten Hunger auch gegessen. Wir fanden sein Grab, und ich nahm eine seiner Hände – möge Gott mir vergeben – , denn ich weiß, daß dieses Fleisch vielleicht eines Tages gebraucht wird. Es ist in einem Stoffbeutel verpackt und sicher verwahrt. Und so, dachte er bei sich, gleichzeitig von Stolz erfüllt und voller Angst um sie, ist die Tochter wie der Vater zur Grabräuberin geworden. Hatte sein eigener Vater die gleiche Angst und den gleichen Stolz empfunden, als er in Kates Alter war? Er sehnte sich aus tiefster Seele danach, ihn zu fragen. Und das tat er in einem kurzen, geflüsterten Gebet. Aber er hatte keine Zeit, auf eine Antwort aus seinem Herzen zu lauschen. Nun wandte er sich wieder dem Brief zu und dachte dabei: Mögen alle, die über Sterbliche wachen, achtgeben, daß diese Taten sie nicht so weit in die Irre führen, wie es bei mir der Fall war. W ir müssen uns beeilen, wieder von hier wegzukommen, lautete der Brief weiter, denn wir ziehen weiter nach Norden, und ich werde Karle nicht verlassen, ehe Ihr frei seid. Es wird eine Schlacht zwischen den Mannen von Charles von Navarra und den Anhängern des Dauphins geben; Marcel hat mit Navarra ausgehandelt, daß Karle ein Heer von Bauern zu dessen Unterstützung führt und im Gegenzug die Bauern gewisse Freiheiten erhalten werden, wenn der Dauphin geschlagen ist. Obwohl Karle und ich Navarra als grausame Bestie erkannt haben, konnte Marcel uns davon überzeugen, daß wir nur so unsere Ziele zu erreichen vermögen. Seid auf der Hut bei Eurem Umgang mit Elizabeth, Père, denn sie ist die Gattin meines Halbbruders. Karle beharrt darauf daß Ihr das wißt – aber ich muß es mit diesen Zeilen noch einmal wiederholen, um Euch daran zu erinnern. Wir fürchten um Euch, wenn Lionel erfährt, wer Ihr seid. Trotzdem erwarten wir Nachricht von diesem Pagen der Gräfin. Möge Gott Euch beschützen und bald zu uns schicken. E r sah aus dem Fenster; die schattenhaften Gestalten standen dicht beieinander. Karle schien einen Arm um Kate gelegt zu haben, als wolle er sie beschützen, nicht Alejandros wegen, sondern aus eigenem Antrieb. Mit einem tiefen Seufzer kritzelte Alejandro hastig die Antwort: T ochter, ich tue alles, was ich kann, um vor Elizabeth meine wahre Identität zu verbergen – und de Chauliacs Zwecken würde es im Augenblick nicht dienen, sie ihr zu offenbaren. Meine nächste Botschaft an Dich wird w ahrscheinlich von Chaucer kommen – ich habe erst heute einiges in die Wege geleitet, aber ich kann noch nicht sagen, wann es fruchten wird. Doch gewiß bald, denn Elizabeth scheint eine ungeduldige Person zu sein. Der Page wird unter dem Namen » Jacques « nach Karle fragen, denn so hat er ihn kennengelernt. Ich sehne mich danach, wieder an Deiner Seite zu sein. Vielleicht wirst Du mir dann verraten, warum Dein Brief weit häufiger » wir « s agt als » ich « . Der Herr sei mit Euch beiden! KAPITEL 22 J anie starrte aus dem Fenster, als das Flugzeug zur Landung ansetzte. Sonnenlicht glänzte auf dem Atlantik, und sie blinzelte, um die grellen Reflexe abzuwehren, die sie blaue Flecken sehen lassen würden, wenn sie zu intensiv auf die Wasseroberfläche starrte. Um sich abzulenken, überlegte sie, ob das, was da unten aufblitzte, weiße Schaumkronen oder vielleicht die Spitzen von Eisbergen waren. Bis zur Landung würde es nur noch ein paar Minuten dauern. Ihre Erregung war nur zögerlich gewachsen, als sie die Reise antrat, eincheckte und an Bord ging; aber jetzt, kurz vor dem Wiedersehen mit Bruce nach so langer Trennung, platzte sie schier vor Vorfreude. Der Flug war zwar relativ kurz, trotzdem hatte sie schon alles gelesen, was der Bildschirm in der Rückenlehne des Sitzes vor ihr zu bieten hatte; und der Roman, der eigentlich zur Unterhaltung in ihrer Handtasche steckte, hatte sie nicht fesseln können. Beinahe verzweifelt drückte sie auf den Sprechknopf ihres Helms und sagte zu ihrem Sitznachbarn: » Sieht ziemlich kabbelig aus da unten. Glauben Sie, daß wir über die Stelle geflogen sind, wo die Titanic untergegangen ist? « Wenigstens ein paar zustimmende Worte hatte sie erwartet, die zu einer netten Zerstreuung hätten führen können, einen interkulturellen Austausch der Ansichten, wie die Oberfläche eines Meeres auszusehen hatte – aber es sollte nicht sein. Sie hatte dieser Reise mehr als zwiespältig gegenübergestanden; doch jetzt schienen die Spannungen zwischen ihr und Bruce plötzlich vergessen, unbedeutend in dem Wissen, daß sie etwa in einer Stunde tatsächlich die Hand ausstrecken und ihn berühren würde. Vier Monate war es her. Das Flugzeug legte sich erneut in die Kurve und richtete sich dann wieder auf; beim Landemanöver konnte Janie die verlassenen schwarzen Strände von Islands Südküste erkennen. In der Ferne erhoben sich unwahrscheinlich dicht am Ufer die hohen Türme eines Geothermalwerks, die viel tödlicher und unheildrohender aussahen, als sie waren. Dampfwolken standen in der ansonsten kristallklaren Luft wie Wattebäusche. Als das Flugzeug tiefer sank, war Janie entzückt über das plötzliche Erscheinen der pastellbunten Häuser und Geschäfte von Reykjavik. Eine Reisetasche war alles, was Icelandic Air Touristen gestattete, und so hatte sie Schichten von Kleidung übereinandergezogen. Als sie aus dem Flugzeug und ihrem Kunstfaseroverall gestiegen war, dachte sie, sie müsse wie ein wandelnder Wäschekorb aussehen. In dem Overall hatte sie geschwitzt, und feuchte Haarsträhnen klebten an ihren Schläfen. Bei einem raschen Rundblick sah sie nirgends einen Sanitärraum, den sie auf einmal dringend brauchte. Bevor sie die Zollkontrolle passiert hatte, konnte sie die Schlange nicht mehr verlassen. Dieses Mal war ihre Tasche eine der ersten auf dem Karussell; also riß sie sie rasch hoch und rannte förmlich zur Inspektion, wo ihr Computer und ihr Handy anstandslos durch den Scanner kamen. Ihr Visum war einwandfrei, die Hotelreservierung bestätigt, ihr Paß gestempelt. Daher mußte sie nur noch die Hand auf den Sensor legen und weitermarschieren. Schon hatte sie den Arm ausgestreckt, zog ihre Hand dann aber für ein oder zwei Sekunden wieder zurück – denn in ihr schrillten Alarmglocken, und ihre Paranoia holte sie ein. Mach dir darüber keine Gedanken, hatte Tom sie beschwichtigt. Er hatte steif und fest behauptet, sie wäre in keinerlei legaler Gefahr, wenn sie nach Island reiste. England besitzt dort keine Gerichtshoheit. Sie können nur registrieren, daß du da warst, und dich durch die Sperre schicken. Festhalten oder verhaften werden sie dich nicht oder dir sonstwie lästig fallen. Etwas weniger überzeugt hatte er dann hinzugefügt: Und jetzt ab mit dir – mach dir eine schöne Zeit. Sie hob die Hand an den Sensor. Ein Lichtblitz traf ihre Handfläche, und sofort öffnete sich eine elektronische Sperre. Janie schob sich mit ihrer Reisetasche hindurch, bog um die Ecke und erblickte Bruce. Nach einem heftigen Schlucken rannte sie auf ihn zu. Das Hotel bestand aus Beton, der im Gegensatz zu Holz und Metall in Island leicht zu haben war; doch passend zu den meisten Bauten in Reykjavik war es in einer weichen, fröhlichen Farbe gestrichen, in diesem Fall buttergelb mit rosenfarbenen Rändern. Das Zimmer, das man ihnen zeigte, war ebenso angenehm, sparsam, aber komfortabel möbliert und im übrigen fast schmucklos. Auf dem schwedisch blauen Eisenbett und unter der weichen Decke in Regenbogenfarben aus isländischer Wolle erkannten Janie und Bruce einander zum erstenmal seit vielen Monaten in mehr als zwei Dimensionen wieder. Als sie um zehn Uhr abends aufwachten, stand die Sonne tief am Himmel, war aber noch sichtbar. Sie hing dicht über dem Horizont, sandte gleichsam waagerechte Strahlen aus, und die Schatten schienen sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken. Als Janie wieder zu sich kam, betrachtete sie Bruces eckiges Gesicht und entdeckte Dinge wieder, die sie vergessen hatte seit ihrer letzten Begegnung. Das kräftige lockige Haar – war es eine Spur grauer als voriges Mal? Die dunklen, dichten Wimpern, die so unschuldig fast bis auf die Wangenknochen reichten, wenn seine Augen geschlossen waren, und ihr den Atem raubten, wenn er diese öffnete … Ein oder zwei graue Haare in seinen Brauen, eine kleine Narbe direkt unter der Unterlippe … Sie berührte sie mit einer Fingerspitze, und er bewegte sich. » Ich weiß, du hast es mir schon mal gesagt «, drängte sie, » aber woher hast du die? « Seine Augen waren noch immer geschlossen, aber er lächelte und sagte: » Als kleines Kind war ich in der Skischule. Der Zahn ging mittendurch. « » Autsch «, sagte sie leise. » Wo? « » Hab ich vergessen. Irgendwo in Neuengland. « » Wie alt warst du? « Er atmete tief ein. Seine Augen öffneten sich für eine Sekunde und schlossen sich dann wieder. Mit gerunzelten Brauen dachte er intensiv über diese tiefschürfende Frage nach. » Sieben oder acht vielleicht. « » Oh! Jung zum Skifahren. « » Nicht in meiner Familie. Meine Mutter behauptete immer, wir wären alle mit Skiern auf die Welt gekommen. « Sowie mit Treuhandvermögen und einem Stammbaum, dachte Janie. Das erklärte die beinahe unheimliche Anmut, mit der er durch die Welt ging. Er küßte sie mit einem Schnurren auf die Stirn und stand nackt vom Bett auf. Janie folgte seinen mühelosen Bewegungen mit halbgeöffneten Augen und bewunderte seine Silhouette, die sich von den Balkontüren abhob. Eine dampfende Brise kam herein, als er die doppelt verglaste Tür öffnete, und erinnerte sie daran, daß sie diese Nacht am Fuß eines Vulkans schlafen würden. Unter den auf dem Boden liegenden Kleidungsstücken fand er sein Hemd und streifte es über; dann zog er seine Hose an und ging auf den Balkon hinaus. Obwohl Janie von der Zeitverschiebung und den Reisescherereien erschöpft war, schaffte sie es irgendwie, aus dem weichen, warmen Bett aufzustehen. Sie legte sich das erste zerknitterte Kleidungsstück um, das sie erwischte, und folgte ihm hinaus in die Nachtluft. Als sie neben ihn trat, nahm er sie in die Arme, zog sie an sich und küßte sie auf die Wange, während der Wind ihr Haar zerzauste. » Janie, ich kann gar nicht glauben, daß du hier bist «, sagte er. » Das war einer der längsten Tage meines Lebens. « » Richtig «, stimmte Janie zu. Sie schmiegte sich enger an ihn und lächelte. » Aber er endet ganz gut, findest du nicht? « K ristinas Tag endete schlecht. » Ich komme einfach nicht weiter – finde den Inhaber des Patents nicht. Allmählich habe ich entschieden das Gefühl, wer immer es angemeldet hat, hat absichtlich seine Spuren verwischt. « » Weißt du was? So was ist schon öfter vorgekommen, wenn ein Böser nicht entdeckt werden wollte. « » Aber was sollen wir denn machen? Ich sitze fest. Der Inhaber des Patents ist wichtig, und dann muß ich Patient Null finden. « » Vielleicht gibt es den gar nicht? Sollte es ihn jedoch geben, besteht die statistische Wahrscheinlichkeit, daß er tot ist. « Kristina stieß sich vom Computer ab. » Ich bin so durcheinander «, klagte sie. Sie rieb sich mit einer Hand die Augen. » Es sollte sich doch alles Schritt für Schritt aufklären: Wir wollten der Sache nachgehen und jemanden finden, der schuld ist. « Sie wandte den Blick ab und schien sich irgendwo zu verlieren , bis ihr Gefährte sie mit einem leisen Räuspern in die Gegenwart zurückholte. » Oh «, entschuldigte sie sich, » einer meiner Ozonmomente! « Sie holte tief Luft und sagte dann: » Ich dachte gerade an Janie. Sie hätte V. M. mitnehmen sollen. Wahrscheinlich redet sie mit ihrem Freund über all das. « Der Mann schwieg einen Augenblick. » Wie lange hat sie ihn nicht mehr gesehen? « » Sie hat irgendwas von vier Monaten gemurmelt. « » Dann wird sie mit ihm nicht über unsere Suche reden, glaube mir. « » Die Arbeit ist absolut faszinierend. Ich erinnere mich kaum noch daran, daß ich bei der Stiftung arbeite. Fast ein Jahr lang habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt. « Rasch fügte sie hinzu: » Ich meine, außer, wenn wir zusammen waren. « Sie saßen sich an einem kleinen Tisch gegenüber und hielten sich inmitten von teilweise verzehrten Früchten und Käse bei den Händen. Bruce nahm eine Hand weg, ergriff eine Kirsche und bot Janie diese Köstlichkeit dar. Sie hörte auf zu sprechen und kaute eifrig die kleine, süße Kugel. » Ich bin froh, daß du das klargestellt hast «, bedankte Bruce sich. » Verzeihung «, sagte sie. Sie schluckte und beugte sich dann noch dichter zu ihm. » Komm her «, flüsterte sie. Er gehorchte. Sie schob ihre nach Kirschen schmeckende Zunge zwischen seine Lippen und drückte ihm den Kern in den Mund. K ristinas Partner tätschelte ihre Schulter. » Hast du eine Ahnung, wie spät es ist? Du mußt ziemlich fertig sein. « » Es geht schon. « Sie rieb sich die Stirn. Er war nicht überzeugt. » Geh zu Bett. Jetzt gleich. Nimm das freie Schlafzimmer oben. « » Weckst du mich morgen ganz früh? « » Warum? Willst du irgendwohin? « » Nein – aber ich will so bald wie möglich wieder an die Arbeit … damit ich ihr eine Menge zeigen kann, wenn sie wieder nach Hause kommt. « » Ich sehe so viel von Betsy an ihr, Bruce, es läßt sich nicht ändern. Betsy wäre jetzt ungefähr im gleichen Alter. « Er zog sie unter der Bettdecke enger an sich. » Sieht sie so aus, wie Betsy jetzt aussehen würde? « » Ich habe kein Bild mehr von Betsy angeschaut, seit London. Aber sie erinnert mich einfach an den Typ junge Frau, der Betsy jetzt wohl wäre. « Bruce stützte sich auf einen Ellbogen und sah Janie im fahlen Schein der unglaublicherweise noch immer sichtbaren Sonne an. » Und wie sieht der aus? « Janie seufzte. » Voller Leben, begeistert, an allem interessiert und unglaublich lieb. « » Nach dem, was du mir erzählt hast, kommt mir diese Kristina nicht besonders lieb vor. « » Doch, ist sie, auf ihre Art schon «, beharrte Janie und spielte mit seinen Brusthaaren. » Sie hat ein paar ganz rührende Eigenschaften. Vermischt mit den merkwürdigen. Aber ich mag sie immer mehr. « Sie schwiegen einen Moment und hörten sich gegenseitig atmen. Janie begann einzuschlummern. » Ich kann nicht mehr dagegen ankämpfen «, murmelte sie, » gegen die Müdigkeit. « » Gute Nacht. « T om starrte aus seinem Schlafzimmerfenster und beobachtete zerstreut, wie ein Käfer nach dem anderen ohne erkennbaren Grund draußen gegen die Straßenlaterne flog. In der Stille hörte er die Uhr auf seinem Nachttisch ticken, ticken und noch mehr ticken. Er starrte auf das erleuchtete Zifferblatt, als könne er es dadurch zum Verschwinden bringen. Drei Uhr nachts. Die meisten Leute in Massachusetts lagen wohl in ihren Betten. Vielleicht nicht die, die an irgendeinem Rand lebten, und auch nicht die, die auf sie achtgaben, während sie an diesem Rand entlangbalancierten. Aber in Island waren die Leute vielleicht schon wach. Und taten Dinge. Mit wehem Herzen fragte er sich, warum ihrer beider Leben so asynchron verlaufen war. Er hatte sich, als er sie vor der dreiwöchigen Reise nach England zum Flughafen fuhr, geschworen, in der Sekunde, in der sie wieder heimischen Boden betrat, vor ihr au f d ie Knie zu fallen und sie wenn nötig anzuflehen, ihr Leben teilen zu dürfen. Nicht im Traum hatte er daran gedacht, daß drei Wochen alles ändern würden. » Das ist ja atemberaubend! « brach Bruce in Begeisterung aus. » Was für ein Panorama! « » Ja, wirklich kaum zu fassen «, bekräftigte Janie. Sie hielten sich an den Händen, als sie vorsichtig die metallene Plattform auf dem Gipfel des Kletterpfades umrundeten. Im Laufe des Vormittags waren sie langsam auf den Vulkan geklettert und hatten hin und wieder gerastet, oder sich geküßt, wenn ihnen danach war. Die Belohnung für ihre erheblichen Anstrengungen war die unerhörte Mondlandschaft, die vor ihnen lag: ein massives, glänzendes Feld aus Gletschereis. Die Sonne, so hoch am Himmel, wie sie in Island überhaupt stieg, stand immer noch in einem Winkel, daß ihre Strahlen blendeten. Das Eis spiegelte sie wider und ließ sie sogar durch ihre Sonnenbrille dringen. Janie schützte ihre Augen mit einer Hand vor der gnadenlosen Attacke. » Ich glaube, heute nachmittag möchte ich irgendwas im Zimmer machen «, sagte sie. » Meine Augen sind wirklich strapaziert. « » Mir fällt mindestens eine Sache ein, die wir drinnen tun könnten. « Sie lachte laut auf, und das Eisfeld schickte das Echo ihres Lachens zurück. Also senkte sie die Stimme und sagte leiser: » Ja, natürlich, das auch, aber ich meine, danach. « » Gibt es darüber hinaus noch was anderes? « » Ja, was dich vielleicht überrascht. Aber ich dachte an etwas Bestimmtes. Im Reisebüro hat man mir einen Führer gegeben, und der erwähnt ein gewisses Arni-Magnussun-Institut. Es ist eine Art Museum. Sie haben da eine Menge alte Handschriften. « Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie Ärger über seine Züge huschen, der aber gleich wieder verschwunden war. Lächelnd legte er einen Arm um ihre Schulter. » Du kriegst einfach nicht genug von diesen alten Schwarten, was? « » Nein, anscheinend nicht. « Als sie sich an den Abstieg machten, sagte Bruce: » Unsere erste Verabredung hatten wir auch in einem Museum. « » Ja, stimmt. « » Na, dann sollten wir uns dieses ebenfalls ansehen, schätze ich! « » Als ich jünger war, haben wir so was › Leibchen ‹ genannt «, brummte er zärtlich, während seine Hände einen Knopf ihrer Strickjacke nach dem anderen öffneten. Und als sie über ihre Schultern rutschte und Janie nur noch ein Spitzenunterhemd und ihren Slip anhatte, hauchte er ihr ins Ohr: » Aber du weißt ja, wie Jungs so sind – sie denken den ganzen Tag immer nur an das eine. « Sie stöhnte leise, als seine Finger unter ihrem Hemd eine Brustwarze fanden. Noch lauter stöhnte sie, als seine Zunge die Arbeit fortsetzte. » Mit › das eine ‹ «, flüsterte sie durch ihre Lust, » meinst du doch sicher nichts Ansteckendes. « » Na ja … « Ihr Slip fiel zu den übrigen Kleidungsstücken auf den Boden. Jetzt atmete sie langsamer und tiefer. » Möchtest du … daß ich es dir … erkläre? « » Nein «, keuchte sie, » lieber später. « » O Bruce «, kam wieder die Forscherin in Janie zum Vorschein , » schau dir das an! « Im Arni-Magnussun-Institut trat er hinter ihr vor den massiven Schaukasten und spähte über ihre Schulter. Zuerst las er die Beschriftung und betrachtete dann den Gegenstand, der in dem massiven, klimatisierten Schaukasten ausgestellt war. » Hmm. « Er schaute genauer hin. » Vor dem dreizehnten Jahrhundert, steht da. « » Das ist sogar noch älter als Alejandros Journal. « So, wie diese Vitrine aussah, würden bei der geringsten Berührung alle möglichen unangenehmen Alarmeinrichtungen losgehen. » Das Ding ist wie ein Tresor «, sagte er. Und dann, fast herausfordernd, fügte er hinzu: » Prangt dein Journal im Book Depository ebenfalls in so einem Kasten? « Sie schüttelte den Kopf, während sie die Tafel an der Seite des Schaukastens las. » Vermutlich nicht. Das im weiteren aufgetauchte Exemplar ist viel älter als meins. Ich meine, die Tatsache, daß es zwei Bücher mit derselben Handschrift gibt, macht Alejandros Journal wertvoller und viel interessanter – zumindest für mich hinsichtlich der Vergleichsmöglichkeiten, sicher auch für ein paar Gelehrte. Aber trotzdem glaube ich nicht, daß das Journal, das ich aus London mitgebracht habe, offiziell als so extrem wertvoll gilt. « » Vielleicht nicht in den USA, nein. Aber in England unter Umständen schon. « Dafür erntete er einen überraschten Blick. » Es ist aber nicht mehr in England. Und in England weiß keiner etwas von seiner Existenz. Zumindest, soweit ich im Bilde bin. « » Sie hatten ja auch keine Chance. « Verwirrt starrte sie ihn an. » Wenn es noch dort wäre und jemand davon erführe, « sagte er , » würde es wahrscheinlich in die Literatur eingehen. Ganz bestimmt in die Literatur über Heilkünste. « Sie wandte einen Moment den Blick ab und fragte sich, was er damit sagen wollte. Warum hatte sie immer den Eindruck, er wolle, daß sie es loswürde? » Meinst du, ich hätte es dort lassen sollen? « fragte sie. » Ich weiß nicht, ob ich das so ausdrücken würde. Jedenfalls bezweifle ich, ob du es überhaupt haben solltest – ich glaube, das ist es, was mich eigentlich stört. Denn das Ding kann Probleme schaffen. « » In welcher Weise? « » Das ist ja das Dilemma «, seufzte er. » Ich bin mir nicht ganz klar darüber und weiß immer noch nicht recht, ob du es diesem Book Depository überlassen solltest. « » Es ist hebräisch. Ich glaube, deswegen paßt es ganz gut dorthin – und braucht auch ein Zuhause, Bruce! « » Ein Teil davon ist hebräisch. Aber das meiste ist auf französisch oder englisch. Und die meisten Verfahrensweisen stammen aus der englischen Volksmedizin. « » Ein paar von den Verfahren sind englische Volksmedizin. Das meiste, was drinsteht, ist von Alejandro, und wir wissen mit Gewißheit, daß er spanischer Jude war. Er hat viel von seinen Therapien von diesem Chauliac aus Frankreich gelernt. « » Aber den größten Teil seiner Lebenszeit wurde dieses Buch in England aufbewahrt. Und deshalb spricht einiges dafür, daß es nach England gehört. « » Nein. Du irrst dich. Es gehört weder nach England noch nac h F rankreich, sondern mir! Und es steht nicht zur Debatte, überhaupt nicht. Ich habe zahllose schöne Stunden damit verbracht. Ebenso Caroline. « » Persönlich erinnere ich mich an einige sehr unangenehme Stunden mit diesem geöffneten Journal. « » Sie wären noch viel unangenehmer gewesen, wenn wir es nicht gehabt hätten. « Langsam gingen sie auf das nächste Ausstellungsstück zu. Janie war bestürzt über die Meinungsverschiedenheit und wünschte sich verzweifelt, sie hinter sich zu bringen; der negative Einfluß dieses unbelebten Objekts auf ihre Beziehung, die ihr auf einmal zerbrechlicher erschien als bei ihrem letzten Zusammentreffen, müßte neutralisiert werden. Im stillen fragte sie sich, ob sich darin nur die Belastung der Trennung zeigte: also Bruce das Journal vielleicht als etwas ansah, das diese Belastung sichtbar machte. » Schau «, sagte sie mit mehr Überzeugung, als sie eigentlich empfand, » derzeit besitze ich das Journal. Ich habe das Risiko auf mich genommen, es ans Tageslicht zu bringen, und deswegen soll es einstweilen dort sein, wo ich es haben will. Und das ist der Ort, wo es sich im Moment bereits befindet – im Depository. « Er blieb regungslos stehen. » Nun gut «, sagte er förmlich. » Ich schätze, jetzt hast du ’ s mir gegeben. « Janie war ein bißchen verblüfft über diesen plötzlichen Mangel an Verständnis zu einer Zeit, zu der sie eigentlich ihre Gemeinsamkeit hätten genießen sollen. Sie sehnte sich danach, alles wieder ins Lot zu bringen. » Komm «, bettelte sie leise, » wir wollen uns doch diese Tage hier nicht verderben. Falls wir wirklich streiten müssen, finden wir vermutlich ein besseres Thema – irgendwas, bei dem einer von uns gewinnen könnte. Und ich bin sicher, daß es dazu kommt – ein anderes Mal. Tatsächlich hoffe ich, daß wir oft Gelegenheit haben, uns persönlich auseinanderzusetzen. Aber im Augenblick ist unsere Zeit begrenzt, also laß uns aufhören und sie genießen, okay? « Ein paar Sekunden vergingen. Dann sagte er: » Okay! Du hast recht. « » Das sind für mich die drei Worte, die ich von einem Mann am liebsten höre. « Sie lächelte und hoffte, daß ihr Lächeln ihn überzeugte. » Würdest du jetzt einer dämlichen Weibsperson in mittleren Jahren gestatten, dich zum Abendessen einzuladen? Ich habe Hunger nach all der Lauferei. « Die Härte in seinem Gesichtsausdruck schwand. » Ich auch. Gehen wir. « M an roch ihn viele Häuserblocks weit, den angsterregenden Geruch von nassem, verkohltem Holz und widerwärtigen Chemikalien zur Feuerbekämpfung. Michael Rosow stand vor dem zerstörten Haus und schüttelte traurig den Kopf, während neben ihm Caroline weinte. Er war auf dem Revier gewesen, als der Anruf eines Nachbarn kam; aber bis die Feuerwehr eintraf, war es schon zu spät, um Janies Haus noch zu retten. Das Zuhause, das sie einst mit ihrem Mann und ihrer Tochter geteilt hatte, beschränkte sich jetzt auf einen triefenden Trümmerhaufen, aus dem der Qualm noch heißer Asche aufstieg. Reste eines Blumenmusters, wie durch ein Wunder verschont geblieben von dem ehemaligen Wohnzimmer, bildeten die einzige Farbe in dem schwärzlichen Chaos. Er streichelte Carolines Rücken, während sie hinter vorgehaltener Hand schluchzte. » Was hat sie gesagt, wann sie nach Hause kommt? « fragte er leise. » Sie wußte es nicht genau. In ein paar Tagen vielleicht. « » Vielleicht sollte jemand sie anrufen. « Caroline wischte ihre Tränen ab. » Warum? Das Ganze wird nicht besser aussehen, wenn sie früher wiederkommt. « » Sie wird es wissen wollen. « Er seufzte schwer und zog ein Handy aus der Tasche, » Ich glaube, wir überlassen das Tom. « T om stand vor dem Ankunftsbereich für internationale Flüge im Logan Airport und versuchte, die Erinnerung daran zu verdrängen, wie er sich das letzte Mal gefühlt hatte, als er Janie hier abholte. Diesmal würde er wenigstens nicht denselben vernichtenden Schlag erleben müssen. Er hatte einen Blumenstrauß in der Hand gehabt, damals nach der Londoner Reise; aber als er die Nachricht gelesen hatte, die sie einem anderen Passagier mitgegeben hatte, hatte er die Blumen auf einen nahen Stuhl gelegt und dort gelassen. Diesmal war er mit leeren Händen gekommen. Was ihn beschämte. Denn in seinem Herzen sah es gegenteilig aus. KAPITEL 23 W ie de Chauliac vorhergesagt und Alejandro sich sehnlich gewünscht hatte, kehrten die Symptome von Gräfin Elizabeth geheimnisvollerweise am nächsten Morgen zurück. Also machten sie sich wieder auf den Weg zu ihr, denn de Chauliac wollte unbedingt sein Versprechen halten, sich um sie zu kümmern – so lächerlich ihr Leiden auch sein mochte. Alejandro ritt neben Geoffrey Chaucer, die Wachen hinter ihnen. De Chauliac blieb ein ganzes Stück zurück und murrte, grollte und fluchte über ihre alberne Mission. Hin und wieder drehte der Jude sich um, schaute über die Schulter zurück und lächelte dem Franzosen spöttisch zu, was dessen Zorn noch steigerte. Ungefähr nach der Hälfte des Weges beugte Alejandro sich zur Seite und sagte leise zu Chaucer: » Ihr liebt doch Intrigen, junger Mann, oder irre ich mich? « » Ist das so deutlich zu sehen? « » So deutlich wie die Pockennarben auf dem Arsch einer Hure, denke ich «, erläuterte Alejandro. Er pflegte solch eine Redeweise sonst nicht, aber der Junge schien eine Vorliebe für deftige Ausdrücke zu haben, und es ging ihm um eine Atmosphäre brüderlicher Vertrautheit. Chaucer lachte. » Also nicht deutlich genug! « » Nun, ich werde Euch Gelegenheit geben, Euch an einer höchst sublimen Intrige zu beteiligen. « » Ach bitte, weiht mich ein, Herr! « » Seid Ihr, Chaucer, Eurem Herrn Lionel gegenüber loyal? « » Meine wahre Verbundenheit gilt Lady Elizabeth, aber wenn mein Herr es verlangt, stehe ich ihm immer zur Verfügung. « » Doch wenn Ihr Treue schwören müßtet, wäre es … « » Die Gräfin, Herr! In ihrem Hause habe ich meinen Dienst angetreten. « » Sie hat ihre Pagen gut gewählt. Ihr seid ein höchst fähiger Bursche. Und klug. « » Eure Worte sind sehr freundlich, Arzt. Aber in mir wartet eine Klugheit, die sich noch nicht entfalten durfte. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem ich meine Pflichten erfüllt habe und mich ganz den Worten widmen kann. « Alejandro war überrascht von diesem Geständnis. Ihre Hoffnungen glichen sich sehr. » Ich denke, Ihr seid ein Mann nach meinem Herzen. « » Daran mag etwas Wahres sein. Aber sagt mir, Doktor, was ist mit dieser Intrige? « » Ach! Beinahe hätte ich es vergessen. Erinnert Ihr Euch an Jacques, den Neffen des Provosts Marcel? « » Aber gewiß doch. Ein robuster Bursche mit bernsteinfarbenen Haaren, ein wenig großspurig. Wenn er und sein Onkel allerdings nicht rechtzeitig gekommen wären, dann wäre meine Tugend vielleicht für alle Zeit kompromittiert! « Alejandro kicherte. » Eure Tugend wird nur sicher sein, bis sich die nächste Gelegenheit bietet, sie zu kompromittieren, mein Junge! Wenn ich mich recht entsinne, war die Gelegenheit an jenem Abend in der Tat hübsch verpackt. « » Ja, ganz nett. Aber was ist mit diesem Jacques, der nichts von seiner Retterrolle ahnte? « Verschwörerisch grinste Alejandro. » Er hat versprochen, mir zu helfen. « » Wobei? « » Bei einem Treffen mit einer gewissen Dame. « Chaucers Züge hellten sich auf. » Kenne ich gar diese Dame, Doktor? « » Sehr gut, junger Page. Sehr gut. « Chaucer war entzückt. » Und wünschte diese Dame das Treffen auch? « » Ich hatte gehofft, das könntet Ihr mir sagen, da Ihr doch so vertraut mit ihr seid. « » Meiner Meinung nach, lieber Herr, würden alle Damen gut daran tun, ein Treffen mit Euch zu wünschen! Denn Ihr seid ansehnlich, geistreich und besitzt, wie soll ich sagen, ein gewisses verführerisches Wesen. « Verführerisch? Absurd! Aber Alejandro machte gute Miene zu dieser Beobachtung und fuhr fort: » Eure Schmeichelei dabei entgeht mir nicht. Doch Ihr habt meine Frage nicht beantwortet. Bitte, antwortet mir, und ohne Ausflüchte. « Chaucer zuckte ein wenig mit den Achseln und sagte: » Sie wäre nicht abgeneigt. Doch wo liegt das Problem? Warum trefft Ihr diese Verabredung nicht selbst? « Alejandro warf den Kopf in den Nacken. » De Chauliac. Er ist eifersüchtig auf die Zeit, die solche Begegnungen unserer Arbeit rauben könnten. Und ich darf wohl sagen, daß er so neugierig ist wie ein Elefant. « » Ein Elefant! Habt Ihr eines dieser wunderbaren Tiere gesehen? « » Ich fürchte, nur in einem Buch. « » So beschreibt mir doch bitte seine Erscheinung! « » Ein anderes Mal, Chaucer. Wir müssen Pläne schmieden und vergeuden jetzt unsere Zeit. « » Aber ja, natürlich. Verzeiht mir! « » Die Erregung der Jugend ist immer verzeihlich. Nun, ich werde Tag und Nacht von diesen beiden Grobianen bewacht, die uns folgen – de Chauliac hat sie auf mich angesetzt, damit ich nicht übermütig werde und wir mit unserer Arbeit vorankommen … « » Und diese offensichtlich geheime Arbeit ist als solche schon Anlaß zu Intrigen, wenn ich das so ausdrücken darf. « » Ihr dürft, und wir werden ein anderes Mal über die Natur dieser Arbeit sprechen. Im Augenblick bin ich zu sehr mit unserer Intrige beschäftigt. Also, de Chaulicas Eifersucht läßt mir keine Gelegenheit, diese Dame ohne unziemliche Beobachtung zu treffen. « » Seid Ihr sicher, daß die Eifersucht sich nur auf die Arbeit bezieht und nicht auf irgend etwas anderes? Vielleicht wünscht er nicht, daß Ihr die Gräfin seht, weil ihn das an anderer Stelle kränkt als in seinem Intellekt. « Alejandro starrte Chaucer einen Moment an. » Das war eine reine Beobachtung, Doktor, schaut nicht so schockiert drein. Er läßt Euch niemals aus den Augen. « Zwar mühte er sich bisher, das zu ignorieren, aber Chaucer hatte recht. De Chauliac beobachtete ihn genauer, als selbst eine Gefangenschaft es erforderte. » Und wir sind in Paris, wo Gott oft in die andere Richtung blickt … « Alejandro wand sich in seinem Sattel. » Gottes Verschwiegenheit ist ein Thema, das wir zwischen hier und Lionels Haus nicht erschöpfend behandeln können. « Chaucer lachte. » Ganz recht. Also, zu unserer Verschwörung. « » Jacques hat eingewilligt, mir zu helfen, daß ich de Chauliac entkomme, und sei es nur für einen Tag, damit ich ungestört einige Zeit mit dieser betreffenden Dame verbringen kann. Er ist bereit, verkleidet zu erscheinen, damit er von meiner nächsten Begegnung mit der Dame Kenntnis hat. Und die hoffe ich heute vorzubereiten. Danach könnt Ihr, wenn Ihr frei seid, ihm die Botschaft überbringen, wann sie stattfinden wird. Wir werden einen guten Platz auf der Strecke wählen, wo ich mich auf einen Augenblick entfernen kann, ohne die Aufmerksamkeit meiner Bewacher zu erregen. Und wenn alles gut verläuft, dauert es nicht lange, die betreffende Dame endlich unter vier Augen zu sprechen. « » Ich denke, das ist recht einfach. Und eigentlich eine recht harmlose Verschwörung. Eine Entführung ist heutzutage in Paris nichts mehr, worum Legenden gesponnen werden «, sinnierte Chaucer. » Aber ich bin nur einverstanden, wenn ich bei dieser angeblichen › Entführung ‹ zugegen sein darf. Ich sehne mich danach, dergleichen einmal mit eigenen Augen zu sehen. « » Warum? « » Um es hinterher desto lebhafter beschreiben zu können, Herr. Wer weiß, wann das einmal von Interesse sein wird. « » Ihr habt eben gesagt, daß um dergleichen keine Legenden mehr gesponnen werden. « » Es sei denn, ich beschließe, es zu einer zu machen «, erläuterte der junge Mann zuversichtlich. » Ich liebe Ausschmückungen und vermag sie recht artig zu verfertigen. Denkt darüber nach, Doktor … die schöne Gräfin, in langweiliger Ehe schmachtend, verfällt dem gutaussehenden, exotischen spanischen Arzt, einem sehr geheimnisvollen Mann, der mit seinen sanften Anwendungen ihr Herz gewinnt, sie aus ihrer Bindung löst – vielleicht kommt es gar zu einer Tragödie. « Alejandro fand in diesem Augenblick, daß Chaucer ein eigenartiger junger Mann war; aber er lachte, denn er genoß die subtile n N uancen seiner Teilnahme an diesem Unternehmen, das sonst nichts weiter als ein gefährlicher Fluchtversuch wäre. » Mir gefällt das alles recht gut «, ließ Alejandro sich nun vernehmen, » bis auf die Tragödie. In Euch steckt ein großer Dichter, Chaucer. Laßt ihn nicht durch den Pagen vertreiben! « » Keine Angst, Doktor. Der Dichter ist schon im Aufsteigen. « Er lachte laut und drehte sich kurz um. » Und de Chauliacs Miene wird auch etwas wert sein, nicht wahr? « Alejandro zwinkerte. » Ja, allerdings. « » Laßt Euch denn einen Moment von dem aufsteigenden Dichter beraten. Ihr müßt ihr unter allen Umständen schmeicheln. Sagt ihr, Ihr wolltet sie bei hellem Tageslicht im Garten sehen, umgeben von ebensolcher Schönheit der himmlischen Schöpfung. « M arcel zog eine Grimasse, als er den Brief von Charles von Navarra las. Je weiter er kam, desto mehr riß er die Augen auf, und sein Unmut wuchs. Als er fertig war, fluchte er laut und warf Guillaume Karle das Pergament zu. Dieser las es selbst und reagierte ähnlich. » Ihr müßt ihm das ausreden. « » Wie denn? « wollte Marcel wissen. » Mittels einer weiteren Botschaft, eindringlicheren Bitten, besserer Logik, was auch immer dienlich sein könnte! « Karle warf den Brief Marcel wieder zu. » Aber ein Treffen in Compiègne ist nicht zu unserem Vorteil. « » Navarra sieht keinen Nachteil darin. « » Gewiß, aus seiner Sicht nicht. Und in Wirklichkeit riskieren seine eigenen Kräfte ja auch kaum, durch den König Schaden zu nehmen – es sei denn, seine Armee erscheint in weit größerer Zahl als erwartet. Navarras Männer sind bewaffnet, beritten und gerüstet. In Gefahr geraten nur die Fußsoldaten. Alle Leute, die ich zusammenbringe, werden die Vorteile der königlichen Ausrüstung nicht haben und brauchen einen Fluchtweg, wenn sie nicht abgeschlachtet werden sollen. « » Was nur dann droht, wenn sich die Dinge nicht nach unseren Wünschen entwickeln. Aber da Navarra die Kräfte des Königs sicherlich besiegt, werden Eure Truppen in keinerlei Gefahr sein. « » Außer durch Navarra. « » Aber er hat doch versprochen, sich mit Euch zu verbünden. E r h at sein Wort gegeben, Euren Forderungen zu entsprechen, wenn die Schlacht erst gewonnen ist. « » Ich denke, wir müssen von ihm verlangen, sie vorher zu erfüllen. Auf einmal habe ich keine Lust mehr, als erster zu bezahlen. « Marcel rang die Hände. » Karle, wir haben lange verhandelt. Es ist ein heikles Bündnis, das durch Eure plötzlichen Zweifel nicht gefährdet werden darf. « » Wenn sich Bedingungen ändern, muß man neu diskutieren. « » Die Bedingungen haben sich nicht geändert. Nur die Strategie. Ihr und Navarra werdet Eure Kräfte gegen den König miteinander vereinen. Ihr werdet Eure Forderungen erfüllt sehen, sobald die Schlacht gewonnen ist. Daß sich der Schauplatz der Schlacht ändert, hat keine Auswirkungen auf ihren Ausgang. « » Nein? Und was ist, wenn der Kampf wegen des schwierigen Geländes verloren wird? « » Navarra scheint an Compiègne zu glauben. « » Diesen Glauben teile ich nicht. « » Warum? Weil Eure junge Frau sagt, es sei nicht ratsam? « » Wir waren uns darüber einig, daß sie mit ihren Beobachtungen recht hat. « » Und jetzt hören wir von Navarra, daß er anderer Ansicht ist. « » Marcel, schreibt ihm eine Erwiderung, daß er unrecht hat. « Einen Moment starrte Marcel Karle schweigend an und dachte über die Herausforderung nach. » Nein «, beschied er ihm schließlich. » Das werde ich nicht tun. « Seine Antwort klang definitiv. » Es wird also in Compiègne stattfinden. Ob Euch das gefällt oder nicht. « A lejandro stand auf Elizabeths Schwelle und lächelte herzlich. De Chauliac befand sich einen Schritt hinter ihm. Die Gräfin richtete sich in ihren Kissen auf und winkte die Dienerschaft hinaus. » Ach, Chaucer, wartet noch «, bat sie, während ihr Gefolge den Raum verließ. » Ich möchte, daß Ihr de Chauliac in die Gemächer der Kinder begleitet. Die Nurse sagt, meine Kinder hätten allerlei Beschwerden, und da Monsieur le Docteur einmal hier ist, könnte er doch nach ihnen sehen, nicht wahr? « Sie schaute um Alejandro herum zu dem Franzosen. » Lieber de Chauliac, hättet Ihr etwas dagegen? Die Kleinen sind mir so teuer. « Es war eine Verbannung, die de Chauliac mit seiner übliche n E leganz annahm. Aber nicht fröhlich. Er lächelte nicht, als er murmelte: » Gewiß, Gräfin, ich mache mich sofort auf den Weg. « Mit einem verschwörerischen Grinsen zu der Gräfin und Alejandro führte Chaucer de Chauliac hinaus und schloß hinter sich die Tür. De Chauliac nickte den Wachen zu, und diese bezogen Posten gegen jeglichen Fluchtversuch. » Endlich sind wir allein «, sagte Elizabeth leise. Alejandro wunderte sich, wie eine Frau von so ausgezeichneter Gesundheit es fertigbrachte, derart blaß auszusehen. » Es ist auch an der Zeit «, sagte er sanft, » denn Ihr seid beunruhigend bleich. « Die Gräfin ergriff seine Hände und drückte sie an ihr Herz. » Bin ich das? Das dachte ich mir. Ich spüre die Angegriffenheit innerlich und äußerlich. « Sie ließ seine Hände los und streckte den Arm aus, um seine Wange zu berühren. » Aber Ihr leidet nicht unter dieser lähmenden Blässe – wie schön und reich die Farbe Eurer Haut ist. « Ihre Hand kam seinem Hals etwas zu nahe, verharrte nur wenige Fingerbreit über seinem noch immer sichtbaren Brandmal. Er ergriff sie, führte sie an die Lippen und küßte nacheinander alle Finger. Und obwohl das lediglich eine List war, ließen die angebliche Leidenschaft, die er für sie entwickelt hatte, und sein Mund auf ihrer warmen Haut Wellen verwirrender Gefühle in ihm aufsteigen. Lust strahlte von seinem Herzen bis in seine Arme. Er war etwas aus der Fassung gebracht. Als er endlich aufhören konnte, sah er ihr in die Augen und gestand ihr: » Ich kenne kein medizinisches Lehrbuch, das Blässe als Leiden bezeichnet. Es ist einfach Euer normannisches Erbe, das Euch diese weiße Haut verleiht, und der Wille des Schöpfers. Er sei gepriesen, weil Er der Welt ein so schönes Weib geschenkt hat. « Sie seufzte und erbleichte noch mehr, er äußerte weitere Schmeicheleien, und dieses törichte Spiel trieben sie so lange, daß Alejandro sich schließlich fragte, wo sein Talent zu flirten sich sein ganzes Leben lang versteckt hatte und wieso es jetzt auf einmal zutage trat. Vielleicht liegt es nur daran, daß ich solche Freuden schon so lange nicht mehr erlebt habe. Und er genoß es in vollen Zügen, denn die Gräfin war eine schöne und kluge Frau, die der Aufmerksamkeit eines Mannes offenbar sehr bedurfte. Er mochte sie, genoß ihren Witz und bewunderte ihre Klugheit. Augenblicklich schämte er sich, sie auf diese Weise zu benutzen. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig. » Ich habe einen dringenden Wunsch «, sagte er sehnsüchtig. » Oh, sagt mir, worin er besteht, und wenn es in meiner Macht steht, werde ich alles in Bewegung setzen, um ihn zu erfüllen. « » Zum Glück werden solche Kräfte nicht erforderlich sein – denn ich wünsche mir nur, Euch bei Tageslicht zu sehen, in einem Garten, wo Eure Schönheit von ebensolcher Schönheit der von Gott erschaffenen Natur umgeben ist. « Das war nicht wörtlich das, was Chaucer ihm gesagt hatte, aber das Ergebnis schien angemessen. » Ein rendezvous! « hauchte sie. » Oh, was für eine wundervolle Idee. Aber wie sollen wir das arrangieren, da de Chauliac doch so eifersüchtig über Eure Zeit wacht … Für mich wird es nicht schwierig sein, denn der König gestattet mir, mich in Paris frei zu bewegen – vorausgesetzt, ich befinde mich in angemessener Begleitung. Er weiß, daß ich meine Kinder nicht im Stich lassen würde. Aber Eure … « Er lächelte. » … halten vielleicht die Ohren an die Tür, um uns zu belauschen «, erinnerte er sie. Sie kicherte und sagte dann leiser: » Ich vergaß! « » Am besten sollten wir es Chaucer überlassen, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen «, flüsterte Alejandro. » Er ist Euch ganz und gar ergeben, zweifelt niemals daran. « » Das tue ich auch nicht. Ich sehe keinen Grund dazu. « M arie öffnete dem schlanken jungen Mann in Pagenkleidung die Tür zu Marcels Haus. Er lächelte sie jungenhaft an und sagte: » Bonjour, ma Jolie. « Nicht Fräulein oder Frau, sondern meine Hübsche. Sie lächelte kokett und erwiderte seinen Gruß: » Et à vous, jeune Homme! « » Ich würde Euch gern einen Moment sprechen. « » Oui. Pourquoi? « » Weil es mich freut, in Euer hübsches Gesicht zu sehen, und solange ich spreche, werdet Ihr nicht fortgehen – also kann ich Euch ausgiebig betrachten. Und auch Eure süße Stimme entzückt mich, wenn ich das sagen darf. « Sie lachte. » Ihr werdet mehr davon hören, wenn ich die Person rufe, die Ihr wirklich sehen wollt. « » Oh, ich bin also ertappt. Und ich dachte, ich würde Fortschritte im Tändeln machen. Wieder einmal bekomme ich einen Korb. Dürfte ich dann vielleicht mit Monsieur Jacques sprechen, bitte? « Er nickte in Richtung des Salons, aus dem laute, grobe Stimmen zu hören waren. » Das heißt, falls er sich losreißen kann. « Kate hatte ihr jenen Monsieur Jacques erklärt. » Entrez « , sagte Marie, » und wartet hier. Sie streiten da drinnen wieder über ihre gräßliche Politik, und ich nehme an, er wird sich über die Unterbrechung freuen. Ich werde ihn holen. « Und er hatte sie so bezaubert, daß sie vergaß, ihn nach seinem Namen zu fragen. Als er allein in dem kleinen Vorraum wartete, kam Kate aus der Küche im Untergeschoß die Treppe herauf. Sie sah ihn an, und da sie ihn nicht kannte, ging sie weiter. Doch da hörte sie einen leisen Ausruf des Erstaunens, drehte sich um und schaute zurück. » Ist Euch nicht wohl, Herr? « » Doch, Mademoiselle, ich bin nur ein wenig verblüfft. « » Und warum, wenn ich fragen darf? « » Weil Ihr, so aberwitzig das auch klingen mag, unglaubliche Ähnlichkeit mit meinem Herrn habt, dem Prinzen Lionel. Ihr könntet seine Schwester sein! « Sie wich einen Schritt zurück und schaute erschrocken drein, was Chaucer als Gekränktheit mißdeutete. Rasch fügte er hinzu: » Freilich seid Ihr viel schöner als er. Was bei Euch Schönheit ist, wirkt bei ihm, nun ja … « Sie hielt sich am Geländer des Treppenabsatzes fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, als Karle aus dem Salon trat. Als der Franzose sah, wie sie schwankte, eilte er rasch herbei, um sie zu stützen. » Kate! « rief er. » Was fehlt dir? « Sie holte tief Luft, ehe sie stammelte: » Es ist nichts, nichts … eh … dieser junge Herr hat mich … irrtümlich für jemand anderen gehalten. « » Vergebt mir «, entschuldigte Chaucer sich mit besorgter Miene , » es war nur etwas, das mir auffiel, als Ihr vorbeigingt, eine Verwandtschaft der Züge … natürlich kann das nicht sein, denn alle Schwestern meines Herrn halten sich gegenwärtig in England auf, und Ihr seid ohnehin zu jung, um eine von ihnen zu sein. « Karle starrte ihn zornig an, und der Junge verstummte. » Lieb e K ate, laß mich dir helfen. Dies ist der junge Chaucer, von dem ich dir erzählt habe, er kommt von der Gräfin Elizabeth. « Er legte den Arm um Kate und stützte sie. Chaucer bat nochmals um Verzeihung. » Ich wollte die … eh, die junge Dame, eh … nicht … « » Meine Frau «, sagte Karle und zog Kate enger an sich. Kate wandte überrascht den Kopf. » Ach! Eure Gattin, ich Dummkopf … nun bin ich doppelt beschämt. « Mit einem eigenartigen Grinsen fügte er dann hinzu: » Euer Onkel hatte nicht erwähnt, daß Ihr verheiratet seid – tatsächlich scheint er zu denken, Ihr wäret es nicht. « » Nun, hier, junger Mann, steht der Beweis. « Nervös schaute Karle über die Schulter nach dem Salon. » Vielleicht habe ich vergessen, es Marcel zu erzählen. « » Diese Nachlässigkeit ist unbegreiflich, Herr. Man sollte doch meinen, daß Ihr die Augen anderer Herren von einer solchen Kostbarkeit wie Eurer Gattin fernhalten wollt. Ihr seid reich gesegnet, guter Mann! « » Ja, das bin ich «, stimmte Karle zu. Lächelnd wandte er sich an Kate. » Vielleicht möchtest du nach oben gehen, Chérie, während Chaucer und ich unsere Geschäfte bereden. « » Nein, mein Lieber «, gab Kate zurück, » ich kann es nicht ertragen, von dir getrennt zu sein. Und ich brauche deine Hilfe, um mich von diesem … schockierenden Irrtum zu erholen. Also bitte, erledige deine Geschäfte, und beachte mich gar nicht. Ich werde leise sein wie eine Maus. Aber warte – ich habe eine bessere Idee! Sollten wir nicht zusammen nach oben gehen, wo ich mich erholen kann und wir ein wenig unter uns sind? « Der Vorschlag wurde angenommen. Karle stützte sie, während sie die steile, enge Treppe zu der winzigen Kammer erklommen. Chaucer folgte ihnen. Nachdem sie eingetreten waren, schloß Karle die Tür. » Nun berichtet mir von dem Plan. « » Man hat mir zu verstehen gegeben, daß der Arzt wünscht, Ihr solltet ihn › entführen ‹. Er wird zwar eine recht willige Geisel sein, und ich sehe nicht recht ein, wieso von Entführung die Rede sein soll; aber ich nehme an, daß er de Chauliac diesen Eindruck vermitteln will, und dafür können wir sorgen. Er möchte, daß Ih r E uch irgendwie verkleidet, aber nicht so, daß die Wachen Verdacht schöpfen und Ihr zuviel Aufmerksamkeit erregt. « Er beschrieb den Weg, den sie von de Chauliacs Haus aus zu dem Gebäude nehmen würden, in dem Lionel und Elizabeth nach dem Willen des Königs residierten. » Die Wachen haben sich an diese Route gewöhnt. Wir nehmen sie häufig, denn der Arzt und die Gräfin haben sich in ihre kleine Romanze so hineingesteigert, daß er fast täglich gerufen wird. Wenn wir um die Ecke biegen, werde ich zurückfallen und mich zwischen Alejandro und den Wachen halten. Ihr werdet dann die Zügel seines Pferdes packen und mit ihm davonjagen. Dann kann er zu dem Garten reiten, in dem die Lady ihn erwartet. « » Um welche Stunde soll das Ereignis stattfinden? « erkundigte sich Kate. » Genau zu Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht. « » Ist das alles? Sonst sieht der Plan nichts vor? « » Sollte er denn noch etwas vorsehen? Natürlich, das Ende. Wie konnte ich das vergessen! Manchmal bringe ich Dinge nicht zu einem ordentlichen Abschluß. Später wird er zu de Chauliac zurückkehren und ihm erzählen, er sei entführt und beraubt worden und dann in fremder Umgebung im Rinnstein wieder zu sich gekommen – aber das liegt wohl auf der Hand, man braucht es nicht lange zu erwähnen. Er wird eine Geschichte über die Freundlichkeit von Fremden erfinden, die ihm in seiner Not geholfen haben, und de Chauliac wird daraus nichts entnehmen können. In der Zwischenzeit haben er und die Gräfin dann Gelegenheit gehabt, sich eine Weile aneinander zu erfreuen, wie tragisch kurz auch immer – ohne daß de Chauliac oder Prinz Lionel sie argwöhnisch beobachten. Ich weiß nicht, wer eifersüchtiger von beiden ist. « Aber Kate und Karle wußten ganz genau, wer von den beiden Düpierten wütender sein würde, wenn der Tag zu Ende war. Es würde de Chauliac sein, bei weitem! » Ich habe beschlossen, Navarra nicht weiter mit der Forderung nach einem anderen Schauplatz für die Schlacht zu verärgern «, sagte Karle zu dem Stadtoberhaupt. » Wir haben die Karten noch einmal studiert und entschieden, daß Compiègne auch möglich ist. Ihr braucht ihm also nicht noch einmal zu schreiben. « Marcel legte seine Feder hin. » Das ist gut, Karle – ich bin sehr froh, daß Ihr zu diesem Entschluß gelangt seid. Den ganzen Tag habe ich den unangenehmen Brief hinausgeschoben, weil ich nicht wußte, wie ich Navarra Euer Beharren verständlich und schmackhaft machen sollte. « » Navarra wird nie an etwas anderem als seinen eigenen Vorstellungen Geschmack finden. « » Trotzdem ist es eine große Erleichterung für mich, ihm keine Botschaft senden zu müssen, von der er das Gefühl hätte, sie widerspräche seinen Interessen. « » Dann habe ich auch keinen Grund mehr, in Paris zu bleiben. « » Ja, vermutlich. « Karle holte tief Luft. » Wir werden also morgen aufbrechen und nach Norden ziehen. Unterwegs fange ich an, meine Armee zu sammeln. Wenn wir uns formiert und vorbereitet haben, werden wir Navarra das mitteilen. « Marcel stand auf. » Ihr sollt das Bündnis nicht bereuen! Und nun gute Reise, Karle, Euch und denen, die sich Euch anschließen. Ihr tut die Arbeit, die andere Männer sich zu tun fürchten – aber dennoch getan sehen wollen. « Sie umarmten sich kurz und klopften einander auf den Rücken, als seien sie wirklich Onkel und Neffe. » Und nun «, schlug Marcel vor, » noch ein letzter Tropfen, denn ich nehme an, Ihr wollt Euch früh zurückziehen. Morgen habt Ihr sicher einen langen Tag vor Euch. « » Viele lange Tage, scheint mir. « Marcel hob seinen Becher. » Auf Jacques Bonhomme! Möge sein Geist sich erheben. « S ie ruhten auf dem Strohlager in der kleinen Kammer und wußten, dies könnte ihre letzte bequeme Nacht sein. Ihnen war klar, daß sich alles ändern würde, sobald Alejandro sich ihnen anschloß. In der wilden Verzweiflung der Ungewißheit klammerten sie sich aneinander und flüsterten sich gegenseitig Zärtlichkeiten ins Ohr. » Du hast mich deine Frau genannt «, wisperte Kate. » So werde ich dich noch viele weitere Male nennen «, stellte Karle in Aussicht. » Sobald wir Gelegenheit dazu haben, werden wir mit einem Priester sprechen. « » Ehemann « , formten ihre Lippen. » Das ist ein hübsches Wort, « Er küßte sie erst auf beide Augen, dann auf die Nasenspitze , schließlich lange und zärtlich auf den Mund. » Ich hoffe, dein pèr e w ird auch dieser Meinung sein. « E s kam Alejandro so vor, als könne sich der lästige kleine Flamel höchstens für ein oder zwei Tage fernhalten; denn da war er schon wieder, nur zwei Abende nach seinem letzten Eindringen, und unterbrach die Arbeit, die angeblich schleunigst erledigt werden sollte. » Nicht einmal der zweite Teil ist fertig! « » Das braucht eben seine Zeit, Flamel. Meint Ihr, man könnte so etwas überstürzen? Es erfordert Zeit und Sorgfalt, und Ihr müßt geduldiger sein. « » Ach ja «, fuhr der kleine Mann zusammen und schlug sich selbst strafend gegen die Stirn. » Ihr werdet mich für ungebildet halten, weil ich das nicht erkenne. Aber ich erkenne es, ich erkenne es! Es ist nur so, daß ich meine Gebete beendet habe, und Gott hat mich für dieses Werk der Schöpfung akzeptiert – zumindest hat Er mir das zu verstehen gegeben, und ich kann es gar nicht erwarten, Seine Geheimnisse zu entschlüsseln. « Alejandro legte seine Feder nieder und sah Flamel mit milder Überraschung an. » Gott hat Euch bereits Sein Zeichen gesandt? « Flamel faltete die Hände und schaute himmelwärts. » Das hat er, alle Heiligen seien gesegnet! « » Ihr müßt ein ungewöhnlich frommer Mann sein, da Er so gütig mit Euch verfährt. « » Ja, Er hält mich wohl dafür. Es war eine Vision, die ich im Traum hatte. Zuerst war der Traum schrecklich; aber dann begriff ich, daß Gott mich damit aufrütteln wollte, und so gab ich genau acht. Zuerst war ich in einer Art Kerker, einem dunklen, stickigen Ort mit sehr wenig Licht, und dieser Aufenthalt jagte mir große Angst ein. Der einzige Weg ins Freie war eine kleine Tür, und obwohl ich meine Wärter anflehte, mich freizulassen, beachteten sie mich nicht – bis sich eines Tages die Tür öffnete und ich wieder ins Licht geführt wurde. Zuerst konnte ich kaum etwas sehen, weil ich so lange in der Dunkelheit gesessen hatte. Aber Gott sorgte dafür, daß meine Augen etwas entdeckten, etwas wunderbar Helles: eine n L ichtkreis, glühend rot und glänzend, und als er auf mich zukam, brach er in schönste Flammen aus … « Alejandro hörte sich den restlichen Traum des Alchimisten nicht mehr an. Was immer er noch enthalten mochte, waren nur unbedeutende Abbilder dessen, was ihm das Zeichen verkündete. Denn in seinem tiefsten Inneren wußte der Arzt, daß es ihm selber galt, nur ihm allein, und daß es an der Zeit war, Paris zu verlassen. KAPITEL 24 » I ch war noch nie oben in deinem Haus. « » An Angeboten meinerseits hat es jedenfalls nicht gefehlt. « Toms flirtender Ton gab Janie das tröstliche Gefühl, daß einige kleine Dinge auf der Welt immer noch dieselben waren. Sie folgte ihm ungewöhnlich willfährig, als er ihre Tasche durch den langen, mit Teppichboden ausgelegten Gang im ersten Stock seines Hauses trug. Er öffnete die Tür zu seinem Gästezimmer, legte die Tasche auf das Bett und hielt die Hand auf, als erwarte er Trinkgeld. Janie lachte zwar, aber es klang gezwungen und unecht, ging bald in Tränen über. Tom kam zu ihr, legte einen Arm um ihre Schultern und versuchte sie zu beruhigen, obwohl er wußte, daß sein Trost eher nett gemeint als aufrichtig klang. Sie schniefte ungraziös und sagte: » Wieso ist mein Leben plötzlich ein so beschissener Trümmerhaufen? « » Schau «, sagte er, » ich weiß, es sieht im Moment düster aus – aber es hätte schlimmer kommen können. Deine Wertsachen waren immerhin in Sicherheit, und du kannst das Haus wieder aufbauen, vermutlich sogar billiger – es gibt eine Menge Bauunternehmer, die Arbeit brauchen. Gestern abend habe ich deine Versicherungspolice aus dem Safe genommen und durchgesehen. Du bist versichert in Höhe von … « » Ich weiß, es ist alles gedeckt – und ein Glück! Denn das, was ich noch besitze, befindet sich entweder in deinem Safe oder hier in dieser Tasche. « Sie legte ihre Hand darauf. » Aber das meine ich nicht, es ist einfach … es ist … oh … « » Was? « fragte er sanft. Sie seufzte tief, und nach ein paar entschlossenen Atemzügen schien sie etwas gefaßter. » Nichts. Für heute abend habe ich genug gestöhnt. Vielleicht für mein ganzes Leben. Ich habe zu arbeiten. « Sie senkte den Blick. » Island war ein Fehler … « Tom sagte nichts. Beide schwiegen für einige Augenblicke. Dann sah Janie mit müden Augen zu ihm auf. » Ich möchte dir einfach danken, Tom, so sehr … das ist einer der Anlässe, bei denen ich nicht weiß, was ich ohne dich machen würde. « » Schon in Ordnung «, beschwichtigte er. » Ich habe nichts dagegen. Nur leider werde ich mich an deine Gesellschaft gewöhnen, und was wird dann? « » Hör mal, wenn es dir lieber ist, kann ich zu Michael und Caroline ziehen. « » Nein, wirklich, ich habe nur gescherzt. So wird es für dich viel einfacher sein. « » Da hast du recht. Danke! Hoffentlich kann ich eines Tages auch einmal etwas so Nettes für dich tun. « Tom blieb stumm. Er hoffte dasselbe. » Nur eines noch «, fügte Janie hinzu. » Kristina habe ich immer zu den – ich schätze, ich sollte › Treffen ‹ sagen – zu mir nach Hause eingeladen. Das geht nun natürlich nicht mehr. Ich brauche einen Ort, wo ich sie sehen kann. « » Sie kann natürlich hierher kommen. « » Ich hatte eigentlich an dein Büro gedacht. « Er schien sich zu versteifen, als sie das sagte. » Hier wäre es besser. « » Bist du sicher? Tom, sie haben mein Haus niedergebrannt … wo sollen wir unterschlüpfen, wenn sie deins auch anzünden? « Das » wir « klang ihm wie Musik in den Ohren, aber er äußerte sich nicht dazu. » Ich weiß nicht «, meinte er. » Auf irgendeine tropische Insel vielleicht. Und wenn das nicht geht, in ein alternatives Paradies. Aber wir würden etwas finden. « C het stürzte sich sofort auf Janie, als er sie aus dem Aufzug treten sah. Es war, als habe er begierig auf sie gewartet. » War das Ihr Haus, das abgebrannt ist? Ich habe es in den Nachrichten gehört. Was ist passiert, weiß man schon etwas? « Nicht Willkommen zu Ha us e, nicht Geht es Ihnen gut? Kein Es tut uns so leid, nehmen Sie sich ein paar Tage frei, wenn Sie möchten, sondern Erzählen Sie mir die saftigen D etails! » Kerosin ist passiert, oder etwas in der Art. Alles futsch! « » Oh, wie schrecklich «, jammerte der Affenmensch. Und Janie glaubte, ihn ganz kurz blaß werden zu sehen, eine winzige Reaktion auf ihre Mitteilung, daß das Feuer durch Brandstiftung entstanden war. Aber er erholte sich schnell genug, um sie glauben zu lassen, sie habe sich das nur eingebildet – denn sie war noch immer ziemlich durcheinander. » Mein Schwager ist Bauunternehmer «, erläuterte er. » Ich werde ihm sagen, daß er Sie anrufen soll. « Oje, dachte sie empört, Bauunternehmer-Schwager. Bald würden sie in Scharen über die verkohlten Trümmer ihres Hauses herfallen wie Krähen über Aas. » Tun Sie das, Chet. Aber sagen Sie ihm, er soll noch ein paar Wochen warten. « » Sie wollen nicht gleich jemand anheuern? « » Nein, vorläufig nicht. Es gibt eine Menge Dinge, um die ich mich erstmal kümmern muß. « » Ja, natürlich. Es ist gut, daß Sie wieder da sind. Hier wartet einiges zur Aufarbeit. « In einem Bogen ging sie um ihn herum und zeigte auf ihr Büro. » Ich denke, dann werde ich mich mal gleich an den Schreibtisch begeben. « E ine von Kristinas Nachrichten fand sie auf ihrem Bürocomputer vor. Nachdem Janie alle mit ihrem Job zusammenhängende Korrespondenz erledigt hatte, schickte sie ihr eine kurze Nachricht. Ich bin wieder da. Und wie. Wir müssen uns treffen. Eine halbe Stunde später die Antwort: Hot dogs. Nach der Arbeit. » Ich habe das Gefühl, ich wäre ewig weggewesen «, sagte Janie zu dem Mädchen, als sie sich neben ihr auf die Bank setzte. » Es waren bloß drei Tage, aber in was für ein Chaos bin ich zurückgekommen. « Kristina hielt ihr die Ledertasche hin, in der Virtual Memorial residierte. Janie nahm sie erfreut entgegen und öffnete sie. » Hallo, Baby «, gurrte sie, » Mami ist wieder da. « » Dr. Crowe! « tadelte Kristina. Janie blickte auf. » Sind Sie sicher, daß Sie in Ordnung sind? « » So weit jedenfalls, wie ich unter den gegebenen Umständen sein kann, ja. Warum? « Sie schaute an sich selbst herunter und blickte dann wieder auf. » Stinke ich nach irgendwas? « » Nein, aber Sie reden mit einem Computer. « » Einem vertrauten Gerät, im Moment einem der wenigen vertrauten Dinge in meinem Leben. Ich habe das Gefühl, als hätte mir der Tierarzt gerade meinen Hund zurückgegeben. « Sie schloß den Deckel. » Später werde ich dich füttern «, flüsterte sie. Dann wandte sie sich wieder Kristina zu. » So «, sagte sie in erwartungsvollem Ton, » berichten Sie mir, was während meiner Abwesenheit passiert ist. « » So gut wie gar nichts. « » Machen Sie Witze – sind Sie den Daten nicht nachgegangen, die ich Ihnen hinterlassen habe? « » Doch, habe alles durchgeprüft! « » Und? « » Und nichts. Kein Patentinhaber. Und Patient Null kann ich auch nirgends finden. « Janie schwieg einen Augenblick und sagte dann: » Das bedeutet nicht unbedingt, daß er nicht existiert. Oder daß wir ihn nicht später noch entdecken. Oder wer die Sache in Gang gesetzt hat. « » Hm … aber leider bedeutet es, daß wir wahrscheinlich kein Heilmittel entwickeln können, wenigstens nicht schnell. Wir brauchen das ursprüngliche Gensegment. « » Aus Abstrichen könnten wir eines zusammenbauen. Aus Nukleotiden und anderen kleinen Materialschnipseln. « » Das wird Monate dauern. Ich glaube nicht, daß wir so viel Zeit haben. « Janie sah zu, wie Kristina ein Pfefferminzbonbon auswickelte und in den Mund schob. Sie steckte das Papier in die Tasche. » Es ist sehr frustrierend, so weit gekommen zu sein und dann gegen eine Wand zu prallen. « » Können wir uns dieses Segment anderswo beschaffen? Aus Ihrer Rekonstruktion wissen wir, wie es aussehen müßte – also brauchen wir es nur zu finden. Irgend jemand da draußen muß es haben. « » Ja, einer von den hundertsechzig Millionen Einwohnern der Vereinigten Staaten. Vielleicht sollten wir die Leute der Reihe nach anrufen und fragen. « Richtig, da war eine Wand; aber es gab immer Mittel und Wege, sie zu übersteigen. Janie beugte sich näher zu Kristina und flüsterte: » Hören Sie, wenn ich meinen kleinen Spaziergang durch Big Dattie mache, kann ich mit der Suche schon mal beginnen. « Kristina schien überrascht. » Einen Spaziergang durch Big Dattie? Wann? « » Bald «, deutete Janie an. » Ich habe Ihnen davon geschrieben, bevor ich abgereist bin. « » Nein – das glaube ich nicht. « Janie dachte über Kristinas Leugnen nach und fühlte sich verstört. Aber sie hatte auch Mitgefühl, denn das Mädchen wälzte eindeutig irgendwelche Probleme. Daher beschloß sie, ihre nächsten Worte sorgfältig zu wählen und die junge Frau mit Entschiedenheit, aber auch sanft zu behandeln. » Doch «, widersprach sie nach einem Augenblick, » doch, das habe ich getan. Es war eine meiner letzten Aktivitäten, bevor ich nach Island geflogen bin. Und als Sie an diesem Abend V. M. holen kamen, haben Sie gesagt, das Geld spiele keine Rolle. Da haben Sie auch ein Pfefferminzbonbon gegessen. Ich höre noch, wie das Papier knisterte. « Als Kristina blaß wurde, sagte Janie: » Sind Sie in Ordnung? « » Ja «, kam die Antwort eindeutig zu schnell. » Das Geld ist doch kein Problem, oder? Denn falls es … « » Nein, nein, keinesfalls. « Sie drückte die Handfläche an ihre Stirn. » Es tut mir leid. Ich hatte es vergessen. Im Augenblick habe ich so viel im Kopf, daß ich manchmal Details vergesse. « » Kristina «, sagte Janie leise. » Ich möchte Sie etwas fragen. Mir ist aufgefallen … « Kristina schien fast von der Bank hochzufahren. » Mit meinem Gedächtnis stimmt schon alles! « Na also, dachte Janie, ich hatte recht. Vielleicht war Toms Vorschlag, Kristina zu untersuchen, eine gute Idee. Sie tätschelte dem Mädchen ein wenig den Arm. » Entspannen Sie sich. Ich wollte nur sagen, mir ist aufgefallen, daß Sie anscheinend unter Streß stehen. Und wenn wir viel Streß haben, kann das Gedächtnis darunter leiden. Lassen Sie mich also die Gelegenheit nutzen, Sie persönlich im Club Der Leute, Die Dinge Vergessen willkommen zu heißen. Ich bin Gründungsmitglied, besonders diese Woche. « » Tut mir leid «, klagte Kristina ein wenig, » es scheint auf einmal so riesig, dieses Projekt. « » Das ist es auch – und zeitraubend; wahrscheinlich nimmt es sogar noch schlimmere Dimensionen an, wenn wir weiter vordringen. Also tun wir einen Schritt nach dem anderen, und schließlich wird sich alles klären. Wir suchen einfach nach dem Segment, das wir brauchen – statt nach dem ursprünglichen Plan vorzugehen. Und werden es finden! « Das junge Mädchen wirkte verwirrt, zögernd. » Wie können Sie so sicher sein? « » Weil es irgendwo da draußen sein muß. Muß es einfach. Und Sie und ich werden den Unruhestifter zuletzt einfangen. « Eine angenehme frühabendliche Brise erhob sich und ließ Kristinas Haar wie einen fedrigen Heiligenschein um ihren Kopf fliegen. Sie selbst merkte das nicht, sondern wirkte verloren und weit entfernt, auf undefinierbare Weise traurig. Fast automatisch hob Janie eine Hand und strich Kristina eine Haarsträhne aus den Augen. » Ich wohne bei meinem Anwalt, bis ich etwas anderes habe «, sagte sie behutsam. » Er weiß halbwegs Bescheid über die Vorgänge. « Daß keine Reaktion erfolgte, machte sie ein wenig besorgt. » Er hat nichts dagegen, wenn wir uns in seinem Haus treffen. « » Um so besser … « Janie fragte sich, woran Kristina denken mochte. Als das Schweigen sich zu sehr in die Länge zog, ergänzte sie: » Da war noch etwas, was ich Ihnen sagen wollte – ich habe heute nachmittag noch mal mit diesem Hacker gesprochen. Er hat gesagt, er könnte mich einklinken, wann immer ich will. Ich möchte es demnächst ausprobieren, vielleicht sogar schon heute abend. Sie sollten mir die Gensequenz also am besten gleich geben. « » In Ordnung. Ich sende sie Ihnen per E-mail, sobald ich … sobald wie möglich. « Sie stand auf, nickte und ging. D er Hacker versicherte ihr, die Bar wäre ein ungefährliches Terrain. » Keiner sieht Ihnen über die Schulter «, versicherte er. » Alle interessieren sich viel mehr für ihre eigenen Dinge. « Sie schaute sich in der Menge der jungen, hungrig aussehenden Leute um. Die hormongeschwängerte Luft war warm und fast drückend. » Vermutlich «, gab sie zu. » Also – wie machen wir es? « » Das sage ich Ihnen besser nicht. Ein Gentleman muß ja auch seine Geheimnisse haben dürfen, nicht? « Er kokettierte wirkungsvoll mit seinem französischen Akzent. Aber Janie ließ sich von seinem dunklen europäischen Aussehen und seiner Lässigkeit nicht beeindrucken. » Natürlich sollten Sie es mir sagen. Ich bezahle Sie dafür, oder? Wenigstens möchte ich wissen, wofür ich festgenagelt werde, falls es denn geschieht. « » Sie werden nicht › festgenagelt ‹ «, beteuerte er mit einem Augenzwinkern, » jedenfalls nicht auf diese Weise. « Aus seiner Aktentasche angelte er einen Hornhautscanner – eine inzwischen überholte Technologie, die einst die einzige Möglichkeit gewesen war, Zugang zu Big Dattie zu bekommen. » Sie werden eines Ihrer schönen blauen Augen vor dieses Gerät halten, und es verschafft Ihnen Zugang. Und hinterher sind Sie nicht zu identifizieren. « Janie war schockiert über diesen prähistorischen Gegenstand. Nervös sah sie sich um, ob jemand ihre Überraschung bemerkt hatte. Aber wie von dem Hacker vorhergesagt, beachtete sie niemand. Trotzdem hätte sie am liebsten gezischt: Geben Sie mir meine fünf Riesen zurück, Sie Schwindler! Dann sehe ich vielleicht davon ab, Ihnen Ihr Plastikgebiß in den Schlund zu stopfen … Aber da war sie, das Geld bereits ausgehändigt, und vielleicht, vielleicht würde diese Dinosauriertechnologie ihr ja die Tür öffnen. Sie beschloß darauf zu warten, was als nächstes passierte. Der Franzose schloß den Scanner mit einem Kabel hinten an seinen Computer an und schob dann eine Diskette in eines der Laufwerke an der Seite. Er tippte etwas in die Tastatur und berührte den Bildschirm, dann noch einmal, nach einer kurzen Pause ein drittes Mal. Dann sagte er mit einem triumphierenden Lächeln: » Voilà! Treten Sie ein, Mademoiselle! « Sehr leise sagte Janie: » Das kann doch nicht funktionieren. Vor zwei Jahren wurde die gesamte Hornhautprogrammierung gelöscht. Zusammen mit allen Daten über jedermanns Hornhaut. « » Tja «, der Mann grinste, » aber ich habe das Programm wieder eingeführt. Heimlich; die Datenbank denkt, es sei eine ganz gewöhnliche Dateneingabe. « » Sie können doch unmöglich dieses Hornhautprogramm in die Finger bekommen haben. « » Da haben Sie selbstverständlich recht. Ich bin ein viel zu unangenehmer Charakter, als daß es mir jemals jemand verkaufen würde. Aber «, erläuterte er, noch immer grinsend, » ich brauchte es gar nicht in die Finger zu bekommen. Wissen Sie, ich war derjenige, der es ursprünglich geschrieben hat. « Ein paar Minuten später war sie drin, wie er versprochen hatte. Der Hacker schaute auf die Uhr. » Sie haben dreißig Minuten «, erinnerte er sie. » Bon voyage! « D iesmal fühlte es sich an wie ein Wunderland. Aber Janie gestattete sich nicht, ziellos umherzuwandern – das wäre ein großer Luxus gewesen. Sie gab die Codierung des Gensegments ein, die Kristina ihr geschickt hatte, und forderte Big Dattie auf, es zu finden. Das würde eine lange Suche in Millionen von Dateien auslösen, und Janie betete um ein Ergebnis. Fünfzehn kostbare Minuten vergingen. Nervös tappte sie mit dem Fuß und kaute an ihren Fingernägeln, während vor ihr auf dem Bildschirm Zahlenreihen in unlesbarer Geschwindigkeit vorbeihuschten. Nach der sechzehnten Minute erschien eine Botschaft auf dem Bildschirm: SECHS Entsprechungen gefunden Wenn sie von einer der Entsprechungen eine Gewebeprobe bekommen konnten, konnten sie das erforderliche Gen isolieren, so replizieren, daß der Defekt verschwand, und dem kranken Jungen das intakte Gen wieder einpflanzen. Selbst wenn sie nie dahinterkamen, wer für diese Travestie verantwortlich war, konnten sie sie immerhin rückgängig machen. Ihr Herz begann bei dem Gedanken zu rasen, daß ein Teilerfolg ihrer Suche nahe bevorstand. Anzeigen, gab sie ein. Sechs Namen und sechs Adressen erschienen auf dem Schirm. Nach jedem der Einträge folgte ein großes, rotes V. Verstorben. Ungläubig starrte sie auf den Bildschirm. Ihr sank das Herz. Rasch musterte sie die Lebensläufe: zwei erwachsene Männer, ein männlicher Säugling, drei männliche Jugendliche. Wie konnten sie alle tot sein? Dumme Frage, entsetzliche Antwort: Die Hälfte der Bevölkerung war gestorben. Und diese sechs gehörten alle dieser Hälfte an. Statistisch war das nicht unwahrscheinlich. Trotzdem fühlte sie sich enttäuscht und entmutigt. Janie hätte am liebsten geweint. Doch in einem Lokal wie dem, in dem sie sich befand, wäre das ein Signal für den nächstbesten Verlierer, spornstreichs zu ihr zu eilen. Sie kniff die Augen zu, bis die Tränen versiegt waren, und machte weiter. Konnte einer dieser Jungen exhumiert wer den, wenn er durch begraben und nicht verbrannt worden war? Vielleicht, aber das schien sehr ungewiß. Als MR Sam so wild gewütet hatte, hatte er bevorzugt die offene Einladung angenommen, die so oft von Heranwachsenden mit ihren schmutzigen Händen und laufenden Nasen ausging, und hatte sie mit Appetit verzehrt, von innen nach außen, zuerst die Leber, dann die Nieren, dann das Zwerchfell … Aber vielleicht war einer von ihnen an etwas anderem gestorben, einer weniger gräßlichen Krankheit, die keine Verbrennung nötig machte. Irgendwo gab es möglicherweise eine Leiche, der sie die einzelne Zelle entnehmen konnte, die sie brauchte. Aber als sie einen raschen Blick in die Dateien aller Genträger warf, bestätigte sich nur, was sie bereits vermutet hatte – die Todesursache bei sämtlichen sechs Personen, auch bei den Jungen, war eine massive, gegen Medikamente resistente Infektion mit Staphylokokken gewesen. Es gab also keine Leichen mehr. Sie probierte noch ein paar andere Dinge, um vielleicht doch noch einen Spender zu finden, aber alle Versuche scheiterten. In der verbleibenden Zeit konnte sie nur noch nach der Information fahnden, die sie ursprünglich gewollt, aber für die leider fruchtlose Suche zunächst hintangestellt hatte. Einen nach dem anderen gab sie die Namen der fünfzehn Orthopäden ein, die sie von der AMA erhalten hatte. Dann bat sie die Datenbank, ihr die Liste früherer und gegenwärtiger Projekte zur Genveränderung zu liefern, die irgend etwas mit Knochengewebe zu tun haben könnten. Es erschienen mehrere, darunter auch zwei von der Stiftung. Diese Dateien richtete sie zum Kopieren her, griff in ihre Tasche und nahm eine Speicherdiskette heraus. Sie versuchte, sie in das Laufwerk zu schieben. Aber darin befand sich noch die Programmdiskette des Franzosen. Na, na … dachte sie bei sich. Wieder ein Mitglied im Club der Leute, die Dinge vergessen. Das war allerdings ein gewichtiges Versäumnis, und überraschend kam ihr eine Idee. Noch überraschter war sie, als sie diese sofort in die Tat umsetzte. Offenbar schaute ihr der Schutzheilige der Computer über die Schulter; denn durch irgendeinen wundersamen Zufall war die Diskette mit dem Hornhautprogramm nicht schreibgeschützt, und sie konnte die Datei direkt darauf kopieren. Als sie endlich zu surren aufhörte, nahm Janie sie heraus und verdeckte sie dabei mit einer Hand. Dann schob sie die leere Diskette, die sie mitgebracht hatte, in das Laufwerk, aber nur halb, und steckte die entnommene in ihre Handtasche. Ihre Zeit war fast um. Es blieb nur noch eines zu tun. Suchen: Kristina Warger, gab sie ein. Big Dattie überprüfte sich gerade selbst. Gut, dachte sie, allzu viele Namensgenossinnen wird es nicht geben. Das macht es leichter. Doch zu ihrer Enttäuschung gab es überhaupt keine. Alternativvorschläge erschienen – in diesem Fall Leute mit ähnlichen Namen: Elena Warger, Frederick Warger, Harold Warger, Matilda Warger … und so weiter im Alphabet. Aber keine Kristina. Zutiefst verwirrt schloß Janie das Programm. Als der Franzose eine Minute vor Ablauf ihrer Zeit auftauchte, roch er stark nach Scotch. Janie glitt vom Hocker und sagte: » Alles erledigt. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen. « Sie streckte die Hand aus und dachte, er werde sie schütteln. Doch statt dessen hob er sie an die Lippen und küßte sie dramatisch. Janie erstarrte und wand sich innerlich, da sie wußte, daß die Plastikzähne nur ein paar Millimeter von ihrer Haut entfernt waren. Aber sie ließ ihn gewähren, denn sie wollte ihn auf keinen Fall kränken. » Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite «, schmeichelte er. Er schaute zu dem Computer und schien zufrieden mit dem, was er sah. » Au revoir, Mademoiselle. Vielleicht sehen wir uns wieder! « » A bientôt, Monsieur « , gab sie zurück. » Vielleicht. « Sie lächelte, so herzlich sie konnte, und verließ das Lokal. Seit Jahren hatte Janie nichts mehr erlebt, was einer normalen Familie entsprach. Es gab jetzt so viele gemischte Formen, in denen ein Elternteil mit überlebenden Kindern einen anderen gefunden hatten, mit dem er sich zusammentat; so waren neue Familien entstanden, manchmal mehr aus Notwendigkeit als wunschgemäß. Janie erinnerte sich an all die Selbsthilfebücher mit Ratschlägen, wie man eine Familie nach einer Scheidung neu strukturiert; in den späten neunziger Jahren waren solche Bücher populär. Viele Paare in Janies und ihres Mannes Bekanntschaft gingen auseinander und gründeten neue Gemeinschaften. Doch jetzt waren diese Bücher nicht mehr sonderlich hilfreich, denn das Hauptthema lautete Trauer, nicht Wut. Tom stand in der Küche und kochte, während Janie und Kristina am Computer arbeiteten und etwas taten, das eigenartig nach Hausaufgaben aussah. Er hatte ihnen freundlich gestattet, sein häusliches Arbeitszimmer für ihre Zwecke zu usurpieren; offenbar störte es ihn nicht. Im Gegenteil, er schien ihre Anwesenheit zu begrüßen. Überraschenderweise verlief die Begegnung zwischen ihm und Kristina äußerst glatt. Als sie selbst das Mädchen kennengelernt hatte, war es viel heikler gewesen. Aber Tom schien Kristina wirklich zu verstehen. Schon vorher hatte er durch Janie von ihr gehört; doch das allein erklärte nicht, wie gut sie auf Anhieb miteinander auskamen. Irgendwie mußten sie eine ähnliche Wellenlänge haben. Sie sahen die Informationen über die Orthopäden durch und versuchten, sie auf ein oder zwei wahrscheinliche Kandidaten einzuengen; aber vorerst kam nichts dabei heraus. Nach einer Stunde lehnte Kristina sich auf ihrem Stuhl zurück und rieb sich die Stirn. » Kein Patient Null, kein Orthopäde, keine Genentsprechung. « » Es muß noch eine andere Stelle geben, wo wir nach dieser Entsprechung suchen können «, beharrte Janie. » Wir müssen gründlicher darüber nachdenken. Ich weiß, daß wir etwas ungeheuer Wichtiges übersehen haben. Gehen wir noch mal durch, was wir über diese Jungen wissen, bis uns etwas in die Augen springt! « » Sie sind größtenteils aus New York und alle im gleichen Alter. Alle waren in diesem speziellen Camp. « » Und stammen von europäischen Juden ab. « » Wenn es doch irgendwas gäbe, von einer der Familien, das wir benutzen könnten, um ein paar Zellen zu gewinnen «, sinnierte Kristina, » ein Milchzahn oder eine Haarlocke, oder Schweiß oder abgeschnittene Fingernägel, eine Spur von DNS … Himmel, wie soll man das deren Verwandten erklären, falls noch welche existieren … « » Moment «, unterbrach Janie sie. » Wiederholen Sie das bitte! Mit weniger Worten. « » Wir brauchen von einem von ihnen etwas mit einer Spur DNS. « » Oder von jemand anderem mit dem richtigen Gen. « Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, einen leicht verblüfften Ausdruck im Gesicht. » Kinder, Kinder «, sagte sie leise. » Ich fasse nicht, was mir da einfällt. « Sie nahm ihr Handy heraus und tippte die Nummer des Hebrew Book Depository. KAPITEL 25 F rüh am Morgen rief Elizabeth den Leibdiener ihres Gatten in ihr Gemach und verbannte ihre eigenen Zofen für die Dauer seines Besuchs ins Vorzimmer. Das war eine ungewöhnliche Einladung – denn jemand, der nur einem Herrn diente, durfte selten das Reich einer Dame mit seinen weiblicheren Einrichtungen betreten. Der Lakai fühlte sich zwar geehrt, gerufen worden zu sein, und das Gemach der Gräfin faszinierte ihn; doch ganz geheuer war es ihm nicht. » Ich werde mich kurz fassen «, begann sie, » damit nicht müßiges Gerede über eine Ehefrau aufkommt, die sich mit dem Diener ihres Gatten in ihrem Gemach einschließt … Von de Chauliac habe ich eine Warnung bezüglich Lord Lionels Gesundheit erhalten, und zwar durch meinen eigenen Arzt, Doktor Hernandez. « Als der Diener ernste Besorgnis zeigte, fuhr sie fort: » Oh, er ist nicht in unmittelbarer Gefahr. Aber diese beiden sehr weisen und gelehrten Männer haben meinen Gatten viele Male untersucht; sie stimmen darin überein, daß bestimmte Schritte unternommen werden müssen, wenn seine Gicht eingedämmt und die weitere Ansammlung von Fäulnis verhindert werden soll, die seinem armen, lieben Zeh so viele Beschwerden verursacht hat. « » Nennt diese Schritte, Madame. Und ich werde sie umgehend einleiten … « » Gut. Ich wußte, daß ich auf Eure Unterstützung zählen kann. Und auf Eure Diskretion. Dieses Problem mit seiner Erkrankung hat unser herzliches eheliches Einvernehmen sehr beeinträchtigt, und es wird nur wiederherzustellen sein, wenn er weiter gesundet. Auf jeden Fall ist die erste und wichtigste Maßnahme, daß er mehr frische Luft bekommt. In diesem Punkt waren die Ärzte unerbittlich. Deswegen habe ich dafür gesorgt, daß der Stallknecht heute kurz vor Mittag sein Lieblingspferd bereitmacht. Auch für Euc h w ird er eines mitbringen. Ihr müßt veranlassen, daß er einen ausgiebigen Ritt am Fluß unternimmt und mindestens zwei oder drei Stunden im Freien bleibt. Auch ich selbst soll mehr in der Natur atmen, wenn auch nicht so lange, vielleicht für eine Stunde oder etwas mehr. Ich selbst werde also einen Spaziergang unternehmen, in Begleitung natürlich. « » Madame, er wird sicherlich einwenden, daß Euch etwas zustoßen könnte. « » Mir wird nichts zustoßen. Und er soll keine Einwände erheben. Er steht unter der strengsten Aufsicht seiner Ärzte, ebenso wie ich. Nun, ich werde ihm diesen Umstand selbst mitteilen; aber ich habe Euch zuerst unterrichtet, damit Ihr nicht überrascht seid, wenn er Euch zu dem Ritt auffordert. Die besten Stunden des Tages sind die unmittelbar nach Mittag, sagen unsere Ärzte. Und er muß sie sich zunutze machen. Sorgt dafür, daß einer seiner kräftigsten Ritter Euch eskortiert, damit Ihr nicht überfallen werdet. Das passiert heutzutage in Paris extrem häufig! « A m Morgen nahm Kate tränenreich Abschied von Marie, die für sie wie eine Schwester geworden war. Sie umarmten einander innig, versicherten sich gegenseitig ihrer Freundschaft und versprachen sich, einander nie zu vergessen. Dann sah Marie zu, wie Kate und Karle das Haus wieder durch das Souterrain verließen, durch das sie auch das erstemal eingetreten waren. Dabei drehte sie die Münze in der Hand, die Kate ihr gegeben hatte, den Preis für ein in Streifen gerissenes Laken und ein paar Längen Kordel. Marie dachte, Kate sei eine Schwester, um die sogar eine Prinzessin sie beneiden könnte. Da Karle und Kate nun wieder mit all ihrer Habe beladen waren, kamen sie in den Straßen von Paris nur langsam voran – aber sie dachten an ihr Ziel. Wenn sich dieser Tag neigte und alles gut verlief, dann würden sie sich außerhalb der Stadtmauern auf dem Lande einen Ort suchen, der ihnen als Hauptquartier für die Planung der zukünftigen Schlacht dienen konnte. Stetig schritten sie nebeneinander dahin, erfüllt von Hoffnung und froher Erwartung. Alejandro stopfte in die Taschen und Falten seiner Kleidung soviel wie möglich, damit er in seine Satteltasche noch Abrahams Manuskript schmuggeln konnte. Die ganze Nacht hatte er mit der Entscheidung gerungen, ob es klug sei, das Buch mitzunehmen; wegen seiner Größe, seiner leicht erkennbaren Form und Schwere des ungewöhnlichen Messingeinbands stellte es eine ernste Gefahr dar. Der Papyrus war allerdings so leicht, daß er nicht ins Gewicht fiel. Alejandro wog das Für und Wider gegeneinander ab – eine willkommene Ablenkung von seinen übrigen Sorgen. Nach einigen Minuten ernster Überlegung kam er zu dem Schluß, daß kein sichtbarer Gegenstand gewichtlos sein konnte. Dann packte er weiter; ohne Zweifel wäre es ein Sakrileg gegen Abraham und alle seine Vorgänger, das Buch zurückzulassen. Ungefähr eine Stunde vor Mittag hörte man im ganzen Haus das erwartete Läuten der Glocke. Ein paar Augenblicke später erklangen de Chauliacs Schritte auf der Treppe, schwer vor Erbitterung über einen weiteren unerwünschten Hilferuf. Der Franzose rauschte in Alejandros Kammer und sank auf einen Stuhl. » Sie ist wieder blaß. Könnt Ihr nicht etwas Farbe in die Wangen dieser Dame bringen, damit wir einmal einen Arbeitstag ohne Unterbrechung haben? « » Dazu kenne ich nur eine sichere Methode, außer, daß sie sich selbst mit ihren Fingernägeln in diese Wangen kneift. Und einen solchen Rat würde sie unfreundlich aufnehmen. Sie würde sich beim Dauphin beschweren. Mir können solche Klagen zwar nicht schaden, Euch aber ganz gewiß, Kollege. « » Ich bereue den Tag, an dem ich diesen Chaucer eingeladen habe, mit uns zu speisen! « » Oh, seid gnädig, de Chauliac. Man darf den Überbringer widriger Nachrichten nicht gleich erdolchen. « » Diesen speziellen Überbringer würde ich aber nur zu gern beseitigen. « » Dann wäre die Welt um einen sehr klugen jungen Mann ärmer. « » Er ist ein Page. Die Welt würde ihn nicht vermissen. Ich dagegen vermisse die Ruhe meiner Tage aufs schmerzlichste. Sie will, daß wir sofort kommen. Chaucer wartet im Vorraum auf uns. « Alejandro wischte seinen Federkiel ab und schloß vorsichtig das Buch. » Dann muß ich mich nur ein wenig frisch machen, ehe wir aufbrechen. Richtet ihm aus, ich brauche nur einen Augenblick. « Langsam erhob sich de Chauliac, als quälten ihn seine Knochen , und jäh bemerkte Alejandro die Falten auf der Stirn des Hausherrn. » Ich werde im Vorraum auf Euch warten. « Er verschwand im dämmrigen Flur. Rasch steckte Alejandro das Manuskript in die Tasche, aber es paßte nicht ganz hinein; auch die Flasche mit Schwefelwasser wollte in keine seiner Kleidertaschen passen, und er wußte nicht, wo er sie sonst unterbringen sollte. Widerstrebend nahm er das Glas also heraus und versteckte es hinten in der tiefen Schublade seines Tisches. Dann schob er das Manuskript in seine Reisetasche und zog den Riemen zu. Nach einem letzten Blick aus dem vergitterten Fenster verließ er die Kammer zum hoffentlich letzten Mal. C haucer nickte ihm unmerklich zu, den Kopf etwas nach rechts geneigt, und Alejandro wußte, daß die Nachricht überbracht und der Plan gebilligt worden war. Die fünf Reiter verließen den Hof des Hauses kurz vor Mittag und bahnten sich einen Weg durch die Menge. Sie ritten langsam durch das Marktgetümmel; und obwohl die Versorgung schlecht und die Preise hoch waren, kamen doch viele Menschen, die sehen wollten, was es gab. Die meisten gingen enttäuscht nach Hause. Alejandro hatte nichts gegen das langsame Tempo, denn sein Herz klopfte wild in Erwartung der vor ihm liegenden Ereignisse. Chaucer wirkte über die Maßen unbeschwert. Nun ja, machte Alejandro sich klar, er denkt, all das sei ein harmloses Komplott, um zwei romantischen Liebenden zu einem Stelldichein zu verhelfen. Für ihn geht es nur darum, daß ein exotischer Spanier und eine adelige Dame von der Grünen Insel sich unter vier Augen sehen können. » Ihr scheint zerstreut, Doktor «, zog der Junge ihn auf. » Habt Ihr Angst, die Dame könnte nicht da sein, wenn Ihr eintrefft? « » O nein! Ich glaube fest an sie. Aber ich mache mir Sorgen, ob › Jaques ‹ seine Rolle richtig spielt – denn von ihm hängt der Erfolg des Plans ab. « Chaucer kicherte. » Da kann man sich auch Sorgen machen, wenn man sich auf einen Mann mit einer jungen, saftigen Frau verlassen muß, die ihn von seinen Aufgaben ablenkt. « Alejandro zügelte demonstrativ sein Pferd. » Frau? « flüsterte, ja zischte er fast. » Ich weiß von keiner Frau. « » Sein Onkel auch nicht «, vertraute Chaucer ihm an. » Er hat e s v or ihm geheimgehalten, obwohl ich keinen Grund dazu erkennen kann. Ich habe sie gesehen, als ich Eure Nachricht überbrachte. Sie ist eine hübsche junge Maid mit goldenem Haar und veilchenblauen Augen; für einen Moment dachte ich, sie sei das Abbild meines Herrn Lionel. Das habe ich ihr auch gesagt, als wir miteinander sprachen, und sie schien etwas betroffen. « Alejandros Pferd stand nun beinahe still; Chaucer schob sich ein wenig vor ihn, wider besseres Wissen, aber er wollte nicht die Aufmerksamkeit der Wachen erregen. » Laßt Euer Reittier nicht so langsam gehen, Doktor, sonst ruiniert Ihr alles; reitet ein wenig schneller und mir voran, wie vereinbart! « Trotz seiner plötzlichen Verwirrung gelang es Alejandro, den Rat zu befolgen, und binnen eines Augenblicks ritt er wieder ein Stückchen vor dem Pagen her. Er hörte den Jungen leise sagen: » Der Treffpunkt befindet sich direkt vor uns, hinter dieser Ecke. « Alejandro vergaß seine Unruhe und schaute nach vorn; im Gewimmel der Menschen sah er mehrere Männer, die Karle hätten sein können. Aber es war unmöglich, ihn auszumachen. Er würde einfach warten müssen, bis Karle sich selbst zu erkennen gab, und dann so schnell wie möglich reagieren. Das Blut strömte schneller durch seine Adern, und auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Hektisch musterte er das Treiben ringsum. Das Geräusch menschlicher Stimmen, Hufgeklapper auf dem Pflaster, das Gackern von Hühnern, Hundegebell – plötzlich verschwamm alles zu einem einzigen Gelärme, und nur, weil er schrie, hörte er Karles Ruf: » Alejandro! « Er wandte sich in die Richtung, aus der die Stimme kam, und sah einen Krüppel, der von Kopf bis Fuß in Verbände gehüllt war, mit einer weiß eingewickelten Krücke winken. Doch binnen ein oder zwei Sekunden war der Gegenstand ausgewickelt und hatte sich in ein Schwert verwandelt. Gleichzeitig packte Karle die Zügel seines Pferdes und zog ihn durch die Menge, schob die Menschen beiseite und schwang das Schwert über seinem Kopf wie der Teufel persönlich. Chaucer setzte sein Pferd quer vor die Wachen und versuchte, so verwirrt dreinzuschauen wie möglich. Wirksam versperrte er ihnen mit seinem nervös tänzelnden Reittier den Weg, bis sich schließlich einer der Aufpasser an ihm vorbeidrängte und durch di e k reischende Menge Alejandro nachjagte. » Entführung! « schrie der Wachmann. » Entführung! Haltet sie auf … « Er kam nahe genug an Alejandro heran, um dessen Satteltasche zu erwischen, und für ein oder zwei Momente schien Alejandros Pferd zwischen dem von vorne ziehenden Karle und dem von hinten zerrenden Wachmann stillzustehen. Endlich schrie Karle: » Macht die Tasche los! « Alejandro starrte ihn an. Er drehte sich um und sah nach dem Verfolger, der mit seiner freien Hand den Griff seines Schwertes ertastete. Es war eine schmerzliche Entscheidung, aber letzten Endes eine klare. Es ging um Leben oder Lernen. Er entschied sich für das Überleben. Mit einem raschen Zug an dem Lederriemen, der sie hielt, löste er die Satteltasche mit dem kostbaren Inhalt aus ihrer Befestigung. Er und Karle stürzten vorwärts, der Wächter, die Tasche umklammernd, blieb zurück, und die Menge schloß sich um ihn. K arle zog das scheuende Roß durch enge Hintergassen und Seitenstraßen; alle, die sie sahen, wunderten sich über den Anblick des Krüppels in zerlumpten Verbänden, der vor einem Pferd herrannte, auf dem ein Mann im traditionellen Gewand des Heilers saß. Als Alejandro klar wurde, warum die Leute so starrten, warf er den Umhang ab, der nur auf sie aufmerksam machte und ihr Fortkommen behinderte. Endlich verlangsamte Karle keuchend seine Schritte. Er sah sich um und schnaufte: » Gleich um die Ecke! « Alejandro nickte. Und tatsächlich, kurz darauf öffnete Karle ein hölzernes Tor und führte das Pferd in den Hof eines Hauses, dessen Besitzer in den Krieg gezogen war und seine Familie klugerweise zu ihrem Schutz in den Süden geschickt hatte. Hinter einem Baum, von der Straße aus nicht zu sehen, wartete Kate. » Père! « schrie sie auf, als sie aus ihrem Versteck schlüpfte. Sie rannte über das Pflaster des Hofes und fiel Alejandro in die Arme, während Guillaume Karle das Tor schloß. Und als Alejandro sie so umfangen hielt, zog jede Minute ihrer gemeinsamen Zeit noch einmal an seinem inneren Auge vorbei, von dem Moment an, in dem sie das Schiff nach Frankreich bestiege n h atten, bis zu dem Augenblick, als er sie hinter der Hütte, wo Karle sie ausfindig gemacht hatte, zum letzten Mal küßte. Endlich ließ er sie los, hielt sie auf Armeslänge von sich und starrte ihr in die Augen. Sie waren so leuchtend blau wie immer, und jetzt standen Freudentränen darin. Er streichelte ihr goldenes Haar und fühlte es durch seine Finger gleiten wie tausendmal zuvor. Dann berührte er ihre Wange und spürte die vertraute Wärme. Während seiner Musterung flossen seine Tränen. » Du bist wohlauf. Gott sei Dank. Deinem Gott. Meinem Gott. Allen Göttern, die es je gegeben hat oder geben wird! « Abermals umarmten sie sich, wiegten sich gegenseitig. Vater und Tochter waren endlich wieder vereint. Nachdem er das Pferd angebunden hatte, warf Karle seine schmutzigen Verbände ab und trat hinter Kate, lächelnd, begierig, die Hand seines Fluchtgefährten zu schütteln. » Wahrhaftig, der Höchste sei gepriesen, Arzt, wir dachten, wir würden nie … « Ganz plötzlich fand der brünette Franzose sich mit dem Rücken an einer Mauer wieder, und der Arzt, den er soeben befreit hatte, schlug wild auf ihn ein. Kate stürzte sich vorwärts und schrie: » Père! Lieber Himmel – o Karle, er weiß nicht, was er tut – ich fürchte, seine Gefangenschaft hat ihn um den Verstand gebracht. « Und Alejandro schrie: » Deine Frau, du nennst sie deine Frau, du Elender! Wenn ich mit dir fertig bin, können sie dich in deiner christlichen Hölle willkommen heißen! « Endlich gelang es Kate, sich zwischen sie zu drängen, und als er ihr zartes Gesicht sah, hielt Alejandro mitten im Schlag inne; seine Hand war nur wenige Haaresbreiten von ihrer Nase entfernt. Sie griff danach, zog sie an den Mund und küßte seine blutenden Fingerknöchel. Leise weinend flüsterte sie: » Père, o Père, was hat man Euch nur hintertragen? « » Diese Lumpen erweisen sich nun als nützliche Geldanlage «, sagte Kate, während sie das Blut von Guillaume Karles Gesicht tupfte. Sie spuckte auf den Fetzen, den sie in der Hand hielt, und wischte ihm zärtlich über seine Stirn. Karle hielt still, zuckte aber zusammen, als sie mit dem Tuch über einen von Alejandros tobender Faust beigebrachten Riß fuhr. Gräfin Elizabeths Ring hatte eine blutende Wunde auf seiner Wange hinterlassen. Der Jude saß benommen da und beobachtete verdattert, wi e K ate den christlichen Mann versorgte, den Schurken, dessen widerstrebender Obhut er sie anvertraut hatte – den Rebellen, um dessen Pflege sie sich jetzt selbst kümmerte. Sie benimmt sich unbestreitbar wie eine Ehefrau, gestand Alejandro sich ein, und sein Inneres bebte. Dabei war es doch nur eine kurze Zeit gewesen, ein paar Wochen höchstens – oder sogar noch weniger? Nein, sicher mehr – in Wirklichkeit vermochte er nicht genau zu sagen, wie lange er sie nicht mehr gesehen hatte. Lange genug, damit sie diesen Mann liebenlernen konnte und er sie! Zu lange für ihn, den Vater, um noch seine Rechte behaupten zu können: » Bleibe bei mir, Tochter, denn ich bin doch dein Vater und Hüter! « Sie hatte gelernt, sich selbst zu hüten, und im folgenden, sich hinzugeben. Er war nicht bei ihr gewesen, um sie daran zu hindern. Und jetzt schien es zu spät … In seiner neuen Freiheit, das erste Mal seit viel zu langer Zeit, fiel ihm dann nichts Besseres ein, als den Mann zu attackieren, der ihn befreit hatte: wegen eingebildeter Missetaten gegen seine Tochter, die allem Anschein nach von seinem eigenen Verhalten mehr verletzt war als von dem Karles ! Als Karles Wunden versorgt waren, drehte Kate sich nach Alejandro um und musterte seine Hände. » Was habt Ihr Euch nur gedacht, Père? Ihr hättet fast Eure Hände ruiniert. Eure wunderbaren, kundigen Hände. « Er richtete seinen leeren Blick auf sie und flüsterte: » Ich habe mir mein Kind in den Armen eines Rohlings vorgestellt. « » Aber er ist kein Rohling, Père. Ihr wißt das. Warum sonst hättet Ihr mich in seine Obhut gegeben? « » Du mußt verstehen, Kind, für mich sind alle Männer, die dich auch nur ansehen, Rohlinge, ja Tiere – sie können nichts anderes sein. « Mit unglaublicher Zärtlichkeit wischte sie das Blut von seinen Fingerknöcheln. » Ich bin kein Kind mehr, Père! Muß ich Euch das wieder sagen? Meine Kindheit liegt tausend Jahre zurück. Und Ihr habt Karle damals vertraut, also müßt Ihr ihm auch jetzt vertrauen. « Muß ich? fragte er sich. Ist das meine einzige Möglichkeit? Er überlegte, wie er ihr diese Frage stellen sollte. Sollte er einfach sagen: » Würdest du den einen oder den anderen von uns wählen? Wenn du dazu gezwungen wärst, würdest du dann mit ihm gehen – ohne mich? « Er sah zu, wie sie seine Finger mit all der Geschicklichkeit und Sanftheit behandelte, die er sie gelehrt hatte. Es waren nicht mehr die rundlichen, mit Grübchen versehenen Hände eines Kindes, sondern die schlanken, starken Hände einer Frau. Sie strahlte ein verborgenes Glück aus, das er nie zuvor an ihr bemerkt hatte. Aber sie kannte ja diese Art von Liebe zu einem Mann noch nicht, erklärte er sich dann. » Er hat also gut für dich gesorgt? « » Besser, als Ihr Euch vorstellen könnt. « Besser, als ich wissen möchte. A ls sie endlich wieder wie normale Bürger aussahen und ihre inneren und äußeren Wunden halbwegs versorgt waren, entschieden sie, Paris so bald wie möglich zu verlassen – am besten noch vor Sonnenuntergang. » Aber da gibt es eine Schwierigkeit – ich kann mein Pferd nicht holen «, sagte Alejandro. » Womit sollte ich es auslösen? Mein Gold ist natürlich bei de Chauliac geblieben. « » Ich habe nicht viel von Eurem Gold gebraucht, Arzt «, sagte Karle. Er griff in die Tasche, nahm den Beutel heraus und hielt ihn ihm eifrig hin, als würde dieser Beweis seiner Sparsamkeit ihn in Alejandros Augen erhöhen. Und das tat es. » Gut gemacht, Karle «, lobte er, während er die Münzen zählte. » Aber was ist mit Euren eigenen Pferden? « Karle ging zu dem Gaul, auf dem Alejandro in die Freiheit geritten war, musterte das große Tier, fuhr ihm mit den Händen über den langen Hals, sah sich seine Hufe und Knöchel an. » Das scheint ein anständiges Reittier zu sein, de Chauliacs Stallknecht hat es gut gepflegt. Es könnte zwei Personen tragen. « Er sah Alejandro an und fügte hinzu: » Ich schlage vor, wir holen Euer Pferd ab und lassen die anderen zurück. Kate kann bei « – er wollte schon mir sagen, beendete den Satz aber anders – » einem von uns mit aufsitzen. Dann haben wir immer noch genug Gold übrig, um für andere Bedürfnisse zu sorgen. « » Ein vernünftiger Plan «, stimmte Alejandro zu. Er seufzte tief. » Zum erstenmal in meinem Leben bin ich ein bettelarmer Mann. « Er sah zu Kate und Karle auf. » Ich habe mein Vermögen immer gehütet, als sei ich arm, aber seine Sicherheit war stets da – im Gegensatz zu jetzt. Wie soll ich nur weitermachen … « Er wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an Kate. » Es tut mir leid, Tochter, ich hatte immer gehofft, ich könnte gut für dich sorgen. « » Das hast du getan, Père. Wir werden niemals arm an Wissen sein. « » Aber das Wissen werden wir leider nicht essen können. « » Das ist sicher nicht nötig, denn solche Entbehrungen werden uns erspart bleiben. « Karle unterbrach sie und zeigte auf den Horizont, wo die Sonne über den Dächern sank. » Und dieser bettelarme Mann rät Euch, daß wir Paris verlassen sollten, bevor sie untergeht! « G eoffrey Chaucer stand vor der aufgebrachten Gräfin Elizabeth und beteuerte seine völlige Unschuld. » Ich flehe Euch an, Madame, so glaubt mir doch! Sein böser Plan hat mich noch mehr düpiert als Euch! « Er war beschämt und gedemütigt, ganz der törichte Knabe, den ein boshafter, schlauer Mann von größerer Erfahrung in der Welt bewußt ausgenutzt hat. Chaucer erhielt seine Strafpredigt im Schlafgemach der Gräfin inmitten hektischer Geschäftigkeit der Dienerschaft – denn als die versetzte Elizabeth schäumend von ihrem fehlgeschlagenen Rendezvous im Rosengarten des Dauphins zurückgekehrt war, hatte sie befohlen, sofort alle von Alejandro eingeführten Änderungen zum Nutzen ihrer Gesundheit und der ihrer Familie rückgängig zu machen. Bring meine Bettdecke aus Hermelin zurück, hatte sie ihre Dienerin angewiesen. Flöhe hin, Flöhe her! Ich will nicht an ihn erinnert werden. Und sagt dem Koch, er solle so üppige Speisen bereiten, wie es ihm gefällt – wir werden diese abscheuliche Gemüsediät nicht länger einhalten! Irgendwie schaffte es Chaucer, inmitten dieses ganzen Treibens die Gräfin aufzuklären. » Ich glaube, seine Zuneigung zu Euch war echt. Zumindest hat er mir das gesagt! Aber er mußte fliehen. Und Ihr habt ihm dazu eine Möglichkeit verschafft. Ich bin sicher, er ist Euch ewig dankbar. « Elizabeth wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen. » Ihr seid sehr freundlich, junger Mann. Hoffentlich habt Ihr recht. Abe r t rotzdem werde ich alles daransetzen, daß man ihm das Herz aus dem Leibe reißt, so oder so. « D as Pferd war magerer, als er befürchtet hatte, aber noch immer ein kräftiges Tier. Um seine Hufe hatte man sich gekümmert, und die Ausrüstung war gepflegt; also bezahlte Alejandro dem Mann die vereinbarte Summe und nahm das Tier wieder in Besitz. Dieser Handel verringerte ihr verbliebenes Vermögen beträchtlich – aber sie konnten ja nicht mit weniger als zwei Pferden auskommen. Er murmelte dem Hengst die vertrauten, freundlichen Worte ins Ohr und hoffte, das große Tier werde sich an ihn erinnern. Das traf auch zu. Er saß auf, rückte sich im Sattel zurecht und beugte sich dann mit ausgestrecktem Arm nieder, um Kate hinter sich auf das Pferd zu helfen. Sie nahm seine Hand nicht, sondern schaute statt dessen nach dem Roß des anderen. Dann sah sie wieder Alejandro an und sagte: » Ich glaube, Euer Pferd sieht etwas zu schwach aus, um zwei Reiter zu tragen – laßt es uns erst ein wenig aufpäppeln. Inzwischen reite ich mit Karle. « Und ehe er noch protestieren konnte, hatte sie sich schon hinter Guillaume auf dessen Pferd geschwungen und lehnte sich an seinen Rücken, als kenne sie dessen Wölbung genau. Sie legte die Arme etwas zu fest um seine Taille, und als sie den Kopf an seine Schulter bettete, geschah es etwas zu freudig. Auf dem Weg nach Norden sank nun Alejandros Herz in seinen Magen. Für seine Brust war es zu schwer geworden. KAPITEL 26 D as Restaurant, in dem Janie am Morgen Myra Ross traf, nahm das ganze oberste Stockwerk eines alten Lagerhauses in einer Seitenstraße des Main Square ein. Gut angezogene Gäste saßen sich an pastellfarben gedeckten Tischen mit weißem Porzellan gegenüber, während schwarzweiß gewandete Kellner mit dampfenden Kaffeekannen von einer Gruppe zur nächsten eilten. Helles Morgenlicht strömte durch die deckenhohen Fenster, und das ganze Lokal war erfüllt von den Geräuschen und Düften des Frühstücks. Doch all das vermochte die Unruhe und Nervosität nicht zu übertünchen. Sorge lag in der Luft. Janie traf etwas zu spät in dem Lokal ein und fand die Kuratorin an einem Fenstertisch. » Sie sehen etwas mitgenommen aus, meine Liebe «, bemerkte Myra, als Janie sich setzte. » Das bin ich auch «, keuchte Janie. Als sie endlich Platz genommen und ihren Stuhl an den Tisch gerückt hatte, warf sie Myra einen verstörten Blick zu. » Normalerweise hasse ich es, wenn jemand meine Liebe zu mir sagt «, bekannte sie, » aber heute muß ich zugeben, daß es sich verdammt gut anhört. « Myra lächelte. » Das ist eine Generationenfrage, seien Sie dessen versichert. Nehmen Sie es also nicht persönlich. Ich werde mir vornehmen, es bei Ihnen sparsam zu verwenden. « Sie trank einen Schluck von ihrem Wasser. » Also, ich muß sagen, Ihre Einladung zum Frühstück kam sehr unerwartet. « Sie beugte sich über den Tisch und fügte leise hinzu: » Sie sollten vielleicht mal darüber nachdenken, wann und wie Sie Ihre Einladungen aussprechen. « Janie flüsterte fast, obwohl sie dafür keinen Grund hätte angeben können. » Ich weiß. Es war ein bißchen aufdringlich, aber bitte, verzeihen Sie mir – im Augenblick wächst mir alles ein wenig über de n K opf. « Sie holte tief Luft und begann mit dem Bericht über ihre neuesten Schwierigk eiten. » Jemand hat mein Haus niedergebrannt … « Die Kuratorin schlug die Hände zusammen. » Lieber Gott! Das ist ja schrecklich! I st es – vollkommen zerstört? « Janie nickte nüchtern. » Und um die Sache noch schlimmer zu machen: es passierte, während ich auf einer Reise war, die mir viel bedeutete, und ich mußte sie vorzeitig abbrechen. Ich kam nicht dazu, das zu beenden, weswegen ich verreist war. « » Nun, in Anbetracht der Ereignisse war es sicher richtig, gleich zurückzukommen. Ich meine, Ihr Zuhause … « Janie gab dazu keinen Kommentar ab. » Wie auch immer, im Augenblick rede ich nicht gern über irgend etwas am Telefon. Deswegen war ich so schroff. « Myra griff über den Tisch und drückte mitfühlend Janies Hand. » Das sind ja böse Nachrichten – gut, daß Sie nicht zu Hause waren, als es passierte. Wie furchtbar – MR Sam überleben und dann bei einem Brand umkommen … « » Ja. Das wäre absurd gewesen, was? « » Sie müssen all Ihre Habe verloren haben – wie können Sie da einfach so – so ruhig und normal hier sitzen? Ich wäre vollkommen außer mir. « » Aber ich bin weder ruhig noch normal. Nicht im entferntesten! « » Und Sie sind sicher, daß es kein Unfall war – daß es sich tatsächlich um Brandstiftung handelt? « » Es sieht so aus. Jemand hat sich große Mühe gegeben, mein Leben durcheinanderzubringen. In jeder Hinsicht. « » Aber – warum? « » Wegen etwas, woran ich arbeite und das einen Nerv zu treffen scheint. Irgendwo. Ich weiß nicht wo. Wer immer der Verursacher ist, scheint zu wissen, was ich tue und wann. « Sie sah sich nervös um, eine neue Angewohnheit, die anfing, sie zu stören. Myra tat indessen dasselbe. Als ihre Blicke sich wieder trafen, sagte Myra: » Sie glauben doch nicht etwa, daß Sie abgehört oder beobachtet werden? « » Vielleicht. Mir passieren dauernd merkwürdige kleine Dinge. Vielleicht bin ich auch bloß paranoid. Aber eines weiß ich – ich bin noch nie so durcheinander gewesen. « Der Kellner erschien mit Kaffee. Myra und Janie nickten bejahend in Richtung auf ihre Tassen. Nachdem er sie nachgefüllt hatte, entfernte der Ober sich wieder. » Und zu allem Überfluß habe ich auf einmal auch noch zwei Männer. « Myra zog sofort die Augenbrauen hoch. » Zwei? Nun, ich fürchte, da kann ich Ihnen nicht helfen. « » Leider kann mir da überhaupt niemand helfen. « » Es wird doch irgend jemanden da draußen geben, der weiß, wie man mit zwei Männern fertig wird – bloß ich nicht. Mir hat einer gereicht. Und sogar der war manchmal zuviel. Damals, als ich noch Männer hatte, heißt das, beziehungsweise einen … « Für einen kurzen Moment schien sie melancholisch zu werden, und Janie wartete höflich, bis der wehmütige Ausdruck verschwand, ehe sie fortfuhr: » Diese Situation wird sich von selbst lösen, auf die eine oder andere Weise, selbstverständlich. Das ist auch nicht der Grund, warum ich Sie sprechen wollte. « Die Kuratorin kam sofort auf das Thema, das für sie das naheliegendste war. » Gibt es ein Problem mit Ihrem Journal? « » Nein. Da hat sich nichts geändert. Aber das Journal hat etwas damit zu tun, warum ich Sie um ein Treffen gebeten habe. « Sie unterdrückte ein Gähnen und schloß für einen Moment die Augen. » Ich brauche verzweifelt ein bißchen Normalität, und dieses Lokal ist … für mich etwas Besonderes. Das letzte Frühstück zusammen mit meiner Mutter hat hier stattgefunden. « » Dann stürmen jetzt eine Menge Erinnerungen auf Sie ein? « Janie sah sich wieder um. Diesmal nahm sie die Wärme des Ortes in sich auf, und als sie sich wieder Myra zuwandte, fühlte sie sich etwas gelassener. » Ja, das tun sie. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich meine Mutter vermisse. Ich hätte sie viel länger gebraucht. « » Es tut mir leid «, sagte Myra. » Wir haben alle so schreckliche Verluste erlitten. Wenn ich an die letzten paar Jahre zurückdenke, dann muß man wohl einfach dankbar sein, daß man noch lebt. « » Stimmt. « Die Speisekarten wurden gebracht. Eine neue Kellnerin machte Vorschläge, und sie wählten schnell. » Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten «, sagte Janie, als sie wieder allein waren. Myra lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. » Also, Sie machen mich neugierig. Ich habe mir schon gedacht, daß Sie mich nicht nur deshalb einladen, weil Sie meine Gesellschaft so sehr schätzen. « Janie brachte ein kleines Lachen zustande. » Ich wußte, daß ich mich hier besser fühlen würde. Ihre Offenheit ist so … erfrischend. « » Das ist sehr diplomatisch formuliert, wenn man bedenkt, was Sie statt dessen hätten sagen können. Bitte, fahren Sie fort. « Janie erzählte ihr von Abraham Prives ’ seltsamer Krankheit und so viel, wie sie wagte, von deren mysteriösen Umständen. Als sie damit fertig war, saß Myra ein paar Minuten schweigend da. Endlich sagte sie: » Was für ein trauriges Schicksal! « » Ja. Und das sind nur die Jungen, von denen wir wissen. « » Ach, die armen Kinder, und ihre armen Mütter! « » Genau. Ich kenne nur eine der Mütter persönlich, und sie ist wahnsinnig tapfer – aber es muß furchtbar für sie sein. Ich habe die übrigen – eh – Mitarbeiter nicht gefragt, wie es den anderen Eltern insgesamt geht; aber ich kann mir vorstellen, daß die Schilderung nicht erfreulich wäre. « » Nein, sicher nicht. Sie würden von Unglauben und Entsetzen berichten. « » Ich vermute, daß ich es deswegen auch nicht hören wollte. « » Kann man denn irgend etwas tun? « » Es gibt Leute, die daran arbeiten – da ist eine junge Frau, die sehr viel von Genetik versteht, eine wirkliche Expertin, und sie widmet ihre ganze Zeit diesem einen Problem. « » Das ist, als würde Tay-Sachs, die damalige Geschichte, wieder von vorn anfangen «, warf Myra ein. » Schlimmer, glaube ich. « » Diese Frau, diese Expertin – ist sie eine Jüdin? « Kristinas Herkunft war etwas, worüber Janie sich noch nie Gedanken gemacht hatte – die eigenartige junge Frau hatte so vieles andere, das ihr zu denken gab. » Ich habe sie nie gefragt «, sagte sie. » Ihr Familienname ist Warger. Wenn ich raten sollte, würde ich auf einen keltischen Hintergrund tippen. Sandfarbenes Haar, blaue Augen, sehr groß und starkknochig. « » Nein, das hört sich nicht so an, obwohl man es heutzutag e w irklich nicht mehr sagen kann. Als ich ein Mädchen war, herrschte eine andere Situation. Damals wußten wir alle, wer wir waren. Aber wirklich interessiert mich, ob sie g ut ist. « Janie wußte nicht recht, was sie sagen sollte. » In Situationen wie dieser gibt es immer verschiedene Definitionen von › gut ‹ ; aber ich kann Ihnen versichern, sie ist brillant, i nnovativ und kann klar denken. Sie hat gewisse – Marotten, aber ihre Arbeit kommt mir sehr gründlich vor. « » Weil in solchen Fällen «, fuhr Myra fort, » die absolut besten verfügbaren Leute nötig sind. « » Da liegt das Problem «, sagte Janie zu ihr. » Deswegen brauche ich Ihre Hilfe. Uns fehlt ein Stück des Puzzles, und zwar ein wichtiges. Sogar Einstein würde an dieser Arbeit scheitern, wenn er ein bestimmtes Material nicht hätte. « » Gibt es irgendeine Chance es zu beschaffen – wie auch immer? « » Wir versuchen es. Aber bis jetzt haben wir keinen Erfolg. « » Das klingt ja fast hoffnungslos. « » Ich gebe es nur sehr ungern zu, aber genauso kommt es mir vor. « Janie hielt einen Moment inne, als wolle sie ihre Gedanken ordnen. In Wirklichkeit nahm sie all ihren Mut zusammen. » Als sie und ich gestern nacht zusammensaßen und uns die Köpfe darüber zerbrochen haben, wie wir dieses Problem lösen sollen, kam mir eine Idee. Eigentlich mehrere auf einmal. « Sie trank einen Schluck Wasser, den sie sehr nötig hatte, denn ihr Mund fühlte sich so trocken an, als wäre er mit Watte gefüllt. » Wir suchen nach einer Quelle für ein gewisses kleines Segment eines Gens. Von einem Spender – ob lebendig oder tot, spielt keine Rolle. Die Leute, die mit größter Wahrscheinlichkeit Träger dieses Gens sind, sind Juden. Wir haben in … bestimmten Datenbanken, wo wir es zu finden hofften, sehr gründlich gesucht. Aber es war nicht verfügbar. Dann fiel mir ein, daß es in anderen Ländern vermutlich eine Menge Juden gibt, deren genetisches Material bei keiner Regierung registriert ist. Ich stelle mir vor, wenn ich dieselben Erfahrungen hätte wie sie vielleicht, würde ich auch so ungefähr alles tun, um eine Registrierung zu vermeiden. « Myras Stimme klang flach, emotionslos. » Sie sprechen natürlich von Holocaust-Überlebenden und deren Familien. « » Ja. Das sind größtenteils europäische Juden, was bedeutet, da ß e ine größere Chance besteht, jemanden zu finden – die meisten unserer Jungen stammen auch aus Europa. « Mrs. Ross seufzte. » Ich weiß sehr wenig über Genetik; aber doch genug, weil sie eine große Sorge für einige Juden darstellt, die sich auskennen. « Sie lächelte gezwungen und ergänzte: » Es gibt schon solche Leute. – Wissen Sie, die Population der europäischen Juden wurde durch den Holocaust und dann durch die Ausbrüche so dezimiert, daß der Genpool geschrumpft ist – manche sagen sogar, gefährlich geschrumpft. Allerdings habe ich keine Ahnung, was das bedeutet. Offen gestanden ist das alles für mich sehr erschreckend, denn es hat zu einigen beunruhigenden Diskussionen geführt. Es war die Rede von Tests für potentielle Ehegatten in einer Art organisiertem Programm, damit einige verstärkte genetische Merkmale, unter denen wir leiden, nicht weitergegeben werden und uns schwächen. Tay-Sachs, die Neigung zu Ovarial- und Brustkrebs – diese Dinge könnten uns wesentlich effizienter vernichten, als Hitler sich je hätte träumen lassen. « » Davon habe ich noch nie gehört! « Janie war überrascht. » Das werden Sie auch nicht. Alles wird sehr diskret behandelt. Und ich verlasse mich darauf, daß Sie es ebenfalls für sich behalten. « Der Blick, den Myra ihr zuwarf, war eine unverhüllte Warnung, und Janie nahm an, es stand eine Art Mandat oder Verband dahinter, der Einmischung nicht schätzte. Sie nickte zustimmend. » Einerseits «, fuhr Myra fort, » hegen wir eine begründete Furcht, uns Manipulationen zu öffnen; andererseits haben wir viel zu verlieren, wenn wir nicht manipulieren. Also tobt der Streit. Er fing unter Wissenschaftlern an; aber jetzt hat er auf die Rabbiner und die Gelehrten übergegriffen, und im Augenblick steckt er in einer Sackgasse, glaube ich. Einige sehr weise Leute meinen, wir sollten tun, was immer wir können, um die Qualität unserer Population zu bewahren und zu verbessern. Andere, ebenso gescheite Köpfe sagen, wir sollten Gott sein Werk tun lassen, wie es Ihm gefällt. « » Beide Auffassungen haben ihre Vor- und Nachteile «, meinte Janie philosophisch. » Die Natur findet immer einen Weg, das zu tun, was getan werden muß вЂ“ ganz gleich, was wir zufällig davon halten. So sind die Dinge nun einmal. Sie und ich würden jetzt noch vor Dinosauriern davonlaufen, wenn die Biologie sich auch nur ei n w enig anders entwickelt hätte. Und wer kann sagen, daß es so nicht hätte kommen dürfen? Den Dinosauriern hätte es gefallen. « » Ich laufe immer vor dem einen oder anderen Dinosaurier weg «, spottete Myra. » Ich glaube, das ist der Zustand unserer Zeit. « » Ein universaler Zustand «, pflichtete Janie ihr mit einem kleinen Lachen bei. Dann wurde sie wieder ernst. » Aber Biovielfalt ist der Schlüssel zum Überleben für jede Spezies; und wenn der einzige Weg, sie zu schaffen oder zu erhalten, darin besteht, künstlich günstige genetische Merkmale einzuführen oder Defekte zu beseitigen, dann befürworte ich das. « Myra ließ Janies Erklärung eine Weile in der Luft hängen. Schließlich sagte sie: » In der Theorie tue ich das auch. Aber ich fürchte, diese Theorie, so edel sie ist, wird Sie bei dieser Suche nicht sehr weit bringen. Die große Mehrheit der früheren europäischen Juden lebt jetzt hier, wenn sie nicht nach Israel ausgewandert sind. Ich bin sicher, daß die meisten von ihnen in dieser gewissen › Datenbank ‹ stehen, von der Sie sprachen. Nichts, nicht einmal kranke Kinder, wird die Israelis bewegen, Ihnen einen Blick in ihre Version dieser Datenbank zu gestatten. Und Hackermethoden können Sie vergessen – denken Sie gar nicht lange daran. Selbst Gott persönlich könnte sich nicht in diese Datenbank hacken, so sicher ist sie. « Janie zweifelte nicht daran, daß Myra recht hatte. Aber es war frustrierend, und sie seufzte tief. » Tut mir leid, wenn Sie enttäuscht sind; aber wenn Sie es verstehen wollen, brauchen Sie nur einmal daran zu denken, was das letzte Mal passiert ist, als die meisten dieser Leute Schlange standen, um ihre Nummern zu bekommen «, erinnerte Myra sie. Sie ließ Janie Zeit, sich dieses Bild vor Augen zu halten, und fügte dann hinzu: » Vielleicht möchten Sie jetzt Ihre andere Idee näher in Erwägung ziehen. « Janie dachte über den Vorschlag nach und schüttelte dann den Kopf. » Im Augenblick scheint sie fast dumm. Ich muß verzweifelt gewesen sein, als ich sie mir ausdachte. « » Fahren Sie fort. Verzweiflung ist etwas, das ich nachvollziehen kann. « Janie räusperte sich. » Es wird sich verrückt anhören. « » Sie wären nicht die erste Person, die eine verrückte Idee hat. « » Okay. Aber bitte, lachen Sie nicht. Ich … ich möchte das Journal testen. Auf altes genetisches Material. « Myras angemalte Augenbrauen hoben sich. » Nun «, sagte sie , » ich lache nicht, aber es ist irgendwie verrückt. « » Alejandro war ein europäischer Jude, und es ist durchaus möglich, daß er die Sequenz hatte, nach der wir suchen. Er muß etwas von sich selbst in diesem Journal hinterlassen haben. « » Also, es gehört Ihnen – warum nehmen Sie es nicht einfach und machen Ihre Tests? Sie brauchen meine Erlaubnis nicht. Und eigentlich auch nicht meine Hilfe. « » Da irren Sie sich. Ich brauche Ihre Hilfe. Die Wartezeiten für Sequenzierungen sind lang – es sei denn, es gibt einen offiziellen Grund, die Sache zu beschleunigen. Bei Biopol hat man … auf einmal sehr viel zu tun. « Den Grund kannten sie beide. Und einen Moment überließen sie sich schweigend ihren Gedanken. Dann sagte Janie: » Ich kann das keinem Offiziellen erklären, ohne eine schreckliche Menge Informationen preiszugeben; einige davon könnten denjenigen, der mein Haus angezündet hat, wer immer das war, dann veranlassen, noch unangenehmer zu werden. « » Schscht «, machte Myra. » Sagen Sie so etwas nicht! « » Es ist schrecklich, daran zu denken, aber ich muß. Ich habe einen guten Freund bei – der Polizei; er sagt, wenn das Journal in irgendeine Art Verbrechen verwickelt wäre, könnte alles, was daran gefunden wird, mit Polizeiausrüstung sequenziert werden. Und zwar sofort, weil man es zum Beweisstück in einer Verbrechensermittlung erklären könne, und damit kommt es in eine kürzere Warteschlange. Es bräuchte also nichts weiter zu passieren, als daß sie der Polizei von einem Bruch der Sicherheitsmaßnahmen berichten und melden würden, jemand, der › verdächtig ‹ aussah, hätte das Journal berührt. Sie werden alle Kriterien sammeln, und dann wird dieser Freund mir die Einzelheiten mitteilen. Ich bekomme, was ich brauche, ohne irgend jemanden darauf aufmerksam zu machen, daß ich immer noch hinter diesem Gen her bin. Ganz einfach. « » Ich glaube nicht, daß es so einfach ist. Was wäre, wenn dem Journal etwas passiert? « » Dem wird nichts passieren. Sie werden die Ausrüstung zu Ihnen bringen und sehr vorsichtig ihre Proben entnehmen; de r B and wird das Depository überhaupt nicht verlassen. Und jetzt ist er ja auch versichert, oder? « Myra schwieg einen Moment und sagte dann leise: » Nicht zu seinem vollen Wert. « » Ich meine, Sie hätten etwas von zweihundertfünzigtausend Dollar verlauten lassen. « » So ist es. Aber inzwischen kommen die Vergleichsschätzungen seines Wertes herein. Und die liegen etwas höher als dieser Betrag. « Janie zwang sich, die Hände ruhig im Schoß zu falten. » Vielleicht sollten Sie mir mitteilen, wie hoch … « Myra legte ihre Gabel hin und sah Janie direkt in die Augen. » Wie klingt achthunderttausend? « » Gibt ’ s ja nicht! « » Und wenn Ihnen das nicht gefällt, haben wir noch eine Zahl: eins Komma eins Millionen. « Janie blieb fast die Luft weg. » Das ist unglaublich. « » Nun, glauben Sie es ruhig. Das sind Meinungen von Experten. Aber ich unterstütze das, was Sie hier versuchen; also bin ich bereit, Ihnen bei Ihrem kleinen Abenteuer zu helfen. Mir wäre lieber gewesen, wenn Sie mich um eine andere Art von Hilfe gebeten hätten, aber wenn Sie diese verrückte Sache beschließen, an die Sie denken – was natürlich Ihr Recht ist, dann sollten Sie meiner Ansicht nach sehr vorsichtig sein. « Das war ein guter Rat. » Werde ich «, versicherte Janie. Am Ende der Mahlzeit, als Janie die Rechnung erbat, sagte sie zu Myra: » Ich möchte Ihnen danken, daß Sie mitmachen. Leider war das Gespräch nicht unbedingt erfreulich, mir aber trotzdem eine große Hilfe. Es erinnert mich fast an das letzte Mal, als ich mit Mom hier war. « » Wie nett, daß Sie das sagen, meine Liebe. « Myra wandte einen Moment den Blick ab, und als sie Janie wieder ansah, hatte sie Tränen in den Augen. » Sie hatten großes Glück, an einem so hübschen Ort mit ihr Zusammensein zu können «, sagte sie leise. » Ich weiß «, bestätigte Janie. » Weil ich mich kaum daran erinnern kann, wann ich das letzte Mal mit meiner Mutter an einem Tisch saß. Ich war noch ganz klein. Wir befanden uns in Auschwitz. « Rasch faßte sie sich wieder , lächelte wehmütig und tupfte sich dann mit der Serviette die Lippen ab. » Aber ich erinnere mich sehr deutlich, daß das Essen nicht so gut war. « Ä ngstlich zählte Janie das Läuten. Als Michael endlich ans Telefon kam, überschüttete sie ihn förmlich mit Fragen. » Nun mal langsam! « bremste er sie. » Es ist gut gelaufen. Der Detective, der auf den Anruf antwortete, sagte, die Dame sei sehr professionell und kooperativ gewesen. Sogar hilfsbereit. Normalerweise sind Zivilisten einfach bloß hinderlich. « » Na ja, ich habe sie ziemlich sorgfältig vorbereitet. Offensichtlich hat es gewirkt. « Sie zögerte einen Moment und biß sich nervös auf die Lippen. » Und – was habt ihr gefunden? « » Ziemlich viel, fürchte ich. « » Oh, gut! Warte – wieso sagst du, du fürchtest? « » Wir haben dreiundzwanzig komplette menschliche Positive und etliche nicht komplette, von denen einige Bruchstücke der kompletten sein könnten. Sie könnten aber auch von anderen Individuen stammen. « » Nun, eines davon muß Alejandro sein. « » Ich bin sicher, daß du recht hast, aber das Problem ist: welches? « » Nun, zunächst mal kannst du alle weiblichen Positive ausschließen. « » Das habe ich schon getan. Bleiben immer noch sieben männliche. Und da gibt es noch mehr Schwierigkeiten. « Sie haßte dieses Gefühl, daß ihr Herz sank. » Meine Vorgesetzte weigert sich, mich sieben komplette Sequenzen machen zu lassen. « » Warum? « » Weil es ein Eigentumsdelikt war, bei dem niemand verletzt wurde. Genetische Sequenzierung bei solchen Vergehen kommt erst weit hinter der bei Verbrechen gegen Menschen. Das ist die übliche Politik. Und ich muß leider sagen, im Augenblick hinken wir ein bißchen hinterher. Anscheinend haben wir momentan eine schreckliche Menge nichtidentifiziertes Material … mehr als gestern. « Sie ertappte sich bei dem Gedanken: Schon? Dazu ist es viel zu früh. » Vom Typ MR Sam? « Michael wartete ein paar Sekunden mit der Antwort. Dann bestätigte er widerstrebend ihre Befürchtungen. » Ja, von diesem Typ. « Einen Moment herrschte Schweigen. » Sie verteilen die Opfer auf alle Abteilungen, meine eingeschlossen. « Sein Ton war ausdruckslos und neutral. » Ich nehme an, das soll den Schock über die Anzahl verringern, während sie Gegenmaßnahmen einleiten. « Seine sachliche Schilderung war keine Überraschung für Janie. Er hatte bei den Ausbrüchen alle möglichen Arten von Chaos aufgeräumt. Aber sie spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg, als sie an die nächste Zukunft dachte. Beim ersten Mal hatte keiner gewußt, was da auf die Welt zukam. Jetzt wußten es alle. Sie hörte Bruces Rat, zu schroff, als er ihn gegeben hatte, aber jetzt passender: Verschwinde von da, lauf und versteck dich irgendwo. Aber sie konnte sich nirgends verstecken. Und es gab noch so viel zu tun vor einer Flucht. Das ließ ihre Mission nur noch dringender erscheinen, also schob sie ihre Ängste beiseite, so gut sie konnte, und konzentrierte sich. » Sag mir nur, was in der untersten Zeile steht, Michael. « » Das ist dünn, muß ich leider gestehen. Sie hat mich eine komplette Sequenzierung zu Identifikationszwecken machen lassen, weil das Journal s o wertvoll ist. Und weil ich ihr gesagt habe, es gäbe viel mehr genetisches Material von einem bestimmten einzelnen Individuum als von anderen Beteiligten, und wir n a hmen daher logischerweise an, daß damit der Autor identifiziert werden könnte. « » Und? Gab es das wirklich? « » Ein bißchen mehr, aber nicht genug, um mit Sicherheit zu sagen, daß das dein Mann war. Könnte genausogut von dem Typ stammen, der das Buch gebunden hat. Der muß auch überall Spuren hinterlassen haben. « Nach ein paar Sekunden Pause sagte Janie: » Kannst du mir die Information geben, die du aus dem Journal gewonnen hast? « » Ich denke, ich kann das vertreten, weil du die Eigentümerin des Buches bist und ein Recht hast, das Beweismaterial zu sehen. « » Gut. Dann überspiel mir alles. « » Was wirst du damit machen? « » Ich weiß noch nicht genau. Aber vielleicht gibt es etwas, womit ich die Auswahl wenigstens ein bißchen einengen kann. « E s gefiel ihr nicht, so etwas übers Telefon zu erbitten. Persönlich wäre es viel besser. Er muß auf dem älteren Buch auch eine Spur hinterlassen haben, einen Fingerabdruck, einen Fleck von einer Träne, irgend etwas würde reichen. » Also, diese unvermittelten Treffen machen mich ganz fertig «, meinte Myra, als sie Janie im Empfangsraum des Depository begrüßte. » Ich hoffe, alles ist so gelaufen, wie Sie es benötigen. Hier war es vorhin ganz interessant; aber ich muß Ihnen sagen, der ganze Streß hat mich völlig erschöpft – gerade wollte ich für heute Schluß machen. « » Dann bin ich froh, daß ich Sie noch erwischt habe. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich zu schätzen weiß, was Sie getan haben. Zweifellos hatten Sie eine Menge Umstände. « » Eigentlich war es nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Ich habe das Journal einfach herausgenommen, auf den Schaukasten gelegt und zuletzt den Kasten mit meinem Ellbogen eingeschlagen. Er ging hoch wie eine Rakete, was er ja auch sollte. « Sie lächelte. » Und dann habe ich in einer Ecke gestanden und zugesehen, wie lauter hübsche junge Polizisten ausschwärmten und die Scherben einsammelten. Vermutlich bin ich deswegen so erschöpft. Aber ich habe das ganze Durcheinander doch überstanden. « » Nun, das freut mich zu hören. Besonders, weil ich einen zweiten Gefallen erbitten möchte. « Sie erklärte ihre Idee. Doch in diesem Fall war Myra nicht so hilfsbereit. » Kommt nicht in Frage. Diese ältere Handschrift ist für so etwas viel zu empfindlich. « » Alles, was ich brauche, ist ein Fingerabdruck. Eine Träne. Irgendeine physische Spur. « » Nein. « Das klang entschieden. » Myra, bitte, ich muß Alejandro einfach identifizieren, und wenn ich einen Vergleich hätte … « Plötzlich runzelte Myra die Stirn. Etwas abgehackt fragte sie: » Moment mal – würde – ein Haar – genügen? « » Ein Haar wäre perfekt, falls es sich um das richtige handelt. Ich muß bloß sehen, ob in beiden Büchern dieselbe Person in Erscheinung tritt. Dann weiß ich, daß er es ist. Daß er es sein muß. « » Kommen Sie mit! « Janie folgte ihr in den gleichen Raum, in dem sie vorher schon das Journal betrachtet hatten. Während sie an der Tür stehenblieb und wartete, ging Myra zu einem gekühlten Lagerbereich und hielt ihre Hand über den Sensor. Klickend öffnete sich die Tür. Myra drehte sich zu Janie um. » Es dauert nur einen Moment! « Sie schloß die Tür hinter sich. Janie konnte nicht hören, was sie in dem Raum tat, denn die dicke Isolierung schluckte alle Geräusche. Aber wie angekündigt kam Myra bald wieder heraus. Die Tür schloß sich nahezu geräuschlos hinter ihr, und Janie hörte den Riegel einschnappen. Myra hatte eine mittelgroße Plastiktüte mit einer Art Reißverschluß in der Hand, in der sich mehrere kleinere Tüten befanden, jede mit einem winzigen archäologischen Schatz. » All dieses Material haben wir gefunden, als wir Abrahams Manuskript bekamen. « Janie sah mindestens ein Haar. Und es gab Papyrusstückchen, einige mit Flecken. » Ich möchte sie wiederhaben «, bat Myra. » So intakt wie möglich. « Hungrig musterte Janie die Tüte. » Natürlich «, versprach sie. » Ich werde sehr vorsichtig sein. « » Also, ich habe keine Ahnung, von wem diese Dinge stammen, aber etwas davon könnte von Ihrem Canches sein. Und jetzt haben Sie mich mit Ihrer Neugier angesteckt, also beeilen Sie sich mit Ihrer Arbeit. Ich will es unbedingt wissen. « » Zwei «, sagte Michael. » Zwei? « » Zwei Personen tauchen in beiden Büchern auf. Aber eine ist in dem Journal nur schwach nachzuweisen. « » Dann kann ich mich nicht darauf verlassen, welcher der entscheidende Faktor ist … Himmel, wie soll ich das feststellen? « » Hast du irgendeine Idee, wie der Bursche ausgesehen hat? « » In dem Journal wurde er von der Frau, die es nach ihm besaß, ein wenig beschrieben. « » Warum steckst du die beiden Typen dann nicht in einen Imager? Schau sie dir an! « Gerade wollte sie herausplatzen: Ich habe keinen Imager. Aber dann erinnerte sie sich – Virtual Memorial hatte einen. » Überspiel sie mir «, forderte sie ihn daher auf. E s war ein denkwürdiger Augenblick, den drei Personen miterlebten. Janie saß in dem von Tom geborgten Arbeitszimmer – jetzt vorübergehend eine Art Kreißsaal – und hielt Virtual Memorial auf dem Schoß. Kristina saß neben ihr, Tom sah ihr über die Schulter. Auf dem Bildschirm nahm langsam die erste von zwei menschlichen Figuren Gestalt an, während der Compiler klärte, verschärfte und definierte, wie der Träger des groben genetischen Codes seiner Vermutung nach ausgesehen haben könnte. Die Bilder, die daraus entstanden, würden nicht ganz scharf sein – dazu brauchte man einen kompletten Sequenzcode – , aber sie würden die allgemeinen Merkmale der » Probanden « zeigen. » Glauben Sie, daß es genügen wird? « fragte Kristina. » Das hoffe ich «, sagte Janie leise, während sie auf den Schirm starrte. » Wenn nicht, weiß ich nicht, wie wir weiter vorgehen sollen. « » Und dann ist da noch die unerhebliche Frage, ob es das Teilstück, das wir brauchen, gibt oder nicht. « Janie streckte die Hand aus und tätschelte Kristinas Arm. » Ich bemühe mich immer um positives Denken. « Allmählich zeichnete sich das Gesicht des ersten Mannes undeutlich ab. Als sein nacktes Bild vollständig war, musterte sie es sorgfältig und mit einer Art Neugier, die sie selbst irritierte. Sie wollte die Arbeit, die sie vor sich hatte, kühl und klinisch angehen, statt dessen war sie nervös und aufgeregt, als solle sie einen lange verlorenen Bruder das erste Mal treffen. Wie weit bestand ihre Verwandtschaft überhaupt? Das ließ sich nicht sagen. Es würde sich einfach entfalten müssen. Das soeben erschienene Bild zeigte einen Mann mit dunklem Teint und gut gebautem Körper. Seine Züge wirkten mediterran, was sie in Alejandros Fall erwartet hatte, aber da er unbekleidet, ohne Bart und unbeschnitten war, konnte sie einfach nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich um den Gesuchten handelte. Das zweite Bild baute sich genauso langsam auf; Zelle um Zell e f olgte es seinem prädestinierten Weg von Zygote zu Fötus zu Säugling zu Kind und schließlich zum Erwachsenen, wuchs und veränderte sich in millionenfacher Beschleunigung, bis der voll ausgebildete Mann erschien – auch er gut gebaut, aber schlanker als sein Gegenstück. » Was für ein Wunder «, sagte Tom, der ihr über die Schulter blickte. » Es ist, als würde jemand geboren. « » Im Vergleich zu einer wirklichen Geburt ist das gar nichts «, klärte Janie ihn auf. Nach einer kurzen Pause meinte Tom: » Da hast du sicher recht. « Janie sah kurz zu ihm auf, erkannte ihre Taktlosigkeit und hätte sich gern entschuldigt. Seine Kinderlosigkeit war ein etwas heikles Thema. Aber sie machte weiter. » So, jetzt kommt der Moment der Wahrheit. « Sie unterteilte den Bildschirm in zwei Hälften und gab den Befehl ein, die Gesichter in Nahaufnahme zu zeigen. » Was machst du da? « erkundigte Tom sich. » Zoomen «, gab Kristina Auskunft, während sie zuschaute. Janie zentrierte das Zoom auf die Augen und ging näher heran, näher und noch näher, bis sie schließlich auf beiden Hälften des Bildschirms nur noch je ein Auge sah. Bild eins: ein braunes. Bild zwei: ein blaues. » Es ist Nummer eins «, sagte sie und ließ das andere Bild vom Schirm verschwinden. Die Darstellung war nicht so klar, wie sie sich gewünscht hätte, aber sie war vorhanden, und sie konnte sie endlich betrachten. Einstweilen mußte das reichen. Später würde Zeit sein, diesen Mann genauer zu studieren. » Hallo, Alejandro «, begrüßte sie ihn leise. Sie schaute über die Schulter nach Tom, seine Augen verrieten Erregung, spiegelten dasselbe wider, was sie selbst empfand, wenn auch verständlicherweise weniger tief. Von Bruce würde sie nicht dieselbe Reaktion bekommen, wenn sie ihm davon erzählte; er würde zutreffend bemerken, wie albern das alles scheine, wie besessen und zwanghaft sie sei, wie unlogisch ihr Denken geworden sei. In der DNS einer ganzen Nation konnte sie das kleine Segment, das sie brauchte, nicht finden. Aber bei einem einzigen alten Juden hoffte sie es auszumachen. Einfach absurd! Aber es war zweifellos möglich. Er entsprach perfekt dem beschriebenen Profil. » Ich brauche ein paar Antworten «, sagte sie laut zu dem Mann mit den braunen Augen. » Du hast doch sonst immer welche parat! « KAPITEL 27 D as aufgegebene Langhaus aus Stein mit dem Strohdach war ein schlichter Bau und von seinen früheren Bewohnern vermutlich längst vergessen. Es lag ziemlich entfernt von der Straße und verbarg sich daher den ersten Blicken; aber für praktische Zwecke eignete es sich. Das Dach war heil, sah wetterfest aus, und auch sonst war alles vorhanden, was sie für das Hauptquartier eines in Vorbereitung befindlichen Aufstands brauchten. Im Inneren des Hauses gab es keine verwesenden Leichen, in der näheren Umgebung keine frischen Gräber; so nahmen Karle und Alejandro an, daß die früheren Bewohner entweder schlechte Ernten hatten und fortgegangen waren, oder daß ein zorniger Adelsherr sie von seinem Grund und Boden vertrieb. Es gab genug Platz für die drei Reisenden und ihre zwei Pferde; die Steinmauern waren solide und würden keine Pfeile durchlassen, falls die Revolution bis zu ihnen vordränge. In der Nähe floß ein Bach, dessen Wasser für die Pferde klar genug war, und die früheren Bewohner hatten Zisternen hinterlassen, in denen sich der Regen sammeln würde. Wenn es nicht regnete, konnten sie das Wasser aus dem Bach in diese Zisternen leiten, und zum Kochen und Trinken verwenden. Nicht weit entfernt gab es eine Wiese für die Pferde zum Grasen und sich bewegen und wo die Bauern, die sie sammeln wollten, vielleicht doch irgendwie von einfachen Landleuten in tüchtige Krieger für die Sache der Freiheit verwandelt werden konnten. Kleinwild gab es nicht reichlicher als in anderen Gegenden, aber genug, um sie nicht verhungern zu lassen. Kate und Alejandro waren geübt darin, sich in einer neuen Heimstatt einzurichten, denn sie hatten das auf ihrer zehnjährigen Wanderung oft getan und waren darauf eingestellt. Karle erfüllte, was man ihm auftrug, denn ihm zuliebe hatten sie diese Unterkunft gewählt und richteten sich nun häuslich ein. Sosehr er sich auc h M ühe gab, Alejandro konnte seine Tochter nicht überreden, Guillaume Karle aufzugeben – obwohl sie mit Sicherheit in Gefahr geraten würden, wenn sie bei ihm blieben. Aber Kate ließ nicht mit sich handeln. Wie gewohnt, sorgten sie zuerst für Sauberkeit und beseitigten allen Schmutz, den ihre Vorgänger hinterlassen hatten. Der Vater schnitt für die Tochter einen geraden Ast, sie selbst sammelte etwas Stroh, mit einem Lederriemen banden sie das Stroh an den Ast und verfertigten so einen einfachen Besen. Unverzüglich nahm Kate ihn an sich, denn Fegen war natürlich Frauenarbeit, während Männer sich um die Dinge kümmerten, die größere Körperkräfte erforderten. Außerdem, hatte sie ihm viele Male gesagt, könnt Ihr es einfach nicht so gut wie eine Frau. Alejandro ließ seine eigenen Aufgaben einen Moment ruhen und sah zu, wie sie den Lehmboden kehrte und ihn von Ungeziefer befreite; als um sie herum Staub aufwirbelte, verlor er sich in seinen Erinnerungen und sah … … das kleine Kind, das tapfer den Besen schwang, der in Mutter Sarahs Hütte zurückgeblieben war, den Spinnweben zu Leibe rückte und dann, als es mit dem feinen, aber schädlichen Gespinst fertig war, mit seinen schmutzigen Händchen die eigenen Tränen wegzuwischen versuchte … ein kleines Mädchen, das Stroh aufschüttete und Arme voll Brennholz hereintrug … das eilig seine Pflichten erfüllte, während er bebte und zitterte und schließlich, von der Pest gefällt, auf das Strohlager sank – ob er sich davon wieder erheben würde oder nicht, hing gänzlich von dem Kind und der Stärke seines jungen Willens ab. Sie hatte damals getan, was nötig war, und sie tat es heute. Irgendwie gelang es Guillaume Karle, sich in ihren geübten Rhythmus einzufügen, als sei er immer da gewesen, und schließlich Alejandros Aufgaben zu übernehmen wie ein junger Kämpfer mit samtigem Geweih, der den alternden Platzhirsch verdrängte. Kate verbannte den Schmutz, den Staub und die Spinnweben aus der Hütte, und der junge Christ trug das Feuerholz herein, das ihre Nächte erhellen, ihr Essen wärmen und ihr Wasser kochen würde. Nachdem Karle mit dem Sammeln von Reisig fertig war, schnitt er große Mengen frisches Gras für ihre Betten und trug es in riesige n B allen in das Lagerhaus. In einer Ecke stapelte er es zu einem großen Haufen. Als er ihn hoch genug fand, sagte er: » Wohin soll es gelegt werden? « Alle hielten inne in dem, was sie gerade taten. Kate und Karle sahen Alejandro an, und Alejandro schaute zwischen ihnen hin und her. Die unausgesprochene Frage hing in der Luft und wartete auf Antwort, während im Westen glühend die Sonne unterging. Endlich raffte Kate sich auf: » Père, ich muß ein Wort mit Euch sprechen. « Sie sah Karle kurz an, dieser nickte und ging hinaus ins Freie. Als sie allein waren, legte die Tochter sanft eine Hand auf den Arm ihres Vaters. » Er ist ein guter Mann, Père. Ihr konntet nicht wissen, was für einen geeigneten Beschützer Ihr gewählt habt. « Alejandro streichelte ihr Haar und lächelte ein wenig traurig. » Ich glaube, nicht ich habe gewählt, Tochter, sondern eher die Vorsehung. « » Dann versteht Ihr hoffentlich, daß ich diesen Mann vor Gott zu meinem Ehemann nehmen will. « » Will er dich denn auch zur Frau? « » Das müßt Ihr ihn selbst fragen. « Er wollte seine Hand nicht von ihrem Haar nehmen; es fühlte sich sauber, kühl und wunderbar vertraut an – wie immer, seit er ihr beigebracht hatte, es zu bürsten. » Muß ich? « fragte er leise. » Aye, Père. Ihr müßt! « Da wurde ihm eine unangenehme Wahrheit klar. Vor ihm stand eine voll ausgewachsene Frau und nicht das Kind, das er aus England mitgenommen hatte. Der Gedanke bedrückte und verwirrte ihn, aber er begriff, was er zu tun hatte. Er nahm seine Hand weg. » Karle «, erhob er seine Stimme. Der Gerufene erschien in der Tür. Er blickte rasch zu Kate, die kurz lächelte und dann die Augen niederschlug. Die beiden Männer sahen einander einen Moment schweigend an. Dann sagte Alejandro: » Meine Tochter sagt, daß Ihr mit mir sprechen möchtet. « Als de Chauliac sich in dem leeren Raum umschaute, ließ nichts als ein sauber gefalteter Stapel höfischer Kleidung erkennen, daß hier vor kurzem ein Mensch gew ohnt hatte. Er hinterläßt nirgends Spuren, zumindest keine sichtbaren. Keine Überbleibsel, kein Topf mit körperlichen Ausscheidungen, der hätte geleert werden müssen. Er war mit wenig gekommen und nur mit einem ordentlichen Anzug gegangen: Nichts von ihm war geblieben als der eine Gegenstand, den ihm der Wachmann bei seiner Flucht hatte entreißen können, sowie sein kleines Vermögen in Gold. Aber das war verständlich; während seiner Wanderjahre hatte er die Gewohnheiten eines Vagabunden angenommen. Und das war klug von ihm, dachte de Chauliac, denn ein Jude wußte niemals, wann er gezwungen sein würde, einen Ort zu verlassen. Er tat gut daran, immer darauf vorbereitet zu sein. Doch hatte er auch seinen Geist mitnehmen müssen? Hätte er nicht wenigstens eine schwache Spur des wunderbar wißbegierigen Charakters hinterlassen können, der so unwiderstehlich und verführerisch war? De Chauliac hatte die Handschrift, und darin waren freilich Spuren des Mannes zurückgeblieben. Doch jetzt konnte er sie nur noch mit Flamel teilen. Und Flamel würde nicht erfreut sein über die unvollendete Übersetzung. E ine Stunde zu Pferde nördlich von Compiègne fanden sie einen Priester, einen alten, betrunkenen und übelriechenden Ordensbruder, der sich kaum an die Worte der Zeremonie erinnerte, die er vornehmen sollte. Kate trug einen Kranz spätsommerlicher Blumen in ihrem goldenen Haar, und Karle hatte seine Kleidung für diesen Anlaß sauber ausgebürstet und seine bernsteinfarbenen Locken mit einer Schnur zurückgebunden, die von Alejandro stammte. Ehrfürchtig standen sie vor dem zerlumpten Kirchenmann und versprachen, einander treu zu sein, bis daß der Tod sie scheide. Dann kehrten sie in ihr neues Zuhause zurück, und Alejandro kam seiner Pflicht nach, die Strohlager neu zu ordnen. Ein unglücklicher Fasan, den sie auf dem Rückweg von der kleinen Kirche erlegt hatten, diente als Hochzeitsmahl, und dazu aßen sie Äpfel von einem Baum auf der anderen Seite der Wiese. Als die Sonne sich zum Untergehen anschickte, sagte Alejandro: » Wenn wir in Spanien wären und Eure Hochzeit richtig feiern würden, dann würdet Ihr jetzt die Brautgeschenke Eurer Freunde und Verwandten erhalten. Ihr bekämt von all Euren Großeltern ein Federbett, von Euren Eltern Kerzen und von Euren Nachbarn Stoff und Rührbesen und Wachs. Lauter nützliche Dinge, große und kleine, für den Beginn eines gemeinsamen Lebens! « Er seufzte. » Aber ich bin der einzige Anverwandte und Gratulant, und ich kann Euch nichts von diesen notwendigen Gegenständen beschaffen. Deswegen werde ich Euch geben, was ich habe. « Er zog den Ring mit dem Smaragd und der Perle vom Finger, den die Gräfin Elizabeth ihm geschenkt hatte, und reichte ihn Kate. » Steck ihn an deinen Ringfinger, damit du stolz deinen Ehestand anzeigst. Du bist jetzt seine Gattin und wirst ihm eine gute Ehefrau sein, das weiß ich. « Sie nahm den Ring und gab ihn Karle, der ihn ihr an den Finger steckte. Strahlend streckte sie die Arme aus und umarmte Alejandro. Dieser wandte sich an Karle und sagte: » Ich besitze nichts, das Ihr in Händen halten könntet, Karle; aber Ihr bekommt etwas von mir, das nur sehr wenigen Männern zuteil wurde, etwas, von dem ich hoffe, daß Ihr es in Euer Herz aufnehmt. Ich widme Euch meinen uneingeschränkten Respekt. Wir sind jetzt eine Familie. Ihr seid ein Mann von Ehre, und ich denke, meine Tochter hat eine gute Wahl getroffen. « D ann konnte er nicht weitersprechen, weil er sonst am Freudentag seiner Kate Tränen vergossen hätte. Er wünschte ihnen schlicht gute Nacht und ließ sie im Hauptraum des Langhauses allein. Er ging in den Stall, und als er die Leiter zum Heuboden erklomm, fand er, es sei doch nicht so schmerzlich, eine Tochter wie Kate zu verlieren, wenn man dabei einen Sohn wie Karle gewann. N achdem er Marcels letzte Nachricht gelesen und festgestellt hatte, daß sie seinen eigenen Ansichten nicht zuwiderlief, las Charles von Navarra sie dem Baron de Coucy laut vor. » Heute ist Karle abgereist, wieder begleitet von diesem geheimnisvollen Mädchen. Sie scheint großen Einfluß auf sein Denken zu haben. « Navarra blickte von dem Blatt auf und lächelte de Coucy an. » Das ist der Lauf der Welt, daß wir uns den Frauen unterwerfen. Hoffen wir, daß ihr Einfluß ihn eher zurückhält als entfesselt. « Er wandte sich wieder dem Brief zu. » Sie haben die Absicht , nach Norden in die Gegend von Compiègne zu reiten und mit dem Sammeln einer Armee zu beginnen, obwohl ich dieses Wort nur im weitesten Sinne gebrauche. Wie viele Männer er zusammenbringen wird, vermochte er nicht zu schätzen, sowenig wie ich – aber es könnte eine beträchtliche Zahl werden. Diese Unglücklichen haben kaum anderes zu tun, und wenn man ihnen Nahrung und Waffen in Aussicht stellt, glaube ich, daß viele kommen werden. « Coucy unterbrach ihn. » Wie kann man solche Dinge versprechen? Karle hat nicht die Mittel, sie zu erwerben. « » Manche von ihnen haben eigene Waffen. Aber es können nicht allzu viele sein. « » Und was ist mit Pferden? « » Die, die sie nicht aufgegessen haben, sind mager und wertlos. « Coucy schnaubte verächtlich, und Navarra las weiter: » Zwar mögen viele Faktoren gegen ihn sprechen, doch ich habe diesen Guillaume Karle kennengelernt. Er besitzt das, was den Jacques seit Beginn ihrer Rebellion gefehlt hat: die Fähigkeit, sie zu führen. Seine Intelligenz macht ihn zu einer mitreißenden Person, dessen Herz für den Sieg über jene brennt, die er für die gottlosen Unterdrücker seiner Landsleute hält. Er hat das allergefährlichste Motiv, das zu tun, was er tut: den Glauben an die moralische Pflicht seines Handelns. Macht Euch keine Illusionen, viele werden ihm folgen. Einige werden aus Überzeugung handeln wie er; andere werden mitgehen, weil sie außer ihrer elenden Haut nichts mehr zu verlieren haben. Wieder andere werden mitmachen, weil sie eine Belohnung erwarten: Sie wollen die Vermögen und Ländereien der Adeligen stehlen, die sie niedermetzeln. « Coucy sagte: » Auf dem Schlachtfeld wird es keine Rolle spielen, welche Gründe sie haben. Wenn sie einmal dort sind, werden sie kämpfen. « Navarra legte das Pergament nieder. » Vielleicht sollten wir mit Karle zu reden versuchen, bevor wir uns gegen den Dauphin verbünden. Wir müssen uns vielleicht doch eingehender verständigen. « Coucy kicherte. » Eingehender verständigen darüber, ob er seinen Kopf behalten wird? « » Unter anderem «, deutete Navarra an. Er gab das Pergament einem Pagen und nickte in Richtung des Feuers. Schon nach wenigen Tagen Aufenthalt war das Langhaus zu einer brauchbaren Wohnstätte geworden und begann, sich wie ein Zuhause anzufühlen. Die junge Frau, die nun das Bett mit ihrem galanten Ehemann teilte, strahlte vor Glück, wenn auch der Gedanke an das, was vor ihnen lag, nie fern war. Der Mann, der sie zur Frau genommen hatte, paradierte stolz wie ein Löwe einher und machte sich so nützlich, wie es bei der Tüchtigkeit seiner Braut eben möglich war. Der frischgebackene Schwiegervater hütete seine Zunge, wenn es angebracht war, und ließ ihr freien Lauf, wenn er nicht anders konnte. Doch alles in allem kamen sie miteinander aus. Mit harter Arbeit und Geschick war es ihnen gelungen, ein paar rohe Bänke und einen Tisch aus Bohlen zu zimmern; und obwohl das frisch geschlagene Holz noch grün und feucht war und Karles unerfahrene Hände erkennen ließ, brach die Bank nicht zusammen, wenn Alejandro sich setzte, und der Tisch wackelte kaum. Er konnte in relativem Frieden essen und denken, was er als Segen betrachtete. Wenn sie bei der Abendmahlzeit zusammensaßen, gewöhnten sie sich an, ihre Vorbereitungen Revue passieren zu lassen und beim Licht einer Fackel die Liste der Dinge, die sie brauchen würden, so oft durchzulesen und zu überarbeiten, daß sie sie schließlich alle drei auswendig konnten . Werkzeuge, Waffen, Öl und Fett jeder Art, Leder, einfachste Rüstungen, vor allem solche, die man den in der letzten Schlacht erschlagenen Adeligen abgenommen hatte. Pferde, zusätzliches Schuhwerk, Korn, getrocknete Bohnen, alles, was man tr agen konnte und was ihre Aussichten auf einen Sieg verbesserte. » Wir müssen unsere Rekruten bitten, von diesen Dingen mitzubringen, was sie können «, begann Karle, » und sie überreden, alles zusammenzulegen. « » Ein Mann mit zwei Taschen voller Bohnen wird sie nicht für die allgemeine Sache hergeben «, gab Kate zu bedenken. » Aber er rückt vielleicht eine heraus «, sagte Karle, » und das wird eine Hilfe sein. Wir müssen auch die Mithilfe von Männern mit besonderen Fertigkeiten suchen: Pferdeknechte, Zimmerleute, Schmiede … « » Wenn solche Handwerker nicht schon von Navarra zum Dienst gepreßt wurden. « » Wir werden sie finden «, Karle war unverzagt, » das versichere ich dir. Sie sind da draußen. Und sie warten nur auf die Gelegenheit, in den Kampf zu ziehen. « S eine Vorhersage traf zu: Sie warteten. Als sich Karles Ankunft in der Region herumsprach, kamen Männer aus allen Himmelsrichtungen, und das Langhaus wurde zum Mittelpunkt einer kleinen Stadt aus angehenden Kriegern. Karle nahm seinen natürlichen Platz als ihr Anführer ein, als Roides-Jacques, wie Navarra so schlau vorhergesagt hatte. Und er, der einst nichts als Zahlen gekannt hatte, tat das, als sei er dafür geboren. Seine Fähigkeiten, einen Krieg zu organisieren und die versammelten Unzufriedenen zur Mitwirkung anzufeuern, schienen grenzenlos. Zimmerleute wurden angewiesen, vorerst Bogen anzufertigen; denjenigen, die sonst nichts zu tun hatten, brachte man bei, die Rinde von einem langen, geraden Ast zu schälen und die Stellen zu glätten, wo man kleinere Äste abgeschnitten hatte, dann einen geschärften Stein auf die Spitze zu stecken und das andere Ende mit Federn zu versehen, um den Pfeil auszubalancieren. Abgerissene Zweige mit Blättern wurden für die Dächer der Hütten verwendet, die an den Wiesenrändern entstanden. Auf Alejandros Beharren wurden Latrinen gegraben und ein gewisses Maß an Sauberkeit aufrechterhalten. Wenn man Vögel gefangen hatte, die als Nahrung dienten, nützten ihre Federn der Pfeilherstellung. Man sah alle Arten von Därmen kleiner Waldtiere zum Trocknen aufgehängt, die dann zu Sehnen für die Bogen verarbeitet wurden. Man schabte die Felle, trocknete sie zu schützenden Schulterpolstern für diejenigen, die zu Bogenschützen ausgebildet wurden. Holzfäller trugen ihre Äxte tief in die Wälder und kamen mit Ladungen langer, gerader Schößlinge zurück, jungen Bäumen, deren biegsame Stämme man in Speere verwandelte. Schmiede schärften die Steine, die als Pfeilspitzen benötigt wurden, und wenn Metall verfügbar war, so verarbeiteten sie es im Schweiße ihres Angesichts auf geschickte Weise zu scharfen Speerspitzen. Schließlich mußte Alejandro seine Pferde aus dem Stall des Langhauses nehmen, um Raum für das wachsende Lager grober, aber brauchbarer Waffen zu schaffen, die vor dem Wetter geschütz t w erden mußten – bis die Schlacht begann. Er band jedem Pferd einen Streifen Tuch um eine Fessel, um es als sein Eigentum zu kennzeichnen, und schickte alle auf die Weide zu den anderen mageren Gäulen, die einige der angehenden Krieger mitgebracht hatten. Dort konnten sie grasen und wurden von geübten Stallknechten, die nicht länger dem Adel dienen wollten, gepflegt und vorbereitet. An der Decke des Langhauses hingen Kräuter und Gewürze sowie Blätter mit heilender Wirkung. Tag und Nacht kochten Töpfe mit Tränken, die zur Behandlung von Verwundeten gebraucht würden. Einige der Freiwilligen brachten ihre Frauen und Kinder mit, und die, die man nicht nach Hause schicken konnte, erhielten Anweisung, Fasern zu sammeln und zu spinnen, so daß Fäden entstanden; daraus sollten sie, wenn Zeit war, Verbände weben. Baumwolle war freilich nicht zu bekommen, also mußte wilder Flachs herhalten; die Bandagen, die man daraus machte, waren steif und kratzig, doch man konnte sie mit Wasser oder Öl geschmeidig machen. In einem verschlossenen Behälter am Herd, nie so nahe, daß er hätte Feuer fangen können, aber immer nahe genug, um warm zu bleiben, lag die Hand des Pestkindes, die Kate und Karle ausgegraben hatten, bevor sie nach Paris kamen. Kate prüfte sie gelegentlich, wenn niemand zusah, und beobachtete mit schaudernder Faszination, wie sie immer mehr austrocknete. Das Fleisch schrumpfte zusammen und trocknete zuerst zu Leder, dann zu etwas wie Lehm und schließlich zu gräulichem, fettigem Pulver. Jedesmal, wenn sie den Behälter öffnete, bekreuzigte sich Kate gegen irgendeinen unbekannten Dämon, der sich vielleicht zornig daraus erheben könnte. Und jedesmal sollte Alejandro hineinschauen, um zu beurteilen, wann der Inhalt reif war. Er nickte dann grimmig und schüttelte das Ganze, um zu sehen, wieviel mehr Fleisch von Tag zu Tag verfiel. Endlich, als nur noch Pulver und sehnige Knochen übrig waren, nahm Alejandro die Knochen heraus, trug sie in den Wald, hob ein Loch aus und begrub sie unter einem Steinhaufen. Als endlich alle Waffen fertig, die Pferde etwas kräftiger und gepflegter und alle verfügbaren Vorräte gesammelt waren, begann die Ausbildung. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ritt Karle Tag für Tag auf seinem Pferd über das Gelände und sah zu, wie sein e L eutnants, nach Geschicklichkeit und Tapferkeit ausgewählt, die ungeschliffenen Rekruten in den Kriegskünsten unterwiesen. Bauern stießen, parierten und rollten sich weg, standen wieder auf, Schossen Pfeile auf Zielscheiben und schleuderten aus großer Entfernung Speere auf Krähen. Sie formierten sich und marschierten vorwärts, die hölzernen Schwerter tapfer gen Himmel gereckt, unterteilten sich dann in kleinere Truppen, fielen zurück, versammelten sich zu neuen Angriffen. Sie stießen vor und zogen sich zurück, stießen dann ein wenig weiter vor und zogen sich kürzer zurück, gingen erneut zur Attacke. So wurden sie zu einer Armee. Die Leutnants trafen sich bei Nacht im Langhaus und wurden von den Frauen mit mageren Eintöpfen und Suppen versorgt, während sie darüber diskutierten, was noch zu üben war. Es ging jetzt um einfachere Lektionen, denn die Arbeit war gründlich und erschöpfend gewesen. Sie durften die Waffe von jemandem, der gefallen war, nie achtlos liegen lassen. Eine liegende Waffe war eine freie Waffe. Aber es war keine Schande, sich zurückzuziehen, wenn man dadurch Vorteile für einen späteren Angriff gewinnen konnte. Sie mußten so oft wie möglich Wasser trinken, denn das Kriegshandwerk ließ einen Mann schnell austrocknen. Diese und andere Weisheiten waren die letzten, die man der Grande Armee des Jacques noch mitgeben konnte. Dieses Heer hatte mit einem Mann begonnen, war auf Hunderte angewachsen und umfaßte zuletzt Tausende. » Und jetzt ist es Zeit für eine Botschaft «, verkündete Guillaume Karle bei einem ihrer Nachtessen. » Wir müssen Charles von Navarra mitteilen, daß wir bereit sind. « KAPITEL 28 D ie Sequenzierung ist abgeschlossen, lautete die Nachricht von Michael. Ich bringe die Datei und dein Originalmaterial mit nach Hause. Sie fuhren mit Kristinas kleinem, benzinsparendem Auto zu Michaels und Carolines Haus. Der Verkehr, sowohl von Fußgängern als auch von Fahrzeugen, war ungewöhnlich lebhaft. Kristina beobachtete aufmerksam die Atmosphäre außerhalb des Wagens. Schließlich machte sie eine ziemlich bedeutungsvolle Bemerkung. » Die Leute gehen schneller. Sie sehen aus, als ob sie Angst hätten. « » Das ist mir auch aufgefallen «, bestätigte Janie. » Allmählich macht es mir angst, daß sich alle beeilen. « » Ich frage mich, wohin sie so eilig wollen. « » Und wohin sollen wir eilen – wenn es soweit kommt … « An einer Ampel mußten sie halten. Vor ihnen hasteten Dutzende ’ von Leuten über die Straße. Kristina wandte sich Janie zu und sagte beiläufig: » Glauben Sie wirklich, es besteht eine Chance, daß es nicht dazu kommt? « Janie starrte sie ein paar Sekunden lang an. » Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, Kristina. « Es wurde Grün. Die Ungewißheit hing noch in der Luft, als Kristina schweigend weiterfuhr. Als sie bei Michaels und Carolines Haus ankamen, schrie es in Janies Gehirn: Kein Ort, wo du hinlaufen kannst, Baby, kein Ort, wo du dich verstecken kannst. A ls Janie sie miteinander bekannt machte, starrte Kristina Caroline ein paar Sekunden länger an, als höflich war, und wandte sich dann mit einem Blick an Janie, der fragte: Ist sie das? Janie begriff und nickte leicht. Caroline bemerkte alles, reagierte aber nur mit einem Lächeln. » Michael konnte nicht bleiben «, erklärte sie, als sie Janie den Umschlag reichte. » Du hast ihn knapp verfehlt. Ich soll dir sagen, daß er mit Arbeit überhäuft ist. « Er würde in vorderster Linie stehen, wenn die Zeit kam, und als Leiter fungieren. Carolines besorgter Ausdruck verriet, daß sie sich der Gefahr bewußt war, in der er sich befand. Dr. Crowe ertappte sich bei dem Gedanken: Guter Gott, wenn irgend jemand Grund hat, zu rennen und sich zu verstecken … » Ihm wird schon nichts passieren, Caroline «, beschwichtigte sie. » Er weiß, was zu tun ist. « » Ja, schon. Aber es ist schwer. « Ihr Blick richtete sich auf ihren Leib. » Besonders jetzt. « » Irgendwelche Neuigkeiten? « Caroline schüttelte den Kopf, aber der Blick ihrer Augen sagte: Vielleicht. Seufzend begriff Janie das Ausmaß dieser Liebe inmitten von Ruinen. » Nun, halt mich auf dem laufenden. Ich drücke dir die Daumen. « Caroline lächelte und machte selbst die Geste des Daumendrückens. An einem Finger hatte sie ein Pflaster. Rasch streckte Janie die Hand aus und ergriff Carolines. » Was soll das? « fragte sie ernst. » Ein Niednagel «, antwortete Caroline. Und dann, etwas nervöser, fügte sie hinzu: » Findest du nicht, daß du vielleicht ein bißchen überreagierst? « » Ich will ihn mir ansehen. « Caroline versuchte ihre Hand wegzuziehen, aber Janie ließ nicht los. » Also wirklich, Janie … das ist nicht nötig. « » Das zu beurteilen solltest du mir überlassen. « In der Küche zog Janie das Pflaster ab und untersuchte den Finger unter einer starken Lampe. » Zeig mir den gleichen Finger an der anderen Hand «, bat sie. Unwillig hielt Caroline ihn neben seinen Bruder. Der Niednagel war deutlich zu sehen, eine kleine Erhebung im Fleisch rund um die Nagelhaut des Zeigefingers. Die Umgebung war gerötet und geschwollen. » Seit wann hast du die Rötung? « f ragte Janie schar f . » Erst seit gestern. « Caroline versuchte, unbefangen und unbesorgt zu klingen, doch das mißlang ihr jämmerlich. » Ich glaube, ich habe den Nagel zu kurz geschnitten. « » Die Pest kann einen lange Zeit sehr anfällig für Infektionen machen «, predigte Janie ihrer Freundin. » Ich möchte, daß du geradezu zwanghaft reinlich bist. « Caroline runzelte die Stirn und wirkte etwas beleidigt. » Das weiß ich. Du hast es mir tausendmal gesagt. « » Ich möchte einfach gewährleistet sehen, daß du vorsichtig genug bist «, beharrte sie. » Obwohl es nicht wirklich eine Garantie gibt, daß das möglich ist. « Während sie zusammen am Spülbecken standen und ihre Hände mit starker Seife und dampfend heißem Wasser schrubbten, sagte Caroline: » Herrjemine! Du mußt es leichter nehmen. Es ist nicht die Pest, und auch nicht MR Sam. « Sie trockneten ihre Hände mit Papiertüchern ab, die sofort weggeworfen wurden. » Was ist es dann? « » Ein Niednagel «, blaffte Caroline. » Bloß ein Niednagel. « D ie Stimmung in der Stiftung war so gehetzt und unsicher wie überall. Menschen eilten ein und aus, es herrschten Lärm und Verwirrung; die Sicherheitsleute hielten jeden an, der auch nur entfernt verdächtig aussah. Das erste, was Janie bemerkte, als sie in das Gedränge beim Haupteingang geriet, waren die wieder in Betrieb genommenen Bakterienscanner. Janie bewegte ihre Hand über dem Identifikationssensor und passierte die Schleuse. Nachdem sie für sauber befunden worden war, wartete sie auf der anderen Seite, während Kristina durch die Sperre des Geräts ging. Sie sah die metallenen Autoschlüssel in Kristinas Hand glänzen und hörte den Metalldetektor anschlagen. Als die Wachleute sich in Kristinas Richtung drehten, lächelte die junge Frau sie an und zuckte bedauernd mit den Schultern. Sie hielt ihre Autoschlüssel hoch, und nach kurzem Zögern winkte einer der Wachmänner sie durch. Janie beobachtete den ganzen Vorgang mit leisem Unbehagen. Sie steht nicht in Big Dattie. Sie hat ihre Autoschlüssel in der Hand mit dem Implantat gehalten, als sie durchging. Ein weiteres Fragezeichen – aber sie hatte keine Zeit, sich zu überlegen, was da soeben deutlich geworden war. Das würde warten müssen. » Wir wollen uns nicht zu lange aufhalten «, sagte Janie, als sie Kristina die Treppe hinunter zu einem der Kellerlabors führte. » Mein Supervisor ist nicht sehr glücklich mit mir. « » Wenn man bedenkt, was jetzt los ist, hat er wahrscheinlich im Moment andere Sorgen «, meinte Kristina. » Da könnten Sie recht haben, aber trotzdem … wir sollten so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden. « Sie hatte den Korridor noch nie bei solchen Gefahren in der Luft passiert. Als sie nach oben und um sich schaute, hatten die Wände und die Decke etwas seltsam Vertrautes, und Janie sah auf einmal wieder vor sich, wie sie in London durch einen ähnlichen Gang gelaufen war und ähnlich entsetzt auf die damalige Schreckenssituation reagiert hatte. Nein, sagte sie entschlossen zu sich selbst. Nicht jetzt. Sie versuchte, die Erinnerung abzuschütteln; aber das Bild hielt sie erbarmungslos gefangen, sie konnte es nicht loswerden: Während sich auf ihrer Stirn Schweißperlen bildeten, sah sie sich im Korridor eines Gebäudes, das früher einmal ein Krankenhaus gewesen war; hier lagen an der Schweinepest erkrankte Patienten und stöhnende Soldaten des Ersten Weltkriegs im Sterben. Noch hundert Jahre später hatten die unheimlichen Schatten nach ihr zu greifen versucht. Janie schwankte leicht. Sie blieb stehen und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, während die Vergangenheit sie überwältigte. Kristina bemerkte das und kam näher, um sie zu halten. » Alles in Ordnung? « fragte sie. Nach einem kräftigen Atemzug zwang sie sich, sich auf Sicherheit, Güte und weißes Licht zu konzentrieren, lauter Dinge, die der Vision entgegengesetzt waren. » Ich glaube schon «, brachte sie heraus. » Dieses Gebäude – ist auf einmal verstörend. « » Falls nötig, können wir es auch auf V. M. machen «, schlug Kristina vor. » Das braucht seine Zeit, aber … « Fröstelnd schüttelte Janie den Kopf, um die unerwünschten Bilder loszuwerden. » Nein «, sagte sie. » Ich glaube, so eine Verzögerung können wir uns nicht leisten. « Plötzlich kam ein Techniker aus einer Seitentür und eilte an ihnen vorbei, ohne sie zur Kenntnis zu nehmen oder zu grüßen. Er trug eine Ganzgesichtsmaske aus Plastik und lange Latexhandschuhe, der Blick seiner Augen war starr und konzentriert. Nachdem er um eine Biegung des Ganges verschwunden war, sah Kristina Janie an und sagte: » Da haben Sie wohl recht. « Das Labor, das sie am Ende des Ganges betraten, war nicht von Schimären heimgesucht wie ihr Weg dorthin. Als Janie die Tür hinter sich geschlossen hatte, fühlte sie sich ruhiger. Sie räumte ihre Ängste energisch beiseite und schob die Diskette mit Alejandros Genom in das Laufwerk einer der Workstations. Nach ein paar zögernden Befehlen setzte sie die Suche nach dem DNS-Segment in Gang, das sie brauchten. Kristina saß neben ihr, und in nervösem Schweigen warteten sie, während der riesige Auswertungscomputer sein Werk verrichtete. Hin und wieder wurde eine verlockende Ähnlichkeit geortet, und der Bildschirm zeigte für Bruchteile von Sekunden, die es dauerte, sie genauer zu analysieren, zwei verschattete vertikale Stränge DNS. Janie wußte, je länger die Abbildung auf dem Schirm blieb, desto größer war die Ähnlichkeit. Nach ein paar Minuten schneller Wechsel erschienen zwei Stränge, die blieben und blieben und blieben. Janie richtete sich auf und faßte Kristina am Arm. » Schauen Sie sich das an «, keuchte sie. Basenpaar für Basenpaar wurde die Nukleotide der beiden ähnlichen Stränge verglichen. Entgegen al ler Wahrschein lichkeit, ja aller Logik blieben die Bilder, wo sie waren. In großen weißen Buchstaben erschien auf dem Bildschirm das Wort ENTSPRECHUNG . Ein paar Sekunden später, als Janie und Kr istina sich vor Freude über ihren Erfolg in den Armen lagen und den Beitrag eines mittelalterlichen, längst verstorbenen Wanderers zum Leben junger Menschen feierten, die viele hundert Jahre nach ihm geboren waren, überlegte Chet Mailin, wie er auf das Piepsen reagieren sollte, das aus seinem Computer drang. Er berührte den Bildschirm und las die Botschaft, die da stand. Noch einmal berührte er ihn und schaute, wo genau im Gebäude Janie sich aufhielt und was sie da machte. J anie entfernte die Datei mit Alejandros Genom wieder aus dem System, in dem sie während der Auswertung vorübergehend gespeichert gewesen war. » Also, ich weiß, was ich heute nachmittag machen werde «, sagte Kristina, als sie Janie den Umschlag aus der Hand nahm. » Ich koche eine ganze Menge Alejandro-Suppe. Wir werden viel davon brauchen. « Im stillen fragte sich Janie, wo Kristina das anstellten wollte. » Haben Sie denn entsprechende Einrichtungen? « fragte sie. » Ja. Ich habe ein komplettes Labor. « » Aber – wo? « Janie wollte es brennend gern wissen. » Eigentlich würde ich es Ihnen gern sagen «, antwortete Kristina mit einem wehmütigen, aber etwas schuldbewußten Seitenblick in Janies Richtung. » Aber ich kann nicht. « Endlich riß Janie der Geduldsfaden. » Warum nicht, verdammt noch mal? Ich weiß über alles andere Bescheid und habe schließlich dieses Gen gefunden. Immerhin war ich diejenige, die … « » Bitte «, flehte Kristina. » Das stimmt ja alles, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wieviel Respekt mir das einflößt, was Sie geleistet haben. Und ich möchte Ihnen zeigen, wo ich wohne und wo ich arbeite, mehr, als ich sagen kann, aber das würde uns – und Sie – in Gefahr bringen. Wenn Ihnen jemand folgt, wäre das … « » Aber ich werde nicht verfolgt. « » Oh, Sie sind bereits verfolgt worden. Mehr als einmal. « Verblüfft über diese Enthüllung starrte Janie die junge Frau an. » Wann? « » Zum Book Depository. « Janie schluckte hart und sagte dann: » Während er mir dorthin gefolgt ist, kann er unmöglich etwas über meine Tätigkeit herausgefunden haben. « » Und zum Haus der Gesundheitsbeamtin in Berkshire. « Also hatte ich recht. » Wer? « Kristinas Gesicht verriet Unentschlossenheit. Schließlich sagte sie gequält: » Ich kann es Ihnen noch nicht verraten. « » Kristina «, begann Janie, » bitte … jetzt fangen Sie an, mir angst zu machen. Es ist meine Sicherheit, um die es hier geht. Ich verstehe nicht, wieso Sie mir so vieles vorenthalten. « » Sie werden das bald genug erfahren «, war alles, was sie zur Antwort bekam. Dann schien Kristina sich zurückzuziehen und zu erstarren, jedes emotionale Band zu zerschneiden, das ihr Erfolg geschaffen hatte. » Hören Sie, ich setze Sie bei Tom ab. Wir sehen un s d ort später noch mal. Bitte, Janie, haben Sie Geduld – Sie bekommen bald Klarheit. Und ich muß Ihnen auch sagen – jetzt ist der richtige Moment für Wachsamkeit. « Jetzt schien auch der richtige Moment für Alleinsein, wenigstens vorübergehend. » Ich denke, ich werde einen Spaziergang machen «, sagte Janie, als sie wieder klar denken konnte. » Dann haben Sie Gelegenheit, hinzufahren – wo immer Sie hinfahren müssen. Und unterwegs möchte ich mich um ein paar Dinge kümmern. Ich meine, ich habe auch noch anderes zu tun. « Was genau tat sie eigentlich? Halbherzig auf Bruce warten – Herz und Seele, die sie sonst ihm gewidmet hätte, für ein Projekt einzusetzen, das von einer nur als » wir « identifizierten geheimen Gruppe angeschoben wurde? – Und gefährlich mit ihrem Anwalt flirten? Und außerdem, rief sie sich in Erinnerung, einer jungen Frau antworten und gehorchen, die weniger als halb so alt war wie sie, und das in Dingen von größter Wichtigkeit. Es war Zeit, damit allmählich aufzuhören. Sie fand Chet Malin in seinem Büro. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt. » Ich kündige «, sagte sie. Mit untypischer Ruhe antwortete der Affenmensch: » Wenn Sie mich so hängen lassen, können Sie Gift darauf nehmen, daß Sie nie wieder in der genetischen Forschungsindustrie arbeiten werden. « Beim Stand der Dinge war das eine absolut absurde Drohung. » Chet, nach dem, was da draußen passiert, wird die genetische Forschungsindustrie in ein paar Tagen einen kleinen Zwangsurlaub antreten. Zusammen mit so ungefähr jeder anderen Industrie, bis auf das Bestattungsgewerbe. « A ls Kristina an diesem Abend Toms Haus betrat, hatte Janie ihr schon verziehen. » Die Spur des Patents löst sich in beiden Richtungen auf «, berichtete Kristina, als sie vor V. M. saßen. » Rückwärts verschwindet sie. Vorwärts verliere ich sie in dem Durcheinander der Ausbrüche. « Mit frustrierter Miene wickelte sie ein Pfefferminzbonbon aus und schob es sich in den Mund. Sie knüllte das Papier zusammen und warf es in Richtung Papierkorb. Es prallte vom Rand ab, landete auf dem Boden, und Janie, immer ordentlich, bückte sich, um es aufzuheben. » Vergessen wir einstweilen das, was die Konzerne anbelangt und machen weiter «, sagte Janie. » Wir müssen noch andere Dinge überprüfen. « Kristina lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und starrte sie an. » Zum Beispiel? « » Zum Beispiel Individuen. Genetische Patente müssen nicht unbedingt Konzernen gehören, obwohl es bei den meisten so ist. Vielleicht ist der Inhaber dieses Patents eine Einzelperson oder eine kleine Gruppe, die Unterstützung genießt. « Janie warf das zerknitterte Bonbonpapier in den Papierkorb. » Ich denke, wir sollten zu unseren Orthopäden zurückkehren. « » Beim ersten Mal habe ich da nichts gefunden. « Erwarte das Unerwartete, hatte Alejandro geschrieben. » Vielleicht suchen wir nicht auf die richtige Weise. Schauen Sie sich an, was wir heute gefunden haben – und denken Sie daran, wo. Wenn man bei festgefahrenen Methoden bleibt, funktioniert es nicht. Also suchen wir noch einmal, aber anders. « N ach einer weiteren Stunde fruchtloser Computerarbeit klagte Kristina über Kopfschmerzen. » Gehen Sie nach Hause «, riet Mutter Janie. » Soll ich Sie fahren? « Warum hatte sie nicht den Mut, einfach zu fragen, wo Kristina wohnte? Jedesmal, wenn Janie sie rief, erschien Kristina prompt – also mußte sie ganz in der Nähe leben. Wo genau jedoch, blieb ein Geheimnis. Und wie kommt es, fragte Janie sich weiter, daß sie weiß, wann sie zu mir kommen muß, auch wenn ich mich gar nicht bei ihr melde? » Nein. Das kann ich selbst. Wirklich. « Janie wurde allmählich paranoid und dachte sich wilde Möglichkeiten und phantastische Szenarios dafür aus, warum Kristina immer so pünktlich zur Stelle war. Während sie zusah, wie Kristina ihre Sachen einsammelte, dachte Janie an einen mikroskopisch kleinen Sender, oder an Radiowellen, die man irgendwie in ihr Shampoo praktiziert hatte, oder auch an Abhörgeräte, die als Corn Flakes verkleidet waren. Reine Science Fiction, faszinierend, aber samt und sonders unsinnig. Es mußte etwas viel Raffinierteres sein. Etwas stimmte nicht, das stand fest. Wenn alles vorbei war un d n icht mehr hinter jeder Ecke eine Bedrohung lauerte, würde sie den Mut finden, danach zu fragen. Auf dem Bildschirm vor ihr befand sich noch immer die Datei eines der Orthopäden; es handelte sich um eine Frau, und im Augenblick leuchtete gerade die Liste ihrer wichtigsten Publikationen auf. Ich werde noch ein paar Minuten arbeiten, dachte Janie bei sich, und dann gehe ich ins Bett. Soeben gab sie V. M. den Befehl ein, in den Daten noch eine Ebene tiefer zu graben, als ein leises Klopfen an der Tür ertönte. Sie drehte sich um und sah Tom im Rahmen stehen, entspannt und mit dem vertrauten ironischen Lächeln auf dem Gesicht, dem schrulligen kleinen Grinsen, das sie immer vor Augen hatte, wenn sie in seiner Abwesenheit an ihren uralten Freund dachte. Sie war angenehm überrascht, ihn zu sehen. Er trug eine Flasche Wein und zwei Gläser in Händen. » Ich wollte einen Schlummertrunk nehmen und dachte, du willst vielleicht auch einen. Ein guter Rotwein war sowieso offen, also kam ich drauf, du würdest vielleicht … « » Liebend gern. Im Moment würde ich wahrscheinlich sogar ein Glas Rübensaft für das Beste halten, was man je auf Flaschen gezogen hat. « Erfreut trat er ein und stellte die Gläser auf den Rand des Schreibtischs. Dann goß er beide ungefähr halb voll. Der Wein war von schöner, dunkler Farbe, f ast undurchsichtig. » Ich glaube, der ist ein bißchen besser als Rübensaft. « Eines der Gläser hob er hoch. » Also prost! Darauf, daß … eh … « Auch Janie nahm einen Schluck. » … daß wir alles aufklären! « Tom lächelte zustimmend. » Was immer es ist. « » Ich wäre schon zufrieden, wenn wir den Orthopäden Null fänden. « Er nickte in Richtung Bildschirm und fragte: » Kommst du weiter? « » Schön wäre es «, stöhnte sie. » Ich habe diese Gruppe nach allen Gesichtspunkten sortiert, die mir einfielen. Jede Datei habe ich mir einzeln angesehen, die Listen mit ihren Publikationen, die Daten, wann sie veröffentlicht wurden, die Preise, die sie gewonnen haben, den ganzen Mist also, und ich sehe einfach nichts. « Er zeigte auf V. M. » Darf ich mal? « » Aber bitte! Vielleicht siehst du etwas, das mir entgangen ist. « Sie wollte schon aufstehen, aber er hielt sie davon ab und sagte: » Bleib ruhig sitzen. « Er stellte sich hinter sie und legte die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhls. Dann schaute er über ihre Schulter. » So geht es gut «, versicherte er. » Ich kann den Schirm von hier aus sehen. « Er schaute, und nach einer Weile griff er um sie herum. Sein Arm streifte ihre Schulter, als er den Bildschirm berührte. Die Dateien sortierten sich wieder neu. Aufnahmebereit konzentrierte er sich. Janie saß wortlos und unbewegt da, es schien eine Ewigkeit zu dauern, während Tom mit kleinen, aber effizienten Berührungen den Computer bediente. Sie ertappte sich dabei, daß sie gern der Bildschirm gewesen und an einer reagierenden Stelle von ihm berührt worden wäre. Das kannst du nicht machen, hielt ihr ihr Gewissen vor. Doch die Entfernung zwischen ihr und Tom schien auf ein Nichts zu schrumpfen, ganz im Gegensatz zur Entfernung zwischen ihr und Bruce, die irgendwie von Tag zu Tag größer wurde. Sie war eine Türglocke, und Tom drückte auf den Knopf. Das Signal, das da so dringend gesendet wurde, lautete: Laß mich ein, laß mich ein. Sie schloß die Augen und widmete sich ihrem Atem in der Hoffnung, dieses gewisse » Ich möchte « zu vertreiben – fordernd erhob es seinen kleinen Kopf und drohte, sie Dinge tun zu lassen, die sie vielleicht später bereuen würde. Doch ihr Versuch, absurde Wünsche zu verdrängen, schlug kläglich fehl. Die elektrisierende Strömung in ihr stieg und brauchte ein Ventil; als Tom seinen Arm zurückzog, drehte Janie ein wenig das Gesicht, so daß sein Hemdsärmel ihre Wange streifte, und als seine Hand an ihrem Gesicht vorbeikam, griff sie danach und führte sie an die Lippen. Der Stromkreis zwischen ihnen war geschlossen. Als sie an dem kleinen Zimmer vorbeikamen, in dem Janie schlief, trat sie ein und versuchte, ihn mitzuziehen; aber er lächelte, schüttelte verneinend den Kopf und zog sie weiter in sein eigenes Reich. Nachdem sie eingetreten war, mußte Janie eine Minute loslassen und innehalten, um den Raum in sich aufzunehmen, in dem Tom schlief und träumte, um, soweit das möglich war, zu erfassen, was er über ihn aussagte. Alles war sparsam, schlicht, gut durchdacht. Das Zimmer war sauber und aufgeräumt, es duftete schwach nach ihm. Auf einer geölten Holzkommode standen Fotos von Leuten, die Janie als seine Familie erkannte. In dem ordentlichen Arrangement war eine leere Stelle, wo ein Foto zu fehlen schien. Eine Frau, die ich nicht sehen soll? fragte sie sich. Auf dem Nachttisch befanden sich eine Kerze und Blumen in einer Vase … als ob er es vorbereitet hätte – ein Gedanke, der ihr ungeheuer gefiel. » Du hast die Schlagsahne vergessen! « Sie lächelte. » Verdammt «, hauchte er, während er sie an sich zog, » und ich wollte doch, daß alles perfekt ist. « » Was könnte perfekter sein «, flüsterte sie später, als sie eng umschlungen im Bett lagen, » als all diese köstliche Zärtlichkeit mit seinem ältesten, liebsten Freund zu genießen? « » Sie schon früher genossen zu haben «, antwortete er. D u meine Güte, Janie, ich liebe Dich! Und vermisse Dich. Ich hoffe, daß mit dem Haus alles geregelt wird – sag Tom, wie sehr ich zu schätzen weiß, daß er uns so sehr hilft. Ich nehme an, daß Du jetzt schläfst – das ist gut, denn ich weiß, ich habe Dir nicht viel Schlaf gegönnt, als Du hier warst, und bei allem, was Du durchmachst, mußt Du gut auf Dich achtgeben. Ich bin traurig, daß Du früher abreisen mußtest, aber ich weiß, daß es nicht anders ging. All das ist bald vorbei, Du wirst sehen! Wir werden es schaffen. Ich habe einfach das Gefühl, daß die Dinge in Ordnung kommen. D er letzte Satz seiner Nachricht war wie ein Schlag ins Gesicht, eine Ohrfeige, die Bruce ihr unwissentlich gab. Für einen Moment schloß sie die Augen und erinnerte sich an die Nacht, die gerade vergangen war, die Wärme in den Armen des Mannes, den sie so durch und durch kannte und dem sie bedingungslos vertraute – der sie mit ausdauernder, geduldiger Liebe bedachte. Wieso hatte sie das nicht früher gesehen? Sie schlug die Augen wieder auf, und die Botschaft war noch immer auf dem Bildschirm, starrte sie anklagend an. Plötzlich hörte Janie Schritte auf der Treppe und das Klirren eines Löffels gegen eine Keramiktasse. Rasch schloß sie Bruces Nachricht und holte wieder die Liste der Orthopäden auf den Bildschirm. Tom kam mit einem Tablett herein. Ihr Herz begann z u p ochen, und um sich abzulenken, starrte sie auf ihre Hände nieder, die sie in dem vergeblichen Versuch, ihr Zittern zu verbergen, im Schoß gefaltet hatte. Sie trug Toms Bademantel, saß in Toms häuslichem Arbeitszimmer, und das am Morgen nach einer Nacht, in der sie in Toms Bett geschlafen hatte. Mit genau diesem. Die Verwirrung war so überwältigend, daß sie fast geweint hätte, aber sie hielt ihre Tränen zurück und biß sich auf die Lippen. Das tat überraschend weh, und sie tastete mit dem Finger danach, ob sie bluteten. Zu ihrer Erleichterung blieb der Finger fleckenlos. Was man von ihrem Gewissen nicht sagen konnte … » Guten Morgen «, sagte er, als er eintrat. Er stellte die Kante des Tabletts auf den Schreibtisch und schob V. M. ein wenig zur Seite, um Platz für die Becher zu schaffen, die er mitgebracht hatte. Dabei strahlte er die ganze Zeit und zeigte das glückliche Lächeln des Morgens danach. » Na «, flapste er, » noch etwas, das ich bewundern kann. Du bist wie gehabt ein Workaholic. « Irgendwie brachte sie ein kleines Lachen zustande. » Ja, bin ich. Findest du das bewundernswert? « Er küßte sie auf die Stirn. » Alles an dir finde ich bewundernswert. « Die Worte klangen so richtig, so gut, als sie ihr Ohr trafen. Aber ach, lieber Gott, dachte sie, trotzdem ist es falsch. Er stellte sich neben sie und betrachtete die Namensliste auf dem Bildschirm. » Schon was gefunden? « » Nein. « Den Becher in der Hand, setzte er sich in einen Polstersessel, der ein paar Fuß entfernt stand, die Art Sessel, wo jemand sitzen und lesen würde, während die Frau seines Lebens an ihrem Schreibtisch arbeitete. Der Sessel eines Gefährten. Janie wandte sich auf ihrem Drehstuhl um, um ihn anzusehen. Mit einem Stich von Neid überlegte sie, was wäre, wenn Tom und sie die Plätze tauschten. Er schien sich in seinem Freizeitsessel wohl zu fühlen, obwohl es sein eigenes Arbeitszimmer in seinem eigenen Haus war. » Aha «, leitete er ein. » Ich schätze, wir müssen reden. « Janie nahm den Kaffeebecher vom Schreibtisch. Seine Wärme in ihren Händen fühlte sich beruhigend an. Sie hielt ihn fest und hoffte, daß die Oberfläche des Kaffees sich vom Zittern ihre r H ände nicht kräuseln würde. » Es ist merkwürdig, warum das jetzt passieren mußte «, rätselte sie leise. » Komisch «, sagte Tom. » Und ich habe mich gerade gefragt, wieso es nicht früher passiert ist. Wenn ich den Mut gehabt hätte, dir zu sagen, was ich fühle, bevor du nach London gefahren bist, dann würde sich dieses Gespräch jetzt erübrigen. « » Warum hast du es nicht getan? Himmel, Tom, wenn ich es nur gewußt hätte … ich meine, ich habe dich immer irgendwie am Rande geliebt, sogar, während ich verheiratet war, und habe meine Gefühle für dich nie ganz verloren – aber irgendwie lief das Ganze immer unter der bloßen Vorstellung von Freundschaft ab. « Sie schüttelte den Kopf und schnaubte spöttisch. » Hör dir das an. Bloß Freundschaft! Als endete nicht alles dabei … oder sollte es jedenfalls. « » Darüber möchte ich nicht mit dir streiten. « » Nein, ich weiß, das würdest du nie. Aber genau das meine ich ja – so vieles zwischen uns ist so angenehm, paßt so gut, und wenn ich eine Ahnung gehabt hätte von deinen Gefühlen, hätte ich mich nicht auf Bruce eingelassen. Wir hätten das hier anfangen können, als ich aus London zurückkam, oder vielleicht … « Sie hielt inne, um die drohende Sintflut abzuwehren. » Vielleicht was? « » Möglicherweise wäre ich gar nicht erst gefahren. « » Janie – natürlich wärst du gefahren. « » Oder auch nicht … « » Du hättest dir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Daß deine Pläne durcheinandergerieten, konntest du nicht vorhersehen oder kontrollieren. Ich habe dich noch nie vor einer Herausforderung zurückschrecken sehen. Du wärst gefahren in dem Wissen, daß bei deiner Rückkehr jemand auf dich wartet – aber gefahren wärst du trotzdem. Das verstehe ich. Ich habe dir geholfen, es zu organisieren, weißt du noch? Es versprach für dich ja wirklich interessant zu werden, und ich würde niemals daran denken, dich von so etwas abzuhalten. « » Seltsam, dich das sagen zu hören «, äußerte sie leise. » Im Augenblick bist du sehr nah dran, genau das zu tun. « Er stellte seine Kaffeetasse auf einen Tisch und beugte sich auf dem Sessel vor, die Hände um die Knie gefaltet. » Ja? Ich habe nicht das Gefühl, daß du das wirklich annimmst. « » Du kennst mich einfach zu gut. « Und Tom hielt ihr vor Augen: » Du dagegen weißt, daß ich nicht leichtfertig mit Menschen umgehe. « Das Schweigen, das folgte, war nahezu unerträglich. » Hör mal «, ergriff Tom schließlich wieder das Wort, » ich kann mich zurückziehen, wenn du das möchtest. Aber ich muß dir sagen, es wäre nicht der Weg, den ich im Augenblick freiwillig einschlagen würde. « » Welchen würdest du denn einschlagen? « » Den, auf dem ich bin. « » Und was glaubst du, wohin der führt? « » In dein Herz. Hoffe ich! « » Da drin ist es ziemlich voll. « » Du wirst deiner inneren Stimme folgen, Janie. Ich werde dich nicht überreden, Bruce aufzugeben oder zu mir zu kommen. Das ist etwas, was du entscheiden mußt – wir Männer können es dir nicht abnehmen. Ich will bloß meine Chance, das ist alles. « » Schau «, sagte sie nach einem Moment, » vielleicht sollte ich bei Caroline wohnen oder in einem Hotel. Das könnte es für uns beide leichter machen, die Dinge zu klären. « » Tu das für dich, wenn du es möchtest, aber nicht für mich. Ich habe all das so lange für mich behalten, jetzt ist es endlich heraus, und das fühlt sich so gut an – ich glaube nicht, daß ich es wieder wegsperren kann. Wohin du auch gehst, ich werde dich immer lieben. « Er stand auf und kam zu ihr, legte eine Hand auf ihre Schulter; der Druck war sanft und tröstend. » Ich glaube, du solltest hierbleiben, bis du noch ein paar Dinge in deinem Leben geregelt hast. Du bist fast fertig mit dieser Arbeit für Kristina. Es wäre schlicht vernünftiger. « » Aber ich habe das Gefühl, dich auszunützen. « Immerhin brachte er ein schiefes Lächeln zustande. » Und ich dachte, daß ich dich ausnütze. Woran du siehst, wie unterschiedlich man die Dinge sehen kann – ganz gleich, wie gut man sich kennt. Aber ich sollte dich warnen «, jetzt grinste er schamlos, » ich habe vor, jede Nacht vor deiner Schlafzimmertür zu stehen und zu jaulen wie ein mondsüchtiger Hund! « Mit diesen Worten nahm er das Tablett auf. » Zurück in die Realität, schlage ich vor. « » Die ist immer da, nicht? « » Ja, ist sie «, stimmte er zu. » Und sie wird jeden Tag unangenehmer. « Er nickte in Richtung auf den Bildschirm. » Einer von deinen Orthopäden « – er balancierte das Tablett auf einer Hand und zeigte mit der anderen auf einen langen, osteuropäisch wirkenden Namen – » läßt bei mir eine Glocke klingeln. Ich glaube, ich habe seinen Sohn gekannt, damals in meinen wilden Studententagen. « Jeder noch so kleine Hinweis schien ihr verfolgenswert. Sie berührte wiederholt den Bildschirm, bis die Information über die Familie des Mannes erschien. Ein unscharfes Foto von ihm wurde sichtbar, und Janie fragte sich flüchtig, ob sie ihn nicht schon einmal gesehen hatte. Aber es fiel ihr nicht ein. » Hier steht nichts davon, daß der Sohn was mit Jura zu tun hat «, sagte sie. » Soweit ich weiß, hat er nicht zu Ende studiert. Vielleicht später. Ich habe ihn aus den Augen verloren. Zum Glück, denn der Kerl war ein Blödmann. « Sie lächelte. » Dann wäre er ein guter Anwalt geworden. « » Ha ha! « Sie hatten die Intimität verlassen, und Janie vermißte sie sofort. Als sie zusah, wie Tom das Zimmer verließ, überkam sie ein schreckliches Gefühl von Einsamkeit. Aber sie hatte keine Zeit, dabei zu verweilen. Eilig schob sie ihr persönliches kleines Unglück beiseite und wandte sich wieder der stummen Realität zu, die sie vor Augen hatte. Sie hoffte, sie würde sprechen, deutlich sprechen, denn im Inneren von Big Dattie tickte schon die Uhr von MR Sam. KAPITEL 29 N avarra und Coucy standen auf der Burgmauer und sahen, wie Karles Bote in Richtung Compiègne davonritt. » Der Mann hat eine Streitmacht aufgestellt «, sagte Charles. Der König von Navarra wirkte bedrückt und besorgt – durchaus nicht so feurig wie sonst. » Eine Armee. Und wenn man nach diesem Leutnant urteilt, den er geschickt hat, dann ist es ein loyaler Haufen. Eine Armee aus Männern von einiger Intelligenz. Dieser da war kein Tölpel. Und wahrscheinlich gibt es noch mehr wie ihn. « » Er deutete an, daß es Tausende sind «, fügte der Baron de Coucy nüchtern hinzu. » Wie mag er das geschafft haben? « » Vielleicht hat er einen geheimen Verbündeten. « » Wenn er einen bedeutenden Bundesgenossen hätte, hätte man davon erfahren «, wandte Coucy ein. » Dann sind diese Tausende, wie er gesagt hat, tatsächlich alle Bauern. « » In dem Fall habt Ihr nichts zu fürchten, Sire! « Navarra drehte das Gesicht aus dem Wind. » Er beschreibt sie als berittene Truppen mit Schwertern, Bogenschützen, Speerwerfern und Fußsoldaten, genau wie wir unsere. « Coucy meinte: » Er übertreibt. Was er sagt, kann nur stimmen, wenn er es geschafft hat, sie umzukrempeln; jedoch gibt es im Augenblick wohl kaum Zauberer, die einer solchen Aufgabe gewachsen sind. « Der Baron versuchte zu lachen, aber es klang nicht überzeugend. » Und Schwerter – woher nehmen sie das Material, von den Waffenschmieden ganz zu schweigen? Aber vielleicht ist er mit einem Alchimisten im Bunde, der alle notwendigen Materialien herstellen kann. Zweifellos verwandelt so einer Steine in Metall. « » Verhöhnt diesen Mann nicht «, warnte Navarra. » Das wäre höchst unklug. Aber Ihr habt recht – er übertreibt sicher. Wichtig ist jetzt, herauszufinden, inwieweit … und mit welchem Ziel. « » Man kann nicht wissen, was in den Köpfen dieser Bauern vorgeht «, meinte Coucy. » Gar, um uns zu beeindrucken? Das wäre kaum zu seinem Vorteil. Er gilt als unser Verbündeter. Wenn die ersten Berichte über die Zahl der Truppen des Dauphins stimmen, dann werden wir ihn brauchen, Karle weiß das. « » Und bis wir sicher wissen, mit wieviel Mann der Dauphin anrückt, dürfen wir ihn nicht kränken, indem wir über seine Bauern die Nase rümpfen. Er hat sie auf einen ernsthaften Angriff vorbereitet; aber er kann nicht vorhaben, Euch mit seinen Bauern anzugreifen, wenn die Schlacht gegen den Dauphin erst geschlagen ist? « » Doch. Bei den Zahlen, die er nennt «, entgegnete Navarra hellsichtig, » könnte ihm das gelingen, falls wir beim Kampf gegen den Dauphin sehr dezimiert werden. Und da wir den Angriff leiten, werden wir mit Sicherheit die schlimmsten Verluste haben. « Er verließ die Burgmauer und kehrte über das steinerne Dach wieder in den Raum zurück, in dem er Karles Leutnant empfangen hatte. » Schlau ist er, dieser roi des Jacques! Aber wir sind es auch. « Auf seinen Ruf hin erschien sein Page. » Reitet heute nachmittag nach Compiègne und überbringt Karle eine Botschaft. Sagt ihm, daß wir ihn d ort in drei Tagen in der Morgendämmerung treffen und unsere Truppen zum Angriff vereinigen. Wir werden unsere Soldaten hinter seinen zu einer Ph alanx aufstellen. Da er eine so überragende Streitmacht gesammelt hat, ist es nur recht und billig, daß ihm die Ehre gebührt, dem Dauphin als erster gegenüberz utreten. « D ie Botschaft führte unter Karles Leutnants beinahe sofort zum Streit; die Meinungsverschiedenheiten drehten sich darum, wie sie auf Navarras Nachricht reagieren sollten. Alle waren sich einig, daß eine Antwort erforderlich war; aber darüber, wie diese Antwort lauten sollte, verständigten sie sich nicht. Nach etwa einer Stunde hitziger Debatten erwog Karle deshalb alles, was er gehört hatte, und traf eine Entscheidung. Er ging um den Tisch herum, zeigte auf einzelne Männer und nannte sie beim Namen. » Ihr alle werdet morgen früh Navarra und seine Marionette Coucy aufsuchen. Reitet auf den besten Pferden, die wir haben, tragt die prächtigsten Schwerter, über die wir verfügen, und legt die besten Rüstungen aus unserer Sammlung an. Nehmt jede Standarte mit, die Ihr finden könnt. Präsentiert Euch als Krieger! Sagt ihm, daß ich nach reiflicher Überlegung zu folgendem Schluß gekommen bin. Die nützlichste Strategie besteht darin, daß sich seine und unsere Truppen mischen zu der ersten Attacke. Sagt ihm ferner, wahrscheinlich wird diese den Dauphin so verwirren, daß er nicht weiß, was er tun soll. Sagt, wir wüßten beide, daß der Dauphin ein willensstarker Mann ist. In dem Dilemma, vor das wir ihn stellen, wird ihm die Entschlossenheit fehlen, sofort den entscheidenden Gegenschlag zu führen. Und das gereicht uns zum Vorteil. « Dann fügte er leiser hinzu: » Sagt ihm nicht, daß wir uns nach dem gemeinsamen Angriff auf den Dauphin, wenn unsere Leute noch unter seine gemischt sind und der Blutdurst noch wach ist, seine Männer vorknöpfen. Wir werden sie abschlachten. Womit sie nicht rechnen! Schließlich sind wir nur Bauern. Würden Bauern so kühn sein, die Streitmacht eines Königs anzugreifen? « Lauter Jubel und Begeisterungsrufe erfüllten das Langhaus. Kate, die am Herd Flachsbandagen kochte, hörte und sah all das, und ein Schauder der Angst überrann sie. S ie fand Alejandro am Rand der Wiese, wo er langsam entlangging und sich um die Vielzahl der kleinen Verletzungen kümmerte, die beim Kriegsspiel entstanden waren: die Blasen und Splitter und wehen Knöchel, die unversorgt die Kampfkraft der betroffenen Soldaten beeinträchtigen würden. Sie hatten einen stattlichen Vorrat an Stiefeln gesammelt, die sie unterwegs Leichen ausgezogen oder von Witwen bekommen hatten. Allerdings paßten sie ihren Trägern nicht so gut, wie sie sollten, und Alejandro wußte, daß die Füße von Guillaume Karles Truppen sich durchaus als Achillesferse erweisen konnten – als der verwundbare Punkt, der zu ihrer Niederlage führte. Also achtete er besonders auf das Gehwerk und sorgte dafür, daß niemand mit offenen Stellen in die Schlacht zog. » Ah, Kate «, begrüßte er sie schon von ferne. Sie ging zu ihm, schritt leichtfüßig über die Wiese, mit einer Hand ihre Röcke raffend, um dem Schlamm auszuweichen, die andere voll mit den vertrauten grauweißen Binden, deren Herstellung ihre Aufgabe gewesen war, seit sie sich in dem Langhaus niedergelassen hatten. » Ich habe mehr Verbände gebracht, Père. Diese sind gerade fertig geworden. « » Du wirkst Wunder, Kind. Wie sollte dieser Krieg ohne dich gewonnen werden? « Lächelnd reichte sie ihm das Bündel. » Ich bin kein Kind mehr, Père, sondern eine verheiratete Frau. Mir scheint, ich muß Euch das dauernd wieder ins Gedächtnis rufen. « Sie arbeiteten Seite an Seite, und trotz der Härte ihrer Aufgabe und der Schrecken, die gewiß vor ihnen lagen, empfand Alejandro Canches in solchen Momenten größere Zufriedenheit als seit vielen Jahren. Seine Tochter war bei ihm, glücklich einem braven Mann angetraut, und er selbst leistete gute Arbeit mit den Händen und mit dem Kopf. All das befriedigte ihn sehr. Als der Vorrat der Verbände erschöpft war, bat Kate ihn: » Kommt mit mir, Père. Ich möchte gern mit Euch allein sein. « Das waren die süßesten Worte, die er den ganzen Tag gehört hatte. » Es wird mir ein Vergnügen sein, Madame Karle! « Sie lachte leise, als sie durch den Wald hinter dem Lager schlenderten. » Es ist so schön, endlich einen Namen zu haben. Ich habe nie recht gewußt, wie ich mich nennen sollte. War ich eine Plantagenet, Hernandez oder C anches? Jetzt heiße ich Karle. Es ist gut, sich laut und ohne Angst vorstellen zu dürfen. « E r legte einen Arm um ihre Schulter. » Bist du glücklich, Tochter … du wirst erfreut zur Kenntnis nehmen, daß ich dich nicht Kind genannt habe. « » Ich bin glücklicher, als ich es je für möglich hielt, Père. « Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und strich eine blonde Haarsträhne wieder zurück unter ihre Haube. » Aber ich glaube, ich werde bald ein noch größeres Glück kennenlernen. « Unvermittelt blieb er stehen. » Meine Regel hat ausgesetzt, Père. « » Aber deine Ehe besteht doch erst seit … « Rasch legte sie ihm eine Hand auf die Lippen. » Laßt uns nicht von der Dauer meiner Ehe sprechen! Die längste Zeit wird ohnehin erst kommen. Um mehr brauchen wir uns im Augenblick nicht zu kümmern. « Er nahm sie bei den Schultern und sah ihr in die Augen. » Du bist dir deiner Sache also sicher? « » Ganz sicher noch nicht, aber ich denke schon. « » Ich weiß nicht, ob ich Gott verfluchen oder Ihm danken soll. « » Um meinetwillen müßt Ihr Ihm danken. Und um des Vaters dieses Kindes willen müßt Ihr das Schicksal verfluchen, weil Er ihn gerade jetzt in den Kampf schickt. « » Weiß Karle es? « Sie senkte den Kopf ein wenig und schüttelte ihn. » Ich fürchte, dieses Wissen würde ihn von der Aufgabe ablenken, die vor ihm liegt … seine Entschlossenheit schwächen. Und obwohl ich dem Himmel die Hälfte meines Lebens dafür böte, daß Guillaume auf diese Schlacht verzichtet und mit mir an einen sicheren Ort eilt, ist er zu sehr Mann, um sich darauf einzulassen. Deswegen habe ich ihm nichts gesagt. « Alejandro nahm Kate in die Arme und küßte sie. Er wiegte sie vor und zurück, teilte ihre Freude mit ihr. Ich werde grandpère, dachte er. Und das Kind wird einen Namen haben. Er wünschte sich schmerzlich, er hätte das seinem eigenen Vater erzählen können. A ls die sechs Leutnants am nächsten Morgen aufbrachen, glichen sie in ihrer geborgten Aufmachung den tapfersten Rittern. In Rüstungen gehüllt, die Kriegsbeute waren, auf geliehenen Pferden und mit blanken Waffen, die sie noch vor einem Monat kaum hätten heben können, ritten sie den Hügel zum Château de Coucy hinauf und überbrachten Charles dem Bösen ihre stolze Botschaft. Navarra ließ sie eine Weile im Burghof warten, während er sich mit seinen Unterführern besprach, hauptsächlich dem Baron de Coucy selbst, der kaum mehr als ein Junge war, aber schon den Ruf feuriger Tatkraft genoß; diese benötigte er auch, um ein so großes Gebiet zu beherrschen wie das, das er erst kürzlich geerbt hatte. Im Vergleich zu ihrem Lager beim Langhaus war das Château de Coucy eine massive Festung und fast luxuriös ausgestattet. Überall wehten bunte Flaggen und kündeten von Reichtum und Einfluß seines Besitzers. Das schwere eiserne Fallgatter könnte allerdings bei Versagen des Flaschenzugs auch von einem Pferdegespann hochgezogen werden. Es trennte den Rest der Welt vom Burghof, der mit flachen Steinen gepflastert und frei von dem Schlamm war, in dem rings um das Langhaus die Knöchel von Pferden und Männern versanken. Die Soldaten, die sich hier übten, hatten trockene Füße und volle Bäuche, und die Macht der Mächtigsten stand hinter ihnen. Die wartenden Leutnants spürten den Unterschied schmerzlich. Navarras Antwort wurde ihnen überreicht. Sie war ein verächtliches Nein und wurde von einer Bitte, ja mehr einem Befehl begleitet, nämlich, Guillaume Karle möge persönlich vor Navarra und Coucy erscheinen, um die Bedingungen ihres Bündnisses auszuhandeln, und zwar am folgenden Morgen. Andernfalls sei das Bündnis beendet. Die Leutnants sagten nichts dazu, denn keiner wollte für Karle sprechen, ohne ihn vorher selbst gehört zu haben. Als sie unter dem hochgezogenen Fallgatter hindurchritten und zum Schlamm der Straßen und Felder zurückkehrten, wußten sie, daß ihr Schicksal von Karles Antwort abhing. S ie hatten ihr Bett auf dem Heuboden über dem Waffenlager aufgeschlagen, denn sonst gab es außer dem tiefen Wald keinen Ort, der ihnen die Intimität bot, nach der sie hungerten. Und Guillaume Karle wollte sich nicht so weit von seinem Befehlszentrum entfernen, da in den letzten verbleibenden Stunden noch vieles vorzubereiten war. Und obwohl der Geruch nach Öl und Leder und frisch geschmiedetem Metall, der zu ihr aufstieg, Kate beinahe Übelkeit verursachte, ließ sie keine Beeinträchtigung des Glücks zu, in den Armen ihres herrlichen Gemahls zu liegen. In dieser Nacht liebten sie sich mit tränenreicher Zärtlichkeit und vollendeter Freude, denn beide kannten die unausgesprochene Wahrheit: Es konnten durchaus ihre letzten gemeinsamen Stunden sein. Manche Augenblicke waren sie wild wie Löwen und umklammerten sich fast gewaltsam, dann wieder lagen sie still da und bewegten sich kaum, zufrieden, einfach nur vereint zu sein. Sie flüsterten einander süße Versprechungen zu und teilten sich ihre Hoffnungen mit, wie sie sich in der Welt einrichten würden, wenn der Wahnsinn des Krieges erst vorbei war. Als der Hahn krähte, fand Alejandro sie friedlich schlafend. Sanft rüttelte er mit einer Hand an Karles Schulter und flüsterte: » Karle, es ist Zeit! « Er hatte beschlossen, Navarra aufzusuchen. » Obwohl der Gedanke daran mir Brechreiz verursacht «, hatte er Kate und Alejandro am Abend zuvor gestanden, » nicht aus Furcht, sondern aus Ekel vor den Dingen, die er auf dem Gewissen hat. Ich weiß nicht, wie ich mit einem solchen Mann sprechen soll, ohne daß mich der Wunsch überkommt, mich auf ihn zu stürzen und ihm die Kehle aufzuschlitzen. « Kate hatte gefragt: » Wie können wir sicher sein, daß er sich nicht auf dich stürzt und dir die Kehle aufschlitzt, bevor du überhaupt den Mund öffnest? « » Gar nicht. « » Dann bleib hier «, hatte sie gefleht. » Ich muß gehen – als Führer unserer Armee. Navarra ist der Führer jener anderen. Zwischen uns sind Dinge zu regeln. Selbst solcher Abschaum wie Navarra weiß, daß er sich dessen Truppen zum Feind macht, wenn man den Anführer seiner Verbündeten abschlachtet. Wir haben genügend Soldaten, um ihm den Sieg über den Dauphin zu garantieren. Er sollte es sich nicht mit uns verderben. « » Vielleicht noch nicht «, hatte Alejandro eingewandt. Worauf Karle geantwortet hatte: » Oder auch niemals. Aber wenn ich nicht gehe, blamieren wir uns vor ihm. Er wird uns durch Lächerlichkeit umbringen. Und wir sind zu weit gediehen, um das zuzulassen. « Alle Leutnants wurden in das Lager hinausbeordert, und sie begannen, Karle auf seine Begegnung mit Navarra vorzubereiten. Sie zogen ihm seine Bauernlumpen aus, wuschen, kämmten und parfümierten ihn; dann legten sie ihm die feinen Kleider an, die Alejandro getragen hatte, als er de Chauliac entflohen war. Aus den Rüstungen, die bäuerliche Rebellen in Meaux den von ihnen getöteten Adeligen abgenommen hatten, wählten sie die besten Stücke aus. Sie schnallten ihm eine metallene Brustplatte und in Schuppen gearbeitete Beinschützer um; während Kate die Riemen um die Waden ihres Mannes festzog und die Falten seines Hemdes zurechtzupfte, dachte Alejandro bei sich, welche Ironie es war, daß sie, für diese Art Tätigkeit geboren, sie nach so vielen Umwegen nun endlich ausübte. » Ich habe keinen Helm «, sagte er, als sie fertig waren. » Das macht nichts «, zerstreute Kate seine Bedenken. » Keiner wird dich für etwas Geringeres als einen Prinzen halten. « Er lächelte und sagte: » Da eine Prinzessin es sagt, ist es sicher wahr. « » Ich werde dir immer die Wahrheit sagen, mein Gatte! « Geschwind küßte sie ihn auf die Wange. Er drückte seine Lippen auf ihre Stirn und schwor ihr flüsternd ewige Liebe. Alejandro wandte sich ab, damit sie seinen Kummer nicht sahen. Karle verließ das Langhaus und bestieg das Pferd, das für ihn gebracht worden war, ein großer, kräftiger schwarzer Hengst mit lebhaftem Gang und feurigen Augen. Auch das Tier hatte man geschmückt: Rote und blaue Stoffstreifen waren in seine Mähne geflochten; Rücken und Flanken bedeckte eine cremefarbene Decke mit Bogenkanten, bestickt mit einer goldenen Lilie in einer tiefblauen Raute. Karle wirkte nicht wie der roi des Jacques, sondern eher wie ein Prinz, und bei seinem Erscheinen jubelten seine Leutnants: » Vive Karle! Vivent les Jacques! « Zu Pferde sitzend, hielt Karle eine leidenschaftliche Rede an jene, die er zu seinen Unterführern ernannt hatte. Sie war weit entfernt von jenen Aufrufen an Straßenecken, mit denen er früher in Dörfern und Marktflecken aufgetreten war. Doch sie hatten den Grundstein für das Werk gelegt, das jetzt in Compiègne zu voller Blüte gelangen sollte. » Wir sind eine Schlacht von der Verwirklichung unserer Träume entfernt «, erhob er seine Stimme. » Eine einzige Schlacht. Und die wird morgen stattfinden. Wir werden uns mit den Kräften von Charles von Navarra vereinigen und gegen den Dauphin kämpfen, wir aus unseren Interessen, Navarra aus seinen. Und obwohl wir vorübergehend Verbündete sind, wird unser Bündnis enden, wenn die Schlacht gewonnen ist. Ich werde Navarra unsere Forderungen präsentieren, uns selbst zu regieren. Und wenn er diesen Forderungen nicht entspricht, dann werden wir für sie kämpfen, notfalls bis zum letzten Mann. « Nach diesem Schlußsatz herrschte düsteres Schweigen. Karle schaute seine Leute an und sagte: » Mit Gottes Hilfe wird es dazu nicht kommen. « » Mit Gottes Hilfe «, murmelten alle. Er führte das Pferd dahin, wo Kate neben Alejandro stand, und reichte ihr die Hand. In strahlender Anbetung ergriff sie seine Hand, und Alejandro hob sie hoch, so daß sie im Sattel vor ihrem Gatten landete. Er schlang einen Arm um ihre Taille und ritt hinaus auf die Wiese. Seine Leutnants folgten ihm auf den Fersen. Sie umrundeten das Übungsfeld unter Jubel und Hochrufen der buntgescheckten Armee, die dort versammelt war, winkten und lächelten; alle, die sie sahen, rissen die Arme hoch und schwangen die Fäuste, Schwerter, Knüppel, Speere oder andere primitive Waffen, die gerade zur Hand waren. Danach ritten Karle und Kate zum Langhaus zurück, und Karle gab seine letzten Anweisungen. » Wenn ich heute abend nicht wieder da bin, dann zieht morgen früh in der Formation aus, die wir vereinbart haben. Denn wenn ich nicht heil zurückkomme, werdet ihr wissen, daß wir gegen Navarra kämpfen müssen, nicht gegen den Dauphin. Tut alles, was nötig ist, um ihn aus der Deckung zu locken, und wenn seine Truppen exponiert sind, greift an! « Kate erhielt noch einen Kuß, dann setzte er sie neben Alejandro ab. Er beugte sich nieder und sagte: » Einmal habt Ihr Eure Tochter in meine Obhut gegeben, damit ich sie vor allem Leid bewahre. Ich habe mich der Aufgabe würdig erwiesen. Jetzt bitte ich Euch, Arzt, sorgt dafür, daß meiner Frau nichts zustößt. « Alejandro erwiderte seinen Blick und nickte. Karle wendete sein Pferd und ritt davon. V on seinem Ausguck auf der Mauer des Châteaux aus beobachtete Charles von Navarra, wie die winzige Staubwolke auf der Straße nach Westen allmählich größer wurde. Er hatte recht ungeduldig auf diesen Reiter gewartet, und er brannte vor Neugier auf den Bericht des Mannes. Wenn Guillaume Karle seiner Aufforderung Folge leistete, würde er vor Mittag eintreffen. Navarra schätzte nach dem Stand der Sonne, daß es bald so weit wäre. Er war versucht, ihm einen Stallknecht mit einem frischeren Pferd entgegenzuschicken, entschied sich dann aber dagegen. Alles zu seiner Zeit, sagte er sich. Die Einzelteile setzten sich nach und nach zu einem Ganzen zusammen. Geduld war vonnöten. Wie er das Warten haßte! Was würde sein Spion ihm wohl berichten? Er starrte auf die Staubwolke, als könne sein Wille sie zwingen, sich schneller zu bewegen; aber sie behielt ihr gleichmäßiges Tempo bei, ein Tempo, das am Boden schnell wirkte, aber aus luftiger Höhe, wie der Himmel es sehen mochte, eher de m T empo einer Schnecke glich. Würden die Truppen des Dauphins, wie man munkelte, seinen eigenen an Zahl weit unterlegen sein? Dann hätte er das Bündnis mit Karle nicht nötig. Oder hatten die Anhänger des Dauphins so viele Kräfte gesammelt, daß man sie ernst nehmen mußte? Der Reiter würde es wissen. Er brauchte nur zu warten. KAPITEL 30 K ristina erschien am späteren Vormittag und legte Janie die Ergebnisse ihrer Bemühungen vor – eine Schachtel voll kleiner, gut ausgepolsterter Päckchen, jedes an einen der auswärtigen Mitarbeiter adressiert. » Der Extrakt von Alejandro «, sagte sie mit einem triumphierenden Lächeln. » Bereit, in die Schlacht zu ziehen. Genug, um jeden einzelnen der Jungen zu behandeln, von denen wir wissen. Wir werden sie per Flieger verschicken müssen. « » Ich kann gar nicht fassen, daß Sie das so schnell geschafft haben «, meinte Janie ungläubig. » Nachtschicht – habe am Computer geschuftet wie ein Kuli! « » Gute Arbeit «, lobte Janie. Dann fügte sie etwas zögernd hinzu: » Das ging wahrhaftig schnell. Sind Sie ganz sicher, daß Sie es richtig hingekriegt haben? « » Es ist perfekt. Ich versprech ’ s Ihnen. « So viel Überzeugung. » Nun, dann bringen wir das Zeug auf den Weg, bevor … « Eigentlich hatte sie sagen wollen: bevor es zu spät ist. Statt dessen beendete sie den Satz mit: » Bevor alle Speditionen schließen. « Mit ein paar Berührungen des Bildschirms von Toms Telefon rief Janie die Nummern aller Speditionen in der Umgebung auf, die Luftfracht versandten. Dann probierte sie es rasch bei der nächstgelegenen. Doch dort nahm man für den Tag keine Lieferungen mehr an. Janie legte also auf und versuchte es bei der nächsten Spedition. Sie arbeitete sich durch das Alphabet und bekam immer wieder die gleiche Antwort zu hören: » Wir schaffen es zwar an den Bestimmungsort, aber zuerst müssen Sie es zu uns bringen. « Eine Spedition hatte eine Maschine abflugbereit auf der Rollbahn stehen; sie war beladen und sollte in zwei Stunden starten. Das sei der letzt e F lug aus Westmassachusetts zum Verteilungszentrum, weil die Piloten nicht mehr vollzählig zu ihren Schichten erschienen, und andere Gebiete hätten Priorität. Die Pilotin dieses letzten Fluges werde im Mittelwesten bleiben und dort auf neue Aufträge warten, informierte man Janie; sie würde nicht zu ihrem Heimatflughafen zurückkehren, weil der Betrieb dort eingestellt werde. Kristina raste also zum Flughafen, und Janie sandte E-mails an alle Außenmitarbeiter: Erwartet Päckchen, Anweisungen folgen. S ie fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Könnte es sein, daß ich heute morgen vergessen habe, sie zu putzen? fragte Janie sich. Sie ging nach oben ins Badezimmer und nahm die Tube mit Zahnpasta, die halb aufgerollt war. Bevor sie die Paste auf die Bürste drückte, hielt sie die Tube einen Moment in der Hand, und dabei fielen ihr zwei Dinge auf: erstens, daß Tom und sie beide zu den Leuten gehörten, die die Tuben aufrollen und nicht von der Mitte her ausdrücken. Das konnte nur ein Omen sein. Und zweitens, wie sehr sie es haßte, ohne Zahnpasta zu sein. Zahnpasta gehörte zu den banalen Artikeln des täglichen Bedarfs, die bald nur noch schwer oder gar nicht mehr zu bekommen sein würden. Es gab jedoch noch andere. Also fuhr Janie ihren quietschenden Volvo aus Toms Garage und machte sich auf den Weg, um möglichst viele von diesen Dingen zu erwerben, solange noch Ordnung herrschte. Der Heilige Gral würde stets das Benzin sein; an ihrer gewohnten Tankstelle stand bereits eine lange Schlange von Leuten, die sich ängstlich danach drängten, ihre Tanks, Kanister und Mayonnaisengläser zu füllen. Janie dachte einen Moment daran, weiterzufahren, aber sie wußte, an der nächsten Tankstelle würde es genauso sein – überall herrschte jetzt dieselbe Situation. Sie verbrachte eine ganze kostbare Stunde mit Warten und ärgerte sich über jede einzelne Minute; aber die Zeit mußte einfach aufgebracht werden, und als sie endlich an der Reihe war und mit der Hand über den Sensor fuhr, hörte sie erleichtert, wie die Pumpe das flüssige Gold in ihren Tank gurgeln ließ. Während die Zahlen auf der Benzinuhr stetig aufwärts klickten und die Macht, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, in ihren Wagen strömte, erinnerte sie sich sehr deutlich daran, wie schnell es letztes Mal schwer geworden war, über die Runden zu kommen. Monatelang gingen die Leute zu Fuß und trugen Dinge oder schleppten sie hinter sich her, bis Arbeiter, die wußten, wie man Öl aus der Erde gewinnt und zu Benzin raffiniert, aus ihren Höhlen auftauchten und wieder ihrem Job nachgingen. Damals bekam man Benzin, wenn man es bezahlen konnte; sie hatte von Tauschgeschäften mit seltenen Ersatzteilen und Werkzeugen gehört, gelegentlich sogar mit Kaffee. Aber man mußte Beziehungen haben, sonst ging man eben zu Fuß. Sie hamsterte Batterien, Kerzen, Milchpulver, Büchsennahrung, Mineralwasser, Tampons und – ultimative Notwendigkeit – Toilettenpapier. Glücklicherweise fand sie in einem Eisenwarenladen hinter einem verstaubten Ständer ein Schweizer Armeemesser. Jemand hatte es vor langer Zeit dorthin fallen lassen, und Janie war sicher, es hatte nur auf sie gewartet. Alle anderen Messer waren längst ausverkauft. Wie lange würde es dauern, bis die Regale wieder einmal vor Leere gähnten – wann würden die Verkäufer verschwinden und die Supermärkte allein ihrer Elektronik überlassen wie gespenstische Selbstbedienungsläden? Wann würde zuletzt auch die Elektronik zusammenbrechen und das Plündern beginnen? Automaten mit Schutzmasken und Schutzhandschuhen waren aus dem Boden geschossen wie Pilze nach dem Regen. Man sah sie an Straßenecken wie Propheten des Untergangs und der Zerstörung, große grüne Mahnmale für das bevorstehende Chaos. Die Leute eilten daran vorbei, um sie nicht mehr sehen zu müssen; denn wenn man stehenblieb und diese Dinge erwarb, akzeptierte man das Undenkbare und schickte sich in das Unvermeidliche. Janie hielt an und betrachtete sie voller Trauer, aber sie kaufte nichts. Ihre letzte Station war ein kleiner Lebensmittelmarkt, der für die gute Qualität seiner Waren bekannt war, um ihre Credits gegen die duftenden, gerösteten Früchte des Kaffeebaums einzutauschen. Ein Jutesack mit getrockneten Bohnen stand offen auf der Theke, noch halb voll und unglaublich einladend. Janie wußte mit absoluter Sicherheit, daß er binnen einer Stunde leer sein würde. Sie warf dem noch keine Maske tragenden Besitzer einen bittenden Blick zu. Er nickte feierlich, und Janie fuhr mit einer Hand in den Sack , ließ die verbliebenen Bohnen genüßlich durch ihre Finger rinnen. Widerstrebend zog sie die Hand zurück, als ein anderer Kunde dasselbe tun wollte, und wandte sich den Regalen mit Obst zu. Normalerweise quollen sie über von bunten, saftigen Köstlichkeiten, doch jetzt waren sie erbärmlich nackt. Janie nahm die einsame verbliebene Zitrone und drückte sie so lange und fest in ihrer Hand, daß ihre Finger sich an ihre Kühle erinnern würden. Sie hielt die Zitrone an ihr Gesicht und preßte sie in die Höhlung unter ihrem Wangenknochen. Sie schloß für einen Moment die Augen und prägte sich ihre Form ein. Dann führte sie die gelbe Frucht an den Mund und fuhr mit den Zähnen über die Schale, um das Aroma freizusetzen. Es war bitter, aber auch unendlich süß, und sie würde es mehr vermissen, als es je Worte dafür gab. S ie gönnte sich ein paar kurze Augenblicke, um wieder zu Atem zu kommen, als sie zurückkehrte. Dann ging sie in Toms Gästezimmer hinauf und rief Bruce zu Hause an. Er freute sich, von ihr zu hören; aber sie wußte, wenn ihr Gespräch länger dauerte, würde diese Freude nicht anhalten. » Hier geht es allmählich drunter und drüber «, berichtete sie seinem Konterfei auf dem Bildschirm von V. M. » Ich weiß nicht, was wir tun sollten, ob wir … « » He, Moment mal «, unterbrach er sie. » Das gefällt mir immer weniger. Ich weiß nicht, ob ich richtig verstehe – wovon redest du, was ihr tun solltet? « » Mr Sam «, sagte sie überrascht. » Er kommt zurück. « Es folgte ein kurzes Schweigen. Dann tat Bruce entschieden kund: » Hier nicht. « Janie nahm das in sich auf, ehe sie antwortete. Es schien unmöglich, daß er nichts davon gehört hatte. » Bist du sicher? « » Keiner sagt etwas drüber. « » Keine Nachrichtenbulletins, keine verschärften Sicherheitsvorkehrungen? « » Nichts. « Janie war verwirrt. Das fand sie sehr merkwürdig. » Vielleicht ist er in England nicht aufgetreten, und es gibt ihn nur hier. « » Also, falls er auch in England ist, halten sie es geheim. Sie haben keinen Ton verlauten lassen. « Beide schwiegen; Janie wußte, Bruce beobachtete ihr Gesicht auf seinem Bildschirm genauso aufmerksam wie sie seines auf ihrer Seite des Ozeans. Während sie wartete, daß einer von ihnen das Wort ergriff, konnte sie fast hören, wie ihr Herz schneller schlug. » Und was bedeutet das für uns? « brachte Bruce schließlich heraus. Es kostete sie unendliche Anstrengung, mit ruhiger, fester Stimme zu sprechen. » Daß allmählich der Moment kommt, wo wir schnell handeln müssen, falls wir das wollen. Wenn sich diese neue Welle von MR Sam wirklich ausbreitet, werden wir überhaupt nicht mehr reisen können. « » Janie, was meinst du mit › falls wir wollen ‹? Wieso auf einmal › falls ‹? Ich dachte, es ginge nur um › wenn ‹. Gibt es da etwas, was du mir verheimlichst? « Sie schwieg einen Moment. Er war der erste Mann, den sie seit dem Tod ihres Gatten geliebt hatte. In ihrer kurzen gemeinsamen Zeit waren sie durch die Hölle und wieder zurückgegangen, und für den größten Teil dieser Reise hatten sie nichts gehabt als ihr gegenseitiges Vertrauen. Sehen würden sie sich für den Rest ihres Lebens. Aber sie durfte es nicht länger für sich behalten. » Oh Bruce, ich … ich … « D er altmodische Sender von V. M. funktionierte einfach fabelhaft, auf einer Frequenz, um die sich keiner mehr kümmerte, und das Gespräch zwischen Janie und Bruce kam kristallklar herein; doch während es seinen Lauf nahm, tat es den Zuhörern leid, es mitzubekommen. Kristina seufzte: » Ich glaube, ich werde gleich weinen. « Der Mann an ihrer Seite nickte. » Tom wird das hören wollen, wenn er später kommt. « » Vielleicht sollten wir es vorher redigieren. Alles will er bestimmt nicht hören. « » Vielleicht … aber das Wesentliche wird ihm gefallen. « » Ich bin nicht sicher, daß sie Bruce überzeugt hat «, warf Kristina ein. » Er schien ziemlich entschlossen. « » Wir könnten ihm Knüppel zwischen die Beine werfen und es ihm gänzlich unmöglich machen, herzukommen. Frenchie könnte irgend etwas Negatives über ihn loslassen. « » Nein – das ist zu extrem. Wir wollen ihn ja nicht für den Rest seines Lebens unglücklich machen – er soll nur bleiben, wo er ist. « Der Mann dachte einen Moment nach und sagte dann: » Vermutlich hast du recht. Und wenn wir etwas unternehmen würden, würde Tom uns vorwerfen, wir hätten in den natürlichen Ablauf der Dinge eingegriffen. « » Aber das tun wir doch «, hielt Kristina ihm vor. » Darum geht es schließlich. « » Nein. Wir stellen die natürliche Ordnung wieder her. « » Trotzdem ist es ein Eingriff. « » Na ja, wie bei allem anderen – es gibt immer zwei Seiten. Gutes, produktives Eingreifen oder schlechte, kontraproduktive Einmischung. « » Okay «, gab Kristina sich geschlagen. » Ich schätze, dann tun wir gar nichts. Sollen die Dinge einfach ihren Lauf nehmen! « » Das tun sie immer, ob uns das paßt oder nicht «, bemerkte ihr Sozius. N ach ihrem Anruf bei Bruce kam Janie die Treppe herunter mit dem Gefühl, ein zweischneidiges Schwert hänge über ihrem Kopf und würde Verheerungen anrichten, was immer sie auch anfinge. Doch als sie die Küche betrat, war der Tisch gedeckt, der Wein eingeschenkt; Tom stand am Herd und rührte in einem Topf, aus dem es köstlich duftete. Im Schatten von Unheil und Zerstörung hatte er das Abendessen zubereitet. Das Schwert schmolz dahin. Sie bewunderte die Szene einen Moment und sagte dann: » Mein Herr, du würdest eine fabelhafte Ehefrau abgeben! « » Dafür gibt es einen plausiblen Grund. Ich bin lange meine eigene Ehefrau gewesen. « » Sieht so aus, als hättest du eine Menge gelernt. « Er füllte das verlockende Gericht aus dem Kochtopf in eine Servierschüssel und trug sie zum Tisch. » Ich lebe, um zu lernen «, sagte er, während er die Schüssel abstellte. » Das gehört zu den Dingen, die ich an dir immer geschätzt habe. « Das schnelle und schweigende Einvernehmen zwischen ihnen äußerte sich in beiderseitigem Lächeln. » Mach es dir bequem «, forderte er sie auf. » Du siehst ein bißchen gestreßt aus. « Sie setzte sich an den Tisch. » Das bin ich! « Tom nahm ihr gegenüber Platz. » Ich auch. « » Dann steht es dir besser als mir. « » Bei mir sind die Gefühle nicht so sichtbar «, erläuterte er. » Was nicht unbedingt gesund ist. « » Dann zeig sie doch. Ich möchte auch wissen, was dich bedrückt. Die ganze Zeit hörst du dir meine Sorgen an. « » Weiß du, daß das gefährlich nach Verpflichtung klingt? « Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber anders. » Verzeihung «, er grinste. » Ich kann nun mal keine Ruhe geben. « Dann schwand das Grinsen. » Du sollst hören, was mich bedrückt. Ich habe heute ein bißchen herumgeschnüffelt und mir eine Menge alter Konzernakten angesehen. Und ich habe etwas gefunden, das etwas Licht auf die Sache wirft, an der du mit Kristina arbeitest. « Das hatte sie nicht erwartet. Sie war auf Berichte über die neue Pest gefaßt gewesen. Nun setzte sie sich auf und starrte ihn an. » Was denn? « Er griff in seine Hemdtasche und nahm ein Dokument heraus, das aus zwei zusammengefalteten Blättern bestand. Über die Schüssel hinweg reichte er es ihr. » Ich glaube, es hat als vernünftiges genetisches Projekt begonnen. Aber anscheinend ist es irgendwann entgleist. « » Eine Menge Projekte laufen anders, als wir denken «, lautete ihr Kommentar, während sie die Blätter nahm. » Dieses ist ein ziemlich extremes Beispiel dafür. « Während sie den Text las, vertieften sich die Falten auf ihrer Stirn. Schließlich blickte sie auf, und ihr Gesicht drückte Unglauben aus. » Das kann nicht dein Ernst sein. « » Doch. Es steht alles da. « » Großer Gott «, stotterte sie. Dann sah sie ihn mit äußerster Bestürzung an. » Es paßt alles, nicht wahr? Die Trümmerbrüche, die Blockierung der Kalziumaufnahme … kein Wunder, daß wir den Patentinhaber nicht finden konnten. « » Ihr werdet ihn möglicherweise auch jetzt nicht finden. « » Aber mit diesen … « » Janie, vielleicht ist dazu keine Zeit. Zumindest vorläufig nicht. Was du heute erledigt hast – das war ein guter Start der Vorbereitungen, aber nur ein Kratzer an der Oberfläche – wie du weißt. Wir müssen die Vorbereitungen vervollkommnen. « Janie sagte mit angstvollem Blick: » Allmächtiger, Tom, wie können wir uns auf etwas vorbereiten, das alles auffrißt, was seinen Weg kreuzt? « » Indem wir eine Möglichkeit finden, ihm aus dem Weg zu gehen. « Er schaute auf die Wanduhr und rückte dann seinen Stuhl vom Tisch. » Hast du Lust zu einer Spazierfahrt? « D ie Tatsache, daß das Treffen in einem der schmutzigsten, verqualmtesten Pubs stattfand, die es in London noch gab, gefiel Bruce nicht sonderlich. Aber nicht er hatte den Treffpunkt gewählt, sondern sein Verbindungsmann. » Nur Bargeld «, hatte dieser gesagt. Auf der ganzen Fahrt war Bruce nervös gewesen, weil er eine so große Summe in Banknoten bei sich trug. Er hatte sich daran gewöhnt, mit einer Plastikkarte zu zahlen. Bargeld war eine Last, denn man mußte es tragen – es enthielt Keime, es konnte gestohlen werden. Seine » Verabredung « kam um einiges zu spät. Schon wollte er aufstehen und gehen, da klopfte ihm von hinten jemand auf die Schulter. » Dr. Ransom? « » Ja «, sagte er und drehte sich um. Er hatte sich irgendeinen unangenehmen Typ in ungepflegter Kleidung vorgestellt, jemanden, der nach Alkohol und Illegalität roch. Jemanden, der weit mehr nach Randgruppe aussah als die Person, die ihn begrüßte. Und weit männlicher. » Sie sind Merrill Jenkins? « Die zierliche, attraktive Lady überwältigte ihn mit ihrem Lächeln. » Du liebe Zeit, nein. Ich bin seine Assistentin und geschickt worden, Sie zu holen. Mr. Jenkins wartet draußen im Auto. Würden Sie mir bitte folgen? « Bruce nahm seine Jacke und seinen Schirm und folgte – auf den ersten Blick entflammt – der jungen Dame aus dem Lokal, neidisch beobachtet von den übrigen Gästen, die sich zunächst falsche Vorstellungen machten. Sie nahmen an, Bruce würde die junge Frau für gewisse Aufmerksamkeiten bezahlen. Sie ahnten nicht, daß er statt dessen eine enorme Summe für ihren Arbeitgeber bei sich trug, un d z war sehr viel mehr, als das Vergnügen ihrer Gesellschaft gekostet hätte, damit er eventuell seine Visaprobleme verschwinden ließe … N ur, was du für die Nacht brauchst, hatte er gesagt und gemeint, den Rest könnten sie morgen holen. Sie warf ein paar Dinge in einen Rucksack, den er ihr ausgehändigt hatte. Kleider zum Wechseln, einen Pullover, ein Nachthemd, ein paar Toilettensachen … Ihre Schuhe … das letzte verbleibende Paar aus einer einst stolzen Sammlung. Vorhin hatte sie sie ausgezogen und unter das Bett im Gästezimmer gestellt, kurz vor dem Gespräch mit Bruce. Sie sah sie nicht sofort, und deswegen ließ sie sich auf alle viere nieder und schaute unter den Rand der Tagesdecke. Da waren sie. Sie streckte die Hand aus und zog sie heraus, und während sie sie über die Holzdielen zog, hörte sie ein Knistern. An den Sohlen klebte das Einwickelpapier von einem Pfefferminzbonbon. Sie hielt es in der Hand, starrte es ein paar Sekunden an und flüsterte dann: » O mein Gott … « A ls sie am frühen Abend aus der Stadt fuhren, begegneten sie einem Krankenwagen. Sie tauschten einen nervösen Blick, als das rote Blinklicht auf dem Kamm eines Hügels sichtbar wurde. Was machte dieses Bonbonpapier unter dem Bett im Gästezimmer? Sie durchsuchte ihr Gedächtnis nach einem Anlaß, bei dem Kristina in diesem Zimmer gewesen sein könnte. Kein einziger fiel ihr ein – sie hatte immer in Toms Arbeitszimmer gesessen. Janie fühlte sich verwirrt, verraten und sehr müde. Der Krankenwagen fuhr vorbei, und die Lichter verschwanden hinter ihnen. » Diese Dinger machen mich auf einmal nervös «, sagte sie. Irgendwie müssen sie eine Art Beziehung haben, von der ich nichts weiß, etwas hinter meinem Rücken; kein Wunder, daß sie so schnell so gut miteinander auskamen. » Zu Recht. Wir sollten alle nervös sein. Wegen einer Menge Dinge. « Als sie ein paar Minuten später einem zweiten Krankenwagen begegneten, flüsterte sie: » Das ist kein Test. « » Nein. Aber wir werden alle getestet. « Er wollte ihr nicht sagen, wohin er fuhr. » Ich möchte, daß es eine Überraschung ist! « Janie fragte sich, wie sie noch überraschter sein könnte, als sie bereits war. » Vertrau mir einfach «, bat er. Ob, das würde ich ja so gern … aber … Sie hob die kleine Tasche auf, die zu ihren Füßen stand, und nahm sie auf den Schoß. Schützend drückte sie sie an sich und sagte: » Weißt du, das ist so ziemlich alles, was ich auf der Welt noch habe. Dazu ein paar Kleider in deinem Haus und die Sachen, die ich in deinen Safe gelegt habe – aber damit hat es sich dann auch. « Nach einer Pause sagte Tom: » Vermißt du viel? « Das kam ihr wie eine dumme Frage vor. » Ich vermisse die Vertrautheit der Dinge. « » Eine Zeitlang wird uns allen das jetzt so gehen. Bis diese Wolke vorbeigezogen ist. « » … hört sich an, als wärst du sicher, daß sie wieder verschwindet. « » Alles geht vorbei. Die Frage ist nur, wann. « Bitte, oh, bitte, laß dieses Mißtrauen vergehen, und das schnell. Sie lehnte sich an die Kopfstütze und schloß die Augen, während der Wagen durch die zunehmende Dunkelheit fuhr. » Eines wird mir wirklich fehlen «, begann sie nach einer Minute. » Was denn? « » Mein Garten. Ich habe viele Jahre gebraucht, bis er mir richtig gehörte. Nächstes Frühjahr werde ich ihn vermissen – wenn ich mein Haus dort nicht wieder aufbaue. « » Was wahrscheinlich nicht geschehen wird. « Sie sah ihn neugierig an. » Wieso glaubst du das? « » Weil ich keine Möglichkeit sehe, zumindest nicht nächstes Frühjahr. Wenn MR Sam auch nur mit der halben Kraft zurü ckk ommt wie letztes Mal, dann wird der Wiederaufbau deines Hauses deine letzte Sorge sein. « » Du machst mir angst, Tom. « » Mit Absicht. « Janie schwieg einen Augenblick und sagte dann: » Ich würde mich besser fühlen, wenn du mir verraten würdest, wo wir hinfahren. « » Wir sind fast da «, gab er Bescheid. Er wies nach vorn auf ein Straßenschild, das aus der Dunkelheit auftauchte. Die Scheinwerfer strahlten es an und ließen es glänzen. Es trug die Aufschrift: BURNING Road, 5 MEILEN . S chockiert und verblüfft star rte Janie die versammelten Menschen an, die sie begrüßten – einige vertraut, zumindest vom Sehen, andere unbekannt. Als sie ihre Stimme wiederfand, flüsterte sie: » Ich kapier das nicht. Bin ich gerade in eine Science-fiction-Story eingetreten? « John Sandhaus sah sich mit breitem Grinsen im Raum um und blickte dann wieder zu Janie. » Keine Astronauten, keine Räuberbarone. « Er wandte sich an Kristina. » Sehen Sie welche? « » Nein «, murmelte das Mädchen, » aber jetzt bin ich diejenige, die nichts kapiert. « » Können Sie auch nicht «, zeigte Janie sich verständnisvoll. » Sie sind zu jung. Aber irgendwann werden Sie solche Bücher lesen. Nach dem, was sich so abzeichnet, werden Sie vermutlich diesen Winter Zeit dazu haben. « Sie schüttelte ungläubig den Kopf. » Ich bin einfach – fassungslos. « Sie schaute von Gesicht zu Gesicht: John Sand haus, seine Frau Cathy, die Kinder, die sich um sie drängten und an den Beinen ihrer Eltern hingen. Kristina, die jugendlichen Eifer ausstrahlte. Linda Horn – die Schmetterlingsdame – , heiter und königlich, neben ihr ein Exemplar, das Janie für ihren Gemahl hielt. Ein anderer Mann, der sich abseits gehalten hatte, trat jetzt vor und reichte ihr die Hand. » Jason Davis «, stellte er sich vor, » früher Besitzer dieser schönen Einrichtung. « » Früher? « Alle Augen wandten sich Tom zu. » Und auf dem Papier noch immer Eigentümer, soweit es die Außenwelt angeht «, führte Tom aus. Er legte Janie sanft eine Hand auf die Schulter. » Willkommen in Camp Meir. « Janie sah wieder Jason Davis an. » Was hätten Sie getan, wenn ich gesagt hätte, ich wollte diesen Ort einmal besichtigen? « » Ich hätte das arrangiert «, sagte er, » hätte dafür gesorgt, daß es ziemlich rustikal aussähe … « Der Raum, in dem sie sich befanden und der offenbar einmal di e z entrale Versammlungshalle gewesen war, war alles andere als rustikal. Er besaß eine Giebeldecke mit Oberlichtern und lautlosen Ventilatoren an langen Stangen. Sie drehten sich rhythmisch über ihren Köpfen und ließen die Blätter der Pflanzen wie in einer zarten Brise wehen. Doch in der Mitte des Giebels und am oberen Rand der Wände, wo die Dachschräge begann, hingen zusammengerollte und festgebundene Planen, zweifellos irgendeine raffinierte Vorkehrung, die schnell aktiviert werden konnte, um einen Überraschungsbesucher zu täuschen. Überall waren Fenster, unterbrochen von gerade genug Wandfläche, um sie hineinzuschieben, falls nötig. Die Luft war ebenso makellos klimatisiert wie die in Linda Horns Haus in den Wäldern, kühler als ihre Haut und mit dem genau richtigen Grad von Feuchtigkeit. Sie wandte sich an die ehemalige Gesundheitsbeamtin. » Hier fehlen die Schmetterlinge. « » Ich kann sie erst dann herbringe